Allegra (06.04.2013, 18:38): Dann wage ich es mal, neben den "Großen" aus Wien oder New York das klitzekleine Jugendstiltheater in Lübeck hier einzureihen, das zur Zeit ordentlich von sich Reden macht. :P
Gestern Abend fand die umjubelte Premiere von „Die tote Stadt“ von Erich Wolfgang Korngold vor ausverkauftem Haus statt.
Ich bin immer noch ganz hin und weg von einer sehr eindrucksvollen, musikalisch geradezu überwältigenden Aufführung. Da ich nicht weiß, in wieweit die Oper bekannt ist, hier eine kurze Zusammenfassung der Handlung.
Paul verliert sich völlig in die Erinnerung an seine verstorbene Frau Marie. Sein Haus hat er zu einer „Kirche des Gewesenen“ umgestaltet, in deren Zentrum ihr Porträt und ihre Haarflechte stehen. Auch die tote Stadt Brügge zehrt, vereinsamt und melancholisch, von ihrer Vergangenheit und verhindert damit bei Paul jeden Impuls zu einem neuen Leben. Eine Operntruppe kommt in die Stadt für ein Gastspiel mit Meyerbeers „Robert le diable“. Die Tänzerin Marietta ähnelt Pauls toter Marie äußerlich sehr. Den Warnungen seines Freundes Frank zum Trotz vermischen sich Marie und Marietta in Pauls Wahrnehmung. Paul muss jedoch erkennen, dass Marietta seiner Frau innerlich in keiner Weise entspricht. Trotz ihrer Affäre flirtet sich mit anderen Männern, auch seinem Freund Frank. Er vefolgt sich rasend vor Eifersucht und schließlich stellt sich Marietta dem Kampf gegen seine Erinnerung von Marie. Sie reizt und verspottet ihn, bis er Marietta mit Maries Haarflechte erdrosselt. Als er zu sich kommt, ist das Geschehene nur ein Traum und „nun könnte Paul seine Erinnerungen loslassen und ein neues Leben beginnen.“
Der letzte Satz ist absichtlich in Anführungszeichen. Ich habe ihn aus dem Programmheft wörtlich übernommen, da ich darüber gestolpert bin. Die Inszenierung von Dieter Kaegi verdeutlichte dessen Bedeutung aber sehr anschaulich. Das Bühnenbild war schlicht und zweckmäßig: ein schwarzes Sofa in der Mitte, mit riesigen schwarzen Kissen, daneben das große Porträt von Marie, schwarz verhüllt, ebenso wie eine Kasten mit ihrem Haar. Auf der anderen Seite ein Schrank, ein Trolley mit reichlich Alkoholika. Hinter dem Sofa weiß verhangene Sessel, dahinter eine weitere Bühne hinter einem leichten Vorhang, wo sehr wirkungsvoll das kaum vorhandene Außenleben Brügges gezeigt wird – in Schatten, Schemen, bis diese Einzug in Pauls Bewusstsein halten und auf der Bühne erscheinen. Die visuelle Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit ist nicht klar gezogen, was den Hinweis (der auch im Programmheft aufgegriffen wird) auf die enorme Schwierigkeit, mit dem Verlust eines Menschen zurecht zu kommen verdeutlicht. Wie schwer dies auch Paul fällt zeigt dann der Schluss: Frank wie auch Marietta bieten ihm an, ihm zu helfen und ihn mitzunehmen in ein neues Leben. Er greift Mantel und Hut und will ihnen nachgehen, als er noch einmal umdreht. Der Mantel fällt, der Hut fällt, er dreht sich um und kniet erneut vor Maries Porträt nieder.
Eine wunderbare Szene, die den Schluss offen lässt.
Musikalisch ist die Oper wie schon erwähnt schlicht überwältigend! Die vielen atonalen Überraschungen (die sehr an Richard Strauss' „Rosenkavalier“ erinnern) sorgen für eine ungeheure Spannung und Emotionalität in der Musik, die vom Orchester unter der Leitung von Brian Schembri sehr eindrucksvoll vermittelt wurde. Einziger Minuspunkt war das zumindest im ersten Teil viel zu laute Orchester, das die Stimmen der Sänger immer wieder übertönte. Erst nach der Pause nahm Schembri sein Dirigat etwas zurück. Wirkungsvoll war die Lautstärke natürlich für die Emotionen in der Musik selbst, in der sich die einzelnen Themen wie die tote Stadt oder Pauls Verzweiflung gut wiedererkennen ließen.
Paul wurde von dem amerikanischen Gasttenor Richard Decker gesungen, der zwar am Anfang, bedingt auch durch das sehr laute Orchester leider etwas blass blieb, sich aber im letzten Teil zu einer klaren, vor allem in den höheren Lagen runden Stimme steigerte. Schauspielerisch ist ihm die Darstellung der wahnhaften Verzweiflung gut gelungen.
Der Koreaner Antonio Yang sang den Part des Frank. Ein Bariton mit einer warmen, kräftigen Stimme, der mit „Mein Sehnen, mein Wähnen“ eine unglaublich gefühlvolle, fesselnde und Gänsehaut verursachende Arie sang. (Zwischenapplaus war bei dieser Oper so gut wie nicht möglich, aber bei Yang wurde es zumindest versucht.)
