Bach: Partiten BWV 825-830

thwinter12 (21.11.2009, 15:51):
Original von Rachmaninov aus "Was höre ich gerade jetzt - Jahr 2009?" (20.11.2009)
gestern am abend gehört

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0886974436126.jpg
Original von cellodil
Wie gefällt sie Dir?

Ich bin so ein bisschen unentschieden oder zwiespältig. Einerseits höre ich sie wirklich gerne, weil sie - finde ich - das Leichte und das Schwere spannungsvoll und stimmig zusammenbringt, aber dann habe ich kürzlich mal bei einem Freund Goulds Einspielung gehört und hatte das Gefühl, dass das doch eine andere Kategorie ist.
Original von Rachmaninov
Eine andere Kategorie sicherlich. Besser? Wohl nicht.
Dieser Perahia hat hier eine sehr feine Einspielung vorgelegt.
Original von cellodil
Da gebe ich Dir völlig recht. Und mich berührt Perahias Einspielung auch auf eine schwer zu fassende Art und Weise (die sich auf jeden Fall aber von der unterscheidet, wie Gould mich berührt, ohne das zunächst bewerten zu wollen). Ich habe nur gemerkt, wie sehr Gould meine Vorstellungen von Bach auf dem Klavier geprägt hat (obwohl ich die Bach Partitas von Gould noch nie bewusst gehört hatte).
Original von Jeremias
Perahia werde ich mir bald auch anschaffen, mit Glenn Gould kann ich nichts anfangen... der hackt nur auf die Klaviatur ein, das mag ich nicht
Original von Gerion
Auch keine schlechte Aufnahme der Partiten:

http://www.jpc.de/image/w183/front/0/0028947669913.jpg



Nachdem Aufnahmen zu Bachs Partiten in unserem Hauptthread gerade heiß diskutiert werden und ich meine über die letzten Monate angeschafften Gesamteinspielungen (Schiff 1+2, Schepkin, Rousset) in nächster Zeit etwas genauer "unter die Lupe" nehmen möchte, sei hier ein diesbezüglicher Thread für uns eröffnet. :D

-) Welche Gesamteinspielung hat welche Vorzüge?

-) Klavier, Cembalo oder Hammerflügel? (Wobei ich zu letzterem noch keine Aufnahme entdecken konnte!?)

-) Und was meint Ihr zu Einzeleinspielungen wie z.B. Argerich oder Sokolov (die beiden haben zwar sehr wenig Bach eingespielt, aber meiner Meinung nach gehört eben dies zum besten, was je an Bach'scher Klaviermusik aufgenommen wurde - dazu zähle ich natürlich auch ihre Interpretationen der 2. Partita - da geht die Post ab! Gerade Argerich und Sokolov haben mir die Partiten (wieder) schmackhaft gemacht und sie mir von einer gewissen Steif- bzw. Trockenheit befreit!) Welche herausragenden Einzeleinspielungen kennt Ihr noch und sind sie Gesamteinspielungen sogar vorzuziehen?
Servas, :hello
Thomas

P.S. @Gerion: Schiffs "neuer Versuch" hat mich beim ersten Reinhören ebenfalls positiv überrascht!
cellodil (21.11.2009, 18:02):
:hello Thomas,

das ist ja geradezu vorbildlich, dass Du diesen Thread eröffnet und Dir die Mühe gemacht hast, das alles aus "Was höre ich gerade jetzt - Jahr 2009" rauszusuchen und hierher zu verlegen. Merci, denn so was geht dann oft im Rauschen unseres liebsten Mammut-Threads unter.

Deshalb traue ich mich jetzt (obwohl das genau genommen auch nicht ganz hierher gehört), eine Frage, die ich vor längerer Zeit mal in besagtem Thread gestellt hatte, die aber keine Antwort fand, zu wiederholen:

Kann mir irgend jemand den Unterschied zwischen einer Partita und einer Suite erklären? Gibt es überhaupt einen?

:thanks und liebe Grüße

Sabine
Wooster (21.11.2009, 18:21):
Original von cellodil

Deshalb traue ich mich jetzt (obwohl das genau genommen auch nicht ganz hierher gehört), eine Frage, die ich vor längerer Zeit mal in besagtem Thread gestellt hatte, die aber keine Antwort fand, zu wiederholen:

Kann mir irgend jemand den Unterschied zwischen einer Partita und einer Suite erklären? Gibt es überhaupt einen?


