Berichte aus den Berliner Opernhäusern

Heike (03.10.2011, 12:08):
Hallo,
ich richte für die neue Saison mal diesen Berliner Opernthread ein und werde hier jeweils dann berichten, wenn es für das Werk noch keinen eigenen Thread gbt (sollte es den schon geben, dann nutze ich den - meiner Meinung nach sind Dinge da leichter wiederzufinden).

Ich beginne mit dem Bericht von der Premiere in der Komischen Oper am 2.10.11
"Das schlaue Füchslein" - Leos Janacek
Deutsche Textfassung von Werner Hintze

Musikalische Leitung ... Alexander Vedernikov
Inszenierung ... Andreas Homoki

Füchsin Spitzohr ... Brigitte Geller
Der Förster ... Jens Larsen
Die Försterin/Die Eule ... Caren van Oijen
Der Schulmeister/Der Hahn ... Andreas Conrad
Der Pfarrer/Der Dachs ... Frank van Hove
Harašta ... Carsten Sabrowski
Der Fuchs ... Karolina Gumos
Der Dackel ... Katarina Morfa
Die Wirtin ... Ariana Strahl

Meiner Meinung nach verabschiedet sich Homoki mit einer guten Inszenierung aus Berlin! Das Füchslein auf die Bühne zu bringen ist sicher nicht so einfach: die Gefahr, in naturalistischen Kitsch abzugleiten ist wohl ziemlich groß. Nicht so hier. Vier (bis auf Kleinigkeiten) identische Bühnenbilder wechseln sich permanent durch Drehungen ab. Die Szenen spielen also alle im selben Wirtshaus mit Blick nach hinten in den Wald - nur zu verschiedener Zeit.

Zentrale Figur ist bei Homoki der Förster. Er tritt auch als junger Mann auf, in der Figur des jungen Fuchses, lässt in dessen Person quasi seine Erinnerungen aufleben. Sowieso ist das Spiel mit den Rollen und Zeitebenen permanent. Auch das Füchslein selbst begegnet dem Zuschauer in verschiedener Form, sowohl als imaginäre Terynka, als auch als junge Försterbraut (die dann später im Streit zur alten Försterfrau-Eule mutiert) und auch am Ende wiederum als junges Füchslein. So wechseln die Rollen zwischen Tieren und Menschen, die einerseits ihre Wünsche in vorausschauenden Bildern auf die Bühne projezieren, andererseits in gespielten Gedanken rückblickend wieder in der Vergangenheit versinken. Entsprechend dreht sich die Bühne. Sehr rasant tauschen sich immer die Ebenen von Realität und Imagination, in den Tierfiguren finden sich überall die Menschen wieder. Witzig z.B. der Schulmeister, der zum Hahn mutiert (und die Rolle auch als Tenor singt) - er bändigt seine gackernden Schülerinnen, die sich später gegen ihn auflehnen. Psychologisch fand ich das alles recht geschickt gemacht. Umgesetzt war es ebenso gekonnt durch große Tierköpfe, die auf- und abgesetzt wurden und durch dieselben Personen, die in den sich drehenden Bildern (bzw. im angedeuteten Wald - auch als Metapher für die menschlichen Schattenseiten) auf- und abtauchten. Über Details der Dramaturgie könnte man sich hier und da streiten, aber insgesamt fand ich das doch sehr gelungen.

Allerdings kann ich mir vorstellen, dass es für Zuschauer, die die Oper noch nicht kennen, vielleicht verwirrend sein könnte. Als Kinderoper ist es hier imho in keinem Fall tauglich - kein Ballett, keine Kinderstimmen, keine märchenhaften Dekos, keine realistischeTiergeschichte (wie damals bei Felsenstein).

Gesanglich war es insgesamt eine geschlossene Leistung, aus der vielleicht Karolina Gumos mit ihrem schönen Mezzo als junger Fuchs (junger Förster) ein wenig herausragte. Die Sopranistin Brigitte Geller sang und spielte das Füchslein flink und gewitzt, manchmal fand ich sie vielleicht etwas zu leise. Der alte Förster Jens Larsen verkörperte ausdrucksstark den zentralen Part mit seinen Irrungen und Wirrungen. Ehrlich gesagt habe ich auf die einzelnen Stimmen kaum geachtet, weil ich durch die Inszenierung ziemlich gefesselt war. Ein kurzweiliger Abend (1,5 Stunden ohne Pause). Dazu trug auch das Orchester unter Vedernikov bei, das die Musik wahrlich spielerisch aufblühen ließ.

Heike
Heike (04.10.2011, 08:07):
Janacek- Aus einem Totenhaus
Premiere 3.10.11 Staatsoper im Schillertheater
Musikalische Leitung Simon Rattle
Inszenierung Patrice Chéreau
Staatskapelle Berlin, Staatsopernchor

Alexander Petrowitsch Gorjantschikow Willard White
Schischkow Pavlo Hunka (für den erkrankten Roman Trekel)
Aleja, ein junger Tatar Eric Stoklossa
Filka Morozow im Gefängnis als Luka Kusmitsch Štefan Margita
Der große Sträfling Peter Straka
Der kleine Sträfling Vladimír Chmelo
Der Platzkommandant JiYí Sulženko

Auch die Staatsoper eröffnet die Saison mit Janacek - was für eine Freude!
Schon das Duo Rattle - Chéreau versprach einen Hochgenuss. Und das war es auch.

Fange ich mit der Musik an: Das Stück ist der Wahnsinn, eine Mischung aus schroffer Kammermusik und monumentaler, brutaler Anklage. Rattle und die Staatskapelle harmonierten prächtig. Ich bin kein Rattle-Fan, aber das war große Klasse gestern. Das fragmengtarisch-gebrochene der Musik kam mit großer Transparenz zum Ausdruck. Aber auch die inneren Steigerungen, das atemlos-böse dieses Werkes wurde grandios transportiert, fast gnadenlos.

Die Handlung spielt in einem Straflager und lehnt sich an Dostojewskis autobiografische Aufzeichnungen an. Eigentlich passiert nicht viel, einige mehr oder weniger verbrecherische Gefangene erzählen sich ihre Schicksale, dazu agieren die Wärter. Eine Ensemble-Oper ohne Stars (und im übrigen bis auf eine Dirne mit kleiner Rolle ohne Frauen). Insoweit waren das tolle Sänger, die als Emsemble wirkten. Dazu der Chor und etliche Schauspieler.

Die Inszenierung (die schon seit 2007 läuft und durch Chéreau in Berlin wieder einstudiert wurde) ist universell. Es könnte in jedem beliebigen Gefängnis spielen. Das Bühnenbild besteht aus (sich manchmal öffnenden und verschiebenden) riesigen Betonwänden, die mich an eine Gruft erinnerten. Es gibt kaum Requisiten. Zentral sind Choreographie und Personenführung. Aber die sind genial. Eine minimalistische Inszenierung, die aber nicht eigentlich karg oder reduziert wirkt, sondern auf eine faszinierende Art beklemmend und roh. Bzw. deprimierend, allein durch das Spiel. Besonders die Pantomime im zweiten Akt (die Häftlinge spielen 2 Szenen in einem Theaterstück) ist ergreifend. So eine tolle Inszenierung darf gern wieder rausgekramt werden - eine fragile Mischung aus Ästhetik und Grausamkeit, die völlig ohne fette Symbole, überladene Kostüme oder monumentale, detailversessene Bühnenbilder auskommt. Noch eine Besonderheit habe ich vergessen: Die Übertitel werden in das Bild projeziert, an verschiedene Orte, und erzeugen damit eine besondere Art von Irritation.