Der strahlende Stern des Abends war Ausrine Stundyte, eine Sopranistin aus Vilnius, die - darf man den Gerüchten glauben - auf dem Sprung in die größeren Häuser ist. Nicht nur ihre Darstellung der Marietta war in Lebenslust, Laszivität und beherztem Kampf gegen das Trugbild Marie überzeugend und wurde mit vollem Einsatz gegeben, sondern ihre Stimme steigerte sich im Laufe des Abends zu einem wunderbar klaren, sicheren und ausdrucksstarken Sopran ohne Schnörkel oder übersteigertem Vibrato. Zudem schien sie durch die Lautstärke des Orchesters zu Beginn eher herausgefordert als irritiert zu sein.
Reichlich Applaus erhielt auch Wioletta Hebrowska als Brigitta, die mir jedoch stimmlich zu wenig durchsetzungsfähig war und in den Höhen etwas gequetscht wirkte.
Alles in allem eine Sehens- und hörenswerte Vorstellung. Wer nach Lübeck kommt, sollte sich die „Tote Stadt“ ruhig ansehen. Kritiken habe ich bisher noch nicht gehört oder gesehen, daher müsst ihr jetzt mit meinem bescheidenen subjektiven Eindruck Vorlieb nehmen.
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Nennt es gefühlsduselig, aber eine Szene blieb mir jedoch nachhaltig im Gedächtnis, nach diesem sehr mitreißenden und aufwühlenden Abend, der im angrenzenden Restaurant mit dem Ensemble noch laut und fröhlich begossen wurde. Wir standen vor der Oper, bereit zum Aufbruch, als der Tenor Richard Decker an uns vorbeiging. Mein Bruder dankte ihm spontan für den Abend und wünschte ihm eine gute Nacht. Er dankte freundlich zurück und ging seiner Wege, allein, mit einem kleinen Rucksack über der Schulter, die dunkle leere Strasse hinunter …
stiffelio (06.04.2013, 19:28): Hallo Allegra,
das hört sich sehr eindrucksvoll an, besonders der Schluss. Ich kenne "Die tote Stadt" von einem Opernbesuch in Frankfurt (leider nicht mit KF Vogt, den ich sehr gern als Paul erlebt hätte) und außerdem von der DVD mit Torsten Kerl als Paul und ausschnittsweise die Aufnahme mit James King, die es neuerdings auch wieder als DVD zu kaufen gibt.
Schade finde ich in den beiden letzteren, dass bei den letzten Takten gezeigt bzw. angedeutet wird, dass Paul Selbstmord begeht. Da finde ich einen offenen Schluss, wie von dir beschrieben, viel passender.
VG, stiffelio
Allegra (06.04.2013, 22:30): Hallo stiffelio,
Selbstmord scheint mir da wirklich eine sehr heftige Interpretation. Ich habe mir nochmal das Programmheft vorgenommen, in dem sich ausführlich mit Trauer, Schatten und Persona (nach C.G. Jung) und einer möglichen Katharsis beschäftigt wird. Das Thema an sich ist heftig, aber auch die Vorlage des Romans "Bruges-la-Morte" und Korngolds Umsetzung haben es gewaltig in sich mit dem Spiel zwischen Wahn und Realität und deren Konsequenzen. Es lässt auf jeden Fall viel Raum zur Interpretation und damit auch für eine Inszenierung, wobei diese hier in Lübeck sich nur mäßig interessant auswirkte. Zweckmäßig ja, aber mit vielen zu flachen Deutungen wie die Farben schwarz, weiß, rot für Wahn, Realität und Tod. Da ginge auf jeden Fall mehr.
LG Allegra
Allegra (08.04.2013, 11:59): Eine erster Kommentar im "Opernfreund", der meinen Eindruck mehr oder weniger widerspiegelt. :wink
Allegra (12.05.2013, 19:32): Ich hatte mich wahnsinnig darauf gefreut, das erste Mal Verdis Macbeth auf der Bühne zu sehen. Das Theater Lübeck hatte „Macbetto“ im Januar neu inszeniert mit Alberto Triola und glänzende Kritiken zur Premiere erhalten. So ganz konnte ich dem anfänglichen Überschwang leider nicht zustimmen.
