Belcanto - Eine schwierige Annäherung

Severina (29.05.2012, 01:45):
Angeregt durch Stiffelios Beitrag im Flórez-Thread, wo sie über ihre Schwierigkeiten berichtet, sich mit reinen Belcanto-Opern anzufreunden, weil ihr die Libretti zu banal erscheinen, eröffne ich diesen Thread und beame gleich einmal meine Antwort herüber:

Liebe Stiffelio,

o je, Belcantoopern und tiefsinnige Libretti, das geht nun wirklich nicht zusammen! Wie schon der Name sagt, steht bei dieser Spezies der Schöngesang im Mittelpunkt, das Virtuosentum der Interpreten, der Inhalt ist zweitrangig und nur ein Vehikel für den Hauptzweck. Wenn man es nicht schafft, Bellini & Co unter diesem Blickwinkel zu betrachten, ist man für diese Komponisten wohl wirklich verloren.
Aber beim reichhaltigen und vielfältigen Opernkosmos ist es nicht weiter schlimm, wenn man eine Sparte ignoriert - man muss einfach Mut zur Lücke haben ! (Bei mir ist das z.B. Strauss, ohne dessen Werke ich wunderbar leben kann!) Ich bin ein bekennender Melodienjunkie und lasse mich gerne von Stimmen verführen, daher liebe ich Belcanto, aber tiefsinnige Diskussionen über ein einschlägiges Libretto zu führen, wäre wohl wirklich verlorene Liebesmüh!

Wobei natürlich auch Sinnhaftigkeit im Auge des Betrachters liegt: Bei dem von Dir heiß geliebten "Holländer" sträuben sich mir die Haare, so albern und absurd finde ich den Inhalt (Tiefenpsychologie hin oder her....). Das liegt wohl daran, dass mir Frauen vom Typ der Senta (diese duldsamen Opferlämmer...) innerlich völlig fremd sind, ja mich sogar ein bisschen aggressiv machen. Daher halte ich auch "Butterfly" und "Turandot" (wegen Liu) nicht aus.

lg Sevi
Rideamus (29.05.2012, 10:41):
Liebe Stiffelio, liebe Sevi

Belcanto und (nach heutigen Maßstäben) überzeugende Libretti sind tatsächlich eine schwierige Kombination, wobei das nicht auf den italienischen Belcanto begrenzt werden muss. Man denke nur an die Libretti der als Belcantokomponist weit unterschätzten Carl Maria von Weber (ja, auch den FREISCHÜTZ) und Otto Nicolai oder der bekanntlich auch von mir nicht besonders verehrten HOLLÄNDER und TANNHÄUSER, deren übersteigerte Erlösungsmythen ich ebensowenig ernst nehmen kann wie die haltlosen Eifersuchtsdramen der italienischen Belcantisten.

Warum das so ist, sieht man vielleicht am besten an Verdis Anforderungen an seine Librettisten. Ihm hat man ja nicht erst neuerdings den Vorwurf gemacht, dass z. B. sein TROUBADOUR ein hirnrissiges Textbuch hat; der Vorwurf war auch ihm selbst schon sehr wohl vertraut. Er hat aber trotzdem immer wieder Wert darauf gelegt, primär den emotionalen Affekt zu betonen und alles andere soweit wie möglich zu raffen.

Genau besehen, sind ja selbst die (im Grunde sehr gelungenen) Textbücher zu LUISA MILLER und STIFFELIO als reine Dramen eher problematisch, denn wer die Differenzierung, auf die der Text wegen Laufzeitproblemen vberzichten muss, nicht der Musik entnehmen kann, wird sich schwer damit tun, die Konflikte ernst zu nehmen. Wenn man dann auch noch keinen sehr entwickelten Sinn für Komödie und Ironie hat, dann fällt es einem, der erst einmal vom Text her kommt, natürlich schwer, der SONNAMBULA mehr abzugewinnen als ein begrenztes Wohlgefallen an hübschen Melodien. Bei Bellini würde ich es daher erst einmal mit einer guten NORMA versuchen, obwohl ich die PURITANI musikalisch noch mehr schätze. Leider kenne ich da bislang auch keine überzeugende Realisierung auf DVD.

