Barbara Bonney

Fairy Queen (27.08.2012, 01:45):
Umsonst habe ich hier im Forum einen Thread zu der amerikanischen Sopranistin gesucht, die seit langer Zeit zu meinen Lieblingsstimmen gehört und trotz ihrer bereits über 30 Jahre währenden internationalen Karriere nie in der ersten Reihe der öffentlichen Aufmerksamkeit stand. Warum?
Ich hatte gestern das grosse Vergnügen, einen SWR-Radiomitschnitt "Zur Person" über sie bzw mit ihr im Gespräch zu hören und war einmal mehr nciht nur von dieser wunderschön timbrierten Stimme begeistert, sondern auch von dem, was sie über Gesang und Musik und ihr Leben als Sängerin bzw Gesangspâdagogin sagte. Ihre jugendlich helle, leichte lyrische Sopranstimme mit dem warmem und gleichzeitig strahlenden Timbre entspricht meinem Ideal von Schönklang in vorbildlicher Weise. Leider hat sie damit nie Bellini-Rollen gesungen. Barbara Bonney ist eine Sängerin, die sich selbst grosse Beschränkung auferlegte und ihre Grenzen im Opernrepertoire serh strikt eingehalten hat. Sie ist meines Wissens nie über das Soubrettenrepertoire hinausgegangen und immer eine Susanna und Despina geblieben. Keine Contessa, keine Donna Anna. Gleichwohl eine berührende Pamina. Von Verdi hat sie ausser Gilda und Nanetta nichts gesungen, ob sie sich je mit Puccini befasst hat , weiss ich im Moment gar nciht. Unvergessen und immer noch ein Massstab ist für mich ihre Sophie im Rosenkavalier. Niemand konnte so himmlisch schweben wie sie und damit den Text so lebendig werden lassen- ganz besonders wunderbar gelingt ihr das in den Duetten mit Susan Graham. Obschon ich Strauss-Opern niemals ganz aushalten kann, kann ich von Bonney da nciht genug hören
Ein Überblick über ihr Können und ein Querschitt durch ihr Repertoire findet sich hier:



Barbara Bonneys eigentliche musikalische Liebe galt und gilt aber nciht der Oper sondern dem Kunstlied. Wahrscheinlich ist sie mir auch deshalb so sympathisch..... :D
Sie sagt selbst," sie habe Oper halt gemacht und es habe ihr auch Freude gemacht", aber sie hat ihre Opernkarriere schon vor 5 jahren beendet- anders als eine Edita Gruberova, die mit 60 noch junge Mâdchenrolle singt, fühlte sich Barbara Bonney trotz ihres sehr jugendlcihen Aussehens und ihrer weiter jung klingenden Stimme als 50 jährige Sophie oder Despina nicht an ihrem Platz. Nach einer grossen persönlichen Krise ist sie von London nach Salzburg gezogen und geht dort nun ganz in einer regen Unterichtstâtigkeit am Mozarteum auf. Ihre Liebe zum Kunstlied hat sie mit den besten Pianisten ausleben kônnen, ihr "ständiger Begleiter" auf vielen Cds war aber Malcolm Martneau. Barbara Bonney hat keinerlei Berûhrungsängste und sich auch ausgiebig der leichteren Muse gewidmet, Operette, Musical, andere Songs Wenngleich ein grosses Sprachtalent liegt ihr als geborener Amerikanerin das anglophone Repertoire besonders am Herzen. Eine ihrer für mich schônsten Cds ist diese hier:



Bonneys Rat an junge Sänger ist, mit immer der eigenen Stimme zu singen und sich nciht frühzeitig grösser machen zu wollen, oder machen zu lassen als man ist. Sie sagt, das einzige Geheimnis sei, im Gesang und in der Musik mit Demut und Dankbarkeit ganz prâsent zu sein und das hineinzulegen was man ist und was man lebt, nciht mehr und nciht weniger. Sie spriciht sich gegen jedes erlernte "Schauspiel" und jeden aufgesetzten Ausdruck auf und plâdiert für eine Authenzitiät in jedem Augenblick. Nach ihrer Meinung kann ein Sänger nicht glaubwürdig sein, wenn er verscuht etwas zu spielen, was er selbst nicht empfindet und für das er kein Spiegel ist. Das Publkum würde den Unterschied sofort merken Der Text ist dabei fûr sie von herausragender Bedeutung. Sie bildet auch mit grosser Freude Amateure aus und sagt, dass man als Profi von den Amateuren serh viel lernen kônnen, weil deren Stimmen unverdorbener und natürlicher seien und sie wirklich aus Leidenschaft zum Gesang singen und nicht vom Musikbetrieb "verdorben" seien.
Ich habe Bonney leider nur einmal live erlebt und da war sie gerade in einer privaten Krise und in denkbar schlechter Verfassung. Ich hoffe, dass hier jemand etwas über ein Live-Erlebnis unter normalen Umständen sagen kann.
ich werde sicher noch Weiteres nachtragen, und lasse es für den Moment erstmal bei dieser Einfûhrung.

