Sfantu (18.09.2013, 20:48): Zum momentanen Planeten-Fieber kamen mir auch diese Gedanken: Mit astrologisch-mystischer Bedeutung und Aura aufgeladen, werden hier Dinge für Holst zur Inspirationsquelle, die - wenn man es ganz nüchtern betrachtet - aus mehr oder weniger fester Materie bestehende Kugeln sind. Drum meine Frage an euch:
Welche Werke oder Werkteile sind, auf welche Weise auch immer, mit geometrischen oder stereometrischen Gebilden verbunden?
Das kann namentlich im Titel auftauchen, oder es liegt, wie bei Holst, auf der thematischen oder der Ebene der Inspiration. Vielleicht hat ja jemand ein Tetraeder-Quintett verfasst? Oder eine Dreiecksprismen-Sonate?
Ich mache den Anfang, indem ich aus Bequemlichkeit bei den Kugeln bleibe - allen Nachfolgenden brumme ich jedoch die Pflicht zum Formenwechsel auf. Also bitte keine Kugel auf Kugel, kein Quadrat auf Quadrat usw.
Albert Lortzing - Der Wildschütz, II. Aufzug, Billardszene
:hello Sfantu
Cantus Arcticus (18.09.2013, 21:07): Hallo Sfantu Wie wärs mit:
Ich finde das Thema wirklich gelungen :J. Es fordert mich geradezu heraus...
Grüsse :hello Stefan
Sfantu (18.09.2013, 21:20): Dann wird's mal etwas kantiger:
Erik Satie - Jack in the Box
:hello Sfantu
Cantus Arcticus (18.09.2013, 21:41): Nun denn, wie wär's damit:
Richard Wagner - Tannhäuser Arie: Wie Todesahnung Dämmrung deckt die Lande - O du, mein holder Abendstern
Ob 5 - oder 6-zackig, wer weiss. Aber vielleicht geht der ja.
Gruss :hello
Stefan
Sfantu (18.09.2013, 21:59): Stern kommt gut, die Anzahl der Zacken ist sekundär - mehr noch: sie bereichert die Auswahl...
Udo Lindenberg - aus "Moskau ist 'ne Wahnsinns-Halli-Galli-Stadt": "...und Olga von der Wolga schwebt über'm Roten Platz, bis die gold'ne Sichel sich verbiegt".
:hello Sfantu
Giovanna (18.09.2013, 22:03): Hallo!
Mir fällt da der Freischütz ein: zum einen werden Freikugeln gegossen und zudem geschieht der Zauber in einem Kreis, den Kaspar gezogen hat.
Viele Grüße Giovanna :hello
Giovanna (18.09.2013, 22:08): Und in Mozarts Don Giovanni weist Leporello Donna Elvira darauf hin, dass ein Quadrat nicht rund ist.
Viele Grüße Giovanna :hello
Cetay (inaktiv) (18.09.2013, 23:21): Hier muss nochmal Erik Satie mit seinen Trois Morceaux en forme de poire (Drei Stücke in Birnenform) kommen.
Cetay (inaktiv) (19.09.2013, 06:12): Jetzt bringen wir etwas Abstaktion ins Spiel:
http://ecx.images-amazon.com/images/I/61vkUhExhEL._SL500_AA240_.jpg Johannes Maria Staud; Polygon, Musik für Klavier und Orchester
Cantus Arcticus (19.09.2013, 08:38): Gut, dann noch eine Sache des Herzens:
Edvard Grieg: Two Elegiac Melodies Op. 34 No.1.: Hjertesar - The Wounded Heart
Gruss :hello Stefan
Florestan (19.09.2013, 08:47): Wie wäre es mit Kreisleriana?
Aber die Sonne taucht natürlich sehr oft in musikalischen Werken auf:
Joseph Haydn, "Der Sterne hellster, oh wie schön .." aus "Die Schöpfung" Jean Sibelius, Nächtlicher Ritt und Sonnenaufgang Franz Schubert, An die untergehende Sonne, An die Sonne, Nebensonnen Robert Franz, Die helle Sonne leuchtet Nikolay Kapustin, Sonnenaufgang op.26 Richard Strauss, "und Morgen wird die Sonne wieder scheinen" (Morgen), Im Sonnenschein op.87,4 Julius Weismann, Sonnenlied Joseph Marx, Sonnenland Robert Schumann, So wahr die Sonne scheinet, An den Sonnenschein Othmar Schoeck, Der Sonnenuntergang Arnold Schönberg, Sehet die Sonne (aus den Gurreliedern) Erich Zeisl, Die Sonne sinkt, Sonnenlied Franz Liszt, Nimm einen Strahl der Sonne Modest Mussorgsky, Ohne Sonne Ludwig van Beethoven, Wenn die Sonne niedersinket (WoO 150) Hugo Wolf, So wahr die Sonne scheinet, Sonne der Schlummerlosen Richard Wagner, Selig wie die Sonne: Meistersinger 3.Aufzug, 2. Szene Johannes Brahms, Wie die Wolke nach der Sonne aus op.6
Die Liste lässt sich natürlich noch beliebig verlängern. Und zum Mond gibt es dann ja auch noch jede Menge Stoff ...
