Philidor (06.02.2022, 16:12): Hier mal ein erster Versuch zum Einstieg.
Das Kirchenjahr in Evangelischen Kirchen
Es gibt Texte, die in jedem Gottesdienst gesungen oder gesprochen werden. Dazu gehören z. B. Kyrie, Gloria und Credo. Diese Textschicht wird üblicherweise als das Ordinarium (das Gewöhnliche) bezeichnet. – Nur in besonderen Zeiten können einzelne Ordinariums-Teile wegfallen, so wird bspw. in Bußzeiten das Gloria weggelassen.
Dazu treten Texte, die spezifisch für den jeweiligen Sonn- oder Feiertag ausgewählt sind und ihm sein besonderes Gepräge, seine besonderen Themen geben. Diese bilden zusammen mit den Gemeindeliedern, den Gebeten und der Predigt das Proprium (das Eigene) des Tages.
Das Kirchenjahr beschreibt die Abfolge der Sonn- und Feiertage im Laufe eines Jahres. Zur Beschreibung der Sonn- und Feiertage gehört nicht nur deren Name („2. Sonntag nach Epiphanias“, „Lätare“, „Pfingstmontag“), sondern auch deren individuell zugeordnete Texte und Lieder, also die Proprien. – Das Verzeichnis aller Proprien findet sich zusammen mit dem Ablauf des Kirchenjahres in der sogenannten „Perikopenordnung“, „Perikope“ ist die Bezeichnung für einen im Gottesdienst zu lesenden Abschnitt aus der Bibel.
Zum Proprium eines Sonn- oder Feiertags gehören: das Evangelium des Tages, d. h. ein Abschnitt aus Mt, Mk, Lk oder Joh, die Epistel des Tages, d. h. ein Abschnitt aus einem der Briefe des Neuen Testaments oder aus der Apostelgeschichte, die alttestamentliche Lesung des Tages, d. h. ein Abschnitt aus der Hebräischen Bibel, drei weitere Perikopen, die als Predigttext dienen können, der Wochenspruch, Lieder der Woche, der Eingangspsalm mit Leitvers („Antiphon“), der Hallelujavers, sofern an diesem Sonn- oder Feiertag das Halleluja gesungen wird (nicht in der Passionszeit oder an Bußtagen). Für die meisten Sonn- und Feiertage ist das Evangelium derjenige Text, der den Tag prägt, z. B. die Weihnachtsgeschichte nach Lukas zu Christfest I oder der Bericht von Kreuzigung und Tod Jesu nach Johannes am Karfreitag. Die anderen Texte sind auf das Evangelium bezogen, sei es kommentierend, sei es ergänzend, sei es konfrontierend oder wie auch immer. – Um eine Ausnahme zu benennen: An Pfingsten ist die Epistel mit der Erzählung vom Pfingstwunder aus der Apostelgeschichte der prägende Text des Tages.
Evangelium, Epistel, AT-Lesung und die drei weiteren Perikopen sind zusammen sechs mögliche Predigttexte für jeden Sonn- und Feiertag. Sie sind in sechs Jahreszyklen geordnet. Hält man sich an diese Zyklen, so wird über jeden Text also nur alle sechs Jahre gepredigt.
In den Agenden (Einzahl Agenda), also in den Dokumenten, die alle Aspekte des Ablaufs des Gottesdienstes regeln, finden sich darüber hinaus Vorschläge für Gebete, für reich entfaltete liturgische Melodien an besonderen Tagen sowie andere Handreichungen für die Praxis.
Philidor (06.02.2022, 16:15): Der Ablauf des Kirchenjahres im Groben
Das Kirchenjahr ist Feiern des Göttlichen, das in unsere Welt hereinbricht. Unser So-Sein in der Endlichkeit von Raum und Zeit wird bereichert um Botschaften aus anderer Weltzeit und aus der Ewigkeit. Irdische Zeit und Ewigkeit durchdringen einander, Himmel und Erde berühren sich. Das vermeintliche Freiheit behauptende „ich mache immer nur das, was ich gerade will“ wird als Getriebensein unter der Herrschaft momentaner Stimmungen und Launen entlarvt. Der Theologe Manfred Josuttis hat sinngemäß mal gesagt, Party können wir immer feiern, doch der Gottesdienst sagt uns, warum wir Grund dazu haben. Und dieser Grund ist mehr als das Ausfüllen der eigenen Leere.
Das Kirchenjahr beginnt mit dem
Weihnachtsfestkreis.
Der erste Sonntag im Advent ist der Beginn des Kirchenjahres und eröffnet gleichzeitig den Weihnachtsfestkreis.
Zentraler Tag ist „Christfest I“, das Fest der Geburt Christi, welches immer am 25. Dezember gefeiert wird. Die vier Sonntage vor Christfest I heißen erster, zweiter, dritter und vierter Sonntag im Advent. Der vierte Sonntag im Advent kann also auf den 24. Dezember fallen (so im Kalenderjahr 2023), aber nicht auf den 25. Dezember. Wann der erste Advent ist, hängt also davon ab, auf welchen Wochentag das Christfest I fällt, die möglichen Termine liegen zwischen dem 27. November und dem 3. Dezember; d. h., derjenige Sonntag, der in diesen Zeitraum fällt, ist der 1. Advent.
„Christfest II“ ist am 26. Dezember. Es folgen der erste und der zweite Sonntag nach Weihnachten, bis am 6. Januar das Fest Epiphanias gefeiert wird. Die Sonntage nach Epiphanias werden einfach durchnummeriert, erster, zweiter, … Sonntag nach Epiphanias. Der Letzte Sonntag nach Epiphanias (immer ohne Nummerierung) ist seit dem Inkrafttreten der neuen Perikopenordnung zum 1. Advent 2018 derjenige Sonntag, der in derselben Woche wie der „Tag der Darstellung Jesu im Tempel“ bzw. „Mariä Lichtmess“ (2. Februar) liegt. Dabei ist zu beachten, dass nach jüdischer und christlicher Lesart die Woche mit dem Sonntag beginnt, nicht mit dem Montag.
Rechnet man nach, so stellt man fest, dass es nach Epiphanias immer den ersten, zweiten, dritten und Letzten Sonntag nach Epiphanias gibt. Ausnahmen sind nur Jahre, in denen Epiphanias selbst auf einen Sonntag fällt. Dann verzichtet man auf den dritten Sonntag nach Epiphanias und feiert am 13. bzw. 20. Januar den ersten bzw. zweiten Sonntag nach Epiphanias und am 27. Januar den Letzten Sonntag nach Epiphanias. - Der nächste Sonntag ist dann der 3. Februar, also nach Mariä Lichtmess, mithin liegt er außerhalb des Weihnachtsfestkreises.
Nach dem Letzten Sonntag nach Epiphanias folgt der
Osterfestkreis.
Zentrum ist das Osterfest, das Fest der Auferstehung des Herrn. Ostersonntag ist der erste Sonntag nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsbeginn, nur hier spielen sowohl Sonnenkalender als auch Mondkalender eine Rolle. Dass man zur langfristigen Berechnung des Ostertermins fortgeschrittener astronomischer Kenntnisse bedarf, zeigt das Phänomen des Osterparadoxons.
Die vierzig Tage vor dem Osterfest, Sonntage nicht mitgezählt, gelten als Passionszeit, Fastenzeit oder vorösterliche Bußzeit. Sie beginnt also immer an einem Mittwoch, dem Aschermittwoch. Vor dem Aschermittwoch wird vor allem in katholisch geprägten Regionen die Fastnacht, der Fasching oder der Karneval gefeiert. Die sogenannte fünfte Jahreszeit richtet sich mithin nach dem Kirchenjahr.
Die Sonntage zwischen dem letzten Sonntag nach Epiphanias und dem Aschermittwoch werden als Sonntage vor der Passionszeit bezeichnet, ihre Anzahl variiert von Jahr zu Jahr, je nach genauer Lage des Letzten Sonntags nach Epiphanias und je nach Ostertermin. Es können bis zu fünf sein, das ist jedoch sehr selten; z. B. fällt im Jahr 2079 der Ostersonntag auf den 23. April. Aschermittwoch ist also am 8. März, der letzte Sonntag nach Epiphanias ist am 29. Januar, dazwischen liegen fünf Sonntage. – Fiele Ostern frühestmöglich auf den 22. März, etwa im Jahre 2285, so wäre am 4. Februar Aschermittwoch, und es gäbe überhaupt keinen Sonntag vor der Passionszeit.
Auf Ostern folgt eine 50tägige Freudenzeit, die mit dem Pfingstfest endet, dem Fest von der Ausgießung des Heiligen Geistes. Sein Name stammt von vom griechischen Wort Pentekoste = der fünfzigste.
Der Sonntag nach Pfingsten heißt Trinitatis, hier wird in besonderer Weise der Dreieinigkeit Gottes gedacht.
Die Sonntage nach Trinitatis heißen erster, zweiter, … Sonntag nach Trinitatis. Diese Trinitatiszeit geht bis zum
Ende des Kirchenjahres
Die letzten drei Sonntage im Kirchenjahr, d. h. die drei Sonntage vor dem nächsten ersten Sonntag im Advent, heißen drittletzter, vorletzter, letzter Sonntag des Kirchenjahres. Letzterer wird als Ewigkeits- oder als Totensonntag begangen, beide Konnotationen haben verschiedene Proprien. Viele Gemeinden begehen diesen Sonntag „gemischt“, sie gedenken der verstorbenen Gemeindeglieder des zu Ende gehenden Kirchenjahres und schauen im selben Gottesdienst voraus auf die Wiederkehr Christi und auf den Anbruch des Reiches Gottes.
