Cetay (inaktiv) (29.10.2017, 11:57): Bengt Hambraeus (29.01.1928 - 22.09.2000) gilt als einer der herausragenden Vertreter der schwedischen Neuen Musikszene. Mit seiner Tonband-Komposition Doppelrohr II (1955) schrieb er sich in die neueren Geschichtsbücher. Das Werk ist praktisch auf jeder Kompilation von früher elektronischer Musik zu finden. Sein Orgel-Chorwerk Motetum archangeli Michaelis (1967) wurde sogar ein veritabler Hit, der mindestens fünfmal auf CD eingespielt wurde. Allzu viele Werke, die 50 oder weniger Jahre auf dem Buckel haben und so zahlreich eingespielt wurden, dürfte man nicht finden. Für seine Verdienste wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 1986 mit der höchsten schwedischen Auszeichnung für Künstler, der königlichen Medaille Litteris et Artibus. Damit befindet er sich in der illustren Gesellschaft von Namen wie Greta Garbo, Nicolai Gedda, Esa-Pekka Salonen und Henning Mankell. Mit solchen Singularitäten in der Biographie sollte man eigentlich davon ausgehen, dass Hambraeus' Werk den Hörwilligen zugänglich ist, aber die Präsenz auf Tonträger -vom Konzertsaal ganz zu schweigen- spiegelt die Bedeutung nicht wieder. Von den 135 gelisteten Hauptwerken ist nur ein Bruchteil greifbar und das meiste ist auf irgendwelchen Kompilationen versteckt. Immerhin konnte ich auf Spotify eine Spielliste von 4 Stunden Dauer zusammenstellen und die haben es wirklich in sich. Mehr davon bitte!
Die Musik von Hambraeus kann im Spannungsfeld von Webern und Varèse verortet werden, wirkt aber oft noch in der Tradition verwurzelt. Daneben sind asiatische Einflüsse auszumachen. Eine delikate Mischung, wie ich finde. Seine erstes Hauptwerk ist das Koralförspel op. 4 für Orgel solo - und das sollte dann auch der Schwerpunkt im Schaffen von Hambraeus werden. Andere Frühwerke zeigen schon den Hang zur ungewöhnlichen Instrumentierung. Die Kammarmusik för 6 instrumenter, Op.28, für Flöte, Oboe, Klarinette, Altsaxophon, Viola & Cembalo (1950), das Diptychon (Tabu-Mana), Op.30 für Flöte, Oboe, Viola, Celesta & Cembalo (1951/52) oder Giuoco del Cambio, Op.33 für Flöte, Englischhorn, Bassklarinette, Vibraphon, Cembalo, Klavier und 3 Schlagwerke (1952/54) erzeugen schon beim Lesen der Besetzung eine unbändige Hören-wollen-Gier bei mir. 1955 taucht dann erstmalig "Tape" als Instrumentarium für Doppelrohr II auf. Mit der nächsten Tonbandkomposition Fresque Sonore holte er dann zum großen Schlag aus. Hambraeus hat hierfür zunächst die einzelnen Stimmen für Sopran, Fagott, Congas, Kontrabass, Flöte/Piccolo, Harfe, Oboe, Orgel/Cembalo, Trompete und Violine ausgeschrieben, separat einstudieren lassen und aufgenommen. Dann hat er sich mit Ringmodulator und Filter bewaffnet daran gemacht, das zusammenzuschneiden. Was auch immer ihn bei der Organisation der Klänge geleitet hat, das wirkt sehr stringent und entlässt mich die vollen 25 Minuten nicht aus seinem Bann. Kurz darauf schuf er eine Trilogie von großangelegten Orchesterwerken, Rota (1956/62), Transit (1963) und Transfiguration (1962/63), die sowohl einzeln als auch gemeinsam aufgeführt werden können. Mit Experiment X: Churchopera legte er seine erste von insgesamt vier Opern vor. Die Uraufführung fand am 9. März 1971 in Stockholm statt. Die Gattung des Bläserquintetts wurde mit Jeu de cinq (1976) ebenso bedacht, wie die des Klavierkonzerts (1992). Letzteres ist wirklich ein Brocken, den man nicht versäumen sollte. Das ist so anspielungsreich, dass es mich schier in den Wahnsinn treibt - an wen erinnert das nun schon wieder? Wie ich es schreibe, fällt es mir ein: Hovhannes! Wie bei jenem generell, fehlt mir bei Hambraeus' Klavierkonzert etwas das Experimentelle von den älteren Arbeiten. Trotz struktureller Klarheit geht ihm hinten hinaus deutlich die Puste aus. (Wenn Avantgardisten auf ihre alten Tage wieder tonal schreiben, überzeugt das in den seltensten Fällen. Dennoch sind die 40 Minuten Hörzeit sicherlich besser investiert als für die 287. Neuaufnahme des Beethovenschen G-Dur Konzerts, in der tumben Hoffnung dort irgendeinen neuen Aspekt zu entdecken, den die 286 Vorgänger übersehen haben.) Das letzte, im Todesjahr vollendete Werk sollte schließlich ein Variationensatz für Laute, Varianti per liuto (2000) bleiben.
Cetay (inaktiv) (29.10.2017, 12:20): Hier meine Topfavoriten, die mich alle nachhaltig beeindruckt haben - allen voran Fresque Sonore:
Fresque Sonore für Tonband Transfiguration - Schwedisches Radio-Sinfonieorchester, Michael Gielen
Konstellationer II für Orgel und Tonband Bengt Hambraeus
Nocturnals für 15 Musiker KammarensembleN, Ansgar Krook
Varèse im Orient mit Solo-Baritonsaxophon. Ein Fest!
