Bachs Johannes-Passion

Agravain (02.04.2010, 11:21):
Bachs Johannes-Passion

http://staatsbibliothek-berlin.de/fileadmin/user_upload/zentrale_Seiten/musikabteilung/bilder/johannespassion.jpg

Wie mir scheint, so wird die Bachsche Passion nach dem Evangelisten Matthäus im Kreise der Forianer häufiger gehört als die „kleine Schwester“, die „Passio Secundum Johannem“ BWV 245. Ist das so? Und wenn ja: WARUM?

Zur Entstehungsgeschichte und zum aufführungshistorischen will ich an dieser Stelle einfach mal nichts sagen, schließlich ist das alles gut erforscht und – wie ich denke – den Forianern weitgehend bekannt.

Der obigen Frage danach, warum die Johannes-Passion anscheinend nicht so oft gehört wird, will ich ein Zitat von Marten t’Hart mit auf den Weg geben:

„Ich habe auch nie die Diskussion über die Frage begriffen, welche Passion schöner ist, die des Matthäus oder des Johannes. Unlängst fand ich in einem Brief von Robert Schumann an Moritz Hauptmann vom 8. Juni 1851 die folgende Passage: ‚Es scheint mir kaum zweifelhaft, daß die Johannes-Passion die später, in der zeit höchster meisterschaft, geschriebene ist; in der anderen spürt man, dächte ich, mehr Zeitflüsse, wie auch in ihr der Stoff noch nicht bewältigt erscheint. Aber die leute denken freilich, die Doppelchöre machen’s.’ Daß Schumann sich in den Entstehungsdaten der beiden Werke irrt – er konnte es nocht nicht wissen, daß die Johannes-Passion (Fassung 1) 1724 entstand, die Matthäus-Passion einige Jahre später -, ist weniger von Belang als seine Meinung über die Werke.“

Es geht mir also hier nicht um einen Kontest, à la „Welche Passion ist die schönere?“ Mir geht es darum, wie gut ihr die Johannes-Passion kennt, was Euch an ihr anspricht, was weniger und eben auch warum ihr ggf. die eine der anderen Passionsvertonung vorzieht. Natürlich sind auch Aufnahmebesprechungen gefragt.

Bevor ich jedoch ganz knapp die mir vorliegenden Aufnahmen aufliste, noch ein paar Sätze aus der „Kleinen Chronik der Anna Magdalena Bach“ mit denen ich vollkommen übereinstimme:

„Die Matthäus- und die Johannespassion, das sind gewiß die größten Kunstwerke, die je eines menschen geist ersonnen hat. Diese Musik kam aus Sebastians innerstem Herzen: er schrieb sie in schwerem Leiden, denn nie konnte er Christi Wunden und seines Kreuzestodes gedenken, ohne selbst zu leiden und die Sündhaftigkeit der Kreatur zu empfinden. Und aus diesen Schmerzen kam einzig die erschütternde Schönheit, die seine ganze Passionsmusik überflutet. Da höre ich in meinem Sinn das Altsolo aus der Johannespassion: ‚Es ist vollbracht’, das mir immer so ganz eigentümlich in seiner grandiosen und wehen farbe vorgekommen ist. Als diese Passion zum erstenmal in der Karwoche des Jahres 1724 aufgeführt wurde, sang ein Knabe dies Solo mit einer so unaussprechlich beseelten und seltsam ergreifenden Stimme, daß mehr als einem Zuhörer dabei die tränen aus den Augen stürzten.“

Nun die mir bekannten Aufnahmen

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41SB2G66ASL._SL500_AA300_.jpg

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41Q218YAoBL._SS400_.jpg

http://ecx.images-amazon.com/images/I/6191KYBJK7L._SS400_.gif

http://ecx.images-amazon.com/images/I/61RA9DYWJ2L._SL500_AA300_.gif

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http://ecx.images-amazon.com/images/I/51A1P8EVFQL._SL500_AA300_.jpg

Ich hoffe auf viele interessante Beiträge!
:hello
Agravain
Fairy Queen (02.04.2010, 14:35):
Nur ganz kurz en passant: ich oute mich als grosser Fan der Johannes-Passion, deren Schlusschor "Ruht wohl" und Schlusschoral "Ach Herr, lass dein lieb Engelein" für mich das Höchste und Ergreifendste sind, was ein Mensch sich vorstellen kann.
Ich habe sie sehr oft gesungen, kann aber leider dabei nie die Tränen zurückhalten und bin deshalb als Johannes-Passions-Sängerin einstweilen abgetreten. Als Zuhörerin aber keineswegs!
Ich werde nächsten Freitag eine choreographierte Version am Koblenzer Stadttheater, das einen hervorragenden Choreographen, Anthony Taylor, hat sehen. Wenn das genauso phantastisch ist wie die Goldbergvarationen, die er dort vor Jahren inszeniert hat dann wird es ein ganz grosser Abend.
Manchmal sind kleine Häuser für ganz grosse Überraschungen gut.

F.Q., aus einem Land, in dem es den Karfreitag gar nciht gibt.
Armin70 (02.04.2010, 15:33):
Für mich persönlich stellt sich die Frage, welche der Bachschen Passionen ich lieber mag bzw. lieber höre erst gar nicht, weil beide Werke (Johannes- und Matthäuspassion) zum beeindruckensten gehört, was überhaupt in der geistlichen oder überhaupt in der Musik komponiert wurde.

Beide Passionen beleuchten die Passionsgeschichte ganz unterschiedlich. In der Johannespassion richtet sich Bachs Augenmerk vor allem auf die Volkschöre im 2. Teil der Passion, die stärker in Aktion treten als in der Matthäuspassion. Damit unterstreicht Bach den dramatischen Aspekt dieser Passionsgeschichte nach dem Johannes-Evangelium.

Besonders eindringlich wird dies, wenn man sich die steigernde Dramatik verdeutlicht:

- "Wäre dieser nichtein Übeltäter"
- "Wir dürfen niemand töten"
- "Sei gegrüßet"
- Die ungeheuerlichen "Kreuzige !"- Aufschreie
- "Wir haben ein Gesetz"
- "Lässest du diesen los"
- "Weg, weg mit dem"
- "Wir haben keinen König"

Dann der fast frivol dahintänzelnde Chor "Lasset uns den nicht zerteilen". Daran schliesst sich das Rezitativ des Evangelisten als dreiteiliges Adagio "Sie haben meine Kleider unter sich geteilet" (Schrifterfüllung) an mit dem sich daran anschliessenden Choral "O Mensch, mache Richtigkeit".

Das ist von so einer bezwingenden Dramatik, die mich immer wieder aufs Neue in den Bann zieht. Wenn es sowas gibt, könnte man fast von einer Art "geistigen Oper" sprechen. Jedenfalls hatte Bach zweifelsohne das Zeug zum großen Dramatiker.