Das Kirchenjahr beginnt also jeweils am 1. Advent und endet mit dem Ewigkeitssonntag. Somit ist das Kirchenjahr christuszentriert, es beginnt mit der Vorbereitung seiner Ankunft in der Welt und endet mit der Betrachtung seiner Wiederkehr am Ende aller Zeit.
Philidor (06.02.2022, 16:16): Jahr, Monat, Woche, Tag, Sinn von Weihnachts- und Ostertermin
Das Kirchenjahr ist fast ausschließlich am Sonnenjahr orientiert, dies im Unterschied zu den Festen des Volkes Israel, die sich nach dem Mondkalender richten.
Sein Beginn am ersten Sonntag im Advent ist auf Christfest I bezogen (siehe oben – der vierte Sonntag davor), also auf den 25. Dezember, jedenfalls in den Westkirchen. Warum feiern wir die Geburt Christi am 25. Dezember? Nicht, weil sie etwa wirklich da geschehen sei. Zum einen sind in Palästina damals wie heute die Hirten nur etwa von Ende März bis in den Oktober die Hirten nachts „auf den Feldern bei ihren Herden“. Zum anderen ist der Bericht von Lukas ziemlich zweifelhaft, von der behaupteten Volkszählung findet sich bei den Römern jedenfalls kein erhaltenes Dokument, und die waren damit ziemlich sorgfältig.
Auch das Geburtsjahr ist schwierig zu datieren. Herodes starb 4 v. Chr., Quirinius wurde erst im Jahre 6 n. Chr. Statthalter von Syrien. Nach Matthäus aber herrschte Herodes noch und nach Lukas Quirinius schon … Man hat versucht, astronomische Ereignisse für den „Stern von Bethlehem“ hinzuziehen, so eine auffällige Konjunktion von Jupiter und Saturn im Jahr 7 v. Chr. und zwei Kometen, von denen chinesische Astronomen in den Jahren 5 v. Chr. und 4 v. Chr. berichteten, doch letztlich lassen sich Aufzeichnungen und Fakten nicht zur Deckung bringen. Es spricht einiges gegen die Erzählung des Lukas, so gerne wir sie hören.
Es mag helfen, daran zu erinnern, dass nach dem Tode Jesu (wohl zwischen 27 und 34 n. Chr.) gar kein Bedarf bei der jungen Christenheit bestand, irgendetwas aufzuschreiben. Man ging davon aus, dass Jesus Christus sehr bald wiederkehren würde. Die Dokumentation der Ereignisse aus seinem Leben geschah erst Jahrzehnte später, als klar wurde, dass seine Wiederkehr nicht ganz so schnell geschah und die Zeitzeugen nach und nach verstarben.
Nach allem, was wir wissen, ist das früheste Evangelium das von Markus, und es wurde um 70 n. Chr. aufgeschrieben, d. h. es gab ungefähr vier Jahrzehnte mit nur mündlicher Tradition, mit allen dadurch bedingten Ungenauigkeiten. Auch war das Interesse der Evangelisten wohl nicht primär historisch-dokumentierend, sondern eher an der Sicherung und Weitergabe dessen orientiert, was noch als Wissen bei Zeitzeugen existierte. Und Zeitzeugen der Geburt waren wohl nicht verfügbar … Markus berichtet nichts von der Geburt und lässt sein Evangelium mit Johannes dem Täufer, der Taufe Jesu und der Berufung der ersten Jünger beginnen. Das Evangelium nach Matthäus entstand vermutlich in judenchristlicher Umgebung, also in einer Welt von zum Christentum konvertierten Juden. Hier finden sich zig Verweise darauf, dass sich in Jesus die Worte der Propheten erfüllen. Matthäus verweist auf die Kontinuität des Volkes Gottes in Jesus Christus, gleichzeitig grenzt er stellenweise in den Szenen, in denen Jesus mit Pharisäern und Schriftgelehrten spricht, scharf ab. Eine Kernaussage: Diejenigen, die als Söhne und Töchter des Volkes Israel geboren wurden und sich nun zu Jesus Christus bekennen, haben recht. Die Kontinuität sichert er z. B. dadurch, dass er sein Evangelium mit dem Stammbaum Jesu beginnen lässt; dieser fängt mit Abraham an und auch König David kommt darin vor. Kontinuität, wohin man schaut. Jesus wird als der vorhergesagte Messias (= Christus, beides bedeutet "der Gesalbte") identifiziert. Die Geburt selbst schildert er nicht, erwähnt jedoch Bethlehem (Kontinuität zum Propheten Micha – „Und du, Bethlehem, die du klein bist unter den Städten in Juda, …“). – Lukas ist wohl eher griechisch, d. h. heidenchristlich geprägt und hat noch am ehesten Interesse an der zeitlich-historischen Verankerung seines Berichtes („ .. als Quirinius Statthalter war …“). – Johannes schließlich bot einen völlig neuen Ansatz, der theologisch notwendig war, als offensichtlich wurde, dass eine der Vorhersagen Jesu nicht eingetreten war („Wahrlich, ich sage euch: Es stehen einige hier, die werden den Tod nicht schmecken, bis sie sehen das Reich Gottes kommen mit Kraft“, Mk 9, 1). – Zeitliche Distanz, mündliche Überlieferung, verschiedene Zielgruppen, überwiegend nichthistorische Intention und verschiedene Quellenlagen trugen also dazu bei, dass wir die Evangelien durch die historische Brille als unbefriedigend wahrnehmen können.
Warum am 25. Dezember? Das eine ist, dass Gott in tiefster Nacht zur Welt kam, in der Zeit, als die Tage am kürzesten sind, doch mit seinem Erscheinen die Dunkelheit weicht und die Tage wieder länger werden. Das Fest von Mariä Verkündigung liegt damit – neun Schwangerschaftsmonate vorausgesetzt – am 25. März und fällt somit in den beginnenden Frühling dieser Welt wie in den überzeitlichen Frühling der Schöpfung. Eine ziemlich überzeugende Erklärung des Weihnachtstermins kommt von religionsgeschichtlicher Seite: Dem unbesiegbaren Sonnengott („Sol invictus“) wurde am 25. Dezember des Jahres 274 n. Chr. in Rom ein Tempel eingeweiht und zu seinen Ehren Wettkämpfe veranstaltet. (Der 25. Dezember war im vom Sonnenkalender abweichenden julianischen Kalender der Tag der Wintersonnwende.) Dieser Gott war schon seit Generationen sehr populär. Mit dem sich in der Spätantike durchsetzenden Christentum wurde der Inhalt dieses Feiertages möglicherweise überschrieben. – Das Verständnis von Jesus Christus als Sonne ist biblisch etwa in Mal 3, 20 begründet: „Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit“. Dieses Verständnis wurde in etlichen Liedern aufgenommen.
Das erste jährlich wiederkehrend begangene Fest war das Osterfest. Die allerfrüheste Christenheit begang noch jeden Sonntag als Fest der Auferstehung Christi. Zeugnisse für ein jährlich begangenes Osterfest gibt es erst aus dem zweiten Jahrhundert, man darf vermuten, dass es schon in apostolischer Zeit christliche Versionen des Passa-Festes gab. Der Ostertermin für die Westkirchen wurde erst auf dem Konzil von Nicäa (325 n. Chr.) in der oben genannten Weise festgelegt (nicht ganz gesichert).
Nur das Osterfest bezieht den Mondkalender mit ein. Josef Ratzinger schrieb dazu, hier wohl theologisch sinnvoll: „Der sterbende und neu erstehende Mond wird zum kosmischen Zeichen von Tod und Auferstehung, die Sonne des ersten Tages zum Boten Christi, der ‚wie ein Bräutigam aus seiner Kammer heraustritt und freudig wie ein Held seine Bahn läuft‘ bis an die äußersten Enden von Raum und Zeit “. (Man hört, wie sich Schiller zum Text seiner Ode an die Freude inspirieren ließ …)
Der Monat spielt ansonsten im Kirchenjahr keine Rolle.
Die Woche umso mehr – der Sonntag ist, im Gegensatz zum Gebrauch der Woche in der Welt, der erste Tag der Woche. Dies geht zurück auf den Sabbat des Volkes Israel, also den Samstag im in Europa verwendeten Kalender. Da dieser der siebte Tag ist, an welchem Gott nach der Schöpfung ruhte, ist also der Sonntag der erste Tag der Woche. – Dass Jesus Christus an einem Sonntag von den Toten auferstand und die neue Schöpfung begründete, darf als Kontinuität zum Glauben des Volkes Israel verstanden werden.
Der Tag beginnt nach hebräischem Verständnis mit dem Sonnenuntergang – „so ward aus Abend und Morgen der erste Tag“, Gen 1, 31. Man merkt dies an den hohen Feiertagen, an welchen der Vorabend schon zum Festtag danach gerechnet wird, insbes. am Heiligen Abend.
Philidor (07.02.2022, 22:06): Advent
Advent kommt von Adventus = Ankunft. Die Christenheit bereitet sich in den Wochen vor Weihnachten auf die Ankunft Jesu in der Welt vor. „Ankunft“ ist dabei mehrdeutig zu verstehen: „Ankunft“ im gerade beschriebenen Sinne, Geburt Christi; „Ankunft“ auch im Sinne von Wiederkehr am Ende aller Zeit, besonders am 2. Advent; und „Ankunft“ im Sinne von „Einzug Jesu in unser Herz“ – gerade bei Bach.
Wie oben beschrieben, feiern wir in den westlichen Kirchen vier Adventssonntage.