Aber auch Rossini hat textlich schon vor dem TELL einiges an akzeptablen Büchern zu bieten. MAOMETTO SECONDO etwa, oder MOSE, vielleicht auch LA DONNA DEL LAGO. Auch ELISABETTA, REGINA D'INGHILTERRA kann sich hören und verstehen lassen, wobei man die Erwartungen an eine besondere Stringenz natürlich nicht zu hoch schrauben sollte. Einen Da Ponte, Boito oder Hofmannsthal gibt es eben nur ein bis zweimal pro Jahrhundert, und Wagner gehört für mich keinesfalls in deren textliche Qualitätskategorie, trotz der MEISTERSINGER, seinem mit Abstand besten Libretto.

Wer Belcanto gepaart mit sinnvolle(re)n Texten sucht, sollte sich mal in Frankreich umtun, etwa bei Cherubini (MEDÉE), Auber (LA MUETTE DE PORTICI) oder Meyxerbeers HUGENOTTEN, wobei auch die natürlich nirgendwo an Berlioz und seine TROYENS heranreichen, die neben vielem anderem auch großartigen Belcanto bietet. Leider gibt es keine der Ersteren auf einer guten DVD. Da würde ich am ehesten noch Halévys LA JUIVE empofehlen. Das aber besonders gerne, und das nicht trotz, sondern auch wegen Neil Shicoff, der für mich sowieso in der Salzburger, aber auch der pariser Aufführung auch bei Offenbachs LES CONTES D'HOFFMANN, die durchaus auch noch in diese Diskussion gehören, die erste Wahl ist. Ich weiß, das sind alles keine reinen Belcantoopern (mehr), aber sie enthalten genug davon um einen auf den Geschmack zu bringen.

In einem hat die Diskussion in dem Florez-Thread, aus dem diese hier erwuchs, natürlich Recht: ein guter Regisseur kann auch aus einem problematischen Libretto sehr viel machen. Man denke nur an diverse Inszenierungen von Opern Rameaus oder Händels, die einem auch nicht als Erste einfallen, wenn man an gute Textbücher denkt, obwohl die gerne unterschätzt werden, wie eine gute Inszenierung zeigen kann.

Ich behaupte jedenfalls, dass sich auch die gegenüber Strauss so skeptische Severina von einer guten Inszenierung von DIE SCHWEIGSAME FRAU nicht weniger begeistern ließe als von einem guten DON PASQUALE, denn beide bieten (auch) herrlichen Belcanto. Ebenso ist der Belcanto für Stiffelio nicht verloren, wenn ein intelligenter Regisseur wie Pelly sich eines Werkes wie LA FILLE DU REGIMENT annimmt. Aber das sind natürlich beides Komödien, und wenn man die auch nicht besonders zu schätzen weiß, ist das Repertoire an bewundernswerten Opern tatsächlich sehr eingeschränkt.

:hello Rideamus
Fairy Queen (29.05.2012, 12:05):
Es ist richtig, dass eine gute Inszenierung und gute Musiker/Sänger eine mittelmässige Oper zi einem Grossen Eriegnis werden lassen kann, das erlebe ich oft genug. Entscheidend ist, welche Qualitâten man vorrangig in einer Oper sucht. Einen nach heutigem verständnis sinnvollen Plot? Tolle Stimmen?
Eine stringente Komposition? Deklamtorsiche Expressivität? Hinschmelz-Melodik?
Alles zusammen gibt es nur in sehr seltenen Ausnahmefällen und so muss man eben persönliche Prioritâten setzen. Mir geht es im Belcanto um die Melodien und die Stimmen und das sind denn auch die einzigen Opern die ich mir ab und an in Auszügen auf Konserve anhören kann, alle anderen Opern gehen nur auf der Bühne, weil der theatrale Aspekt fûr mich unabdingbar ist.
Ich picke mir dann die Rosinenarien raus und geniesse schamlos nur die Stimme und die Melodie. Wobei mich die komischen Opern da viel weniger begeistern als die Opera seria. Mit einer Rossini buffa ohne inszenierung kann ich mich arg langweilen mit Bellini ohne Inszenierung nie- da sprechen die Melodien emotional sofort an und mehr braucht es ausser der entsprechenden Stimme die das in aler expressiven Schönheit singen kann, nciht. Das Libretto ist mir meist komplett egal. Wenn ich ein gutes Stück sehen will, gehe ich ins Sprechtheater oder lese. In der Oper ist ein gutes Libretto zwar ein Gewinn für mich aber kein must. ich gehe wegen der Musik und des Gesangs und nicht wegen des Textes in eine Belcanto-Oper. Und es geht mir wie Sevi: selbst so herausragende Libretti wie die diverser Strauss-Open ändern nichts daran, dass mich die Musik zu Tode langweilt und von wenigen Stellen abgesehen kalt lässt.
Aber das ist natürlich rein subjektiv..... :engel
stiffelio (29.05.2012, 23:51):
Liebe Severina und Fairy Queen, lieber Rideamus,

