3 Jahre hat Andrej Serbans Inszenierung inzwischen auf dem Buckel und musste schon einige Korrekturen erfahren. Serban verlegt die Handlung in die Pariser Halbwelt um 1930, und das würde eigentlich recht gut aufgehen, wären da nicht einige Albernheiten, die mich von Mal zu Mal mehr ärgern. Hauptärgernis ist die Idee, den Chor in einem Eck des Orchesterraumes zusammenzupferchen und dafür auf der Bühne Statisten agieren zu lassen, die z.B. im ersten Bild mit diversen Gepäcksstücken im Takt der Musik über die Bühne hasten müssen und bei jeder Zäsur zum Standbild erstarren. Und als ob das nicht genug wäre, bevölkern auch noch allerlei Pappkartonfiguren den Bahnhof, denn in einem solchen spielt der Anfang der "Manon". Der ist allerdings nur als Projektion der imposanten Stahlkonstruktionen einer Halle zu sehen, wie sie damals wohl jede Weltstadt aufzuweisen hatte. Eine große Holzbank, über der eine weiße Uhr schwebt, und einige Plakate, die für einen Aufenthalt in Paris werben, bilden die wesentlichen Requisiten. Ganz rechts steht noch eine kleiner Bistrotisch, auf dem Lescaut später Karten spielen wird. Zunächst wartet er auf seine cher cousine, die er eigentlich im Auftrag der Familie im Kloster abliefern sollte. Aber dieser Lescaut ist ein windiger Hund mit guten Verbindungen zur Halbwelt, und als ihm klar wird, dass Bretigny, ein ebenfalls windiger Zuhältertyp, ein Auge auf die schöne Manon geworfen hat, wird man sich rasch handelseins, ein Scheck wechselt den Besitzer. Dumm also, dass Manon mit einem mittellosen Studenten durchbrennt, bevor sich Bretigny die Beute sichern kann. Aber auch Manon ist bei Andrej Serban nicht das unbedarfte Landei mit einer unbestimmten Sehnsucht nach der großen Welt, sondern ein kokettes Luder, das einem der drei Pferdchen von Bretigny - Rosette, Javotte und Poussette - sehr geschickt eine Kette klaut. Und da wären wir schon beim ersten Dilemma der heutigen Aufführung: Diese Inszenierung war ganz auf die PR-Manon Anna Netrebko zugeschnitten, die Serbans Ideen perfekt umsetzte. Diana Damrau hingegen ist ein völlig anderer Typ, und bei ihr geht das Regiekonzept leider nicht auf. Sie tut zwar das gleiche wie die Netrebko, nur wirkt es bei ihr aufgesetzt und völlig unglaubwürdig. Ihr fehlt einfach diese Aura des flirrenden Leichtsinns, das Kokette, der aggressive Sexappeal der Russin. Dafür singt Diana Damrau großartig, seit den legendären Zeiten von Edita Gruberovas Manon habe ich diese Rolle nie wieder in dieser Perfektion gehört wie heute. Leider glaubt man ihr nur sehr wenig von dem, was sie singt. Dass diese so reife und kopfgesteuerte Frau alles hinschmeißt und mit dem Erstbesten durchbrennt, scheint absurd. Nun darf man Diana Damrau nicht vorwerfen, dass sie nicht spielen würde, im Gegenteil. Sie ist ständig in Bewegung, tut auch nichts Unsinniges, nur wirkt trotzdem alles unecht. (Ich sollte vielleicht erwähnen, dass ich ein großer Fan von Diana Damrau bin und sie bis jetzt in jeder ihrer Partien großartig gefunden habe, deshalb bin ich doppelt enttäuscht oder vielmehr verwundert, dass sie sich die Manon so gar nicht zu eigen machen kann.) Ramon Vargas, um gleich bei den Sängern zu bleiben, war heute stimmlich besser als bei der ersten Aufführung, aber dass sein einst so strahlender Tenor in den letzten Jahren gelitten hat, ist nicht zu überhören. Zwar gelingen ihm immer noch schöne Passagen (besonders in der Mittellage), auch die Höhen sind im Prinzip noch da, aber alles klingt sehr gepresst mit Gefahr zum Tremolo. (Und dagegen bin ich allergisch!) Die Saint-Sulpice-Szene (3. Bild) mit "Ah fuyez, douce image..." kriegte er sehr gut hin, sieht man davon ab, dass es nicht sehr glaubwürdig war, dass er dem biederen Hausfrauencharme dieser Manon so nachhaltig erlag. Leider ist Vagas auch vom Typ her kein idealer Des Grieux, den in Liebesdingen unerfahrenen grünen Jüngling, der mit Haut und Haar der schönen Manon verfällt, nimmt man diesem reifen Herren nicht ab. Er wirkt eher wie ein in die Jahre gekommener Lebemann, der's noch einmal wissen will. Wäre ja auch eine mögliche Lesart, gäbe es da nicht die Szenen mit dem Vater, der seinen Sohn noch ganz schön unter Kuratel hält. Das passt dann nicht mehr zusammen. Serbans Inszenierung finde ich am stärksten im 5. Bild (während das 3., die Cour de la Reine, das misslungenste ist). Sein Hotel Transsylvanie ist ein zwielichtiges Etablissement, halb Bordell, halb Spielhölle, wo sich die Halbwelt von Paris zusammenfindet und ihre im Grunde armselige Existenz mit Alkohol und verbotenem Glücksspiel betäubt. Die Messer und Fäuste sitzen hier locker, Skrupellosigkeit heißt das Rezept zum Überleben. Vor drei Jahren war dieses Bild eine beklemmende Sozialstudio mit vielen stimmigen Details, und das meiste funktioniert noch immer. Vor allem Dank der hervorragenden Besetzung der so genannten Nebenrollen, die für mich heute klar die Stars ausgestochen haben. Markus Eiche lässt als Lescaut die Puppen tanzen, und er tut dies absolut glaubhaft und faszinierend. Bei ihm stimmt jeder Blick, jede Bewegung, ob er nun als Zuhälter brutal das Geld seiner drei "Pferdchen" einkassiert, Manon mit seinem schmierigen Charme umgarnt oder den hilflosen Des Grieux unter Druck setzt. Außerdem besitzt dieser junge Bariton, der seit einem Jahr dem Ensemble der WSO angehört, eine Stimme, die mich einfach elektrisiert. Wunderschön timbriert, in allen Lagen mühelos ansprechend, fast virbratofrei - Gänsehautfeeling!!! Aber auch Alexander Kaimbacher als Guillot und Clemens Unterreiner als Bretigny gelingen überzeugende Rollenporträts. (Letzterer hat im 2. Bild gemeinsam mit Markus Eiche die beiden Hauptrollensänger mühelos an die Wand gespielt!) Gleiches gilt für Simina Ivan (Poussette), Sophie Marilley (Javotte) und ganz besonders für Zoryana Kushpler (Rosette), die in Serbans Inszenierung viel mehr als nur hübscher Aufputz und Stichwortbringer sind, sondern einen wesentlichen Anteil an der Milieuzeichnung haben. Das letzte Bild zeigt eine völlig kahle Bühne mit einer Treppe, die zur Unterbühne führt, von wo die zur Deportation Verdammten zunächst heraufgetrieben werden. Verschiedene Projektionen (sich im Wind wiegende Getreidefelder, Meerrerswellen, ziehende Wolken....) an den Wänden irritieren mich in ihrem raschen Bewegungsablauf immer ziemlich. Sie lenken einfach zu sehr vom armseligen Tod Manons ab. In dieser Szene waren Diana Damrau und Ramon Vargas für mich am glaubhaftesten.
Bertrand de Billy, einer meiner liebsten Operndirigenten, brachte die Farben der Massenet'schen Musik zum Leuchten und war den Sängern ein umsichtiger Begleiter.
Fazit: Ein gute Vorstellung, aber keine, die besondrs lange im Gedächtnis bleiben wird. lg Severina :hello
Rideamus (12.01.2010, 06:27): Liebe Severina,
vielen Dank für diesen, wie immer, sehr detaillierten Bericht, mit dem ich diesmal besonders viel anfangen kann, weil ch die TV-Aufzeichnung der ursprünglichen Inszenierung Serbans mit Anna Netrebko kenne. Damals war ja Roberto Alagna ihr Partner, der auch nicht gerade ein junger Spund und zudem schon ziemlich abgesungen war. Ich kann mir also vorstellen, dass Ramon Vargas im direkten Vergleich sogar eine Verbesserung war, weil er anscheinend deutlich besser bei Stimme war. Bertrand de Billys Dirigat fand ich ja schon damals das beste aller mir zugänglichen DVD-Aufnahmen. In meinen Ohren ist er aber ohnehin einer der besten aktuellen Operndirigenten, nicht nur, aber zumal für französisches Repertoire.
Dass Diana Damrau überhaupt nicht in ein Konzept passt, das auf Anna Netrebko zugeschnitten war, leuchtet mir sofort ein. Dabei kann ich mir sehr gut vorstellen, dass sie die Rolle in einer auf ihren selbstbewussten Typus zugeschnittenen Konzeption auch darstellerisch sehr gut meistert. Man darf natürlich nicht an die ganz andere Netrebko, die ja auch nicht ideal war, oder gar an Edita Gruberova oder Nathalie Dessay denken.
Insgesamt aber beneide ich Dich um die Gelegenheit, eine solch gute Aufführung wahrzunehmen und sogar unter die leichter zu vergessenden einzuordnen. Ich werde mich dafür später mit der DVD mit Edita Gruberova und Francisco Araiza trösten. :wink
:hello Rideamus
Fairy Queen (12.01.2010, 06:29): Liebe Sevi, danke für diesen anschaulichen Bericht aus der WSO- man hat so doch immer das Gefühl, wenigstens ein bisschen dabei sein zu können. Leider habe ich Diana Damrau noch nie live erlebt, ihre Gesangskunst bewundere ich ebenfalls sehr. Nicht nur als koloratierende Nachtigall sondern auch als Liedsängerin ist sie hervorragend, so z.B. mit Mahlers Zyklus"Des Knaben Wunderhorn". Dass sie die Manon nicht glaubhaft gestalten kann, ist wirklich schade, aber das ist eine so spezielle Rolle wie die Carmen und wenn frau es nicht hat, hat sie es einfach nciht- da kann man ledier nichts machen oder üben. Stimmlich ist das eine sehr dankbare Partie, bei der wirklcih ganz viele verschiedene Facetten zum Tragen kommen. Am besten man würde Damraus Gesang mit Netrekos Bühnen-Präsenz zusammentun- dann wurde es genau passen, denn musikalisch stilistisch hat mir Anna Netrebko in der Rolle gar nciht gefallen. Das war kein Massenet, das war Puccini.
Aber im Grunde habe ich meine Manon und meinen des Grieux ja schon gefunden und die fur mich bisher massstabsetzende Inszenierung gleich mit dazu: Natalie Dessay und Rolando Villazon unter der Regie von David Mc Vicars :down :down :down Wenn dann noch de Billy dirigiert hätte und die Nebenrollen so perfekt besetzt gewesen wären wie bei euch gestern abend....... Auf jeden Fall eine serh schöne Oper, die leider vie lzu selten gespielt wird- so wie fast Alles aus dem frz. Repertoire.
Euphonia
Severina (12.01.2010, 12:35): Lieber Rideamus, seit der Fernsehaufzeichnung ist einiges an der Inszenierung verändert worden, so wurde z.B. die ganze erste Szene gestrichen, Vater Des Grieux kreuzt ohne Bodyguards in St. Sulpice auf und schleppt auch keine präsumptive Schwiegertochter an, und besonders der Schluss wurde erfreulich entkitscht, denn Manon darf nun ganz schlicht in den Armen Des Grieux' ihr Leben aushauchen. Verglichen mit Alagna ist Vargas natürlich ein tadelloser Des Grieux, aber seine Vorgänger waren halt Jonas Kaufmann und Rolando Villazón, dazwischen der ausgezeichnet singende Massimo Giordano, der nur leider kein Schauspieler ist. Und in grauer Vorzeit ein Francisco Araiza..... lg Sevi :hello
Rideamus (13.01.2010, 06:40): Original von Severina
Verglichen mit Alagna ist Vargas natürlich ein tadelloser Des Grieux, aber seine Vorgänger waren halt Jonas Kaufmann und Rolando Villazón, dazwischen der ausgezeichnet singende Massimo Giordano, der nur leider kein Schauspieler ist. Und in grauer Vorzeit ein Francisco Araiza..... lg Sevi :hello
Ist es nicht das mitschwingende Drama aller Aufführungen, dass man immer irgendwelche großartigen Vorbilder nicht nur in der verklärenden Erinnerung, sondern oft auch abrufbar hat?
Bei der MANON beispielsweise hielt ich lange das Gespann Cotrubas-Alfredo Kraus für unübertrefflich.
Dann kamen (chronologisch bei mir) Gheorghiu-Alagna unter Pappano (:) ) zu ihrer Bestzeit und schließlich Dessay und Villazon, die ich jeweils für unübertrefflich hielt, bis ich die ältere Aufnahme mit Gruberova und Araiza erhielt, wo es mir wiederum so ging.
Gestern habe ich mir wieder mal den ersten Akt mit den beiden angesehen. Auch wenn Adam Fischer die beiden zu oft zulärmt und viele musikalische Bögen zerreißt, ist das, auch dank Ponnelle, eine grandiose Aufnahme, die ich der von Euphonia mit Recht gepriesenen aus Barcelona als ebenbürtig zur Seite stelle. Schade nur, dass die besten Dirigenten in anderen Aufnahmen zugange waren, nämlich De Billy mit Netrebko und Alagna (X( ), Monteux mit de los Angeles und Legay (:) ) bei schwächerem Klangbild - Pappano nicht zu vergessen.
Welche aktuelle Aufführung kann da noch mithalten? Die Künstler sind, gerade in den führenden Häusern, wo man immer Optimales erwartet, wirklich nicht zu beneiden.
:hello Rideamus
Severina (14.01.2010, 15:29): Lieber Rideamus, von meinen DVDs ist mir die Araiza-Gruberova-Manon auch immer noch die liebste, obwohl ich mir natürlich wünschte, dass damals der Block mit C. Malfitano mitgeschnitten worden wäre. Die verströmte einen Sexappeal, neben dem selbst eine Netrebko blass aussieht, und der arme Araiza hatte speziell im zweiten Bild seine Liebe Not, sich auf das Singen zu konzentrieren. Und der Saint-Sulpice-Akt mit den beiden - unvergesslich! :down Aber vielleicht ist es das Wesen von Sternstunden, dass sie nicht für die Ewigkeit konserviert werden. lg Sevi :hello
Rideamus (14.01.2010, 18:33): Original von Severina
Aber vielleicht ist es das Wesen von Sternstunden, dass sie nicht für die Ewigkeit konserviert werden. lg Sevi :hello
Oder anders herum: vielleicht bleiben sie Sternstunden, weil sie nicht konserviert wurden und überprüfbar sind?
Obwohl: die genannten DVDs halten schon einer Überprüfung stand. Jedenfalls bleibt es beneidenswert, dass Du so viele davon hast erleben dürfen.
:hello Rideamus
Severina (26.01.2010, 00:33): Nach fünfjähriger Pause stand heute nun endlich wieder Vincenzo Bellinis "I Puritani" auf dem Programm der WSO, und zwar, wie der Besetzungszettel vermerkt, exakt am 175. Jahrestag der Erstaufführung!
Die Inszenierung von John Dew hat nun schon etliche Jährchen auf dem Buckel und gefällt mir immer noch nicht besser. Er verzichtet fast völlig auf Requisiten und arbeitet vorrangig mit Lichteffekten, was ja ganz in meinem Sinne wäre, wären die Farben nur nicht so kitschig. Außerdem versteht es Dews leider nicht, die leere Bühne mit sinnvollen Aktionen zu füllen. Dafür dürfen wir schon während der Ouvertüre zusehen, wie Charles I zur Hinrichtung geführt und wenig später sein abgeschlagendes Haupt drei mit dem Rücken zum Publikum sitzenden Personen präsentiert wird, die sich wenig später als Elvira, Riccardo und Giorgio entpuppen. Dazu wird die Bühne in glühendes Rot getaucht, damit nur ja jeder kapiert, dass es sich hier um ein ziemlich blutiges Geschehen handelt. Abgeschlagene Köpfe riesiger Königsstatuen liegen auf der linken Bühnenseite, die dazugehörigen Körper heben sich schemenhaft vom Bühnenhintergrund ab. Bis auf die drei eben erwähnten Sessel ist die Bühne leer. Die vorherrschende Farbe ist zwei Akte lang Schwarz, nicht nur Wände und Boden, auch die Kostüme sind es, letztere allerdings durch weiße Spitzenkrägen aufgepeppt. Diese Einheitskleidung, die auch Riccardo, Giorgio &Co tragen, sorgte heute für ziemliche Verwirrung beim nicht so librettofirmen Teil des Stehplatzpublikums, und die Frage "Ist das jetzt der X oder Y?" geisterte ständig durch die Reihen. Nur Elvira darf sich in unschuldiges Weiß und Arturo in die Farbe der Liebe hüllen - wieder so ein unnötiger Holzhammer. Elviras Wahnsinn äußert sich nicht nur in halsbrecherischen Koloraturen, sondern in einem grellen Lila, das sich von einem schmalen Spalt im Hintergrund fächerförmig über die Bühne legt. Im 3. Akt findet nicht nur die Handlung, sondern auch Dews Farborgien eine dramatische Steigerung. Wenn sich der Vorhang hebt, erblickt man 35 (Ja, ich habe sie gezählt! :wink ) Lampen, die an langen Seilen knapp über dem Boden baumeln, der wiederum mit Laub bedeckt ist. Die sachte pendelnden Beleuchtungskörper malen kreisrunde Lichtreflexe auf den Boden, was von der Galerie zugegebenermaßen recht effektvoll wirkt, aber trotzdem völlig sinnfrei bleibt. Während Arturo herzzerreißend patria und amore besingt, erlöschen die Lampen allmählich und von rechts einfallendes Licht suggeriert einen Sonnenaufgang, der das Laub aufleuchten lässt. Auch hierzu muss man sagen: Ein schönes Bild, aber was bezweckt es? Als dann Elvira von links auftritt, zieht sie quasi ein kitschiges Blau hinter sich her, das sich nun über den Großteil der Bühne legt. Irgendein Zusammenhang zwischen der Handlung oder dem Seelenleben der Protagonisten und Dews Lichtspielerein lässt sich nur selten herstellen.
Mit dem Chor kann Mister Dews sichtlich nichts anfangen, der bildet entweder die exakt ausgerichtete quadratische Umrahmung zu den Hauptprotagonisten oder füllt schön gestaffelt die Mittelbühne. Manchmal dürfen sich die Soldaten wie Scherenschnitte vor einem glutroten Hintergrund abheben, mehr an Dramatik wird ihnen nicht zugestanden. Da also der Chor nicht durch Regieanweisungen belästigt wird, kann er sich voll aufs Singen konzentrieren, und das tut er mit der üblichen Intensität und Klangschönheit. Leider ist Dews auch für die Sänger keine schlüssige Personenregie eingefallen, sodass das alte Rampentheater zu neuen Ehren kommt. Man tritt auf, singt ein wenig miteinaner, und tritt wieder ab.
Aber in eine Oper wie "I Puritani" geht man ja weniger in Erwartung einer genialen Inszenierung, sondern um in herrlichstem Belcanto zu schwelgen. Und in Wien geht man in die "Puritani", um "unsere" Edita Gruberova in einer ihrer Glanzpartien zu erleben. 64 Lenze zählt diese Ausnahmesängerin inzwischen, und an ihrer Stimme scheinen diese Jahre beinahe spurlos vorübergegangen zu sein. Nur in der Tiefe spricht die Stimme nicht mehr so gut an, mancher tiefer angesetzte Ton klingt ein wenig hohl, farblos (Das fiel mir schon bei der Übertragung der "Lucrezia Borgia" aus München auf!), aber welchen Aufschwung nimmt die Stimme dann! Scheinbar mühelos erreicht Edita Gruberova nach wie vor die Spitzentöne, die Kolaraturen perlen makellos aus ihrer Kehle, und eine ihrer großen Stärken, das perfekte An- und Abschwellen eines Tones auf einer kontinuierlichen Gesangslinie, ohne den kleinsten Wackler, beherrscht sie immer noch aus dem FF. :down :down :down :down :down Und auch ihr Publikum beherrscht sie immer noch, denn wenn 1700 Menschen mucksmäuschenstill und atemlos Gruberovas Stimmakrobatik verfolgen, ihren glasklaren Piani und Diminuendi lauschen (Und das in der Grippezeit!), dann muss wohl mehr in dieser Künstlerin stecken als eine seelenlose Virtuosin, wie ihr manchmal vorgeworfen wird. Natürlich brandete nach beiden Wahnsinnsarien großer Jubel und minutenlanger Applaus auf, von den Ovationen und Blumensträßen am Schluss ganz zu schweigen. Natürlich ist die Frage berechtigt, wie glaubhaft eine 64jährige Elvira ist, aber die stellt sich hoch oben auf dem Galeriestehplatz nicht, und mein Opernglas habe ich ganz bewusst zuhause gelassen. :D Natürlich hätte es auch mit einem Juan Diego Flórez nicht funktioniert, obwohl ich mir den natürlich sehnlichst als Arturo gewünscht habe. Aber die Grubsi sucht sich ihre Partner sehr klug aus, und daher trat sie auch diesmal wie schon 2005 mit dem Georgier Shalva Mukeria auf, der älter wirkt, als er wahrscheinlich ist, und deshalb optisch gut zu dieser Elvira passt. Shalva Mukeria hatte 2005 als völlig unbekannter Einspringer für Joseph Calleja, der nach nur einer Vorstellung das Handtuch warf, das Wiener Publikum im Sturm erobert und offensichtlich auch Edita Gruberova von seinen stimmlichen Qualitäten überzeugt, sodass sie sich ihn wieder als Partner wünschte. Seit damals ist der Georgier nicht mehr an der WSO aufgetreten und ich war also sehr neugierig, ob er mich auch heute so begeistern würde wie vor 5 Jahren. Nun, nicht ganz, denn inzwischen bin ich hoffnungslos mit dem Flórezvirus infiziert, und diesen Vergleich verliert beinahe jeder Belcantist. Aber Mukeria ist zweifellos ein sehr guter Arturo, vor allem stand er diese Mörderpartie ohne hörbaren Substanzverlust durch, und das können nicht viele Sänger von sich behaupten. Was mich an ihm stört, ist seine manchmal ziemlich gequetschte Artikulation und die deutliche "Ansatzpause" (Sorry an die Fachleute, ich kenne den Fachbegriff dafür nicht) vor manchem Spitzenton, der eben nicht immer aus der Gesangslinie heraus entwickelt wird, wie das Flórez so mühelos vorexerziert. Auch Mukerias Timbre erzeugt keine Gänsehaut bei mir, aber das ist nun wirklich reine Geschmackssache. Insgesamt machte er seine Sache sehr gut und räumte am Ende auch großen Beifall und viele Bravos ab.
Als Riccardo debutierte unser Hausbariton Boaz Daniel, dem wieder einmal seine Nerven einen Streich spielten. Ihm geht es oft so wie momentan unseren Schifahrern: Im Training Spitze, im Rennen dann Einfädler. Er verhaute seine Arie im 1. Akt ziemlich, und zwar so, dass ich nach seinem Abgang ernsthaft befürchtete, er würde das Handtuch werfen. Es ist wirklich schade, dass dieser Sänger, den ich wegen seines schönen Timbres sehr schätze, sein großes Potenzial so selten voll ausspielen kann. Im Laufe des Abends erfing sich Daniel aber Gott sei Dank und machte seine Sache im 3. Akt dann sogar sehr gut, so gut, dass ihm das Publikum den Ausrutscher im 1. gerne verzieh und ihn auch mit Bravos bedachte.
Christof Fischesser bot als Sir Giorgio eine solide Leistung, ohne dass er mich jetzt in helle Begeisterung versetzt hätte.
Nicht ganz unberechtigt waren die Buhs, die Jan Latham-König einstecken musste, denn so beliebig sollte die herrliche Musik Bellinis wirklich nicht klingen. Das heutige Dirigat ist Wasser auf den Mühlen derer, die in den "Puritani" nur ein kitschiges Humptata sehen, und da Teile der Philis auch zu dieser Ansicht neigen, braucht es einen starken Mann am Pult, um sie vom Gegenteil zu überzeugen. Latham-König war dieser Mann hörbar nicht.
Und jetzt freue ich mich auf den Samstag, wenn es wieder heißt: "Vorhang auf für unsere Grubsi, die Königin der Koloraturen!"
lg Severina :hello
Fairy Queen (26.01.2010, 06:59): Liebe Sevi, wenn ich das hier lese, fühle ich mich fast so, als wäre ich live dabei gewesen und das tröstet immerhin ! Um bei den Farben zu bleiben: aus dem Grün vor Neid, wird ein zartes Pastell :D Danke für diesen lebendigen und farbenfrohen Bericht. :thanks Die Puritani werden ja leider ganz selten gegeben und ich habe sie noch nie gesehen, obschon ich ein leidenscahftlicher Bellini-Fan bin. Das, was du über die 64 jährige Gruberova schreibst, ist für mich das reine Wunder. Diese Rolle ist- wirklich eine Mörderpartie ohnegleichen und zudem wird ja eine junge Unschuld dargestellt- das in dem Alter auf die Bretter zu bringen grenzt an Elviras Wahnsinn. Wobei wir dann wieder authentisch wären.... :wink Gibt es eine andere Sängerin, die das je geschafft hat??????
Diese Oper zu inszenieren, stelle ich mir auch ausgesprochen schwierig vor, zumal das Libretto nciht eben der grosse Wurf ist und einige Ungereimtheiten aufweist. Am besten ist m.E. da so diskret wie möglich und ganz auf Musik und Gesang setzen. Alles was vom Gesang ablenkt, sollte vermieden werden, finde ich. Das Geld sollte man ganz in die Sänger investieren, denn allein vier Personen zu finden, die die Hauptrollen adäquat schaffen, ist schon eine Kunst. Bellini hat sie immerhin den grössten Stars seiner Zeit in die Kehle hinein komponiert. Bei Bedarf sage ich gerne etwas zu den Puritani oder zu Bellini allgemein inieinem eigenen Thread. Ich habe eine Riesenschwäche für seine Musik und hâtte mich schwarz geärgert über einen Diorigenten, der das mal so eben lieblos runterfiedeln lâsst. X( Euphonia
Severina (29.01.2010, 13:51): Freunde opulenter Ausstattungsorgien kommen bei diesem "Don Giovanni" voll und ganz auf ihre Rechnung, während diejenigen, die statt prächtiger Kostüme plausibel gezeichnete Charaktere sehen wollen, die wissen wollen, wie es um die Psyche dieses Don bestellt ist, die Oper nur frustriert verlassen können. Keine Frage, dass ich zur zweiten Gruppe gehöre.....
1999 wurde diese Produktion im Rahmen der Wiener Festwochen für das Theater an der Wien erarbeitet und später unglückseligerweise von der WSO übernommen, die dafür die alte Zeffirelli-Inszenierung aus dem Repertoire kippte. Nun bin ich bei Gott kein Fan des italienischen Regiegurus, aber verglichen mit dem neue DG wirkte der alte beinahe naturalistisch.
Regisseur Roberto de Simones Prämisse lautet: "Der Don Giovanni kann in jeder Epoche spielen!" - eine wahrlich tief schürfende Erkenntnis - doch mündet das bei ihm nicht in eine akribische psychologische Zeitreise, in deren Verlauf das "Don-Giovanni-Gen" an sich seziert wird, sondern äußert sich lediglich in einem rekordverdächtigen Kostümverschleiß: In praktisch jeder Szene erscheinen sämtliche Protagonisten in anderen Kostümen, selbst für die wenigen Minuten des Schlusssextetts wurde eine komplett neue Montur für alle Beteiligten angefertigt. Dass bei diesem hektischen An- und Ausziehen hinter den Kulissen die Konzentration der Sänger leidet, ist wohl nur zu verständlich, denn anstatt sich in Ruhe auf den nächsten Auftritt vorbereiten zu können, müssen sie einen komplizierten Kleiderwechsel vornehmen. Kompliziert, weil die Kostümbildnerin Zaira de Vincentiis sich nicht mit irgendwelchen Kostümen begnügt, nein, da wurden detailgenau textile Kunstwerke in einer Üppigkeit angefertigt, wie wir sie von nur diversen Gemälden kennen. Da wurde weder mit Samt, noch mit Brokat gegeizt, da wippen Reifröcke und Volants um die Wette, und ich würde nur zu gerne wissen, was der ganze Ausstattungsplunder gekostet hat. Um dieses Geld hätte man locker einen richtigen Regisseur engagieren können.... :ignore Hatte ich mich bei der Betrachtung historischer Gemälde oft genug gefragt, wie man sich in solchen Kleidern einigermaßen natürlich bewegen konnte, so weiß ich nach diesem "Don Giovanni": Man kann es nicht! Deshalb darf man es den Sängern in dieser Inszenierung nicht vorwerfen, dass sie kaum etwas anderes bieten als statuarisches Rampensingen. Viel mehr ist in diesen Stoffungetümen nicht möglich, und Michael Volle büßte seinen Versuch, trotzdem zu spielen, mit einem verstauchten Knöchel in der Friedhofsszene. Schon vorher hatte er sich immer wieder in seinen langen Mänteln verheddert und mit der schweren Schleppe gekämpft, die er in deutlich erkennbarem Frust einmal nach links, einmal nach rechts schleuderte. In besagter Szene, die obendrein sehr dunkel ist, blieb er wohl mit dem Fuß im Mantelsaum hängen und überknöchelte sich obendrein an einem der herumliegenden Totenköpfe. Den Rest der Vorstellung absolvierte er dann leicht hinkend. Es ist bezeichnend, dass diese Kostümschau im 19. Jhdt. endet - die vergleichsweise schlichte Mode des 20. Jhdts. scheint Signora Vincentiis angeödet zu haben. Damit geht aber auch das Regiekonzept baden, denn warum es just im 20. Jhdt. den Typus des Don Giovanni nicht mehr geben sollte, muss mir Roberto de Simone erst einmal erklären.
Natürlich verlangen diese prächtigen Kostüme nach einem adäquaten Rahmen, und den bietet Bühnenbildner Nicola Rubertelli: Er orientiert sich an der barocken Bühnenarchitektur und baut zwei durch flache Stufen verbundene Podeste, die links und recht von drei gestaffelten grauen Pfeilern mit Wappen und anderem Dekor flankiert werden. Das letzte Pfeilerpaar kann sich zur Bühnenmitte hin bewegen und zieht eine Wand hinter sich nach, wodurch sich der Durchblick auf die Hinterbühne verengen oder weiten kann. Ständig wechselnde Prospekte im Stil holländischer Maler bilden den Hintergrund, am häufigsten sieht man dramatische Seestücke mit pittoresken Wolken, aber auch römische Ruinen oder arkadischen Landschaften. Mit Sevilla hat das ebenso wenig zu tun wie mit Don Giovanni, es ist völlig zweckfrei einfach nur "schön". (oder unendlich kitschig...) Wenn de Simone versucht, einen Zusammenhang zwischen diesen Prospekten und dem Libretto herzustellen, wird es unfreiwillig komisch, etwa wenn bei Donna Elviras Klage, dass der Himmel Giovannis Ruchlosigkeit bestrafen werde, plötzlich ein schwarzes Gespensterschiff auftaucht, das fatal an den fliegenden Holländer erinnert.
In dieser schönen Kulisse stehen also die Sänger in schönen Kostümen herum, und man kann nur hoffen, dass sie wenigstens auch schön singen, damit dieser Opernbesuch nicht unter Flop abgebucht werden muss. Diese Hoffnung erfüllte sich gestern nicht ganz.
Da ich das szenische Desaster dieser Produktion ja bestens kenne, sind es bestimmte Sänger, die mich trotzdem zu einem Besuch animieren. Gestern war es Michael Volle, ein Singschauspieler, der mich schon in vielen Partien begeistert hat und den ich nun erstmals als DG erleben wollte. Da ihn wie schon erwähnt die Kostüme erfolgreich daran hinderten, sein schauspielerisches Potenzial voll auszuschöpfen, bleibt mir nur die Bewertung seiner vokalen Leistung, und da gelang ihm ein überzeugendes Rollenporträt. Natürlich irrititiert sein eher helles Timbre zunächst ein wenig, wenn man Bassbaritone als Don Giovanni gewöhnt ist (zuletzt Ildebrando D'Arcangelo), die die Schwärze dieses Charakters schon alleine durch ihre Stimmfarbe ausdrücken können. Michael Volle klingt nicht so bedrohlich, er setzt auf subtile Verführungskunst, und zwar höchst erfolgreich. Wenn er Zerlina umgarnt, tut er dies in betörenden Piani und mit so viel beinahe tenoralem Schmelz in der Stimme, dass nicht nur sie dieser Verlockung erliegt. Seit Ruggero Raimondi hat das "Vieni!" keine solche Sogwirkung auf mich ausgeübt, lag nicht so viel verheißungsvolle Sinnlichkeit in diesem schlichten Wort. Alleine für diese Interpreation des "Là ci darem la mano" gebührte Michael Volle ein großes Bravo. Mich erstaunt immer wieder, wie er seine an sich große Stimme zu einem zarten Piano herunterschrauben kann, um gleich darauf wieder voll aufzudrehen, ohne dass man bei ihm wie bei anderen Sängern das Gefühl hat, er singe mit "zwei Stimmen". Bei ihm geht das eine völlig bruchlos ins andere über, seine Registerwechsel sind immer perfekt verblendet.
Leider reichten die anderen Sänger nicht ganz an Michael Volle heran.
Am nächsten kam ihm noch Wolfgang Bankl als Leporello, der mit seinem vollen, angenehm timbrierten Bariton punkten konnte, in der Interpretation aber ein wenig eindimensional blieb.
Dmitry Korchak verfügt zweifellos über stimmliche Qualitäten, doch ist er in meinen Ohren kein Mozartsänger. Sowohl "Dalla sua pace" wie auch "Il mio tesoro" klang viel zu metallisch, ohne jede dolcezza, die z.B. einen Michael Schade als Don Ottavio auszeichnet. Andererseits kam das "Crudele!" bei Korchak wirklich furchterregend, wie der verständliche Frust eines "richtigen" Mannes, der sich gepflanzt fühlt, nicht so weinerlich wie bei den meistens eher anämischen Ottavios.
