Beethovens Waldsteinsonate

ab (02.10.2006, 18:04):
Liebe Forianer,

wie wohl jeder Leser hier schon bemerkt haben dürfte, bin ich großer Liebhaber der Kammermusik Beethovens. Neben dem Streichquartettschaffen hat es mir vor allem sein Klaviersontenwerk angtan. Und wirklich weiß ich jede Sonate höchst zu loben und zu schätzen - bis auf eine Ausnahme: Die Waldsteinsonte bereitet mir irgendwie beharrlich Widerstand.

Wer kennt Schriften über das Sonatenwerk: Liegt hier vielleicht irgend etwas Besonderes vor, das diese Sonte signifikant von seinen anderen unterscheidet? Wer hat vielleicht eine Vermutung, weshalb gerade dieses - doch recht häufig aufgeführte - Werk mir so viel weniger zusagt? Ich habe nämlich nicht die geringst Ahnung einer Erklärung dafür.

Danke!
Ganong (02.10.2006, 19:16):
Lieber ab ,

die "Waldstein"-Sonate leidet schon unter ihrem unglücklichen Namen . Und zwar sehr , weil damit zumal beim wenig geübeten Hörer undKenner der Hintergründe der Entstehung zum Teil ganz irrende Spekulationen hervorgerufen werden .

Manche Rezensenten machen , meiner meinung nach , noch den verhängnisvollen Fehler einem bestimmten Pianisten eine bestimmte Zeit der Schaffenperiode Beethovens unsinnig formalistisch zuzuordnen. In dem Fall von Opus 53 ist dies die Verbindung mit dem Namen Gulda .
Gulda ist ja nun wirklich nicht der einzige , der die "mittleren Sonaten" zumindest für seine Gemeidne grossartig eingespielt hat . Bei dem versuch zu realativieren und zu pbjektivieren , finden die Grossen Alten wie kempff ( 1950er und 1960er Jahre ) ebenso einen wahrscheinlich noch grösseren Anspruch auf den Platz auf dem Olymp wie Wilhelm Backhaus . Hoch interessant , dies wird meist unterdrückt , m u s s man das "Andante favori" mit einbeziehen .

Leider tust Du dies auch nicht . Dann nämlich nähern wir uns Claudio Arraus wirklich grossartiger Aufnahme ( eben mit dem "Andante favori" ; Philips ) .

Wir haben dann den manuell schier überwältigenden gegenpol zu Arrau in Horowitz . Aber ist dies , aussser dem Spektakulären , noch Beethoven . Wir mögen darüber diskutieren ( können ) . Diese Aufnahme gibt eben auch bei einigenbeethovensonaten die Horowitz - Grundsätze wieder : das Experiment zum Äussersten treiben . Eine sicher , wie auch bei Schumanns "Toccata" oder einigen Sonaten Scriabins oder Prokovievs interessante Analyse des Werkes , aber unter den von Dir ja immer betonten ästhetischen gesichtspunkten ist dies wenig zufriendenstellend .

Interessant ist die Aufnahme mit Yves Nat , weil er eben Klarheit des Notentextes verbindet mit delikatem Anschlag und grosser Liebe zu Inneren des Werkes .

ich möchte diese EMI - Aufnahme hier ausdrücklich herausstellen .

Literatur :
1. J Kaisers Buch über die 32 Sonaten beethovens 8 obwohl längst überholt , immer noch eine Fundgrube ) u n d

2. M Kornemanns umfangreichen Textbeitrag zum Zykklus von Buchbinder ( 2002 ) . Der text leidet unter vielen Manierismen Kornnemenns und oft vorhersehbaren Ergebnissen seiner Sonatenanalytik .

Viele Grüsse ,

Frank

PS.: das vielleicht überzeugenste "Andante favori" spielt für mich Igor Shukov . F.
ab (02.10.2006, 21:14):
a propos Waldsteinsonate: Jüngst kam ich an einem Laden vorbei, wo man leider nicht anhören kann. Dort war eine BrilliantClassics -Doppel CD ausgestellt mit einem mir unbekannten Piansiten:
Harris Goldsmith Plays Beethoven. Auf der Rückseite des Covers ist von Arrau zu lesen, dass Goldsmith einer der begabtesten jungen Piansiten gewesen sei, dessen Spiel so schön und berührend gewesen sei, dasss es ihm, Arrau, Tränen in die Augen getrieben hätte.

Was ist davon zu halten?
http://records.joanrecords.com/ProductImages/93092.jpg
AcomA (03.10.2006, 11:39):
lieber ab,

die sonate c-dur op. 53 ist ungeheuer weiträumig konzipiert im kopfsatz und auch im finale. bewegung und motorischer drive sind ein grundprinzip. der mittelsatz wurde von beethoven geändert, der zunächst das andante favori vorsah. diese sonate braucht einen überragenden pianisten und musiker, der technisch weit überdurchschnittlich agiert und dabei ein meister der phrasierung ist. ohne technik kann die sonate nicht klanglich erblühen, ohne musikalität klingt es wie eine nähmaschine, man höre vladimir horowitz !

zwei interpretationen bzw. aufnahmen haben es mir seit der schulzeit angetan:

claudio arrau (philips)
emil gilels (DG)

gruß, siamak :)
Rachmaninov (13.10.2006, 12:34):
@Siamak,

E. Gilels ist für mich einer der größten Beethoven Interpreten überhaupt.

Seine Deutung der Waldsteinsonate ist einfach atemberaubend. Diese Spannung ist nahezu unerreicht.



Deine Empfehlung schließe ich mich 100%ig an.

SO macht Beethoven irre viel Freude!
Amadé (16.10.2006, 18:08):
Liebe Forianer,

gestern Abend habe ich mir die Waldsteinsonate mir Rudolf Serkin angehört, ein MItschnitt aus London 1973. Der erste Satz umwerfend, Serkin schien damals außer sich zu sein, so als wenn Beethovens Geist in ihn gefahren wäre (wennich das mal so sagen darf). Ich habe vor ca 30 Jahren ähnliches mit Serkin erlebt, er spielte damals die Appassionata.

Die Gilels-CD bei DGG ist eine sehr gute Studio-Einspielung, die ins Spitzenfeld gehört. 1971 habe ich im Radio einen Klavierabend von den Salzburger Festspielen mit Gilels gehört. Er spielte damals auch die Waldsteinsonate, ich habe sie Gott-sei-Dank auf Band mitgeschnitten, immer wieder ein Genuss, den MItschnitt zu hören. Im Vergleich zur Cd fällt auf, um wieviel freier aber auch gespannter, zwingender Gilels interpretiert, das kann man kaum besser hinkriegen. Vielleicht - hoffentlich - veröffentlicht das Label ORFEO den Mitschnitt.

Gruß Bernd
:hello
Rachmaninov (25.02.2007, 16:52):
Forianer,

in den letzten Tagen hörte ich recht häufig die Waldsteinsonate. Ein so großartiges Werk voller Wechsel und Spannung.

U.A. hörte ich dabei die Aufnahme vom M. Korstick, der von seinen Mitstudenten bereits als "Professor-Beethoven" genannt wurde.
Korstick recherchiert im Vorfeld seiner Beethoven Aufnahmen sehr intensiv u.A. im Bonner Beethoven-Haus.

Seine Aufnahmen wirken immer extrem durchdacht und sehr konzentriert.

So ist es auch bei der Waldsteinsonate.

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/7580569.jpg

Leider verleirt Korstick durch diese "akademische" Betrachtung Beethoven's die große Spannung, dieses Eingebung.
Manchmal, so scheint mir, kann zu viel Wissen um ein Werk auch hemmend wirken.

So bleibt es was Korstick und sein Beethoven angeht bei meinem bereits geäußertem ambivalentem Verhältnis.
Gamaheh (28.02.2007, 21:26):
Original von Rachmaninov
Forianer,

in den letzten Tagen hörte ich recht häufig die Waldsteinsonate. Ein so großartiges Werk voller Wechsel und Spannung.

U.A. hörte ich dabei die Aufnahme vom M. Korstick, der von seinen Mitstudenten bereits als "Professor-Beethoven" genannt wurde.
Korstick recherchiert im Vorfeld seiner Beethoven Aufnahmen sehr intensiv u.A. im Bonner Beethoven-Haus.

Seine Aufnahmen wirken immer extrem durchdacht und sehr konzentriert.

So ist es auch bei der Waldsteinsonate.

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/7580569.jpg

Leider verleirt Korstick durch diese "akademische" Betrachtung Beethoven's die große Spannung, dieses Eingebung.
Manchmal, so scheint mir, kann zu viel Wissen um ein Werk auch hemmend wirken.

So bleibt es was Korstick und sein Beethoven angeht bei meinem bereits geäußertem ambivalentem Verhältnis.

Lieber Rachmaninov,

diese Waldstein-Sonate von Korstick gab es mal als Beigabe zum Fono-Forum. Für mein Empfinden ist diese Interpretation vulgär und dort, wo sie womöglich kraftvoll und leidenschaftlich sein sollte, nichts anderes als brutal; den zweiten Satz finde ich schlafinduzierend - insgesamt erinnert mich das nur entfernt an Musik.

Übrigens würde ich davon ausgehen, daß jeder Interpret sich auch theoretisch mit einem Notentext auseinandersetzt, wenn oder bevor er ihn spielt, ohne gleich als Gelehrter gelten zu wollen.

Neulich hörte ich im Fernsehen eine Aufnahme von Barenboim, die ich sehr überzeugend fand. Meine Lieblingsaufnahme dieser Sonate ist - glaube ich - immer noch die des 85-jährigen Backhaus bei einem Konzert, das er aufgrund eines Schwächeanfalls nicht wie geplant zuende bringen konnte; einige Tage später starb er an Herzversagen. Man merkt ihm anfangs schon an, daß er nicht in körperlicher Höchstform ist, jedoch wächst er im Verlauf über sich hinaus - hören!

Grüße,
Gamaheh
Derernst (19.12.2008, 23:16):
Hallo Forum!

Bislang kannte ich die Waldstein-Sonate nur aus der Gesamtaufnahme von Ashkenazi. Diese Version gefiel mir beim ersten Anhören sehr (wohl auf Grund der eingängigen Melodien), doch schon nach dem dritten Mal langweilte sie mich. Mir schien Glenn Goulds Kritik an Beethovens mittleren bis späten Sonaten, dass sie ein Minimum an thematischem Material enthielten, das "in weniger geschickten Händen als den seinen gerade einmal ausgereicht hätte, um eine sechzehntaktige Einleitung ordentlich zu gestalten", auf diese Sonate durchaus zuzutreffen.

Zufällig habe ich vorgestern eine preisgünstige Ausgabe der Horowitz-Aufnahme in die Hände bekommen und meinte mich zu erinnern, dass diese in diesem Faden hier überschwänglich gelobt worden sei (eigentlich war es ja die von Gilels). Und tatsächlich kommt es mir vor, als hörte ich ein anderes Stück. Ich möchte diese Aufnahme wieder und wieder hören (und tue das zurzeit auch).
HenningKolf (20.12.2008, 01:08):
Original von Derernst
Hallo Forum!

Mir schien Glenn Goulds Kritik an Beethovens mittleren bis späten Sonaten, dass sie ein Minimum an thematischem Material enthielten, das "in weniger geschickten Händen als den seinen gerade einmal ausgereicht hätte, um eine sechzehntaktige Einleitung ordentlich zu gestalten", auf diese Sonate durchaus zuzutreffen.



So so, gleich alle mittleren und späteren Sonaten.

Gould hat stets zu provozieren versucht und sein Ego in den Mittelpunkt gestellt, um von diesem Ego aus das Werk von außen zu betrachten und von diesem Standpunkt aus häufig mit herabsetzenden Äußerungen zu bedenken. Auf diese Weise ist er nur zu oft nicht zum Wesen eines Werkes vorgedrungen, was seine interpretatorische Leistung wohl eher schmälert. Aufgrund seiner respektlosen Art hat er allerdings auch keinen guten Kritiker abgegeben. Wenn er denn komponiert haben sollte, glaube ich nicht, dass er Überragendes geleistet haben könnte. Mir sind allerdings keine Kompositionen Goulds bekannt, noch nicht einmal sechzehntaktige Einleitungen.
Gould gefällt mir da, wo er weniger bekannte Komponisten spielt, am besten - vermutlich weil er insoweit nicht genug Adressaten für Provokationen vorfand. Zum Beispiel Byrd.

Zu Horowitz´ Beethoven vermag ich nichts zu sagen, weil ich ihn nicht kenne - wobei ich bezweifle, dass ich die Aufnahme kennenlernen sollte. Ich persönlich will allerdings "kein völlig anderes Stück" hören, wenn ich die Waldsteinsonate auflege. Gulda, Kempff, Gilels und der von Daniel und mir - sonst hier wohl weniger - geschätzte Brendel haben jeweils ihre eigene persönliche Lesart. Aber alle spielen mit Respekt vor der Komposition und dem Komponisten.



Gruß
Henning
Cetay (inaktiv) (20.12.2008, 09:24):
Original von HenningKolf
Gulda, Kempff, Gilels und der von Daniel und mir - sonst hier wohl weniger - geschätzte Brendel haben jeweils ihre eigene persönliche Lesart.
Gruß
Henning

Ich habe unlängst die 70er Aufnahme mit Brendel blind gehört und folgendes dazu geschrieben:

Die Interpretation war ganz nach meinem Geschmack. Das wurde -in positiven Sinne- etüdenhaft vorgetragen, so dass die musikalischen Inhalte sehr klar herauskamen und die Abläufe quasi Note für Note nachvollziehbar wurden. Das ging aber in keinster Weise auf Kosten des musikalischen Flusses, im Gegenteil, selten habe ich Beethoven so selbstverständlich dahingleiten gehört. Darunter hat wiederum die Gewichtigkeit nicht gelitten, die niemals vom vorbildlich zurückhaltenden Interpreten aufgedrückt wirkte, sondern aus der Musik selbst zu sprechen schien. Dieser wunderbare Beethoven war ein Triumph von Konzentration und Klarheit.
Wooster (20.12.2008, 11:16):
Original von Derernst
Bislang kannte ich die Waldstein-Sonate nur aus der Gesamtaufnahme von Ashkenazi. Diese Version gefiel mir beim ersten Anhören sehr (wohl auf Grund der eingängigen Melodien), doch schon nach dem dritten Mal langweilte sie mich. Mir schien Glenn Goulds Kritik an Beethovens mittleren bis späten Sonaten, dass sie ein Minimum an thematischem Material enthielten, das "in weniger geschickten Händen als den seinen gerade einmal ausgereicht hätte, um eine sechzehntaktige Einleitung ordentlich zu gestalten", auf diese Sonate durchaus zuzutreffen.


Die Pointe der Provokation ist ja, daß Gould etwas umdreht, was sonst als zu lobende Eigenschaft von Beethovens Musik hervorgehoben wird (vgl. z.B Bernsteins Fernsehsendungen oder Artikel zu den Sinfonien), nämlich aus wenigem und "trivialem" Material sehr viel zu machen. Gould ist hier aber inkonsistent, denn das gilt ebenso oder noch mehr für einige frühe und späte Werke (ganz deutlich z.B. gleich im ersten Satz der ersten Klaviersonate) und oft auch für seinen Favoriten Bach.
Ich glaube, daß Gould etwas ganz anderes gestört hat. Nämlich der auftrumpfende und konzertante Gestus (er hatte grundsätzlich etwas gegen Konzerte, sowohl die Gattung als auch das Konzertieren). Legtim, aber eben keine besonders interessante, weil wenig erhellende Kritik...
Daher gibt es in einem Stück wie der Waldstein natürlich auch viel "Füllmaterial", ausgebreitete virtuose Episoden (aber wieder sehr ähnlich schon in frühen Werken wie op.2,3).

Mir ging es als Jugendlicher umgekehrt: Ich kannte schon einige Beethoven-Sonaten (die üblichen drei, aber auch einige der späten) und fand die Waldstein zuerst eher enttäuschend: keine "Melodie", nur so eine Art Klangfläche am Anfang.
Aber das ist gerade ein Witz des Stücks und ein Teil seiner Neuheit und Radikalität.

