Original von Leif Erikson Übrigens hat es mir gestern keine Ruhe gelassen und ich habe meine sämtlichen 5 Einspielungen von BWV 565 (nur die Toccata) vergleichend gehört. Walcha ist imo der Beste, weil er mir am plausibelsten erscheint und noch etwas temperamentvoller als Stockmeier spielt. Es könnte aber auch sein, daß er vom Bonus profitiert, daß dies die erste Interpretation dieses Stücks war, die ich gehört habe. Mit einem geringeren Abstand als erwartet kommt dann Stockmeier. Es ist zwar richtig, daß er das Stück relativ langsam nimmt, aber er kann definitiv auch schnell spielen. Zum Beispiel bei BWV 561. Bei schnellem Tempo bleibt er absolut sicher. Sonnenklar, daß er noch schneller könnte. Das heißt, sein Tempo ist interpretatorische Absicht. Von Walcha gibt es zwei Gesamtaufnahmen: Eine Mono-Aufnahme aus den Jahren 1947-1952
Ich persönlich bevorzuge trotz der weniger guten Klangqualität seine erste Gesamtaufnahme, weil er hier temperamentvoller spielt und in einigen Choralbearbeitungen eine Tiefe des Ausdrucks und geradezu meditative Versunkenheit erreicht, die ich so noch bei keiner anderen Aufnahme gehör habe.
Walchas Interpretationsansatz in Stichworten: historische Orgeln (in beiden Gesamtaufnahmen, das ist ein ganz wesentlicher Unterschied zu Stockmeier!), starr durchgehaltenes Tempo, wenig differenzierte Artikulation, keine zusätzlichen Verzierungen.
Stockmeiers Ansatz liegt für mich relativ dicht am Ansatz von Walcha, allerdings verwendet Stockmeier nur moderne Orgeln und nimmt im Vergleich zu Walcha oft die Tempi sehr zurück.
Koopmann halte ich für ungeheuer eingebildet. Er spielt mit einigen Manierismen, die mir nicht gefallen. Wenn er gelassener und meditativer um nicht zu sagen demütiger wäre, könnte er vielleicht der beste sein. Koopman geht einen ganz anderen Weg: Differenzierte Artikulation, öfter mal zusätzliche Verzierungen, das Tempo wird nicht starr durchgehalten, sondern "atmet", und die Registrierungen sind farbiger. Koopman verwendet ebenfalls nur historische Orgeln; in sein Spiel fliessen die Erkenntnisse der HIP-Bewegung ein.
Fagius ist blaß und fast ein wenig unmotiviert. Alles natürlich relativ gesehen. Diesen Eindruck kann ich durchaus nachvollziehen - ich kann mich mit seiner Gesamtaufnahme nicht so recht anfreunden.
Bei Hänssler spielt Kay Johannsen und zwar zu schnell für seine technischen Fähigkeiten. Das Ganze wirkt nervös und gehetzt. Alles natürlich relativ gesehen. Von Johannsen kenne ich nur den dritten Teil der "Clavierübung" aus der Bach-Edition von Hänssler. Hier kann ich Deinen Eindruck ganz und gar nicht nachvollziehen - sein Spiel wirkt auf mich technisch souverän und keinesfalls gehetzt, vor allem nicht bei den Choralbearbeitungen.
eigentlich eine gute Idee die Diskussion hierher zu verschieben. Nur fühle ich nun eine gewisse Verpflichtung das Thema soweit zu vertiefen, daß ich wahrscheinlich wieder inkompetent bin :rofl
Ich habe möglicherweise schon von der ersten Walcha-Einspielung gehört, war mir aber nie dessen bewußt, daß man sie irgendwo kaufen kann, was ich jetzt tun werde. Ich höre nämlich gerade die Klangbeispiele davon bei amazon und 15 € für die 10 CD's habe ich noch. So schlecht klingt das übrigens garnicht - nur eben leider mono. Eine Gesamtausgabe kann es doch übrigens gar nicht sein auf nur 10 CDs? (Genausowenig wie die 12 CDs von Archiv.) Fehlen nur die unterschiedlichen Fassungen und die Apokryphen? Soweit ich es von den Klangbeispielen beurteilen kann, stimme ich Dir zu. Dies ist die interpretatorisch (noch) bessere Aufnahme von den beiden. Der schöne Vogel Jugend beflügelt auch Walcha. Ich bin hingerrissen aber auch traurig, daß das schon der Höhepunkt gewesen ist.
Wir sind uns ja bei vielem einig nur nicht bei Koopmann und Johannson.
Was Koopmann's Selbstverliebtheit angeht, höre ich die zwar in seinem Spiel, habe aber immer Schwierigkeiten sie zu erklären. Ich kann es mittels zweier Aufnahmen von z.B. Koopmann und Walcha im A-B Vergleich. Es sind z.B. überdehnte Dynamikbögen, eine gewisse Art von Rubato und eben seine kleinen Manierismen. Mit letzteren meine ich nicht nur Ver(un)zierungen, sondern eine gewisse Art vielleicht sogar schon im Notentext stehende Figuren trivialisierend zu spielen.
Bei Johannsen stütze ich mich im Augenblick nur auf eine ganz kleine Evidenz-Basis, möchte aber wetten, daß wenn er bei der wichtigen d-moll Toccata das tut, was ich oft auch bei Pianisten kritisiere, dies auch sonst tun wird: Noten verschlucken, statt schneller Läufe eine Art Glissando spielen, knotige Läufe und Triller produzieren, Noten nicht voneinander getrennt spielen, wo dies verlangt wird. Er ist auf jeden Fall der Schnellste bei der d-moll Toccata mit unter 8 Minuten während Stockmeier sich 10:38 genehmigt. Walcha (Archiv) liegt irgendwo bei 9 Minuten. Es macht mir aber keinen besonderen Spaß einen Musiker auf einer weniger guten Interpretation festzunageln. Ich werde daher eher nach Stücken suchen, die er gut spielt also die Clavierübung Teil 3.
Gruß, Leif.
Tranquillo (26.09.2008, 21:10): Original von Leif Erikson eigentlich eine gute Idee die Diskussion hierher zu verschieben. Nur fühle ich nun eine gewisse Verpflichtung das Thema soweit zu vertiefen, daß ich wahrscheinlich wieder inkompetent bin :rofl Lieber Leif,
nur keine falsche Bescheidenheit - ich bin ja froh darüber, dass ich nicht der einzige in diesem Forum bin, der sich für Bachs Orgelwerke interessiert :D
Ich habe möglicherweise schon von der ersten Walcha-Einspielung gehört, war mir aber nie dessen bewußt, daß man sie irgendwo kaufen kann, was ich jetzt tun werde. Ich höre nämlich gerade die Klangbeispiele davon bei amazon und 15 € für die 10 CD's habe ich noch. So schlecht klingt das übrigens garnicht - nur eben leider mono.