Eljiro Kai war ein solider Masetto, dem die Kostüme zudem auch ein bisschen mehr Bewegungsfreiheit gestatteten, die er geschickt nutzte.
Das galt auch für seine Zerlina Roxana Constantinescu, die mir mit ihrem klaren hellen Mezzo auch stimmlich am besten von den drei Damen gefiel.
Erin Wall als Donna Anna machte ihre Sache gut, dass mir ihre Stimme nicht sonderlich gefällt und sie bei mir einfach keine Emotionen auslöst, ist nicht ihre Schuld. Deshalb belasse ich es bei diesem kurzen Statement.
Keinen guten Tag erwischte Iano Tamar, die ich an sich sehr schätze. Gestern jedoch klang ihre Elvira in den Höhen oft scharf, auch die Übergangslagen bereiteten manchmal Probleme.
Nicht mehr als solide war auch das, was unter der Stabführung von Adam Fischer aus dem Orchestergraben drang. Da konnte ich nur wehmütig daran denken, welch wunderbaren "Mozartsound" die Philis unter Maestro Riccardo Muti entwickeln können.
Insgesamt ein "Don Giovanni", der für mich nur aufgrund des stimmlich hervorragenden Michael Volle nicht sofort in Vergessenheit geraten wird. Der Rest war nicht mehr als Hausmannskost.
lg Severina :hello
Fairy Queen (29.01.2010, 14:12): Liebe Sevi :rofl :rofl :rofl dein Humor und die Beschreibung der Kostümungeheuer sind einfach köstlich! Ich bin ja ein grosser Fan von tollen Kostümen, aber für die Sänger ist jedes Umziehen während der Oper eine Zumutung, das weiss sogar ich mit meiner wenigen Bühnenerfahrung. Das lenkt dich nciht nur komplett ab, sondern all die Verenkungen und Einschnürungen sind dazu noch alles Andere als stimmfreundlich. Da kann man den Protagonisten nur gratulieren, dass sie diesen Umzieh-Marathon druchgehalten haben. Ausser Iano Tamar(als Elisabetta im Don Carlo) kenne ich niemanden aus der Garde und (gottseidank :wink) auch nciht den Regisseur.
Es wäre mal interessant, den Don Giovanni mit Molières Dom Juan zu vergleichen, den hab ich Ende Dezember nämlich in Paris im Theater gesehen. Und dann ein Theaterstück eines zeitgenossischen Autors gelesen, das superspannend ist, weil darin Don Giovanni von einigen seiner Verflossenen der Prozess gemacht wird und er verdammt wird, sein jüngstes Opfer zu heiraten. Unerwarteterweise stimmt er zu, hat sich aber in den Bruder seiner potentiellen Gattin verliebt. Sein Diener und all die Verflossenen sind ziemlich entsetzt..... Der Autor ist Eric Emmanuel Schmitt und das Stück ist hochinteressant.
euphonia
Ingrid (29.01.2010, 14:25): Liebe Severina,
bin ich froh, dass Dich der Schnee und diese Inszenierung nicht abgehalten haben in den Don Giovanni zu gehen, denn ich war ja schon so gespannt, wie Dir Volle gefallen hat.
Liebend gerne würde ich den Teil, in dem Du ihn darin so gut beschreibst, an die BSO schicken, denn wegen dieser Rolle ließ er sich ja hauptsächlich überreden, nach München zu kommen und nichts war damit. Schon enorm, dass er, trotz übertretenem Knöchel, noch so gut singen konnte. Hätten wir wahrscheinlich nur noch gejault, oder?
Bei uns werde ich ja jetzt Erwin Schrott als DG erleben, aber ich schätze mal, mit Volle hätten sie die Plätze ebenfalls verkauft bekommen, denn nach dem Wolfram ist vielen erst einmal so richtig klar geworden, was er stimmlich alles drauf hat. Wir freuen uns deshalb auch schon sehr auf seinen Almaviva in Nozze (hoffentlich nicht mehr hinkend).
Deine Berichte sind auf jeden Fall immer so, dass man das Gefühl hat, selbst in der Oper gesessen zu sein. Bei dieser Bekleidungs- und Bilderorgie wird einem aber schon vom Lesen ganz anders und da müßten auch bei mir die Sänger die Zugpferde sein. Euer DG ist aber höchstwahrscheinlich trotzdem sehenswerter, als der in Containern hausende bei uns. Da kam von einigen der Spruch: Einmal und nie wieder. Da muss es dann wohl Schrott sein :D
Liebe Grüße und vielen vielen Dank! Ingrid :hello
Severina (29.01.2010, 15:02): Liebe Fairy, von Eric Emmanuel Schmitt kenne ich einiges, die Don-Juan-Paraphrase aber noch nicht, was ich sofort zu ändern gedenke! Mich interessieren alle Variationen dieses Sujets, quer durch die Jahrhunderte. Der Molier'sche "Dom Juan" taucht bei uns immer wieder auf den Spielplänen auf, aktuell gerade im Volkstheater. Ich bin aber nicht sonderlich begeistert von dieser Produktion, habe immer noch eine ausgezeichnete vor einigen Jahren am Burgtheater vor meinem inneren Auge stehen.
Ich habe ja auch nichts gegen schöne Kostüme, sofern sie nicht wie hier zum reinen Selbstzweck verkommen. Offensichtlich besteht ihre einzige Aufgabe darin, die Sänger vom Spielen abzuhalten....Angeblich (Ich kann mich nicht mehr erinnern...)gab es 1999 noch eine exakte Bewegungschoreographie, die sich mit dem Stil der Kostüme änderte, davon ist aber nichts mehr übrig geblieben. Auch auf die vielen Perrücken hat man inzwischen verzichtet, ich kann mir denken, dass sich einige Sänger schlicht und einfach geweigert haben. lg Sevi :hello
Severina (29.01.2010, 15:14): Liebe Ingrid, auf Volles Almaviva kannst Du Dich freuen, das macht er ganz toll. Nicht freuen brauchst Du Dich hingegen auf Erwin Schrott als DG, sofern er sich nicht in einer wesentlich besseren stimmlichen Verfassung präsentiert wie im ThadW im August. So grob und gefühllos habe ich "Là ci darem la mano" noch nie gehört, die Champagnerarie war gebellt und nicht gesungen, alles immer um eine Spur zu laut, ohne jede Nuancierung. Seine grobschlächtige Darstellung des Don (der ja trotz seiner Fiesität ein Edelmann ist) passte jedenfalls exakt zu diesem Gesinge. Allerdings faszinierte mich da die Inszenierung, die in einem Hotel spielt - vielleicht erinnerst Du Dich noch an meine Rezension bei Capriccio. Gestern dachte ich immer wehmütig: "Warum hat der Volle nicht im Theater an der Wien gesungen?" :I Leider passt eben so selten alles zusammen.....
Was Verletzungen betrifft, sind Sänger hart im Nehmen. Kaufmann hat sich auch einmal bei einem "Don Carlo" eine starke Sehnenzerrung zugezogen, verbrachte dann die Pause mit Eisbeutel am Knöchel und sang nicht nur diese Vorstellung weiter, sondern zwei Tage später mit einer kleinen Schiene auch die PR der "Königskinder". Nur auf einen ursprünglich vorgesehenen Sprung aus 2m Höhe verzichtete er...... lg Severina :hello
Severina (30.01.2010, 23:55): Eine kurze Notiz zur zweiten Aufführung heute:
Die Grippewelle hat auch die Staatsoper nicht verschont, und Boaz Daniel (Riccardo) wurde als indisponiert entschuldigt. Er sang seine große Arie im 1. Akt aber nicht schlechter als am Montag, wo er sie schon teilweise vergeigt hatte, und steigerte sich auch heute bis zum Schluss kontinuierlich, sodass das Duett Riccardo-Giorgio der erwartete Knaller wurde.
Vor der Brillianz einer Edita Gruberova kapitulieren wohl sogar die Grippeviren, sie war wieder :down :down :down und schaffte es bei ihren beiden großen Arien, aus der Lungenheilanstalt im Zuschauerraum einen Ort der absoluten Stille zu machen. Ich bin momentan selbst stark verkühlt (statt viermal Oper und einmal Theater in dieser Woche hätte ich eigentlich im Bett liegen sollen...) und hatte meinen dicksten Wollschal dabei, um ihn notfalls als Schalldämpfer einsetzen zu können. War aber gottlob nicht nötig, sogar meine Nase hörte bei Grubsis Koloraturfeuerwerk zu rinnen auf. :wink
Shalva Mukeria macht seine Sache wirklich sehr, sehr gut, er besitzt die nötige Power für den Arturo und sein Timbre ist nicht ohne Reiz, allerdings ist sein Italienisch verbesserungswürdig. Nun stört mich das bei z.B. Verdi nicht so sehr, bei einer Belcantooper aber macht es mich rasend, wenn "Piango" wie "bianco" klingt und aus "Vieni!" ein "ViÄÄÄÄÄÄÄÄni!" wird. lg Severina :hello
RmalouguR (19.02.2010, 12:15): Zurück aus Wien...wieder in der Realität :(
Honoria Lucasta (19.02.2010, 12:26): Und? Wie war's? Mich interessieren auch die Eindrücke bezgl. Hasmik Papian, die habe ich vor Urzeiten mal in Bonn als Traviata gesehen und war nicht übermäßig begeistert, aber vielleicht hat sie sich ja entwickelt...
Grüße!
Honoria
RmalouguR (19.02.2010, 13:08): Es war wirklich unbeschreiblich schön. Inszenierung und Bühnenbild eindrucksvoll und pompös.
Von Hasmik Papians Tosca war ich positiv überrascht. Ich kenne von ihr nur sehr wenig Auftritte und die meisten sind nicht wirklich überzeugend. Aber vorgestern war ich richtig begeistert. Gesang war soweit sehr gut und ihr Schauspiel herausragend. Eine wirklich tragische Tosca.
Wobei ich gestehen muss, dass ich an diesem Abend nur Augen für meinen Helden hatte. ;-) Raimondi kam auf die Bühne und...(vielleicht gings nur mir so)...es blieb die Luft weg. Alleine die Art, mit seiner Reitpeitsche die Untergebenen zu drangsalieren war einfach.... :down
Ich bin leider sehr schlecht, was Beschreibungen betrifft...ähm, für konkrete Antworten müssts ma halt ja-nein-Fragen stellen.... :wink
Liebe Grüße Elisabeth
Severina (19.02.2010, 13:30): Liebe Honoria, ich war am Sonntag drinnen, habe aber nach Scarpias Tod die Flucht ergriffen, weil ich den Cura keine Sekunde länger ausgehalten hätte. Nicht nur, dass er wieder einmal eine sehr individuelle Auslegung der Partitur vornahm (Ein euphemistische Umschreibung für falsch singen....), verweigerte er auch konsequent jede Darstellung des Cavaradossi, stand gelangweilt herum und provozierte wie immer eine Reihe von Buhs, die ich in diesem Fall wirklich verstehe. OK, sein Job ödet ihn an, das Singen ist für ihn in erster Linie eine Möglichkeit, genügend Kohle für seine wahren Leidenschaften, Fotografieren und Gedichte schreiben, zu scheffeln, aber das muss man dem zahlenden Publikum nicht derart deutlich zeigen. Ich kenne wirklich aktuell keinen Sänger mit einer derart unprofessionellen Einstellung wie José Cura. Auch Hasmik Papian begeisterte mich nicht. Eine nette Stimme, aber für eine Tosca in meinen Ohren zu klein, und eine völlig indifferente Darstellung. Man nahm ihr weder die große Diva, noch die vor Eifersucht Rasende ab, die Liebende des letzten Aktes habe ich nicht mehr erlebt.
Bleibt also Ruggero Raimondi, der schon alleine mit seiner umwerfenden Bühnenpräsenz seine beiden Kontrahenten zur Bedeutungslosigkeit reduzierte. Stimmlich habe ich ihn ehrlich gesagt schon besser erlebt, besonders in der Mittellage fehlten mir einige Farben, aber er kann es natürlich trotz seiner 67 Jahre immer noch und übertrumpft beim Te deum mühelos das Orchester, wo ich schon viele Scarpias kläglich scheitern gesehen habe. Vor allem aber zeichnet er sowohl vokal wie auch durch seine physische Präsenz ein faszinierendes Rollenporträt. Was er alles an Ausdrucksnuancen parat hat, speziell in seiner großen Szene mit Tosca, ist einfach nur :down :down :down :down
Bleibt noch anzumerken, dass Alfred Sramek als Mesner sowohl Cura als auch Papian mühelos ausstach und nach Raimondi der Beste an diesem Abend war.
lg Severina :hello
Honoria Lucasta (19.02.2010, 13:45): Hochwerte Damen Elisabeth und Severina,
merci vielmals - ich habe Euch in Gedanken begleitet. Ich war nämlich fast schon soweit gewesen, mich auf den Flieger zu werfen, um die Vorstellung zu besuchen (ist ja nur eine Stunde von Sarajewo nach Wien, und es gab noch Karten), aber da die Abzocker von der AUA für diese Mini-Strecke 600 Euro wollten, habe ich dann doch verzichtet.
Ich habe den unsäglichen José Cura ja sozusagen abonniert - jedes Mal, wenn ich in Wien bin, singt er, und ich habe selten jemanden erlebt, der so lustlos agiert und ungestraft in's Ungefähre hinein singt wie er. Ich kann gut verstehen, daß es nach Scarpias Tod keinen Grund mehr gab, sich das weiter anzutun.
Um das Erlebnis Raimondi beneide ich Euch natürlich weiterhin. Ich habe mir gestern den ersten Akt Ernani aus der MET (1983, mit Pavarotti :B :, Milnes :) und Mitchell ?( ) gegönnt, wo er einen genialen Silva sang - wo sind solche Sänger heute? Wobei ich glaube, daß Raimondi nun auch langsam etwas kürzer tritt: ich bin bestimmt jeder Kritikasterei, was ihn betrifft, unverdächtig, aber es fällt schon auf, daß jede Kritik (auch in Zeitungen) nunmehr vor allem sein überragendes Schaupsieltalent rühmt; irgendwann ist es auch für diesen Baß stimmlich einmal Feierabend :I.
Grüße!
Honoria
RmalouguR (19.02.2010, 14:38): Was Josè Cura betrifft muss ich mich euch widerspruchslos anschließen... :) Ich war sogar am Überlegen, nach dem 2. Akt zu gehen, aber wenn ich alle heiligen Zeiten einmal nach Wien komme...
Tja, und Raimondi: Ein Wunder, dass seine Stimme überhaupt so lange gehalten hat. Für sein Alter... Man merkt aber auch, dass er sie zu schonen weiß. zB bei Proben
peter337 (19.02.2010, 14:53): Liebe Severina!
Ich habe am 17.2. "duchgehalten". Ich kann alles nur unterstreichen was Du schreibst, die Inszenierung, nun da kann man geteilter Meinung sein, wie Du weißt,
aber was sich José Cura leistete war schon recht arg, dass er bei der 1. Arie, wohlverdient, keinen Applaus bekam konnte ich verstehen, der Dirigent ist ihm völlig egal, er setzt ein wenn und wann es ihm passt, der Dirigent ist ihm schnurzegal und die Partitur hat er selbst geschrieben, dachte ich - und auch seine Tosca Hamik Papian war eine Provinzsängerin , die sich im 1. + 2. Akt mehr um ihre Schleppe bemühte, als um ihren Gesang.
Sie singt keine exaltierte, eifersüchtige Primadonna die sich in den Maler verliebt hat, sondern eine Operettendiva in schlechten Tagen, also bekam das Duett aus dem 1. Akt auch keinen Applaus - eine Seltenheit, aber eine Berechtigte!!!
Der 2. Akt - war große Oper und hieß - Ruggero Raimondi als Scarpia!!! Das "Vissi darte" hatte trotz bittendnen Knieen keine Chance, bekam aber ein wenig Applaus, warum weiß ich bis jetzt nicht.
Der 3. Akt wurde durch den Sprung von der Engelsburg schon mehr ins Positive gebracht, denn da wußte man, der eine ist schon tot und die zweite macht uns die Gefälligkeit und folgt nach.
Einzig der Mesner Alfréd Sramek war überraschend gut und auch der Hirte hervorstechend war aber Ruggero Raimondi der in seine Jahren die Perfektion in Gesang und Spiel gab.
Liebe Grüße sendet Dir Peter. :hello :hello
Severina (19.02.2010, 15:15): Lieber Peter, dass wir uns einmal so einig sind, ist doch schön :D Besonders schön finde ich es aber, dass Du hin und wieder hier vorbeischaust, obwohl ich anderenorts natürlich immer noch mitlese. :leb lg Severina :hello
peter337 (20.02.2010, 02:57): Liebe Severina!
Ich werde auch öfter hier vorbeischauen und auch, wenn es meine Zeit erlaubt, öfter auf den Stehplatz in die WStO und in die Volksoper gehen, kann es nur nicht sagen wann.
Ein Don Giovanni und ein Figaro müssten aber drin sein,weiß nur meine Vorlesungen an der UNI noch nicht,
auch bin ich duraus modernen Inszenierungen aufgschlossen, also wahrscheinlich nur mehr ein Halbstaubi, falls die Sänger meinen Ansprüchen entsprechen - und das sollten sie ja, sollte man meinen.
Ich schätze den Züricher Don Pasquale und den Turco en Italien, aber mit Ruggero eben, wollte eigentlich in die Cavalleria gehen, nur Cura noch einmal sehen das halte ich nicht durch, mit so wenig Schauspiel kann man einen Baum spielen, aber im Gesang verlange ich aber schon mehr. Jonas Kaufmann ist wieder einer der intelligentesten Sänger, sympathisch und schut noch dazu gut aus und hat eine schöne Höhe, wenn mir auch die Mittellage nicht so zusagt, da bin ich ehrlich.
Weißt Du wann Simon Keenlyside wieder den Macbeth singt, er hat zu mir gesagt im Februar, als ich ihn an der Oper traf, aber ich sehe keine Vorstellung und der ist mir äußerst sympathisch in Erinnerung.
Liebe Grüße sendet Dir Peter, weiter Gute Nacht. :hello :hello
Severina (20.02.2010, 12:05): Lieber Peter, ich fürchte, das war ein Kommunikationsproblem zwischen Dir und Mister Keenlyside, denn der "Macbeth" kommt erst im Mai wieder, vom 20. aufwärts. Leider bin ich da gerade in Zürich. Die Inszenierung gefällt Dir aber unter Garantie nicht, ich finde sie auch ziemlich misslungen, wenn auch aus anderen Gründen. Sie ist einfach langweilig, so etwas passiert auch beim so genannten Regietheater. Figaro und Giovanni hast Du verpasst, das steht in dieser Saison nicht mehr auf dem Spielplan. Und jetzt muss ich Dir noch einen herben Schlag versetzen: Dominque Meyer will alle drei Da-Ponte-Opern neu herausbringen, die alte Ponnelle-Inszenierung des Figaro wird also eingestampft. Um die tut mir auch Leid, denn die Ponnelleproduktionen mochte ich sehr. Jetzt haben wir nur noch seine schöne "L'Italiana" (Wenn sie nicht gerade auf Wanderschaft quer durch Europa ist.) Ich trauere jedesmal seiner "Manon" nach, wenn ich in unserer aktuellen Serbaninszenierung sitze, die schon drei Jahre nach der PR nur mehr langweilig ist. (Serbans "Werther" hingegen gefällt mir immer besser, je öfter ich ihn sehe, und nach der trotz Jonas Kaufmann sterbenslangweiligen TV-Übertragung unlängst schätze ich diese Inszenierung noch mehr!!)
Meine nächste Aufführung ist nächste Woche die GP zur Uraufführung von Aribert Reimanns "Medea", also eigentlich eine Ur-Uraufführung! :D lg Severina :D
PS: Ups, jetzt sind wir ziemlich OT! :SRuggero möge uns verzeihen! :engel
peter337 (20.02.2010, 20:56): Liebe Severina!
Da habe ich beim Plaudern mit Simon Keenlyside was verstanden, was ich verstehen wollte. Warte ich bis Mai, denn ich habe Macbeth sehr gerne - Augen zu und durch.
Bei denMozart Opern bin ich also auch zu spät dran, kann man nichts machen, hoffentlich werdne die Neuinszenierungen dann annehmbar.
Liebe Grüße sendet Dir Peter, aber irgendeine Oper wird dabei sein, sei es die nächste Tosca.
Liebe Grüße sendet Dir Peter. :hello :hello
Severina (26.02.2010, 19:51): Aribert Reimann, MEDEA (GP der Uraufführung)
Mit großer Spannung blickte ich heute der GP zu Aribert Reimanns "Medea" entgegen, denn eine Uraufführung hatten wir schon lange nicht mehr an der WSO. (Genau gesagt seit Friedrich Cerhas "Riese vom Steinfeld" 2002 nicht mehr!) Bei "Medea" handelt es sich um ein Auftragswerk für die WSO und zugleich um die erste Aufführung einer Reimannoper überhaupt im Haus am Ring. Das Libretto (vom Komponisten selbst verfasst) basiert auf Franz Grillparzers gleichnamigem Drama, erweitert um einige Verse aus dem ersten Teil der Trilogie um das Goldene Vließ.
Ich muss vorausschicken, dass ich keine Kennerin der Moderne bin und mich daher nicht qualifiziert fühle, die Musik kompositionstechnisch zu beschreiben und zu bewerten. Ich kann nur sagen, dass Aribert Reimann für das Schicksal der Außenseiterin Medea eine mich zutiefst erschütternde Tonsprache gefunden hat. Alles Weitere überlasse ich den Experten :D!
Für die Inszenierung zeichnet Marco Arturo Marelli verantwortlich, der sehr oft an der WSO arbeitet, ohne mich bisher mit seinem einem eher sterilen Ästhetizismus verpflichteten Stil sonderlich überzeugt zu haben. Es blieb mir alles immer zu glatt, zu gefällig, aber beim Großteil des Publikums kam er damit sehr gut an. Nun handelt es sich bei einer Uraufführung ja nicht darum, für ein bekanntes Werk eine neue Lesart zu finden, sondern es überhaupt einmal szenisch umzusetzen. Und das gelang Marelli zu meiner Überraschung sehr gut, sodass diese "Medea" die für mich beste seiner Inszenierungen an der WSO ist.
Wenn sich der Vorhang hebt, steht Medea in Ganzkörperschleier statuarisch starr mitten auf der Bühne und hebt sich nur unmerklich vom fahl beleuchteten Umfeld ab. Wunderbar korrespondiert diese Bild mit dem musikalischen Vorspiel, mit dieser Mischung aus irisierenden und unheimlichen Tönen, die aus dem Graben dringen. Erst allmählich nimmt die Bühne Konturen an. Ein Rundhorizont, zusammengesetzt aus dunkelgrauen Wellblechfeldern, grenzt sie nach hinten ab, der vorerst nur sanft ansteigende Boden wird von kleinen und großen Lavabrocken bedeckt. Ein riesiger Würfel hängt rechts auf halber Höhe, seine Wände bestehen aus weißen Jalousien. Darunter steht eine zunächst rätselhafte lange Bank auf niederen Eisenfüßen, die später, wenn sich der Würfel herabsenkt und als Königspalast von Korinth entpuppt, als Auflager dient. Vorerst kauert Gora auf dieser Bank und scheint zu schlafen. Augenfällig prallen also zwei Welten aufeinander: Hier die schwarze Lavahalde, die ungebändigte, barbarische Welt Medeas, dort die geordnete, zivilisierte Welt der Griechen, symbolisiert durch rechte Winkel und die vorherrschende weiße Farbe.
Medea löst sich langsam aus ihrer Starre, legt den Schleier ab und steht nun in einem wunderschönen Kostüm vor uns, das ich nur schwer beschreiben kann. Farblich von Dunkelrosa bis Lila changierend, fließt es in zahlreichen aufgenähten Bändchen und Troddeln um den schlanken Körper Medeas und verleiht ihr tatsächlich etwas Magisches. Bereit, ihrem alten Leben zu entsagen und sich ganz den Sitten und Gebräuchen Griechenlands anzupassen, verstaut sie die Attribute ihrer Zauberkraft in einem Korb. Auch das verhängnisvolle Goldene Vließ legt sie dazu und versenkt alles in der Erde bzw. unter einem sich nur unmerklich vom Bodenniveau abhebenden Flugdach - die ärmliche Behausung vor der Stadt, welche sich die Flüchtlinge Medea, Gora und Jason teilen. Die Strahlen von Taschenlampen irrlichtern während dieser Szene in dem weißen Würfel, die Lamellen der Jalousien werden auseinandergezogen - im Königsplast wirft man bereits argwöhnische Augen auf die Fremden und ihr seltsames Treiben. Der rechte Teil des Rundhorizonts ist ganz allmählich in die Höhe gewandert, fahles Tageslicht fällt auf die gespenstische Mondlandschaft aus schwarzer Lava, über der ein silbriger Schimmer liegt. Jason, in einer Mischung aus Kampf- und Safarianzug, kommt mit einem Koffer, dem er der Reihe nach ein weißes Hemd, weiße Krawatte und eine weiße Smokingjacke entnimmt, um sich für den Bittgang zu König Kreon adäquat zu kleiden. Indem er das Weiß der Griechen übernimmt, signalisiert er Unterwerfung und die unbedingte Bereitschaft zur Anpassung (Weiß steht hier nicht für Unschuld, sondern für eine "zivilisierte"Gesellschaft, die sich in steriler Selbstgerechtigkeit übt, die für die echte, urwüchsige Leidenschaft einer Medea und Gora - die als Einzige Farben tragen dürfen - kein Verständnis aufbringt, sondern sich dadurch vielmehr bedroht sieht. Dies ist nur meine bescheidene Interpretation!)) Jason reagiert daher zornig auf Medeas kolchische Kleidung und fordert sie wütend auf, ihr Kopftuch abzulegen (Ja, das hat schon Grillparzer geschrieben, vor 150 Jahren!!), und reißt ihr das Oberkleid herunter, sodaß sie nun in ihrem einfacher gehaltenen Hemdkleid, aber immer noch in ihren Farben, da steht. Medea, die ja zur totalen Selbstverleugnung bereit ist, um das Einzige zu retten, was sie (scheinbar) noch besitzt, nämlich Jasons Liebe, zieht sich unglücklich zu ihrer Wohngrube zurück. Nun fährt eine Eisentreppe vom Palastwürfel herunter, auf der König Kreon und Kreusa sich dem Flüchtling nähern. Die Königstochter tritt hier als eine Art Paris Hilton auf, zumindest weckten ihre blonde Langhaarperücke (mit dem typischen Reifen) und ihre Kleidung sofort diese Assoziation in mir, und genauso ist sie auch charakterisiert: Eine verwöhnte Luxusgöre, oberflächlich und vergnügungssüchtig, aber nicht wirklich böse, die überhaupt nicht versteht, was in Medea vorgeht und was sie ihr antut. Eine Weile macht es ihr Spaß, aus Medea eine Griechin zu machen, aber es bleibt eben Spaß und entspringt nicht einem tieferen Bedürfnis, der entwurzelten Frau wirklich zu helfen. Lieber flirtet sie mit Jason, der natürlich sofort eine Chance sieht, sich in der griechischen Gesellschaft zu etablieren und die längst lästig gewordene Medea los zu werden. Der weiße Würfel gleitet für diese Szene ganz herunter und öffnet sich, das Innere des Palastes andeutend, wo Kreusa scheinbar versucht, Medeas verzweifelten Kampf um Jasons Liebe zu unterstützen, indem sie ihr ein Lied beibingt, das sie selbst zusammen mit ihm in fernen Jugendtagen gesungen hat. Aber natürlich misslingt es, Medeas Finger sind den Gebrauch von Waffen gewöhnt und nicht daran, Harfensaiten zu zupfen, und wütend schleudert sie das Instrument zu Boden, sich damit in den Augen der Griechen endgültig als Barabarin outend. Der Gottesherold vom Altgericht der Amphyktionen verflucht Jason und Medea wegen Mordes an Pelias, Jasons Onkel. Er trägt ebenso wie seine Garde eine stilisierte Ritterrüstung, die geschlossenen Visire der Männer verstärken ebenso wie ihre in den Boden gerammten Speerschäfte die Mauer der Abwehr, die gegen Medea errichtet wird. Während Kreon für Jasons Unschuld bürgt und der Palast mit den beiden wieder in die Höhe fährt, klammert sich die Frau verzweifelt an der ebenfalls entschwindenden Eisentreppe fest, bis ihre Kräfte sie verlassen. Kreusa hat die Kinder inzwischen völlig auf ihre Seite gezogen, adrette, weiß gekleidete Griechen aus ihnen gemacht und sie mit Geschenken korrumpiert. Während es Medea das Herz zerreißt, dass sie nur einen ihrer Söhne behalten darf, haben beide nur Augen für ihr neues Softballtennisset und zeigen keine Neigung, mit ihrer Mutter wieder das harte Flüchtlingsleben zu teilen. Medea hat nun alles verloren, ihre Heimat, ihren noch immer geliebten Gatten, ihre Kinder. Während sie sich verzweifelt auf dem Podest zusammenkauert, sich quasi in ihrem Kummer verkriecht, ändert sich allmählich der Neigungswinkel des Lavafeldes, die Brocken geraten in Bewegung, rollen und purzeln auf Medea zu, zum Schluß poltert auch ein riesiger Block herunter, und auch wenn man weiß, dass es sich nur um Styropor handelt, hält man doch unwillkürlich den Atem an. (Jetzt wusste ich auch, wieso vor dem Orchestergraben ein niedriges Netz gespannt war!!) Ein wirklich tolles Bild! Es kommt zu einer letzten Aussprache mit Jason, bei der auch er sich seiner einstigen Gefühle für Medea erinnert (Hiezu bedient sich Reimann einiger Textzeilen aus dem "Gastfreund"), aber es ändert nichts an seinem Entschluss, sie zu verstoßen und an Kreusas Seite dereinst den Thron von Korinth zu besteigen. Medea sinnt nun nur mehr auf Rache. Sie heuchelt Dankbarkeit für die Nebenbuhlerin, die ihr noch einmal gestattet, die Kinder zu sehen, und erbittet sich die Gunst, ihr ein Geschenk schicken zu dürfen: Es ist ein Zauberkästchen, das beim Öffnen den Palast in Flammen setzt. Medea umarmt noch einmal ihre Kinder und führt hinaus, um sie zu erdolchen. Der Würfel beginnt rot zu glühen, Rauch quillt aus den Lamellen, eine schemenhafte Gestalt klammert sich verzweifelt daran fest. Das Lavafeld gerät wieder in Bewegung, aus dem Off tönen verzweifelte Kreusa-Rufe, und über der triumphierenden Medea senkt sich der Vorhang. Aber es ist nicht das Ende, denn nach einem kurzen Orchesterpart hebt er sich wieder. Jason, nun ebenfalls ein Verstoßener, kauert in Lumpen gehüllt am Boden und beklagt sein Schicksal. Medea trägt nun ein nachtblaues Kleid, über das sie das Goldene Vließ geworfen hat. Sie will es nach Delphi zurückbringen, von wo es geraubt worden ist, und ihr Schicksal in die Hände der Götter legen. Beinahe ein wenig mitleidig blickt sie auf Jason herab, während sie Grillparzers berühmte Schlussverse singt: "Was ist der Erde Glück? - Ein Schatten. Was ist der Erde Ruhm? - Ein Traum. Du Armer, der von Schatten du geträumt. Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht." Langsam schreitet Medea über die Lavahalde auf den inzwischen hell gewordenen Horizont zu.
Die Sänger sind alle großartig, allen voran Marlis Petersen in der Titelpartie. Ihre Leistung ist schier unglaublich, denn sie steht nicht nur beinahe die ganze Zeit auf der Bühne und hat auch einen großen Gesangspart zu bewältigen, sie tut das mit einer Souveränität, als zähle diese Oper zu ihrem Stammrepertoire, als handle es sich um keine Uraufführung. Auch bei den expressivsten Passagen wirkte ihr heller, klarer Sopran kein bisschen angestrengt, sie beherrschte ihre Stimme in jeder Lage perfekt und ich hörte während dieser zweineinhalb Stunden keinen einzigen unschönen, forcierten Ton von ihr. Auch die Höhen klangen nie scharf, nie mit letzter Kraft produziert, sondern rund und wunderbar ausgeformt. Eine großartige Leistung! Die Schauspielerin Marlis Petersen agierte auf gleicher Höhe mit der Sängerin: Mitleid erweckend in ihren rührenden Versuchen, ihr Kolchertum zu verleugnen, sich aus Liebe zu Jason in eine Griechin zu verwandeln, erschütternd in ihrer Verzweiflung und absolut glaubhaft in ihrem Rachedurst.
Elisabeth Kulman lieh der Gora ihren schön timbrierten Mezzo und bewältigte die technischen Anforderungen dieser Partie ebenfalls einwandfrei. Auch bei ihr hatte ich nie das Gefühl, dass sie stimmlich an Grenzen stieß. Leider hatte sie in dieser kleinen Rolle wenig Gelegenheit, ihr schauspielerisches Potential voll auszuschöpfen, abr sie holte auf jeden fall das Optimum heraus.
Adria Eröd bereitete der Jason stimmlich keine Probleme, dass ich sein Timbre liebe und er zu meinen bevorzugten Baritons zählt, dürfte ja kein Geheimnis mehr sein. :wink Etwas enttäuscht war ich von meinem Liebling aber hinsichtlich seines Spiels. Normalerweise zählt Eröd zu den besten Singschauspielern überhaupt, sein Jason blieb aber merkwürdig blass. Nun kann man ihn natürlich als Weichling anlegen, als Mann ohne Ecken und Kanten, der den Weg des geringsten Widerstands geht, aber so harmlos sehe ich ihn nicht. Für mich ist Jason der typische Opportunist, der über Leichen geht, wenn es seinen ehrgeizigen Plänen förderlich ist, und das kam mir viel zu wenig rüber.
