"Angst" - Choroper von Christian Jost

Heike (20.01.2009, 22:30):
Diese ganz moderne Oper habe ich am Sonntag in der Komischen Oper Berlin gesehen und war sehr berührt und beeindruckt.

Es ist ein einstündiges Werk der Neuen Musik.
Eine Handlung im eigentlichen Sinne gibt es nicht.
Inspiriert wurde Jost zu dem Werk von einem (real geschehenen) Bergsteigerdrama, wo von einem Paar von Bergsteigern einer abstürzt und der zweite entscheiden muss, ob er den abgestürzten Partner vom Seil schneidet, um sein eigenes Leben zu retten.

Das Bergsteiger-Geschehen findet sich aber auf der Bühne nicht wieder, man erahnt lediglich die existenziellen Gefühle, und auch noch andere Facetten der Angst darüber hinaus.
Protagonisten sind "nur" der Rundfunkchor, das Orchester begleitet den Chor und die Solisten, vermittelt Assoziationen zu den verschiedenen Angst-Impressionen.

"Angst" zeigte sich konkret in 5 Szenen, die vor allem durch gekonnte Lichtinstallationen wirkten.
1. Fallen
2. Hölderlin
3. Kalt
4. Amok
5. Ab

Respekt vor der jungen Regisseurin Jasmina Hadziahmetovic, die das wirklich ganz vortrefflich in Bilder umgesetzt hat. Die sehr atonale Musik war mir manchmal nah, manchmal fern, aber die Bilder waren immer beklemmend treffend und sehr nachhaltig.

Heike
Cetay (inaktiv) (23.01.2009, 08:03):
Liebe Heike,
vielen Dank, dass du auf diesen sehr interessanten Komponisten aufmerksam gemacht hast.

Christian Jost war mir bisher gar kein Begriff. Er scheint in der neuen Musikszene eine große Nummer zu sein und ist auch schon mit mehreren Werken auf CD vertreten. Auffallend ist die Affinität zu vielsagenden Werktitetln mit Querbezügen. "Angst" hat den Untertitel 5 Pforten einer Reise in das Innere der Angst und die rein instrumentale Coccon Symphony trägt 5 Stationen einer Reise in das Innere als Beinamen. Als Liebhaber von Solokonzerten für Bläser muss ich noch die "Requiem-Trilogie", bestehend aus DiesIrae für Posaune und Orchester, Pietà für Trompete und Orchester und LuxAeterna für Altsaxophon und Orchester als höchst interessant einstufen.
Ein paar Zusatzinfos zu der vorgestellten Choroper gibt es hier.

Randbemerkung: Das erwähnte Bergsteigerdrama spielt vermutlich auf Joe Simpson an. Er hat den Sturz überlebt und fand nach tagelangem Überlebenskampf zu seiner nach normalen menschlichen Maßstäben unmöglichen Rettung. Die Geschichte erschien als Buch (Sturz ins Leere) und Film.
Heike (23.01.2009, 10:27):
Hallo,
ja, ich glaube auch, dass wir von diesem Komponisten noch einiges hören werden - er scheint mir sehr kreativ. Er schreibt im Programm: "Beim Komponieren denke ich eher darüber nach, ein Material zur Verfügung zu stellen, das in der Lage ist, größtmögliche Assoziationsräume zu schaffen, in denen sich atmosphärische Verdichtungen entwickeln lassen". Bei Angst mindestens war das sehr gut gelungen.

Du hast recht, es geht bei dem Bergsteiger um Joe Simpson. Das steht im Programm, welches ich inzwischen vollständig gelesen habe. Das muss eine wirklich dramatische Geschichte gewesen sein.
Was reale Erlebnisse angeht: die junge Regisseurin kam als 14 jähriges Kriegsflüchtlingsmädchen aus Sarajewo nach Deutschland, also vielleicht ist ihr auch deshalb das Thema Angst so nahe und eine so eindrückliche Umsetzung gelang.

Am 21.6.2009 gibt es von Jost in der Komischen Oper Berlin eine Uraufführung: "Hamlet - 13 musikdramatische Tableaux nach William Shakespeare". Das Libretto besteht ausschließlich aus originalen Shakespeare-Texten, die Geschichte wird aber gar nicht konventionell erzählt. Es sind 13 selbstständige Einheiten, deren Reihenfolge "nicht für alle Zeiten genau festgelegt" ist. Es gehe ihm (wieder) um "eine Reise ins Innere eines Menschen, um die Beschreibung von Zuständen einer Bewusstseinserweiterung". Jost glaubt nicht, dass unser Bewusstsein chronologisch funktioniert. Er meint, dass wir erst im Nachhinein aus Mosaiksteinen des Erlebens ein Ganzes konstuieren. Insoweit siedelt er Hamlet an der Grenze zwischen Leben und Tod an: das Stück könne man verstehen als die letzten Sekundenbruchteile in Hamlets Leben und als das, was im Sterben in seinem Kopf vorgeht.

Ich finde, das klingt spannend, wenn ich Zeit habe, werde ich mir das ansehen.

Heike
Solitaire (29.01.2009, 13:46):
@Hebre
Was du schreibst klingt sehr interessant, ich weiß nicht, ob es mir gefallen würde, komme ja eher aus der kitschig-romantischen Ecke, aber spannend scheint es wirklich zu sein. Manchmal, nein, sehr oft beneide ich euch Berliner! :)