Alfred Schnittke - Sinfonie Nr. 1

Cetay (inaktiv) (24.11.2007, 15:20):
Mit dieser 1974 uraufgeführten Sinfonie sind die artifiziellen Züchtungen aus den Labors der Neuen Wiener Schule endgültig überwunden und das Zeitalter der Polystilistik ist angebrochen. Wie Schnittke fast sklavisch sämtliche Prinzipien der klassischen Sinfonie umsetzt und sie von innen heraus transformiert ist atemberaubend. In seiner Vielschichtigkeit und Tiefendimension wird man das Werk wohl nie vollständig erfassen können. Aber letztlich ist etwas völlig anderes entscheidend: Es bietet dem Hörer ein emotional packendes und letztlich transformierendes Hörerlebnis, das in seiner Wirkung den "größten" Werken der Musikgeschichte um nichts nachsteht.
Statt einer wissenschaflichen Analyse ein Hörbericht:

~~~~~~

Es beginnt mit Glockengeläut, eine improvisierende Trompete kommt dazu und bald darauf ist ein Tumult im Orchester zugange. Das klingt wie eine Art Einspielen, wobei jeder macht was er will. Nachdem der dieser erste Spuk vorbei ist, geht es richtig los und es klingt zunächst nicht viel durchsichtiger. Man hat das Gefühl, hier wird alles aufgefahren was die Neue Musik zu bieten hat. Webernsches Getupfe, Cluster, Klangflächen, grelle dissonante Bläsereinwürfe aus der Welt von Varese, Bouleszsche Schlagwerkkaskaden, Glissandi und Klangwolken aus dem Xenakis-Kosmos, übersteigert parodistische post-Mahlersche Marschfetzen, tumultartiges Chaos und … Stille. Formale Ordnung und Spannung erreicht Schnitte damit, dass er es schafft, das Chaos gerade noch zu bändigen. Immer wenn die Musik vor der totalen Auflösung steht, wird sie vom Komponisten zur Ordnung gerufen und es findet sich wieder eine ruhige und "musikalische" Passage. Nicht musikalische Charaktere, nicht der Dualismus zwischen den Themen, zwischen Nacht und Licht wie bei den Alten sondern Chaos und Ordnung (musikalische Klänge) in archaischer Form stehen bei Schnittke im Zentrum des Diskurses. Dabei steigert sich die Reibung immer mehr bis zum absoluten Höhenpunkt, der die Symbolik überdeutlich präsentiert: Ein Tumultartiger Orchesterteil schlägt in pures Geräusch um, durchsetzt von Schreien und Pfeifen der Musiker bis ein gewaltiger Gongschlag dass Ganze abrupt beendet. Und aus der Stille steigt plötzlich das Anfangsmotiv des Schlusssatzes von Beethovens 5 auf. Bald darauf verebbt der Satz in einer bewegten Coda. Beeindruckend, wie viel man in einen Symphoniesatz stecken kann und dennoch einen riesigen Spannungsbogen erreicht, der Bruckner um nichts nachsteht.

Der zweite Satz beginnt mit gefälligen Barockklängen, bald mischt sich ein Mahlersches Motiv drunter, dann ergeben sich grelle Collagen in die immer wieder dissonant verfremdete Fetzen von bekannten Motiven (der Walkürenritt darf natürlich nicht fehlen) und Märschen eingestreut werden. Und immer wieder werden ruhigere neutönerisch klingende Passagen als ruhender Kontrast eingefügt. Erstaunlich ist dabei, wie organisch sich das aus dem anfänglichen Barock-Motiv entwickelt und wie homogen das Ganze letztlich klingt. Generalpause. Es schließt sich eine ellenlange Jazz-Improvisation von Geige und Klavier an. Das wirkt zunächst wie ein Fremdköper, stellt ich aber bald als Gegenblock zum ersten Teil heraus. Auf der einen Seite die Klassik, bei der aus der verzerrten Perspektive heraus letztendlich "alles Gleich" klingt, auf der anderen Seite der Jazz, der etwas völlig anderes und eigenständiges darstellt. Vielleicht ein kleiner Fingerzeig darauf, wie viel des musikalischen Kosmos man versäumt, wenn man sich nur auf die abendländische Klassik beschränkt?
