Beethoven: Fidelio - "Wer ein solches/holdes Weib errungen..."
stiffelio (19.08.2012, 15:57): zur Entstehungsgeschichte: Ludwig van Beethovens einzige Oper wurde in der Erstfassung 1805 unter ungünstigen Umständen in Wien uraufgeführt und zunächst nicht gut aufgenommen. Eine zweite Fassung folgte 1806, die dritte und endgültige, auf die Beethoven viel Mühe verwendet haben soll und die dann endlich ein Erfolg war, erst 1814. Er komponierte insgesamt vier Ouvertüren, von denen die letzte heute in der Regel die Oper einleitet. Die dritte, sog. "große Leonoren-Ouvertüre" wird oft vor dem Finale, machmal auch an anderen Stellen im Opernablauf gespielt.
zur Handlung: Der verbrecherische Gefängnisgouverneur Don Pizarro hat seinen Widersacher Don Florestan heimlich eingekerkert, seine Freunde halten Florestan für tot. Seine Frau Leonore jedoch gewinnt auf der Suche nach ihrem Mann, verkleidet als Mann und unter dem Decknamen Fidelio, das Vertrauen des Kerkermeisters Rocco und die Liebe seiner Tochter Marzelline, letzteres zum Mißfallen des Pförtners Jaquino, Marzellines früherem Brautanwärter. Don Pizarro erhält die Warnung, dass eine Gefängnisinspektion durch einen Minister ansteht und beschließt, Florestan schnellstmöglich zu erstechen, um seine Entdeckung zu verhindern. Rocco und Fidelio sollen vorher das Grab in der Zelle graben. In der Zelle gewinnt Leonore die Gewissheit, dass der heimliche Gefangene ihr Mann ist, wohingegen Florestan Leonore zunächst nicht erkennt. Als Pizarro kommt, gibt Leonore sich als Frau von Florestan zu erkennen und vereitelt mit vorgehaltener Pistole den Mordanschlag. In diesem Moment ertönt ein Trompetensinal, das die Ankunft des Ministers Don Fernando ankündigt. Florestan und die Gefangenen werden ihm vorgeführt, er erkennt Don Pizarros Verbrechen und Leonore darf Florestans Ketten lösen. Alle preisen Leonores treue Liebe und ihre mutige Rettungstat.
Liebe Forumsmitglieder,
das diesjährige Sommerrätsel von Rideamus hat dafür gesorgt, dass der FIDELIO bei mir wieder aus der Versenkung auferstanden ist. Wäre ich 2 Jahre früher zu euch gestoßen, hätte mein erster Thread ganz sicher dieser Oper gegolten, denn die war damals mein Morgen- und Abendgebet (wie meine Familie euch leidvoll bestätigen könnte :wink). Nun, auch ich musste die Erfahrung machen, dass man sich jede Oper überhören kann. In meinem Fall betraf das die DVD mit Bernstein als Dirigent, die bis heute bei mir keine Wünsche offenlässt außer dem einen, dass ich von Zeit zu Zeit meinen Eindruck von ihr auf Null zurücksetzen könnte, um mit frischen Sinnen wieder von vorne zu beginnen.
Leonore - Gundula Janowitz Florestan - Rene Kollo Don Pizarro - Hans Sotin Rocco - Manfred Jungwirth Marzelline - Lucia Popp Jaquino - Adolf Dallapozza Don Fernando - Hans Helm 1. Gefangener - Karl Terkal 2. Gefangener - Alfred Sramek Dirigent: Leonard Bernstein Inszenierung: Otto Schenk WSO, 1978
Bei dieser DVD stimmt nach wie vor für mich einfach alles: die Kulisse ist realistisch, aber nicht überladen (inzwischen könnte sie für mich auch etwas stilisierter sein, aber gefallen tut sie mir immer noch), die gesanglichen Leistungen sind vielleicht nicht allererste Weltspitze, aber dicht dahinter und das für mich Wichtigste: es wird mit einer Leidenschaft gespielt, dass nach wie vor da keine andere Aufnahme aus meiner Sicht mithalten kann. (A dieser Stelle eine Warnung: meine folgende Besprechung wird wohl nur etwas für Hardcore-Fideliofans sein, den anderen wird meine Eloge vermutlich zu weit gehen. Aber ich verspreche, dass ich danach auch auf andere Aufführungen eingehen werde, die ich etwas differenzierter betrachten kann, als mir das bei Bernstein möglich ist).
1.Akt Die spielerische Detailfreude fängt gleich in der ersten Szene an, wenn Jaquino sich bei seinem Heiratsantrag selbstvergessen auf die frisch gebügelte Wäsche setzt und von Marzelline hinunter gejagt wird, wenn Marzelline ihm beim "Du könntest nun gehn" das Bügelwasser vor die Füße kippt und beim "so bleibe hier stehn" ihn fast mit dem aufgebauten Bügelbrett umhaut und und und - es sind diese Kleinigkeiten, die die Szene so köstlich lebendig machen. Die Rivalität zwischen Jaquino und Fidelio ist allerdings in dieser Inszenierung auf ein Minimum begrenzt: z.B. wurden die Anwürfe Jaquinos gegen Fidelio in den Sprechszenen gestrichen und in der letzten Szene des ersten Aktes hält Jaquino Fidelio vor einem unbedachten Ausbruch gegen Pizarro zurück. Die gesamte Inszenierung verbleibt in Beethovens Zeit und Sphäre und macht doch ein allgemeingültiges Lob der Freiheit, der Courage und der Treue daraus - in einer Weise, die irgendwo zwischen Märchen und Pathos liegt. Dem entspricht, dass Rocco hier ein in erster Linie Obrigkeits-gehorsamer, aber dennoch herzensguter Vater-Wärter-Untertan ist. Sein Gehorsam hat noch nicht den Beigeschmack des "Kadavergehorsams", der erst nach Beethovens Tod so in Verruf kam. Leonore ist keine Heroine, sondern heftigen Ängsten und Anfechtungen unterworfen, nur ihre Liebe zu Florestan lässt sie durchhalten und bei Roccos Schilderungen von Florestans Leiden muss sie hart um ihre Beherrschung kämpfen. Ihre Skrupel, Marzelline als Mittel zum Zweck zu benutzen, sind gut herausgearbeitet: wenn bei ihrem selbstvergessenen "für hohen Lohn kann Liebe schon auch hohe Leiden tragen" Marzelline ihre Hand auf Fidelios legt und Fidelio sie verwirrt und möglichst unauffällig wieder wegzieht sowie bei dem widerwilligen Stolpern, wenn sie am Schluss der Szene Marzelline die Hand reichen muss. Hans Sotin als Pizarro mag stimmlich nicht jedermanns Geschmack sein (obwohl ich persönlich sein Timbre für den Pizarro sehr mag) - ich war von Beginn an fasziniert, wie überzeugend der sonst eher gemütliche Sotin sich in einen zutiefst finsteren, unsympathischen und cholerischen Pizarro verwandeln kann: das Musterbeispiel eines ekelhaften, von allen gefürchteten Despoten, der allein schon durch häufiges Umschauen signalisiert, dass er niemandem wirklich trauen kann. Bereits bei seinem "dir wird dein Glück zuteil" ahnt Rocco schon, dass das nichts Gutes bedeuten kann und bei dem Lob "du bist von kaltem Blute" wird ihm vollends unbehaglich. Roccos verzweifeltes Kopfschütteln bei Pizarros Vorwurf "bist du ein Mann?" ist für mich nicht nur eine Ablehnung des Mordauftrags, sondern deutet auch subtil an "ein Mann wie du will ich auch gar nicht werden!". Als Rocco sich weigert, den Mord auszuführen, bricht Pizarro das erste Mal überzeugend aus, indem er den Geldbeutel aus Roccos Hand durch den Hof schleudert. Aber das ist noch nichts gegen seinen Ausbruch nach dem Gefangegenchor, den ich mit Abstand noch nie so überzeugend gesehen habe. Wie er da auf Rocco zustürmt, wie alle einschließlich der Gefangenen nach seinem "Wohlan!!" zurückweichen, visualisiert eindrücklich, dass bei Pizarro in dieser Stimmung mit allem zu rechnen ist. Hier läuft Rocco zu echter Zivilcourage auf, indem er nicht Fidelio vorschiebt, sondern trotz aller sichtbaren Angst selbst dieser Wut standhält. Als Rocco dann den Namenstag des Königs hervorzaubert hat Sotin noch einen großen schauspielerischen Moment, indem er sichtbar seine Wut hinunterschluckt, die dann nur beim "mögst du nie mehr verwegen sein" nochmal kurz eindrucksvoll aufflackert. Dies ist eine der Szenen, in denen durch ein höchst überzeugendes Zusammenspiel aller Akteure ein einzigartige Wirkung erzeugt wird. Am Ende dieses Aktes ist mir eine Geste noch unklar: nachdem Leonore allein auf dem Hof zurückgeblieben ist, geht sie mit abgekämpften Schritten zum Eingangstor und legt ihre Hände gegen die Torflügel. Ihr Wunsch, diese für Florestan zu öffnen? Aber die Haltung hat etwas Ohnmächtiges an sich und erinnert mich an einen Gekreuzigten. Doch ein noch tieferer Sinn? Nochmal kurz eine Szene zurück: das "Ist ihn zu töten deine Pflicht?" von Leonore habe ich auch noch nie überzeugender erlebt. Viele Leonoren singen über diesen Punkt schlicht hinweg, aber hier muss der Aufruhr in Leonore spürbar sein.
2. Akt Auch Rene Kollo mag stimmlich nicht der 100%ig ideale Florestan sein, aber seine intensive Darstellung auch und gerade seiner Kerkerarie macht das mehr als wett. Wenn er bei den Schlusstakten mimisch erkennbar begreift, dass sein "Engel Leonore" nur eine Vision war, könnte ich jedes Mal heulen. Die Sprechszene von Leonore, Rocco und Florestan geht an darstellerische Grenzen, wenn Rocco und Florestan tatsächlich körperlich aneinandergeraten und Leonore weinend zusammenbricht. Der wunderbar gemachte Höhepunkt ist für mich aber, wenn Leonore Florestan den Weinkrug reicht - übrigens aus eigenem, überwältigtem Antrieb, ohne um Erlaubnis zu fragen. Florestan trinkt gierig, schaut dann Leonore ins Gesicht - um sofort zurückzufahren, als hätte er einen Geist gesehen und auch Leonore springt wie von der Tarantel gestochen zurück. Florestan hat Leonore hier eindeutig erkannt, muss dies aber nach Roccos Auskunft, dass diese sein Schließer und künftiger Schwiegersohn sei, wieder für eine Vision halten. Ein weiterer darstellerischer Höhepunkt folgt dichtauf, wenn Leonore Florestan im folgenden Terzett das Brot reichen will. Florestan begreift das sofort und versucht mit allem Bewegungsraum, den ihm seine Fußkette lässt, an das Brot zu gelangen, doch Rocco nimmt es Leonore überraschend ab und legt es zur Seite. Leonores Schock angesichts der Verzweiflung Florestans, ihr zunächst sanft bittendes Flehen "ach, Ihr labtet gern den armen Mann" und als das nichts nutzt, ihr gewaltsames Umdrehen Roccos beim "es ist ja bald um ihn getan", so dass dieser Florestan ansehen muss, ist oscarreif und hätte einen Stein erweichen können. Rocco kann gar nicht anders, als ihr das Brot zurückzugeben. Das folgende Quartett mit Pizarro ist aus meiner Sicht an Dramatik von keiner anderen Inszenierung überboten worden. Zwar fehlt das plötzliche Umwenden Pizarros beim "Sieh her", aber dafür hat noch kein anderer Florestan die Todesnot beim "ein Mörder steht vor mir" so überzeugend gespielt wie Kollo: auch wenn im Libretto hier die Anweisung "gefaßt" steht, kann Florestan angesichts dieser überwältigenden Todesnähe doch nicht einfach teilnahmslos am Boden hocken bleiben wie in einigen anderen Inszenierungen! Kollos Florestan zieht sich mühsam an der gewaltigen Steinsäule hoch, wirft sich dann mit dem Rücken dagegen und legt nach seinem Ausruf den Kopf nach Luft ringend in den Nacken: selten habe ich eine so eindringliche Darstellung eines Menschen gesehen, der bei jedem Atemzug damit rechnen muss, dass dieser durch einen gewaltsamen Tod sein letzter ist. Leonore bricht in diese Szene wie ein Blitz ein, der die Szene vollends zum Überkochen bringt. Während Leonore und Pizarro sich ihr berühmtes Duell liefern (aber richtig!), ist Florestan völlig damit absorbiert, das reale Erscheinen seiner Frau zu begreifen und scheint seine Lebensgefahr fast vergessen zu haben. Beim ersten Trompetensignal dauert es einige Sekunden, bis Leonore dessen Bedeutung begreifen kann. Für mich ist auch die Frage offen, ob sie tatsächlich auf Pizarro geschossen hätte. Wenn ja, wäre es reine Verzweifelung gewesen, denn sie zeigt auch mit der Pistole in der Hand wieder auf berührende Weise alles andere als "kaltes Blut". Nach dem zweiten Trompetensignal und Jaquinos Erscheinen bricht sie zwar fast zusammen, hat aber noch Geistesgegenwart genug, um zu verhindern, dass Florestan ihr in die Schusslinie auf Pizarro hineinläuft. Das Quartett geht dann nach Pizarros und Roccos Abgang nahtlos in das Duett über, das ebenfalls selten schön gespielt wird. Hier dürfen sich Leonore und Florestan nicht erst am Schluss umarmen und beim letzten "O namenlose Freunde" springt Leonore in einem Jubel auf, den ich mir immer für diese Szene erträumt habe. Auch wenn ich kein strenger Verfechter davon bin, dass vor dem letzten Auftritt unbedingt die große Leonoren-Ouvertüre gespielt werden muss - hier empfinde ich sie als passend, um Luft zu schöpfen und einen Hauch Abstand zu gewinnen.
Der letzte Auftritt beginnt dann mit einem wunderbaren Bild: einer Zugbrücke, die langsam heruntergelassen wird und hinter der die Frauen der Gefangenen warten. Nichts hasse ich in diesem letzten Bild mehr als einen statisch herumstehenden Chor und dementsprechend liebe ich das Gewusel, das Nebeneinander von Suchen und seligem Finden, das hier zu den "Heil"-Rufen abläuft. Beim Auftritt des Ministers wird dann ganz, ganz tief in die Pathos-Schublade gegriffen, da muss man schon ziemlich resistent sein. Es wird aber sofort wieder lebendig, als Rocco, Florestan und Leonore auftauchen. Florestan legt sich die Hand vor die Augen und kann im hellen Tageslicht spürbar zunächst nichts erkennen, ein sehr stimmiger Einfall. Leonore muss ihn zum Minister leiten, der erst nach seiner ersten Umarmung die Ketten bemerkt. Auch danach vermeidet Florestan Pizarros Blick, er hebt erst den Kopf, als Pizarro abgeführt wurde - als könnte er den Anblick des Mannes nicht ertragen, der eben noch versucht hat, ihn zu ermorden. Da steckt zu Anfang der Szene noch soviel "Kerker" in Florestan, das haut mich immer wieder um. Als der Minister dann Leonore die Schlüssel reicht, tritt diese geradezu "aus der Zeit heraus". In dem überfüllten Gefängnishof entsteht eine unendliche Minute eine zauberhafte Aura der Intimität um Leonore und Florestan herum. Erst als der Chor in das "o Gott, welch ein Augenblick" einstimmt, löst Leonore die erste Handfessel und die zweite erst, als das gemeinsame "du verlässt uns nicht" (atemberaubend, wie Leonore und nachfolgend Marzelline ihre Stimmen zu einem überirdischen Höhepunkt hinaufschrauben!) verklungen ist. In den Orchesterwirbel schleudert Leonore die Ketten hinein, als seien es die Ketten einer ganzen Welt - und fällt Florestan mit einem Sprung in die Arme als fügten sich zwei Teile eines Ganzen zusammen. Zum "Preist mit hoher Freude Glut Leonorens edlen Mut!" wird dann nochmal Leonores Skrupel gegenüber Marzelline deutlich: Marzelline schwankt in diesem Moment noch zwischen größter Bewegung und Trauer (es ist auch ausschließlich Rocco, der sich in dieser Szene Jaquino zuwendet, während Marzelline noch an Roccos Schulter weint). Florestan zieht Leonore nach der Umarmung als erstes zur Gruppe Rocco/Marzelline/Jaquino, um ihnen zu danken, doch Leonore wendet sich (beschämt?) von Marzelline ab. Von Florestan dagegen scheinen jetzt alle Ketten auch innerlich abgefallen, zu seinem "wer ein solches Weib errungen" möchte er die ganze Welt umarmen und schließlich steckt er mit seiner überschäumenden Freude zusammen mit dem ganzen Hof auch Leonore an. Beide lassen sich in den Chorjubel, der hier so dicht wird, dass er mit den Händen zu greifen scheint, geradezu hineinfallen wie in eine Hängematte. Beim "Retterin des Gatten sein" fällt dann Leonores Blick nochmal auf Marzelline, die die Arme ausbreitet und da kann endlich auch Leonore Marzelline umarmen.
Vielleicht spürt ihr es noch: als ich dieses Finale zum ersten Mal gesehen habe, war ich die folgenden Tage erstmal zu nichts anderem zu gebrauchen. :engel
Lucia Popp ist stimmlich eine ganz wunderbare Marzelline. Gundula Janowitz gerät bei einigen Spitzentönen m.E. an stimmliche Grenzen, aber physisch und darstellerisch kann ich mir keine bessere Leonore vorstellen. Auch für die anderen Hauptrollen (Kollo, Sotin, Jungwirth) gilt, dass jede einzelne möglicherweise stimmlich noch besser besetzt werden könnte. Aber als Team sind sie unschlagbar. (Auf der CD, die bis auf den Austausch des Ministers - Helm gegen Fischer-Dieskau - in der Besetzung identisch ist, sind übrigens die kleinen Unreinheiten von Janowitz ausgemerzt und auch Kollo gelingen einige Passagen noch besser. Sie war deshalb für mich eine lohnende Ergänzung zur DVD). Gerade auch in den Ensembles werden zusammen mit dem Orchester Klanggebilde gewebt und Emotionen vermittelt, die mich bis heute begeistern. Liegt die Wirkung dieses FIDELIOS doch in erster Linie an Bernsteins Dirigat? In meinem Beiheft zu einer anderen Inszenierung steht: "Liebhaber eines sach- und fachgerecht gebauten Operntyps ... wollen sich nicht abfinden mit einem Stück, das banal biedermeierlich im Kleine-Leute-Milieu mit einem absurden Dreiecks- und Eifersuchtskonflikt anfängt, dann in die finsterste Hölle einer Einzelhaft hinabsteigt, um zuletzt unter wolkenfreiem Himmel in einen Erlösungsappell für die ganze Welt und Menschheit zu münden." Genau dieser Spagat ist Bernstein mit dem gesamten Team einschließlich des Orchesters aus meiner Sicht gelungen wie keinem anderen. Und das konnte nur jemandem gelingen, der gefühlsmäßig ganz nah am Beethovenschen Pathos war.
Ich bitte um Nachsicht für diese Eloge, die sicher nur teilweise in ein seriöses Forum gehört. Immerhin sehnt sich bei den heutigen Sommertemperaturen wohl jeder in einen kühlen Kellerraum, oder? :wink Und für diesen FIDELIO gilt eben bei mir ganz besonders der Satz: "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne..."
VG, stiffelio
Billy Budd (19.08.2012, 16:12): Danke für die Eröffnung dieses längst überfälligen Threads! Mit Ausnahme von manchen zähen Stelllen im ersten Bild gefällt mir diese Oper sehr gut. Die von Dir erwähnte DVD habe ich um nicht mal einen Euro als LP (Querschnitt!) sehr billig erstanden. Ich werde sie mir demnächst anhören. Die Schenk-Inszenierung (Premiere 1970 mit King, Jones, Adam, Crass (Rocco), Ridderbusch (Fernando!), Popp und Dallapozza unter Bernstein) steht noch immer auf der Spielplan der Wiener Staatsoper. Die nächsten Aufführungsserien sind im Oktober 2012 (Lehman, Merbeth, Dohmen, Woldt, Eiche, Nafornita und Ernst unter Peter Schneider), April (Ryan, Kampe, Struckmann, Monarcha und Moisiuc unter Adam Fischer) und Dezember 2013 (Konieczny als Pizarro). Im Theater an der Wien gibt es im März 2013 eine Neuproduktion (Schade, Banse, etc. unter Harnoncourt). Eines interessiert mich aber: Pizarro singt ja bekanntlich: "Nun ist es mir geworden, den Mörder selbst zu morden". Hat Florestan - der ja üblicherweise als Freiheitsheld dargestellt wird - auch Dreck am Stecken? Billy :hello
stiffelio (19.08.2012, 16:33): Original von Billy Budd Pizarro singt ja bekanntlich: "Nun ist es mir geworden, den Mörder selbst zu morden". Hat Florestan - der ja üblicherweise als Freiheitsheld dargestellt wird - auch Dreck am Stecken?
Lieber Billy,
nein, so verstehe ich das nicht, obwohl ich diese Auffassung auch anderswo schon gelesen habe. Pizarro sagt in seinem vollständigen, meist gekürzten Text vor seiner Arie: "Wenn er entdeckte, dass ich diesen Florestan in Ketten liegen habe, den er längst tot glaubt, ihn, der so oft meine Rache reizte, der mich vor dem Minister enthüllen und mir seine Gunst entziehen wollte." Florestan wollte also Pizarros Untaten offenlegen, bevor er von ihm eingekerkert wurde - und Pizarro wäre danach politisch tot, kaltgestellt gewesen (oder hätte er sogar die Todesstrafe zu fürchten gehabt?). Ich denke, das meint Pizarro im übertragenen Sinne, wenn er von "Mörder" spricht.
Es wäre für mich interessant, eine aktuelle Fidelio-Aufführung mit der DVD zu vergleichen, was von den Feinheiten der Inszenierung noch übriggeblieben ist. Vielleicht kann einer der Wiener da mal berichten...?
VG, stiffelio
Karolus Minus (19.08.2012, 16:35): Original von Billy Budd Eines interessiert mich aber: Pizarro singt ja bekanntlich: "Nun ist es mir geworden, den Mörder selbst zu morden". Hat Florestan - der ja üblicherweise als Freiheitsheld dargestellt wird - auch Dreck am Stecken? Billy :hello
ich hab mir gerade mal den Klavierauszug mit dem ja nie komplett gesprochenen Dialog rausgeholt. Da sagt Pizarro, als er die Depesche aufmacht, die ihn vor dem Minister-Besuch warnt: "Gott, wenn er entdeckte, daß ich diesen Florestan in Ketten liegen habe, den er längst tot glaubt; ihn, der so oft meine Rache reizte, der mich vor dem Minister enthüllen und mir seine Gunst entziehen wollte."
Da scheinen ein paar persönliche Rechnungen offen zu sein. Pizarro sieht Florestan als Mörder seines Rufes.
Lg Karolus Minus
Billy Budd (19.08.2012, 16:38): Da habt Ihr natürlich recht, so genau kenne ich das Stück nicht. Danke für die Info!
Florestan sagt ja auch "Pizarro? Der, dessen Untaten ich zu entdecken wagte?" (oder so ähnlich).
Von der Inszenierung sind jetzt nur mehr die Bühnenbilder übrig. Es kommt dann auf die Sänger an, wie gespielt wird. Billy :hello
stiffelio (19.08.2012, 16:50): Lieber Karolus Pizarro sieht Florestan als Mörder seines Rufes. :beer
Lieber Billy, Von der Inszenierung sind jetzt nur mehr die Bühnenbilder übrig. Es kommt dann auf die Sänger an, wie gespielt wird. Ich habs befürchtet :(.
VG, stiffelio
Rideamus (19.08.2012, 17:57): Liebe Stiffelio,
ich gratuliere Dir zu dieser detaillierten Würdigung einer Inszenierung, die das in der Tat verdient hat, wobei ich den musikalischen Wert noch höher ansetze als den der Inszenierung, die aber erfreulich sorgfältig war.
Wie ich schon an anderer Stelle schrieb, ging es mir mit dem Überhören am FIDELIO ähnlich wie Dir, nur, dass es bei mir schon Jahrzehnte her ist. Ich habe also nur selten Lust, mir wieder einmal diese Oper anzusehen, zumal mir prägende Erinnerungen an einige der besten Audioeinspielungen (z. B. von Klemperer, Fricsay oder auch Halasz' preiswerte Naxos-Aufnahme) immer wieder Defizite in den Live-Aufnahmen auf DVD bewusst machen.
Dennoch birgt diese Oper ein seltenes Phänomen. Wann immer mich die Umstände treiben, doch einmal wieder hinein zu hören, wie etwa bei meinem letzten Rätsel, bin ich erneut vollkommen fasziniert und möchte gleich wieder die ganze Oper hören. Deshalb steht Harnoncourts Züricher Aufnahme mit Jonas Kaufmann, dem ich einen großartigen Florestan zutraue, ganz oben auf meiner Nachholliste. Gleich daneben steht aber auch der Salzburger Mitschnitt von 2003 der Aufführung Simon Rattles mit Angela Denoke, Jon Vilars und Helmut Quasthoff, dessen überraschender Auftritt als Don Fernando auf der Riesenbühne der Felsenreitschule mir unvergesslich bleibt. Leider gibt es davon nur eine Audioaufnahme auf dem offiziellen Markt, obwohl gerade hier die zuweilen recht unidiomatische Aussprache Villars und des Pizarro von Alan Held stören. Der TV-Mitschnitt ist da wesentlich facettenreicher, obwohl auch er in meinen Ohren nicht an die musikalische Qualität derb bereits Genannten heranreicht.
Bis auf Weiteres gibt es auf DVD also für mich nur zwei Spitzenreiter, nämlich die von Dir zu Recht gepriesene Aufnahme Bernsteins und die Hamburger unter der Leitung Christoph von Dohnanyis. Aber ich will Deinen Darstellungen nicht vorgreifen.
:hello Rideamus
stiffelio (19.08.2012, 19:11): Lieber Rideamus,
aber "nachgreifen" darfst du sehr gerne :wink. Hier kommt deine bevorzugte DVD - allerdings sicher nicht in einer erschöpfenden Besprechung, es bleibt also noch viel Raum für dich:
Auf der Suche nach einem zweiten FIDELIO, der an die Bernstein-DVD heranreicht, bin ich schon früh über diese Aufnahme gestolpert:
Leonore - Gabriela Benackova Florestan - Josef Protschka Don Pizarro - Monte Pederson Rocco - Robert Lloyd Marzelline - Marie McLaughlin Don Fernando - Hans Tschammer 1. Gefangener - Lynton Atkinson 2. Gefangener - Mark Beesley Dirigent: Christoph von Dohnanyi Inszenierung: Adolf Dresen ROH, 1991
Nach dem ersten Blick habe ich sie damals aber schnell wieder zu den Akten gelegt, weil ich diese ganz andere Inszenierung da noch nicht ertragen hätte. Inzwischen habe ich sie mir nun aber mehrmals in Gänze angeschaut und kann jetzt durchaus verstehen, dass sie eine deiner bevorzugten DVDs ist.
Es ist schon dadurch ein ganz anderer FIDELIO, das die gesprochenen Dialoge neu von Dresen geschrieben wurden. Und zwar mit durchaus überraschend neuen Charakterisierungen. Marzelline ist nicht (nur) hochromantisch in Fidelio verliebt, sie sieht in ihm als dem "von außen Gekommenen" auch ganz praktisch die Chance, dem Leben in einem Gefängnis zu entrinnen - während Jaquino offen die Nachfolge von Rocco anstrebt und eine Heirat mit ihm daher den Verbleib im Gefängnis bedeuten würde. Die Inspektion des Ministers ist keine durch einen heimlichen Brief verratene Überraschung, sondern wird nach dem Eingangsduett Marzelline-Jaquino ganz offen angekündigt. Dies versetzt Rocco in Angst und Schrecken, der befürchtet, als Bauernopfer für Pizarros Verbrechen büßen zu müssen. Seine Zusage, Fidelio mit zu dem Gefangenen zu nehmen, entspringt daher weniger einer körperlichen Not (obwohl Rocco in dieser Inszenierung ein steifes Bein hat), als vielmehr dem Wunsch, einen Zeugen zu haben, dass er diesen Gefangenen nie ungerecht behandelt hat. Wie berechtigt Roccos Ängste sind, zeigt sich bei Don Pizarros Auftritt, der tatsächlich offen ankündigt, Rocco für die Einkerkerung von Florestan verantwortlich zu machen. Dies ist auch sein eigentliches Druckmittel, Rocco zum Mord an Florestan zu bewegen. Don Pizarro ist hier wesentlich perfider und subtiler dargestellt, als auf der Bernstein-DVD, allerdings immer noch ein Typ, der mit brutaler Macht, nicht mit Verführungskunst seine Ziele erreichen will. Hier macht zum ersten Mal eine Zeile im originalen Libretto wirklich Sinn. "Dann werd ich selbst vermummt mich in den Kerker schleichen...". Ich hatte mich schon immer gefragt, wofür und vor wem sich Don Pizarro sich eigentlich vermummen will. Hier ist es ganz deutlich, was sonst höchstens angedeutet wird: Rocco soll den Mord an Florestan in die Schuhe geschoben bekommen, auch wenn er ihn nicht selbst durchführen will. Zumindest soll diese Drohung sein Stillschweigen garantieren. (Verrückt ist freilich, dass ausgerechnet dieser Don Pizarro dann schließlich keine Spur vermummt in den Kerker kommt). Jaquino wird hier sehr eindeutig als Gegenspieler zu Fidelio aufgebaut, der nur darauf wartet, ihm ein Schnippchen zu schlagen. Denn Fidelio entscheidet hier ganz allein, ohne Rocco, dass es Zeit für den Rundgang der Gefangenen im Hof sei, die erst bei Ankunft des Ministers herausgelassen werden sollten (man kann sich allerdings dadurch fragen, wieso eigentlich Pizarro Rocco dann die Schuld gibt, der von dieser Aktion nicht das Geringste gewusst hat und warum dieser sie auch noch auf sich nimmt). Jaquino macht mit, um auf diese Weise ("auf deine Verantwortung - das bricht dir den Hals!") seinen Rivalen loszuwerden. Das ist alles höchst spannend gemacht, hat nur den klitzekleinen (Schönheits?)fehler, dass das nicht mehr das von Beethoven vertonte Libretto und seine Charaktere sind. Wenn es mich trotzdem überraschender Weise inzwischen überzeugt, so hat das einen sehr subtilen Grund: ich habe bis zur Schlussszene (trotz Dreispitz bei Pizarro) in keiner Weise an Spanien als Handlungsort und an das ausgehende 18. Jh. als Handlungszeit denken können. Vielmehr stand in jeder Szene Osteuropa und die kommunistischen Diktaturen vor meinem Auge. Das Ganze könnte sehr gut in einer Situation wie dem Prager Frühling spielen: Ein nur durch Druck aufrecht erhaltenes System wird aufgelöst, die Großen retten ihre Felle, indem sie versuchen, den Kleinen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Am besten passt die Beziehung Rocco-Pizarro in diesen Rahmen. Roccos Schuldgefühle unterscheiden sich für mich zwar nur nuanciert, aber dennoch sehr deutlich von dem Rocco, wie ich ihn bei Beethoven angelegt finde. Bei Beethoven ist es in erster Linie rein menschliches, um nicht zu sagen kreatürliches Mitgefühl, das Rocco mit Florestan empfindet. Wenn er überhaupt an eine Instanz denkt, vor der er sich evtl. verantworten muss, dann am ehesten Gott. Bei Dresen hat Rocco Angst vor einem sehr irdischen Gericht, freilich auch ein Gefühl für eine (ebenfalls durchaus irdische) moralische Verantwortung, die sich nicht auf "Befehlsnotstand" herausreden kann und die für mich eindeutig ins 20. Jh. gehört. Ebenfalls ins (freilich frühe) 20. Jh. verorte ich eine weitere Szene: Die Gefangenen, die in den stockdunkelen Türöffnungen erscheinen, nach dem Fidelio und Jaquino die Türen (in denen nicht einmal ein Guckloch einen Lichtstrahl durchlässt!) geöffnet haben, sind keine Gestalten aus der französischen Revolutionszeit sondern erinnerten mich in beklemmender Weise an ein Käthe-Kollwitz-Bild. Es war einer der stärksten bildlichen Eindrücke, die diese Inszenierung zu bieten hatte.
