Tranquillo (21.03.2008, 14:12):
Hallo zusammen,
im letzten Jahr (2007) wäre der deutsche Organist und Cembalist Helmut Walcha 100 Jahre alt geworden - ein Ereignis, das nach meinem Eindruck kaum beachtet und gewürdigt wurde. Woran liegt das - werden Walchas Interpretationen aus der Sicht der Forschungen über historische Aufführungspraxis als überholt oder gar falsch angesehen?
http://www.zentrum-verkuendigung.de/uploads/pics/FotoWalcha.gif Helmut Walcha an der Orgel der Frankfurter Dreikönigskirche
Walcha wurde am 27. Oktober 1907 in Leipzig geboren. Wegen einer Pockenschutzimpfung im Säuglingsalter entwickelte sich bei ihm eine Augenkrankheit, die sich zunächst nur durch starke Kurzsichtigkeit bemerkbar machte. Seine musikalische Begabung wurde erst mit 13 Jahren entdeckt, und nach nur einem Jahr Unterricht (Klavier und Violine) bestand er bereits die Aufnahmeprüfung am Leipziger Konservatorium, wo er mit dem Orgelspiel begann. Von Anfang an faszinierten ihn die Orgelwerke Johann Sebastian Bachs. Wegen seiner eingeschränkten Sehfähigkeit, die sich weiter verschlechterte und noch während des Studiums zur völligen Erblindung führte, konnte er nicht vom Blatt spielen und musste die Stücke komplett auswendig lernen.
Trotz der Erblindung legte Walcha 1927 die grosse Organistenprüfung mit Auszeichnung ab und war danach noch 2 Jahre als Assistent Günter Ramins an der Leipziger Thomaskirche tätig, bevor er 1929 als Organist an die Frankfurter Friedenskirche wechselte. Dort führte er regelmässige Orgelkonzerte ein, die teilweise auch im Rundfunk übertragen wurden, wodurch er einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde. Er unterrichtete auch Orgelspiel am Frankfurter Konservatorium.
Nachdem die Orgel des Konservatoriums nach Vorgaben von Walcha umgebaut worden war, fanden hier ab 1936 regelmässige Konzerte (Bachabende) statt, die grosse Beachtung fanden. 1938 wurde Walcha zum Professor ernannt. 1943/44 wurden sowohl die Friedenskirche als auch das Konservatorium durch Bomben zerstört, und die Konzerte mussten eingestellt werden. Zum Schutz vor den immer häufiger werdenden Bombenangriffen zog sich Walcha aufs Land zurück und nutzte die Zeit, um intensiv Bachs Klavierwerke zu studieren.
Nur wenige Monate nach Kriegsende setzte Walcha die Konzerte mit Werken Bachs in Frankfurt fort - zunächst auf dem Cembalo, da alle Orgeln zerstört waren. 1946 wurde Walcha Organist an der Frankfurter Dreikönigskirche, 1947 wurde er Leiter der Kirchenmusikabteilung der Hochschule für Musik. Im gleichen Jahr begannen an der kleinen Orgel von St. Jacobi in Lübeck die Aufnahmen von Bachs Orgelwerken für die Deutsche Grammophon, die 1950 und 1952 an der Arp-Schnitger-Orgel in Cappel fortgesetzt wurden. Diese Aufnahmen sind auch heute noch erhältlich:
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Ab 1952 studierte Walcha Bachs Kunst der Fuge und spielte dieses Werk zum ersten Mal 1954 vollständig in einem Konzert. 1956 erfolgte ein Aufnahme für die Deutsche Grammophon:
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1957, zu seinem 50. Geburtstag, wurde er von der Stadt Frankfurt mit der Goethe-Plakette ausgezeichnet.
Wegen der Fortschritte in der Aufnahmetechnik (Stereo war mittlerweile verfügbar) wollte die Deutsche Grammophon Bachs Orgelwerke erneut aufnehmen. Die Aufnahmen begannen 1956 in Alkmaar (Arp-Schnitger-Orgel der St. Laurenskerk), wurden dort 1962 fortgesetzt und 1969 sowie 1972 in Strassburg (Andreas-Silbermann-Orgel der Kirche St. Pierre le Jeune) abgeschlossen.
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Parallel dazu, 1956 bis 1962, nahm Walcha für EMI (Electrola) einen grossen Teil von Bachs Cembalowerken auf (Cembalo von Ammer). 1973 und 1974 nahm er Bachs Wohltemperiertes Klavier für die Deutsche Grammophon erneut auf (diesmal auf historischen Cembali von Ruckers bzw. Hembsch).
1967 erhielt Walcha zu seinem 60. Geburtstag das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.
1972 legte Walcha aus gesundheitlichen Gründen seinen Ämter an der Musikhochschule nieder und beendete 1975 seine Konzerttätigkeit im Ausland. Seine letzten Aufnahmen stammen aus dem Jahr 1977 (Orgelmeister vor Bach, Arp-Schnitger-Orgel in Cappel, einige Werke hieraus wurden auf CD wiederveröffentlicht):
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Nach einem Abschiedskonzert zog sich Walcha 1981 völlig aus dem Musikleben zurück. Er starb nach langer Krankheit am 11. August 1991 in Frankfurt.
Walcha war ein engagierter Vertreter der "Orgelbewegung", die sich bereits zwischen den beiden Weltkriegen für eine Rückbesinnung auf die Prinzipien des barocken Orgelbaus einsetzte. Viele Musikinteressierte kamen durch seine zahlreichen Konzerte und seine Schallplattenaufnahmen zum ersten Mal in Kontakt mit der Musik Johann Sebastian Bachs und liessen sich von ihm dafür begeistern.
Viele Grüsse
Andreas