Aufnahmequalität versus Interpretationsqualität

Hörbert (29.10.2016, 09:38):
Hallo!

Anlässlich des Durchhörens einiger Aufnahmen des Busch-Quartetts ( alte Schellack-Umschnitte auf CD´s) habe ich mir die Frage gestellt wie ihr das wohl so seht, sind für euch die Interpretationsqualität ungeachtet der Aufnahmequalität der wichtigste Punkt oder gibt es hier eine Grenze die durch die Qualität der Aufnahme gesetzt wird?

Die von mir erwähnten alten Aufnahmen aus den 30-40ger Jahren sind so z.B. weit unterhalb dessen was man als HiFi-Qualität bezeichen kann und für einige meiner Freunde und Bekannten eine (wie sie sich ausdrücken) "unerträgliche Zumutung".

MFG Günther
Nicolas_Aine (29.10.2016, 10:12):
mich stört das gar nicht. Ich besitze viele alte Aufnahmen, unter anderem auch welche aus den 0er Jahren des letzten Jahrhunderts, einige davon gefallen mir äußerst gut. Wenn die musikalische Qualität stimmt, nehme ich das kaum noch war.

Abgesehen davon, dass es unglaublich spannend sein kann, zu hören, wie damals musiziert wurde.
agravain (29.10.2016, 10:25):
Also ich bin kein wirklicher HiFi-Aficionado. So lange noch Interpretation durchschimmert, bin ich es im Prinzip zufrieden. Natürlich freue ich mich auch über klanglich exzellente Aufnahmen, aber ich würde das Gefühl haben, mich selbst zu beschneiden, wenn ich mir exzeptionelle Deutungen (wie bespielsweise die des Busch-Quartettes) vorenthalten würde, nur weil die Aufnahmetechnik nicht den heutigen Standards entspricht - und auch nicht entsprechen konnte.

Zudem möchteich mich Nicolas_Aine anschließen: Es kommt daneben ja auch noch die dokumentarische Ebene hinzu, die höchst spannend sein kann. Wenn ich etwa die ganz frühen Aufnahmen Elgars höre, die unter den putzigsten Umständen in wohnzimmergroßen Räumen entstanden sind, dann ist das einfach interessant, auch weil sie zeigen, wie flexibel der Komponist mit seinen eigenen Werken umgegangen ist (beispielsweise durch Veränderungen der Orchestrierung, durch Umarbeitungen, Kürzungen etc.), damit die Musik auf Tonträger gebannt werden konnte. Da scheint mir beim Erschaffenden oft mehr gedankliche Freiheit vorgeherrscht zu haben, als sie heutzutage bei manchem orthodoxen Hörer zu finden ist.

:) Agravain
Hosenrolle1 (29.10.2016, 13:47):
Für mich sind solche alte Aufnahmen generell eher von historischem Interesse. Wie Nicolas Aine schon schrieb, ist es interessant zu hören, wie damals musiziert wurde.

Was die Interpretation angeht, sehe ich das schon schwieriger. Bei Streichquartetten oder ähnlichem hört man vielleicht noch alle Stimmen, aber der Sound der Instrumente kann ziemlich dünn und fahl klingen, die Dynamik stark eingeschränkt.
Bei Orchesterwerken wird es noch schwieriger. Bei akustischen Aufnahmen hört man normal sowieso kein Orchester, sondern für ein kleines Ensemble umarrangiertes Stück, aber selbst wenn nach ca. 1925 bei elektrischen Aufnahmen mit Orchester aufgenommen wurde, geht dennoch viel von der Dynamik verloren, und viele Stimmen fehlen ebenfalls, von solchen Dingen wie Klangfarben gar nicht zu sprechen. Es nützt nicht viel, wenn die Oboe ein ganz feines Vibrato spielt, um sich mit den Hörnern, die keines spielen, zu mischen, wenn man auf der Aufnahme nur mehr eine trötige Oboe hört.

Ich meine deshalb, dass man eine Interpretation nur stark eingeschränkt bewerten kann, weil die Tontechnik zuviel davon wegnimmt.




LG,
Hosenrolle1
Hörbert (29.10.2016, 16:59):
Hallo!



Ich meine deshalb, dass man eine Interpretation nur stark eingeschränkt bewerten kann, weil die Tontechnik zuviel davon wegnimmt.


