Auf in neue Gefilde - brauche Empfehlungen

Elena (09.08.2010, 14:47):
Hallo,

ich bin mit klassischer Musik aufgewachsen, möchte nun aber "mein" Repertoire um neue, mir noch unbekannte Komponisten/Werke erweitern und wo wäre ich diesbezüglich besser aufgehoben als in einem Klassikforum...?! :D

Da ich längst nicht alles an klassischer Musik mag (ich bevorzuge bspw. eindeutig rein instrumentale und orchestrale Stücke), nenne ich an dieser Stelle einfach mal ein paar meiner persönlichen Favoriten:

Nussknackersuite - Tschaikowsky :down
Clair de Lune - Debussy
Prélude à l'après-midi d'un faune - Debussy
Morgenstimmung - Grieg
Ungarischer Tanz Nr. 5 - Brahms
Das große Tor von Kiew - Mussorgski
Rhapsody in blue - Gershwin
Fanfare For The Common Man - Copland
An der schönen blauen Donau - Strauss
Lohengrin Overtüre - Wagner

Ansonsten bin ich auch ein großer Fan von Filmmusik...Elmer Bernstein, Rodgers & Hammerstein, John Williams, Leonard Bernstein, John Barry usw.

Es sollte insgesamt also schon in die Richtung all dieser Stücke gehen...ich mag zwar schon ein wenig den militärischen Stil, vor allem aber die Dramatik und einprägsame, wunderschöne Melodien...habt ihr da vielleicht ein paar Empfehlungen für mich? Ich habe das Gefühl, bisher nur an der Oberfläche dessen gekratzt zu haben, was es an toller klassischer Musik gibt...

Ich danke euch im Voraus! :)
Pollux (15.08.2010, 21:52):
Na, dann will ich mich mal erbarmen, liebe Elena, denn anhand deiner Favoriten kann ich dir einige sehr schöne Stücke empfehlen, die dir, da bin ich mir meiner hellseherischen Fähigkeiten sicher, sehr zusagen dürften.

Mendelssohn: Hebriden-Ouvertüre
Rossini: Wilhelm Tell Ouvertüre
Sibelius: Finlandia
Beethoven: Egmont Ouvertüre
Mussorgsky: Nacht auf dem kahlen Berge
Tschaikowsky: Romeo und Julia
Barber: Adagio for Strings
Saint-Saens: Danse Macabre
Dukas: Der Zauberlehrling
Vaughan Williams: Fantasia on a Theme by Thomas Tallis
Villa-Lobos: Bachianas Brasileiras Nr.5 für Sopran und 8 Violoncelli
Wagner: Der fliegende Holländer (Ouvertüre)
Wagner: Tristan und Isolde (Vorspiel)
Liszt: Ungarische Rhapsodie Nr.2
Ravel: Pavane pour une infante défunte
Ravel: Daphnis et Chloé: Suite Nr.2
Heike (16.08.2010, 08:35):
Hallo,
du könntest es auch mal mit Orchesterkonzerten mit einem Soloinstrument versuchen, sehr melodisch und eingängig sind zum Beispiel:
Tschaikowski: Klavierkonzert
Beethoven: Violinkonzert
Außerdem ein Klassiker mit einem Riesen-Spannungsbogen, der dir gefallen könnte: Mussorgsky: Bilder einer Ausstellung (Orchesterfassung) - nimm unbedingt diese Aufnahme:

Herzlich willkommen in der Welt der Entdeckungen!
Heike
Cetay (inaktiv) (16.08.2010, 12:22):
Herzlich Willkommen, Elena! :hello

Die Musik auf deiner Liste zeichnet sich durch starke Bildhaftigkeit, orchestralen Klangfarbenreichtum und "schmissige" Melodieseligkeit aus. Wenn du unter die Oberfläche willst und mal größere Werke am Stück konsumieren willst, kämen in Frage:

Berlioz - Symphonie Fantastique (die Mutter aller sinfonischen Dichtungen)
Sibelius - The Tempest
Smetana - Ma Vlast (ganz!)
Dvorak - Kytice-Zyklus (Der Wassermann op. 107, Die Mittagshexe op. 108, Das goldene Spinnrad op. 109 und Die Waldtaube op. 110)

und schon sehr ambitioniert aber auch lohnend:

Bartok - Konzert für Orchester
Sfantu (17.02.2011, 15:55):
Hoi 'zämme,

bevor mir auf der Suche nach dem passenden Faden für meine Frage ein Bart wächst, stell' ich sie kurzerhand hier hinein - ich glaub', das passt so in etwa.
Es gibt bei mir einen weissen Fleck, den ich gern mit Farbe und Gestalt ausfüllen möchte: Ich kenne die "kleinen" Messen, teils wohl auch "lutheranische" genannt, von JS Bach noch nicht. Als wie bedeutend stuft ihr sie ein & welche Aufnahmen empfehlt ihr?