Bald mischen sich Streicherflächen unter die Improvisation, wieder wird eine Collage aufgebaut, worauf der Satz wieder zum barocken Anfangsmotiv samt folgender Collage zurückkehrt und schließlich in einem von leise pochenden Marschmotiven unterlegten ruhigen Schlussteil verlöscht.

Dritter Satz. Jetzt wird es ernst: die radikale Änderung der Tonsprache in Richtung "hohe Kunst" im dritten Satz könnte auf Mahlers 4. Sinfonie verweisen. Über Minuten hinweg baut sich quälend langsam und wellenförmig ein Cluster aus reinen Streicherklängen auf und gerade als die Spannung auf dem Höhepunkt angelangt ist, mündet das Ganze in einen strahlend leuchtenden Tutti-Einklang in dessen Crescendo urplötzlich ein gewaltiger Schlag hinein fährt, worauf das Ganze in abgrundtief düsterstes Moll abstürzt. Eine erschütternde Passage, nach welcher der Satz im resignativen Tonfall der späten Spätromantiker zu Ende geführt wird.

Im ersten Abschnitt des letzen Satzes wird zunächst die Klangsprache des Eröffnungssatzes wieder aufgenommen, wobei sich jetzt die polystilistischen Collagen aus dem zweiten Satz in das grelle Geschehen einmischen. Hierbei wird nichts ausgelassen, es sollte wohl die gesamte Musikgeschichte in kürzeste Zeit gepackt werden. Diesmal mündet die Collage in den hellen Tutti-Einklang aus dem dritten Satz, der dann wieder samt dem Donnerschlag ins Düstere umkippt. Innerhalb von ein paar Minuten ist das damit das gesamte vorherige Geschehen zusammengefasst. Der zweite Abschnitt ist eine Art Variationensatz über ein grotesk verzerrtes Dies Irae. Als scharfer Kontrast schließt sich wieder eine Jazzpassage an, die bald vom Schwing in freies Spiel übergeht und diesmal ohne erkennbaren Übergang in die Welt der vehement atonalen Sinfonik à la Krenek führt – auch hier ist wieder der Tuttiklang samt Donnerschlag und Absturz ins Moll das Ziel. Dieses Prinzip wird über den Rest des Satzes in immer neuen Konstellationen und immer dichterer Folge durchgehalten, bis schließlich nur noch dieses hell-dunkle Klangflächen-Gegensatzpaar übrig bleibt. Auf dem Höhepunkt folgt der letzte Absturz zunächst ohne den Donnerschlag. Dieser kommt verzögert, worauf die Musik über Minuten mit dröhnendem Orgelbrausen in der Moll-Klangfläche verharrt (und der Hörer als Gänsehautsäule erstarrt). Das Dunkel hat scheinbar über das Licht gesiegt. Es schließt sich eine überirdische Coda an, die noch mal auf die Techniken und Motive des Vorausgegangen zurückgreift, aber alles Collagen- und Fratzenhafte erscheint hier abgemildert und nahezu himmlisch verklärt. Wieder winkt Mahler herüber. Wenn der Satz schließlich mit eionem Haydn-Zitat im Nichts ermattet ist, packt Schnittke die vorletzte Überraschung aus. Die Einspielpassage vom Anfang wird wiederholt womit alles in gewaltige Anführungszeichen gesetzt wird. Obwohl man eigentlich damit rechnen könnte: Dass auch dieser Tumult hier -im Gegensatz zur Einleitung- in den strahlenden Tutti-Einklang mündet, der das Werk endgültig beschließt, ist die absolute Krönung mit der Schnitte selbst der Doppelbödigkeit noch den Boden entzieht.