Über Walcha und seine beiden Gesamteinspielungen habe ich hier schon etwas geschrieben. Ich bin auch der Meinung, dass die frühere Einspielung für ihr Alter erstaunlich gut klingt.
Eine Gesamtausgabe kann es doch übrigens gar nicht sein auf nur 10 CDs? (Genausowenig wie die 12 CDs von Archiv.) Fehlen nur die unterschiedlichen Fassungen und die Apokryphen? Es fehlen diejenigen Werke, bei denen nach damaligem Stand der Forschung angezweifelt wurde, dass sie von Bach stammen. Notendruck war zu Bachs Zeiten sehr aufwendig und teuer (die Noten wurden in Kupfer gestochen und dann auch wie Kupferstiche vervielfältigt), daher erschienen nur sehr wenige Orgelwerke Bachs im Druck: die sechs Schübler-Choräle, der dritte Teil der "Clavierübung" und die kanonischen Veränderungen über "Vom Himmel hoch" - alles übrige ist handschriftlich überliefert, entweder als Autograph (von Bach selbst geschrieben) oder als Abschrift (z. B. von seinen Schülern Kirnberger oder Altnikol). Die Frage, ob ein Stück wirklich von Bach ist oder nicht, ist in vielen Fällen gar nicht so einfach zu beantworten.
Der Unterschied von zwei CD's zwischen den Gesamteinspielungen erklärt sich weitgehend dadurch, dass die zweite auch die "Kunst der Fuge" enthält, ansonsten gibt es nur wenige Erweiterungen im Vergleich zur ersten Einspielung.
Natürlich sind bei Walcha auch nicht die erst in jüngerer Vergangenheit entdeckten Werke enthalten (z. B. die Neumeister-Choralbearbeitungen).
Soweit ich es von den Klangbeispielen beurteilen kann, stimme ich Dir zu. Dies ist die interpretatorisch (noch) bessere Aufnahme von den beiden. Der schöne Vogel Jugend beflügelt auch Walcha. Ich bin hingerrissen aber auch traurig, daß das schon der Höhepunkt gewesen ist. Nunja - als die erste Gesamteinspielung begonnen wurde, war Walcha immerhin schon 40 Jahre alt, der 2. Weltkrieg war gerade vorbei, Deutschland lag in Trümmern und viele Orgeln waren zerstört. Es war erstaunlich kühn und visionär von der Deutschen Grammophon, in dieser Situation ein solches Projekt zu beginnen. Die zweite Gesamteinspielung, die noch nicht einmal zehn Jahre später begonnen wurde, war wohl im wesentlichen motiviert durch die inzwischen verfügbare Stereotechnik und nicht dadurch, dass Walcha seine Interpretationen als überholt ansah.
Was Koopmann's Selbstverliebtheit angeht, höre ich die zwar in seinem Spiel, habe aber immer Schwierigkeiten sie zu erklären. Ich kann es mittels zweier Aufnahmen von z.B. Koopmann und Walcha im A-B Vergleich. Es sind z.B. überdehnte Dynamikbögen, eine gewisse Art von Rubato und eben seine kleinen Manierismen. Mit letzteren meine ich nicht nur Ver(un)zierungen, sondern eine gewisse Art vielleicht sogar schon im Notentext stehende Figuren trivialisierend zu spielen. In Koopmans Spiel fliessen viele Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis ein, die Walcha noch nicht hatte und auch nicht haben konnte. Sein Ansatz ist ein völlig anderer, was aber nichts mit Selbstverliebtheit nichts zu tun hat. Ähnliches wie bei Koopman hört man z. B. auch in der Gesamtaufnahme mit Wolfgang Rübsam aus den 1970er Jahren oder eben auch bei Weinberger.
Viele Grüsse Andreas
Carola (27.09.2008, 17:38): Einerseits
konnte ich mich mit der Orgel als Solo-Instrument bisher einfach nicht anfreunden. Warum, weiß ich selbst nicht so genau. Höchstens vielleicht: 1. Weil es nach Kirche klingt, 2. Weil es manchmal arg dröhnt. 3. Damit zusammenhängend: Weil die große Geste, der brausende Klang meine Sache nicht ist.
Andererseits
kann es auf Dauer nicht angehen, dass ich einen wesentlichen Teil von Bachs Werk verpasse - immerhin ist er mir der liebste Komponist.
Ich habe nun also die günstige Gelegenheit beim Schopfe gepackt und diese von Andreas überzeugend empfohlene Gesamtaufnahme mit Weinberger bestellt.
"Die Frage, ob ein Stück wirklich von Bach ist oder nicht, ist in vielen Fällen gar nicht so einfach zu beantworten."
Diese Argumentation habe ich schon in einigen booklets gelesen. Sie mag ja auch je nach Quellenlage formal gerechtfertigt sein. Ich frage mich nur, wer das gewesen sein soll, der Stücke in der Qualität von Bach zustande gebracht hat. Beim Mozart-Requiem beeilen sich ja alle ganz im Gegenteil die Mängel der Süßmaierschen Ergänzungen zu geißeln obwohl sie imo gar nicht so auffallen. Kommt das vielleicht nur davon, daß bekannt ist, was Süßmaier ergänzt hat ?
Ich finde übrigens, daß die Orgel ein Instrument ist, bei dem - bei gleicher Größe - relativ wenig auffällt, aus welchem Jahrhundert es stammt, ein guter Erhaltungszustand vorausgesetzt und wenn man mal von technischen Nebengeräuschen absieht. Zumindest sind die Instrumente von Kreienbrink keine romantischen Monsterorgeln oder räumlich auf mehrere Werke aufgeteilt, was wohl nicht stilecht gewesen wäre. Koopmann spielt auf sowas mehrteiligem und macht Echoeffekte.
@ Carola
Deine Einstellung zur Orgel ist imo ganz verständlich. Ich denke, daß es beabsichtigt war, daß die Orgel in der Kirche eine unterbewußt einschüchternde Wirkung ausübt. Die Musik des jungen Bach - er hat viele Stücke in Mühlhausen geschrieben, seiner ersten Stelle - wirkt dieser Einschüchterung entgegen. Sie hat viel jugendlichen Elan und sogar Triumphgefühle höre ich darin. Er muß sich damals wie ein junger Adler gefühlt haben und wurde auch von den Kirchenleuten kritisiert.