Meinem Eindruck nach gibt es keinen systematischen. Bei Bach werden (wobei ich nicht weiß, ob es autograph ebenso ist) heute die Cellosuiten, die "englischen" und "französischen" als "Suiten", die 6 Partiten für Clavier, sowie die 3 für Violine (h-moll, d-moll, E-Dur) als "Partiten" bezeichnet. Die große h-moll-Ouvertüre im franz. Stil heißt "Ouverture", aber dieser folgt natürlich auch eine "Suite". Die meisten haben Präludien (oder entsprechende, geringfügig anders bezeichnete einleitende Stücke), die 6 "französischen" (keine Originalbezeichnung) und die ersten beiden für Violine solo beginnen dagegen gleich mit der Allemande, unabhängig davon, ob sie "Suite" oder "Partita" heißen.

Ich bin kein Barockspezialist, aber auch bei anderen Komponisten ist mir kein Unterschied bekannt, ich glaube, daß es weitgehend austauschbare Bezeichnungen sind.

Bei den 6 Partiten bin ich mit Gould sozusagen aufgewachsen und ich halte sie nach wie vor für außerordentlich gut und zu seinen besten Aufnahmen gehörend.

Wooster
cellodil (21.11.2009, 20:24):
Original von Wooster
Original von cellodil

Deshalb traue ich mich jetzt (obwohl das genau genommen auch nicht ganz hierher gehört), eine Frage, die ich vor längerer Zeit mal in besagtem Thread gestellt hatte, die aber keine Antwort fand, zu wiederholen:

Kann mir irgend jemand den Unterschied zwischen einer Partita und einer Suite erklären? Gibt es überhaupt einen?


Meinem Eindruck nach gibt es keinen systematischen. Bei Bach werden (wobei ich nicht weiß, ob es autograph ebenso ist) heute die Cellosuiten, die "englischen" und "französischen" als "Suiten", die 6 Partiten für Clavier, sowie die 3 für Violine (h-moll, d-moll, E-Dur) als "Partiten" bezeichnet. Die große h-moll-Ouvertüre im franz. Stil heißt "Ouverture", aber dieser folgt natürlich auch eine "Suite". Die meisten haben Präludien (oder entsprechende, geringfügig anders bezeichnete einleitende Stücke), die 6 "französischen" (keine Originalbezeichnung) und die ersten beiden für Violine solo beginnen dagegen gleich mit der Allemande, unabhängig davon, ob sie "Suite" oder "Partita" heißen.

Ich bin kein Barockspezialist, aber auch bei anderen Komponisten ist mir kein Unterschied bekannt, ich glaube, daß es weitgehend austauschbare Bezeichnungen sind.

Bei den 6 Partiten bin ich mit Gould sozusagen aufgewachsen und ich halte sie nach wie vor für außerordentlich gut und zu seinen besten Aufnahmen gehörend.

Wooster

Lieber Wooster,

:thanks für die Ausführungen. Ich hatte mir schon überlegt, ob Suite und Partita ein und dasselbe bezeichnen und sich lediglich deren sprachliche Abstammung unterscheidet.

Liebe Grüße

Sabine
ab (21.11.2009, 20:46):
Ich warte ja auf eine Aufnahme mit Koroliov, derweil ich mit Glenn Gould zufrieden bin. Weder Schiff noch Perahia mag ich da so wirklich gerne, was - zumindest im zweiten Fall - nichts anders ist als ein Geschmacksurteil (- leider...)

Jedefalls sollte man sich vielleicht einmal auch Marcelle Meyer anhören, die Grande Dame der französischen Klavierschule, mittleiweile billig erhältlich bei Andromeda oder auch Emi Icone (deutlich billiger über Frankreich zu beziehen, gerade für nur EUR 24,35 für die 17 CDs)
:hello

https://www.jpc.de/image/w600/front/0/3830257450214.jpg

https://www.jpc.de/image/w600/front/0/0094638469926.jpg
Heike (21.11.2009, 22:28):
Ich hatte mir letztes Jahr den ersten Teil der Perahia- Partiten gekauft und war von Anfang an vollauf begeistert:



Ich finde die Interpretation meisterhaft. Wunderschöne polyphone Linien, ganz lebendig klingende Akkorde, dabei vortrefflich strukturiert und zugleich sehr verinnerlicht. Das kommt von Herzen, ohne auich nur annähernd schmalzig zu sein. Ich finde, das Herz hat er Gould sogar voraus (den ich bekanntermaßen bei Bach auch sehr sehr gern höre).