Ein großartiger Saisonauftakt!
Heike
Severina (06.10.2011, 18:46):
Liebe Heike,

wie schön, dass es nun auch einen eigenen Berliner Opernthread gibt!
Janacek boomt im Moment ja richtiggehend, wohin man schaut, stehen Janacek-Opern auf dem Programm.
Ich denke, diese Chereau-Inszenierung vom "Totenhaus" ist die gleiche, die wir vor drei Jahren im ThadW hatten, damals dirigierte Boulez. Ich fand sie auch ganz toll in ihrem Minimalismus und der präzisen Personenführung.
An der WSO hat "Aus einem Totenhaus" demnächst PR, als Koproduktion mit Zürich, wo es schon gelaufen ist. Leider berichteten mir meine Freunde, dass die Regie von Konwitschny dem Werk nicht wirklich gerecht wird. Ich bin also schon neugierig!

lg Sevi :hello
Billy Budd (06.10.2011, 21:14):
Original von Severina
An der WSO hat "Aus einem Totenhaus" demnächst PR, als Koproduktion mit Zürich, wo es schon gelaufen ist.
Wenn es stimmt, was man so hört, so wird als Abschluss des Janácek-Zyklusses nächste Saison "Die Sache Makropulos" in einer Inszenierung von Peter Stein kommen (Wieder mit Franz Welser-Möst).
Ich kenne erst zwei Janácek-Opern, nämlich "Jenufa" (die ich sehr liebe) und "Katja" (bis jetzt hat mich die Musik nicht angesprochen, aber vielleicht wird das ja noch.).
Billy :hello
Heike (24.10.2011, 20:02):
DOB- Don Carlo, 23.10.11 siehe hier
Heike
Heike (20.11.2011, 00:05):
Die verkaufte Braut
Komische Oper in drei Akten von BedYich Smetana
Premiere Staatsoper im Schillertheater, 19.11.2011

Staatskapelle, Staatsopernchor
Musikalische Leitung Karl-Heinz Steffens
Inszenierung Balázs Kovalik

Krušina Oskar Hillebrandt
Ludmila Agnes Zwierko
Maschenka Anna Samuil
Micha Andreas Bauer
Háta Daniela Denschlag
Vašek Florian Hoffmann
Jeník Burkhard Fritz
Ein Zirkusdirektor Reiner Goldberg
Esmeralda Adriane Queiroz
Muff Alin Anca

Es wurde in deutsch gesungen, mit tschechischen Namen.
Ich kenne die Oper, aber gesehen habe ich sie auf der Bühne noch nicht. So würde ich mir das allerdings auch nicht vorstellen.

Zur Inszenierung:
Grundsätzlich ist die Idee gar nicht schlecht. Der Regisseur verlegt alles, was in die gute alte Zeit gehört, in museale Vitrinen und überzieht das ganze dortdrin mit einer Spur Kitsch. So sieht man also Hochzeitstrachten, eine böhmische Miniatur-Kirche, eine Bambi-Familie, eine riesige Kuh oder ein dörfliches Zimmerchen. Szenen, die heute so nicht mehr dort stattfinden würden (z.B. die Verkupplung der Braut durch die Eltern) spielen in den Vitrinen. Alles, was zeitlos ist (z.B. die Dorffeste, die Liebesgeschichten), spielt draußen und ist auch zeitlos dargestellt. Manchmal gibt es Verbindungen zwischen den Welten (z.B. beim Zirkus, oder wenn die Braut-Mutter eine Hand herausstreckt, um die unglückliche Braut zu trösten). Auch die Kostüme wiederum haben mir gut gefallen, ein Mix aus heutigen und alten böhmischen Kleidungen.

AAAAABER. Das Gesamtkonzept stimmt nicht, weil die Figuren merkwürdig daherkamen. Allen voran der stotternde Vašek. Er wurde als totaler Dorftrottel dargestellt, der zwischendrin schon mal halb und am Schluss ganz Amok läuft und sich in allen seinen Handlungen nur auf dem Niveau eines Grundschulkindes bewegt. Mich hat er an Arnie aus "Gilbert Grape" erinnert. So habe ich das nie gesehen. Jeník blieb in seiner Rolle blaß, ist weder der überzeugende Verführer noch der schauspielernde Tunichtgut. Maschenka passte nicht ins Dorf mit ihrer glatten Schönheit ohne Seele. Der Kuppler war ein langweiliger Manager. Irgendwie unstimmig und ohne psychologische Spannung das Ganze.

Musikalisch war das Drama allerdings das weit größere. Allen voran das Orchester unter Herrn Steffens (der übrigens früher mal Soloklarinettist bei den Philharmonikern hier war. So neben der Spur habe ich die Staatskapelle lange nicht gehört. Man glaubt ja kaum, dass heute eine Komödie gegeben wurde. Es schwankte zwischen bemüht zackig und zäh triefig. Schön ist anders und spritzig ist ganz anders. Ich weiß nicht, ob sich das auf die Bühne übertragen hat, jedenfalls ging es da auch drunter und drüber. Fast nichts im Takt, also wenn mehrere sangen, das müssen die noch üben.

Sängerisch war das auch durchwachsen. Zwar kann Anna Samuil das natürlich alles recht schön singen, aber sie machte es viel zu glamourös, zu hysterisch, zu aufgedreht. Ihrem Objekt der Begierde, Burkhard Fritz, fehlte jede Leichtigkeit, schwer und manchmal mühsam quälte er sich durch die Rolle. Schauspielerisch war das seinerseits mitunter auch eine Qual, z.B. als er seine Liebste umarmte und herzte, wenn ich nicht den Text gehört hätte, ich hätte gedacht, er schrubbt ihr den Rücken ab.
Toll gesungen hat Florian Hoffmann, sehr bewegend, ausdrucksstark und super gestottert. Dass er so ein blödes Rollenporträt spielen musste (was er übrigens gut gespielt hat), dafür kann er ja nicht.
Die anderen Rollen sämtlichst unauffällig.

Also, sehr gemischtes Fazit.
Heike
Heike (20.11.2011, 12:55):
Hier jetzt auch auf youtube zu sehen, das offizielle Ankündigungsvideo der Staatsoper, wo man sich einen Eindruck von dem bunten Spektakel machen kann:
http://www.youtube.com/watch?v=w0_QEEprQd4
Ingrid (21.11.2011, 09:22):
Original von Heike
Ich beginne mit dem Bericht von der Premiere in der Komischen Oper am 2.10.11
"Das schlaue Füchslein" - Leos Janacek
Deutsche Textfassung von Werner Hintze
Heike

Liebe Heike,
habe gerade erneut Deinen Bericht gelesen und freue mich jetzt noch mehr auf die Vorstellung am 4.12.. Werde gleich Karten bestellen.

:hello Ingrid

(Hoffentlich gehen in dieser Dezemberwoche dann wenigstens die S-Bahnen etwas zuverlässiger)
Billy Budd (21.11.2011, 23:27):
Liebe Heike,
in Deinem Bericht hast Du uns aber Oskar Hillebrandt unterschlagen. Ich wäre interessiert, wie der - glaube ich schon 70-jährige - Sänger sich geschlagen hat.
Als in der "Walküren"-Premiere 2007 der indisponierte Juha Uusitalo nach dem 2. Akt die Stimme gänzlich verlor, wurde Herr Hillebrandt vom Würstelstand am Westbahnhof geholt (Zitat des Direktors in seiner Ansage: "Ohne Handy hätten wir keinen Wotan") und sang den dritten Akt vom Bühnenrand. :down
Burkhardt Fritz singt übrigens nächsten Herbst in Wien den Arrigo in der "Vespri" und da ich ihn als Bacchus kenne, sehe ich den Vorstellungen mit gemischten Gefühlen entgegen.
Billy :hello
Heike (21.11.2011, 23:29):
Hillebrandt ist mir überhapt nicht aufgefallen. Sorry.
Heike
Billy Budd (21.11.2011, 23:30):
Das macht aber auch nichts, denn dann dürfte das für die sängerische Leistung sprechen ...
Billy :hello
Ingrid (28.11.2011, 13:11):
Liebe Heike,
wollte nur fragen, ob Du demnächst in die neue Carmen in der KOB gehst. Eine erste Kritik klang sehr vielversprechend. Sogar in der Richtung, dass sie wohl Operninszenierung des Jahres werden könnte und Baumgarten, incl. des ganzen Ensembles, eine Meisterleistung vollbracht hätte.

Da bin ich ja gespannt, denn wenn alles gut geht, werde ich am 6.12. auch drin sein. Freue mich vorallem auf Doufexis als Carmen (ihre erste) und Papendell als Escamillo, die ich beide schon sehr gut aus München kenne und sehr sehr schätze.

:hello Ingrid
Heike (28.11.2011, 20:11):
Liebe Ingrid,
ich war letzte Woche in der Carmen - Generalprobe.

Mich hat es nicht so überzeugt, aber das mag auch an mir liegen. Meine beiden Begleiterinnen hatten deutlich mehr Freude an dem Abend.

Ich bin zugegebenermaßen besonders allergisch gegen manche Sachen, vielleicht also überkritisch. Meiner Meinung nach hatte die Inszenierung drei große Schwächen:
1. wurde vielerlei angefangen zu erzählen, aber nichts zwingend verfolgt oder befriedigend miteinander verknüpft:
2. wurde die Bühne und auch die Kostüme total mit fetten Symbolen überfrachtet, was ich gar nicht mag;
3. gab es einige billige Gags, die ich immer als Hinweis auf die angenommene zunehmende Publikumsverblödung deute.
Allerdings begann die Inszenierung sehr vielversprechend, auch zwischendrin gab es durchaus etlich gelungene Szenen und Ideen. Also, einen Inszenierungs-Totalverriss will ich hier nicht abliefern.

Zu Doufexis als Carmen habe ich auch eine sehr gespaltene Meinung. Sie sah aus wie eine Carmen, spielte gut und sang auch wunderschön - nur eben nicht wie eine Carmen. Wenn ich die Augen zumachte, hatte ich immer Operettengedanken. Meiner Meinung nach sang sie ohne Feuer. Das kann natürlich in den "richtigen" Vorstellungen anders sein als in der GP, am Donnerstag fand ich sie leider sehr blutleer und brav.

