Amadé (11.03.2014, 20:55):
Da zu diesem Violinkonzert noch kein Faden eröffnet wurde, möchte ich dies jetzt tun, da das Konzert zu meinen Lieblingsviolinkonzerten gehört.
Dvoraks Violinkonzert musste von Anfang in punkto Popularität hinter dem Cellokonzert h-moll op.104 zurückstehen, obwohl es ebenso wie jenes mit vielen einprägsamen Melodien aufwarten kann. Der Geiger Joseph Joachim hatte es bestellt, war jedoch nicht mit Dvoraks Arbeit zufrieden, auch eine gründliche Revision konnte ihn nicht bewegen, bei der Uraufführung den Solopart zu übernehmen. Dies besorgte Frantisek Ondricek im Jahre 1883 in Prag. Ähnlich wie beim 1. Bruch-Konzert geht der Kopfsatz ohne Pause in den langsamen Satz über. Mittlerweile haben die meisten großen Geiger Dvoraks Violinkonzert im Repertoire und auch Aufnahmen hinterlassen, Fehlanzeige jedoch, soweit ich das übersehe, bei Grumiaux und Szeryng.
Meine Lieblingsaufnahme ist die mit Johanna Martzy und Ferenc Fricsay zusammen mit dem RIAS Orchester bei der DGG:
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Letzte Woche kam dann die neue Aufnahme mit Anne-Sophie Mutter und den Berliner Philharmonikern unter dem ehemaligen Wiener Philharmonischen Geiger Manfred Honeck dazu, über die ich hier berichten möchte.
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Ich habe sie mir mehrmals angehört und kann dazu folgendes anmerken:
Die Aufnahme wird weniger als klassisch/romantisches Konzert denn als reines Virtuosenstück vorgestellt, was bei vielen Musikfreunden mittlerweile verpönt ist. So wie ASM den Solopart spielt, ist er aller Aufmerksamkeit wert, glühende Doppelgriffe, schmachtende Portamenti, üppiges Vibrato in der Tongebung, welcher Geiger, welche Geigerin wagt heute noch so etwas? Das kann gefallen. Aber dann ist doch noch die Begleitung, mehr wird von Honeck und dem Berl. Orchester nicht angeboten und das wertet die Aufnahme fast bis zum, ja, Lächerlichen herab. Der Klang des Orchesters ist oft rau, ohne Glanz und nicht immer mit der möglichen Transparenz eingefangen. In den aufgeplusterten Tutti-Passagen lässt Honeck drauflos spielen, es klingt wenig geformt und differenziert, was den Eindruck des al fresco hinterlässt. Passagen der tiefen Streicher klingen mulmig, und immer wieder wird die Musik bei "schönen Stellen" ausgebremst. Solistin und Dirigent scheinen kein gemeinsames Konzept zu haben, geschweide denn eines verwirklichen zu wollen.
Auch Schuld an dem desaströsen Eindruck, den die Aufnahme letztlich bei mir hinterlässt, ist die Aufnahmetechnik, die nur Dienerin der Solistin und nicht der Partitur verpflichtet ist. Bei Solo-Stellen der Violine wird das Orchester fast bis zur Unhörbarkeit zurückgefahren, auf das noch der letzte Hörer mitbekommen muss, wie schön doch die Mutter spielen kann. Bei der DGG scheint immer noch zu gelten: erst kommt die Mutter, und dann sehen wir mal.
Wie schon oben angedeutet, sagt mir ASMs Ansatz zu, der unterscheidet sich von denen fast aller anderen Solisten und wäre eine gute Alternative geworden, wenn der Dirigent sich auf diese schon historische Vortragsweise eingelassen und sein Orchester sorgfältig darauf vorbereitet hätte. Der Zuhörer hätte seine Feude daran haben können. Da wurde leider eine Chance vertan.
Grüße Amadé