Michaela Selinger musste als Kreusa in erster Linie unbedarft lieb sein und konnte als perfekter Paris-Hilton-Klon durchgehen. Für die zivilisierte, gutartige Königstochter hat Reimann auch eine gemäßigtere Tonsprache gefunden als für das Eruptivgstein Medea, deshalb war für sie die Gefahr des Forcierens von vornherein nicht so groß.
Michael Roidner bot eine solidie Leistung als Kreon, er fiel mir weder besonders positiv noch negativ auf.
Der Herold war mit dem Counter Max Emanuel Cencic besetzt. Da ich mit Counter generell meine Probleme habe und Cencic nicht zu den wenigen Ausnahmen zählt, lasse ich es dabei bewenden.
Michael Boder stand am Pult und schien Orchester und Bühne jederzeit im Griff zu haben. Die Philis wirkten sehr konzentriert, besonders die Bläser sehr exakt und ohne Wackler. Mehr kann man bei einer Uraufführung wohl nicht sagen, weil jede Vergleichsmöglihkeit fehlt.
Fazit: Selbst für einen bekennenden Belacantofan war diese "Medea" ein beeindruckendes Erlebnis, und ich werde sicher noch ein zweites Mal hineingehen, weil heute derart viel an optischen und akustischen Reizen auf mich eingestürmt ist, dass ich es gar nicht richtig bewältigen konnte.
lg Severina :hello
Fairy Queen (28.02.2010, 10:51): Liebe Sevi, ich bin nun endlich dazu gekommen, diese grossartige Beschreibung zu lesen und mir lief es wirklich kalt den Rücke herunter. Da scheint ja wirklch der Spagat gelungen zu sein, ein antikes Thema so darzustellen, dass es zeitlos und als menschliche Tragödie zum Allgemeingültigen werden kann. Ich kenne von Reimann ausser einigen Liedern gar ncihts, kann mir aber lebhaft vorstellen, wie inspirierend dieses Entfremdungs und Flüchtlingsdrama für einen Komponisten sein muss. Ein Lied "Die Schlange" habe ich als ausgesprochen tonmalerisch expressiv in Erinnerung. Ich stelle mir natürlcih auch sofort Maria Callas in ihrer Paraderolle vor und das Mitgefühl mit einer verzweifelten Frau, die mmerhin ihre eigenen kinder umbringt, was eigentlich ziemlich unvorstellbar ist, wird durch Deine Beschreibung auch aus der Distanz sofort in mir geweckt. Ich hoffe, dass eure Urauffûhrung als DVD erscheinen wird oder im Fernsehen zum Mitschneiden übertragen wird. Es ist in jedem Fall serh schön zu lesen, dass moderne Opern von heute mitreissen und aufwühlen kônnen, auch wenn sie sich ganz alten Stoffen widmen. Die Lebendigkeit der zeitgenössischen Kunst ist mir immer ein Balsam besonderer Art.
F.Q.
Heike (28.02.2010, 11:46): Ich schreib einfach mal nur: beneidenswert, so nah dabeisein zu können! Ich drücke schon mal die Daumen für die Uraufführung heute, bitte berichte, wie es bei den Wienern und Gästen angekommen ist! Heike
Severina (28.02.2010, 12:44): Die PR werde ich mir heute nur am Radio anhören und bin schon neugierig, wie ich die "nackte" Musik, also ohne szenische Umsetzung, empfinde. Aber natürlich laufen die Bilder in meinem Inneren mit. Ich gehe nicht so gerne in PR, weil ich sie musikalisch eigentlich meistens schwächer finde als GP und die Folgevorstellungen. Und da es mir um die Musik geht und nicht um das Sehen- und-Gesehen-Werden, kann ich gut darauf verzichten und mache es mir lieber vor dem Radio gemütlich.
Gestern in der Pause hörte ich überwiegend positive Kommentare, es dürfte also ein Erfolg werden.
lg Severina :hello
Severina (01.03.2010, 10:33): Nur ein kurzer Nachtrag: Die Uraufführung gestern war ein triumphaler Erfolg für Reimann, das Leading Team und die Sänger - einhelliger Jubel des Publikums! Da sage noch einer, mit zeitgenössischer Musik kann man nicht punkten :D! lg Severina :hello
Severina (03.03.2010, 00:05): Passend zu diesemThread noch ein "Simon Boccanegra", der sehr gemischte Gefühle bei mir hinterließ. Von der Papierform her hätte es nämlich großartig sein müssen, diese Erwartung erfüllte sich aber nur teilweise. Unsere Peter-Stein-inszenierung hat jetzt auch schon einige Jahre auf dem Buckel, und das merkt man leider. Spektakulär war sie ja nie, aber wenigstens hinsichtlich der Personenführung sorgfältig erarbeitet, sodass es, zumindest solange in den rsten Jahren die PR-Besetzung Thomas Hampson, Ferruccio Furlanetto und Boaz Daniel auf der Bühne stand, spannende Aufführungen waren. Heute fand ein Abend der Debuts statt, denn mit Ausnahme von Olga Guryakova sangen alle übrigen ihre Rollen zum ersten Mal an der WSO.
Zeljko Lucic war sehr kurzfristig für Leo Nucci als Simone eingesprungen und für mich der Hauptgrund, in diese Vorstellung zu gehen, einmal abgesehen davon, dass der "Simon Boccanegra" meine Lieblingsoper von Verdi ist. Lucic Stimme versetzt mich stets in höhere Sphären: Ein weicher, samtiger Bariton, der mich immer an dunklen Waldhonig erinnert (Lacht nicht, aber ich assoziiere Stimmen immer mit bestimmten Farben oder Gerüchen), obwohl er eigentlich sehr hell klingt. Wem das jetzt zu pathetisch ist: Lucic hat einfach eine tolle Stimme, basta. Die ließ er auch heute aufs Schönste strömen, produzierte herrliche Legati und betörende Piani, nur leider war es das auch schon, denn - und das war die große Enttäuschung für mich - eine Gestaltung des Simone blieb er sowohl vokal als auch darstellerisch schuldig. Alles klang seltsam eindimensional, beiläufig, und wer das Libretto nicht kannte, hatte wohl große Probleme, die jeweilige Gefühlslage des Dogen zu erahnen. Wenn Lucic nichts zu singen hatte, saß er merkwürdig unbeteiligt herum, mit leerem Gesichtsausdruck, und tat, als ginge ihn das Rundherum nichts an. Das störte mich besonders in der großen Ratsszene, wenn Amelia von ihrer Entführung berichtet, der Todesgefahr, in der sie geschwebt ist. Da spielt sich absolut nichts in Lucic' Gesicht ab, so als würde seine Tochter von einer langweiligen Teenieparty erzählen (Abgesehen davon, dass er auf seinem Thronsessel herumlümmelt wie ein Droschkenkutscher.) Auch in seiner Ansprache an die Ratsherren erweist er sich als zahnloser Doge ohne jede Autorität, die Verfluchung Paolos - bei Hampson immer ein Moment, wo es einem kalt über den Rücken rieselt - verpuffte völlig wirkungslos. Aber schon im ersten Bild fragte ich mich, ob Lucic eigentlich weiß, was er singt: Paolo überreicht ihm zwar das Schriftstück mit der Begnadigung der Grimaldis, er steckt es aber einfach weg, anstatt es Amelia zu zeigen, sodass der folgende Dialog, in der sie besagtes Schriftstück liest und sagt "Che veggo? Il lor perdono!" (Was seh ich? Ihre Begnadigung!) natürlich völlig absurd wirkt. (Die Guryakova hatte auch sichtlich eine Schrecksekunde, weil sie nicht wusste, wie sie reagieren sollte.)
Leider lässt sich von Ain Angers Fiesco mehr oder weniger das gleiche sagen: Schön gesungen (Sieht man von zwei völlig unnötigen Schluchzern beim "Prega, Maria, per me..." ab - ich hasse das X( ), aber völlig indifferent in der Darstellung. Auch er steht dekorativ auf der Bühne herum, vorzugsweise vorne an der Rampe, und zeigt wenig Ambitionen, seinen Partnern allzu nahe zu kommen.
Dass von Massimiliano Pisapias Gabriele Adorno nicht mehr zu erwarten war, wusste ich schon im Vorfeld, der war noch nie ein großer Schauspieler. Immerhin verfügt er über eine Stimme, mit der er seine Partie problemlos bewältigt: Er hat genügend Metall für die Höhen, kann aber auch Piano singen, bloß gefällt mir sein Timbre schlicht und einfach nicht. Dafür kann er natürlich nix :D
Zwischen dieser Ansammlung von Autisten, von denen jeder nur sein Ding machte, ohne sich groß um die anderen zu kümmern, hatte es Markus Eiche natürlich schwer, der den Schurken Paolo nicht nur vorzüglich sang, sondern seiner Figur als einziger auch Profil verlieh. Wenn er auf der Bühne stand, kam plötzlich etwas Leben in die ansonsten lahme Partie, doch vermochte er es auch nicht, seinen Partnern mehr als höfliches Interesse abzuringen. Besonders augenfällig war das in seiner letzten Szene, als er Fiesco nicht nur seine Untaten gesteht, sondern dies auch mit der Absicht tut, ihn zu provozieren, damit er ihn tötet. Da durfte man natürlich nicht an Furlanetto denken, der dem Paolo seine ganze Verachtung förmlich ins Gesicht spie und sich nur mühsam beherrschen konnte. Eiche tut sein Bestes, aber Ain Anger steht einfach nur da, schaut ihn ausdruckslos an und singt ebenso ausdruckslos "Mostro!" (Du Monster!), was in etwa so klingt wie "Na, geh, so was!"
Nun will ich nicht allzu harsch mit Lucic und Anger ins Gericht gehen, beide müssen in ihre Rollen wohl noch hineinwachsen, denn speziell Anger ist ein sehr junger Fiesco. Ich glaube, ohne ein gewisses Maß an Lebenserfahrung ist es wohl schwer, sich in so komplexe Charaktere hineinzuversetzen. Trotzdem, was Lucic heute bot, grenzte wirklich hart an Spielverweigerung, das muss ich trotz meiner großen "Liebe" zu ihm sagen.
Olga Guryakova, die Amelia, hatte es natürlich nicht leicht zwischen zwei Männern, von denen sich keiner wirklich für sie interessierte. Der Körperkontakt sowohl zu Lucic als auch zu Pisapia beschränkte sich auf das absolute Minimum, und selbst da hatte man den Eindruck, dass sich alle dabei sehr unbehaglich fühlten. Gabriele Adornos Liebe galt wohl in erster Linie dem Dirigenten, denn ihm erzähte er all das, was eigentlich an Amelia und Simone adressiert war. Stimmlich fand ich die Guryakova am schwächsten von allen, was mich doch sehr enttäuscht nach ihrer fabelhaften Rossini-Desdemona. Ich hatte den Eindruck, dass sie ihre Stimme größer machen wollte als sie ist, was sich vor allem in merkwürdigen Schwankungen in der Lautstärke bemerkbar machte.
Eine untadelige Leistung bot Fabio Luisi am Pult, der mit den Philis sehr gut kann und sie zu einem sehr präzisen und doch luftig-leichten Klang animierte. Besonders die Streicherpassagen waren wieder zum Abheben.
Fazit: Eine Aufführung, bei der man in stimmlichem Wohlklang baden konnte, die aber szenisch und interpretatorisch ziemlich unbefriedigend blieb.
lg Severina :hello
(Anmerkung zu Severinas erstem Satz: Die den "Simon" betreffenden Beiträge wurden von mir - Billy - vom Thread "Gestern in der Oper" in den Thread "Berichte aus der Wiener Staatsoper" verschoben.) Zweite Anmerkung: Die Vorstellung fand am 2. März (nicht am 2. Februar) statt. Ich habe es ausgebessert. Billy.)
Fairy Queen (03.03.2010, 08:07): Zwischen dieser Ansammlung von Autisten, von denen jeder nur sein Ding machte, ohne sich groß um die anderen zu kümmern
Liebe Sevi, solche Sätze solltest du Dir patentieren lassen....... :rofl
F.Q.
Dulcamara (03.03.2010, 09:11): Vielen Dank für diesen schönen Bericht, Severina. Werde Lucic als Boccanegra im April in Frankfurt sehen, mal sehen ob er hier mehr macht. Habe ihn aber tendenziell auch immer als Rampensänger erlebt.
Mein persönlicher Favorit als Boccanegra ist Grundheber, der diese Rolle trotz seines hohen Alters in Hamburg ab und zu noch einmal interpretiert. Da kommt die ganze Bühnenerfahrung von diesem Sänger durch, die Spannung und Zerissenheit des Boccanegra wird überdeutlich.
Honoria Lucasta (03.03.2010, 11:22): Liebe Severina, vielen Dank für den eindrücklichen Bericht - der Boccanegra ist auch eine meiner absoluten Lieblingsopern.
Ist die Inszenierung jene, die in dieser DVD aufgenommen wurde:
Die von Dir bemerkten Defizite bei der schauspielerischen Durchdringung der Hauptpartien in der von Dir besuchten Aufführung sind ärgerlich, kommen aber gerade bei dieser Oper immer wieder (und häufiger als anderswo!) vor, weil viele Sänger sich nicht wirklich mit dem gesamten Text auseinandersetzen und meinen, im Boccanegra passiere ja ohnehin nicht viel und keiner werde es merken, wenn man einfach brav an der Rampe singend seine Noten abliefert. Das genaue Gegenteil ist natürlich der Fall: ich finde, in kaum einer anderen Oper kommt es so genau darauf an, daß insbesondere die Hauptfigur sich den gesamten Text zu eigen macht. eigentlich muß es ja auch unbefriedigend sein, so eine Partie nicht zu gestalten, oder?
Aber vielleicht wachsen alle Beteiligten in diese großen Schuhe noch einmal hinein.
Grüße!
Honoria
yago (03.03.2010, 16:49): hallo severina,
hier wär´ ich also.
dein bericht ist wie immer ganz grosse klasse und macht echt richtig neugierig. leider schaffe ich es für diese vorstellungsserie nicht nach wien. wie ich aber höre,soll diese produktion nä. saison auch in frankfurt laufen. das wäre vielleicht für mich machbar.
liebe grüße in mein schönes wien yago :hello
(Anmerkung: Bezieht sich auf die "Medea". Billy.)
peter337 (04.03.2010, 19:22): Liebe Severina!
danke für Deine Berichterstattung, wollte morgen oder Sonntag gehen - aber ich glaube Deinen Bericht und gehe nicht.
Langsam möchte nämlich auch ich etwas Schaupiel in der Oper haben und Nichtschauspieler , dafür werde ich am nächsten Donnerstag in eine der weningen Wagner Opern, die ich mag, besuchen, den Holländer.
Liebe Grüße sendet Dir Peter. :hello :hello :hello
Ingrid (06.03.2010, 17:05): Liebe Severina,
echt Wahnsinn, wie lebendig Du immer berichtest. Tausend Dank! Man hat diese interesselosen Typen direkt vor Augen. Nee, das war wohl wirklich nix. Dachte eigentlich auch immer, Lucic ist das As im Ärmel, aber wenn er nicht spielt, dann reicht auch eine CD.
Lieber Peter,
finde es echt toll, dass Du zumindest den Wunsch hast, wieder mehr in die Oper zu gehen, auch wenn es nicht immer klappt. Freue mich auch sehr, dass eine liebe Münchnerin im März mal in die Oper gehen wird. Du weißt schon, wen ich meine :) Hoffe, es wird eine gute Vorstellung des Il barbiere di Siviglia mit Kasarova und Borchev. Ich werde in der Zeit wahrscheinlich meinem Lieblingssänger aus dem ARD-Wettbewerb in Regensburg lauschen. Mal sehen, ob das klappt. Morgen bin ich auf jeden Fall bei Schrott und Volle im Figaro. Bin schon sehr gespannt.
Herzliche Grüße nach Wien von Eurer Ingrid
Ingrid (06.03.2010, 20:11): Liebe Severina,
Fairy hat recht, dass einem Schauern bei Deinem Erlebnisbericht über den Rücken laufen. Ich habe mich dabei auch gleich wieder an Reimanns Uraufführung Bernarda Albas Haus vor 10 Jahren an der BSO erinnert. Nur hatte ich nach Deiner Beschreibung das Gefühl, dass der Gesang etwas melodischer komponiert wurde. Kann das sein?
Damals dachte ich, die Sängerinnen ruinieren sich schon bei einer einzigen Aufführung ihre Stimmen. Es klang alles fast nur schrill und die erste halbe Stunde hatte ich das Gefühl, das Haus ebenfalls schreiend verlassen zu müssen oder eben panikartig, wie einige. Als ich mich aber auf diese schreckliche Geschichte einließ, hätte ich sie dann selbst, so ich das könnte, ganz genauso komponiert. Es war unbeschreiblich unter die Haut gehend und deshalb verstehe ich Deine Begeisterung und die der anderen Besucher voll und ganz, denn Reimann versteht sein Handwerk einfach. Vielen Dank und liebe Grüße Ingrid
Severina (09.03.2010, 16:38): Original von peter337 Liebe Severina!
danke für Deine Berichterstattung, wollte morgen oder Sonntag gehen - aber ich glaube Deinen Bericht und gehe nicht.
Langsam möchte nämlich auch ich etwas Schaupiel in der Oper haben und Nichtschauspieler , dafür werde ich am nächsten Donnerstag in eine der weningen Wagner Opern, die ich mag, besuchen, den Holländer.
Liebe Grüße sendet Dir Peter. :hello :hello :hello
Lieber Peter, bitte lass Dich doch von mir nicht von einem Opernbesuch abhalten! :B Was ich hier schreibe, ist mein subjektiver Eindruck und muss sich überhaupt nicht mit Deinem decken! (Eben habe ich anderswo gelesen, dass jemand die Guryakova großartig und Markus Eiche absolut grauenhaft gefunden hat - Geschmäcker sind eben verschieden! Gott sei Dank, sonst kämen wir ja mit einer Einheitsinszenierung und Einheitsbesetzung aus! lg Severina :hello
Mime (09.03.2010, 17:44): Original von peter337 ... dafür werde ich am nächsten Donnerstag in eine der weningen Wagner Opern, die ich mag, besuchen, den Holländer.
Liebe Grüße sendet Dir Peter. :hello :hello :hello
Hoffentlich hat der seinen Wohnwagen nicht dabei :D Kennst du die Inszenierung?
Severina (09.03.2010, 18:11): Lieber Mime, ich bin zwar nicht Peter :wink, aber die Inszenierung kenne ich auch, sie ist von Christine Mielitz und inzwischen auch schon etwas in die Jahre gekommen. (Das gilt leider speziell für die Kulissenteile, die beim Verschieben oft ganz schauerlich knirschen und z.B. das Steuermannslied immer um ganz ungewohnte akustische Nuancen bereichern!) Wenn ich's nächste Woche schaffe, werde ich natürlich einen Bericht schreiben! Nina Stemme als Senta möchte ich mir nämlich nicht entgehen lassen, ich kenne momentan keine bessere Besetzung für diese Partie. :down lg Severina :hello
Severina (11.03.2010, 01:18): Nach vier Jahren Pause erlebte Schönbergs "Moses und Aron" heute seine Wiederaufnahme. Dass es sich trotzdem erst um die insgesamt 9. Aufführung dieser Produktion gehandelt hat, zeigt, dass dieses Werk immer noch ein Schattendasein auf dem Spielplan der WSO führt.
Reto Nickler war 2006 sehr kurzfristig für den erkrankten Willy Decker eingesprungen und musste ein Konzept für das bereits fertige Bühnenbild und die Kostüme finden. Vieles wirkte damals unausgegoren, was man eben dem Umstand zuschrieb, dass der Regisseur nicht wirklich sein Ding durchziehen konnte. Mit großer Erwartung ging ich daher heute in die Wiederaufnahme von "Moses und Aron", denn ich hoffte, dass Reto Nickler inzwischen die eine oder andere Szene nachgebessert hatte. Leider war dem nicht so, und mein Fazit nach diesem Abend lautet ähnlich wie schon 2006: Eine musikalisch sehr beeindruckende Aufführung, die aber szenisch unbefriedigend blieb!
Bevor sich der Vorhang hebt, wird der Zuschauerraum komplett abgedunkelt, sodass die fahl beleuchteten Israeliten im ersten Moment etwas Lemurenhaftes ausstrahlen. Erst allmählich erkennt man, dass Frauen und Männer uniform in lange, schwarze Mäntel mit kappenartigen Kopfbedeckungen gekleidet sind. Alle tragen Koffer, sodass man im ersten Moment an Flüchtlinge denkt. Während Moses vorne an der Rampe mit seiner inneren Stimme (Gott) ringt und sich seiner Sendung entziehen will, drängen sich die Israeliten an die schwarzen, trapezförmigen Wände und schreiben mit weißen Kreiden in vielen Varianten das Wort Ich darauf. Dieses Motiv der Ichbezogenheit zieht sich wie ein roter Faden durch die Inszenierung und erfährt gleich eine erste Verstärkung, als die Frauen und Männer ihre Koffer öffnen, in denen sich keineswegs die Habseligkeiten von Vertriebenen befinden, sondern ihre riesigen Konterfeis, die sie Moses entgegenstrecken. Der hat inzwischen in Aron den Katalysator gefunden, seine abstrakte Vision des einen, wahren Gottes in Worte zu kleiden. Für den Schlangen- und Feuerzauber lässt Reto Nickler einen gläsernen Pfeiler hochfahren, in dem Videoprojektionen gezeigt werden. Wenn man weiß, was Animationstechnik heutzutage alles vermag, wirkt diese Installation vergleichsweise billig und beinahe ein wenig hilflos. Kaum zu glauben, dass sich die Israeliten auf Grund dieses im wahrsten Sinn des Wortes faulen Zaubers tatsächlich auf das Wüstenabenteuer einlassen.
Nach der Pause - Moses ist inzwischen auf dem Berg Sinai, unter den Israeliten macht sich immer deutlicher Lagerkoller bemerkbar - fällt die große Schwäche der Inszenierung, nämlich die unzulängliche Chorführung, doppelt ins Gewicht. Nun ist "Moses und Aron" aber eine Choroper, der Chor ist der eigentliche Handlungsträger, aus dem - abgesehen von den beiden Titelfiguren - nur hin und wieder einzelne Individuen kurz hervortreten, und wenn einem Regisseur dafür keine überzeugende Lösung einfällt, sollte man das Werk besser konzertant aufführen. Reto Nickler ist leider wenig eingefallen. Schon klar, dass bei dieser komplexen Musik der Blickkontakt zum Dirigenten wichtig ist, aber speziell bei der zentralen Szene des Tanzes um das Goldene Kalb muss doch deutlich werden, dass hier das Volk außer Rand und Band gerät und Aron die Situation immer mehr entgleitet. Dabei wäre die Grundidee nicht so schlecht: Aron, von den Israeliten in die Enge getrieben, ist bereit, ihnen ihren Gott zu zeigen und gibt jedem ein goldenes Tuch, das sie wie einen Fetisch liebkosen. Nach und nach legen alle ihre schwarzen Kleider ab und hüllen sich in goldene Gewänder (die in einer langen Reihe von Koffern hereingetragen werden), auch Aron, der auf einem mächtigen, ebenfalls vergoldeten ICH steht und im Stil eines Gurus das Happening leitet. Weitere goldene Buchstaben werden hereingeschleppt und zunächst zu der Feststellung "Ich bin Gott" angeordnet, während auf den ehemals schwarzen Wänden die schon bekannten Porträts der Israeliten prangen, nun aber vor goldenem Hintergrund. Das goldene Kalb als auf die Spitze getriebener Egotripp, als Projektion geheimster Wünsche und Obsessionen wäre natürlich eine wirklich stringente Umsetzung, wenn sie denn tatsächlich stattfinden würde. Aber Nickler setzt wieder auf Videospielereien: Eine große Videowand, bestehend aus vielen Bildschirmen (Dafür gibt's einen Spezialausdruck, der mir gerade nicht einfällt - sorry!) taucht in der Bühnenmitte auf und engt den Bewegungsraum für die großen Chormassen noch mehr ein. Ein triftiger Grund also, das Volk einfach am Boden sitzen zu lassen, während es per Video vorgeführt bekommt, welche Auswüchse der modernen Gesellschaft sich hinter der Chiffre des goldenen Kalbes verbergen. In rascher Folge wechseln Bilder von Statussymbolen, den verschiedensten Formen der Machtausübung, bis hin zum Schönheitskult und Sexismus. Das klingt jetzt wahrscheinlich überzeugender als es in der Oper erlebt wird, denn alles bleibt merkwürdig harm- und zahnlos, geht einfach nicht unter die Haut. Für die Parallelaktion auf der Bühne gilt das Gleiche: Da räkeln sich ein paar spärlich bekleidete Blondinen und machen auf lasziv, aber man glaubt es ihnen nicht, da wird mit Pistolen gefuchtelt und russisches Roulette gespielt, einige Dämchen begeilen sich an den goldenen Buchstaben, die sich plötzlich zu "bigott" formieren (einer der wenigen geglückten Einfälle!), aber insgesamt wirkt alles wie ein Kostümfest, bei dem biedere Bürger den kindischen Versuch unternehmen sich verrucht zu gebärden. Nein, für "Moses und Aron" muss ein Regisseur eine stärkere Bildersprache finden als diese!
Starke Momente gibt es allerdings auch bei dieser Aufführung, nämlich immer dann, wenn der grandiose Franz Grundheber seinem Ringen um den wahren, einzigen Gott erschütternden Ausdruck verleiht, immer dann, wenn er mit dem ebenfalls beeindruckenden Aron des John Daszak die Szene beherrscht. Dann findet großes Theater statt, dann herrscht plötzlich Spannung und Dramatik. Wirklich unter die Haut geht der Schluss, wenn Moses alleine auf der leeren Bühne sitzt, die sich bei seinen letzten Worten "O Wort, das mir fehlt" allmählich verdunkelt. Ich könnte mir aktuell keinen glaubhafteren Moses vorstellen als Franz Grundheber. Er hat es mit seiner Sprechrolle (nur eine Phrase wird wirklich gesungen) natürlich leichter als John Daszak, der mit dem Aron sein Staatsoperndebut gab - ein sehr gelungenes Debut, wie die Bravos für ihn bewiesen. Er meisterte die Klippen dieser Partie souverän und klang auch bei den expressivsten Tonfolgen nicht überfordert, wirklich "schön" singen kann man den Aron wohl kaum und ist auch gar nicht beabsichtigt.
Den Hauptpart in dieser Oper bestreitet wie bereits erwähnt der Chor, der von Thomas Lang vorzüglich einstudiert war und in vokaler Hinsicht keinen Wunsch offen ließ. Klar und deutlich herausgearbeitet die rhythmische Struktur, faszinierend die Auflösung in viele Einzelgruppen und dann wiederum ihr Verschmelzen, besonders aber die vielen Schattierungen und Farben, mit denen der jeweiligen Stimmung Ausdruck verliehen wurde - das war wirklich eine Leistung der Extraklasse.
Am Pult stand diesmal Lothar Zagrosek, der mir sehr gut gefiel, aber natürlich fehlen mir bei "Moses und Aron" die Vergleichsmöglichkeiten und vor allem Erfahrungswerte. Ich könnte jetzt wirklich nicht sagen, was Daniele Gatti 2006 anders, besser oder schlechter gemacht hätte, denn ich gestehe gerne, dass ich mit der Tonsprache Arnold Schönbergs nicht so vertraut bin wie mit der anderer Komponisten. :S
lg Severina :hello
Armin70 (11.03.2010, 06:12): Hallo Severina,
danke für Deinen schönen Bericht :thanks
Schönbergs Oper "Moses und Aaron" hatte ich vor ein paar Jahren mal im Radio gehört und zwar handelte es sich um die Aufnahme mit dem Dirigenten Herbert Kegel. Das ist schon ein beeindruckendes Werk, das ich dank Deines Berichtes mir endlich mal auf CD zulegen werde.
Vielleicht sogar auch als DVD:
Franz Grundheber, Thomas Moser, Slowakisch Philharmonischer Chor sowie Chor und Orchester der Wiener Staatsoper, Dirigent: Daniele Gatti, Live-Mitschnitt aus der WSO 2006
Gruß Armin
Severina (11.03.2010, 11:58): Lieber Armin, diese DVD zeigt die von mir beschriebene Inszenierung, aber mit der PR-Besetzung mit Thomas Moser als Aron. Falls Du Dir diese Aufnahme zulegst, würden mich Deine Eindrücke natürlich sehr interessieren! Ich kann ir nämlich vorstellen, das bei geschickter Kameraführung und Schnitttechnik die Inszenierung auf DVD viel besser wirkt als live. Dazu müsste allerdings der geniale Felix Breisach die Bildregie geführt haben und nicht der biedere Brian Large mit seinen immer gleichen 0815-Einstellungen X( Aber die Bildregie bei DVDs wäre einen eigenen THread wert... lg Severina :hello
Severina (23.03.2010, 01:02): Da ich diese Vorstellung unter dem Fokus "Das Comeback von Rolando Villazón" besprochen habe, findet sich die Rezension im THread "Rolando Villazón - eine Kerze, die an beiden Enden brennt" lg Severina :hello
(Anmerkung von Billy: Hier ist der Link zum Bericht)
Severina (09.04.2010, 01:17): Die Inszenierung dieser "Bohème" stammt von Franco Zeffirelli aus dem Jahre Schnee, und damit ist für Insider eigentlich schon alles über ihre Qualität gesagt. Und tatsächlich kennt man die Bühnenbilder gleich von mehreren Aufzeichnungen, weil der Altmeister sich selten damit aufhielt, für seine vielen Regieaufträge weltweit jeweils neue Konzepte zu entwickeln, sondern sich lieber zeit- und energiesparend selbst kopierte. Ich dachte ja immer, dass man im Laufe der Zeit seine Sicht auf ein Werk ändert, neue Aspekte entdeckt, andere Schwerpunkte setzt, aber vielleicht liegt der Unterschied zwischen mir und einem Genie eben darin, dass ich immerwährend um eine Interpretation ringen muss, während sie sich Zeffirelli auf einen Schlag in all ihren Facetten in einer ewig-gültigen Form erschließt. Das Ambiente der Bohemiens ist also altbekannt, Regie nur mehr ein leeres Wort auf dem Programmzettel, also entscheidet in der Regel das, was die Sänger von sich aus einbringen, ob man einen spannenden oder langweiligen Opernabend erlebt.
Nach diesen etwas sarkastischen Präliminarien also zur heutigen Vorstellung von "La Bohème"! Die Rollendebuts von Anna Netrebko und Piotr Beczala an der WSO sorgten schon im Vorfeld für Spannung. Anna Netrebkos Mimi kannte ich bereits von der Dornhelmverfilmung, mein Missfallen an dieser Produktion habe ich schon in anderen Threads zum Ausdruck gebracht X(. Nun, live gefiel sie mir um Klassen besser, ich gehe sogar so weit zu sagen, dass ich die russische Sopranistin überhaupt noch nie besser erlebt habe. Das ist wirklich ihr Rollenfach, wo sie alle Qualitäten ihrer Stimme ausspielen kann. Zunächst einmal ist Mimi hier keine aufgedonnerte Kokotte wie im Film, die ihre Netze ganz bewusst nach Rodolfo auswirft, sondern wieder die kleine Stickerin, die von der großen Liebe träumt und wenigstens einen Zipfel vom Glück erhaschen will. Anna Netrebko spielt das sehr schlicht, sehr zurückgenommen und absolut glaubwürdig. Man nimmt ihr die schüchterne Mimi des ersten Bildes ebenso ab wie die Verzweiflung des dritten, als der Traum vom Glück an der Lebensrealität zu scheitern droht, und ihr stilles Sterben ohne jede große Pose, ohne jedes Aufbegehren, ergreift gerade in dieser Reduziertheit der eingesetzten Mittel. Der Einwand eines Kritikers, dass man ihr nie und nimmer eine Schwindsüchtige abnimmt, ist albern - welche Sängerin kann diese optische Erwartung schon erfüllen? (OK, Stefania Bonfadelli seinerzeit, aber da wurde auch immer gemunkelt, dass sie an Magersucht leidet.) Es stimmt, dass Anna Netrebko nun ein paar Kilos mehr auf den Rippen hat als vor ihrer Schwangerschaft - na und? Sie wirkt jetzt fraulicher, reifer, in sich ruhend, was sich aber in meinen Augen positiv bemerkbar macht: Aus dem einstigen Glamourgirl, dem man gerne das Etikett "Erotikstar der Opernbühne" umgehängt hat, ist eine ernsthafte Künstlerin geworden, die sichtlich andere Prioritäten setzt als früher. Das merkt man schon am relativ geringen Medienecho rund um die jüngsten Auftritte der Netrebko. Früher waren schon Tage vorher die einschlägigen Gesellschaftsspalten voll mit "Anna hier, Anna dort", der mediale Voyeurismus nahm teilweise wirklich groteske Formen an, während es diesmal nur eine kurze Vorausinfo über ihre Auftritte an der WSO und die üblichen Kritiken nach dem ersten Abend gab - basta. Der hysterische Netrebko-Hype scheint passée zu sein, und das kann ihr nur gut tun und den Fokus endlich auf das legen, was wirklich zählt, nämlich ausschließlich ihre Leistung auf der Bühne. Und da gibt es vieles, mit dem sie punkten kann und den Jubel ihrer Fans verdient. Anna Netrebkos Stimme ist nach der Geburt ihres Sohnes voller und größer geworden und scheint auch etwas tiefer fokussiert zu sein, was mich hinsichtlich ihrer Puritani-Elvira im Mai etwas bedenklich stimmt. Aber noch immer verfügt sie über eines der schönsten Timbres, das man aktuell auf der Opernbühne hören kann. Wenn ich wieder meine Farbvergleiche strapazieren darf, so assoziiere ich mit Netrebkos Timbre dunkelroten Samt, der für mich gleichzeitig Sinnlichkeit und Wärme bedeutet. Die immer wieder geäußerte Kritik, Anna Netrebko singe zwar sehr schön, aber ohne Seele, kann ich für mich absolut nicht nachvollziehen. Im Gegenteil, die große Emotionalität ihres Singens bewegt mich immer wieder, wie auch zuletzt als Lucia, die nun wirklich nicht ihr genuines Fach ist, aber was sie mit ihren stimmlichen Möglichkeiten daraus machte, war zutiefst berührend. Mir gefällt die Unbedingtheit, mit der sie in ihrer jeweiligen Rolle aufgeht, und aktuell kenne ich nur eine Sängerin, welche die Mimi ebenso innig und herzergreifend wahrhaftig interpretiert wie Anna Netrebko, nämlich Krassimira Stoyanova.