~~~~~~

Aufnahme:



Diese Live-Aufnahme weist als Besonderheit Publikumsgelächter am Anfang des zweiten Satzes auf – bei Neuer Musik darf also doch gelacht werden :wink - und im weiteren Verlauf kommt es sogar mitten im Satz (nach der Jazzimprovisation) zu Szenenapplaus. Unerhört, wo es doch sonst so snobistisch verpönt ist, vor dem Ende eines Werkes zu klatschen!
Gut finde ich, dass auch der minutenlange Schlussapplaus (als eigener Track) auf die CD gebannt wurde. Es tut gut zu hören, dass ich mit meiner restlosen Verzückung über die vorangegangene 70-minutige Lärmorgie nicht alleine stehe.

:times10
teleton (25.11.2007, 12:04):
Hallo Dox,

das Du mit Schnittkes Musik etwas anfangen kannst und einen so vorbildlichen Beitrag dazu schreibst ehrt Dich.
Ich hatte in den 80er-Jahren bei jpc ein Angebot wahrgenommen, bei dem alle Schnittke-Sinfonien auf BIS in einem Paket relativ preisgünstig zu haben waren.
Von Schnittke bin ich allerdings enttäuscht und finde wegen der undefinierbaren Atonalität keinen Zugang zu dem "Zeug".
Nicht das ich etwas gegen atonale Musik hätte - im Gegenteil - das ist normalerweise eines mein Interessengebiete in der Musik.
Bei Schnittke fehlt mir genau das, was Du als emotional packend bezeichnest.
Dabei ist die Musik auch noch streckenweise tödlich langweilig.

Ich habe die Sinfonien-BIS-CD´s lange wieder verkauft und mir nichtmal Sicherheitskopien gemacht, wie ich es sonst gewöhnlich noch mache, falls doch mal der Funke überspringt. Ich rechnete bei mir nie damit !

:beer Welch eine andere Welt doch bei den russischen Komponisten, des 20Jhd (siehe auch entsprechenden Thread):
Andrei Eshpai, Rodin Schtschedrin und die Bekannten.......
HenningKolf (25.11.2007, 12:36):
Auch wenn ich jetzt bestimmt virtuelle "Haue" von Satie bekomme, aber Schnitkke ist auch für mich nahezu "unverdauliche Kost". Ich kenne Schnittke über emusic/Bis, habe die Dateien aber gelöscht, weil ich mir nicht vorstellen kann, jemals "Appetit" zu bekommen.


(das Publikumsgelächter könnte natürlich - erleichtert - der irrigen Annahme entsprungen sein, man sei bereits fertig.. :ignore)


ok, Spass beiseite.
Man kann ja der Fadeneröffnung durchaus entnehmen, dass Dox vollkommen begeistert ist. Ich hoffe mal, die flapsige Bemerkung wird nicht übel genommen.

Aber mehr, als dass ich bei Schnittke (ähnlich wie bei Stockhausen übrigens) Allergiegefühle entwickle kann ich zu diesem Faden nicht beitragen...

Gruß
Henning
Rachmaninov (25.11.2007, 12:53):
@Don,

Interessante Threaderöffnung, aber ich muss gestehen, daß ich mich mit Schnittke bisher noch gar nicht beschäftigt habe.

Bisher endet mein musilkalischer Horizont bei Schostakowitsch (abgesehen von ein paar wenigen Ausnahmen). Stravinsky und Schtscherdrin werden folgen. Vielleicht komme ich irgendwann aber noch zu Schnittke, mal sehen ...

Aber immer wieder shcön wie unterschiedlich doch die Auseinandersetzung mit der Musik stattfindet! :hello
ab (27.11.2007, 14:23):
Ich habe zwar alle Sinfonien gehört, aber leider neben der 8. Sinfonie mit Roschdéstwenskij (Chandos) bloß diese Sergerstam-Sinfonie-Nr.1 Interprertation. Ich finde dies auch eine schöne Interpretation, wenn auch die späteren Sinfoniene interessanter. Gerne wünschte ich mir auch bei diesem Komponisten die sich derzeit abzeichneden Preispolitik..
:wink

Schnittke finde ich immer sehr eindrücklich und bin etwas überrascht, dass hier in diesem Forum nicht mehr begeisterte Stimmen ertönen. Insbesondere, weil er einer jener Komponisten war, der sowohl bei Kammermusi kausgezeichnet war, sowie auch bei großer Besetzung überzeugt. Oft - so erscheint es mir zumindest - sind zeitgenössische(re) Komponistinnen entweder für Orchestermusik oder aber Kammermusik gut.