Neben ihr gab es als Micaela eine albern angezogene und dümmlich agierende, stimmlich für mich schwer zu ertragende I. Kringelborn. Papendell hat mich auch nicht sonderlich überzeugt, sehr angestrengt und mühsam kam das rüber. Ebenso wenig verführerisch sang Timothy Richards - allerdings spielte er gut.

Zudem funktioniert Carmen für mich überhaupt nicht auf deutsch, ich fand es ganz grauslig stellenweise.

Ich hoffe, ich habe dir nicht die Vorfreude geklaut. Ich hätte deshlab auch gar nichts dazu geschrieben, wenn du nicht gefragt hättest!
Heike

P.s.vergessen: am Dirigenten Kamdzhalovwill ich gar nicht rumkritisieren, er ist kurzfristig für Blunier eingesprungen und hat es dafür ordentlich gemacht.
Ingrid (28.11.2011, 23:18):
Liebe Heike,

ganz herzlichen Dank für Deine ersten Eindrücke aus der GP, die mich natürlich ein klein wenig enttäuscht haben, da meine beiden "Lieblinge" ja nicht ganz so gut weg gekommen sind. Hoffentlich geht es ihnen in der 2. (3.) Vorstellung dann schon etwas besser.

Las vorhin auch eine lange Rezension bei Capriccio und nach dieser Beschreibung des Geschehens auf der Bühne, konnte ich diese übertriebene Reaktion des ersten off. Kritikers nicht so ganz nachvollziehen und Deine Kritik-Punkte könnten mir wahrscheinlich auch in den Sinn kommen. Die Begeisterung des Publikums scheint aber doch riesig gewesen zu sein und es gab keine Buhs.

Dann lasse ich mich mal überraschen und hoffe auch, dass demnächst nicht der gigantische Sturm, der u.a. Polen und den Skandinaviern große Probleme brachte, in Berlin vorbei schaut. Bei meinem momentanen "Glück" X( könnte, nach dieser langen Trockenphase, der Urlaub in Berlin doch ziemlich feucht und ungemütlich werden.

Liebe Grüße
Ingrid
Heike (29.11.2011, 07:59):
Ich habe dir mal zwei Berliner Kritiken rausgesucht, die die Sache sehr unterschiedlich sehen. Im Tagesspiegel wird die Aufführung sehr gelobt. Im Kulturradio gibt es etwas mehr Kritik.

So riesig war die Begeisterung des Publikums übrigens nicht, es wurde freundlich und ohne Missfallensbekundungen durchgeklatscht, aber nicht riesige Begeisterung gab es wohl keine. So jedenfalls die Kulturradio-Kritik, mit der ich im wesentlichen übereinstimme.

Mach dir keine Wetter-Gedanken, in Berlin gibt es an quasi jeder Ecke einen Weihnachtsmarkt und dann trinkst du einen heißen Glühwein und alles sieht schon anders aus ;-) Wirst du noch andere Sachen in Berlin besuchen? Hier: http://www.concerti.de/ gibt es einen guten Programmüberblick, falls noch einuge Abende frei sind!
Heike
Ingrid (29.11.2011, 08:49):
Liebe Heike,
werde mal sehen, wie das alles auf mich wirkt, aber Überfrachtung mag ich eigentlich auch nicht. Füchslein und Carmen sind dann sicher ein gutes Kontrastprogramm.

Da es in erster Linie ein Verwandtenbesuch werden soll, bin ich eh schon gut unterwegs, denn am Sonntag Vormittag gibt es ja auch noch die Kinderoper mit den niedlichen Krabbeltieren. Aber danke für die
guten Tipps.

Um die Märkte sollte ich jetzt allerdings schon aus kostentechnischen Gründen einen großen Bogen machen, denn die verlorene Geldbörse wird noch genug Kosten verursachen und die Pechsträhne hat noch einige weitere sehr unliebsame Überraschungen gebracht. Also ist Vorsicht angebracht... auch beim Glühwein, denn da werde ich vom Geruch schon blau :D

:hello Ingrid
Heike (30.11.2011, 16:00):
Liebe Ingrid,
zur KOB-Carmen trage ich noch den Inszenierungs- Verriss der Berliner Zeitung nach. Den wollte ich nicht unterschlagen, den habe ich erst jetzt bemerkt.

Ich bin gespannt auf deine Eindrücke, wenn du die Aufführung gesehen hast. Wie ich schon sagte, bei uns hat das sehr polarisiert, ich war in unserer Dreiergruppe die einzige, der es nicht gefallen hatte. Die anderen beiden waren voll des Lobes (wobei es ihnen nicht gelungen ist, mich zu bekehren, trotz langer Agitation auf dem Heimweg). Also, Aufführungen, die zur Diskussion anregen, sind ja schon mal wenigstens nicht langweilig!
Heike
Ingrid (30.11.2011, 22:58):
Original von Heike
Liebe Ingrid,
zur KOB-Carmen trage ich noch den Inszenierungs- Verriss der Berliner Zeitung nach. Den wollte ich nicht unterschlagen, den habe ich erst jetzt bemerkt.
Heike

Eigentlich wollte ich ja am 6. in den Schwanensee gehen. Könnte mir evtl. doch besser gefallen, oder? Polina würde tanzen. Hm..... ?(
Heike (10.12.2011, 12:30):
Liebe Ingrid, wie waren Deine Berliner Erlebnisse?
Heike
Heike (16.01.2012, 07:56):
Staatsoper im Schiller Theater:
Premiere 15.1.2012

Händel: Il trionfo del Tempo e del Disinganno (Oratorium)
Les Musiciens du Louvre · Grenoble
Musikalische Leitung: Marc Minkowski
Inszenierung: Jürgen Flimm, Gudrun Hartmann
Bellezza: Sylvia Schwartz
Disinganno: Delphine Galou
Tempo: Charles Workman
Piacere: Inga Kalna

Händels erstes Oratorium, das er mit nur 22 Jahren in Rom schrieb, hat mich gestern (nach dem unlängst ganz schrecklichen "Orpheus in der Unterwelt") wieder mit der Staatsoper versöhnt.

Man hat aus diesem eigentlich nicht-dramatischen Oratorium eine szenische Aufführung gemacht - und das bietet sich bei dem Stück geradezu an! Worum geht es? Eigentlich gibt es zwar keine Handlung, denn das Stück ist nicht mehr als die Wiedergabe eines Streitgespräches zwischen 4 metaphorischen Gestalten: Die Schönheit, die Verführung, die Zeit und die Ent-täuschung (die zur Wahrheit und Erkenntnis führt). Aber es gibt einen Konflikt und der ist zeitlos: Die Schönheit (Bellezza) muss sich entscheiden, ob sie dem Vergnügen (Piacere) oder der Zeit (Tempo) und der Ent-Täuschung (Disinganno) folgen will. Zunächst fühlt sie sich viel mehr zu dem lebhaften Vergnügen hingezogen, aber schließlich landet sie geläutert und reuevoll doch auf der anderen Seite.

Die Musik fand ich ganz zauberhaft, prinzipiell ist das wie eine kleine Oper gestaltet (naja klein, Spieldauer 2,5 Stunden), es gibt virtuose Arien, Rezitative, Duette, Ensemble, sogar Bühnenmusik (in Rom von Händel selbst an der Orgel gespielt!). Es gibt zwar keinen Chor, aber das braucht es nicht. Dafür variiert die Musik ganz wunderbar kunstvoll, man findet alles zwischen tänzerischer Eleganz und innigsten Melodien. Einfach schön, Händel war ein Genie. Das Orchester ist relativ klein besetzt, es gibt weder Pauken noch Trompeten oder Hörner. Dafür gab es Marc Minkowski :-) so viel Seele und Leben! Großartige Musiker, frisch akzentuierte, lebendige Klänge auf alten Instrumenten. Manchmal ganz süffig im Schwung und Klang, dann wieder mit filigransten Emotionen. faszinierend, wie flexibel die Streicher reagieren. Traumhaft die Oboe, auch der erste Geiger mit einem Solo am Schluss zum Dahinschmelzen.