Gruß, Leif.
Tranquillo (27.09.2008, 21:06): Original von Carola Einerseits
konnte ich mich mit der Orgel als Solo-Instrument bisher einfach nicht anfreunden. Warum, weiß ich selbst nicht so genau. Höchstens vielleicht: 1. Weil es nach Kirche klingt, 2. Weil es manchmal arg dröhnt. 3. Damit zusammenhängend: Weil die große Geste, der brausende Klang meine Sache nicht ist. Liebe Carola,
1. stehen die meisten Orgeln nunmal in Kirchen, 2. dröhnt es bei weitem nicht bei allen Orgelstücken und 3. gibt es bei Bach nicht nur die große Geste, sondern auch geradezu meditative Versunkenheit: Hör Dir (wenn die Box eingetroffen ist) beispielsweise mal "Das alte Jahr vergangen ist" oder "O Mensch, bewein' Dein' Sünde groß" aus dem "Orgelbüchlein" an.
Andererseits
kann es auf Dauer nicht angehen, dass ich einen wesentlichen Teil von Bachs Werk verpasse - immerhin ist er mir der liebste Komponist. Genau, da würde Dir einiges entgehen.
Sobald die Box da ist, wird meine nächste Frage sein: Womit soll ich anfangen? Diese Frage kann ich Dir vorher beantworten: Fang einfach mit dem an, was Du eigentlich schon kennst, beispielsweise mit der "Kunst der Fuge", die auch in der Box enthalten ist. Zu Einstieg eignen sich ferner die sechs Schübler-Choralbearbeitung BWV 645-650 (teilweise Orgelbearbeitungen von Kantatensätzen) sowie die sechs Triosonaten BWV 525-530, die - wie der Name schon sagt - eher kammermusikalisch orientiert sind.
Von der Weinberger-Gesamtaufnahme kenne ich bisher nur acht CD's, die ich vor einiger Zeit einzeln gekauft hatte - ich bin schon sehr gespannt auf die übrigen CD's.
Viele Grüsse Andreas
Tranquillo (27.09.2008, 21:31): Original von Leif Erikson Ich frage mich nur, wer das gewesen sein soll, der Stücke in der Qualität von Bach zustande gebracht hat. Ganz einfach: seine Zeitgenossen. Die konnten nämlich auch komponieren, und das gar nicht mal so schlecht. Zudem waren seine zahlreichen Schüler (und seine Söhne) gut mit den Merkmalen seines Personalstils vertraut. Die Echtheitsfrage ergibt sich auch nicht bei den späten Orgelkompositionen Bachs, sondern bei den frühen und mittleren, bei denen er sich - wie andere Komponisten seiner Zeit - an Vorbildern orientiert hat, z. B. an Buxtehude.
Ich finde übrigens, daß die Orgel ein Instrument ist, bei dem - bei gleicher Größe - relativ wenig auffällt, aus welchem Jahrhundert es stammt, ein guter Erhaltungszustand vorausgesetzt und wenn man mal von technischen Nebengeräuschen absieht. Das sehe ich anders: Eine Orgel orientiert sich immer am Klangideal der Epoche, in der sie gebaut wurde. Eine Renaissanceorgel klingt anders als eine Barockorgel und diese wiederum anders als ein in der Romantik gebautes Instrument. Beim modernen Orgelbau griff man im Zuge der Orgelbewegung wieder auf die Konstruktionsprinzipien der Barockorgeln zurück, trotzdem klingen die modernen Instrumente ganz anders. Eine Kreienbrink-Orgel wird niemals wie eine Silbermann- oder Schnitger-Orgel klingen.
Viele Grüsse Andreas
Carola (27.09.2008, 21:58): Original von Tranquillo
Zum Einstieg eignen sich ferner die sechs Schübler-Choralbearbeitung BWV 645-650 (teilweise Orgelbearbeitungen von Kantatensätzen)
Viele Grüsse Andreas
Oh! Das macht die Sache natürlich um so interessanter für mich. Davon abgesehen wäre Bach ja nicht Bach, wenn es nur "dröhnen" würde. Wenn es auch eher kammermusikalisch orientierte und meditative Werke gibt, werde ich auf jeden Fall damit anfangen.
Sehr gespannt bin ich auch auf die unterschiedlichen Instrumente, die bei dieser Weinberger-Gesamtaufnahme erklingen. Aber mein ungeübtes Ohr wird womöglich gar keine Unterschiede bemerken.
Dein letztes posting geht an den Problemen vorbei, auf die ich hingewiesen habe. Ich würde mir zutrauen ein größeres ganzes Stück von Bach aus fünf anderen von seinen Schülern durch Hören herauszufinden. Nur die Musikwissenschaftler scheinen es nicht zu können. :haha Du äußerst Dich auch nicht zu meinem Gegenbeispiel, daß Süßmaiers Ergänzungen nicht so leicht als fremd identifizierbar sind. Diese beiden Beispiele werden von der Musikwissenschaft nicht gleich behandelt. Bei Bach traut man sich nicht mittels einer Stilanalyse zu entscheiden, weil man sich wegen der schlechten Quellenlage nicht absichern kann und beim Requiem haut man drauf weil bekannt ist, was von Süßmaier stammt. Beides sind sehr wohlfeile Reaktionen. Man fragt sich, welcher Wert der Stilanalyse überhaupt zugeschrieben wird.
Und bei den Orgeln gibt es eben keine so großen Unterschiede wie bei den anderen Tasteninstrumenten. Ein Hammerklavier kann ein Blinder mit Krückstock von einem Konzertflügel unterscheiden. Desgleichen eine Naturtrompete von einer Ventiltrompete. Wenn bei einer Barockorgel ein ähnliches Register verwendet wird wie bei einer aus dem 20. Jahrhundert könnte ich die Instrumente am ehesten an den Nebengeräuschen wie Mechanik und Windzufuhr unterscheiden und sonst wahrscheinlich nicht. Erst wenn typische Register verwendet werden wird die Unterscheidung leichter.
Um beim Beispiel zu bleiben, so wie Stockmeier registriert könnte man es auf einer größeren Barockorgel auch tun und dann wäre der Unterschied wohl dahin. Oder sind Dir epochenspezifische Klangunterschiede der Pfeifen des selben Registers bekannt ? Dann wäre ich um eine Belehrung froh gewesen.
Gruß, Leif.