Stimmt, bei Orchesterwerken sind die Grenzen eng gesteckt, -so ist z.B. die alte Interpretation Bruno Walters der 9.Mahler-Symphonie von 1938 recht genzwertig da hier eigentlich die Nebenstimmen ziemlich untergehen.

Allerdings haben auch solche alten Interpretationen ihren eigenen Reiz, man kann einigermaßen das damalige Bild das sich die Musikwelt vom Komponisten und vom Werk gemacht hat erahnen.

MFG Günther
Waldi (29.10.2016, 22:56):
Sicher, wenn´s zu sehr kratzt oder kreischt oder wirklich nur Tonruinen wahrnehmbar sind, dann hilft nur mehr archäologisches Interesse, aber auch aus den Schellackzeiten gibt es technisch ganz gute Aufnahmen und etliche geglückte Wiederaufbereitungen, die ich um keinen Preis missen möchte, insbesondere was berühmte Stimmen betrifft. HiFi ist natürlich sozusagen Kaviar, aber den will man auch nicht ununterbrochen essen.
EinTon (30.10.2016, 00:23):
Abgesehen davon, dass es unglaublich spannend sein kann, zu hören, wie damals musiziert wurde.

zB Anfang des 20 Jahrhunderts hörbar "glissandierende" Lagenwechsel, zumindest beim Cello:


https://archive.org/details/CollectedWorksOfHansKronold

Das würden wohl heute auch HIP-Cellisten nicht mehr so präsentieren. Wurde auf der Violine damals auch derartig "gerutscht" oder tat man dies nur auf dem Cello?
Hosenrolle1 (30.10.2016, 03:21):
Original von EinTon
Wurde auf der Violine damals auch derartig "gerutscht" oder tat man dies nur auf dem Cello?

Das mit der Violine kann ich auf jeden Fall bestätigen; auf mindestens einer meiner Schellackplatten mit irgendwelchen Opernfantasien drauf wird ebenfalls ordentlich glissandiert.
Aber nicht nur auf der Violine: hör dir mal bitte diesen von Ravel persönlich dirigierten Bolero an, und zwar konkret das Posaunensolo bei 8:24:

"https://www.youtube.com/watch?v=_b5afHsf--E"

Ziemlich heftig, oder? Ob das eine Anweisung von Ravel war, er das also so haben wollte (das Stück entstand ja in den 1920er Jahren), oder sich vielleicht der Spieler mit SEINEN Vorstellungen durchgesetzt hat - keine Ahnung.

Hier die Opernfantasie von 1938, die ich vor Jahren auf YouTube gestellt habe. Da ist das Glissando teilweise auch ziemlich unschön, oder zumindest gewöhnungsbedürftig:

"https://www.youtube.com/watch?v=zK1875WY5lg"


Original von Waldi
HiFi ist natürlich sozusagen Kaviar, aber den will man auch nicht ununterbrochen essen.

Den Vergleich finde ich nicht ganz richtig, denn eigentlich hört man ja die Musik, nicht das Hifi. Seit es Aufnahmen in Massenproduktion gibt, haben die Techniker versucht, das Medium sowie die Tonqualität zu verbessern. Man wusste um die Probleme der jeweiligen Medien. Schon zu Beginn gab es den Formatkrieg zwischen Edisons Phonographen und der Schellackplatte. Als letztere sich auf dem Markt durchsetzte, stieg Edison ebenfalls auf Platten um, setzte jedoch auf das Tiefenschrift-Verfahren, das den üblichen Seitenschrift-Aufnahmen klanglich überlegen war, und baute ganz eigene Abspielgeräte.
Als um 1925 die ersten elektrischen Aufnahmen kamen, kaufte natürlich niemand mehr akustische Aufnahmen, und viele Firmen haben dann noch versucht, ihre alten Restbestände an akustischen Aufnahmen an den Mann zu bringen, häufig gekoppelt mit einer elektrischen Aufnahme. (Ich selbst habe so ein Exemplar, auf der einen Seite ein Strauß-Walzer aus dem späten 20er Jahren, auf der anderen Seite einer, der um 1910 akustisch aufgenommen wurde).
Und als die Vinylplatte Ende der 40er Jahre kam, waren Schellacks wiederum nicht mehr interessant, man schmiss die Platten einfach weg oder räumte sie irgendwohin.
Also man hat immer versucht, die Tonqualität zu verbessern, und sich nicht zufriedengegeben mit dem, was da war.