Sängerisch haben die 4 Personen mir insgesamt als Team recht viel Freude gemacht, auch wenn es hier oder da durchaus Grund zur Kritik gibt. Sylvia Schwartz mit der anteilmäßig größten Aufgabe sang ausdrucksvoll, mit einem hellen Sopran, aber eher leise und auch die Koloraturen klangen für meine Ohren nicht so ganz geschmeidig. Nun, aber als (nur) Schöne passte das irgendwie doch ganz gut zu dieser orientierungslosen zarten Person, das Schillertheater braucht auch nicht unbedingt viel Volumen und das geht auch mit einem Stimmchen. Die tragendste Stimme (und auch die schönste Arie "Lascia la spina": als "Lascia Ch'io Pianga" später im Rinaldo wiederzufinden) hatte für mich Inga Kalna, zudem spielte sie sehr leidenschaftlich überzeugend. Sie hat einen kräftigeren Sopran, dabei anrührend und warm, aber nur in der Mittellage wirklich mühelos. Eine unheimlich schöne Stimme hatte auch Delphine Galou - ein ganz dunkler, betörender Alt, leider auch nicht gerade mit übergroßer Kraft gesegnet. Dafür spielte auch sie toll und konnte durch expressive Bühnenpräsenz mit viel Grazie überzeugen. Den drei Damen zur Seite stand Charles Workman, ein smarter Tenor, der die Schönheit einerseits weich umschmeichelte, aber auch mal spröde und böse daherkam. Hat mir gut gefallen mit seinen vielen Facetten. Alles in allem bot keiner der Sänger eine Meisterleistung, aber auch keiner sang schlecht - so dass mir das Gesamtpaket sehr gut gefallen hat.

Super fand ich die Inszenierung von Flimm, womit aber nicht alle Besucher einverstanden waren, es gab einige (mir völlig unverständliche) Missfallensbekundungen (wogegen der total vermurkste Orpheus unlängst bejubelt wurde, manchmal verstehe ich die Berliner nicht). Also, das ganze spielt in einer Art luxeriösen Foyer eines Theaters, im 20.Jahrhundert. An Tischen (links) und einer langen Bar (rechts) bewegen sich neben den 4 Sängern andere Gäste und Kellner, aber auch Phantasiegestalten. Also diese Figuren hat Flimm sich ausgedacht, als Assoziationen bzw. Kommentare zum Text. So tauchen z.B. Models auf und nutzen den Tresen als Laufsteg, oder 2 Ministranden beten, oder Tänzer huschen herein etc. Das fand ich, bis auf wenige Details, sehr originell, stimmig und hintergründig. Auch die 4 Hauptpersonen agierten so, dass ich es überzeugend fand - teils in barock anmutenden Kostümen, teils modern gekleidet. Am Ende steht Bellezza allein in der leeren Bar, alle sind gegangen, die Tische sind abgeräumt und sogar die erdachten Figuren sind alle verschwunden. Traurig und leise klingt dann auch die Musik aus - Tempo und Disinganno haben zwar "gesiegt", aber triumphieren will darüber niemand.

Alles in allem unbedingt zu empfehlen. Weitere Aufführungen: 18.01. / 21.01. / 24.01. / 27.01.2012 Ich will mehr Barockoer sehen und hören!
Severina (16.01.2012, 10:05):
Liebe Heike,

"Semele" ist auch ein Oratorium und klappt szenisch wunderbar, nur konzertant wäre es mir ein bisschen zu wenig. "Il Trionfo" kenne ich gar nicht, aber das Thema klingt sehr interessant und eignet sich ob seiner Zeitlosigkeit sicher wunderbar für eine Transponierung ins Jetzt. Das gilt eigentlich für alle Barockopern, ich bin immer wieder erstaunt, wie gut das klappt, eigentlich besser als z.B. bei Verdi.

Charles Workman war auch bei der "Semele" mit von der Partie, Sylvia Schwartz ist ja bei uns im Ensemble. Ich kann Dir versichern, dass ihr Problem, mit ihrem Stimmchen über die Rampe zu kommen, nicht an Eurem Haus liegt - bei uns ist es genauso. Ich darf sie im Februar wieder die Adina zwitschern hören.....

Ja, und von Minkowski bin ich natürlich ein ganz großer Fan!

lg Sevi :hello
Heike (16.01.2012, 17:28):
Liebe Sevi,
Ja, und von Minkowski bin ich natürlich ein ganz großer Fan!
Ich auch! Seine h moll Messe ist göttlich :-) Ich darf mich ja noch auf ein Barockkonzert mit ihm am 20.1. freuen!!!
Heike
Heike (29.01.2012, 00:04):
28.1.2012 Staatsoper im Schiller Theater
"Montezuma" von Carl Heinrich Graun
Staatskapelle, Staatsopernchor,
Dirigent Michael Hofstetter

Vesselina Kasarova (Montezuma),
Anna Prohaska (Eupaforice),
Ann Hallenberg (Narvès),
Kenneth Tarver (Tezeuco),
Michael Maniaci (Cortes),
Florian Hoffmann (Pilpatoè),
Adriane Queiroz (Erissena),
Klaus Schreiber (Erzähler)

Diese Oper wurde (leider) konzertant gegeben, aber weil ich Barockopern so gern mag, habe ich mir das mal angesehen. Man spielte das anlässlich des Friedrich300-Jahres, das Libretto schrieb nämlich der König höchstselbst.

Zur Handlung fällt mir nicht so viel ein, das fand ich arg langweilig - es geht um die Spanier in Mexiko und den Tod des Aztekenkönigs Montezuma. Zur Langeweile trug aber mit allerhöchstem Anteil die konzertante Aufführung bei - und speziell folgendes: Zu allem Übel wurden auch noch die Rezitative weggelassen und durch deutsche Zwischentexte ersetzt. Diese wiederum waren grauslig formuliert und noch viel grausliger vorgetragen von dem Herrn Sprecher . Wirklich ganz schrecklich unpassende Intonation und Gestaltung.

Sängerisch war das Gefälle immens. Die beiden aztekischen Hauptprotagonisten, das Liebespaar Vesselina Kasarova und Anna Prohaska und ebenso Ann Hallenberg als spanischer Gegenspieler beeindruckten durch schönen Gesang, halsbrecherische Koloraturen und emotional berührende Gestaltung. Die Prohaska hat mich wiedermal vor Begeisterung fast dahinschmelzen lassen, dieses zarte Persönchen und dazu diese göttliche, strahlende Stimme. Die hat z.B. dieses anrührende piano, das ich so liebe. Demgegenüber sang Florian Hoffmann so, dass man ihn am liebsten gleich nochmal in die Gesangsschule schicken würde. Zum Glück hatten die stimmlichen highlights den größten Teil des Abends zu tun :-) Der Rest der Besetzung war auch ganz ok, so dass das Zuhören (zwischen den Texten) Spaß gemacht hat.

Das Orchester ist mir ehrlich gesagt weder positiv noch negativ aufgefallen, vielleicht war es einen Tick zu brav, jedenfalls im Vergelich zu Minkowsky, den ich gerade vor kurzem gehört hatte. Im Vergleich dazu waren die Berliner heute auch viel weniger durchhörbar, obwohl in kleiner Besetzung.

Das barocke Publikum heute übrigens sehr sehr diszipliniert, zum wiederholten Male ist mir aufgefallen, dass Alte-Musik- Fans weniger husten und quatschen.

Morgen gibt es dann die Bielto-Freischütz-Premiere, ich richte mich mal auf einen ungemütlicheren Abend ein als heute.
Heike
Heike (11.02.2012, 00:46):
Ich war heute (gestern) in der Generalprobe von "Die sieben Todsünden" an der KOB
Ballett mit Gesang von Kurt Weill
Fassung für tiefe Frauenstimme (bearbeitet von Wilhelm Brückner-Rüggeberg)
Text von Bertolt Brecht

Musikalische Leitung ... Kristiina Poska
Inszenierung ... Barrie Kosky
Choreographie ... Otto Pichler

Anna ... Dagmar Manzel
Vater ... Sebastian Lipp
Bruder ... Adam Cioffari
Bruder ... Manuel Günther
Mutter ... Tim Klaski

Also, meiner Meinung nach eine absolute Frechheit, sowas an einem Opernhaus auf die Bühne zu bringen. Nicht nur, dass Dagmar Manzel weder sigen noch tanzen kann (sie sang durchweg und sehr offensichtlich mit Kopf-Mikrofon, nicht nur unauffällig verstärkt, sondern notwendigerweise verstärkt), auch die ganze Inszenierung (oder was so bezeichnet war) war alles andere als das Brecht-Stück.

30 min war die Manzel erstmal mit einem Pianisten allein auf der Bühne und sang Brecht/ Weill Songs aus anderen Stücken, z.B. Surabaya Johnny. Ebenso kam am Ende wieder irgendwas nicht zu den Todsünden gehöriges auf die Bühne. Insgesamt dauerte das zusammengemixte Stück 1 Stunde 15 min. Da man die zweite Anna (also die Tanzende) eingespart hatte, war der ganze Plot nicht mehr tragend und der Sinn des Ganzen hatte sich erübrigt. Die Spaltung in die zwei Annas fand wieder in einer Person statt, ich fand das einfach nur doof. Meiner Meinung nach ist der Versuch der Manzel, beide Rollen in einer zu verkörpern, komplett misslungen. Auch wenn sie bestimmt eine gute Schauspielerin ist und eine erstaunliche Kondition an den Tag legte - ich fand es sterbenslangweilig und zudem noch schlecht gesungen.