Die Kerkerszene und das Finale reichen für mich nicht an die Bernstein-DVD heran, aber das ist auch fast unmöglich zu schaffen. Gewundert hat mich, dass beim Lob der Gattenliebe im Finale dann doch Marzelline und Jaquino sehr einträchtig beieinander stehen - das hätte ich nach der Darstellung im ersten Akt nicht erwartet und empfinde ich auch als einen gewissen Bruch. Da ist selbst die Bernstein-DVD in der Harmonie nicht so weit gegangen, obwohl es da noch eher gepasst hätte.
Rein stimmlich (Textverständlichkeit mal etwas beiseite gelassen) hat mir Frau Benackova als Leonore durchaus gefallen. Schon physisch, aber auch darstellerisch kann sie allerdings keine ideale Leonore für mich sein. Beispiel: bei ihrem "ist ihn zu töten deine Pflicht?" finde ich die Verzweifelung Leonores allenfalls angedeutet in der Stimme wieder, nicht in der Darstellung. Mich hat auch schon immer genervt, wenn Leonore mehr oder weniger versteckt lange Frauenhaare hat (hier werden sie sogar relativ offen in einem Haarnetz getragen), die sie beim "Töt erst sein Weib - ja, sieh hier Leonore" enthüllt. Zweifellos ein theatralischer Moment, dessen himmelschreiende Unlogik mich aber immer gestört hat, denn welche Leonore hätte riskiert, ihre Verkleidung möglicherweise vorzeitig durch ihre Haare zu verraten.
Noch besser finde ich stimmlich Protschka als Fidelio. Diese Stimmgestaltung mit den weichen, leisen Tönen (wo es passt) kommt meiner Florestan-Vorstellung schon ziemlich nahe, auch wenn die Stimme ein "Leichtgewicht" ist (zumindest solange ich die Augen zumache, denn die Optik - naja . Gut, dass in den Dialogen der Schwerpunkt nicht so sehr auf Florestans Verhungern gelegt wird.)
Insgesamt passen für mich bei allen Mitspielern die Stimmen sehr gut zu den dargestellten Charakteren. Lloyd spielt und singt den ungewöhnlich dargestellten Rocco ungeheuer überzeugend. Bei Pederson als Pizarro höre ich relativ wenige tiefe Farben, er schafft es aber, durch eine geradezu militärisch akzentuierte Stimmführung der Rolle die nötige Bosheit einzuhauchen. Überdurchschnittlich gut hat mir stimmlich Atkinson als erster Gefangener gefallen. Ein netter kleiner Regieeinfall war es, diesem Gefangenen, der sich auf "Gottes Hilfe" beruft, eine Bibel in die Hand zu geben - auch wenn er sie in der stockdunkelen Zelle sicher nicht lesen kann.
An von Dohnanyis Dirigat hat mich vor allem die Transparenz begeistert, an Emotionalität bleibt Bernstein für mich unübertroffen.
VG, stiffelio
Karolus Minus (19.08.2012, 19:28): Original von Billy Budd Da habt Ihr natürlich recht, so genau kenne ich das Stück nicht. Danke für die Info! Billy :hello
Das hab ich auch nachschauen müssen, normalerweise ist ja bei "den er längst tot glaubt" Schluß Karolus Minus
Rideamus (19.08.2012, 19:43): Liebe Stiffelio,
gerade eben ist meine ausführliche Antwort aus mir unerfindlichen Grpünden im Orkus des Internet verschwunden. Hier die erinnerte Kurzfassung dessen, was ich gerade schrieb:
Wie könnte ich Dir bei einer so detaillierten Analyse widersprechen, zumal ich die DVD lange nicht mehr gesehen habe und meine Erinnerung in fast allen Punkten Deiner Meinung ist?
Vermutlich war es gerade die Andersartigkeit der Dialoge und damit bestimmter Akzentsetzungen, die mich seinerzeit so für diese Inszenierung eingenommen hat, zumal sie ja durchaus noch Beethovens FIDELIO bringt, denn die Musik haben Dresen und Dohnanyi ja nicht angerührt, soweit ich erinnere.
Da ich aber zunächst noch zwei andere Inszenierungen auffrischen kann und möchte, was für FIDELIO und mich schon sehr viel ist, lasse ich Deine Beurteilung einfach mal stehen und greife nicht nach. Dann würde ich eher noch die Verfilmung Felsensteins und die neu aufgelegte Berliner Aufführung unter Arthus Rother in Betracht zierhen.
Aber wo soll ein Mensch nur die Zeit für all das finden, selbst wenn es bei diesen tropischen Temperaturen (über die ich mich, notabene, nicht beschwere, denn der Sommer war bislang enttäuschend genug) nicht unangenehm ist, vor dem schattigen PC zu sitzen?
:hello Rideamus
stiffelio (19.08.2012, 20:32): Lieber Rideamus, Original von Rideamus gerade eben ist meine ausführliche Antwort aus mir unerfindlichen Grpünden im Orkus des Internet verschwunden. Oh nein! :I Ewig schade, denn auch die Langfassung hätte mich sehr interessiert. Und du dürftest mir sehr gerne widersprechen, denn das belebt ja auch die Diskussion und eröffnet neue Sichtweisen - meine kenne ich ja schon :wink. Vermutlich war es gerade die Andersartigkeit der Dialoge und damit bestimmter Akzentsetzungen, die mich seinerzeit so für diese Inszenierung eingenommen hat, zumal sie ja durchaus noch Beethovens FIDELIO bringt, denn die Musik haben Dresen und Dohnanyi ja nicht angerührt, soweit ich erinnere. Stimmt! Zudem musste sich der FIDELIO inzwischen ja noch ganz andere "Akzentsetzungen" (um es vorsichtig auszudrücken) gefallen lassen. Da sind Dresens Dialoge völlig harmlos, zumal sie m.E. auf erfrischende Weise modernisiert wurden, ohne den Kern völlig umzukrempeln.
Da ich aber zunächst noch zwei andere Inszenierungen auffrischen kann und möchte, welche? Zürich 2004? und welche noch?
Zu Rother hab ich auch noch einen, allerdings nur ganz kurzen Kommentar in petto (mein Traum ist es, dass dieser Thread hier über kurz oder - wahrscheinlicher :wink - lang ALLE verfügbaren FIDELIO-DVDs bespricht) , während ich Felsensteins Verfilmung nicht kenne. Da hat mich immer abgeschreckt, dass die Musik gekürzt sein soll und ich mir derzeit noch nicht vorstellen kann, dass mir das gefallen könnte.
Aber wo soll ein Mensch nur die Zeit für all das findenich gebe ja zu, dass ich vorgearbeitet habe :J
VG, stiffelio
Rideamus (20.08.2012, 11:38): Original von stiffelio Original von Rideamus Da ich aber zunächst noch zwei andere Inszenierungen auffrischen kann und möchte, welche? Zürich 2004? und welche noch? VG, stiffelio
Salzburg 2003.
Den Felsenstein habe ich selbst noch nicht.
:hello Rideamus
stiffelio (20.08.2012, 20:19): Lieber Rideamus, dann folgt hier schonmal eine Vorlage für Zürich - du brauchst sie dir ja noch nicht durchzulesen, wenn du diese Aufführung erstmal ganz vorurteilsfrei erleben willst :wink.
Du hattest folgende DVD schon in deinen Rätselthread gestellt:
Florestan - Jonas Kaufmann Leonore - Camilla Nylund Don Pizarro - Alfred Muff Rocco - Laszlo Polgar Marzelline - Elizabeth Rae Magnuson Jaquino - Christoph Strehl Don Fernando - Günther Groissböck
Dirigent: Nikolaus Harnoncourt Inszenierung: Jürgen Flimm 2004, Opernhaus Zürich
Auf die bin ich auch schon sehr früh gestoßen und war zunächst bitter enttäuscht. Inzwischen habe ich sie wieder hervor geholt und muss mein vernichtendes Urteil etwas revidieren. Immerhin hat auch diese Aufnahme eine Personenführung und zum größten Teil engagierte Darsteller zu bieten. Die stimmlichen Leistungen finde ich o.k. (Muff) bis hervorragend (Nylund, Kaufmann, Polgar). Darstellerisch am besten gefällt mir nach wie vor Laszlo Polgar als Rocco, der nicht nur über einen wundervoll weichen Bass sondern auch eine beeindruckende Sprechstimme verfügt und diese zusammen mit seiner oft minimalen, aber intensiven Darstellung ausdrucksstark einsetzen kann. Er ist jeder Zoll die Verkörperung eines zutiefst gutherzigen Menschen, der aber durch seinen Dienst bei einem verbrecherischen Vorgesetzten unausweichlich mit in das Verbrechen hineingezogen wird. In diese sehr stark stilisierte Aufführung passt genau dieser Rocco hervorragend. Auch Alfred Muff muss ich zugestehen, dass mir seine Pizarro-Darstellung zwar nicht sonderlich gefällt, dass er aber immerhin einen - ziemlich schmierigen, sadistischen - Charakter darstellt und dabei auch einige starke Momente für sich verbuchen kann (z.B. die pantomimischen Dolchstöße beim "ihm noch - ins - Ohr - zu - schreien", die für mich immer in der Musik vorhanden waren, aber noch nie so ausdrucksvoll visualisiert wurden). Auch für Nylund, Magnuson und Strehl gilt, dass sie zwar nicht meine Idealbilder darstellerisch abdecken, aber ihre Rollen intensiv spielen. Bei Marzelline ist Flimm für meinen Geschmack etwas zu weit gegangen, als er sie im ersten Duett eine Pistole auf Jaquino richten lässt (soo schlimm hat dieser sie nun auch wieder nicht bedrängt) und sie am Schluss pantomimisch einen Suizidversuch andeuten lässt. Aber darüber könnte ich zur Not noch hinwegsehen, weil es für mich nicht zum absoluten Kern der Oper gehört. Mein größtes Problem mit dieser DVD betrifft ausgerechnet einen meiner Lieblingssänger: Kaufmann als Florestan. Nie hätte ich gedacht, dass ich das einmal über Kaufmann schreiben würde (und ich möchte ihm auch gar nicht die Schuld dafür in die Schuhe schieben, da ich vermute, dass er da hauptsächlich einfach das Regiekonzept befolgt), aber für mich bleibt dieser Florestan ausgesprochen blass. Er agiert zu mindestens 90% wie unter Schlafmitteleinfluss - apathisch, teilnahmslos, ohne innere Regung - und zwar nicht nur zu Beginn der Kerkerszene, wo ich es noch verstehen könnte, sondern auch nach dem Outing Leonores und im Finale, wo es für mich definitiv nicht passt. 10% bleiben übrig für seine Flucht vor Pizarro, für eine Umarmung mit Leonore am Ende des Duetts, aber das wars im Wesentlichen auch schon. Seine Beziehung zu Leonore - für mich Dreh- und Angelpunkt der ganzen Oper - kann ich hier kaum erleben. Da spüre ich mehr Beziehung zwischen Leonore und Marzelline als zwischen ihr und Florestan. Dass dieses Verhalten vermutlich die Traumatisierung Florestans durch die Kerkerhaft darstellen soll, überzeugt mich persönlich nicht: aus meiner Sicht hat das Beethoven einfach nicht gemeint und komponiert - das Besondere am Florestan ist doch gerade, dass seine Liebe zu Leonore und umgekehrt ihn die Haft nicht nur physisch sondern auch psychisch überstehen lässt. Auch kostümmäßig hat es Florestan m.E. am schlimmsten vom Team getroffen: diesen Glanzanzug empfände ich als passend für einen Popsänger, aber spätestens nach einer Woche Kerkerhaft sähe der garantiert nicht mehr so aus. Und auch bei dem Unterhemdchen mit dem roten Kreuz schüttelt es mich - zwar kann sich jeder nicht völlig Beschränkte vorstellen, was das Kreuz symbolisieren soll, aber es bleibt für mich sinnleer. Pizarro hat doch ursprünglich keineswegs vor, Florestan zu erstechen und dass wer-auch-immer Florestan dieses Hemd nach seinem Entschluss angezogen haben soll, ist doch eine hirnrissige Vorstellung.
Um es nochmal zu betonen: das betrifft ausschließlich die Darstellung Florestans durch Kaufmann. Rein stimmlich gefällt mir sein Florestan sehr gut, auf seine Weise in seiner Arie mindestens ähnlich gut wie Protschka und ansonsten noch deutlich besser. (Er hat z.B. auch dieses wunderbar anschwellende "Gooott" am Anfang seiner Arie, das auch Kollo sehr eindrucksvoll gesungen hat.) Deshalb habe ich mir auch - was ich nur sehr selten tue - eine Audio-Version von Kaufmanns Florestan zugelegt. Und wie schon andernorts gesagt: da finde ich ihn überragend und ich wäre überglücklich wenn ich einmal einen darstellerisch mich nur halb so überzeugenden Florestan mit ihm erleben dürfte.
Beim Dirigat gestehe ich Harnoncourt schon einiges an ungewohnten Abweichungen zu, aber während das Tempo beim Kerkerquartett gerade noch erträglich langsam ist, geht es mir bei "O namenlose Freude" endgültig zu weit. Wer einmal Bernstein hochgeschätzt hat, kann sich mit dieser akustischen Statik in einer der üblicherweise mitreißensten Szenen wohl nie mehr anfreunden.
Begründeter Widerspruch ist übrigens ausdrücklich erwünscht. Ich wäre ja selbst froh, wenn ich diese DVD endlich mit vollem Herzen annehmen könnte.
VG, stiffelio
Karolus Minus (20.08.2012, 21:28): Liebe Stiffelio, dea ich den Züricher Fidelio nicht kenne, kann ich Dir da nicht widersprechen....
Ich möchte aber noch eine DVD auflisten, die ich zugegebenermaßen vor allem besitze, weil ich fast alle der Sänger irgendwann noch damit in dieser Inszenierung gesehen habe. Es handelt sich um den TV-Film aus Hamburg von 1968, wie bei allen Liebermann Fernseh-Produktionen im Studio und leider auch noch Playback gedreht. Als Grundlage diente die inszenierung von Günter Rennert. Man muß also aus heutiger Sicht ein paar kräftige Abstriche machen, was Spontaneität und Spannung angeht. Dafür bietet er mit Anja Silja eine der überzeugendsten Leonoren, das ist in der Zeichnung der Figur immer noch modern, ganz ohne Pathos und eben auch rein optisch glaubhaft als Mann, zumal Lucia Popp als Marzellina ein sehr weiblicher Gegensatz ist - und stimmlich ziemlicher Luxus, genauso wie Ernst Wohlfahrt als Jaquino un der optisch für den Minister damals viel zu junge Hans Sotin. Ernst Wiemann ist der solide Rocco und Theo Adam gibt einen schön fiesen, wenn auch vielleicht etwas eindimensionalen Schurken. Dafür kriegt man die tückische Tessitura auch nicht immer so mühelos zu hören. Der Wermutstropfen ist der von mir live sehr geschätzte Richard Cassily, der auf der Bühne durch seine Intensität diverse vokale Probleme kaschieren konnte, hier aber erstens nicht schön klingt - und direkt vor dem Mikro auch ein gruseliges Deutsch abliefert.. Offenbar war das auch dem Film-Team klar, denn die Dialoge spricht Uwe Friedrichsen... Leopold Ludwig spielt natürlich einen traditionellen Beethoven, ähnlich wie Rother in Berlin. Lg Karolus Minus
stiffelio (20.08.2012, 22:05): Lieber Karolus,
das muss diese DVD sein
Leonore - Anja Silja Florestan - Richard Cassilly Don Pizarro - Theo Adam Rocco - Ernst Wiemann Marzelline - Lucia Popp Jaquino - Erwin Wohlfahrt 1. Gefangener - Kurt Marschner 2. Gefangener - William Workman Dirigent: Leopold Ludwig Inszenierung: Joachim Hess Hamburger Staatsoper, 1968 (Film)
Bitte nimm es mir nicht übel, aber als bekennender Darstellungs-Freak würde ich diese Film-Inszenierung mit drei Worten beschreiben: statisch - statisch - statisch. Was hier alles an Interaktion und an Darstellung NICHT stattfindet, geht auf keine Kuhhaut. Da hilft es mir überhaupt nichts, dass hier einige auch von mir sehr geschätzte Sänger versammelt sind. Am meisten hat mich - ganz subjektiv - noch Wiemann als Rocco überzeugt, dessen auch als Sprechstimme sehr schöner, sonorer Bass so manches Standbild gerettet hat. Vom Rest ist leider gar nichts bei mir hängen geblieben, auch wenn das den Sängern sicher nicht gerecht wird, denn für die Inszenierung können sie schließlich nichts. In der Bildführung fand ich noch am stimmungsvollsten, wenn die Kamera zu den Einführungstakten des 2. Aktes langsam über zahlreiche Treppen in Florestans Kerker hinabsteigt. Nichts Weltbewegendes, aber in diesem Film war ich noch für die geringsten Einfälle dankbar.
Nimm es einfach als mein Unvermögen, eine Oper rein akustisch zu würdigen, wenn ich keine mich überzeugende Optik dabei habe. Und bei der Optik bin dann einfach doch einer anderen Darstellungsgeneration verhaftet.
VG, stiffelio
Karolus Minus (20.08.2012, 22:31): Liebe Stiffelio, natürlich ist das szenisch oldfashioned, weil ja auch noch der Fernseh-Regisseur Joachim Herz (der in Hamburg 1967 eine lange gespielte Boheme inszeniert hat) in den in etwa nachgebauten Bühnenbildern Regie geführt hat, nicht der Original-Regisseur. Aber wie gesagt, für mich sind die Hamburger Filme liebe Erinnerungen an persönlich Gesehenes und Gehörtes, da relativiert der Nostalgie-Faktor ein bißchen.... Lg Karolus Minus
stiffelio (28.08.2012, 21:41): Ihr Lieben, inzwischen kann ich dank eines hilfsbereiten Forumsmitglieds :thanks auch über die Aufnahme Salzburg 2003 berichten: es ist die erste moderne FIDELIO-Inszenierung, die mich auf Anhieb begeistert hat und keine "Aufwärmphase" brauchte. Vieles finde ich geradzu genial gelöst, aus manchem hätte man sogar noch mehr machen können.
In Ermangelung eines Covers hier das CD-Cover und zwei youtube-Ausschnitte: 1. Akt Duett Pizarro-Rocco http://www.youtube.com/watch?v=riMLji5YQbE 2. Akt Florestan-Arie http://www.youtube.com/watch?v=VD6ZEw2TasI
Leonore - Angela Denoke Florestan - Jan Villars Don Pizarro - Alan Held Rocco - Laszlo Polgar Marzelline - Juliane Banse Jaquino - Rainer Trost
Dirigent : Sir Simon Rattle Inszenierung : Nikolaus Lehnhoff 2003, Salzburger Osterfestspiele, Berliner Philharmoniker
Die Oper findet in einem abstrakten, kahlen Raum mit schräger Hinterwand statt. Zu Beginn liegen haufenweise schwarze Herrenschuhe am Boden, die von Marzelline paarweise geordnet werden. Man ahnt schon, dass es die Schuhe der Häftlinge sind, die dann später im Chor auch konsequenterweise barfuß auftreten. Für Polgar als Rocco habe ich eine ganz persönliche, nicht rational begründbare Vorliebe. Noch stärker als in Zürich ist er hier in Pizarros Verbrechen eingebunden. Vor seiner Goldarie bringt Jaquino eine Handvoll Goldschmuck herein, der ihm von Rocco gegen einen Geldschein ruppig abgenommen wird und auch hier ist klar, dass er von den Häftlingen erpresst sein muss: Rocco und Jaquino bereichern sich (auch) auf eigene Faust an den Gefangenen. Schuhe und Gold wecken zumindest bei mir beklemmende Assoziationen an ein Konzentrationslager, auf Holzhammer-Assoziationen hat die Inzenierung aber zum Glück verzichtet. Zu den Worten "das Liebchen im Arme, im Beutel das Gold" zaubert Rocco eine offenbar ebenfalls erpresste Perlenkette aus der Tasche und legt sie Marzelline um, worüber Fidelio (wie schon zuvor über das Gold) sichtlich entsetzt ist. Pizarro ködert Rocco hier nicht mit Geldbeutel oder Geldscheinen, sondern heftet ihm zu seinen Worten "das geb ich nur daran" einen Orden (oder ein Rangabzeichen?) an, den Rocco mit Stolz entgegennimmt. Auch Pizarros folgendes "du bist von kaltem Blute" nimmt er eher beifällig als unbehaglich auf. Dieser Rocco ist hart an der Grenze zum Schergen inszeniert und nur knapp schafft es Polgars Persönlichkeit ihn nicht zu einer rein negativen Figur abgleiten zu lassen. Pizarro ist hier ein hochdekorierter, eleganter Bösewicht (zum Mord im 2.Akt erscheint er im Smoking mit weißer Fliege und Orden). Seine Gefährlichkeit ist überdurchschnittlich gut inszeniert: wie im Berstein-FIDELIO wird sie überzeugend von der Umgebung mitgespielt. Im 2. Akt zeigt dieser Pizarro in der Konfrontation mit Leonore und in der Finalszene ungewohnt deutliche, aber im Rollenportrait überzeugende Feigheit. Schlichtweg genial finde ich den Regieeinfall, Florestan in eine Zwangsjacke zu stecken. Ketten hätten in diese Inszenierung nicht gepasst und so wird in eindringlichster Weise die beklemmende Enge von Florestans Gefangenschaft trotz leerer Riesenbühne und seine Verdammung zur Wehrlosigkeit deutlich gemacht. Ein Sternchen bekommt auch die Kameraführung von mir bei seiner Arie, die beim zweiten "ich seh, wie ein Engel..." zum ersten und einzigen Mal in die Vogelperspektive schwenkt. Leonore ist hier insbesondere im Kerkerquartett wesentlich "heroischer" dargestellt als in einigen anderen Inszenierungen, hält aber für mich gerade noch die Balance zur verzweifelten Frau. Aber dieser Leonore hätte ich den Schuß auf Pizarro ohne weiteres zugetraut, wenn es hart auf hart gekommen wäre. Das "Auftauchen" von Thomas Quasthoff als Minister - ganz wörtlich, denn er wird sichtbar, indem der Gefangenenchor, der ihn unringt hat, zur Seite tritt - ist natürlich per se ein optisches Kabinettstück. Er gehört für mich in die Reihe der zahlreichen ungewohnten und sehr stimmigen Einfällen, die diese Aufführung so interessant machen, ohne den FIDELIO an sich zu verbiegen. Allein der Gedanke, was es über einen Staat aussagt, in dem jemand wie Quasthoff Minister werden kann... Aber die für mich interessanteste Szene, die mich zu sehr langem Nachdenken angeregt hat, ist ganz kurz und undramatisch: Florestan wendet sich nach seinem "Tugend schreckt den Bösewicht" um und geht auf Pizarro zu, der anders als in anderen Inszenierungen hier immer noch zwischen den Gefangenen steht. Pizarro erstarrt und weicht zurück. Florestan schaut ihm einige Sekunden in die Augen, dreht sich dann wieder um und beginnt mit "Wer ein solches Weib errungen". Ganz am Schluss wird dann szenisch ein Fluchtversuch von Pizarro angedeutet - ob er gelingt, bleibt offen. Das hat mich neu mit der Frage beschäftigt, was eigentlich aus Pizarro nach dem Ende der Oper wird. In der Regel wird Pizarro ja dem Chortext "Bestrafet sei der Bösewicht, der Unschuld unterdrückt. Gerechtigkeit hält zum Gericht der Rache Schwert gezückt" dem Libretto entsprechend von der Wache abgeführt. Auch der (in der Regel gestrichene) Volltext im Libretto spricht über Rocco die Hoffnung aus, dass danach über eine Einkerkerung Pizarros eine Art Vergeltung erfolgt: "Gott gebe, dass sie (Florestans Ketten)... dem Grausamen angelegt werden, der Euch so viele Leiden bereitete." Was wäre denn nun, wenn Pizarro tatsächlich die Flucht gelingen sollte? Natürlich soll Pizarro daran gehindert werden, andernorts erneut ähnliche Verbrechen zu begehen. Aber das sollte (zumindest für Pizarros Herkunftsland) bereits jetzt erfüllt sein. Selbst wenn es ihm gelingen sollte unterzutauchen, er hat seinen Einfluss verloren und wir zumindest bei anhaltender politischer Lage nie mehr einen leitenden Posten anvertraut bekommen. In diesem Zusammenhang wird für mich in der geschilderten Szene angedeutet, dass Florestan seinerseits ganz bewusst auf jegliche Vergeltung verzichtet hat. Und zwar dank Leonore! Darin sehe ich auch das Geheimnis, das Florestan seine lange Haft unter unmenschlichen Bedingungen überstehen ließ: er konnte sich auch in der tiefsten Demütigung durch Pizarro noch sicher fühlen, dass er für Leonore unendlich wertvoll war und musste damit unabhängig von seiner Behandlung nicht an seinem menschlichen Wert zweifeln. Das mag sich jetzt hoffnungslos romantisch und unrealistisch anhören, aber für mich war das ein ganz wichtiger Punkt, den Beethoven mit seiner Oper ausdrücken wollte. Es würde mich interessieren, wie ihr darüber denkt?
Wenn man an Lucia Popp als Marzelline gewöhnt ist, hat Juliane Banse ein ungewohnt tiefes Timbre. Optisch hat mich immer wieder ihre Schwangerschaft irritiert, zumal diese ja unmöglich auf Fidelio zurückgehen kann, aber von der Inszenierung her passt mir auch Jaquino als Vater nicht. Rainer Trost als Jaquino ist mir weder besonders positiv noch negativ aufgefallen. Laszlo Polgar als Rocco mag ich ganz einfach SEHR, auch stimmlich. Alan Held gestaltet nicht nur darstellerisch, sondern auch stimmlich intensiv. Aus rein persönlichem Geschmack ist mir ein tieferes Timbre bei Pizarro lieber, aber bezogen auf diese Inszenierung füllt dieser Pizarro seine Rolle sehr gut aus. Angela Denoke wird bei den Spitzentönen sehr weich und beginnt sie sehr leise. Das kann natürlich bedeuten, dass sie gar nicht die stimmliche Kraft für dramatischere Spitzentöne hat und deshalb kann man das sicher als Manko empfinden, aber mir gefällt diese Stimmgestaltung. Thomas Quasthoff ist stimmlich für mich o.k.. An anderer Stelle in diesem Forum hatte ich schon über "maniriertes Singen" von ihm gelesen - für den Minister passt das. Als das einzige wirklich störende stimmliche Manko empfinde ich leider Jon Villars, vor allem sein flattriges Vibrato stört mich insgesamt, aber ganz besonders im ersten Teil seiner Arie. Aber ich kann ihm zugute halten, dass er darstellerisch m.E. sehr gut in diese Inszenierung passt. Wenn er jetzt noch eine Stimme wie Jonas Kaufmann hätte, wäre aus dieser Aufnahme eine echte Konkurrenz zur Bernstein-DVD für mich geworden. Sir Simon Rattle dirigiert an vielen Stellen ungewohnt zügig und scharf (allerdings nicht im Duett "o namenlose Freude"). Dem Tempo des Dramas tut das gut, einige musikalische Feinheiten gehen dabei für meinen Geschmack etwas verloren. Das darstellerische Tempo ist auch schon dadurch hoch, dass dieser FIDELIO völlig ohne gesprochene Texte gespielt wurde. Insbesondere im ersten Akt muss man die Oper dadurch m.E. möglichst schon kennen, damit man keine Brüche empfindet. Dennoch war dieses Weglassen der Sprechtexte für mich ein interessantes Experiment, da diese Texte ohnehin nie mehr vollständig gesprochen werden und sonst in ihrem Stil für den heutigen Zuhörer wohl auch kaum noch akzeptabel wären. Insofern ist das Weglassen nur ein Extrem auf einem ohnehin schon beschrittenen Weg.
VG, stiffelio
Rideamus (15.09.2012, 18:56): Nun bin ich endlich dazu gekommen, auch mal wieder den Salzburger FIDELIO unter Simon Rattle anzusehen und zu hören. Es ist schon von einer besonderen Ironie, dass ausgerechnet von dieser Aufführung, die in meinen Augen eine der besten Inszenierungen dieser Operbietet, wenn nicht überhaupt die beste, die ich kenne, keine DVD angeboten wird, sondern nur eine cd-Box die neben den, durchaus auch vorhandenen, Qualitäten der Aufführung ganz besonders deren Schwächen ausstellt. Was die Inszenierung angeht, kann ich mich vorbehaltlos auf stiffelios Beschreibung und Bewertung stützen.
Sehr zwiespältig stehe ich dagegen zu der Entscheidung, der Aufführung alle Dialoge zu nehmen. Einerseits betont das von Anfang an den Charakter der großen Oper, denn von dem harmlosen Singspielcharakter, den man Beethoven im ersten Akt immer wieder vorwarf, ist hier kaum mehr etwas zu spüren. Das liegt natürlich auch an der Inszenierung, die sich zur Abwechslung mal wirklich Gedanken darüber gemacht hat, wie es kommt, dass so harmlos-liebenswerte Gesellen wie Rocco, seine Tochter und Jaquino die gestrengen Aufseher eines schlimmen Kerkers sein sollen. Vor diesen raffgierigen Beschließern haben die Gefangenen zu Recht Angst, und es bleiben nur sehr relative Gründe, sie für weniger schlimm als den Kommandeur Pizarro selbst zu halten.
Ein weiterer Grund für die überraschende Gewichtigkeit auch des ersten Aktes ist die Marzelline der Juliane Banse, die schon sehr die FREISCHÜTZ - Agathe durchhören lässt, die sie zu der Zeit schon mit sehr gutem Erfolg auf anderen Bühnen gesungen hat, und auch Rainer Trost ist nicht nur der harmlos gefällige Mozart- und Haydn-Sänger, als den man ihn sonst kennt. Die Weglassung der Dialoge setzt aber nicht nur eine Grundkenntnis der Handlung der Oper voraus, damit man sie überhaupt versteht, sie bewirkt darüber hinaus einen höchst unvollständigen Eindruck, als handele es sich hier nicht etwa um eine vollständige Aufführung, sondern nur um einen Querschnitt mit ausgedehnten pantomimischen Passagen, welche die Lücken aber nicht füllen können. Das mag auf einer Tonaufnahme, wo Dialoge sehr bald stören, noch vertretbar sein, bei einer Aufführung der ganzen Oper ist es aber mehr als störend. Man wünscht sich, dass, analog zum FREISCHÜTZ, auch bei Beethoven ein Berlioz zur Verfügung gestanden hätte, der Rezitative zu der Oper komponierte. Aber die führt beim FVREISCHÜTZ ja leider auch niemand auf, obwohl das Ergebnis auch in einer deutschen Rückübersetzung mindestens hochinteressant wäre und mir besser gefallen würde, zumal in heutigen Zeiten internationaler Sängerriegen.
Womit wir beim eigentlichen Problem der Aufführung wären, dem musikalischen Teil. Das ist insofern schade, als Simon Rattle einen wundervoll zügigen und dennoch machtvollen Beethoven dirigiert (man höre nur das „Heil sei dem Tag!“ zu Beginn des Finales), der in allem als Gegenstück zu der Aufführung Otto Klemperers und auch Bernsteins gilt, die bis dato auch für mich die Maßstäbe setzten. Ein FIDELIO, dessen zwei dramatische Hauptrollen angestrengt oder gar ein Totalausfall sind, ist aber kaum mehr durch andere Qualitäten zu kompensieren. Dabei ist Angela Denoke in der Titelrolle über weite Strecken noch durchaus anhörbar, solange sie nicht sehr hohe Töne fortissimo ausstoßen muss, und vor allem ansehbar, denn ihre Darstellung gefällt mir sehr. Dennoch fällt sie gegenüber ihren besten Konkurrentinnen wie Martha Mödl, Gundula Janowitz oder Christa Ludwig weit zurück.