Im Januar 1995 habe ich übrigens der Deutschen Erstaufführung von Schnittkes 7. Sinfonie unter Kurt Masur mit dem Gewandhausorchester beigewohnt. Es war schrecklich, weil dieser Dirgent einfach keine polyphone Struktur hervorzubringen kann. Und dieses ist nun einmal bei Schnittke essentiell. (Wenn ich mich recht entsinne, ist Masur mit der Deutschen Erstaufführung von zumindet drei schnittkeschen Orchesterwerken beauftragt worde.)

(@ Rachmaninov: Als Einstieg empfiehlt sich wohl sein Klavierquintett oder das 4. Streichquartett.)
Pollux (27.11.2007, 20:37):
Hallo Dox,
deine wunderbar plastische Einführung (so gut nachvollziehbare Beschreibungen würde ich gerne mal in Konzertführern lesen) habe ich heute hörenderweise noch einmal nachvollzogen. Ich besitze nämlich die gleiche Aufnahme.

Auf Schnittke bin ich irgendwann mal zufällig beim Surfen im Internet gestoßen, habe einen Artikel über ihn gelesen, und mir kurzerhand ein paar CDs besorgt. Die Stichworte Humor und Polystilistik konnte ein Zappaloge wie ich schlechterdings nicht ignorieren. :)

Schnittkes Musik finde ich seltsam fazinierend, ohne dass ich jetzt schon sagen könnte, dass sie mir "gefällt". Mir geht's damit wie mit vielen anderen Werken der Neuen Musik (die soo neu ja nun auch schon nicht mehr ist) : sie ist richtiges Kopfkino für mich, denn sie löst eine Flut von Bildern und Assoziationen aus. Tatsächlich operiert Schnittke ja mit regelrecht kinoartigen Schnitt- Montage- Zitat- und Überblendungstechniken. Kann natürlich sein, dass ich als musikalischer Laie hier zu viel hineininterpretiere, aber auf mich wirkt das so.

Übrigens, das Irritierendste an dieser Sinfonie sind ja nicht die typischen Neutönerklänge, sondern die ganz und gar vertrauten Beethoven-Akkorde und die konventionellen Melodiefetzen, die im Zusammenhang dieser Sinfonie etwas geradezu Gespenstisches absstrahlen.
nikolaus (27.11.2007, 22:16):
Original von ab
...
Schnittke finde ich immer sehr eindrücklich und bin etwas überrascht, dass hier in diesem Forum nicht mehr begeisterte Stimmen ertönen. Insbesondere, weil er einer jener Komponisten war, der sowohl bei Kammermusi kausgezeichnet war, sowie auch bei großer Besetzung überzeugt. Oft - so erscheint es mir zumindest - sind zeitgenössische(re) Komponistinnen entweder für Orchestermusik oder aber Kammermusik gut.
...
(@ Rachmaninov: Als Einstieg empfiehlt sich wohl sein Klavierquintett oder das 4. Streichquartett.)

Anlass für mich, sein Klavierquintett zu hören:

http://www.jpc.de/image/w300/front/0/7134096.jpg

Ich höre es selten, aber es ist wirklich faszinierend und ergreifend!