Tranquillo (28.09.2008, 18:22): Original von Leif Erikson Ich würde mir zutrauen ein größeres ganzes Stück von Bach aus fünf anderen von seinen Schülern durch Hören herauszufinden. Lieber Leif,
dann solltest Du Dich unbedingt bei der Neuen Bachgesellschaft melden - Leute mit Deinen Fähigkeiten werden dort dringend gesucht, um die letzten Probleme der Bach-Forschung endlich einer Lösung zuzuführen :D
Und bei den Orgeln gibt es eben keine so großen Unterschiede wie bei den anderen Tasteninstrumenten. Ein Hammerklavier kann ein Blinder mit Krückstock von einem Konzertflügel unterscheiden. Desgleichen eine Naturtrompete von einer Ventiltrompete. Der Unterschied zwischen einem Hammerklavier und einem modernen Flügel ist sicher auch für Laien hörbar, der Unterschied zwischen Natur- und Ventiltrompete eher weniger. Hier geht es um feinere Nuancen, und bei der Unterscheidung von Orgeln sind sie möglicherweise noch feiner.
Wenn bei einer Barockorgel ein ähnliches Register verwendet wird wie bei einer aus dem 20. Jahrhundert könnte ich die Instrumente am ehesten an den Nebengeräuschen wie Mechanik und Windzufuhr unterscheiden und sonst wahrscheinlich nicht. Erst wenn typische Register verwendet werden wird die Unterscheidung leichter. Barockorgeln klingen im Vergleich zu modernen Instrumenten sehr individuell und charakteristisch. Jede Orgel hat ihren spezifischen Klang, an dem man sie erkennen kann. Ein Instrument aus einer sächsischen Orgelwerkstatt (z. B. Silbermann) klingt anders als ein Instrument aus einer norddeutschen Orgelwerkstatt (z. B. Schnitger) oder einer französischen (z. B. Riepp), während moderne Instrumente sehr viel uniformer im Klang sind.
Um beim Beispiel zu bleiben, so wie Stockmeier registriert könnte man es auf einer größeren Barockorgel auch tun und dann wäre der Unterschied wohl dahin. Wenn das so wäre, ist es doch erstaunlich, dass die meisten Interpreten (auch Walcha) besonderen Wert auf historische Instrumente legen. Warum tun sie das wohl, wenn angeblich kein hörbarer Unterschied zu modernen Orgeln besteht?
wieviele Oratorienkonzerte mit Naturtrompeten hast Du schon live gehört? Nach einem Baby in der Kirche, das jeden Moment zu schreien anfangen kann sind sie das Schlimmste. Ich habe mindestens 3 Konzerte aufgenommen, die wegen der Naturtrompeten dann nicht produziert werden konnten. Ein Dirigent meinte "sie hätten doch noch bei der Generalprobe so gut gespielt". Jawoll, aber die Herren sind eben bei der Aufführung geringfügig nervöser und das kann man sich an diesem Instrument nicht leisten. Außer wenn von Super-Profis gespielt fürchte ich sie wie Pest und Cholera. Auch wenn keine Katastrophen auftreten, ist die Intonation derart schwankend, daß mir schlecht werden kann. Auch die Einsätze sind offenbar Glücksache, das heißt, der Unterschied zu Ventiltrompeten ist normalerweise gewaltig.
ich erlaube mir diese fremde Reszension der Stockmeierschen Interpretation, die bei amazon.de erschienen ist, hier wiederzugeben, da sie fast 100% ig meine Meinung wiedergibt:
Ich möchte nur noch anmerken, daß die Silbermann-Orgeln in kleineren Kirchen, die Walcha häufig verwendet, die Nachteile, die der Rezensent vermeiden will, auch nicht aufweisen. Er wendet sich wohl vor allem gegen romantische Orgeln in großen Kirchen. Klar ist aber, daß die Verwendung von Kleienbrink-Orgeln und der gewählten Registrierung keineswegs abwegig ist sondern dem Interpretationskonzept von Stockmeier entgegenkommt.
ich habe recherchiert und erfahren, daß bei der GA von W. Stockmeier die Idee verfolgt wurde auch einmal eine Gesamtaufnahme auf modernen Orgeln zu realisieren, die es seinerzeit noch nicht gab. Von der Zahl der Installationen kamen nur Instrumente von Kreienbrink und Kleis in Frage. Die Kreienbrink Orgeln standen mehrheitlich im ländlichen Raum in Lagen ohne viel Verkehrslärm und waren auch leichter zugänglich. Auf diese Weise wurde vermieden, daß nur nachts eingespielt werden konnte. Stockmeier scheint Durchhörbarkeit und präzise Tonalität sehr geschätzt zu haben und aus diesem Grund auch eher langsame Tempi bei denen die Einzeltöne besser aufgelöst werden können. Der Hauptunterschied zwischen seinem und dem Walchaschen Interpretationskonzept war sein vermehrtes Legato um die Melodiebögen besser erkennbar werden zu lassen.
Das alles entspricht einigen wichtigen Forderungen, die ich an jede Interpretation stelle. Kein Wunder, daß mir Stockmeier so gut gefällt.
Und sehr erfreulich, er hat die Neumeister-Choräle eingespielt und sie werden demnächst erscheinen.
Gruß, Leif.
satie (30.09.2008, 16:28): Original von Leif Erikson
Stockmeier scheint Durchhörbarkeit und präzise Tonalität sehr geschätzt zu haben und aus diesem Grund auch eher langsame Tempi bei denen die Einzeltöne besser aufgelöst werden können.
Was bitteschön soll den "präzise Tonalität" sein? Und inwiefern werden Einzeltöne "aufgelöst"? Ich verstehe wirklich nichzt, was gemeint ist.
Der Hauptunterschied zwischen seinem und dem Walchaschen Interpretationskonzept war sein vermehrtes Legato um die Melodiebögen besser erkennbar werden zu lassen. quote]
Na, ob das eine für das andere ein Garant ist, scheint mir fraglich. Zumal Legato in Barockmusik ein kontroverses Thema ist. Ich kenne zwar die Aufnahme nicht, aber ich bin mir nicht sicher, ob nicht eher die Registrierung solche Zusammenhänge schafft. Ich wage jedenfalls zu bezweifeln, dass das nur mit Legatospiel geht.