Der Chor "Ruhet wohl" und der Schlusschoral "Ach Herr, lass dein lieb Engelein" nähern sich in ihrem innigen Ausdruck und Trost dann der Matthäuspassion an.

Der Grund, warum ich mich in letzter Zeit mehr mit der Matthäuspassion beschäftigte ist schlicht und einfach der, weil diese in meinem Umfeld präsenter war, z. B. die Aufführung in Frankfurt oder heute im TV wird auch eindeutig mehr die Matthäuspassion gespielt.

Kurz noch zu meinen Aufnahmen der Johannespassion:

Eine interessante Aufnahme mit Peter Schreier, der hier gleichzeitig die Partie des Evangelisten singt und gleichzeitig auch der Dirigent der Aufnahme ist.



Dann die großartige Aufnahme mit Frans Brüggen:



Beide Aufnahmen ergänzen sich wunderbar und ich höre beide nach wie vor sehr gerne.
Heike (04.04.2010, 22:47):
Hallo,

Wie mir scheint, so wird die Bachsche Passion nach dem Evangelisten Matthäus im Kreise der Forianer häufiger gehört als die „kleine Schwester“, die „Passio Secundum Johannem“ BWV 245. Ist das so? Und wenn ja: WARUM?
Bei mir ist es in der Tat so, dass ich die Matthäuspassion öfter höre und auch viel besser kenne. Warum? Auf jeden Fall liegt es nicht an den Doppelchören, mir gefallen eher die solistischen Passagen. Wenn ich so nachdenke, vielleicht weil die Matthäuspassion etwas weniger dramatisch und etwas mehr romantisch ist und zugleich nahe an der italienischen Barockoper. Oder weil ich sie zufällig früher viel öfter live gehört habe. Ich weiß es auch nicht so genau.

Jedoch mag ich beide Passionen sehr gern. Giibt es eigentlich von der Johannespassion ähnlich schlanke Aufnahmen wie z.B die mit McCreesh oder Kuijken bei der Matthäuspassion, die ihr empfehlen könnt?
Heike
Armin70 (04.04.2010, 23:03):
Hallo Heike,

da gibt es die Aufnahme von Jos van Veldhoven und der Netherlands Bach Society.
Der Chor in dieser Aufnahme besteht aus dem Solistenquartett und je einem Ripienisten pro Stimme, also auch sehr schlank besetzt.

Hier kann man mehr über diese Aufnahme lesen hier.



Gruß
Armin
Heike (04.04.2010, 23:06):
Danke, da werde ich sicher mal reinhören!
Heike
Amadé (04.04.2010, 23:33):
Eigentlich schon vorüber!
Zwischen beiden Passionen zu wählen fällt mir schwer, beide haben Sätze/Abschnitte, die mir sehr nahe gehen, hier kann es kein besser oder schlechter geben. Allein der Text des Evangeliums und seine Aussage war für Bach die Richtschnur seines Komponierens, das zeitigte hie andere Resultate als dort.

Nun muss ich für mich Farbe bekennen: ich besitze mehr Aufnahmen der Matthäus-Passion als der von Johannes, trotzdem bevorzuge ich die Johannes-Passion. Sie ist für mich gestraffter und konzentrierter auf das Passionsgeschehen ausgerichtet.
Meine Lieblingseinspielung ist schon betagt, kommt aus Berlin (1961), ist keine HIP-Produktion, kann aber mit hervorragenden Solisten aufwarten, allen voran Fritz Wunderlich als Evangelisten, Dietrich Fischer-Dieskau als Jesus, weiter Elisabeth Grümmer, Christa Ludwig, Josef Traxel u.a. Es singt der Chor der St.Hedwigs-Kathedrale Berlin, es spielen die Berliner Symphoniker (fielen inzwischen dem Sparstift zum Opfer), die Leitung hatte der kompetente Karl Forster, Domkapellmeister an der St.Hedwigs-Kathedrale Berlin.

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0077776423425.jpg

Gruß Amadé
Wooster (05.04.2010, 10:49):
Ich kenne die Matthäuspassion viel besser als die Johannespassion; zwar besitze ich auch Aufnahmen der letzteren, aber ich habe sie höchstens einmal live erlebt.
Anfangs fand ich sie ein sehr herbes, schwer zugängliches Werk und die Matthäuspassion ist noch immer mein Favorit. Lediglich bei der Dramatik der turbae ist die Johannespassion überlegen. Obwohl mir natürlich Einzelstücke sehr gut gefallen (Eingangs/Schlußchor, "Es ist vollbracht", "Ich folge Dir gleichfalls" u.a.) finde ich im Ganzen auch die einzelnen Arien der Matthäuspassion schöner. (Es fällt mir bspw. ziemlich schwer "Lieber Heiland, lass dich fragen(?)" als eine der inspirierteren Stücke Bachs anzusehen...)

An Einspielungen favorisiere ich solche, die den dramatischen Gestus besonders deutlich machen, so etwa (ungeachtet einiger nicht ganz idealer Sänger) Harnoncourt (Teldec, mit Rolfe Johnson u.a.) und Max (Capriccio) mit einem großartigen Pregardien als Evangelist, leider jedoch einem mäßigen männlichen Altisten für "Es ist vollbracht".

Am Rande: Die "Kleine Chronik..." ist rein fiktiv und nicht auf soliden Quellen gegründet, falls das nicht ohnehin schon alle wissen. (Was einen natürlich nicht davon abhalten sollte, mit der oben ausgedrückten Meinung konform zu gehen, nur ist das eben kein Statement aus Bachs historischem Umfeld.)

:hello

Wooster
Agravain (05.04.2010, 11:40):
Original von Wooster
Am Rande: Die "Kleine Chronik..." ist rein fiktiv und nicht auf soliden Quellen gegründet, falls das nicht ohnehin schon alle wissen. (Was einen natürlich nicht davon abhalten sollte, mit der oben ausgedrückten Meinung konform zu gehen, nur ist das eben kein Statement aus Bachs historischem Umfeld.)
:hello
Wooster

Das ist wahr. Tatsächlich wurde sie von Esther Meynell verfasst - ich glaube es war so in den 30ern des vergangenen Jahrhunderts. Nichtsdestotrotz ist sie als Fiktion (!) gut lesbar und trifft bisweilen sogar den Kern der Sache.
Heike (05.04.2010, 14:53):
Kleine Nebenbemerkung:
Berliner Symphoniker (fielen inzwischen dem Sparstift zum Opfer)
Gott sei Dank noch nicht ganz, es gibt sie noch, wenn auch ohne Zuschüsse arg gebeutelt: http://www.berliner-symphoniker.de/
Heike
Mime (05.04.2010, 20:27):
Original von Amadé
Eigentlich schon vorüber!
Zwischen beiden Passionen zu wählen fällt mir schwer, beide haben Sätze/Abschnitte, die mir sehr nahe gehen, hier kann es kein besser oder schlechter geben. Allein der Text des Evangeliums und seine Aussage war für Bach die Richtschnur seines Komponierens, das zeitigte hie andere Resultate als dort.