Dennoch ist ihre Leistung gegenüber dem Florestan des Jon Villars rundweg lobenswert, denn was der von seinen ersten Tönen an schlichter Überforderung zu Ohren bringt, ist unsäglich, und sein arg störender Akzent ist dabei noch das Geringste. Sein Salzburger Äneas belegt, dass er es auch besser konnte, aber muss man eine solche Leistung wirklich für alle Ewigkeit festhalten? Da hilft es wenig, dass die übrigen männlichen Rollen gut bis sehr gut besetzt sind, und zwar ausdrücklich unter Einbezug der spektakulären Besetzung des Ministers mit Thomas Quasthoff. Vor allem stiffelios Lob für den Rocco von Laszlo Polgar schließe ich mich gerne an, obwohl ich da wohl kaum mehr jemanden hören werde, der mir besser gefällt als der nachtschwarze Bass Gottlob Fricks.
Wirklich schade um eine Darbietung, die das Zeug zum Maßstab gehabt hätte, aber wenn die Kerntöne der großen Ensembles im zweiten Akt immer wieder in den Ohren schmerzen, hilft der beste Wille nichts. Ich wende mich dann doch lieber den Alternativen zu, denn eine Oper ist doch in erster Linie zum Anhören da, und nur eine große visuelle Leistung kann den Ausfall von großen Teilen dieser Ebene ebenso wenig kompensieren wie Stehtheater ein bloßes Stimmfest für mich unterhaltsam macht.
:hello Rideamus
ar (16.09.2012, 16:45): Ich hatte gestern das beste Opern-Live-Erlebnis meines bisher noch jungen Opernlebens: Fidelio in der Urfassung am Konzert Theater Bern.
Die Besetzung: Leonore: Miriam Clark Marzelline: Camille Butcher Jaquino: Andries Cloete Florestan: Tomasz Zagorski Fernando: Daniel Henriks Pizarro: Robin Adams Rocco: Pavel Shmulevich Regie: Joachim Schlömer Dirigat: Mario Venzago
Camille Butchers Rolle wird in der Urfassung arg aufgewertet. Zu Beginn war sie beim „Oh wär ich schon“ noch ein bisschen nervös und die Stimme dementsprechend auch unruhig. Das fing sich im Laufe des Abends und besonders im Piano gelangen ihr berückende Töne.
Andries Cloete habe ich nun schon in einigen Produktionen des Stadttheaters erlebt (Conte im Barbiere, Sellem in Rake’s Progress, Orpheus in der gleichnamigen Operette und als Ferrando in der Così). Er ist ein begnadetet Darsteller und weiss auch mit seiner eher schmächtigen, kleinen Statur sehr zu überzeugen. In dieser Inszenierung wird das gefährliche Potential Jaquino stark hervorgehoben. So versucht er mehrere Male Marzelline mit Gewalt zu bekommen. Die Stimme ist wunderschön (eigentlich eine der schönsten Tenorstimmen, die ich je gehört habe), im Gegensatz zu sonst war er auch immer zu hören. Die Stimme ist eben nicht die grösste, mit genug Kern und Fokus ist er aber zu vernehmen.
Mit dem Rocco stellt sich der Bass Pavel Shmulevich dem Berner Publikum als Ensemblemitglied vor. In einem Wort: Bravo! Eine sehr gut ausgebildete Stimme, sehr hell aber trotzdem voll Kern! Die Dialoge spricht er auf Russisch, einer der Gefangenen übersetzt immer. Während den Gesangsnummern kann er aber mit einem sehr guten Deutsch überzeugen.
Robin Adams ist ebenfalls ein Altbekannter aus dem Ensemble (zu dem er anscheinend nicht mehr gehört, aber trotzdem Pizarro, Dandini und MacBeth macht). Klar ein lyrischer Bariton, beweist er, dass der Pizarro nicht wirklich ein Heldenbariton sein muss. Leider fällt er dann selten ins Schreien und ist vor allem in den tiefen Regionen überfordert (er transponiert sogar hier und da hinauf). Es wäre überzeugender, wenn er die tiefen Passagen mit Kern und Technik (was er könnte) über die Rampe gebracht hätte, als mit Druck. Als Darsteller war er unglaublich gut: Er bekommt vom Regisseur ein imaginäres Hündchen (einen Holzkloss), welches er an der Leine mit sich herumführt und mit welchem er auch spricht. Der Holzkloss soll auch die Schuld symbolisieren, welche Pizarro auf sich geladen hat.
Die Leonore ist in dieser Fassung wohl noch dreimal schwerer als sonst, vor allem weil man in der Urfassung keine andere Wahl hat, als einen dramatischen Koloratursopran zu nehmen (Komm Hoffnung ist besonders im schnellen Teil voll von Koloraturen). Miriam Clark bewältigt diese Aufgabe bravourös! Beim Quartett „Mir ist so wunderbar“ sass die Stimme zwar noch arg hinten, das änderte sich aber ab dem „Gut, Söhnchen gut“ Terzett. Übrigens: „Oh namenlose Freude“ für den Sopran hier noch höher. Anyway, wirklich die Starleistung des Abends!
Tomasz Zagorski hat zwar nicht den „zur Freiheit“-Part zu singen, trotzdem bleibt der Florestan schwer und er entledigt sich dieser Aufgabe mit mehr als mit Abstand. Die Stimme wäre immer noch fähig, Tamino oder Titus zu singen.
Die Regie ist wirklich gut, ich kann das gar nicht selber beschreiben. Im ersten Akt (die Urfassung hat drei) ist Marzelline an einem Seil befestigt und wird durch dieses auch immer von Jaquino zu sich hin gezogen.
Das Berner Symphonie Orchester sass unter der Leitung des eigenen Generaldirigenten im Orchester, übrigens eine Premiere. Mario Venzago hat viel auf dem Kasten, weiss das aber auch und ist nicht zimperlich dabei, das klar zu machen. So einen gewagten, frechen Aufsatz habe ich schon lange in keinem Programmheft mehr gelesen (so hält er die Bärenreiterausgabe der zweiten Fassung für „Müll“). BTW: Ich fand den Aufsatz und sein Dirigat genial! Zwar spielte das BSO mit vielen Patzern (hallo Horn!), aber sehr musikalisch.
Zur Urfassung: Ich werde Fidelio nur noch in dieser Fassung hören. Mit der dritten und üblichen habe ich mich nie anfreunden können, wenn man die Urfassung hört merkt man auch, dass Beethoven in der dritten Fassung meistens einfach ein Best-Off der einzelnen Nummern macht und viel Interessantes rausgeschnitten hat.
Jedenfalls war das mein bestes Live-Opernerlebnis seit ich Opern höre (also etwa seit 6 Jahren). Falls jemand in nächster Zeit in der CH sein sollte und nicht ins teure OHZ will, so kann ich ihm diesen Fidelio empfehlen, der noch bis Januar läuft.
Hier noch die Seite des Konzerttheaters: http://www.konzerttheaterbern.ch/musiktheater/
LG :hello ar
nikolaus (16.09.2012, 20:52): Original von ar
Die Leonore ist in dieser Fassung wohl noch dreimal schwerer als sonst, vor allem weil man in der Urfassung keine andere Wahl hat, als einen dramatischen Koloratursopran zu nehmen (Komm Hoffnung ist besonders im schnellen Teil voll von Koloraturen). Miriam Clark bewältigt diese Aufgabe bravourös! Beim Quartett „Mir ist so wunderbar“ sass die Stimme zwar noch arg hinten, das änderte sich aber ab dem „Gut, Söhnchen gut“ Terzett. Übrigens: „Oh namenlose Freude“ für den Sopran hier noch höher. Anyway, wirklich die Starleistung des Abends!
Erstaunlich, Miriam Clark hat mich in Bonn als Lakmé begeistert. Auch wenn die Urfassungs-Leonore - wie du schreibst - mit Koloraturen gespickt ist, scheint es mir doch ein anderes Fach zu sein. Das spricht für eine wirklich phämomenale Sängerin!
Nikolaus.
ar (16.09.2012, 21:00): Ich war auch äusserst skeptisch, hat sie noch vor einem Jahr selbst die Leonore, vorläufig, ausgeschlossen.
stiffelio (16.09.2012, 21:48): Lieber Rideamus,
hm, ich merke immer mehr, dass ich wohl wirklich einem Ende der Skala angehöre, deren anderes Ende kürzlich von Fides hier vertreten wurde. Natürlich ist es auch mir lieber, wenn hinreißend gespielt UND gesungen wird, aber wenn ich das nicht haben kann, vertrage ich offenbar überdurchschnittlich viel an sängerischen Einbußen. Freilich muss ich zugeben, dass ich bisher außer beim ersten kompletten Anhören den ersten Teil der Florestan-Arie immer übersprungen habe :ignore. Ab "und spür ich nicht..." geht es dann wieder einigermaßen, zumal ich in meiner Fantasie dann zumindest die Kurzatmigkeit Villars dem Delirium Florestans zuschreiben kann :wink.
Und wie du schon schreibst, gibt es auf der musikalischen Seite ja auch einige Pluspunkte, nicht zuletzt das Dirigat von Rattle, das mir immer besser gefällt. Ich bin jedenfalls für meine Person sehr froh, dass diese Aufführung "für die Ewigkeit" festgehalten wurde, denn um diesen FIDELIO wäre es mir doch arg leid, Villars hin oder her.
Aber was mich noch interessieren würde: welche "Alternativen" meinst du denn? Konkret: welche FIDELIO-DVD ist denn im Gesamtpaket nun wirklich dein aktueller Favorit?
VG, stiffelio
Rideamus (17.09.2012, 12:03): Liebe stiffelio,
ich glaube, hier behandelst Du etwas als einen Gegensatz, das eigentlich eine Dichotomie ist, also zwei untrennbare Seiten derselben Medaille. Deine starke Vorliebe für die DVD gegenüber dem reinen Audioerlebnis Schallplatte weist ja schon darauf hin, dass Du eher von der Liebe zum Drama her zu kommen scheinst und die Musik eher als Steigerung denn als Ausgangspunkt des Dramas empfindest. So verlief ja wohl auch die Entwicklung der Oper, denn in der Antike war das musikalische Element wohl primär zur Verstärkung - zunächst der Verständlichkeit, dann graduell auch der Emotionen - gedacht.
Heute aber kann ich das nicht mehr trennen. Ein Sänger, der nur gut singen, aber nicht spielen kann, ist für mich wie ein Maler, der seine Technik perfekt beherrwscht, aber nichts zu sagen hat. Umgekehrt gilt das natürlich auch, und den Fall haben wir bei Villars und, wenn auch längst nicht so extrem, auch bei Denoke. Was hilft mir die glaubhafteste Dratsellung, wenn ich dauernd befürchten muss, dass mich jeden besonders unpassenden Moment ein erneuter Misston aus dem Geschehen reißt?
Der erste Akt dieserAufführung ist ja auch hervorragend, sieht man mal von dem problematischen Verzicht auf die Dialoge ab, und das nicht nur wegen der überzeugenden Inszenierung und Darstellungen, sondern auch wegen musikalischen Beiträge von Rattle, Banse, Polgar und Alan Held (mindestens). Leider hört die Oper aber da nicht auf, und danach gefällt mir der Gesamteindruck der Zusammenwirkung von Darstellung und Musik sowohl bei Bernstein als auch bei Dohnanyi in den von Dir vorgestellten Aufnahmen doch besser.
Meinem idealen FIDELIO kommt aber bezeichnenderweise wieder einmal eine reine Tonaufnahme am nächsten, nämlich die gewaltige von Otto Klemperer mit Christa Ludwig und Jon Vickers.
:hello Rideamus
stiffelio (17.09.2012, 18:07): Lieber Rideamus,
Deine starke Vorliebe für die DVD gegenüber dem reinen Audioerlebnis Schallplatte weist ja schon darauf hin, dass Du eher von der Liebe zum Drama her zu kommen scheinst und die Musik eher als Steigerung denn als Ausgangspunkt des Dramas empfindest. da könntest du recht haben. Das Verrückte dabei ist, dass ich mit dem reinen Sprechtheater nie etwas anfangen konnte, jedenfalls nicht auf der Bühne. Ich mag Sprechdramen nur in der literarischen Form, also das reine Leseerlebnis (das allerdings bei einigen Dramen sehr!). Vermutlich macht mir erst die Musik das "Gekünstelte" auf der Bühne emotional zugänglich.
VG, stiffelio
stiffelio (17.09.2012, 18:14): Hallo ar,
ups, eben erst habe ich gemerkt, dass meine gestrige Antwort an dich offenbar im Nirwana des Internets verschwunden ist. Also nochmal von vorne:
Original von ar Zur Urfassung: Ich werde Fidelio nur noch in dieser Fassung hören. Mit der dritten und üblichen habe ich mich nie anfreunden können, wenn man die Urfassung hört merkt man auch, dass Beethoven in der dritten Fassung meistens einfach ein Best-Off der einzelnen Nummern macht und viel Interessantes rausgeschnitten hat.
Jedenfalls war das mein bestes Live-Opernerlebnis seit ich Opern höre (also etwa seit 6 Jahren). Falls jemand in nächster Zeit in der CH sein sollte und nicht ins teure OHZ will, so kann ich ihm diesen Fidelio empfehlen, der noch bis Januar läuft.
Ich werde wohl in der nächsten Zeit leider kaum in die Schweiz kommen. Meines Wissens ist die einzige FIDELIO-DVD, die zumindest Elemente der Urfassung aufgreift, diese Inszenierung mit Claudia Iten und Ronald Samm:
Kennst du die und könntest du sie empfehlen? Oder kennst du eine andere Aufnahme der Urfassung mit Bild?
VG, stiffelio
ar (18.09.2012, 19:05): Liebe Stiffelio Ich kenne leider weder diese DVD, noch andere DVDs der Urfassung. In Bern wird vielleicht das PublicViewing eingeführt, das wäre natürlich eine gute Chance für den Fidelio, den auf die Scheibe zu brennen.
ar (20.09.2012, 09:28): BTW: Ich hoffe, das ist nicht falsch rübergekommen, aber Miriam Clark ist nicht eine typische Leonore, sondern eher eine leise, innige. Aber das geht perfekt auf! Jedenfalls in einem kleinen Haus wie Bern.
ar (23.09.2012, 10:58): Gestern war ich wieder im Fidelio und meine Eindrücke haben sich noch einmal verstärkt. Die Urfassung ist zwar länger und sperriger, aber auch besser. Gerade der erste Akt (in der Urfassung auf zwei aufgeteilt) wird stark aufgewertet. Die Sänger wiederholten alle in etwa ihre Leistungen vom letzten Mal. Miriam Clark war stimmlich nicht ganz auf der Höhe, kam aber dank einer starken Technik und Darstellung doch problemlos durch den Abend. Robin Adams schien gestern Abend keine Probleme mit der Partie zu haben (er drückte bedeutend weniger auf die Stimme), auch wenn ihm ein hoher Ton im Piano wegbrach (live kann das jedem Mal passieren). Das Orchester spielte die ersten zwei Akte wundervoll, im dritten Akt häuften sich dann wieder die Hornpatzer. Freue mich auf die nächsten Vorstellungen im Oktober (mit einer anderen Leonore, Clark übernimmt erst wieder Anfang November).
stiffelio (23.09.2012, 23:14): Hallo ar,
ich habe mal geschaut, aber keinen Hinweis auf ein bevorstehendes Public Viewing gefunden. Wenn sich das ändern sollte, wäre ich dir für eine Nachricht dankbar.
VG, stiffelio
ar (24.09.2012, 11:17): Der Vorschlag kommt auch von den Mitte-Rechtsparteien, welche jetzt kurz vor den Wahlen noch panisch Stimmen suchen... Ich glaube auch nicht daran, dass es zustande kommen wird.
stiffelio (10.11.2012, 11:07): Hallo an Alle, ich komme erst jetzt dazu, euch kurz von einer Fidelio-Aufführung in Kassel zu berichten, die ich am 13.10. besucht habe. Die Inszenierung von Elmar Gehlen hat mir in großen Teilen recht gut gefallen: Dieser FIDELIO spielt in einem modernen Gefängnis, ohne ihn dadurch allzu stark zu verfremden. Es ergaben sich durch die Modernisierung ein paar nette "Hingucker" ohne besonderen Tiefgang, z.B. bekommt Pizarro die Inspektion des Ministers nicht per Brief, sondern per Handy angekündigt. (Allerdings wurde seine Ankunft dann doch klassisch mit Trompetensignal angekündigt, obwohl dann natürlich ein entsprechender Handy-Klingelton logischer gewesen wäre :J) Pizarro hatte zur Ermordung Florestans keinen Dolch, sondern eine Pistole dabei, die Leonore mit Roccos Dienstwaffe parierte. Es waren auch einige tiefsinnigere Ideen dabei, z.B. waren die Gefangenen bei dem Freigang nicht ausschließlich ein Herz und eine Seele, sondern es gab durchaus Aggressionen zwischen ihnen. Außer in der Gefängnisszene hielten sich die handelnden Personen überwiegend in einem kleinen, als Kontrollzentrale gestaltetem Raum in der Mitte der Bühne auf, dadurch ergab sich über weite Strecken der Charakter eines Kammerspiels. Unter dieser Zentrale befand sich Florestans Gitterzelle, die für den zweiten Akt nach oben gefahren wurde - auch hier also die Aktion auf engstem Raum. Der Schlusschor bietet in einer modernen Inszenierung aus meiner Sicht einige Vermittlungsschwierigkeiten, die hier recht eindrucksvoll gelöst wurden: auf die Hinterwand der Bühne wurden zunächst ziehende Wolken vor blauem Himmel projiziert, die sich dann in die Außenfront eines Gefängnis wandelten, im nächsten Schritt durch langsame Überblndungen in einen Palast umformten, der dann wegbröckelte und wieder den Blick auf den Wolkenhimmel freigab. Ds war stimungsvoller, als ich es beschreiben kann. Ganz kurz vor Schluss, in den letzten Takten eine Überraschung: es wurde bei abgedunkelter Bühne nochmal die Szene hergestellt, in der Leonore und Pizarro vor dem Trompetensignal mit den Pistole aufeinander zielten. Nach dem Schlusston fiel dann ein einzelner Schuss und die Bühne wurde wieder dunkel. Es blieb offen, wer da auf wen geschossen hatte und mit welchem Effekt.Obwohl das natürlich zum Nachdenken anregte, passte diese Szene in meinem Empfinden schlecht zum Rest der Oper und ich interpretiere sie am ehesten als Angst des Regisseurs vor der eigenen Courage - er wollte diesen FIDELIO einfach nicht zu harmonisch enden lassen.
Zu den Sängern: das Kasseler Staatstheater hat ja nun wahrlich keine große Bühne, aber die einzige, die meinem Eindruck nach die stimmlichen Ressourcen für ein größeres Haus gehabt hätte, war Kelly Cae Hogan in der Titelrolle. Sie hatte aber leider auch in den (glücklicherweise stark gekürzten) Sprechszenen einen amerikanischen Akzent, den man mit dem Messerrücken hätte durchschneiden können. Johannes An schaffte es als Florestan nur knapp, den Saal zu füllen und hat darüber hinaus für meinen Geschmack auch einfach keine schöne Stimme. Nina Bernsteiner als Marzelline, Gideon Poppe als Jaquino, Krzysztof Borysiewicz als Rocco und Marc-Olivier Oetterli als Don Fernando boten ordentliches Mittelmaß. Die Stimme von Espen Fegran war leider für die Rolle des Don Pizarro um einige Nummern zu klein. Obwohl man ihn in seiner Arie sehr geschickt direkt an der Rampe positioniert hatte, drohte jede etwas lautere Orchesterstelle seinen Gesang komplett zuzudecken, obwohl in den Ensembleszenen seine Sängerkollegen noch problemlos hörbar waren. Gerade in der Rolle des Don Pizarro war das natürlich doppelt peinlich.
Aber bereits in der Ouvertüre wurde deutlich, wer sich als die eigentliche Hauptperson dieser Oper empfand: es war der junge Dirigent Yoel Gamzou, der durch ständige unvermutete und für mein Empfinden extreme Tempischwankungen auffiel. Bemerkenswert, dass er es dennoch schaffte, Orchestermusiker und Sänger zumindest einigermaßen beeinander zu halten und es nur ein paarmal, vorzugsweise in den Chorszenen, deutlich wackelte. Noch bemerkenswerter, dass die Sänger trotzdem nicht nur gebannt am Taktstock hingen. Sie müssen diese Tempiwechsel wie wild geprobt haben, denn ich hätte es unter diesen Umständen nicht gewagt, den Dirigenten auch nur für eine halbe Sekunde aus den Augen zu lassen. Positiv, dass man dadurch ständig aus seinen Hörgewohnheiten gerissen und gezwungen wurden, diese Oper einmal ganz anders zu hören. Und doch überwogen für mich die negativen Seiten, denn wenn man keine zwei Textzeilen hinter sich bringen kann, ohne dass das Tempo mindestens einmal um den Faktor 2 schwankt, drängt sich mir der Eindruck auf, dass hier ein Effekt (zumindest auch) um des Effektes willen gesucht wurde und es nicht mehr (ausschließlich) um gefühlte musikalische Notwendigkeiten ging. An dem leidenschaftlichen Ensatz von Gamzou bestand kein Zweifel, aber ich würde mir wünschen, dass er seine Ideen etwas weniger exzessiv auslebt.
Unterm Strich habe ich es nicht bereut, diese Aufführung besucht zu haben, aber nach einem zweiten Mal hatte ich auch kein Verlangen.
VG, stiffelio
stiffelio (17.11.2013, 14:05): Hallo Ihr Lieben,
ein Tipp an alle Fidelio-Freunde: momentan gibt es den FIDELIO aus Salzburg, über den in diesem Thread schon ausgiebig diskutiert wurde, unter "http://www.youtube.com/watch?v=hTVKwgRT2ck" auf YT. Wer ihn sich mal anschauen möchte, sollte die Gelegenheit ergreifen, denn eine DVD davon gibt es meines Wissens weiterhin nicht. Trotz der problematischen Gesangsleistung von Villars als Florestan spielt er nach wie vor weit oben auf meiner Beliebtheitsskala mit.
VG, stiffelio
stiffelio (19.11.2013, 20:10): ...und ZACK - schon wieder weg. :B Schade!
Giovanna (20.11.2013, 00:36): gelöscht
stiffelio (24.07.2014, 21:55): Hallo Ihr Lieben,
die sommerlichen Temperaturen der letzten Tage haben mich auf die Idee gebracht, den FIDELIO-Thread wieder aufzunehmen. Ich greife erstmal auf ein paar Entwürfe zurück die ich schon 2012 vorbereitet hatte. Dem leider inzwischen hier nicht mehr aktiven Karolus Minus verdanke ich die Hinweise auf die beiden folgenden Filme:
Leonore - Christa Ludwig Florestan - James King Don Pizarro - Walter Berry Rocco - Josef Greindl Marzelline - Lisa Otto Jaquino - Martin Vantin Don Fernando - William Dooley Dirigent: Artur Rother Inszenierung: Gustav Rudolf Sellner
Dies ist die 2012 erschienene Veröffentlichung des 50 Jahre-DOB-Jubiläums Fidelio von 1962. Es ist keine abgefilmte Aufführung sondern eine Aufzeichnung fürs Fernsehen, die 1963 abgeschlossen wurde. Ich stimme Karolus zu, dass sie weder bombastisch noch kitschig daher kommt. Er hat aber auch bereits szenisch auf das Produktionsjahr 1963 verwiesen und da liegt für mich in der Tat ein Knackpunkt begraben: eine gewisse Steifheit und Altertümlichkeit in der Szenerie ist einfach nicht zu leugnen. In der Beschreibung wird darauf verwiesen, dass dieser Fidelio durch die allererste Aufführung an der DOB 1912 - ebenfalls ein Fidelio - inspiriert wurde. Wenn es sich dabei auch um eine szenische Inspiration gehandelt haben sollte, würde das einiges erklären, denn dann wäre die Szenerie ja sogar schon über 100 Jahre alt. Die Hauptdarsteller werden stimmlich von kompetenten Kritikern immer wieder als überragend beschrieben, besonders die Leonore von Christa Ludwig. Es mag u.a. an meiner ziemlich schlichten häuslichen Tontechnikausstattung und dem fehlenden Raumeindruck liegen, dass ich das in den meisten Szenen nicht so recht nachvollziehen konnte. Beeindruckend war freilich, wie mühelos sie die Tücken der Leonoren-Arie meistert. James King wird sicher nie mein Lieblings-Florestan werden, ohne dass ich das schlüssig erklären könnte. Ein bisschen stört mich sein Akzent, aber das allein kann es eigentlich nicht sein. Um nicht falsch verstanden zu werden: ich habe an den Stimmen nichts Wichtiges auszusetzen, sie begeistern mich eben nur nicht so stark, dass das die Szenerie ausgleichen könnte.
VG, stiffelio
stiffelio (24.07.2014, 22:12):
Leonore - Gwyneth Jones Florestan - James King Rocco - Josef Greindl Don Pizarro - Gustav Neidlinger Marzelline - Olivera Miljakovic Jaquino - Donald Grobe Don Fernando - Martti Talvela 1. Gefangener - Barry McDaniel 2. Gefangener - Manfred Röhrl Dirigent: Karl Böhm Inszenierung: Gustav Rudolf Sellner DOB, 1970
Auch diese DVD habe ich letztlich Karolus Hinweis zu verdanken. Von youtube kannte ich schon die Leonore- und die Florestan-Arie, die mich zunächst nicht soo begeistert hatten. Wie erwähnt ist James King als Florestan einfach nicht mein Fall, ohne dass das ein Qualitätsurteil über seine Stimme sein soll. Deshalb hatte ich mir diese Studio-Verfilmung erst relativ spät zugelegt, aber habe es nicht bereut. Die Kameraführung nutzt die filmischen Möglichkeiten intelligent, wenn mir die Nahaufnahmen auch oft zu nah geraten sind (und das, obwohl ich eigentlich ein Nahaufnahmen-Fetischist bin). Aber hier wurde eine überdurchschnittlich lebendige Darstellung erreicht, die ich für das Entstehungsjahr bemerkenswert finde. Hat Sellner evtl. seine Jubiläums-Inszenierung selbst als etwas steif empfunden und wollte mit diesem Film ganz neue Wege gehen? Gustav Neidlinger war für mich ein ganz neuer Pizarro - zum ersten Mal bei aller Bosheit mit Charme und Verführungskunst. Die Darstellung beim Beginn und Schluss des Finales reicht in ihrer Lebendigkeit fast an die Bernstein-DVD heran. Stimmlich spüre ich schon, dass hier die allererste Sängerriege aufgeboten wurde und das bis in die Nebenrollen hinein: z.B. Donald Grobe als Jaquino hat mich auf ganzer Linie begeistert. Und auch hier umschiffen sämtliche Hauptrollen die Klippen in der Partitur wesentlich müheloser als auf der Bernstein-DVD. Die ganz großen Emotionen erreichen sie trotzdem nicht, obwohl sie oft bemerkenswert nahe herankommen. Aber z.B. Josef Greindl als Rocco hat zwar einen viel klangvolleren Bass als Jungwirth, vermag in seiner schlichten, kernigen Darstellung mir aber nicht dessen Seelenkämpfe zu vermitteln. Und Neidinger als Pizarro nehme ich zwar jede Grausamkeit ab, wenn er sie nötig hat, aber tobend vor Wut ("Ihr wisst ja wie er tobet und kennet seine Wut") kann ich ihn mir nicht vorstellen. Auch als Rocco den Mord ablehnt, lässt er kaum Ärger nach außen erkennen. Jones und King spielen und singen beeindruckend, aber mir fehlt die letzte Expressivität von Janowitz und Kollo. Dennoch ist dieser Film für mich die beste der verfügbaren Studio-Filmumsetzungen (also nicht abgefilmten Bühnen-Aufführungen) des FIDELIO.
Alfred Walker Dirigent: James Levine Inszenierung: Jürgen Flimm MET, 2002
In dieser Inszenierung wurde der FIDELIO in die USA des 20. Jh. verlegt und kräftig ironisiert, so dass aus meiner Sicht trotz mancher ernsthafter Momente immer wieder Anklänge an eine Opera buffa entstehen. Ich musste erst eine gute Portion augenzwinkernden Abstand zur Handlung zusammensammeln, bevor ich diese Fassung goutieren konnte. Es hat schon etwas Slapstick, wenn Florestan zum "und ist nicht mein Grab mir erhellet" eine Leuchtstoffröhre anknipst und im magazinähnlichen Verlies trotzdem noch über herumliegenden Krempel stolpert. Fehlt nur noch, dass er zum "und spür ich nicht linde, sanft säuselnde Luft" einen Ventilator anschaltet. Pape ist für dieses Inszenierungskonzept mit Hornbrille, Anzug und ständig leicht linkischen Bewegungen der ideale Rocco, wenn er sogar beim "Wie?" auf Pizarros Mordauftrag in subtil-komischer Übertreibung zur Salzsäule erstarrt. Bei Frau Mattila musste ich mir erst kurz die Augen reiben - sie wurde vom Kostümbildner überzeugend in einen echten "american boy" mit Schirmmütze verwandelt. Mir war bis dahin auch gar nicht klar, wie hochgewachsen Frau Mattila ist. Die erste Leonore, die Marzelline überzeugend für einen jungen Mann halten kann. Freilich auch die erste, deren Personenführung für mich andeutet, dass sie Marzelline durchaus bewusst umworben haben könnte, um ihre Ziele zu erreichen. Flimm verwirklicht hier schon eine Menge Regieideen, die er später in seinen Züricher FIDELIO (trotz völlig anderem Grundtenor) übernommen hat: die aufgestellte Zisternentür als Trennwand zwischen Leonore und Florestan, als sie ihm das Brot anbietet, Florestans Flucht vor Pizarro, als dieser ihn mit dem Tod bedroht, Leonores angedrohter Genickschuss bei Pizarro statt der üblichen frontalen Konfrontation, die verstörte Marzelline im Finale, als sie erfährt, dass ihr Fidelio eine Frau ist. Trotzdem muss man Flimm eine große Fantasie zugestehen, denn über mangelnde Detailfreude kann man sich in dieser Inszenierung wirklich nicht beklagen. Gerade vor dem Hintergrund, dass man Heppner beim besten Willen nicht mehr als einen Gefangenen verkaufen kann, der dem Hungertode nahe ist, gewinnt das Brot hier eine ganz neue Bedeutung: Heppner teilt es in drei Teile, bricht ein Stückchen vom dritten Teil ab und schlägt damit ein Kreuz, bevor er es isst. Wer da nicht an das Abendsmahlbrot denkt... Ein sehr berührender Regiemoment entsteht, als Rocco Florestan in die Zisternengrube drängt, wo Pizarro ihn erstechen will. Florestan wehrt sich dabei kaum, sieht nur Rocco am Schluß voll in die Augen - und dieser erstarrt für einige Augenblicke in Erkenntnis seiner Mittäterschaft, bevor er hilflos-schuldabwehrend die Hände hebt. Für mich der stärkste Augenblick der ganzen Aufführung, der auch völlig ohne Ironie auskommt. Beim Bild des Finales musste ich kräftig durchatmen: die Gefangenenmenge wird überragt von einem Stahlgerüst, auf dem Soldaten ein Bronze-Reiterstandbild flankieren. Der Reiter trägt eine moderne Uniform, ist aber in der Pose des Marc Aurel-Standbilds in Rom gestaltet. Ich war schon recht erleichtert, als der echte Minister dann wenigstens nicht zu Pferd, sondern zu Fuß in einem Maßanzug erschien. Mittlerweise kann ich diese DVD als interessante Erfahrung schätzen und Langeweile kommt hier keinesfalls auf, aber ein weniger dick aufgetragener, dafür ernsthafterer FIDELIO ist mir trotzdem lieber. Stimmlich ist hier bis in die Nebenrollen hinein wieder mal eine überragende Sängerriege versammelt und auch an Levines Dirigat habe ich nichts Wichtiges auszusetzen.