Aber so wie eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, macht eine Anna Netrebko alleine noch keinen großen Opernabend aus. Das musste sie heute auch gar nicht, denn mit Piotr Beczala hatte sie einen Rodolfo an ihrer Seite, der ihr zumindest vokal in nichts nachstand. Die Stimmen der beiden harmonierten ganz wunderbar, auch vom Volumen passten sie gut zusammen, sodass keiner den anderen zudeckte oder sich zurücknehmen musste, damit genau das nicht passierte. Mühelos erreichten sie den letzten Winkel unseres großen Hauses, und oben auf der Galerie hatte ich teilweise das Gefühl, die Oper wird regelrecht geflutet mit einem vokalen Pas-de-deux der Sonderklasse. Selbst die zartesten Piani waren hoch oben auf dem Olymp problemlos und glasklar zu vernehmen, was wohl für die Gesangstechnik beider spricht.
Piotr Beczala war der zweite Rollendebutant an diesem Abend (Natürlich nur an der WSO!). Seine Stimme begeistert mich ohne Wenn und Aber, obwohl sie sehr hell timbriert ist und ich an und für sich eher ein Faible für die baritonal getönten Tenöre habe. Aber der Pole ist eben meine Ausnahme von der Regel! Was an ihm besticht - abgesehen von der Schönheit der Stimme -, ist die Gesangstechnik, die Stilsicherheit seines Vortrags. Bei Beczala kann man sich entspannt zurücklehnen und im Wohlklang baden, im sicheren Bewusstsein, dass nichts schief gehen wird. (Ein Gefühl, das ich ansonsten nur bei Flórez habe!) Puccini scheint überdies prädestiniert zu sein für Beczalas Stimme, er schwelgt förmlich in den lang gezogenen Kantilenen - hier kommt auch die reiche Farbpalette seines Timbres so richtig zur Geltung - und produziert scheinbar mühelos die geforderten Spitzentöne. Dass seine Stimme relativ vibratoarm ist, kommt meinem Geschmack natürlich sehr entgegen! Würde Beczalas schauspielerisches Talent mit seinen vokalen Qualitäten Schritt halten, wäre er wohl meine unangefochtene Nummer 1 am Tenorhimmel. So aber bleibt das Resumèe: "Schöner kann man den Rodolfo kaum singen, überzeugender spielen hingegen sehr wohl!" Dabei kann man Beczala sein Bemühen nicht absprechen, er steht nicht stocksteif auf der Bühne herum und liefert seine Noten ab, sondern versucht sehr wohl, sich sinnvoll zu bewegen, nur kommt es bei ihm eben nicht aus dem Bauch wie bei Naturtalenten wie Villazón oder Kaufmann, die einfach instinktiv das Richtige tun, ohne vorher groß über das das Was und Wie nachzudenken, sondern aus dem Kopf: Die Überlegung "Welche Aktion passt jetzt am besten zu dem, was ich gerade singe?" steht für mich förmlich im Raum und vor allem zwischen der Rolle und ihrem Interpreten, die solcherart nicht wirklich zu einer Einheit verschmelzen. Diese Bedenken schwinden sofort, wenn man die Augen schließt und sich ganz dem Zauber der Stimme hingibt, denn in ihr existiert keine Diskrepanz zwischen Wollen und Können, hier entstehen und wirken die Emotionen unmittelbar und ehrlich. Was ich Beczala wirklich hoch anrechne: Dass er kein einziges Mal der Versuchung erlag, Rodolfos Verzweiflung durch aufgesetzte Schluchzer lautmalerisch zu verstärken. Selbst die beiden "Mimi!"-Rufe am Schluss endeten in keinem vokalen Weinkrampf - eine Unsitte, der viele Rodolfos huldigen. (Leider, ich muss es bekennen, auch mein Liebling Villazón....)
Aber neben Mimi und Rodolfo bevölkern ja noch einige andere Leutchen die bescheidene Mansarde im Quartier Latin, daher auch rasch zu ihnen!
Boaz Danielgab den Marcello. Das Dilemma dieses Sängers sind leider seine Nerven, die es ihm nur selten erlauben, seine vokalen Fähigkeiten voll unter Beweis zu stellen. Dabei hätte er wirklich eine schöne Stimme und man kann ihm nur wünschen, dass er dieses Problem bald in den Griff bekommt. Wie so oft brauchte Daniel auch heute zwei Bilder, bis er allmählich in die Gänge kam und zeigen konnte, was er drauf hat.
Die Musetta von Anita Hartig begeisterte mich nicht sehr, aber ehrlich gesagt fällt mir auf Anhieb keine Sängerin der letzten Zeit ein, die mich in dieser Rolle 100%ig überzeugt hätte. Frau Hartigs Stimme ist mir zu soubrettenhaft und klingt in der Höhe nicht sehr angenehm in meinen Ohren.
Eijiro Kai blieb ein in jeder Hinsicht unauffälliger Schaunard, über Janusz Monarchas Mantelarie breite ich lieber den Mantel des Schweigens..... Eine Schande, dass die WSO bei einem Galaabend mit keiner bessere Besetzung des Colline aufwarten kann!!
Ein Vergnügen ist es immer wieder, Alfred Sramek auf der Bühne zu erleben, selbst in so kleinen Rollen wie der des Benoit oder Alcindoro. Er macht auch daraus köstliche Kabinettstückerl.
Constantinos Carydis waltete am Pult seines Amtes und versöhnte mich erst mit dem sehr gefühlvollen letzten Bild mit seinem Dirigat, das mir bis dahin viel zu dick aufgetragen und stellenweise auch zu laut war - eine pappige und überzuckerte Puccinisoße.
Das Publikum feierte das fulminante Liebespaar des Abends mit großem Jubel, in den gnädigerweise auch das restliche Ensemble mit eingeschlossen wurde.
lg Severina :hello
Heike (09.04.2010, 09:47): Hallo Severina, danke für den spannenden Bericht! Die Netrebko hat unlängst hier in Berlin einen russischen Liederabend gegeben, der bei den Kritikern sehr gut ankam. Auch da wurde angemerkt, dass sowohl ihre Figur als auch ihre Stimme nach der Schwangerschaft voller geworden sein sollen. Heike
Solitaire (09.04.2010, 15:26): Danke Severina für deinen Bericht! Ich kenne die Wiener Inszeneirugn nicht, aber ich kenne die Zeffirelli-Inszenierung die in New York zu sehen ist (DVD mit Gheorghiu und Vargas) und nehme mal an, daß sich die beiden nicht wirklich unterscheiden. Ich sehe ab und an gerne Opernmärchen mit schönen Kulissen, Kunstschnee und romantischen Kostümen bei denen man nicht in jeder zweiten Szene überlegen muß, was der Regissuer uns denn nun schon wieder sagen will. Aber Zeffirelli übertreibt es wirklich damit sich immer wieder selbst zu kopieren.
Ich mag Anna Netrebkos Stimme auch sehr gern und freue mich jetzt schon auf ihre erste Tosca oder Desdemona. Ich hoffe wirklich, das mal zu hören zu bekommen. Der Einwand man könne ihr die Schwuindsucht nicht glauben ist so dumm, daß eigentlich kein Wort daqrüber verloren werden muß. Wer Pavarotti als Rodolfo erlebt hat... :engel. (Und für mich ist Big Pnach wie vor DER Rodolfo ever, allen Villazóns, Beczalas oder Kaufmanns und allen Kilos zum Trotz) Was Beczala angeht, so habe ich ihn bisher nur als Edgardo und Don Ottavio gehört. Als Edgardo hat er mir gut gefallen, auch wenn er etwas hölzern gespielt hat, bewundert habe ich nicht zuletzt die Nervenstärke die er gezeigt hat, als er 2009 kurzfristig für Rolando Villazón bei der Kino-Übertragung aus New York eingesprungen ist. Sein Don Ottavio allerdings hat mich enttäuscht. Das war alles sehr gut gesungen und wie du sagst: man bangt um keinen einzigen Ton, aber zu Herzen gegangen ist er mir nicht. Welch ein Unterschied zu Michael Schade, dessen "Dalla sua pace" für mich zum schönsten gehört, was ich überhaupt jemals von orgendeinem Sänger gehört habe. :down
Das ist die Inszenierung, in der auch RV noch singen soll, oder?
Severina (09.04.2010, 17:04): Liebe Mina, ja, unsere Inszenierung ist ident mit der aus NY (und London und....) und auch caro Rolando darf ihr im Herbst Leben einhauchen :D Weißt Du, meine Kritik richtet sich gar nicht so sehr gegen diese konkrete Inszenierung - ehrlich gesagt kenne ich viel Schlimmeres von Zeffirelli - sondern die Tatsache, dass ein Regisseur landauf landab immer mit derselben Inszenierung hausieren geht. Das kann ich nicht nachvollziehen, mir wäre das viel zu langweilig. Regie ist meiner naiven Meinung nach ein kreativer Akt, der nicht wiederholbar ist, keine Fließbandproduktion wie diese Bohème. Ich beurteile meine Lieblingsbücher heute auch anders als vor 10 Jahren, und da verblüfft es mich einfach, dass sich Zeffirellis Sicht auf diese Oper offensichtlich nie geändert hat. Natürlich hat jeder Regisseur seine Handschrift, an der man ihn erkennen kann (Das wäre übrigens einmal ein spannender Thread!), aber das ist doch etwas anderes als geklonte Inszenierungen.
Was Beczala betrifft, so bremst ja auch bei mir seine nicht wirklich überzeugende Performance die ganz große Begeisterung. Wobei man aber bei ihm merkt, dass er wirklich an sich arbeitet, denn er hat schauspielerisch schon große Fortschritte gemacht. Im Rahmen seiner Möglichkeiten war er ein guter Rodolfo, Talent ist leider ein Geschenk, das man hat oder nicht, da kann man nichts erzwingen. Seine Stimme liebe ich aber wirklich, und da trifft wohl das gleiche zu wie bei Netrebko - beiden wird oft vorgeworfen, ohne Seele zu singen. Ich höre bei beiden anderes heraus, aber das lässt sich schlecht argumentieren wie alles, was nur auf der Gefühlsebene abläuft. Intonationsfehler kann man beweisen, "Seelenfehler" wohl kaum. Und das ist auch gut so, denn es wäre doch langweilig, wenn ein Sänger bei jedem Menschen das gleiche Echo hervorrufen würde. (ich kenne jemanden, der auch von Villazón behauptet, bei ihm klinge alles gleich...) Allerdings gebe ich zu, dass mich Beczalas Ottavio - ich habe ihn in Zürich gehört - auch nicht wirklich vom Stuhl gerissen hat. Dabei hatte ich vorher noch boshaft angemerkt, dass ihm dieser anämische Typ eigentlich liegen müsste..... :haha Damals stand er übrigens ziemlich gut im Futter, inzwischen hat er sehr abgenommen und präsentierte sich jetzt als Rodolfo rank und schlank. Es geht also, wenn man sich am Riemen reißt, und Beczalas Stimme hat durch den Gewichtsverlust ganz bestimmt nicht gelitten. lg Severina :hello
Severina (15.04.2010, 16:17): "Gibt es denn für Severina nur Traumpaare?" mag sich jetzt manchner genervt fragen, der sich an meine Bohème-Rezension erinnert. Nun, der Unterschied liegt im Artikel, denn während Netrebko & Beczala eine mögliche Traumpaarung unter mehreren waren, kann ich mir aktuell keine bessere oder auch nur gleichwertige Besetzung für die "Sonnambula" vorstellen als Natalie Dessay und Juan Diego Flórez. Zumindest was den Tenor betrifft, denn Flórez begeistert auch die Opernfans, die es mit dem Motto halten "Nur ein toter Sänger ist ein guter Sänger!" und in der Regel für alles, was gegenwärtig auf der Bühne der WSO passiert, nur ein mitleidiges Lächeln übrig haben.
Aber werfen wir erst einen Blick auf die Inszenierung, was rasch geschehen ist, denn Marco Arturo Marelli ist zur "Sonnambula" nicht viel eingefallen, was des Erzählens wert wäre. Er verlegt das Geschehen von einem Schweizer Dorf in ein vornehmes Sanatorium in den 50erjahren, ohne dass sich daraus ein Gewinn für die Geschichte ergeben würde. Wir befinden uns in einem Speisessal, der in einem Rundhorizont abschließt, von dem der linke Teil durch riesige Panaromafenster gebildet wird, die den Blick in eine bizarre Gebirgslandschaft frei geben. Daran schließt eine kleine Bühne an, auf der zur Unterhaltung der Kurgäste der Chor sein "In Elvezia non v'ha rosa...." anstimmt. Eine Galerie folgt auf halber Höhe der Rundung, wo eine Reihe von Liegestühlen vor den dort offenen Fenstern platziert sind, damit die Lungenkranken frische Lust atmen können. Deshalb fungiert ein Teil des Chores auch als Pfleger und Klinikpersonal, fährt Patienten in Rollstühlen durch die Gegend und ist mit medizinischen Handreichungen beschäftigt. Zumindest war das früher einmal so, inzwischen ist von diesem Teil der Regie nicht mehr viel übrig geblieben und der Chor steht die meiste Zeit herum und weiß sichtlich nicht so recht, was er tun soll. Alles ist sehr elegant in Chrom und Weiß gehalten, auch die Bar, die rechts die Bühne begrenzt und an der Lisa als eine Mischung von Bar- und Empfangsdame hantiert. Das linke Pendant bildet eine kleine Plattform mit einer ebenfalls verchromten Säule und dem Klavier. Hier ist Elvino schon am Beginn damit beschäftigt, das Brautkleid Aminas auf einem Ständer zu drapieren und das mit einem Trauerflor versehene Bild seiner Mutter darunter zu stellen. Die Art, wie er mit diesem Bild verfährt, weist ihn als ziemliches Muttersöhnchen aus. Offensichtlich sucht er weniger eine Geliebte als einen Ersatz für die Verblichene, die ihm ein genauso gutes Rösti auf den Tisch stellen kann. Ist es dieser Ansatz, dass es hier zwischen Flórez und Natalie Dessay wesentlich weniger prickelt als in der modernen und sehr gelungenen Inszenierung an der MET? Dass beide nach dieser so detailverliebten und psychologisch klug gestrickten Inszenierung mir der unsrigen nicht wirklich glücklich sind, kann ich ihnen absolut nicht verübeln. Denn zur Personenführung ist Marelli nichts eingefallen, was sich nicht schon automatisch aus dem Libretto ergäbe. Dafür verliert die arme Lisa im Zimmer des Grafen kein Tuch, sondern einen Strumpf und einen Schuh und muss einen ganzen Akt lang mit nur einem herumhumpeln, was aus mehreren Gründen lächerlich wirkt. (Die Frage, warum sie nur einen Schuh angezogen hat, darf man sich ebenso wenig stellen wie die, warum sie den verbliebenen nicht einfach auszieht....) Amina trägt bei ihrem ersten Auftritt ein Servierschürzchen und Häubchen, gehört also offensichtlich zum Personal, Teresa wirkt in ihrem grauen Kostüm wie ein Hausdame, und in welcher Beziehung Elvino zu der ganzen Gesellschaft steht, erschließt sich überhaupt nicht. (Vielleicht hat er sich ja als Kurgast in das hübsche Serviermädchen verknallt...)
In der Pause dürfte offensichtlich eine Lawine über das Sanatorium hinweggedonnert sein, denn durch die offenen Panoramafenster ergießt sich ein riesige Schneekegel in den Speisesaal, aus dem Reste der Tische und des Klaviers herausragen. Darüber wird die somnambule Amina balancieren, ein an sich harmloser Spaziergang, der das Entsetzen von Kurgästen und Pflegepersonal in keiner Weise rechtfertigt. Komischerweise scheint sich niemand Sorgen zu machen, dass sie barfuß und im Trägerhemdchen im Schnee herumstapft.....Da sie durch das zerborstene Fenster hereinkommt, muss sie wohl auch draußen schon so unterwegs gewesen sein, trotzdem kommt niemand auf die Idee, der Ärmsten wenigstens einen Mantel umzuhängen.
Kurz und gut: Szenisch kann man diese "Sonnambula" getrost vergessen, das ist alles sehr konventionell mit einem Schuss ins Absurde.
Aber in einer Bellinioper erwartet man sich keine aufregende Regie, sondern Belcanto, und diese Erwartung wurde gestern in schönster Weise erfüllt. Natalie Dessay hatte in letzter Zeit einiges Absagen müssen, auch Sonnambula-Vorstellungen in Paris, Gerüchte von einer Stimmkrise geisterten durch die Medien, sodass ich mit ein wenig Sorge ihren Auftritten in Wien entgegenblickte. Nun, von einer Stimmkrise war zumindest gestern nichts zu bemerken! Ihr sehr individuelles Timbre hat nichts an Schönheit eingebüßt, ihre Koloraturtechnik ist nach wie vor stupende, sie beherrscht das bruchlose An- und Abschwellen eines Tones bis hin zum filigranen Piano, das trotzdem noch bis in den letzten Winkel trägt, und bot eine Leistung, die nahtlos an ihre fulminante Marie in der "Fille du Regiment" anschloss. Leider kann sie sich als Amina, zumindest in unserer Inszenierung, schauspielerisch nicht so austoben, wie es ihrem Potential entspräche, obwohl sie wesentlich mehr herausholte als ihre Rollenvorgängerinnen. Ich verstehe daher auch gut, warum Natalie Dessay nur an Neuproduktionen interessiert ist und Repertoirevorstellungen ablehnt. Diese drei Aminas sind ihr Abschiedsgeschenk für Direktor Holender, der sie als junge Sängerin sehr gefördert hat.
Juan Diego Flórez - die Superlative langweilen allmählich, mit denen ich seit Jahren seine Auftritte bejuble. Aber für mich ist er einfach der unangefochtene König des Belcanto, mit dieser Technik, mit dieser Souveränität, mit dieser Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit singt im Moment kein anderer wie er. Flórez bietet höchste Stimmakrobatik, ohne dass es je steril klänge (Ich weiß, gerade das empfinden viele völlig anders!), ohne dass ich das Gefühl habe, da protzt einer mit seinen technischen Potenz, aber die Seele bleibt dabei auf der Strecke. Für mich liegt sehr viel Emotionalität in seiner Stimme, in seiner Interpretation. Das "Prendi, l'anel ti dono.." war mit so zarter Hingebung, mit so viel belcateskem Schmelz gesungen, dass man da selber nur dahinschmelzen konnte, mit dem fulminanten "Ah! Perque non posso odiarti..." brachte er das Haus zum Toben. Dass Flórez den Elvino auch ausgezeichnet spielen kann, wenn ihn ein Regisseur dementsprechen fordert, beweist er in der bereits gerühmten MET-Produktion (Für mich seine darstellerisch beste Leistung überhaupt), gestern musste man da leider wieder die üblichen Abstriche machen, sieht man von einigen gelungenen Szenen ab, z.B. das Schlussduett des 1. Bildes, das beide nicht nur herzergreifend sangen, sondern auch sehr überzeugend spielten.
Als Graf Rodolfo beeindruckte Michele Pertusi mit seinem klangvollen und stilsicher geführten Bariton und auch als Persönlichkeit. Besonders den Zwiespalt zwischen seinem Begehren angesichts der schlafenden Amina, die sich ihm in aller Unschuld praktisch auf dem Präsentierteller anbietet, und seinem Verantwortungsgefühl gestaltete er sehr überzeugend.
Teodora Gheorghiu debutierte als Lisa, und man muss dieser noch sehr jungen Sängerin zugestehen, dass sie ihre Nervosität zumindest im ersten Bild nicht ganz wegstecken konnte. Das wird bei der 2. und 3. Vorstellung sicher besser laufen, denn die Stimme gefällt mir gut und auch im Spiel wirkt Frau Gheorghiu sehr engagiert.
Einmal mehr bewies Janina Baechle, dass man auch aus kleinen Rollen - diesmal die Teresa - das Maximum herausholen kann. Ich fürchte, dass diese Sängerin wirklich ein Opfer des schon oft diskutierten Schönheitswahnes werden könnte, denn ihr starkes Übergewicht (Sie ist leider viel mehr als nur mollig....) wird ihr wohl die Rollen verwehren, die ihrer qualitätvollen Stimme zuständen. Schade, denn ich liebe ihr Timbre ganz besonders!
Am Pult erwies sich Marco Armiliato in gewohnter Manier als sehr sensibler Sängerbegleiter, der aber auch den Philis ihre oft nur zu deutlich hörbare "Belacanto-Unlust" austrieb und sie zu schwungvollem Musizieren animierte. Ich bedaure es wirklich unendlich, dass unser zukünftiger Direktor Dominique Meyer für diesen vorzüglichen Operndirigenten offensichtlich keine Verwendung hat.
Das Publikum, das während der Vostellung eher lahm gewirkt hatte und so manche Gelegenheit zu einem Zwischenapplaus nicht nutzte, flippte dann am Schluss doch so aus, wie es dieser Sternstunde des Belcanto angemessen war, und feierte speziell das Paar Dessay und Flórez mit großem Jubel und vielen Vorhängen. Natialie Dessay verabschiedete uns dann mit einem laut geschmetterten "Dankeschön!!!" Da konnte dann nicht einmal der strömende Regen der guten Laune etwas anhaben, als ich auf die Straßenbahn wartete.
lg Severina :hello
Fairy Queen (15.04.2010, 20:11): Mir fällt gerade der ganze Loreleifelsen vom Herzen!!!!!! :leb :leb :leb Sie singt weiter und das Traumpaar bleibt das Traumpaar. Leider total in Eile und mit Arbeit überflutet, aber meinen heissen freudig-seligen Dank für diesen Live-Bericht von der "Front"
F.Q.
Solitaire (16.04.2010, 09:55): Liebe Severina wieder einmal herzlichen Dank für deine lebendige Schilderung! Auch mir ist gerade ein Gebirge vom Herzen gefallen. :I Ich kenne diese oper schändlicherweise noch nicht, Karten für die Übertragung aus der MET habe ich damals nicht mehr bekommen. Was Florez angeht, bin ich hin- und hergerissen: er steht via mp3-player in meinem Sold und bei „A te o cara“ aus den Puritanern schmelze ich regelmäßig dahin, auf der anderen Seite kommt er mir sein Gesang schon manchmal ein bisschen arg kontrolliert vor, aber sei’s drum: daß er der zur Zeit beste Vertreter seines Fachs ist kann und will auch ich nicht leugnen. Ich kann mich nur immer wiederholen: ihr Wiener habt’s wahrlich gut!
Severina (16.04.2010, 11:19): Liebe Mina, ich verstehe schon was Du meinst, speziell wenn man Flórez mit unserem gemeinsamen Liebling vergleicht. Flórez würde sich nie so von seinen Gefühlen mitreißen lassen, dass er darüber die exakten Notenwerte vergisst, er ist ein absoluter Perfektionist (Das weiß ich von Freunden, die ihn schon bei Proben erlebt haben) und ist nur selten mit sich zufrieden. Du wirst von ihm auch nie einen Schluchzer oder ein Gestöhne hören, das widerspräche seiner puristischen Auffassung vom Singen total. Du musst bei ihm auch nie mitzittern, weil Du weißt, er hat alles 100%ig im Griff, da kann gar nichts schief gehen. Trotzdem ist er zumindest in meinen Ohren kein seelenloser Exekutor der Partitur (Das war Alfredo Kraus immer für mich, bei dem spürte ich nur eiskalte Kalkulation, aber null Gefühl), sondern legt seine Emotionen in jede einzelne Phrase. Allerdings spielt er auf einer anderen Gefühlsskala als Villazón - Rolandos Singen ist für mich pure Leidenschaft, eine Eruption der Gefühle, bei Flórez spüre ich eine sehr subtile Sinnlichkeit (Höre einmal bitte zu, wie er "Vieni!" singt, egal in welcher Oper, das ist Verführung pur, da werden einem doch die Knie weich. Bei Kraus hatte ich da immer nur das Gefühl, er pfeift seinem Hund :ignore) - Gänsehaut erzeugen beide bei mir. Ein wesentlicher Unterschied besteht sicher auch in der Beziehung zum Publikum: Rolando würde wirklich am liebsten über den Graben springen und jeden einzelnen umarmen und abbusseln, Flórez freut sich auch ehrlich über den Jubel und genießt ihn, trotzdem bleibt eine gewise Distanz zwischen ihm und uns. Und ich käme nie auf die Idee, von ihm als "Juan Diego" zu sprechen, das fände ich bei ihm unpassend, hingegen ist Villazón einfach unser aller "Rolando". Wobei ich nicht weiß, ob das eine spezielle Wiener Eigenart ist(oder Unart, je nachdem, wie man's sieht), seine Publikumslieblinge mit Vor- oder Kosenamen zu titulieren.
lg Severina :hello
Fairy Queen (16.04.2010, 11:34): Liebe Mina, in dem Fach in dem Florez singt, kann man als Publikum froh sein, wenn überhaupt noch ein Tenor das singen kann. Und da Tenöre von Natur aus offenscheinlich weniger koloraturbegabt sind als Soprane, ist das Belcanto Fach so schwierig für sie, dass sie Alles unter Kontrolle haben müssen, um diese virtuosen und oft mörderisch hohen Arien zu schaffen. Aber eine Vollblutschauspielerin wie Natalie Dessay reisst Florez dann schon acuh mal mit. In der Fille du regiment aus der Met war es jedenfalls so- die Beiden waren zum anbeissen! Ansosnten bin ich wie fast immer Sevis Meinung. :engel Mit der Sonnambula hast Du noch etwas ganz Tolles vor dir! Die Handlung ist zwar leicht "sonnambul" sprich nciht so ganz glaubwürdig, aber was für eine Musik!!!!!!! Die Arie des Rodolfo " "Vi ravviso" so kurz und schlicht sie ist, ist einer meiner Favoriten im gesamten Bassbariton-Repertoire. Seufz! Leider gibt es keine wirklich empfehlenswerte DVD bisher. Aus Zürich gibts recht gute Sänger(vor allen Dingen eva Mei als Amina) aber eine serh mässige Inszenierung Erzähl mal, wie die Oper dir gefällt , wen Du sie gesehn hast.
F.Q.
Solitaire (16.04.2010, 11:45): Hallo Fairy, ja ich denke auch, daß das Repertoire von Florez so sackschwer ist, daß er es sich gar nicht leisten kann, zu tun was RV tut, und wie gesagt: ich mag ihn ja auch und höre ihn wirklich gerne. Florez’ singt auf seinem Donizetti-Album die Furtiva lagrima, und ich denke, daß seine Version zu 100 Prozent Donizettis Beifall gefunden hätte. Bei RV bin ich mir da offen gestanden nicht immer so sicher.
Florez’ fand ich als Toni umwerfend, hier finde ich ihn auch überhaupt nicht kühl oder distanziert. Bei amazon gibt es die von Severina gerühmte Somnambula aus New York, wieder etwas für den Wunschzettel. :leb Was die Spitznamen angeht: ich denke nicht, daß das nur die Wiener tun. Irgendwo habe ich mal gelesen, daß RV im spanischsprachigen Raum von manchen Fans „El Niño“ genannt wird. Das sind dann aber wohl eher reizende ältere Damen, die ihn gerne zum Enkel oder Schwiegersohn hätten. :engel
Severina (16.04.2010, 11:51): Original von Fairy Queen Liebe Mina, in dem Fach in dem Florez singt, kann man als Publikum froh sein, wenn überhaupt noch ein Tenor das singen kann. Und da Tenöre von Natur aus offenscheinlich weniger koloraturbegabt sind als Soprane, ist das Belcanto Fach so schwierig für sie, dass sie Alles unter Kontrolle haben müssen, um diese virtuosen und oft mörderisch hohen Arien zu schaffen. Leider gibt es keine wirklich empfehlenswerte DVD bisher. Aus Zürich gibts recht gute Sänger(vor allen Dingen eva Mei als Amina) aber eine serh mässige Inszenierung Erzähl mal, wie die Oper dir gefällt , wen Du sie gesehn hast.
F.Q.
Liebe Fairy, völlig d'accord mit Deinem ersten Absatz - den Elvino mit der Emphase eines Rolando zu singen, ginge böse in die Hose!!!
Was die DVD betrifft, so finde ich die MET-Produktion hervorragend, ich liebe sie mit jedem Anschauen mehr. Die Grundidee ist doch wirklich originell, und die meiste Zeit geht das Konzept auch auf. Zugegeben, die Auftrittsarie des Grafen hängt irgendwie im luftleeren Raum, aber was ist nicht alles unlogisch in der Oper :wink Dafür ist der meist ein bisschen peinlich wirkende Schluss ausgesprochen witzig aufgelöst. Also ich würde diese DVD uneingeschränkt empfehlen!! Weniger glücklich bin ich mit der Situation bei den CDs, weil es da keine gemeinsame Aufnahme mit dem Dreamteam Dessay-Flórez gibt: Sie singt mit Francesco Meli, er mit Cecilia Bartoli :I
lg Sevi :hello
Fairy Queen (16.04.2010, 14:56): Liebe Sevi, ist das die Inszenierung von Mary Zymerman? Ich wusste nciht, dass es die schon als DVD gibt, wenn ja, ist das sicher eine feine Sach und kommt auch bei mir auf die liste. Ich habe sie ja im Kino gesehen und für gut befunden. Bartoli als Amina ist für mich SEHR gewöhnungsbedürftig- ich habe sie immer dabei in ihrem hautengen schweinchenrosa Kleid und vor Lebenslust aus allen Nähten platzend vor Augen. Kein bisschen sonnambul, weder stimmlich noch sosntwie. Und transponiert noch obendrein, nee, das ist nix für mich. Sie soll besserihre Rosina und Cenerantola mit Florez machen.
F.Q.
Wenn ich das spanische Wort für "Temperaments- Wuschel" wûsste,würde ich Rolandino so nennen...... :wink
Solitaire (16.04.2010, 15:00): Hallo Fairy, hier mal der Link: Sonnambula bei amazon Es ist die Inszenierung von Mary Zymermann und erfreulicherweise auch noch halbwegs bezahlbar! Ich überlege, ob ich heute Abend nicht einfach zuschlagen soll. Brauche ohnehin eine kleine Aufmunterung, was gibt es da besseres als eine Oper mit Happy End und tollen Sängern? :cool
Ingrid (16.04.2010, 18:52): Original von Solitaire Hallo Fairy, hier mal der Link: Sonnambula bei amazon
Obwohl schon durch die vielen Carmen-, Tosca- und Liederabendkartenkäufe mit JK/u.a.Garanca....in München fast pleite bin (wir müssen ja auch noch einen halben Monat was auf dem Teller bekommen), mußte ich jetzt natürlich auch unbedingt noch diese DVD mit Dessay/Flórez bestellen und die Londoner Carmen gleich mit. Schlimm, schlimm. Man sollte eigentlich um Severinas Rezensionen immer einen großen Bogen machen, aber so viel Selbstbeherrschung hätte ich ja nie :wink
Liebe Grüße Ingrid
Severina (18.04.2010, 00:08): Zum zweiten Mal konnte ich heute über eine rundum gelungene "Sonnambula" jubeln, und da ich die Vorstellung aus der Proszeniumsloge heraus verfolgen durfte, war der Genuss besonders groß, weil einem von so nahe natürlich kein Mienenspiel, keine noch so kleine Geste entgeht. Deshalb gefiel mir auch die Inszenierung diesmal viel besser, weil sich auf der Ebene der Figurenkonstellation doch einiges tut, was mir bisher aus der größeren Entfernung immer entgangen war.
Das genaue Hinschauen lohnte sich besonders bei den Damen, welche die Herren klar ausstachen, was das Spiel betrifft. Eine weitere Lobeshymne über Natalie Dessay erspare ich Euch, dafür möchte ich die Lisa von Teodora Gheorghiu heute besonders herausstreichen. Sie hatte ihre Nervosität vom ersten Mal abgelegt, führte ihre Stimme technisch sauber und erntete für ihre Arie viel verdienten Applaus. Vor allem aber spielte sie ganz großartig, war immer in der Szene drin und reagierte mimisch auf alle Vorgänge um sie herum. Besonders die unterdrückte Wut im ersten Bild, die Eifersucht auf das glückliche Paar Amina und Elvino, brachte sie mit vielen stimmigen Nuancen zum Ausdruck. In Janina Baechles Gesicht kann man immer wie in einem offenen Buch alle ihre Gefühlsregungen ablesen, ihre Teresa ist ein richtiges Muttertier, die wie eine Löwin für das Glück ihres Kindes (auch wenn es kein echtes ist) kämpft.
Was die Herren betrifft, so möchte ich ein Versäumnis gut machen und den Alessio von Tae Joong Yang positiv erwähnen. Er hat wirklich eine kräftige, angenehme Stimme, neigt aber leider ein wenig zum Outrieren.
Außerdem verliebte ich mich heute endgültig in die Stimme von Michele Pertusi: So samtweich und nobel phrasiert habe ich das "Vi ravviso..." noch nie gehört - das hätte sich Bravos verdient, nicht nur starken Applaus.
Die hob sich das Publikum für Juan Diego Flórez auf, der wie schon beim ersten Mal das Haus zum Toben brachte. Ich muss gestehen, dass er mir persönlich heute nicht ganz so gut gefallen hat, er schien ein wenig verkühlt zu sein, räusperte sich ständig und klang in den tieferen Lagen hin und wieder etwas belegt. Die Höhen knallte er zwar hin wie eh und je, sie waren aber nicht ganz so spektakuär wie schon gehört, speziell beim "Ah perche non posso odiarti" . Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Flórez bot eine ausgezeichnete Leistung, es war alles da, nur die Fleißaufgaben :wink fehlten halt diesmal. Und auch die hätten mir ohne den Vergleich zur ersten Vorstellung nicht gefehlt! Außerdem ist es natürlich unfair, von Flórez immer eine außergewöhnliche Leistung zu erwarten, man muss ihm auch zugestehen, halt einmal "nur" sehr gut zu sein. Denn das ist immer noch eine Klasse besser als die meisten seiner Fachkollegen zu bieten haben. (Außerdem ist alles relativ - die Dame hinter mir fand, er sei heute viel besser gewesen!)