:hello

Wooster
Dr. Schön (20.12.2008, 12:33):
Mir fällt jetzte kein besonderer Grund dafür ein, aber die Waldstein Sonate war die erste Beethovens, die ich gleich gemocht hatte. Ich weiß gar nicht mehr mit wem ich sie kennenlernte. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon andere CDs mit Beethovens Sonaten, aber die Entdeckung der Op. 53 war dann der richtige Einstieg, der Funke und Weg zu den anderen Sonaten.

Die Eigenarten dieser Sonate hat AcomA weiter oben eigentlich knapp aber treffend beschrieben.

Horowitz (RCA) liefert supendes Virtuosentum. Das klingt auf eine Art antiquiert, die hier für mich ihren Reiz hat.

Gulda (Amadeo) hat ja bei der Walstein einen gewissen Ruf und ich mag seine Deutung wirklich sehr gerne. Diese Mischung aus Technik und irrwitzigem Tempo begeistert mich einfach. Ich werde fast immer High davon.

Backhaus (Decca) spielt sie vergleichsweise langsam und kommt mir auf seine Art sehr verkopft vor, dennoch ist das meine bisherige Lieblingseinspielung dieses Pianisten.

Serkin (Sony) höre ich gerade im Moment. Ich höre Serkin zwischen seiner Alterswildheit und Konzentration auf die einzelnen Verläufe einfach sehr gerne.

Schnabel ist bei mir in diesem Fall nicht im Spitzenfeld, aber wie immer einfach sehr gut und hörenswert.

Korstick seine extreme Tempiwahl, sein Schwerpunkt auf Fragen der Dynamik und seine Transparenz, die auch die entlegensten Strukturen und ihre Verästelungen immer hörbar macht, dass alles hatte auch mich einen Sog, dem ich mich seitdem nicht mehr entziehen kann. Sein Beethovenspiel befriedigt bei mir quasi Bedürftnisse in Dingen, die bis dato einfach kein anderer so wichtig genommen hat.

Brendel (Vox). Ewig nicht gehört, aber gerade die mittleren Sonaten haben mir beim jungen Brendel einfach besser gefallen als alles was ich bei Phillips bisher kenne (Nicht das die die schlechtesten sind). Schon typischer Brendel, aber mit einer gewissen frische.

Arrau (Phillips). Wenn es bei Arrau eine Sache gibt, die mir weniger gefällt, dann ist es er Eindruck man hätte zuviel von einem , wenn auch wirklich sehr sehr gutem, Essen zu sich genommen. Eine gewisse Schwere und Völle die sich nach dem hören von Arraus Beethoven einstellt. So gut ich diese Waldstein Sonate auch finde. Ich kann immer nur eine hören.

Dann habe ich noch Kempff (DGG Stereo), Gilels (DGG) die einfach nicht mein Ding sind.
HenningKolf (20.12.2008, 14:29):
Original von Dox Orkh
Original von HenningKolf
Gulda, Kempff, Gilels und der von Daniel und mir - sonst hier wohl weniger - geschätzte Brendel haben jeweils ihre eigene persönliche Lesart.
Gruß
Henning

Ich habe unlängst die 70er Aufnahme mit Brendel blind gehört und folgendes dazu geschrieben:

Die Interpretation war ganz nach meinem Geschmack. Das wurde -in positiven Sinne- etüdenhaft vorgetragen, so dass die musikalischen Inhalte sehr klar herauskamen und die Abläufe quasi Note für Note nachvollziehbar wurden. Das ging aber in keinster Weise auf Kosten des musikalischen Flusses, im Gegenteil, selten habe ich Beethoven so selbstverständlich dahingleiten gehört. Darunter hat wiederum die Gewichtigkeit nicht gelitten, die niemals vom vorbildlich zurückhaltenden Interpreten aufgedrückt wirkte, sondern aus der Musik selbst zu sprechen schien. Dieser wunderbare Beethoven war ein Triumph von Konzentration und Klarheit.

Das ist ja jetzt schon das zweite Mal in kurzer Zeit............ :B ?(

:beer
Derernst (20.12.2008, 15:17):
Original von HenningKolf
Aufgrund seiner respektlosen Art hat er allerdings auch keinen guten Kritiker abgegeben. Wenn er denn komponiert haben sollte, glaube ich nicht, dass er Überragendes geleistet haben könnte. Mir sind allerdings keine Kompositionen Goulds bekannt, noch nicht einmal sechzehntaktige Einleitungen.

Ohne deinen Ausführungen zu Goulds Kritik widersprechen zu wollen - ich denke, dass ein Interpret grundsätzlich durchaus legitimiert ist, eine Komposition oder einen Komponisten zu kritisieren, ohne dass er selbst komponieren würde. Ich fühle mich als PC-Anwender jedenfalls auch legitimiert, sachliche und fundierte Kritik an einer Software anzubringen, ohne dass ich sie selbst programmieren könnte...

Ich bin aber wiederum mit dir einig, dass eine respektvolle Grundhaltung auch zum Komponieren eine gute Basis ist. Ironischerweise galt ja Goulds Kritik am Beethoven jener Phase ausgerechnet dessen seiner Meinung nach egoistischem, "herrischem Geist"; er kritisierte also etwas, das er selbst auch verkörperte.

Einen schönen Samstagabend, Gruss
Derernst
Cetay (inaktiv) (12.01.2009, 11:36):
Original von Dox Orkh

Ich habe unlängst die 70er Aufnahme mit Brendel blind gehört und folgendes dazu geschrieben:

Die Interpretation war ganz nach meinem Geschmack. Das wurde -in positiven Sinne- etüdenhaft vorgetragen, so dass die musikalischen Inhalte sehr klar herauskamen und die Abläufe quasi Note für Note nachvollziehbar wurden. Das ging aber in keinster Weise auf Kosten des musikalischen Flusses, im Gegenteil, selten habe ich Beethoven so selbstverständlich dahingleiten gehört. Darunter hat wiederum die Gewichtigkeit nicht gelitten, die niemals vom vorbildlich zurückhaltenden Interpreten aufgedrückt wirkte, sondern aus der Musik selbst zu sprechen schien. Dieser wunderbare Beethoven war ein Triumph von Konzentration und Klarheit.

Man könnte fast meinen, SWR2 möchte Lehrstunden erteilen. Heute gab es wieder ohne Ansage den 3. Satz aus der Waldsteinsonate und die Interpretation war so ziemlich das Gegenteil von der Brendelschen. Statt perlend weichen Läufen gab es relativ hartes single note Spiel, die dynamischen Kontraste wurden stark betont und die Form samt großem Spannungsbogen wirkte blockhaft aufgebrochen. Das war eine deutlich weniger gebändigte Präsentation als die von Brendel, dennoch kam sie mir total blutleer vor. Auf mich wirkte das eher wie ein Vorführen als wie ein Musizieren.
Der Interpret: Michael Korstick.
Gamaheh (12.01.2009, 17:24):
Original von Dox OrkhStatt perlend weichen Läufen gab es relativ hartes single note Spiel, die dynamischen Kontraste wurden stark betont und die Form samt großem Spannungsbogen wirkte blockhaft aufgebrochen. Das war eine deutlich weniger gebändigte Präsentation als die von Brendel, dennoch kam sie mir total blutleer vor. Auf mich wirkte das eher wie ein Vorführen als wie ein Musizieren. Der Interpret: Michael Korstick.
Lieber Dox Orkh,

die Vokabeln "blutleer" und "Vorführen" scheinen mir eminent zu Korstick zu passen, soweit ich ihn gehört habe (glücklicherweise auch einmal "blind", ich glaube, es war mit Schumanns "Carnaval") - siehe auch hier - ein Beamter am Klavier.

Grüße,
Gamaheh
kreisler (12.01.2009, 19:29):
Hallo,

Die Waldstein-Sonate war zusammen mit der Les Adieux schon immer (oder besonders in letzter Zeit) meine Lieblingssonate von Beethoven. Wunderbar wie da das zweite Thema reinkommt! Meint ihr (hauptsächlich die Pianisten unter euch), dass man das zweite Thema in E-dur etwas langsamer Spielen muss als den Anfang. Ich glaub es steht nichts in den Noten, aber so vom Gefühl... ?

Diese zwei Sonaten gefallen mir wohl auch deshalb so besonders, weil ich etwas von dem Mondschein-und Sturm-Beethoven abgekommen bin, und auch die letzten Sonaten erst vor nicht allzu langer Zeit "für mich entdeckt habe.

Leider kenne ich bei der Waldstein nur Gulda (Aus der Gesamteinspielung) und Pollini (die ich jetzt auch gerade anhöre) aber das könnte man doch fast noch perfekter machen...

Wer kann mir noch andere Aufnahmen empfehelen, besonders, da ich mit Gielels Beethoven-einspielungen wenig Anfangen kann. Hörte mal die ein odere andere Sonate und hatte (entschuldigung wenn ich das so sage) irgendwie da ein richtig schlechten Eindruck davon. Mir schien es fast etwas langweilig...
satie (12.01.2009, 20:29):
Original von Amadeus Kreisler
Hallo,

Die Waldstein-Sonate war zusammen mit der Les Adieux schon immer (oder besonders in letzter Zeit) meine Lieblingssonate von Beethoven. Wunderbar wie da das zweite Thema reinkommt! Meint ihr (hauptsächlich die Pianisten unter euch), dass man das zweite Thema in E-dur etwas langsamer Spielen muss als den Anfang. Ich glaub es steht nichts in den Noten, aber so vom Gefühl... ?



Ich finde: NEIN!! AUF KEINEN FALL!! Die alte Mär vom lyrischen Seitensatz oder gar dem "weiblichen" Thema, die über Generationen von Klavierlehrer zu Klavierlehrer weitergegeben wurde, sollte man endlich mal nicht immer auf sämtliche verfügbaren Parameter beziehen. Reicht es denn nicht, dass man hier plötzlich und völlig unerwartet nur noch Halbe und Viertel im homophonen Satz hat, nach pochenden Achtelbässen und aufbauschenden Triolen? Muss man dann immer gleich noch molto rubato spielen und seufzend, wie man es bei keiner barocken Schmerzensarie tun würde? Also ich hätte gerne ein robustes Tempo, welches wie der Beginn die Abgründigkeit weiterhin verschleiert (wie vielen Pianisten ist denn aufgefallen, dass der Bassgang zu Beginn einer Passus Duriusculus wie aus dem Bilderbuch ist?). Und dann im Seitensatz der fallende Quintzug ohne Umschweife...ach, Schenker muss da bei der Analyse das Wasser im Mund zusammengelaufen sein. Und dann noch diese trugschlüssige Harmonik, die uns nie ganeu erklärt, ob diese "verdurte dritte Stufe" wirklich eine ist und was sie soll. Noch krasser ist die Harmonik in Beethovens drittem Klavierkonzert, wo der erste Satz wie erwartet in c-moll steht, der zweite aber in E-Dur. Aber gut: dort sind die Sätze immerhin durch eine Pause getrennt, hier haben wir die volle Mediante im Seitensatz (davon konnte Liszt noch zehren). Also bitte: es ist genug da, da (um es mal sehr frei nach Gertrude Stein zu sagen). Wozu noch die Sperenzchen mit dem Tempo?

Herzlich,
S A T I E
kreisler (12.01.2009, 21:07):
Danke für die Erörterung.
Ich hatte nur Angst, dass es leicht verhetzt wirken könnte (nicht das ich den Satz ganz spielen könnte...)
Amadé (12.01.2009, 21:26):

Original von Amadeus Kreisler
Wer kann mir noch andere Aufnahmen empfehelen, besonders, da ich mit Gielels Beethoven-einspielungen wenig Anfangen kann. Hörte mal die ein odere andere Sonate und hatte (entschuldigung wenn ich das so sage) irgendwie da ein richtig schlechten Eindruck davon. Mir schien es fast etwas langweilig...

Hallo Amadeus Kreisler und willkommen im Forum.
Ich würde das Seitenthema auch nicht langsamer spielen, vor allem behält es dann seine Flüchtigkeit, oder vielleicht sein "nicht so wichtig sein" bei. Beethoven wendet sich ja schnell wieder dem Themenbereich des Hauptthemas zu.

ZUr Interpretation: Emil Gilels war zeit seines Lebens einer der wichtigsten Beethoven-Interpreten und die Waldstein-Sonate wurde von ihm bestens betreut. Ich weiß jetzt nicht, ob Du sie mit ihm schon gehört hast. Die DG-Aufnahme gehört in die Spitzengruppe. Möglicherweise rührt Dein Urteil über Gilels von Sonaten, die kurz vor seinem Tode eingespielt wurden, z.B. op.2 Nr.2. Diese sind für Hörer, die diese Sonaten zum erstenmal hören, oder sich nur 1 Interpretation zulegen wollen, schwer verdaulich. Bei der Waldsteinsonate sieht die Sache anders aus, sehr gelungen.

Gruß Amadé
kreisler (12.01.2009, 21:37):
Vielen Dank: Das mit dem Seitenthema hat mich überzeugt (ich könnte allerdings jetzt auch noch eine ähnliche Diskussion zum Seitenthema in Schuberts 9. (7.8.? für mich bleibt sie immer die 9.) entfachen, darüber hab ich mir auch einmal gedanken gemacht.

Ja du hast recht, es waren tatsächlich die späten Gilels einspielungen, die ich damals gehört hatte, und sollte sie mir eigentlich jetzt nach längerer Zeit nochmal anhören, um ein Urteil abzugeben.

Und nein, ich habe seine Waldstein noch nicht gehört, aber das werde ich wohl sofort nachholen

:thanks
Wooster (12.01.2009, 22:13):
Original von Amadé

Original von Amadeus Kreisler
Wer kann mir noch andere Aufnahmen empfehelen, besonders, da ich mit Gielels Beethoven-einspielungen wenig Anfangen kann. Hörte mal die ein odere andere Sonate und hatte (entschuldigung wenn ich das so sage) irgendwie da ein richtig schlechten Eindruck davon. Mir schien es fast etwas langweilig...


ZUr Interpretation: Emil Gilels war zeit seines Lebens einer der wichtigsten Beethoven-Interpreten und die Waldstein-Sonate wurde von ihm bestens betreut. Ich weiß jetzt nicht, ob Du sie mit ihm schon gehört hast. Die DG-Aufnahme gehört in die Spitzengruppe. Möglicherweise rührt Dein Urteil über Gilels von Sonaten, die kurz vor seinem Tode eingespielt wurden, z.B. op.2 Nr.2. Diese sind für Hörer, die diese Sonaten zum erstenmal hören, oder sich nur 1 Interpretation zulegen wollen, schwer verdaulich. Bei der Waldsteinsonate sieht die Sache anders aus, sehr gelungen.


Das sehe ich genau umgekehrt. op.2,2 und besonders op.2,3 gehören zu den Höhepunkten der Gilelschen DG-Aufnahmen, obwohl auch etwas breit im Tempo und vielleicht zu wuchtig; die Waldstein ist mir dagegen viel zu langsam und zu zahm (dito Appassionata).

Gulda gefällt mir sehr gut in der Waldstein. Interessant jedenfalls auch die neue Aufnahme mit Brautigam auf einem alten Instrument.
Schnabel ist sehr beeindruckend in der "Introduzione"

:hello

Wooster
kreisler (12.01.2009, 22:35):
Ich ahnte schon im Voraus das ich viel Protest zu ohren bekommen würde, wenn ich Gielels so abtue, aber ich habe begriffen dass ich mir die Sachen erst noch ein mal anhören muss. Er spielt die waldsteinsonate langsam? ojeoje . (Naja irgendwann werde ich sie auch mal zu Ohren bekommen :wink )

Gulda gefällt mir auch recht gut, wobei ich leider nicht die Interpretation vom Charakter eines Künstlers trennen kann, und leider find ich gulda (entschuldigung) in der Hinsicht ganz fürchterlich.

Trotzdem bin ich überglücklich mir seine Gesamtaufnahme sowohl der Beethoven als auch der Mozartsonaten gekauft zu haben.

