Bach, Johann Sebastian, Ouvertüren (Orchestersuiten) BWV 1066 - 1069
Cetay (inaktiv) (30.12.2019, 06:42): Die Bach'schen Suiten zählen zu den bekanntesten und beliebtesten der barocken Orchesterwerke. Selbst viele Menschen, die mit Klassischer Musik wenig am Hut haben, kennen zumindest Teile daraus, wenn auch als Bearbeitungen. Neben einigen mit unwiderstehlichen Ohrwurmqualitäten ausgestatteten Melodien, dürften die bei aller Kunstfertigkeit unverkopfte und nachvollziehbare kompositorische Raffinesse und die farbige Instrumentierung ihren Teil dazu beitragen. Es sind insgesamt vier Suiten unabhängig voneinander überliefert - es handelt nicht um einen Zyklus: Ouvertüre (Orchestersuite) C-Dur BWV 1066 Oboe (2), Fagott, Streicher, Basso continuo, Kontrabass, Cembalo Ouvertüre (Orchestersuite) h-Moll BWV 1067 Flöte solo, Streicher, Basso continuo, Kontrabass, Cembalo Ouvertüre (Orchestersuite) D-Dur BWV 1068 Oboe (2), Trompete (3), Pauke, Streicher, Basso continuo, Kontrabass, Cembalo Ouvertüre (Orchestersuite) D-Dur BWV 1069 Oboe (3), Fagott, Trompete (3), Pauke, Streicher, Basso continuo, Kontrabass, Cembalo Über die Entstehungsgeschichte ist nur wenig bekannt. Baerenreiter schreibt lakonisch: Sie stammen wahrscheinlich aus Bachs Schaffensphase in Köthen zwischen 1717 und 1723. Die einzigen überlieferten Quellen sind lediglich Kopistenstimmen aus Leipzig. Durch detaillierte Stilvergleiche mit datierten Werken versuchen Forscher, das genauer zu umreissen, aber letzlich ist die Qualität dieser Werke zeitlos.
Einspielungen gibt es wie Sand am Meer und ich hoffe, dass in diesem Faden viele Favoriten genannt werden. Ich habe heute eine ganz erstaunliche Aufnahme gehört, die mich spontan zu dieser Fadeneröffnung animiert hat:
Ars Rediviva, Milan Munclinger
Dieses Prager Ensemble scheint heute so gut wie vergessen zu sein. Sie waren vorne mit dabei, als die Alte Musik Bewegung richtig ins Rollen kam und haben sich früh mit historischer Aufführungspraxis auseinandergesetzt. Das ist zwar nur in Spuren wahrnehmbar, jedoch ist die Sensibilität, die vielen PräHIPstern fehlt, vorhanden. Es ist schwer zu beschreiben, was die Faszination dieser Aufnahme ausmacht. Voller warmer Klang auf der einen Seite und sehr gute Durchhörbarkeit auf der anderen, da wird nichts verschleppt und nichts verhetzt, es ist weder schwerfallig noch allzu leichtgewichtig, Phrasierung und Artikulation sind flüssig und rund. Diese Charakteristika treffen sicher auch auf einige andere Interpretationen zu (Marriner kommt mir in den Sinn) und drohen zeitgeistigen Hipstern erst mal mit Langeweile. Aber Ars Rediviva reißen mich auf eine natürliche Art mit, entwickeln ganz organisch unglaubliche Energien und heben auch mal in 'mystische' Sphären ab. Es entsteht ein regelrechter Sog, der mich unwiderstehlich ins musikalische Geschehen hineinzieht. Munclingers Bach-Bild ist für mich wie schon bei der Kunst der Fuge ein echter Volltreffer.
:times10
Cetay (inaktiv) (21.01.2020, 04:22): Eigentlich ist Trevor Pinnock immer eine sichere Bank. An seinem Mozart und Haydn kann man eigentlich nichts aussetzen - wirklich gar nichts. Und auch seine 1979 aufgenommenen Ouvertüren kann man eigentlich sehr gut hören. Warum dann eigentlich so viele eigentlich? Ich kann es nicht erklären, aber irgend etwas fehlt mir - das kleine Quant 'Magie', das mich bei der Ars Rediviva beglückt.