Die Adventszeit, also Zeit vom ersten Sonntag im Advent bis Christfest I, ist eine Bußzeit. O je, Buße … das klingt nach Bußgeld, das klingt nach Strafe, das klingt nach „in Sack und Asche gehen“, … Martin Luther hat den Begriff μετάνοια (metanoia) mit „Buße“ übersetzt, was nach damaligem Sprachverständnis völlig in Ordnung war. Heute ist der Begriff völlig anders aufgeladen. Lustigerweise passierte Ähnliches mit dem lateinischen Pendant zu μετάνοια, der paenitentia. Dieses Wort, das „Buße, Reue“ bezeichnete, wurde geändert zu poenitentia, und damit in die Nähe von poena = Strafe gerückt … (vgl. „Una poenitentium“, Faust II/Mahler 8 )
Das biblische Wort μετάνοια bedeutet einfach Umdenken, von νοεῖν noein, „denken“ und μετά meta, „um“ oder „nach“. Das isses. Bin ich noch auf dem richtigen Weg? Habe ich meinen roten Faden verloren? Ist mein Kompass verstellt? Einfach mal nach innen schauen – was ist mir wichtig, worauf kommt es mir an, was will ich eigentlich (und mache es dann doch anders)? Ein wenig Ruhe schadet dabei nicht … das ist Bußzeit, nicht mehr und nicht weniger.
Die Adventszeit ist heute durchkommerzialisiert und in der Welt eine vorgezogene Weihnachtszeit. Man merkt es gleich an der Sprache: In der Woche zwischen Volkstrauertag und Ewigkeitssonntag/Totensonntag beginnen die Weihnachtsmärkte, schon längst gibt es Weihnachtsplätzchen. es ist die Zeit der Weihnachtsfeiern, überall dudeln Weihnachtslieder … Leute, Weihnachten ist am 25. Dezember, davor ist Advent … Advent und Weihnachten, das ist wie Passionszeit und Ostern … selber schuld, wenn Ihr an Weihnachten der Plätzchen und des Glühweins schon überdrüssig seid … ok, genug Gesellschaftskritik …
Philidor (07.02.2022, 22:11): Erster Sonntag im Advent
Das Evangelium des Tages war Mt 21, 1–9 (heute Mt 21, 1–11). Das ist der Einzug Jesu in Jerusalem. Lest den Text online, am besten in der Luther-Bibel 2017 (doch, die heißt so), dann seht Ihr sofort, woher ein Lied wie „Tochter Zion, freue dich“ kommt („Siehe, dein König kommt zu dir“ … „Hosianna, Davids Sohn …“).
Der Text beschreibt also eine Ankunft Jesu – zwar nicht in die Ankunft in der Welt, sondern die Ankunft in Jerusalem (auf dem Weg nach Golgatha; so hängt alles mit allem zusammen, siehe oben den ersten Absatz unter der Überschrift Advent).
Die Epistel des Tages war Röm 13, 11–14 (heute Röm 11, 8–12). Sehr schön Vers 12: „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“ (Man denkt sofort an Mendelssohns Lobgesang-Sinfonie.)
Von Bach sind drei Kantaten zum ersten Sonntag im Advent überliefert: “Nun komm, der Heiden Heiland“ BWV 61 “Nun komm, der Heiden Heiland“ BWV 62 “Schwingt freudig euch empor“ BWV 36
Philidor (07.02.2022, 22:12): “Nun komm, der Heiden Heiland“ BWV 61
Die Kantate hat Bach für den ersten Advent (2. Dezember) des Jahres 1714 in Weimar komponiert. Im März desselben Jahres war er dort zum Konzertmeister ernannt wurde und hatte deswegen die Verpflichtung. jeden Monat eine Kirchenkantate zu komponieren und aufzuführen.
Der erste Satz ist ein Choralchor über die erste Strophe von Luthers (einzigem) Adventslied „Nun komm, der Heiden Heiland“:
Nun komm, der Heiden Heiland, Der Jungfrauen Kind erkannt, Des sich wundert alle Welt, Gott solch Geburt ihm bestellt.
(Der deutsche Wikipedia-Artikel zu diesem Lied ist mMn lesenswert.)
Eine Fülle von Motiven gleich in dieser ersten Strophe: der Heiland, der Erlöser, der Salvator mundi, der die Welt von ihrem Gefangensein in den Stricken des Todes befreien wird, der Gott und Mensch versöhnen wird; der Heiland der Heiden – sein Erlösungswerk gilt nicht nur dem erwählten Volk Gottes, dem Volk Israel, sondern allen Menschen; alle Welt wundert sich über die Umstände der Geburt– nach den Maßstäben dieser Welt passt das nicht zusammen; der Sohn Gottes kommt in einem Stall zur Welt; ach ja, die Jungfrauengeburt … nein, das sparen wir jetzt aus. Auch von Sokrates wurde behauptet, dass er von einer Jungfrau geboren wurde, obwohl man genau wusste, dass seine Eltern ihre ehelichen Pflichten mit Freuden wahrgenommen haben. Extrem simplifizierend: Das ist einfach eine alte Chiffre für „das ist ein ganz besonderer Mensch“. – Wer es genauer wissen will: Wikipedia-Artikel „Jungfrauengeburt“. Was hat der Bach mit dem Choral gemacht? Etwas Choralfremdes – er hat eine Französische Ouvertüre komponiert. Ouvertüre – wir erinnern uns: Mit dem ersten Sonntag im Advent beginnt das Kirchenjahr, darum Ouvertüre.
Die Form der Französischen Ouvertüre kennt Ihr: A-Teil langsam mit dem charakteristischen punktierten Rhythmus der Französischen Ouvertüre, der irgendwo zwischen ternär und doppelter Punktierung liegen kann. Dann ein schneller fugierter Mittelteil, dann die Wiederaufnahme von Tempo und Rhythmik des A-Teils.
Die Streicher spielen den 1. Teil der französischen Ouvertüre mit dem charakteristischen Rhythmus, der Chor singt dazu stimmenweise nacheinander (Sopran, Alt, Tenor, Bass) die erste Choralzeile in langen Notenwerten. Ganz zu Beginn spielt der B. c. ebenfalls diese Zeile, dann nochmals zwischen den Einsätzen von Alt und Tenor.
Die zweite Choralzeile erscheint im vierstimmigen homophonen Chorsatz zu den Streichern, die dazu die Motivik des 1. Teils fortsetzen.
Die dritte Choralzeile bildet das Material für den schnellen fugierten Mittelteil der Ouvertüre. Hier gehen die Instrumente colla parte mit den Chorstimmen, die beiden Violinen mit dem Sopran, die erste Viola mit dem Alt, die zweite Viola mit dem Tenor und der B. c. mit dem Bass.
Die vierte Choralzeile ist im 3. Teil der französischen Ouvertüre genauso wie die zweite gesetzt: vierstimmiger homophoner Chorsatz zur charakteristischen Motivik in den Streichern.
Zweiter Satz:
Der Heiland ist gekommen, (ach – jetzt schon, am 1. Advent? Ach so, nach Jerusalem …) Hat unser armes Fleisch und Blut An sich genommen (er kommt nicht, um sich verehren zu lassen, sondern um sich unser anzunehmen) Und nimmet uns zu Blutsverwandten an. (Wir Nichtjuden werden in die große Familie der von Gott Erwählten aufgenommen) O allerhöchstes Gut, Was hast du nicht an uns getan? Was tust du nicht Noch täglich an den Deinen? (Nicht nur damals, sondern auch noch jetzt) Du kömmst und lässt dein Licht Mit vollem Segen scheinen. (Hier klingt die Epistel an – Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen.)
Bei den letzten beiden Zeilen geht das secco-Rezitativ in ein Arioso über; Hervorhebung der Epistel-Paraphrase.
Dritter Satz:
Komm, Jesu, komm zu deiner Kirche Und gib ein selig neues Jahr! Befördre deines Namens Ehre, Erhalte die gesunde Lehre Und segne Kanzel und Altar!
Jesus kommt nicht nur zur Welt und nach Jerusalem, er kommt auch noch heute. „Zu deiner Kirche“ – man merkt, dass die Reformation noch nicht so lange her war. „Und gib ein selig neues Jahr“ – genau, ein neues Kirchenjahr beginnt. „Segne Kanzel und Altar“ – Wort und Sakrament. Ein katabatisches Liturgieverständnis, von Gott zum Mensch, auch ein lutherischer Seitenhieb. Die katholische Kirche feierte die Messe als Opfer, also als eine gedankliche Bewegung vom Menschen zu Gott, d. h. anabatisch.Hier hören wir die umgekehrte Sicht der Evangelischen Christen.
Die Abwärtsbewegung im B. c. sowie in der Oberstimme des Ritornells mag das „Herabkommen“ des Heilands darstellen, aber auch das katabatische Gottesdienstverständnis. Dafür spricht auch, dass erst am Schluss der Arie (bzw. des A-Teils) der tiefste Ton im B. c. erreicht wird. Es liegt eine da-capo-Arie vor, allerdings mit verkürzter Reprise, denn dieser fehlt das Eingangsritornell. – Der B-Teil kontrastiert durch seine Tonart a-moll und ein neues Motiv mit charakteristischer Auftakt-Quarte.
Vierter Satz
Hier steht ein Bibelwort: Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. So jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich eingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir. (Offb 3, 20)
Hier klingt die oben genannte dritte Version des Verständnisses von Advent an : Jesus zieht ins Herz der Seele ein.
Alle Exegeten betonen weidlich die tonmalerische Komponente dieses Rezitativs: Das im Text angesprochene „Klopfen“ wird durch die Pizzicati der jeweils geteilten Violinen und Violen sowie des B. c. dargestellt. Frappierend im wahrsten Sinne des Wortes.
