Zelenka (25.07.2008, 16:21): There is an orgasmic aspect to music, as well as an organic one! A.W.
Alexis Weissenberg
Morgen, am 26. Juli, feiert Alexis Weissenberg, einer der großen Pianisten des letzten Jahrhunderts, seinen 79. Geburtstag, körperlich leider nicht so rüstig, wie es ihm zu wünschen wäre. Er ist das Kind einer christlich-orthodoxen-jüdischen Mischehe. Seine Mutter erteilte ihm als Vierjährigem den ersten Klavierunterricht. Später war der bulgarische Komponist und Pianist Pancho Vladigerov sein Lehrer und Mentor. 1943 wurde die Situation für Juden in Bulgarien so bedrohlich, daß Mutter und Sohn versuchten, über die türkische Grenze nach Istanbul und weiter nach Palestina zu entkommen. Sie wurden vor der Grenze festgenommen und lebten für drei Monate in einem Lager. Nur mit außerordentlichem Glück, ein deutscher Soldat hatte Mitleid, konnten Mutter und Sohn entkommen und schließlich Palestina erreichen. Dort bekam A.W. weiteren Unterricht und trat auch schon sehr bald öffentlich auf, auch als Solist in Klavierkonzerten. Eine Südafrika-Tournee folgte. Ausgestattet mit Empfehlungsschreiben an Schnabel und Horowitz reiste A.W. 1946 nach New York. Von Schnabel bekam er einige Unterrichtsstunden wie auch von Landowska. Schnabel meinte, dass er nichts mehr zu lernen hätte, er müsste sich nur noch entwickeln. Für einige Zeit trat A.W. auch in die Klasse von Olga Samaroff in der Juilliard School ein, Kommilitonen waren William Kapell und Raymond Lewenthal.
Vielleicht von entscheidender Bedeutung war der Rat, den A.W. von Horowitz bekam, nämlich die Empfehlung, an Klavierwettbewerben teilzunehmen. Neben anderen Preisen gewann er in der Folge vor allem den angesehenen Leventritt Award (in der Jury u.a. Serkin, Firkušný, Ormandy und Szell). A.W.'s Aufstieg war kometenhaft. Er wurde von der (über-) mächtigen Künstleragentur Columbia Artists unter Vertrag genommen, der Klavierhersteller Baldwin kümmerte sich um ihn. Allerdings hatte er sehr bald andere und sehr eigene Vorstellungen, welche Konzerte er spielen wollte und auf welchem Instrument. Er legte sich mit seinem Agenten und mit Baldwin an, sein steiler Aufstieg fand ein vorläufiges Ende. Zugesagte Einladungen von Orchestern wurden rückgängig gemacht, Konzertverpflichtungen blieben aus. Das Geld wurde knapp, das Multitalent A.W. mußte sich mit dem Zeichnen von Karikaturen und dem Entwerfen von Postkarten über Wasser halten. Erst 1967 trat er wieder in den U.S.A. auf (als Ersatz für Michelangeli im 3. Rachmaninov-Konzert). 1953 übersiedelte er nach Paris (er ist heute französischer Staatsbürger). Hier beginnt dann auch seine eigentliche Aufnahmetätigkeit für die Schallplatte (zuerst die Liszt-Sonate B-moll und Czernys La Ricordanza), nachdem er in den U.S.A. nur einmal für Columbia im Studio war. Die europäischen Aufnahmen erschienen bei dem kleinen Label Lumen und sind wohl wie die amerikanische Platte bis heute nicht auf CD erschienen.
Ab etwa 1956 schränkte A.W. seine Konzerttätigkeit ganz stark ein, allerdings ohne sie ganz einzustellen, wie zuweilen zu lesen ist (sein Londoner Debut war z.B. 1962). Er gründete u.a. eine Familie und gab Unterricht am Madrider Konservatorium, wo Rafael Orozco sein Schüler war. 1966 wurde A.W. dann von Karajan "entdeckt", der ihn einlud, die Saison 1966/67 der Berliner Philharmoniker mitzueröffnen. Ein zweites Mal kam die Karriere mit Kopnzertverpflichtungen und Plattenverträgen in Schwung, diesmal allerdings dauerhafter als beim ersten Mal. In den letzten Jahren ist A.W. krankheitshalber nicht mehr aufgetreten, hat aber noch Kurse im Schweizer Engelberg gegeben. Er schätzt Jazzmusik, spielt sie nach eigenem Bekunden nicht gut, hat sich aber in eigenen Kompositionen des Idioms bedient. In letzter Zeit haben Simon Mulligan und Marc-André Hamelin Klaviermusik eingespielt. A.W. hat auch ein Musical komponiert.
