Sully (18.11.2011, 13:24): Albert Dietrich (1829-1908)
Wikipedia schreibt: Albert (Hermann) Dietrich (* 28. August 1829 im Forsthaus Golk bei Meißen; † 20. November 1908 in Berlin) war ein deutscher Komponist und Dirigent.
Dietrich war zunächst Schüler des Leipziger Konservatoriums und dann in Düsseldorf Schüler von Robert Schumann. Dieser widmete ihm 1853 die Komposition 'Märchenerzählungen' (op. 132). Dietrich gehörte zum engsten Freundeskreis um Clara Schumann, Joseph Joachim und Johannes Brahms und erlebte den geistigen Zusammenbruch Robert Schumanns aus nächster Nähe. In den Jahren 1855 bis 1861 war er Städtischer Musikdirektor in Bonn und von 1861 bis 1890 Hofkapellmeister am Oldenburgischen Staatstheater.
Schumann, Brahms und Dietrich komponierten 1853 zusammen für ihren Freund Joachim eine Violinsonate mit dem Titel „Frei, aber einsam“ (das Lebensmotto des jungen Joseph Joachim). Dies trug dazu bei, dass Dietrichs Name nicht völlig in Vergessenheit geriet. Dietrich war zu Lebzeiten ein anerkannter und häufig aufgeführter Komponist.
Dietrichs Werk geriet ohne ersichtlichen Grund weitgehend in Vergessenheit. 2008 erschienen erstmals seine drei wohl gewichtigsten Werke auf CD: die Symphonie d-moll, Violinkonzert sowie Romanze op. 27 für Horn & Orchester. Das 'Oldenburgisches Staatsorchester' spielte sie ein und würdigte damit auch seinen ehemaligen Kapellmeister Dietrich.
Meine Empfehlung sind 2 CD's
- The Romantic Cello Concerto, Vol. 2 - Mit Dietrichs Cellokonzert (CD schön vorgestellt zu Gernsheim's Cellokonzert)
- Dietrich - Symphony - Violin Concerto - Introduction and Romance
Wie Gernsheim ist auch Dietrich für mich eine Entdeckung - ich höre sie mit Genuss!
Gruss Sully
Maurice inaktiv (16.03.2013, 21:36): Das kann ich nur bestätigen.Tief in der Romantik verwurzelt.Ich habe mir gerade die CPO-bestellt und gestern angehört.Auch hier ist wieder ein Komponist,der nicht wirklich gespielt wird.
Die CD mit den Cellokonzerten ist eine besonders schöne Scheibe,traumhaft gespielt von Alban Gerhardt.
Super,dass es jemand hier diesen Mann auch schätzt wie ich.
Viele Grüße,Maurice
Toni Bernet (30.04.2022, 16:16): Albert Dietrich wirkte lange Zeit vor allem in Oldenburg, wo er Hofkapellmeister und ein oft aufgeführter anerkannter Komponist war und so das musikalische Konzertleben der Stadt prägte. Dort entstand 1874 auch sein Violinkonzert, das wie alle seine Werke aus undurchsichtigen Gründen einfach aus unsern Konzertsälen verschwand.
SATZ 1 (ALLEGRO)
Ähnlich wie Schumanns spätes Violinkonzert (Dietrich kannte wohl das 1853 entstandene Schumannkonzert) beginnt Dietrichs Violinkonzert ebenfalls in orchestralem d-Moll. In den Bässen erhebt sich danach gleich ein bewegt voranschreitendes Thema, das den Auftritt der Geige vorbereitet. Diese übernimmt das rhythmische Kernmotiv und spinnt das Vorgegebene weiter. Dann erscheint das Thema breit im Orchester und entwickelt sich gross, bis die Geige überleitet zu einem aus einer sonoren Tiefe aufsteigenden romantischen Seitenthema, das sich singend ausbreitet, bis die Hörner es ausklingen lassen. In einem neuen Anlauf schwingt sich die Geige zu virtuosen Läufen auf, ohne in virtuosen Selbstzweck zu verfallen, sondern immer symphonisch eingebettet in tiefen Ernst. Die musikalisch-heroische Stimmung dieses Satzes bleibt bis zur Durchführung, erst da lichtet sich die Welt, wird heller in Flöten, Geigen und Pizzicatos; der rhythmische Kern des Hauptthemas wird zur bewegenden Kraft, die Geige schwebt in ihren Läufen über dem Orchester und führt erst nach heftiger Erregung zur Reprise des Hauptthemas über. D-moll-Stimmung wie zu Beginn, und wieder ist es die Geige, die das freundliche melodiöse Seitenthema zur Beruhigung einbringt und zu romantischen Hörnerklängen und in geigerischer Schönheit zur Coda hinführt. Nochmals ein heftiges Orchesteraufbegehren, das dann Platz lässt für die Kadenz der Geige, wobei das Orchester – eine Spezialität dieses Satzes - während der Kadenz der Geige nicht stille hält, sondern die wahnwitzigen Virtuositäten diskret begleitet. Dann aber sagt das Orchester: Schluss jetzt.
SATZ 2 (ADAGIO ESPRESSIVO)
Auf der G-Saite erklingt zu leisem Paukenwirbel eine ausdrucksvolle, weitausholende romantische A-Dur-Melodie, die die Seele weit öffnen will. Diese sehnsuchtsvolle Ruhe wird erst in einem bewegten Mittelteil gestört, ein rhythmisches Motiv treibt an und bringt eine ungeduldige Unruhe. Auch das Orchester mischt sich ein. Erst langsam ermattet diese Erregtheit, besänftigt sich in der Geige, die daraus einen wiegenden Gesang entstehen lässt, grazioso ed espressivo. Die Geige überlässt sich diesem Singen bis zum Verklingen. Dann bringt fast choralartig das Orchester die Eingangsmelodie, die Geige übernimmt, die Bewegung bleibt, das Singen auch, erst am Ende kehrt die Geige zurück zur Ruhe der romantischen Stimmung der Anfangsmelodie. Tiefer Frieden - Weltentrücktheit vielleicht -, die G-Saite der Geige singt sich in aller Ruhe aus.
SATZ 3 (ALLEGRO MOLTO VIVACE)
Aus dieser wohltuenden Stimmung reisst uns nach kurzer Satzpause ein neuer, in Synkopen zum Tanz einladender Rhythmus. Die Geige greift diese Aufforderung zum Tanz sofort auf und gibt das Tempo vor. Virtuose Sechszehntel sausen los, stürzen sich in virtuose Doppelgriffpassagen und in atemberaubende Oktavläufe. Nur kurz folgen gesanglicher geprägte Momente, bevor das tänzerische Thema wieder weitertreibt... und uns mitreisst, bis das Orchester ein jubelndes breites Singen anstimmt. Die Geige begleitet in Läufen und geigerischem Auf und Ab. Wieder und wieder entsteht aus aller geigerischen Spielfreude heraus dieses rondoartige, erneut synkopisch geprägte und schwungvolle, mitreissende Hauptthema. Das Thema wird einem begeistert mitgehenden Hörenden zum Ohrwurm, man taumelt innerlich dem Ende entgegen, nur ab und zu kurz wiegender Ruhe überlassen. Dann geht’s dem abschliessenden Höhepunkt entgegen, die Zeit jubelt, pure Lebenslust.