Fünfter Satz
Die angesprochene Seele antwortet: Öffne dich, mein ganzes Herze, Jesus kömmt und ziehet ein. Bin ich gleich nur Staub und Erde, Will er mich doch nicht verschmähn, Seine Lust an mir zu sehn, Dass ich seine Wohnung werde. O wie selig werd ich sein!
Abermals also die Entfaltung der dritten Version. – Zusätzlich wird die Umkehrung der Verhältnisse, der König der Juden kommt im Stall zur Welt und zieht auf einem Esel in Jerusalem ein. abermals umgekehrt – entgegen allen äußeren Zeichen ist der Mensch „Staub und Erde“.
Hier liegt eine Devisenarie vor: Der B. c. beginnt mit der Vorstellung der „Devise“ der Gesangspartie; diese Devise wird dann einmal vom Sopran vorgestellt, nach einem kurzen instrumentalen Zwischenspiel folgt nochmals die gesungene Devise, die „eigentliche“ Partie beginnt. Das „Öffne dich“ wird also als zentrale Aussage hervorgehoben. – Der Mittelteil kontrastiert durch ein eigenes Tempo: „adagio“ ist vorgeschrieben, dies entspricht dem ebenso deutlich kontrastierendem Text. Es werden die Bereiche von a-moll und C-Dur erreicht und wieder verlassen, bis dieser Teil wieder G-Dur erreicht und auf der Dominante schließt. – Da capo.
Sechster Satz
Schlusschoral Amen, amen! Komm, du schöne Freudenkrone, bleib nicht lange! Deiner wart ich mit Verlangen.
Diesen Choral – der Abgesang der siebten Strophe des Liedes „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ von Otto Nicolai – verbinden wir traditionell eher mit der Epiphaniaszeit. Tatsächlich nimmt dieses Lied Bezug auf Offb 22,16: „Ich, Jesus, habe gesandt meinen Engel, solches zu bezeugen an die Gemeinden. Ich bin die Wurzel des Geschlechts David, der helle Morgenstern.“} Die „Wurzel des Geschlechtes David“ ist dieselbe, die etwa auch in „Es ist ein Ros entsprungen / aus einer Wurzel zart“ besungen wird.
Es geht in diesem Lied um die mystische Vereinigung der Tochter Zion (bzw. im übertragenen Sinne der gläubigen Seele) mit ihrem Bräutigam Jesus Christus. In der Tat passt dieses Lied also in den Advent, in die Kirchenjahreszeit des Gedenkens der Ankunft Jesu mindestens ebenso gut wie in die Epiphaniaszeit, denn es spielt gleichermaßen auf das Kommen Jesu in die Welt wie auch auf seine Wiederkehr am jüngsten Tag an (Strophen 5+7).
Anstelle eines einfachen Schlusschorals (so man einen Bach-Choral denn einfach nennen mag) steht ein ausgewachsener Choralchor. Der Sopran singt die nicolaische Choralmelodie, die anderen Singstimmen figurieren dazu in reich bewegtem Satz. Die erste Viola geht mit dem Alt, die zweite mit dem Tenor, ein Fagott verstärkt den Bass, der meist auch mit dem B. c. zusammen geführt ist. Darüber jubilieren die beiden Violinen im Unisono und schwingen sich zum Schluss sogar auf ein g‘‘‘.
Nicolas_Aine (11.02.2022, 22:11): So, ich hab das mal hierher verschoben. Mir war nicht ganz klar, ob ich eure vorhergehenden Diskussionen, Fragen und Überlegungen auch hierhin verschieben soll. Sagt mir einfach Bescheid @tapeesa und @Philidor
tapeesa (13.02.2022, 14:49): @Nicolas_Aine Auch Dank fürs Verschieben! Habe rüberkopiert, was ich gerne noch hier hätte und die entsprechenden Beiträge im Plauderthread gelöscht. _____ Zu letzter Woche:
Fragen die auftauchen: Zu Bachs Zeiten wäre der 5. Sonntag nach Epiphanias? Gab es in Jahren, in denen es damals einen 4. Sonntag nach Epiph. gab auch einen 5. und 6.? (Das kann ich mir aber auch selbst genauer anschauen.) Im Radio wurden verschiedene Kantaten gespielt. Sowie einiges an geistlicher Musik zum Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen (Matthäus 13). Den Bezug zum heutigen Sonntag im aktuellen Kirchenjahr habe ich nirgends bisher gefunden.
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Aus dem folgenden Post:
t: Zu Bachs Zeiten wäre der 5. Sonntag nach Epiphanias? Ph: Würde ich so sehen ... allerdings ist keine Kantate zum 5. So. n. Epi überliefert, und das macht mich gerade stutzig ... da müssten wir die Anzahl der Sonntage n. Epi. für Bachs Leipziger Zeit rekonstruieren.
t: Gab es in Jahren, in denen es damals einen 4. Sonntag nach Epiph. gab auch einen 5. und 6.? Ph: Kommt drauf an - zum einen vor allem darauf, wie der Ostersonntag fiel (22. März bis 25. April), und zum anderen auch, ob der 1. So. n. Epi. am 7. oder erst am 12, Januar war - das hängt freilich direkt vom Ostertermin ab. In aller Kürze: Septuagesimae war seinerzeit der erste Sonntag der Vorpassionszeit, der neunte Sonntag vor Ostern. Der zehnte Sonntag vor Ostern war also der letzte Sonntag der Epiphaniaszeit. Nun müsste man das Osterdatum von 1723 bis 1750 berechnen ... _
Von mir heute noch:
SWR2 gibt kurz als Begründung an: "Nur selten gibt es einen 5. Sonntag nach Epiphanias und so ist auch keine Bach-Kantate für diesen Tag überliefert. Gottfried August Homilius, Bach-Schüler und Kreuzkantor und Musikdirektor an den drei Hauptkirchen Dresdens, hat zu diesem Anlass die Kantate "Steig, Allgewaltiger, von deinem festen Sitze" komponiert, in der es um das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen aus dem Matthäus-Evangelium geht. " Quelle: https://www.swr.de/swr2/musik-klassik/swr2-kantate-2022-02-06-100.html
tapeesa (14.02.2022, 11:53): Lose Gedanken zum gestrigen Sonntag - Septuagesimae, 70. Tag vor Ende der Osterwoche / Vorpassionszeit. Seit dieser Perikopenrevision Advent 2018 bis zu 5 Sonntage (je nach Kalenderjahr auch kein Sonntag möglich), vorher 3. Liturgische Farbe: grün.
Informationen zur Perikopenrevision habe ich auch gefunden, aber eher aufgelistete Änderungen mit Hinweis auf das Erprobungsjahr.
Im Radio waren u. a. diese Kantaten/ Dirigenten vertreten (das dürften die 3 Kantaten sein, die Bach für Septuagesimae komponiert hat):
J. S. Bach BWV 84 - Ich bin vergnügt mit meinem Glücke & BWV 92 - Ich hab in Gottes Herz und Sinn;; Chor und Orchester der J. S. Bach-Stiftung St. Gallen, Rudolf Lutz BWV 144 - Nimm, was dein ist, und gehe hin; Amsterdam Baroque Choir & Orchestra, Ton Koopman
Inhalt der Lesung ist das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, aus dem Matthäus-Evangelium. (Wikipedia sagt noch Wettlauf um den Sieg, 1. Korinther, aber war das eher zu Bachs Zeiten? Bin zumindest nirgends aktuell fündig geworden.)
Jetzt höre ich aus dem Maul & Schrammek Podcast zu BWV 144, Nimm, was dein ist, und gehe hin: - Der Titel der Kantate ist der vollständige Text des Eingangschores (aus dem Evangeliumstext vom Weinberg). - Moralische Kantate, musikalische Predigt / Genügsamkeit - ungewöhnlicherweise 2 Choräle, beide in schlichten Choralsätzen gesungen (Schwerpunkt Gottvertrauen) - kurzes Fugenthema auch vom Titel inspiriert / sehr klare Textdeklamation ("gehe hin" als Gegenmotiv) - Arien: zum "Murren" (murre nicht, lieber Christ - lieber Christ, murre nicht); tiefe Streicher, Bratschen + zur Genügsamkeit, Zwiegespräch zwischen Oboe d'amore und Sopran (Michael Maul sagt dazu "Buddha-Arie", hat was), 2x leicht variiert gesungen - Schlusschoral: Bach hat scheinbar gut belegbar in Schlusschorälen erst den Text unter die Notenzeilen geschrieben, dann die Noten, unmittelbar vor Schluss 2 Zeilen, die laut Michael Maul zu einem musikalischen Horrortrip führen, der sich in Wohlgefallen (in die Grundtonart) auflöst. ___________ Warum ich mich damit auseinandersetze: zum einen, weil ich davon ausgehe, dass Liturgien sich über eine lange Zeit tief allgemein einbrennen. Ob ich will oder nicht, ob ich Bachkantaten höre oder nicht, ich laufe ein Stück in diesem Takt; unabhängig davon, wie ich zu Kantaten(inhalten) stehe. Auch wenn ich beginne mich nicht mal mehr als Christin wahrzunehmen, ist es der religiöse Hintergrund, aus dem ich stamme; es gibt auch einiges abzutragen. Der Podcast ist ein interessantes Gemisch von Lockerheit und Fundiertheit, Theologischem wie Musiktheoretischem und macht neben nachdenklich auch Spaß (meine Meinung).
Philidor (14.02.2022, 12:36): Inhalt der Lesung ist das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, aus dem Matthäus-Evangelium. (Wikipedia sagt noch Wettlauf um den Sieg, 1. Korinther, aber war das eher zu Bachs Zeiten? Bin zumindest nirgends aktuell fündig geworden.) Richtig, das Evangelium zu Septuagesimae ist das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, im Leipzig der Bachzeit wie heute Mt 20, 1-16. DIeses Gleichnis ist auch nur bei Mt überliefert.