Nun muss ich für mich Farbe bekennen: ich besitze mehr Aufnahmen der Matthäus-Passion als der von Johannes, trotzdem bevorzuge ich die Johannes-Passion. Sie ist für mich gestraffter und konzentrierter auf das Passionsgeschehen ausgerichtet.
Meine Lieblingseinspielung ist schon betagt, kommt aus Berlin (1961), ist keine HIP-Produktion, kann aber mit hervorragenden Solisten aufwarten, allen voran Fritz Wunderlich als Evangelisten, Dietrich Fischer-Dieskau als Jesus, weiter Elisabeth Grümmer, Christa Ludwig, Josef Traxel u.a. Es singt der Chor der St.Hedwigs-Kathedrale Berlin, es spielen die Berliner Symphoniker (fielen inzwischen dem Sparstift zum Opfer), die Leitung hatte der kompetente Karl Forster, Domkapellmeister an der St.Hedwigs-Kathedrale Berlin.

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0077776423425.jpg

Gruß Amadé

Das ist auch meine Favoritenaufnahme! Danke für die Einstellung!
:down :down :down :down :down :down :down
Rachmaninov (06.04.2010, 13:57):
Was mir imme rwieder sehr unangenehm auffällt bei div. Produktionen von Choralwerken ist die teilweise unverständliche gesangliche Artikulation.
Man hat ja oft Schwierigkeiten überhaupt zu identifizieren um welche Sprache es sich handelt.
Nichts gegen ausländische Sänger, aber wenn man etwas auf deutsch singt, sollte es sich doch zumindestens verständlich anhören.

Wie sieht es diesbezüglich bei den hier genannten Aufnahmen aus?
Bernfried (08.04.2010, 23:56):
Eine der besseren Interpretationen: BWV 245 - 35
Agravain (09.04.2010, 07:43):
Original von Bernfried
Eine der besseren Interpretationen: BWV 245 - 35

Naja, stimmlich ist das ja ganz hübsch, was die Kozena da macht, Textverständlichkeit ist jedoch null, das könnte genauso gut eine Vokalise sein. Mir würde das nicht reichen. Allerdings ist das - finde ich - auch eine der schwersten Arien, die Bach für Sopran geschrieben hat. Die beste Wiedergabe, die ich bisher gehört habe, ist leider nicht auf CD gebannt. Das war bei einer Live-Aufführung, es sang die Magndeburger Professorin für Gesang Monika Meier-Schmidt.
Armin70 (29.04.2011, 00:05):
Original von Armin70
Heute neu gekauft und gleich in den Player:

Johann Sebastian Bach: Johannespassion BWV 245



Mark Padmore, Evangelist
Hanno Müller-Brachmann, Jesus
Katharine Fuge, Sopran
Joanne Lunn, Sopran
Bernarda Fink, Alt
Peter Harvey, Bass

Monteverdi Choir, English Baroque Soloists
John Eliot Gardiner
(Aufnahme vom 22. März 2003 aus dem Kaiserdom in Königslutter, Niedersachsen)

Nachdem ich mir diese neu herausgekommene Aufnahme von Bachs Johannespassion mit John Eliot Gardiner anhörte, möchte ich kurz meine Eindrücke schildern. Zuvor aber noch ein paar Worte über Bachs Johannespassion selbst:

Man muss sich mal vorstellen, was für ein ungeheuerliches Werk die Johannespassion ist ! Vor 1724, dem Jahr der ersten Aufführung der Johannespassion in Leipzig, wurden in Leipzig am Karfreitag überwiegend nur monophone Chöre aus der Zeit Martin Luthers gesungen. Andere Passionsvertonungen kamen erst ab ca. 1717 vermehrt auf, z. B. eine Passionsmeditation von Reinhard Keiser aus dem Jahr 1719 in Gotha und 1725 führte Stölzel sein Passionsoratorium nach dem Text von Barthold Heinrich Brockes.

Umso mehr stellt Bachs Johannespassion in diesem Kontext eine Sonderstellung dar. Als Bach seinen ersten Kantatenjahrgang 1723 anging, um zum ersten Mal für alle Feiertage im Kirchenjahr jede Woche neue Musik zu komponieren war das eine unglaubliche Herausforderung, die er sich stellte. Bach plante ursprünglich mindestens 2 vollständige Kantaten-Zyklen zu komponieren und jeder Zyklus sollte von einer Passion gekrönt werden. Bach versuchte dann auch in der Johannespassion, die Techniken und Themen, die er in den zuvor komponierten Kantaten bereits anwendete, zu einem besonderen Werk zusammenzufassen qusi als krönenden Abschluss seines bis dahin komponierten Schaffens.

In dieser Aufnahme erklingt eine unglaublich gereifte und tiefgründige Johannespassion, wie ich es so ehrlich gesagt noch nie gehört habe. Man merkt, dass Gardiner und seine großartigen Ensembles bei ihrer Bach-Pilgrimage sehr tief in Bachs geistlichen Klangwelten vorgedrungen sind und sich diese Erkenntnisse nun fast wie die Summe dessen in dieser Aufnahme widerspiegeln.

Gardiners Aufnahme der Johannespassion aus den 1980er Jahren kenne ich nicht aber in der neuen Aufnahme spiegelt sich das wieder, was ich bereits in den neueren Kantaten-Aufnahmen Gardiners feststellte: Ich meine ein Art "Altersmilde" festzustellen, d. h. der "erhobene Zeigefinger", so nach dem Motto: Hört her, so muss das klingen", wie man früher festzustellen meinte, fehlt hier völlig.

Die gesamte Aufnahme ist von einem großen Spannungsbogen getragen und Gardiner kann es sich leisten, die Tempi an manchen Stellen sogar noch zu verlangsamen, ohne dass es zu irgendwelchen Brüchen kommen würde. Da entsteht fast eine ätherische-schwebende Stimmung, die etwas ganz besonderes ist.

Hinzu kommen exzellente Solisten, wo meiner Meinung nach niemand abfällt oder unangenehm heraussticht. Mark Padmore ist eine Klasse für sich. Schon lange habe ich keinen so bestechend und intelligent gestalteten Evangelisten-Part gehört. Mark Padmore singt ebenfalls überzeugend die Tenorarien. Hanno Müller-Brachmann als Jesus strahlt gleichzeitig eine Ruhe und dennoch auch eine Kraft aus, so dass Jesus glaubhaft als "Christus victor", so wie Jesus im Johannesevangelium geschildert wird, dargestellt wird.

Sehr berührend sind die beiden Sopranistinnen Joanne Lunn ("Ich folge dir gleichfalls") und Katharine Fuge ("Zerfließe, mein Herze, in Fluten der Zähren"). Auch Bernarda Fink gestaltet die unglaubliche Arie "Es ist vollbracht" mit einer Intensität, die schlicht und einfach atemberaubend ist.