Eingangs habe ich geschrieben, A.W. gehöre zu den großen Pianisten des letzten Jahrhunderts. Es ist allerdings schwer, ein sicheres Urteil zu fällen. Horowitz soll gesagt haben, daß, wenn ihm jemand nachfolgen könne, es Weissenberg sei. Ob die Hoffnung in Erfüllung gegangen ist, ist debatierbar. Es kommt hinzu, daß viele seiner Aufnahmen praktisch nicht greifbar sind. Dies betrifft vor allem die frühen Einspielungen hauptsächlich bei Lumen. A.W. ist bewundernswerter Weise jemand, der seinen eigenen Weg geht ungeachtet der Kritik, die häufig, besonders in Großbritannien, eher feindlich gesonnen war. Hier schreibt z.B. Tim Page in der New York Times vom 16.1.1983: "If power and technical brilliance were all that a first-rate pianist needed, then Alexis Weissenberg would be numbered among the greats. Mr. Weissenberg can play as rapidly and as loudly as anyone before the public today, but too often his pianism seems harsh and insensitive - technically flawless, but lacking a certain spiritual warmth. " Emotionsloser Perfektionismus ist ein Vorwurf, der A.W. immer wieder gemacht worden ist. (Anderswo hier im Forum hat Siamak übrigens darauf aufmerksam gemacht, daß A.W.'s Technik zumindest in späterer Zeit nicht unfehlbar war.) Das Gramophone hielt die Einspielung von Chopins Nocturnes (EMI) für "frustrierend pervers". Letztere sind jedenfalls nicht emotionslos, vielleicht enthalten sie eher ein Zuviel an roher Emotion, die Vorstellungen von Chopin als harmlosem Salonmusiker weit hinter sich läßt.
A.W.'s Kernrépertoire ist romantisch: Schumann, Chopin, Rachmaninov, daneben etwa Scarlatti, Bach, Haydn, wenig Beethoven abgesehen von den Konzerten unter Karajan, mit denen er selbst nicht zufrieden ist, Stravinsky, wenige Franzosen. Der beste Einstieg in sein Schaffen ist vielleicht die 4 CD-Box "Les Introuvables d'Alexis Weissenberg" (EMI). Sie enthält u.a. das erste Brahms-Konzert unter Muti, das dritte Rachmaninov-Konzert unter Prêtre und das zweihändige Ravel-Konzert unter Ozawa. Unbedingt hörenswert sind auch seine Rachmaninov-Préludes (RCA), die Karajan besonders schätzte, und seine analogen Goldbergvariationen (EMI). Problematisch ist oft, gerade auch im Falle der Soloaufnahmen, der eingefangene Klavierklang, der oft perkussiv und metallen ist. Ich habe Weissenberg leider nie im Konzertsaal gehört, mir scheint sein Ton aber besser in Rundfunkaufnahmen getroffen zu sein, die bei Ermitage/Aura/Fabula Classica erschienen sind. Auch sie sollten unbedingt gehört werden.
Erschienen ist kürzlich bei medici arts eine DVD, auf die Cosima anderswo im Forum bereits hingewiesen hat.
Charles Hopkins, "Consummate virtuoso", International Piano 9/10 und 11/12 (2001)
Jonathan Summers, A-Z of Pianists (Naxos, 2007)
A.W.'s offizielle Website
Wikipedia-Artikel (deutsch)
Dr. Schön (25.07.2008, 16:40): Schöner Beitrag. Vor allem stimmt es, dass es leider sehr wenig von Weissenberg im Handel gibt. Die "les introuvables" ist teilweise sehr interessant und weckt auch den Wunsch nach mehr. Seinen Bach fand ich etwas zu kraftvoll und motorisch.
Ganz toll ist eine Aufnahme des KV. 367 von Mozart unter Giulini, weil sich der Mittelsatz so präzise genau und wunderbar entfalltet.
Mehr kenne ich leider nicht.
Alles Gute!
Zelenka (26.07.2008, 14:21): Original von Dr. Schön Schöner Beitrag. Vor allem stimmt es, dass es leider sehr wenig von Weissenberg im Handel gibt. Die "les introuvables" ist teilweise sehr interessant und weckt auch den Wunsch nach mehr. Seinen Bach fand ich etwas zu kraftvoll und motorisch.
Ganz toll ist eine Aufnahme des KV. 367 von Mozart unter Giulini, weil sich der Mittelsatz so präzise genau und wunderbar entfalltet.
Mehr kenne ich leider nicht.
Alles Gute!
Lieber Dr. Schön:
Danke fürs Kompliment!
Du meinst natürlich Mozarts Klavierkonzert No. 21 KV 467.
Gruß, Zelenka
Zelenka (26.07.2008, 14:25): In meinem Eröffnungsbeitrag von gestern habe ich die Verwandlung von Sigi (< Sigismund, der zweite Vorname) Weissenberg in Alexis W. nach seinem Comeback Mitte der 60er unterschlagen. Davon und von anderem ist in diesem Time-Artikel von 1968 zu lesen.