Nikolaus.
Cetay (inaktiv) (24.11.2007, 15:20):
Mit dieser 1974 uraufgeführten Sinfonie sind die artifiziellen Züchtungen aus den Labors der Neuen Wiener Schule endgültig überwunden und das Zeitalter der Polystilistik ist angebrochen. Wie Schnittke fast sklavisch sämtliche Prinzipien der klassischen Sinfonie umsetzt und sie von innen heraus transformiert ist atemberaubend. In seiner Vielschichtigkeit und Tiefendimension wird man das Werk wohl nie vollständig erfassen können. Aber letztlich ist etwas völlig anderes entscheidend: Es bietet dem Hörer ein emotional packendes und letztlich transformierendes Hörerlebnis, das in seiner Wirkung den "größten" Werken der Musikgeschichte um nichts nachsteht.
Statt einer wissenschaflichen Analyse ein Hörbericht:

~~~~~~

Es beginnt mit Glockengeläut, eine improvisierende Trompete kommt dazu und bald darauf ist ein Tumult im Orchester zugange. Das klingt wie eine Art Einspielen, wobei jeder macht was er will. Nachdem der dieser erste Spuk vorbei ist, geht es richtig los und es klingt zunächst nicht viel durchsichtiger. Man hat das Gefühl, hier wird alles aufgefahren was die Neue Musik zu bieten hat. Webernsches Getupfe, Cluster, Klangflächen, grelle dissonante Bläsereinwürfe aus der Welt von Varese, Bouleszsche Schlagwerkkaskaden, Glissandi und Klangwolken aus dem Xenakis-Kosmos, übersteigert parodistische post-Mahlersche Marschfetzen, tumultartiges Chaos und … Stille. Formale Ordnung und Spannung erreicht Schnitte damit, dass er es schafft, das Chaos gerade noch zu bändigen. Immer wenn die Musik vor der totalen Auflösung steht, wird sie vom Komponisten zur Ordnung gerufen und es findet sich wieder eine ruhige und "musikalische" Passage. Nicht musikalische Charaktere, nicht der Dualismus zwischen den Themen, zwischen Nacht und Licht wie bei den Alten sondern Chaos und Ordnung (musikalische Klänge) in archaischer Form stehen bei Schnittke im Zentrum des Diskurses. Dabei steigert sich die Reibung immer mehr bis zum absoluten Höhenpunkt, der die Symbolik überdeutlich präsentiert: Ein Tumultartiger Orchesterteil schlägt in pures Geräusch um, durchsetzt von Schreien und Pfeifen der Musiker bis ein gewaltiger Gongschlag dass Ganze abrupt beendet. Und aus der Stille steigt plötzlich das Anfangsmotiv des Schlusssatzes von Beethovens 5 auf. Bald darauf verebbt der Satz in einer bewegten Coda. Beeindruckend, wie viel man in einen Symphoniesatz stecken kann und dennoch einen riesigen Spannungsbogen erreicht, der Bruckner um nichts nachsteht.

Der zweite Satz beginnt mit gefälligen Barockklängen, bald mischt sich ein Mahlersches Motiv drunter, dann ergeben sich grelle Collagen in die immer wieder dissonant verfremdete Fetzen von bekannten Motiven (der Walkürenritt darf natürlich nicht fehlen) und Märschen eingestreut werden. Und immer wieder werden ruhigere neutönerisch klingende Passagen als ruhender Kontrast eingefügt. Erstaunlich ist dabei, wie organisch sich das aus dem anfänglichen Barock-Motiv entwickelt und wie homogen das Ganze letztlich klingt. Generalpause. Es schließt sich eine ellenlange Jazz-Improvisation von Geige und Klavier an. Das wirkt zunächst wie ein Fremdköper, stellt ich aber bald als Gegenblock zum ersten Teil heraus. Auf der einen Seite die Klassik, bei der aus der verzerrten Perspektive heraus letztendlich "alles Gleich" klingt, auf der anderen Seite der Jazz, der etwas völlig anderes und eigenständiges darstellt. Vielleicht ein kleiner Fingerzeig darauf, wie viel des musikalischen Kosmos man versäumt, wenn man sich nur auf die abendländische Klassik beschränkt?
