Bach: Osteroratorium - Relativ unbekannt und vielleicht trotzdem namhaft?
Papageno (12.04.2009, 20:19): Hallo, ihr da draußen!
Ich bin hier ein absoluter Neuling auf dem Parkett und dachte mir, ich steige einfach mal mit einem neuen Thema bei euch ein, das auch jetzt gerade recht aktuell ist. Ist jemandem von euch vielleicht das Bach'sche "Osteroratorium" bekannt? Ich habe die CD davon zu Ostern geschenkt bekommen, auf der Fritz Wunderlich, ein Sänger, der, wie oft gesagt wird, eine blattgoldhafte Stimme hatte, die Tenorpartie singt. Schon allein wegen ihm ist diese Aufnahme für mich ein wahrer Ohrenschmaus. Diese Membran-Aufnahme von 1958 wird von Marcel Couraud dirigiert.
Was sind eure Assoziationen zum Osteroratorium? Welche Erfahrungen habt ihr damit gemacht? Könnt ihr vielleicht weitere Einspielungen empfehlen?
Liebe Grüße, Jan! :)
Papageno (13.04.2009, 19:27): Hallo, ihr da draußen!
Da bisher noch keine Diskussionsbeiträge aufgetaucht sind, werde ich ein wenig mehr über das vielleicht doch nur unzureichend bekannte Werk erzählen. Es hat dem Namen nach die Osterbotschaft zum Inhalt: Allerdings wird das leere Grab in dieser Fassung nicht von den zwei aus der Heiligen Schrift bekannten Frauen entdeckt, sondern von Petrus und Johannes, die von einem Solo-Tenor (Petrus) und einem Solo-Bass (Johannes) personifiziert werden. Des Weiteren wirken noch ein Solo-Sopran und eine Solo-Altistin nebst großem Chor und Orchester mit.
"BWV 249" stellt die freudige Fortsetzung auf die wehmütige und zerknirschte Johannespassion dar. Obwohl Bach es selbst als Oratorium bezeichnet hat, handelt es sich trotz einer biblischen Textgrundlage hier musikwissenschaftlich gesehen um eine Kantate, da das Lyrische aufgrund einer freien Nachdichtung des Bibeltextes deutlich überwiegt. Bei einem Oratorium muss nämlich (das habe ich auch nicht gewusst, bevor ich es nachgelesen habe) das Dramatische überwiegen.
Da Bach ein vielbeschäftigter Komponist war, bediente er sich bei diesem Werke, wie bei einigen anderen auch, des Parodieverfahrens, da er zuvor weltliche Gesänge, wie z.B. die von ihm komponierte "Schäferkantate: Entflieht, verschwindet, entweichet, ihr Sorgen" als Grundlage für sein Oratorium wählte und dieser einen völlig neuen Gesangstext unterschob. Die weltlichen Rezitative der "Schäferkantate" wurde jedoch nicht übernommen, sie wurden für das 45-minütige Osteroratorium völlig neu komponiert.
Vielleicht kommt auf diese Weise eine Diskussion zustande.
Herzliche Grüße, Jan! :)
Heike (13.04.2009, 19:33): Hallo Jan, leider kann ich zum Thema nichts beitragen, weil ich das Werk nicht kenne, aber du hast mich mit deinem Beitrag neugierig gemacht. Mal sehn, ob jemand anderes sich besser auskennt, ich werde interessiert mitlesen. Heike
Papageno (13.04.2009, 20:17): Hallo, Heike!
Ich freue mich sehr, dass ich dich für einen meiner momentanen Favoriten interessieren konnte. Es macht doch nichts, wenn du über das Oratorium nichts zu berichten weißt! Wir sind doch alle Mitglieder dieser Community geworden, um unseren musikalischen Horizont zu erweitern und um anderen klassikbegeisterten Menschen zu begegnen. Vielleicht hast du ja mal irgendwo die Gelegenheit, in dieses wunderschöne Werk, das ich bis gestern übrigens auch noch nicht kannte, hineinzuhören. Auf jeden Fall hat jeder meine uneingeschränkte Kaufempfehlung dazu!!! Die meinige Aufnahme ist übrigens bei "Documents", dem Sublabel von "Membran" erschienen und z.B. über Amazon zu beziehen.
Liebe Grüße, Jan! :)
Sarastro (13.04.2009, 21:00): Hallo Papageno, ich kenne dieses Werk bisher leider auch nicht, habe mir aber heute - angeregt durch deinen Beitrag - jeweils bei jpc und Zweitausendeins zwei sehr preiswerte Aufnahmen davon bestellt:
Bei McCreesh ist auf derselben CD noch das Magnificat eingespielt (leider, wie ich in den Hörbeispielen entnehme, in teilweise bedenklich schnellen Tempi ...).