Diese alten Aufnahmen höre ich, wie gesagt, natürlich mit Interesse, vor allem, weil ich das mag, Musik aus alten Zeiten zu hören. Aber es wird dennoch zu viel von der Musik weggeschnitten, Dynamik, Nebenstimmen, Klangfarben. Das wussten die Leute in der Zeit der akustischen Aufnahmen ja selbst, und haben deswegen Orchesterstücke für kleine Ensembles und laute Instrumente umgeschrieben. Eine solche Aufnahme kann ich persönlich, wenn es nur um die Interpretation, um die Musik selbst geht, nicht genießen, eben weil so viel fehlt. Da überwiegt die historische Faszination, wenn man so möchte.
Vermutlich hat es auch damit zu tun, was man von einer Aufnahme erwartet. Da ich generell mit Partitur vor einer Aufnahme sitze, habe ich diesbezüglich mit Schellackaufnahmen natürlich wenig Freude.
Aber wenn es nur um das Musikhören als solches geht, dann finde ich nicht, dass man sich (wie bei dem Kaviar-Vergleich) "satthören" kann an guter Aufnahmequalität, und ab und zu auch mal verrauschte, knackende, dynamisch stark eingeschränkte Aufnahmen hören möchte.





LG,
Hosenrolle1
Hosenrolle1 (30.10.2016, 03:25):
Ganz kurze Zwischenbemerkung, vielleicht für die Admins interessant: ich habe in meinem vorigen Posting hier einen YouTube Link eingefügt, und als ich den Beitrag abgeschickt habe, konnte man hier im Forum das Video sehen. Das ist sicherlich praktisch, aber vielleicht aus urheberrechtlichen Gründen nicht gerne gesehen, deswegen habe ich das deaktiviert und den Link mit "" ausgestattet. Jetzt hat er kein anklickbares Video bzw. einen anklickbaren Link daraus gemacht.



LG,
Hosenrolle1
Hörbert (30.10.2016, 07:44):
Hallo!

Bei mir sind die 30ger Jahre so ziemlich die Grenze dessen was ich mir noch anhöre, die noch älteren Strohgeigen-Aufnahmen sind mir in der Tat zu beschnitten hier noch eine Interpretation aus dem Meer der Verzerrungen zu filtern wäre mir einfach zu mühsam.

Allerdings ist das keine absolute Grenze, einige wenige gut gemachte Aufnahmen gibt es auch aus der Zeit davor, -wie es ja auch bis heute ungeachtet der technischen Möglichkeiten immer wieder unerträglichen Pfusch gibt-.

MFG Günther
Hosenrolle1 (30.10.2016, 08:00):
Ja, die Strohgeigen-Zeit war vorbei mit den ersten elektrischen Aufnahmen um 1925. Natürlich gab es schon damals gute und schlechte Tontechniker, die wussten, wie man ein Orchester bzw. ein kleines Ensemble ideal vor dem Aufnahmetrichter platziert. Und natürlich gibt´s auch heute noch viel Pfusch. ;)



LG,
Hosenrolle1
EinTon (30.10.2016, 22:55):
Aber nicht nur auf der Violine: hör dir mal bitte diesen von Ravel persönlich dirigierten Bolero an, und zwar konkret das Posaunensolo bei 8:24:
Es ging um Lagenwechsel bei STREICHERN und auch nicht um 1928 ff sondern um die Jahrhundertwende. Glissandi habe ich beim Posaunensolo im Bolero i. ü. auch bei jüngeren Aufnahmen öfters gehört.
Hosenrolle1 (30.10.2016, 23:05):
Ich habe ja auch nicht ausschließlich die Posaune im Bolero erwähnt, sondern nur nebenbei. Aufnahmen um die Jahrhundertwende habe ich keine, aber wenn es welche auf YouTube gibt, kannst du ja selbst hören, ob gerutscht wurde ;)