Herzlichen Dank im Voraus

:hello Sfantu
Armin70 (17.02.2011, 16:35):
Hallo Sfantu,

die lutherischen Messen, d. h. die Missa Breves von Johann Sebastian Bach (BWV 233 - 234) wurden lange von der Bach-Forschung links liegen gelassen, weil diese kleinen Messen größten Teils aus sog. Parodien bestehen, d. h. Überarbeitungen aus bereits vorhandenen Arien und Chorsätzen aus Kantaten. Wegen dieser Parodien sah man diese Werke wohl nicht als vollwertig oder gleichwertig neben Bachs anderen geistlichen Werken an. Man nimmt an, dass diese lutherischen Messen aus den Jahren 1738/39 stammen und sie im Gegensatz zur großen h-moll Messe BWV 232 in der gottesdienstlichen Liturgie eingesetzt wurden.

Was Aufnahmen angeht, so entstanden glücklicherweise in den letzten Jahren einige interessante Einspielungen, die alle im Prinzip auf hohem künstlerischen Niveau sind.

Gerade bei Bachs Vokalwerken gibt es in den letzten Jahren folgende 3 Richtungen:

1. Mittlere Chorstärke und Orchester mit modernen Instrumenten
2. Mittlere Chorstärke und Orchester mit Originalinstrumenten
3. solistische Chorbesetzung und Orchester mit Originalinstrumenten

Folgende Tipps kann ich dazu geben:

Zu 1.:


Zu 2.:





Zu 3.:



In diese und auch in weitere Aufnahmen kann man z. B. hier und hier reinhören, denn letztlich entscheidet der persönliche Geschmack, zu welcher Richtung (1, 2 oder 3) man tendiert.

Gruß
Armin

P. S.: Vielleicht wäre diese Frage besser im Bereich "Vokalmusik" angesiedelt.
Sfantu (17.02.2011, 17:05):
Lieber Armin,

Spitzen-Service! Und so prompt! Vielen Dank!
Trotzdem, nochmal nachgefragt, welchen Stellenwert Du/ihr diesen Werkchen beimisst/beimesst. Oder anders gefragt: Muss man die haben? Gerade, wenn, wie Du sagst, dass das Meiste daraus ein Patchwork aus schon Dagewesenem darstellt, er sich also aus eigenen "Kochtöpfen" bediente...
Vielleicht kann ich noch eine Frage hinten dranhängen: Wie sieht es da mit seinen apokryphen Motetten aus? Ähnlich oder ganz anders?

Nochmal besten Dank!

:hello Sfantu
Armin70 (17.02.2011, 17:34):
Hallo Sfantu,

für mich persönlich stellen die Missae Breves auf jeden Fall eine Bereicherung von Bachs Vokalmusik dar. Was die Parodien angeht: Wem sind alle Bach-Kantaten schon so präsent im Ohr, dass man beim Anhören der Lutherischen Messen jederzeit sagen kann "...aha, das ist aus Kantate X und das aus Kantate Y" und selbst wenn, so hat Bach oft schon kleine Veränderungen z. B. in der Instrumentation vorgenommen so dass es zumindest kleine Unterschiede gibt.

Mit den apokryphen Motetten (BWV Anh. 159 - 165) habe ich mich bis jetzt kaum beschäftigt. Ich weiss nur soviel, dass bei einigen dieser Werke die Autorenschaft Bachs stark bezweifelt wird und es sich in Wirklichkeit um Kompositionen z. B. von Altnickol (Bachs Schwiegersohn), Telemann oder Johann Ernst Bach (Neffe von Bach) handelt und J. S. Bach diese Werke lediglich in seinem Verzeichnis aufgelistet bzw. diese selbst aufgeführt hat.

Diese Motetten runden sicherlich das Bild der geistlichen Werke Bachs ab, weil sie einen Eindruck bieten, in welcher Art und Weise Bachs Zeitgenossen geistliche Werke komponierten.

Armin
Jürgen (17.02.2011, 21:24):
Der Auflistung von Armin stelle ich noch eine weitere Kategorie vorne an:

0. Gehobene Chorstärke und größeres Orchester mit modernen Instrumenten
1. Mittlere Chorstärke und Orchester mit modernen Instrumenten
2. Mittlere Chorstärke und Orchester mit Originalinstrumenten
3. solistische Chorbesetzung und Orchester mit Originalinstrumenten


Ich habe nämlich gerade die erste der Missae Brevis unter Martin Flämig aus dem Jahre 1972 gehört:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51dVtaDVLrL._SL500_AA300_.jpg

Und ich muss sagen: Wunderbar, nicht ganz so brilliant, wie die h-moll Messe, aber nicht weit entfernt. Die unHIPpe Spielweise stört mich bei Flämig, wie auch beim Weihnachtsoratorium, überhaupt nicht.
Was das Parodieverfahren angeht: Das war bei Bach wie das tägliche Brot. Wer sich daran stört, darf auch kein Weihnachtsoratorium hören.

Ansonsten kenne ich noch Herreweghe (Kategorie 2):

http://ecx.images-amazon.com/images/I/61mMGRvoImL._SL500_AA300_.jpg

BWV 236 mit Pygmalion, Armin hat das Cover schon eingestellt, lief am Sonntag im Radio. Leider habe ich verpennt und der Rechner war noch nicht an :I.