Ebenso langweilig war mir das Dirigat der Dame namens Kristiina Poska, die das auf der Bühne befindliche Orchester leitete. Die verschiedenen Stücke klangen alle gleich, verschiedene Tänze konnte man allenfalls vermuten, nicht hören. Sonst gab es nichts an Inszenierung, die Männer sangen von Bühnenrand, Requisiten gabs nicht. Frau Manzel als Alleinunterhaltung, für ihre Fans mag das ja vielleicht interessant sein, allen anderen rate ich ab. Tja, ich weiß nicht, wie man das nennen sollte, was die Manzel da gemacht hat, einen Mix aus (Musical)Theater und Liederabend vielleicht, mir hat es nicht gefallen.
Heike
stiffelio (17.02.2012, 21:38):
Hallo Heike,

ich habe eben von einem Bekannten einen begeisterten Bericht vom FIGARO bekommen, der derzeit im Schiller-Theater läuft. Da ich zu dieser Oper noch keinen rechten Zugang gefunden habe, würde mich diese Inszenierung sehr interessieren. Weisst du, ob davon irgendwann eine Ausstrahlung im Fernsehen oder Internet geplant ist?

VG, stiffelio
Heike (18.02.2012, 08:03):
Liebe stiffelio.
ich glaube nicht, dass es da Übertragungen gibt, jedenfalls ist mir darüber leider nichts bekannt!
Heike
Schweizer (18.02.2012, 11:18):
Hallo Stiffelio, ich bin echt verblüfft über Deine Aussage betreffend Zugang zu Figaro: dieses Werk springt doch in seiner Einfachheit und Logik, überhöht durch Mozart's Musik, jeden Menschen schon bei der Erstbegegnung an. Bitte erklär Dich wie Du das gemeint hast!
Gruss vom Schweizer
stiffelio (18.02.2012, 14:30):
Hallo Schweizer,

da gibt es nicht viel zu erklären, das ist ja kein Qualitätsurteil über den Figaro und schon gar nicht über Mozarts Musik. Ich persönlich finde die Handlung eben heillos verworren (ich hab gerade nochmal bei Wikipedia nachgelesen und weiss immer noch nicht genau wer jetzt wann mit wem und wieso anbandelt außer dass es höchst selten die eigentlichen Partner sind). Und außerdem habe ich mit Verwechselungskomödien grundsätzlich meine Probleme, so z.B. auch mit Cosi fan tutte (aber da ist wenigstens selbst für mich die Handlung schlicht genug gestrickt, dass ich den Durchblick behalte :haha ).
Es ist ja nicht so, dass ich nicht selbst unter diesem Manko leide und es gern beheben würde. Wenn du also eine gut gespielte(!) Figaro-DVD mit möglichst leicht durchschaubarer Inszenierung kennst, bin ich für Empfehlungen dankbar.

VG, stiffelio
Schweizer (18.02.2012, 14:38):
Ich wundere mich weiterhin über Deine Aussage, denn ich habe Figaro schon als "unschuldiger Halbwüchsiger", was die Handlung angeht, verstanden; auch noch nie von einem Regisseur verschandelt, total umgedeutet erlebt. Ich wünsche Dir für Deine erste Figaro-Aufführung ein tolles Erlebnis, lies doch vorher immer nur die Handlung des nächsten Akts.
Gruss vom Schweizer
stiffelio (18.02.2012, 14:51):
Hallo Schweizer,

danke vielmals, ich hab gerade den FIGARO-Thread mit der Spitzen-Zusammenfassung von Solitaire gelesen und zum ersten Mal das Gefühl, den roten Faden halbwegs gefunden zu haben. Vielleicht kann ich also mein Manko wirklich bald beheben, aber das ist jetzt endgültig off topic. Ich werde mich evtl. zu gegebener Zeit im FIGARO-Thread wieder melden.

VG, stiffelio

P.S. meine erste FIGARO-Aufführung habe ich übrigens vor rund 15-20 Jahren in München längst hinter mir, sie hatte leider nicht dazu beigetragen, mich mit dem Werk besser zu befreunden :ignore
Schweizer (18.02.2012, 15:07):
Entschuldigung, ich kam zum Schluss und nahm deshalb an, dass Du das Werk schlicht noch nicht kennst, mea culpa!
Gruss vom errötenden Schweizer
Heike (19.02.2012, 11:45):
Liebe stiffelio,
ich dachte, ich kriege es terminlich nicht hin, aber ich habe das Wochenende gestern erfolgreich umorganisiert und mir nun kurzfristig für heute noch ein Ticket für den Berliner Figaro am Schillertheater kaufen können.

Tragisch: Thomas Langhoff, der inszeniert hat, ist gestern verstorben. Ich hoffe, es wird - auch ihm zum Gedenken - heute eine großartige Vorstellung. Ich habe die Inszenierung vor über 10 Jahren an der Staatsoper gesehen und erinnere mich nur noch dunkel daran. Insoweit freue ich mich sehr auf heute Abend.
Heike
stiffelio (19.02.2012, 12:13):
Hallo Heike,

dann freue ich mich schon auf deinen Bericht und wünsche dir einen begeisternden Abend.

VG, stiffelio
Severina (19.02.2012, 12:16):
Original von stiffelio
Wenn du also eine gut gespielte(!) Figaro-DVD mit möglichst leicht durchschaubarer Inszenierung kennst, bin ich für Empfehlungen dankbar.

VG, stiffelio

Liebe Stiffelio,

Meine zur Zeit liebste Figaro-DVD ist diese:


Eine konventionelle, aber nicht altbackene Inszenierung, herzerfischend lebendig gespielt und auch musikalisch sehr ansprechend! Wenn also damit der Funke nicht überspringt, bist Du für diese Oper wohl verloren.
Was auch kein Malheur wäre - ich z.B. kann bis auf den heutigen Tag mit der Cosi nichts anfangen, obwohl ich mich redlich bemühe.

lg Severina :hello
Heike (19.02.2012, 12:24):
Ich werde berichten, und zwar im Figaro- Thread (bitte auch die weitere Figaro- Diskussion dort führen!)
Heike
Heike (09.07.2012, 07:51):
Dionysos -Opernphantasie von Wolfgang Rihm
Staatsoper im Schillertheater, Premiere (Koproduktion mit den Salzburger Festspielen und De Nederlandse Opera, Amsterdam)

Musikalische Leitung Ingo Metzmacher
Inszenierung Pierre Audi

N. Georg Nigl
»Ein Gast« | Apollon Matthias Klink
1. hoher Sopran | Ariadne Mojca Erdmann
2. hoher Sopran Elin Rombo
Mezzosopran Virpi Räisänen
Alt Julia Faylenbogen
»Die Haut« Uli Kirsch

Staatskapelle Berlin, Staatsopernchor

Zuerst mal, ich finde es eine ärgerliche Unsitte, dass mehr und mehr Inszenierungen aus anderen Opernhäusern übernommen werden und dann hier als Premiere laufen. In letzter Zeit kommt das gehäuft vor und verdrängt eigene Produktionen. Aber das am Rande.

Worum geht es in dieser modernen Oper?
Es ist eine Folge von Assoziationsbildern bzw. Szenen (historisch einordenbar, aber auch halbreal, teils imaginiert) aus dem Leben von F. Nietzsche, verwoben mit griechischen Mythen. Es gibt (auch musikalisch) deutliche Anspielungen auf Nietzsches Verhältnis zu Cosima Wagner/ Wagner; außerdem wird seine Triebhaftigkeit, seine Depression und sein Irrewerden zunehmend thematisiert. Mytologisch greift das v.a. in den Gegensatz des "Rausch"-Goittes Dionysos und des "Klarheits"-Gottes Apollon hinein. Eine Handlung kann man nicht erzählen, es ist eine Folge von Episoden umgesetzt, die die Fantasie anregen soll.
Weitere Angaben zum Inhalt auf der webseite der Staatsoper, hier.

Zu den musikalischen und Sängerleistungen kann ich wenig sagen, da mir jeder Vergleich fehlt. Das war für die Frauen teilweise mörderisch hoch, für die Männer ausdrucksexplosiv. Nigl wurde als erkältet angesagt, kämpfte sich aber tapfer durch und ich muss sagen, diese Anmutung von Kranksein passte zur Rolle. Was das Orchester anging, schaffte Metzmacher es, mich über weite Strecken zu fesseln. Die Musik ist interessant und expressiv. Der zweite Teil nach der Pause war orchestral deutlich packender, finde ich, was aber vermutlich am Material lag.