vielen Dank für deine Tips, Rideamus, die ich sicher nicht aus den Augen verlieren werde, soweit ich sie nicht schon kenne. Vermutlich werde ich mir jetzt doch in nicht allzu weiter Ferne I PURITANI zulegen, im Moment tendiere ich einen Hauch mehr zu der DVD mit Anna Netrebko (die mich noch nie wirklich entäuscht hat) trotz des sicher weniger guten Tenors. Der MOSE wäre dann mein nächstes Ziel, da muss ich mich bezüglich käuflicher DVDs wenigstens nicht entscheiden (es gibt offenbar nur die aus der Scala von 2003). LES TROYENS werden dann sicher auch bald dabei sein, ich konnte mich von der Wikipedia-Zusammenfassung her allerdings noch nicht so 100%ig für die Handlung erwärmen. Das gleiche gilt für LA JUIVE, deren Beschreibung ich zunächst sehr interessant fand, aber der Schluss - puh! Ich verkrafte zwar inzwischen auch tragische Opern, wenn sie (aus meiner Sicht) so gut gemacht sind wie z.B. TOSCA, aber am liebsten ist mir meistens doch das Grundkonzept "ernst, aber nicht tragisch".
Das führt zu der von FairyQueen aufgeworfenen Frage, was man (ich) eigentlich in der Oper sucht (suche). Ich weiss es eigentlich sehr genau, es fällt mir aber nicht ganz leicht es zu beschreiben. Unabhängig davon, dass mir auch viele andere Opern gefallen (aber eben auch nicht mehr), suche ich tatsächlich die innerliche Berührung, zu der für mich drei Punkte gehören:
1. ein Thema, das mich berührt: das muss gar nicht mehrheitsfähig "stringent" sein, wie man am HOLLÄNDER sieht. Es kann sogar ziemlich abstrus sein, nicht selten ist es heftig pathetisch (wie im TELL), aber eine einfache Liebesstory mit ein bisschen "Gewickel" drumrum reicht jedenfalls nicht aus. Insgesamt sicher der subjektivste Punkt. Im Bereich der Literatur kann ich ein gutes Beispiel bringen: die Dramen von Fritz Hochwälder (falls die hier jemand kennt, am bekanntesten sind wohl "Das heilige Experiment" und "Der öffentliche Ankläger"). Für mich der Inbegriff der Dramatik!
2. eine Musik, die nicht zu heftig in Dissonanzen schwelgt - nach Wagner ist derzeit noch ziemlich schnell Schluss bei mir (vom Plot her würde mich z.B. CARDILLAC extrem interessieren, aber an Hindemith traue ich mich noch nicht heran).
3. Opernsänger, die das was sie singen auch schauspielerisch rüberbringen können. Beste Beispiele sind für mich sowohl der TANNHÄUSER als auch in gewisser Weise LA DAMNATION DE FAUST, die mich beide beim Erstkontakt null beeindruckt haben und in einer anderen Inszenierung eine wahre Initialzündung freigesetzt haben, obwohl Thema und Musik ja gleichgeblieben sind.