Von Schnabel kenne ich leider bis jetzt nur die Appassionata.
satie (13.01.2009, 06:15):
Original von Amadeus Kreisler
wobei ich leider nicht die Interpretation vom Charakter eines Künstlers trennen kann, und leider find ich gulda (entschuldigung) in der Hinsicht ganz fürchterlich.


Bei mir ist es genau umgekehrt: seinen Charakter fand ich herrlich, sein Spiel hingegen... :ignore

Nein, nein, das legt sich mit der Zeit. In Deinem Alter gehört es aber geradezu dazu, das nicht trennen zu können, ist also voll ok.

Herzlich,
S A T I E
kreisler (13.01.2009, 13:55):
Nun, da bin ich ja beruhigt :)

Nun, ich kann es in gewissem Sinne schon voneinander trennen, wie gesagt: Ich finde Gulda als Pianisten toll, und auch viele Dirigenten, mit denen ich "nichts anfangen kann"-charakterlich achte ich trotzdem sehr. Und nur weil mir jemand nicht so sympathisch ist, höre ich mir seine CD´s nicht an...so ist es nicht!

Es sind dann aber letztendlich natürlich doch die Komponisten, Interpreten etc. bei denen ich das Gefühl habe, dass sie mir "gedanklich" nahestehen, die, für die ich mich wirklich (und dann aber durch und durch!) begeistere. Aber ich glaube, da bin ich auch nicht ganz alleine
kreisler (13.01.2009, 14:03):
Original von Amadé

Diese sind für Hörer, die diese Sonaten zum erstenmal hören, oder sich nur 1 Interpretation zulegen wollen, schwer verdaulich. Bei der Waldsteinsonate sieht die Sache anders aus, sehr gelungen.


Nun wollte ich noch (wohl aus purer "angeberei":wink) erwähnen, dass ich die Sonaten nicht das erste mal gehört hatte und mir auch schon andere Einspielungen zugelegt hatte, als ich Gielels hörte...

Aber wie gesagt, ich höre es mir an, auch wenn ich leider im Moment keine Möglichkeit habe, da die CD´s
bei meinem Großvater "hausen".

Eine ganz andere Frage: Darf man zu Werken (bsp. eben einer anderen Beethovensonate) selber ein neues Thema gründen, wenn man es für "Wichtig genug" hält, dass man darüber länger diskutieren könnte, oder muss man sich irgendwo anmelden, eintragen, oder gibt es eine Liste, was noch fehlt etc.?
Gerion (13.01.2009, 15:25):
Oben wurde die Waldstein-Aufnahme von Ronald Brautigam ja schon angesprochen. Mich interessiert, ob andere Forianer sich gerne dazu äußern würden. Ich habe die Aufnahme seit ein paar Tagen, aber noch nicht intensiv gehört. Der erste Eindruck ist bei mir sehr positiv, ich finde, gerade den schnellen, perlenden Passagen zu Beginn der Sonate tut das "historische" Instument sehr gut. Andere Stellen, die mir in manch anderer Aufnahme recht brutal vorkommen, sind ebenfalls deutlich weicher, was nicht heißt, dass Brautigams Interpretation als verschwommen zu bezeichnen ist. Leider fehlt mir die Masse an VErgleichsmaterial, um viel sagen zu können. Daher - kennt jemand anderes die Aufnhame und kann etwas dazu sagen?
satie (13.01.2009, 17:11):
Original von Amadeus Kreisler

Eine ganz andere Frage: Darf man zu Werken (bsp. eben einer anderen Beethovensonate) selber ein neues Thema gründen, wenn man es für "Wichtig genug" hält, dass man darüber länger diskutieren könnte, oder muss man sich irgendwo anmelden, eintragen, oder gibt es eine Liste, was noch fehlt etc.?

Grundsätzlich: immer her mit den neuen Themen! Allerdings sollte man vorher im Mitgliederbereich schauen, welche Themen sich andere reserviert haben (Du hast doch Zugriff auf den Mitgliederbereich? Schau ich gleich mal nach...). Manch einer will gerne was schreiben, hat aber im Moment die Zeit nicht und reserviert sich dann ein Thema. Aber keine Sorge: es ist sehr überschaubar, viel ist da noch nicht.
kreisler (13.01.2009, 19:11):
Vielen Dank,

ich werde aber trotzdem erstmal noch warten,
schließlich will ich, mich erstmal richtig gut darüber informieren, damit ich überhaupt mit diskutieren kann :)
Außerdem muss ich ja erstmal schauen, was es schon so alles gibt...

Und ich bin freigeschaltet, danke
Amadé (14.01.2009, 19:44):
@ Gerion

Hallo Gerion,

http://ecx.images-amazon.com/images/I/61T3HL9uKYL._SL500_AA240_.jpg

diese CD wie auch ihre Vorgängerinnen gefallen mir außerordentlich gut.
Beim Hören hat man nach ein paar Minuten das Hammerklavier vergessen und konzentriert sich ganz auf Brautigams Interpretation, mir geht es jedenfalls so. Bei der Waldsteinsonate gefallen mir die zügigen Tempi in den Ecksätzen, im 1. mit con brio gespielt, fast wie ein Rausch, aber kontrolliert und mit viel Spannung. Die Steigerung vor der Reprise ist zwingend gemeistert. Der 2. Satz wird sehr konzentriert gespielt, im 3. sind wieder die Steigerungen, besonders im letzten Drittel, bemerkenswert. M.E. eine großartige Aufnahme.

Gruß Amadé
Gamaheh (14.01.2009, 23:15):
Original von Amadeus Kreisler
Wer kann mir noch andere Aufnahmen empfehelen

Noch einmal, und mit Nachdruck: die letzte Aufnahme von Wilhelm Backhaus; ich habe sie gerade wieder gehört: das ist wie ein Naturereignis, von Anfang bis Ende (ich habe weiter oben schon darüber geschrieben).

Grüße,
Gamaheh
kreisler (09.03.2009, 21:41):
https://www.abella.at/cover/P0028941916228_1.jpg

Oben habe ich Gilels abgetan; hier will ich ihn wieder hervorheben; denn er gehört in den Pianisten-Himmel!

Sein Spiel auf dieser CD mit der Waldteinsonate, die ich mir gekauft habe, muss ich als Musterbeispiel an Ausdruck und Musikalität anerkennen.
So soll man Beethoven spielen! Ich muss umbedingt noch mehr Sonaten mit ihm haben.
Es gibt anscheinend keinen kompletten Zyklus, aber gibt es verschiedene alte Aufnahmen oder so; welche die diesen DGG-CD´s vorzuziehen sind? Ich bin unwissend bei Gilels...


Viele Grüße,
Kreisler
ab (09.03.2009, 22:03):
Original von kreisler
Es gibt anscheinend keinen kompletten Zyklus, aber gibt es verschiedene alte Aufnahmen oder so; welche die diesen DGG-CD´s vorzuziehen sind? Ich bin unwissend bei Gilels...


Es ist höchst interessant, den fast fertig gestellten DG Zyklus mit seinen Konzertaufnahmen zu vergleichen, etwa mit jenen billigen bei Brilliant Classics (mit, wie ich finde, unsäglichen von Masur begleiteten Konzerten): Live ging Gilels oft aufs Ganze, spielte auf Teufel-Komm-Raus, während seine Studioaufanhmen von dieser unsäglich schönen Ruhe durchdrungen sind, insbesondere bei den späten Aufnahmen. Grandios auch seine Live-Aufnahmen, die es bei Melodiya gibt. Hier ist also nichts vorzuziehen, sondern Seit an Seit zu stellen!
:P
(Die Aufnahmen Gilels aus seinen ganz jungen Jahren wirken auf mich eher virtuos, denn musikalisch.)
:hello
kreisler (10.03.2009, 07:43):
Original von ab
während seine Studioaufanhmen von dieser unsäglich schönen Ruhe durchdrungen sind, insbesondere bei den späten Aufnahmen.

ja diese Ruhe und überlegenheit ist wohl dass, was ich im Moment an ihm so toll finde!


Hier ist also nichts vorzuziehen, sondern Seit an Seit zu stellen!
:P

:D


:thanks kreisler
Rachmaninov (10.03.2009, 11:58):
Original von kreisler
Es gibt anscheinend keinen kompletten Zyklus, aber gibt es verschiedene alte Aufnahmen oder so; welche die diesen DGG-CD´s vorzuziehen sind? Ich bin unwissend bei Gilels...


Viele Grüße,
Kreisler

Also, IMHO kannst Du dir den fst kompletten DG Zyklus kaufen. Besitze ich auch! :wink
kreisler (10.03.2009, 16:40):
ja, ich denke, das mache ich wirklich. Unter 50€ ist der aber leider nicht zu bekommen, oder?

Kreisler
Rachmaninov (10.03.2009, 18:51):
Original von kreisler
ja, ich denke, das mache ich wirklich. Unter 50€ ist der aber leider nicht zu bekommen, oder?

Kreisler

Eher schwer, jedoch eine anschaffung für's leben!
Pollux (10.03.2009, 20:27):
Ich kann mich den Empfehlungen für den leider unvollendeten Gilels-Zyklus nur anschließen. Großartige Beethoven-Deutungen!
ab (10.03.2009, 21:00):
Original von Rachmaninov
Original von kreisler
ja, ich denke, das mache ich wirklich. Unter 50€ ist der aber leider nicht zu bekommen, oder?

Kreisler

Eher schwer, jedoch eine anschaffung für's leben!

Und A.Schiff udn Gulda werden bei Eloquence verscherbelt... :S
Wooster (10.03.2009, 23:28):
Ich teile die Begeisterung über Gilels Waldstein nicht (zu langsam, zu "kontrolliert"), aber die Box lohnt sich ingesamt vermutlich schon. Meistens gefallen mir die Live-Aufnahmen aber besser (wobei es hier nur 10 Sonaten oder so gibt)
50 EUR für 9 CDs ist ja auch nicht unbedingt teuer, annähernd soviel habe ich vor über 10 Jahren schon für die Box bezahlt...
Es fehlen: op.2,1; op.14,1, op.54, 78 und 111. Von denen gibt es auch keine Live-Aufnahmen oder andere Alternativen. Gilels hat wohl recht lange nur eine Handvoll der bekanntesten Sonaten im Konzert gespielt.
Vermutlich wären die wenigen schon in den 70ern (u.a. Waldstein, Appassionata) eingespielten für den kompletten Zyklus auch noch einmal aufgenommen worden, wenn er nicht unzeitig gestorben wäre.

:hello

Wooster
Jan Van Karajan (09.11.2021, 21:56):
Hier läuft gerade die Aufnahme aus dem Zyklus von Friedrich Gulda. Sehr gelungen, wie auch der Rest von diesem wunderbaren Zyklus :) .
Irgendwie empfinde ich die Waldsteinsonate als eine Art "Zwischending" in Beethovens Schaffen. Nicht so kräftig und ungestüm wie die Hammerklaviersonate, aber auch nicht so zart und intim wie die Mondscheinsonate. Das Ganze ist irgendwie reizvoll und ich bin gerade selbst erstaunt, wie selten ich diese Sonate bisher gehört habe. Generell werde ich in den nächsten Tagen und Wochen mal wieder die etwas unbekannteren Sonaten von Beethoven hören und für mich neu entdecken.
Grüße
Jan :hello
Guenther (11.11.2021, 08:30):

(...), aber auch nicht so zart und intim wie die Mondscheinsonate. (...)
Jo, wenn man den dritten Satz mal außer Acht läßt...
;)
Jan Van Karajan (11.11.2021, 12:50):
Der vielleicht nicht unbedingt :D . Aber der nimmt ja auch nicht den größten Teil der Sonate ein, da kann man darüber hinwegsehen :D
satie (11.11.2021, 17:27):
Hm... Der dritte Satz dauert ungefähr so lange wie der erste. Der zweite ist recht kurz.
Jan Van Karajan (11.11.2021, 19:56):
Ach herrje, stimmt :D . Entschuldigung, ich hab die Zahlen durcheinander gebracht. Ich merke schon, die ganzen Klausuren hinterlassen allmählich Spuren :D
Sfantu (10.01.2025, 23:48):
Nach der Debussy-Welle hatte mich nun eine VW, eine Vague Waldstein, voll erwischt.
Und so hörte ich mich an drei aufeinanderfolgenden Feierabenden durch die Aufnahmen, die meine Sammlung hergibt. Mir gefiel immer und gefällt weiter besonders der Aufbruchcharakter des Kopfsatzes, dieses "Da-geht-was-Neues-los" - freudig und zukunftsbejahend. Die manchmal reißerische Virtuosität - ja, zuweilen auch die. Herzerwärmend aber im besonderen immer wieder das wunderbare, die Natur umarmende A-Thema des Rondos.




Ludwig Hoffmann, Bösendorfer Imperial
(LP, Europa, ca. 1970)

Allegro con brio 9'50
Introduzione - Adagio molto 2'52
Rondo. Allegretto moderato 9'36

Mit Ludwig Hoffmann ist ein wahrer Tastenlöwe am Werke. Fast ein Übermaß an Energie ist hier beinahe durchgängig zu spüren. Das wirkt zwar imposant. Irgendwann dann aber auch ermüdend. Die Höhen mußte ich sehr bald herunter regeln, da es im Diskant doch ordentlich in den Ohren klingelt. Diese Platte will erst noch öfter gehört werden. Generöses, sattes Stereo.





Michael Korstick
(CD, Fono Forum-Beilage - ursprünglich Ars Musici, live, 6. August 2003, Congresscentrum Pforzheim)

Allegro con brio 9'56
Introduzione - Adagio molto 4'42
Rondo. Allegretto moderato 9'18

In eine ähnliche Kerbe schlägt Michael Korstick. Wobei er sich (und dem Hörer) schon eine Spur mehr Ruhe gönnt. Ich empfinde seine Aufnahme als keineswegs so unmöglich wie sie oftmals abgespeist wird. Am besten gefällt mir der Kopfsatz: ideales Tempo, kernig-kräftige Bässe. Was hier jedoch eben recht am Platze ist, gerät im Rondo ein wenig zu stählern - namentlich die etwas grob dahin gehämmerten lauten Akkorde. Und das abschließende Prestissimo wirkt in überzogenem Kontrast zum Allegretto karikaturenhaft schnell.





Brigitte Meyer, Bösendorfer
(LP, Gallo, ca. 1972)

Allegro con brio 10'35
Introduzione - Adagio molto 3'49
Rondo. Allegretto moderato 10'01

Eine zartere, weniger Muskelspiel betreibende Auslegung bietet die Schweizer Pianistin Brigitte Meyer. Sie disponiert umsichtig, verschießt nicht gleich alles Pulver. Und so bleiben ihr die nötigen Reserven, wenn es gilt, aufzutrumpfen. Das spielt sich angenehm und unaufgeregt ins Ohr. Leider mangelt es der Aufnahme an Klarheit und Brillanz.





Friedrich Gulda
(LP, aus der amadeo-Komplett-Box, 1968)

Allegro con brio 9'21
Introduzione - Adagio molto 2'45
Rondo. Allegretto moderato 8'15

Straffe Tempi insgesamt. Insbesondere den ersten Satz nimmt er halsbrecherisch schnell - ohne sich den Hals zu brechen. Das macht staunen, entwickelt einen enormen Drive. Doch wird es der Musik noch gerecht? Die Überleitung erhält trotz der Knappheit die erforderliche lyrisch-verträumte Note. Im Rondo vermittelt sich dann aber eine fast teilnahmslose Kälte, die zunehmend befremdet. Fein dagegen der aphoristisch knapp phrasierte Schlußakkord.





Emil Gilels
(LP, DG, 1972)

Allegro con brio 10'58
Introduzione - Adagio molto 4'37
Rondo. Allegretto moderato 9'20

Gilels macht Vieles richtig. Die Tempi sind stimmig, die Ausdrucksnuancen durchdacht. Und doch braucht diese von mir noch nicht oft gehörte Aufnahme Zeit zum Nachreifen. Aufnahmetechnisch ist sie vielleicht die Beste.