Ich habe mir jetzt die neuen Partiten auch bestellt, nachdem der Preis etwas runtergegangen ist. Bin schon sehr gespannt!
Heike
Heike (21.11.2009, 22:43):
Kennt jemand eigentlich die Einspielung von Hewitt 1997?
Heike
cellodil (22.11.2009, 00:20):
Original von ab
Ich warte ja auf eine Aufnahme mit Koroliov...

Ja, die hätte ich auch gerne.

Liebe Grüße

Sabine
Heike (30.11.2009, 20:21):
Ich höre jetzt den 2. Teil der Perahia-Partiten.
Da ich mich erinnerte,d ass die CD vor wenigen Wochen beim rbb Kulturradio vorgestellt wurde, hab ich mal da nachgelesen, das finde ich ja ganz interessant und gewusst habe ich es auch nicht, dass die Anlässe für die Partiten so verschieden waren:

nachfolgende Auszüge gemäß der Quelle: http://www.kulturradio.de/aktionen/cd_der_woche/bach__partiten_nr.html
"... Die erste Partita hat Bach für ein neugeborenes Baby geschrieben", sagt Perahia, sie drücke sein Staunen über das neue Leben aus. Er lässt sie in weichen Bögen dahinfließen, rund und lyrisch. In der fünften schlägt er kräftiger an, kantiger. Dabei verliert er das Tempo nicht, natürlich nicht, er verliert es nie, trotzdem scheinen sich die Töne zu gegenseitig zu bremsen, um sich dann wieder anzutreiben. Perahia arbeitet das Raue, Störrische heraus, manchmal sogar Unversöhnliche. Die letzte Partita wirkt in ihrer Ruhe dagegen beinahe schmerzvoll. .... hat Perahia aus den Stücken, ihrer Dynamik und ihren Tonarten-Beziehungen ein großes Theaterstück in drei Akten geschaffen. .... Thema: Geburt, Leben, Tod. "

Man hört es!
Heike
Rachmaninov (21.12.2009, 17:27):
Original von Hebre
Ich hatte mir letztes Jahr den ersten Teil der Perahia- Partiten gekauft und war von Anfang an vollauf begeistert:



Ich finde die Interpretation meisterhaft. Wunderschöne polyphone Linien, ganz lebendig klingende Akkorde, dabei vortrefflich strukturiert und zugleich sehr verinnerlicht. Das kommt von Herzen, ohne auich nur annähernd schmalzig zu sein. Ich finde, das Herz hat er Gould sogar voraus (den ich bekanntermaßen bei Bach auch sehr sehr gern höre).

Ich habe mir jetzt die neuen Partiten auch bestellt, nachdem der Preis etwas runtergegangen ist. Bin schon sehr gespannt!
Heike

Hallo,

muss mich Hebre anschließen.
Die Gesamtaufnahme Perahia's finde ich ebenfalls äußerst gelungen.
Mir scheint hier eine gedanklicher Reifeprozess wären hier ein Reifeprozess während seiner Krankheit von statten gegangen.
Wunderbare Linienführung, keine Schustellerei, brilliantes Klavierspiel. Vom Feinsten. Sehr durchdacht, und was mir bei Bach immer wichtig ist: Erhaben !

http://www.jpc.de/image/w183/front/0/0886974008323.jpg http://www.jpc.de/image/w183/front/0/0886974436126.jpg
Gerion (22.12.2009, 10:55):
Ich finde, Eleonore Büning hat es in ihrem Artikel "Ein fester Halt für alle Menschen" gut getroffen. Sie vergleicht Schiff und Perahia, entdeckt unendlich Schönes bei beidem, und konstatiert:

F.A.Z. Nr. 296 v. 21.12.2009, S. 25:

"Und so geht das hin und her, und am Ende möchte man beide Platten unbedingt noch einmal hören und weiterschenken und behalten"

Mir geht es bei Perahia und Schiff ebenso. Beides wunderbare Interpretationen großer Werke. Schiffs bisweilen für meine Ohren analytischer, detailreicher Ansatz spricht mich an, dann kommt wieder Perahia, formt ein unendlich schönes Klangmuster und stellt es in den Raum, so dass ich mir nur staunend die Augen reiben kann.

Wieder einmal fage ich mich: Ist Bach nicht einfach "unkaputtbar" in dem Sinne, dass seine Musik (vor allem seine Musik für Klavier solo) so bezwingend ist, dass sie jede Art von Interpretation aushält, nein: aufnimmt?

Grüße
Gerion
Rachmaninov (18.10.2011, 17:33):
Eben hörte ich A. Schiff's neue Aufnahme der Partiten BWV 825-830

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41vY4RA6UkL._SS500_.jpg

Wir so oft, oder genauer gesagt, tritt bei A. Schiff und mir immer wieder das gleiche Phänomen oder genauer Problem auf.

