Beethoven, wir haben ein Problem

Nicolas_Aine (27.04.2011, 17:10):
Der Betrieb der klassischen Musik, von Steuergeldern gestützt, ist reif fürs Museum. Aber nicht die klassische Musik ist in der Krise, sondern die, die diesen Klassikbetrieb verantworten. Ein Plädoyer des jungen Musikers Steven Walter dafür, Rituale über Bord zu werfen und sich auf das zu konzentrieren, worum es geht: das unendlich Aufrüttelnde guter Musik.


http://www.kontextwochenzeitung.de/newsartikel/2011/04/beethoven-wir-haben-ein-problem/



Ein meiner Meinung nach guter Artikel von einem Freund von mir. Das einzige, was mich etwas stört, dass er im Artikel wenig auf mögliche Alternativen eingeht, obwohl er bei dem erwähnten Podiumfestival (wer Zeit hat - es lohnt sich auf jeden Fall, da mal hinzugehen!) durchaus genau das anpackt.

Von mir aus könnte man am etablierten Konzertbetrieb gern festhalten, aber ich glaube, das führt nirgendwohin :/
Wooster (28.04.2011, 16:50):
Es wird dort ziemlich viel behauptet, aber wenig konkret belegt. Argumente finde ich auch wenig schlüssige. Im Gegenteil gibt es recht widersprüchliche Aussagen. Ich will das nicht Satz für Satz zerfetzen, aber z.B.

"Eines ist sicher: Die Zeit der alten musikkulturellen Bescheidwisser ist vorbei. Die selbst ernannten Hüter des Wahren, Schönen und Guten werden plötzlich konfrontiert mit Horden gebildeter junger Menschen, die doch eigentlich den Publikumsnachwuchs Steven Walter bilden müssten, aber nun nicht wissen, woraus ein Streichquartett besteht und auch nicht den Unterschied zwischen Beethovens "Pastorale" und seiner "Eroica" hören – und damit ganz gut leben können."

Warum ist das sicher?
Warum bezeichne ich jemanden als gebildet, der das nicht weiß? Der ist zumindest musikalisch ungebildet, ganz gleich welche formalen Abschlüsse er bestanden hat.

"Wir verlieren also den Kontakt mit dem Publikum."

Zum Publikum oder zum potentiellen Publikum, das "eigentlich" nachwachsen müsste, aber leider keine Ahnung und wenig Interesse hat? Eher das zweite.

"Interessant ist, dass es vor dieser bürgerlichen Variation der Aufführungskultur zahlreiche andere Konzertformate gab. Seltsamerweise hat sich aber gerade diese bürgerliche Konzertausprägung bis heute als das "klassische Konzert" durchgesetzt,."

Dem hätte man mal nachgehen sollen. Was wären denn Beispiele "anderer Konzertformate"? Aufspielen zum Tanz auf der Kirmes? Eine Messe mit Musik von Palestrina ist eben gerade kein "alternatives Konzertformat", sondern ein religiöses Ritual. Eine exklusive Kammermusik im Salon eines Fürsten ist zwar kein bürgerliches öffentliches Konzert. Aber der Unterschied besteht hauptsächlich in der Exklusivität, denn auch dort stehen ebenfalls die Musik und ihre Rezeption im Mittelpunkt.
Es wäre vielleicht der Mühe wert gewesen, zu verstehen, warum sich "seltsamerweise" das klassische Konzert durchgesetzt und bis heute gehalten hat. Vielleicht ist das gar nicht so seltsam und anachronistisch?

"Gerade in Zeiten der medialen Reizüberflutung wächst die Sehnsucht der Menschen, sich endlich auf etwas Wahrhaftes, Transzendierendes einzulassen "

Damit hat er wohl recht, allein er zieht fragwürdige Konsequenzen:

"Klassische Konzerte beginnen, sich von der Sphäre des Konzertsaals zu emanzipieren und in die tatsächlichen Lebensräume der Menschen einzudringen. Warum nicht anspruchsvolle, instrumentale Musik im Club, oder als Jam in einer Bar, oder kombiniert mit anderen Künsten?"