Der Stoff und die Inszenierung waren unterhaltsam, allerdings teilweise ausgesprochen verrückt. Etwas Kenntnis von Nietsches Leben ist auf jeden Fall nützlich. Stellenweise war mir das von Rihm selbst zusammengestellte Libretto (mit Nietzsches Originaltexten) zu künstlich, weil zu konstruiert. Stellenweise wieder war es beeindruckend finster und surreal, es geht einem auf jeden Fall noch nach. Es ist eine kalte, böse Umsetzung, teilweise abstoßend in Bilder gefasst, aber intensiv und nie langweilig.

Besuch lohnt sich. Auch wenn ca. 1/4 des Publikums schon in der Pause gegangen ist.
Heike
Karolus Minus (09.07.2012, 13:25):
Original von Heike

Zuerst mal, ich finde es eine ärgerliche Unsitte, dass mehr und mehr Inszenierungen aus anderen Opernhäusern übernommen werden und dann hier als Premiere laufen. In letzter Zeit kommt das gehäuft vor und verdrängt eigene Produktionen. Aber das am Rande.

Liebe Heike,
das findet zunehmend statt - und es wird sich weiter vermehren. Das ist ein schlichtes Finanzproblem. Selbst Häuser wie Lübeck und Kaiserslautern gehen dazu über, weil man halt das Bühnenbild nur einmal bauen muß und sich die Kosten teilt. Ich finde das auch ok, wenn es denn auch als Koproduktion angesagt ist, ärgerlich wird es, wenn eine in Hamburg kurzfristig angekaufte Tosca-Produktion aus Amsterdam oder Antwerpen (weiß es nicht mehr exakt) Jaher später auch noch in Zürich als "Premiere" rauskommt OHNE daß es vermerkt ist, daß diese "Premiere" ein alter Hut von vor mindestens 10 Jahren ist.

Beim Stagione-System in Italien und anderswo ist aber auch das Gang ung Gebe, da steht dann einfach drin "Bühnenbild von da, Kostüme von dort...".
Lg
Karolus Minus
Severina (09.07.2012, 16:04):
Ich finde das auch OK, aber natürlich muss es als Koproduktion oder Übernahme gekennzeichnet sein. Dass man in Zürich da gerne Etikettenschwindel betrieben hat, war bekannt und natürlich ärgerlich. Umgekehrt musste jedem klar sein, dass sich kein Opernhaus der Welt 17 echte Neuproduktionen pro Saison leisten kann...

Da ich nicht mehr wie früher ausländische Opernhäuser besuchen kann, freue ich mich immer, wenn die eine oder andere gerühmte Produktion als Übernahme bei uns landet, natürlich im ThadW. Monsieur Meyer übt sich zwar auch in Koproduktionen, aber er hat offensichtlich ein Händchen dafür, irgendeinen Müll einzukaufen.

Das z.B. das ThadW in der nächsten Saison den Züricher "Comte Ory" bringt, hat bei mir Jubel ausgelöst, denn so komme ich auch noch dazu ihn zu sehen.

lg Sevi :hello
Heike (11.09.2012, 08:55):
Kein Bericht aus einem Berliner Opernhaus, sondern aus der Philharmonie, 10.9.12:

John Adams - Nixon in China
konzertante Aufführung
BBC Symphony Orchestra, John Adams Leitung
BBC Singers / Matthew Morley Einstudierung

Robert Orth Bariton (Richard Nixon, Präsident der USA)
Jessica Rivera Sopran (Pat Nixon, seine Frau)
Gerald Finley Bariton (Zhou Enlai, chinesischer Premierminister)
Alan Oke Tenor (Mao Zedong, Parteivorsitzender)
James Rutherford Bass (Henry Kissinger, Berater Nixons)
Kathleen Kim Sopran (Chiang Ch’ing, Maos Frau)
Stephanie Marshall Mezzosopran (Nancy T’sang, erste Sekretärin Maos)
Louise Poole Mezzosopran (Zweite Sekretärin Maos)
Susan Platts Alt (Dritte Sekretärin Maos)

Das erste Mal gab es diese Oper in Berlin, und das finde ich durchaus erstaunlich, denn die Musik ist relativ populär und eingängig. Ich fühlte mich stellenweise fast an Musical- oder sogar an Techno- Klänge erinnert. So ganz verstehe ich nicht inzwischen mehr, warum ich vor 20 Jahren so von Minimal Musik begeistert war - aber ich erkenne durchaus an, dass das ein großes Werk ist. Nur, es gefällt mir nicht sonderlich. Es ärgert oder langweilt mich passagenweise, es ist mir zu laut und der Inhalt überfordert meine Deutungskapazitäten immer wieder.

Trotzdem war es ein interessanter Abend und ich freue mich, das gesehen zu haben. Die Sänger waren klasse gecastet, sie agierten auch etwas auf der Bühne und ließen so die Akteure doch sehr präsent werden. Sängerisch überzeugte mich sehr die mir bisher unbekannte Kathleen Kim, auch Gerald Finley war den Abend allein schon wert. Von den anderen will ich niemanden herausheben, dazu fehlt mir auch der Vergleich, so oft habe ich diese Musik noch nicht gehört.

Es war natürlich klasse, Adams selbst am Pult zu sehen und zu hören, wie er diese typisch amerikanischen Rhythmen immer wieder anpeitschte.
Heike
Heike (17.09.2012, 08:42):
KOB 16.9.12
Die Monteverdi-Trilogie
3 Opern. 12 Stunden. 1 Spektakel. (11- 22.30 Uhr)
Orpheus, Odysseus, Poppea
Musikalische Leitung André de Ridder
Inszenierung Barrie Kosky

Die aus Taschkent stammende Komponistin Elena Kats-Chernin hat die drei Opern mit einer neuen Instrumentierung versehen und neben den traditionellen Instrumenten auch Instrumente aus Osteuropa, dem Mittleren Osten und Westafrika verwendet. Funktioniert hat das besser als gefürchtet, denn sie machte es eher unauffällig. Nur zum Ende hin, besonders in der Poppea (wo eine E-Gitarre eingesetzt war), störte es mich dann doch sehr und näherte sich dann im Schlussduett direkt dem Kitsch an.

Von de Ridder war der Tag eher gefällig und brav dirigiert, zudem oft ungenau (aber wer will das dem Herrn am Pult bei dem Mammutprogramm übelnehmen?).

Positiv: Die deutsche Textfassung von Susanne Felicitas Wolf war angenehm unaufgeregt, slapstickfrei und somit ebenfalls weniger störend als erwartet. Das Original ist natürlich schöner.

Zu den Inszenierungen von Kosky:
1. Orpheus gefiel mir sehr gut - ein riesiger Garten Eden als Kulisse und große, eindrucksvolle, durch einen Puppenspieler geführte tote Orpheus und Euridice - Seelen, zudem sehr gute Personenführung. Das war gelungen und auch sehr schön durch den hingebeungsvoll singenden und spielenden Chor plus Tänzer illustriert.
2. Odysseus war akzeptabel, wenn auch wenig gedeutet, eher einfach als modernes Kammerspiel aufgeführt. Aber nicht wirklich störend (naja, etwas zu viel Comedy bei den Freiern war es doch). Man schaute viel auf das Orchester, was hier vollständig auf der Bühne plaziert war.
3. Poppea hingegen war stellenweise doch ärgerlich. Meiner Meinung nach ein schlechter Calixto Biieto Verschnitt mit viel Sex, Blut und nackten Männern.

Sängerisch war das für KOB-Verhältnisse ein sehr gutes Paket. Am allerbesten hat mir Günter Papendell als stimmstarker und emotional fesselnder Odysseus gefallen. An seiner Seite die mir komplett unbekannte Ezgi Kutlu, auch recht gut gesungen, aber leider etwas hysterisch gespielt.
Dominik Köninger als Orpheus konnte mich überzeugen, ein sehr schöner, ausdrucksstarker Sänger (da konnte Euridice nicht mithalten, aber die hat ja nicht so viel zu singen). Peter Renz, der den Amor in allen 3 Opern sang, hatte einen tollen Tag und verkörperte die Rolle sowohl sängerisch als auch auf der Bühne überzeugend. Nicht ganz so gut fand ich die Poppea, Brigitte Geller passte meiner Meinung nach nicht so wirklich, sie sang zu schwer für die Rolle, da fehlte mir doch Fluss und Grazie, vor allem in den tiefen Lagen. Helene Schneiderman als Octavia fand ich da besser besetzt. In den anderen (vielen) Rollen ist mir eigentlich niemand so richtig negativ aufgefallen, also insgesamt hat das schon gepasst.

Was das Rundum angeht: Es gab kulinarische Pausen mit einem Angebot der KOB auf allen Etagen und draußen. Aber, davon muss man abraten. Komplett überteuert (Tasse Linsensuppe für 6 Euro), nicht besonders originell (belegte Brötchen und irgendwelche Teigtaschen, 0-8-15 Salat ...). Besser schnell unter den Linden zum Maredo gehn, das ist gut zu schaffen. Lediglich das kleine Kuchenbuffet sah gut aus.

