Falstaff (30.08.2018, 01:47): Oder sollte es doch vielleicht -überspitzt- das Ende heißen?
1799 begonnen, wird die 1. Sinfonie im April 1800 unter der Leitung des Komponisten erfolgreich in Wien uraufgeführt.
Weiterhin Viersätzig gibt es doch eine entscheidende Änderung zum klassischen Aufbau einer Sinfonie. (Korrigiert mich bitte, wenn ich mich hier irre.)
1. Satz: Adagio molto – Allegro con brio 2. Satz: Andante cantabile con moto 3. Satz: Menuetto (Allegro molto e vivace) 4. Satz: Adagio – Allegro molto e vivace
Und das ist der zwar 'Menuett' genannte 3. Satz, der aber eher als 'Scherzo' daherkommt. Etwas, was Beethoven Zeit seines 'Sinfonie-Lebens' beibehalten wird. Ausnahme ist die 8., in der noch einmal von 'Tempo di Menuetto' die Rede sein wird.
Schon mit der 1. Sinfonie hat man aber das Gefühl, dass Beethoven es doch manchmal wohl gerne hatte, den Hörer zu verwirren. In der 4. dauert es z.B. nach der/den langen Einleitungen recht lange, bevor man weiß, wohin die Reise gehen soll. Und auch der Beginn der 2. ist so. Vielleicht findet sich das sogar noch in der 9. Und auch hier ist es so. Bevor die Grundtonart 'C-Dur' erklingt, dauert es schon eine ganze Weile. Hier deutet sich möglicherweise schon eine ganz andere Idee einer Sinfonie an.
Wenn ich mir nun verschiedene Aufnahmen des Werkes anhöre, habe ich immer das Gefühl, dass es, grob gesagt, zwei Richtungen gibt. Die einen, die eine mögliche Haydn-Nähe aufzeigen und trotzdem das Neuartige der Sinfonie betonen und die anderen, die schon in der 1. die 9. vorausahnen und Haydn dabei eher als 'überwunden' verstehen. Schließlich wird doch aus dem Menuett eher ein Scherzo. ^^
Persönlich habe ich keinen Favoriten. Allerdings mag ich eine geradlinige, recht schnelle Ausführung ohne großes und bedeutungsschweres Hineininterpretieren. Was nicht heißt, dass ich nicht meine 'Säulenheiligen' habe. :D
:hello Falstaff
Falstaff (30.08.2018, 01:50): Ich werfe zunächst einmal einen 'HIPpy' in den Ring,
den ich aber persönlich recht bieder finde.
:hello Falstaff
Falstaff (30.08.2018, 01:58): Dagegen setze ich mal den hier:
Und wie so oft in letzter Zeit haut er mich wirklich um. Ich habe das Gefühl, da wird kein 'Federlesen' gemacht. Das wird einem als 'So-isses' präsentiert. Und gleichzeitig blüht es auf, ist spannend, auch gnadenlos (möchte ich fast sagen), aber immer schlank und folgerichtig. Und so, dass man sich dem kaum entziehen kann.
:hello Falstaff
Cetay (inaktiv) (31.08.2018, 11:32): Die Erste! Das ist unangefochten meine Lieblingssinfonie von Beethoven und sicher in meiner Sinfonien-Allzeit-Top-10 (wenn ich überhaupt noch 10 Top-Sinfonien zusammenbekomme). Das, wofür sie geschasst wird, liebe ich so an ihr; dass sie noch kein "richtiger" Beethoven ist - was für mich heißt, noch nicht mit außermusikalischer Bedeutung aufgeladen und noch ohne aufdringlich hörbare Willensanstrengung, etwas Großes zu schaffen. Ich nenne sie gerne die 13. Londoner Sinfonie. Natürlich geht sie darüber hinaus, aber Haydn wird nicht überwunden - es sei denn, man sieht den Abstieg nach Überschreiten eines Gipfels als Überwindung ebendieses Gipfels an. Die 1. ist freilich ist noch mindestens auf gleicher Höhe, der steile Abstieg beginnt mit der Zweiten, der Totalabsturz passiert mit der Eroica.
Was ich nicht so recht verstehe, ist der Terz, der heute immer noch um die langsame Einleitung gemacht wird. Klar, seinerzeit war das kühn und reaktionäre Kräfte haben deswegen wahrscheinlich den Niedergang der Kultur ausgerufen, aber heutzutage, wo wir es gewohnt sind, dass überhaupt keine Grundtonart mehr erreicht wird, machen die paar Takte Verschleierung derselben keinen sonderlichen Eindruck mehr. Was beeindruckend ist und bleibt, sind die aus der Ökonomie der Mittel resultierende glasklare Architektur (deutlich nach Haydns Vorbild) und die Tatsache, dass wirklich jedes Motiv und jedes Thema höchste Ohrwurmqualitäten ohne banal-volkstümelnde Anbiederung hat. Ein Werk, dass man nach kurzer Zeit auswendig Summen kann, aber eben (noch) nicht grölen (anders wie etwa das Hauptthema des ersten Satzes der Eroica ... kann man eigentlich zwischen den Zeilen lesen, dass die nicht meine ganz große Liebe ist? ;) ).
Wer könnte so ein Stück absoluter Musik, das sich noch ganz selbst genügt, besser dirigieren als der im Beitrag oben schon genannte Toscanini? Zerdehnte und bedeutungsschwangere Interpretationen sind hier noch mehr fehl am Platz als bei den späteren Sinfonien. Schwer beeindruckt hat mich seinerzeit (lies: vor über 10 Jahren) die Einspielung, die Heinrich Schiff -lange vor Järvi- mit der Bremer Kammerphilharmonie gemacht hat.