Der Monteverdi-Choir unterstreicht in dieser Aufnahme erneut seine Ausnahmestellung, die er vielleicht hat. Die Choräle werden atmosphärisch unheimlich dicht und spannungsvoll gestaltet und die Chöre "Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine" und "Ach Herr, lass dein lieb Engelein" sind für mich schlicht und einfach genial in ihrer berührenden und ergreifenden Darstellung.

Diese Live-Aufnahme zeichnet sich auch durch die besondere Atmosphäre im Kaiserdom in Königslutter, Niedersachsen, aus. Der Klang ist sehr präsent, so dass die Textverständlichkeit hervorragend ist. Das Textbuch brauchte ich gar nicht. Des weiteren sind störende Publikumsgeräusche so gut wie gar nicht vorhanden.

Wer immer noch denkt, dass John Eliot Gardiners Aufnahmen kalt, emotionslos und perfektionistisch sind, der sollte sich schleunigst diese Aufnahme anhören und wird dann eines Besseren belehrt.

Fazit: Unbedingt kaufen !!!

Armin
Heike (29.04.2011, 08:33):
Hallo Armin,
das klingt vielversprechend. Padmore mag ich sowieso und auch Hanno Müller-Brachmann kann ich mir gut vorstellen, ich habe ihn in Berlin schon öfter gehört und er hat es immer gut gemacht.
Was ich dich fragen wollte: Die Aufnahme ist in einem Dom aufgenommen, hallt das dort sehr? Sowas liebe ich gar nicht, wenn da der Klang so verschwimmt.
Heike
Armin70 (29.04.2011, 15:56):
Hallo Heike,

der Hall hält sich für meinen Geschmack in Grenzen. Man merkt natürlich schon die große Akustik des Doms aber die Aufnahmetechnik vermittelt den Eindruck, als steht man wie der Dirigent unmittelbar vor dem Chor und dem Orchester, also sehr direkt.

Armin
Heike (21.03.2012, 09:38):
Drei jüdische Künstler und Intellektuelle haben neue Texte für Bachs Johannespassion geschrieben, weil sie die Arien antisemitisch fanden – ein Sakrileg?
"Mitglieder der Berliner Domgemeinde sind empört und drohen mit Austritt. Sie fürchten um Bachs Johannespassion, das Herzstück protestantischer Anbetung. Denn drei jüdische Künstler und Intellektuelle haben die Arien mit neuen Texten unterlegt – viele halten das für ein Sakrileg. Am kommenden Freitag soll die neue Fassung im Dom uraufgeführt werden."

Der ganze Artikel im Tagesspiegel

Wie findet ihr denn das? Ehrlich gesgt, ich habe große Mühe damit - kann man heute Kunstwerke nicht mehr in der Zeit verstehen und belassen?
Heike
Solitaire (21.03.2012, 09:57):
Um es ganz kurz und politisch unkorrekt zu sagen: es nervt schon ein bißchen oder? Und es ist im Übrigen m.E. auch völlig unnötig, wem es bei "Sein Blut komme über uns..." nicht eiskalt den Rücken runterläuft, weil sich die Blutspur nämlich tatsächlich bis Auschwitz zieht, dem ist auch mit geänderten Texten nicht zu helfen...
Dem Antisemitismus kommt man mit solchen Änderungen auch nicht bei, dennoch stelle ich mir ein solches Projekt durchaus spannend vor und würde es mir anhören, zumal ich die Johannes-Passion ohnehin sehr liebe.
Deshalb aus der Gemeinde auszutreten ist natürlich hanebüchener Unsinn und zeugt mehr von Fanatismus denn von Liebe zu Bach.
Aber wenn wir schon bei Änderungen sind, vielleicht ändert ja mal jemand den 91. Psalm für mich:

Wenn tausend fallen zu meiner Seite,zehntausend fallen dann rechts von mir.Werd ich mich doch nicht fürchten.Kein Unheil erreicht mich.
Soviel Ignoranz, Unmenschlichkeit und Egoismus geht nämlich MIR auf den Zeiger :ignore
Jürgen (21.03.2012, 15:23):
Das Verändern der Texte der Johannespassion kann man schon als Sakrileg verstehen, basieren sie doch auf dem Johannes-Evangelium.

Allerdings ist das Johannes-Evangelium den Juden gegenüber wesentlich kritischer, als die drei synoptischen Evangelien. Ich kann also die Beweggründe für diese Aktion nachvollziehen, ihre Realisierung trotzdem nicht gutheissen.


Grüße
Jürgen
Armin70 (21.03.2012, 15:51):
Diese textliche Umarbeitung kann ich ehrlich gesagt nicht nachvollziehen und finde die Vorgehensweise auch inkonsequent, da man sich nur auf Arien konzentrierte aber die Rezitative und Choräle dabei nicht miteinbezog, die ja mehr antijüdische Tendenzen enthalten.

Für mich stellt Bachs Johannespassion in erster Linie ein Kunstwerk dar und ist ist für mich weniger als Gottesdienst zu verstehen. Daher sollte man meiner Meinung nach solche Kunstwerke unangetastet lassen, da sie ja auch ein Spiegelbild der Zeit sind, in der sie entstanden sind.

Auch wenn es platt oder banal klingt aber konsequenter hätte ich es gefunden, wenn man eine komplett neue Passion schreibt, sowohl was die Musik als auch den Text angeht, d. h. eine Passion, welche die Bibel mit der aktuellen Geschichte und der Vergangenheit kombiniert bzw. in einen neuen Kontext bringt.

Mir bereitet das schon Bauchschmerzen und ist für mich falsch verstandene "political correctness", wenn man in ein ca. 290 Jahre altes Kunstwerk eingreift indem man glaubt, mit neuen Texten es irgendwie "bequemer" zu machen. Eigentlich ist das für mich auch so eine Art von Zensur.

Was kommt als nächstes ? Nimmt man sich dann Luther-Choräle oder Opern-Libretti von Wagner vor, die man textlich entschärft ?

Andererseits finde ich aber auch, dass man wegen einer teilweisen textlichen Neugestaltung der Johannespassion nicht gleich aus der Kirchengemeinde austreten muss.

Armin
Heike (21.03.2012, 19:14):
Ich finde es (auch nach einem Tag Nachdenken drüber) nicht ok, die originalen Texte zu ändern, egal. aus welchen Motiven man das zu tun meint.
Wäre ich in diesem Kirchenchor, würde ich das jedenfalls nicht mitsingen.
Heike
Jürgen (22.03.2012, 08:53):
Original von Armin70
Für mich stellt Bachs Johannespassion in erster Linie ein Kunstwerk dar und ist ist für mich weniger als Gottesdienst zu verstehen.

Wenn das so ist, verurteilst Du dann in gleichem Maße die Aufführung italienischer Opern in deutscher Sprache oder englische Aufführungen der Zauberflöte in den USA. Die Modifikation der Sprachmelodie findet hier genauso statt, lediglich die Motivation ist eine andere.