Fazit: Viel besser als erwartet, aber kein Muss. Immerhin, ich habe es wider Erwarten bis zum Ende ausgehalten.
Heike
P.s. es gab das ganze Spektakel ja in 3Sat, vielleicht hat jemand reingesehen?
Severina (17.09.2012, 10:26):
Liebe Heike,

ich habe das Spektakel nur teilweise via TV verfolgt: Den Orfeo ziemlich komplett, der gefiel mir wie Dir recht gut, den Ulisse nur am Anfang. Da ich den erst vor drei Tagen im ThadW erlebt habe mit der ausgezeichneten HIP-Formation unter Christophe Rousset, irritierte mich an der KOB der ganz andere Orchesterklang doch sehr.
Leider musste ich bald weg ("Prinz von Homburg" an der Burg in einer sehr guten Andrea-Breth-Inszenierung), aber das, was ich dann noch von der Poppea mitbekam, überzeugte mich gar nicht.

Außerdem störte mich bei allen drei Teilen die deutsche Sprache, mag die Übersetzung noch so gelungen sein. Aber da bin ich sehr eigen, ich möchte prinzipiell Oper nur im Original hören, selbst wenn mir mangels Sprachkenntnissen da oft viel an textlichen Feinheiten entgehen mag.

Aber meine Bewunderung, dass Du diesen Marathon durchgehalten hast :down!

lg Sevi :hello
Zefira (17.09.2012, 11:01):
Ich habe Teile davon gesehen, mittags ein paar Szenen vom Orfeo - ich hatte mir meine Kocherei extra so eingeteilt, dass ich beim "Possente spirto" zusehen kann. Mich überzeugte der Sänger des Orfeo darstellerisch nicht wirklich, was vielleicht an mir liegt, für mich muss ein Sänger, der den Orfeo singt, also den "Sänger an sich!" eine besondere Ausstrahlung haben, sonst glaube ich ihm nicht. Wie auch immer. Die Chöre fand ich zu dick besetzt, der Charon dagegen war ein Knaller, gefiel mir sehr!

Nach dieser Szene habe ich abgeschaltet, weil ich weg musste, und verpasste den Ulisse. Als ich abends zurückkam, war die Poppea in vollem Gang. Mich stört es gewaltig, wenn die Partie des Nero runtertransponiert wird, das verfälscht m.E. den Klang. Ottone mochte ich, Arnaltas Einschlaflied, auf das ich noch gewartet habe, ehe ich umschaltete, war WUNDERSCHÖN gesungen, aber ausgerechnet da kam wieder die E-Gitarre zum Zuge ...

Ich habe zwar komplett aufgezeichnet, werde mir aber wohl nur den Ulisse noch mal ansehen. Ich mochte die Übersetzung nicht und die Regie war z.T. nur ärgerlich. Seneca, ein nicht mehr junger Mann mit, sagen wir mal, birnenförmiger Figur, saß beim "Stirb nicht, Seneca" splitternackt auf der Bühne und musste sich vom Chor betatschen lassen - ich wurde sehr nervös im Fernsehsessel, weil ich immerfort befürchtete, dass gleich etwas ganz Grässliches kommt (was genau, weiß ich nicht, aber meine Ahnungen waren schlimm ...). Was dann kam, war, dass Seneca sich in die Wanne setzte mit zwei Eimern Blut übergossen wurde. Eklig. Dass Nero und Poppea gemeinsam ihrem Lustknaben die Augen ausstachen, fand ich auch eklig, aber wenigstens sprang danach der Lustknabe quicklebendig und grinsend von der Bühne, was als ironische Brechung schon wieder witzig war.
Poppea ist sicher extrem schwierig zu gestalten, ich will da auch nichts verurteilen, aber mein Ding ist so ein Ansatz nicht.

Sowohl beim Orfeo als auch bei der Poppea fand ich die Chöre viel zu groß.

Ich werde mir noch ein paar Sachen aus der Aufzeichnung ansehen, vielleicht revidiere ich meine Meinung noch, wenn ich mehr gesehen habe.

Grüße von Zefira

ps. Am glücklichsten war ich übrigens, als bei der Poppea in der Pause "Zefiro, torna" in der wunderschönen Einspielung von L'Arpeggiata erklang. Diese Interpretation hat alles, was ich an Monteverdi liebe!
Heike (17.09.2012, 11:38):
Hallo ihr zwei, schön, dass ein paar in die TV-Übertragung reingeschaut haben!

Den Sänger des Orpheus (Dominik Köninger) habe ich ja von weitem gesehen, also aus dem 2. Rang. Wie das auf dem Bildschirm aussah. weiß ich also nicht. Aus der Entfernung jedenfalls gab es nichts zu mäkeln. Und er klang live sehr gut, hat mich vor allem in den innigen Momenten doch sehr berührt. Was du über den Nero (Roger Smeets) geschrieben hast, kann ich jedoch voll und ganz unterschreiben. Mir hat das auch nicht gefallen, zudem hatte er überhaupt sehr wenig majestätisches an sich. Mich erinnerte er an meinen Geographielehrer, der ziemlich langweilig war. Ottone (Theresa Kronthaler) und Armalta (Thomas Michael Allen) waren auch live gut. Es gab in der Poppea übrigens noch mehr unappetitliche Szenen als den nackten Seneca im Pool.

Was die Instrumente anging, vor allem diese E-Gitarre und auch das elektronische Keyboard haben mir auch am meisten missfallen. Bei Odysseus gab es einen Flügel auf der Bühne, der war da z.B. weit besser zu ertragen. Natürlich ist Originalklang schöner, aber alles in allem hat es doch zumindest in den ersten beiden Teilen für mich noch akzeptabel funktioniert. Ich war jedenfalls auf weit Schlimmeres eingestellt, ich erinnere mich mit Schrecken an einen Berliner Offenbach_Orpheus vom letzten (?) Jahr, der durch veränderte Orchestrierung mehr als verhunzt war. Also, da war Monteverdi besser instrumental angepasst, auch waren die Harmonien, soweit ich das erkennen konnte, unverändert. Für jemanden, der die Originale nicht kennt, ist es sicher recht gut als Einstieg in diese Musik geeignet. Die Chöre fand ich nicht zu groß, das passte in das opulente Bild-Spektakel live doch recht gut rein.

Was die deutsche Sprache angeht. Ja, da bin ich ganz bei euch zweien. Ich mag es auch nicht, aber was will man machen? In der KOB wird nun mal deutsch gesungen. Und ich habe da schon weit schrecklichere Übersetzungen gehört. Insoweit war das wenigstens nicht noch zusätzlich sprachlich grauslig.

Heike
Zefira (18.09.2012, 22:45):
Nachdem ich heute den Orfeo noch einmal komplett in der Aufzeichnung angesehen habe, muss ich mein schnelles Urteil vom Sonntag doch ein wenig revidieren.

Erstens gefiel mir der Sänger des Orfeo nun doch recht gut. Dass ich ihm spontan am Sonntag nicht so mochte, liegt wohl in erster Linie an mir selbst; ich habe ein sehr persönliches Bild von Orfeo (ich habe diese Oper lange Zeit nur von CD gehört, ehe ich sie das erste Mal sehen durfte).
Charon, der mich vorgestern durch seinen prolligen Gesang angesprochen hat (so singt der Mann fürs Grobe ;o) ), fand ich jetzt weit weniger gut, er hat zwar viel Schwärze, aber die nötige Tiefe war halt doch nicht da. M.E. muss er auch mal irgendwo oktaviert haben.
Sehr gut fand ich die Sängerin der Persephone/Sylvia, als Persephone noch einen Tacken besser.
Nach wie vor fand ich die Chöre zu groß besetzt, und warum Orfeo beim "Possente spirto" Chorbegleitung braucht, erschließt sich mir überhaupt nicht. Ich fand es nicht gerade scheußlich, aber jedenfalls unnötig. Gerade in dieser Szene ist mir aber die Musik sehr positiv aufgefallen, obwohl da ja auch einiges reingeschrieben wurde, was so im Original nicht vorgesehen war. Das war sehr dezent und organisch gemacht. (Organisch ist immer das Wort, das mir bei dieser Szene zuerst einfällt - die Musik ist so geschrieben, als ob die ganze Flora und Fauna, sogar die Steine mitsingen!)
Ähnlich zwiespältig kam auch die Szene mit Apollo bei mir an: Das Puppenspiel mit der kleinen Geisterpuppe fand ich hier ganz bezaubernd, aber warum wurde Apollo hier von einer Frau gesungen? Es hörte sich natürlich schön an, passte aber sinngemäß überhaupt nicht.

Nun werde ich mir auch den Ulisse noch ansehen. Auf die Poppea habe ich dagegen keine Lust mehr, obwohl ich davon auch am Sonntag nur Teile sehen konnte, aber da hat mir überhaupt nichts gefallen, außer dem Eischlaflied von Arnalta - und auch dabei störte mich die E-Gitarre gewaltig!