Herzlich, S A T I E
Leif Erikson (01.10.2008, 14:04): Hallo Satie,
mit "präziser Tonalität" habe ich keine Tonarten oder Stimmungen gemeint sondern eine einfache Registrierung mit relativ wenig Obertönen (also z.B. kein Schnarrwerk oder gar ein gemischtes Register) und kurzen Nachhall (kleine Kirche) was beides zur Durchhörbarkeit, d.h. sowohl räumlich als auch zeitlich beiträgt.
Das langsame Tempo vergrößert doch den Abstand zwischen den einzelnen Tönen, gerade wenn Stakkato gespielt wird, während zu schnell gespielte Läufe zu einer Verwischung führen, ja manchmal fast zu einem Glissando.
Ich möchte in Erinnerung rufen, daß die extrem beliebten Interpretationen der Bachschen Klavierwerke von Glenn Gould auch diese präzise zeitliche Auflösung und gute Durchhörbarkeit bieten. Vielleicht wollte Stockmeier Gould an der Orgel nacheifern. (Goulds generelle rhytmische Gestaltung kommt mir allerdings fast parodistisch vor, sowas macht Stockmeier nicht.)
Zu der Kundenkritik bei amazon hatte ich zuerst nur den link, der auch als Zitat dienen kann. Dann habe ich gedacht, daß er vielleicht nicht von jedem angeklickt wird und deshalb den Text gleich dazugestellt.
Du verpaßt den Punkt, daß ich meine, die Orgel sei ein Instrument, bei dem - bei gleicher Registrierung - die Klangunterschiede viel kleiner sind als bei anderen Instrumenten. Um dies zu illustrieren muß ich Beispiele geben von Instrumenten bei denen es sich anders verhält, also z.B. Klavier und Trompete. Selbstverständlich kann man gerade Orgeln unterscheiden, wenn man möglichst alle Register hört. Ich bin im übrigen ziemlich sicher, daß Tranquillo viel mehr über die typische Registrierung in den einzelnen Epochen weiß als ich. Vielleicht stimmt ja meine Vermutung, daß die Registrierung mehr zu den epochenabhängigen Klangunterschieden beiträgt als der Klang desselben einzelnen Registers. Davon hätte ich gerne mehr erfahren. Im Internet habe ich bisher nichts gefunden sonst würde ich es referieren.
Die Mittel einen Melodiebogen hörbar zu machen sind glaube ich außer dem Legato noch die Agogik und das Rubato in der Schlußfloskel.
Stockmeier registriert sehr einfach. Das könnte man auf der Barockorgel nachmachen. Andere Interpreten registrieren wesentlich komplizierter und dadurch kommt der jeweilige epochentypische Klangcharakter zustande. Umgekehrt könnte man fragen, warum hat er nicht die epochentypischen Eigenheiten der modernen Orgel stärker herausgestellt durch die Registrierung. Ich vermute wieder wegen der Durchhörbarkeit. Er ist wohl ein Strukturalist.
nachdem ich feststellen mußte, daß die Bach-Orgel-GA’s von Michel Chapuis (angeblich Referenz) und Lorenzo Ghielmi vergriffen sind, bin ich auf die von Knud Vad gestoßen, die imo von den Klangbeispielen sehr harmonisch zu sein scheint: ein freudig voranschreitendes Tempo, Barockorgel, rhytmisch lebhaft.
Wie findest Du diese Interpretation ?
Das Schmankerl ist die Aufnahmetechnik: 18 SACD’s (Hybrid) für nur 50,- € von Documents. Also ein Remaster. Daten zu der Originalaufnahme habe ich nicht gefunden.
Und dann noch Rübsam, den ich rhytmisch seltsam finde. Hast Du dazu einen Kommentar ?
Gruß, Leif.
P.S. Vielleicht mache ich mal eine Kompilation von wichtigen Stücken mit den Interpretationen, die ich habe direkt hintereinander. Hättest Du Vorschläge für die Stückauswahl ?
Tranquillo (02.10.2008, 23:03): Original von Leif Erikson nachdem ich feststellen mußte, daß die Bach-Orgel-GA’s von Michel Chapuis (angeblich Referenz) und Lorenzo Ghielmi vergriffen sind, bin ich auf die von Knud Vad gestoßen, die imo von den Klangbeispielen sehr harmonisch zu sein scheint: ein freudig voranschreitendes Tempo, Barockorgel, rhytmisch lebhaft.
Es gibt leider einige interessante Gesamtaufnahmen, die nicht mehr verfügbar sind. Aus LP-Zeiten habe ich noch die Aufnahmen mit Lionel Rogg (EMI) positiv in Erinnerung - die sind leider auch nicht mehr lieferbar.
Das einzig Barocke an der Orgel der Vad-Gesamtaufnahme ist übrigens das Gehäuse - das Innenleben stammt aus dem Jahr 1942 (Orgelbauwerkstatt Marcussen), ist also genauso eine moderne Orgel wie die Kreienbrink-Instrumente.
Auffällig an dieser Aufnahme sind gelegentliche Ungenauigkeiten und Verspieler, die man nicht herausgeschnitten und korrigiert hat. Wahrscheinlich bestand ein gewisser Zeitdruck - andere Organisten lassen sich wesentlich mehr Zeit für eine Bach-Gesamtaufnahme (Weinberger brauchte zehn Jahre), während diese Aufnahme innerhalb von zwei Jahren (2001/2002) entstand. Die Aufnahmequalität ist ausgezeichnet. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es sich um ein Remastering handelt; die Aufnahme wird direkt im DSD-Format gemacht worden sein. In schlichterer Aufmachung gab es diese Aufnahme auch schon für knapp 20 Euro.
Und dann noch Rübsam, den ich rhytmisch seltsam finde. Hast Du dazu einen Kommentar? Welche Rübsam-Aufnahme meinst Du? In den 1970er Jahren hat er eine Gesamtaufnahme für Philips gemacht und danach noch einige Aufnahmen für Naxos.
Vielleicht mache ich mal eine Kompilation von wichtigen Stücken mit den Interpretationen, die ich habe direkt hintereinander. Hättest Du Vorschläge für die Stückauswahl ? Ich hätte nur einen Vorschlag für eine Negativliste: BWV 565 :ignore
Ich bin ganz schön hereingefallen auf die Orgel von Vad. Aber da haben wir es wieder: mir scheint, er hat sie so ein bißchen schrill und quäkend registriert, daß sie wie eine Barockorgel klingt :ignore Nein, natürlich finde ich eine schöne Silbermann-Orgel absolut verehrungswürdig. Sie hat den Klang, den ich von Walcha gewöhnt bin.