Bald mischen sich Streicherflächen unter die Improvisation, wieder wird eine Collage aufgebaut, worauf der Satz wieder zum barocken Anfangsmotiv samt folgender Collage zurückkehrt und schließlich in einem von leise pochenden Marschmotiven unterlegten ruhigen Schlussteil verlöscht.

Dritter Satz. Jetzt wird es ernst: die radikale Änderung der Tonsprache in Richtung "hohe Kunst" im dritten Satz könnte auf Mahlers 4. Sinfonie verweisen. Über Minuten hinweg baut sich quälend langsam und wellenförmig ein Cluster aus reinen Streicherklängen auf und gerade als die Spannung auf dem Höhepunkt angelangt ist, mündet das Ganze in einen strahlend leuchtenden Tutti-Einklang in dessen Crescendo urplötzlich ein gewaltiger Schlag hinein fährt, worauf das Ganze in abgrundtief düsterstes Moll abstürzt. Eine erschütternde Passage, nach welcher der Satz im resignativen Tonfall der späten Spätromantiker zu Ende geführt wird.

Im ersten Abschnitt des letzen Satzes wird zunächst die Klangsprache des Eröffnungssatzes wieder aufgenommen, wobei sich jetzt die polystilistischen Collagen aus dem zweiten Satz in das grelle Geschehen einmischen. Hierbei wird nichts ausgelassen, es sollte wohl die gesamte Musikgeschichte in kürzeste Zeit gepackt werden. Diesmal mündet die Collage in den hellen Tutti-Einklang aus dem dritten Satz, der dann wieder samt dem Donnerschlag ins Düstere umkippt. Innerhalb von ein paar Minuten ist das damit das gesamte vorherige Geschehen zusammengefasst. Der zweite Abschnitt ist eine Art Variationensatz über ein grotesk verzerrtes Dies Irae. Als scharfer Kontrast schließt sich wieder eine Jazzpassage an, die bald vom Schwing in freies Spiel übergeht und diesmal ohne erkennbaren Übergang in die Welt der vehement atonalen Sinfonik à la Krenek führt – auch hier ist wieder der Tuttiklang samt Donnerschlag und Absturz ins Moll das Ziel. Dieses Prinzip wird über den Rest des Satzes in immer neuen Konstellationen und immer dichterer Folge durchgehalten, bis schließlich nur noch dieses hell-dunkle Klangflächen-Gegensatzpaar übrig bleibt. Auf dem Höhepunkt folgt der letzte Absturz zunächst ohne den Donnerschlag. Dieser kommt verzögert, worauf die Musik über Minuten mit dröhnendem Orgelbrausen in der Moll-Klangfläche verharrt (und der Hörer als Gänsehautsäule erstarrt). Das Dunkel hat scheinbar über das Licht gesiegt. Es schließt sich eine überirdische Coda an, die noch mal auf die Techniken und Motive des Vorausgegangen zurückgreift, aber alles Collagen- und Fratzenhafte erscheint hier abgemildert und nahezu himmlisch verklärt. Wieder winkt Mahler herüber. Wenn der Satz schließlich mit eionem Haydn-Zitat im Nichts ermattet ist, packt Schnittke die vorletzte Überraschung aus. Die Einspielpassage vom Anfang wird wiederholt womit alles in gewaltige Anführungszeichen gesetzt wird. Obwohl man eigentlich damit rechnen könnte: Dass auch dieser Tumult hier -im Gegensatz zur Einleitung- in den strahlenden Tutti-Einklang mündet, der das Werk endgültig beschließt, ist die absolute Krönung mit der Schnitte selbst der Doppelbödigkeit noch den Boden entzieht.