Gruß, Zelenka
Zelenka (27.07.2008, 08:21): Hier ein noch recht frischer Bericht aus Lugano, wo Martha Argerich im Rahmen ihres Festivals eine Hommage an ihren sehr guten Freund Alexis Weissenberg ausrichtete.
Gruß, Zelenka
Cosima (27.07.2008, 09:08): Lieber Zelenka,
vielen Dank für diesen neuen Thread! - Obgleich Weissenberg nicht zu meinen favorisierten Pianisten gehört, habe ich einige Aufnahmen mit ihm: Diverses von Bach, die Debussy-Aufnahme, von der in Deinem „Isle“-Faden schon die Rede war, 1. Klavierkonzert von Brahms unter Muti, die Brahms-Violinsonaten mit Frau Mutter, etwas Chopin, die von Dir erwähnte „Introuvables“-CD, Rachmaninov (die Préludes finde ich nach wie vor ganz gut, weil eher nüchtern im Stil) etc.
Da ist etwas in seinem Klavierspiel, was mir nicht behagt. Siamak hat an anderer Stelle etwas zu der Weissenberg-Aufnahme des 3. Rachmaninov-Konzertes geschrieben (die Aufnahme unter Prêtre gefällt mir ganz gut):
wie auch immer, technisch-manuell kommt weissenberg an die top of the top eben doch nicht heran. das problem bei ihm ist, dass er seine kraft ausschliesslich aus den oberarmen entwickelte. bei horowitz z.b. kommt es aus den handgelenken und den fingern !!
Ich kann schlecht beurteilen, ob es stimmt, dass Weissenberg „seine kraft ausschliesslich aus den oberarmen entwickelte“, aber es wäre eine Erklärung dafür, dass mir sein Spiel häufig etwas „grobmotorisch“ (freilich auf sehr hohem Niveau!), zu perkussiv (Du sprachst es bereits an) und statisch erscheint. Bei Chopin fällt mir das extrem unangenehm auf, hier fehlen mir die Feinheiten, der Fluss der Musik etc. Ich fürchte, ich würde mich dem Urteil von Tim Page anschließen, der da hauptsächlich „power and technical brilliance“ ausmacht, gleichzeitig „spiritual warmth“ vermisst und Weissenbergs Spiel oft als „harsh and insensitive“ bezeichnet.
Sollte ich eine Lieblings-Aufnahme von Weissenberg nennen, so würde ich diese Bach-CD wählen:
Bach kommt Weissenbergs Art des Klavierspiels m.E. sehr entgegen. Aber das ist nur mein subjektiver Eindruck – andere Hörer mögen dies anders einschätzen.
Gruß, Cosima
P.S.: Bzgl. „grobmotorisch“: Dies meine ich im Sinne von „zu wenig differenziert im Anschlag“. Beispiel: Schumanns „Kinderszenen“, die auf mich - eben durch die fehlende Anschlags-Variabilität - sehr emotionsarm und lieblos heruntergespielt wirken.
Zelenka (27.07.2008, 18:54): Liebe Cosima:
Ganz herzlichen Dank für Deine Weissenberg-Eindrücke! Wie Du habe ich große Probleme mit Weissenbergs Spiel. Meine CD-Bestände ähneln Deinen (mir fehlen die Mutter-Sonaten), einige Aufnahmen sind von hohem und höchstem Rang. Ich denke dabei an Rach3, die Rach-Préludes, die Partiten von Bach (und andere Werke des Meisters), weniger an Chopin oder Debussy und auch nicht an Brahms1. Ganz ausgezeichnet finde ich Weissenbergs Aufnahme der Schumannschen Etudes symphoniques, die sich auf einer meiner beiden Ermitage-CDs befindet, deren wohltuend andere Klangqualität ich schon in meinem Eröffnungsbeitrag herausgestellt habe. (Hier scheint mir auch die Qualität seines Anschlags differenzierter.)
Daß ich Schwierigkeiten mit Weissenberg habe, erscheint mir manchmal peinlich. Zu Beginn seiner Karriere, für die Tondokumente im Moment völlig oder fast völlig zu fehlen scheinen, muß Weissenberg eher noch ungestümer und unorthodoxer gewesen sein, andererseits habe ich Respekt etwa vor Horowitz' Votum oder vor den Voten der Leventritt-Jury, die sicher nicht so leicht zu beeindrucken war. Hinzu kommt offenbar bis auf den heutigen Tag großer Repekt unter den Kollegen. Weissenbergs Spiel war zumindest nicht generell "harsh" und "insensitive". Ein Kritiker der "Times" etwa schrieb nach der Aufführung eines Bach- und eines Mozart-Konzerts: "The outstanding virtue of this young artist was his delicacy; sometimes his light, limpid tone and transparent texture even evoked memories of the kind of sounds Gieseking used to make." (Allerdings habe er zu schnell gespielt.) Aber wenn ich an Weissenbergs Spiel denke, ist es doch immer wieder unter den Aspekten von Kraft, Aggression und brillianter Technik.