Vermutlich war dieses Evangelium durch die frühkirchliche Kasualie der Vorstellung der Katechumenen geprägt - diejenigen, die an Ostern getauft werden sollten, wurden an diesem Sonntag dem Bischof vorgestellt; die (Lehr-)Predigt richtete sich vor allem an diese Taufanwärter, denen vor Augen gestellt werden sollte, was sie erwarten dürfen und was nicht.
Der rechte Wettlauf um den Sieg war bei Bach die Epistel, 1. Kor. 9, 24 - 10, 5. - In unseren Zeiten war bis 2018 die Epistel 1. Kor. 9, 24-27, also das Kernstück mit dem Lauf. Heutzutage ist die Epistel Phil 2, 12-13, und in Predigtreihe VI findet sich die alte Epistel (1. Kor. 9, 24-27).
Philidor (14.02.2022, 13:13): t: Zu Bachs Zeiten wäre der 5. Sonntag nach Epiphanias? Ph: Würde ich so sehen ... allerdings ist keine Kantate zum 5. So. n. Epi überliefert, und das macht mich gerade stutzig ... da müssten wir die Anzahl der Sonntage n. Epi. für Bachs Leipziger Zeit rekonstruieren. SWR2 gibt kurz als Begründung an: "Nur selten gibt es einen 5. Sonntag nach Epiphanias und so ist auch keine Bach-Kantate für diesen Tag überliefert. Gottfried August Homilius, Bach-Schüler und Kreuzkantor und Musikdirektor an den drei Hauptkirchen Dresdens, hat zu diesem Anlass die Kantate "Steig, Allgewaltiger, von deinem festen Sitze" komponiert, in der es um das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen aus dem Matthäus-Evangelium geht. " Quelle: swr.de/swr2/musik-klassik/swr2-kantate-2022-02-06-100.html SWR2 in allen Ehren, aber im Jahre 1726 fiel Ostern auf den 21. April, d. h. Septuagesimae war am 17. Februar 1726.
Damit gab es nach Epiphanias Sonntage am 13., 20. und 27. Januar sowie am 3. und 10. Februar ... das sind fünf ... und in 1726 war Bach noch in Amt und Würden. - Er hat im Kalenderjahr 1726 allerdings nachweisbar 18 Kantaten von Johann Ludwig Bach aufgeführt, alle in der Zeit von Mariä Reinigung (2. Februar) bis zum 13. So. n. Tr., vielleicht müsste man da mal schauen.
Der Erklärungsversuch, Bach habe keine Kantate für den 5. So. nach Epiphanias komponiert, weil es den so selten gibt, überzeugt mich nicht. Einen 27. Sonntag nach Trinitatis gab es zu Bachs Leipziger Zeit auch nur zweimal, 1731 und 1742, das hat ihn nicht gehindert, für diesen seltenen Sonntag eine Kantate zu komponieren (und was für eine - "Wachet auf, ruft uns die Stimme" BWV 140). - Das war halt sein DIenstauftrag - wenn der Sonntag stattfand, und sei es ansonsten auch selten, dann musste Bach liefern.
Und siehe da - die englische Wikipedia-Seite zu Johann Ludwig Bach löst das Rätsel und berichtet von der Kantate "Der Gottlosen Arbeit", die von Johann Ludwig Bach komponiert wurde und am 5. Sonntag nach Epiphanias, dem 10. Februar 1726 in Leipzig aufgeführt wurde. Rätsel gelöst - mit schönen Grüßen an den SWR ... ;)
Was ist das längste Werk aus der Feder Johann Sebastian Bachs? Die Matthäus-Passion? Das Wohltemperierte Klavier, beide Bände zusammengenommen? Die vier Teile der Klavierübung? Einiges spricht dafür, den Choralkantatenjahrgang als äußerlich größtes Werk des Thomaskantors anzusehen, auch, wenn dieser Zyklus nicht ganz vollendet wurde.
Was ist eine Choralkantate? Gibt es nicht in fast jeder Bachkantate einen Choral? Vorweg: Hier ist immer der protestantische Choral gemeint, also das Evangelische Kirchenlied (ja, es gibt die eine Ausnahme: BWV 10). Ob eine Kantate eine Choralkantate ist oder nicht, entscheidet sich am Text. Ganz grob: Wenn der Text alle oder zumindest die meisten Strophen eines Chorals beinhaltet, im Original oder nachgedichtet, dann liegt eine Choralkantate vor.
Ganz offensichtlich ist das der Fall bei der sehr frühen Kantate „Christ lag in Todes Banden“ BWV 4. Hier hat Bach die sieben Strophen des Chorals in ebenso vielen Sätzen vertont und eine einleitende Sinfonia vorangestellt. Das ist gleichzeitig der frühe, bereits vor Bach vorkommende Typus der Choralkantate, oft mit „per omnes versus“ überschrieben.
In den meisten Fällen ließ der Dichter einer Bachschen Choralkantate den ersten und letzten Vers des Chorals unverändert stehen und bearbeitete den Text der mittleren Strophen frei zu Rezitativen, Arien, Duetten usw. Bisweilen sind Anspielungen auf das Evangelium oder die Epistel des Tages ergänzt.
Bach setzte dieses Textmodell „außen original, innen frei“ wie folgt um: Er vertonte die erste Strophe meist als Choralchor, also als komplexen vokal-instrumentalen Satz, in welchem eine Chorstimme den Choral („cantus firmus“) unverändert singt und die anderen Stimmen oft reich kontrapunktisch angelegt sind, die letzte Strophe dann meist als homophonen Choral mit dem cantus firmus in der Oberstimme, bei dem die Instrumente colla parte die Chorstimmen mitspielen. Die frei nachgedichteten mittleren Strophen wurden (meist) ohne melodischen Zusammenhang zum Choral vertont – also ebenso frei.
Bach hatte offenbar geplant, seinen zweiten Leipziger Jahrgang (1724/25, beginnend mit dem 1. Sonntag nach Trinitatis – Bachs Leipziger Kantatenjahrgänge werden ab seinem Dienstbeginn gezählt, der auf den 1. So. n. Tr. 1723 fiel) durchgängig mit Choralkantaten anzulegen. Dafür sprechen: (1) Die erste Kantate, „O Ewigkeit, du Donnerwort“ BWV 20, beginnt mit einer Französischen Ouvertüre, ebenso wie BWV 61, wo diese Form den Beginn des Kirchenjahres anzeigte – hier weist sie auf den Beginn des Projektes hin. (2) In den ersten vier Kantaten des Jahrgangs legte Bach den cantus firmus im Eingangschor nacheinander in Sopran, Alt, Tenor und Bass (BWV 20, 2, 7 und 135); das systematische Vorgehen ist unübersehbar. (3) Ein weiterer Anhaltspunkt für die Sonderstellung dieser Kantaten findet sich im Autograph der Partitur zu BWV 20. Üblicherweise setzte Bach seinen Niederschriften ein „Jesu Juva“ (= Jesus hilf) voran. Hier jedoch, beim Eröffnungswerk des Jahrgangs, schrieb er die Formel „INDNJC“ = „In nomine Domini nostri Jesu Christi“ = „Im Namen unseren Herrn Jesus Christus“. (4) Bach konnte diesen Zyklus im Kantatenjahrgang 1724/25 leider nicht vollenden; schuf aber in Folgejahren fehlende Kantaten und ordnete diese Ergänzungen in seinem eigenen Werkverzeichnis diesem Choralkantatenjahrgang zu.
Philidor (15.02.2022, 17:43): Damit sind wir schon beim Abbruch des Zyklus: Die Kantate „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ BWV 1, komponiert zum Fest Mariä Verkündigung am 25. März 1725, war vorläufig der letzte Gattungsbeitrag. Warum Bach die Folge unterbrach, wissen wir nicht. Eine Möglichkeit ist, dass sein Textdichter (bzw. -dichterin) nicht mehr zur Verfügung stand; leider wissen wir nicht einmal, wer das war. Es ist eine Hypothese, dass Andreas Stübel, emeritierter Konrektor der Thomasschule, der sowohl theologische Kenntnisse als auch poetische Erfahrungen hatte, die Texte der Kantaten vom 1. Sonntag nach Trinitatis 1724 bis Mariä Verkündigung 1725 beigesteuert hat. Stübel verstarb am 27. Januar 1725. Eine andere Möglichkeit ist, dass der Geistliche, welcher die Predigten hielt, wechselte. Da in Leipzig seit der Reformation morgens über das Evangelium des Tages, nachmittags aber über die Epistel gepredigt wurde, und die Kantaten daher meist stärkeren Bezug auf das Evangelium statt auf die Epistel nahmen, musste wohl mit dem Prediger abgesprochen sein, dass dieser eine sogenannte Liedpredigt hielt; die Lizenz, ein Kirchenlied zur Grundlage der Kanzelrede zu machen, war vergleichsweise jung.