Sorry, dass ich mal wieder vom eigentlichen Thema "Belcanto-Libretti" etwas abgekommen bin. Eine Frage möchte ich aus dem Florez-Thread aber noch herüberretten:
Karolus Minus an stiffelio
Und oft sind ja auch die Inszenierungen entweder konventionelles "Hier stehe ich und singe" oder dann gewollt verrückt und auch nicht zielführend.
das kann ich ohnehin nicht ganz verstehen: wieso führt eine konventionelle Inszenierung eigentlich so oft (jedenfalls eindeutig zu oft) zu emotionslosem Rampensingen? Es ist doch überhaupt kein Widerspruch, in einer konventionellen Inszenierung emotional überzeugend zu agieren. Z.B. im ROH-Stiffelio, im McVicar-Figaro und in mindestens einem halben Dutzend weiterer Inszenierungen, die ich kenne, ist das doch auch gelungen ?(.
Wenn es mehr Belcanto-Opern in nicht zu abstruser, von mir aus gerne deutlich konservativer Inszenierung gäbe, in denen aber gespielt und nicht
nur gestanden wird, wäre mein Zugang zu ihnen sicherlich deutlich leichter.

VG, stiffelio
Severina (30.05.2012, 00:47):
Liebe Stiffelio,

ich denke, "innere Berührung" sucht/erwartet sich jeder Opernbesucher, denn Musik, die nur das Ohr, aber nicht das Herz erreicht, verfehlt in meinen Augen ihren Zweck. Aber welche Musik dieses Gefühl auslöst, ist eben von Individuum zu Individuum verschieden, deshalb ist es auch relativ schwierig, Tipps zu geben.

Dir scheint der religiöse Aspekt sehr wichtig zu sein (auch im Holländer geht's schließlich um Erlösung), Dich berühren sich für was auch immer aufopfernde Frauen, ich kann mit beidem nur sehr wenig anfangen. Ich liebe wahrscheinlich genau die Sujets, die Du nur schwer oder überhaupt nicht aushältst. (Typisch dafür ist Fritz Hochwälder: Ich liebe seinen "Himbeerpflücker" und den "Befehl", "Das heilige Experiment" hingegen nötigt mir nur literarisches Interesse ab, ansonsten ist es nicht mein Ding.)

Bei Bellini, Rossini etc. schwelge ich einfach in der Musik und akzeptiere, dass der Plot oft nicht einmal Soap-opera-Qualität hat. Und ganz ehrlich: So manches Verdilibretto ist nicht viel weniger verquast, nur ist der Nonsens da halt hochdramatisch verpackt und fällt daher weniger auf.

Deinem 3. Punkt hingegen kann ich vollinhaltlich zustimmen: Nur Schöngesang alleine reicht mir auch nicht, Oper ist Musiktheater und muss dementsprechend lebendig in Szene gesetzt werden. Aber ödes Rampentheater ist nicht an Belcanto gebunden, wenn Du Dir ältere (und leider nicht nur) MET-Produktionen anschaust, wird dort bei Verdi oder Puccini genauso herumgestanden und frontal ins Publikum gesungen. Erst in den letzten Jahren ist etwas Bewegung in den Regiesektor gekommen, aber ich vermute, das sehr konservative MET-Publikum wird da nicht lange mitziehen.

Das Problem ist, dass es leider wirklich kaum spannend inszenierte Belcantowerke auf DVD gibt, die ich Dir empfehlen könnte.
Kennst Du die Pelly-Inszenierung von "Fille du Regiment"? Die ist witzig und spritzig, ich fürchte nur, die Story ist Dir wieder zu seicht. (Womit Du recht hättest, aber Flórez und Dessay machen das für mich mehr als wett.) Außerdem willst Du ernsten Belcanto, und da wird's noch schwieriger. "Puritani" habe ich mit Flórez, Machaidze, D'Arcangelo - wunderschön gesungen, aber die Inszenierung ist nicht das Gelbe vom Ei. Das gleiche gilt für die Wiener "Anna Bolena": Musikalisch topp, szenisch ein Flopp.