Man könnte sich fragen, ob das Klangbild der modernen Orgel, wenn es denn so einheitlich ist, einem ähnlichen Ideal entspricht wie der Klang eines Steinway. Bei letzterem weiß ich, daß die Brüder sich vor allem davon leiten ließen einen Flügel zu schaffen, der es mit der Lautstärke der immer größeren spätromantischen Orchester aufnehmen konnte. Deshalb der Stahlguß-Rahmen, der viele Tonnen Saitenzug aufnehmen kann. Aber das Ergebnis, der moderne Steinway, hat eine ungeheuere Akzeptanz, wenn nicht ein Monopol. *)
Weißt Du etwas über die Philosophie die hinter der Entwicklung der modernen Orgel steckt ?
Die Vad-Aufnahme ist live und offenbar nicht nachbearbeitet, wie man an den üblichen Nebengeräuschen hören kann. Sie wird wohl bei dem Festival, das er gegründet hat entstanden sein. Das hat seinen eigenen Reiz. Ich habe aus der Tatsache, daß die Aufnahme bei Documents erschienen ist automatisch geschlossen, daß es ein Remaster sein müßte. Oder machen die auch Erstaufnahmen? Ich habe eine virtuose CD von Heinrich Schiff, die im Studio entstanden ist. Auch da hat man einige Fehler belassen, was ich ganz richtig und außerordentlich aufschlußreich finde. Schiff macht die Fehler in Transcriptionen von virtuosem Material für Violine. Er spielt an diesen Stellen mit höchstem Risiko auf ungeheuerem, halsbrecherischen Niveau und macht - voila - eben ein paar Fehler die zeigen, wie extrem gut seine Technik ist und bis wohin er kommt.
Leider kann ich im Augenblick nicht mehr sagen, welche Klangbeispiele ich von Rübsam gehört habe. Auf jeden Fall Bach.
Lionel Rogg ist mir auch noch - vage - in guter Erinnerung.
Die Chapuis GA muß es 2000 zum Bachjahr noch gegeben haben. Auf amazon.com schwärmen die Leute davon. Vielleicht erwische ich sie mal antiquarisch.
Gruß, Leif.
*) Ich persönlich finde ihn zur Begleitung von Liedgesang und in der Kammermusik absolut fehl am Platz. Die egomanischen Pianisten schließen nicht mal den Deckel und walzen die schwächeren Stimmen nieder, wie ich es gerade wieder bei einem Rezital von Christiane Oelze in Edenkoben erleben mußte und vorher bei einem Trio mit Horn (Neunecker), Violine (Weithaas) und Steinway (Avenhaus) auf Schloß Johannisberg. Beide Pianisten kannten nichts leiseres als Mezzoforte.
Tranquillo (03.10.2008, 11:52): Original von Leif Erikson Du kennst sie alle :down Bach GA's that is. Lieber Leif,
ich bin weit entfernt davon, alle zu kennen, geschweige denn in meiner Sammlung zu haben, aber es haben sich im Laufe der Jahre schon einige Gesamtaufnahmen bei mir angesammelt.
Ich bin ganz schön hereingefallen auf die Orgel von Vad. Aber da haben wir es wieder: mir scheint, er hat sie so ein bißchen schrill und quäkend registriert, daß sie wie eine Barockorgel klingt :ignore Vad registriert - im Vergleich zu Stockmeier - recht farbig und verwendet des öfteren auch Zungenregister (also Register, bei denen der Ton der Orgelpfeife durch eine schwingende Metallzunge erzeugt wird). Wahrscheinlich empfindest Du das als "quäkend".
Nein, natürlich finde ich eine schöne Silbermann-Orgel absolut verehrungswürdig. Sie hat den Klang, den ich von Walcha gewöhnt bin. Der Klang, den ich von Walcha gewohnt bin, ist der einer Schnitger- und nicht der einer Silbermann-Orgel. Vielleicht hätte Walcha auch gerne Aufnahmen mit einer Silbermann-Orgel gemacht - das ging aber damals nicht, denn Deutschland war zweigeteilt (insofern passt dieses Thema gut zum heutigen Tag der deutschen Einheit). Schnitger kann für Bach allerdings auch als "historisch" gelten, denn schliesslich pilgerte der junge Bach gen Norden, um die dortigen Instrumente kennenzulernen und von den norddeutschen Orgelmeistern zu lernen.
Gerhard Weinberger behauptet im Booklet zu seiner Gesamtaufnahme, dass eine Aufnahme mit Instrumenten aus dem sächsisch-thüringischen Raum überhaupt erst durch die Wiedervereinigung Deutschlands möglich geworden sei. Hier irrt er, denn natürlich nutzte die DDR das "Kulturerbe" der Silbermann-Orgeln und produzierte eine eigene Gesamtaufnahme, die von Berlin Classics auf CD wieder verfügbar gemacht wurde:
Das Interessante an dieser Aufnahme ist nicht nur die Vielfalt der erhaltenen Silbermann-Instrumente, die man sonst kaum zu hören bekommt, sondern auch die Vielfalt der Organisten - zehn verschiedene Organisten waren an dieser Aufnahme beteiligt. Man sollte meinen, dass die Gesamtaufnahme dadurch sehr heterogen wird, das ist aber nicht der Fall, weil letztlich alle Organisten aus der gleichen Tradition stammen. Die Interpretationen sind nach meinem Empfinden sehr Walcha-nah, was aber nicht weiter verwunderlich ist, da auch Walcha in dieser Tradition ausgebildet wurde (er wurde in Leipzig geboren, studierte dort und war dort auch als Organist tätig, bevor er nach Frankfurt/Main ging).
Die Vad-Aufnahme ist live und offenbar nicht nachbearbeitet, wie man an den üblichen Nebengeräuschen hören kann. Sie wird wohl bei dem Festival, das er gegründet hat entstanden sein. Das hat seinen eigenen Reiz. Die Aufnahme ist zwar nicht als Live-Aufnahme deklariert, möglich wäre es aber dennoch. Solche Aufnahmen haben in der Tat ihren eigenen Reiz und ihre eigenen Gesetzmässigkeiten.
Die Chapuis GA muß es 2000 zum Bachjahr noch gegeben haben. Zum Bachjahr 2000 wurden viele Gesamtaufnahmen der Orgelwerke wiederveröffentlicht oder neu herausgebracht. Die meisten davon sind nicht mehr verfügbar - offenbar scheint die Nachfrage und das Interesse an Bachs Orgelwerken nicht allzu hoch zu sein (was sich auch am Interesse hier im Forum ablesen lässt).
mein Gedächtnis hat mich gottlob nicht getäuscht und ich bin ja an die zweite GA von Walcha gewöhnt, die erste habe ich seit einer Woche.