Grüße
Jürgen
Armin70 (22.03.2012, 14:55):
Original von Jürgen
Original von Armin70
Für mich stellt Bachs Johannespassion in erster Linie ein Kunstwerk dar und ist ist für mich weniger als Gottesdienst zu verstehen.

Wenn das so ist, verurteilst Du dann in gleichem Maße die Aufführung italienischer Opern in deutscher Sprache oder englische Aufführungen der Zauberflöte in den USA. Die Modifikation der Sprachmelodie findet hier genauso statt, lediglich die Motivation ist eine andere.

Grüße
Jürgen

1. Verurteile ich nichts, weil ich kein Richter bin.
2. Mit Opern kenne ich mich nicht so gut aus aber wenn fremdsprachige Opern in deutschen Übersetzungen gesungen werden, wird meines Wissens dabei aber nicht derart in den Text eingegriffen, dass ganze Passagen neu getextet werden, so dass ein ganz anderer Sinn entsteht.

Aus diesem Grund hinkt meiner Meinung nach dieser Vergleich gewaltig.
Heike (22.03.2012, 18:37):
Ich würde das auch nicht vergleichen - bei fremdsprachigen Opern ist es ja gerade der Sinn der Übersetzung, den vorhandenen Text den Hörern verstehbar zu machen. Hier aber soll der Text ersetzt werden, also mit neuen Inhalten gefüllt werden. Das sehe ich wesentlich kritischer als Übersetzungen (obwohl ich auch von denen nicht gerade ein Fan bin).
Heike
Jürgen (23.03.2012, 08:11):
Original von Heike
Ich würde das auch nicht vergleichen - ....

Viele, die dieses Projekt kritisieren (z.B. in der Diskussion, die sich dem verlinkten Artikel anschließt), führen dabei ins Feld, dass sich bei Veränderungen des Textes die Sprachmelodie ändert. Und das ist bei Übersetzungen genau so der Fall.

Ich selbst habe mir noch kein abschliessendes Urteil gebildet. Aber ich versuche, die Beweggründe zu verstehen und nachzuvollziehen, wie wichtig den Betroffenen diese Aktion ist.

Andererseits versuche ich herauszufinden, was es den herkömmlichen Bachliebhaber kostet, wenn weltweit eine handvoll dieser modifizierten Aufführungen stattfindet.


Original von Armin70
Verurteile ich nichts, weil ich kein Richter bin.

Hier ist mir wohl ein Fehler unterlaufen.
Original von Jürgen
Wenn das so ist, verurteilst Du dann in gleichem Maße die Aufführung italienischer Opern in deutscher Sprache oder englische Aufführungen der Zauberflöte in den USA
Das sollte eigentlich eine Frage sein, ich habe aber statt eines Fragezeichens einen Punkt gemacht. Dummerweise ergibt der Satz dabei immer noch einen Sinn, nämlich den einer Unterstellung, die durch das Verb verurteilst an Schärfe gewinnt.
Ich nehme das mit Bedauern zurück.
Verurteilen war weniger im Sinne eines richterlichen Urteils gemeint, als im Sinne Deiner persönlichen Mißbilligung.
Heike (23.03.2012, 08:18):
Viele, die dieses Projekt kritisieren (z.B. in der Diskussion, die sich dem verlinkten Artikel anschließt), führen dabei ins Feld, dass sich bei Veränderungen des Textes die Sprachmelodie ändert. Und das ist bei Übersetzungen genau so der Fall.
Stimmt, deshalb mag ich ja auch Übersetzungen nicht so sonderlich.
Wir sind ja auch in der KOB reichlich damit gesegent, ich kann dir sagen, eine Carmen auf deutsch ist grauslig!

Andererseits versuche ich herauszufinden, was es den herkömmlichen Bachliebhaber kostet, wenn weltweit eine handvoll dieser modifizierten Aufführungen stattfindet.
Erstmal nichts. aber wenn sich jeder, der ein plausibles Motiv vorweisen kann, dann demnächst an diesem oder jenem Text zu schaffen macht, sobald die Schutzfrist aubgelaufen ist, dann würde ich mir doch Sorgen machen. Alte Kunst ist voll von Diskriminierungen. Meine Frage ist, ob man solcherart Eingriffe überhaupt vom Motiv abhängig machen darf!
Heike
Solitaire (23.03.2012, 08:21):
Original von Armin70
aber wenn fremdsprachige Opern in deutschen Übersetzungen gesungen werden, wird meines Wissens dabei aber nicht derart in den Text eingegriffen, dass ganze Passagen neu getextet werden, so dass ein ganz anderer Sinn entsteht.

Das sollte so sein.
Walter Felsenstein erzählt in einem Interview, daß er bei seiner Inszenierung der "Verkauften Braut" die gängige deutsche Übersetzung mit dem tschechischen Originaltext verglichen hat. In der Übersetzung singt Marie an einer Stelle etwa "Gläubig blicke ich zu dir auf". An der gleichen Stelle heißt es im Original (sinngemäß): "Gnade dir Gott wenn du mich hintergehst!" Er hat dann den ganzen Text für seine Inszenierung neu übersertzen lassen. Hat er ja gerne getan.
Nur mal so :cool

Original von Heike
Stimmt, deshalb mag ich ja auch Übersetzungen nicht so sonderlich.
Wir sind ja auch in der KOB reichlich damit gesegent, ich kann dir sagen, eine Carmen auf deutsch ist grauslig!

"Auf in den Kampf, Torehehehero, siegesbewußt, Stolz in der Brust" :D

OT aus

Für mich ist die Passion nicht "nur" ein Kunstwerk, ähnlich der Oper, obwohl sie gleichermaßen dramatisch ist. Sie an Karfreitag in der Kirche zu hören oder gar zu singen ist m.E. schon etwas anderes, als "La Traviata" im Stadttheater zu erleben, so sehr ich die Oper auch liebe.
Ich kann mich mit dem Gedanken an textlixche Änderungen auch nicht anfreunden, für ein Sakrileg halte ich es dennoch nicht, jedenfalls nicht wenn das jetzt nicht zur Regel wird, sondern es bei diesem "Experiment" bleibt.
Armin70 (02.04.2012, 23:36):

(aufgenommen vom 17. - 20. April 2011, Akademiesaal, St. Truiden, Belgien)

Sigiswald Kuijken setzt seine Aufnahme von Bachs geistlichen Werken in solistischer Besetzung fort und ist inzwischen bei der Johannes-Passion angelangt.

Kuijken, der übrigens für diese Aufnahme die 1. Fassung von 1724 wählte, kann auch hier wieder auf die inzwischen bewährten Sänger/innen aus den vorherigen Bach-Aufnahmen zurückgreifen. Insgesamt wirken 8 Sänger mit, d. h. 4 Gesangssolisten, inklusive Evangelist und Jesus-Partie und weitere 4 Ripienisten. Passend dazu ist das Instrumentalensemble auch sehr schlank besetzt und besteht aus insgesamt 13 Musikern.