Trotz der kastrierten Besetzung finde ich das Quant auch bei II Fondamanto. Paul Dombrecht wählt die "Orignalversionen" mit einer Solo-Violine statt der Flöte bei der Nr. 2 und ohne Pauken und Trompeten bei der Nr. 3 & 4.
udabonn (21.01.2020, 09:20): Neville Marrinner hat die Ouvertüren 3mal eingespielt. Mein Favorit ist immer noch die DECCA-Aufnahme von 1971 (?) mit der "alten Garde" der ASMIF. Zügig, spritzig -- da passen alle vier auf eine CD... ;)
(aber nur diesen CD-Transfer, nicht die Eloquence-Ausgabe)
Cetay (inaktiv) (21.01.2020, 10:00): Danke fur den Tip. Das ist für heute Abend vorgemerkt. Ich weiss gar nicht mehr, welche Marriner-Aufnahme ich mal auf CD hatte - ich glaube Philips. Pinnock schafft es auch auf eine CD, Munclinger und Dombrecht sind von vorne herein chancenlos, weil sie im ersten Teil (also den Ouvertüren zu den Ouvertüren) die Wiederholungen spielen. Es hat sich eingebürgert, das nicht zu machen, weil dadurch der erste Teil zu sehr übergewichtet würde. Na sowas - was hat sich der alte Bach da bloss dabei gedacht?
Edit: Ich sehe jetzt erst den Link. Das Cover dort wird auch bei Kugou angezeigt und die Qualität ist "SQ" - ich komme also in den verlustfreien Genuss des von dir favorisierten CD-Transfers. Da freue ich mich jetzt richtig drauf... :saint:
Maurice inaktiv (21.01.2020, 16:35):
Ich frage mal jetzt als recht unbedarfter und seltener JSB-Hörer. Diese beiden Einspielungen erhalten auch sehr gute Bewertungen. Beide Ensembles sind mi als exzellente Klangkörper auch für Bach in Erinnerung. Wer kennt diese Einspielungen?
satie (21.01.2020, 19:36): Lieber Maurice, beide Einspielungen sind sehr gut, allerdings finde ich, dass die Freiburger das Ganze pointierter spielen, v.a. die französischen Ouvertüren.
Pinnock ist vielen Referenz, es war die erste Aufnahme der Suiten, die ich hatte, und sie gefällt mir immer noch sehr gut. Meine Lieblingsaufnahme ist allerdings die mit der Academy of Ancient Music unter Richard Egar.
Maurice inaktiv (22.01.2020, 00:35): Lieber Maurice, beide Einspielungen sind sehr gut, allerdings finde ich, dass die Freiburger das Ganze pointierter spielen, v.a. die französischen Ouvertüren. Herzlichen Dank für die Infos über beide Aufnahmen.
Pinnock hat Amazon nur als LP anzubieten, der fällt aus der Wertung. :D
Meine Lieblingsaufnahme ist allerdings die mit der Academy of Ancient Music unter Richard Egar. Die gibts zur Zeit auch nicht mehr zu erwerben. Ich muss ehrlicherweise sagen, dass ich von dem Mr.Egarr überhaupt nichts habe und auch noch nie hatte. :whistling:
Mal schauen, ob ich mir eine Einspielung gönne. Danke erst mal. :)
Cetay (inaktiv) (22.01.2020, 03:14): Wunderbar, nun kommen die gewünschten Tips doch noch. :thanks
Marriner (1971) kann ich nur wärmstens weiterempfehlen. Das swingt wie die Sau und muss zu seiner Zeit eine echte Sensation gewesen sein. Astreiner Tip, udabonn!
Vom FBO hatte ich mal zwei Platten mit Mozart. Die haben sich schnell abgenutzt, aber das sagt für ihren Bach nichts aus. Ich kenne die Aufnahme nicht. Von den Berliner Akademikern kenne ich nur die Kunst der Fuge.
Egarr ist angeohrs dessen, was ich von seinen Händlel-Drigaten kenne, ein vielversprechender Tip. Die Aufnahme ist erhältlich.
Zu Pinnock: Ein konzerngebundenes profitorientiertes Unternehmen wie die DGG nimmt eine Aufnahme, die vielerorts als Referenz genannt wird, nicht aus dem Programm, sondern sie koppelt sie mit anderen populären Werken, um sie als Box im Hochpreissegment zu halten. Man erwibt als 'Kolateralschaden' die Brandenburger Konzerte:
Maurice inaktiv (22.01.2020, 09:47): Zu Pinnock: Ein konzerngebundenes profitorientiertes Unternehmen wie die DGG nimmt eine Aufnahme, die vielerorts als Referenz genannt wird, nicht aus dem Programm, sondern sie koppelt sie mit anderen populären Werken, um sie als Box im Hochpreissegment zu halten. Man erwibt als 'Kolateralschaden' die Brandenburger Konzerte: Danke. Auf die Idee hätte ich auch kommen können. Da war es wohl doch zu spät gewesen, was das Denken angegangen ist. Dann entfällt die Logik, aber Du hast natürlich absolut recht. Danke Dir.