Leonore - Waltraud Meier Florestan - Peter Seiffert Don Pizarro - Juha Uusitalo Rocco - Matti Salminen Marzelline - Ildiko Raimondi Jaquino - Rainer Trost Don Fernando - Carsten Stabell Dirigent: Zubin Metha Inszenierung: Pierluigi Pier'Alli Orquestra de la Comunitat Valenciana Liveaufnahme aus dem Palau de les Artes "Reine Sofia" 2006
Diese Aufnahme hat als Fernsehausstrahlung Ende 2009 meine Opernliebe wieder erweckt. Dennoch ordne ich sie heute ein ganzes Stück hinter der Bernstein- DVD ein. Ob es am Dirigent, an der Tontechnik oder an der Akustik der riesigen Bühne liegt: generell ist mir der Ton zu hallig. Zubin Metha dirigiert mir an vielen Stellen, z.B. im Eingangsduett von Marzelline und Jaquino etwas zu gedehnt. Da aber andererseits in vielen Ensembleszenen, z.B. im berühmten Quartett "Mir ist so wunderbar" die Stimmen zu einem Klangbrei verschwimmen und ich in den Chorstellen manches Mal den Eindruck hatte, dass alle Mitwirkenden arg kämpfen mussten, um beieinander zu bleiben, könnte es tatsächlich die hallige Raumakustik sein, die ein relativ langsames Tempo erzwungen hat. Das (relativ konservative) Inszenierungskonzept ist mir zu steif und stilisiert. Was Rampensingen betrifft, schlägt diese Aufführung manch Jahrzehnte ältere Aufnahme aus dem Feld. Wenn ich im Finale den Chor schon wie bei einem Oratorium in Reih und Glied aufgestellt sehe, wende ich mich mit Grausen ab :ignore. Von den Solisten hat es am schlimmsten Pizarro getroffen, der kaum je eine natürliche Regung zeigt. Die Singstimme von Juha Uusitalo ist in Ordnung, aber in den Sprechszenen stört sein finnischer Akzent. Großen Respekt in dieser Hinsicht für Matti Salminen, an dem ich in dieser Aufführung keinen Hauch von Akzent bemerkt habe. Insgesamt hat sich die Inszenierung m.E. zu sehr auf die 3D-Videoprojektionen im 2. Akt verlassen, die ich zwar beeindruckend finde, die mir aber eine lebhaftere Personenführung nicht ersetzen.
Das einzige, wovon ich restlos begeistert bin, ist die sängerische Leistung der beiden Hauptrollen. Peter Seiffert ist ein grandioser Florestan, dem man höchstens vorwerfen könnte, dass er für einen jahrelangen Gefangenen zu kraftvoll singt. Waltraud Meier ist meine Lieblings-Leonore, ihre große Arie singt sie noch toller und ausdrucksvoller als Gundula Janowitz. Ihre relativ dunkle Stimmfarbe ist zwar ungewohnt für diese Rolle, hat mich aber von Anfang bis Ende fasziniert. Überhaupt sind die Sänger alle sehr gut bei Stimme, auch Rainer Trost als Jaquino und Ildiko Raimondi als Marzelline haben mir sehr gut gefallen. Ebenso wie Seiffert und Meier bemühen sie sich auch um eine engagierte Darstellerleistung, soweit die Inszenierung das zulässt. Ich hatte aber ständig den Eindruck, dass das der Eigenarbeit der Sänger geschuldet war und nicht auf die Inszenierung zurückgeht. Wenn selbst Vollblutdarsteller wie Meier und Seiffert teilweise unnatürlich wirken, kann irgend etwas nicht stimmen. Selbst beim Duett "O namenlose Freude" dauert es ewig bis sie es wagen, sich wenigstens die Hände zu reichen.
VG, stiffelio
Giovanna (27.07.2014, 14:09): Hallo Stiffelio,
die von Dir vorgestellte Fidelio-Aufführung von 2006 kam vor ca. einem Jahr mal im Fernsehen.
Was Rampensingen betrifft, schlägt diese Aufführung manch Jahrzehnte ältere Aufnahme aus dem Feld Aus diesem Grund habe ich dann nach dem ersten Akt zumindest gedanklich abgeschaltet.
Gestern habe ich nach längerer Pause mal wieder die DVD von der Inszenierung aus Zürich von 2004 herausgeholt und mit Deiner Beurteilung verglichen:
Darstellerisch am besten gefällt mir nach wie vor Laszlo Polgar als Rocco, der nicht nur über einen wundervoll weichen Bass sondern auch eine beeindruckende Sprechstimme verfügt und diese zusammen mit seiner oft minimalen, aber intensiven Darstellung ausdrucksstark einsetzen kann.
Ja, ich finde seine Stimme auch unglaublich angenehm. Deshalb (aber nicht nur) habe ich mich dann beim CD-Kauf auch für diese CD entschieden und diesen Kauf auch noch nie bereut. http://ecx.images-amazon.com/images/I/51yTBLr6CZL._SP160,160,0,T_.jpg
Auch Alfred Muff muss ich zugestehen, dass mir seine Pizarro-Darstellung zwar nicht sonderlich gefällt, dass er aber immerhin einen - ziemlich schmierigen, sadistischen - Charakter darstellt
Darstellerisch gefällt mir Muff schon ziemlich gut, genau weil er so schmierig rüberkommt. Gesanglich finde ich ihn allerdings nicht so toll - für meinen Geschmack schreit er zu sehr. Gerade das schmierig-gefährliche käme durch etwas leisere Töne besser zur Geltung. Einen inszenatorisch besonders gelungenen Moment finde ich übrigens am Ende von "Euch werde Lohn in bessren Welten": bei den letzten Tönen öffnet sich der Vorhang noch ein Stück und dahinter steht bereits Pizarro und zwar in einer Haltung in der erkennbar ist, dass er nicht gerade eben erst gekommen ist - irgendwie finde ich das immer beklemmend.
Bei Marzelline ist Flimm für meinen Geschmack etwas zu weit gegangen, als er sie im ersten Duett eine Pistole auf Jaquino richten lässt Auch Jaquino scheint recht gern mit Waffen zu hantieren: bei Pizarros Wutausbruch nach dem Gefangenenchor scheint er kein Problem damit zu haben, Rocco mit dem Gewehr zu bedrohen (möchte er ihn an einer Flucht hindern?) und später nach dem Erscheinen des Ministers im Gegenzug Pizarro auf die selbe Weise zu Fernando "eskortiert". Als dann Pizarro versucht zu flüchten, scheint er auch nicht lange zu überlegen, sodern erschießt ihn.
Bei Jonas Kaufmann als Florestan ist mir auch dieses apathische Verhalten aufgefallen - mich hat das allerdings nicht so sehr gestört (mit Ausnahme des Dialogs, in dem er Rocco um Wasser anbettelt; das hätte ich mir auch etwas eindringlicher vorgestellt, aber vielleicht ist das auch nur mein Problem, weil ich mit der Sprechstimme von Jonas Kaufmann nicht so viel anfangen kann.). Ich denke schon, dass dies eine Traumatisierung darstellen soll, aber da kommt ja auch die unglaubliche körperliche Schwäche dazu. Im ersten Akt bestätigt Rocco ja auch, dass Florestan bald an Hunger sterben wird. Daher finde ich auch das langsame Tempo bei "O namenlose Freude" nicht als störend - im Gegenteil, es gefällt mir sogar. Mir kommt das Duett sonst oftmals irgendwie gehetzt vor, obwohl mir schon klar ist, dass auch durch dieses Tempo eben die überschwängliche Freude ausgedrückt werden soll. Durch das langsamere Tempo wirkt das Ganze auf mich dafür inniger. Bei der oben genannten CD dirigiert ja auch Nikolaus Harnoncourt, auch dort hat er für das Duett ein deutlich langsameres Tempo gewählt als andere Dirigenten, aber trotzdem schneller als auf der DVD. Das Tempo auf der CD finde ich perfekt.
Auch kostümmäßig hat es Florestan m.E. am schlimmsten vom Team getroffen: diesen Glanzanzug empfände ich als passend für einen Popsänger, aber spätestens nach einer Woche Kerkerhaft sähe der garantiert nicht mehr so aus. Und auch bei dem Unterhemdchen mit dem roten Kreuz schüttelt es mich - zwar kann sich jeder nicht völlig Beschränkte vorstellen, was das Kreuz symbolisieren soll, aber es bleibt für mich sinnleer. Pizarro hat doch ursprünglich keineswegs vor, Florestan zu erstechen und dass wer-auch-immer Florestan dieses Hemd nach seinem Entschluss angezogen haben soll, ist doch eine hirnrissige Vorstellung. Da bin ich völlig Deiner Meinung, der braun-grünlich schimmernde Glanzanzug und dieses rote Kreuz auf dem Unterhemdchen ist scheußlich und lächerlich. Auch sonst finde ich die Kostüme nicht sonderlich gelungen - am ehesten noch bei Pizarro, wo der Lackanzug das Schmierige noch hervorhebt bzw. diesen Eindruch dadurch erst hervorruft. Was ich auch nicht gut gemacht finde, ist das "Kaschieren" bei den Perücken. Bei den Gefangenen hat es mich nicht so sehr gestört (so in der gewollten Bedeutung "da muss man sich ja nicht solche Mühe geben - es sind ja Gefangene"), aber auch bei Pizarro und Leonore sind die Perückenansätze gelegentlich überdeutlich zu sehen. Das hätte man wahrscheinlich schon besser überschminken können. Vielleicht hat das aber auch eine Bedeutung, die ich einfach nicht verstanden habe...)
Gesanglich gefällt mir die Aufführung im Großen und Ganzen recht gut, allerdings ziehe ich hier die o.g. CD vor.
Stiffelio, ich habe vorhin noch deine Vorstellung der DVD mit Janowitz und Kollo unter Bernstein gelesen und deine Begeisterung hat mich dazu gebracht, mir diese DVD auch zu bestellen. Ich bin schon mal darauf gespannt.
Viele Grüße Giovanna
stiffelio (27.07.2014, 15:46): Hallo Giovanna,
schön, dass du mit dabei bist! :)
Wenn du von Valencia 2006 zumindest den ersten Akt gesehen hast, kannst du dich noch erinnern, wie dir die Leonoren-Arie von Frau Meier gefallen hat?
Ich habe mal in ein paar Klangbeispiele deiner bevorzugten CD hineingehört und Frau Margiono scheint ja auch eine eher dunkle Stimmfärbung zu haben. Wer/was gefällt dir denn auf der CD noch besonders gut außer Polgar? Harnoncourts Dirigat? Seifferts Florestan? Noch etwas anders?
Ich werde heute nachmittag die Züricher DVD einlegen und mich dann evtl. wieder melden :wink. An Pizarros Auftritt im Kerker kann ich mich noch erinnern und stimme dir zu, dass der geschickt beklemmend gemacht ist. Um die Apathie von Kaufmann mit rein körperlicher Schwäche - sozusagen kurz vor dem Ableben - zu erklären, ist mir dann seine Flucht vor Pizarro etwas zu schnell. Jaquinos "Waffenaffinität" und seine Bedrohung von Rocco nach dem Gefangenenchor ist übrigens noch ein Detail, das Flimm schon in seinem MET-Fidelio verwendet hatte.
Ich bin auch schon gespannt, wie dir der Bernstein-Fidelio gefallen wird und freue mich auf deinen Bericht :D.
VG, stiffelio
Giovanna (27.07.2014, 16:48): Hallo Stiffelio,
was mir speziell an der CD besonders gut gefällt, kann ich so konkret gar nicht sagen - es ist wohl das "Gesamtpaket". Aber weil Du Peter Seiffert als Florestan angesprochen hast - ich finde ihn auf der CD ausgezeichnet! :times10 Auch Harnoncourts Dirigat finde ich wirklich gut, obwohl ich zugeben muss, dass ich nicht zu denjenigen gehöre, die spezielle Feinheiten heraushören. Aber gerade die Wahl der Tempi ist nach meinem Geschmack gut getroffen. Zudem gefallen mir Barbara Bonney als Marzelline und Charlotte Margiono als Leonore auch ziemlich gut, lediglich Sergei Leiferkus als Pizarro finde ich nicht ganz so toll, aber ganz gewiss auch nicht schlecht. Der einzige Wermutstropfen ist, dass die Leonoren-Ouvertüre III, die ich ehrlich gesagt noch lieber mag, als die vierte, nicht mit drauf ist. Die Dialoge sind relativ kurz gehalten, aber doch so, dass die Handlung verständlich bleibt.
Erinnern konnte ich mich an die von Dir angesprochene Leonoren-Arie nicht, ich hab sie mir aber gerade nochmals auf YT angeschaut - :down :down
Vorhin hab ich noch die Salzburger Inszenierung überflogen - die Szene, in der Pizarro Rocco zum Mord anstiften will, ist der Hammer! Rocco, der sich bis dahin wirklich wie ein Scherge verhält, wird sich erst beim Mordauftrag dieser Ungeheuerlichkeit bewusst. Das finde ich hervorragend gespielt. Sonst hat mir die Inszenierung recht gut gefallen. Die Idee mit der Zwangsjacke hat du schon angesprochen, aber noch besser fand ich die Idee, die Gefangenen durch die übergezogenen Strümpfe zu einer gesichtslosen Menge zu machen, in der Leonore Florestan vergeblich sucht. Erst zum Schluss nach ihrer Befreiung erhalten sie ihr Gesicht und ihre Persönlichkeit zurück. Die gestrichenen Dialoge fand ich schauspielerisch sehr gut überbrückt, aber wenn ich den Text nicht kennen würde, hätte ich wahrscheinlich schon ein paar Schwierigkeiten, der Handlung sofort zu folgen.
Viele Grüße Giovanna
nikolaus (27.07.2014, 20:17): Wei's gerade passt:
Beim Verbier Festival wurde gestern Fidelio konzertant gegeben unter der Leitung von Marc Minkowski. Die Ouvertüre fand ich vielversprechend…
Hier noch zu sehen!
Nikolaus.
stiffelio (27.07.2014, 20:53): Hallo nikolaus,
danke für den Link, ich habe gerade reingeschaut. Musikalisch wirklich sehr schön, aber Fidelio konzertant geht bei mir leider gar nicht, noch weniger als bei anderen Opern (Parsifal und Alzira hab ich mal konzertant geschafft, aber sonst muss es bei mir mindestens halbszenisch sein).
VG, stiffelio
stiffelio (27.07.2014, 21:26): Hallo Giovanna,
so, der Züricher Fidelio ist verklungen und ich merke, dass er mir doch zunehmend besser gefällt. Vielleicht bin ich ein bisschen offener gegenüber Inszenierungen geworden, die nicht sofort den Nerv bei mir treffen. Aber ich habe doch den Eindruck, dass diese Inszenierung und die der WSO unter Bernstein dicht an den entgegengesetzten Enden einer Skala zwischen Naturalismus und Surrealismus/Symbolismus liegen. Bin echt gespannt, wie WSO auf jemanden wirkt, der mit Zürich angefangen hat...
Ich hab dann noch ein paar Fragen zur Züricher Inszenierung zusammen gesamelt - sie sind mir nicht extrem wichtig, aber mich würde doch interessieren, ob du zu irgendeiner eine gute Deutungsidee hast: Als erstes hat mich der weiße schräge Strich auf dem blauen Bühnenhintergrund im 1. Akt beschäftigt. Hast du dazu eine Idee, was das sein soll? Ich denke am ehesten an eine Rakete, die in den Äther aufsteigt, aber darauf kann ich mir keinen Reim machen. Wieso fängt Fidelio so eifrig und unterwürfig die Geldscheine und später die Papierstreifen auf, die Rocco verstreut in der Goldarie verstreut? O.k., das Geld ist für den Hausstand von Fidelio und Marzelline, aber wofür stehen die Paperstreifen? Was hat es zu bedeuten, dass von den Hauptfiguren nur Fidelio, Pizarro, Fernando und angedeutet Jaquino Rokkoko-Perücken tragen, Marzelline, Rocco und Florestan dagegen nicht? Auf der anderen Seite sind nur Fidelio und Rocco stark theatergeschminkt, Marzelline und Jaquino weniger, Pizarro und Florestan gar nicht. Überhaupt habe ich den Sinn des allgegenwärtigen Stilmischmaschs in Kostümen und Requisiten nicht durchschaut. Und hast du eine Idee, warum Pizarro gegen Ende seiner Rache-Arie einen Kreis mit dem Dolch um sich zieht?
Eine Szene gefällt mir noch inzenatorisch besonders gut: als Rocco beginnt, das Grab auszuheben und Leonore sich anschickt, ihn heimlich rücklings niederzuschlagen und es dann doch nicht fertigbringt. Da hat Frau Nylund die Zerrissenheit von Leonore zwischen Entschlossenheit und Skrupel sehr gut rübergebracht.
Tempi sind m.E. oft eine Gratwanderung zwischen Lebhaftigkeit/Schwung und dem Herausarbeiten von Feinheiten - und damit auch eine Sache von persönlichen Vorlieben. Manche langsamen Tempi von Harnoncourt gefallen mir inzwischen besser, z.B. im Quartett "mir ist so wunderbar" gefällt es mir sehr gut. Auch im 2. Akte merke ich schon, dass ich durch die langsamen Tempi mehr heraushöre als bei Bernstein. Aber es reißt mich eben nicht mit. Mittlerweile stört es mich in der Szene mit Pizarro ("durchbohren musst du erst diese Brust") noch mehr als im anschließenden Duett. Ein Gefühl, als ob man auf der Autobahn versucht, mit angezogener Handbremse zu fahren. Ich kann aber nachvollziehen, dass du es anders herum empfindest.
VG, stiffelio
stiffelio (07.08.2014, 20:23):
Leonore - Claudia Iten Florestan - Ronald Samm Don Pizarro - Tomasz Konieczny Rocco - Wolfgang Bankl Marzelline - Bernarda Bobro Jaquino - Alexander Kaimbacher Don Fernando - Thomas Unbedingt Erster Gefangener - Johannes Thausing Zweiter Gefangener - Jörg Espenkott Dirigent: Martin Haselböck Inszenierung: Michael Sturminger Orchester Wiener Akademie (auf Originalinstrumenten)
derzeit komplett unter "https://www.youtube.com/watch?v=GeFsw_rj7Yk"
Diese Aufzeichnung ist insofern etwas Besonderes, als es die einzige kommerziell verfügbare ist, die Elemente der Urfassung 1805 und der Überarbeitung von 1806 aufgreift. Das geht schon gleich am Anfang los: sie beginnt mit Marzellines Arie "O wär ich schon mit dir vereint", gefolgt von dem Duett Jaquino/Marzellino, das in der Endfassung am Anfang steht ("Jetzt Schätzchen, jetzt sind wir allein"). Dann kommt ein Terzett Rocco/Jaquino/Marzelline, das es in der Endfassung nicht gibt, und schließlich das berühmte Quartett "Mir ist so wunderbar". Der Aufbau ist also verändert in Arie-Duett-Terzett-Quartett. Danach wird der erste Akt ab Roccos Goldarie im Großen und Ganzen so weitergespielt, wie man ihn aus der Endfassung kennt. Melodieführung und Text sind manchmal leicht verändert, am deutlichsten sind mir Melodieabweichungen in Marzellines Arie aufgefallen. Der Text der Goldarie ist in der ersten Strophe leicht, in der zweiten komplett komplett verändert, aber von Sinn her dennoch ziemlich ähnlich. Der zweite Akt verläuft bis zum "Es schlägt der Rache Stunde" musikalisch wie gewohnt (allerdings inszenatorisch insofern verändert, als Leorore bereits beim "Töt erst sein Weib" zur Pistole greift und es Pizarro unmittelbar vor dem Trompetensignal gelingt, sie zu entwaffnen. Rocco schlägt dann beim Abgang von Pizarro Leonore nieder - zumindest Letzteres ist meines Wissens Urfassungs-gemäß). Es folgt dann ein Duett Florestan/Leonore, das in der Endfassung gestrichen wurde "Ich kann mich noch nicht fassen, zu denken wag ich's kaum. Sie hat mich nicht verlassen. Oh nein, es war kein Traum. Sie war's, sie ist's - dort sank sie hin" Das anschließende Duett "o namenlose Freude" findet also unter Bedingungen statt, in denen die Rettung noch keineswegs sicher ist. Leonore ist durch diesen veränderten Ablauf wesentlich weniger heroisch und wesentlich mehr schutzbedürftiges Weib, die Rettungstat des Ministers wird gegenüber der von Leonore gewichtiger. Es folgt ein weiteres unbekanntes Duett mit Chor (Chor im Hintergrund: "Zur Rache!" Leonore: "O Gott, nun ist's um uns geschehen"), in dem Leonore und Florestan die Racherufe von draußen fälschlich auf sich beziehen und beschließen, gemeinsam dem Tod entgegenzugehen. Der Minister kommt mit allem Gefolge herein und klärt die Sachlage auf, Jaquino wirbt erneut um Marzelline und Rocco wirft Pizarro sein Bestechungsgeld vor die Füße ("der Fluch der Hölle liegt darauf") - alles zu Musik, die in der Endfassung unbekannt ist. Dafür entfällt alles von "Heil sei dem Tag" bis zu Roccos "nur euer Kommen rief ihn fort". Erst mit "Bestrafet sei der Bösewicht" geht die Oper wie gewohnt weiter (Pizarro wird in dieser Inszenierung unmittelbar nach seinem Abgang erschossen). Der Text des Ministers lautet allerdings leicht verändert: "Du grubst des edlen Mannes Grab (statt: Du schlossest auf des Edlen Grab), jetzt nimm ihm seine Fesseln ab". Die Oper endet auch im Gefängnis von Florestan, nicht unter freiem Himmel.
Es ist eine Außenaufnahme aus der Burgarena Reinsberg (Reinsberger Musikfestspiele), so dass gerade der Orchesterklang nicht mit Aufnahmen aus einem Opernhaus oder einem Studio vergleichbar ist. Es wurden historische Instrumente und vermutlich auch eine historische Besetzung verwendet. Die Pauke und auch die Kontrabässe sind leider kaum zu hören. Martin Haselböck dirigiert so flott, als müsse er die Zeit wieder hereinholen, die durch die zusätzlichen Nummern im 1. Akt verbraucht wurde. Das wird nicht jedem gefallen, für mich war es gerade noch erträglich, da sich der 1. Akt sonst arg gestreckt hätte. Auch dank gekürzter Sprechszenen dauert er inkl. 9minütiger Ouvertüre auf diese Weise 1h 8min, die gesamte Oper aufgrund der Kürzungen im 2. Akt nur 1h 53 min. Die Singstimmen und die schauspielerische Leistung finde ich solide (was insbesondere bei Leonore und Florestan schon eine ganze Menge ist, Samm als Florestan und auch Konieczny als Pizarro singen freilich nicht akzentfrei), aber ohne besondere Glanzlichter. Konienczny gestaltet den Pizarro an sich gut und seine raue Stimme hat auch Bösewicht-Charakter, aber mir persönlich ist eine dunklere Stimmfarbe für den Pizarro lieber. Die Inszenierung von Michael Sturminger ist in die Gegenwart verlegt, das ist ein modernes Gefängnis mit modern gekleideten Menschen (oder nahe Vergangenheit - das Wandtelefon hat noch eine Wählscheibe). Trotzdem sollte sie keinem weh tun, weil sie die Aussage der Oper nicht verändert, freilich auch keine überragend neuen Erkenntnisse hinzufügt. Die veränderten Nuancen kommen wie oben beschrieben, vor allem durch die Annährung an die Urfassung zustande.
VG, stiffelio
stiffelio (08.08.2014, 14:33):
Leonore - Elisabeth Söderström Rocco - Curt Appelgren Marzelline - Elizabeth Gale Don Pizarro - Robert Allman Florestan - Anton de Ridder Jaquino - Ian Caley Don Fernando - Michael Langdon The Glyndebourne Chorus The London Philharmonic Orchestra Leitung: Bernard Haitink Regie: Peter Hall 1979, Glyndebourne Festival Opera
derzeit komplett unter "https://www.youtube.com/watch?v=8WWQW6yi3ko"
Für meinen Geschmack eine solide, aber in keiner Weise besonders herausragende Fidelio-Produktion, außer dass überdurchschnittlich viel vom Librettotext gesprochen wird. Sie weist nicht über das Entstehungsjahr hinaus: naturalistische Ausstattung und immer wieder wird nicht gespielt, sondern frontal ins Publikum gesungen. In der ersten Pizarro-Arie gelingt die Tonabstimmung zwischen Gesang- und Orchesterlautstärke nur mangelhaft (ich weiß nicht, ob das in der restaurierten Fassung von Arthaus oben rechts besser ist).
Immerhin war diese DVD eine der ersten, die mir vermittelt hat, dass eine Inszenierungskonzept, in dem nichts Vorhandenes (nur Fehlendes) stört, doch zuwenig ist. Allerdings gibt es ein ungewöhnliches Regiedetail noch am Schluss: Leonore trägt ihre Pistole während des ganzen Finales weiterhin bei sich, entweder in der Hand oder unter den Arm geklemmt. Erst bei den letzten Schlusstakten nimmt Florestan sie ihr ab - und klemmt sie hinter seinen Hosenbund. Ich hoffe sehr, dass das nicht so platt gedacht ist, dass Florestan jetzt nach seiner Befreiung umgehend die Befehlsgewalt im "Hause Florestan" wieder an sich nimmt und für Leonore nur die Rolle der folgsamen Gattin übrigbleibt, aber etwas anderes ist mir dazu nicht eingefallen.
VG, stiffelio
stiffelio (08.08.2014, 20:42): Hallo Giovanna, Original von Giovanna Vorhin hab ich noch die Salzburger Inszenierung überflogen - die Szene, in der Pizarro Rocco zum Mord anstiften will, ist der Hammer! Rocco, der sich bis dahin wirklich wie ein Scherge verhält, wird sich erst beim Mordauftrag dieser Ungeheuerlichkeit bewusst. Das finde ich hervorragend gespielt. Das ist exakt die Stelle, die ich von dieser Aufführung als erstes auf YT gefunden hatte (unter https://www.youtube.com/watch?v=riMLji5YQbE ) - und dann hatte ich natürlich keine Ruhe, bis ich einen privaten Mitschnitt von der ganzen Aufführung ergattert hatte. :wink
Sonst hat mir die Inszenierung recht gut gefallen. Die Idee mit der Zwangsjacke hat du schon angesprochen, aber noch besser fand ich die Idee, die Gefangenen durch die übergezogenen Strümpfe zu einer gesichtslosen Menge zu machen, in der Leonore Florestan vergeblich sucht. Erst zum Schluss nach ihrer Befreiung erhalten sie ihr Gesicht und ihre Persönlichkeit zurück. Dieser "Persönlichkeitsverlust" wird ja gerade in modernen Fidelio-Inszenierungen sehr gerne verfolgt (in Zürich durch die Nummern auf der Stirn), aber selten so gekonnt und beeindruckend wie hier. Mir gefällt auch sehr gut, wie die Gefangenen am Ende des Chors grüppchenweise in kummervollen starren Posen verharren - wie Barlach-Statuen. Auch, wie sie bei Pizarros Wutausbruch auseinanderflüchten, nachdem sie sich zuerst zu einem angstvollen Klumpen zusammengeballt hatten. Und da du Pizarros Auftritt im Kerker angesprochen hattest - dieser ist hier auch sehr beklemmend gemacht, findest du nicht? Wie Pizarro langsam die Treppe herabkommt und von Florestan zuerst gar nicht wahrgenommen wird und wie er nach dem "sieh her" blitzschnell seinen Mantel abwirft. O.k., Zürich hat vielleicht mit weniger Aufwand auf subtile Weise noch mehr Wirkung erzielt, aber überdurchschnittlich gut finde ich das hier in Salzburg immer noch.
gestern ist das antiquarische Buch von Willy Hess "Beethovens Oper Fidelio und ihre drei Fassungen" (1953) bei mir angekommen, das im Anhang die Libretti von 1805 und 1806 enthält. Beim Überfliegen habe ich schon einige interessante Entdeckungen gemacht:
1. Florestans Ausruf, als er den Gouverneuer der Festung erfährt: "Pizarro? Dessen Verbrechen ich zu entdecken wagte!" habe ich immer für einen WSO-spezifischen Zusatz gehalten, weil er im Libretto von 1814 nicht vorkommt, tatsächlich ist er aber (mit ausführlicheren Ergänzungen) in den Libretti 1805/6 enthalten.
2. Selbst die DVD aus Reinsberg hält sich am Ende der Konfrontationsszene im Kerker nicht exakt an die Urfassung: Leonore wird nicht von Pizarro entwaffnet, sondern von Rocco, unmittelbar bevor dieser den Kerker nach Pizarro verlässt. Er schlägt dazu Leonore aber nicht nieder, sondern entwindet ihr die Pistole, als sie sich hilfesuchend an ihn klammert. Als Leonore danach ihre Hilflosigkeit bewusst wird, wird sie kurze Zeit ohnmächtig (schon zum zweiten Mal im Kerker, das erste Mal als sie Florestan erkennt. Das ist echt noch 18./19. Jahrhundert - die Frauen wurden alle naselang ohnmächtig :J). Darauf bezieht sich Florestans anschließendes "Sie war's, sie ist's, dort sank sie hin", das ich oben schon erwähnt habe.
3. Insgesamt war mein Eindruck aus Reinsberg schon richtig, dass Leonore wesentlich weniger heroisch, mehr schutzbedürftig dargestellt wird. Das "Abscheulicher, wo eilst du hin" vor ihrer großen Arie entfällt, es wird dafür an mehreren Stellen betont, wie unangenehm es Leonore ist, Marzelline zu täuschen. Leonore wird mehr von ihrem Gefühl, weniger von ihrem Verstand geleitet: Im Sprechtext vor ihrer großen Arie: "Ja, mein Mann lebt, er lebt in diesen Kerkern. Alles sagt es mir." Zweimal spricht sie im Schlaf ("Ich werd ihn entdecken", was von Marzelline belauscht wird und beinahe ihre Verkleidung gefährdet) bzw. in der Ohnmacht ("Gebt, ach gebt ihn mir. O helft ihn retten.") Wie oben geschildert, lässt sie sich von Rocco die Waffe entwinden und steht dadurch wie Florestan vor dem Finale völlig schutzlos dar. Es soll wohl zusätzlich die "Liebe bis zum Tod" der beiden zueinander betonen, dass sie beschließen, miteinander in den Tod zu gehen bzw. füreinander zu sterben (ist ja ein häufigeres Opernmotiv).
4. Die normalen Gefangenen dürfen täglich zum Rundgang in den Hof, Pizarro ist nicht über ihr Herauslassen, sondern lediglich über die Verzögerung des Grabens erbost. Rocco zeigt dadurch empfindlich weniger Zivilcourage als in der Endfassung. Dadurch, dass Leonore vor dem Finale waffenlos zurückbleiben soll, gerät er wieder arg in die Nähe des Bösen, was im Finale mühsam gerechfertigt werden muss ("Lasst euch auch über mich belehren, verfolgt hab ich euch nur zum Schein. Das hab ich mit Gewalt geborgt, für Mißbrauch war ich nur besorgt!")
5. Finale 1805: Pizarro wird nicht abgeführt, ihm wird von Fernando lebenslange Kerkerhaft angedroht, der Chor findet das zu milde aber Leonore und Florestan bitten für Pizarro. Fernando entscheidet abschließend: "der König wird sein Richter sein". Im Vergleich 1806: Pizarro wird nicht schon beim "bestrafet sei der Bösewicht" abgeführt, sondern erst nach dem "Gerecht, o Gott, ist dein Gericht. Du prüfest, du verläßt uns nicht" (Fernando: "Hinweg mit diesem Bösewicht"). Ansonsten bleibt sein Schicksal ebenso offen wie 1814.
Ingesamt war es sehr interessant zu sehen, wie sich die Hauptrollen über die verschiedenen Fassungen entwickelt haben. VG, stiffelio
Billy Budd (17.08.2014, 15:04): Liebe Stiffelio! Danke für die Infos ... ja, das ist schon interessant :) ; ich finde ja, daß hier Rocco der einzige einigermaßen interessante Charakter ist. Billy :hello
stiffelio (17.08.2014, 18:10): Lieber Billy, zumindest ist Rocco derjenige mit den meisten und offensichtlichsten Graustufen. Ehrlich gesagt hat mir die Charakter-Interpretation von Jungwirth auf der Bernstein-DVD bisher am besten gefallen. Wie er da erkennbar allen Mut zusammenrafft, als Pizarro im Finale des 1. Aktes auf ihn zustürmt, sein Mitleid mit Florestan beim "so sei's, du kannst es wagen", seine völlige Ratlosigkeit bei Leonores Outing - das ist wunderbar geschauspielert. Du hast ja mal geschrieben, in dem Schenk-Kulissen mache inzwischen jeder Sänger was er wolle. Kannst du aus der Erinnerung sagen, welche Interpretation dich da bisher am meisten überzeugt hat?