Nachdem mich letztes Jahr Kuijkens Neuaufnahme der Matthäus-Passion (auch in solistischer Besetzung) vollkommen begeistert hat, war ich auf seine Neuaufnahme der Johannes-Passion sehr gespannt. Aus irgendeinen Grund kann mich diese Aufnahme aber nicht so ganz überzeugen; irgendetwas fehlt. Vielleicht liegt es daran, dass Kuijken einen sehr verinnerlichten, intimen Interpretationsansatz wählt und mir die Dramatik an einigen Stellen etwas fehlt und den Dramatischen Aspekt finde ich bei der Johannes-Passion schon wichtig. Mit der kleinen Besetzung hat das meiner Meinung nach nichts zu tun denn bei der Matthäus-Passion zeigte Kuijken oder erst Recht McCreesh, dass die solistischen Besetzungen genauso fesseln können wie chorische Besetzungen.

Die Sängerleistungen sind exzellent, sehr homogen klingt das. Besonders hervorheben möchte ich Christoph Genz als Evangelist, der seinen Part wirklich sehr gut gestaltet. Des weiteren singt Gerlinde Sämann die Arie "Zerfließe, mein Herze" traumhaft schön und die kammermusikalische Besetzung läßt hier einen geradezu schwebenden Charakter der Musik entstehen.

Auch der Chor "Ruhet wohl, ihr heiligen Gebeine" ist für mich ein Highlight und ein Musterbeispiel, wie spannend und exzellent solistische Besetzungen klingen können.

Insgesamt eine Aufnahme auf sehr hohem Niveau und mit starken Momenten, die aber für mich nicht ganz die Geschlossenheit erreicht wie Kuijkens Aufnahme der Matthäus-Passion. Das ist aber nur mein erster Eindruck nach dem ersten Hören und vielleicht ändert sich der nach mehrmaligen Hören noch.
Heike (03.04.2012, 07:55):
Danke für den Hinweis. Kuijkens Matthäuspassion war umwerfend schön (man kann sie übrigens hier auf Simfy hören)! Christoph Genz kenne ich von diversen anderen Bach-Kantaten-Aufnahmen, ich kann mir sofort vorstellen, dass er ein guter Evangelist ist. Ich werde mir die CD auch bestellen und dann später berichten.
Heike
Heike (06.04.2012, 14:39):
Ich höre gerade die gestern eingetroffene CD von Kuijkens Johannespassion erstmalig - und ich muss sagen: ich finde es umwerfend! Ich bin begeistert von der Intensität, mir fehlt absolut nichts, die Solisten singen so grandios gut zusammen, Tempo und Dynamik stimmen für mich perfekt und die Sänger sind auch solistisch großartig. Das wir sofort mein Favorit der Johannespassions-Aufnahmen.
Heike
Agravain (06.03.2014, 21:06):
http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec-BIG/SJP-Kleiber-E-V1a%5BGebhardt-2CD%5D.jpg

Kleiber, Erich (live: 22.09.1938, Buenos Aires) – Koloman von Pataky, Herbert Janssen, Margherita Perras (fälschlich als Margarita Perkas), Karin Maria Branzel, Emanuel List, Coro e Orquestra des Teatro Colón

Eine Passion mitten im September? Man mag sich fragen, warum Erich Kleiber die Bach’sche Johannes-Passion 1938 weitab der Passionszeit im Teatro Colón in Buenos Aires aufführte. War es ein Kommentar zur Sudetenkrise, zum drohenden Krieg Deutschlands mit der Tschechoslowakei, in der Kleiber seine Kindheit und Jugend verbracht hatte? Leidensgeschichte?

Wie man diese Aufführung auch verstehen mag: der Mitschnitt dieser Aufführung der Johannes-Passion ist der älteste, der uns gegenwärtig vorliegt.

Insgesamt ist es keine Aufnahme, die ich jenem Klassikfreund empfehlen würde, der nur eine oder auch nur zwei Einspielungen des Werkes in seinem heimischen CD-Regal unterbringen will. Dafür ist allein schon die Tonqualität verantwortlich, die zwar streckenweise erstaunlich gut, im Großen und Ganzen jedoch so schlecht ist, dass sie den Kern des Begriffes „Passion“ für den heutigen Hörer ganz intensiv nachvollziehbar macht. Da rauscht und knackt es nicht nur, es gibt nicht bloß ständige massive Schwankungen in der Lautstärke: das Band leiert streckenweise dermaßen, dass die Tonarten in den Stücken selbst verzerrt werden und deren Verhältnisse von Satz zu Satz bisweilen dermaßen verschwimmen, dass es dem wenig Wackeren kalt den Rücken hinunterlaufen muss.

Erschwert wird der Hörgenuss auch dadurch, dass der Mitschnitt zwar ziemlich, aber doch nicht vollkommen komplett ist. Es fehlen an den überraschendsten Stellen immer wieder ganze Takte, was bisweilen schon sehr irritieren kann. Komplett fehlt das Bass-Arioso „Betrachte, meine Seel’“, wobei ich nicht glaube, dass nun gerade dieses als einziges gestrichen wurde. Ich mutmaße einfach einmal, dass es nicht mehr vorliegt. Hier eine kleine Übersicht über die Lücken:

Nr. 1: Takt 55, 3. Zählzeit fehlt; beim Da capo fehlt das Orchestervorspiel, der Chor setzt direkt ein
Nr. 5: Takt 4, 4. Zählzeit – Takt 5, 3. Zählzeit fehlt
Nr. 15: Takte 13-15 fehlen
Nr. 17: 2. Strophe fehlt
Nr. 19: fehlt
Nr. 20: Takt 1 fehlt; Takt 11, 2. Zählzeit bis Takt 18 fehlen; nur die Orchestereinleitung wird wiederholt
Nr. 27a: Takt 1 fehlt
Nr. 28: Takte 15 und 16 fehlen
Nr. 29: Takte 1 und 2 fehlen
Nr. 39 Takte 1-12, Zählzeit 2 (Orchestervorspiel) fehlen


Darüber hinaus ist die Herangehensweise Kleibers an das Werk in Teilen für mich kaum noch zu ertragen. Ich sage bewusst „in Teilen“, denn hier und dort zeigt die Aufnahme auch, wie gut Bach auch in den 30er Jahren klingen konnte.