Dirigent Matteo Beltrami legte ein äußerst flottes Tempo gleich zu Beginn vor, dem der Hexenchor offenbar nur mit Schwierigkeiten folgen konnte. Die Einsätze kamen etwas zu spät und wirkten überrascht. Das Tempo erfuhr im weiteren Verlauf des Abends eine feinfühligere Behandlung. Macbetto wurde gesungen von Antonio Yang, dem Lübecker „Lieblingsbariton“. Stimmlich interpretierte er die Rolle überzeugend, mit vollem, rundem Bariton, zweifelnd als ehrgeiziger Emporkömmling, der vor den eigenen Mordgedanken zurückschreckt, kühl der eigenen Gattin gegenüber, deren Ehrgeiz ihn fasziniert wie abschreckt. Was mir fehlte, war entschieden mehr Schauspiel. Sein „Woher kommt der Mordgedanke?“ wirkte emotionslos, das Erschrecken über die Weissagung der Hexen und der sofortigen Ernennung zum Thane of Cawdor war ihm darstellerisch eigentlich nicht anzumerken. Lady Macbetto wurde von Alessandra Rezza gesungen – überhaupt nicht mein Fall. Ihre Stimme klang schrill, vibrierte sehr stark und die Kraft, die sie zwar stimmlich hat, diente vor allem zum Herauspressen hoher Töne, die eher an Geschrei erinnerten. Die einzig annehmbare Szene war die Sterbeszene, in der sie ihre Kraft deutlich zurücknahm und tatsächlich einige sehr schöne Passagen hinbekam. Worauf sich der Jubel der Zuschauer gründete, blieb mir unklar. Martin Blasius sang den Banquo mit einem zwar weichen, vollen Bass, aber vollkommen emotionslos und statisch. Rampensänger. Kommt rein, stellt sich hin, singt, geht wieder raus. Seine Warnung an seinen Sohn „Studia il passo“ klang mehr nach einem Wiegenlied als dem beschworenen Terror. Ein wirklicher Lichtblick war das „O figli, o figli miei!“ des Macduff, gesungen von Dmitry Golovnin, der endlich mal die ganze Verzweiflung und den Horror der Geschichte in seine Arie einbringen konnte. Der Chor steigerte sich deutlich während des Abends und konnte im Gegensatz zu seinem etwas ratlos wirkenden Anfang im letzten Akt eine wirklich überzeugende Atmosphäre schaffen.
(Mir war übrigens aufgefallen, daß der Hexenchor „Ondine e Silfidi“ im dritten Akt, als Macbeth bei den Hexen ist und in Ohnmacht fällt, nicht vorkam – wie übrigens auch in der Aufnahme unter Erich Leinsdorf von 1959; enthalten ist er in meiner anderen Aufnahme unter Riccardo Muti von 1976. Weiß jemand mehr über die Gründe? Gibt es unterschiedliche Versionen? Ich muss mich damit befassen ...)
Die Inszenierung von Alberto Triola wollte die Betonung auf die Kinderlosigkeit der Lady Macbetto legen. Wollte, denn ich fand dieses Konzept nicht überzeugend umgesetzt bzw. durchgezogen. Zu Begin wie zum Schluss steht eine verschleierte Lady Macbetto vor mehreren leeren Babybettchen, ein ebenso leeres Bettchen steht neben dem ehelichen Bett. Die Hexen erscheinen als Hebammen in schwarzem Gewand mit weißer Flügelhaube, wahlweise als Dienerinnen und/oder Angestellte im Schloss und halten immer mal wieder Babykleidung hoch. Zentraler Punkt auf der Bühne in fast allen Bildern war ein riesiges Bett, im ersten Akt weiß und mit einem jungen Liebhaber darin. In den folgenden Akten wird das Bett rot, und kurz bevor Banquo ermordet wird, wird er noch von einer äußerst lüstern dargestellten Lady Macbetto vernascht. Im letzten Akt wird das Bett schwarz. Der König Duncan reist mit einem überdimensionalen Schaukelpferd an, bleibt bewegungslos darauf sitzen, um dann die Bühne auf Schaukelpferdrollen wieder zu verlasen und ermordet zu werden. Die sämtlichen Bilder wirkten auf mich reichlich platt mit einer gewollt herausgepressten tiefenpsychologischen Bedeutung, die man sicher in das Stück hineinlesen kann, aber nicht muss. Die „Anmerkungen zum Regiekonzept“ von Triola im Programmheft sind durchaus interessant zu lesen, aber der gesamten Oper fehlte mir an diesem Abend die optische Bestätigung der Dramatik und des Horrors, den Text und Musik eigentlich vorgeben.
-- Übrigens lief zeitgleich die Premiere von Macbeth in München ... bisher habe ich entweder die Kommentare "entsetzlich!" oder "grandios!" vernommen. War jemand von euch dort? :wink
stiffelio (13.05.2013, 18:36): Hallo Allegra,
tja, schade dass das prinzipiell interessante Konzept mit der Kinderlosigkeit offenbar so versandet ist. Danke für deinen Bericht!
Zu dem Münchener Macbeth gibt es im C-Forum einen kurzen Faden.
VG, stiffelio
Severina (13.05.2013, 21:33): Leider passiert es nicht selten, dass man sich in Einführungsmatinéen oder beim Studium des Programmheftes bei den lichtvollen Erläuterungen des Regisseurs zu seiner Inszenierung denkt "Wow, toll, das wird interessant!" und dann bei der Aufführung zunehmend ratlos fragt "Und wo ist das jetzt alles?" Dieser "Macbeth" scheint auch in diese Kategorie zu gehören :(.
Alessandra Rezza scheint aber zumindest Verdis Wunsch nach einer nicht-schönstimmigen Lady zu erfüllen :wink
lg Severina :hello
Allegra (14.05.2013, 16:47): Der Text des Regisseurs liest sich wirklich interessant. Vieles ist durchaus nachvollziehbar - so man denn will und sich überaus intensiv in die Materie hineinliest und hineininterpretiert. Aber vieles ist eben einfach beim besten Willen nicht nachvollziehbar, wenn ich Verdis Libretto wie auch Shakespears Original zugrunde lege.