Leider scheinen nur wenige Berichte über die Resonanz in der Leipziger Bevölkerung von Bachs Wirken als Thomaskantor erhalten zu sein. Vieles ist nur indirekt erschließbar. Zum Beispiel gab es oratorische Passionen im evangelischen Deutschland ab etwa 1700. In Leipzig folgte die „Neue Kirche“ im Jahr 1717. Das konservativere Konsistorium, das die Ausgestaltung der Gottesdienste in der Thomaskirche und in der Nicolaikirche verantworte, stand dem zunächst ablehnend gegenüber. Als die Leipziger Protestanten karfreitags in großer Zahl der Thomaskirche und der Nicolaikirche den Rücken kehrten und in die Neue Kirche gingen, um Passionsoratorien zu hören, musste das Konsistorium einlenken; Bachs Vorgänger, Thomaskantor Johann Kuhnau, führte am Karfreitag 1721 zum ersten Mal eine „musicierte Passion“ im Vespergottesdienst der Thomaskirche auf. – Wir können dem entnehmen, dass die Kirchenmusik den Besuchern der Gottesdienste wichtig war und eventuell sogar höhere Attraktivität hatte als die Bindung an einen Prediger oder an den vertrauten liturgischen Ort. – Von Bachs Amtsantritt in Leipzig gab es zwar bspw. eine Notiz in einer Hamburger Zeitung, aber auch in Leipzig selbst gab es nicht viel mehr. Die offizielle Meldung ließ wissen, dass „ der Hr. Bach zum Antritt seine Music vor und nach der Predigt gemachet“. Die Chronik der Leipziger Universität vermerkte noch, dass dies „mit guten applausu“ geschehen sei. – Darüber hinaus konnte ich noch den Hinweis auf eine Leipziger Zeitungsnotiz zur Ratswechselkantate des Jahres 1739 finden, in welcher es hieß, dass Bach eine „künstliche und angenehme Music“ dargeboten habe („Wir danken dir, Gott, wir danken dir“ BWV 29). Das klingt schon etwas dürftig, gerade vor dem Hintergrund, dass St. Thomae die renommierteste Stelle im protestantischen Deutschland war, sozusagen die Position des Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker für evangelische Kantoren. (Für weitere Hinweise zur zeitgenössischen lokalen Rezeption des Bachschen Wirkens in Leipzig wäre ich dankbar.)
Vieles zur Wertschätzung Bachs und seiner Kantaten ist also durch Indizien zu erschließen. Vor diesem Hintergrund mag man die Wertschätzung des Choralkantatenjahrgangs darin erkennen, dass die Stadt Leipzig nach Bachs Tod aus dessen Nachlass ausschließlich die Noten dieser Choralkantaten erwarb. Offenbar war man sich über die Bedeutung dieser Werke im Klaren. Auch seine Nachfolger im Amte zu St. Thomae führten immer wieder mal eine dieser Kantaten auf, auch dann, als sich der Zeitgeschmack längst gewandelt hatte.
Nach dem zweiten Leipziger Kantatenjahrgang 1724/25 lässt die Produktivität Bachs in Sachen Kantatenkomposition deutlich nach. Im dritten Jahr 1725/26 entstanden nur 15 neue Kantaten; Bach führte in dieser Zeit auch 18 Werke von Johann Ludwig Bach auf. Vom 1. So. n. Trinitatis 1726 bis zum Trinitatisfest 1727 waren es 21 neue Werke. Da es mit einer einzigen Ausnahme auch keine neuen J. S. Bachsche Kantaten zum selben Sonn- oder Feiertag in diesen beiden Jahrgängen gibt, war Bach wohl an Arrondierung des Repertoires interessiert; man könnte die Arbeit so deuten, dass Bach für die meisten Sonn- und Feiertage drei Werke zur Auswahl haben wollte, aus denen er z. B. mit Blick auf die verfügbaren Musiker auswählen konnte. - Die angeblichen fünf Jahrgänge aus Bachs Feder wären m. E. noch nachzuweisen. (Es gibt aber in jüngster Zeit gefundene Hinweise, dass Bach 1735/36 einen jahresfüllenden Kantatenzyklus von Gottfried Heinrich Stölzel auf Texte von Benjamin Schmolck zur Aufführung brachte.)
Bach versuchte in späteren Jahren, die verbliebenen Lücken zu schließen, d. h. Choralkantaten für die Sonn- und Feiertage zwischen Ostermontag und Trinitatis zu schaffen und auch diejenigen Lücken zu schließen, die 1724/25 durch die kalendarischen Zufälligkeiten des Kirchenjahres bedingt waren; so gab es 1725 bspw. keinen 4. Sonntag nach Epiphanias, da Ostern auf den 1. April fiel. Doch vollendet wurde dieser Zyklus, das vielleicht umfangreichste Projekt seines Schaffens, leider nicht.
tapeesa (16.02.2022, 09:08): SWR2 in allen Ehren, aber im Jahre 1726 fiel Ostern auf den 21. April, d. h. Septuagesimae war am 17. Februar 1726.
Und siehe da - die englische Wikipedia-Seite zu Johann Ludwig Bach löst das Rätsel und berichtet von der Kantate "Der Gottlosen Arbeit", die von Johann Ludwig Bach komponiert wurde und am 5. Sonntag nach Epiphanias, dem 10. Februar 1726 in Leipzig aufgeführt wurde.
In den Sendungen zu Kantaten / geistlicher Musik wirkt viel abgelesen, weiß nicht, wer die Recherche betreibt. Gerade beim älteren religiösen Vokabular der Bachkanten gibt es Stolperstellen und man hört einigen Moderatoren an, wie sehr sie damit fremdeln.
tapeesa (17.02.2022, 10:16): @Philidor - muss nochmal nachhaken. Komponiert hat J. S. Bach keine Kantate für den 5. Sonntag nach Epi 1726, oder? Das ist evident? Das Warum ist, weil Johann Ludwig Bach eine komponiert hatte? Nach welchen Vorgaben wurde denn das Recht vergeben, eine Kantate zu komponieren, die in Leipzig aufgeführt wurde, Bach war zu der Zeit doch Thomaskantor? edit: ha, Schrammek und Maul diskutieren auch dieses :) - ich trage deren Sicht gleich nach -
tapeesa (17.02.2022, 11:27): Ja, Bach hat keine Kantate für diesen Sonntag geschrieben.
- verreist, keine Lust, Evangelium nicht gefallen werden ausgeschlossen, waren aber ehrlich gesagt auch Gedanken, die mir kamen X/ - der 5. Sonntag nach Epiphanias war 7x in Bachs Zeit als Thomaskantor der Fall - in 1728 (Kantatenjahrgang 1728 / 29) wäre die erste Gelegenheit für Bach gewesen eine Kantate für den 5. SO n. Epi zu komponieren (das war aber bereits nach den Jahren, in denen er fast 90 % seiner überlieferten Kantaten geschrieben hat), ein 5. Sonntag nach Epiphanias war laut einem gefundenen Kalender auch am 6.2.1729, was sich mit Mauls Angaben decken würde. (Hier komme ich durcheinander, weil wie du (Philidor) geschrieben hast, gab es auch 1726 einen 5. SO nach Epi. Das Michael Maul etwas "durcheinander wirft", kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen. Aber 1726 wäre ja in den ersten Jahren Bachs Thomaskantorzeit gewesen. Kann es sein, dass die Befugnisse für die Kantatenkomposition erst später zugesprochen wurden?)
Das Gleichnis mit dem Weizen / Unkraut (warum an dem Sonntag, war ja auch eine meiner Fragen) stand für den Sonntag auch an. Da war das Radio höchst korrekt
M. Mauls Vermutungen: Bach hat nicht neu zur Feder gegriffen. Oder aber eine komponierte Kantate ist verschwunden. Dieser Sonntag ist ihm evtl. schlicht "durch die Lappen gegangen". Im Wissen um die Aufführungen zu Sonntagen in den 1730, 40er Jahren gibt es generell sehr viele Lücken.
Philidor (17.02.2022, 11:36): @Philidor - muss nochmal nachhaken. Komponiert hat J. S. Bach keine Kantate für den 5. Sonntag nach Epi 1726, oder? Das ist evident? Das Warum ist, weil Johann Ludwig Bach eine komponiert hatte? Nach welchen Vorgaben wurde denn das Recht vergeben, eine Kantate zu komponieren, die in Leipzig aufgeführt wurde, Bach war zu der Zeit doch Thomaskantor? edit: ha, Schrammek und Maul diskutieren auch dieses - ich trage deren Sicht gleich nach - Evident ist es m. E. nicht, dass er keine Kantate zum 5. So. n. Epi. komponiert hat.
Richtig ist m. E.: Nach heutigem Kenntnisstand ist keine Kantate aus Bachs Feder zum 5. So. n. Epi. überliefert. Es mag sein, dass er eine, zwei oder drei Kantaten zu diesem Sonntag komponiert hat und dass diese - wie viele andere auch - verloren gegangen sind.
"Das Recht vergeben, eine Kantate zu komponieren" - damit kenne ich mich nicht aus.
Ich weiß nur, dass Bach in Leipzig den Auftrag hatte, an jedem Sonn- und Feiertag eine Kantate ("Music") aufzuführen. Ausgenommen die tempora clausa - 2. bis 4. Sonntag im Advent und Aschermittwoch bis Gründonnerstag.
Bei dieser Pflicht zur Aufführung hat er eben auch auf die Kantaten anderer zurückgeriffen, sehr systematisch sogar in der Zeit von Mariä Lichtmess bis zum 13. So. n. Tr. des Jahres 1726, wo er 18 Kantaten von Johann Ludwig Bach aufgeführt hat.
Gruß Philidor
:hello
Philidor (17.02.2022, 11:42): Ja, Bach hat keine Kantate für diesen Sonntag geschrieben. Nochmal: Es ist keine Kantate überliefert. Vielleicht hat er eine Kantate geschrieben, aber sie ist verloren gegangen. - verreist, keine Lust, Evangelium nicht gefallen werden ausgeschlossen, waren aber ehrlich gesagt auch Gedanken, die mir kamen "keine Lust" würde ich eigentlich ausschließen ... ;) ... das wäre bestimmt in den Akten der Thomaskirche dokumentiert ... ;) Kann es sein, dass die Befugnisse für die Kantatenkomposition erst später zugesprochen wurden? Ich bin nicht sicher, ob unsere modernen Kategorien des Denkens auf die Zeit Bachs in Leipzig anwendbar sind. Das Gleichnis mit dem Weizen / Unkraut (warum an dem Sonntag, war ja auch eine meiner Fragen) stand für den Sonntag auch an. Da war das Radio höchst korrekt Das bestreitet auch niemand. ;) Im Wissen um die Aufführungen zu Sonntagen in den 1730, 40er Jahren gibt es generell sehr viele Lücken. Richtig.