LG,
Hosenrolle1
EinTon (30.10.2016, 23:25):
Ein Cello-Beispiel habe ich ja schon hier gepostet (ist von 1905). M.W. war es der Cellist Pau Casals, der dann den "unhörbaren" Lagenwechsel einführte und das Cellospiel damit revolutionierte.
tangua (31.10.2016, 14:37):
Ich muss gestehen, dass für mich besonders bei klassischer Musik die Interpretation und das Klangerlebnis schon sehr nah zusammen gehören. Ich höre vorwiegend sinfonische Musik, daneben vor allem Klavier/Geige/Cello solo und ein bisschen Lied-Gesang. Bei den beiden letztgenannten finde ich Mono nicht ganz so schlimm, bei der Sinfonik geht das für mich gar nicht, so gern ich mich mehr mit Furtwängler, Toscanini und Co. befassen würde und obwohl ich weiß, dass mir dadurch viele Perlen auch anderer Künstler entgehen. Andererseits bleibt aber auch so noch mehr für mich übrig, als ich eigentlich hören kann - insofern tuts dann wieder nicht so weh.
Ich habe aber vollstes Verständnis dafür, dass andere das anders sehen und gerade auch die alten Schätze heben wollen - jedem das Seine eben.
Hörbert (31.10.2016, 15:35):
Hallo!

Selbstverständlich ist eine gute Klangqualität nicht zu verachten und bei Licht besehen gibt es viele zeitemäße Interpretationen die den alten nicht nur "das Wasser reichen" können sondern teilweise auch als Überlegen angesehen werden können.

Natürlich hat auch jeder seine eigene Art Zugang zur Musik zu finden, aber mich z.B. interessiert die Spanne die zwischen einer Interpretation der 30ger Jahre und einer heutigen liegt sehr, es gibt mir eine Vorstellung davon wie das Werk eines bestimmten Komponisten früher gesehen wurde und wie es heute gesehen wird.

Das muss selbstverständlich nicht jeden gleich stark interessieren, mich jedenfalls interessiert es so weit das ich mich halt auch notgedrungen mit den deutlich historischen Klangbildern der prä HiFi-Ära angefreundet habe.

MFG Günther
Nicolas_Aine (08.11.2016, 01:15):
Abgesehen davon, dass es unglaublich spannend sein kann, zu hören, wie damals musiziert wurde.
zB Anfang des 20 Jahrhunderts hörbar "glissandierende" Lagenwechsel, zumindest beim Cello:


https://archive.org/details/CollectedWorksOfHansKronold

Das würden wohl heute auch HIP-Cellisten nicht mehr so präsentieren. Wurde auf der Violine damals auch derartig "gerutscht" oder tat man dies nur auf dem Cello?

also wenn man Aufnahmen von damaligen Geigern wie Joachim, Ysaye o. ä. anhört, wurde auch auf der Geige viel "geschmiert". Die Tradition hat sich dann ja fortgesetzt, bspw. bei Heifetz und Perlman, aber generell kann man ja sagen, dass die "ältere Generation", deren Überreste heute wohl nur noch aus Perlman und Zukerman bestehen, gerne Glissando nutzt, die jüngere, wohl nicht zuletzt unter dem Einfluss von HIP, bei weitem nicht so viel.
Was ich so mitkriege, ist, dass egal aus welcher Schule die Leute heute kommen, Glissandi in Barock und Wiener Klassik praktisch Tabu sind. In romantischer Musik hingegen gerne, aber in Maßen.

Der große Unterschied zum Cello ist aber, dass hörbare Lagenwechsel auf der Geige aufgrund der kürzeren Wege viel leichter zu vermeiden sind. Ich kann problemlos mit einem Finger einen Halbton hoch- oder runterrutschen, ohne dass man es hört; oder ich überstrecke, d. h., ich setze den ersten oder vierten Finger in die nächste Lage und ziehe die Hand nach. Wenn ich "im Schnee" bin, denke ich sowieso nicht mehr richtig in Lagen, weil da eh alles so nah beieinander ist. (Ich habe da sogar das Problem, dass ich den Finger von einem Ton wegnehmen muss, um den nächsten Halbton sauber greifen zu können, obwohl meine Finger nicht besonders dick sind.)

Die nächste Geschichte, die in diese Richtung geht, ist das Vibrato, auch das ist ja ein Riesenstreit. Soweit ich weiss, geht da ganz viel auf Fritz Kreisler zurück, Joachim z. B. benutzte nicht sehr viel Vibrato. Allerdings ist wohl, so wurde mir gesagt, schon in Geminianis Geigenschule von ständigem Vibrato die Rede... Aber das man Barockmusik ganz ohne Vibrato spielen sollte, befürworten ja heute nicht mal mehr Spezialisten.
EinTon (08.11.2016, 08:52):
Vielen Dank für die ausführliche Antwort, Nicolas! :)

Gruß,

Normann
Vinding (26.11.2016, 14:02):
Ich höre schon auch historische Aufnahmen, wenn ich mich damit auch zunächst eher schwer getan habe. Meine Erfahrung ist dass man mit historischem Material besser zurecht kommt, wenn man nicht allzu hochwertiges Hifi-Equipment verwendet. Wenn man jedes Detail hört, hört man eben auch jeden Fehler ganz genau und helles Rauschen besonders deutlich.