LG Florestan
Sfantu (19.09.2013, 11:59): Carl Millöcker - Der Bettelstudent, I. Aufzug.
Im Lied des Symon heisst es: "(...) Drang vor bis zu den Pyramiden (...)"
Giovanna (19.09.2013, 18:09): Porgy and Bess von George Gershwin:
zu dem folgenschweren Streit kommt es während eines Würfelspiels.
Viele Grüße Giovanna
Florestan (19.09.2013, 20:27): Sergej Prokoffiev: Die Liebe zu den 3 Orangen (diese haben bekanntlich die Form einer Kugel)
Florestan
Sfantu (23.09.2013, 12:16): Aus Nikolaj Rimskij-Korsakovs Oper "Das Märchen vom Zaren Saltan": Prolog zum II. Aufzug
"Die Zarin in einem Fass auf hoher See"
Sfantu
Cetay (inaktiv) (24.09.2013, 07:45): Im Bezug auf die Formendichte dürften die Seven Pieces von Hermann Buhler schwer zu überbieten sein. Die Bezeichnungen der Stücke: 1. Cube, 2. Tetraeder, 3. Pyramide, 4. Hexaeder, 5. Octaeder, 6. Dodekaeder, 7. Ikosaeder
Severina (24.09.2013, 10:16): In Tschaikovskys "Pique Dame" spielen "tri carti" eine wesentliche Rolle, und Karten haben bekanntlich die Form eines Rechtecks!
lg Severina :hello
Sfantu (24.09.2013, 13:27): In Dmitrij Schostakowitschs Ballett
"Der Bolzen"
spielt das gleichnamige zylindrische Bauteil als corpus delicti eine zentrale Rolle.
LG - Sfantu
Sfantu (03.10.2013, 10:15): Okay, das Thema scheint allmählich erschöpft zu sein. Danke für die vielen geistreichen Beispiele! Mit Buhlers Seven Pieces hat Cetay wohl bereits einen quasi Rundumschlag erzielt, der kaum noch Platz für weitere "Formalien" lässt. Drum erlaube ich mir einen kleinen Trick mit der
Polymorphia
für 48 Streichinstrumente von Krzysztof Penderecki
P.S. Nachträglich ein herzliches Willkommen & viel Spass, Giovanna!
VG - Sfantu
Cetay (inaktiv) (03.10.2013, 12:46): Da gibt es schon noch was. Das Schöne an solchen Spielen ist, dass sie "zwingen" neuen Hörstoff zu finden. Von dem Komponisten Minas Borboudakis hätte ich nie gehört, wäre ich nicht auf der Suche nach abseitigen Formgebliden auf seine Komposition Zykloiden I gestossen. Zwar reißt mich dieses Klavierstück nicht vom Hocker, aber es war vielversprechend genug, um mich Borboudakis' Orchestermusik zu widmen. Und siehe da: das ist eine echte Bereicherung des Hörrepertoires.
Giovanna (03.10.2013, 17:36): Danke für die Willkommensgrüße :-)
Da ich solche Spiele und Rätsel liebe, werde ich sicher viel Spaß haben.
Viele Grüße Giovanna :hello
Sfantu (03.08.2021, 18:02): Hendrik Andriessen
"De convexe Spiegel" für Klavier (1954)
(Das dazugehörige CD-Booklet liefert nur englische Werktitel. Für die korrekte Übersetzung half mein niederländischer Kollege). Inspirationsquell für Andriessen war eine Szene aus Lewis Carrolls "Through the Looking-Glass. And what Alice found there" (Alice hinter den Spiegeln), der Fortsetzung von Alice im Wunderland. In Musik gesetzt wird, wie Alice mit Hilfe des Spiegels das spiegelverkehrt geschriebene Gedicht über das Ungeheuer "Jabberwocky" entziffert.
Das Thema von Bachs Orgelfuge in F-Dur (BWV 540, 2) zeichnet ein Kreuz. Verbindet man die erste und die letzte, die höchste und die tiefste Note, so sieht man es.
Das B-A-C-H-Motiv, verwendet zwischen Sweelinck und Schönberg und darüber hinaus, wurde oft als Kreuzmotiv gedeutet.
Gruß Philidor
:hello
Cetay (inaktiv) (04.08.2021, 01:44): Sie kann eine Form haben, muss sie aber nicht. Sie kann eine (Koerper-)Form meinen, muss sie aber nicht.