Fairy Queen
Heike (27.08.2012, 07:40):
Liebe Fairy,
danke, dass du uns etwas mehr über diese wundervolle Sängerin erzählst, die ich auch sehr mag. Ich bin nicht gerade ein Stimmenkenner, aber mit ddieser CD bin ich ein Fan von Bonney geworden:



Leider habe ich sie noch nie live gesehen. Sie war vor zwei, drei Jahren mal voirgesehen für Bachs h moll Messe, aber wurde dann zu meinem großen Bedauern kurzfristig ausgetauscht.
Heike
Jürgen (27.08.2012, 10:35):
Ich habe nicht gerade viel mit Ihr.

Die Suchfunktion liefert aber immerhin:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51PMxrsJ-qL._SL500_AA300_.jpg

Bach: Matthäus-Passion BWV 244, Gardiner 1988

Grüße
Jürgen
Peter Brixius (27.08.2012, 12:57):
Bei mir - niht ganz verwunderlich -

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51G0TGCBQML._SS400_.jpg

Liebe Grüße Peter
Rideamus (27.08.2012, 13:58):
Da würde ich vielleicht sogar noch einebn Schritt weiter gehen und die hier empfehlen:

Da ich das Glpck hatte, Barbara Bonney, die schon vorher zu meinen Lieblingssängerinnen zählte, gleich zweimal live als Sophie in Inszenierungen zu hören, die auch aufgezeichnetb wurden, gehört vor allem ihr londoner ROSENKAVALIER zu meinen absoluten Lieblingen, da ich in der Vorstellung, war, die da aufgezeichnet wurde.



Ich liebe aber auch ihre Mozart- Einspielungen, etwa die hier:


Sie ist aber auch ein Hauptgrund, warum ich im Gegensatz zu meinen normalen Erfahrungen wenig Probleme habe, diese Barockoper durchgehend zu genießen:



Besonders gefällt mir aber, dass die keine Berührungsängste mit der leichten Muse hatte. Leider ist ihre Maria der einzige Grund, warum ihre Aufnahme der WEST SIDE STORY empfehlenswert ist, während ihre Präsenz in Gardiners Aufnahme der LUSTIGE WITWE im Gegenteil nur einer von vielen Gründen ist, sich die Aufnahme zuzulegen.

Allen, die auch dieses Repertoire und die Sängerin allgemein schätzen, empfehle ich also besonders diese EInspielung:


Offen gestanden, kenne ich aber keine Aufnahme mit ihr, die mir nicht gefallen hat, und da gehört eine ganzen Reihe von TV-Mitschnitten diverser Opernaufführungen dazu.

:hello Rideamus
Fairy Queen (27.08.2012, 14:30):
Es freut mich sehr, dass es hier prompt so viele Reaktionen und noch andere Bonney-Fans gibt. Seltsam, dass sie nie so viel Beachtung wie Andere fand - ob das nur an ihrer Bescheidenheit und Medienscheu liegt? Ich finde ihre Stimme absolut bezaubernd und ihre Ehrlichkeit und Echtheit sehr sehr wohltuend. Wenn sie eines nciht ist, dann ist das eine typische" Diva", und sie sagte im Interview, die Soubrettenrollen würden genau zu ihrer Person passen, sie sei jemand, der eher im Hintergrund dienen als herrschen kônne.
Sie hat sich dem deutschen Kunstlied mit grosser Leidenschaft gewidmet und ihre Stimme ist für vieles wirklcih ideal, gerade der Mendelssohn, den Peter vorgestellt hat, gefällt mir auch ausserordentlcih gut. Es gibt nur eine Cd die mir weniger gefällt: ihre Dichterliebe.


