Basses keep what tenors promise: Bässe und Baritone
Solitaire (24.09.2008, 14:43): ...und gleich fange ich mit einer Frage an: weiß jemand, wie Simon Keenlyside Schubert singt? Lohnt sich wohl der Konzertbesuch in Köln? Er singt Schubert und außerdem die Kindertotenlieder. Es reizt mich sehr...
Jimi (25.09.2008, 06:58): Sorry, ich kenne Keenlyside hauptsächlich von dieser Dvd:
insgesamt für mich die beste Orfeoeinspielung noch vor Garrido und der älteren CD Aufnahme von Jacobs. Keenlyside ist sehr gut, aber ob er Schubert gut singt ?(
:hello Jimi
Solitaire (25.09.2008, 08:23): Danke für die Antwort! Naja, ich glaube, ich werde es mal versuchen. Ich brauche vermutlich ohnehin eine dringende Erholung vom Berliner "Eugen Onegin" Die ersten Pressebilder sind raus, und szenisch scheint es furchtbar zu werden. So furchtbar, daß es manche Opernfreudne gibt, die dem ganzen Ensemble eine ausgewachsene allergische Reaktion auf die weiße Clownsschminke wünschen mit er sie den ganzen Abend rumlaufen müssen. Das würde allen eine ehrenvolle Absage ermöglichen :rofl Also werde ich mir Simon Keenlyside mal gönnen. Schlimmer als RVs "Dichterliebe" wird es schon nicht werden... :ignore Habe ich das gesagt? Der größte Villazón-Verehrer auf Gottes weiter Erde??? :cool
Keenlyside hat kaum Akzent und ein strahlend-markiges sehr männliches timbre, ähnlich wie Gottlob Frick. Ob er so tief runterkommt, weiß ich nicht. Das sollte gut werden. Leider habe ich von ihm nur eben die Schumann-Lieder-Beispiele bei jpc gehört.
Einen thread für Bässe finde ich übrigens sehr gut. Die häufigste männliche Stimmlage sollte eigentlich populärer sein als Tenor. Ich führe das übrigens auf ein im soziokulturellen Maßstab gestörtes Verhältnis zwischen Mann und Frau zurück. Denn die Evolution hat ja die Mehrzahl der Bässe hervorgebracht. Sie müssen also mal populärer gewesen sein. Man könnte und sollte untersuchen, wie beliebt die beiden Stimmlagen bei Männern respektive Frauen sind und was mit der Stimmlage alles assozieirt wird. Natürlich wird mit Tenor eher ein jüngeres Lebensalter assoziiert als mit Bass, obwohl die jungen Männer nach dem Stimmbruch sofort ihren Bass haben und sich die Stimmlage im Lauf des Lebens nicht so stark verändert. Sicher bekommen alternde Tenöre die höchsten Töne nicht mehr, aber das fällt eben nur auf, wenn sie verlangt werden. Es wird sicher noch viel mehr mit der Bassstimme assoziiert, Würde, soziale Stellung, Macht. Warum nur sind in der Oper öfter die Bösewichte Bässe ?
Ich hoffe nun, daß die Beiträge, die da kommen mögen, sich nicht wieder ausschließlich auf die Rückschau in die 50er Jahre und den glorreichen Gottlob Frick beschränken sondern uns "Entdeckungen"von neuen wunderbaren Stimmen präsentieren.
Meine Lieblinge leben alle noch: Nathan Berg, Peter Kooy, Daniele Carnovich und Peter Lika, den ich von zwei Aufnahmesessions her kenne. Er wiegt schätzungsweise 3 Zentner und ist sehr sympatisch und humorvoll. Er hat auch schon mit Herreweghe und René Jacobs zusammengearbeitet. Seine Paraderolle ist der Elias in Mendelssohns Oratorium, der er regelmäßig während der Aufführung zu sein scheint.
Daniele Carnovich singt u.a. bei Diego Fasolis als Solist mit dem Coro della Radio Svizzera Italiana und mit der phantastischen Gruppe "La Venexiana", die gerade einen vollständigen Monteverdi Madrigalzyclus eingespielt hat.
Peter Kooy ist/war der meistbeschäftigte Bass bei Herreweghe und hat viel Bach eingespielt. Ich habe den Eindruck, daß er wegen seiner Professur nicht mehr soviel auftritt.
Nathan Berg ist der Bass in der Aufnahme des Messiah mit "Les arts florissants" unter William Christie, wo er sein Scherflein dazu beiträgt, daß dies imo die Referenz für dieses Stück ist. Er hat auch wunderbare Schubert-Lieder eingespielt.
Gruß, Leif.