Azisa Sadikova - Eine Figur (2019)
Sfantu (10.10.2021, 10:52): Nach Satie widmete sich auch Ritchie der Birnenform. Jedoch nicht der Frucht sondern dem Leuchtmittel:
Anthony Ritchie - The Hanging Bulp
Diese knapp viertelstündige Orchesterkomposition von 1989 ist vom gleichnamigen Gemälde des Neoexpressionisten Philip Clairmont inspiriert. Vielgestaltige, kontrastreiche, gemäßigt moderne Musik ist das. In den lebhafteren Passagen geht es teils sehr energiegeladen und schlagwerkbetont zur Sache. Und man fragt sich: all das wegen einer schnöden Glühbirne?? Auf alle Fälle sehr lohnend, dieses klangprächtige Album mit Musik von neun neuseeländischen Komponisten. Außer Douglas Lilburn waren mir sämtliche Namen unbekannt: Anthony Watson, Christopher Blake, Gillian Whitehead, Jenny MacLeod, David Farquhar, Larry Pruden, Edwin Carr und eben auch Anthony Ritchie
New Zealand Composers New Zealand Symphony Orchestra - Kenneth Young (2 CDs, Continuum, 1995)
Sfantu (03.02.2022, 17:24): Elisabeth Harnik schrieb 2015 "Noisy Pearl/s" für Cembalo - und die (die Perlen) sind bekanntermaßen annähernd kugelförmig.
Philidor (04.02.2022, 19:57): Der dänische Komponist Per Nørgård verwendete die sogenannte Unendlichkeitsreihe in einigen Kompositionen.
Er entdeckte diese Reihe (mathematisch genauer: Folge) im Jahr 1959 und integrierte sie ab dem Folgejahr in einige Kompositionen. In "Voyage into the Golden Screen" (1968) und in der 2. Sinfonie (1970) bildet die Folge die Grundlage der ganzen Komposition (Voyage: nur 2. Satz).
Aufgrund ihrer unendlichen Selbstähnlichkeiten sprechen manche dieser Folge zu, dass sie ein Fraktal sei. (Dies der Zusammenhang mit diesem Thread - die Form ist ein Fraktal.)
Damit wäre dieser Begriff in der Kunst vorhanden gewesen, bevor er mathematisch systematisch erforscht wurde und das Wort "Fraktal" geschaffen wurde (Benoît Mandelbrot, 1975). Gleichwohl ist die Folge freilich ein diskretes Ding und erfüllt daher nicht Kriterien, die üblicherweise eine Definition in einem Vektorraum über den reellen Zahlen voraussetzen. Aber über die Definition von Fraktalen scheint man sich noch nicht ganz einig zu sein, und der Hype der 1990er um Chaostheorie und solche Dinge scheint auch längst abgeebbt.
Philidor (08.02.2022, 19:34): Ein Liederkreis (z. B. Schumann) gilt hier wohl eher nicht ...
... dann nehmen wir diese Oper:
Alexander von Zemlinsky: Der Kreidekreis
Das Pentagramm, welches Mephistopheles hindert, Dr. Faustens Studierzimmer zu verlassen, scheint weder bei Gounod noch bei Boito noch bei Busoni noch bei Prokofiew (Der feurige Engel) vorzukommen ... bei Busoni legt Faust immerhin einen Kreis mit seinem Gürtel, um Luzifer herbei zu beschwören.
Joe Dvorak (17.05.2022, 08:56): Als grosser Freund der Abstraktion fehlt mir noch die abstrakteste aller Formen, sc. die Form. James Tenney hat gleich vier davon vertont.
James Tenney - Forms 1-4 Ensemble Musikfabrik
Sfantu (26.02.2023, 19:10): Niels Viggo Bentzons Sinfonie Nr. 5 op. 61 von 1950 trägt den Titel Ellipser
Und elliptisch ist der Aufbau dieses Werks zu nennen. Von den fünf Sätzen bildet der langsame Dritte nicht nur nummerisch das Zentrum. Es ist ein fahler, herber, schreckenerfüllter Trauermarsch. In ihm finden sich kaum einmal Momente des Trosts oder der Zuversicht. Die Sätze zwei und vier (Scherzi) sowie eins und fünf stehen in puncto Stimmungsgehalt und Themen in erkennbarer Beziehung zueinander. Der Finalsatz wandelt sich nach tumultösem, brachialem Einstieg bald in eine gespenstische Starre, die bis zum Ausklang wie ein statisches, zielloses Nachtwandeln wirkt. Es werden wechselnd verschiedene tonale Zentren umkreist. Ein farbiges, kontrastreiches Werk.
"Meine" Aufnahme - soeben gehört - ist diese:
Aarhus Symfoniorkester - Ole Schmidt (CD, dacapo, 1999. AD: 1982)
Moderato ma non troppo 7'31 Allegro 4'46 Adagio 11'42 Allegro 5'46 Sostenuto 6'34
Joe Dvorak (17.04.2023, 04:17): Der erste Satz des Werks Monumentum, eine Sinfonie in zwei Saetzen fuer Mezzo-Sopran & grosses Orchester (Monumentum - Jan van Vlijmen - Muziekweb) von Jan van Vlijmen ist ein "Heptagon". Sieben Teile konnte ich ausmachen. Warum die diese Form bilden, hat sich mir beim ersten Hoeren nicht erschlossen und weil ich das Werk kein zweites Mal hoeren werde, obwohl es beileibe nicht schlecht klingt, aber halt nicht sonderlich aufregend, bleibt es dabei.