Cetay (inaktiv) (23.01.2020, 03:26): Von Egarr habe ich die ersten beiden Suiten gehört. Das ist richtig tiefgelegt (Kammerton = 392 Hz), sowie einfach besetzt und klingt dadurch erst mal ungewohnt, gefällt mir aber gut.
Als ich danach Rinaldo Alessandrini spielen ließ bin ich fast erschrocken, so viel höher und damit durchdringender sind die Oboen. Da wirkt Egarr natürlicher, aber in allen anderen Belangen muss ich den Italienern den Vorzug geben. Auch beim Concerto Italiano sind die Stimmen einfach besetzt. Wer von dem Cover abgeschreckt wird, hört besser erst gar nicht rein, denn der Inhalt ist so, wie es die Hülle vermuten läßt. Da wird mit Ecken und Kanten äußerst pointiert gespielt - JSB wird nicht nur als Großvater des Jazz, sondern auch des Punk verstanden, jedoch ohne das dass künstlich übergestűlpt wirkt. Es klingt auch keineswegs kratzbürstig wie die HIPster der ersten Stunde, sondern darf vor allem in den langsameren Passagen durchaus klangschön sein. Entscheidend ist aber -und da sind wir wieder am dem Punkt, an dem ich es nicht mehr rational erklären kann- dass mich diese Aufnahme einfach mehr in ihren Bann zieht.
Maurice inaktiv (23.01.2020, 09:45): JSB wird nicht nur als Großvater des Jazz, Da müssen die Jungs in New Orleans aber böse geschlafen haben. Die Aussage würde ich jetzt mal so pauschal doch in Frage stellen. Vielleicht ab den späten 1930-er Jahren hätte ich es zumindest stehen lassen können, aber vorher nicht so wirklich. Wobei es natürlich auch schon früher Musiker im Jazz gab, die sich auch intensiv mit der Klassik beschäftigt und auseinander gesetzt haben. "Bach goes to Town" fand bei Benny Goodman 1938 Einzug, das war nach dem Carnegie Hall Concert gewesen. Artie Shaw, Stan Kenton oder auch das Modern Jazz Quartett (die durch John Lewis direkt auf Bach verweisen), Dave Brubeck (der Schüler von Darius Milhaud war) und selbst Glenn Miller ("Anvil Chorus" ist von Verdi geklaut) haben zumindest auch in die Ecke hin und wieder geschaut.
Viel früher haben Jean Goldkette (den heute kein Mensch mehr kennt) und Paul Whiteman zumindest starke Einflüsse aus der Klassischen Musik gezogen.
satie (23.01.2020, 15:20): Lieber Cetay, der Alessandrini ist tatsächlich eine Bereicherung, danke für den Tipp. Was ich an Egarr schätze, ist der relativ neutrale Zugang und die kammermusikalische Qualität. Bei Alessandrini höre ich beispielsweise in den Fugati des ersten Satzes der Suite 1 die Mittelstimmen nicht so schön transparent wie bei Egarr. Aber ich habs noch nicht durchgehört, später mehr.
Herzliche Grüße Satie
satie (25.01.2020, 10:39): Ok, nachdem ich jetzt die Scheibe mit dem Concerto Italiano durchgehört habe, muss ich sagen: ja! Das ist jetzt einmal eine richtig gute Ergänzung zu den anderen Aufnahmen. Hier werden rhythmische Akzente gesetzt, Mittelstimmen mal zu Hauptstimmen erklärt undsoweiter, sehr schön, dass jemand sich überlegt hat, wie man die Suiten historisch informiert und dennoch individuell gestaltet einspielen kann. Sie ist für mich ein schöner Gegenpart zu Egarr, wahrscheinlich werde ich da je nach Stimmungslage den einen oder den anderen anhören. Danke für den Tipp noch einmal an Cetay!
Herzliche Grüße Satie
Cetay (inaktiv) (25.01.2020, 12:51): :beer Gegenpart trifft es gut. Die Koexistenz von zwei so unterschiedlichen, wie herausragenden historisch informierten Interpretationen müsste auch den Letzten, der heute noch Schlürens unsägliches Zitat von der Nivellierung der kompositorischen Qualität durch Hervorhebung der sie umgebenden zeitgebundenen Konventionen nachplappert, zum Verstummen bringen. Damit es nicht off-topic wird, schmeiße ich noch schnell Günter Kehrs Aufnahme mit dem Mainzer Kammerorchester in den Ring. Überraschend sind die rasanten Tempi, die hier -zum Beispiel in der Polonaise der zweiten Suite- angeschlagen werden; deutlich zügiger als bei den genannten HIPstern. Diese Proto-HIP Einspielungen mit modernen Instrumenten haben ihren ganz eigenen Reiz.