Allen voran zu loben ist Koloman von Pataky als Evangelist. Pataky bringt alles mit, was ich mir auch heute wünsche, wenn es um diese Partie geht: eine leicht geführte Stimme mit klarem Timbre, kraftvoll, aber immer ganz frei und ohne Anstrengung. Daneben: ein ganz unverkrampfter, gewissermaßen „natürlicher“ Umgang mit dem Text, nicht zuviel Schnickschnack in der Ausdeutung – wenn man natürlich von dem einen oder anderen Moment absieht, der mir dem Zeitgeschmack geschuldet zu sein scheint (z.B. das Weinen Petri). In „Ach, mein Sinn“ oder bei der Darstellung der Geißelung hingegen hat er es nicht leicht. Kleibers Dirigat ist hier dermaßen zäh, so wenig bewegt, dass ich das Gefühl habe, es ginge überhaupt nicht voran. Was soll der Solist da noch retten? Technische Schwierigkeiten bereitet Pataky dennoch nichts. Überzeugen kann das aber dennoch nicht. Überhaupt sind die Arien (und die beiden großen Chorsätze) die Schwachpunke dieser Deutung. Dass man Wucht und langsames Tempo auch in jenen Jahren als angemessenen Ausdruck der „Größe“ des Werkes sah, kann ich ja noch nachvollziehen. Aber die Arien? Die sind oft so breit, dass auch ein so hervorragender Dirigent wie Kleiber das, was er da macht, nicht mehr zusammenhalten kann. Die guten Solisten helfen ein wenig darüber hinweg, weil sie dennoch so gut singen, wie es eben geht.

Sopranistin Margherita Perras hat es da noch verhältnismäßig gut, da Kleiber für „Ich folge Dir gleichfalls“ ein einigermaßen fließendes Tempo wählt. Sie gefällt mir nicht nur aufgrund ihrer schönen, hell gefärbten, aber dennoch sehr körpervollen Stimme, sondern speziell wegen ihrer vollkommen allürenfreien Darstellung und der Tatsache, dass sie sehr gut artikuliert, selbst wenn Kleiber die ohnehin schon heiklen Arie „Zerfließe, mein Herze“, in der manch eine Sopranistin mehr oder weniger zur Vokalise neigt, im Schneckentempo musizieren lässt.

Karin Maria Branzel ist ein echter Alt mit voluminöser, aber nicht dicker Stimme, warmem Ton und hervorragender Artikulation. Auch sie kommt mit Kleibers Tempovorstellungen zurecht, wenngleich auch sie es nicht verhindern kann, dass „Von den Stricken meiner Sünden“ aufgrund des gewählten Tempos vollkommen auseinanderbricht. Da betreibt sie eher Schadensbegrenzung als hohe Gestaltungskunst. Anders jedoch „Es ist vollbracht!“, das ja ohnehin langsam gespielt und von Kleiber auch nicht in extra slow motion gespielt wird. Hier kann man hören, wie überzeugend Branzel unter normalen Zuständen Bach interpretieren konnte.

Ähnlich geht es Emanuel List, der die Bass-Partie(n) übernimmt. Er bringt einen starken, aber nicht aufdringlichen Bass mit und ein untrügliches Gefühl für die szenische Gestaltung der Rezitative. Macht es Spaß ihm dort zuzuhören, so kämpft er in seinen Arien ziemlich mit Kleibers Trägheit. Schade ist, dass er sich in „Eilt ihr angefochtnen Seelen“ offensichtlich verzählt und dermaßen herauskommt, dass es die halbe Arie braucht, bis er wieder hineingefunden hat. „Mein teurer Heiland, lass dich fragen“ klingt dann wieder, als verstreiche man ganz wenig Butter auf zuviel Brot.

Lediglich Herbert Jenssen Darstellung der Christus-Partie erreicht mich nicht. Nicht nur, dass mir sein etwas kartoffeliger Bariton nicht gefällt (dem das tiefe Register vollkommen abgeht). Auch die Charakterisierung der Figur ist in meinen Ohren nicht stimmig. Zuerst sehr sanft, etwas salbadernd, dann vor den Hohepriestern mit erstaunlich viel Biss, vor Pilatus erstaunlich blass, auf Golgatha unerfreulich larmoyant.

Ist das jetzt zur Genüge benannte Problem wahrhaftig ein solches, so möchte ich doch nicht verschweigen, dass dieser erste aller Mitschnitte auch seine Meriten hat. Angedeutet habe ich es schon: die Rezitative, die Vorwärtsbewegung der Handlung gelingt gut. Da klingt es nach durchweg geistlicher Bühne, nach Drama - nicht nach Epos. Hier fügen sich auch die Turbae glänzend ein, sind sie doch – bis auf das kurze, aber heikle „Bist du nicht seiner Jünger einer“ – so packend und griffig musiziert, dass sich so manche spätere Aufnahme hier ein Scheibchen abschneiden könnte. Sicher, der Chor des Teatro Colón ist ein Massenensemble, wie es auch Beechams „Messiah“ gut zu Gesicht gestanden hätte, aber sie singen – wenn auch nicht immer schön – so doch mit Einsatz, Leidenschaft und Überzeugungskraft.

Hingegen werden der Eingangschor („Herr, unser Herrscher“) und der große Schlusschor („Ruhet wohl“) als das Geschehen umrahmende Monumente musiziert: groß, laut, langsamst. Auch heute nimmt nicht jeder Dirigent diese Chöre eilig. Aber bei Kleiber klingt diese Musik nicht – wie bei Herrweghe, Koopman oder Brüggen - wie mystische Versenkung oder Meditation. Hier klingt sie fast wie tot. Ähnliches gilt - auch dies ein Zeichen der Zeit - für die im breiten Einheitstempo musizierten Choräle, die lediglich dynamisch gegeneinander abegrenzt werden.

Kleibers Lesart der Johannes-Passion empfinde ich aus heutiger Perspektive als einigermaßen unausgewogen. Damals mag sie beeindruckt, ja im Bereich der Rezitative und Turbae sogar erstaunlich modern geklungen haben. Für den an der Rezeptionsgeschichte des Bach'schen Vokalschaffens ist dies in jedem Fall ein interessantes Dokument.

:hello Agravain
Agravain (11.03.2014, 07:42):
http://ecx.images-amazon.com/images/I/610xXlCxWnL._SY300_.jpg

Werner (1960) – Helmut Krebs, Franz Kelch, Friederike Sailer, Marga Höffgen, Hermann Werdermann, Heinrich-Schütz-Chor Heilbronn, Südwestdeutsches Kammerorchester Pforzheim

Fritz Werners Bach-Einspielungen gelten als im Schatten Karl Richters stehend, und zwar ungerechtfertigter Weise. Nicholas Anderson, der die Texte im Beiheft zu der oben gezeigten Box verfasst hat, die neben der Johannes-Passion noch die Matthäus-Passion, das Weihnachtsoratorium und die h-moll-Messe enthält, findet für Werners Bach-Exegese blumige Worte:

„Sein natürliches, feines Gefühl für tänzerische Rhythmen, seine intuitive Ausschöpfung der lyrischen Möglichkeiten einer Phrase und die ansteckend spontane, elektrisierende Energie, mit der er die anschauliche Behandlung eines Textes durch Bach lebendig machen konnte, sind Tugenden, die seinen bemerkenswerten Einblick in diese Musik noch weiter vertiefen.“ (S. Beiheft, S. 30)

Spontan? Elektrisierend? Energie? Anschaulichkeit? Vergleiche ich Andersons Wahrnehmung mit der meinen, so muss ich zugeben, dass es da im Grunde kaum einen Raum gibt, den ich guten Gewissens als Schnittmenge bezeichnen könnte. Werners Auslotung der Johannes-Passion (und ich darf sagen: dies kann ich auch auf die anderen genannten Großwerke ausdehnen) gehört zu den uninteressantesten, die ich kenne. Selten höre ich ein Bach’sches Werk und ertappe mich dabei, dass ich mich frage, ob es bald vorbei ist. Hier wird’s Ereignis.