lg Sevi :hello
stiffelio (30.05.2012, 20:05):
Liebe Severina
Original von Severina
ich denke, "innere Berührung" sucht/erwartet sich jeder Opernbesucher, denn Musik, die nur das Ohr, aber nicht das Herz erreicht, verfehlt in meinen Augen ihren Zweck.
du hast recht, das war eine ziemlich dusselige Aussage, weil sie sich eigentlich von selbst versteht. Und natürlich kann auch reine Melodienseligkeit innerlich berühren. Vermutlich wollte ich damit nur zum Ausdruck bringen, dass die von FairyQueen angesprochenen Punkte "Tolle Stimmen" und "Hinschmelz-Melodik" für mich in der Oper meist nicht ganz so entscheidend sind, wenn ich sie natürlich auch schätze.

Dir scheint der religiöse Aspekt sehr wichtig zu sein (auch im Holländer geht's schließlich um Erlösung), Dich berühren sich für was auch immer aufopfernde Frauen, ich kann mit beidem nur sehr wenig anfangen. Ich liebe wahrscheinlich genau die Sujets, die Du nur schwer oder überhaupt nicht aushältst. (Typisch dafür ist Fritz Hochwälder: Ich liebe seinen "Himbeerpflücker" und den "Befehl", "Das heilige Experiment" hingegen nötigt mir nur literarisches Interesse ab, ansonsten ist es nicht mein Ding.)
Ja und Nein. Stimmt, der religiöse oder spirituelle Aspekt ist mir wichtig, aber den entdecke ich ohne Schwierigkeiten auch im "Himbeerpflücker" und erst recht im "Befehl" (die ich beide auch sehr liebe). Aus meiner Sicht hat Hochwälder sowieso nur religiöse Dramen geschrieben.
Und "sich aufopernde" Männer in der Oper sind mir sowieso eher noch lieber als Frauen :wink, aus dem einfachen Grund, dass ich mit tiefen Stimmen im Schnitt mehr anfangen kann als mit hohen. Den Marquis de Posa würde ich jederzeit gegen die Liu tauschen, vielleicht sogar gegen Senta. Aber ich hab das extra in Anführungszeichen gesetzt, weil ich das, was du meinst, sowieso nicht als Opfer bezeichnen würde. Ideale zu haben und sie auch gegen Widerstände durchzuhalten, hat für mich weniger mit Opfer im negativen Sinne als mit der Erfahrung von Sinnhaftigkeit und damit einer Spielart des Glücks zu tun (im Sinne von Vaclav Havels vielzitiertem Spruch: "Hoffnung ist nicht die Überzeugung, das etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht).


wenn Du Dir ältere (und leider nicht nur) MET-Produktionen anschaust, wird dort bei Verdi oder Puccini genauso herumgestanden und frontal ins Publikum gesungen. Erst in den letzten Jahren ist etwas Bewegung in den Regiesektor gekommen, aber ich vermute, das sehr konservative MET-Publikum wird da nicht lange mitziehen.
Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass selbst ein sehr konservatives Publikum etwas gegen lebendige Schauspielerei in der Oper hat. Mein DON PASQUALE ist aus der MET von 2010 und der ist sehr lebendig, fast schon Klamaukmäßig in Szene gesetzt - aber dennoch konservativ bzw. konventionell oder wie immer man das nennen will. Und da sind wir wieder bei dem Punkt, dass ich schauspielerisches Können immer noch für prinzipiell unabhängig von der Frage "Regietheater oder konventionell" halte. Ich kann teilweise sogar nachvollziehen, was ein konservatives Publikum am Regietheater oft stört und warum die MET auch den Salzburger GIULIO CESARE vermutlich nicht begeistert beklatscht hätte, möchte aber euren Enthusiasmus in dem Thread dazu nicht stören. Oder würde es dich ehrlich interessieren, was jemanden, der sich nicht für einen absoluten Staubi hält, an dieser Inszenierung eher stört, auch wenn ich ihr absolut meinen Respekt zolle? (und nein, es ist definitiv nicht der blaue Anzug von Cäsar).


