Artikel in der SZ über die Gehörgefährdung von Orchestermusikern

EinTon (08.04.2018, 21:09):
Siehe hier:

http://www.sueddeutsche.de/kultur/gehoerschaeden-musizieren-als-gefahrengeneigte-taetigkeit-1.3935891
Johann Sebastian Bach (09.04.2018, 11:18):
Wäre es nicht so, müsste man sich doch wundern. Jeder Beruf hat seine Gefährdungen und wenn ich mitten im Lärm sitze, werde ich natürlich über die Länge schwerhörig oder taub.
EinTon (09.04.2018, 18:38):
Schon richtig, nur hatte auch ich früher immer (und sicher nicht als einziger) geglaubt, nur Rockmusiker seien von diesem Problem betroffen.
satie (09.04.2018, 23:54):
Das Bewusstsein für diese Belastung ist noch immer nicht wirklich ausgeprägt. Vor allem, wenn man bedenkt, dass ein Verlust des Gehörs für einen Musiker im Allgemeinen (Phänomene wie Beethoven mal außen vor gelassen) das berufsmäßige Aus bedeutet, ist das schon eigenartig. Ich bin kein Orchestermusiker, aber selbst beim Unterrichten habe ich Momente, wo ich mein Gehör schütze: ich habe mir vor ein paar Jahren einen angepassten Gehörschutz machen lassen für 200 Euro, ich konnte den Grad der Lautstärkereduktion bestimmen und könnte auch immer noch andere Filter einsetzen, wenn ich mehr Dämmung benötigte. Mittlerweile geht man ja schon davon aus, dass 70 dB auf Dauer schädlich sind, wobei nicht unbedingt das Gehör selbst Schaden nehmen muss, dafür die Psyche und somit diverse psychosomatische Erkrankungen. Welchem Krach man ausgesetzt ist, erfährt man, wenn man mal eine Woche lang ein Messgerät im Alltag dabei hat (habe ich einmal gemacht). Leute wie R. Murray Schafer haben deshalb aufs Land ziehen müssen, sie hielten es im "verdreckten" städtischen Soundscape nicht mehr aus, aber das ist nicht nur eine Frage der Lautstärke.
Bei der klassischen Musik ist gerade die dynamische Bandbreite offenbar ein Problem: während bei durchgehend lauter Musik sich die Häärchen im Ohr einfach flach legen und so bleiben, ist bei einem plötzlichen Fortissimo eine stärkere momentane Belastung da. Insofern sind klassische Musiker sogar stärker gefährdet, etwa einen Hörsturz zu erleiden. Ein tatsächlich ziemlich wichtiges Thema, danke EinTon fürs Teilen!
Cetay (inaktiv) (10.04.2018, 06:32):
Ich konnte den Artikel nicht lesen (Anmeldung erforderlich) und weiß deshalb nicht, ob sich in den letzten 10 Jahren neue Erkenntnisse ergeben haben, aber das Thema selbst ist nicht neu und wurde schon 2008 von der Regelungswut der EU-Bürokraten erfasst: https://m.pressebox.de/boxid/153214#
Die Ergebnisse der Studie, die die Entwicklung der Richtline beleitete, wurden sogar als Buch veröffentlicht. Überraschend fand ich, dass der Lärm des eigenen Instruments einen großen Beitrag leistet. Ein Geiger hört je nach Haltung selbst daheim beim Üben mehr als 85 db und müsste daher Lärmschutz tragen.
EinTon (13.04.2018, 16:25):
Ich konnte den Artikel nicht lesen (Anmeldung erforderlich)
Ich bin auch kein SZ-Abonnent, habe mir aber, da mich das Thema interessierte, einfach den Tagespass (24h) für 1,99€ gekauft.
Nicolas_Aine (15.04.2018, 22:22):
ein kompliziertes Thema. Ich habe diesen konkreten Artikel auch nicht gelesen, aber von dem Fall aus England schon gehört.

Im Gegensatz zu Satie habe ich durchaus den Eindruck, dass das Bewusstsein weitgehend vorhanden ist, vor allem bei jungen Musikern. Im Orchester ist das durchaus ein Thema, nicht wenige Leute spielen mit Ohrstöseln, vor allem im Orchestergraben. Seit einigen Jahren sind Orchester auch verpflichtet, ähnlich wie Industriebetriebe sich um den Gehörschutz zu kümmern. Zum einen werden Plexiglaswände vor den Schalltrichtern der Blechbläser aufgebaut, zum anderen müssen Orchester angepasste Ohrstöpsel bezahlen, so wie Satie sie auch hat. In vielen Opernhäusern hängt auch neben dem Graben ein Behälter mit so Gummi"propfen" für die Ohren. Ich habe mir auch welche machen lassen, benutze sie aber nur selten.
Ein großer Unterschied ist der Saal, je nachdem wie laut der jeweilige Saal ist, macht das schon sehr viel aus. Sehr wichtig finde ich den Gehörschutz vor allem aber im Orchestergraben. Diese Woche habe ich 3x Salome gespielt, wobei ich jedes Mal direkt vor den Hörnern saß. Das erste Mal ohne Stöpsel, danach hatte ich Kopfschmerzen, das zweite Mal dann mit. Das Problem mit Stöpseln ist aber, dass ich mich selbst sehr deutlich höre, meine Gruppe aber fast gar nicht, und das restliche Orchester höre ich recht unpräzise. Bei einem sehr komplexen Werk mit Salome, mit dem ich außerdem nicht sehr gut vertraut bin und das ich fast ohne Proben gespielt hab, war das ein wirklich großes Problem. Das 3. Mal, die Premiere, habe ich dann wieder ohne Stöpsel gespielt. Das ist zwar nicht gut für die Ohren, aber dafür hab ich (fast :D) alle Einsätze erwischt und mich dynamisch und bei der Artikulation in die Gruppe einfügen können. Wie dieses Problem aufzulösen ist, ist mir im Moment noch nicht klar.
Beim Üben habe ich nicht das Gefühl, dass ich da Probleme kriege. Allerdings gab es im Ausweichquartier meiner Hochschule, als diese renoviert wurde, ein paar Überäume, die einfach nur Steinwände hatten und nicht sehr groß waren, kein Vorhang, kein Teppich, nichts. Da konnte ich auch nur mit Stöpseln üben.
EinTon (15.04.2018, 22:42):
Wie dieses Problem aufzulösen ist, ist mir im Moment noch nicht klar.
Vielleicht mit In-Ear-Monitoring, wie es Popmusiker benutzen. Das sind (so weit ich informiert bin) Ohrstöpsel, die gleichzeitig als Ohrhörer fungieren, d.h. du würdest das Klangggeschehen "von draußen" über die (nach außen schallabschließenden) Ohrhörer zugespielt bekommen, wobei die Lautstärke sicherlich regelbar ist.