Das für mich entscheidende Problem dieser Einspielung ist a) ein mich nicht ansprechendes Frömmeln – besonders in den Rezitativen; b) die Biederkeit in der Gestaltung; c) die gänzliche Abwesenheit jeglichen Sinns für Dramatik und d) ein rundum schwacher Evangelist.

Ich will mit dem letzten Punkt beginnen. Helmut Krebs ist ein Sänger, mit dem ich insgesamt nicht viel anfangen kann und der in der Rolle des Bach’schen Evangelisten meines Erachtens gegen aber auch jeden anderen per Tonkonserve zu erlebenden Tenor seiner Epoche abfällt. Nicht nur, dass mir seine kleine kraft- und körperlose Stimme, die immer etwas Falsettierendes hat, nicht gefällt. Viel schlimmer finde ich seinen fast mechanischen Vortrag in den Rezitativen, dessen Duktus sich nicht an der Sprache, sondern lediglich am Notenwert zu orientieren scheint, was bisweilen – beispielsweise bei der vollen Akzentuierung von Nebensilben – ganz fürchterlich klingt. Hinzu kommen gelegentliche technische Schnitzer (Veratmer) und eine wenig schöne, ziemlich breite Vokalfärbung in hoher Lage. Es fehlt an jeder Stelle an Ausdruck, die Darstellung jeglicher Affekte wird fast durchgehend vermieden. Höre ich das, was Krebs hier präsentiert, im Vergleich zu dem, was Pataky, van Kesteren, Haefliger oder Wunderlich in jener Epoche aus dieser Partie gemacht haben, so empfinde ich ihn als Evangelist der hinteren zweiten Reihe.

Die Partie des Jesus liegt in den Händen von Franz Kelch. In der Darstellung dieser Partie durch ihn - und natürlich durch Fritz Werner, der hier ja den Weg vorgibt -, wird das mich nicht eben erbauende oben genannte Frömmelnde dieser Einspielung deutlich. Dieser Jesus ist keine handelnde Figur, seine Rezitative sind nicht Teil des Geschehens, sondern weihevolle Auftritte des Gottessohnes, die, wohl um die Andacht des Momentes zu erhöhen, mit einer übergroßen Portion Pathos versehen wurden. Das ist in meinen Ohren zu viel des Guten und meines am Ende nicht. Gar nicht. Hinzu kommt Kelchs eher ältlich klingende, ziemlich schwerfällige Stimme, die einigermaßen unbewegt und unbewegend die Christusworte mehr abwickelt denn gestaltet.

Erfreulich klingt in meinen Ohren Sopranistin Friederike Sailer, wobei mir ihr mädchenhaftes Timbre insgesamt besser in „Ich folge dir gleichfalls“ gefällt als in „Zerfließe, mein Herze“. Und doch überzeugt mich auch ihre Gestaltung der zweiten Arie („Zerfließe, mein Herze“), weil sie eine sehr schöne, ihr scheinbar ohne Kraftaufwand zur Verfügung stehende Höhe mitbringt.

Marga Höffgens Alt wirkt in dieser Aufnahme ziemlich schwer, die Stimme hat eine Menge Wobble, klingt in meinen Ohren aber nicht unangenehm. Während ich „Von den Stricken“ als einigermaßen routiniert-behäbig gestaltet empfinde, so gelingt ihr im Wechselspiel mit August Wenziger an der Viola da gamba das „Es ist vollbracht“ ausgesprochen intensiv.

Hermann Werdermann, der die kleineren Bass-Rollen sowie die Gestaltung der Bass-Arien übernimmt, bringt im Gegensatz zu Krebs und Kelch ein gewisses Gespür für die Szene, für eine gewisse dramatische Gestaltung mit, sodass ich seine Auftritte als Petrus und Pilatus als ausgesprochene Wohltat empfinde, auch wenn mir die schwerfällige Stimme, die keinen schönen Ton und ein recht aufdringliches Vibrato hat, nicht sonderlich gefällt. Sie eignet sich insgesamt besser für die Rezitative, für Arien wie „Eilt, ihr angefochtnen Seelen“ und „Mein teurer Heiland“ fehlt ihr die Flexibilität, der leichte Sitz, die Geschmeidigkeit.

Der Heinrich-Schütz-Chor Heilbronn ist ein Ensemble, das nach dem klingt, was es ist: nach einem im Grunde ordentlichen Laienensemble. Die interpretatorische Leistung, die solch ein Ensemble präsentieren kann, mit derjenigen zu vergleichen, mit der professionelle Spitzenensembles – sei er nun der Monteverdi Choir, das Collegium Vocale Gent oder das Bach Collegium Japan – aufwarten können, ist im Grunde nicht ganz fair. Und dennoch: Auch aus einem Ensemble wie dem Heinrich-Schütz-Chor hätte sich meines Erachtens mehr herausholen lassen. Nicht nur, dass Eingangs- und Schlusschor im Grunde keinerlei differenzierte und schon keine ergreifende Gestaltung erfahren. Auch die Turbae, bei denen es ja regelrecht Spaß macht, ihren dramatischer Impetus herauszukitzeln, kommen ausnahmslos altbacken und ohne Sinn für das ablaufende Drama daher. Wenn das der Hang zum Lyrischen in der Bach’schen Musik ist, der Werner von Anderson nachgesagt wird, dann bricht er nach meinem Empfinden an der falschen Stelle durch. Choräle laut und nicht wirklich vom Text her gedeutet. Zudem hätte sicher noch am Gesamtklang gefeilt werde können (Tenöre!), auch die Genauigkeit in der Absprache von Auslauten („s-s-s-s-s-s“/„t-t-t-t-t-t“) ist nicht so schön.

Das Spiel des Orchester stellt (mich) vollkommen zufrieden, außerdem kommen streckenweise hervorragenden Solisten (Ausgust Wenziger, Pierre Pierlot, Marie-Claire Alain) zu Einsatz.

Insgesamt empfinde ich diese Aufnahme gegenüber anderen mir bekannten– ob nun älteren oder jüngeren „Baujahres“ – als insgesamt wenig konkurrenzfähig. Die Faszination, die – schenkt man Anderson Glauben – von Fritz Werners Bach ausgehen soll, erreicht mich hier nicht.

:hello Agravain