Wilhelm Kempff
(LP, aus der DG-Komplett-Box, 1967)

Allegro con brio 8'34
Introduzione - Adagio molto 3'05
Rondo. Allegretto moderato 9'46

Kempff bietet etwas, das ich am ehesten phasenweise bei Brigitte Meyer verspüre: eine Herzenswärme, eine väterlich willkommen heißende Grundschwingung, die dem Stück so gut zu Gesichte steht. Pranke und Ungestüm fehlen nicht, geraten aber eben auch nicht zum Selbstzweck.
Ein goldener Schnitt.
Sfantu (20.06.2025, 12:26):
Ein Neuzugang mit dem bei mir schwach vertretenen Josef Bulva.
Das Cover - naja. Aber selbstverständlich zählt am Ende der Inhalt.



Josef Bulva
(LP, Orfeo, 1983, AD November 1982)

Allegro con brio 11'21
Introduzione. Adagio molto - Rondo. Allegretto moderato 13'45

Das Grundtempo im Kopfsatz ist moderat. Bei sparsamem Pedalgebrauch wird gestochen scharf artikuliert - ganz mein Geschmack. Das lyrische Seitenthema wird nur um eine Nuance langsamer genommen - gerade noch okay. Das Rondo hebt sehr langsam an. Auf diesen Punkt beziehen sich in diesem Faden mehrere kritische Stimmen. Ich nehme an, Bulva (und Andere) tun dies schlicht aus einem technischen Grund: soll das Metrum durchgehalten werden, kann man fast nicht anders als langsam zu beginnen um für die bald folgenden schnellen Läufe nicht zum Herunterbremsen gezwungen zu sein.

Eine Waldsteinsonate der Ausgewogenheit, sensibel gestaltet. Allein den Schlußabschnitt geht Bulva ähnlich wie Korstick überzogen schnell an. Eine der früheren Digitalaufnahmen - klanglich gut, es fehlt aber ein Quäntchen Wärme und Weite.
Exemplar mit absoluter Laufruhe.
Philidor (21.06.2025, 11:32):
Schöner Thread! Fast 20 Jahre alt .. ein paar Zitate:
versuch zu realativieren und zu pbjektivieren

ungeheuer weiträumig konzipiert im kopfsatz und auch im finale

bewegung und motorischer drive sind ein grundprinzip

ohne technik kann die sonate nicht klanglich erblühen, ohne musikalität klingt es wie eine nähmaschine

Die alte Mär vom lyrischen Seitensatz oder gar dem "weiblichen" Thema, die über Generationen von Klavierlehrer zu Klavierlehrer weitergegeben wurde, sollte man endlich mal nicht immer auf sämtliche verfügbaren Parameter beziehen. Reicht es denn nicht, dass man hier plötzlich und völlig unerwartet nur noch Halbe und Viertel im homophonen Satz hat, nach pochenden Achtelbässen und aufbauschenden Triolen? Muss man dann immer gleich noch molto rubato spielen und seufzend, wie man es bei keiner barocken Schmerzensarie tun würde?
Achtelmotorik oder Naturmystik?

Ja, schon klar, in der Waldstein-Sonate geht es weder um „Wald“ noch „Stein“, und doch …

… da ist nunmal dieses C-Dur – von Haydns Schöpfung bis Strauss‘ „Also sprach Zarathustra“ nicht die einzig mögliche, aber eine naheliegende Tonart, um Naturhaftes, Ursprüngliches, Unberührtes auszudrücken. (Schumann in der „Rheinischen“, Wagner im „Rheingold“-Vorspiel und Bruckner in der „Romantischen“ wählten Es-Dur.) Ist das erste Thema in op. 53 überhaupt eines? Eine „Melodie“ ist es eher nicht … eher schon so etwas Abstraktes wie eine „Konfiguration von Tönen“, oder?

Dann das zweite Thema. Ist es nach dem ersten mit seinem motorischen Achtelpuls im entfernten E-Dur und mit seinem Halbe-basierten Choralgestus denn nicht nur einfach ein Kontrast, sondern viel eher das „ganz andere“, das geradezu Exterritoriale, eine Gegen-Welt zum diesseitig pulsierenden C-Dur-Thema?

Das Intermezzo – klopft es nicht mehr als deutlich an die Türe zum späten Brahmsschen Klavierstück? Schwankend zwischen F-Dur und E-Dur … fast mystisch … ach ja: E-Dur war auch die Tonart des Choral-Themas. Schon wieder.

Dann schließlich das Finale mit seinem schwebenden Klang am Anfang …

… also ja, weder „Wald“ noch „Stein“, aber mystische Elemente sind vielleicht trotzdem drin, und sie zu leugnen, hieße vielleicht, auf der anderen Seite am Stück vorbeizulaufen.
Philidor (21.06.2025, 12:23):
Ich wollte nicht gleich mit den Ikonen der Aufnahmegeschichte ins Werk hineingrooven, darum geht es los mit dieser Einspielung von Paavali Jumppanen (ohne diesem durch diese Worte nahetreten zu wollen):



Auf den ersten Lausch sehr klar im Kopfsatz, das erste Thema ganz motorisch, hart, fast maschinenhaft. Beim zweiten Thema nimmt er deutlich Tempo raus. Doch die Exposition höre ich insgesamt durchaus drängend. Wenig Zögern bei den Sequenzen zu Beginn der Durchführung, - Der Eindruck setzt sich fort, „Weiter, nur weiter“ … nach 10:36 ist der Kopfsatz mit Wiederholung absolviert, op. 53 als Tempolauf im Wald, kristallklar, auf der harten Seite, nicht ein Tropfen Schweiß auf der Stirne. Wir können das.

Die Introduzione holt nach, was der Kopfsatz nicht hergab – das Erleben von Zeit durch Nichtstun. 4:22. Geht doch. Ruhe. „Zum Raum ward hier die Zeit“, biegsam, atmend, auch Spannung wird nicht künstlich aufgebaut, der Satz ereignet sich halt. Gefiel mir gut.

Und das Finale erwächst fein aus der Ruhe der Introduzione. Nicht hektisch, eher nachsinnend. In den Akzenten einmal mehr auf der harten Seite. (7:40+1:59=9:39)

Konzept? Kopfsatz schnell, motorisch, fast maschinenhaft-hart, Introduzione ruhig, Finale schön daraus entwickelt, doch die Akzente passen für meinen Geschmack mit dieser Härte nicht ganz rein. Über alle drei Sätze habe ich den Eindruck eines eher unpersönlichen Spiels, eines Berichtes. Prima gespielt, tadellos, ich fühle mich gut informiert, doch das, was über den Notentext hinausgehen könnte, das fehlte mir. Das ist mir bei einem so prominenten Werk zu wenig.
Joe Dvorak (22.06.2025, 07:44):


Olga Pashchenko, Conrad Graf, Wien 1824 (Original)
(Digital Hi-Res, Alpha Classics, 2017, AD: Nov. 2016)

Allegro con brio 11'28
Introduzione - Adagio molto 3'59
Rondo. Allegretto moderato 10'26

Die Empfehlungen eines ausgewiesenen Ungelehrten der klassischen Solo-Klavierliteratur sollten cum grano salis betrachtet werden. Aber ich lehne mich hier ganz weit aus dem Fenster und behaupte, dass jeder Waldsteiner das gehört haben muss. Der satte und dunkle Glockenklang des fünfpedaligen Fortepianos macht das zu einem Erlebnis, und was die Interpretin liefert, ist in meinen Ohren weit mehr als ein Bericht. Das "Erleben von Zeit durch Nichtstun" in der Introduzione wird bei ihr zum Hineinleuchten der Ewigkeit in die Zeit.
Andréjo (22.06.2025, 11:50):
Der ausgewiesene Ungelehrte hat mich zum Grinsen gebracht. Vor allem, weil Du das halt schlichtweg nicht bist. Aber Du bist gewiss wie ich auch ein milder Selbstironiker.

Mehrere Beethoven-Integralen besitze ich zwar, aber mit Einzelausgaben der bekanntesten unter den technisch einfacheren oder noch nicht ZU schweren Sonaten habe ich es nicht so. Manches hat man, als man noch selber ein wenig besser klimpern konnte, selber geklimpert. Und mit diesem Geklimper musste man dann halt zufrieden sein. Jetzt wo ich tatsächlich etliche Aufnahmen besitze - eben im Rahmen der Integralen fast nur -, kann ich sie nicht mehr klimpern. Und damals haben mich Aufnahmen, soweit überhaupt bekannt, also nur vom Rundfunk her, nicht für Kassette oder LP interessiert.

So ist das halt und ein sinnvoller Beitrag zum Faden war das jetzt nicht. Auch kein selbstironischer, im engen Sinne leider. Überdies keiner, dem irgendwer zustimmen müsste. Einen Gefall-Smiley gibt's ebenfalls nicht, warum auch immer nicht. :P :)

Wobei mich Fortepiano-Aufnahmen vielleicht doch einzeln interessieren könnten. Ich glaube gerade nicht, dass ich da eine Gesamtausgabe finde.

:hello Wolfgang
Philidor (22.06.2025, 16:13):
Danke für Eure Beiträge! :hello Die mystischen Aspekte kommen in dieser Aufnahme mMn gut zur Geltung:



Der Anfang des Kopfsatzes tatsächlich pianissimo, das zweite Thema wirklich als Choral, so entrückt wie möglich, der Beginn der "Introduzione" schwebend und auch der Anfang des Finales entzieht sich der Greifbarkeit. Vielleicht keine ultimative Aufnahme, aber eine, die zeigt, dass Tempo, Drive und Puls alleine nicht den ganzen Reichtum der Sonate entfalten.
Philidor (22.06.2025, 17:12):
Ich gönnte mir noch Steve Osborne.



Ihm gelingt auch ein Start aus dem Pianissimo, und er zielt auch nicht nur auf den Puls. Und ja, das zweite Thema des ersten Satzes hat auch hier seine eigene Atmosphäre, besonders wenn es von Triolen umspielt wird. (Nicht so sehr in der Wiederholung, meiner Meinung nach ...)

In der Durchführung ist es leicht zu verstehen, dass das, was wie eine Figur, wie ein Ornament klingt, in Wirklichkeit die Hauptsache ist - und der Träger der Bedeutung: durch den Klang, durch die Entfaltung des Klavierklangs auf eine neue Weise. (1803 erwarb Beethoven ein Erard-Klavier, ein französisches Instrument, das sich von den Wiener Klavieren, die er gewohnt war, deutlich unterschied, und Beethoven scheint das hier vorzuführen).

Der Beginn der Introduzione ist nachdenklich, aber meiner Meinung nach nicht besonders außerweltlich. Mit dem Einsatz der einzigen Melodie in Takt 10 schattiert Osborne die Dinge meiner Meinung nach schön ab und modelliert den Vorder- und Hintergrund gut. Auch ohne das Transzendente zu berühren, beweist der Pianist hier große Kunstfertigkeit bei der Modellierung der Zeit.

Na, und das ist doch mal ein wahrhaft ätherischer Beginn des Finales, Allegretto MOLTO moderato möchte ich fast meinen. Das ist deutlich langsamer als üblich. Es funktioniert, doch vermisse ich durchaus das Mitreißende dieses Finales ... man kann hier eben nicht alles haben. Schön, mal eine solche nicht tempogetriebene Lesart zu hören. Und am Ende gibt es dann ja Prestissimo.

Das waren nun zwei Zeugen für eine nicht puls-orientierte Interpretation, für Darstellungen, die beweisen, dass straffe Rhythmik und Drive nicht alle Aspekte des Werks offenlegen. Was man bevorzugt, bleibt bis zum Widerlegen einer Lesart eine Frage des Geschmacks.
Joe Dvorak (23.06.2025, 05:19):
Der ausgewiesene Ungelehrte hat mich zum Grinsen gebracht. Vor allem, weil Du das halt schlichtweg nicht bist. Aber Du bist gewiss wie ich auch ein milder Selbstironiker.
Sich selbst nicht immer allzu ernst zu nehmen, sollte kaum jemandem schaden. 'Selbstironiker' könnte hinkommen, oder vielleicht genauer 'heiterer Zyniker', beim Blick auf den Kosmos und damit auch auf mich selbst, der ich ein Teil davon bin. Aber in Bezug auf das Klavier ist der Ungelehrte eine reine Tatsachenfeststellung. Schmeiße mir eine beliebige Opuszahl von Louis an den Kopf, sagen wir op. 31/3 oder 101 und verlange, dass ich die Hauptthemen vorsinge, dann hörst du nichts hörend, wie es um mein Wissen um den wichtigsten Korpus der Klavierliteratur bestellt ist. Und wir können bei Schubert weitermachen, da würde ich immerhin B 960 noch hinbekommen, bei Schumann, Chopin (ok, der Trauermarsch ginge), Liszt, Brahms gäbe es indes nur eisiges Schweigen. Gelehrt sieht anders aus. Den Waldstein kenne ich einigermaßen, weil ich ihn mal als Hartware hatte, zu einer Zeit, als meine Klassik-CD-Sammlung noch nicht gut bestückt war, wodurch man, was man hatte, zwangsläufig öfter hörte. Damit ist der Schwenk zu diesem Faden geschafft und aus einem anderen die Diskussion um die Anfangszeiten von Naxos wieder aufgenommen, denn als Student kaufte man natürlich Jenö Jandó für 10 DM, das sind inflationsbereinigt 10,92 Euro. Und zumindest beim Gramophone-Gutachten von 2019 (Beethoven's ‘Waldstein’ Sonata: a guide to the greatest recordings | Gramophone) ist er immer noch die Top-Empfehlung in der Budget-Kategorie. Der Autor merkt im Text an, dass es wohl unumgänglich sei, die Wendung "for the budget-conscious" voranzustellen, wenn die Sprache auf Jandós GA kommt, betont aber, dass es im Falle Waldstein keiner solchen Relativierung bedarf. Und damit ist der Kreis geschlossen, denn dass ich die Begründung, warum diese Interpretation hervorragend ist, einem externen Rezensenten überlassen muss, ist ein weiteres Indiz für die These des Ungelehrtentums. Und ja, diese Reflexion über Selbstironie wurde nicht ohne eine gewisse Ironie verfasst.
Philidor (26.06.2025, 08:09):
Heute Schnabels klassische Aufnahme.



Schnabel geht das erste Thema straff, aber nicht mechanisch an. Bei allem Puls atmet das noch, sehr fein. Joachim Kaiser hat in seinem Buch über die Beethoven-Sonaten darauf hingewiesen, dass Arthur Schnabel als Herausgeber von Op. 53 vorschlug, langsamer zu werden, wenn die Triolen das zweite Thema umspielen. Der Pianist Schnabel widersprach jedoch dem Herausgeber und wurde bei den Triolen sogar geringfügig schneller. Ich fand’s überzeugend, da Schnabel so auch die Rückkehr zum Haupttempo für meine Begriffe schlüssig gestaltet.

In der „Introduzione“ nimmt Schnabel die zweite Hälfte des ersten Taktes leiser – und erweitert das Diminuendo zur „Auflösung“ nach E-Dur. Wow. Ich hätte ein spannungssteigerndes Crescendo zur zweiten Hälfte erwartet. Die Introduzione bleibt auf der sehr verhaltenen Seite (5:07) und leitet wunderbar in die Schnabelsche Traumsphäre des Rondos (9:00) über. Sehr schwebend geht es da eingangs zur Sache, auch die ersten Fortes und Fortissimi bleiben noch gezähmt.

Schnabel bietet für meine Begriffe eine wunderbare Synthese von Architektur und Emotion. Er bekommt die Gegensätze der Sonate auf überzeugende Weise unter einen Hut. Vielleicht ist technisch nicht alles so makellos wie bei heutigen Tastenkünstlern, wobei ich die Oktaven kurz vor Schluss hinreißend fand, aber Musik gibt es hier eine Menge.
Philidor (28.06.2025, 14:08):
Heute die Aufnahme mit Olga Pashchenko, auf die Joe Dvorak hingewiesen hat:



Meine Güte, die traut sich was! Die nimmt so richtig Tempo raus im zweiten Thema, baut in der Wiederholung auch ein Arpeggio ein, hier ein Zögern, dort eine Mini-Zäsur … hier ist richtig was los, spannend! Und der Kopfsatz fällt darob keineswegs auseinander, im Gegenteil, er wird zur wunderbar vielfältigen Klanglandschaft.