~~~~~~

Aufnahme:



Diese Live-Aufnahme weist als Besonderheit Publikumsgelächter am Anfang des zweiten Satzes auf – bei Neuer Musik darf also doch gelacht werden :wink - und im weiteren Verlauf kommt es sogar mitten im Satz (nach der Jazzimprovisation) zu Szenenapplaus. Unerhört, wo es doch sonst so snobistisch verpönt ist, vor dem Ende eines Werkes zu klatschen!
Gut finde ich, dass auch der minutenlange Schlussapplaus (als eigener Track) auf die CD gebannt wurde. Es tut gut zu hören, dass ich mit meiner restlosen Verzückung über die vorangegangene 70-minutige Lärmorgie nicht alleine stehe.

:times10
teleton (25.11.2007, 12:04):
Hallo Dox,

das Du mit Schnittkes Musik etwas anfangen kannst und einen so vorbildlichen Beitrag dazu schreibst ehrt Dich.
Ich hatte in den 80er-Jahren bei jpc ein Angebot wahrgenommen, bei dem alle Schnittke-Sinfonien auf BIS in einem Paket relativ preisgünstig zu haben waren.
Von Schnittke bin ich allerdings enttäuscht und finde wegen der undefinierbaren Atonalität keinen Zugang zu dem "Zeug".
Nicht das ich etwas gegen atonale Musik hätte - im Gegenteil - das ist normalerweise eines mein Interessengebiete in der Musik.
Bei Schnittke fehlt mir genau das, was Du als emotional packend bezeichnest.
Dabei ist die Musik auch noch streckenweise tödlich langweilig.

Ich habe die Sinfonien-BIS-CD´s lange wieder verkauft und mir nichtmal Sicherheitskopien gemacht, wie ich es sonst gewöhnlich noch mache, falls doch mal der Funke überspringt. Ich rechnete bei mir nie damit !

:beer Welch eine andere Welt doch bei den russischen Komponisten, des 20Jhd (siehe auch entsprechenden Thread):
Andrei Eshpai, Rodin Schtschedrin und die Bekannten.......
HenningKolf (25.11.2007, 12:36):
Auch wenn ich jetzt bestimmt virtuelle "Haue" von Satie bekomme, aber Schnitkke ist auch für mich nahezu "unverdauliche Kost". Ich kenne Schnittke über emusic/Bis, habe die Dateien aber gelöscht, weil ich mir nicht vorstellen kann, jemals "Appetit" zu bekommen.


(das Publikumsgelächter könnte natürlich - erleichtert - der irrigen Annahme entsprungen sein, man sei bereits fertig.. :ignore)


ok, Spass beiseite.
Man kann ja der Fadeneröffnung durchaus entnehmen, dass Dox vollkommen begeistert ist. Ich hoffe mal, die flapsige Bemerkung wird nicht übel genommen.

Aber mehr, als dass ich bei Schnittke (ähnlich wie bei Stockhausen übrigens) Allergiegefühle entwickle kann ich zu diesem Faden nicht beitragen...

Gruß
Henning
Rachmaninov (25.11.2007, 12:53):
@Don,

Interessante Threaderöffnung, aber ich muss gestehen, daß ich mich mit Schnittke bisher noch gar nicht beschäftigt habe.

Bisher endet mein musilkalischer Horizont bei Schostakowitsch (abgesehen von ein paar wenigen Ausnahmen). Stravinsky und Schtscherdrin werden folgen. Vielleicht komme ich irgendwann aber noch zu Schnittke, mal sehen ...

Aber immer wieder shcön wie unterschiedlich doch die Auseinandersetzung mit der Musik stattfindet! :hello
ab (27.11.2007, 14:23):
Ich habe zwar alle Sinfonien gehört, aber leider neben der 8. Sinfonie mit Roschdéstwenskij (Chandos) bloß diese Sergerstam-Sinfonie-Nr.1 Interprertation. Ich finde dies auch eine schöne Interpretation, wenn auch die späteren Sinfoniene interessanter. Gerne wünschte ich mir auch bei diesem Komponisten die sich derzeit abzeichneden Preispolitik..
:wink

Schnittke finde ich immer sehr eindrücklich und bin etwas überrascht, dass hier in diesem Forum nicht mehr begeisterte Stimmen ertönen. Insbesondere, weil er einer jener Komponisten war, der sowohl bei Kammermusi kausgezeichnet war, sowie auch bei großer Besetzung überzeugt. Oft - so erscheint es mir zumindest - sind zeitgenössische(re) Komponistinnen entweder für Orchestermusik oder aber Kammermusik gut.

Im Januar 1995 habe ich übrigens der Deutschen Erstaufführung von Schnittkes 7. Sinfonie unter Kurt Masur mit dem Gewandhausorchester beigewohnt. Es war schrecklich, weil dieser Dirgent einfach keine polyphone Struktur hervorzubringen kann. Und dieses ist nun einmal bei Schnittke essentiell. (Wenn ich mich recht entsinne, ist Masur mit der Deutschen Erstaufführung von zumindet drei schnittkeschen Orchesterwerken beauftragt worde.)