Die Orgeln dort sind:
1.) Frans-Caspar-Schnittger Orgel, St. Laurenskerk, Alkmar, Niederlande CD 1, 2, 3, 12
2.) Silbermann-Orgel der Kirche Saint-Pierre-le-Jeune, Straßburg CD 4 - 11
ca. 2/3 der GA ist also auf einer Silbermann-Orgel gespielt.
Gruß, Leif.
Tranquillo (04.10.2008, 18:02): Original von Leif Erikson Die Orgeln dort sind:
1.) Frans-Caspar-Schnittger Orgel, St. Laurenskerk, Alkmar, Niederlande CD 1, 2, 3, 12
2.) Silbermann-Orgel der Kirche Saint-Pierre-le-Jeune, Straßburg CD 4 - 11
ca. 2/3 der GA ist also auf einer Silbermann-Orgel gespielt.
Lieber Leif,
ich habe schon geahnt, dass so etwas kommt :D
Eigentlich gehört das hier nicht zum Thema, aber trotzdem:
Die Lösung ist ganz einfach: Silbermann ist nicht gleich Silbermann. Die Orgeln im sächsischen Raum wurden von Gottfried Silbermann gebaut, die in der Walcha-Aufnahme verwendete Orgel von Johann Andreas Silbermann, einem Neffen von Gottfried Silbermann. Da sich schon Andreas, der Vater von Johann Andreas und Bruder von Gottfried, als Orgelbauer im Elsass niedergelassen hatte, klingen seine Orgeln eher französisch. Im übrigen ist die verwendete Orgel kein historisches Instrument nach heutigen Maßstäben, denn sie wurde mehrfach umgebaut und erweitert (siehe Seite 65 im Booklet). Die von Johann Andreas Silbermann gebaute Orgel hatte nur ein Manual und 16 Register, heute hat die Orgel drei Manuale und 41 Register - hier wird deutlich, was an dieser Orgel "Silbermann" ist und was später dazugebaut wurde.
"Über Gottfried Silbermanns Jugend ist wenig bekannt. Der Vater Michael Silbermann war Zimmermeister. Möglicherweise erlernte auch Gottfried das Schreinerhandwerk, bevor er 1702 nach Straßburg zog, wo er bei seinem Bruder Andreas Silbermann das Handwerk des Orgelbauens erlernte und so mit dem französisch-elsässischen Orgelbau in Berührung kam. Als Meister kehrte er 1710 wieder nach Sachsen zurück. Ein Jahr später eröffnete er seine Orgelbauwerkstatt in Freiberg (Sachsen), wo ihn der Superintendent Christian Lehmann förderte und unterstützte. 1714 stellte er als sein zweites Projekt in Deutschland die große Orgel im Freiberger Dom St. Marien fertig." Quelle: wikipedia
Diese Quelle stellt es etwas anders dar. Gottfried hat in Straßburg französische bzw. süddeutsche Orgeln (die Tradition wird wenige Jahre nach der Annexion des Elsaß noch süddeutsch gewesen sein) bauen gelernt und diese Kunst dann nach Sachsen importiert. Es ist wahrscheinlich, daß der Ausbau der Orgel in St. Pierre-le Jeune ganz in der Tradition von Andreas, dem Lehrmeister von Gottfried durchgeführt worden ist. " . . . doch ist sie nach den ursprünglichen Dispositions- und Mensurierungsplänen behutsam restauriert und im Sinne der hochbarocken Polyphonie erweitert worden." Zitat booklet S. 22
Nicht zuletzt fand Walcha diese Orgel geeignet.
Warum sollten übrigens die sächsischen Silbermann-Orgeln ohne Restaurierung überdauert haben?
Das entscheidende ist aber, daß ich nach Hören der Klangbeispiele von sächsischen Orgeln keine Klangunterschiede zu dem Straßburger Instrument feststellen kann.
Wenn Du mitspielst, werde ich eine CD mit Beispielen zusammenstellen, die Du blind hören wirst und versuchst zu erkennen. Da wäre ich gespannt.
Gruß, Leif.
Tranquillo (05.10.2008, 19:54): Original von Leif Erikson Das entscheidende ist aber, daß ich nach Hören der Klangbeispiele von sächsischen Orgeln keine Klangunterschiede zu dem Straßburger Instrument feststellen kann. Lieber Leif,
dieses Thema hatten wir schon, wir drehen uns im Kreis. Es geht in diesem Thread in erster Linie um Interpretationen im Vergleich und nicht darum, wer aus welchen Gründen Unterschiede zwischen verschiedenen Orgeln hören kann oder nicht.
da ich sicher bin, daß Du ab und zu noch hier hereinschaust . . .
Du hast die Verwendung von Kreienbrink - Orgeln für Stockmeiers GA kritisiert bzw. zum Ausdruck gebracht, daß Orgeln aus dem Barock - namentlich sächsische Silbermannorgeln - hierfür besser geeignet seien. Ich denke, daß gerade die zu Bachs Zeiten modernen wohltemperiert gestimmten Silbermannorgeln klanglich den Kreienbrink - Orgeln am nächsten kommen. Wenn man zwischen denselben Registern dieser Instrumente keinen Klangunterschied erkennen kann, was ich als Tonmeister ganz gut beurteilen kann, dann gerät Deine o.g. Meinung ins Rutschen, d.h. dann kann man sehr wohl auch Kreienbrink-Orgeln verwenden. Im Übrigen habe ich mit Kreienbrink telefoniert und gefragt, welches Konzept den von Stockmeier verwendeten Instrumente zugrunde lag. Ein Herr Kreienbrink höchstpersönlich hat gemeint, daß sie dem Barocken Klangideal entsprechend ausgelegt seien und zwei einschneidende Vorteile gegenüber originalen Barockorgeln besitzen. Nämlich erstens die exakte wohltemperierte Stimmung, die bei Restaurationen alter Orgeln gewöhnlich nur mit Einschränkungen erreicht werden könne und zweitens die Anordnung der Pfeifen mit Terzspreizung, die das Spielen von sauber klingenden Läufen ermöglicht. Genau diesen Eindruck habe ich öfter von alten Orgeln, daß sie schlecht gestimmt sind und kurz hintereinander gespielte benachbarte Töne seltsam klingen. Insofern drehe nicht ich mich im Kreis.