Schöne Grüße, Sarastro
PS. Die Kombination von "Papageno" mit dem Porträt von Händel ist originell :D
Papageno (13.04.2009, 21:18): Hallo, Sarastro und danke für das Kompliment!
Toll, dass du eine Aufnahme mit dem großartigen Christoph Prégardien erwischt hast! Ich habe schon viel über ihn gelesen, aber bisher leider noch keine einzige Aufnahme irgendwelcher Art mit ihm gefunden. Er soll angeblich sehr viele Aufnahmen unter dem Label "Capriccio-Delta" gemacht haben, wie ich erfahren habe. Werde dem mal nachgehen...
Das ist das Cover meiner CD, die ich bereits vorgestellt habe.
Ich bin ja mal gespannt, zu hören, ob dir deine beiden Einspielungen genauso gut gefallen, wie mir die meinige. Für ihre 51 Jahre macht sie (natürlich nach ausgefeiltem Mastering) eine sehr gute Figur!
Liebe Grüße, Jan! :)
Papageno (13.04.2009, 22:09): Hallo, Sarastro!
Mir ist gerade aufgefallen, dass es zwischen deiner Aufnahme mit dem Prégardien und meiner deutliche Unterschiede gibt. Nicht nur ist das Tempo bei deiner Aufnahme während der Ouvertüre wesentlich zügiger, auch der Ablauf des ersten, wunderschönen Chorals mit Tenor-Bass-Duett "Kommt, eilet und laufet" ist völlig anders: Bei mir beginnt dieser Track sofort mit dem Tenor-Bass-Duett und mündet dann schließlich in den Tutti-Part mit Chor. Die Version deiner Einspielung beginnt direkt mit dem Choral, wie es eigentlich auch laut Beschreibung meines Oratorienführers von Reclam sein sollte.
Nun frage ich mich, worin diese Divergenz begründet liegt. Liegt es vielleicht an der historischen Aufführungspraxis, oder, was könnte deiner Meinung nach der Kasus knacktus sein?
Liebe Grüße, Jan! :)
Heike (14.04.2009, 08:13): Original von Sarastro jeweils bei jpc und Zweitausendeins zwei sehr preiswerte Aufnahmen davon bestellt:
Die CD ist ja gerade erst erschienen bzw neu aufgelegt! Bei dem Preis habe ich auch gleich zugegriffen. Zumal ich das Age of Enlightenment Orchestra grade erst mit der Matthäus-Passion gehört habe und es richtig gut HIP fand :-) Pregardien kenne ich von der Winterreise und mit Leonhardt muss das ja eigentlich hörenswert sein.
@Papageno Es gibt einen Oratorienführer von reclam? Wieder was dazugelernt. Ist der noch lieferbar? Heike
Den Oratorienführer, über den ich mit Sarastro sprach, müsste es eigentlich noch geben. Meine Ausgabe ist von 2003, ich mache mich für dich mal eben bei Amazon diesbezüglich kundig! Ja, er wird dort noch verkauft. Die momentan aktuellste Ausgabe, von 2004, wird dort für 26,90 € (aufgrund des über 20,00 € liegenden Preises ohne zuzügliche Versandkosten!) veräußert.
Der Preis dürfte von dem im Buchhandel etwas abweichen. Ich gebe dir mal eben die für die Bestellung im Buchhandel notwendigen Daten durch:
Titel: "Reclams Chormusik- und Oratorienführer" Autoren: "Werner Oehlmann & Alexander Wagner" Verlag: "Reclam" (ist ja logisch!) :D ISBN-10: "3-15-010550-1"
Mit diesen Parametern müsste dir die Bestellung ein Leichtes sein!
Liebe Grüße, Jan! :)
Heike (14.04.2009, 19:14): Danke sehr für deine Mühe! Heike
Papageno (14.04.2009, 19:59): Hallo, Heike!
Hilfsbereitschaft ist für mich selbstverständlich, gerade in einer so netten Community, wie dieser hier! :times10
Liebe Grüße, Jan! :)
Heike (14.12.2009, 22:20): Jetzt wo fast Weihnachten ist und bei der heutigen Durchsicht meiner Bach-CDs fällt mir ein, dass ich dieses Oster-Oratorium nach Erhalt der empfohlenen CD einige Male gehört habe und dass es mir sehr gut gefallen hat! Vielleicht gönne ich mir zu Ostern dann noch die McCreesh- CD, denn den Herrn schätze ich sehr und das Werk gefällt mir. Heike
Armin70 (14.12.2009, 23:04): Hallo Heike,
ich kann Dir McCreeshs Bach-Interpretationen sehr empfehlen. Zuerst war ich skeptisch wegen der der solistischen Chorbesetzung aber nach dem Anhören seiner Aufnahme der Matthäus-Passion war ich sehr angetan. Das ist, als wenn man den Staub, der sich über Jahrzehnte auf dem Werk abgesetzt hat, weggefegt hat. Dadurch, dass die Solisten auch glaichzeitig die Chorpartien singen, entsteht wie ich finde eine viel dichtere Atmosphäre. Das Werk wird besser durchdrungen. Ein weiteres positives Merkmal ist, dass McCreesh eine richtige Kirchenorgel anstatt einer sog. Truhenorgel bzw. Orgelpositiv verwendet. Dadurch können die Rezitative viel abwechslungsreicher gestaltet werden und eine richtige Kirchenorgel entfacht einfach einen besseren Sound. Es handelt sich übrigens um die Orgel in der Kathedrale von Roskilde, Dänemark, wo die Aufnahme der Matthäus-Passion auch entstand. Diese Orgel besitzt eine transponierende Tastatur, so dass eine moderne Orgel mit einem Ensemble, welches auf Originalinstrumenten musiziert, zusammenspielen kann.