Und Alessandra Rezza ... hm, es heißt, sie wird mittlerweile von größeren Häusern abgeworben. Ja, gut, sie hat unheimlich Power, aber die Technik scheint ihr dabei zu entgleiten, wenn es sich mehr wie Schreien anhört. Vielleicht wird das ja noch, ich kenne mich da nur sehr wenig aus, was Stimmbildung betrifft.
Wenn ich denn das Glück haben sollte und Karten bekomme, höre ich im nächsten Jahr Anna Netrebko in der Rolle. Ob sie dann die bessere Besetzung ist, weiß ich (noch) nicht. Bisher schien sie mir zu weich dafür (ein Hörbeispiel für die Lady findet sich auf Youtube, anlässlich der Mariinsky-Eröffnung).
(Gerade habe ich mir die Aufnahme mit Leonie Rysanek angehört, das kommt meinem Lady-Ideal doch deutlich näher. :P)
palestrina (14.05.2013, 20:34): Auweia , Anna Netrebko als Lady Macbeth !
LG palestrina
Florestan (03.06.2013, 12:49): Hallo Allegra
Na da bin ich mal gespannt, ob ich auch so begeistert aus der Vorstellung komme, die ich demnächst in Lübeck besuchen werde. Kleine Anmerkung: Die Musik von Korngold ist alles mögliche, bestimmt aber nicht atonal. Er war fest in der spätromantischen Tradition verwurzelt. Es handelt sich ja hier auch um ein Jugendwerk (sofern man das bei einem so früh vollendeten überhaupt sagen kann). Seine Nähe zu Strauss rührt daher, das jener sein grosses Vorbild war, den er später noch zu übertreffen trachtete (was er allerdings nie erreichte, dazu war wohl auch Strauss der bessere Komponist). Leider wird von Korngold immer nur die tote Stadt gegeben, und nicht etwa die viel bessere Oper "Das Wunder der Heliane". Korngold war ein begnadeter Opernkomponist, der leider später durch die Nationalsozialisten ausgebremst wurde, und sein Geld in Amerika mit Filmmusik verdienen musste. In der letzten Saison gab es in Lübeck "Der Ring des Polykrates", was auch eine sehr schöne Aufführung war. Vielleicht hast Du sie gesehen. In der angeblichen "Provinz" werden häufig die interessanteren Sachen gegeben, weil die sich mehr trauen und allgemein experimentierfreudiger sind.
Allegra (07.06.2013, 17:38): Hallo Florestan,
Original von Florestan Hallo Allegra
Na da bin ich mal gespannt, ob ich auch so begeistert aus der Vorstellung komme, die ich demnächst in Lübeck besuchen werde.
Dann berichte doch unbedingt mal! Würde mich interessieren, was du sagst.
Ja, leider hört man von Korngold viel zu wenig.
In der letzten Saison gab es in Lübeck "Der Ring des Polykrates", was auch eine sehr schöne Aufführung war. Vielleicht hast Du sie gesehen.
Leider nicht. So ganz nah ist Lübeck für mich dann doch nicht, aber wenn es wiederholt wird, werde ich das auf jeden Fall in meine Pläne miteinbeziehen.
In der angeblichen "Provinz" werden häufig die interessanteren Sachen gegeben, weil die sich mehr trauen und allgemein experimentierfreudiger sind. :P Genau. Meine Eltern sind letztens in der Premiere zu Massenet's "Thais" gewesen und waren sehr angetan. Steht für mich auch noch aus.
Florestan (07.06.2013, 18:06): Hallo Allegra
Ja Thais steht auch bei mir noch auf dem Programm. Das habe ich auf die nächste Saison geschoben. Und dann gibt es da noch Zemlinskys "Der Zwerg" und "Eine florentinische Tragödie", worauf ich mich als Freund dieses Komponisten sehr freue. Zu dem Tristan muss ich meine Frau noch überreden, die hat da so ein nicht begründbares Vorurteil. Aber wer für relativ wenig Geld sich so schöne Aufführungen entgehen lässt ist selber schuld. Bei Dir ist doch Braunschweig in der Nähe, warst Du da schon mal, und kannst davon berichten?
Herzliche Grüße Florestan
Allegra (09.06.2013, 18:53): Hallo Florestan,
ja, Braunschweig ist um die Ecke, aber ich muss zugeben, das habe ich in letzter Zeit sträflich vernachlässigt. Nach dem Sommer geht es aber weiter! Seit Alexander Joel GMD ist, sorgen auch die Braunschweiger für einiges Aufmerken. Sehr erfrischend war die neue "La Bohème"-Inszenierung, mit der er gleich seinen Einstand gegeben hatte damals.
Wir werden im August die Saison einläuten mit "La Traviata" auf dem Burgplatz:
Musikalische Leitung: Alexander Joel Inszenierung: Walter Sutcliffe Bühne: Kaspar Glarner Kostüme: Miriam Draxl Dramaturgie: Sarah Grahneis Chor: Georg Menskes
Mit: Violetta Valéry: Liana Aleksanyan, Ekaterina Kudryavtseva Alfredo Germont: Arthur Shen, Matthias Stier Giorgio Germont: George Stevens, Orhan Yildiz Flora Bervoix / Annina: Anne Schuldt, Milda Tubelyt Gastone: Michael Ha MArchese d'Obigny: Rossen Krastev Barone Douphol: Malte Roesner Dottore Grenvil: Daniel Claus Schäfer
Den neuen Spielplan für die Wintersaison habe ich noch nicht vorliegen. Berichten werde ich dann natürlich gern.