Ich finde freilich, dass auch die anderen Rollen noch mehr Grautöne bieten, als ihnen üblicherweise zugestanden wird, zumindest, wenn man einen mehr oder weniger üblich gekürzten Sprechtext nutzt. Z.B. Leonores Verhältnis zu Marzelline: nutzt sie Marzellines Zuneigung eiskalt aus oder wird sie von Skrupeln geplagt? Ist Jaquino nur der eifersüchtige, missgünstige Neider oder verbindet ihn sogar eine Art Kameradschaft mit Fidelio (Bernstein-Lesart)? Ist Marzelline nur "verknallt" in Fidelio oder geht ihre Liebe tiefer? Nutzt sie Fidelio evtl. auch als Mittel zum Zweck (ROH)? Pizarro und Florestan bieten vermutlich am wenigsten Grautöne, wenn man sich auch nur einigermaßen an das Libretto hält, dennoch können auch sie unterschiedlich, sogar gegensätzlich charakterisiert werden. Pizarro: subtil-elegant oder brutal-cholerisch? Florestan: vorwiegend aufbegehrend/aufbäumend (Paradebeispiel: Kollo) oder vorwiegend schicksalsergeben?
VG, stiffelio
Billy Budd (19.08.2014, 19:22): Liebe Stiffelio! Ja, in den alten Schenk-Kulissen macht mittlerweile jeder, was er will ... ich habe erst drei Roccos (Lars Woldt, Walter Fink und Matti Salminen) gehört, bei denen mich Fink am meisten, Salminen am wenigsten überzeugt hat, denn da (Dezember 2013) war er schon völlig ausgesungen. Ich weiß nicht, ob Du Fink kennst; in dem sehr kurzen Fidelio-Filmbeispiel der Staatsoper siehst Du ihn als Rocco (aufgenommen wurde das wahrscheinlich in denn späten 90er-Jahren). Ich liebe einfach seine Stimme und in einem Bericht von mir (gut, daß es die als Gedächtnisstütze für mich gibt :J ) steht auch was von einer "sehr intelligenten schauspielerischen Leistung", aber viel mehr weiß ich auch nicht ...
Hmmm, das sind interessante Fragen, die Du da aufwirfst ... ich hab mich ehrlich gesagt mit dem Inhalt dieser Oper nicht wirklich tiefgehend beschäftigt (Unrealistische Geschichte --> es lohnt nicht, sich damit zu beschäftigen ... Vorurteil! :wink ), und deshalb bin ich da kein Experte. :D
Ich vermut aber amal, daß Leonore Marzelline relativ egal ist, denn sie ist in dieses Gefängnis gekommen, um ihren Mann zu retten - der Rest kümmert sie deutlich weniger. Freilich ist ihr das Mädl, an das sie deutlich weniger Gedanken wie umgekehrt verschwendet, nicht unsympathisch, deshalb ist sie freundlich-abwartend und will ihm keine deutliche Abfuhr geben, um es nicht zu verletzen ... Jaquino ist natürlich auf den neuen, vom Kerkermeister geschätzten, Gehilfen voll eifersüchtig und will nicht so wirklich wahrhaben, was da vor sich geht (er scheint so ein unauffälliger "netter Typ" zu sein, der genau deswegen nicht an Marzelline herankommt). Hmmm ... da müßten wir erst diskutieren, was der Unterschied zwischen "verknallt" und "tieferer Liebe" ist. :D :cool
Das sind aber nur die Gedanken, die ich mir bis jetzt gemacht habe. Beethoven hat sich ja nicht deutlich festgelegt (meiner Einschätzung nach war ihm das auch nicht wichtig), wodurch viel Stoff für Diskussionen gegeben ist. :D Billy :hello
stiffelio (19.08.2014, 21:42): Lieber Billy,
nein, ich denke, ich habe Fink noch nicht bewusst auf irgendeiner Aufnahme erlebt (live sowieso nicht). In dem Link hört man ja praktisch nur sein "Nur hurtig fort, nur frisch gegraben, es währt nicht lang, er kommt herein". Ich meine aber, ein sehr tiefes Timbre zu erahnen, das mir auch sehr gut gefällt. Ganz von ferne erinnert es mich an Roberto Scandiuzzi, dessen Stimme ich sehr mag.
Es wundert mich immer ein bisschen, wenn der FIDELIO als unrealistisch bezeichnet wird. Immerhin können nicht viele Opern in Anspruch nehmen, auf eine wahre Geschichte zurückzugehen. Natürlich sind die Charaktere opernwirksam zugespitzt, aber ich finde, es gibt da eine ganze Menge Identifikationsfläche. Ich habe sogar mal die Auffassung gelesen, Personen, die die Story vom FIDELIO ablehnen würden, täten das in Wahrheit eher deshalb, weil sie ihnen ZU (unangenehm) realistisch sei :D.
Wie Beethoven die Beziehung Marzelline-Fidelio gesehen hat (zumindest wenn man annimmt, das er sich mit den Libretto identifiziert hat), ist in den alten Fassungen sehr eindeutig: Leonore ist es äußerst unangenehm, Marzelline zu täuschen (und sie ist sich dieser "Gemeinheit" sehr bewusst), nimmt es aber in Kauf, um Roccos Vertrauen zu gewinnen. Aus dem Sprechtext vor ihrer Arie: "Es ist mir äußerst peinlich, dass ich das gute Mädchen täuschen muss, aber Umstände zwingen mich und nur in diesem undurchdringlichen Schleier, in den ich mich schon so lange hülle, kann ich mein Unternehmen auszuführen hoffen". In der Schenk-Inszenierung ist zumindest auf der DVD gestisch noch eine Menge dieser Gefühle zu sehen. In den moderneren Aufführungen, die ich kenne, wird dagegen meist angedeutet, dass Leonore Marzelline bewusst umwirbt, um ihre Ziele zu erreichen und dabei wenig oder keine Skrupel erkennen lässt.
"Verknallt" (bzw. verliebt) versus tiefere Liebe: da sehe ich den Unterschied darin, dass die Verliebtheit sich am eigenen Gefühl berauscht und bestenfalls das Bild liebt, das man sich vom anderen gemacht hat, während tiefere Liebe sucht, den anderen möglichst gut zu verstehen und kennenzulernen und primär ihn glücklich zu machen. Zugespitzt: Verliebtheit sucht das eigene Glück, Liebe das Glück des anderen. So formuliert ist es natürlich eine fast rhetorische Frage, ob Marzelline in Fidelio verliebt ist oder ihn liebt ("wie glücklich will ich werden" :wink). Es bleibt aber wenigstens noch das Hintertürchen, dass Marzelline sich zu Fidelio eben deshalb hingezogen fühlt, weil sie unbewusst seine "frauliche" Empfindsamkeit verspürt und somit das "wahre Selbst" hinter der Maske erahnt.
VG, stiffelio
Billy Budd (21.08.2014, 16:45): Liebe Stiffelio! Ja, stimmt, Finks Stimme erinnert auch mich entfernt an Scandiuzzis. Auf Youtube finden sich übrigens ein paar Opern-Gesamtaufnahmen mit Bild mit ihm (unter anderem als Daland (mit Grundheber, Stemme und Kerl) und als Friedrich Engel (mit u.a. Wolfgang Koch)).
Hmmm, also ich finde ja nach wie vor, daß Fidelio eine ziemlich unrealistische Geschichte hat. :D (Rettung durch den Minister im genau richtigen Augenblick z.B.) Und die Aussage der Oper: Hoffnung auf Freiheit der Menschen ... naja. :wink Aber ich mag sie trotzdem. :cool
Das ist interessant; dieser Sprechtext wird ja meistens weggelassen, oder?
Naja, ich sehe das anders. :wink Marzelline ist eine Frau, und sie hat - wie alle Frauen - nicht den jeweiligen Mann als erstes Ziel, sondern eine Verbesserung ihres eigenen Lebens durch diesen Mann. Also ist es ganz natürlich, daß sie singt, wie glücklich sie werden will. Vielleicht ist Marzelline aber auch einfach lesbisch und findet Leonore deswegen so toll. :cool Ich glaube aber gar nicht, daß man die Grenze zwischen "verknallt" und "tief verliebt" definieren kann, und wenn schon, dann nicht so klar. Billy :hello
stiffelio (21.08.2014, 19:41): Lieber Billy Budd,
ich habe gemerkt, dass ich Walter Fink doch von mindestens einer DVD kenne und zwar als Kardinal in "La Juive". Gibt's übrigens auch auf YT.
In der Endfassung von 1814 ist der Minister für die Rettung gar nicht mehr zwingend notwendig. Die Rettung geschieht durch Leonore, der Minister sorgt lediglich dafür, dass sie in einem rechtlich korrekten Rahmen ablaufen kann. Was die Aussage der Oper betrifft: die begreife ich als die Vision, auf die hingearbeitet werden soll. Ein Anspruch, an dem wir uns messen lassen müssen, keine rosarote Wolke zum Ausruhen. Wie Martin Luther Kings "I have a dream".
Vom Sprechtext wird zwar meistens sowieso viel weggelassen, aber der zitierte Sprechtext von Leonore über Marzelline findet sich auch nur in den Fassungen 1805/1806, nicht mehr in der von 1814, die ja in aller Regel gespielt wird.
Marzelline ist eine Frau, und sie hat - wie alle Frauen - nicht den jeweiligen Mann als erstes Ziel, sondern eine Verbesserung ihres eigenen Lebens durch diesen Mann. Ähm...wie ernst meinst du das?? Insbesondere das "wie alle Frauen"? Du hast doch schon in dieser Oper das erste Gegenbeispiel in Leonore (Jetzt kannst du natürlich einwenden, Marzelline sei eine realistische Frau, Leonore eine unrealistische, aber meinst du nicht, dass du es dir damit ein bisschen arg einfach machen würdest?).
VG, stiffelio
Billy Budd (23.08.2014, 00:13): Liebe Stiffelio! Wir sind hier zwar total off topic (er hat keinen eigenen Thread, sonst könnten wir dorthin ausweichen), aber wie hat er Dir hier gefallen? (Interessiert mich sehr, denn er ist mein Lieblingssänger. :D )
Stimmt, aber der Minister ist dafür verantwortlich, daß Pizarro bestraft wird und die restlichen Gefangenen befreit werden. Also nicht sooo unwichtig. :wink
Ja, man kann die Oper auch als Vision begreifen, und mir gefällt diese Interpretation auch. :) Allerdings ist das leider (!) nicht realistisch (da braucht man nur schauen, was sich derzeit in der Ukraine abspielt!) ... anderseits: Wer sagt schon, daß Oper immer realistisch sein muß? :cool
Das habe ich ganz ernst gemeint. :) Aber um Mißverständnissen vorzubeugen: Natürlich sind Männer und Frauen vollkommen gleichwertig (also nicht besser oder schlechter), aber eben nicht gleich. Und einer der Unterschiede ist, daß Männer eben die Frau an sich als Ziel haben, während Frauen hier anders denken. Ich meine das auch gar nicht sexistisch oder so, sondern so ist es einfach. :) Aber ich wollte damit keine Diskussion über dieses Thema anstoßen, sondern nur einen Erklärungsversuch für Marzellines "Wie glücklich will ich werden!" liefern. :beer (Und wir wissen nicht, was Leonore an Florestan toll findet. :cool ) Billy :hello
stiffelio (23.08.2014, 15:02): Lieber Billy, Fink hat mir in "la juive" gut gefallen, hat mich allerdings nicht so fasziniert, dass ich ihn mir gemerkt hätte. Aber diesen letzten Schuss Faszination halte ich sowieso für irrational.
Wie gesagt: der Minister sorgt für den rechtlich korrekten Rahmen, eine kommunistische Variante des Fidelio würde vielleicht so enden, dass Leonore Pizarro erschießt, sich mit Rocco verbündet und eine Gefangenenrevolte anzettelt. Das Erreichen einer Vision ist natürlich nie realistisch. Aber daran zu arbeiten, ihr näherzukommen, ist realistisch und m.E. der Anspruch des FIDELIO.
Die Diskussion über die Unterschiede Mann-Frau (die ich übrigens auch sehe und dich schon richtig verstanden hatte, dass du daraus keine Wertung ableiten wolltest, dennoch würde ich deine Quintessenz bestreiten) können wir bei Bedarf gerne woanders führen (Plauderecke?) und ich stimme dir zu, dass wir sie an dieser Stelle nur anreißen sollten, soweit es für den FIDELIO notwendig ist. Und Erklärungsversuch Marzelline hin oder her, es gibt in dieser Oper zwei grundverschiedene Entwürfe über "partnerschaftliche Gefühle" (ich vermeide bewusst das Wort Liebe), die von Frauen ausgehen: Marzellines "wie glücklich will ich werden " und Leonores "O du, für den ich alles trug". Und dieser Unterschied ist es, den ich meinte.
VG, stiffelio
Billy Budd (25.08.2014, 23:33): Liebe Stiffelio! Das kann ich sehr gut verstehen, es gibt schließlich fast niemanden, der Fink auch ebenso wie ich schätzt. :wink Trotzdem ist er mein Lieblingssänger. :cool Ok, jetzt ich kann Dich bestens verstehen. :beer (Ich glaube nur, daß in der Realität Marzellines Gefühl deutlich öfter vorkommt.) Billy :hello
stiffelio (31.08.2014, 10:05):
Don Fernando - Kreimir Straanac Don Pizarro - Lucio Gallo Florestan - Roberto Saccà Leonore - Melanie Diener Rocco - Alfred Muff Marzelline - Sandra Trattnigg Jaquino - Christoph Strehl Erster Gefangener - Boguslaw Bidzin'ski Zweiter Gefangener - Morgan Moody Dirigent: Bernard Haitink Regie: Katharina Thalbach Opernhaus Zürich, 2008
Zum vorläufigen Abschluss hier die am wenigsten geschätzte meiner Fidelio-DVDs. Vordergründig ist sie eher weniger modernisiert als einige andere der hier besprochenen. Marzelline rubbelt hier noch eigenhändig die Wäsche übers Waschbrett, aber bereits in der Eingangsszene wird mein Problem mit dieser Inszenierung deutlich: Es ist symptomatisch, dass sowohl beim Klopfen an der Tür als auch bei Marzellines "Nein, nein" die bereits in der Musik enthaltene Botschaft durch Geräusche (überflüssig) verstärkt wird. In die gleiche Kategorie gehört ein tropfendes Geräusch in der Kerkerarie von Florestan, dessen Kleider übertrieben zerfetzt sind. Er hat auch große offene Wunden an Armen an Beinen, ohne dass klar ist, wie diese zustande gekommen sind. Die Inszenierung empfinde ich dadurch als "holzhammerartig". Es wird ausgiebig gespielt, aber auf mich wirkt es überwiegend aufgesetzt, nicht echt, vor allem, sobald die "Singspielebene" der ersten Szenen verlassen wird. Pizarro erscheint in Mafioso-Aufmachung (und hat auch mit dem deutschen Text hörbar Mühe). Die Stimmen der Hauptrollen sind durchweg ein ganzes Stück von dem entfernt, was ich solide nennen würde. Pizarros und Florestans Singen empfinde ich als maniriert. Das Dirigat ist eher auf der langsamen Seite, mir kam es durchweg schleppend vor. Diese Aufzeichnung hat mich ungewöhnlich deutlich spüren lassen, wie schwer es sein kann, einen überzeugenden Charakter auf die Bühne zu stellen. Es reicht nicht, ein Kostüm anzuziehen und etwas zu spielen, da muss offenbar noch mehr hinzukommen, was ich jetzt gar nicht definieren kann.
VG, stiffelio
Wooster (31.08.2014, 22:25): Bin leider mit den älteren Fassungen (außer Ouverturen) nicht vertraut, aber die Arie der Marzelline in der Standardfassung deutet m.E. darauf hin, dass es ihr (verständlicherweise) in ihrem Provinzgefängnis zu eng ist. Und Jaquino steht für genau diesen Muff, Fidelio dagegen für etwas neues, vielleicht gar die "große weite Welt". Ich habe die schnelle Verliebtheit daher immer in diesem Sinne gedeutet: Sie will da raus und projiziert das auf den fremden jungen Mann.
(Mein geheimer Verdacht ist ja, dass manch typischer Opernfan Fidelio nicht so recht mag, weil die Musik zu gut (oder zu dominant) ist :ignore )
stiffelio (01.09.2014, 20:30): Ui, super, ein weiterer Fidelio-Mitdiskutant! :leb
Hallo Wooster,
das ist 100%ig die Lesart von Dresen in der ROH Inszenierung 1991. Marzelline in ihrem (geänderten) Sprechtext über Jaquino: "Aufseher! In einem Gefängnis! Das ist selbst so gut wie lebenslang gefangen. Da ist Fidelio freilich etwas Besseres." Sonnleithner hat das als Ur-Librettist allerdings offenbar anders gesehen: Aus Marzellines Sprechtext in den Fassungen 1805/06 vor ihrer Arie in Vorfreude auf ihre Hochzeit: "Wir wollen uns unser kleines Hauswesen so hübsch einrichten, so hübsch! Fidelio bleibt Schlüsselträger und hat die Anwartschaft auf meines Vaters Dienst und ich, ich wasche für die armen Gefangenen. Da wird es immer vollauf zu verdienen geben. Ach, wäre diese Zeit schon da." Da will Marzelline also überhaupt nicht aus dem Gefängnismuff raus. Aber genau das meinte ich, als ich oben schrieb, dass nicht nur Rocco Interpretationsspielraum bietet, zumindest wenn man sich nicht allzu streng an den (Ur-)Librettotext hält.
Was meinst du mit "Musik zu gut"? Zu sinfonisch, zu wenig Gesangslinie? VG, stiffelio
stiffelio (13.12.2014, 20:20): aus dem Oper in TV-SammelThread, Seite 11
Fazit: Dieser Fidelio hat mir auf jeden Fall Lust gemacht, mich noch ein bisschen mehr mit dieser Oper, deren 100%ig in allen Details glaubwürdige Inszenierung m.E. eine extrem schwere Aufgabe ist, auseinanderzusetzen! LG, Rotkäppchen
Hallo Rotkäppchen, deinem Fazit kann ich nur zustimmen. Beethoven spannt eben einen extrem weiten Bogen von der Singspielebene über die dramatische Ebene bis hin zum oratorienhaften Finale. Dementsprechend wird das Finale eben auch oft als Oratorien-Standbild inszeniert. Die WSO-DVD unter Bernstein ist aus meiner Sicht nach wie vor die einzige, die da einen mich 100%ig überzeugenden Spagat hingekriegt hat. Wenn du Lust auf Vergleiche hast, können wir gerne entweder in den Fidelio-Thread umziehen oder auch erstmal hier weitermachen. VG, stiffelio
Hallo Fidelio-Freunde,
der diesjährige Scala-Lohengrin (Besprechung ab hier) hat bei mir neu die Frage aufgeworfen, wieviel "Action" Beethovens Finale verträgt. Es hat musikalisch ja soviel Anspielungen auf den letzten Satz der 9. Sinfonie, dass es nahe liegt, es auch ähnlich zu "inszenieren", zumal die Handlung spätestens ab des Lösung der Ketten von Florestan kaum noch aktive Handlung enthält und ein Regisseur entsprechend viel Fantasie entwickeln müsste. Andererseits ist FIDELIO nunmal eine Oper und hat damit m.E. auch ein gewisses Recht auf einen nicht nur musikalisch, sondern auch optisch überzeugenden Schluss.
Wie seht ihr das, welche Finale haben euch optisch überzeugt, welche weniger und warum?
VG, stiffelio
Rotkäppchen (15.12.2014, 22:19): Hallo zusammen,
ich möchte mal meinen Vergleich der Finallösungen des in den letzten Tagen hier im Forum diskutierten Scala-Fidelio-2014 mit dem Zürich-Fidelio von 2004, der ja schon hier von der stiffelio besprochen wurde, ins Rennen werfen.
Erstens finde ich es gar nicht so einfach, die Schlussszene losgelöst zu betrachten. Daher kurz mein Gesamteindruck: Spannend finde ich beide! Sängerisch gefallen mir fast alle Darsteller der Zürich-Version einen Tick besser, wobei ich nicht auf Details eingehen will, da es sich wirklich nur um Nuancen handelt, es eine Geschmacksfrage ist und da sich manche Darsteller eigentlich überhaupt nicht vergleichen lassen. Inszenatorisch gefällt mir die Scala-Version etwas besser und das gilt auch für das Finale. Wenn ich mich zwischen diesen beiden aber entscheiden müsste, würde ich wohl eine Münze werfen...
Oratorienhaft sind ja beide Finale nicht gerade, aber das Scala-Finale ist eindeutig fröhlicher und bewegter. Kritik kam hier in der vorangegangenen Diskussion z.B. auf, dass die Fröhlichkeit übertrieben war (finde ich nicht, kann es aber auch nicht stichhaltig entkräften) und dass die wichtige Rolle der Frauen, die ihre Männer sozusagen ans Licht führen, verwaschen wurde. Das lässt sich nicht wegdiskutieren, ist für mich aber kein k.o.-Kriterium. Der etwas im Unkonkreten gelassene revolutionäre Charakter und der Schneefall hatten auf mich eine positive emotionale Wirkung, auch wenn das vielleicht nicht alles durchintellektualisiert war. Schön fand ich, dass es viel versöhnliche Interaktionen zwischen den verschiedensten Personen gab und dass Florestan, dessen physisches Leiden ja in dieser Inszenierung ziemlich krass herausgearbeitet wurde, sich doch langsam zu erholen schien.
Das Finale des Züricher Fidelio bietet auch einiges an Aktion, verbreitet dabei aber für meinen Geschmack zuviel Bitterkeit: einerseits durch die Sebstmordabsicht Marzellines, aber auch durch das lieblose Verhalten von Jaquino (der ist mir in dieser Inszenierung sowieso ein Dorn im Auge gewesen, so unsympathisch, fast gruselig, wie der rüberkam, ist es kein Wunder, dass Marzelline ihn verschmäht). Ebenfalls gestört hat mich die lächerliche Kostümierung des Ministers, die nun wieder die eben angesprochene Bitterkeit ganz unbeabsichtigt konterkariert hat. Was Florestan angeht, sehe ich sein Schicksal aber nicht so pessimistisch. Dass er, während er im Kerker ist, einen fast autistischen Eindruck macht, habe ich zwar ebenfalls so empfunden, aber im Finale wirkt er doch recht vital und schließlich gibt es ja noch eine ganz ordentliche Umarmung mit Leonore, die für mich durchaus die Hoffnung ausdrückt, dass er sich erholen wird.
LG, Rk
stiffelio (15.12.2014, 22:29): Liebe Rotkäppchen,
vielen Dank für deinen detailierten Vergleich, auf den ich bestimmt noch eingehen werde. Da das aber eine längere Denkpause erfordert und ich gerade an einer Antwort an Schweizer bastele, entschuldige bitte, dass ich dich hinten anstelle.
VG, stiffelio
stiffelio (15.12.2014, 22:38): Original von Schweizer "Erwähnenswert ist auch die Tatsache, dass es vom Kerker ohne Pause respektive ohne Einschub einer weiteren Ouvertüre direkt ins Schlussbild weiterging. Ob das die Regie oder Barenboim angeregt, vorgeschlagen, durchgebracht hat, ist für mich unerheblich, immerhin eine diskussionswürdige Änderung zur üblichen Praxis" … Ich bin erstaunt, dass weder stiffelio noch sonst irgendwer BISHER auf diese markante, unübliche Änderung der Scala-Aufführung eingegangen ist !!! :I
Denn wenn nach dem dramatischen Kulminationspunkt im Kerker eine Ouvertüre - sozusagen - zur Beruhigung, zum Herabfahren des Emotionspegels gespielt wird, kann ich sehr gut mit einem oratorienhaften, praktisch konzertanten Schlussbild leben.
Der nahlose Übergang der Scala-Aufführung hat mE durchaus etwas für sich, man bleibt "dran" … nur - wie das Beispiel zeigt - ist es schwierig aus der spärlichen Rest-Handlung "etwas Schlaues" zu machen. Ansätze dazu waren vorhanden: a) das Pizarro erst noch freundlich, wie ein beflissener Untergebener beim Minister steht. b) dass er später auf der Flucht draussen abgeknallt wird. c) aber dann gibt der einige Minuten dauernde Schlussgesang einfach handlungsmässig nichts mehr her.
Die für mich auf Grund des Bühnenbildes und der Kostümierung des Chors nicht eben nachvollziehbaren "Freudenorgie" mit Helme/Hüte in die Luft werfen, mit Schals wedeln und ins Publikum winken "scheint in Sevilla einfach Mode zu sein", das erinnerte mich stark an den 4.Akt einer andern Oper vor der Arena (Ihr dürft 3mal raten an welches Werk ich denke ?) :haha Das wirkte auf mich wie eine Verlegenheitslösung, überzeugte mich nicht.
Gruss vom Schweizer
Lieber Schweizer,
dass ich auf deine Bemerkung der "fehlenden" Ouvertüre vor dem Finale nicht eingegangen bin, sollte keine Missachtung sein, sondern hatte einen ganz schlichten Grund: Das war für mich nichts deutlich Ungewohntes. Iich habe in meinem Leben erst zwei Live-Aufführungen des FIDELIO gesehen, bei beiden kann ich mich nicht mehr zuverlässig erinnern, ob eine weitere Ouvertüre gespielt wurde. Mir ist der FIDELIO vor allem von meinen DVDs vertraut und da habe ich eben nochmal alle seit den 90er Jahren überprüft: Gespielt wird vor dem Finale in - London (ROH) 1991 keine Ouvertüre - MET 2002 keine Ouvertüre - Salzburg 2003 (Fernsehmitschnitt) keine Ouvertüre - Zürich 2004 keine Ouvertüre - Valencia 2006 die 3. Ouvertüre - (Reinsberg 2008 keine, gilt aber nicht wegen Anlehnung an die Urfassung) - Zürich 2010 die 3. Ouvertüre
Natürlich kann man diesen Ouvertüreneinschub "zur Abregung" machen, allerdings ist das ja von Beethoven nicht vorgesehen gewesen. Er war also offenbar der Meinung, dass das Finale auch unmittelbar nach der Kerkerszene funktionieren sollte.
Ich gebe dir recht, dass das Scala-Finalbild auf den ersten Blick irgendwann langatmig wirkte. Allerdings entdecke ich mit zunehmenden Durchgängen immer mehr sinnvolle Details, die allerdings von der Kameraführung nicht immer voll eingefangen wurden. Beispiel Marzelline: das sie nach dem verletzten Abwenden von Leonore ihren Jaquino knapp vor dem Schluss nochmal kurz küsst, bevor sie die Bühne verlässt, hat mich beim ersten Sehen nur irritiert, ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Inzwischen habe ich entdeckt, dass Jaquino in der Zwischenzeit sich immer wieder unauffällig um sie bemüht und ihr zu verstehen zu geben scheint, dass er weiterhin für sie da sein will. Marzelline ist hier noch längst nicht weit genug, darauf einzugehen, aber vor ihrem Abgang möchte sie Jaquino offenbar noch ein Dankeszeichen für seine Bemühungen geben. Das wahrt für mich die richtige Balance von phantasieanregender Andeutung ohne Holzhammer. Und seitdem ich bei der "Freudenorgie", den Schals, Mützen und Helmen an eine Bürgerrechtsbewegung denken kann, ist diese für mich auch zunehmend stimmiger. Das soll nicht überdecken, dass dieses Konzept auch Schwächen hat. Ein "konzertantes Schlussbild" (wie z.B. in Valencia) hat mich allerdings auch noch nie voll überzeugt.
Nichtsdestotrotz ganz herzlichen Dank für deine Stellungnahme "pro Oratorium", ich habe ja ausdrücklich um Meinungen dazu gebeten. :thanks
VG, stiffelio
stiffelio (16.12.2014, 22:05): Liebe Rotkäppchen,
ich kann inzwischen mit dem Züricher Fidelio um einiges besser leben als zu der Zeit, als ich meinen ersten Eindruck hier niedergeschrieben habe. Allerdings betrifft das vor allem den 1. Akt und den Anfang des 2. Aktes. Spätestens ab "o namenlose Freude" löst die Züricher Inszenierung bei mir vor allem Beklemmung aus - wie stark, habe ich erst nach der Scala-Inszenierung wieder so richtig gemerkt. Da ich das Gefühl habe, dass du dich darauf beziehst, zitiere ich mich mal selbst aus meiner letzten PN:
Eigentlich trifft auf Kaufmann genau das zu, was du über KFV an der Scala geschrieben hast: "ein halbtoter Gefangener, der mit der Welt und dem Leben abgeschlossen hat - keiner kann absehen, ob er sich jemals wieder erholt.", nur dass ich das auf neun Zehntel tot erweitern würde. Kaufmann wirkt auf mich zutiefst traumatisiert und auch nach der Befreiung nicht wirklich glücklich. Bei KFV habe ich das Gefühl, dass seine Erholung nur eine Frage der Zeit ist, während mich bei Kaufmann das ungute Gefühl beschleicht, dass Pizarro mit seinem Versuch der geistigen Zerrüttung von Florestan letztlich doch erfolgreich gewesen sein könnte.
Du hast recht, dass es immerhin drei dicke Umarmungen zwischen Leonore und Florestan gibt (plus eine kurze ganz am Schluss). Aber im Gegensatz zum Scala-Fidelio findet z.B. während des Singens von "o namenlose Freude" überhaupt kein Blickkontakt zwischen den beiden statt, sie starren fast schon angestrengt ins Leere. Dazu dieses ausgesprochen langsame Tempo. Beides zusammen wirkt auf mich sehr unnatürlich, während ich an der Scala den Eindruck natürlicher Scheu hatte. Aber vermutlich ist genau das der Punkt: das sollte in Zürich kein "natürlicher" Florestan werden, sondern genau die Innenansicht zeigen, die ich an der Scala ein wenig vemisst hatte. Insofern beruhigt es mich, dass du Florestan im Finale als wesentlich vitaler empfindest, als er bei mir rüberkommt - dann ist das wohl eher mein Problem als eine allgemein gültige Interpretation.
Ich habe auch beobachtet, dass sich meine Beklemmung verringert, wenn ich mir Zürich mehrfach hintereinander anschaue - man kann sich tatsächlich etwas einsehen. Man sollte vor allem von dieser Inszenierung die Schlussszene wohl wirklich besser nicht losgelöst betrachten. Das ändert allerdings nichts daran, dass ich nach dem Scala-Fidelio eine starke Motivation empfand, selbst etwas für das Gute in der Welt zu tun, während die durch Zürich ausgelöste Beklemmung mich bisher eher gelähmt und fatalistisch zurückgelassen hat. Ich denke, ersteres ist eher in Beethovens Sinne.
Stimmlich finde ich ebenfalls, dass Zürich (mit Abstrichen nur bei Pizarro) eine ganz außergewöhnlich hervorragende Leistung geboten hat. Und ja, auch ich bin der Ansicht, dass Kaufmann den Florestan stimmlich stärker gestaltet hat als KFV. Vielleicht kann ich Zürich irgendwann doch noch von A bis Z genießen, eine Annährung hat immerhin schon stattgefunden.
VG, stiffelio
Hosenrolle1 (17.12.2014, 07:46): Eure Diskussion finde ich sehr interessant!
Vor längerer Zeit hat mich der Fidelio auch einmal interessiert, wegen der Handlung.
Also habe ich mir eine Gesamtaufnahme auf Schallplatte gekauft (mit Gwyneth Jones in der Titelrolle) und sie mir angehört. Von der Ouvertüre war ich sehr angetan, insbesondere von diesem wundervollen Hornthema! Ein echter Ohrwurm, heldenhaft, ohne pathetisch oder aggressiv zu sein.