Remastering betreffend wurde insbesondere in dessen Anfangszeit zuviel des Guten getan. Wenn man zuviel Störgeräusche wegnimmt, nimmt man halt auch zuviel Klang weg. Meine aber dass sich das zwischenzeitlich gebessert hat.
palestrina (26.11.2016, 16:25):
wenn man nicht allzu hochwertiges Hifi-Equipment verwendet. Wenn man jedes Detail hört, hört man eben auch jeden Fehler ganz genau und helles Rauschen
Hier stimme ich dir vollkommen zu.
Wenn mich eine Aufnahme interessiert, ist mir das ehrlich gesagt (fast) egal. ;)
LG palestrina
Hörbert (26.11.2016, 18:39):
Hallo!
wenn man nicht allzu hochwertiges Hifi-Equipment verwendet. Wenn man jedes Detail hört, hört man eben auch jeden Fehler ganz genau und helles Rauschen besonders deutlich.

Das sehe ich ganz anders, ich finde das es egal ist ob ich eine aktuelle, -sehr gut gelungene und entsprechend hochwertige Aufnahme abhöre oder eine sehr alte mit all ihren Fehlern daß das Equipment beide male gar nicht gut genug sein kann.

Bei sehr gutem Equipment treten die Aufnahmemängel quasi hinter die Musik zurück, gerade den Rauschteppich nehme ich nach einer gewissen "Einhörzeit" gar nicht mehr bewusst wahr da er sauber von der Musik getrennt erscheint. Crackler, subsonische Störungen und ähnliche Sachen die vor allem bei Umschnitten von alten Schellacks vorhanden sein können kann man bei hochwertigem Equipment m.E. leichter vom musikalischen Geschehen trennen.

An den "topfigen" Klang und die stark beschnittenen Hoch- sowie Tieftöne habe ich mich ohnehin längst gewöhnt.

MFG Günther
Vinding (26.11.2016, 20:09):
Ich kann natürlich nur über mein subjektives Empfinden berichten ... ich habe mir jedenfalls extra für die historischen Einspielungen einen nicht allzu transparenten und eher wenig höhenbetonten Midprize-Sennheisser-Kopfhörer zugelegt, ansonsten höre ich mit feiner auflösenden und auch teureren Hörern von AKG, jedenfalls was Klassik betrifft. Mein Gehirn vermag es auch nicht, Störgeräusche etc. erfolgreich zu verdrängen, vielleicht kannst du das besser. Mich stört alles was in den tiefen Lagen schief geht wesentlich weniger als z.B. Rauschen in den eher höheren Frequenzen. Am nervigsten finde ich übersteuert eingefangene Frauenstimmen, die der Sennheiser recht gnädig weichspült.
Hörbert (26.11.2016, 21:41):
Hallo!

Möglicherweise ist das einfach eine Sache der Gewohnheit,Während ich z.B. eine Aufnahme wie z.B. Alban Bergs Violinkonzert unter dem Dirigat von Webern mit Lois Krasner als Solist von 1936 noch recht erträglich finde bringt mich z.B. Furtwänglers Aufnahme der 9.Symphonie vom 19.04.1942 an die Grenze meiner Fähigkeit die Störgeräusche auszublenden das ist einfach von Fall zu Fall unterschiedlich.

Ich denke mal mit der Menge an historischen Aufnahmen die man hört steigt auch die Toleranz für solche Eigenheiten, das Hören findet halt wie auch das Sehen zum größten Teil im Gehirn statt denn hier sitzt die Rechenmaschine die die punktuellen Hör- und Sehvorgänge erst zu einem sinnvollen Ganzen extrapoliert.

Lautsprecher oder Kopfhörer die etwas zudeckeln können zwar im ersten Moment einen angenehmen Höreindruck vermitteln sind aber in letzter Konsequenz zumindest für mich nicht zielführend, ich möchte schließlich von der jeweiligen Interpretation soviel als möglich mitkriegen. Sonst muß ich mich schließlich doch gar nicht erst hinsetzen und mir die alten Aufnahmen anhören.