A solis ortus cardine für Orgel Hans Hellsten
Vom Titel der CD darf man sich nicht die Irre führen lassen - da ist nur Klassik drauf (Schwerpunkt: Buxtehude)
Night Music für Gitarre & Perkussion Stefan Östersjö, Johnny Axelsson
Varianti per Liuto (für Laute) Peter Söderberg
Sfantu (04.06.2018, 21:16):
Jeu de cinq für Flöte, Oboe, Klarinette, Horn & Fagott The York Winds (LP, centredisc, 1982)
Bloss eine knappe Viertelstunde Spieldauer hat dieses Bläserquintett, das die York Winds bei Hambraeus in Auftrag gaben & im Februar 1977 auch uraufführten. Nach erstem Hören vielleicht am spannendsten der erste Abschnitt: Es beginnt mit einem gefühlt endlosen Einzelton bzw. Primen auf c, von den einzelnen Stimmen teils nach oben oder unten oktaviert. Bald bringt die Klarinette, mal die Oboe einen Triller, bald ist der Flötist angehalten, zu überblasen, der Grundton c wird jedenfalls weiter gehalten, hie & da gibt es zaghafte Versuche, eine Harmoniestimme in Gang zu setzen - vorerst ergebnislos: die Grundton-Achse zieht sich weiter & weiter. Endlich bringt das Ansteuern neuer Prim-Fäden doch noch Bewegung in das Ganze - könnte man meinen. Zunächst spinnt sich aber weiter alles um eben diese neuen Primen, wie ein Faden um eine Spule. Eine Phase der allmählichen Emanzipation der einzelnen Stimmen bringt freiere Dialoge, mal in 2er-, dann in 3er-, 4er-, 5er-"Gesprächsrunden". Ein lebhaftes Geplauder entspinnt sich so (die Spule wird wieder schlanker): Kontroversen, Nachgeplapper, Einsprüche, Einhelligkeit. Das Horn führt mit lang gehaltenen Tönen zurück zum Gestus des Anfangs. Die anderen schliessen sich zögernd an. Es kommt zu einem ruhigen, ausgeglichenen Abschluss.
Hambraeus benutzt im Klappentext ein anderes Bild:
Die Musiker fragten mich: Worum geht es in dem Stück? Ich entgegnete:Warten Sie ab. Stellen Sie sich eine Szene unter Spielern vor. Jeder versucht, die Strategie der anderen zu verstehen. Von der neutralen, zur gleichen Zeit aber erwartungsvollen Eröffnung beginnen die Dinge, sich zu bewegen...Machen Sie ihr Spiel.
Eher zufällig entdecke ich diesen Hambraeus in meiner Sammlung. Das Ensemble spielt das sehr überzeugend. Der Appetit ist geweckt...
Sfantu (20.02.2022, 18:43):
Konzert für Klavier und Orchester
Ortwin Stürmer, Klavier SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg - Israel Yinon (CD, Neos, 1997)
Das rituelle Trommeln, das in einer Reihe seiner Werke eine große Rolle spielt, wird im Klavierkonzert gleichsam als verlängerter Arm des Klaviers eingesetzt. Doch darüberhinaus geht es Hambraeus darum, die geheimnisvolle magische Macht der Schlaginstrumente und ihrer Rhythmen, wie sie in etlichen Kulturen der Welt rituelle Zeremonien begleiten, als Symbol spiritueller Kraft zu verwenden.
Die Entstehung des Konzertes fällt zeitlich in die über zwanzig Jahre, in denen der Komponist in Montréal lebte. Ortwin Stürmer war damals auch der Auftraggeber. Von einem Besuch bei Hambraeus 1990 berichtet er, daß das erwähnte Schlagwerk hier auch als ein konkretes politisches Statement verstanden werden müsse: zu jener Zeit war es ein heiß diskurtiertes Thema, daß unweit der Stadt ein Indianer-Reservat einem neuen Golfplatz weichen sollte.
Der Solist beginnt zunächst unbegleitet, bis es in einen Dialog mit Tam-Tam und anderem Schlagwerk tritt. Erst allmählich erscheinen auch andere Instrumente auf der Klangfläche. Cetay schreibt zurecht von einem Brocken - ist das en bloc ertönende Werk doch eine 2/3 Stunde lang. Die Befürchtung aber. es könne überfordern, bestätigt sich nicht. Auch kann ich nicht von einem Spannungseinbruch berichten. Cetays Beobachtung, es ginge dem Werk im Verlauf die Luft aus, teile ich nicht. Hambraeus schafft es, daß ich ununterbrochen aufmerksam bleibe und Appetit auf jeden neuen Takt bekomme. So schillernd, kontrastreich und klangprächtig ist diese Musik. Wenn Avantgardisten auf ihre alten Tage wieder tonal schreiben, überzeugt das in den seltensten Fällen. Genau das ist es aber vermutlich, das mich hier anspricht. Und so kommt bei mir spannende Vorfreude auf, antichronologisch in Richtung der mehr avantgardistischen älteren Sachen von ihm fortzuschreiten...Bin während der ganzen 38min Spielzeit nur 3x kurz ans Klavier um die Harmonie zu checken. Anfangs h-moll, erst nach gut 20min ein Wechsel zu d-moll, schließlich retour zu h-moll. Ein Metrum ist kaum irgendwann einmal spürbar. Es herrschen Klangflächen vor, weshalb die Grundharmonien auch so gut wahrzunehmen sind. Ein Stück Neue Musik, das mich gleich bei der Erstbegegnung fesselt. Das ist so erfreulich wie selten.