Und dann ging die Oper los, und da war schon etwas, was ich an so vielen anderen Opern nicht mag: Liebesduette. In diesem Fall nicht direkt eines, aber es geht da wohl um einen Mann, der um eine Frau wirbt. Für mich war das Thema noch NIE interessant, und so wartete ich geduldig, bis die Szene zu Ende war.
Ich wusste aber auch ohne dass ich die Synopsis vorher las, dass die beiden am Ende doch zusammenkommen, denn es darf ja nicht sein, dass der Jaquino (oder wie er heißt) nicht seinen Willen durchsetzen kann und ohne Frau dasteht! Welchen Zweck erfüllen diese beiden Figuren? Wie bringen sie die Handlung weiter? Warum sollte ich auch nur ein kleines bisschen Interesse an ihrem Schicksal haben?
Dann ging es auch schon los, aber leider vermochte mich die Musik zu keiner Zeit mitzureißen, keine Gesangslinie, die mir im Ohr geblieben wäre. Am Ende dann war ich überrascht, dass Fidelio/Leonore zwar als Retterin von Florestan dasteht, der "wirkliche" Retter aber am Ende doch wieder ein Mann ist.
Und bei solchen Sätzen wie "Wer ein holdes Weib errungen" dreht es mir sowieso den Magen um.
Nein, ich muss ehrlich sagen, dass ich da doch enttäuscht war. Es passiert zuwenig auf der Bühne, musikalisch fand ich es langweilig, gesanglich ebenfalls.
Und trotzdem hat es mir zumindest die Ouvertüre gebracht, die ich gern höre, und das Hornthema summe ich immer wieder mal gern nach :)
Aber: ich habe mir vor 3 oder 4 Jahren bei einem Online-Versandhandel einen Querschnitt der Oper auf Schallplatte gekauft, und zwar NUR wegen dem Cover, das mir so gut gefiel! Es zeigt die Schlüsselszene der Oper, ohne irgendwie modern auszusehen. Da ich die Platte nirgends sonst fand, und auch heute bei Ebay, Amazon etc. nicht fündig geworden bin, musste ich da einfach zugreifen.
ich antworte mal der Reihenfolge nach bzw. Ladies first :wink:
@stiffelio
Du hattest ja bereits sehr viel früher hier im Thread und auch jetzt wieder festgestellt, dass der Züricher Fidelio stilisiert ist, insofern kann er per se vielleicht nicht so nah an Beethovens emotional-kämpferischen Absichten sein. Dass nun das Stilisierte, sprich Unnatürliche, in "O namenlose Freude" praktisch kulminiert, ist wirklich ein wenig schade, das wäre schon etwas raffinierter zu lösen gewesen, behaupte ich mal. Ich denke, deine Beklemmung hängt auch damit zusammen, dass du so viele Fidelios kennst, und dieser eine Art Extrem darstellt.
Mit dieser Feststellung: Das ändert allerdings nichts daran, dass ich nach dem Scala-Fidelio eine starke Motivation empfand, selbst etwas für das Gute in der Welt zu tun, während die durch Zürich ausgelöste Beklemmung mich bisher eher gelähmt und fatalistisch zurückgelassen hat. Ich denke, ersteres ist eher in Beethovens Sinne. bin ich ganz bei dir! Dieses "Selbst das Schicksal in die Hand nehmen" bzw. "Selbst anpacken" war für mich auch so ein Grundzug im Scala-Fidelio. Die Idee, Leonore im Blaumann auftreten zu lassen, war (trotz vielleicht ästhetischer Abstriche) in dem Sinne genial!
Stimmlich finde ich ebenfalls, dass Zürich (mit Abstrichen nur bei Pizarro) eine ganz außergewöhnlich hervorragende Leistung geboten hat. Das freut mich, dass wir da auf einer Wellenlänge sind, selbst mit dem Pizarro habe ich es genauso empfunden.
Jetzt werde ich wohl noch den im Eingangsposting von dir vorgestellten Klassiker probieren, bestellt ist er schon :).
@Hosenrolle1
Welche der vielen Ouvertüren ist denn auf deiner GA? Ich kenne gar nicht alle der, ich glaube vier Ouvertüren und bin nicht ganz im Bilde, inwieweit bei denen ein Hornthema verarbeitet ist.
Das Liebesduett zu Beginn ist ja eher ein Streit, oder? Marzelline und Jaquino Leben einzuhauchen ist -- ich spreche jetzt natürlich von Inszenierungen -- m.E. wirklich nicht gerade einfach, da braucht es schon geschickter Regieideen. Man könnte sich jetzt überlegen, ob die Oper ohne die beiden funktionieren würde. Vielleicht täte sie es sogar einigermaßen, mit einigen Tricks...
Ich wusste aber auch ohne dass ich die Synopsis vorher las, dass die beiden am Ende doch zusammenkommen, denn es darf ja nicht sein, dass der Jaquino (oder wie er heißt) nicht seinen Willen durchsetzen kann und ohne Frau dasteht!
Manchmal wird das ja offenbar vom Regisseur auch pessimistischer dargestellt, so dass bzgl. der beiden am Schluss eben nicht alle Friede, Freude, .. ist.
Dann ging es auch schon los, aber leider vermochte mich die Musik zu keiner Zeit mitzureißen, keine Gesangslinie, die mir im Ohr geblieben wäre.
Das habe ich ganz anders empfunden. Bei den meisten Opern brauche ich mehrere Durchgänge, um warm zu werden, um Linien zu erkennen etc.. Beim Fidelio hat sich mir vergleichsweise vieles direkt erschlossen, ich war selbst überrascht.
Am Ende dann war ich überrascht, dass Fidelio/Leonore zwar als Retterin von Florestan dasteht, der "wirkliche" Retter aber am Ende doch wieder ein Mann ist.
Das muss man vielleicht nicht unbedingt so eng sehen. Für mich ist und bleibt Leonore die wahre Retterin. Welchen Mann meinst du mit "wirklichem" Retter?
Noch eine Frage: Wer gefällt dir am besten auf dem Cover? Leonore? :wink
LG an Euch alle, Rk
stiffelio (17.12.2014, 18:55): Original von Hosenrolle1 Am Ende dann war ich überrascht, dass Fidelio/Leonore zwar als Retterin von Florestan dasteht, der "wirkliche" Retter aber am Ende doch wieder ein Mann ist.
Hallo Hosenrolle1,
ich nehme an, du meinst mit dem "wirklichen" Retter den Minister? Aber Leonore hätte mit der Pistole Florestan auch allein retten können, ohne den Minister. Zumindest liegt das im Bereich das Denkbaren. Der Minister hätte dagegen ohne Leonore Florestan nicht retten können, er hätte im Gegenteil seinen Tod ungewollt beschleunigt. Mein Fazit lautet also: Florestan wird durch Leonore gerettet. Der Minister sorgt nur dafür dass die Rettung im politisch korrekten Rahmen (für Beethovens Zeit) ablaufen kann. Ausführlichere Gedanken dazu gab es mal im C-Forum in einem Rätselthread ab hier (Frage 7).
VG, stiffelio
stiffelio (17.12.2014, 19:06): Original von Rotkäppchen Jetzt werde ich wohl noch den im Eingangsposting von dir vorgestellten Klassiker probieren, bestellt ist er schon :). :leb :leb :leb
VG, stiffelio
Hosenrolle1 (18.12.2014, 03:36): Welche der vielen Ouvertüren ist denn auf deiner GA? Ich kenne gar nicht alle der, ich glaube vier Ouvertüren und bin nicht ganz im Bilde, inwieweit bei denen ein Hornthema verarbeitet ist.
Ich habe das Horn-Thema hier in meinem Programm eingegeben zum anhören: http://www.noteflight.com/scores/view/2c16807cfe1ad7fc05096802657647c687a39b7d Einfach links unten auf den Play-Knopf drücken.
Das Liebesduett zu Beginn ist ja eher ein Streit, oder?
Das stimmt. Ich meinte generell, dass da quasi eine „Liebesgeschichte“ nebenher läuft, die m.E. völlig unnötig ist für die Hauptgeschichte. Die Figuren sind es vielleicht nicht, aber dass der Mann Marzelline heiraten will, das ist für mich als Zuschauer weder interessant noch wichtig.
Das habe ich ganz anders empfunden. Bei den meisten Opern brauche ich mehrere Durchgänge, um warm zu werden, um Linien zu erkennen etc.. Beim Fidelio hat sich mir vergleichsweise vieles direkt erschlossen, ich war selbst überrascht.
Die Salome fand ich nach dem ersten Hören ja großteils auch furchtbar, ich habe mich gefragt, wie man sowas mögen kann. Und trotzdem waren da schon beim ersten Mal Passagen dabei, die ich schön fand, Melodien, die ich mir gleich gemerkt habe. Beim Fidelio war das nicht so (vom Hornthema der Ouvertüre mal abgesehen), und der ist im Vergleich zur Salome viel harmloser und nicht so „grausig“. Es hat halt nicht sollen sein :)
Noch eine Frage: Wer gefällt dir am besten auf dem Cover? Leonore?
Wie ist das gemeint? Inwiefern "gefallen"?
Mir gefällt einfach das ganze Cover als solches. Dass da einer Opernszene Leben eingehaucht wird, ohne dass es gekünstelt wird, weil zwei Opernsänger verkleidet sind und für ein Foto posten. Wenn ich eine Christa Ludwig oder eine Gundula Janowitz als Fidelio verkleidet sehe – sorry, das kann ich einfach nicht ernst nehmen, ich sehe da einfach diese beiden Sängerinnen in einer Rolle, in einem Kostüm. Besonders wenn sie dann vielleicht auch noch stark geschminkt sind, mit Lippenstift usw., wie ich das manchmal auch bei Rosenkavalier-Cover sehe, wie z.B. hier:
Bei solchen Zeichnungen hat man aber den Vorteil, dass alle Figuren quasi „neu“ sind, es sind keine bekannten SängerInnen, sondern „Fremde“. Gleichzeitig schaut das Verlies und die Kostüme echt aus, eigentlich schon richtig historisch. Auch kann man bei Zeichnungen die Dinge auch realistischer darstellen - man schaue sich einmal die Beine von Florestan an, wie dürr er geworden ist - da glaubt man sofort, dass er gehungert hat. Im Vergleich die von Fidelio oder auch dem bösen Pizarro, gleich ganz anders.
Leonore selbst sieht für mich auch glaubwürdig aus – einerseits burschikos genug um als junger Mann durchzugehen, andererseits auch nicht ZU männlich.
Aber Leonore hätte mit der Pistole Florestan auch allein retten können, ohne den Minister. Zumindest liegt das im Bereich das Denkbaren. Der Minister hätte dagegen ohne Leonore Florestan nicht retten können, er hätte im Gegenteil seinen Tod ungewollt beschleunigt.
Da hast du Recht, das habe ich nicht bedacht!
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (18.12.2014, 20:13): Ich habe das Horn-Thema hier in meinem Programm eingegeben zum anhören: http://www.noteflight.com/scores/view/2c...57647c687a39b7d Einfach links unten auf den Play-Knopf drücken. Hallo Hosenrolle1, ich denke, du meinst die Ouvertüre "Leonore III op. 72 b", die gefällt mir auch ganz ausgezeichnet.
Nochmal zu deinem Fidelio-Cover: Die Männergestalten sehen z.B. durch ihre Bärte ziemlich zum Fürchten aus. Die Leonore kontrastiert dazu sehr stark, d.h., man sieht eigentlich sofort, dass sie die Lichtgestalt ist. Das finde ich raffiniert gemacht. Den ersten Akt dieser Aufnahme gibt es hier (das dort abgebildete Cover wird dir vermutlich weniger gefallen) und ich habe reingehört -- also sängerisch finde ich die Aufnahme gar nicht schlecht! Vielleicht wirst du ja irgendwann in diesem Leben doch noch warm mit dem Fidelio ... :wink
LG, Rk
Rotkäppchen (23.12.2014, 11:01): Hallo zusammen,
auf Anraten der Fidelio-kundigen stiffelio habe ich nun den von ihr schon so ausführlich im Eingangsposting dieses Threads besprochenen "Klassiker" probiert und habe es nicht bereut. Zunächst mein allgemeiner Eindruck, dann ein paar Anmerkungen zum Finale.
Ich kann dem Urteil im Beitrag 1 nicht viel hinzufügen. Stimmlich geht es an verschiedenen Stellen bei diversen Rollen sicher noch einen Tick besser, insgesamt ist die (Ensemble-)Leistung aber durchaus in Ordnung. Erstaunlich finde ich, dass so eine im Grunde sehr traditionelle Inszenierung, die mehrere Jahrzehnte alt ist und auch gar keine verwegenen Regieeinfälle enthält, so lebendig und unverstaubt wirken kann. Ich denke, es sind vor allem die vielen subtilen, genau ausgearbeiteten und einstudierten Aktivitäten und Gesten, die zur "Zeitlosigkeit" dieser Aufnahme führen.
Das gilt insbesondere für den Schluss, dem keine künstliche Bitterkeit (wie im Züricher Fidelio), kein Aktionismus (wie im Scala-Fidelio) aber auch keine bloße Statik anhaften. Hier ist genau das richtige Maß an Bewegung im Chor und Interaktion zwischen den Hauptdarstellern getroffen und man wird voller Hoffnung aus der Oper entlassen, was wohl sehr eng an Beethovens Intension dran ist.
Wenn man mich fragen würde, welchen der drei Fidelios, die ich mir zuletzt innerhalb kurzer Zeit angesehen habe, ich auf die Insel mitnehmen würde, müsste ich allerdings das Los entscheiden lassen (Münze werfen geht ja schlecht bei drei Stück ...): Der 1978-WSO-Fidelio transportiert die Beethovensche Botschaft für meinen Geschmack am überzeugendsten, der Züricher Fidelio gefällt mir stimmlich am besten, den aktuellen Scala-Fidelio finde ich wegen seiner Verlegung in die (Fast-)Neuzeit sehr interessant und reizvoll.
LG, Rk
stiffelio (23.12.2014, 12:08): Liebe Rotkäppchen,
ich möchte auch auf keinen dieser drei FIDELIOS verzichten müssen (na gut, auf den Züricher noch am ehesten :wink, aber das liegt daran, dass mir die Stimmen unterdurchschnittlich wichtig sind). Diese DVD hat ja meine aktuelle Opernleidenschaft begründet (wenn man wenigen Erlebnissen in der Kindheit absieht) und in mir für mehrere Jahre die Überzeugung zementiert, dass man kein Regietheater braucht, um eine Oper spannend und faszinierend zu spielen. Es hat eine Weile gedauert, bis bei mir die Erkenntnis ankam, dass das zwar prinzizpiell stimmt, dass aber ganz praktisch bei Regietheater-Inszenierungen statisch gesehen doch meist mehr Sorgfalt auf die Personenführung aufgewendet wird als bei konventionellen Inszenierungen - leider.
Gibt es irgendjemanden im WSO-Team, der dich besonders beeindruckt hat? (Ich habe eben nochmal nachgedacht und es fiele mir wirklich schwer. Oft empfinde ich einen besonderen "Star" in einer Aufführung, aber hier bisher nicht).
VG, stiffelio
Rotkäppchen (24.12.2014, 00:25): Gibt es irgendjemanden im WSO-Team, der dich besonders beeindruckt hat? (Ich habe eben nochmal nachgedacht und es fiele mir wirklich schwer. Oft empfinde ich einen besonderen "Star" in einer Aufführung, aber hier bisher nicht). Liebe stiffelio, das fällt mir auch schwer. Wenn ich wirklich unbedingt jemanden benennen müsste, dann am ehesten Rene Kollo als Florestan, und zwar vor allem wegen seiner schauspielerischen Leistung in der Kerkerszene.
LG, Rk
stiffelio (25.12.2014, 10:47): Liebe Rotkäppchen,
na, das freut mich aber, denn wenn ich mich festlegen müsste, wer für mich ganz persönlich die wichtigste Figur im Stück ist, dann wäre es Florestan. :engel Ich gebe dir recht, dass Kollo ihn sehr eindrücklich spielt. Seine Beziehung zu Leonore finde ich hier so intensiv wie in keiner anderen Inszenierung. Nach ihrem Outing im Kerker scheint er die Gefahr, in der er immer noch schwebt, überhaupt nicht mehr wahrzunehmen. Und (nicht nur) bei seinem "Wasser...aus Barmherzigkeit...gebt mir Wasser" krieg ich jedes Mal eine Gänsehaut. Ich finde, man merkt schon, dass er ursprünglich mal Schauspieler werden wollte. Er hat die Latte für alle folgenden Florestan-Darsteller ganz schön hoch gelegt, danach war es ziemlich schwierig, mich zufriedenzustellen. :D
Ansonsten finde ich ja auch, dass beim WSO-Fidelio praktisch alle ganz toll waren (zumindest darstellerisch). Kleine Abstriche vielleicht beim Gefangenenchor im 1. Akt, den fand ich im Vergleich zu einigen anderen Inszenierungen etwas zu theatralisch. Auf der anderen Seite war es schon gut durchdacht, offsichtlich Gefangene aus verschiedenen Gesellschaftsschichten zu zeigen. Und weder im Scala-Fidelio noch im Züricher Fidelio hat mir der Gefangenenchor wesentlich besser gefallen (spontan würde ich Salzburg 2003 oder ROH 1991 als besten Gefangenenchor angeben).
VG, stiffelio
Rotkäppchen (25.12.2014, 16:21): Liebe stiffelio,
ich meine mich zu erinnern, bei YT mal auf ein Interview mit Kollo gestoßen zu sein, in dem er meinte, dass er generell im Nachhinein nie mit seinen Aufnahmen zufrieden sei und irgendein Fidelio die einzige Ausnahme sei. Möglicherweise hat er aber eine Audio-Aufnahme gemeint (denn sängerisch ist er auf der DVD ja nicht 100%ig perfekt) -- jedenfalls scheint ihm die Rolle des Florestan ziemlich viel bedeutet zu haben.
Und bei seinem "Wasser...aus Barmherzigkeit...gebt mir Wasser" krieg ich jedes Mal eine Gänsehaut Ja, diese Stelle ist einfach unglaublich :down.
LG, Rk
Hosenrolle1 (31.07.2015, 19:54): Im Standard gibt es ein Interview mit Franz Welser-Möst zu seinem "Fidelio"- Dirigat, das noch bevorsteht. Ein kurzer Auszug:
STANDARD: Sie haben von farblichen Räumen bei "Fidelio" gesprochen. Was verstehen Sie darunter?
Welser-Möst: Die Oper wurde in einer Zeit geschrieben, wo die verschiedenen Tonarten noch sehr stark ihre Farben beibehalten haben. Wobei, Fidelio ist ja ein eigenartiges Ding, manche sagen, der erste Teil sei kleinbürgerlich, der zweite großes Drama. Ich nenne es Musik mit einer Handlung.
Das fand ich interessant - hat man in heutigen Aufführungen, heutigen Aufnahmen diese "farblichen Räume" nicht mehr?
STANDARD: Ist das nicht jede Oper?
Welser-Möst: Nein. Es gibt oft auch Handlung mit Musik. Aber Fidelio ist eine philosophische Utopie, Beethovens Musik macht das emotional erfahrbar. Ich habe mit Regisseur Claus Guth viel darüber gesprochen, wie man diese Utopie auf die Bühne bringt. Denn eine Bühne hat ja automatisch einen realistischen Touch, man kann sie sehen, angreifen. Dieser Feuerkopf Beethoven, der im Finale alles niederreißt: Das ist ja kein Jahrmarkts- oder Meistersinger-Festwiesenjubel. Das Stück abzuklopfen auf den nichtrealistischen Inhalt, das ist das Spannende an unserer Arbeit.
STANDARD: Welche Vision hatte Beethoven?
Welser-Möst: Nach der Französischen Revolution und nach Napoleon herrschte unter Intellektuellen die große Ernüchterung – mit Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ging die Revolution in einem Blutbad unter. Goethe, Schiller, eben auch Beethoven einigten sich auf die schwammige Formulierung, den Kampf für das Gute zu führen, wobei niemand das Gute wirklich definiert hat. Bei Beethoven ist das Feuer für die revolutionäre Idee nicht erloschen, die dritte, vierte, fünfte Sinfonie und eben auch "Fidelio" sind Stücke, die diese politische, vor allem aber die philosophische Idee propagieren. Ich würde bei "Fidelio" von Musikzellen reden, die Beethoven schreibt und aus denen er ein größeres Gebilde, ein Ganzes macht. Es kommt mir fast wie Genmanipulation vor. Der Text wird in die Musikzelle hineininjiziert. Und dieser kompositorischen Herangehensweise muss man versuchen, gerecht zu werden. Jede dieser Figuren hat Visionen, Wünsche, Vorstellungen. Aber Beethoven nimmt das her und ordnet das alles unter der Vision, wie die Menschheit funktionieren sollte.
STANDARD: Regisseur und Dirigent sind manchmal nicht unbedingt zwei kommunizierende Gefäße. Wie intensiv arbeiten Sie mit dem Regisseur zusammen?
Welser-Möst: In der Tat hat der Opernbetrieb in den letzten dreißig, vierzig Jahren enorm gelitten, weil die zwei Gleise, die – verbunden durch viele Schwellen – parallel verlaufen sollten, sich auseinanderentwickelt haben. Fidelio ist die 72. Premiere in meinem Leben. Ich habe Regisseure erlebt, die sich einem Dialog verweigert haben. Die mit mir nicht über das Stück reden wollten. Jetzt bin ich ein alter Fuchs in dem Geschäft und arbeite ausschließlich mit Regisseuren, die mir erlauben, ihnen am Beginn des Arbeitsprozesses die Musik zu erklären – nicht das Stück. Nur die Musik. Wenn sich jemand verweigert, mit dem arbeite ich einfach nicht zusammen. Ich kann nicht Regie führen, Regisseure können nicht dirigieren. Da ist es doch gescheiter, man setzt sich zusammen und versucht es mit Teamarbeit. Wenn ich merke, der Regisseur fängt an, musikalisch zu denken, und ich denke in der Szene mit, dann passiert tatsächlich das Wunder Oper. Das merkt dann auch das Publikum.
Eine gute Einstellung, wie ich finde.
Das ganze Interview gibt es hier.
LG, Hosenrolle1
Peter Brixius (31.07.2015, 21:12): Lieber hosenrolle1,
das mit den Farben der Tonarten geht in die Zeiten zurück, als das Klavier noch nicht temperiert war. Da unterschieden sich die Tonarten um Nuancen und ein as war auch kein gis. Es haben sich aber Zuordnungen von Stimmungen gehalten, wie die "pastorale" Tonart F-Dur. Ich habe da noch ein altes interessantes Büchlein, wo bei Mozart Zuordnungen von Tonarten und Stimmungsgehalten gemacht werden.
Auch Beethoven ist sicher nicht unbeeindruckt von der alten Tonartenlehre, die Tonarten "passen" zu den alten Zuordnungen. Es kommen da auch andere Dinge zusammen, etwa die Stimmungen von Blasinstrumenten. Bläserkonzerte sind z.B. in D, umgekehrt kommt dann D die Vorstellung von besonderem Glanz zu.
Nach den Wiener Klassikern verliert sich die Zuordnung. Aber noch immer gilt, wer etwas in d-moll schreibt, ruft die Erinnerung von Mozarts "Don Giovanni" (Ouvertüre in d-moll) wach. Und das c-moll hat ja bei Beethoven (Klavierkonzert, 5. Sinfonie) auch einen besonderen Charakter, so dass ein c-moll bei Brahms oder Bruckner auch einen Bezug stiftet.
Hosenrolle1 (31.07.2015, 21:24): Hmm, könnte man also streng genommen sagen, dass heutige Aufführungen und Einspielungen alle "falsch" sind, eben weil die Instrumente anders gestimmt sind ale damals, und der von Beethoven gewünschte Klangeindruck nicht entstehen kann?
LG, Hosenrolle1
Peter Brixius (31.07.2015, 21:28): Original von Hosenrolle1 Hmm, könnte man also streng genommen sagen, dass heutige Aufführungen und Einspielungen alle "falsch" sind, eben weil die Instrumente anders gestimmt sind ale damals, und der von Beethoven gewünschte Klangeindruck nicht entstehen kann?
LG, Hosenrolle1
Definitiv nein. Die Temperierung liegt vor Beethoven, die Instrumente sind in der Regel so gestimmt wie heute; der Graben liegt 100 Jahre vorher, als sich die (Wohl-)Temperierung durchsetzte.
Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (31.07.2015, 21:56): Wie kann man dann Welser-Mösts Aussage deuten, dass damals die Tonarten noch ihre Farbe beibehalten haben?
Für mich klang das so, als würde er damit implizieren, dass das heute nicht mehr so sei.
LG, Hosenrolle1
Peter Brixius (31.07.2015, 22:22): Ich verstehe das so, noch die Assoziationen und Zuordnungen bei älterer Musik bekannt waren, dass sie vielleicht durch Rezensionen noch im Gedächtnis blieben.
Um Jahreszahlen zu nennen: Friedrich Rochlitz (1832) spricht in "Für Freunde der Tonkunst" von dem freundlichen A-Dur, dem prächtigen C-Dur, dem mildklagenden e-moll, dem beruhigenden G-Dur, dem scharfen Es-Dur und dem pathetischen c-moll. Schillings "Musikalisches Konversationslexikon" bringt auch noch Tonartencharakteristiken.
Dagegen schon 1825 ein Aufsatz in der Leipziger allgemeinen musikalischen Zeitung. 1848 erscheint in der gleichen Zeit eine scharfe Ablehnung. In der Folge verliert die Thematik mehr und mehr ihre Aktualität (Erweiterung der Tonräume, neue Auffassung von Dissonanzen usw.)
hier ging es ja gerade um die Fidelio-Neuinszenierung bei den diesjährigen Salzburger Festspielen. Die Premiere findet am 04.08. statt und ist live zu hören:
Di, 4. August, 19:30 Uhr - Ö 1 / BR-Klassik
oder ein paar Tage später als Aufzeichnung:
Sa, 8. August, 20:05 Uhr - ARD-Radiofestival
Noch etwas später gibt auch etwas davon zu sehen, zunächst als Live-Übertragung im TV:
Do, 13. August, 20:15 Uhr - ORF 2
bzw. als Aufzeichnung:
Sa, 22. August, 20:15 Uhr - 3sat
Franz Welser-Möst, Musikalische Leitung Claus Guth, Regie Christian Schmidt, Bühne und Kostüme Ronny Dietrich, Dramaturgie Olaf Freese, Lichtgestaltung Torsten Ottersberg, Sounddesign Andi A. Müller, Videodesign Ernst Raffelsberger, Choreinstudierung
BESETZUNG
Jonas Kaufmann, Florestan Adrianne Pieczonka, Leonore Sebastian Holecek, Don Fernando Tomasz Konieczny, Don Pizarro Hans-Peter König, Rocco Olga Bezsmertna, Marzelline Norbert Ernst, Jaquino Paul Lorenger, Pizarro Schatten Nadia Kichler, Leonore Schatten
Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor Wiener Philharmoniker
Ich hoffe, dass ich rechtzeitig nochmal in unseren Ankündigungsthreads daran erinnere -- und dass sich hier der eine oder andere FIDELIO-Fan etwas davon ansieht oder -hört.
Bis dann ... LG, Rk :hello
Hosenrolle1 (05.08.2015, 08:28): In der "Wiener Zeitung" findet sich eine Kritik zum gerade aufgeführten Fidelio unter Welser-Möst. (nachzulesen hier)
Eigentlich geht es mir weniger um die Kritik selbst, sondern um ein paar generelle Aussagen zur Oper.
Die Verfechter der sogenannten "Werktreue" wird es entsetzen: Sogar Beethoven hat sich nicht viel aus der haargenauen Umsetzung seines "Fidelios" gemacht - jedenfalls nicht, was die Dialoge betraf. Anlässlich einer Prager Aufführung beschied der Komponisten-Titan brieflich: "Macht mit dem Text, was ihr wollt."
Ich bin mit Beethoven und auch seinem Fidelio nicht vertraut genug, um das korrekt zu deuten, aber es heißt hier, dass er das anlässlich einer Prager Aufführung gesagt hat. Wäre es nicht denkbar, dass er vielleicht die Übersetzung meinte, dass DIE nicht haargenau dem Originaltext entsprechen muss? Oder dass er nur meinte, dass es ihm egal ist, was in anderen Ländern aus dem Text gemacht wird?
Aber egal wie er es gemeint hat, ich finde, dass man auf später getätigte Aussagen von Komponisten nicht zuviel geben sollte, denn Menschen ändern sich, Meinungen ändern sich, Geschmäcker ändern sich - zum Zeitpunkt der Komposition waren einem bestimmte Dinge aber noch wichtig, und man hat sich überlegt, wie man sie umsetzt.
Man käme beispielsweise auch nicht auf die Idee, Ravels "Bolero" in einem normalen Konzert umzuarrangieren, nur weil Ravel später einmal meinte, dass das Stück "keine Musik" enthält. Um dann zu sagen "Das Ändern des Stücks ist schon ok so, Ravel mochte es ja auch nicht so besonders".
So jedenfalls erzählt es Franz Welser-Möst. Der Dirigent tut das nicht ganz interessenlos. Immerhin gilt es, die neue Salzburger Produktion zu legitimieren. Und für die hat Regisseur Claus Guth alle "banalen" Sprechtexte gestrichen. Ein Werturteil, das nicht unnachvollziehbar ist: Joseph Sonnleithners Worte sind oft quietschende Scharniere zwischen den Gesangsnummern. Es hat diese Plumpheit aber auch mit jenen Idealen zu tun, die Beethoven auf die Bühne hievte: Ehrenhafte Gattin befreit hehren Gatten aus den Klauen eines Despoten - es lebe die Aufklärung, es lebe die Ehe. Nur: Im Gegensatz zu den plastischen Figuren einer Mozart-Oper bewegen sich die des "Fidelio" im zweidimensionalen Raum. Bis auf Rocco (solide: Hans-Peter König) sind das eigentlich Schablonen.
Kann man das so stehen lassen?
Auch bei Sprechtexten bin ich der Meinung, dass man sie nicht anrühren sollte, zumindest bei Bühnenaufführungen, wo kein Tontechniker auf die Aufnahmekapazität einer CD hinweist, muss das möglich sein.
(Witziges Detail am Rande: der Zuname des Rezensenten lautet "Irrgeher")
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (05.08.2015, 17:01): Ich warte erstmal, bis ich das Ganze gesehen habe. Nach allem, was aus den Premierenkritiken bekannt ist, finde ich es ja problematischer, dass in dieser szenischen Umsetzung Florestan die Oper nicht überlebt. Das hätte Beethoven möglicherweise mehr gestört als die fehlenden Sprechtexte, da es an seiner Utopie vorbeigeht. Aber, wie gesagt ... muss es mir erstmal anschauen -- und die TV-Termine sind ja noch eine Weile hin.
:hello Rk
stiffelio (05.08.2015, 19:13): Original von Rotkäppchen dass in dieser szenischen Umsetzung Florestan die Oper nicht überlebt.
Wie bitte??? Ich kann's noch nicht ganz glauben. Da haben wir eine wirklich gute bis grandiose Sängerriege, sicher auch ein gutes Orchester, mit Claus Guth einen Regisseur, der etwas kann (auch wenn ich mich oft an seinen Interpretationen reibe) - und dann wird mal wieder etwas kaputt gemacht, was ich als reine Essenz der Oper empfinde. :I :I :( X(
Jetzt kommen mir wirklich Zweifel, ob ich mir diesen FIDELIO überhaupt antun soll. Ein winziges bisschen Hoffnung habe ich ja noch, dass Guth es schafft, mir seinen Ansatz als sinnvoll zu verkaufen, aber sie geht gegen Null. Warum nur hat er ein so fundamentales Misstrauen gegen alles, was auch nur entfernt nach Glück und Harmonie aussieht?
Dass es überraschend gut funktionieren kann, die Sprechtexte weitgehend zu streichen (obwohl ich das schon prinzipiell problematisch empfinde), wurde für mich in Salzburg schon einmal bewiesen (s.o., 2003). Das hätte ich tatsächlich nicht so schlimm gefunden.
Dennoch vielen Dank, liebe Rotkäppchen, für das Posten der Übertragungstermine. Hast du vielleicht noch einen Link zu einer Premierenkritik, der ein bisschen mehr verrät?