„Hineinleuchten in die Ewigkeit“ höre ich offengestanden in der Introduzione nicht, wie überhaupt auch der Kopfsatz im zweiten Thema trotz der relativ großes Tempozurücknahme für mich keine mystischen Züge hat. Egal – mir hat es in dieser Diesseitigkeit gut gefallen. 3:59 sind allerdings auch eine Ansage.

Keine Geschwindigkeitsrekorde im Finale. Auf dem Fortepiano wirkt die durchgehende Pedalisierung ganz zauberhaft, unaufdringlich und zart. Eigentlich schon fast zu unaufgeregt und zu souverän … doch die Glissando-Skalen in Oktaven, die gehen auf diesem Instrument wie das Messer durch die Butter.

Eine sehr hörenswerte Aufnahme auf historischem Geflügel, wie ich meine. Vielen Dank an Joe für den Hinweis!
Philidor (28.06.2025, 19:11):
Nun die Aufnahme von Walter Gieseking, entstanden im Juni 1951.



Das Tempo ist fast schon zurückhaltend, der Zugang zur Sonate in der Exposition geradezu klassizistisch. Was ist eigentlich das Neue an op. 53, könnte man fragen. Keine Wiederholung der Exposition. Das Ganze ist so geradlinig, dass ich gerade nicht verstehe, was die anderen dazuerfunden haben …

Genauso im zweiten Satz: Anstatt Tranzendentes anzudeuten, bleibt Gieseking ganz irdisch, dem „Adagio molto“ zum Trotz. 3:18 … wow. So stimmig das klingt, mag ich doch erwähnen, dass das, was ich höre, für meine Begriffe nicht ganz zu Beethovens Tempovorgabe passt.

Ich wiederhole mich: Auch das Rondo ist ganz diesseitig. Kein Schweben, kein Entrücktsein, es gibt schöne Sechzehntel, als wäre es Diabelli. Auch die Klangexplosionen bleiben klassisch beherrscht. Man weiß, was sich gehört.

Wer eine klassizistische Aufnahme sucht, könnte hier fündig werden. Ich mag es mit ein wenig Mystik mehr.
Philidor (29.06.2025, 09:35):
Ronald Brautigam, Fortepiano von Conrad Graf, ca. 1819



Das ist mal „con brio“! Auch im zweiten Thema wird es nur wenig ruhiger, eher schon in der Überleitung zur Wiederholung. Viel Drive, was trotzdem genug Raum für Abschattierungen lässt, zum Beispiel ganz wunderbar vor der Reprise. Brautigam 09:59, Pashchenko 11:28. So attraktiv das klingt, und so sehr ich es mag, mich einfach mal vom stürmischen Spiel mitreißen zu lassen, hat Olga Pashchenko doch ungleich mehr Zauber entfaltet. Bei Brautigam ist es deutlich nivellierter. Geschmackssache – ich glaube, ich ziehe an den meisten Tagen Pashchenkos vielfältige Klanglandschaft vor.

Auch die Introduzione ist eher auf der zügigen Seite, aber nicht so auffällig. Für meine Begriffe eher mainstreamig.

Entspannt beginnt das Rondo mit klar angeschlagenen Arpeggien und Skalen in der Begleitung, keine Spur von Vernebelungsversuchen. Gleichzeitig im „als ob“-Modus, nicht so richtig greifbar. Interessant, doch es packt mich hier nicht. Der Bericht des Notentextes klingt distanziert.

Nein, das ist für mich ein gutes Stück von der Entdeckungsreise mit Olga Pashchenko entfernt. Am besten gefiel mir der Kopfsatz mit seinem Drive, danach wurde es uninteressanter.
Philidor (30.06.2025, 08:40):
Über Lili Kraus (1905–1986) wusste ich vor diesen Waldstein-Belauschungen nichts, erst eine sehr lobende Besprechung im Gramophone machte mich darauf aufmerksam. Im Zentrum ihres musikalischen Schaffens stand wohl Mozart; es gibt eine Gesamtaufnahme seiner Klaviersonaten und seiner Konzerte und eine Menge Kammermusik. Wikipedia will wissen, dass Lili Kraus es gegen Edwin Fischer, Wilhelm Backhaus oder Walter Gieseking schwer gehabt haben soll, auch stand ihre Aufnahme der Mozart-Konzerte im Schatten der etwa zeitgleich entstanden Einspielung mit Géza Anda.



Im Kopfsatz begeistert mich zunächst die Energie ihres Spiels. Mechanische Tempokonstanz ist nicht die Sache der Pianistin, eher schon, sich von den inneren Kräften der Musik treiben zu lassen (etwa im Gegensatz zum gleichmachenden Gieseking). So hat auch das zweite Thema noch Zug nach vorne, erst recht, wenn die Triolen dazukommen. Für mich hatte das nach einigen Minuten etwas Aktionistisches … Frau Kraus „macht“ etwas mit dem Stück, einige Akzente oder manches Accelerando/Crescendo zum Phrasenende fand ich dann doch mutwillig, so sehr das alles in das energiegeladene Konzept passt. Mein Eindruck: Das ist nicht nur Energie, das ist schon nervöse Erregung.

Introduzione. Luftholen. Runterkommen. Doch das Thema in Takt 10 knallt dann wieder mit heftigen Akzenten heraus.

Überraschung … das Rondo beginnt zart. Auch die erste Fortestelle bietet keinen Anlass, die ruhige Sphäre zu verlassen. Der Satz ist eher auf der langsamen Seite, über weite Strecken geradezu passiv-abwartend. Die klanglichen Ausbrüche sind eher moderat, auch das Prestissimo hat nicht ganz den bekannten Stretta-Charakter.

Wer Beethoven auf Adrenalin braucht, wird im ersten Satz meiner Meinung nach ausgezeichnet bedient. Meins ist das noch nicht.
Philidor (30.06.2025, 19:18):
Die Beethoven-Aufnahmen von Michael Korstick wurden bei ihrem Erscheinen lobend bis enthusiastisch aufgenommen, im Laufe der Zeit gab es dann auch kritischere Stimmen.



Nicht ganz pianissimo geht es los, nicht ganz pianissimo geht es bei der Tremolo-Wiederholung weiter. Kaum langsamer im zweiten Thema, sehr aus einem Guss soweit. Wie stark der Zug nach vorne ist, zeigt auch die Spielzeit von 09:56. Dabei wirkt es keinesfalls hektisch, wenngleich ziemlich geschäftig. Viele Stellen klingen aber auch leicht. Durch diese Vielfalt entgeht Korstick der klassizistischen Falle, in die Gieseking hineingelaufen ist, zeigt den Satz eben auch als ein pianistisches Showpiece. Der er ja auch ist.

In der Introduzione lässt sich Korstick Zeit (4:22), ohne zu mystifizieren.

Finale. Leise, doch nicht verträumt, im Gegenteil, ziemlich greifbar.

Insgesamt ist das aus meiner Sicht eine Lesart, die alle Möglichkeiten, Mystik in dem Stück zu finden, negiert und den Fokus auf Struktur und Drive hat. Dieser Ansatz ist meiner Meinung nach sehr überzeugend umgesetzt. Es gibt, das erlaube ich mir zu sagen, bei diesem Werk auch andere legitime Ansätze, die genauso überzeugend dargestellt werden können.

Bisher zusammen mit Schnabel, Osborne und Pashchenko mein Favorit, dabei sozusagen der Antipode zum Mysterienforscher Osborne.
Philidor (01.07.2025, 17:11):
Friedrich Gulda hat Beethovens Sonaten mindestens dreimal aufgenommen: 1954 für den Österreichischen Rundfunk, zwischen 1954 und 1958 für Decca und dann 1967 für Amadeo. Letzterer Zyklus steht seit Jahrzehnten bei mir im Regal, und ich schätzte ihn sehr wegen seiner strukturellen Klarheit und wegen seiner Rasanz, fühlte mich jedoch bisweilen auch mal von den Tempi überfahren.

Vor einigen Jahren habe ich dann via Streaming den ersten Zyklus in der Neuausgabe bei Orfeo gehört, und ohne einen direkten Vergleich zu unternehmen, kam mir dieser noch überzeugender vor, da einige der (von mir als solche wahrgenommenen) Tempoübertreibungen nicht vorhanden waren.

Nun bin ich im direkten Vergleich gespannt, was Gulda 1954 und 1967 zur Waldsteinsonate eingefallen ist.



Die Spielzeiten von 1954/1967 geben einen ersten Hinweis, wohin die Reise geht:

Allegro con brio: 10:04/09:26 (au weia!)
Introduzione: 03:06/02:43 (!)
Rondo: 08:16/08:16

1954 also. Flott der Kopfsatz, aber gut, keineswegs überdreht. Leichtes Nachgeben im zweiten Thema, dieses Tempo bleibt dann bei den Triolen erhalten, erst beim Übergang zu Sechzehnteln nimmt Gulda wieder Fahrt auf. Sehr schlüssig für meine Begriffe. Nur an dynamischer Abschattierung habe ich schon mehr gehört; Gulda ging es wohl um die Einheitlichkeit des Satzes, die er nicht zugunsten einer möglichen größeren Differenzierung opfern wollte. Und diese Einheitlichkeit stellt er großartig dar, das klingt wie aus einem Guss, ohne wie bei Gieseking ins klassizistische abzugleiten. – Drängend ist der Beginn der Durchführung, atemlos, bis der Beginn der Reprise uns erlöst … doch dringlicher klingt das erste Thema nun, hat sich unterwegs verändert. Mit dem zweiten Thema, nun in C-Dur und klangprächtiger als in der Exposition, wird es entspannter, um in der Coda wieder aufzudrehen. Eine schöne Dramaturgie.

„Adagio molto“ verbinde ich mit dem Tempo der 1954er Aufnahme nicht. Atmosphärisch ist es trotzdem. Ein Bisschen ...

Im Rondo sind die klanglichen Ausbrüche schier gewalttätig. Was auch erklärt, warum das Thema kaum etwas Schwebendes hat, sondern eher handfest erklingt.

Das Konzept ist prima umgesetzt, ich finde nur andere Herangehensweisen überzeugender. Das ist freilich Geschmackssache. Mit schnellen Tempi und Klangeruptionen alleine wird man dem Reichtum des Werkes vielleicht nicht gerecht, so sehr die Wiedergabe auch pianistisch hinreißend ist.

Nun 1967. Das schnurrt ganz schön ab … auch im zweiten Thema. Eigentlich könnte man auch einen Sequencer mit den Noten füttern … fühle mich überfahren.

Introduzione. Bloß keine Zeit verlieren.

Rondo. Eigentlich ganz ähnlich wie 1954, nicht nur wegen der Spielzeit.

Hm. Die negativen Eigenschaften der 1954er Aufnahme sind 1967 nochmal verstärkt, an positiven kam nicht viel hinzu. Wenn ich Waldstein-Sonate mal rasant hören wollte, würde ich wohl zur1954er Aufnahme greifen. Die 1967er Einspielung punktet mit einem Wahnsinnstempo und pianistischer Extraklasse. Wenn das reicht, dann kann man damit glücklich sein.
Andréjo (01.07.2025, 18:02):
Da ich die 67er (68er?) Einspielung schon öfters gehört habe, würde ich dem Kollegen durchaus zustimmen.

Generell zeigt die Integrale der späten Sechziger eine gewisse Tendenz Guldas, mit langsamen Sätzen nichts Rechtes anfangen zu können. Das stört mich oft sogar mehr als überzogene Tempi. So ganz verstanden habe ich die Begeisterung diverser Rundfunkjournalisten für sein Beethoven-Spiel nie. (1) Es steht außer Zweifel, dass er sich weit jenseits technischer Probleme aufhält und die Manierismen etwa einer HJ Lim deutlich fragwürdiger sind. Dennoch: Wer kennt HJ Lim - außer als Kuriosum?

Auch Arthur Schnabel ist ein Hektiker, aber sein Beethoven trägt Pionierzüge. Das darf man dann durchaus anders wahrnehmen. Die langsamen Sätze erweisen sich als durchaus differenziert gestaltet.

Die anderen Interpreten, die Du bislang auf recht subtile Weise :beer gewürdigt hast, kenne ich alle nicht mit Beethoven - obwohl ich mittlerweile schon über zehn Gesamteinspielungen auf Tonträger hören kann. Und da ist Gulda eine der oder vielleicht sogar die unterkühlteste, alles in allem.

Jetzt würde mich Osborne reizen. Ich kann ihn mir gar nicht so recht vorstellen als "Mystiker". Immerhin hat er wie auch Marc André Hamelin jazzoide Nummern von Kapustin eingespielt.

(1) Übrigens verstehe ich auch die Begeisterung derselben für Rubinsteins Chopin nicht wirklich - Hauptargument: die nüchtern gleichförmigen Walzer. Weiß nicht, ob solches zu formulieren nicht noch einmal riskanter ist ... :P :D

:hello Wolfgang
Philidor (04.07.2025, 17:11):
Zweimal Wilhelm Kempff, einmal in Mono, aufgenommen zwischen 1951 und 1956, einmal in Stereo, September 1964.



Die Mono-Aufnahme beginnt moderat in Tempo und Ausdruck, auch die Sforzati veranlassen Kempff nicht, die Sphären des Schönen und Wohlgeordneten zu verlassen. Ich fühle mich am ehesten an die Aufnahme von Walter Gieseking erinnert. Die Wiederholung der Exposition lässt Kempff aber weg. – In der Durchführung ist er eher bereit, Gegensätze auszuspielen. Stellen, die ihm wichtig sind, spreizt er ein wenig, wie unter einem Vergrößerungsglas. Reprise – ach, das war’s schon? War ja gar nicht schlimm … das Ganze wirkt sehr homogen auf mich, apollinisch, dem Wahren, Guten und Schönen verpflichtet. Kann man so mögen! Zurzeit ziehe ich noch die aufregende Entdeckungsreise mit Olga Pashchenko oder das Eintauchen in Waldstein-Mysterien mit Steve Osborne vor, oder die mMn sehr schlüssige Aufnahme Schnabels.

Da gibt es zum zweiten und dritten Satz eigentlich auch nicht mehr zu sagen – makellos, ebenmäßig, erhaben und von höheren Mächten kündend zieht die Musik an mir vorbei.
Vermutlich muss ich mich erst an den Korsticks und Pashchenkos satt hören, um den Reifegrad zu erreichen, der nötig ist, um die Qualitäten dieser Aufnahme würdigen zu können. („Weißt du, was du sahst? Du bist doch eben nur ein Tor!“) – Selbstverständlich ist das ein reines Geschmacksurteil, und ich beeile mich, hinzuzufügen, dass Kempff aus meiner Sicht ein stringentes Konzept hat, das er ebenso stringent umsetzt.

Nun Kempff in stereo. Viel Unterschied höre ich eigentlich nicht, abgesehen von der durchaus höheren Klangqualität. (Das Remastering in 96 kHz/24 Bit ist m. E. ausgezeichnet gelungen.) Tempo eher moderat, Sforzati eher angedeutet, die Fülle des Wohllauts und das Glück einer geordneten Welt. Allerdings gibt es hier jetzt die Wiederholung der Exposition.

