17. Mai 2011, Volksoper Wien: Alexander ZEMLINSKY, König Kandaules

Severina (17.05.2011, 23:18):
Eine der Erfolgsproduktionen der Ära Bachler an der Volksoper war Alexander von Zemlinskys "König Kandaules", und 14 Jahre später wurde sie nun aus dem Fundus wieder ans Bühnenlicht gehievt. Eine in jeder Beziehung lohnende Wiederbelebung, die hoffentlich nicht nur auf diese eine Serie beschränkt bleibt!

"könig Kandaules" ist die schon bei Herodot überlieferte Geschichte des Fischers Gyges, der einen Fisch an den Königshof liefert, in dessen Magen ein Zauberring gefunden wird, der seinen Träger unsichtbar macht. König Kandaules missbraucht diese Magie, um Gyges seine wunderschöne Gemahlin Nyssia heimlich im Schlafgemach zu präsentieren, und dieser wiederum missbraucht die einladende Situation, was für den König letal endet. Denn Nyssia, vom Fischer aufgeklärt, wem sie in Wahrheit die schönste Liebesnacht ihres Lebens verdankt, verlangt den Tod des Gatten und krönt den Mörder zum König.

Hans Neuenfels inszeniert Zemlinskys Oper als raffiniertes und in jeder Sekunde spannendes Psychodrama, das verschiedene Interpretationsansätze erlaubt. Es geht um Männerphantasien und Männerfreundschaft (mit homoerotischen Anklängen), um die Definition von Glück, aber auch um die Metamorphose einer Frau vom bloßen Objekt zum handelnden Subjekt, die am Ende den Spieß umdreht und nun den Mann zu einer Marionette degradiert.
Das Bühnenbild beschränkt sich auf einige rote Pfeiler links und rechts, die mit Querbalken verbunden sind, ein roter Vorhang trennt die Vorderbühne von der Hinterbühne ab. Manchmal werden Sessel und Tische hereingetragen, das Schlafgemach im Palast wird durch einen schwarzen Samtvorhang, der sich vom Schnürboden herabsenkt, und einen davor stehenden Divan mit weißem Überwurf angedeutet.

In der ersten Szene, die vor der Hütte des Fischers Gyges spielt, hängt ein riesiger, vergoldeter Fisch in der Mitte der Bühne, was ziemlichen Effekt macht.
Gyges wird sofort als starker Charakter eingeführt, der zwar arm, aber stolz auf sein Gewerbe und seine Unabhängigkeit ist.
Ganz anders Kandaules, der im Vergleich zu diesem virilen Fischer wie ein Softie wirkt, was noch dadurch unterstrichen wird, dass Robert Brubaker dem groß gewachsenen Kay Stiefermann nur bis zur Brust reicht. Ob das jetzt so "gecastet" wurde oder nicht, es verleiht jedemfalls dem Verhältnis der beiden Männer eine zusätzliche optische (und in einigen Szenen witzige)Note.
Dieser König tritt anfangs wie ein gutherziger Naivling auf, der sein "Glück", nämlich den Anblick der schönsten Frau, endlich mit seinen Freunden teilen will, denn was hat man von Besitz, wenn man ihn nicht stolz präsentieren kann und darum beneidet wird? Königin Lyssia ist also endlich bereit, bei einem Gastmahl zu erscheinen und den Schleier zu lüpfen, was für entsprechende Spannung sorgt.
Kandaules "Freunde" sind in Wahrheit natürlich keine, Neuenfels zeichnet die Hofgesellschaft fast lemurenhaft, mit grotesken Perücken, Scherenhänden, überdimensionalen Fingern - eine Ansammlung von Kriechern und Schleimern, die den König nach Strich und Faden ausnützen und nicht sonderlich ernst zu nehmen scheinen. Lyssia wird vorgeführt wie eine Trophäe oder ein besonders wertvolles Schmuckstück, und genau das ist sie auch, denn Kandaules liebt es in erster Linie, sie zu besitzen, liebt ihre Schönheit - ob er sich je mit dem Menschen hinter der Fassade beschäftigt hat, ist zu bezweifeln.
Und Lyssia spürt das ganz genau, fühlt sich nackt und gedemütigt unter den geifernden Blicken der Höflinge, im Stich gelassen vom König, der nicht zu bemerken scheint, wie ihr zu Mute ist.
Aber Frauen sind eben Eigentum der Männer, auch für Gyges, der an den Hof gerufen wird, nachdem in dem von ihm gelieferten Fisch der Ring entdeckt worden ist. Zwei Dinge würden ihm alleine gehören, sein Stolz und seine Frau, und als ihm die hämische Hofgesellschaft lachend enthüllt, dass Trydo, die als Köchin im Palast arbeitet, auch horizontal "beschäftigt" wird, tötet er sie auf der Stelle. (Natürlich ohne dass das irgendwelche Konsequenzen für ihn hat - er hat sich ja nur wie ein "richtiger Mann" verhalten...)
Frauen sind also in erster Linie schmückendes Beiwerk mit sehr wenig Eigenwert - umso mehr Bedeutung kommt einer richtigen Männerfreundschaft zu! Kandaules fühlt sich zu diesem prächtigen Mannsbild Gyges so hingezogen (Die beiden kannten einander schon als Kinder, verloren sich dann aber aus den Augen - kein Wunder bei der gesellschaftlichen Fallhöhe!) , dass er ihn am Hof behalten will und mit Geschenken überhäuft. Er will alles mit ihm teilen, auch seine Frau, und fast scheint es, dass er Lyssia als Einsatz betrachtet, um Gyges umso fester an sich zu binden. (Fester, als diesem möglicherweise lieb ist - oder erwidert er Kandaules Gefühle? Das bleibt in der Schwebe.)