Ist es nicht gerade die Pointe des Einlassens "auf etwas Wahrhaftes, Transzendierendes", dass dies in einem "geschützten Raum", ohne Reizüberflutung stattfindet? Und nicht in einer Bar, wo alles Mögliche von der Musik ablenkt? Oder im restlichen Lebensraum.
Es ist überdies ja nicht so, dass es nicht schon vor hundert Jahren Barpianisten und Promenadenkonzerte gegeben hätte. Nur kann man manche Musik so eben nicht angemessen präsentieren. Abgesehen davon ist durch die Tonkonserve jegliche Musik verfügbar, mit mp3 und Kopfhörer auch im Fitnessstudio und sonstwo. Unser Problem ist wohl kaum, nicht genügend Musik in unseren Lebensräumen zu haben. Eher im Gegenteil!

"Denn die Musik ist nicht das Problem. Es geht vor allem um unsere Haltung, Überzeugung und Authentizität. Wir dürfen niemals aufhören, anzufangen und niemals anfangen, aufzuhören für die wahre, breite Entfaltung dieser Musik zu kämpfen."

Das "bürgerliche Konzert" ist die Form, die sich entwickelt hat, um die Musik in den Mittelpunkt zu stellen. Nicht das religiöse Ritual oder das Hofzeremoniell oder das gemütliche Beisammensein mit Hintergrundbeschallung. Entsprechend wurden unter dieser Voraussetzung, nämlich dass Zuhörer ihre ungeteilte Aufmerksamkeit widmen, immer umfangreichere und sehr anspruchsvolle Werke komponiert. Klar, zum "Anfixen" kann man sich alles Mögliche überlegen.
Aber man wird doch kaum ernsthaft behaupten, dass sich eine Sonate von Beethoven oder eine Brucknersinfonie besser entfalten können, wenn sie z.B. im Freien mit Hintergrundgeräuschen aufgeführt werden und die Zuhörer sich jederzeit dazusetzen oder wieder weggehen können. Oder in einer Bar als Hintergrundmusik zum Trinken und Plaudern?
Cetay (inaktiv) (08.05.2011, 18:18):
Ich denke nicht, dass Beethoven ein Problem hat, sondern eher die Ausführenden, die sich lobenswerte Gedanken wider den Konservativismus im paralytischen Konzertbetrieb machen und dann als einzige Anwort die denkbar konservativste Reaktion bekommen, nämlich Ablehnung durch Hinterfragen der Beweisbarkeit, Schlüssigkeit und Widerspruchsfreiheit. Damit ist der junge Musiker bestätigt und sieht weiter bange dem Aussterben seines Publikums entgegen und der Konservativist braucht sich nicht weiter mit ihm auseinandersetzen, er hat die Ideen schon abqualifiziert, ehe er sie überhaupt auf positive Aspekte untersucht hat.

Zum Glück handelt es sich bei dem jungen Ausführenden um einen Menschen, der nicht nur ein Problem sieht, sondern selbst Ideen zur Lösung entwickelt und sie gleich noch umsetzt. Das von ihm aus der Taufe gehobene PODIUM (Junges Europäisches Musikfestival) beweist, dass eine Abkehr vom etablierten Konzertbetrieb nicht immer gleich auf Hintergrundbeschallung in einer Bar hinauslaufen muss. Es genügt für den Anfang schon mal, Programme, die diese Bezeichnung auch verdienen, zu bieten oder Kammermusikabende durch wechselnde Besetzungen attraktiver zu gestalten. Und die Lounge mit abwechselnd "Live Acts" und Musik vom Klassik-DJ, wo man in den Pausen im ungewungenen Rahmen über die Vorzüge der kammermusikalischen Bearbeitung von Mahlers Nachtmusik aus der 7. (aufgeführt ohne den Rest der Sinfonie - was für ein Sakrileg!) diskutieren kann ... warum nicht?

Ich war leider auf Reisen und konnte nicht hingehen, mich hätte von dieser einen Woche mehr interessiert als von allen anderen Konzertreihen der Gegend über die ganze Saison hinweg zusammen. Chapeau!