VG, stiffelio
Giovanna (05.08.2015, 19:21): und dann wird mal wieder etwas kaputt gemacht, was ich als reine Essenz der Oper empfinde
Da kann ich mich Stiffelio nur anschließen. Eigentlich hatte ich mich sehr auf die Übertragung gefreut und jetzt weiß ich nicht, ob ich sie mir noch ansehen möchte. Naja, mal abwarten, vielleicht bin ich ja am Donnerstag etwas aufgeschlossener als heute.
Liebe Grüße Giovanna :hello
Rotkäppchen (05.08.2015, 21:15): Original von stiffelio Hast du vielleicht noch einen Link zu einer Premierenkritik, der ein bisschen mehr verrät?
Hallo, Ihr Lieben,
hier sind zwei m.E. recht ausgewogene Kritiken, die zweite ist besonders umfangreich:
Premierenkritik aus Salzburg -- Fidelio in der Psychokiste (BR Klassik)
"Fidelio" in Salzburg -- Schrei nach Freiheit (Tagesspiegel)
Als ich das gelesen habe, habe ich sofort an Dich, liebe stiffelio, gedacht ... und dass Dich das Guth'sche Konzept ganz gewaltig verärgern würde :I ...
LG, Rk :hello
Hosenrolle1 (05.08.2015, 21:20): Original von Rotkäppchen Ich warte erstmal, bis ich das Ganze gesehen habe. Nach allem, was aus den Premierenkritiken bekannt ist, finde ich es ja problematischer, dass in dieser szenischen Umsetzung Florestan die Oper nicht überlebt. Das hätte Beethoven möglicherweise mehr gestört als die fehlenden Sprechtexte, da es an seiner Utopie vorbeigeht. Aber, wie gesagt ... muss es mir erstmal anschauen -- und die TV-Termine sind ja noch eine Weile hin.
:hello Rk
Ich meinte das ja eigentlich eher generell auf den Fideleio bezogen, ob man das über die Sprechtexte sagen kann, nicht auf eine bestimmte Inszenierung.
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (05.08.2015, 21:26): Also, ich sehe das ganz pragmatisch. Wenn ein gekonntes Gesamtkonzept dahinter steht, ist es mir egal, ob mit oder ohne. Ich muss aber dazu sagen, dass ich kein Fidelio-Kenner bin und bisher nur Versionen mit Sprechtexten kannte. So furchtbar fand ich selbige auch nicht, wenn sie geschickt vorgetragen werden, dann ist's schon erträglich.
LG, Rk
Hosenrolle1 (06.08.2015, 06:28): Ich sehe gerade diesen Beitrag zur Probe des Fidelio: https://www.youtube.com/watch?v=g5b3AIFUCns
1.) Ich verstehe nicht, wie Welser-Möst sagen kann, dass die Handlung des Fidelio für uns heute nur mehr schwer nachvollziehbar sein soll. Gerade der Fidelio hat doch eine im positiven Sinne einfache Geschichte: jemand versucht, einen Gefangenen zu befreien. Und politische Gefangene gab es ja nicht nur damals.
Und: wird die Handlung etwa nachvollziehbarer, wenn man sämtliche Dialoge streicht und sie durch, Zitat merker: "Stöhnen und Wimmern, Dröhnen von Bomben-Flugzeugen" ersetzt? Fraglich.
2.) Der Off-Sprecher fasst die Handlung zusammen und schließt damit, dass am Ende das "Gute im Menschen" siegt. Soweit ich es verstanden habe, wird der Böse am Ende nicht "gut", sondern vielmehr verhaftet.
3.) Weiter sagt er, nach der Zusammenfassung der Handlung: "So weit, so bieder und unglaubwürdig".
Ja, seit wann müssen Opern denn glaubwürdig sein? Ist es glaubwürdig, dass Walküren durch die Luft reiten, oder sich Helden in die Unterwelt begeben und dort auf Geister treffen?
Der Sprecher stellt hier die Oper so hin, als wäre sie "schlecht", weil sie nicht realistisch ist, vermutlich, um die Inszenierung irgendwie zu rechtfertigen. Als ob Opern immer nur tragisch enden müssen - geht es gut aus, ist es natürlich kitschig und bieder.
4.) Gehört nicht wirklich hierher, aber ich fand Jonas Kauffmann fürchterlich, besonders bei den hohen Tönen wird der Text unverständlich, die Stimme klingt irgendwie gedeckt, gepresst, keineswegs kraftvoll. (Und ich glaube nicht, dass er das wegen der Rolle tut).
LG, Hosenrolle1
Peter Brixius (07.08.2015, 08:54): Original von Rotkäppchen Ich warte erstmal, bis ich das Ganze gesehen habe. Nach allem, was aus den Premierenkritiken bekannt ist, finde ich es ja problematischer, dass in dieser szenischen Umsetzung Florestan die Oper nicht überlebt. Das hätte Beethoven möglicherweise mehr gestört als die fehlenden Sprechtexte, da es an seiner Utopie vorbeigeht. Aber, wie gesagt ... muss es mir erstmal anschauen -- und die TV-Termine sind ja noch eine Weile hin.
:hello Rk
Es gibt eine größere Anzahl von Interpretationen, die den Optimismus einer Freiheitsoper nicht mehr glauben. Wenn man Beethovens "Fidelio" in die Nähe von Schönbergs "Überlebenden" bringen kann, so ist das sicher nicht folgenlos. Dazu stellt sich die Frage, ob das Ende der Ungerechtigkeit, die Befreiung der Gefangenen nicht wichtiger ist als das private Glück Florestans.
Zwei Indizien aus der Partitur: zum einen ist die letzte Szene eher ein Stück Oratorium als eine Opernszene (Marzellines Ausruf mal ausgenommen). Damit ist die Oper aber in eine Sphäre gerückt, bei der die Menschheit die entscheidende Größe ist, ob Florestan nun als Märtyrer dazustößt oder als jemand, der seine Ehe fortsetzen will.
Zum anderen steht zu Beginn des Szenenwechsels das Trompetensignal. Das kann ein Fanal zum Aufstand sein, ist es aber offensichtlich nicht. Es kann aber eben der Sammelruf sein, an die Posaune des letzten Gerichts erinnern, ein Symbol des Todes sein, sei es, dass da eine alte Gesellschaft, sei es dass ein gequälter Mensch stirbt.
Beethoven hat eine solche Deutung auf jeden Fall musikalisch angelegt, auch wenn ich die Szene anders deute, halte ich diese Interpretation für haltbar und klug erfunden.
Liebe Grüße Peter
Rotkäppchen (07.08.2015, 23:48): Original von Hosenrolle1 Ich sehe gerade diesen Beitrag zur Probe des Fidelio: https://www.youtube.com/watch?v=g5b3AIFUCns
In dem Video wird ja nicht unbedingt und explizit gesagt, dass Florestan am Ende stirbt, sondern (sinngemäß), dass das Ende eben ungewiss ist ... Fakt ist wohl, nach allem was zu lesen war, dass er zusammenbricht. Was das ganz genau zu bedeuten hat, ist evtl. der Phantasie der Zuschauer überlassen? Insofern muss man den TV-Fidelio vielleicht doch nicht boykottieren :).
:hello Gruß, Rk
PS zu Kaufmann=fürchterlich: Das war doch nur eine Aufnahme von einer Probe ... Am Dienstag bin ich erst sehr spät in die Radioübertragung reingeraten, habe mir dann auch nur Florestans Auftrittsarie angehört, aber die fand ich richtig beindruckend -- beides: expressiv und schön. Naja, de gustibus ... wie immer :D.
Hosenrolle1 (08.08.2015, 08:33): Original von Rotkäppchen In dem Video wird ja nicht unbedingt und explizit gesagt, dass Florestan am Ende stirbt,
Habe ich auch nicht behauptet.
Aber die anderen Punkte, die ich aufgezählt habe, die finde ich nicht in Ordnung, auch wenn ich kein Fidelio-Fan bin.
Aber ok, der ORF ist auch ein Sender mit seinen Eigenheiten, der es nicht schafft, Serien in chronologischer Reihenfolge zu senden, von daher ärgere ich mich über eine solche Berichterstattung gar nicht.
PS zu Kaufmann=fürchterlich: Das war doch nur eine Aufnahme von einer Probe ... Am Dienstag bin ich erst sehr spät in die Radioübertragung reingeraten, habe mir dann auch nur Florestans Auftrittsarie angehört, aber die fand ich richtig beindruckend -- beides: expressiv und schön. Naja, de gustibus ... wie immer :D.
Ich kann mich erinnern, dass ich damals, als ich sehr viel Walküre gehört habe, auch auf Jonas Kaufmann als Siegmund gestoßen bin - besonders das Stück "Winterstürme wichen dem Wonnemond". Auch das fand ich alles andere als gut, auch da wirkte die Höhe irgendwie gedeckt, gepresst und kraftlos.
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (08.08.2015, 10:01): Original von Hosenrolle1 Original von Rotkäppchen In dem Video wird ja nicht unbedingt und explizit gesagt, dass Florestan am Ende stirbt,
Habe ich auch nicht behauptet.
Hallo Hosenrolle1, ich habe doch auch nicht behauptet, dass Du das behauptet hast :D. Mein Kommentar bezog sich auf eins meiner eigenen Postings weiter oben, denn nach den ersten Premierenberichten sah es für mich tatsächlich so aus, als ob Florestan in dieser Version stirbt -- und in dem von Dir verlinkten Video wird es eher offen gelassen...
:hello Rk
Peter Brixius (10.08.2015, 05:56): Inzwischen konnte ich in einen Mitschnitt des Salzburger "Fidelio" herein hören.
Ich konzentrierte mich auf die Frage des Dialogs, der hier durch elektronische Klänge ersetzt wird. Ich finde die Lösung barbarisch. Das Quartett im ersten Akt, das auf geniale Weise die unterschiedlichen Erwartungen und Sehnsüchte bündelt, hängt ohne Bezug in der Luft. Ich entsinne mich einer Einspielung der Zauberflöte ohne Dialoge (unter Klemperer). Die machte auf mich denselben Eindruck.
Treitschkes Texte sind auf jeden Fall besser als keine Texte.
Just my 5 cts
Peter
Hosenrolle1 (10.08.2015, 08:58): Dazu sagt Franz Welser-Möst: http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/salzburger-festspiele-fidelio-104.html]
"Ich glaube, dass in diesem 'Fidelio' ein großes Problem vorhanden ist, nämlich, dass der Text ziemlich schwach ist", sagt Welser-Möst. "Und dass dem Feuerkern, den Beethovens Musik hat, mit dem er diese Vision von Freiheit Gleichheit, Brüderlichkeit und Liebe ausdrücken will, dass diesem Feuerkern der Text gar nicht gerecht wird."
Na gut, FW-M ist auch jemand, der einen Hexenritt in gefühlten 10 Sekunden herunterfetzt, aber die Frage bleibt doch, wieso er denkt, dass der Fidelio ein "Problem" damit hat.
Die Oper ist eine der berühmtesten, wird ständig aufgeführt.
Wenn ich auf operabase nachsehe, sind es allein in 2015 ganze 54 Aufführungen, in 18 verschiedenen Häusern, Deutschland, Österreich, Amerika, Kanada, etc.
Ich weiß nicht, inwiefern der Fidelio ein Problem hätte, das ihm irgendwie hinderlich wäre. Aber gut, dass der Herr Regisseur weiß, wo die Probleme liegen und sehr gelegen meint, an dem Werk herumdoktern zu müssen.
Auch Regisseur Claus Guth sieht Schwierigkeiten: "Das ist kein 'Figaro', wo alles stimmt wie es aufgebaut ist. Es ist eine Baustelle."
Aja.
Und auch Jonas Kaufmann versucht sich an einer Analyse:
"Der Schluss von 'Fidelio' ist von Beethoven in einer seltsam überhöhten Jubelstimmung geschrieben, die so was von oben drüber ist, dass man das eigentlich gar nicht mehr als real empfinden kann", sagt Jonas Kaufmann.
Offenbar ist das jetzt die neue Strategie: man attestiert einer Oper "Probleme", Fehler, oder dass sie zu unrealistisch ist, und verwendet das, um seine Bearbeitungen, Kürzungen etc. zu rechtfertigen. Alles im Dienste des Stückes, versteht sich.
LG, Hosenrolle1
Peter Brixius (10.08.2015, 09:37): Ja, es ist schon erstaunlich ...
Original von Hosenrolle1 Dazu sagt Franz Welser-Möst: http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/salzburger-festspiele-fidelio-104.html]
"Ich glaube, dass in diesem 'Fidelio' ein großes Problem vorhanden ist, nämlich, dass der Text ziemlich schwach ist", sagt Welser-Möst. "Und dass dem Feuerkern, den Beethovens Musik hat, mit dem er diese Vision von Freiheit Gleichheit, Brüderlichkeit und Liebe ausdrücken will, dass diesem Feuerkern der Text gar nicht gerecht wird."
Hier geht einiges durcheinander. Was ist nun schwach: Der Text, die Handlung, der Dialog, der Plot? Meiner Meinung nach ist die Sprache z. T. betulich, biedermeierisch. Das kann man durch wenige Änderungen richten. Man kann es aber auch ebenso stehen lassen und auf das historische Verständnis der Publikums setzen. Unverständlich ist der Text nicht. Alles andere ist OK, Handlungsablauf, Plot. Was den "Feuerkern" angeht, so gibt es dafür die komponierte Musik. Ich finde Libretti wie "Il Trovatore" weit problematischer, aber auch da entscheidet die Musik.
Auch Regisseur Claus Guth sieht Schwierigkeiten: "Das ist kein 'Figaro', wo alles stimmt wie es aufgebaut ist. Es ist eine Baustelle."
Und eben das macht die Qualität des Stückes aus, die Brüche und die Aufbrüche.
Und auch Jonas Kaufmann versucht sich an einer Analyse:
"Der Schluss von 'Fidelio' ist von Beethoven in einer seltsam überhöhten Jubelstimmung geschrieben, die so was von oben drüber ist, dass man das eigentlich gar nicht mehr als real empfinden kann", sagt Jonas Kaufmann.
Also schreibt man den vierten Satz der Fünften um, wegen "seltsam überhöhter Jubelstimmung". Natürlich soll die Oper in der Utopie, das heißt jenseits der Realität landen. Beethoven kennt die Zeit, in der er lebt, und die Politker gut genug. Da musste man schon sehr weit in die Zukunft blicken. Eben das hat er gewollt, eben das hat er getan.
Machen wir es jetzt so? Purcells "dido and Aeneas" hört für mich zu depressiv auf. Stricken wir doch einfach ein Happy End (für Jonas Kaufmann nicht zu fröhlich) ... und Rom wird nicht gegründet. War vielleicht auch besser so.
Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (10.08.2015, 20:29): Nach dem Ärger über diese Inszenierung auch eine gute Nachricht: im Jänner 2016 wird der Fidelio im Theater an der Wien aufgeführt - und zwar konzertant :)
Besetzung momentan:
Dirigent Nikolaus Harnoncourt ~ Leonore Juliane Banse Florestan Michael Schade Don Pizarro Martin Gantner Rocco Georg Zeppenfeld Marzelline Anna Prohaska Jaquino Rainer Trost Don Fernando Andrè Schuen
LG, Hosenrolle1
Billy Budd (10.08.2015, 23:13): Original von Hosenrolle1 Nach dem Ärger über diese Inszenierung auch eine gute Nachricht: im Jänner 2016 wird der Fidelio im Theater an der Wien aufgeführt - und zwar konzertant :)
Besetzung momentan:
Dirigent Nikolaus Harnoncourt ~ Leonore Juliane Banse Florestan Michael Schade Don Pizarro Martin Gantner Rocco Georg Zeppenfeld Marzelline Anna Prohaska Jaquino Rainer Trost Don Fernando Andrè Schuen
LG, Hosenrolle1
1) Hast Du besagte Fidelio-Inszenierung (ihr Konzept finde ich interessant) überhaupt gesehen, oder beurteilst Du sie, ohne sie zu kennen? 2) Dass Michael Schade den Florestan singt, ist definitiv KEINE gute Nachricht.
Rotkäppchen (11.08.2015, 00:13): YT hilft weiter: hier kann man abschätzen, ob einem diese Besetzung evtl. gefallen würde :P :P:
Juliane Banse und Michael Schade singen "O namenlose Freude"
:hello Rk
stiffelio (17.01.2016, 14:15): Hallo,
gestern kam der FIDELIO per (zeitversetztem) Livestream der WSO in mein Wohnzimmer in folgender Besetzung:
Leonore - Anja Kampe Florestan - Klaus-Florian Vogt Pizarro - Evgeny Nikitin Rocco - Stephen Milling Marzelline - Valentina Nafornica Jaquino - Jörg Schneider Minister - Boaz Daniel Dirigent: Peter Schneider
Die Inszenierung ist noch die gleiche von Otto Schenk wie auf der eingangs besprochenen DVD. Wie schon von anderen im Forum erwähnt, haben sich viele Details verändert (teilweise auch etwas modernisiert, z.B. die Frisuren, die keine Biedermeierzöpfe mehr enthielten), aber ingesamt eher weniger, als ich erwartet hatte. Das Hauptrollenpaar war dasselbe wie an der Scala vor einem Jahr. Kampe war wieder eine stimmlich großartige Leonore, im direkten Vergleich mit Janowitz viel stimmgewaltiger und auch höhensicherer, die große Leonoren-Arie schien sie mit links zu bewältigen, aber dennoch berührte sie mich letztlich weniger. Janowitz wirkt auf mich im gesamten Ausdruck "seelenvoller", sorry, mir fällt kein besseres Wort dafür ein. Vogt hat mir nach wie vor als Florestan sehr gut gefallen, im Vergleich zur Scala kam er in der Aufnahme gestern wesentlich stimmkräftiger rüber. Wenn das nicht nur an der Tontechnik lag, würde das vielen hier im Forum vermutlich besser gefallen haben, mich hat es fast schon gestört, weil ich (wie in der Scala-Besprechung oft erwähnt) seine zurückhaltende Stimmgestaltung damals ganz besonders mochte. Dafür durfte er in dieser Inszenierung darstellerisch mehr Nähe zu seiner Frau zulassen, was mir natürlich sehr entgegen kam. Es war freilich immer noch weniger als zwischen Kollo und Janowitz und ich fände es interessant zu wissen, wie sich das im Vergleich zu anderen kürzlichen Besetzungen, z.B. Merbeth/Seiffert 2014 verhält. Vielleicht kann einer der Wiener darüber mal berichten? Im Gesamtpaket liegt Vogt für mich noch etwas hinter Kollo, aber nur knapp. Bei Nikitin hatte ich im Vorfeld Bedenken, ob er für den Pizarro nicht zu schönstimmig ist. Er legte dann seinen Pizarro zwar ganz anders an als seinerzeit Sotin, weniger cholerisch und vordergründig brutal, dafür intelligenter und taktischer, insgesamt in sich stimmig. Milling als Rocco war für mich das einzige unbeschriebene Blatt und hat einen sehr positiven Eindruck hinterlassen: eine angenehme Baßstimme und eine sanfte, freundliche Vaterfigur, passend zu dieser Inszenierung. Nafornica als Marzelline und Schneider als Jacquino waren beide gut bei Stimme, Nafornica hatte etwas mit der Textverständlichkeit zu kämpfen. Daniel hat die Minirolle des Ministers stimmlich und darstellerisch sehr angemessen ausgefüllt. Vor allem hat er nicht zu dick aufgetragen, denn beim Minister empfinde ich weniger meist als mehr.
Der Chor war im 1. Akt grandios, inklusive des 1. und 2. Gefangenen, im 2. Akt immer noch gut, aber die ganz großen Emotionen hat er in der Schlussszene nicht mehr rübergebracht. In der Pause gab es ein Interview mit Otto Schenk (für mich sehr interessant), in dem er u.a. ausführte, er habe bei den Männer/Frauen Begrüßungen zu Beginn der Schlussszene an die Heimkehrer-Szenen nach dem 2. Weltkrieg gedacht. Davon kam diesmal nichts mehr rüber, es wirkte wie freudige Begrüßungen auf einer Familienfeier, nicht mehr. Unter Peter Schneider klang das Orchester leichtfüßiger als unter Bernstein und damit vermutlich näher am Original (ich habe die großen, romantisch gefärbten Ausbrüche Bernsteins dennoch manchmal mit leichtem Bedauern vermisst, aber man kann nicht alles haben).
Insgesamt nichts, was unangenehm aufgefallen wäre, im Gegenteil. Große Stimmen, dazu eine Inszenierung, die immer noch funktioniert, wenn auch mit kleinen Abstrichen. Es war ein richtig schöner Abend, der wieder Appetit auf den FIDELIO gemacht hat. :leb
VG, stiffelio
Rotkäppchen (17.01.2016, 18:22): Liebe stiffelio, danke für Deinen Streambericht! Mein Eindruck vom Fidelio-Stream war nicht ganz so gut, vor allem, was das Szenische betrifft, viel enervierendes Rampensingen plus suboptimale Kameraführung (abgeschnittene Köpfe)... sängerisch/orchestral, da gebe ich Dir Recht, war es bis auf Kleinigkeiten erfreulich, auch wenn ich mir hin und wieder zackigere Tempi gewünscht hätte (würde ich aber unter "Geschmacksache" verbuchen). Vielleicht kommst Du ja zu einem milderen Urteil, weil Dir "das Original" von 1978 sehr viel bedeutet :wink ? Ja, das Interview mit Herrn Schenk war interessant, wann wird das wohl aufgezeichnet worden sein? Vor allem, dass er, sinngemäß, sagte, der Schluß sei uninszenierbar, vielleicht hat er ja Recht...
Sei lieb gegrüßt vom Rotkäppchen :hello
stiffelio (17.01.2016, 19:03): Liebe Rotkäppchen,
ja, die Kameraführung war nervig (einmal habe ich sogar auf Vollbild umgeschaltet, aber das war auf Dauer auch nicht besser und das Umschalten hat jedesmal viel Zeit verbraucht), allerdings drücke ich da bei einem Livestream, wenn nötig, mindestens ein Auge zu. Da muss ja wirklich in Sekundenschnelle entschieden und geschnitten werden, das nötigt mir schon genug Respekt ab. Das mildere Urteil liegt vermutlich sowohl am Original als auch daran, dass ich für ein positives FIDELIO-Erlebnis inzwischen eigentlich "nur" einen (für mich) passenden Florestan, eine brauchbare Leonore (und natürlich war Anja Kampe viel mehr als brauchbar) und eine nicht störende Inszenierung benötige. Na ja, und auch nicht zu langsame Tempi, da gebe ich dir recht, aber das war hier noch im Rahmen (fandest du ja auch). Den Rest macht dann die Oper alleine.
Wenn ich mich recht erinnere, sprach Herr Schenk von "sehr schwer inszenierbar" bzw. "nicht ohne Sturm-und-Drang inszenierbar" und hat sich vor allen gegen die häufigen Oratorien-Inszenierungen ausgesprochen. Aber es ging gefühlsmäßig schon in die Richtung von "kaum inszenierbar". Die Probenarbeiten, bei denen er gezeigt wurde, müssten etwa 13-14 Monate her sein, deshalb nehme ich an, dass das Interview auch zu dieser Zeit aufgezeichnet wurde.
Doch, ich bin sehr froh, dass ich das sehen konnte. :engel Deshalb darfst du aber selbstverständlich trotzdem weitere Kritik äußern. :wink
LG, stiffelio
Hosenrolle1 (17.01.2016, 20:13): Wegen der Frage, wann das Interview aufgezeichnet wurde: hat jemand vielleicht einen Screenshot von Schenk aus diesem Interview?
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (17.01.2016, 21:37): @stiffelio ... Nein, ich will jetzt nicht weiter herummäkeln :wink, musikalisch, wie gesagt, konnte ich die Aufführung ja durchaus genießen :engel. In letzter Zeit habe ich einige Streams gesehen und mir sind nie solche Patzer in der Kameraführung aufgefallen – vermutlich Erschöpfung der Kameraleute, denn am Vortag wurde die Walküre gestreamt :P . Was mich übrigens gewundert hat, dass bei einer der Sprechtextpassagen davon die Rede war, dass es keinen "Strom" im Kerker geben würde ?( . War damit elektrischer Strom gemeint, der wurde doch erst Mitte des 19. Jh. in größerem Umfang genutzt :D ? Fand ich ziemlich witzig, auch wenn es eine Nebensächlichkeit ist.
@Hosenrolle ... Nein, ich habe keinen Screenshot.
Viele Grüße, Rk :hello
Amonasro (17.01.2016, 22:08): @Rotkäppchen Meinst du vielleicht diese Stelle?
ROCCO Seit einem Monat schon muß ich auf Pizarros Befehl seine Portion kleiner machen. Jetzt hat er binnen vierundzwanzig Stunden nicht mehr als zwei Unzen schwarzes Brot und eine Halbe Maß Wasser; kein Licht mehr als den Schein einer Lampe, kein Stroh mehr, nichts!
Das Wort Strom gibt es in dem Libretto meines Wissens nicht.
Gruß Amonasro :hello
Hosenrolle1 (17.01.2016, 22:13): Otto Schenk hat sich leider in den ca. letzten drei Jahren stark verändert, seit er seinen Unfall hatte. Er ist sehr dünn geworden, und man merkt ihm sein Alter jetzt auch an.
Falls er in dem Interview schon dünner war, dann ist es in letzter Zeit entstanden, nicht vor 10 Jahren oder mehr.
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (17.01.2016, 22:16): Hallo Amonasro,
das Stroh ist die Lösung :J :J – hatte aber auch einen ziemlichen Akzent, der Sänger des Rocco :D, zumindest bei den gesprochenen Dialogen!
Gruß und Dank, Rk :hello
PS: Hallo Hosenrolle, nein, 10 Jahre ist das Interview sicher nicht her, Schenk machte schon einen recht fragilen Eindruck...
Hosenrolle1 (17.01.2016, 22:57): Weil du den Akzent ansprichst: mich stört ja immer, wenn man bei Opern wie dem Freischütz oder HuG, wo die Figuren ja auch deutsch sprechen, SängerInnen besetzt, die ganz offenbar nicht so gut Deutsch können.
Beim Fidelio wäre ich mir schon unsicher: die Oper wurde zwar auf Deutsch geschrieben, die FIGUREN aber sind (glaube ich) Spanier. Sollen die SängerInnen idealerweise wie Deutsche klingen, oder einen spanischen Akzent haben?
Rotkäppchen (18.01.2016, 21:17): Also, die Sache mit dem Akzent hat mich eigentlich nicht gestört, ich hatte das mehr scherzhaft erwähnt. Und, ja, der Fidelio spielt eigentlich in Spanien, aber auf die Idee, dass die Akteure einen spanischen Akzent haben sollten, bin ich noch nie gekommen. Ehrlich gesagt sind mir die Sprechtexte weniger wichtig, ich warte immer ungeduldig auf die nächste Musiknummer :wink.
Und jetzt nochmal zu dem Interview – nach weiteren Indizien ist es womöglich Ende 2013 entstanden.
im Rahmen der erneuten Fidelio-Erkundung bin ich jetzt mal dem obigen Link von Rotkäppchen (Banse+Schade: O namenlose Freude) gefolgt und so auf diese sehr andersartige Fidelio-Inszenierung des ThadW von 2013 gestoßen: Trailer und Mir ist so wunderbar Bei mir ist dadurch endlich der emotionale Groschen gefallen, warum Harnoncourt das Duett "O namenlose Freude" so langsam dirigiert. Er legt dadurch den Fokus auf die übernächste Textzeile: "Nach unnennbarem Leide". Vermutlich eine banale Erkenntnis, aber sie war für mich entscheidend, um den Ansatz von Harnoncourt verstehen zu können. Das ist mir seinem Züricher Fidelio nicht gelungen, weil mich die übergroße räumliche Trennung - zunächst auch ohne jeden Blickwechsel - von Leonore und Florestan irritiert hat. Hier im ThadW sind Leonore und Florestan nun denkbar nahe zusammen und trotzdem zieht sich das vergangene Leiden, optisch noch durch Florestans Fesselung gegenwärtig, durch das gesamte Duett hindurch und verleiht ihm einen wehmütigen Ton, im scharfen Gegensatz zu Bernsteins atemlosen Jubel. Aber endlich kann ich beide Interpratationsansätze schätzen.
Ob mir die ganze Inszenierung gefallen würde, kann ich nicht sagen. Sie wirkt im Trailer auf mich über weite Strecken sehr interessant, jedoch scheint im Finale wieder der Oratorien-Ansatz vertreten, der mir oft so sauer aufstößt. Eine Personifizierung Beethovens als Minister auftreten zu lassen, ist zwar auf den ersten Blick ein spannender Gedanke, jedoch denke ich auf den zweiten Blick eher nicht, dass Beethoven sich mit der Figur des Ministers identifiziert hat. Er scheint mir mehr ein abstraktes Prinzip als eine lebendige Figur zu verkörpern.
Aufgrund des Stagione-Systems des ThadW nehme ich nicht an, dass mit einer Wiederaufnahme dieses Fidelio zu rechnen ist?
VG, stiffelio
Rotkäppchen (24.01.2016, 20:19): Aufgrund des Stagione-Systems des ThadW nehme ich nicht an, dass mit einer Wiederaufnahme dieses Fidelio zu rechnen ist?
Liebe stiffelio, ganz passt es zwar nicht zu Deiner Frage, aber vor einer Woche gab es ja am ThadW die weiter oben im Thread erwähnte konzertante Fidelio-Aufführung, in der z.T. dieselbe Besetzung antrat und die Kostüme von 2013 recycelt wurden. Vielleicht ist diese Kritik, in der es viel um die verschiedenen Fassungen geht, für Dich interessant:
"Leonore im Jahr 1806"
Viele Grüße, Rk :hello
stiffelio (25.01.2016, 18:46): Liebe Rotkäppchen,
vielen Dank für den Link, den ich mit Interesse gelesen habe. Den Vergleich der drei Fassungen finde ich ja auch spannend, allerdings primär mehr vom Libretto her als musikalisch. Ich kenne von den früheren Versionen musikalisch aber auch nur die zusammengeschusterte Fassung aus Reinsberg 2008.
VG, stiffelio
Rotkäppchen (12.02.2016, 22:06): Einen schönen guten Abend allen Fidelio-Freunden,
seit dem Fidelio-Stream am 14.01.16 bin ich sozusagen ins Fidelio-Fieber gefallen und habe mir einige Aufführungen angesehen/-gehört. Also, erstmal den besagten Stream (der ziemlich schnell auf einem allseits bekannten Videoportal aufgetaucht war), den ich inzwischen nicht mehr so streng sehe. Im Gegenteil, mir gefällt z.B. das positive Ende im Moment total gut, was evtl. damit zusammenhängt, dass ich momentan beruflich viel Stress habe und dann abends nicht noch Probleme auf der Opernbühne brauche...
Weitersuchen auf besagtem Portal hat mich dann zu dieser Freiluftaufführung aus Reinsberg geführt, die stiffelio schon weiter vorn besprochen hatte – der Link funktioniert immer noch! Also, ehrlich gesagt, das hat mir gerade das überdurchschnittlich hohe Tempo sehr gut gefallen. Ansonsten ist das alles solide, wie stiffelio schrieb, aber ich meine das durchaus positiv. Ich habe ja eine Schwäche für ulkige Details und da gibt es eins, das mir sicher langfristig im Gedächtnis bleibt, nämlich wie Tomasz Konieczny alias Pizarro dieses Papierteufelchen faltet (also, chapeau, gleichzeitig singen und Origami veranstalten, das ist schon anspruchsvoll) :D :down.