Doch zurück zur Interpretation. Gegen deinen Rat habe ich mir die Weinberger-GA gekauft. Sie gefällt mir tatsächlich überhaupt nicht. Ich habe Mühe die Triosonaten und Präludien/Fugen, die ich in letzter Zeit so oft von Stockmeier gehört habe wiederzuerkennen. Sie wirken wie Bearbeitungen, Bach-typische Wendungen spielt er so anders als ich sie beinahe von allen Bachinterpreten gehört habe, daß die Musik viel von ihrer Identität verliert. Bei einigen wenigen Stücken kann ich seine auftrumpfende Virtuosität gerade noch ertragen. Er steht aber mit seiner Auffassung eigentlich gegen alle anderen mir bekannten Interpretationen einschließlich der von Michel Chapuis, dessen Spieltechnik wohl die beste von allen ist, die ich kenne. Leider ist der emotional zu kalt und spielt alles mit einem seltsamen Vorwärtsdrang, der mich nicht zur Besinnung kommen läßt. Möglicherweise hat Weinberger etwas mit Pollini gemeinsam, den ich auch nur bei Chopin oder Liszt gut finde, was mir nichts nützt, da ich weder Chopin noch Liszt besonders mag. Total nervig ist bei der Weinberger-GA, daß jede CD ein "Programm" von Stücken enthält, welches quer durch das ganze Orgelwerk gemischt ist. Um ein Stück zu finden muß man erst in einer BWV-Liste die CD-Nummer nachschauen und dann im dicken booklet die richtige CD-Beschreibung heraussuchen. Ich bin dabei die Stücke nach BWV-Nummern umzukopieren. Der Nutzen einer in der zeitlichen Reihenfolge angeordneten GA ist immens: man legt eine CD ein und hat die Stücke aus derselben Zeit und ggf. derselben musikalischen Form beieinander und kann die Weiterentwicklung des Stils hörend verfolgen. Vieles gewinnt dadurch eine selbsterklärende Qualität, z.B. fallen einem die Ähnlichkeiten der Stücke mühelos auf. Ich verstehe ja, daß bei der Publikation einzelner CD's ein Programm für den Geschäftserfolg nützlich sein kann. Aber warum werden die auf HDD vorliegenden Stücke nicht für die GA in die richtige Reihenfolge gebracht? Die Knud Vad GA enthält einige Spielfehler und die Kirche hat unangenehme Raummoden (Eigenschwingungen), die durch die Mikrofonierung bzw. das mastering nicht unter Kontrolle gebracht worden sind. Die Töne aus dem Pedalregister neigen zum Dröhnen. An sich hat die Orgel einen schönen Klang und Vad spielt für meinen Geschmack schön: die Bögen sind gut erkennbar, der Vortrag ist rhythmisch präzise und temperamentvoll ohne daß virtuos gekünstelt würde. Letzten Endes ist mir aber eine Aufnahme unter Studiobedingungen lieber als diese, die höchstwahrscheinlich live ist.
Gruß, Leif.
udabonn (08.03.2020, 11:16): Ich greife diesen Faden nochmal auf ... :whistling: nach Jahren... Walcha ist sicher zeitlos, besonders gut dort in der 60er Jahre-Aufnahme, wo er in Alkmaar spielt. An die Strasbourger Orgel kann ich mich nicht gewöhnen -- außer bei der von Walcha selbst vervollständigten Schlussfuge aus der "Kunst", genial. BTW: Es gibt eine neue Aufnahme der selten gespielten Autograph-Version der Kunst der Fuge, von Matthias Maierhofer (Domorganist am Freiburger Münster), Silbermann-Orgel Hofkirche Dresden, Ambiente-Audio.
Aber eigentlich wollte ich auf weitere empfehlenswerte Gesamtaufnahmen der Bach'schen Orgelwerke hinweisen: 1. Wolfgang Rübsam, Philips, 70er Jahre (bloß nicht die späteren Naxos-Aufnahmen ;( ), Metzler-Orgel in Frauenfeld und Marcussen-Orgel im Freiburger Münster. Damit bin ich groß geworden, wird aber mit der Zeit wegen immer derselben Orgel (die an sich klasse ist) und vielfach sehr ähnlicher Registrierungen ein bißchen eintönig. Inklusive Kunst der Fuge, aber es fehlen BWV 553-560 aus der LP-Ausgabe :/
2. Nicht satthören kann ich mich seit langem schon an Christopher Herrick, ein großartiger Organist und Programmgestalter (hab ihn mal in einem über 2-std. Gesprächskonzert in Würzburg erlebt), versch. Metzler-Orgeln in der Schweiz, Hyperion. Das wird nie langweilig. Das Schöne hier ist, dass man sich die sog. "freien" Orgelwerke in Einzel-CDs zusammenstellen kann, und nicht zwingend die Choräle/Choralvorspiele mitkaufen muss. Leider gibts von ihm keine "Kunst der Fuge" :I bzw. einzeln
3. Ähnlich klasse sind die Aufnahmen des zu Unrecht weithin unbekannten Olivier Vernet, Ligia. Orgeln u.a. Goslar-Grauhof, versch. Aubertin-Orgeln in Frankreich -- nur bei J. Ahrend könnt' ich weglaufen :rolleyes: :
bzw. original
Bei der (lila) Neuauflage (15 CD) fehlen m.W. die letzten 4 CDs, die aber nur Ergänzungen sind und unmittelbar nichts mit dem "gesamten Orgelwerk" zu tun haben. Auch von Vernet gibts keine "Kunst der Fuge". ?(
4. Ton Koopman, Teldec und dann in der Bach 2000 Gesamtausgabe: War/ist für mich nur wegen der Orgeln interessant, nicht wegen der Interpretation. Die "Kunst der Fuge" hat TK m.W. nur auf Cembalo eingespielt.
5. G. Weinberger, CPO - hier schon erwähnt. Inkl. "Kunst der Fuge". Mit 22 CDs die umfangreichste Sammlung (u.a. Früh-Fassungen, Alternativen), auch weil das Zeitlimit der CD nicht ausgeschöpft wird. Auch hier sind m.E. nur die Orgeln interessant, ich hab nur die (großen) freien Orgelwerke behalten.
6. Nachtrag: Simon Preston in der 6CD-Eloquence-Box, mit den großen freien Orgelwerken, schön nach BWV sortiert ^^ , und einigen Choral(Schübler usw.)-Vorspielen. Ein Extrakt seiner 14 CD-Box der DG. Verschiedene Klais-, Sauer-, Marcussen-Orgeln u.a. in Deutschland und England -- in dieser Box aber kaum konkret zu verifizieren.