Nach ziemlich neuen Erkenntnissen hat Bach im Jahrgang 1736/36 einen kompletten Jahrgang von Stölzel aufgeführt. 1734 hatte er bereits ein Passionsoratorium von Stölzel aufgeführt.
tapeesa (17.02.2022, 12:29): Ja, stimmt, mit dem nicht evident, da war ich widersprüchlich, sowas aber auch, lässt sich auch nicht dem Podcast zuschieben, da wird schlicht gesagt, dass keine überliefert / bekannt ist. Die Theorie mit dem "keine Befugnisse" hat sich erledigt, J. S. Bachs erster Kantatenzyklus begann mit Amtsantritt 1723.
Das bestreitet auch niemand. Das auch nicht :D War rein feststellend gemeint.
Dann erklärt sich mir vorerst die Aussage nicht, dass die erste theoretische Gelegenheit für J. S. Bach zu einer Kantate für besagten Sonntag im Jahr 1728 war. Und bei dir fehlt mir auch die Erklärung, warum - bloß weil eine von jemand anderem komponierte Kantate am 5. SO n Epi aufgeführt wurde - J. S. Bach keine komponiert hat.
Quasi zwischen allen Stühlen :P ^^
So, ich gehe mir jetzt das Buch "Bach - Wie wunderbar sind deine Werke" von Michael Maul kaufen.
Philidor (17.02.2022, 12:48): J. S. Bachs erster Kantatenzyklus begann mit Amtsantritt 1723. Richtig. War rein feststellend gemeint. Kam auch nicht anders an ... :beer Dann erklärt sich mir vorerst die Aussage nicht, dass die erste theoretische Gelegenheit für J. S. Bach zu einer Kantate für besagten Sonntag 1728 war. Da komme ich zu anderen Ergebnissen - vielleicht habe ich den Ostertermin falsch berechnet, aber falls ich mit dem 21. April 1726 richtig liegen sollte, dann hätte Bach schon in 1726 die Gelegenheit gehabt, eine Kantate für den 5. So. n. Epi. nicht nur zu komponieren (das konnte er freilich immer), sondern auch aufzuführen.
Von dieser Gelegenheit hat er Gebrauch gemacht, oder genauer: er ist seiner Dienstpflicht zur Aufführung einer "Music" auch an diesem Sonntag nachgekommen, und zwar mit der Kantate "Der Gottlosen Arbeit" von Johann Ludwig Bach. SWR2 in allen Ehren, aber im Jahre 1726 fiel Ostern auf den 21. April, d. h. Septuagesimae war am 17. Februar 1726.
Damit gab es nach Epiphanias Sonntage am 13., 20. und 27. Januar sowie am 3. und 10. Februar ... das sind fünf ... und in 1726 war Bach noch in Amt und Würden.
Und bei dir fehlt mir auch die Erklärung, warum - bloß weil eine von jemand anderem komponierte Kantate am 5. SO n Epi aufgeführt wurde - J. S. Bach keine komponiert hat. Das kann mit letzter Wahrheit auch nur Bach selbst beantworten. - Wie oben geschrieben, war das ja nicht nur am 10. Februar 1726 der Fall, sondern großflächig von Mariä Reinigung (2. Februar) bis zum 13. So. n. Tr. 1726 - insgesamt hat er in dieser Zeit 18 Kantaten von Johann Ludwig Bach aufgeführt.
Das heißt, an einigen Sonn- und Feiertagen führte er im fraglichen Zeitraum noch einzelne eigene, neue Kompositionen auf (10 Kantaten, die sind auch nachweisbar), aber überwiegend solche von Johann Ludwig Bach.
Zur Frage nach dem "Warum" stellt Christoph Wolff in seiner Bach-Biographie die Hypothese auf, dass Bach schon an der Matthäus-Passion arbeitete, die 1727 in erster Fassung aufgeführt wurde. Ich schmücke diese Hypothese ein wenig aus meiner Fantasie aus: Bach hatte unzweifelhaft mitbekommen, dass die Aufführung einer figuraliter musizierten Passion ein wesentliches Ereignis in Leipzig war. Wie oben geschrieben, blieben die protestantischen Gemeindeglieder ja der Nicolai- und Thomaskirche fern, als in der Neuen Kirche (im Universitätsgottesdienst) die ersten oratorischen Passionen aufgeführt wurden. Dazu passt, dass die Mt-Passion nicht nur sein längstes Werk ist, sondern auch das, welches die größte Besetzung erforderte - und das Mitwirken beider Orgeln der Thomaskirche und das Besetzen beider Emporen muss vor dem Hintergrund der üblichen Praxis starken Eindruck gemacht haben. Auch hat er dieses Werk sehr fein säuberlich nochmal abgeschrieben und damit die besondere Wertschätzung unterstrichen.
Gruß Philidor
:hello
tapeesa (17.02.2022, 13:05): Genau, ich hatte das: Er hat im Kalenderjahr 1726 allerdings nachweisbar 18 Kantaten von Johann Ludwig Bach aufgeführt, alle in der Zeit von Mariä Reinigung (2. Februar) bis zum 13. So. n. Tr., vielleicht müsste man da mal schauen. nicht mehr auf dem Schirm.
Die Lücke schrumpft dann auf Michael Mauls Formulierung vorher keine Gelegenheit gehabt zu haben, was nach Verhinderung von außen klingt und bei der Hypothese, die du ins Spiel bringst, klingt es (für mich) nach einer persönlichen Entscheidungsfreiheit von Bach.
Falsche Osterberechnung schließe ich aus, der Online-Kalender gibt es identisch an.
Irgendeinen Grund wird es 1726 gegeben haben.
Mal im Internet über Bachkantaten von 1726 zu diskutieren, hätte ich mir auch nicht träumen lassen, macht aber Spaß :) . Ich nehme besser für heute ein wenig Abstand, bin nicht richtig konzentriert und muss sortieren.
:beer
Philidor (17.02.2022, 19:17): Falsche Osterberechnung schließe ich aus, der Online-Kalender gibt es identisch an. Ich habe es lernen müssen, bei Online-Kalendern vorsichtig zu sein ... die einen verwenden den gregorianischen Kalender, die anderen den julianischen Kalender, die einen berechnen das Osterdatum der Westkirchen, die anderen das Osterdatum der Ostkirchen, manche sagen erst gar nicht, welche kalendarischen und geografischen Gegebenheiten sie zugrundelegen, wieder andere sagen das zwar, rechnen aber falsch ...
... Es ist leider auch nicht ganz einfach.
Nehmen wir mal 1727.
Hier sagt man: 08. April http://www.mks-ideenshop.de/historisch/ostern/datum_im_jahr_1727.html
Hier sagt man: 13. April https://www.stilkunst.de/c33_thought/c33_dates_of_movable_holidays.php?1727
Hier findet man den 02. April: http://www.nabkal.de/ostrech3.html
Apropos "Lästern über SWR2" - hier sagt der WDR, dass Bach die Matthäuspassion an Ostern 1727 zum ersten Mal aufgeführt habe ... :J https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/meisterstuecke/audio-johann-sebastian-bach-matthaeus-passion-100.html
Philidor (17.02.2022, 20:07): Noch eine Denksportaufgabe zum Ostertermin.
Nehmen wir an, Frühlingsanfang im Jahre X sei am 21. März.
Nehmen wir an, Vollmond wäre am Samstag, dem 23. März des Jahres X um 23:00 Uhr mittlerer Ortszeit in Rom. Dann feiert man in Rom also am Sonntag, den 24. März des Jahres X Ostern. ("Der erste Sonntag nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsanfang")
23:00 Uhr mittlerer Ortszeit in Rom ist aber ungefähr 00:58 Uhr mittlerer Ortszeit in Jerusalem - am 24. März. Der nächste Sonntag ist dann der 31. März, d. h. Ostern fiele in Jerusalem auf den 31. März des Jahres X.
Kann das sein?
tapeesa (18.02.2022, 09:44): Ist die Frage zum Ostertermin rhetorisch gemeint? Ansonsten: Kommt evtl. auf X an? Oder schlicht: https://www.deutschlandfunk.de/carl-friedrich-gauss-und-seine-genialen-formeln-ostern-zum-100.html (Ist auch Radio, aber die Gaußsche Osterberechnung wird auch anderweitig erwähnt.) ______
Wegen den Kalenderunterschieden: ich versuch' in der Regel nicht gänzlich unreflektiert etwas Gelesenes zu übernehmen. Hatte mich auf diesen, von dir auch verlinkten, Kalender bezogen: https://www.stilkunst.de/c31_calendar/c3100_today.php Dort wird gleich dazu gesagt, dass Fehler vorkommen können, verschiedene kalendarische Systeme sind gelistet, hatte nach gregorianischer Zeit geschaut. Da im Podcast von erster Möglichkeit 1728 gesprochen wurde, hielt ich dann für wahrscheinlich, dass die Angabe (1729: 5. SO nach Epi) stimmt. Wenn dem so ist, müsste ja entweder ein grundlegender Programmierfehler vorliegen, der 1726 unstimmig macht oder aber in der Berechnungsformel etwas nicht berücksichtigt worden sein (ist zumindest, was mir einfällt). Hier: http://www.norbertruttner.at/callitvd.html wird auf den Unterschied zwischen heutigen Bestimmungen und "damals" hingewiesen, aber die Ostertermine würden auf jeden Fall stimmen. Beide Rechner geben den Ostersonntag für 1726 am 21.4. und 1729 am 17.4. an. Erfüllt doch jeweils die Kriterien für den 5. SO nach Epi? Auch laut Podcastauskunft. Wo könnte ein Kalenderfehler sein?