Jedenfalls bin ich dann auf eine wesentlich schrägere Inszenierung gestoßen, nämlich hier: https://youtu.be/VouWqhlXXsw Kennt die jemand? Oder war sogar schon davon die Rede hier im Thread und ich habe es nicht mitbekommen? Eine DVD scheint es davon nicht zu geben (?). Hier sind die personellen Daten:
Conductor: Ádám Fischer Stage Director: Balázs Kovalik
Gábor Bretz (Don Fernando) Béla Perencz (Don Pizarro) Thomas Moser (Florestan) Tünde Szabóki (Leonore) Friedemann Kunder (Rocco) Zita Váradi (Marzelline) Attila Fekete (Jaquino)
Die Produktion hatte Premiere am 5.10.2008 an der Staatsoper Budapest, einen deutschsprachigen Review findet man z.B. hier: Schlechte Zeiten für Utopien. Das Konzept ist nicht unbedingt zum Kennenlernen der Oper geeignet, da, ziemlich intellektualisiert, in verschiedenen Ebenen agiert wird. So spielt Leonore gar nicht mit, sondern steht/geht vorn an der Rampe erinnert sich an die ganze Geschichte. In die Handlung eingebunden ist nur ein stummes Leonoren-Double. Die eigentliche Handlung spielt in moderner Zeit, in einer Art Internierungslager für politische Häftlinge, Florestan scheint auch einer der wenigen überhaupt noch lebenden Häftlinge zu sein. Eigentlich keine Szenerie, die man sich häufig ansehen möchte. Nun kommt aber noch eine dritte, nämlich eine sakrale, Ebene dazu, in der allerlei christliche Symbolik dargestellt wird. So richtig konnte ich mich damit bisher nicht anfreunden, finde es auch nicht unbedingt zwingend, aber auch nicht völlig abwegig. Die Krönung ist ein auf den ersten Blick albernes disneybuntes Finale, das jedoch vielleicht mehr Hintersinn hat als man zunächst wahrnehmen kann und will. Die oben verlinkte Kritik trifft es vielleicht ganz gut... Super gefallen hat mir, da geht es mir ähnlich wie dem Rezensenten und einigen YT-Kommentartoren, die Sängerin der Leonore, von der ich vorher noch nie etwas gehört hatte.
Ja, und dann ist ja, für mich komplett unerwartet, die (semi-)konzertante Aufführung der 1806-Leonore vom 17.01.2016 auf dem besagten Portal aufgetaucht (einfach nach "Festkonzert FIDELIO „Leonore 1806“ im Theater an der Wien" suchen ...) – hier nochmal tausend Dank an stiffelio für den Hinweis zu diesem interessanten Schätzchen – diesen Fidelio würde ich, sagen wir mal, als ganz grandios anders bezeichnen, aber dazu vielleicht später mehr.
Für unterwegs habe ich mir jetzt auch eine CD geangelt, und zwar diese hier, mit der ich mehr als zufrieden bin (siehe auch Giovannas Beitrag von 2014, in der die Aufnahme mit anderem Cover auftaucht):
Gern würde ich noch Details dazu schreiben, aber ich bin im Moment zeitmäßig wirklich schlecht dran, vielleicht auch später...
Bis dann, LG, Rk :hello
stiffelio (13.02.2016, 16:37): Liebe Rotkäppchen,
"kennen" ist zuviel gesagt, aber den ungarischen Fidelio hatte ich schon in meinem ersten Fideliofieber vor einigen Jahren gefunden. Man kann es nicht besser ausdrücken, als in dem Fazit der von dir verlinkten Rezension: "Ein tiefschwarzer Abgesang auf alle Ideale." Du kannst dir sicher denken, wie mir das beim Fidelio gefällt.... :( Zumindest die Abendmahlsymbolik in der Kerkerszene finde ich nicht grundsätzlich deplaziert, aber da ist mir eine dezentere Darstellung, wie z.B. von Flimm in Zürich, mehr aber noch an der MET, wesentlich lieber. Überhaupt kommt Kovalik für mich viel zu oft mit dem Holzhammer daher, das ist ja auch in der Rezension erwähnt. Allerdings hat mir das im Finale mit den Regenbogenfarben noch am besten gefallen. Vielleicht kann mich deine Neuausgrabung animieren, diesen Fidelio noch durchzuarbeiten (ich bin ja mit den Jahren toleranter geworden :wink), aber erstmal ist die ThadW-Leonore dran, zu deren vollständigem Durchsehen ich immer noch nicht gekommen bin :S. Mein Zeitbudget ist im Moment auch einfach zu eng.
Ich melde mich möglichst bald wieder, versprochen. Denn dein Fideliofieber freut mich natürlich enorm. :leb
VG, stiffelio
Rotkäppchen (13.02.2016, 17:51): Liebe stiffelio, ich warte selbstverständlich geduldig :wink, bis Du mit der 1806-Leonore durch bist. Aber nochmal zurück zum Wiener Schenk-Fidelio ... ich war gestern Abend ein bisschen im Archiv des WSO-Livestreamings unterwegs mit dem Ergebnis, dass selbiger Dauerbrenner jetzt schon insgesamt dreimal gestreamt wurde (2013, 2015, und eben jetzt im Januar 2016). Hast Du die beiden früheren Streams eigentlich auch gesehen? Eher nicht, sonst hättest Du berichtet, oder habe ich etwas übersehen?
LG, Rk :hello
Rotkäppchen (13.02.2016, 20:58): Original von Rotkäppchen dass selbiger Dauerbrenner jetzt schon insgesamt dreimal gestreamt wurde (2013, 2015, und eben jetzt im Januar 2016)
Jetzt löst sich das Puzzle vielleicht ... es sieht so aus, als ob für die Pausenunterhaltung des ersten Streams 2013 drei Interviews produziert wurden, die allesamt auf youtube sind, und zwar das schon diskutierte mit Otto Schenk (klick), eines mit Ricarda Merbeth (klick), in dem es aber erst zum Schluss um den Fidelio geht, sowie eines mit Peter Seiffert (klick), welches wirklich saukomisch ist, Seiffert scheint ein ziemlicher Kauz zu sein :rofl.
:hello Rk
stiffelio (13.02.2016, 21:53): Liebe Rotkäppchen, toll, was du da wieder ausgegraben hast! :thanks Das Interview mit Seiffert habe ich gerade mal angesehen, es war für mich tatsächlich das erste Interview mit ihm, an das ich mich erinnern kann. Einerseits ein bisschen Tenorklischee, oder? (ein bisschen eitel, ein bisschen kokettierend, insgesamt selbstüberzeugt). Andererseits scheint er mir ziemlich aufgekratzt, keine Ahnung, ob er immer so ist, oder ob ihn der Interviewer hier kurz vor seinem Auftritt oder gar danach erwischt hat.
Nein, die beiden früheren Streams habe ich nicht gesehen. Den von 2013 leider, da war ich noch gar nicht auf Streams eingestellt, im Nachherein hätte ich ihn wegen Seiffert sehr, sehr gerne erlebt. Vielleicht habe ich Glück und er wird mal in irgendeiner Form veröffentlicht. Der von 2015 hat mich nicht so gereizt, ich konnte mir RD Smith als Florestan überhaupt nicht gut vorstellen.
VG, stiffelio
P.S.: Nochmal zur Rezension des Budapester Fidelio: da steht doch, die Ouvertüre Leonore 3 sei (wie so oft) vor dem Finale gespielt worden. Zumindest in den YT-Link ist das aber nicht so. Hast du dafür eine Erklärung?
Rotkäppchen (14.02.2016, 10:41): Original von stiffelio P.S.: Nochmal zur Rezension des Budapester Fidelio: da steht doch, die Ouvertüre Leonore 3 sei (wie so oft) vor dem Finale gespielt worden. Zumindest in den YT-Link ist das aber nicht so. Hast du dafür eine Erklärung? Na, wer weiß, die Rezension bezieht sich ja auf die Premiere und der Mitschnitt fürs TV(?) wurde vielleicht später gemacht bzw. aus mehreren Aufführungen zusammengeschnipselt und die Leonore 3 hat man dabei vergessen :P ... nein, ich habe natürlich keine Ahnung.
stiffelio (14.02.2016, 20:24): Leonore - Juliane Banse Florestan - Michael Schade Don Pizarro - Andrew Foster-Williams Rocco - Georg Zeppenfeld Marzelline - Anna Prohaska Jaquino - Rainer Trost Don Fernando - Andrè Schuen 1. Gefangener - Thomas David Birch 2. Gefangener - Christoph Seidl
Sprecher - Herbert Föttinger
Arnold Schoenberg Chor Erwin Ortner, Chormeister
Concentus Musicus Wien Stefan Gottfried, Dirigent
Liebe Rotkäppchen,
den besonderen Wert dieser Aufführung für mich kannst du schon daran ermessen, dass ich sie trotz konzertanter Darbietung bis zum Ende durchhalten konnte und das sogar mit steigender Begeisterung, obwohl außer den Kostümen und dem angedeuteten Bühnenbild praktisch nichts von einer rein konzertanten Darstellung abwich. Klar, gegen eine Aufzeichnung der Fidelio-Inszenierung 2013 (gleiche Kostüme) würde ich sie jederzeit eintauschen, aber musikalisch war das wirklich toll! :engel Star waren für mich ausnahmsweise das HIP-Orchester und sein Dirigent :down. Da kamen ganz viele Feinheiten heraus, die ich auch unabhängig von der 1806-Fassung noch nie gehört habe. Beispiel gleich in der zweiten Nummer, dem Duett Marzelline-Jacquino (in der Enfassung die Anfangsnummer): den genervten Ton in der Untermalung von Marzelline, unterstützt durch präzise austarierte Tempischwankungen, habe ich noch nie derart deutlich erlebt. Bei den Sprechtexten war ich zuerst zwiegespalten: sehr eindringlich von Herrn Föttinger gesprochen hinterließen sie von Anfang an Eindruck, zerrissen aber natürlich immer wieder die Handlung. Dennoch, zum Schluss war ich überzeugt: in einer konzertanten Aufführung war das ein gute, vielleicht sogar die beste Lösung. Auch stimmlich hat mir alles sehr gut gefallen, für mich fiel keiner der Sänger ab. Das Titelpaar fand ich super, jeden auf seine Weise (Banse sehr expressiv, Schade mit wundervollen piani), das Paar Marzelline-Jacquino ebenfalls sehr gut. An wenigen Stellen hätte ich mir für Don Pizarro ein noch etwas größeres Stimmvolumen gewünscht, aber mit dem HIP-Orchester und dem relativ kleinen Haus ging das insgesamt noch in Ordnung. Zeppenfeld war als Rocco rein stimmlich ein absoluter Genuss, dennoch blieb dieser Rocco für mich etwas blass. Nun war Zeppenfeld im Gegensatz zu Banse, Prohaska und Schade bei der szenischen Fidelio-Aufführung 2013 nicht dabei, was ein Hemmschuh bei der Darstellung gewesen sein mag. Es kommt aber noch hinzu, dass der Rocco von 1806 im Gegensatz zu 1814 kaum positive Züge trägt. Eigentlich ein Opportunist reinsten Wassers, was in den Kommentaren auch immer wieder betont wurde. Zeppenfeld hätte dagegen gut in die WSO-Inszenierung von Schenk als gütiger Vater mit zumindest einem Schuss Zivilcourage gepasst.
Neben der Rezension, die du schon am 24.1. eingestellt hattest, hat mir auch diese kurze Besprechung recht gut gefallen: Dynamik innerhalb jeder Gestalt
Es bleibt bei aller Begeisterung ein schwerer Jammer, dass die Fidelio-Inszenierung 2013 offenbar nicht aufgezeichnet wurde. Mein (wohl leider vergeblicher) Appetit darauf wurde durch diese Leonore jedenfalls gewaltig gesteigert.
VG, stiffelio
Rotkäppchen (16.02.2016, 21:56): Hallo, liebe stiffelio, habe mich natürlich ganz mächtig gefreut über Deinen Bericht – ich saß ja wie auf glühenden Kohlen :D – und dass Du es Dir trotz Zeitnot überhaupt komplett angesehen hast :leb . Als erstes muss ich mich Deinem Schlussstatement anschließen, es ist ein totaler Jammer, dass es die szenische Version in ähnlicher Besetzung nicht auf DVD oder sonstwie gibt, das kann einen ganz wahnsinnig machen!
Und ja, das HIP-Orchester war eine Wucht, richtig mit Mut zur Hässlichkeit – hat mich unheimlich mitgerissen, außerdem war es eine Wonne, dem sehr jugendlich wirkenden Dirigenten (laut Wiki ist er schon Mitte Vierzig, wie die Musik doch jung hält ...) zuzusehen, da kam so viel Energie und Freude rüber, einfach toll!!! :engel
Was Du zu den Sängern sagst, kann ich auch voll unterschreiben. Juliane Banse hat wirklich keine besonders schöne Stimme, metallisch-verschleiert irgendwie, aber was sie damit anstellt, das ist schon außergewöhnlich, sehr aufwühlend – und so soll es ja sein. Zeppenfelds Rocco fand ich zunächst ebenfalls "nur" schön gesungen, aber ich habe das Ganze inzwischen mehrmals gesehen/gehört und konnte durchaus noch einige Raffinesse erkennen. Und über Herrn Schade war ich echt erstaunt, nicht nur dass er so schön piano singen kann, auch was Stimmfarben und solcherlei Effekte betrifft, war das eine sehr ausgeklügelte und abwechslungsreiche Performance und einige schauspielerische Anwandlungen am Beginn der Auftrittsszene kann man ihm auch bescheinigen. Dass die Engel-Leonore(n)-Vision, eine der Gänsehautstellen überhaupt, in der 1806er-Version fehlt, ist zwar bedauerlich, aber inzwischen habe ich die Alternativversion irgendwie fast genauso lieb gewonnen und das liegt sicher auch an Herrn Schades gelungener Darstellung.
Die Zwischentexte gehen einem bei mehreren Durchläufen natürlich irgendwann kolossal auf den Keks, aber an sich war's eine stimmige Lösung. Es ist auch immer wieder frappierend, um wie vieles besser und wirkungsvoller eben ein professioneller (Sprech-)Schauspieler solche eigentlich simplen paar Sätze rüberbringen kann.
Herzliche Grüße und :beer, Rk :hello
stiffelio (21.02.2016, 21:39): Liebe Rotkäppchen,
ich habe mich heute nochmal intensiv in die Florestan-Arie der Leonore von 1806 (falls noch Andere mitdiskutieren wollen: unter "https://www.youtube.com/watch?v=alu3A-qgbpM" von 1:54-2:00 h) vertieft. Das, was du zum HIP-Orchester (vor allem zum Blech) geschrieben hast, gilt auch für Herrn Schade: er hat mit beeindruckendem Mut zur Hässlichkeit gesungen, bereits in seinem ersten Ton (dem berühmten "Gott"), aber auch immer wieder im weiteren Verlauf des Rezitativs und selbst seiner folgenden Arie. Zischen, Singen (klangbildlich) mit zusammengebissenen Zähnen, schneidende und gepresste Silben, alles war vertreten. Und das ganze zu einer Tonlinie und einem Text, die immer wieder überraschend von der Endfassung abwichen und schon deshalb einem Sänger viel Konzentration abverlangen. In der Arie hat er dann auch gezeigt, dass er nicht aus der Not eine Tugend gemacht hat und noch sehr schönstimmig singen kann, jedenfalls in kleineren Opernhäusern. Das Ganze hat für mich dazu geführt, dass ich diesen wunderbaren Einstieg in den zweiten Akt ganz neu wahrnehmen konnte. Fast war es eine Erfüllung meines alten Wunsches, den Fidelio nochmal völlig neu erleben zu können. :engel Die Abweichungen von der Endfassung gerade auch im Text beschäftigen mich sowieso wieder im steigenden Maße. In Florestans Arie ist mir besonders aufgefallen, dass statt des "Engels Leonore" etwas ganz Anderes betont wird. Die bekannte Schlusszeile des ersten Arienteils "Meine Pflicht hab ich getan" wird im zweiten Arienteil aufgegriffen und nochmal mehrfach betont: "Sage deinem Herzen: Florestan hat recht getan". Hier ist es also nicht in erster Linie der Gedanke an Leonore, der Florestan aufrecht erhält, sondern sein gutes Gewissen! Es wird schon Gründe gegeben haben, dass Treitschke und Beethoven das in der Endfassung so gründlich geändert haben, aber der Gedanke, dass beides eine wichtige Rolle spielt, war für mein Bild von Florestan trotzdem sehr interessant. Eine neue Facette in einem Edelstein.
Es gibt ja auch noch eine ganze Reihe weiterer, musikalisch und textlich schwerwiegenderer Änderungen, auch über meinen Beitrag vom 17.8.14 hinaus: Das Finale im 1. Akt (kein Quintett mit Gefangenenchor, sondern eine weitere Arie von Pizarro mit Soldatenchor als Untermalung, ab 1:46 h im o.g. Link) und das Duett Fidelio-Marzelline über die Ehe (ab 1:24 h) fallen mir da als erste Beispiele ein. Welche waren für dich am eindrücklichsten? Und kannst du mir noch Beispiele nennen, wo du Zeppenfeld gestalterisch am besten fandest? Damit würde ich mich auch gerne noch beschäftigen.
also, erstmal bin ich immer noch an diesem Mitschnitt aus dem ThadW dran und er hängt mir noch nicht zum Halse raus, was ein gutes Zeichen ist :leb.
Die herausragendsten Differenzen zwischen 1806 und 1814 liegen für mich tatsächlich in den Unterschieden in jeweils Leonores bzw. Florestans großer Arie. Letztere hast Du ja schon trefflich verglichen und ich denke, dass sich die Arie in Richtung größerer Theaterwirksamkeit entwickelt hat. Diese Leonoren-Vision ist unglaublich packend und anrührend, während die Analyse des eigenen guten Gewissens schon etwas subtiler und abstrakter daherkommt. Wie gesagt, inzwischen finde ich ja, dass beide Versionen unter die Haut gehen, aber wenn ich die Wahl hätte, würde ich mich doch für den Engel Leonore entscheiden :wink. Ja, und bei Leonores Arie ist das "Abscheulicher ....." auch richtiger Donnerschlag, total anders als "Ach, brich noch nicht, du mattes Herz ...", das ganze Gegenteil eigentlich. Das passt zu Deiner Feststellung im Beitrag vom 17.8.14, dass Leonore in der früheren Fassung weniger heldisch gezeichnet ist. Eigentlich toll und richtig modern, dass Beethoven der Figur letztlich noch viel mehr Entschlossenheit und in gewisser Weise Emanzipation (war damals überhaupt schon die Rede davon?) zugestanden hat! :down
Zu Zeppenfelds Rocco ist mir aufgefallen, dass die Spielfreude im Laufe der Vorstellung etwas abfällt. Sehr gut fand ich die Goldarie, die inhaltlich vielleicht nicht der Renner ist (aber ein schlimmer Ohrwurm :D) – die singt er im wesentlichen auswendig und agiert ziemlich viel bzw. interagiert auch mit Leonore und Marzelline, das war schon raffiniert und hat mich begeistert. Gut fand ich auch, wie er sich sichtlich einschüchtern lässt bei Jetzt Alter.... Im 2. Akt hat er die Figur vielleicht nicht mehr so individuell gezeichnet, aber es ist bei den Ensembles auch schwer zu beurteilen, da die Kamera ja meist auf einen der Protagonisten fokussiert war.
Jedenfalls freu' ich mich darüber:
Original von stiffelio Das Ganze hat für mich dazu geführt, dass ich diesen wunderbaren Einstieg in den zweiten Akt ganz neu wahrnehmen konnte. Fast war es eine Erfüllung meines alten Wunsches, den Fidelio nochmal völlig neu erleben zu können. :engel
:beer Herzliche Grüße, Rk :hello
Hosenrolle1 (27.02.2016, 22:29): Original von Rotkäppchen Eigentlich toll und richtig modern, dass Beethoven der Figur letztlich noch viel mehr Entschlossenheit und in gewisser Weise Emanzipation (war damals überhaupt schon die Rede davon?) zugestanden hat! :down
Zumindest bei Beethoven selbst wohl eher nicht, wenn ich mir manche Aussagen von ihm ansehe ... kein Wunder, dass ihm der Gedanke von für-den-Mann-alles-machende-Ehefrau so gut gefallen hat.
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (27.02.2016, 22:51): Nein, es geht ja auch nicht um Beethoven privat. Ich habe Leonore auch bisher keine Sekunde als für-den-Mann-alles-machende-Ehefrau im Sinne einer devoten Ehefrau gesehen, sondern als außergewöhnlich mutige Frau, die alles auf eine Karte setzt. Aber wer weiß, wie die Figur auf Zeitgenossen gewirkt hat...
Hosenrolle1 (27.02.2016, 22:58): Als brave Frau, die für ihren Mann da ist, wie es sich auch gehört ... nie wird es zu hoch besungen.
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (27.02.2016, 23:03): Vielleicht liebt sie ja ihren Ehemann so sehr, dass sie ihn auch im eigenen Interesse wieder bei sich haben möchte und nicht weil sie irgendwie blind unterwürfig ist. So würde es mir zumindest gehen, wenn mein Mann seit zwei Jahren im Kerker wäre, was er zum Glück nicht ist (er saugt nämlich gerade Staub, ja wirklich :leb).
Hosenrolle1 (27.02.2016, 23:15): Das dachte ich anfangs auch, aber seitdem ich einiges über Beethoven, oder besser gesagt, von Beethoven selbst gelesen habe, sehe ich die Sache ziemlich skeptisch.
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (27.02.2016, 23:52): Na, das führt dann ziemlich schnell zur Frage, inwieweit Persönlichkeit und Werk eines Komponisten getrennt werden sollen, dürfen, müssen; darüber haben sich schon jede Menge Forianer in diversen Foren gefetzt.
Ich habe ja lediglich gesagt, dass Beethoven im Verlauf der verschiedenen Fidelio–Fassungen der Leonore offenbar mehr Modernität zugestanden hat. Warum er das getan hat und inwieweit das seinem persönlichen Frauenbild entspricht, steht auf einem anderen Blatt.
Was hat z.B. Händel für spannende Frauenfiguren veropert, während seine Beziehung(en) zu Frauen trotz intensiver Forschung wohl immer im Dunkel bleiben wird/werden. Deswegen sind diese Figuren aber doch trotzdem interessant, egal ob ich jemals nachprüfen kann, wie ernst das der Schöpfer persönlich gemeint hat.
stiffelio (28.02.2016, 22:11): Original von Rotkäppchen Die herausragendsten Differenzen zwischen 1806 und 1814 liegen für mich tatsächlich in den Unterschieden in jeweils Leonores bzw. Florestans großer Arie. ...
Liebe Rotkäppchen,
danke für deine Antwort, damit hatte ich einen guten Grund, mich nochmal in den ersten Akt zu vertiefen. :wink
Ich gebe dir recht, dass die Hauptrollen-Arien sich in Richtung mehr Dramatik entwickelt haben. Allerdings ja interessanterweise bei Florestan am Ende der Arie, bei Leonore hauptsächlich im Rezitativ vor der Arie (in der Melodieführung allerdings auch ganz am Schluss, wo Beethoven 1806 nach dem Spitzenton noch ein Anhängsel drangehängt hatte, das die Dramatik wieder etwas abmildert). Der "Engel Leonore" ist sicherlich nicht leicht zu gestalten, aber er reißt textlich und musikalisch auch meiner Meinung nach noch mehr mit als die Fassung von 1806. (Es braucht schon einen so intensiven Gestalter wie Schade, um den Text von 1806 so spannend hinzukriegen.) Mit der Leonoren-Arie habe ich dagegen ehrlich gesagt schon immer einige Probleme gehabt, ich höre sie mir nur sehr selten gezielt an, ganz anders als Florestans Arie. Vielleicht sind das hauptsächlich meine Schwierigkeiten mit Frauenstimmen, die daran schuld sind. Ein einziges Mal hat sie mich wirklich vorbehaltlos begeistert und das war mit Waltraud Meier (in der von mir sonst gar nicht so geschätzten Valencia-Aufnahme). Aber mal abgesehen davon, dass in der 1806-Fassung wesentlich mehr Koloraturen enthalten sind, die in der Summe die Arie vermutlich eher erschweren - ich könnte mir vorstellen, dass dieser Riesensprünge nach unten in dem Wort "Gattenliebe" ("Ich folg dem innren Triebe...") mit den Koloraturen einfacher zu singen sind. (Gerade diese Stelle hört sich z.B. bei Janowitz auf der Bernstein-DVD - natürlich Endfassung - in meinen Ohren nicht wirklich gut an.)
Zu Zeppenfeld: Gleich bei den ersten Tönen der Goldarie hat mich wieder diese wunderbare Bassstimme in ihren Bann geschlagen. Zeppenfeld ist wirklich ein toller Sänger und bei dieser Stimme sehe ich dann auch mal darüber hinweg, wenn mich die Gestaltung nicht ganz so überzeugt. Ich kann zwar nachvollziehen, was du speziell bei der Goldarie meinst (und das ist ja auch eine sicherlich oft geübte Parade-Arie bei Bässen), aber diese konzertante Aufführung hat Zeppenfeld meinem Empfinden nach nicht soviel Identifikationsfläche geboten. Rocco ist ja die Rolle, die die meisten Grautöne hat und in der Fidelio-Aufführung von 2013 war nach dem Trailer zu schließen, ziemlich viel Schwarz dabei. Der Text von 1806 hätte jetzt Gelegenheit geboten, diese Schwärze nochmal zu vertiefen, aber genau das wurde (von wem auch immer, im Abspann standen für die "szenische Einrichtung" Herbert Föttinger & Roland Geyer, also der Regisseur von 2013 und der Intendant) offenbar nicht gewollt oder nicht umgesetzt. Zeppeneld interagiert zwar, aber für mich kommt da irgendwie trotzdem kein Charakter rüber. Oder die Kamera hat ihn tatsächlich nicht eingefangen, das will ich nicht völlig ausschließen.
Leonores Charakter hat zwischen 1806 und 1814 ganz sicher eine Wandlung in Richtung Eigenständigkeit und Stärke durchgemacht (sogar Skrupellosigkeit, wenn man Absicht dahinter vermutet, dass ihre Skrupel gegenüber Marzelline aus den Sprechtexten gestrichen wurden), aber unterwürfig war sie in keiner Fassung. Wer sich so gegen Mächtigere und alles, was Andere Schicksal nennen würden, auflehnt, der ist gegen niemanden unterwürfig.
LG, stiffelio
palestrina (12.04.2017, 17:52): Heute, inspiriert von KeithM.C. den Fidelio mit Abbado gehört na ja, das ist nicht die gelungenste Aufnahme, der Florestan von Kaufmann ist schon ziemlich gut, trotz der langsamen Tempi, warum habe ich nur damit Probleme?, aber der Fidelio von N.Stemme ist ja sogar nicht mein Fall, hierzu muss ich sagen das ich mit der Figur immer schon meine Probleme hatte, aber auch das kann ich nicht erklären ! Und wie Keith schon richtig anmerkte der Pizarro von Struckmann ist fast schon unterirdisch, Orchester mäßig ist das sehr schön musiziert, aber es fehlen so die Akzente! Lieber KeithM.C, die Arie des Florestan ist auf dem Recital noch exzellenter gesungen als auf der GA.
Jetzt stelle ich hier mal eine Einspielung vor, die mich von Anfang an richtig glücklich gemacht hat ...
AD 1998
Inga Nielsen (Lenore) Gösta Winbergh (Florestan) Alan Titus (Don Pizarro) Kurt Moll (Rocco) Edith Lienbacher (Marzelline) Herwig Pecoraro (Jaquino) Wolfgang Glashof (Don Farnando) Hungarian Radio Chorus Nicolaus Esterházy Sinfonia/Michael Halász
Ja, da ist nun wieder G.Winbergh der die Arie ähnlich anlegt wie J.Kaufmann und er weiß auch wie man hier Akzente setzt, man hört ihm wohlwollend und gerne zu, gerade auch das Anschwellen bei Gott ...die Stimme ist gerade zu bebend im Ausdrck, wie ich mir das vorstelle nach zwei Jahren Kerker und Einzelhaft! I.Nielsen singt für meine Begriffe einen wunderbaren Fidelio an dem man nicht rumzumäkeln kann, das ist mit Pathos, aber in maßen, und mit viel Aussage interpretiert, ich habe mich heute wieder dabei erwischt wie gespannt ich ihr wieder zugehört habe!! :love: A.Titus gibt einen bösartigen Pizarro, Struckmann hätte sich das mal anhören sollen! ;) K.Moll ist ein vorzüglicher Rocco, auch das junge Paar ist sehr gut besetzt. Hier kann man auch ruhig mal erwähnen daß die Dialoge vortrefflich gestaltet sind. Das Orchester unter Halász spielt mit Freude und Intusiasmus, aber die große Geste vermisst man ein klein wenig! Ergo, für kleines Geld eine vorzügliche Aufnahme!
LG palestrina
Rotkäppchen (20.06.2017, 23:00): Hallo zusammen,
vor wenigen Tagen hatte ich das seltene Vergnügen die "Urfassung" des Fidelio alias Leonore (1805) live zu Gehör zu bekommen. Die Aufführung stellte gleichzeitig das Abschlusskonzert der diesjährigen Dresdner Musikfestspiele dar, war an sich konzertant, aber mit separaten Performance-Elementen zweier Tänzer, einer Pianistin und Videosequenzen angereichert. Mich hat das Konzept wenig überzeugt, deswegen gehe ich nicht ins Detail. Die Dialoge wurden weggelassen und HIP gespielt (Dresdner Festspielorchester unter Ivor Bolton), und zwar ziemlich schroff, fast schon aggressiv. Pluspunkt des Abends war die durchweg gute, zum Teil exzeptionell gute Sängerbesetzung, allen voran die Sopranistin Miriam Clark in der Titelrolle. Das ist auch der Grund, warum ich hier in diesem Thread berichte. Die Sängerin scheint die Ur-Leonore schon länger im Repertoire zu haben, denn bereits auf S. 1 dieses Fadens (#19, von 2012) wird von ihr so berichtet: Die Leonore ist in dieser Fassung wohl noch dreimal schwerer als sonst, vor allem weil man in der Urfassung keine andere Wahl hat, als einen dramatischen Koloratursopran zu nehmen (Komm Hoffnung ist besonders im schnellen Teil voll von Koloraturen). Miriam Clark bewältigt diese Aufgabe bravourös! wirklich die Starleistung des Abends! Und das war jetzt in Dresden, 5 Jahre später, ebenfalls eine rundum großartige Leistung! Was hat sich Beethoven mit der Urfassung der großen Leonoren-Arie nur für eine Teufelei ausgedacht bzgl. Stimmumfang, Koloraturen, Sprüngen, dynamischer Unterschiede ... und Miriam Clark singt die Arie, als wäre es die normalste Sache auf der Welt. Schade, dass dieses vokale Meisterstück nicht aufgezeichnet wurde. Die anderen Sängerleistungen sind dadurch etwas verblasst, aber auch da gab es nichts zu meckern! Hervorheben möchte ich Christina Gansch und Martin Mitterrutzner als schönstimmiges, fast neckisches "junges Paar" und Eric Cutler als klug gestaltenden, (auch stimmlich) leidenden Florestan.
Jedenfalls bin ich nach diesem Live-Erlebnis überzeugt, dass sich – angenommen Beethoven hätte nicht weitergebastelt – auch diese Fassung über die Jahre irgendwie durchgesetzt hätte! Naja, zugegeben, dass der "Engel Leonore" in Florestans Arie fehlt, verursacht schon einen kleinen Phantomschmerz :D .
Zum Schluss nochmal die Akteure in der Übersicht:
Miriam Clark, Sopran (Leonore) Eric Cutler, Tenor (Florestan) Michael Kupfer-Radecky, Bariton (Don Pizarro) Christina Gansch, Sopran (Marzelline) Martin Mitterrutzner, Tenor (Jacquino) Peter Rose, Bass (Rocco) Tareq Nazmi, Bass (Don Fernando)
Rotkäppchen (21.06.2017, 16:24): Noch eine Ergänzung: Seit drei Tagen suche ich erfolglos im Netz nach Besprechungen dieser "Leonore" ... heute habe ich endlich einen sehr schönen ausführlichen Review eines Bloggers gefunden, den ich voll unterschreiben kann:
Beethoven's 'Leonore' brings the 40th Dresden Music Festival to a thrilling conclusion
Rotkäppchen (23.06.2017, 19:24): Review ... gefunden Die Aufführung beschäftigt mich immer noch. => Heute erneut eine Web-Suche gestartet und diesmal eine Besprechung auf deutsch gefunden, die ich verlinkungswürdig finde:
vielen Dank für deinen Bericht und die Verlinkungen - so konnte ich mir zumindest ein klitzekleines Bild dieser offenbar mit Recht gefeierten Aufführung machen.