Grüße von Zefira

ps. Eines mus sich noch nachtragen: die un-mög-liche Übertragungsregie!
Bei jeder Gelegenheit Großaufnahmen der Gesichter, so große, dass man die Schweißtropfen hätte zählen können. Besonders unangenehm fand ich das bei der Szene mit der Messagiera. Orfeo riss in sprachlosem Schmerz den Mund sehr weit auf - und die Kamera fuhr förmlich hinein. Ich bin doch kein Zahnarzt!!
Dass stark geschminkte Gesichter vom Zuschauerraum aus gut aussehen, in Nahaufnahme aber nur noch grotesk, hat sich anscheinend auch noch nicht überall herumgesprochen. Man muss ja nicht Gewalt aus den Darstellern Kasper machen!!!
So, das musste raus!
Severina (18.09.2012, 23:44):
Original von Zefira
ps. Eines mus sich noch nachtragen: die un-mög-liche Übertragungsregie!
Bei jeder Gelegenheit Großaufnahmen der Gesichter, so große, dass man die Schweißtropfen hätte zählen können. Besonders unangenehm fand ich das bei der Szene mit der Messagiera. Orfeo riss in sprachlosem Schmerz den Mund sehr weit auf - und die Kamera fuhr förmlich hinein. Ich bin doch kein Zahnarzt!!
Dass stark geschminkte Gesichter vom Zuschauerraum aus gut aussehen, in Nahaufnahme aber nur noch grotesk, hat sich anscheinend auch noch nicht überall herumgesprochen. Man muss ja nicht Gewalt aus den Darstellern Kasper machen!!!
So, das musste raus!

Ja, das nervt mich auch oft! Einsame Spitze diesbezüglich ist der Züricher "Tannhäuser", wo man den überwiegenden Teil der Aufführung einem unbarmherzig herangezoomten Peter Seiffert beim Schwitzen zusehen muss und außerdem eindrücklich vorgeführt bekommt, was man eigentlich gar nicht wissen will, nämlich dass Singen sehr anstrengend ist. Die übrigen Sänger hört man meist nur aus dem Off, weil die Kamera am schweißnassen Seiffert'schen Haupt klebt.....
Die unappetitlichste DVD, die ich kenne!

lg Severina :hello
Heike (18.09.2012, 23:51):
Original von Zefira
Sehr gut fand ich die Sängerin der Persephone/Sylvia, als Persephone noch einen Tacken besser.

Theresa Kronthaler singt und spielt in der Poppea auch sehr überzeugend (Ottone), die ist neu im Ensemble, ein richtig guter Zuwachs!
Heike
Zefira (19.09.2012, 00:56):
Ach ja, das freut mich zu hören, das das die gleiche Sängerin ist. (Ich habe bisher nicht auf die Namen geachtet.) Ottone war das einzige, was mir an deer Poppea gefallen hat ...

Nachtgrüße!

ps. Ja, die Tannhäuser-DVD kenne ich auch - der Regisseur, oder vielleicht auch der Cutter, müssen wahre Monomanen sein. Egal wer singt, es ist immer Peter Seiffert im Bild. Als Zuschauer fühlt man sich mit Blindheit geschlagen. Während des Sängerwettstreits hätte ich manchmal am liebsten den Fernseher aus dem Fenster geworfen ...
Heike (09.11.2012, 15:51):
Ich verlinke mal für die Opernfreunde einen Bericht von mir aus dem Konzertethread, der sich aber eigentlich fast mehr auf Oper bezieht:
http://www.das-klassikforum.de/thread.php?postid=109307#post109307
Heike
Heike (17.12.2012, 23:41):
DOB, 17.12.12 Prokofjev: Die Liebe zu den drei Orangen

Musikalische Leitung Steven Sloane
Inszenierung Robert Carsen
Chöre William Spaulding

König Treff Albert Pesendorfer
Der Prinz Thomas Blondelle
Prinzessin Clarisse Clémentine Margaine
Léandre Markus Brück
Truffaldino Burkhard Ulrich
Pantalon Bastiaan Everink
Tschelio Paul Gay
Fata Morgana Heidi Melton
Linetta Rachel Hauge
Nicoletta Kim-Lillian Strebel
Ninetta Heidi Stober
Die Köchin Tobias Kehrer
Farfarello, ein Herold Seth Carico
Smeraldine Dana Beth Miller
Zeremonienmeister Peter Maus

Ich bin zu müde für einen ausführlichen Bericht, aber es hat mir sehr gut gefallen! Robert Carsen inszeniert das von mir nicht sonderlich geliebte Stück als total absurdes Berliner Theater. Man streitet darüber, was gespielt wird und wie; er bringt (Bild)Zitate und Reminiszenzen an diverse Berliner Bühnen und es gipfelt in den 3 Berliner Opernhäusern: Komische Orange, Deutsche Orange und die Staatsorange. Wobei die Komische Orange natürlich deutsch singend im Plüschröckchen auftritt und die Staatsorange im Abendkleid mit strenger, grauer Hochsteckfrisur.... Statt Wasser dürsten alle drei offensichtlich nach Geld und am Ende ist es irgendwie egal, wer sich wie unterhalten fühlt. Weil alles sowieso schräg ist und nichts so wie es scheint.

Nette Idee, stringent und rasant umgesetzt. Musikalisch hat es mich weder sonderlich begeistert noch geärgert, die Musik ist irgendwie völlig hinter den Bildern verschwunden. Schadet aber nichts. Und lohnt den Besuch auf jeden Fall, dank der quasi grotesken Regie.
Heike
Severina (18.12.2012, 00:20):
Klingt witzig! Obwohl es mich bei Carsen allmählich nervt, dass er ohne Theater im Theater offensichtlich nicht mehr auskommt. Nun hat zwar jeder Regisseur so seine Versatzstücke und Spleens, wenn die aber so penetrant ausgereizt werden wie in letzter Zeit bei Carsen, frage ich mich, ob dahinter nicht erste Anzeichen von kreativer Impotenz stecken :ignore!

Aber wie auch immer, die "Liebe zu den 3 Orangen" würde ich gerne bei uns sehen, aber da kann ich nur aufs ThadW hoffen. (In der VO gab es einmal eine Produktion, ist aber schon einige Zeit her.) An die WSO kommt so ein Stück nie und nimmer, das bringt zu wenig Quote, und alleine das zählt....

lg Sevi :hello
Heike (18.12.2012, 00:26):
Naja, bei den Orangen gibt es ja das Publikum im Stück wirklich, also da geht es ja nicht ohne. Das Stück hat Homoki ja vor Jahren an der KOB gemacht, also ich hab jetzt genug davon! Darf also gern zu Euch nach Wien ;-)
Heike
Ingrid (06.01.2013, 20:43):
Hallo,

las gerade im Wagnerforum, dass es für die Tosca in Berlin mit TERFEL als Scarpia (9.1.) noch einige Karten geben soll. So wie da rumgeblödelt wurde, hatte man das Gefühl, Terfel wäre in der Hauptstadt noch ein Unbekannter. Kann doch wohl nicht sein, oder doch?

Also wenn es tatsächlich noch Karten geben sollte (werde gleich nachschauen), dann nichts wie hin. Den darf man sich nicht entgehen lassen, ganz egal wer noch singt oder dirigiert.

:hello Ingrid
Ingrid (06.01.2013, 22:25):
Da gibt es tatsächlich noch mehr als die Hälfte der Karten. Kaum zu glauben. In München würde man sich drum prügeln. Die Tosca singt Serafin und den Cavaradossi Giordani.

Herzliche Grüße
Ingrid
Heike (06.01.2013, 23:02):
@Ingrid: Das Angebot ist einfach zu groß in Berlin, es ist ständig irgendwer hier ...
Ich werde auch nicht hingehen (obwohl ich Terfel sehr mag, sein MET Rheingold-Wotan war großartig).
Heike

P.s. ach shit, ich hab mir doch eben ein Ticket gekauft - obwohl ich diese Woche dann wieder fast jeden Abend unterwegs bin ... :hello
Ingrid (06.01.2013, 23:34):
Liebe Heike,

sollte Terfel nicht einen schwarzen Tag haben, wirst Du von ihm sicher nicht enttäuscht sein. Liebend gerne würde ich mich in den nächsten Flieger setzen und auch in die Vorstellung kommen. Sein Scarpia war für mich der absolute Höhepunkt des letzten Jahres.

Liebe Grüße
Ingrid
Heike (07.01.2013, 00:08):
Liebend gerne würde ich mich in den nächsten Flieger setzen und auch in die Vorstellung kommen.
Oh ja mach mal, dann trinken wir einen Sekt zusammen in der Pause!
Heike
Ingrid (07.01.2013, 09:55):
Und wie gerne!!!!!!!!!!!!!!

:hello Ingrid