Bei der Dichteriiebe mag ich die sarkastische Interpretation nicht- hier merkt man genau, dass sie dem Text den Vorrang vor der Musik gibt und da ich Schumann und Heine in diesem Zyklus nciht immer ganz kongruent finde, übertreibt sie es mit der Ironie in meinen Ohren ziemlich. Bei den Liszt-Liedern muss ich nochmal genauer reinhören, gerade auch im Vergleich mit Diana Damrau und Helmut Deutsch, die diese Lieder ganz wunderbar zum Liszt-Jahr aufgenommen haben.

Barbara Bonney empfiehlt allen Sängern, die in fremden Sprachen singen, mindestesn einige wochen im entsprechenden Land zu leben um wirklich in die lebendige Phonetik einzutauchen und da kann ich ihr nur recht geben, so schwierig das auch durchführbar ist. Sie selbst hat es so gehalten und sie singt neben englisch, deutsch, italienisch und französisch auch in skandinavischen Sprachen.
Leider sagt sie in ihrem Radiointerview auch etwas für mich sehr trauriges: sie glaubt, dass das Kunstlied mittelfristig aussterben wird, weil sich das Publikum nciht mehr dafür interessiert und auch fûr die meisten Sänger Oper vielversprechender sei Betreiben wir also noch ein bisschen Artenpflege.....

Bonney stell in dem Interview drei Lieder von Mozarts Sohn Franz Xaver vor. Das war totales Neuland für mich und zumindest Eines hat mir serh gut gefallen. Kennt die jemand?
FQ.
Cetay (inaktiv) (27.08.2012, 19:10):
Sie sagt, das einzige Geheimnis sei, im Gesang und in der Musik mit Demut und Dankbarkeit ganz prâsent zu sein und das hineinzulegen was man ist und was man lebt, nicht mehr und nicht weniger. Sie spricht sich gegen jedes erlernte "Schauspiel" und jeden aufgesetzten Ausdruck auf und plâdiert für eine Authenzitiät in jedem Augenblick.
:times10 Ich vermute mal, das ist genau das, was für mich als ausgewiesenem Vokalmusikwenighörer die Spreu vom ganz raren Weizen trennt.

Erwähnen will ich ein Projekt, das dem Crossoverbereich zuzuordnen ist, aber jegliches damit verbundene Klischee sicher umschifft:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/514-wRf-lkL._SL500_AA300_.jpg
Steve Nieve; Welcome to the Voice; Robert Wyatt, Elvis Costello, Sting, Barbara Bonney, Amanda Roocroft, Nathalie Manfrino, Sara Fulgoni, Brodsky Quartet (Streichquartett), Marc Ribot (Gitarre), Ned Rothenberg (Blasinstrumente), Steve Nieve (Tasteninstrumente)

Bonney erntet von mir 100 Sympathiepunkte dafür, dass sie populärem Gesang eine eigene künsterlische Qualität zugesteht: "Wir können viel voneinander lernen (...) Es war wirklich eine Erfahrung, Sting zuzuhören, wie er seine Stimme einsetzt, die Freiheit zu erleben, mit der er die notierte Musik behandelt. Ich sehe die Noten auf dem Papier und fühle mich verpflichtet, sie genau so zu singen. Sting sieht darin eher eine Art Umgebungsplan und sagt sich 'Okay, ich kann links abbiegen oder rechts. Ich entscheide, in welche Richtung ich gehe'. Das ist für mich wahre Interpretation. Was ich tue, ist dagegen nur 'Re-Kreation'."
Fairy Queen (28.08.2012, 06:50):
Lieber Cetay, danke für diesen Beitrag. Was Barbara Bonney aur Re-Kreation sagt, kann ich nur bestätigenund mir nimmt das oft die Freude am klassischen Singen. Der individuelle Spielraum ist ausgesprochen eng, der Perfekionszwang riesengross und die Kreativitât bleibt aussen vor. Seitdem ich mich mit vokaler Improvisation beschäftige (und dazu hat mich mein Beuf gebracht) ist mein Respekt vor "freierem Gesang" enorm gewachsen und ich habe weit weniger Lust, immer nur das enge Korsett der Klassik anzuziehen bzw anzuhören. Barbara Bonney hat das für sich auch klar erkannt scheint mir, und daraus die Konsequenzen gezogen, auch und besonders in ihrer Lehrtâtigkeit. Dasselbe gilt m.E. aber auch für Instrumentalisten. Deren Zwangs- Korsett ist teilweise sogar noch enger, scheint mir.
F.Q.