Natürlich stand die Oper wieder Kopf, ich habe die Vorhänge nicht mitgezählt, aber es waren sehr viele. Beim letzten zupfte Flórez eine Rose aus einem auf die Bühne geworfenen Blumengebinde, kniete vor Natalie Dessay nieder und überreichte sie ihr mit der Noblesse eines spanischen Grande. Sie war so gerührt, dass sie glatt auf ihren obligaten Gute-Nacht-Gruß an das Publikum vergaß.
Auf eine "Sonnambula" darf ich mich noch freuen, die ich allerdings wieder aus einer größeren Distanz erleben werde.
lg Severina :hello
(Anmerkung von Billy: Severinas Bericht zur dritten Vorstellung der Serie findet sich hier)
Erna (18.04.2010, 13:48): Hallo zusammen!
Auch ich war gestern in der "Somnambula" und kann Severinas Eindrücke nur voll und ganz bestätigen.
Es war für mich ein wunderbarer Abend mit kleinen, aber wirklich nur ganz kleinen Abstrichen.
Natalie Dessay begann ihren Gesangspart sehr kontrolliert und etwas vorsichtig, fand aber dann bald zu ihrer gewohnten Form in Gesang und Spiel und bot eine berührende Amina, wie man sie heute wohl nur sehr selten zu sehen und zu hören bekommt.
Einen besseren Conte als Michele Pertusi habe ich in der Staatsoper noch nie gehört.
Juan Diego Florez war nicht in Bestform, was er gesanglich trotzdem bot, war für seine Verhältnisse zwar nur 98% seiner normalen Leistung, aber trotzdem konnte mich sein Elvino gesanglich und auch darstellerisch überzeugen.
Von den Nebenrollensängern gefielen mir Janina Baechle und Teodora Gheorghiu gesnaglich und darstellerisch, Tae Joong Yangs`s Stimme überraschte mich sehr angenehm.
Das Dirigat von Marco Armiliato überzeugte mich nicht restlos, an manchen Stellen hat das Orchester etwas geschleppt.
An die Inszenierung habe ich mich inzwischen ein wenig gewöhnt. Allzu gut gefällt sie mir aber auch jetzt noch nicht.
Lg. Erni
Severina (04.05.2010, 02:27): 3. Mai 2010: Georges Bizet, CARMEN
Ziemlich gemischte Gefühle hinterließ die heutige "Carmen" bei mir, die als musikalische Neueinstudierung zu einem letzten Höhepunkt der im Juni zu Ende gehenden Ära Holender werden sollte. Leider stand sie von Anfang an unter keinem guten Stern, und vom geplanten Dreamteam blieb letztlich nur Anna Netrebko als Micaela übrig. Rolando Villazón warf schon im Vorjahr im Laufe seiner Stimmkrise das Handtuch, Mariss Jansons musste vor einem Monat wegen akuter Herzprobleme aufgeben und vor einigen Tagen sagte auch Elina Garanca ab. Sicher keine leichte Situation für alle Beteiligten, denn das mediale Interesse an dieser "Carmen" war schon im Vorfeld groß, der Kartenvorverkauf am 7. April musste unter Polizeischutz(!) abgewickelt werden, und sogar der ORF, nicht eben für seine Kulturfreundlichkeit bekannt, ließ sich zu einer Übertragung herab. (Am 6. Mai zeitversetzt!)
Leider war es nur eine musikalische Neueinstudierung, szenisch blieb alles beim Alten bzw. bei der alten Zeffirelliinszenierung, von der aber nur mehr die Bühnenbilder vorhanden sind. Die sind, wie ich gerne zugebe, viel weniger kitschig als die vom Meister gewohnten opulenten Ausstattungsorgien, vor allem sehr dezent in der Farbgebung, die von Ocker bis Rötlichbraun reicht. Aber natürlich befinden wir uns bei Zeffirelli wirklich in Spanien - olé! Die Kostüme wurden erneuert, aber da gefielen mir die alten ehrlich gesagt bis auf das der Micaela besser.
Leider hat sich wohl niemand die Mühe genommen, auch eine szenische Neueinstudierung vorzunehmen oder wenigstens die alte aufzufrischen, denn heute vermisste man auch so manches Regiedetail, das durchaus schlüssig gewesen ist. Alles wirkte sehr vereinfacht, verflacht, genau wie die ursprüngliche Dialogfassung, die ziemlich zusammengestrichen wurde. Das vermisste ich nicht wirklich, denn mit Ausnahme von Nadia Krasteva klang das Französisch der anderen, nun ja, befremdlich, formuliere ich jetzt einmal höflich. Sie war die Einzige, bei der man das Gefühl hatte, sie könne tatsächlich fließend parlieren, während speziell Don José und Escamillo ihre kurzenTexte eher hölzern aufsagten und hörbar froh waren, dann wieder singen zu dürfen.
Nun steht und fällt eine Carmen mit der Sängerin der Titelpartie. Nadia Krasteva ist eine dunkelhaarige Schönheit und bringt also rein optisch alles mit, was man sich von dieser Partie erwartet. Sie kann auch auf Teufel komm raus flirten, ihre körperlichen Vorzüge sehr bewusst einsetzen und alle Männer kirre machen. Aber reicht das wirklich? Eine Carmen kann vieles sein: Ein erotisierendes Naturkind mit ungebändigtem Freiheitsdrang wie einst Agnes Baltsa in Wien, ein eiskalter Todesengel, wie Marina Domashenko in der Berliner Kusej-Inszenierung, eine von Lebensüberdruss und Ekel Gezeichnete wie Vesselina Kasarova in der Hartmann-Inszenierung in Zürich, für die der letzte Akt eigentlich eine Art Selbstmord ist. All das ist Nadia Krastevas Carmen nicht, aber was sie nun ist, ist mir auch heute nicht klarer geworden (Ich erlebe sie nicht zum ersten Mal in dieser Partie.)
Sie spielt eine temperamentvolle, lebenslustige junge Frau, die sich ihrer erotischen Ausstrahlung bewusst ist und mit Wonne alle Männer verrückt nach ihr macht. Schon in der ersten Szene wickelt sie alle um den Finger, einschließlich Zuniga und Don José. Was ihr völlig fehlt, ist die Vielschichtigkeit ihres Charakters, die rätselhafte Triebkraft in ihr, die sie auf das letale Ende zusteuern lässt. Die etwas laszive Frohnatur, die Nadia Krasteva mimt, passt zwar in den ersten und zweiten Akt, ganz bestimmt aber nicht mehr in den dritten. Man nimmt ihr auch die Berechnung nicht ab, mit der sie Don José in ihren Lebensplan integriert, sondern sie scheint sich wirklich Hals über Kopf in ihn verliebt zu haben. Noch nie wurde bei uns in einer "Carmen" derart viel geküsst und gekost wie heute, schon im ersten Akt bekommt Don José eine heftige Kostprobe davon, wie seine Belohnung für die Fluchthilfe ausschauen könnte. Schön und gut, aber für mich besteht immer ein besonderer Reiz darin, dass Carmen zwar Don José den Kopf verdreht, ihn aber zunächst an der langen Leine hält, viel verspricht, aber wenig gewährt, bis sich der emotionale Überdruck in dem Ärmsten dann nach der Blumenarie endlich entladen darf. (Bei Luis Lima spürte man immer förmlich, wie der Testosteronspiegel steigt...) Zumindest ist das in allen Inszenierungen so, die ich kenne, und es scheint mir auch plausibel. Nadia Krasteva hingegen begrüßt José bei Lillas Pastias derart stürmisch, dass er beinahe ein wenig überrumpelt wirkt, und nimmt damit der Szene aber viel von ihrer Dramaturgie, die eben auf einen emotionalen Höhepunkt nach "La fleur que tu m'avais jetée" hinsteuert. Carmen hält José doch bewusst hin bzw. auf Abstand, bis bei ihm alle Sicherungen durchbrennen und es kein Zurück mehr gibt, denn genau das ist ja auch ihr "Auftrag" von Dancairo. Zumindest empfinde ich das so. Vor allem aber passt diese Carmen dann überhaupt nicht mehr zur Carmen des 3. Aktes, denn dieses fröhliche Sonnenkind würde sich kaum von ein paar Spielkarten so einschüchtern lassen, dass sie ihrem Schicksal nicht zu entrinnen versuchete. Diese Carmen würde auf die Warnungen ihrer Freundinnen hören und eine Begegnung mit Don José vermeiden!! Auch Massimo Giordanos Darstellung des Don José deckt sich nicht ganz mit meiner Sicht auf diese Figur, aber er gestaltet ihn wenigstens aus einem Guss, es gibt keinen unerklärlichen Wandel in seinem Charakter. In einem Interview meinte der Sänger, entscheidend sei für ihn, dass José bereits einmal getötet hat, er also zu allem fähig ist. Nun, das ist sicher ein legitimer Ansatz, und den erfüllt Giordano auch: Sein José ist kein Muttersöhnchen, kein Sensibelchen, kein Außenseiter, sondern ein wenig zimperlicher Soldat, der gewohnt ist zu befehlen und sich zu nehmen, was er will. Dass er brutal zupacken kann, verrät schon die Art und Weise, wie er bei Carmens Verhaftung vorgeht - und das, obwohl er schon längst ein Auge auf sie geworfen hat. Denn auch das ist neu: Er ist nicht wirklich das unschuldige und willenlose Opfer von Carmens Blumenzauber, er lässt sich sehr bewusst auf das Spiel mit dem Feuer ein. Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass er von Anfang an entschlossen ist, sie entkommen zu lassen, da brauchte es keiner großen Überredungskünste. Für dieses Rasseweib hat er eine bessere Verwendung als sie im Gefängnis vermodern zu lassen! Auch im 2. Akt tritt er nicht als Bittsteller auf, sondern als einer, der seinen versprochenen Lohn einfordert, und als Carmen ein wenig herumzickt und ihn mit Zuniga reizt, hebt er die Hand zum Schlag, die er erst im letzten Moment wieder sinken lässt. Er erweckt den Eindruck eines Mannes, der sich nicht richtig in der Gewalt hat, der mit den Fäusten besser umgehen kann als mit Worten. Dazu passt, dass er im letzten Bild quasi von Anfang an die Hand am Messer hat, er Carmen nicht aus Verzweiflung, sondern in einem Wutanfall ermordet. Sein Geschluchze klang für mich wie pures Selbstmitleid, und ich muss gestehen, dass ich noch nie so wenig Mitgefühl für einen Don José aufbringen konnte wie für diesen.
Doch kommen wir endlich zum musikalischen Teil!
Nadia Krastevas wirklich schöner Mezzo klingt einschmeichelnd und verführerisch und kann in den ersten beiden Akten für sich einnehmen, ist aber zu wenig expressiv für die Carmen, was sich besonders im letzten Bild bemerkbar macht. Hier ist nicht braver Schöngesang gefragt, hier muss es "fetzen", wie der liebe Amfortas immer zu sagen pflegt, und davon war leider nichts zu spüren. Man muss wahrscheinlich einmal die Eruptivkraft einer Agnes Baltsa erlebt haben, um die Beiläufigkeit dieser Szene heute beurteilen zu können.
Massimo Giordano war mir von seinem Des Grieux in allerbester Erinnerung, heute allerdings brauchte er eine Weile, bis er seine Stimme richtig fokussiert hatte. Davor gab es immer wieder kleine Hoppalas, wo ihm ein Ton wegrutschte oder im Ansatz gepresst klang oder er nicht auf gleicher Wellenlänge mit dem Orchester lag. Aber "La fleur....." sang er wirklich sehr nuanciert, mit viel Schmelz und Strahlkraft in der Höhe. Das Publikum goutierte diese Leistung mit heftigem Applaus, und das löste wohl endgültig den Knoten, denn ab nun passierten Giordano keine Fehler mehr und er hatte auch noch die Kraft, im letzten Bild voll aufzudrehen, ohne dass die Gesangslinie dabei auf der Strecke blieb, wie bei so manchem Don José, der zu diesem Zeitpunkt nur mehr auf dem letzten Loch pfiff. Seine Schluchzer allerdings hätte er sich sparen können X(
Anna Netrebko gab heute ihr mit großer Neugierde erwartetes Rollendebut als Micaela, und zumindest von ihr kann ich nur Positives vermelden. Die Vorzüge ihrer Stimme habe ich in letzter Zeit oft genug gepriesen, für mich ist das purer Wohlklang, der sich satt und sinnlich in meine Gehörgänge schmiegt. Mag sein, dass sie nicht immer die exakten Notenwerte trifft, wie ihr immer wieder vorgeworfen wird, für mich zählt, dass sie mich mit ihren Singen zutiefst berührt. Und nicht nur mich, denn nach ihrer ungemein gefühlvoll interpretierten großen Arie "Je dis que rien ne m'epouvante..." kam erstmals so richtig Stimmung auf, denn Nadia Krasteva wurde nur mit Applaus, Massimo Giordano immerhin auch mit ein paar Bravos bedacht. Die Netrebko spielte auch recht überzeugend das schüchterne Mädchen vom Land, das es große Überwindung kostet, sich in die Höhle des Löwen zu wagen. Wirklich profilieren kann man sich mit der Rolle der Micaela nicht, außer sie wird vom Regisseur extra aufgewertet. Im Normalfall hat sie lieb und unschuldig zu sein, und das brachte Anna Netrebko überzeugend rüber.
Ildebrando D'Arcangelo ist natürlich ein prächtiger Escamillo, genau der Typ Mann, den man sich als verwegenen Toreador vorstellt. Etwas weniger imposant klang heute seine Stimme, er dürfte nicht seinen besten Tag erwischt haben. Hoch oben auf der Galerie, wo die Akustik an sich wunderbar ist, hatte man zeitweise Mühe ihn zu hören. Aber welcher Escamillo hatte mit dieser Partie keine Mühe? Außer Ruggero Raimondi und Samuel Ramey fällt mit im Moment keiner ein, und das ist schon lange her! (Und verglichen mit Erwin Schrotts meine Ohren malträtierendem Auftritt an der Scala bot D'Arcangelo heute eine tadellose Leistung!)
Andris Nelsons am Pult schlug meist ein recht zügiges Tempo an, für mich war es stellenweise ein wenig zu zügig, wenn ich ehrlich bin. Die große Begeisterung, die Nelsons Dirigate der "Pique Dame" und "Tosca" bei mir ausgelöst hatten, wollte sich heute nicht einstellen. Damit stand ich wohl ziemlich alleine, denn das Publikum zollte ihm ebenso große Zstimmung wie der Sängerschar.
Das "Applausometer" schlug bei Anna Netrebko eine Spur stärker aus als bei den anderen, aber großen Jubel gab es für alle, was mich ein wenig wunderte, denn in den Pausen konnte ich ziemlich viele skeptische Stimmen hören, speziell was Nadia Krasteva betraf. Ich bin jedenfalls froh, dass er ORF nicht schon die heutige, sondern erst die zweite Vorstellung überträgt, denn nun ist die erste Anspannung vorbei und so manche stimmliche Unebenheit wird am Donnerstag ausgebügelt sein.
Hoffentlich schauen sich viele Forianer diese "Carmen" im TV an, damit sich ein Meinungsaustausch ergibt! :D
lg Severina :hello
yago (04.05.2010, 06:37): hallo severina, danke f. deinen ersten bericht von dieser carmen. viell. bin ich auch so schnell wie du,mit meinem bericht am donnerstag. auf den austausch freue ich mich jetzt schon. lg yago
Fairy Queen (05.05.2010, 06:32): Liebe Sevi, ich habe annodazumal die Carmen in Wien mit Carreras und Baltsa unter abbado in der Zefirelli-Inszenierung gesehen und da das nciht nur mein allererster Bescuh in Wien und in einer oper von weltrang war, werde ich dieses überwältigende ereignis niemals vergessen. Verrückt wie ich damals mit 20 Jahren war, hatte ich mir sogar mitten im schweinekalten Jänner einen Kleid im Carmenlook angezogen und ich werde Agnes Baltsas Wahnsinnsausstrahlung in dieser Rolle mein Lebtag als Vorbild vor Augen haben. Dass es diese naturalistische Inszenirung immer noch gibt, erstaunt mci haber nun doch...... :D Was mich auch erstaunt ist, dass Netrebko, sich vom Temperament her eigentlch eine tolle Carmen abgeben müsste, sich so unaufdringlich in die Micaela Rolle eingepasst hat, ohne dass sie von der Regie aufgewertet wurde. Das sprciht wirklch für sie udn dasss die Stimme für grosse lyrische rollen am besten ist, sag ich ja schon immer. Ich hoffe, sie verlegt sich jetzt endlich ganz auf dieses Fach!
Gut , dass eure Carmen wenigstens eine richtige Schönheit ist, sonst hätte Anna ihr noch glatt die Show gestohlen.
Giordano ist nach meinen diversen Hörerfahrungen an der MET wirklch ein iron Tenor- zuverlässig auch in den schwierigsten Partien. Begeistert hat er mich allerdings nie und sein Ausdrucksspektrum als Bühnenfigur schient mir doch arg begrenzt.
Für mich hat Don José ncihts Grobklotziges an sich eher etwas beinahe einfältig in den Wahn getriebenes- gerade das ist ja sein Drama. Wie überzeugend war doch da Jonas Kaufmann!!!!!
Das Garanca abgesagt hat, hängt ja evtl auch mit ihren mitstreitern zusammen? Vielleicht hatte sie Angst vor Netrebko und keine Lust auf Giordano????? :D
F.Q.
Severina (05.05.2010, 12:21): Liebe Fairy, ja, das waren noch Zeiten. Wobei meine Traumpaarung Baltsa&Lima hieß, was die beiden auf die Bretter zauberten, wird wohl nie wieder getoppt werden. Carreras war ja auch eher eine Schlaftablette, lief aber an der Seite der Baltsa immer zur Höchstform auf, weil se wohl als Einzige immer den Knopf fand, ihn aus seiner Lethargie aufzuwecken.
Was Anna Netrebko betrifft, so wurde ihr das Superdiva-Etikett ja nur von der Presse umgehängt, in Wahrheit ist sie - das bestätigen mir alle meine Freunde, die beruflich mit ihr zu tun haben - eine völlig unkomplizierte, unprätentiöse Person, die sich problemlos in jeden Ablauf einfügt und nie irgendwelche Sonderwünsche hat. Diese charakterliche Grundhaltung zeigt sich eben auch auf der Bühne, wo sie ihren Platz im Ensemble einnimmt, ohne sich in den Mittelpunkt spielen zu müssen. (Nur als Beispiel: Die Dame in der Portiersloge in Zürich erzählte mir, dass AN bei ihrem ersten Engagement zu ihr in die Loge trat, die Hand reichte und sich namentlich vorstellte. Klar, ein Akt der Höflichkeit, zu dem sich aber Künstler vom Rang einer Netrebko nur selten herablassen - die setzen voraus, dass man sie selbstverständlich erkennt und rauschen mit einem kurzen Gruß vorbei.)
Von Giordano war ich ziemlich enttäuscht, ich hoffe, am Donnerstag hat er wenigstens seine Stimme besser im Griff. Aber ich stehe mit meiner Meinung nicht alleine, inzwischen habe ich mit vielen gesprochen, die sich aufgrund seines wirklich schön gesungenen Des Grieux mehr von ihm erwartet hätten. Und der Mann steht uns im nächsten Jahr einige Male ins Haus, zusammen mit Cura, Shicoff und Alagna - alles meine "Bitte-nein-Tenöre" :( Triste Aussichten.....
lg Sevi :hello
PS: An Garancas "Krankheit" glaubt hier niemand, die meisten neigen der Version zu, dass sie ihren Göttergatten als Jansons-Ersatz durchbringen wollte, und als Holender das mit gutem Grund verweigerte, habe sie eben abgesagt. Im Unterschied zu Netrebko ist sie nämlich nicht frei von Starallüren, und das sage ich schweren Herzens von meiner Lieblingssängerin :I
yago (05.05.2010, 17:31): Original von Severina... inzwischen habe ich mit vielen gesprochen, die sich aufgrund seines wirklich schön gesungenen Des Grieux mehr von ihm erwartet hätten. lg Sevi :hello
als des grieux habe ich ihn erlebt und hoffe daher auch,dass er morgen gut bei stimme ist.darstellerisch verspreche ich mir nicht all zu viel von ihm.
agnes baltsa habe ich auch vor ein paar jahren als carmen in wien gesehen und war von ihrer ausstrahlung auch sehr angetan.
bei garanca vermute ich das gleiche,wie du ,liebe severina. aber ich freue mich auch auf nadja krasteva.(im cowboyoutfit vor 2 jahren(?) hat sie mir gut gefallen) lg yago
Severina (06.05.2010, 22:58): Au weia, ich hatte ja gehofft, dass sich bei der 2. Vorstellung alle steigern würden, nachdem der mediale Druck nun weg ist, aber zumindest im Fernsehen klingt es noch enttäuschender als am Montag - Giordano drückt auf die Stimme und singt alles in einer Einheitsfarbe, dafür hat man wohl seine brutale Gestik etwas gedämpft.
Nadia Krasteva gewinnt durch die Nahaufnahmen nicht wirklich, sie wirkt noch langweiliger als aus der Entfernung. Nein, das ist keine Carmen, Agnes Baltsa zumindest in Wien immer noch ohne Nachfolgerin.
Nur Anna Netrebko ist in jeder Beziehung ein Vergnügen, vor allem sieht man in der Fernsehübertragung, wie überzeugend und mit wie vielen Details sie ihre Micaela gestaltet. Die Szene mit José im 1. Akt, wo sie nur mühsam ihre Gefühle für ihn verbergen kann, ihre wachsende Enttäuschung, weil er sie nicht und nicht küssen will, obwohl sie ihm schon beinahe weiter entgegenkommt, als es für ein anständiges Mädchen schicklich ist, ihr resignativer Abschied - das spielt die Netrebko einfach großartig. Da stimmt jeder Blick, jede Geste, alles wirkt völlig natürlich, nichts übertrieben oder aufgesetzt. Bravo, kann man dazu nur sagen.
Ich glaube, den letzten Akt schwänze ich. Der Schluss war schon am Montag mehr als lahm, das will ich mir nicht noch einmal antun. :(
Schaut sonst noch jemand zu? Ich wäre sehr neugierig, wie Ihr diese Übertragung empfindet!!!
lg Severina :hello
Ingrid (07.05.2010, 00:50): Liebe Severina,
auf Deine Rezensionen ist immer Verlass. Diese Carmen hätte ich mir deshalb tatsächlich sparen können. Wie schade, dass Du Mai/Juni nicht nach München kommen kannst, um zu vergleichen. Unsere Carmen-Inszenierungen unterscheiden sich kaum und deshalb wird es wirklich spannend, ob es zwischen Carmen (Garanca) und Don José (JK) so knistert, wie es sich gehört und auch mit sich langsam aufbauendem Testosteronspiegel, denn so war es Oper, aber kein Schauspiel und vieles ziemlich unglaubwürdig.
Bei Massimo Giordano vermisste ich nicht nur die langen Haare. Er agierte beinahe wie eine Marionette (den Schluss fand ich jetzt noch ganz gut) und auch seine Stimme war irgendwie eintönig. Er gehörte als Werther und Don Carlos eigentlich zu meinen Lieblingen und heute war ich richtig enttäuscht. Wahrscheinlich bin ich inzwischen schon so JK-verseucht, dass mir keine andere Stimme mehr so richtig gut gefällt. Schauspielerisch kommt sowieso kaum jemand an ihn dran (außer Rolando natürlich :) )
Obwohl ich die Mailänder Inszenierung z.T. scheußlich fand, würde ich sie inzwischen, mit der richtigen Besetzung natürlich, Eurer und auch unserer Carmen sogar vorziehen und auch lieber Erwin Schrott als Escamillo sehen, obwohl diese Rolle wirklich nicht zu seinen Stärken gehört, aber schauspielerisch hat er auch D'Arcangelo in den Schatten gestellt. Denke noch mit großer Freude an den Kampf der beiden Liebeshungrigen.
So, jetzt muss ich aber schnell ins Bett. Gute Nacht Ingrid
yago (07.05.2010, 00:50): hi sevi, ich komme eben aus der oper und sehe das ganze nicht so streng. natürlich sind die wiener verwöhnt,was seine darsteller anbelangt und ich bin nicht unbedingt überzeugt davon,dass es (so viel) besser geworden wäre,wenn keiner der ursprünglichen ausgefallen wäre. mir hat es sehr gut gefallen. die inszenierung kenne ich ja schon von der ein oder anderen fernsehübertragung,bzw. von vor ein paar jahren mit agnes baltsa.
aber im einzelnen. star des abends war eindeutig anna netrebko,die es einfach versteht,sich in eine produktion einzubringen. sie nimmt einem ein,mit einer natürlichkeit,fern von jeder aufdringlichkeit und mit einer ungemeinen ausdruckskraft. ihr sopran ist um einiges dunkler geworden,hat aber keinesfalls an farben verloren.ihr gesang kommt da an,wo er für mich ankommen muss.sie spricht alle sinne an und es fasziniert mich immer wieder sie auf der bühne zu erleben.
nadja krasteva fand ich aber im gegenteil zu dir,auch nicht ganz verkehrt. sie hat zwar im interview gesagt,für sie ist die carmen,mehr panther als katze. so kam es bei mir zwar nicht an,aber sie hat mir durchaus gefallen. ich habe sie eher streckenweise,als ganz schöne hexe empfunden. sie geizte nicht mit ihren reizen und ich fand nicht,dass sie dafür nur den augenaufschlag eingesetzt hat. ich empfand das schon ganz schön körperbetont. an ihren gesang kann ich auch nicht unbedingt was aussetzen. am schluss kam es bei mir so rüber,als hätte sie sich tatsächlich in escamillo verliebt und für don josé hatte sie nur noch verachtung übrig.
massimo giordano hingegen kam mir vor wie ein "geschlagener hund",er konnte einem fast leid tun. gesanglich ,da schien es zwar streckenweise schon so,als sei alles ziemlich einfarbig,allerdings im 4. akt fand ich ihn schon sehr verzweifelt und das kam auch in seinem gesang rüber. von der gestik her scheint er tatsächlich(von wem auch immer),eingebremst worden zu sein.wenn ich da an seinen des grieux denke,so war das heute um einiges besser.trotzdem blieb er blass.gesanglich dürfte ihm der des grieux aber besser liegen.
illdebrando d´arcangelo als escamillo hat mich sehr,sehr angesprochen.so stelle ich mir einen toreador vor.er hat mich von a-z beeindruckt.(zum verliabn und net zum kriagn)*g*
bei adrian eröd geht´s mir wie dir.ich liebe ihn einfach.er ist grossartig.schade,dass seine rolle sooo klein war-
fraquita u. mercedes (anita hartig u. zoryana kushpler) waren gut,da gibt´s gar nichts auszusetzen.
alexandru moisiuc als zuniga gefiel mir überhaupt nicht. auch remendado u. dancairo(herwig pecoraro u. tae joong yang) haben mich nicht überzeugt.
zu guter letzt andris nelsons hielt die zügel ziemlich stramm und fegte drauf los,dass es eine freude war,dem staatsopernorchester zu lauschen.
sicherlich erlebte die wiener staatsoper schon andere sternstunden,aber der heutige abend war durchaus beachtlich. lg yago
Severina (07.05.2010, 01:14): Lieber Yago, das freut mich ehrlich, das Du es doch genossen hast und sich die Wienreise gelohnt hat :D. Ich habe halt in alten Zeiten so viele tolle Carmenaufführungen gesehen, dass ich nicht leicht zufrieden zu stellen bin, und Nadia Krasteva ist definitiv nicht meine Carmen. Bei der Fernsehübertragung wurden ihre Defizite in der Rollengestaltung mehr als deutlich, und ich war auch sehr erstaunt, dass sie bei Weitem nicht so attraktiv ist, wie sie aus einiger Entfernung wirkt.
Dafür sind wir und beim schönen Ildebrando einig :wink - sollen wir Hölzerl ziehen :D????? Dass Adrian Eröd für so eine Minirolle einspringt - ursprünglich war Boaz Daniel vorgesehen - spricht für seinen Ensemblegeist, denn inzwischen hat er doch einen Status erreicht, wo er einen Morales nicht mehr singen muss.
Und wenn man einmal einen Jonas Kaufmann oder Rolando Villazón als Don José erlebt hat, kann man über einem Massimo Giordano mit dieser matten Performance wirklich nur verzweifeln - gell, Ingrid??? :D Ich war auch enttäuscht, denn als Des Grieux hat er mir wirklich gut gefallen, obwohl ich doch über die Absage von Jonas Kaufmann so enttäuscht war, dass es sein Ersatz sicher nicht leicht hatte, bei mir zu punkten.
Andriss Nelsons gefiel mir heute besser, es gab keine Pannen zwischen Bühne und Graben - zumindest so lange ich zugeschaut habe, ich muss gestehen, dass ich nach der großen Micaela-Arie nur mehr hin und wieder einen Blick ins Fernsehzimmer geworfen habe :S Peinlich sind natürlich seine Generalpausen, wenn das Publikum sie nicht zum Applaus benützt. Da tat mir Nadia Krasteva im ersten Akt fast ein bisschen Leid, obwohl die Nichtreaktion der Leute völlig OK war gemessen an der Qualität ihrer Arie.
Ich wünsche Dir noch schöne Tage in Wien, ich entfleuche morgen aufs Land!
lg Sevi :hello
yago (07.05.2010, 01:38): ...ich bin gar nicht so davon überzeugt,dass es zwischen don josé und carmen knistern muss. wenn,dann wäre das ganze ziemlich einseitig,denn carmen ist nicht f.d. liebe geschaffen. ich hatte zwar das gefühl,dass zw. ihr u. escamillo liebe im spiel ist,auch von ihr aus,aber mit don josé hat sie nur gespielt. und der arme stand daneben,wie ein begossener pudel.(im warsten sinne des wortes) wäre massimo giordana nur annähernd gesanglich so gut gewesen,wie bei seinem einspringen in manon,hätte mich das natürlich auch heute mehr gefreut. sicherlich würde ich alles dafür geben,mal rolando villazon in dieser rolle zu sehen,das wäre schon ein ereignis,aber viell. spielt´s das ja irgenwann mal. auch jonas kaufmann würde ich gerne mal live erleben(egal welche rolle),bisher kenne ich ihn nur vom TV. nadja krasteva hatte zwar nicht das feuer einer agnes baltsa in sich,aber so,wie sie die rolle angelegt hat,schien sie mir durchaus plausibel. zum vergleich garanca zu sehen,wäre sicher interessant.(die ganz bestimmt,von der anlage her schon eine ganz andere carmen abgeben würde). lg yago
Solitaire (07.05.2010, 17:56): Ich hoffe, ich trete niemandem auf die Füße, aber ich muß sagen, daß ich gestern Abend ehrlich entsetzt war: diese Inszenierung ist für mich hart an der Grenze zur Opernparodie. Sie kam mir vor wie ein Paar alte, zerfledderte, abgenutzte Schuhe und es hätte herausragender Bühnenpersönlichkeiten bedurft, in ihnen zu tanzen. Gestern konnte davon, zumindest in den beiden Hauptrollen, keine Rede sein. Icg muß allerdings zugeben, daß ich nicht die ganze Oper gesehen habe: da ich gestern Abend Chorprobe hatte und müde war, habe ich nur von der Seguidilla bis zu Micaelas Arie im dritten Akt zugeschaut. Stimmlich fand ich die Aufführung solide, aber nicht aufregend, mich hat das Ganze an das Stadttheater von Katzenpfotenhausen an der Pimpel erinnert, nur mit besseren Sängern. Ausdrücklich ausnehmen möchte ich Anna Netrebko, die ich hervorragend fand, ich bin eigentlich kein ausgesprochener Netrebko-Fan, aber ich muß zugeben, daß ihre Stimme beinahe täglich schöner zu werden scheint und ich freue mich schon ganz doll auf eine Desdemona oder Tosca von ihr. Ihre Stimme ist wirklich der pure Wohllaut wie Severina so treffend bemerkt hat, außerdem war sie gestern Abend wunderschön und ich gestehe gerne, daß ich dafür durchaus empfänglich bin. Dieser Don José war solch ein Idiot! :D Massimo Giordano hat mir stimmlich weder besonders gut noch besonders schlecht gefallen., Da hat er im Pausengespräch noch gemutmaßt, daß José vermutlich bereits vor seiner Bekanntschaft mit Carmen gemordet hat (was ich auch glaube), und dann merkt man ihm so gar nichts davon an. Es tut mir leid, aber da waren Villazón in Berlin oder Shicoff wo immer er die Rolle gesungen hat schon eine ganz, ganz andere Hausnummer. Die musste man nur anschauen und man wusste, daß da irgendwas ganz und gar nicht in Ordnung ist, von der geradezu beunruhigenden Intensität ihres Gesangs mal ganz abgesehen. Ich finde schon, daß es zwischen Carmen und José knistern muß, denn es geht in der Oper zwar nicht um Liebe, aber doch um Anziehungskraft, Machtspielchen (sexuelle) Hörigkeit, rasende Eifersucht und einen Mann, der langsam in den Wahn abgleitet und damit war Giordano m.E. ebenso überfordert wie seine Carmen und geknistert hat rein gar nix. Was diese Carmen darstellerisch abgeliefert hat war m.E. eine Altherrenphantasie: Straßenmädchen-Make-Up, Goldschmuck, buntes Kleid, Postkarten-Zigeuner-Charme. Sowas hing früher als Bild in so mancher Wohnstube :ignore Ihre Stimme fand ich okay aber nicht herausragend. Von D’Arcangelo war ich leider, leider ebenfalls etwas enttäuscht. Ich sehe es ja mal wieder wie Severina und finde, daß man nur selten einen wirklich guten Escamillo zu hören bekommt (und ich hier in der Provinz noch seltener): viele scheinen z.B. das Torrerolied mit einem Gassenhauer zu verwechseln, wozu es ja auch leider Gottes immer mehr verkommt, dabei ist das eine unglaublich geschickt komponierte Erzählung die doch von der Spannung dessen was Escamillo schildert leben sollte, aber wenn mal wieder ein Bariton in die Runde brüllt, daß es in der Arena plötzlich totenstill wird („Tout d'un coup, on fait silence...“) habe ich eigentlich schon keine Lust mehr ihm zuzuhören. Leider hat auch D’Arcangelo nicht ganz von dieser Unsitte lassen können und so wiurd bis auf Weiteres wohl Ruggero Raimondi mein unangefochtener Lieblings-Escamillo bleiben. Dabei ist der gute Ildebrando so ein fesches Mannsbild! Nur leider meint er seinen testosterongetränkten Supermacho todernst und ihm fehlt leider völlig der Funke Ironie und Witz die die erotische Ausstrahlung dieses Charakters für mich überhaupt erst ausmachen. Schade, schade.