Grüße
Jürgen
Severina (18.02.2011, 21:13):
Ich brauche auch eine Empfehlung von Euch Experten, aber auf gänzlich anderem Gebiet:

Ich war heute in einem Konzert mit Mahlers 6. (Wiener Philharmoniker, Semyon Bychkov), das mir sehr gut gefallen hat (Was bei mir nicht viel besagt - meine Vergleichswerte sind mehr als spärlich) und suche jetzt eine gute Einspielung, da ich zwar Aufnahmen der 1., 2., 5. und 9. Symphonie von Mahler besitze, aber noch keine 6.
Tja, so ist das halt mit Opernjunkies, aber ich bin lernbereit! :D

lg Severina :hello
Armin70 (18.02.2011, 21:45):
Hallo Severina,

bei dem Konzert wäre ich auch gerne gewesen, das aber nur nebenbei. Was Mahlers 6. Sinfonie angeht, so gibt es zwei Aufnahmen, die ich beide gerne höre und das oder gerade weil diese so unterschiedlich sind:



und



Bernstein dirigierte Mahler immer mit besonders viel Herzblut. Mit keinem anderen Komponisten fühlte er wohl so etwas wie eine Art Geistesverwandtschaft. Das merkt man auch seinen Interpretationen an. Wem das "zuviel des Guten" ist, dann bietet sich Boulez Lesart als Gegenpol an. Boulez interpretiert Mahler sachlicher, nüchterner aber dabei dringt er auch sehr tief in die Struktur von Mahlers Sinfonik vor. Dabei wird die Nähe Mahlers zur Zweiten Wiener Schule sehr deutlich, Stichwort Bergs Orchesterstücke op. 6 und nicht nur wegen der Hammerschläge, die Berg aus Mahlers 6. Sinfonie übernommen hatte.

Der Pluspunkt bei beiden Aufnahmen sind die Wiener Philharmoniker, die ich mit Mahler besonders gerne höre. Beide Aufnahmen entstanden im Wiener Musikverein und bei Bernstein handelt es sich um einen Live-Mitschnitt und die Kindertotenlieder mit Thomas Hampson gibts noch als "Zugabe".

Gruß
Armin
Severina (18.02.2011, 22:16):
Lieber Armin,

vielen Dank, das hilft mir weiter! Da ich schon die 5. mit den Philis und Boulez habe und sehr mag, passt das wunderbar, und Lenny ist für mich sowieso immer ein guter Tipp. Hampson mit den Kindertotenliedern habe ich zwar schon, aber doppelt hält bekanntlich besser!

lg Sevi :hello
Cetay (inaktiv) (19.02.2011, 04:17):
Ich brauche auch eine Empfehlung von Euch Experten, (...) Mahlers 6.

Da du ja das Musiktheater besonders liebst und ich aus deinen Berichten schliesse, dass du einer gewissen Theatralik bei diesem ganzen Theater nicht abgeneigt bist, rate ich zu Solti. Ich finde die unausstehlich, aber trotzdem (oder gerade deswegen? :D) kann ich sie dir mit gutem Gewiisen empfehlen.
Agravain (19.02.2011, 08:06):
Original von Cetay
Ich brauche auch eine Empfehlung von Euch Experten, (...) Mahlers 6.

Da du ja das Musiktheater besonders liebst und ich aus deinen Berichten schliesse, dass du einer gewissen Theatralik bei diesem ganzen Theater nicht abgeneigt bist, rate ich zu Solti.

Dem schließe ich mich an. Dramatischer, zupackender, zerreißender ist Mahler 6 bisher nicht eingespielt worden. Alle anderen, die ich im Schrank stehen habe, von Bernsteins Zyklen über Sinopoli, Gielen, Tennstedt, Boulez, Abbado, Barbirolli, Levine, Bertini, etc. spielen hier schlicht nicht mit.

:hello Agravain
Jürgen (19.02.2011, 10:28):
Auch ich rate zu Solti. Die Begründungen sind ja schon geschrieben worden.

Bernstein ist auch hervorragend, allerdings die ältere Aufnahme mit den New Yorkern.
Sinopoli ist anders gut. Sehr langsam, trotzdem zusammenhängend und dramatisch.

Grüße
Jürgen
Amadé (19.02.2011, 11:36):
Wenn ich sie nicht schon längst hätte, würde ich Solti unbedingt an Land ziehen.

Gruß Amadé
Severina (19.02.2011, 12:14):
Ihr Lieben,
danke! Gut, dass ich gestern nicht gleich bestellt habe, werde gleich noch einmal den Amazonas entlangschiffen!
lg Sevi :hello
Sfantu (20.02.2011, 23:17):
Lieber Jürgen,

vielen Dank für die Ergänzung!
Dass das Parodieren und Anverwenden bei sich selbst oder bei Anderen im Barock noch ohne urheberrechtliche Auseinandersetzungen gang & gäbe war, wusste ich bereits. Bei meinem nächste Besuch in jenem Antiquariat, in welchem gleich mehrfach die lutheranischen Messen Bachs auf Vinyl feil geboten wurden, werde ich also nicht mehr zögern.

Dank & Gruss

:hello Sfantu