Florestan (16.06.2013, 13:07): "Die tote Stadt" in Lübeck
Wenn vor Beginn der Vorstellung die Opernchefin vor den Vorhang tritt, hat das meist nichts Gutes zu bedeuten. So auch gestern Abend. Sie eröffnete uns, das der Tenor Richard Decker, welcher den Paul singen sollte, erkältet sei, und versuchen würde zu singen. Das hat er dann auch im ersten Bild getan, um dann im zweiten Bild seine Stimme zu verlieren, so dass er nur mehr markieren konnte. Nach der Pause wurde die Vorstellung dann abgebrochen. Das Haus war wie bei der Prmiere ausverkauft, und die Enttäuschung entsprechend groß. Ob die Theaterleitung rechtzeitig mit einem Ersatz hätte reagieren können kann ich nicht beurteilen. In jedem Fall ein schlechter Einstand für die neue Operndirektorin. Ärgerlich ist nur, dass die Produktion, obwohl erst im April gestartet, nicht in die nächste Spielzeit übernommen wird. So wird die Oper bei allen, die sie noch nicht kennen, bis auf weiteres als Torso in Erinnerung bleiben. Schade ist es auch insofern, als die musikalischen Leistungen und die Inszenierung durchaus vielversprechend waren (s. Bericht von Allegra, dem ich für das gehörte durchaus zustimmen kann).
Florestan
Allegra (16.06.2013, 20:09): Oh nein, das ist ja wirklich schade! Für dich natürlich ebenso wie für die übrigen Zuschauer und Mitwirkenden. :(
satie (19.06.2013, 12:10): Meine Lieben, soeben erhielt ich diese nette Mail:
Lieber Florestan,
erlauben Sie mir, dass ich mich aus dem Theater Lübeck kurz mit ein paar Informationen in Ihre Unterhaltung einbringe: Tatsächlich musste, wie Sie schreiben, wegen einer Stimmerkrankung des Hauptdarstellers, Richard Decker, die Vorstellung "Die tote Stadt" am 15.06.13 in der Pause abgebrochen werden, nachdem – nach einer Ansage des Abenddienstes – der Sänger schon in der ersten Hälfte der Vorstellung hörbar indisponiert war. Wäre ich persönlich an diesem Abend im Haus gewesen, hätte ich vielleicht die Möglichkeit gehabt, kurzfristig anders mit der Situation umzugehen, die sich leider völlig unerwartet für uns entwickelte. Bedauerlicherweise ist unser Haus an diesem Abend mit dieser Ausnahmesituation nicht adäquat umgegangen! Dafür entschuldigen wir uns bei allen Betroffenen herzlich! Wir möchten „Die tote Stadt“ wieder in den Spielplan nehmen, können Ihnen allerdings im Moment noch keinen konkreten Termin dafür nennen. Deshalb bieten wir Ihnen zum jetzigen Zeitpunkt, im Austausch für Ihre Eintrittskarte vom Samstag, einen Gutschein für eine gleichwertige Eintrittskarte einer Produktion Ihrer Wahl in der kommenden Spielzeit 2013/14 an. Zuschauern, die von weit her gekommen und nicht in der Lage sind, noch einmal nach Lübeck zu reisen, bieten wir selbstverständlich eine Erstattung des Eintrittspreises an. Vielleicht reizt Sie ja für einen nächsten Besuch schon die Premiere, mit der meine Amtszeit als Operndirektorin beginnen wird, nämlich das Musical „Der Mann von La Mancha“ am 23.8., oder aber „Tristan und Isolde“, „Don Carlo“ oder eine der weiteren Produktionen der kommenden Saison, die Sie im Überblick jetzt schon, in Kürze auch ausführlich auf unserer Internetseite (www.theaterluebeck.de) nachlesen können. Sobald wir wissen, wann wir „Die tote Stadt“ wieder realisieren können, benachrichtigen wir Sie gerne. Vielleicht haben Sie ja dann Lust noch einmal wiederzukommen. Bitte setzen Sie sich hierzu sowie für den Kartentausch oder die Erstattung des Eintrittspreises direkt mit unserer Kassenleiterin in Verbindung.
Mit herzlichen Grüßen aus dem Theater Lübeck, Katharina Kost-Tolmein Designierte Operndirektorin
Die Kontaktdaten bekommt Florestan von mir per PN. Ich finde diese Reaktion sehr erfreulich und engagiert!
Billy Budd (19.06.2013, 13:06): Das ist wirklich ein sehr nettes Mail! An dieser Freundlichkeit Kunden gegenüber könnten sich andere Theater ein Beispiel nehmen! :down Billy :hello
Florestan (19.06.2013, 13:45): Also wirklich, damit hätte ich nicht gerechnet. So was habe ich auch noch nicht erlebt in meinen nun 40 Jahren Opernbesuch. Um den Eintrittspreis geht es mir dabei auch gar nicht, denn der ist im Verhältnis marginal. Ich fand nur das es eine sehr gute Produktion war, und hätte sie gerne ganz gesehen. Aber das geht ja jetzt wohl, und ich kann warten. In Lübeck gibt es in der nächsten Saison noch einiges was sich lohnt.