Witz und Esprit hat nach meiner unmaßgeblichen Meinung der ganzen Inszenierung gefehlt, was vielleicht daran liegt, daß sie ja schon sehr alt ist und, wie Severina erwähnt hat, offenbar nicht „aufpoliert“ wurde. Mir hat nicht alles an der Carmen-Insznierung von Martin Kusej in Berlin gefallen (und vor allem fand ich Norah Ansellem als Micaela grausam), aber es war doch eine Inszenierung mit einigen unvergesslichen Bildern (Kartenarie!) und einer interessanten Personenregie, die hat mir gestern wirklich gefehlt. Ich bin immer noch auf der Siuche nach DER Carmen auf DVD. Die Kusej-Inszenierung habe ich vom Fernsehen aufgenommen, und irgendwann werde ich wohl die Aufnahme mit Agnes Baltsa kaufen, leider singt sie nicht mit dem von mir so verehrten Neil Shicoff, sondern mit José Carreras, aber man kann nicht alles haben. Wie auch immer: für Anna hat es sich doch gelohnt, durchzuhalten.
Ach und noch eine Frage: war Adrian Eröd der kleine dicke Schmuggler der mir so gut gefallen hat? Einer der beiden (Remendaddo? Dainquairo?) hat mir SEHR gefallen.
Rideamus (07.05.2010, 18:11): Liebe Solitaire,
:thanks für diese Ausführungen, die mich darin bestätigen, dass ich keinen Fehler gemacht habe, indem ich etwas anders sah, so sehr mich die Micaela von Anna Netrebko reizen würde, die möglicherweise die beste seit Mirella Freni ist (???). Die - um mit Severina zu sprechen - "Schlaftablette" Nora Amsellem hat jedenfalls weder in London noch in Berlin überzeugen können, aber auch andere bleiben in dieser nicht sehr dankbaren Rolle meist schwach, weshalb es selbst jenseits ihrer offenbar stark verbesserten Gesangskunst eine rühmens- und dankenswerte Idee war, diese Rolle mal mit dem prominentesten Star zu besetzen. Schon deswegen ist es besonders schade, dass die Carmen selbst durch die Absage von Elina Garance so stark an Appeal eingebüßt hat.
Was nun die "beste" CARMEN angeht: Darf ich ausnahmsweise auf einen von mir gestarteten Thread in dem anderen dem anderen Forum verlinken? Da steht nämlich schon eine ganze Menge von dem drin, was Du vielleicht noch wissen möchtest. http://www.capriccio-kulturforum.de/oper/848-bizet-carmen-%E2%80%93-zum-anschauen-auf-dvd-und-im-fernsehen/
:hello Rideamus
Solitaire (07.05.2010, 18:33): Hallo Rideamus! Vielen Dank für den Capriccio Tip, ich werde mal stöbern! :) Ja, ich denke, es war kein Fehler etwas anderes zu sehen. Daß im Übrigen auch eine SEHR konventionelle Postkarten-Carmen lohnend sein und begeistern kann, haben für mich Julia Migenes, Placido Domingo, Ruggero Raimondi und Faith Esham im „Carmen“-Film von Francesco Rosi bewiesen. Hier wird auch das Rad nicht neu erfunden, aber es sind Künstler mit Stimme UND Ausstrahlung am Werk.
Fairy Queen (07.05.2010, 22:36): Ich wollte noch kurz auf zwei eine andere herausragende Micaëlas aufmerksam machen: Ileana Cotrubas und Helen Donath, eine mit Domingo als Don José , ich weiss aber nciht mehr welche der Beiden . Die grosse Arie ist wahrlich kein Spass, wird auch gerne zu Prüfungen hier genommen, und im Duett muss man eine serh gute Mittellage haben. Je grösser die Stimme des Tenors, desto schwieirger wird das und desto schwerer muss der Sopran besetzt werden. Giordano und Netrebko geht gerade noch, denke ich, denn diesem Don José kann man keine leichte lyrische Micaëla unterjubeln, die wird plattgemacht. Ich sollte das Duett mal mit einem Gesangsklassentenorkollegen singen, aber hab nach dem ersten Versuch gestreikt. Das ist wirklich eine Rolle für grosse lyrische Soprane, serh undankbare Tessitur, wenig echte Höhe und wenn dann gleich ins dramatische. Wie Bizet da an ein unschuldiges junges Mädchen gedacht hat, ist mir rätselhaft. Sicher eine sehr gute Rolle für Netrebko, wie ja auch hier allgemein deutlich. wer war denn Frenis Don José? bonne nuit
F.Q.
Rideamus (08.05.2010, 01:42): Original von Fairy Queen Wer war denn Frenis Don José? bonne nuit
F.Q.
Sie sang dieser Rolle sehr oft, für Pierre Dervaux und Karajan mit Franco Corelli
und Jon Vickers, für Frühbeck de Burgos auch mit Vickers, für Ozawa mit Neil Shicoff, aber bei Karajan finde ich sie am besten, auch wenn die Aufnahme insgesamt keine sehr idiomatische Opéra comique ist.
Ileana Cotrubas sang eine in der Tat vorzügliche Micaela mit Domingo in Abbados vorzüglicher, wenn auch etwas temperamentgebremster CARMEN. Eine wunderbare Micaela sang (natürlich!) auch Hilde Güden neben der Carmen der leider gerade verstorbenen Giulietta Simionato und dem fast etwas zu kultivierten Don José Nicolai Geddas 1954 in Wien.
Mit Faith Esham in dem CARMEN-Film bin ich nicht ganz so glücklich wie mit den übrigen Hauptrollen. Gleiches gilt für Leona Mitchell, die aber auf der MET-DVD immerhin ein gut kontrastierendes Gegenstück zu Agnes Baltsas Carmen ist, allerdings deutlich hinter Katia Ricciarellis Micaela in Karajans cd-Box mit Baltsa (für mich die ideale Carmen) und Carreras zurück steht.
Keinesfalls übersehen sollte man übrigens auch Janine Micheaus hervorragende Micaela in Thomas Beechams zu Recht legendärer CARMEN mit Victoria de los Angeles und einem optimalen Nicolai Gedda. Anna Netrebko hätte also früher durchaus stärkere Konkurrenz gehabt als heute, scheint sich aber selbst gegen die sehr gut zu halten. Doch ein Grund, in die Übertragung wenigstens mal für ihre Szenen hinein zu schauen.
:hello Rideamus
yago (08.05.2010, 14:12): lieber solitaire, keine soege. die wiener "carmen" ist sehr ähnlich all der zeffirelli-carmens weltweit. ich finde zwar in NY ist das bühnenbild etwas besser gelungen,aber im grunde ist sie nicht anders.
vor ein paar wochen habe ich von der hamburger carmen berichtet,die fand ich um längen schlimmer,als die wiener. meine immer noch lieblingscarmen-inszenierung kann man im aalto opernhaus essen sehen.(hilsdorf) lg yago
Severina (10.05.2010, 20:27): Liebe Mina, Du trittst mir überhaupt nicht auf die Füße, weil ich mit Dir völlig d'accord bin, was die Inszenierung und die Aufführung insgesamt betrifft. Ich habe es live kein bisschen spannender gefunden als drei Tage später im TV, und das will etwas heißen. Leider bin ich immer noch auf der Suche nach einer idealen Einspielung der "Carmen", weil mich auf jeder CD oder DVD etwas stört, im Falle der Berliner und Londoner Aufnahme in erster Linie Norah Ansellem.
Dürfte ich zaubern, wäre meine Traumbesetzung Baltsa, Villazón/Kaufmann, Netrebko (Oder Genia Kühmeier, die beste Micaela, die ich in den letzten Jahren an der WSO gehört habe. Sie hat ebenso wie Anjuschka den Rest des Ensembles an die Wand gesungen :down ) und Ruggero Raimondi. Tja, leider spielt es das nicht, daher warte ich weiter auf meine ultimative Carmen-Konserve :I
lg Severina :hello
Severina (31.05.2010, 00:58): Ein Jahr nach der PR stand "Eugen Onegin" in der Regie Falk Richters wieder auf dem Programm der WSO, von der PR-Besetzung blieb allerdings nur mehr Nadia Krasteva als Olga übrig.
Die Inszenierung, die mich von Anfang an nicht überzeugt hat, ist schon nach so kurzer Zeit ziemlich verschlampt, sodass von den spärlichen guten Ansätzen kaum mehr etwas übrig geblieben ist. Zur Erinnerung: Richter siedelt seinen Onegin in einem Niemandsland aus Eis und Schnee an - in 5 der 7 Bilder dieser Oper schneit es ununterbrochen auf der Hinterbühne, auf dem weißen Boden bilden verschieden große Eisblöcke das einzige bewegliche Inventar. Sie dienen im ersten Bild als Sitzgelegenheiten, im 2. - mit braunen Fellen bedeckt - als Bett und Schreibtisch Tajanas, im 3. bilden sie eine lange Tafel, über der verschieden lange Leuchtstäbe hängen, was optisch nicht schlecht wirkt, speziell von der Galerie aus. Im ersten Bild stehen im Hintergrund 6 Liebespaare, in ihrer Umarmung erstarrt - sie tauchen auch später immer wieder auf. Alles klar - wir befinden uns in einer Welt, in der ein dicker Eispanzer über den Menschen und ihren Gefühlen liegt, ohne konkrete Hinweise auf Ort und Zeit. Nun, das braucht's auch nicht, die Frage ist nur, ob diese Szenerie tatsächlich mit Text und Musik korrespondiert. Ich höre und lese anderes heraus. "Erstarrt" in seiner Gefühlswelt ist vielleicht Onegin, ganz bestimmt aber nicht die sensible Tatjana, die lebenslustige Olga, der verliebte Dichter Lenski. Ohne Eisblöcke kommt nur das letzte Bild aus, in dem es zwar immer noch schneit, der Schnee aber nun golden aufleuchtet und wie die Schnüre eines Perlenvorhanges wirkt. Die Seitenwände werden von perforierten Platten gebildet, die von hinten beleuchtet sind und die Zwischenräume schwarz erscheinen lassen, während eine sanft ansteigende, metallisch schimmernde Treppe als Spielfläche dient. Wenn sich der Vorhang hebt, kauert Onegin einsam und an sich und der Welt leidend auf einer der Stufen, aus den dunklen Gassen sickert allmählich zu den Klängen der Polonaise, die aber nicht getanzt wird, der Chor ein, und zwar als völlig ident gekleidete und geschminkte Paare. Für Onegin sind alle Menschen gleich, gleich bedeutungslos, gleich ausdruckslos. Nur Tatjana hebt sich mit ihrer eleganten Robe von der Masse ab. Bei ihrem Eintritt springt Onegin wie elektrisiert auf - zum ersten Mal nimmt er sie als Individuum wahr, ist sie für ihn mehr als eine unter vielen. Nicht, dass ich das jetzt für eine geniale Regieidee hielte, aber es ist wenigstens eine Idee im dieser ansonsten so ideenlosen Produktion.
Nun bin ich durchaus bereit, einem Regisseur auf neuen Wegen zu folgen, wenn er mich von seinem Konzept überzeugen kann, aber das gelingt Falk Richter nur in seltenen Momenten. Ein minimalistisches Bühnenbild wäre ja ganz nach meinem Geschmack, wenn sich darin spannende Interaktionen ereignen würden, was aber über weite Strecken nicht der Fall ist. Dass Text und Handlung immer wieder auseinanderklaffen, Lenski mitten im Schneegestöber den schönen Garten bewundert Tatjana ihre schief sitzende Haube beklagt, obwohl sie überhaupt keine trägt, über die Schwüle in ihrem Zimmer stöhnt, das nur aus Eisblöcken besteht, würde ich an sich nicht so eng sehen, hätte Falk Richter dafür plausible Gründe geliefert, vohandenes Material genial umgedeutet, ironisch gebrochen o.ä. Aber er deutet nichts um, er deutet gar nicht, und das ermüdet einen recht bald.
Vor allem, wenn der Sänger des Onegin nur wenig dazu tut, das blutleere Regiekonzept mit Leben zu füllen. Dmitri Hvorostovksky stellte nun auch an der WSO die Rolle vor, für die er weltweit gefeiert wird, aber warum dem so ist, wurde mir gestern nicht ganz klar. Er verfügt über eine schön timbrierte Stimme und im Unterschied zu Simon Keenlyside, dem PR-Onegin, auch über genügend Power, um im Schlussbild auftrumpfen zu können, als Darsteller blieb er besonders in den ersten beiden Bildern blass und insgesamt eindimensional. Den blasierten Lebemann nahm ich ihm in keiner Phase ab, man hatte eher den Eindruck von einem gut situierten älteren Herren, der sich in Gesellschaft der wesentlich Jüngeren (so jedenfalls wirkten Lenski und die Mädchen im Vergleich zu ihm) langweilt. Wenn er Tatjana zurückweist, tut er das wie ein väterlicher Freund, der tatsächlich nur ihr Bestes im Sinn hat, und im Schlussbild sprechen aus ihm nicht Reue und Verzweiflung über sein leichtfertig verspieltes Glück, sondern gekränkte Eitelkeit, weil Tatjana sich nach der Zurückweisung durch ihn offensichtlich rasch getröstet hat. Er will sie zurückerobern, aber wohl kaum, um sie zu behalten. Gut, das wäre zwar eine unübliche, aber durchaus mögliche Lesart. Leider verwässert Hvorostovsky auch die einzige Szene, die mir in dieser Inszenierung wirklich gefallen hat, nämlich das Duell. Vielleicht liegt das aber auch am Abendspielleiter, der ihn nicht genügend instruiert hat, das kann man von außen nur schwer beurteilen. Richter hatte den Zwiespalt zwischen der Pflicht (dem Ehrenkodex zu genügen) und der Neigung (Lenski und Onegin empfinden ja noch freundschaftliche Gefühle füreinander) sehr gut herausgearbeitet, das "Njet!", das scheinbar jede Verständigung ausschließt, kam sehr zögernd, man spürte deutlich, dass beide eigentlich ein "Da!" meinten, und im letzten Moment legte Lenski die Pistole auf die Eistafel - um den Bruchteil einer Sekunde zu spät, denn Onegin hatte bereits abgedrückt. Das war wirklich ein ganz starker Moment bei der Aufführungsserie vor einem Jahr. Gestern wie gesagt hielt sich Hvorostovsky nicht an diese Vorgabe, er knallte Lenski, der regiegemäß seine Pistole weg legte, eiskalt (weil viel zu spät) ab und stellte völlig emotionslos die Frage nach seinem Tod. (Während bei Keenlyside deutlich etwas wie Hoffen und Bangen herauszuhören war)
Auch Lenski wurde gestern von einem Debutanten gesungen, dem jungen Pavol Breslik, und er machte seine Sache ausgezeichnet. Die Gesangslinie wirkt noch etwas inhomogen, aber das Stimmmaterial berechtigt zu den schönsten Hoffnungen, wenn der Sänger sorgsam damit umgeht. Man (oder vielmehr ich) spürt schon jetzt das gewisse Etwas, das in diesem sehr individuell gefärbten Tenor mitschwingt, auch wenn alles zusammen noch ein wenig nach einem embryonalen Entwicklungsstadium klingt.
Olga Guryakova ist eine ausgezeichnete und sehr ambitionierte Darstellerin, in deren Gesicht sich all das widerspiegelt, was auch Text und Musik zum Ausdruck bringen. Das macht mich immer ein wenig nachsichtig, was ihre Stimme betrifft, die sicher nicht zu den schönsten zählt. In der Höhe ist außerdem eine gewisse Schärfe nicht zu überhören. Trotzdem, als Gesamtpaket überzeugt mich Olga Guryakova immer wieder, obwohl ich alle verstehen kann, die sich nicht wirklich für sie begeistern können.
Nadia Krasteva hingegen gefällt mir als Olga nach wie vor ausgezeichnet, das ist eine Rolle, die ihr wirklich liegt.
Als Fürst Gremin debutierte (Man glaubt es kaum!) Ferruccio Furlanetto, dessen wohlklingendem Bariton man in letzter Zeit die Jahre leider etwas anmerkt. (Obwohl es auch schon schlimmer war!) Die Geschmeidigkeit der Stimme ist nicht mehr so gegeben wir früher, manchmal klingt es ein wenig holprig und rau.
Der Star des Abends stand diesmal im Graben: Kirill Petrenko begeisterte nicht nur das Publikum mit seinem Dirigat, sondern auch die Philis, die ihm schon unmittelbar nach dem Fallen des Vorhangs spontan applaudierten. Das war fein gewobene Stimmungsmalerei, ohne in Sentimentalität oder gar Schwulst abzudriften, aber auch mit dem nötigen Aplomb, wo es angebracht war. Völlig zu Recht erhielt Petrenko am Schluss den meisten Applaus.
Musikalisch konnte man mit diesem "Eugen Onegin" zufrieden sein, eine Repertoireaufführung auf hohem Niveau mit einer positiven Überraschung (Pavol Breslik) und einer kleinen Enttäuschung (Dmitri Hvorostovsky)
lg Severina :hello
Heike (31.05.2010, 08:11): Der Star des Abends stand diesmal im Graben: Kirill Petrenko Ich trauere noch heute den Zeiten nach, als er in Berlin an der Komischen Oper war! Heike
Solitaire (31.05.2010, 11:15): Hallo Severina! Wieder einmal herzlichen Dank für deinen Bericht! Ich habe Dmitri Hvorostovksky bisher nur in einer Rolle gesehen (kenne allerdings einige CDs): als Germont auf DVD. Auch hier singt er sehr, sehr schön (mache ich mich lächerlich wenn ich sage, daß er mich ein bißchen an Sherill Milnes erinnert?), aber sein Spiel hinkt etwas hinterher. Ich habe gedacht, es läge an der Rolle, der ja nicht jeder Bariton (und Regisseur) interessante Facetten abringen kann. Viele bringen ihn ja doch recht eindimensional. Aber bei Onegin sollte das doch eigentlich kein Problem sein, der ist nun wirklich mal ein faszinierender Charakter, bei dem es doch so einiges zu spielen gibt. Pavol Breslik mag ich sehr, seit ich ihn als Genaro an der Seite von Edita Gruberova in "Lucrezia Borgia" gehört habe (und wenn ich sage "gehört" meine ich in 99 von 100 Fällen leider, leider nur das Fernsehen oder die DVD :( ).
Ingrid (31.05.2010, 16:16): Original von Severina Dürfte ich zaubern, wäre meine Traumbesetzung Baltsa, Villazón/Kaufmann, Netrebko (Oder Genia Kühmeier, die beste Micaela, die ich in den letzten Jahren an der WSO gehört habe. Sie hat ebenso wie Anjuschka den Rest des Ensembles an die Wand gesungen :down ) und Ruggero Raimondi. lg Severina :hello
Liebe Severina,
wie schon erwartet, haben wohl gestern in der BSO mindestens 95 % der Zuschauer das Gefühl gehabt, die absolute Traumbesetzung erlebt zu haben. Mäkler, die JK wieder einmal zu baritonal gefärbt oder zu gaumig empfanden, gibt es natürlich immer, aber das ist halt Geschmackssache. Ich bin heute immer noch in einer anderen Welt, obwohl ich alle wichtigen Szenen nur akustisch oder bruchstückhaft mit großen Verrenkungen mitbekam, da "liebenswerte" Menschen, obwohl sie mittig saßen und vollen Blick auf die Bühne hatten, von der ersten bis zur letzten Minute nach vorne hingen und 2/3 der Bühne völlig abdeckten. Da könnte man echt durchdrehen. Später mehr...
LG Ingrid
Ingrid (01.06.2010, 08:32): Liebe Severina,
vernünftig wäre es wohl, mein "später mehr" auf Freitag zu verschieben, denn von den Stimmen war ich ja durch die Bank begeistert, kann sie aber nicht so haarklein beschreiben :I und von den "prickelnden" Szenen sah ich leider viel zu wenig. Hoffentlich habe ich am Donnerstag brave Leute vor mir, sonst drah i durch :A
:hello Ingrid
Solitaire (01.06.2010, 09:56): Original von Ingrid Hoffentlich habe ich am Donnerstag brave Leute vor mir, sonst drah i durch :A
Offen gestanden: in solchen Fällen hilft nach meiner Erfahrung manchmal nur noch die pure Unhöflichkeit :ignore Bei "Hoffmann" vor ein paar Wochen haben so ein paar doofe Hühner hinter mir nach Beginn der Oper noch fünf Minuten lang vernehmlich gequatscht, bis ich mich umgedreht und sehr böse gefragt habe, ob da hinten bald mal Ruhe sei. Manchmal geht es nicht anders. Ich drücke aber die Daumen, daß das bei dir nicht nötig ist. :)
Severina (16.06.2010, 01:24): Ich muss vorausschicken, dass ich kein Fan von Richard Strauss bin, aber "Capriccio" mag ich wegen des Sujets. Als geübtes und geeichtes Mitglied einiger Opernforen kann ich nur immer wieder staunen, wie modern und aktuell dieser Stoff ist, speziell das große Lamento des Theaterdirektors La Roche klingt so, als habe der Librettist Clemens Kraus Anleihen bei diversen Threadtiteln genommen. Manche seiner Argumente scheinen geradewegs einem der unseligen Regietheaterthreads entsprungen zu sein, und auch die das Stück beherrschende Frage "Prima la musica o prima le parole?" taucht bekanntlich immer wieder in forialen Grundsatzdebatten auf.
Warum, so frage ich mich daher nach jeder Aufführung, springt nicht endlich ein Regisseur auf diesen Zug auf und macht aus "Capriccio" eine witzige und freche Farce zu der uns alle bewegenden Frage, wie denn "richtiges" Musiktheater heutzutage zu sein habe und welchen Stellenwert es in unserer Gesellschaft einnimmt. Speziell der mittlere Teil drängt sich förmlich dazu auf. Der Plot wäre doch geradezu prädestiniert zu einem Schlagabtausch Staubis gegen Regielis auf offener Bühne!!!
Marco Arturo Marelli erkennt die Aktualität entweder wirklich nicht, oder sie ist ihm schlicht gleichgültig, denn er setzt auf kühlen Ästhetizismus und lässt die Handlung vom Blatt spielen, und zwar derart humorlos, wie es Richard Strauss wirklich nicht verdient hat. Dabei stünden ihm hervorragende Singschauspieler zur Verfügung, deren Potential er aber nicht einmal ansatzweise ausschöpft.
Während der Ouvertüre sieht man einen blauen, mit Noten und Textzeilen vollgekritzelten Gazevorhang, hinter dem allmählich zwei identische Schreibtische aus dem Dunkel treten, an denen der Dichter Olivier und der Musiker Flamand an ihrer Geburtstagsgabe für die von beiden angebetete Gräfin arbeiten. Auch der Rundhorizont dahinter zeigt dasselbe Text-Notendekor, während der Boden aus meerblauen Spiegelflächen besteht. Dieser Rundhorizont zerfällt in einzelne schmale Segmente, die gedreht und nach Art barocker Telari zu drei verschiedenen Bühnenbildern zusammengefügt werden können. Zu dem Eingangs erwähnten kommt eine Spiegelwand, in welche die raumhohen, dekorativ gestalteten Fensterumrahmungen eines feudalen Salons hineingeätzt sind (Natürlich nur eine optische Täuschung, die mittels durchsichtiger Plastikapplikationen erzielt wird) und eine nur mit dunkelroten Samtvorhängen drapierte Seite. Diese Telari wandern ständig über die Bühne, fügen sich zu immer neuen Bildern und Raumsituationen zusammen, die vom Fußboden reflektiert werden, was speziell von weiter oben recht effektvoll aussieht. Bei der PR brandete beim Schlussbild, das nur aus den Spiegelwänden besteht, die zudem von prächtigen Kristalllustern angestrahlt werden, spontaner Applaus auf, und auch hörte hörte man einige Ahs und Ohs. Dieses Grundkonzept der Spiegelung hat auch die Kostümbildnerin Dagmar Niefind aufgegriffen, denn jedes Kostüm zitiert die der anderen, Olivier und Flamand tragen sogar "halbierte" Kleider, jeder also sein Alter ego quasi am Körper. Nur hätte ich auch ohne diesen penetranten Einsatz des Holzhammers begriffen, dass Dichter und Musiker die beiden Seiten ein und derselben Medaille namens Oper verkörpern....
Mehr als diese optischen Gags steuern Marelli und sein Team zur Realisierung von "Capriccio" leider nicht bei. In schönen, aber ziemlich zweckfreien Bildern steht das Ensemble die meiste Zeit eher hilflos herum. Manchmal entsteht für eine kleine Szene so etwas wie eine sinnvolle Interaktion, die aber eher der Eigeninititive der Beteiligten entspringt denn einem Regiekonzept, doch ist das immer nur ein kurzes Intermezzo, bis sich die Ausreißer wieder brav in die Phalanx der Rampensänger eingliedern. Was hätte man alles aus der zentralen Szene des Theaterdirektors, dessen altmodische Guckkastenbühne von den "jungen Wilden" Flamand und Olivier zerlegt wird, machen können! Nur eine der vielen verpassten Chancen.
Gesungen wurde durchwegs auf hohem Niveau, wobei mich Renée Fleming als Gräfin erst im Schlussbild mit ihrem silberhellen Sopran wirklich begeisterte, während sie bis dahin etwas verhalten auf mich gewirkt hatte. Andererseits ist es verständlich, dass sie sich vorher nicht allzu sehr verausgabt im Bewusstsein, nach zweieinhalb Stunden auf der Bühne noch diese Hammerarie singen zu müssen. Trotzdem, so richtig warm werde ich mit dieser Sängerin nie, sie wirkt immer etwas unterkühlt, gekünstelt auf mich.
Das genaue Gegenteil ist Angelika Kirchschlager, welche die Schauspielerin Clairon nicht als überdrehte Kunstfigur anlegt, was naheliegend wäre, sondern als eine im Grunde sehr warmherzige Frau, die aber durch Erfahrung klug geworden ist und die Männer auf Distanz hält. Von einer Stimmkrise, wie in letzter Zeit zu lesen war, hörte ich heute nichts, Kirchschlagers volltönender Mezzo sprach in allen Lagen gut an und klang auch in der Höhe sehr frei und angenehm.
Michael Schade, der Flamand, hat mir bei der PR vor zwei Jahren besser gefallen. Sein besonders schönes Timbre ist zwar noch intakt, der Ansatz zur Höhe klingt aber fallweise etwas eng und das Vibrato habe ich auch weniger stark in Erinnerung. Andererseits bringt Schade genug Durchschlagskraft mit, um das Duell mit dem Orchester siegreich zu bestehen.
Immer noch ganz exzellent ist Adrian Eröd als Olivier, sein Bariton hat gottlob noch nichts an Leuchtkraft und Flexibilität eingebüßt, und er weiß auch ganz genau, wie er den eifersüchtigen Dichter zu spielen hat.
Als Gewinn empfand ich Morten Frank Larsen, der als Graf debutierte und gottlob nicht so schamlos outrierte wie Bo Skovhus im PR-Block, wo man sich immer fragte, wie eine so intelligente Person wie Clairon in diesem Tölpel auch nur eine Sekunde eine ernsthafte Option sehen konnte. Auch stimmlich gefiel er mir viel besser als der Däne, der wohl seine beste Zeit schon hinter sich hat.
Wolfgang Bankl bot eine solide Gesangsleistung, darstellerisch blieb er dem La Roche leider viel schuldig, denn die fanatische Hingabe ans Theater nahm man diesem gemütlich vor sich hinräsonierenden älteren Herrn einfach nicht ab. Da prallten keine zwei Welten aufeinander, wie es in seiner großen Szene eigentlich sein sollte, da bricht schon gar keine für ihn zusammen, als sich Flamand und Olivier über seine Arbeit lustig machen, und auch als Verkünder des neuen, zeitgemäßen Menschentheaters bleibt er ziemlich blutleer. Das muss wie ein flammendes Manifest donnern, der nette Plauderton, den Bankl jedoch anschlägt, wird dem Anlass überhaupt nicht gerecht.
Im Graben waltete Peter Schneider seines Amtes, er tat es mit viel Umsicht und Elan.
Das Publikum in der beinahe ausverkauften WSO feierte das Ensemble mit anhaltendem Applaus und vielen Bravos, besonders laut war der Jubel für Renée Fleming.
lg Severina :hello
Severina (07.09.2010, 00:41): Meine Opernsaison 2010/11 startete ich heute mit einer Oper, die mich nur in excellenter Besetzung reizt - in 35 Opernjahren habe ich mich an der "Bohème" ehrlich gesagt satt gehört. Leider hat sich der tenorale Part dieser Traumbesetzung, Rolando Villazón, in die dritte Stimmkrise verabschiedet, und ich gestehe es Euch also zu, meine Enttäuschung darüber bei meiner Kritik in Rechnung zu stellen, obwohl ich mich um Objektivität bemühe. Die Inszenierung brauche ich wohl nicht zu beschreiben, es ist die vielfach geklonte Zeffirelliproduktion, über die wohl jeder Opernfan schon einmal gestolpert ist. Auf dem Programmzettel steht "Wiederaufnahme", was bedeutet, dass endlich wieder einmal gründlicher als sonst geprobt worden ist, was man in vielen Szenen auch merkte, die im Laufe der Jahre mehr und mehr verflacht sind - eine vornehme Umschreibung für bloßes Rampensingen. Das zumindest fand heute gottlob nicht statt.
Unser neuer GMD Franz Welser-Möst schwang das Staberl, die Philis saßen daher in erster Besetzung im Graben und zeigten sich von ihrer Butterseite, was bedeutet, dass wunderbar musiziert wurde. Der W-M immer vorgeworfene analytische Stil kommt der "Bohème" sehr zu Gute, die heute ganz ohne Sahnehäubchen und Zuckerguss serviert wurde.
Krassimira Stoyanova sang die Mimi, eine Partie, die dieser großartigen Sängerin besonders liegt. Ihr inniges Timbre passt einfach zu warmherzigen Frauengestalten, technisch beherrscht sie die weiten "Puccini-Bögen" perfekt, sodass man auf einer Woge des Wohlklangs dahinschwebt, der von keiner Schärfe, keinem zu starken Vibrato getrübt wird. Die Stoyanova ist keine große Tragödin, deshalb gefällt sie mir als Violetta auch weniger gut, die kleine Näherin verkörpert sie aber sehr glaubwürdig und vermag mit ihrem Sterben zu erschüttern. In der Schlussszene schwang etwas Überirdisches, Ätherisches in ihrer Stimme mit, das selbst den hartnäckigsten Huster zum Verstummen brachte.
Stephen Costello traf die undankbare Aufgabe, Rolando Villazón zu ersetzen. Sicher eine zusätzliche Belastung bei seinem Debut an der WSO! Ich hatte viel Positives von seinem Romeo und Salzburg gehört und war ehrlich neugierig auf diesen Sänger. Nun, Costello sieht gut aus, singt schön und richtig - das ist sicher mehr, als man von Villazón in seiner momentanen Verfassung sagen kann, aber dass er jeden Ton trifft, heißt noch nicht, dass er damit auch ins Herz seiner Zuhörer trifft. Zumindest bei mir war das leider nicht der Fall. Was mir fehlte, war das gewisse Etwas, das eine Stimme über das Mittelmaß hinaushebt, im konkreten Fall die sinnliche Komponente. Ich hörte, aber ich glaubte nicht, was ich hörte, weil Costello zu sehr an der Oberfläche verharrte, es nicht schaffte, Mitgefühl mit seinem Rodolfo zu wecken. Dabei lieferte er durchaus keine Stehpartie, war immer in Bewegung, ließ sich auch zu keinen stereotypen Gesten verleiten, aber irgendwie überzeugte das alles nicht richtig, sprang der Funke zwischen ihm und dem Publikum ebenso wenig über wie zwischen Rodolfo und Mimi. Noch selten ist der erste Akt so ohne jedes Herzflimmern an mir vorbeigegangen, man glaubt keine Sekunde, dass sich dieser junge Mann Hals über Kopf verliebt hat und das "Al ritorno" gar nicht erwarten kann. Das beginnt schon mit der Art, wie er das "Una donna!" singt, als Mimi an die Tür klopft. In diesen beiden Worten kann vieles Mitschwingen - Neugierde, Staunen, der erwachende Jagdinstinkt - aber irgendetwas muss/sollte mitschwingen. Heute schwang nur die Türe, Costello klang, als stünde der erwartete Postbote dahinter. Auch das "Come vivo? Vivo!", das doch eine ganze Lebensphilosophie enthüllt, kam so beiläufig, als schildere Rodolfo eine Karriere als Staatsbeamter. Ohne jedes Prickeln dann das "O soave fanciulla", Costello konnte sich gerade einmal entschließen, hinter Mimi stehend ihr die Hände auf die Schultern zu legen.
Der 2. Akt, und das sagt wohl alles, gehörte Alfred Sramek in der Minirolle des Alcindoro, der alle anderen glatt an die Wand spielte. Unglückseligerweise fegte Alexandra Reinprecht als Musetta mit ihrem Umhang das halbe Geschirr vom Tisch, und die Art, wie Sramek dieses Missgeschick - nach einem lauten "Grazie!"für seine nasse Hose - in seine Szene einbezog, zeigt halt den alten Hasen, den nichts aus der Ruhe bringt. Ich glaube, nicht nur ich habe gar nicht darauf geachtet, wie die arme Musetta ihr "Quando me'n vo" vokal bewältigte, denn alle Augen waren auf Sramek gerichtet.
Der 3. Akt dümpelte ziemlich spannungslos dahin, Costello vermied wieder jeden Körperkontakt zu Mimi und schloss sie erst ganz zum Schluss endlich in die Arme, aber nicht wie ein glühender amante, sondern eher wie ein besorgter Bruder. Aber selbst wenn die Gesten passten, blieb sein Gesichtsausdruck immer seltsam leer, als ginge ihn dieser Rodolfo nicht wirklich etwas an.
