Beethoven Klavierkonzert Nr. 1

Fafner (24.09.2020, 22:07):
Hallo, ich hätte eine Frage. Kann mir bitte jemand weiterhelfen? Anscheinend ist die Kontrabassstimme von Beethovens 1. Klavierkonzert mit einer Generalbassbezifferung versehen. Kann mir bitte jemand die Gründe hierfür erläutern? Beste Grüße
Philidor (25.09.2020, 07:29):
Hallo Fafner,

stimmt, jedenfalls steht die Bezifferung in meiner Eulenburg-Taschenpartitur des Konzertes.

Nikolaus Harnoncourt schreibt im Beiheft zur Aufnahme der Klavierkonzerte KV 537 und 488 mit Gulda:

" ... In allen Mozart-Konzerten ist das Klavier als durchgehendes Continuo-Instrument vorgeschrieben. Der Pianist soll nämlich nicht, gewissermaßen als Star, auftreten wie bei einem der Virtuosen-Konzerte des 19. Jahrhunderts. Er soll von Anfang an da sein, sich aus dem Orchester lösen, gewissermaßen allein übrig bleiben. ... "

Mag sein, dass Beethoven sich da an einer älteren Konvention orientierte.

Gruß
Philidor

:hello
Fafner (25.09.2020, 08:51):
Was soll man sagen, ich bin begeistert! Vielen Dank!
Amadé (25.09.2020, 09:36):
Merkwürdig, im älteren B-Dur Konzert Nr. 2 fehlt der Gb. Für mich noch merkwürdiger, die Generalbassbezeichnung müsste doch unter der Klavierstimme stehen, nicht unter den Bässen, die hier eh mitspielen. Vielleicht ist diesbezüglich früher einmal eine Dissertation verfasst worden, die wir nicht kennen aber gern kennenlernen würden.

Gruß Amadé
Philidor (25.09.2020, 10:15):
Keine Diss., aber immerhin:

https://digibib.mozarteum.at/ismretroverbund/periodical/titleinfo/999798

Gruß
Philidor

:hello
Philidor (25.09.2020, 10:22):
Die englischsprachige Wikipedia lässt sich Stand heute dazu aus:

https://en.wikipedia.org/wiki/Piano_concertos_by_Wolfgang_Amadeus_Mozart#Continuo_role

Gruß
Philidor

:hello
satie (25.09.2020, 16:26):
Spezifisch zu Beethoven gibts einiges hier:

https://www.researchgate.net/project/Haydn-Mozart-and-Beethovens-piano-concertos-basso-continuo-and-cadenzas
Guenther (26.09.2020, 11:19):
Einen ersten Überblick kann man sich auch einmal in der Wikipedia verschaffen:


Obwohl das Cembalo als Soloinstrument zwischen etwa 1775 und 1790 aus der Mode kam, hielt sich die Praxis des Generalbasses in der Orchestermusik, Oper und Kirchenmusik (Orgel) bis ins frühe 19. Jahrhundert. Davon zeugt u. a. auch das lebhafte Interesse an Generalbassschulen. So erlebte beispielsweise D. Kellners Generalbass-Schule (Hamburg 1732) neun regelmäßige Neuauflagen bis 1796. Und Daniel G. Türks Kurze Anweisung zum Generalbass-Spielen (Leipzig/Halle 1791) erschien bis 1841 immerhin fünfmal.

Es ist außerdem zweifelsfrei belegt, dass Joseph Haydn (z. B. Londoner Sinfonien, Schöpfung) und Mozart (z. B. Così fan tutte, Zauberflöte) bis an ihr Lebensende das Orchester vom Cembalo aus leiteten. In klein besetzter Kammermusik war auch das Fortepiano als Continuoinstrument beliebt, aber als „Dirigierinstrument“ mit großem Orchester war es zu leise. Es ist jedoch bekannt, dass Mozart in seinen Klavierkonzerten bei Orchesterstellen Continuo spielte.
Die frühen Divertimenti Mozarts und Haydns sind noch mit Generalbassbezifferung versehen. Noch bis in die 1820er Jahre wurden die Rezitative der Opern von Mozart, Rossini (z. B. Tancredi oder Barbier von Sevilla von 1816), Meyerbeer (noch in Il crociato in Egitto von 1824) und ihrer Zeitgenossen durch das Cembalo begleitet. Trotzdem
hatte sich der Generalbass um 1800 bereits selbst überlebt. Schon Beethoven schrieb, dass er mit einem „obligaten Accompagnement auf die Welt gekommen“ sei.

Es lohnt sich (bei entsprechendem Interesse) einmal einen Blick in die Dokumente der zeitgenössischen Autoren zu werfen (einige sind im Zitat angegeben, weitere im verlinkten Artikel).

@Satie

Toller Link, danke!
(Man kann sich die Texte als PDF downloaden!)