Zu Anfang bin ich durchaus angetan von seinem Spiel aber je länger er spielt um so mehr fällt mir auf wie wenig Freude er verströmt beim Spiel.

Auch bei den Partiten. Alles sehr genau, sehr durchdacht aber irgendwie Spaß befreite Musik ohne Heiterkeit, nur Strenge.

Auf höchsten Niveau irgendwie langweilig!

Interpretation: 7
Heike (18.10.2011, 17:58):
Ich empfinde das ganz ähnlich, also dass ich bei Schiffs CDs nicht so ganz begeistert bin. Ich habe ihn aber mehrmals mit Bach live gesehen und da war ich immer total angetan - er schafft es, die Aufmerksamkeit so zu focussieren, dass man im Saal eine Stecknadel fallen hört. Dieses Gefühl von Intensität stellt sich bei den Aufnahmen bei mir nicht ein.
Heike
Rachmaninov (22.10.2011, 10:22):
Bei den Partiten (auf dem Klavier) ist Perahia sicherlich ein großer Wurf gelungen.
Müßte ich mich jedoch für eine Aufnahme entscheiden so würde ich zu Sergey Schepkin greifen.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/61M9VDMTQ8L._SL500_AA300_.jpg http://ecx.images-amazon.com/images/I/61C1EWTY7YL._SL500_AA300_.jpg

Schepkin's Aufnahme verkörpert für mich das nahezu ideale Spiel. Technisch brilliant, feinste Differenzierung im Anschlag, Linienführung und vortrefliches Gefühl für die Musik Bach's. Erhaben aber nicht zu streng, so dass die Musik immer noch das bleibt was sie ist. Wunderschön und ein Genuss!

:times10
sahrapa92 (10.01.2012, 16:13):
die partiten waren gewissermaßen bachs opus 1, das erste werk, das er im selbstverlag veröffentlichte, eine wundervolle musik, die ich liebe. gespielt habe ich leider nur die ersten beiden. eine aufnahme der B-dur partita hat mich damals zur "klassischen" musik verführt, die von dem rumänischen pianisten dinu lipatti, die sich zusammen mit der mozart a-mollsonate in meine pubertäre seele einbrannte.
die erste liebe ich deshab auch besonders, das singende präludium, die tückische courante, die transzendente sarabande, das schon fast schubertsche menuett, schießlich der virtuose rausschmeißer, die gigue, romantik besser als schumann.
puristen schwören natürlich auf einspielungen auf dem cembalo, die aber für mich fade klingen. bach hat die partiten wahrscheinlich für das chlavichord geschrieben, weshalb sie ihre wirkung nur auf dem klavier entfalten.
AcomA (08.12.2014, 23:04):
Hallo,

erstmalig hörte ich die Partiten folgendermaßen:

Nr.1 B-Dur: Dinu Lipatti (EMI)
Nr.2 c-moll: unbekannte japanische Pianistin im WDR
Nr.3 a-moll: Jean Louis Steuerman (Philips)
Nr.4 D-Dur: Alexis Weissenberg (live, Neuss)
Nr.5 G-Dur: Alexis Weissenberg (EMI)
Nr.6 e-moll: Glenn Gould (CBS)

Nun meine gehörten Gesamtaufnahmen:

Jean Louis Steuerman (Philips)
Andras Schiff (DECCA)
Alexis Weissenberg (EMI)
Murray Perahia (Sony)
Vladimir Ashkenazy (DECCA)
Igor Levit (Sony)

Alle Einspielungen sind stark ! Werde sie noch beschreiben.

LG, Siamak
AcomA (09.12.2014, 21:46):
Hallo,

GA Jean Louis Steuerman (Philips, DDD):

Sehr kultiviert mit sparsamen Pedaleinsatz . Flügel weich intoniert. Transparente Linienführung und sonorer Anschlag. Bei den schnellen Sätzen leichte Dyschronie beider Hände. Die Sarabanden schön formuliert. Insgesamt eine gute GA, auch aufnahmetechnisch . Ich habe sie auf MC. Es gibt sie in der Duo-Reihe von Philips auf CD.

LG, Siamak
AcomA (11.12.2014, 20:38):
Hallo,

GA Andras Schiff (DECCA, DDD):

Andras Schiff habe ich mit allen Partiten live in Essen gehört. Sehr sparsamer Pedalgebrauch. Extrem unabhängiger Einsatz beider Hände. Der tänzerische Charakter wird betont. Brillant.

LG, Siamak