Wie löst man nun die Szene mit dem unsichtbar machenden Ring? Neuenfels macht es einfach, aber äußerst wirkungsvoll: Immer wenn Gyges den Ring an den Finger steckt, stülpt ihm Kandaules oder Zemlinsky einen Metallreifen über, den er in Hüfthöhe fest hält und sich also quasi in einer Art magischem Kreis bewegt.
Zemlinsky??? Den habe ich bisher unterschlagen, weil ich mir über die Bedeutung dieser von Neuenfels eingeführten Figur noch nicht ganz im Klaren bin. Von Anfang an begleitet, beobachtet, manchmal auch lenkt eine deutlich als Alexander Zemlinsky gedachte Person die Handlung, wobei natürlich auch ein autobiografische Kontext (Alma!!) hergestellt wird. Wahrscheinlich hätte er sich auch einen Gyges-Ring gewünscht, um bei der ihm das Letzte verweigernden Geliebten endlich zum Zug zu kommen....
Wie gesagt, da es sich um eine stumme Figur handelt, konzentriert man sich nicht so auf sie, wie es nötig wäre, um sie erschöpfend interpretieren zu können. Aber es gibt einige wirklich starke Einfälle, so wenn Zemlinsky den verzweifelten König, der eben erfahren hat, dass er als Liebhaber bei Lyssia nur zweite Wahl ist, zu einem Klavier bugsiert und ihn dann zwingt, seine Seelenqual in Noten zu gießen.

Ganz stark inszeniert ist auch Lyssias Emanzipation, nachdem sie durch Gyges erfahren hat, welch schändliches Spiel mit ihr getrieben wurde. Wie da plötzlich die Furie in ihr erwacht, aus der eben noch zärtlich liebenden, ob der merkwürdigen Reaktion ihres Mannes (Wer wird schon gerne als toller Liebhaber gepriesen, wenn er's gar nicht war!!) aber verunsicherten Frau eine eiskalte Rächerin wird, die nach erfolgtem Mord Gyges zwar zum König krönt, ihn aber gleichzeitig zu einem ebensolchen Spielzeug degradiert, wie sie es bisher für die Männer gewesen ist, das ist wirklich mitreißend.

Auch musikalisch habe ich an der Volksoper schon lange keine Vorstellung gesehen, die mich so zufrieden gestellt hätte wie dieser "König Kandaules". Es gab keine Schwachstelle im Ensemble, dafür aber drei herausragende Singschauspieler:

Meagan Miller, in goldenem, weich fließendem Kleid und mit eng anliegender, ihre Haare völlig verdeckenden goldenen Kappe, ist schon optisch eine wunderschöne Lyssia, aber auch ihr hell strahlender Sopran, der besonders am Schluss zu spektakulären Ausbrüchen fähig ist, nimmt für sie ein. Am Anfang irritierte mich ihr Vibrato ein wenig, aber sie fand bald zu einer ruhigeren Gesangslinie. Außerdem gestaltet sie die verschiedenen seelischen Zustände der Königin absolut überzeugend.

Robert Brubaker lieh dem Kandaules seine Stimme und tat das mit vollem Einsatz, denn etliche sehr expressive Stellen verlangen dem Tenor einiges ab. Trotzdem klang es nie unschön oder forciert, wenn ich auch das Timbre von Brubaker jetzt nicht als besonders herausragend bezeichnen würde. Auch er stellte einen in jeder Szene absolut glaubhaften Charakter auf die Bühne und bot eine ausgezeichnete schauspielerische Leistung.

Die Krone des Abends würde ich aber Kay Stiefermann für seine Interpretation des Gyges überreichen. Bei ihm passte einfach alles, sein sonorer, eindrucksvoll eingesetzter Bariton, das gewinnende Äußere, vor allem aber sein nuancenreiches Spiel, mit dem er auch auf jeder Theaterbühne bestehen könnte. Als "unsichtbarer" und daher auch stummer Gyges muss Stiefermann beinahe einen ganzen Akt lang Bühnenpräsenz beweisen, ohne sich dabei auf seine Stimme stützen zu können, und das gelingt ihm äußerst eindrucksvoll. Alleine sein Mienenspiel zu beobachten, ist ein Erlebnis.

Auch die Schar der Höflinge fügte sich hervorragend in das Regiekonzept ein. Ich möchte hier allen ein Pauschallob aussprechen, ohne einzelne Leistungen hervorzuheben.

Albert Eschwé am Pult holte aus dem Orchester der Volksoper das Maximum heraus, wobei ich gestehen muss, bei diesem Werk über keine Vergleichsmöglichkeiten zu verfügen. (Die PR liegt 14 Jahre zurück.....)

Mein Fazit: Dieser "König Kandaules" ist die beste Werbung für die von mir in den letzten Jahren eher vernachlässigten Volksoper, die ich in Zukunft wieder genauer im Auge behalten will! (Besonders, wenn sich die WSO weiterhin auf Talfahrt befindet....)

lg Severina :hello
Heike (20.05.2011, 08:40):
Liebe Sevi,
ich freue mich auch immer, wenn solche Werke ausgegraben und aufgeführt werden. Leider passiert das auch in Berlin viel zu selten!
Danke für den Bericht.
Heike