Florestan
Allegra (19.06.2013, 18:58): Sehr nett! Es geht also doch.
Vielleicht sehen wir uns ja dann zur Premiere "Tristan und Isolde"? :D
Florestan (19.06.2013, 20:44): Muss es unbedingt die Premiere sein? Und in Thais sowie Der Zerg/Eine Florentinische Tragödie gehen wir auf jeden Fall.
Florestan
Allegra (20.06.2013, 12:31): Nö, muss nicht, aber die Karten dafür habe ich geschenkt bekommen. :D
Severina (20.06.2013, 15:43): Das nenne ich einmal wirklich Dienst am Kunden! Eine ungewöhnliche und sehr erfreuliche Reaktion, die zeigt, dass der Oper Lübeck ihre Besucher wirklich ein Anliegen sind. Aber klar, kleinere Häuser, die von einem Stammpublikum leben, müssen dieses bei Laune halten, können es sich nicht leisten, durch Arroganz und Ignoranz die Leute zu verprellen.
Großen Häusern wie Wien, die dank der Touristenströme immer voll sind, muss die Zufriedenheit des Publikums hingegen nicht so wichtig sein, denn kommen A,B,C nicht mehr, kommen halt D,E,F.
Abgesehen davon ist es sicher einfacher, kurzfristig einen Ersatz für "Traviata" oder "Bohème" zu bekommen als für die "Tote Stadt", die vergleichsweise wenige Sänger im Repertoire haben.
Dann wünsche ich Florestan, dass es in der nächsten Saison klappt mit diesem wirklich wunderbaren Werk!
lg Severina :hello
PS: Erstaunlich, dass offensichtlich wirklich auch die Pressestellen einiger Opernhäuser ein Auge auf unser Forum werfen!
Jürgen (20.06.2013, 17:13): Original von Severina PS: Erstaunlich, dass offensichtlich wirklich auch die Pressestellen einiger Opernhäuser ein Auge auf unser Forum werfen!
Natürlich nur die der kleineren Opernhäuser. :cool
Florestan (21.06.2013, 16:54): PS: Erstaunlich, dass offensichtlich wirklich auch die Pressestellen einiger Opernhäuser ein Auge auf unser Forum werfen!
Es war nicht die Pressestelle sondern die künftige Opernchefin persönlich!
Florestan
Florestan (21.06.2013, 17:00): Original von Allegra Nö, muss nicht, aber die Karten dafür habe ich geschenkt bekommen. :D
Neid!!!!!!!!!! Mal sehen was es an Karten noch gibt. Du solltest Dich dann durch einen überdimensionalen Trinkbecher mit einem Zaubertrank drin zu erkennen geben, oder Du trägst ein Schild mit der Aufschrift "Brangäne", damit ich Dich erkenne. Den Tristan wird offenbar Jeffrey Dowd singen, den ich in der Rolle schon in Essen gehört habe. Guter Sänger, aber schon etwas in die Jahre gekommen. Ob der den 3. Akt noch heil durchsteht? Aber Windgassen und Jerusalem haben ja auch die Partie in hohem Alter noch gesungen.
Florestan
Allegra (21.06.2013, 18:51): Neid!!!!!!!!!! Ich habe einfach einen begeisterten Vater. :P
Ich nehme dich beim Wort, Florestan! Und wenn das Brangäne-Schild nicht hilft, lass ich dich ausrufen: "Florestan möchte bitte in die Eingangshalle kommen!" Spaß fürs Publikum. :haha
Florestan (01.07.2013, 18:05): Hallo Allegra
Den Spaß wirst Du jetzt leider nicht haben. Kannst auch das Brangänekostüm wieder einpacken, ich habe keine Karten für die Premiere mehr bekommen. Aber das läuft ja noch ein paar Vorstellungen. Habe übrigens den vollen Preis für die mißglückte Vorstellung als Gutschein erhalten.
Gruß Florestan
Allegra (03.07.2013, 13:46): Wie schade! :D
Aber ich wünsch dir mehr Erfolg bei der nächsten Vorstellung. :P
Allegra (07.10.2013, 23:04): Umjubelte Premiere im Norden!