Ich habe einige Kritiken zu den beiden bekannten Gesamtaufnahmen mit Wilhelm Kempff gelesen (es gibt eigentlich vier), mehrmals geht das Votum in Richtung der mono-Aufnahmen. Für die Waldstein-Sonate möchte ich dem nicht folgen, zu ähnlich ist meiner Meinung nach der Ansatz, so dass die Wiederholung der Kopfsatz-Exposition und die höhere Klangqualität hier für mich den Ausschlag geben.
Joe Dvorak (06.07.2025, 02:26):


Stephen Kovacevich
(Digital Hi-Res, Parlaphone/Warner, Neuauflage 2017, AD: Dez. 1992)

Allegro con brio 10'30
Introduzione - Adagio molto 3'28
Rondo. Allegretto moderato 9'23

Eine Auffassung, die wahrscheinlich nicht so sehr damit zu tun hat, wie man Beethoven spielt, sondern wie man Klavier spielt. Kovacevich reizt mit seinem mechanischen Gehämmer, seinem starkbier-herzigen Zugriff und seiner grobdynamischen Spannbreite den Metaller in mir bald zum Headbangen. Er kann aber an den einschlägigen Stellen auch zurückhaltend, fast zart sein, ohne dass die immense Spannung nachlässt. Ich fühle mich informiert (© Philidor) und erregt aufgeladen. Das ist jetzt nicht so eindimensional wie es klingt, aber sicher nichts für Feingeister - Kempff (Stereo) wirkt danach wie ein verstiegener Tüftler, der vor lauter Introspektion und Ebenmaß vergisst, das Stück vorwärts zu bringen. Beide Spielweisen haben ihre Meriten, aber wenn ich mir den Beethoven-Klavierkosmos mit einer Sonate täglich vor dem Frühstück einverleiben will, ist der Amerikaner erste Wahl.
Joe Dvorak (06.07.2025, 13:09):


HJ Lim, Yamaha CFX Grand
(Digital SQ, EMI, 2012, AD: Aug. 2011)

Allegro con brio 9'58
Introduzione - Adagio molto 3'13
Rondo. Allegretto moderato 9'42

Dieser Zyklus wurde von den Experten der Fachpresse – mit wenigen Ausnahmen – verrissen, nicht selten mit einer guten Portion gehässiger Häme. Außerhalb dieser Zirkel, etwa in den großen Gazetten, oder bei Kundenrezensionen punktete die Dame allerdings ordentlich und es gab Besprechungen in Magazinen, die sonst auf völlig andere Musik spezialisiert sind. Wenn das erklärte Ziel war, neue Hörerschichten für diese Musik zu interessieren, dann wurde die Mission erfüllt. Ich kann das Geheule der Kritiker, wenn junge Interpreten über die Stränge schlagen, nicht ab. Was nutzt der Hinweis, dass die Klassiker Schnabel, Arrau und Konsorten das mit viel mehr Können, Einsicht und Feinheit gespielt haben? Diese Aufnahmen und Dutzende ähnlich geartete gibt es schon. Warum soll jemand 40 oder mehr Jahre warten, bis er "reif" genug ist, sich diesen historischen "Heiligtümern" anzunähern und eine weitere Ich-auch-Version vorlegen, anstatt zu zeigen, welche Sicht man als junger Mensch im Heute auf diese Musik hat? Okay, nachdem das aus dem Weg geräumt ist: Dieser Waldstein klingt wie kein anderer, den ich kenne. Der erste Satz ist eine Buckelpiste, oft erscheint die Balance ungewohnt. An manchen Stellen war ich geneigt, anzuhalten und nachzuprüfen, ob ich das bei anderen Interpreten auch gehört habe. Der Mittelsatz hat für mich wenig Profil, doch im Finale wird der Vorwurf, sie würde oft im Laufe der schnellen Sätze immer lauter werden, zum Triumph verkehrt. Das bekommt eine orchestrale Dimension, bei der Energien freigesetzt werden, die eine Sogwirkung erzeugen. Und ich meine sogar, an manchen Stellen endlich mal etwas von der vielbeschworenen Mystik wahrzunehmen. Sehr anregend!
Andréjo (06.07.2025, 13:55):
Auch wenn ich des Joes Argumentation im Allgemeinbereich schon gerne folgen mag, so bin ich Lims Aufnahmen gegenüber dennoch reserviert - soweit ich sie kenne, denn zugelegt habe ich mir die Integrale nicht.

Oben hatte ich das ja schon quasi nebenbei gesagt.

In einem anderen Forum, dessen Teilbereich Klassik sich ähnlich zeigt wie auch leider hier, hatten wir vor relativ Kurzem mal ein kleines Projekt zu ein paar Beethoven-Sonaten, das zu schnell wieder eingeschlafen ist. Und da stand vor allem dessen Opus 110 auf dem Programm. Das ist, mit Verlaub, schon ein herzhaft verständnisloses Spiel seitens der Frau Lim. Es liegt gar nicht primär an einer übertriebenen Virtuosität bei dieser Sonate. Es liegt an sinnfremder, wenn nicht schlicht banal fehlerhafter struktureller Gestaltung, im Detail vor allem. In einem interessanten Sinn eigenwillig und originell ist das nicht.

Wenn sie die Waldsteinsonate wirlich originell interpretiert, dann will ich das gerne glauben. Vielleicht höre ich sie mal im Netz nach.

:hello Wolfgang
Philidor (06.07.2025, 15:36):
Mit Wilhelm Backhaus ist ein weiterer Pianist an der Reihe, der spontan mit Beethoven verbunden wird. Seine Stereo–(fast–)Gesamtaufnahme der Beethoven-Sonaten, aufgenommen zwischen 1958 und 1969 und komplettiert durch eine Aufnahme der Hammerklaviersonate aus dem Mono-Zyklus (1950–53), gehört zu den Ikonen der Aufnahmegeschichte.



Der Kopfsatz beginnt fast schon bedächtig, hineinhorchend in den Achtelpuls, die Sechzehntel-Arpeggien entfalten sich in aller Ruhe, völlig unaufgeregt. So bietet auch das Choralthema kaum Anlass, die Sphäre des Überlegten und Souveränen auch nur einen Augenblick zu verlassen. Der Satz vollzieht sich, wie er muss, nur die Wiederholung der Exposition, die fällt leider weg. – Eine Linie, die die Aufnahmen von Gieseking, Kempff (2x) und Backhaus verbindet, ist unschwer zu erkennen. Sollte ich auch noch Edwin Fischer hören …? In der Durchführung entfaltet Backhaus den weit aufgespannten Klangraum und führt vor, dass diese Sonate eben nicht nur von der dialektischen Spannung zwischen Achtelpuls und Choralgestus, sondern eben auch von der Vorführung des Klavierklangs in allen Lagen lebt, gerne auch über drei, vier Oktaven auf dem engen Raum eines oder zweier Takte. Und ja, in der Reprise, wenn sich die Synthese durch den Einsatz des Choralthemas in C-Dur vollzieht, dann, ja dann nimmt er das Thema zurück, als würde er selbst erstaunen, wie Beethoven hier das Disparate zusammenbringt und einen innerlich (Tonartverhältnisse) wie äußerlich (Klang) weit ausgebreiteten Raum geschaffen hat.

Adagio mal wieder ohne „molto“. Das Gesangsthema ist schön in sein Vorspiel integriert, wird hier nicht herausgemeißelt. Abermals: Integration der Gegensätze zum Ganzen.

Das Rondothema wächst für meine Begriffe organisch aus dem Ende der Introduzione. Zart. Und ja, wenn die Arpeggien- und Triolenspiele beginnen, dann ist für Backhaus wieder die Zeit gekommen, um vorzuführen, dass der luxuriöse Klang hier konstitutiver Bestandteil der Sonate ist. So glaubhaft habe ich das noch nicht gehört, gerade, wenn diese Spielfiguren kurz vor Beginn des Prestissimo nochmal erklingen. Ganz großes Klavierspiel, meiner Meinung nach.

Vielleicht meine liebste Aufnahme unter denen mit einem apollonisch-erhabenen Ansatz.
Philidor (06.07.2025, 19:01):
Claudio Arrau, aufgenommen im September 1963.



Oha. Wenn Gieseking, Kempff und Backhaus einen apollinischen Ansatz umsetzen, dann geht es hier ins Marmorhafte: Das Herausarbeiten der statischen Waldstein-Kräfte unter Vernachlässigung der dynamischen. Ist das nun die geniale Neubeleuchtung eines sattsam bekannten Werkes durch einen der ganz großen Pianisten des 20. Jahrhunderts, das uns auf neuem Weg ins innerste Zentrum von op. 53 führt, oder ist das einfach ein grandioses Missverständnis, wunderbar zelebriert?

Entscheiden möchte ich das nicht, doch so viel: Arrau hat sein Außenseiter-Konzept ohne Wenn und Aber perfekt umgesetzt, und mit seiner Aufnahme im Ohr könnten manche Achtel- und Sechzehntel-Ratterer (Beispiel weiter oben) als das entlarvt werden, was sie sind. – Also bietet Arrau ein Konzept mit wunderbarer Umsetzung. Doch ist das Konzept tragfähig?
Als einzige Aufnahme des Werks, also ohne Vergleichsmöglichkeit, ist diese meiner Meinung nach nicht geeignet. Weil sie sowohl die Dynamik als auch die Klangräume dieser Sonate leugnet. Also eine hörenswerte „anders als üblich“ Aufnahme, die erhellt, ohne ganz glücklich zu machen? Unbedingt.

Zweiter Satz. Wieder das Marmorhafte. Aber die Chromatik im Bass, sehr fein! So selbstverständlich das hier klingt, als ob es gar nicht anders gemeint sein könne, so selten ist das zu hören. Und welche Noblesse im Klang des Themas. 04:35 gönnt Arrau sich und uns – wunderbar gefüllte Zeit.

Im Rondo legt er dann den Zauber des C-Dur-Glücks offen. Das Herausstellen der Klanglichkeit nach dem Thema ist seine Sache nicht, noble Bescheidenheit und äußerste Klarheit ist Trumpf. Beethoven als spirituelle Kraftquelle zur Selbstversenkung.

Keine Aufnahme, die mich ein Waldstein-Glück erfahren lässt, doch eine sehr hörenswerte.
Andréjo (06.07.2025, 19:51):
Die Idee des Marmorhaften finde ich sehr interessant - eigentlich für viele Aufnahmen von Claudio Arrau aus dieser Box, die ich besitze und sicher schon komplett durchgehört habe. Ich hätte dieses Attribut jetzt nicht aus dem Hinterkopf abrufen können, aber es gefällt mir. Arrau spielt nahezu ohne irgendeine Attitüde, so als wäre es ihm absolut kein Anliegen, irgendwem irgendwas zu seinem persönlichen Stil und zu seiner Sicht auf Beethoven zu verkünden, getreu der Devise: Jede Note darf für sich ganz allein stehen, Beethoven muss nicht vorgezeigt werden, nicht erklärt, ohne Zeigefinger, ohne Nachdrücklichkeit.

Hin und wieder darf man sich vielleicht ein wenig langweilen ... was nicht heißen soll, dass es unter den Sonaten welche gibt, die gänzlich überraschende Perspektiven dann doch eröffnen, sondern was meines Erachtens heißen soll, dass man bereit sein sollte, Beethoven quasi per se zu erfahren, zu genießen, zu betrachten .... Denn sonst könnte die Gefahr der Langeweile eben bestehen. Sie bestand auch bisweilen bei mir und beim Hören dieser Box.

Ich bin bei Philidors "Bescheidenheit" und "Noblesse". Und mir kämen Aspekte wie Virtuosität, aber auch Eleganz oder Akribie nicht wirklich in den Sinn. Da gibt es andere: Gulda, Brendel, Schnabel, Yves Nat, sogar der schon eher neutrale John Lill. Mag auch sein, dass Arrau die Klangräume nicht bewusst bis quasi provokativ ausleuchten will. Ja, doch, auch das.
Philidor (06.07.2025, 20:04):
Die Idee des Marmorhaften finde ich sehr interessant
Das ist jedenfalls nicht meine Idee - das Attribut war im Hinterkopf, ich meine, ich hätte es vor Jahren zu Klemperers Studioaufnahmen der Beethoven-Sinfonien mal gelesen, doch hier passt es in meiner Wahrnehmung ganz gut.
Joe Dvorak (07.07.2025, 01:13):


Théo Fouchenneret
(Digital SQ, La Dolce Vita, 2020)

Allegro con brio 11'35
Introduzione - Adagio molto 3'26
Rondo. Allegretto moderato 9'53

Bei der Suche nach Unterhunden sprang mir dieser Name ins Auge – und damit eine der besten Aufnahmen des Schubert-Oktetts ins Gedächtnis. Aber halt, da ist doch kein Klavier drin. Ich habe kurz gebingt und gelernt, dass Théo und der Geiger Pierre Brüder sind und auch schon gemeinsam Platten gemacht haben. Wieder so ein U30, der sich die Freiheit herausnimmt, sich an dem großen Ludwig zu versuchen. Und hier bleibt es in meinen bescheidenen Ohren beim Versuch. Das liegt vor allem an der zweiten Hälfte. Obwohl die Spieldauer im Rahmen ist, wirkt die Introduzione unendlich gedehnt. Es gibt Interpreten, die spielen darüber hinweg, aber hier wirkt es regelrecht in Einzelteile zerlegt, ohne Fluss und für mich erkennbaren Zusammenhang. Der kehrt auch im Finale nicht zurück. Das Spiel ist ziemlich hämmerig, ohne auf mich Eindruck zu machen. Das wirkt kühl und abweisend, dagegen ist Gieseking ein Romantiker. Wenn man auf die App schielt, um zu sehen, wie lange es noch geht, ist das ein schlechtes Zeichen. Das ist der feine Unterschied: Diese Aufnahme sagt mir gar nichts, während mir Lims sehr viel gibt, auch wenn sie objektiv vielleicht unsachgemäß ist. Mir ist das zweite lieber, aber ich verstehe durchaus, dass man keines von beiden haben will. Suum cuique.
Joe Dvorak (07.07.2025, 04:57):


Ilana Vered
(Digital HQ, Decca/London, 1978)

Allegro con brio 11'11
Introduzione - Adagio molto 4'48
Rondo. Allegretto moderato 9'36

So langsam quillt mir das Ding aus den Ohren raus, daher belasse ich es vorerst dabei. Ein Beitrag, in dem die leisen Töne überwiegen. Trotz des sehr breiten Tempos fließt der Mittelsatz bar jeder Statik ganz organisch dahin. Der Schlusssatz zeichnet sich durch eine forschende Schwerelosigkeit aus, die ich andernorts noch nicht gehört habe. Hier entsteht bei mir der Eindruck, dass etwas gesucht wird, das nicht gefunden werden kann ... (so wie von mir die Worte, um das adäquat zu beschreiben). Jedenfalls zeigt die Interpretin ein scharfes Eigenprofil und bleibt dabei ganz im Hintergrund. Schapo!
Philidor (07.07.2025, 07:32):
Stephen Kovacevich
Danke für den Hinweis - steht auf der Liste!
HJ Lim, Yamaha CFX Grand
Und nochmal - danke!
Ich kann das Geheule der Kritiker, wenn junge Interpreten über die Stränge schlagen, nicht ab.
Eben. Und wie viele in Ehren gereifte Interpreten sind ebenfalls als "junge Wilde" gestartet, bis ihnen der Segen der Altersweisheit zuteil wurde.
Andréjo (07.07.2025, 13:38):
Manchmal ist es ja mit der Altersweisheit gar nicht so weit her. Wobei ich da eher an Komponisten denke. Aber auf einen Pianisten Friedrich Gulda könnte es ebenfalls zutreffen. Dessen Kompositionen finde ich nicht ganz so interessant - mit dem Cellokonzert als markanter Ausnahme.

So viel nicht zum Thema ... Ist, fürchte ich, kaum das Hauptproblem unseres Forums ... :) i
Philidor (07.07.2025, 20:14):
Daniel Barenboim, Jahrgang 1942, hat alle 32 Beethoven-Klaviersonaten im Alter von 17 Jahren öffentlich aufgeführt. Den Zyklus hat er mehrfach aufgenommen. Die prominentesten Gesamtaufnahmen sind wohl die früheste, entstanden 1966–69 bei EMI, sowie die letzte, mitgeschnitten live im Jahr 2020 im Pierre-Boulez-Saal in Berlin. – Hier geht es um die Aufnahme aus dem frühen Zyklus:



Schön klingt es, was Barenboim im Jahr 1969 festhalten ließ. Ein paar angenehme Staccati lassen aufhorchen und nähren den Anfangsverdacht, der Pianist wollte vor dem Hintergrund der deutschen Hohepriester der Beethoven-Interpretation so etwas wie einen Unique Selling Point konstruieren. Und doch … ja, das ist schon anders als das ebenmäßige, erhabene Spiel von Gieseking, Backhaus und Kempff. Doch Barenboim vertauscht „ebenmäßig“ mit „hübsch“.

