Ich will mal anfangen, mich mit der klassischen Moderne zu beschäftigen und mir dazu eine Aufnahme von "Lulu" zulegen. Meine Frage: Sollte ich da die komplettierte, dreiaktige Fassung oder lieber das Berg'sche Original (zwei Akte) nehmen?
uhlmann (25.07.2008, 11:15): hallo,
wenn du die klassische moderne kennen lernen möchtest, würde ich zu dieser box greifen:
schönberg: gurrelieder, moses und aron berg: wozzeck, violinkonzert webern: diverses
da ist zwar die lulu nicht drauf (die ist imo eh nicht so wichtig), dafür aber gleich mehrere standardwerke der 2. wiener schule in superben einspielungen.
wenns unbedingt die lulu sein soll, würde ich wohl zu boulez greifen (dg originals). günstig ist die aufnahme unter jeffrey tate (emi, 12 bucks). cerhas vollendung des dritten akts ist in ordnung, kannst also ruhig die 3-aktige fassung nehmen.
btw: es gibt einen "hilfe bei neuanschaffungen"-thread, dort gehört das wohl hin.
satie (25.07.2008, 12:20): Vielleicht können wir trotzdem diesen Thread nutzen, um mal über Bergs großartige Oper zu reden? Vielleicht ändere ich ggf. den Titel des Themas entsprechend. Ok, Basstibariton?
Was die Frage nach den Versionen betrifft: am besten von jeder Fassung eine, und so beide auf sich wirken lassen. Und: unbedingt auch den Wozzeck hören. Beides sind Meisterwerke.
Zelenka (25.07.2008, 12:25): Original von Satie Vielleicht können wir trotzdem diesen Thread nutzen, um mal über Bergs großartige Oper zu reden? Vielleicht ändere ich ggf. den Titel des Themas entsprechend. Ok, Basstibariton?
Über "Lulu" sollte sicher geredet werden, zumal Dr. Schön hier Mitglied ist.
Gruß, Zelenka
Dr. Schön (25.07.2008, 14:05): Hallo Bassbariton,
im Prinzip würde ich Satie zustimmen und beide Fassungen hören. (Nimm doch zunächst die Komplette und breche einfach ab).
Die Oper selbst finde ich sehr gut, aber ein Meisterwerk wie der "Wozzeck" ist sie für mich nicht ganz.
Mein erstes Problem betrifft die Dramaturgie. Im Grunde passiert immer das Selbe. Ein Mann verfällt der Lulu und geht daran zugrunde. Für mich ist die Lulu nie das große ganze, das die wirklich großen Opern für mich sind. "Lulu" ist für mich eher ein szenisches Werk.
Mein zweites Problem besteht darin, das mich die Lulu seltsam kalt lässt. Ich kann die Klangfarben der Musik und viele toll gelungen Szenen und Momente genießen. Ich habe auch eine gewisse Bewunderung für Bergs Komposition. Aber sie lässt mich immer, im Grunde vollkommen, außen vor.
uhlmann (28.07.2008, 09:18): ich stimme inhaltlich dr. schön zu: die lulu ist "interessent", sicher auch "sehr gut", aber ein meisterwerk ist sie imo nicht (deshalb schrieb ich auch weiter oben, dass sie imo zum kennen lernen der klassischen moderne nicht vorrangig ist).
noch was zum dritten akt:
berg hat die komposition des dritten akts eigentlich abgeschlossen, nur die instrumentation ist unvollendet geblieben. allerdings hat berg noch 390 takte (von den gesamten 1326) selber instrumentiert, vom rest hat er ein particell in reinschrift hinterlassen. bergs witwe helene hoffte, dass entweder schönberg oder webern die oper vollenden könnten, aber beide wollten nicht - schönberg wollte seine eigene unvollendete oper moses und aron fertigstellen und webern hatte keinerlei erfahrung mit dem genre oper.
schließlich wurde friedrich cerha, der schon in den sechzigern einblick in das lulu-material bekommen hatte und ein kenner der zweiten wiener schule war, von der universal edition mit der vollendung der instrumentation beauftragt. die uraufführung der 3-aktigen lulu fand 1979 in paris unter pierre boulez statt, der übrigens zur arbeit cerhas meinte: "wüßte ich nicht, wo die nahtstellen sind, würde ich sie kaum finden." boulez aufnahme entstand anläßlich dieser aufführung.
seither wird wohl hauptsächlich diese 3-aktige version gespielt, aber als repertoire-stück hat sich die lulu nie richtig durchgesetzt - wohl auch, weil die ansprüche an die besetzung durchaus recht beachtlich sind.