Musik. Leitung: Roman Brogli-Sacher Inszenierung: Anthony Pilavachi Bühne + Kostüm: Tatjana Ivschina
Tristan: Richard Decker König Marke: Martin Blaises Isolde: Edith Haller Kurwenal: Michael Vier Melot: Jonghoon You Brangäne: Wioletta Hebrowska
Anthony Pilavachi, der für den "Ring" 2012 den Echo-Preis erhielt, hat mit "Tristan und Isolde" eine weitere interessante und zu Diskussionen anregende Inszenierung auf die Beine gestellt. Der erste Aufzug spielt in einem eleganten Salon mit blau gemusterten Wänden, festlich gedeckten Tischen, glitzernden Kronleuchtern und Brangäne und Isolde, die die Ankunft Markes erwarten. In einem hölzernen Kasten befinden sich die beiden Tränke, eine rote und eine schwarze Flasche. Offenbar bewusst wurde nicht auf ein Schiff hingewiesen, "Cornwall. In Erwartung der Ankunft König Markes" schien die Opferrolle Isoldes bereits zu betonen, da nicht sie sich aktiv auf dem Weg befindet, sondern warten muss. Irritierend fand ich hierbei jedoch die inhaltliche Diskrepanz zum Libretto. Der Raum an sich bleibt auch während der folgenden Aufzüge gleich, ändert jedoch sein Erscheinungsbild. Der zweite Aufzug "Im Gartenhaus des Schlossparkes von König Marke" weist mit blasserer Ausleuchtung, in das Haus hineinwachsender Natur, Laub überall, übereinander gestapelten Stühlen und zerbrochenen Fensterscheiben bereits auf den Niedergang von König Markes Herrschaft hin. Auf Tristans Burg Kareol finden wir denselben Raum wieder, dieses Mal mit einem Flügel im Mittelpunkt und überall verstreuten Notenblättern. Die Bedeutung dieser Notenblätter wird bereits im ersten Aufzug angedeutet, als Tristan mit einer Mappe neben Isolde sitzt und aufschreibt - komponiert, was an Liebesschwüren und Ekstase zwischen ihnen geschieht.
Tristans langsames Sterben im letzten Aufzug erfolgt inmitten der überall verstreuten Notenblätter, am Flügel kauernd, schließlich vom Sofa sinkend.
Der Wahn Tristans beginnt in dem Moment, als er den Liebestrank schluckt. Es ist sein Wahn, der das Geschehen bestimmt und Pilavachi wendet sein Augenmerk von der utopischen Liebe zur utopischen Kunst. Endgültig klar wird dies erst nach dem allerletzten Bild: Isolde erscheint endlich, fleht um nur eine weitere Stunde mit Tristan, der bereits tot scheint, aber sich dennoch wieder aufrafft, um am Flügel Isoldes Liebestod niederzuschreiben. Aber nein, auch das ist ein Wahn: Der Vorhang senkt sich - und hebt sich erneut, um zu zeigen, daß Isolde zu spät gekommen ist. Im Wahn hat Tristan den Liebestod komponiert, die Kunst der Musik war genauso wenig real wie es die Liebe gewesen ist.
Ich muss zugeben ein einmaliges Sehen dieser Aufführung dürfte für das endgültige Verständnis zu wenig sein. Auf jeden Fall gab es kräftigen Jubel für den Regisseur, gemischt mit wenigen Buhs, die der inhaltlichen Diskrepanz zwischen Text und Bild geschuldet sein dürften.
Musikalisch bewegte sich das Theater Lübeck auf ausgesprochen hohem Niveau. Der bereits nach dem ersten Aufzug umjubelte Roman Brogli-Sacher führte das Philharmonische Orchester zu überwältigend Wagnerischem Ausdruck, der (zumindest bei uns im zweiten Rang) häufig die Stimmen zu überlagern drohte. (Noch habe ich nicht die Akustik des gesamten Hauses entdeckt.) Richard Decker, in Lübeck schon häufiger als Gast umjubelt worden, war kurzfristig eingesprungen für den erkrankten Jeffrey Dowd und sang einen immer tiefer in seinem Wahn versinkenden überzeugenden Tristan mit leichten Ermüdungserscheinungen im letzten Aufzug. Ihr Rollendebüt gab Edith Haller als Isolde, die zwar einige Male in den Höhen Nervosität erkennen ließ, aber einen überaus bewegenden Liebestod sang, der kaum Wünsche offen ließ. Einen sehr intensiven Kurwenal bot Michael Vier, nicht nur darstellerisch, auch gesanglich, ebenso wie Wioletta Hebrowska als Brangäne. Frenetischer Jubel für beide.
(Ich platze vor Kopfschmerzen - morgen geht es weiter.)
Allegra (08.10.2013, 12:28): So, ich bitte die Unterbrechung zu entschuldigen.
Das Einzige, was mir an der Inszenierung etwas missfiel, war die ziemlich statische Personenführung, auch wenn "Tristan und Isolde" nicht wirklich grandioses Agieren vorgibt, hätte durchaus etwas mehr Aktion dabei sein können. Und genau da stach Kurwenal/Michael Vier hervor, der aus seiner Rolle das Beste herausholte und einen sehr überzeugenden, treuen und Tristan zugewandten Kurwenal gab. Was wiederum auch für Brangäne/Wioletta Hebrowska gilt, die die Gewissensbisse über den vertauschten Trank sehr überzeugend wiedergab.
Florestan (12.10.2013, 13:15): Hallo Allegra
Vielen Dank für die ausführliche Schilderung der Aufführung. Wir müssen uns noch bis zum 29.12. gedulden. Die Video-Vorschau macht ja auch schon einen guten Eindruck, obwohl man eine jugendliche Isolde bei den Anforderungen an die Rolle wohl kaum erwarten kann. :wink Wir sind also schon sehr gespannt auf den Abend.