MFG Günther
Nicolas_Aine (27.11.2016, 23:52):
Ich sehe das ähnlich wie Hörbert. Als ich angefangen habe, in größerem Stil CDs zu kaufen, habe ich sehr viele Aufnahmen von Heifetz, Menuhin, Oistrakh und all den anderen großen Geigern aus dieser Generation gekauft. Mich stört das inzwischen überhaupt nicht mehr, selbst so Aufnahmen wie die aus den 1900er Jahren von Sarasate, Joachim etc. kann ich genießen, ohne mich auch nur das geringste bisschen am Klang zu stören. Inzwischen stört es mich sogar manchmal fast, wenn die Aufnahme "zu" "sauber" klingt, irgendwie fehlt mir da manchmal das Flair, auch wenn ich die Aufnahme an sich großartig finde.
Hörbert (28.11.2016, 20:17):
Hallo!


Inzwischen stört es mich sogar manchmal fast, wenn die Aufnahme "zu" "sauber" klingt, irgendwie fehlt mir da manchmal das Flair, auch wenn ich die Aufnahme an sich großartig finde.
Ja, so ähnlich geht es mir auch, -und zwar immer dann wenn ich einige Tage lang ausschließlich alte Aufnahmen die zum guten Teil noch aus der Prä-HiFi-Ära stammen angehört habe-. Dann kommen mir die neueren Aufnahmen zuweilen etwas zu "unmittelbar" vor und es dauert gewöhlich seine Zeit bis ich "umgeschaltet" habe.

MFG Günther
ab (29.11.2016, 08:50):
In irgend einem Forum las ich einmal sinngemäß, es sei eine der Tragiken des 20. Jahrhunderts, dass die UdSSR nicht ein Promill dessen, was sie an Geld in die Raumfahrttechnik gepumpt hat, für die Entwicklung der Tontechnik ausgegeben habe... :D

Was wäre doch die Aufnahmegeschichte ärmer, wenn nicht solche Aufnahmen überliefert worden wären wie die Streichquartette Beethovenes durch das Busch Quartett, dessen Klaviersonaten durch Schnabel, die Debussy-Cellosonate durch Maréchal oder das Tchaikovsky-Violinkonzert durch Elman, usw.!

Mich stören an alten Aufnahmen nur die frühen Remaster-Arbeiten, bei denen zu sehr das Rauschen auf Kosten der Höhen eliminiert worden sind. Davon gekomme ich Kopfweh so wie auch von der Unart heute, in der Musik die Dynamik unnatürlich angehebend zu nivelieren oder durch ausgedürrte Tongerippe mieser mp3 mittels Handys oder Minianlagen die Luft zu verschmutzen :evil:
Hörbert (29.11.2016, 19:38):
Hallo!


ass die UdSSR nicht ein Promill dessen, was sie an Geld in die Raumfahrttechnik gepumpt hat, für die Entwicklung der Tontechnik ausgegeben habe...
Hmm, ich habe sehr gute alte (mono) Melodiya-Aufnahmen (noch auf Schallplatten) die den "westlichen" Aufnahmen in nichts nachstehen.

Erst mit der Ära der Digitalaufnahmen geraten die "Ostaufnahmen" so richtig ins Hintertreffen aber wenn ich einige der wenigen alten Melodiya-Aufnahmen aus den späten 60gern bis zum Ende der 70ger Jahre die ich besitze mit zeitgleichen Aufnahmen aus dem Westen vergleiche sind sie zumeist auch nicht schlechter als sagen wir mal die Machwerke der CBS.

Klanglich furchtbar waren allerdings die "Übernahmen" der Melodiya-Aufnahmen durch die "Ariola" .



Mich stören an alten Aufnahmen nur die frühen Remaster-Arbeiten,

Na ja Restaurationsmaßnahmen sind eigentlich immer ein zweischneidiges Schwert. Gut gemacht wie z.B. bei den alten Aufnahmen des Busch-Quartetts die Warner gerade wieder einmal verlegt können solche Maßnahmen durchaus ein Gewinn sein wie ja auch Chesky mit der Leibowitz-GA der Beethoven-Symphonien bewiesen hat. Wenn es allerdings nur darum gewht das mehr oder weniger historische Klangbild alter Aufnahmen aus der prä-digital-Ära zu kaschieren und die Sachen noch einmal an den/die Mann/Frau zu bringen ohne das es sofort auffällt wie alt die Sachen schon sind hört bei mir der Spaß auf, hier wird m.E. in aller Regel mehr kaputt gemacht als gerettet.