Sehr versunken die Introduzione, als ob es ein spätes Intermezzo von Brahms wäre. Das fand ich nun sehr überzeugend und nicht einfach nur hübsch, denn Barenboim hält den Satz trotz des sehr langsamen Tempos (4:53) in Fluss und Sinnzusammenhang. So klingt "Adagio molto" - für mich.

Beim Rondo bescheinigte Stravinsky dem Pianisten, dass er es so unerträglich langsam spiele, dass es ihm gelinge, es umzubringen. Ich bin geneigt, dem zuzustimmen. (12:40)

Die Entschleunigung der Waldstein-Sonate scheint noch ihrer erfolgreichen Durchführung zu harren. Die Ergebnisse von Jahrhundert-Musikern wie Arrau und Barenboim werfen die Frage auf, ob sie überhaupt gelingen mag.
Philidor (08.07.2025, 16:24):
Die Studio-Aufnahme von Emil Gilels, entstanden im Januar 1972, findet sich in den Foren und Blogs dieser Welt ziemlich häufig bei den Favoriten.



Das geht motorisch los. Mir gefällt, wie deutlich Gilels die Akzente in der Fortspinnung des ersten Themas herausarbeitet, mir gefällt, wie im zweiten Thema die Musik in anderem Licht erklingt. Für meine Begriffe eine schöne Balance zwischen Achtelmotorik und Choralmystik. Auch er nimmt beim Übergang auf Sechzehntel das erste Tempo wieder auf. Und die Wiederholung spendiert er auch. Nur bezüglich „con brio“ bleiben bei mir Wünsche offen. Gilels entschädigt mit wunderbarem Klavierklang in der Durchführung . (11:04)

In der Introduzione gibt es „Adagio molto“ (4:38). Wunderbar. Das Gesangsthema ist fein in die klangliche Umgebung eingebettet.

Fast schon traumhaft verschattet beginnt das Rondo, bis ein Triller die Szene ändert und Gilels neue Klangräume öffnet. Der Wahnsinn ereignet sich dann im Prestissimo. Mich beeindruckt die vollkommene manuelle Überlegenheit, die eine völlig ebenmäßige Gestaltung des Anschlags ermöglicht, ohne, dass das Gesamtbild damit im Ebenmaß erstarrt.

Auch bei Gilels lässt sich viel Ebenmaß finden. Im Gegensatz zu denen, die sich daran genügen lassen, lädt er das Werk mit hoher Energie auf, was diesem für meine Begriffe ausgezeichnet steht. Meiner Meinung nach eine erstrangige Aufnahme. Warum sie viele Freunde hat, kann ich gut nachvollziehen.
Philidor (09.07.2025, 12:18):
Alfred Brendel hat Beethovens 32 nummerierte Klaviersonaten mindestens dreimal als Zyklus aufgenommen. Es gibt eine frühe Aufnahmeserie, die unter dem Titel „The Complete Vox, Turnabout, and Vanguard Solo Recordings“ erhältlich ist, ferner die erste Gesamtaufnahme für Philips, entstanden zwischen 1970 und 1977 im Studio und schließlich die zwischen 1992 und 1995 ebenfalls im Studio für Philips entstandene Digitalaufnahme.

Hier soll es um die Aufnahmen der beiden Philips-Zyklen gehen, entstanden im Oktober 1973 bzw. im April 1993.



Brendel schrieb in seinem Buch „Über Musik“ viele kluge Dinge über Beethovens Sonaten. Zur Waldstein-Sonate bemerkte er:

„Die Außensätze der Waldstein-Sonate scheinen mir wie Landschaften, die sich vor dem musikalischen Auge ausbreiten. Ich will meiner Phantasie jetzt freien Lauf lassen und mir ausmalen, daß der Horizont im ersten Satz tief liegt, mit sehr viel Himmel darüber, während wir m Rondo hoch im Gebirge sitzen und einer Gebirgsweise, einem Chant montagnard, lauschen. . Die Außensätze der Waldstein-Sonate greifen weit hinaus in die Helligkeit, wir treten in ihnen aus uns heraus, während das Adagio uns nach innen - ins Dunkel der eigenen Natur - führt.“

Im Kopfsatz könnte die Spielzeit (10:43 mit Wiederholung) täuschen: Wenn Brendel an den Phrasenenden nochmal leicht das Tempo anzieht, dann bekommt die Musik einen inneren Drive, der sich durch Minuten und Sekunden vielleicht nicht erschließt). Schöne Zurücknahme des Tempos im zweiten Thema, leuchtender Klang, auch, wenn die Triolen dazukommen. Von innen drängend, außen leuchtend – ein wunderbarer Ansatz. – In der Durchführung dann wieder wunderbare Pianissimi. Rein klanglich schon ein Ereignis.

In der Introduzione lässt Brendel uns zunächst wegdämmern (4:22). Ich komme immer mehr darauf, dass die sehr langsamen Wiedergaben näher am Kern der Musik sind. Nicht umsonst schrieb Beethoven „Adagio molto“ und nicht einfach nur „Adagio“. Auf hohem Niveau gemeckert: Den Satz habe ich schon tiefer gehört.

Das Rondo ist anfangs gar nicht mal so sehr im Dämmerschein, Brendel macht sein Bild von „Helligkeit“ in den Außensätzen plausibel. Die Episoden wirken auf mich kantiger als gewohnt. Auch in den klanglichen Ausbrüchen meidet er den großen Klavierklang, belässt es bei hellen Leuchten. MIt allem Respekt vor dieser Entscheidung: Mag man da nicht einen Aspekt des Werkes vermissen?

In der 1993 entstandenen Aufnahme geht Brendel den Kopfsatz eine Spur verhaltener an (11:23), verlangsamt dafür beim zweiten Thema nicht so stark. Das Beschleunigen an den Phrasenenden gibt es auch hier, doch wirkt es sich für meine Begriffe nicht so stark aus wie beim höheren Puls. Noch mehr als in der älteren Aufnahmen scheint mir dieser Kopfsatz auf Entfalten eines leuchtenden Klanges anstelle des pulsierenden Drängens ausgerichtet zu sein. Doch klingt der Satz in der jüngeren Aufnahme homogener. Wenn bruchlose Homogenität das Ziel war, dann ist es vollendet erreicht. – So auch in der Durchführung, wo das Chiaroscuro für mich nicht so bezwingend ausgespielt wird wie in der Aufnahme von 1973. Die Gegensätze sind einander angenähert.

Auch im zweiten Satz scheint Brendel die Extreme meiden zu wollen. 3:52 statt 4:22 ist nicht einfach eine halbe Minute schneller, es ist der Unterschied zwischen Versenkung und Bericht.

Im Finale ist der Ansatz fast genauso wie 1973: Keine Traumsphäre, Helligkeit, kantig in den Episoden, Meiden des ganz großen Klavierklangs.

Brendel hat die 1993er Aufnahme im Begleitheft des 114-CD-Würfels seiner sämtlichen Philips-Aufnahmen mit einem Regenschirm versehen, was dort ein Zeichen für außerordentliches Gelingen ist. Die Homogenität ist in der Tat verblüffend, große Klavierkunst, soweit ich das sagen mag. Ich bin nur nicht sicher, ob bei der Waldstein-Sonate solche Homogenität bereits seligmachend ist. Wo ist das Revolutionäre des mittleren Beethoven? Ich würde heute der älteren Aufnahme den Vorzug geben wollen.
Philidor (10.07.2025, 10:00):
Die Aufnahme von dreien der allerbekanntesten Beethoven-Sonaten mit Mikhail Pletnev machte Ende der 1980er Furore mit ausgezeichneten Kritiken. Da brach einer von außen in die Phalanx der Beethoven-Spezialisten ein und wusste zu überzeugen.



Pletnev beginnt den Kopfsatz vergleichsweise schnell, es klingt nach Tatendrang und Bewegungslust, dabei aufgeräumt und mit klarem Kopf. Ein junger Stürmer, der weiß, wohin er will. Klar nimmt er das Tempo beim Choralthema zurück, um sich bereits beim Beginn der Triolen wieder dem ersten Tempo anzunähern. In der Durchführung könnten die Pianissimi vielleicht noch leiser sein. Einige kräftige, aber bestens eingebettete Akzente haben mir gut gefallen, sie schaffen Dramaturgie jenseits von priesterlichen Ansätzen. – Beim letzten Erscheinen des Choralthemas in C-Dur nimmt er kräftig das Tempo zurück. Ein Wow-Moment.

In der Introduzione lässt der Pianist sich Zeit. Auch er nimmt das Gesangsthema von der noblen Seite. Trotz einer vergleichsweise langen Spielzeit von 3:41 steht der Satz nicht auf der Stelle, ist nicht nur Kontemplation, sondern ist innerlich bewegt, ist auch Nachhall auf den Kopfsatz.

Rondo. Das klingt für mich eher geradlinig, ja, im Ritornell klanglich ein wenig verschwimmend, dich nicht verträumt. Und das Klavier kommt in den Episoden zum Klingen, dass es eine Freude ist! Dabei wirkt das so stimmig …

Die wirklich guten Aufnahmen sind manchmal diejenigen, an denen die Eigenheiten anderer Aufnahmen sofort erkennbar werden. Wo übte sich mancher auf der Suche nach Ebenmaß in selbst auferlegter Zurückhaltung, wo stürmte jemand davon, als gäbe es kein Morgen, wo verweigerte jemand dem Klavier das Ausspielen seines Klangs, … Pletnev unterwirft sich und uns nicht solchen Beschränkungen, spielt die Musik für meine Begriffe voll aus und bekommt all die Gegensätze des Werkes unter einen Hut – das ist das eigentliche Wunder. Ich würde diese Aufnahme zur allerengsten Spitzengruppe zählen wollen, in der sich bei mir zurzeit nur Schnabel und Gilels finden. – Freilich gibt es Backhaus mit seiner apollinischen Darstellung, Korstick mit seinem need for speed, Osborne mit dem Geschenk der Waldstein-Mystik und die spannende Entdeckungsreise von Olga Paschenko, nicht zu vergessen Arraus eingefrorene Beweungsenergien, doch das sind aus meiner Sicht eher sehr spannende Betrachtungen einzelner Aspekte des Werkes. Für einen ganzheitlichen Ansatz stehen bei mir Schnabel, Gilels und Pletnev.
Philidor (10.07.2025, 15:36):
Nun Maurizio Pollini, aufgenommen live im Februar 1997 im Großen Saal des Wiener Musikvereins, erschienen im Rahmen seiner Gesamtaufnahme.



Ganz ähnlich wie Pletnev beginnt er den Kopfsatz mit viel Drang nach vorne. Innehalten beim Choralthema, doch wie Pletnev gelingt es ihm, die Triolen danach als die Brücke nicht nur zum Grundtempo des Satzes, sondern auch zur räumliche Entfaltung des Klaviersatzes über große Teile der Klaviatur darzustellen. So wird das Disparate zusammengebracht: Einerseits das satztechnisch enge und rhythmisch in Halben stehende Choralthemas, andererseits das Hauptthema in Achteln, später Sechzehnteln, mit seinem Umfang, der mit der Antwort im Diskant ja mehr als vier Oktaven aufspannt. Großartig.

Auch die Introduzione klingt wie eine Übernahme des Konzeptes von Pletnev bei etwas mehr Versenkung.

Im Rondo entfaltet Pollini für meine Begriffe etwas mehr pianissimo-Zauber als Pletnev, spielt jedoch im Gegenzug die Klangfülle nicht ganz aus.

Pollinis Aufnahme erweist sich als konzeptionell eng verwandt mit Pletnevs Einspielung. Um einen Hauch würde ich Pollinis Aufnahme vorziehen, etwas mehr Brio im Kopfsatz als Pletnev, etwas mehr Versenkung in der Introduzione, etwas mehr Zauber im Rondo, leider dort auch etwas weniger Klangentfaltung. Dennoch: MMn zwei hinreißende Aufnahmen.
Philidor (11.07.2025, 13:54):
Nun noch Stephen Kovacevic, aufgenommen im Dezember 1992:



Die Aufnahme erinnert mich an Pollini und Pletnev. Ähnlich geradlinig, aufgeweckt und bewegungslustig, doch wirkt Kovacevics Spiel auf mich nervöser, obwohl er etwas langsamer als Pollini spielt. Er variierte das Tempo unterwegs offenbar stärker. In der Coda des Kopfsatzes sind die Unterschiede vielleicht noch greifbarer: noch stärker herausgehobene Akzente bei Kovacevic, auch das letzte Erklingen des Choralthemas in C-Dur ist nicht wirklich ruhig … Ich mag nicht entscheiden, was „besser“ ist (in welchem Sinne auch immer). Pollini gönnte ich mir im direkten Vergleich und fühlte mich da besser aufgehoben. Vermutlich eine reine Geschmacksentscheidung. Ansonsten fand ich das alerte Spiel Kovacevics ausgezeichnet.

Ähnlich in der Introduzione, schön ausgehört in der Zeit, doch immer wieder metrische Instabilitäten, die die ganze Sache unruhig machen. Schade.

Im Rondo ist es anfangs ganz schwierig, beide Aufnahmen auseinanderzuhalten. – Wieder der direkte Vergleich: Pollini klingt für mich homogener, leichtfüßiger, differenzierter.

In ihrer Geradlinigkeit im Kopfsatz und in der Anlage des Finales ist die Aufnahme sehr verwandt zu denen mit Pletnev und Pollini. Im Detail leistet Kovacevic sich mMn minimale metrische Instabilitäten, die das Ganze unruhig machen. Doch vielleicht mag jemand es gerade so und würde Pollini eher einen Hauch Sterilität bescheinigen?
Philidor (14.07.2025, 16:24):
Alexei Lubimov wählte die Kopie eines Erard-Flügels aus dem Jahre 1802 von Christopher Clarke. Viel dichter kann man an Beethovens Instrument der Waldstein-Zeit nicht herankommen. Es klingt allerdings im Diskant in meinen Ohren ziemlich klimperig.



Geradezu empfindsam klingt der erste Satz mit seinen Mini-Zäsuren vor Akzenten und mit der starken Verlangsamung beim Choralthema, mit kleinen Beschleunigungen und Verlangsamungen, fast mehr Fantasie als Sonate. Stellenweise aber auch ein wenig unscharf in rhythmischer Hinsicht. Wodurch der Impetus für mich auf der Strecke bleibt und kaum Entschädigung durch andere Aspekt geboten wird. (11:37)

In der Introduzione lauscht Lubimov schön in die Klänge hinein, bleibt aber metrisch nicht stabil, wodurch die Ruhe wieder flöten geht. (4:02)

Das Rondo ist dann geradliniger, aber auch (noch) langweiliger. Auch hier wieder Verlangsamungen, die mir quasi empfindsam vorkommen. (10:42)

Kein Aufnahme der ersten oder zweiten Reihe aus meiner Sicht. Auf dem Fortepiano ist die Entdeckungsreise von Olga Pashchenko mein Favorit, auch Brautigam kann ich bei op. 53 besser hören als Lubimov.
Philidor (18.07.2025, 19:22):
Zur Aufnahme von Jonathan Biss hätte ich wohl nicht gegriffen, wäre sie nicht im Gramophone als „Ultimate Choice“ gepriesen worden.

https://www.gramophone.co.uk/features/article/beethoven-s-waldstein-sonata-a-guide-to-the-greatest-recordings



Der erste Satz ist eigentlich eine geradlinige Angelegenheit. Nur wenig langsamer im zweiten Thema. Aber die Akzente … davor hält Biss gerne einen Wimpernschlag inne. Was bei der Wiederholung der Exposition fast wie eine Marotte auf mich wirkt. Und die schnellen Sechzehntel in der Überleitung und andernorts habe ich auch schon präziser ausgespielt gehört (ich bin auch nicht sicher, ob Biss wirklich alle Sechzehntel in der Tremolo-Wiederholung der Thema gespielt hat). Nicht einmal das letzte Auftreten des Choralthemas in C-Dur lockt ihn nicht aus der Reserve, es ist für ihn kein Anlass, irgendetwas irgendwie anders zu machen als vorher. Da schlägt die Geradlinigkeit in Nüchternheit um.