LG Florestan
Florestan (30.12.2013, 12:35): Nun also Tristan und Isolde
Allegra hat ja bereits die Inszenierung ausführlich beschrieben, und ich kann nur hinzufügen, dass für mich die Diskrepanz zum Libretto ebenfalls störend war. Der Regisseur verzichtete jedoch auf die sonst üblichen "Mätzchen", welche eine Aufführung interessant machen sollen. Das statuarische der Darsteller fand auch ich keinen guten Regieeinfall, denn es verlangsamte die Handlung unnötigerweise. Den Akteuren fehlte so die Emphase, welche im Libretto durchaus angelegt ist. Dass Isolde nach ihrer Ankunft auf der Burg Kareol in der Tür stehenbleibt und nicht zu Tristan eilt, fand ich reichlich befremdlich. Schliesslich soll Tristan doch in Ihren Armen sterben, und ihre Worte sind unmittelbar an ihn gerichtet. Aber beim Tristan zählt allein die Musik! Die verquaste Ausdrucksweise von Wagner erscheint uns heute befremdlich, und der Text, obwohl als Übertitel eingeblendet, ist durchaus verzichtbar, wenn man vorher das Libretto studiert hat. Das brauche ich indes nicht, denn dieses Werk begleitet mich schon 40 Jahre, und ich kenne es in und auswendig. Diese Oper ist für mich denn auch das mit großem Abstand grandioseste Werk seiner Gattung.
Nun zur Aufführung: In der gestrigen Vorstellung wurden die beiden Hauptpartien von anderen Sängern gesungen als bei der Premiere. Da war zunächst Rebecca Teem als Isolde. Es ist immer etwas ungerecht wenn man bereits großartige Vergleiche bei den Rollen hat, da man immer unwillkürlich Vergleiche anstellt. Meine Referenzaufnahme ist z.B. diejenige mit Böhm, Nilsson und Windgassen aus Bayreuth, und da hat es jede Sängerin schwer gegen Frau Nilsson anzukommen. Frau Teem, die mir bis dato unbekannt war, da ich die Götterdämmerung in Essen nicht mehr sehen konnte, in welcher sie die Brünnhilde sang, hatte gelegentlich einige Mühe mit der Partie, und konnte sich häufig nicht gegenüber dem Orchester behaupten, obwohl der Dirigent sehr nett zu den Sängern war und das Orchester oft in der Lautstärke drosselte. Das hatte ich vor Jahren in Essen schon deutlich anders erlebt, aber da sang ja auch Eveline Herlitzius. Insgesamt machte die Isolde jedoch einen zufriedenstellenden Eindruck. Etwas anders schon Jeffrey Dowd, den ich in der Rolle schon aus Essen kenne. Zwar hatte auch er Probleme in der Durchsetzung gegenüber dem Orchester, aber im Laufe des Abends kam er immer besser zur Geltung. Im letzten Aufzug fand ich ihn sogar grandios, und zwar stimmlich wie darstellerisch. Dieser Dritte Aufzug hat mir dann auch deutlich am besten gefallen. Den guten Eindruck, welchen Allegra von Violetta Hebrowska als Brangäne und Michael Vier als Kurwenal hatte, kann ich ausdrücklich bestätigen. Die beiden füllten ihre Rolle nicht nur mehr als aus, sondern boten auch gesanglich eine absolute Spitzenleistung. Zu Recht bekamen die beiden gefühlt den stärksten Applaus. Über den Marke von Martin Blasius lässt sich allerdings nichts Lobendes erzählen. Er wirkte farblos und hatte in den Höhen deutlich Mühe und klang hier kehlig und unangenehm. Auch die kleine Rolle des Melot, gesungen von Mark McConnell war eher unerfreulich. Da hätte ein guter Sänger durchaus noch etwas herausholen können. Aber dieser kam über eine gesanglich vorgetragene Deklamation nicht hinaus. Alle übrigen Akteure wie auch der Chor waren gut. Roman Brogli-Sacher, der langjährige GMD aus Lübeck, der für diese Produktion noch einmal an seine alte Wirkungsstätte zurückgekehrt war, lieferte eine nicht nur routinierte, sondern überwiegend auch inspirierte Leistung ab. In der zweiten Szene des zweiten Aufzuges, wo Isolde Tristan erwartet nachdem sie die Leuchte gelöscht hat, war es mir allerdings zu langsam. Hier muß man die Erregung deutlicher spüren, und die Steigerung in der Musik hat dazu beizutragen. Aber möglicherweise hätte das dann die beiden Sänger überfordert. (Man vergleiche dazu meine Referenzaufnahme, oder den Mitschnitt aus Bayreuth mit Carlos Kleiber). Aber die Leistung des Orchesters war ansonsten tadellos, wenn man bedenkt welch eine komplexe Partitur dies ist. Ich habe grundsätzlich Hochachtung vor jedem Ensemble und jedem Orchester welches sich zutraut, dieses immens schwierige Werk aufzuführen. Wenn es dann auch noch trotz leichter Mängel so gut gelingt wie gestern in Lübeck, bin ich sehr zufrieden. Sein Ideal wird man ohnehin wohl nie erreichen (vielleicht wenn Carlos Kleiber mit Birgit Nilsson und Wolfgang Windgassen, oder mit Kirsten Flagstadt und Laurits Melchior hätte arbeiten können). Ich freue mich jedes Mal aufs neue, im Theater Lübeck solch interessante Produktionen verfolgen zu können.