Kennst Du die Pelly-Inszenierung von "Fille du Regiment"? Die ist witzig und spritzig, ich fürchte nur, die Story ist Dir wieder zu seicht. (Womit Du recht hättest, aber Flórez und Dessay machen das für mich mehr als wett.) Nein, die kenne ich noch nicht wirklich (ich vermute, ich hab mal ein paar Ausschnitte auf youtube gesehen). Danke für den Tip - da sie sich vermutlich mal wieder fürs gemeinsame Sehen mit meinen Kindern eignet, werde ich sie mir bestimmt mal zulegen.

VG, stiffelio
Fairy Queen (31.05.2012, 07:24):
Liebe Stiffelio, mcih würde mal interessieren ob für Dich Rossini, Donizetti und Bellini - die ja gewohnlich in einem Atemzug genannt werden, ähnlche Reaktionen hervorrufen oder ob es da Unterschiede gibt.

F.Q.
stiffelio (31.05.2012, 20:20):
Liebe FairyQueen,

das ist eine interssante Frage, die ich aber zu meiner Schande wohl noch nicht kompetent beantworten kann. Ich vermute, dass du sie im Zusammenhang mit dieser Anmerkung von dir gestellt hast?
Mit einer Rossini buffa ohne inszenierung kann ich mich arg langweilen mit Bellini ohne Inszenierung nie - da sprechen die Melodien emotional sofort an und mehr braucht es ausser der entsprechenden Stimme die das in aller expressiven Schönheit singen kann, nicht.
Von Bellini kenne ich nämlich tatsächlich bisher nur LA SONNAMBULA in Gänze, die mich auch rein musikalisch nur wenig beeindruckt hat (geplant ist jetzt wie gesagt I PURITANI). Das finde ich aber zuwenig, um ein Urteil über einen Komponisten abzugeben. Von Rossini liebe ich den TELL und zumindest teilweise SEMIRAMIDE, TANCREDI und MAOMETTO II haben mir - auch musikalisch - weniger gut gefallen.
Von Donizetti kenne ich bisher DON PASQUALE, L'ELISIR D'AMOUR und MARIA STUARDA. Derzeit ziehe ich Rossini noch vor, das könnte sich aber noch ändern.

Ich berichte gerne nochmal, wenn ich I PURITANI gehört habe.

VG, Stiffelio
stiffelio (24.06.2012, 22:05):
Liebe Fairy,
hier ein erster Belcanto-Zwischenstand: von Bellini sind jetzt bei mir I PURITANI (sogar in den beiden Fassungen mit Netrebko bzw. Machaidze) und NORMA hinzugekommen. I PURITANI gefällt bisher mit Abstand am besten und ich verstehe zum erstenmal im Ansatz, was du mit Hinschmelz-Melodik meinst: Florez hat es tatsächlich mehrmals für einige Minuten geschafft dass es mir egal wurde, was er da vom Text her sang.
Aber obwohl Netrebko für meinen Geschmack darstellerisch das herausholt, was bei der Elvira drin ist und Florez auf der anderen DVD einen absolut berückenden Tenorgesang bietet, reicht mir das für eine ganze Oper letzlich doch nicht aus (einzelne Szenen werde ich allerdings wohl immer wieder genießen).
Auf den MOSE von Rossini warte ich noch und von Donizetti sind ANNA BOLENA, ROBERTO DEVEREUX und POLIUTO hinzugekommen. Wie im anderen Thread zu ahnen ist, hat der POLIUTO es zu einer meiner persönlichen Lieblingsopern geschafft und ROBERTO DEVEREUX mindestens auf die mittleren Ränge. Damit liegt Donizetti in der Bilanz momentan eher eine Nasenlänge vor Rossini auf Platz 1. Das mag einerseits daran liegen, dass ich bei Donizetti die größte Nähe zu Verdi empfinde, andererseits evtl. ganz banal auch daran, dass Donizetti (gefühlt, nicht recherchiert) die meisten Opera seria von diesen drei Komponisten geschrieben hat, so dass ich da einfach die größte Auswahl habe.
Insgesamt würde ich momentan sagen, Bellini hat den "schönsten" Belcanto geschrieben, Rossini den spritzigsten und Donizetti den dramatischsten, auch wenn das so plakativ natürlich nicht für jede einzelne Oper gilt.