Schiff war an vorderster Front der Bewegung, welche die Erkenntnisse und Errungenschaften der Historischen Aufführungspraxis auf den modernen Orchesterapparat übertragen hat. Sein Beethoven ist absolut durchsichtig, klingt aber trotzdem warm und gewichtig. Die Artikulation ist scharf bis heftig, trotzdem bleibt sie immer rund und vermeidet jede Ruppigkeit. Und vor allem wird der Klangaufbau mit präziser Differenzierung nachgezeichnet, ein Element das bei den "herkömmlichen" Beethovendirigenten oft nur eine Nebenrolle spielt. So prononciert wie bei Schiff hat man die Pauken selten zuvor gehört - alleine dafür lohnt sich für Paukenfans die Anschaffung. Besonders der ersten Sinfonie bekommt der Sturm-und-Drang Ansatz ganz vorzüglich (...) Das Wesentliche kann man eh nicht in Worten ausdrücken: dieser Beethoven klingt einfach "richtig" und er wird als Dreingabe noch mit einer seltenen Hingabe und Spielfreude musiziert.
Sfantu (26.11.2021, 13:10): Die Erste ist so überzeugend, so vereinnahmend, daß man sie einfach mögen muß. So ging es mir als Jüngling, als ich Beethoven für mich zu erkunden begann. Und so geht es mir bis heute. Diese Musik bereitet mir immer Freude. Und eine wirklich lausige Aufführung habe ich noch nicht erlebt. Wie Falstaff es schon erwähnte, wird in der langsamen Einleitung ein neckisches Verwirrspiel geboten, das nur von einem selbstbewußten, genialen Geist erdacht werden konnte. Schon die ersten beiden Akkorde, dieser Sekundschritt nach oben, der ja als Auflösung begriffen werden kann. Klassiche Stücke enden so. Hier ist es der Beginn - was für eine verblüffende, für das Publikum damals schier unverschämte kleine Scharade! In den folgenden Takten schwingt sich dieser umwerfende Kopfsatz schlendernd ein. Man sieht den jungen Komponisten gemütlich an den Türrahmen gelehnt, eine Hand nonchalant in der Hosentasche, mit der anderen gestikulierend und seinem Gesprächspartner mit angedeutetem Lächeln einwerfend: "Ach, übrigens - was ich noch sagen wollte..." Grandios, dieser Einstieg!
Heidelberger Sinfoniker - Thomas Fey (CD, Hänssler, 2000)
Adagio molto - Allegro con brio 8`34 Andante cantabile con moto 7`06 Menuetto. Allegro molto e vivace 3`18 Adagio - Allegro molto e vivace 5`14
Kann man die Aufnahmen noch ernsthaft zählen? Und auch historisierende Einspielungen gibt es heute noch und nöcher. Wie schafft man es, hier noch eine eigene, herausragende Versionen zu erzielen? Wie Alleinstellungsmerkmale erarbeiten? Ist nicht eigentlich Alles schonmal da gewesen?
Da ich Platz schaffen muß (ein Dauerproblem, ja beinahe ein Lebensthema), schicke ich immer mal wieder altgediente CDs in ein Playoff um zu entscheiden, ob sie, weil unverzichtbar, bleiben müssen. Oder eben, ob man sich in Freundschaft trennen kann.
Zwar muß ich die Zweite erst noch wiederhören. Ginge es aber nur um das op. 21, würde ich mich fürs Lebewohl-Sagen entscheiden. Wird schlecht performt? Keineswegs. Ist das Orchester nicht in Topform? O doch, das ist es. Und zwar fast schon over the top, will sagen, überdreht. Es liegt über Allem eine Stimmung des Um-jeden-Preis-Aufrütteln-Müssens. Sforzati werden überdeutlich und mit Knalleffekt gespielt. Die Akzente sind über Gebühr scharf. Das macht, einzeln betrachtet, enormen Eindruck. In der Summe aber wird mir das schnell zuviel. Hinzu kommt, daß eine gewisse nervöse Unruhe spürbar wird. Die Musik müßte mehr atmen, sie erhält wenig Chancen, ihren Charme zu entfalten. Hier täte eine Portion Gelassenheit gut. Am besten gefällt mir noch der Kopfsatz. Das Finale ist mir zu hastig - auch wenn die Heidelberger das technisch souverän meistern. Ärgerlich dann aber gegen Ende, daß das Metrum nicht mehr stimmig ist. Die Akkordschläge kommen um Zehntelsekunden zu früh. Prometheus` Kunst besteht eben nicht nur darin, das Feuer zu bringen sondern auch darin, es unter Kontrolle zu halten. Also nochmal: Hier wird zu wenig auf die Qualität des Stückes vertraut, es wird zuviel gemacht.
Amadé bezeichnet in seinem Beethoven-Buch den Klang als "etwas plebejisch". Das gefällt mir. Und es paßt.
Sfantu (26.11.2021, 13:58): @ artist formerly known as Cetay,
Deine Lobeshymnen auf Heinrich Schiffs Semi-Zyklus hatte ich abgespeichert, als mir die CD mit der Zweiten und Dritten diesen Sommer in die Hände fiel. Um es kurz zu machen: in der B-frage gehe ich mit Dir absolut d`accord (in der C-Frage auch).