Der Podcast hat Plaudercharakter und Schrammek spricht von den ersten 3 Jahren, Maul von 4 (wegen der Mehrzahl der Bachschen Kantatenkompositionen). Da wird nicht direkt korrigiert. Schrammek sagt zwar, dass es keinen 5. SO n. Epi vor 1728 / 29 gab. Aber Maul bleibt vager. Ob der "korrekte Bereich" durch die Flapsigkeit verlassen wird, weiß ich nicht.
Mein Erklärungsfavorit wäre, dass Bach aus irgendwelchen Gründen 1726 verhindert war. Möglicherweise auch anderweitig zu etwas verpflichtet. Apropos "Lästern über SWR2" - hier sagt der WDR, dass Bach die Matthäuspassion an Ostern 1727 zum ersten Mal aufgeführt habe ... Vermutlich steht aber auch dabei. Soweit ich gesehen habe, ist das genaue Datum nicht geklärt? Oder was meinst du?
Zur Matthäus-Passion könnte dieser Artikel interessant sein (nur kurz quergelesen): https://www.freitag.de/autoren/thomas-w70/bachs-kreuzweg-die-matthaeus-passion "Die Uraufführung der Matthäus-Passion fand dann wahrscheinlich 1727 statt. Lange ging man vom Karfreitag 1729 aus, doch scheint dies bereits die zweite Aufführung gewesen zu sein." ____
Nach einem Artikel zu Augustinus und der Einordnung von Tanz, habe ich erstmal die Nase voll von der Auseinandersetzung mit Kirche(nlehren) und Vermessungen. Die ganze Woche Schwerpunkt Bachkantaten und Kirche funktioniert nicht.
:hello
Philidor (18.02.2022, 09:52): Wenn dem so ist, müsste ja entweder ein grundlegender Programmierfehler vorliegen, der 1726 unstimmig macht oder aber in der Berechnungsformel etwas nicht berücksichtigt worden sein (ist zumindest, was mir einfällt). Nun, es ist ja auch unklar, ob europaweit einheitlich Ostern gefeiert wurde.
Jedenfalls haben die Leipziger am 10. Februar 1726 den 5. So. n. Epi. gefeiert, wie durch die Aufführung der Kantate von Johann Ludwig Bach durch Johann Sebastian Bach und seine Thomaner nachgewiesen ist, Vermutlich steht aber auch dabei. Soweit ich gesehen habe, ist das genaue Datum nicht geklärt? Oder was meinst du? Ich habe mich darüber amüsiert, dass der WDR schrieb, dass die Mt-Passion an Ostern 1727 aufgeführt wurde.
Das ist sicher falsch. ;)
Wenn im Jahre 1727, dann doch am Karfreitag und nicht an Ostern.
Ich beginne langsam, mich daran zu gewöhnen, dass niemand mehr den Unterschied von Advent und Weihnachten kennt und versteht, aber dass Karfreitag und Ostern zwei so grundverschiedene Dinge sind wie Nacht und Tag, Tod und Leben (ganz wörtlich), das könnte doch noch irgendwie im gesellschaftlichen kulturellen Bewusstsein verankert sein ... :D ... ich gebe die Hoffnung jedenfalls nicht auf ...
BWV 181 - Leichtgesinnte Flattergeister; Holland Boys Choir / Netherlands Bach Collegium, Pieter Jan Leusink Text: Erdmann Neumeister; Leipzig, 13.02.1724 BWV 18 - Gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt; American Bach Soloists, Jeffrey Thomas 1712 oder 1713? BWV 126 - Erhalt uns Herr, bei deinem Wort; Chor und Orchester der J. S. Bachstiftung St. Gallen, Rudolf Lutz Choralkantate, 4. Februar 1725
Evangeliumstext: Lukas 8,4-8 (9-15), Gleichnis vom Sämann
tapeesa (04.04.2022, 14:46): Mir ist eben erst aufgefallen, dass wir uns für den Thread auf Bachs Kantaten und das Kirchenjahr geeinigt hatten und ich aus verschiedenen Gründen und auch wegen der bachkantatenfreien Zeit, selbst bei äußerst freier Interpretation, immer mehr davon wegkomme. Nur schnell angemerkt vorerst. Vielleicht verschiebt man das später besser.
palestrina (05.04.2022, 09:33): Warum macht man nicht einen eigenen Thread auf, der Graupner mit diesen wunderbaren 4 CDs und weitere, geht doch da völlig unter! ?(
LG palestrina
tapeesa (05.04.2022, 10:04): @palestrina - Weil man da so "rein gerutscht" ist.
Gruß, tapeesa
palestrina (05.04.2022, 11:58): gekürzt, Netikette, d. Admin.
Rund ums Kirchenjahr bedeutet, >BACH rund ums Kirchenjahr< !!!!!!!
Für mich bedeutet das mal wieder, was ich zu Graupner sagen wollte bleibt bei mir!
LG palestrina
Nicolas_Aine (05.04.2022, 21:43): Ich würde hier kurz anmerken, was ich m.W.n. auch schon anderswo angemerkt habe: Ich sehe die Thementitel nicht ganz so eng. Wenn sich ein Thema auf Abwege begibt, kann das ja auch ganz interessant sein, so z.B. hier im konkreten Fall. Falls das generell nicht gewünscht wird, beuge ich mich natürlich eurem Wunsch :saint: . Aber generell sehe ich da hier im Forum eh kein großes Problem.
Falls gewünscht, kann ich die gelöschten Beiträge wiederherstellen.
Alles weitere im Umgangsformen Faden.
tapeesa (03.05.2022, 11:14): Falls das generell nicht gewünscht wird, beuge ich mich natürlich eurem Wunsch . Aber generell sehe ich da hier im Forum eh kein großes Problem. Danke für deine Offenheit, die weiß ich zu schätzen. Ich bleibe hier aber doch lieber einigermaßen beim Bachkantaten-Thema. _________
Diesen Sonntag war Misericordias Domini (Die Barmherzigkeit des Herrn) oder auch "Hirtensonntag".
Hirtensonntag wegen des Evangeliums vom Guten Hirten für diesen Tag, Joh 10,11 - Ich bin ein guter Hirt, ein guter Hirt lässt sein Leben für die Schafe ist zentral. Oder auch Psalm 23: "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. (...)"
J. S. Bach hat 3 Kantaten für diesen Tag komponiert: BWV 104 - Du Hirte Israel, höre; BWV 112 - Der Herr ist mein getreuer Hirt; BWV 85 - Ich bin ein guter Hirt
BWV 85 (von 1725) kann man als die persönlichste der drei Kantaten sehen. Sehr kammermusikalisch, intimes Zwiegespräch zwischen "der gläubigen Seele" mit dem guten Hirten. Michael Maul versteigt sich zur Äußerung: "Wo diese Kantate erklingt wird jeder Raum zum Schafstall" (wirkt liebevoll nicht despektierlich) - in freier Anlehnung an ein Zitat von Felix Mendelssohn Bartholdy: "Wo diese Musik erklingt wird jeder Raum zu einer Kirche" (bezogen auf eine frühere Bachkantate). Durch die Kantate zieht sich eine behütend-tröstliche Stimmung. Der pastorale Charakter steigert sich im Verlauf. Oboen stehen für die Klangwelt der Hirten. In der Alt-Arie ein hoher Kontrast zwischen Ruhe und Geborgenheit / Gesang und dem virtuosen Violoncello Piccolo => bewegtes Leben, geschützt von Jesus, dem Hirten, der sein Leben für die Schafe gegeben hat. Der Begriff "Mietling" taucht auf - ein bezahlter Hirt würde angesichts eines Wolfes sofort weglaufen. Jesus nicht. Der Textdichter ist unbekannt, baut zum 23. Psalm aber Elemente aus dem Becker-Psalter (Übertragung von Psalmen in deutsche Gesänge von Cornelius Becker) ein. (frei nach "Maul und Schrammek")
Zum Nachschlagen finde ich diese Seite: https://www.bach-cantatas.com/IndexBWV.htm hilfreich. Links zu Texten führen von dort z. B. hier Text zu BWV 85, J. S. Bach oder hier https://www.bach-digital.de/receive/BachDigitalWork_work_00000109?XSL.Style=detail hin.
Die Interpretation unter C. Coin mag ich am liebsten: Sopran: Barbara Schlick; Alto: Andreas Scholl; Tenor: Christoph Prégardien; Bass: Gotthold Schwarz Das Leipziger Concerto Vocale / Ensemble Baroque de Limoges, Christophe Coin (Violoncello piccolo & Dirigat)
Weitere Aufnahmen unter anderen:
- Sopran: Deborah York; Alto: Bogna Bartosz; Tenor: Jörg Dürmüller; Bass: Klaus Mertens Amsterdam Baroque Orchestra & Choir, Ton Koopman - Soprano: Gerlinde Sämann; Alto: Petra Noskaiova; Tenor: Christoph Genz; Bass: Jan Van der Crabben La Petite Bande, Sigiswald Kuijken - Soprano: Ruth Holton; Alto: Sytse Buwalda; Tenor: Nico van der Meel; Bass: Bas Ramselaar Holland Boys Choir, Netherlands Bach Collegium, Pieter Jan Leusink