Im 4. Akt allerdings schien der Zauber, der von Krassimira Stoyanovas Mimi ausging, endlich auch Costello zu erreichen, denn plötzlich agierte er so, wie man sich das von Rodolfo erwartet, war er zu zärtlichen Gesten fähig, zeigte echte Verzweiflung, und seine Fassungslosigkeit angesichts der toten Mimi gestaltete er wirklich eindrucksvoll, ohne falsches Pathos und ohne Geschluchze, worauf viele Tenöre nicht verzichten wollen. (Leider auch Freund Villazón nicht, was ich ihm immer übel nehme!) Dass Costello hier endlich den Nerv des Publikums traf, bewies die atemlose Stille nach dem "Mimi! Mimi!", die es nicht nur Welser-Möst gestattete, die Schlusstöne wunderbar zart ausschwingen zu lassen, sondern die noch einige Sekunden danach anhielt. (Während die Leute zuvor in jeden Aktschluss brutal hineingeklatscht hatten...)
Der Rest ist schnell erzählt: Boaz Daniel war ein spielfreudiger und stimmschöner Marcello, Sorin Coliban ein solider Colline, der zweite WSO-Debutant Adam Plachetka ein noch etwas unausgereifter Schaunard, von dem ich hoffe, dass er sich steigern kann.
Der Schlussapplaus war heftig, aber sehr kurz, mehr als einen Solovorhang für jeden gab es nicht. Die meisten Bravos kassierten Franz Welser-Möst und Krassimira Stoyanova, aber auch Stephen Costello durfte einige für sich verbuchen. Er behielt auch vor dem Vorhang seine leicht blasierte Miene bei, die mich schon während der Vorstellung ein wenig irritiert hatte, und verschwand nach wenigen Sekunden, anstatt den Applaus auszukosten, wie das doch fast alle Sänger tun. Ein bisschen Freude wäre schon angebracht, wenn man ein Publikum erobern will. Costello nahm den Applaus wie etwas ihm selbstverständlich Zustehendes entgegen, mit einer Miene, die zumindest für mich so ein bisschen signalisierte "Ist Euch eigentlich klar, was das für eine Ehre ist, dass ich in diesem Saftladen auftrete?"
Fazit: Eine gute Aufführung, aber keine, die mir besonders lange in Erinnerung bleiben wird, mit einer Krassimira Stoyanova, welche die solide Ensembeleistung überragte. Und wenn Stephen Costello es schafft, nicht nur die exakten Notenwerte, sondern auch den Gefühlsgehalt einer Rolle zu treffen, könnte ich mich mit ihm durchaus anfreunden.
lg Severina :hello
Solitaire (07.09.2010, 08:39): Hallo Severina! Danke für diese Schilderung! Ich habe gestern Abend etwas verspätet im Radio kurz reingehört, fand aber das "I soave fanciulla" derart unerotisch, daß ich mit den Rest geschenkt und mich ans anfertigen meiner Weihnachtsgeschenke gemacht habe. (Ich sticke - wie Mimì :D). Ich habe daher nur den Rest des ersten Aktes ab dem Ende von Mimìs Arie mitbekommen und mich derart schmerzlich nach Luciano Pavarotti (unfair, ich weiß) oder doch nach einem gesunden RV gesehnt, daß ich ausgescgaltet habe. Eigentlich mag ich die Bohème schon sehr, und es gibt doch einige gute Aufnahmen, aber das was ich gestern gehört habe fand ich eher langweilig. Schade...
Severina (07.09.2010, 18:01): Liebe Mina,
langweilig trifft's exakt! Übrigens haben Freunde, die auf der Galerie saßen, wo die Akustik viel besser ist als unten, mich bereits gerügt und gemeint, Costello habe keineswegs alle Noten exakt getroffen. Nun muss ich gestehen, dass die tenoralen Höhenflüge zeitweise ein wenig im Orchester untergingen - das ist der Nachteil, wenn man in der Proszeniumsloge sitzt, aber ich hatte diese Karte ja wegen caro Rolando gekauft, bei dem es sich lohnt, so nahe dran zu sein - und ich offensichtlich gehört habe, was ich hören wollte, nämlich wenigstens unverkrampfte Spitzentöne. Aber dem war offensichtlich nicht so, weshalb man also auch bei der Technik von Stephen Costello Abstriche machen muss.
lg Sevi :hello
Severina (07.10.2010, 00:32): Leider nur konzertant spielt die WSO im Moment Donizettis "Lucrezia Borgia". Der Sinn von konzertanten Aufführungen hat sich mir noch nicht erschlossen. Eine Oper ist ein Musikdrama, dessen Endzweck die szenische Umsetzung auf einer Bühne ist - zumindest sehe ich das so. Wenn Sänger, die eigentlich höchst emotional miteinander agieren sollten, in Smoking und Abendkleid hübsch aufgefädelt an der Rampe stehen, womöglich noch mit der Partitur in der Hand, und frontal ins Publikum singen, fällt es mir sehr schwer, mich in die Handlung hineinfallen zu lassen. Bei einer handlungsarmen Barockoper mag es ja noch angehen, sie nur konzertant zu geben, aber bei einem derart dramatischen Mord-und-Totschlag- Werk wie "Lucrezia Borgia" kann man das wirklich nur beklagen. Es ist, als hätte man das Libretto kastriert. Außerdem macht es mich rasend, wenn der Fluss der Musik willkürlich unterbrochen wird, damit die in der nächsten Szene nicht benötigten Solisten abgehen können. (Obwohl das heute nicht so lähmend war wie bei der "Anna Bolena" vor drei Jahren im Konzerthaus!)
Aber gut, wenigstens erspare ich mir (und Euch) eine elendslange Beschreibung der Inszenierung! :D
Das Orchester, auf der Bühne zwischen Chor und Solisten nicht eben akustikfreundlich postiert, stand unter der Leitung von Friedrich Haider und spielte so, wie die Philis Belcantoopern oft spielen, wenn es ihnen nicht ein starker Dirigent austreibt, nämlich sehr beliebig und mit der gewissen "Das ist doch unter unserer Würde!"-Attitude. Nach so einer Aufführung ist es dann immer schwer, einem Belcantomuffel, der in Donizetti primär Humptata ortet, argumentativ zu begegnen. Denn leider klang es heute über weite Strecken wirklich so, und ich dachte mit Sehnsucht an das oszillierende Dirigat von Yves Abel bei der "Fille du Regiment".
Aber natürlich war jedem klar, dass diese "Lucrezia Borgia" nur als Vehikel für Edita Gruberova diente, auf sie alleine kam es an, wegen ihr war die WSO bis zum letzten Stehplatz ausverkauft. Das Geplänkel zwischen Gennaro und seinen Freunden am Anfang war daher Vorspiel im wahrsten Sinn des Wortes, alles wartete auf SIE, auf das Erscheinen der Königin des Belcanto. Diesen Titel trägt Edita Gruberova immer noch zu Recht, obwohl der heutige Auftritt sie von den Olympischen zu den Sterblichen heruntergeholt hat. Sie bot eine sehr gute Leistung, aber keine außergewöhnliche, wie man es von ihr schon ganz automatisch erwartet, und das Publikum schien das wohl ähnlich empfunden zu haben, denn die übliche "Grubsi-Euphorie", die nahe an Hysterie grenzt, wollte sich heute nicht recht einstellen. Schon nach ihrer ersten Arie gab es zwar starken Applaus, aber ohne das obligate Bravogebrülle. Was war passiert? Eigentlich nichts Dramatisches, eine kleine Unsauberkeit hier, ein zu kurzer Atem dort, die tiefen Töne - das ist schon länger kein Geheimnis mehr - sind nicht mehr wirklich vorhanden, werden von der Sängerin meist sehr geschickt und effektvoll kaschiert. (In meinen Ohren klingt es immer so ein bisschen nach "Gruftgeheule", ich weiß nicht, ob Ihr versteht, was ich meine.) Wie schon bei der PR, die ich am Radio mitverfolgt habe, steigerte sich Edita Gruberova im Laufe des Abends, ließ ihre Stimme in der Höhe prächtig aufblühen, zeigte vor, was perfekte Schwelltöne sind und sandte so manches atemberaubende Piano ins entsprechend atemlose Auditorium. Dass just der Spitzenton am Schluss nicht optimal gelang, ist nur für die Statistik interessant. Wie gesagt, eine insgesamt ausgezeichnete Leistung, aber zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass auch eine Edita Gruberova verwundbar ist, dass ihr nicht mehr alles so 100%ig nach Wunsch gelingt.
Josè Bros, der Gennaro des heutigen Abends, ist in dieser und anderen Rollen häufig an der Seite Edita Gruberovas zu hören. Nun, ich kann mir auch denken, warum: Er ist ein sehr guter Sänger, bei dem sie vor bösen Überraschungen sicher ist (Das schönste Duett geht den Bach runter mit einem schwachen Partner), der ihr aber nicht die Show stiehlt. Denn Starpotential ortet man an Bros keines, dazu fehlt es seiner Stimme ein wenig an Glanz, klingt der Übergang zu den Spitzentönen zu gepresst. Aber trotzdem zählt dieser Tenor ganz klar zu den Besten seines Faches.
Der Beste unter den Männern war für mich heute Michele Pertusi als Don Alfonso. Er schien unter der konzertanten Aufführung ebenso gelitten zu haben wie ich, denn es hielt ihn kaum auf seinem Platz, er tigerte auf und ab wie in einem Käfig, suchte als Einziger ständigen Blickkontakt oder auch Körperkontakt zu seinen Partnern und konnte kaum verbergen, wie gerne er den Duca auch GESPIELT hätte. (Bemerkung am Rande: Gruberova, Bros und Pertusi sangen frei, alle anderen mit Notenpult und Partitur!) Ich liebe aber auch Pertusis "vollsaftige" Stimme, die weich und trotzdem viril klingt, die er so kultiviert führt und trotz großer Emotionalität nie für bloße Effekthascherei missbraucht. In meinen Augen wird dieser Sänger weit unter seinem Wert gehandelt! Heute jedenfalls war er der Erste, der nach seiner Arie viele Bravos kassieren durfte.
Unter den restlichen Comprimarii stachen Gergely Németi (Jeppo), Adam Plachetka (Don Apostolo Gazella) und Dan Paul Dumitresco positiv, Benedikt Kobel (Vitellozzo) negativ hervor. Die Töne, die Letzterer produzierte, will ich lieber nicht näher kommentieren.... Ich zuckte jedesmal zusammen, wenn er an der Reihe war. Allzu viel Gelegenheit, sich musikalisch zu profilieren, hat Donizetti den Höflingen ja nicht eingeräumt.
Dies gilt nicht für Gennaros Freund Maffio Orsini, eine Hosenrolle, die hier von Laura Polverelli gesungen wurde. Ich hörte in der Pause eigentlich nur Positives über ihre Leistung, sodass es wohl wieder einmal der berühmte persönliche Geschmack ist, dass ich mich dem nicht ganz anschließen kann. Zwar gefiel mir das dunkle Timbre der Sängerin, doch das starke Vibrato störte mich sehr. Außerdem machte es mich ganz nervös, dass sie beim Singen immer in die Knie ging und dabei mit dem Becken kreiste, so als müsste sie dringend auf die Toilette. Da sie das wahrscheinlich bei einer szenischen Aufführung nicht so konsequent durchhalten kann, hebe ich mir ein endgültiges Urteil über diese Sängerin bis zur nächsten Begegnung mit ihr auf.
Zum Schluss war auch das Publikum vollständig aufgewacht und bejubelte das gesamte Ensemble, ganz besonders natürlich "unsere Grubsi"!
Mein Fazit: Eine sehr gute Vorstellung, der aber zur erwarteten Sternstunde ein bisschen etwas fehlte!
lg Severina :hello
Heike (07.10.2010, 08:06): Hallo Sevi, Der Sinn von konzertanten Aufführungen hat sich mir noch nicht erschlossen. Ich habe damit auch große Mühe. Halbszenisch geht ja noch, da ist - wenn es gut gemacht ist - die Konzentration auf das Wesentliche spannend. Aber bei den konzertanten Aufführungen ist mir dann doch alles zu steril und der allgemeine Werbespruch "die Musik rückt in den Mittelpunkt" überzeugt mich gar nicht. Danke für deinen Bericht! Heike
Solitaire (07.10.2010, 08:30): Hallo Severina! Danke für diesen Bericht! Ich habe im vergangenen Jahr die Fernsehübertragung der Lucrezia gesehen (in Stuttgart bei Sangria und Käse im Hotelzimmer!), ebenfalls mit Gruberova und ich war sehr begeistert. Wie Domingo so gehört auch sie zu Jenen, von denen ich nicht weiß, wann es sie mal nicht gegeben hätte. Ihr Genaro war damals Pavol Breslik, der mir sehr, sehr gut gefallen hat. die Inszenierung hat zumindest nicht gestört, und war in der Sterbeszene sogar sehr beeindruckend. (Genaro saß auf einem Stuhl und sein Tod wurde dadurch angedeutet, daß er sich zum Schluß auf besagtem Möbel umgedreht und von Lucrezia abgewendet hat. Nach all den sich am Boden windenden moribunden Opernhelden die man so kennt hat mich dieses Bild sehr bewegt. )
Mit konzertanten Opern geht es mir wie dir: ich finde sie nur ärgerlich. Dabei habt ihr in Wien immerhin gute bis sehr gute Sänger. Ich habe hier in Remscheid von einigen Wochen eine verstümmelte, konzertante Aida durchleiden müssen, die mir fast die Zornesröte ins Gesicht getrieben hätte: Sänger, die stur in ihre Partitur starren, eine Aida die ihren Radamès nicht mal beim gemeinsamen Sterben ansieht, einen Chor der für einen Laienchor (unser städtischer Chor) gar nicht mal schlecht gesungen hat, aber aufgrund der akustischen und szenischen Gegebenheiten kaum zu hören war etc. Das Ärgerlichste aber war, daß es sich um eine „Aida-Gala“ gehandelt hat. Will sagen, es wurden nur Auszüge gespielt, der Dirigent hat immer wieder abgebrochen und dem Publikum Dinge erzählt, die nun wirklich keiner wissen wollte. :S Ein Nilakt ohne Duett Aida-Radamès, nach dem Duett zwischen Aida und Amonasro ging es nahtlos zu „O terra addio“...es war zum verzweifeln. Daß die sänger nicht zur Weltspitze gehörten habe ich ihnen verziehen, und ich bin sicher, so manche vokale Schwäche (und davon gab es einige, ich habe keinen Ton gehört, der leiser als Mezzoforte gewesen wäre, und das in dieser Oper...) wäre durch eine szenische Aufführung gemildert worden, auch den Chor hätte man akustisch günstiger platzieren können. Aber nein... Es gibt auf Youtube ein paar Ausschnitte von einigen gelungenen konzertanten Aufführungen, aber da waren dann auch Leute wie Rodney Gilfry, Bryn Terfel oder Cecilia Bartoli am Werk, und die können zur Not auch im Pyjama und bei Neonlicht für Atmosphäre sorgen. Am besten gefallen hat mir bei „unserer“ Aida der junge Bariton der den König gesungen hat. Nach einem Blick ins Programm wußte ich auch warum: er hat Meisterkurse bei Thomas Hampson belegt und dessen Tips offenbar beherzigt. Er war wirklich gut, aber ansonsten war es ein Trauerspiel. Und natürlich waren alle außer mir begeistert, und ich kam mir mal wieder vor wie ein furchtbar snobistischer Opern-Nerd... Aber ich bleibe dabei, konzertante Opern braucht die Welt so nötig wie ein Loch im Kopf. Verdi und Donizetti werden schon gewußt haben, warum sie eine Oper und kein Oratorium geschrieben haben.
Fairy Queen (07.10.2010, 09:13): Guten Morgen, ihr Lieben, ich meide konzertante Aufführungen ebenfalls wie der Teufel der Weihwasser. Lediglich Lieblingssänger oder verschollene Werke könnten mich dorthin locken. Oper ohne den Theateraspekt ist wie Spaghetti ohne Sosse. :A Was Gruberova und Lucrezia angeht: nicht nur, dass sie natürlich wie alle Menschen auch verwundbar ist, mit dieser Rolle setzt sie doch ein deutliches Signal in Richtung tiefere Tessitura. Die Lucrezia ist keine der üblichen Nachtigallen-Rollen wie Lucia, Amina, Elvia etc sondern eine ganze Ecke "tiefer" ins lyrischere Fach. Die grosse Arie "Com'é bello" wird oft bei Wettbewerben und Prüfungen gesungen- von denen, die die Bellini-Höhe nciht haben, aber dennoch eine bewegliche Stimme besitzen. Ich habe das selbst schon zu Übezwecken gesungen und kenne jede einzelne Note. Mit über 60 Jahren und in diesem Stimmfach ist und bleibt diese Frau ein Phänomen und ihr kluger Umgang mit ihrer Stimme, dem sie deren jahrzehntelangen erhalt zu verdanken hat, zeigt sich doch immer wieder.
Laura Polverelli habe ich in Liège als Romeo (Bellini) gehört- auch mit Vorschusslorbeeren, aber sie hat mich nciht gerade überzeugt! Dieses Vibrato kann man sich bei Wagner-Gebrülle erlauben, bei Bellini ist das ein Graus! F.Q. P.S. Ich war gestern abend auch in der Oper: Genralprobe von Händels "Orlando". Auch koloraturfeuerwerke, allerdigns einige Etagen tiefer als Grubsi: Sonia Prina vertrat den Kastraten Senesino.
Severina (07.10.2010, 11:21): Meine Lieben, schön, dass wir uns punkto konzertanter Opern so einig sind! Mich kriegt man da auch nur hin, wenn es sich um ein Werk handelt, das ich szenisch kaum zu sehen kriege oder eben eine besondere Besetzung aufweist. Ganz bestimmt gehe ich im November NICHT in die konzertante "Traviata" im Musikverein, auch wenn's Gruberovas Abschiedsvorstellung als Violetta ist. Aber diese Oper halte ich ohne Spiel schlicht und einfach nicht aus. Bin ich froh, dass Fairy Laura Polverellis Vibrato auch kritisiert, denn gestern zweifelte ich schon an meinem Urteilsvermögen, als ich rund um mich nur Lobeshymnen zu hören kriegte. Und klar ist Grubsi immer noch ein Phänomen, es war ja auch nicht so, dass sie gestern etwas verbockt hätte, aber diese Über-Drüber-Brillianz, die man von ihr gewohnt ist, diese fast schon unmenschliche Perfektion, die vermisste ich gestern eben. Aber wenn man die abzieht, bleibt immer noch genug, um so manche junge Sopranistin vor Neid erblassen zu lassen.
An Mina: Die Münchner Lucrezia habe ich auch gesehen und toll gefunden, besonders überrascht war ich damals vom intensiven Spiel der Gruberova und ihrem Mut zur Hässlichkeit. Ehrlich gesagt hätte ich nicht erwartet, dass sie sich auf eine solche Inszenierung einlässt! Und Pavol Breslik gefiel mir ausgezeichnet, er war klar besser als Josè Bros.
lg Sevi :hello
Solitaire (07.10.2010, 11:35): Welcher Irre kommt den auf die Idee La Traviata konzertant aufzuführen??? Allmächtiger... Naja, ich glaube ja, der konzertante Wahn (in Köln gibt's bald eine konzertante FLEDERMAUS... :A) dient dazu, auf vergleichsweise preisgünstige (weil durch anwesendes Publikum mitfinanzierte) Weise zu neuen Gesamtaufnahmen zu kommen. In Baden-Baden gibt's bald einen konzertanten Don Giovanni dessen Besetzung sich toll liest. Für den Komtur gibt sich z.B. Thomas Quasthoff himself die Ehre. Mich soll der Teufel holen, wenn das nicht irgendwann als Luxus-Doppel-CD rauskommt.
Vielleicht trauen sie sich nicht eine szenische Traviata zu machen weil Grubsi ja nun nicht mehr sooo taufrisch aussieht? Wie auch immer, die Frau ist wahrlich ein Phänomen :down
Heike (07.10.2010, 15:52): In Berlin gibt es mit dem RSB 2010-2013 einen kompletten konzertanten Wagner-Zyklus; Zitat RSB: "Anliegen des Chefdirigenten und Künstlerischen Leiters des RSB, Marek Janowski, ist es, die hohe musikalische Qualität der Wagnerschen Kompositionen ohne jegliche szenische Deutung, allein auf die Musik konzentriert, dem Publikum zu vermitteln."
Ich frage mich, wer sich das antut. Ich liebe Wagner, aber einen konzertanten Tristan oder 5 Stunden Götterdämmerung ohne jede Regung, mit Blick auf wahrscheinlich schwitzende Musiker.... der Wahnsinn. Heike
Severina (15.10.2010, 22:02): Ich versuche hier einen ersten Stimmungsbericht von der heutigen Cardillac-GP, die erste szenische Produktion der Ära Dominique Meyer. Leider sehe ich mich nicht in der Lage, eine erschöpfende Rezension vorzulegen, zu viel stürmte musikalisch und optisch auf mich ein, was ich erst sortieren und deuten muss. Im Unterschied zu den Berufskritikern verfüge ich über keine Pressemappe, wo ich mir Ezzes zu den Gedankengängen des Regisseurs holen könnte, sondern bin auf meine eigenen kleinen grauen Zellen angewiesen, und die liefern mir nicht auf alles schlüssige Antworten :(
Sven-Eric Bechtolf, das Ehepaar Glittenberg und Franz Welser-Möst sind schon von Zürich her ein gut eingespieltes Team, in Wien haben sie den gesamten Ring gemeinsam gestemmt, eine "Arabella" und jetzt eben "Cardillac" realisiert, die Geschichte des genialen Goldschmieds, der sich von seinen Werken nicht trennen kann und sie zurückholt, indem er die Käufer ermordet.
Bechtolf zählt für mich zur MM-Fraktion, wie ich es nenne: mäßig modern (oder eher modernistisch), wobei er die Kirche meist im Dorf lässt und keine spektakulären Neudeutungen anbietet, sondern auf Psychologie setzt. Dafür würde sich ein ein psychopathischer Charakter wie Cardillac natürlich bestens eignen, umso mehr verwundert es mich, dass Bechtolf offensichtlich mehr an der phantastischen Bilderwelt E.T.A. Hoffmanns interessiert war, aus der er ständig zitiert, als am konkreten Fallbeispiel Cardillac. Das ist zumindest meine erste Diagnose, vielleicht gelange ich nach dem zweiten Besuch der Vorstellung zu einer ganz anderen Meinung.
Schwarz und Weiß dominieren das Bühnenbild und die Kostüme, das beginnt schon in der ersten Szene: Von links und rechts kippen stilisierte, hintereinander gestaffelte Schablonen von Häusern Richtung Bühnenmitte. Sie bestehen nur aus schwarzen Rechtecken mit aufgesetzten Zeltdächern, scharf grenzen sich die weißen, streng geometrisch angeordneten Fensteröffnungen davon ab. In sich und gegeneinander verschobene, milchglasähnliche Elemente auf der Hinterbühne wecken die Illusion einer Lichtkuppel oder gigantischer Strahlenbündel, die einen irrealen Schauplatz in gespenstisch fahles Licht tauchen. Männer und Frauen, alle in lange, mantelähnliche Kostüme gehüllt, erstere mit grotesk verlängerten Zylinderhüten, zweitere mit einer Art Guglhaube, besetzen die freie Spielfläche und geraten in zunehmende Erregung wegen der unheimlichen Mordserie, die seit einiger Zeit Paris in Atem hält. Miniaturhäuser im Stil der Kulissen gleiten herein und werden aufgeschlitzt - man sucht den Mörder, jeder verdächtigt jeden, stilisierte weiße Dolche werden gezückt, aber bevor man zur Lynchjustiz schreiten kann, verkündet der Führer der Prévotè im Namen des Königs, dass eine "Feuerkammer" mit der Aufklärung der Verbrechen beauftragt worden ist. Zwei Diener mit Aktentaschen begleiten seinen Auftritt mit grotesken Exerzierübungen und lassen die Taschen schließlich in Flammen aufgehen. Das Volk zerstreut sich, und auf der nun leeren Bühne macht ein Kavalier seiner angebeteten Dame den Hof. Er, ganz in Schwarz, in Bewegung und Kostüm grotesk überzeichnet, sie in weißer Robe, aber gar nicht unschuldig, denn sie fordert als Liebesbeweis ein Geschmeide von Cardillac, dafür würde sie ihn heute Nacht in ihrem Gemach empfangen.
Zweites Bild: Ein leuchtend roter Samtvorhang umrahmt wie ein zweidimensionales Zelt das schlichte Podest, auf dem die Dame schläft. Rosenblätter regnen auf sie herab. Dieses Rot ist der einzige Bruch mit dem strengen Schwarz-Weiß-Code der Inszenierung, sieht man vom glänzenden Gold ab. Die folgende Szene - das Rendevouz mit dem Kavalier, der als Dank für das Collier amourös belohnt, aber im Augenblck der Ekstase von Cardillac hinterrücks erdolcht wird - läuft rein pantomimisch ab, nur die Musik untermalt das Geschehen. Bechtolf arbeitet hier sehr geschickt mit einem weißen Vorhang und der Technik des Schattentheaters, und auch wenn alles durchaus konventionell abläuft, ergeben sich zusammen mit den aufwühlenden Klängen aus dem Orchestergraben Bilder von großer Suggestivkraft, so wenn der Schatten Cardillacs ins Riesenhafte anwächst und auf das ahnungslose Liebespaar zu kippen scheint.
Drittes Bild: Wir befinden uns in Cardillacs Werkstatt, ein weißes Gewölbe, das von einer Art goldenem Schrein im Hintergrund dominiert wird. Bald wird klar, dass es sich dabei um Doppeltüren handelt, deren Zwischenraum einen Menschen verbergen kann. Der rückwärtige Teil ist eine Drehtüre, die das gleichzeitige Auf- und Abtreten von Personen gestattet, ohne dass sie einander zu Gesicht bekommen. Vor diesem "Schrein" arbeitet Cardillac an einem schlichten Tisch, zwei funktionale Beistelltischchen mit je drei schwarzen Kästchen darauf komplettieren die Einrichtung. Cardillacs Tochter bewegt sich wie eine Aufziehpuppe, mit kleinen, trippelnden Schritten, mechanischen Gesten und starrem Blick. Absolut faszinierend, wie Juliane Banse dieses strenge Bewegungskonzept durchhält, denn erst ganz zum Schluss, wenn es ihr gelingt, sich aus dem Bannkreis ihres Vaters zu lösen, streift sie die Puppenhülle quasi ab und wird zum Menschen. Ganz klar, dass man hier unwillkürlich an E.T.A. Hoffmanns (und später Offenbachs) Olympia denkt.
Damit habe ich nun die Schauplätze skizziert, aber das verrät natürlich wenig über die Suggestivkraft, welche diese Bilder im Verein mit der Musik entfachen. Überhaupt, und das ist mein Einwand gegen die Inszenierung nach dem ersten Eindruck, scheint sich Bechtolf ganz gegen seine Gewohnheit mehr für diese "Bilder", für eine ausgefeilte Bewegungschoreographie interessiert zu haben als für eine genaue Zeichnung der Charaktere. Da bleibt nämlich vieles schablonenhaft, werden Typen gezeigt, aber keine Menschen. Das mag für die Dame und den Kavalier genügen, nicht aber für die Trias Cardillac - Tochter - Offizier, denn es ist tatsächlich ein mehr als kompliziertes Dreiecksverhältnis, das sie aneinander fesselt. Hier könnte/sollte man tief in die Abgründe der menschlichen Seele hinunterleuchten, aber man erfährt nicht viel Erhellendes.
Ich fürchte, das liegt auch an Juha Uusitalo,, der den Wahnsinn, die Getriebenheit, das Nachtseitige an Cardillac nicht überzeugend genug verkörpert. All das entfesselt zwar Franz Welser-Möst mit den Philis - da spürte ich mehr als einmal Gänsehaut - ,es findet aber zu wenig Widerhall oben auf der Bühne. Uusitalo poltert und wütet, es fehlt ihm aber das Dämonische, ohne das ein Cardillac eben nur die habe Miete ist. Stimmlich präsentierte er sich in weitaus besserer Verfassung als bei der Tosca-Übertragung aus München, aber restlos glücklich machte er mich auch heute nicht. Aber es war ja erst die die GP, vielleicht kann Uusitalo am Sonntag noch zusetzen. Möglicherweise leidet er immer noch unter dem Walküre-Trauma, wo er nach einer großartigen und voll ausgesungenen GP bei der PR dann komplett einbrach und im letzten Akt ersetzt werden musste.
Daher möchte ich auch die gesanglichen Leistungen von Ildiko Raimondi (Dame), Juliane Banse (Tocher), Herbert Lippert (Offizier) und Tomasz Konieczny (Goldhändler) heute nicht groß kommentieren, denn ich fand sie zwar alle nicht schlecht, so richtig begeistern konnte mich aber auch niemand. Aber wie oben erwähnt: Ich weiß nicht, ob das schon alles war oder der eine oder andere nicht vielleicht im Schongang unterwegs war. Der Star war für mich heute das Orchester unter Franz Welser-Möst, das in mir all die Emotionen auslöste, die mir die Stimmen ein wenig schuldig blieben.
Das übliche Fazit entfällt heute, denn zu einem abschließenden Urteil sehe ich mich noch nicht im Stande. Nur so viel: Es war spannend von der ersten bis zur letzten Minute!!!
lg Severina :hello
Severina (23.10.2010, 03:17): Wieder einmal wurde in Otto Schenks toskanischer Postkartenidylle ein L'elisir d'amore zubereitet, der nicht nur zwischen Nemorino und Adina, sondern auch zwischen Sängern und Publikum die erwünschte Wirkung zeitigte und in gegenseitigen Liebesbekundungen endete.
Dabei brauchten die Leute heute eine Weile, um in Schwung zu kommen, denn nach Nemorinos Auftrittsarie "Quanto è bella", von Juan Diego Flórez in gewohnter Perfektion und mit fulminantem Schlusston vorgetragen, regte sich zunächst keine Hand, was zu einigen peinlichen Sekunden führte, weil Yves Abel am Pult in sicherer Erwartung des Applauses schon eine Pause eingelegt hatte. Just als er weiterdirigieren wollte, klatschten ein paar Leute, aber das kam jetzt zu spät, denn Flórez hatte sich mit Schulterzucken und einer deutlichen "Dann-eben-nicht"-Miene bereits abgewandt. Kurz darauf polterte er mit zwei Körben zu Boden, auf die er sich in Fehleinschätzung ihrer Stabilität setzen wollte, und schmiss der armen Adina den Anfang ihrer Arie. Das Publikum war offensichtlich um Wiedergutmachung seines Faux pas bemüht, denn beim nächsten gelungenen tenoralen Spitzenton - und bei unserem Peruaner ist das die Regel - brandete plötzlich Applaus auf, nur störte das an dieser Stelle den musikalischen Fluss total, sodass die Enthusiasten niedergezischt wurden. An diesem Punkt hoffte ich inständig, dass die Aufführung nicht unter dem Motto "Pleiten, Pech und Pannen" stand, und mein Stoßgebet wurde gotlob erhört!
Juan Diego Flórez - was soll ich über diesen Ausnahmesänger schreiben, was ich nicht schon längst und immer wieder geschrieben habe? Über seine perfekte Gesangstechnik, die Brillianz seiner Spitzentöne, die nie gepresst oder gestemmt klingen, sondern so, als wäre da noch viel Spielraum nach oben, über sein unglaubliches Legato, das ohne jede Zäsur in einem zarten Piano ausschwingt, das nie auch nur im Entferntesten falsettiert wird? Über sein kostbares Timbre, das immer wieder Glücksgefühle in mir auslöst? Aber ich will nicht länger Eulen nach Athen tragen! Seit 11 Jahren, als er mit dem Almaviva sein Debut an der WSO gab, verfolge ich die Karriere dieses Tenors. Bei jedem Wiederhören stelle ich erfreut fest, dass seine Stimme nicht nur nicht die geringsten Abnützungserscheinungen zeigt, sondern an Volumen und Farbe stetig dazugewinnt. Dazu kommt diese unglaubliche Sicherheit, die der Peruaner beim Singen vermittelt, sodass man sich wirklich völlig entspannt zurücklehnen und genießen kann, ohne bei jeder heiklen Phrase unwillkürlich mitzuzittern. In der Regel passt einfach alles. Auch heute passte alles, und das begeisterte Publikum erklatschte sich wie üblich ein Daccapo von "Una furtiva lagrima". Gerade bei diesem "Hit" kann man die stimmliche Entwicklung von Flórez gut mitverfolgen, wenn man die erste Einspielung mit seiner aktuellen Interpretation vergleicht. Die Stimme ist körperhafter geworden, ohne aber an Leichtigkeit eingebüßt zu haben, und transportiert wesentlich mehr Emotionen als früher, wo der Vorwurf der Sterilität nicht ganz von der Hand zu weisen war. Damit verbunden ist auch die enorme Steigerung, die Flórez in den letzten Jahren als Schauspieler für sich verbuchen kann. Allmählich muss er aufpassen, dass er nicht zu viel des Guten macht! Dass er sich bei den Arien seine drei Standardgesten nicht mehr abgewöhnen wird, damit müssen seine Fans wohl leben.....