Solitaire (25.09.2008, 16:11): Danke für diese ausführliche „Einführung“ und für deine Eindrücke zu Simon Keenlyside. Ich bin sehe es sonst nicht so eng, wenn ein Sänger mit starkem Akzent oder sogar textunverständlich singt, und auch mit dem einen oder anderen Stilbruch kann ich leben wenn es nicht zu extrem ist und mir die Stimme gefällt, aber beim Liedgesang bin ich pingelig. Aber was du schreibst klingt ja gut! Zum Phänomen der Tenöre: ich denke, es ist ist so wie du sagst: Bässe und Baritone assoziiert man meist mit Vätern, Priestern oder Fieslingen. Tenöre hingegen mit dem jugendlichen Liebhaber. Das ist wohl einer der Gründe, warum ein Bass so schön singen kann wie er will. Den meisten Aplaus wird, bei vergleichbarer Leistung, immer der Tenor kriegen. Und er ist es auch, der sich auf der Waldbühne rumtreiben darf. :D Dabei sind in vielen Fällen die Bariton- und Bassrollen mindestens ebenso interessant wie der Tenorpart: Posa, Dulcamara, Jago, Don Carlo di Vargas, Scarpia, die beiden Figaros, Don Giovanni, Leporello und wie die Kerle alle heißen. Meine Lieblingsvertreter der tiefer bis tief singenden Zunft sind Tito Gobbi, Cesare Siepi., Ruggero Raimondi, Ildebrando D’Arcangelo ,dann eine hier wohl weitgehend unbekannte Lokalgröße mit Namen Thomas Laske (er wird tot umfallen sollte er je lesen, mit welchen Giganten ich ihn in einem Atemzug nenne). Vor einiger Zeit habe ich den „Figaro“ aus London (2006) gesehen und Erwin Schrott hat mich in der Titelrolle sehr begeistert. Das hat mich sleber überrascht, denn eigentlich war er auch für mich nur „Herr Netrebko“, und außerdem finde ich seinLatinloverimage furchtbar. Aber ich musste heimlich Abbitte tun: er ist kein Cesare siepi (wer ist das schon...) aber er ist wirklich gut.
Erwin Schrott kannte ich noch nicht bzw. nur aus der Gala (beim Frisör)als Verlobten von Netrebko. Er singt umwerfend gut (Figaro und Don Giovanni) und sieht neiderregend gut aus. Die Beispiele auf Youtube sind phantastisch. Er kann wohl auch sehr gut schauspielern und tanzen. Der soll mal ein paar Neapolitanische Lieder einspielen! Schon wie der summt am Klavier! Wenn die beiden ihre Begabung an das Kind weitergegeben haben, muß es ja ein Orpheus werden.
Gruß, Leif.
Solitaire (26.09.2008, 07:40): Hallo Leif! Tja, was Schrott angeht habe ich mir, ehe ich ihn gehört habe, gedacht "Der sieht gut aus, der ist der Neue von Netrebko, der MUSS ja singen wie eine rostige Gieskanne!" :I Sir Peter Ustinov wäre sehr böse mit mir gewesen und hätte mir sein "Achtung! Vorurteil!" ins Gesicht gedonnert.Und zu recht. :cool Zwei Bässe, die ich vergessen habe zu erwähnen, die ich aber sehr, sehr mag: Rene Pape und Feruccio Furlanetto. Furlanetto habe ich letzten November mit dem Verdi-Requiem in der Kölner Philharmonie sowie am Radio als überragenden Filippo aus "Don Carlo" gehört (Übertragung der BBC aus London). Rene Pape werde ich, so Gott will, am 12. Oktober in Berlin als Gremin hören. Wie man so lesen kann, müssen sich die Sänger musikalisch verdammt ins Zeug legen, denn szenisch scheint es, jedenfalls für meinen Geschmack, ein Desaster zu werden.
ich beneide Dich um die Möglichkeiten, die Du in Berlin hast. Andererseits habe ich wohl eher noch näher nach Köln aber Du kannst ohne lange Transfers fliegen.
René Pape ist ebenfalls neu für mich. Ein wunderbarer Bariton mit edlem timbre. In Bastien und Bastienne in der Mozart GA von Brilliant Classics ist er mir natürlich nicht aufgefallen. Mein focus ist eben das Oratorium und der Liedgesang. An meiner Opernbegeisterung arbeite ich noch. Glücklicherweise ist die Oper Karlsruhe auch sehr gut.
Gruß, Leif.
Solitaire (27.09.2008, 08:53): Oh, ich wohne nicht in Berlin, ich wohne viel eher in deiner Nähe: in Remscheid :D Die Philramonie in Köln, die Rheinoper und die Opernhäuser in Wuppertal und Essen (was treiben die da in Essen eigentlich gerade? Sind die irre???) sehen mich viel häufiger als Berlin. Ich leiste mir nur ein unmoralisch teures Opernwochenende, weil ich schon immer mal in die Lindenoper wollte und bei "Eugen Onegin" mit Pape und Villazón nicht mehr zu halten war. Was das Fliegen angeht, geht es mir da wie Obi Wan Kenobi: ich tue das gar nicht gern, habe es bis jetzt noch nicht getan, werde es im Dezember zum erstenmal tun und habe dabei ein ganz mieses Gefühl... :B :I
ich habe schon öfter Rundflüge mit den verschiedensten Fluggeräten gemacht, daher der folgende Tip. Vielleicht solltest Du einen netten Fluglehrer/Piloten kennenlernen und mit ihm einen Flug im Motorsegler (z.B. Super Dimona) machen zum Eingewöhnen. Die vermitteln das sicherste Fluggefühl und eine sehr gute Sicht nach draußen. Wenn Du den Piloten sprechen kannst, wirst Du die Angst am ehesten gar nicht aufkommen lassen. Ein Fluglehrer läßt Dich vielleicht sogar ein Weilchen steuern. Ein halbstündiger Flug wird schon ein großes Erlebnis sein und kostet bei einem Club gar nicht so viel.