Die Introduzione ist anfangs schwankend im Tempo, wirkt fast wie improvisiert. Gar nicht schlecht. Mit dem Hauptthema wird es strukturierter, aber auch eiliger. Haben die Kritiker bei Gramophone nicht dieses nach-vorne-Fallen gehört, was viel von der Ruhe des Satzes wegnimmt? Die dortige Beschreibung „The voice speaking at the outset of the Adagio is so self-effacingly reverent that when it rises in eloquent song, it comes as a surprise“ kann ich jedenfalls nicht nachvollziehen.

Pianissimo beginnt der letzte Satz für meine Begriffe nicht. Wieder diese Nüchternheit. Klavierzauber höre ich nicht, auch nicht in den Episoden der Rondoform, Lust am Klavierspiel auch nicht.

Eine quasi calvinistische Wiedergabe, asketisch, ordentlich, vom Willen getrieben, alles gut und richtig zu machen. Leider bleibt die Musik ein klein wenig auf der Strecke – meiner Meinung nach. Die „Ultimate Choice“ ist das für mich jedenfalls nicht.
Philidor (26.07.2025, 12:55):
Eine hab ich noch auf der Liste. Igor Levit hat eine der jüngsten Gesamt-Aufnahmen vorgelegt. Für ihn ist die Waldstein-Sonate das größte Geschenk unter Beethovens Sonaten.

https://www.br-klassik.de/themen/beethoven-bewegt/waldsteinsonate-igor-levit-podcast-32xbeethoven-waldstein-100.html



Der Kopfsatz beginnt sehr zügig, und beim zweiten Thema wird es kaum langsamer. Nur bei der Überleitung dorthin geht die Übersicht der Sechzehntel ein wenig verloren. Das finde ich gar nicht mal so schlimm. Bedenklich finde ich jedoch die mechanische Attitüde, die sich ganz auf den Temporausch verlässt. Als ob es nichts anders in dieser Sonate gäbe. Levit rechtfertigt diesen Ansatz damit, dass er sich "persönliche Statements nur im Rahmen dessen erlaubt, was der Notentext vorschreibt". Das ist mir zu wenig. Schon Mahler wusste, dass das Beste nicht in den Noten steht.

In der Introduzione nimmt sich Levit viel Zeit (4:30) und hält die Spannung, sehr schön. Doch wiederum bleibt die Wiedergabe für meine Begriffe seltsam gesichtslos.

Auch der Übergang ins Finale ist meiner Meinung nach prima gelungen. Bei Levit wird das ganz zur Traumsphäre, zum Naturzauber. Wahnsinnig perfekt, und doch … die neuartige Entfaltung des Klavierklangs innerhalb einer Sonatenlogik, die führt er leider nicht vor. Mir fehlen die Aha-Erlebnisse bei einer der bekanntesten Sonaten der Literatur.

Bestürzend gut und makellos gespielt, doch vielleicht blieb Wesentliches auf der Strecke. Schade. Trotzdem hörenswert.
Philidor (26.07.2025, 13:53):
Welche sind meine Favoriten? (Meine, wohlgemerkt, höchstwahrscheinlich also nicht Deine.)

Über alles würde ich die Aufnahmen von Pletnev und Pollini ganz vorne sehen, dicht gefolgt von Schnabel und Gilels:





Dazu kommen dann Aufnahmen, die einzelne Aspekte des Werkes aus meiner Sicht in wunderbarer Weise hervorheben.

Die Apollinisch–Erhabene wäre für meinen Geschmack diejenige mit Wilhelm Backhaus, wobei Kempff (aus der zweiten Gesamtaufnahme) ebenfalls in Frage kommt:



Die Rasant-Sportliche kommt von Korstick:



Wer eine Aufnahme sucht, die die mystischen Aspekte herausarbeitet, könnte mit Steve Osborne glücklich werden:



Eine Entdeckungsreise sondergleichen bietet Olga Paschenko – nochmals vielen Dank an Joe Dvorak für diesen spektakulären Tipp!



Und ja, würde ich diese Aufnahmen jetzt alle nochmal hören, dann würde sich diese Auswahl ändern. Erst recht in zehn Jahren.

Wenn mich jemand auf Aufnahmen aufmerksam machen will, die hier nicht erwähnt wurden, oder auf Aspekte hier genannter Aufnahmen, die mir entgangen sind, wäre ich sehr dankbar!
Joe Dvorak (27.07.2025, 04:57):
Aufmerksam machen will ich auf die Aufnahme von Anders Muskens, weil sie zumindest aus klanglicher Hinsicht interessant, ach was, umwerfend ist. Bei modernen Klavieren hört man solche raumfüllenden Entladungen, wie sie hier vom Broadwood auf den Hörer einstürzen, nicht. Das ist teilweise regelrecht brutal und so gedacht vom Interpreten, der findet, dass das, was Beethovens Musik ausmacht, ihre Rohheit sei: die manische Aufregung, der Aufruhr, der Kampf, die Frustration, aber auch die Kühnheit, der Mut und das Heroische. (Beethoven: Waldstein & Appassionata Sonatas performed on a Broadwood pianoforte (1806) (CD) — Anders Muskens). Wem sich im Kopfsatz um die 6'30-Marke herum nicht sämtliche Nackenhaare aufstellen, dem rate ich den Gang zum Kardiologen, um festzustellen, ob das Herz noch schlägt. :P Aber auch auf der filigranen Seite ist das hoch überlegen. Wo hört man sonst noch eine solche Bedeutsamkeit von Einzeltönen für das Gesamtgeflecht? Introduzione - pure Magie ab 1'40.



Anders Muskens (Fortepiano, John Broadwood & Sons, London c.1806, rest. v. Paul Kobald, 2022)

(I: 10'50 / II: 2'57 / III: 10:43)
Philidor (27.07.2025, 13:41):
Meint ihr (hauptsächlich die Pianisten unter euch), dass man das zweite Thema in E-dur etwas langsamer Spielen muss als den Anfang. Ich glaub es steht nichts in den Noten, aber so vom Gefühl... ?

Ich finde: NEIN!! AUF KEINEN FALL!! Die alte Mär vom lyrischen Seitensatz oder gar dem "weiblichen" Thema, die über Generationen von Klavierlehrer zu Klavierlehrer weitergegeben wurde, sollte man endlich mal nicht immer auf sämtliche verfügbaren Parameter beziehen. Reicht es denn nicht, dass man hier plötzlich und völlig unerwartet nur noch Halbe und Viertel im homophonen Satz hat, nach pochenden Achtelbässen und aufbauschenden Triolen? Muss man dann immer gleich noch molto rubato spielen und seufzend, wie man es bei keiner barocken Schmerzensarie tun würde? Also ich hätte gerne ein robustes Tempo, welches wie der Beginn die Abgründigkeit weiterhin verschleiert (wie vielen Pianisten ist denn aufgefallen, dass der Bassgang zu Beginn einer Passus Duriusculus wie aus dem Bilderbuch ist?). Und dann im Seitensatz der fallende Quintzug ohne Umschweife...ach, Schenker muss da bei der Analyse das Wasser im Mund zusammengelaufen sein. Und dann noch diese trugschlüssige Harmonik, die uns nie ganeu erklärt, ob diese "verdurte dritte Stufe" wirklich eine ist und was sie soll. Noch krasser ist die Harmonik in Beethovens drittem Klavierkonzert, wo der erste Satz wie erwartet in c-moll steht, der zweite aber in E-Dur. Aber gut: dort sind die Sätze immerhin durch eine Pause getrennt, hier haben wir die volle Mediante im Seitensatz (davon konnte Liszt noch zehren). Also bitte: es ist genug da, da (um es mal sehr frei nach Gertrude Stein zu sagen). Wozu noch die Sperenzchen mit dem Tempo?
Diese Standpunkte finde ich immer noch höchst diskussionswürdig, zumal vor dem Hintergrund der Aufnahmen real existierender Pianisten besten Leumunds.

Es wie manchmal wie beim Fußball: Die Wahrheit is aufm Platz.
Joe Dvorak (28.07.2025, 05:27):


Maurizio Paciariello (Fortepiano, Replika von Ugo Casiglia, nach "Broadman", 1810)

(I: 11'05 / II: 4'21 / III: 11'56)

Hier liegt ein Fehler auf der Cover-Rückseite vor. Entweder wird ein Brodmann- oder ein Broadwood-Piano gespielt. Der klangliche Unterschied zu Muskens' Instrument ist so eklatant, dass eigentlich nur das erste infrage kommt. Auf seiner Netzpräsenz hat der Klavierbauer eine Brodmann-Kopie gelistet, allerdings auf Basis eines Original von 1805. Wie auch immer, dem brillanten, farbigen, fein verästelten, extrem obertonreichen Klang und der fulminanten Lautheit des Londoner Instruments steht hier ein dunkles, fast muffiges Klangbild mit begrenzter Grobdynamik entgegen. Kein Vergleich, aber vermutlich näher an dem, wie es damals in Wien geklungen hat.
satie (29.07.2025, 22:22):
Meint ihr (hauptsächlich die Pianisten unter euch), dass man das zweite Thema in E-dur etwas langsamer Spielen muss als den Anfang. Ich glaub es steht nichts in den Noten, aber so vom Gefühl... ?
Ich finde: NEIN!! AUF KEINEN FALL!! Die alte Mär vom lyrischen Seitensatz oder gar dem "weiblichen" Thema, die über Generationen von Klavierlehrer zu Klavierlehrer weitergegeben wurde, sollte man endlich mal nicht immer auf sämtliche verfügbaren Parameter beziehen. Reicht es denn nicht, dass man hier plötzlich und völlig unerwartet nur noch Halbe und Viertel im homophonen Satz hat, nach pochenden Achtelbässen und aufbauschenden Triolen? Muss man dann immer gleich noch molto rubato spielen und seufzend, wie man es bei keiner barocken Schmerzensarie tun würde? Also ich hätte gerne ein robustes Tempo, welches wie der Beginn die Abgründigkeit weiterhin verschleiert (wie vielen Pianisten ist denn aufgefallen, dass der Bassgang zu Beginn einer Passus Duriusculus wie aus dem Bilderbuch ist?). Und dann im Seitensatz der fallende Quintzug ohne Umschweife...ach, Schenker muss da bei der Analyse das Wasser im Mund zusammengelaufen sein. Und dann noch diese trugschlüssige Harmonik, die uns nie ganeu erklärt, ob diese "verdurte dritte Stufe" wirklich eine ist und was sie soll. Noch krasser ist die Harmonik in Beethovens drittem Klavierkonzert, wo der erste Satz wie erwartet in c-moll steht, der zweite aber in E-Dur. Aber gut: dort sind die Sätze immerhin durch eine Pause getrennt, hier haben wir die volle Mediante im Seitensatz (davon konnte Liszt noch zehren). Also bitte: es ist genug da, da (um es mal sehr frei nach Gertrude Stein zu sagen). Wozu noch die Sperenzchen mit dem Tempo?
Diese Standpunkte finde ich immer noch höchst diskussionswürdig, zumal vor dem Hintergrund der Aufnahmen real existierender Pianisten besten Leumunds.
Es wie manchmal wie beim Fußball: Die Wahrheit is aufm Platz.
Also gut, da ich zitiert werde, muss ich wohl nochmal ran. Das war 2009, als ich das schrieb, und da war ich relativ allergisch auf alles, was ich "romantisierend" fand. Ich bin da mittlerweile weit offener und eh nicht mehr derselbe Mensch und Hörer.
Ich finde beinahe generell, dass fast alles zu schnell gespielt wird. Ich bin zwar kein Freund von Thesen à la Wim Winters, aber durchaus auch keiner von sehr schnell gespielten Interpretationen. Ich meine, es macht gewaltig was aus, wie das Grundtempo ist. Wenn es sehr schnell ist und dann im Seitensatz zu sehr abfällt, ist es für mich einfach meist nicht schlüssig. Die Tempofragen wären vermutlich noch komplizierter, wenn man die ursprüngliche Konzeption mit dem Andante Favori WoO 57 als Mittelsatz einmal anschaut. Laut Ferdinand Ries soll Beethoven das Andante herausgenommen haben, weil die Sonate als zu lang empfunden wurde. Ich kenne nur die 86er Aufnahme von Arrau, wo das Andante noch hinten dran gehängt ist, es ließe sich leicht umstellen als zweiter Satz zum Anhören, das muss ich bald einmal ausprobieren. Ich schätze Arrau übrigens ungemein.
Es gibt genug Theorien dazu, wie sehr die langsamen und die schnellen Sätze tatsächlich sich voneinander im Tempo abheben sollen, ich habe keine Ahnung wie fundiert hier was ist. Die vielen Zugänge zu Beethovens Sonaten sind schon interessant, und dieser Thread ist sehr schön geworden, indem er die Vielfalt der Zugänge aufzeigt.

Herzliche Grüße
Satie
Joe Dvorak (30.07.2025, 06:21):
Also gut, da ich zitiert werde, muss ich wohl nochmal ran. Das war 2009, als ich das schrieb, und da war ich relativ allergisch auf alles, was ich "romantisierend" fand. Ich bin da mittlerweile weit offener und eh nicht mehr derselbe Mensch und Hörer.
:beer Die langsame Entwicklung von der totalen Ablehnung hin zur Tolerierung der 'Romantisierung" gab es bei mir über die Jahre auch.

Da es erwähnt wurde: Das Andante Favori WoO 57 ist auch in dieser Box als Anhang zur Waldstein drin. Gespielt wird es von Andrew Willis, der allerdings beim eigentlichen Werk nicht zum Einsatz gekommen ist:



Bart van Oort (Fortepiano, T&B. Wolf, nach Johann Schantz, c.1800)

(I: 10'19 / II: 4'23 / III: 9'43)
Philidor (02.08.2025, 14:45):
Das war 2009, als ich das schrieb, und da war ich relativ allergisch auf alles, was ich "romantisierend" fand.
:) An ähnliche Haltungen meinerseits kann ich mich gut erinnern ... und fand Harnoncourts Mozart-Aufnahmen toll.

Doch Harnoncourt selbst hat dann irgendwann etwas geschrieben, was sinngemäß folgenden Inhalts war: Wir dachten früher, es sei romantisierend, wenn man bei Moll-Abschnitten langsamer wird. Jedoch hat das schon Leopold Mozart gefordert.

Meine eigenen Gedanken: Es ist also vielleicht gerade umgekehrt. Nicht die Furtwänglers und Knappertsbuschs haben aus ihrem Eigenen verfälschend eingegriffen (oder nicht nur diese), sondern wir selbst haben eine Geisteshaltung unreflektiert zu unserer Erwartung gemacht, die den Komponisten vermutlich fremd gewesen wäre.

Tatsächlich haben doch die Serialisten versucht, den individuellen Willen des Komponisten durch hochgradige Organisation des Tonsatzes bis in seine Ausführungsparameter hinein zu unterbinden - der Komponist soll bitte dem folgen, was er sich mit seiner Reihe vorgegeben hat.

In analoger Weise haben wir gefordert, dass die Interpreten nicht ihrem individuellen Ausdrucksbedürfnis folgen, sondern einfach den vorgegebenen Notentext wiedergeben, ohne dauernd irgendeinen persönlichen Kram zu machen. Hat vielleicht etwas Zeitgeistiges.
Ich finde beinahe generell, dass fast alles zu schnell gespielt wird.
Hmmmm ... also, "fast alles" meine ich nicht, aber was Korstick da herunterrattert, geht mir auch zu weit. Und Levit ist dicht dran.
Ich schätze Arrau übrigens ungemein.
Ja. Anderes Extrem. Ich schätze auch Klemperers Beethoven-Aufnahmen im Studio. Modellhaft. Doch lieben tue ich andere Aufnahmen.

Herzliche Grüße
Philidor