Nachdem ich mir diese Aufnahme mit großer Freude anhörte, kaufte ich mir McCreeshs Aufnahme von Bachs Osteroratorium, kombiniert mit dem Magnificat. Auch hier bin ich wieder sehr begeistert von McCreeshs Interpretation. Er verwendet auch wieder eine solistische Besetzung in den Chorpartien. Die Tempi sind teilweise atemberaubend schnell und virtuos aber die können das schlicht und einfach und man muss nicht um die Sänger bangen, dass denen die Puste ausgeht. Auch hier wird wieder die Orgel der Kirche genutzt, in der diese Aufnahme entstand und keine Truhenorgel. Es handelt sich in dieser Aufnahme um die evangelisch-lutherische Kirche in Brand-Erbisdorf in Sachsen. Diese Orgel ist übrigens einen Ton höher gestimmt als übrige Orgeln. Die Tonhöhe des a' beträgt ca. 468 Hz. Daher musste der Organist in dieser Aufnahme, wie schon zu Bachs Zeiten, transponieren, um sich der Stimmung der übrigen Instrumente (a' = 415 Hz) anzupassen.
Wer die Bach-Interpretationen eines Richter, Klemperer, Münchinger oder Karajan im Ohr hat, für den sind McCreeshs Aufnahmen fast sowas wie ein "Kulturschock" aber ich finde diese Aufnahmen sehr spannend und mitreissend.
Noch kurz etwas zu Bachs Oster-Oratorium BWV 249:
Das Osteroratorium geht aus der weltlichen Pastoralkantate "Entfliehet, verschwindet, entweichet, ihr Sorgen" BWV 249a. Bach komponierte diese Kantate 1725 als Geburtstagskantate für Herzog Christian von Sachsen-Weißenfels. Bachs Mitarbeiter Picander hatte dazu den pastoralen Text verfasst. Darin preisen 4 Firguren (Doris, Sylvia, Menalcas und Damoetas) die Tugenden des Herzogs. Bach arbeitete später dann dieses Werk, wohl aus Zeit- und Arbeitsersparnis, aus Anlass einer Aufführung im Rahmen des Gottedienstes um. Aus diesen 4 Figuren wurden Maria Magdalena, Maria Jacobi sowie die Jünger Petrus und Johannes.
Im Jahr 1735 revidierte Bach dieses Werk erneut und veröffentlichte es dann als "Oster-Oratorium". Bach gab diesem Werk also selbst den Namen, um den dramatischen Charakter des Werkes zu unterstreichen. In dieser revidierten Fassung strich Bach aber wieder die Personennamen. Im Libretto wird erzählt, wie die beiden Marien am Ostermorgen das Grab Christi aufsuchen und in den Arien wird die Bedeutung des Geschehens für die Christenheit geschildert.
Viele Grüße Armin
Heike (15.12.2009, 13:06): Lieber Armin, vielen Dank für deine interessnaten Hintergrundinformationen! Beide CDs stehen auf meinem Wunschzettel und werden sicher bis OStern angeschafft. Ich mag McCreesh und bin auch sowieso eher der Kammermusiktyp, also vermutlich werden sie mir gefallen. Zu gegebener Zeit mehr! Heike
Papageno (15.12.2009, 15:30): Hallo, Armin und Heike!
Ich freue mich sehr, dass euch das von mir in diesem Thread vorgestellte Opus so gut gefällt. Vielleicht sollte ich genauso ein Thema auch noch zu gegebener Zeit für das Bach'sche "Himmelfahrtsoratorium" anlegen.
Jedenfalls ganz liebe Grüße, euer Jan! :)
Heike (15.12.2009, 18:46): Hallo, Vielleicht sollte ich genauso ein Thema auch noch zu gegebener Zeit für das Bach'sche "Himmelfahrtsoratorium" anlegen.
Oh ja, da würde ich mich sehr drüber freuen, denn es ist ja auf der mir vorliegenden CD mit drauf und es ist auch sehr schön!