Gruß, Zelenka
Rachmaninov (27.07.2008, 19:03): @Zelenka,
schön das Du diesen Thread gestartet hast. Es ist sehr sehr traurig, dass Weissenberg nicht mehr in der gesundheutlichen Situation ist weiterhin aktiv zu sein wie es wünschenswert wäre. Sollte einem immer daran erinner das eigene Leben mit Genuss zu leben.
Zufälligerweise hörte ich ja ein paar Tagen seine Aufnahme mit den Rachmaninov Preludes.
Sind sind speziell, nicht alleine gültig, aber durch eine Dynamik geprägt die schlicht überwältigend ist.
Die Aufnahme gehört IMHO in den gut sortierten Plattenschrank.
Seine Aufnahme des Tchaikovsky Konzerts habe ich lange nicht mehr, die hat mich nicht begeistert.
Leider ist kaum etwas von ihm zu bekommen.
Allerdings habe ich gesehen das z.B. die ". Rachmaninoff Sonate bei www.arkivmusic.com wieder aufgelegt wurde :hello
Cosima (27.07.2008, 19:06): Original von Zelenka Daß ich Schwierigkeiten mit Weissenberg habe, erscheint mir manchmal peinlich.
Man kann nicht alle Künstler gleichermaßen lieben. Und letzten Endes kommt wieder dieses „gewisse Etwas“ ins Spiel. Bei Weissenberg fehlt es mir, was aber nicht heißen soll, dass er nicht ein großartiger Pianist ist! Ich habe auch mit anderen hochrangigen Pianisten „Probleme“ (Serkin fällt mir spontan ein), darüber sollte man sich keine grauen Haare wachsen lassen.
Gruß, Cosima :hello
P.S.: Nein, das war oben falsch formuliert: Weissenberg hat sehr wohl das "gewisse Etwas", es spricht mich nur nicht an.
Zelenka (27.07.2008, 19:15): Original von Cosima Original von Zelenka Daß ich Schwierigkeiten mit Weissenberg habe, erscheint mir manchmal peinlich.
Man kann nicht alle Künstler gleichermaßen lieben. Und letzten Endes kommt wieder dieses „gewisse Etwas“ ins Spiel. Bei Weissenberg fehlt es mir, was aber nicht heißen soll, dass er nicht ein großartiger Pianist ist! Ich habe auch mit anderen hochrangigen Pianisten „Probleme“ (Serkin fällt mir spontan ein), darüber sollte man sich keine grauen Haare wachsen lassen.
Gruß, Cosima :hello
Liebe Cosima:
Danke für die tröstenden Worte! Mit Serkin habe ich in der Tat auch meine Probleme ...
Gruß, Zelenka
Zelenka (27.07.2008, 19:28): Lieber Rachmaninov:
Herzlichen Dank für Deine Anmerkungen! Es ist traurig, daß Weissenberg unter der Parkinsonschen Krankheit leiden muß.
Was die Préludes angeht, sind wir uns sehr einig!
Die DG-Sonaten sind also "on demand" zu bekommen, Danke für den Hinweis! Auch hier haben sich die Tontechniker leider nicht gut aus der Affäre gezogen ...
Gruß, Zelenka
Gamaheh (27.07.2008, 19:37): Original von Cosima Man kann nicht alle Künstler gleichermaßen lieben. Und letzten Endes kommt wieder dieses „gewisse Etwas“ ins Spiel. Bei Weissenberg fehlt es mir, was aber nicht heißen soll, dass er nicht ein großartiger Pianist ist! Ich habe auch mit anderen hochrangigen Pianisten „Probleme“ (Serkin fällt mir spontan ein), darüber sollte man sich keine grauen Haare wachsen lassen. P.S.: Nein, das war oben falsch formuliert: Weissenberg hat sehr wohl das "gewisse Etwas", es spricht mich nur nicht an.
Liebe Cosima,
so sehe ich das auch, und sowas hatte ich auch gerade zu Weissenberg schon irgendwo, wo es um Debussy ging, geschrieben: offenbar ein formidabler Pianist, aber mir gefällt er (hier sicher) nicht.
Ganz deutlich ist mir das geworden, als ich mich einmal in ein Kunstmuseum (mit Bildern) verirrt habe: Ich stand vor einem Bild und dachte: Das ist ein toller Künstler, aber seine Bilder stoßen mich ab!