Dann doch lieber die Rohaufnahmen mit Kratzern Cracklern und schleichgeräuschen und was der Dinge mehr sind.

MFG Günther
Cetay (inaktiv) (04.12.2016, 18:36):
Hallo!

Anlässlich des Durchhörens einiger Aufnahmen des Busch-Quartetts ( alte Schellack-Umschnitte auf CD´s) habe ich mir die Frage gestellt wie ihr das wohl so seht, sind für euch die Interpretationsqualität ungeachtet der Aufnahmequalität der wichtigste Punkt oder gibt es hier eine Grenze die durch die Qualität der Aufnahme gesetzt wird?

Die von mir erwähnten alten Aufnahmen aus den 30-40ger Jahren sind so z.B. weit unterhalb dessen was man als HiFi-Qualität bezeichen kann und für einige meiner Freunde und Bekannten eine (wie sie sich ausdrücken) "unerträgliche Zumutung".

MFG Günther
Meine Leidensfähigkeit ist in dieser Hinsicht fast unbegrenzt. Die klangtechnisch schlechteste Aufnahme in meinem Fundus ist die wütende Neunte unter Toscanini aus dem Teatro Colon von 1941. Die ist wirklich mies, aber ich schmeiße jede andere sterile Nachkriegsproduktion dafür weg. Wahrscheinlich täuscht sie sogar wegen der Verzerrungen und den unnatürlich präsenten Pauken (man könnte meinen, das Mikrophon sei innerhalb der Pauken platziert gewesen) mehr dramatische Wucht vor, als tatsächlich an diesem Tag zu hören war. Aber was solls - die Aufnahme erfüllt den Auftrag, dem Hörer das selige Lächeln auszutreiben, mit Bravour.
;)
Falstaff (13.09.2017, 22:57):
Meine Leidensfähigkeit ist in dieser Hinsicht fast unbegrenzt.
Dem kann ich mich nur anschließen. Mein Einstieg in die Klassikwelt war ja Callas und als ich anfing sie zu sammeln, landete ich ganz schnell bei ihren Live-Aufnahmen. Die sind ja bekanntermaßen von teilweise unterirdischer Tonqualität. Das hieß es dann tapfer sein oder sich zu beschränken. Ich entschied mich für's Tapfer sein und gewöhnte mich in den nächsten Jahren dann an's Rauschen. Ungern, aber dafür wird man in der Regel durch eine ganz besondere Dramatik entlohnt. Nicht nur bei der Callas.

Heute sammele ich aus allen Epochen. Eine meiner ältesten Aufnahme ist ein kurzer Otello-Ausschnitt (diesmal Shakespeare) gesprochen von Edwin Booth (dem Bruder des Lincoln-Mörders) vor 1893. Man hört in diesem Fall quasi gar nichts. Und trotzdem fasziniert mich beim Anhören die Idee, dass hier noch einmal das 19. Jhrdt. direkt zu einem spricht.

Zudem finde ich es interessant, gerade im Gesangsbereich, Entwicklungen kennenzulernen, unterschiedliche Gesangstechniken auch in Zusammenhang mit gesellschaftlichen Entwicklungen zu setzen und letztlich auch durch das Hören 'ferner Welten' heutige Standards besser einordnen zu können.

Wunderbare Sammlungen diesbezüglich sind z.B.:



oder auch:



:hello Falstaff
dewi (24.09.2018, 03:26):
Ich scheine hier in der absoluten Minderzahl zu sein. Historische Aufnahmen finde ich unertraeglich, es fehlt das etwas, was klassiche Musik ausmacht, die Dynamik, die tonale Bandbreite, der Raum, einfach alles. Um ehrlich zu sein, ich ziehe neueste Produktionen sogar Aufnahmen aus den 90ern vor, der Unterschied ist wirklich sehr gross, emtsprechende Kopfhoerer vorausgesetzt. Wer gear-talk mag, ich habe dazu ein Thema im Off Bereich gestartet (mein erstes, juhuu)
satie (24.09.2018, 08:37):
Hallo dewi und Welcome to the club!
Ich freue mich auf Deine Beiträge!

Herzliche Grüße
Satie