(@ Rachmaninov: Als Einstieg empfiehlt sich wohl sein Klavierquintett oder das 4. Streichquartett.)
Pollux (27.11.2007, 20:37):
Hallo Dox,
deine wunderbar plastische Einführung (so gut nachvollziehbare Beschreibungen würde ich gerne mal in Konzertführern lesen) habe ich heute hörenderweise noch einmal nachvollzogen. Ich besitze nämlich die gleiche Aufnahme.

Auf Schnittke bin ich irgendwann mal zufällig beim Surfen im Internet gestoßen, habe einen Artikel über ihn gelesen, und mir kurzerhand ein paar CDs besorgt. Die Stichworte Humor und Polystilistik konnte ein Zappaloge wie ich schlechterdings nicht ignorieren. :)

Schnittkes Musik finde ich seltsam fazinierend, ohne dass ich jetzt schon sagen könnte, dass sie mir "gefällt". Mir geht's damit wie mit vielen anderen Werken der Neuen Musik (die soo neu ja nun auch schon nicht mehr ist) : sie ist richtiges Kopfkino für mich, denn sie löst eine Flut von Bildern und Assoziationen aus. Tatsächlich operiert Schnittke ja mit regelrecht kinoartigen Schnitt- Montage- Zitat- und Überblendungstechniken. Kann natürlich sein, dass ich als musikalischer Laie hier zu viel hineininterpretiere, aber auf mich wirkt das so.

Übrigens, das Irritierendste an dieser Sinfonie sind ja nicht die typischen Neutönerklänge, sondern die ganz und gar vertrauten Beethoven-Akkorde und die konventionellen Melodiefetzen, die im Zusammenhang dieser Sinfonie etwas geradezu Gespenstisches absstrahlen.
nikolaus (27.11.2007, 22:16):
Original von ab
...
Schnittke finde ich immer sehr eindrücklich und bin etwas überrascht, dass hier in diesem Forum nicht mehr begeisterte Stimmen ertönen. Insbesondere, weil er einer jener Komponisten war, der sowohl bei Kammermusi kausgezeichnet war, sowie auch bei großer Besetzung überzeugt. Oft - so erscheint es mir zumindest - sind zeitgenössische(re) Komponistinnen entweder für Orchestermusik oder aber Kammermusik gut.
...
(@ Rachmaninov: Als Einstieg empfiehlt sich wohl sein Klavierquintett oder das 4. Streichquartett.)

Anlass für mich, sein Klavierquintett zu hören:

http://www.jpc.de/image/w300/front/0/7134096.jpg

Ich höre es selten, aber es ist wirklich faszinierend und ergreifend!

Nikolaus.
Nordolf (25.02.2008, 17:55):
Hallo Dox!

Beim Durchforsten des Forums bin ich wieder auf diesen deinen Beitrag gestossen.
Ich kenne von Schnittke bislang nur seine Suite im alten Stil (mit Shafran am Cello), die in ihrer barockisierenden Art angenehm an mir verbeifliesst ohne große Eindrücke zu hinterlassen. In die Cellosonate habe ich mal hineingehört: - deren dunkle Intensität hat mich wesentlich mehr angesprochen.

Ich will Dir hier aber mal ein großes Lob aussprechen. Dein anschaulicher Hörerlebnisbericht gehört IMO zu den besten Beiträgen in diesem Forum überhaupt. Mehr davon!

Herzliche Grüsse!
Jörg
Cetay (inaktiv) (25.02.2008, 21:59):
Original von Nordolf
Dein anschaulicher Hörerlebnisbericht gehört IMO zu den besten Beiträgen in diesem Forum überhaupt. Mehr davon!

:engel :thanks :engel

Ich werde das jetzt nicht zum Anlass nehmen, mir als nächstes John Cage's Atlas Eclipticalis vorzunehmen :J