VG, stiffelio
Fairy Queen (27.06.2012, 13:07):
Liebe Stiffelio, es freut mein Bellini-Herz, dass du dich so seriös um diese Musik kümmerst.. Bellini ist ja für seine wunderschönen Melodien (melodie lunghe) berühmt und mir reichen die, wenn sie denn gut gesungen werden, was leider her selten passiert, zur Seligkeit vollkommen aus. Ich brauche nicht mehr, ncihtmal ein Büihnenbild, das sind die einzigen Opern wo mir das Hören ausreicht. Hast du aus den Puritani inzwischen auch die Arie "O rendetemi la speme" mit Callas gehört? In der frühen Version von 1949 ist das für mich eine Höhepunkt der gesamten Musikgeschichte.
Das Ergreifende an Bellinis Melodien ist für mich die Verbindung von engelhafter Schönheit mit Melancholie und Sehnsucht- eine quasi unwiderstehliche Mischung. Leider braucht man dazu nicht nur virtuose sondern auch besonders schôn timbrierte Stimmen, denn diese splitternackte Stimmführung ohne ein "vertuschendes " Orchester drunter verzeiht nichts. Das ist quasi a capella Gesang, die Arpeggien, die die meisten Arien begleiten, sind eine leichte Stütze und nicht mehr. Der komplette Gegensatz zu grosser dramatischer Oper- in der dem Orchester dieselbe musiklaische Bedeutung zukommt wie dem Sänger und schlechter Gesang eher untergeht bzw eher toleriert werden kann- man hat ja noch das Orchester..... Einer der Gründe warum viele Musikfreudne Belcanto oper ablehnen ist, dass sie den musiklaischen Gehalt zu dünn finden. Wenn man nicht von Melodienschônheit satt wird, mag das stimmen.

Ich bin weder grosser Rossini noch Donizetti-Fan, aber bei Bellini ist es um mich geschehen. Diese besondere Affinität zu analysieren, die ja nicht dem Belcanto als solchem gilt, ist nciht ganz einfach.

Weiter viel Freude beim Entdecken wünscht dir Fairy Queen
Karolus Minus (27.06.2012, 13:56):
Original von Fairy Queen
Liebe Stiffelio, es freut mein Bellini-Herz, dass du dich so seriös um diese Musik kümmerst.. Bellini ist ja für seine wunderschönen Melodien (melodie lunghe) berühmt und mir reichen die, wenn sie denn gut gesungen werden, was leider her selten passiert, zur Seligkeit vollkommen aus. Ich brauche nicht mehr, ncihtmal ein Büihnenbild, das sind die einzigen Opern wo mir das Hören ausreicht.

Liebe Fairy Queen,
da geht es mir genauso, wobei das auch daran liegen mag, daß ich - mit eineinhalb Ausnahmen - weder live noch per Bildschirm Inszenierungen kenne, die mir neben der Stehparty im historischen Gewande irgendwas zum Inhalt sagen, egal, ob das die Puritani von der Met oder die mit Florez sind (gleich, ob die Aufnahme mit Machaidze oder sein Rollendebut in Las Palmas). Und die Malibran-Version aus Catania mit Ricciarelli/Merritt ist auch nicht anders, genausowenig wie die Reste?? der John-Dew-Produktion in Wien.

Bei Norma ist es kein Stück besser, gleich ob Sutherland, Caballé oder Daniela Dessi. Beim Gastspiel des La Fenice an der Komischen Oper Berlin!! 1967 kann man sich wenigstens noch über die wunderbaren Pappkulissen amüsieren.

Die halbe Ausnahme ist für mich die Norma aus Orange mit Caballé/Veasey/Vickers. Die ist zwar im Grunde auch nicht besser, aber der starke Mistral macht aus den Umhängen wahre Segel, das sieht einfach toll aus rein als Bild.

Und die ganze Ausnahme sind die Puritani aus Amsterdam, bei denen die Charaktere endlich einmal Profil haben und auch die inhaltliche politische Komponente des Zwistes zwischen Anglikanern und Katholiken klar erkennbar ist

Liebe Grüße
Karolus Minus