Besonders neugierig war ich auf Julia Novikova, die mit der Adina ein Rollendebut an der WSO gab. Sie hatte nicht nur mich als Gilda des umstrittenenen "Rigoletto" aus Mantua begeistert, und ich war daher gespannt, ob sie live diesem positiven Eindruck standhalten konnte. Zunächst schien es so, als würde sich meine Befürchtung, ihre Stimme wäre für unser Haus ein wenig zu klein, bewahrheiten, denn in ihrer ersten Szene hatte sie tatsächlich Probleme, über Chor und Orchester hinauszukommen. (Und Yves Abel ist kein Dirigent, der Sänger erbarmungslos zudeckt!) Ob das nur der Nervosität wegen dem Rollendebut geschuldet war, werde ich am Montag feststellen können. Heute jedenfalls gefiel mir Frau Nemikova mit Fortdauer des Abends immer besser, ihre glockenhelle Stimme passt vorzüglich zur Rolle und auch technisch konnte ich keine Probleme feststellen. Was mich allerdings bei ihrer Gilda so berührt hat, ihre unschuldige, beinahe kindliche Ausstrahlung, störte mich heute ein wenig, denn Adina ist eben kein naives junges Ding, sondern eine selbstbewusste Frau, die nicht nur als Gutsherrin Durchsetzungsvermögen beweisen muss, sondern auch in ihrem Liebesleben das Kommando übernimmt. Julia Novikova hingegen gibt ein übermütiges Mädchen, das stets im Mittelpunkt ihrer "Clique" stehen will und gerne flirtet, sie springt, hüpft und tanzt wie ein Wirbelwind über die Bühne, und unwillkürlich wartete ich immer darauf, dass eine Gouvernante auftauchen und sie zur Ordnung rufen würde. Sie wäre vom Aussehen und ihrer Ausstrahlung her eine perfekte Juliette, als Adina vermisste ich allerdings die Autorität. Das heißt jetzt nicht, dass mir Fau Nemikova in dieser Rolle völlig missfallen hätte, denn ihre erwachende Liebe zu Nemorino, ihr Werben um ihn, spielte sie ganz zauberhaft, man spürte förmlich die Schmetterlinge in ihrem Bauch. Optisch waren der glutäugige, schwarzgelockte Peruaner und die zarte, blonde Russin natürlich ein Traumpaar, und auch die Chemie zwischen den beiden stimmte perfekt, wie ich aus der Proszeniumsloge unschwer erkennen konnte. Am Schluss konnten sie überhaupt nicht mehr die Finger voneinander lassen, und so sehr in Flagranti wie Novikova & Flórez hat wohl noch selten ein Belcore seine vermeintliche Verlobte ertappt.
Bleiben wir gleich beim Sergeanten, dem Tae Joong Yang seine Stimme lieh. Ich finde ihn nie wirklich schlecht, so richtig glücklich werde ich mit dem koreanischen Bariton aber auch nie. Subtile Zwischentöne sind nicht seine Sache, weder beim Singen noch beim Spielen. Alles wirkt sehr plakativ, manches auch übertrieben. Nun neigen viele Belcores dazu, dem Affen Zucker zu geben, aber das Ergebnis ist dann meist doch witziger als das bei Herrn Yang der Fall ist. Sein mimisches Repertoire enthält zwei Standardausdrücke: Negative Empfindungen = extrem vorgeschobene Unterlippe + Augenrollen, positive Empfindungen = eingefrorenes Dauergrinsen. Auf Dauer ist das etwas wenig und nervt. Ähnlich eintönig wirkt auch sein Singen auf mich, abgesehen von der sehr gewöhnungsbedürftgen italienischen Aussprache. (Ffffffa via, statt va via, usw.) Zu meiner Überraschung bekommt Tae Joong Yang aber immer viel Applaus und durchaus auch Bravos, also liegt es vielleicht an mir, dass ich die Qualitäten dieses Sängers nicht erkenne?
Lars Woldt debutierte als Dulcamara, aufmerksam beobachtet von unserem Paradequacksalber der letzten Jahre, Alfred Sramek, der aus der Sängerloge diese Aufführung verfolgte. Nun, vor dieser Konkurrenz braucht er sich nicht wirklich zu fürchten. Woldt verfügt zwar über eine sehr durchschlagskräftige, angenehm timbrierte Stimme, der es aber so ziemlich an Italianità fehlt, was vor allem an der viel zu harten Aussprache liegt. Jedes "dschi" klang wie "ttttschi", viele "e" wurden zu "ä" umgefärbt, besonders störend bei "mädicina". Für die Koloraturen ist die Stimme nicht beweglich genug, obwohl Yves Abel betont langsam dirigierte. Der Unterschied zu dem Silbenfeuerwerk, das ein Sramek (oder der unvergessliche Giuseppe Taddei) bei seiner großen Auftrittsarie da immer abbrennt, war jedenfalls eklatant und fiel nicht zu Gunsten von Lars Woldt aus. Mit seinem sehr engagierten Spiel machte er zwar einiges wieder gut, aber in meiner ewigen Bestenliste der Dulcamaras nimmt er vorerst keinen Platz im Spitzenfeld ein.
Bleibt noch Yves Abel am Pult, der einen ordentlichen Job machte, ohne jetzt groß zu begeistern. Allerdings mag das auch daran gelegen sein, dass er sich mit einem Orchester zufrieden geben musste, das am heutigen Abend zum Großteil aus Substituten bestand. "Welche Truppe spielt da eigentlich?" fragte ich mich nach dem ersten Blick in den Graben, denn mit den Philis hatte diese Besetzung nur wenig gemein. Kein Wunder, die touren gerade mehrheitlich durch die Konzertsäle, weshalb beim "L'Elisir" die Reservisten zum Zug kamen und Abel sicher nicht genügend Orchesterproben hatte, um seine Handschrift zu hinterlassen. Von der "Fille du Regiment" habe ich ihn nämlich als erstklassigen Donizettidirigenten in Erinnerung, also wäre unter besseren Bedingungen auch beim "L'Elisir" mehr drinnen gewesen.
Am Schluss herrschte großer Jubel, der zwar heftig, aber insgesamt doch kürzer ausfiel, als man das bei Flórezauftritten gewohnt ist. Bravos gab es für alle, die meisten natürlich für das Liebespaar, die sich mit vielen Kusshändchen beim Publikum bedankten.
Mein Fazit: Ein "L'Elisir" mit einem überragenden Juan Diego Flórez, einer sehr guten Julia Nemikova und rundherum viel solides Mittelmaß. Trotzdem freue ich mich auf die nächste Vorstellung.
vielen Dank für den ja wirklich zu nachtschlafender Zeit brandaktuell verfaßten Beitrag :down! Ich finde Flórez vor allem wegen seiner traumhaften stimmlichen Sicherheit bemerkenswert, da kann die Schauspielerei ruhig noch ein wenig im Entwicklungsstadium verharren.
Grüße aus dem Nebel!
Honoria
Fairy Queen (23.10.2010, 14:57): Ich kann nur immer wieder sagen: was habt ihr es doch gut in Wien!!!!! Alle Weltstars singen bei euch- wir können froh sein, einmal in der Saison so jemanden zu hören und zu sehen. Ich habe für heute abend Karten für den Boris Godunow aus der MET- eine Oper , die ich noch nie gehört habe und bin gespannt auf René Pape, der sicher auch in Wien singt, aber niemals in Lille..... gute Bâsse sind so selten wie gute Tenöre! Florez wird auch im MET Kino übertragen, mit dem Comte Ory und da hoffe ich, dabei sein zu können, denn ich bin seine leidenschaftlcher fan seit demersten Ton!!!! Er hat derzeit nicht seinesgleichen und hioer würden gewiss alle rasen vor Begeisterung, wenn er nur den Mund aufmachte. Aber er kommt halt nur nach Wien. :I Gut , dass Sevi da ist und berichten kann.
F.Q.
Ingrid (23.10.2010, 15:43): Liebe Severina,
Deine Live-Berichte sind immer hinreißend und die beleidigte Miene (völlig zu Recht) von Flórez hatte ich direkt vor Augen :D Tausend Dank!!!!
Worauf ich aber die ganze Zeit wartete und nicht fand (übersehen?) war Deine Rezension von Jonas Kaufmanns Liederabend. Warst Du nicht dort? Habe mich sowieso total gewundert, dass sie ihn in einem kleinen Konzertsaal haben singen lassen. Wollen die Wiener kein Geld verdienen? So heiß begehrt, wie JK im Moment ist, hätten sie doch locker ein Stadion füllen können. Das war ja nicht sehr klug.
Liebe Fairy,
dann sehen wir uns heute ja bei BG :wink :leb Hoffentlich singt Pape. Vor gut 1 1/2 Jahren bin ich ja wegen ihm, bei einem Bummel Unter den Linden, in den Lohengrin gegangen, weil er draußen auf den Plakaten noch angekündigt wurde, aber drinnen stand dann ein Koreaner auf der Bühne :I
Herzliche Grüße Ingrid
Severina (23.10.2010, 16:09): Liebe Ingrid,
nein, Du wirst es nicht fassen, aber ich war nicht im LA - es war völlig hoffnungslos! :I :I Wenn man kein LA-Abo hat, bekommt man ganz, ganz schwer Karten, nicht einmal meine Freundin, die Mitglied der Konzerthausgesellschaft ist und damit Vorverkaufsrecht besitzt (vor dem allgemeinen Kartenverkauf), hatte Glück. Ich war zwar am Abend dort in der Hoffnung, dass vielleicht jemand Karten verkauft, aber auf die gut 20 Suchenden kamen vielleicht vier Anbieter, und die verlangten solche Phantasiepreise, dass ich dankend verzichtete. Es muss aber ganz toll gewesen sein!
Ja, Flórez guckte wirklich etwas verdutzt (und indigniert) aus der Wäsche, so nach dem Motto "Was wollen die denn? Besser singt Ihnen das keiner!" Genauso war es auch, denn nach dem absolut wahnsinnigen Schlusston saßen alle einmal atemlos und versteinert da, dann wartete wohl jeder, dass wer zu applaudieren beginnt (ehrlich gesagt will ich auch nie die Erste sein!), und als nach einem peinlichen Moment der Stille sich jemand erbarmte, war's bereits zu spät. Immerhin hatte er mit seinem SChulterzucker die Lacher auf seiner Seite.
lg Sevi :hello
Severina (23.10.2010, 16:21): Original von Fairy Queen Ich kann nur immer wieder sagen: was habt ihr es doch gut in Wien!!!!! Alle Weltstars singen bei euch- wir können froh sein, einmal in der Saison so jemanden zu hören und zu sehen.
F.Q.
Liebe Fairy,
richtig, wir beschweren uns auch nicht! :leb Höchstens, dass es manchmal fast zuviel des Guten ist, denn das Überangebot an interessanten Veranstaltungen führt dazu, dass speziell mir auch vieles durch die Lappen geht, worüber ich mich hinterher ärgere. Aber mit drei Opernhäusern (+ die kleine Kammeroper), Konzerthaus, Musikverein, wo ja auch immer ein tolles Programm mit tollen Solisten geboten wird, bräuchte ich einen Lottosechser und eine Zeitdehnungsmaschine, um alles mitzunehmen, was ich gerne hören würde. Außerdem gehe ich ja auch gerne ins Theater, und auf diesem Gebiet hat Wien genauso viel zu bieten wie auf dem Opernsektor. Du kannst bei uns also wirklich unter Kulturstress leiden! :D :D :D Ich sag immer, wer sich in Wien fadisiert, dem ist nicht zu helfen!!!!
lg Sevi :hello
Severina (25.10.2010, 23:30): Obwohl der Liebestaumel vom Freitag noch nicht verflogen war, ließ ich mir heute den zweiten "L'Elisir d'amore" kredenzen, und da alle guten Dinge bekanntlich drei sind, am nächsten Freitag den dritten. (Ja, ich weiß, dass ich verrückt bin :D :D :D!)
Es war heute noch mehr als beim letzten Mal die One-man-Show des Juan Diego Flórez. Julia Novikova dürfte die Kritiken gelesen haben, die ihr durchwegs eine zu kleine Stimme attestierten, weshalb sie anfangs versuchte zu forcieren, was natürlich auf Kosten des Timbres ging und so manche Schärfe in der Höhe verursachte. Gottlob gab sie diese Gewalttour bald auf und begnügte sich mit dem, was ihr stimmlich eben zur Verfügung steht. Ich saß heute weiter hinten und hatte keine Probleme, Frau Novikova zu hören, aber natürlich bin auch ich der Meinung, dass sie besser an kleineren Häusern singen sollte. (Leider ist sie aber sogar Ensemblemitglied an der WSO, womit sie nicht gut beraten ist....) Dafür bewies sie Geistesgegenwart, denn nach dem Duett im ersten Akt sollte sie in ihrem Haus verschwinden und dem sie verfolgenden Nemorino die Türe ins Gesicht knallen. Leider klemmte dieses vermaledeite Ding und widersetzte sich auch energischem Rütteln, worauf Adina sich blitzschnell umdrehte, dem verdutzten Flórez, der natürlich schon knapp hinter ihr stand, das Buch auf den Kopf schlug, unter seinem Arm durchtauchte und um die Ecke fegte. Das nenne ich toll reagiert, denn niemand, der unsere Inszenierung nicht kennt, merkte von dieser Panne etwas. Flórez spielte auch brav mit, verzog wehleidig das Gesicht und rieb sich die Stirn.
Lars Woldt , das bestätigte sich auch heute, ist definitiv kein Dulcamara. Viel zu schwerfällig und vor allem hölzern klingt alles, auch fehlt ihm die gewisse Schlitzohrigkeit, die man sich von diesem Quacksalber erwartet. Ich musste heute die ganze Zeit daran denken, dass Woldt ein großartiger Cardillac wäre, sowohl von der Stimmfarbe her als auch von seiner Ausstrahlung. Als Dulcamara ist der preußische Kasernenton, den er zeitweilig anschlägt, jedenfalls fehl am PLatz.
Tae Joong Yang brüllte sich durch den Belcore und outrierte wie immer schamlos, aber siehe 22. Oktober.
Bleibt der unbestrittene Held des Abends, Juan Diego Flórez. Keine Sorge, ich breche jetzt nicht wieder in Lobeshymnen aus :wink, denn was es zu ihm zu sagen gibt, habe ich bereits in meiner ersten Rezension gesagt. Die knisternde Spannung, die er bei "Una furtiva lagrima" erzeugt, ist normalerweise einer Edita Gruberova als Lucia vorbehalten. Auch heute verstummte der lästigste Huster, saßen 2300 Leute mit angehaltenem Atem auf den Stuhlkanten, um nach dem Schlusston, der in einem Piano ausschwang, dem etwas Überirdisches anhaftete, förmlich zu explodieren. Obwohl das Publikum heute noch mehr tobte als am Freitag, ließ sich Flórez zu keinem Da capo erweichen. Das ist zwar eine Ausnahme von der Regel, aber selbstverständlich zu akzeptieren - Flórez ist so diszipliniert wie kaum ein anderer Sänger und unterlässt alles, was seiner Stimme nicht gut tut. Schon vorher gab es heute keine Fleißaufgaben in Form von eingeschobenen Spitzentönen, aber das "Pflichtprogramm" absolvierte er in gewohnter Perfektion. Kurze Heiterkeit unter den Stammbesuchern weckte der Umstand, dass unser Held seit dem letzten Mal plötzlich das Schreiben verlernt hat, denn während er am Freitag auf Belcores Frage "Sai scrivere?" auf Deutsch "Nicht gut!" antwortete (Was bei ihm wie "Nigt guttttt!" klang), kriegten wir heute ein entschiedenes "Nein!!!" zu hören.
Yves Abel hatte seine Patchworktruppe heute besser im Griff, es gab weniger Wackelkontakte, aber immer noch viel Spielraum nach oben.
Mein Fazit: Manchmal macht auch eine Schwalbe einen Sommer, zumindest wenn sie Juan Diego Flórez heißt!!
lg Severina :hello
Severina (30.10.2010, 00:18): Pannenfrei ging heute der letzte "L'Elisir" über die Bühne - keine Türe klemmte, alles war an seinem Platz und Flórez hat in seinem insgesamt 7. Auftritt in dieser Inszenierung endlich verinnerlicht, wo er überall raufspringen darf, ohne die halbe Kulisse abzuräumen :D. (Er liebt es nämlich, aus dem Stand auf alles mögliche zu springen und seine Sportlichkeit unter Beweis zu stellen.)
Neu war heute die Adina, der Sylvia Schwartz ihre Stimme lieh. Eigentlich war sie für die gesamte Serie vorgesehen, aber sie erkrankte im Vorfeld und verhalf daher Julia Novikova zu ihrem Debut. Den Viren sei Dank, denn die Russin gefiel mir in dieser Rolle um Klassen besser.
Sylvia Schwartz verfügt zwar über eine etwas kräftigere, auch dünkler gefärbte Stimme, leider aber auch über ein ausgeprägtes Vibrato, und damit hat sie bei mir keine Chance auf einen Spitzenplatz. Außerdem ist ihre Adina das, was wir in Wien eine "fade Nock'n" nennen, wo die Novikova zu viel herumflatterte, flatterte sie gar nicht. Das lockere Liebesleben, das sie so nachdrücklich besingt, nimmt man dieser Adina nicht ab. Die weckt eher den Eindruck, dass sie die Abende in ihrer Scheune verbringt und Kornsäcke zählt. Das nahm der Vorstellung etwas den heiteren Schwung, der die ersten beiden ausgezeichnet hatte, was insofern schade war, als das Publikum heute bereitwillig mitging, an den richtigen Stellen klatschte und lachte. Die köstliche Szene, als Duilcamara Adina zu dem kleinen Sketch auffordert, verpuffte völlig wirkungslos, weil Sylvia Schwarz nur steif da stand und den Text vom Blatt sang. Wie entzückend hatte die Novikova das gespielt! Leider fehlte zum Schluss auch völlig das erotische Knistern zwischen Adina und Nemorino, die beiden wirkten eher wie ein Geschwisterpaar.
Und das lag sicher nicht an Juan Diego Flórez, der sich den Nemorino nun auch schauspielerisch völlig zu eigen gemacht hat. Man kann sich wirklich nur freuen über seine positive Entwicklung in dieser Hinsicht. Er ist ganz der in Liebesdingen schüchterne Tolpatsch, der alle Sympathien auf seiner Seite hat, ohne aber den Dorftrottel zu mimen, wie das leider viele tun. Und er verblüfft immer wieder durch spontane Einfälle, fügt immer neue Mosaiksteinchen in sein Rollenbild. Was Flórez gesangliche Leistung betrifft, verweise ich auf "L'Elisir" I und II, dem ist nichts hinzuzufügen :down :down :down. Der orkanartige Applaus nach "Una furtiva lagrima" brachte den Kronleuchter zum Klirren. Unser Tenorino badete minutenlang mit gesenktem Kopf im Jubelmeer, bevor er an die Rampe trat und sich verbeugte, worauf die Phonstärke neue Rekordwerte erreichte, bis endlich ein Nicken Richtung Yves Abel das ersehnte Da capo ankündigte. In die Stille vor dem ersten Ton brüllte jemand ein lautes "Danke!", bevor die heimliche Träne ein zweites Mal fließen durfte. Man hatte den Eindruck, Flórez könnte diese Arie locker noch ein drittes und viertel Mal singen, ohne die geringsten Ermüdungserscheinungen.
Was die beiden anderen Herren betrifft, so hoffe ich im Falle von Lars Woldt, ihm nie mehr als Dulcamara begegnen zu müssen (In anderen Partien gerne!), bei Tae Joong Yang wird sich meine Wiedersehensfreude generell in Grenzen halten......
Das Publikum bejubelte am Schluss alle Sänger, besonders frenetisch natürlich Juan Diego Flórez. Bei mir mischte sich in die Euphorie auch ein wenig Abschiedsschmerz, denn für mindestens ein Jahr werde ich meinen Belcantokönig nicht mehr live auf der Bühne sehen :I :I :I. Diese Durststrecke lässt sich natürlich nur durch den exzessiven Einsatz von CDs und DVDs überwinden :D!
So, und jetzt gönne ich meinen vom Bravorufen malträtierten Stimmbändern eine große Tasse Tee mit Honig!
lg Severina :hello
Heike (30.10.2010, 08:32): Liebe Sevi, danke für deinen wie immer herzerfrischend anschaulichen Bericht! Was Flórez angeht - Du hast in weniger als einem halben Jahr die Chance, ihn live aus der MET im Kino in Rossinis: LE COMTE ORY anzusehen - im April 2011. Heike
Mime (31.10.2010, 16:21): Danke, Severina, für deine lebhaften und engagierten Beiträge.
:thanks
Severina (12.11.2010, 22:46): Dominique Meyer hat seine Intendanz u.a. mit der Absicht angetreten, Barockopern im Haus am Ring salonfähig zu machen, weshalb schon seine zweite Produktion Georg Friedrich Händels "Alcina" ist - eine Premiere im doppelten Sinn, denn noch nie zuvor durfte sie ihre Zauberkräfte auf dieser Bühne wirken lassen. Ob die (Um-)Erziehung des WSO-Publikums zu Barockfans eine Erfolgsgeschichte wird, bezweifle ich ein wenig. Zumindest die heutige GP war ungewohnt schwach besucht, einige Zuschauer in meiner Umgebung suchten noch vor der Pause das Weite, andere verflüchtigten sich in eben dieser. Die Tapferen, die vier Stunden ausharrten, wurden mit einer musikalisch hochwertigen Aufführung belohnt und zeigten sich am Schluss einhellig begeistert. (Noch ein Novum: In der Ära Meyer hebt sich der Vorhang auch nach einer GP - bisher ging nach dem Schlusston der Lappen runter, und das war's dann auch.)
Der Plot ist verwirrend wie in so vielen Barockopern, wo jeder den Falschen liebt bzw. vom Falschen wieder geliebt wird. Die Zauberin Alcina, die sich ihrer abgelegten Lover entledigt, indem sie sie in Steine oder wilde Tiere verwandelt, liebt Ruggiero, der eigentlich mit Bradamante verlobt ist, durch einen Vergessenstrank aber jede Erinnerung an diesen Teil seiner Vergangenheit verloren hat. Bradamante, in den Kleidern ihres Bruders Ricciardo, landet mit ihrem Vormund Melisso erst auf der Insel, um ihren verschollenen Bräutigam zu suchen, und dann in den Fängen Morganas, der Schwester Alcinas, die sofort für den schönen Jüngling entflammt. Das wiederum findet ihr Liebhaber Oronte gar nicht lustig, der nun ein munteres Intrigenspiel in Gang setzt und jeden der amorös Verwickelten von der Untreue der/des anderen überzeugen möchte. Dazwischen irrt noch der Knabe Oberto auf der Suche nach seinem Vater umher, der von Alcina in einen Löwen verwandelt worden ist.
Dieses Verwirrspiel macht Regisseur Adrian Noblenicht klarer, indem er auf das schon ziemlich überstrapazierte Sujet vom "Theater im Theater" zurückgreift. Er siedelt seine "Alcina" im 18.Jhdt., also zur Entstehungszeit der Oper, an und zwar im Ballsaal des Devonshire-House in London. Die Duchesse of Devonshire, eine historische Persönlichkeit, lädt ihre Freunde zu einem der in Adelskreisen beliebten Haustheaterabende, um Händels "Alcina" aufzuführen,wobei sie selbst natürlich die Hauptrolle übernimmt. Während der Ouvertüre begrüßt sie ihre Gäste und teilt Rollen und Kostüme zu, die von Dienern in einer großen Kiste hereingeschleppt werden (Und die absolut nicht ins 18.Jhdt. passen, dies nur nebenbei!). Aus dem Orchestergraben steigen einige Musiker auf die Bühne, die sich um ein Cembalo auf der rechten Seite gruppieren und vor allem die vielen Soli in dieser Oper übernehmen (Diese Idee von Noble finde ich wirklich gelungen), während sich der Souffleur mit einem Notenpult am linken Bühnenrand platziert. Die Ouvertüre geht in diesen hektischen Vorbereitungen für die Aufführung von "Alcina" natürlich ein wenig unter, dafür kann man sich schon ein wenig mit dem Bühnenbild vertraut machen.
Anstatt der im Libretto vorgesehenen verschiedenen Schauplätze kommt Ausstatter Anthony Ward mit einem Einheitsbühnenbild aus, das wie schon erwähnt einen vornehmen Ballsaal zeigt, der allerdings sicher nicht dem 17. Jhdt. entspricht, sondern vom Klassizismus inspiriert ist: Eine schmuckloses, nur durch Pilaster gegliedertes Oval, dessen Mittelteil von momumentalen Fenstern gebildet wird, die den Blick auf eine im Mondlicht schimmernde Meeresbucht mit Vulkan am gegenüber liegenden Ufer frei geben, begrenzt die Spielfläche. Nach oben schließt eine kassettierte Halbkuppel, die in der Mitte offen bleibt, den imaginären Ballsaal ab. Durch diese Öffnung sinkt im ersten Bild ein Fesselballon mit Bradamante und Melisso herunter. Wenn das Spiel im Spiel so richtig beginnt, öffnet sich die Fensterfront, die beiden Flügel weichen zurück und die verbleibenden Seitenteile ergeben zusammen mit der Halbkuppel die perfekte Illusion eines zweiten Bühnenrahmens. Mit den Fenstern ist auch die Küstenlandschaft verschwunden, an ihrer Stelle erstreckt sich bis auf die Hinterbühne eine Art Schilfgürtel unter blauem Himmel, an dem - nun stark verkleinert - immer noch der Fesselballon schwebt. Wenn die Protagonisten auf versteckten Pfaden durch diese Botanik wandern, reichen ihnen die Halme bis zu den Hüften. Die eigentlichen Spielfläche bleibt bis auf das schon erwähnte Cembalo und eine Ansammlung von hellblau tapezierten Stühlen leer.
Im 2. Akt senkt sich Nacht über die Szene, vom Schnürboden schweben kleine Glühbirnen herab und verharren in verschiedenen Höhen, einen Sternenhimmel suggerierend, auch im Schilf irrlichtert es geheimnisvoll, Trockeneis wird (nicht zum ersten Mal....)verschwenderisch zum Einsatz gebracht. Zugegeben ein hübsches Bild, aber wie so viele andere in dieser Inszenierung ziemlich zweckfrei. "Spektakuläre Effekte", die Regisseur Noble im Staatsopernmagazin verspricht, stelle ich mir jedenfalls ein bisschen anders vor.
Tja, und was passiert nun eigentlich in diesem zugegeben sehr ästhetischen Rahmen? Leider nicht viel. Mister Noble sollte einmal bei Robert Carsen, Christoph Loy, Laurent Pelly oder Jens Daniel Herzog in die Lehre gehen, damit er weiß, wie man eine Barockoper pfiffig inszeniert und vor allem die scheinbare Monotonie einer Dacapoarie so auflöst, dass auch die x-te Wiederholung noch Spaß macht. Was ich heute an der WSO erlebt habe, war szenisch völlig belanglos, oder weniger höflich formuliert: ziemlich langweilig. Damit ein bisschen Bewegung auf der Bühne herrscht, lässt Adrian Noble ständig die oben erwähnten Stühle herumtragen. Kaum setzt ein Sänger zu einer Arie an, wird ihm schon eine Sitzgelegenheit präsentiert (oder einfach unter den Allerwertesten geschoben), kaum erhebt er sich von dieser, wird sie auch schon wieder weggetragen. Dieses Stühlchen-her,Stühlchen-weg, Sessel-hin, Sessel-her verdeutlicht nichts, bezweckt nichts, ist einfach nur ein sinnloses Füllsel, um Aktion vorzutäuschen. Die sollte aber eigentlich von den Sängern ausgehen und nicht von Sesselträgern!!
Für mich die einzige gute Idee ist der Einfall, aus dem Knaben Oberto den Sohn der Duchesse zu machen, der im blau-weiß gestreiften Nachthemd mit Schlafmütze immer wieder in das Fest hineinplatzt und nach seinem Vater sucht, der sich im Hintergrund still besäuft - offensichtlich ein von den Eskapaden seiner exzentrischen Gemahlin frustrierter Ehemann. Die Löwenszene (als Alcina Oberto auffordert, seinen in einen Löwen verwandelten Vater mit einem Speer zu töten) löst sich hier eben so auf, dass Oberto seine Mutter für das Unglück seines Vaters verantwortlich macht. Im Schlusschor, der hier von allen Beteiligten in einem Reigen mitgetanzt wird, drehen sich zuerst Mutter und Sohn im Kreis und nehmen dann den Vater mit dazu: Alcina hat ihre Zauberkraft verloren, ist keine Femme fatale mehr, sondern nur mehr Mutter und (zumindest im Moment) glückliche Ehefrau.
Wer mehr als nur schöne Bilder sehen will, wird dieser Inszenierung also nicht viel Positives abgewinnen können.
Gott sei Dank wurde ich heute durch das hohe musikalische Niveau voll und ganz entschädigt. Zum ersten Mal - und das muss eigentlich in die Annalen eingehen - räumten die Wiener Philharmoniker den Graben und überließen ihre Plätze Marc Minkowski und seinen Musiciens du Louvre-Grenoble. Zum ersten Mal füllten HIP-Klänge das weite Rund der WSO, und zwar füllten sie es entgegen meiner Befürchtung wirklich. Ich hatte ja ein wenig Bedenken, dass das vergleichsweise kleine Orchester in der Weite des Raumes nicht richtig zur Geltung kommen könnte. Aber es klang im Gegenteil ganz großartig, und am Schluss durfte Minkowski die meisten Bravos für sich verbuchen. (Was natürlich bei der PR und einem hoffentlich vollen Haus wieder ganz anders sein kann!) Ganz großartig spielten die Solisten (Violine, Violoncello, Flöte, Oboe, Theorebe und Cembalo) oben auf der Bühne, die sich durch die ungewohnte Perspektive und auch das Bewusstsein, plötzlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, nicht aus der Ruhe bringen ließen. Mich bewegte speziell Thibault Noally mit seinen Geigensoli ungemein, das klang wie Musik aus einer anderen Spähre.
Auf gleichem hohem Niveau befanden sich heute die Sänger. Ich beginne mit dem schwächsten Glied, der Morgana von Veronica Cangemi, die mich gleich zu Beginn mit einigen unschönen, scharfen Höhen zusammenzucken ließ, sich dann aber im Laufe der Vorstellung fing und eine zumindest solide Leistung bot.
Großartig ganz ohne Abstriche Anja Harteros als Alcina: Sie bewältigte diese Monsterpartie ohne die geringsten Ermüdungserscheinungen, mit gleichbleibender Virtuosität und Intensität. Alle Töne sind präzise intoniert und gleiten wie auf Schienen dahin, ohne dass es bei den "Weichen" die geringsten Verwerfungen gäbe, und doch ist es nie sterile Perfektion, sondern ein ungemein emotionales Singen. Denn was ihr die Regie verweigert, nämlich ein starkes Rollenporträt, gelingt Anja Harteros vokal mühelos: Von der leidenschaftlichen Liebe über rasende Eifersucht bis zur ohnmächtigen Verzweiflung über den Verlust ihrer Zauberkraft - für jeden Gefühlsausbruch stehen ihr die richtigen Farben zur Verfügung, kann sie ihre Stimme je nach Gebot mit Sinnlichkeit, furioser Wut oder Trauer aufladen, manchmal förmlich elektrisieren.
Vesselina Kasarowa konnte mich nach langer Zeit wieder einmal überzeugen, auch wenn sie keine makellose Leistung bot, denn die tieferen Lagen bereiten ihr nach wie vor Probleme. Dafür bot sie ein fulminantes Koloraturenfeuerwerk und viele interessante Nuancen in ihrem Vortrag. Vor allem aber, und das freut mich am meisten, leuchtet Kasarowas Stimme wieder, denn in den letzten Jahren - speziell bei ihrer Carmen - hatte ich immer das Gefühl, als läge ein leichter Grauschleier über ihrem einst so strahlenden Mezzo.
In der direkten Konfrontation der starken Persönlichkeiten von Harteros und Kasarowa kam auch spürbar dramatischer Schwung in das eher lahme Bühnengeschehen, und man kann nur bedauern, dass sie von Adrian Noble so wenig gefordert wurden. Was hätte ein Jens-Daniel Herzog oder ein Robert Carsen aus den beiden herausgeholt!
Der dritte Platz gebührt in meinen Ohren Kristina Hammerström als Bradamante, denn ihr Timbre gehört zu jenen, die mir "wie Honig hinuntergehen", wenn der profane Vergleich erlaubt sei. Auch technisch konnte ich nichts an dieser Sängerin aussetzen, und ich hoffe auf ein baldiges Wiederhören und Wiedersehen mit ihr.
Die (echten :wink) Herren der Schöpfung haben in dieser Oper deutlich weniger zu vermelden und können sich daher auch nicht so profilieren wie ihre Kolleginnen. Benjamin Bruns als Oronto gefiel mir sehr gut, leider patzte er just bei seiner Arie am Schluss ein wenig, sodass ich hoffe, für ihn gilt der Spruch von der schlechten Generalprobe. Aber seine Stimme ist schön timbriert und verfügt auch über Durchschlagskraft.
Adam Plachetka, ein neues Ensemblemitglied, wurde bisher von der offiziellen Kritik immer höher bewertet als von mir, ich konnte nichts Besonderes an ihm entdecken. Als Melisso überzeugte er mich aber 100%ig, das war eine feine Leistung. Bisher störte mich immer eine gewisse Kraftmeierei in seinem Vortrag, aber heute sang er wirklich sehr kultiviert, und plötzlich gefiel mir auch seine Stimme.
Den Vogel schoss aber Alois Mühlbacher ab, der Sängerknabe aus St. Florian, der dem Oberto seine Stimme lieh. (Offensichtlich hält Monsieur Meyer ebenso wenig von den Wiener Sängerknaben wie sein Vorgänger....) Mit seiner hellen, klaren, aber erstaunlich durchschlagskräftigen Stimme erzielte er die ersten Bravos bei dieser GP, und die kamen nicht nur vom Balkon, wo offensichtlich seine Klassenkameraden die Daumen drückten und für Stimmung sorgten.
Wie schon gesagt, die Begeisterung am Schluss war einhellig, wenn auch nicht sehr lautstark, was am nur zur Hälfte besetzten Haus lag.
Mein Fazit: Szenisch nicht wirklich ein Plädoyer für Barockopern an der WSO, aber die großartigen Sänger und das nicht minder großartige Orchester entschädigen für die Fadesse auf der Bühne voll und ganz.
lg Severina :hello
Severina (13.11.2010, 13:12): Für alle, die Radio Ö1 empfangen können: Die "Alcina" wird am 20. November um 19 Uhr im Radio übertragen! (Da muss man sich auch über keine Sesselspiele ärgern :wink ) lg Sevi :hello
Fairy Queen (13.11.2010, 19:46): Liebe Sevi, ich bin ein ganz grosser Fan der Alcina- danle für diese ausgiebige Kritik. Adrian Noble habe ich bisher nur mit ieenr hervorragenden Bazrock-Inszenierung "Il ritorno di Ulisse in patria" erlebt - schade, dass er nciht durchgängig dieses Niveau zu haben scheint. Bei Händel ist die gefahr sich bei dne endlosen DaCapo Geshcichten zu langweilen leider immer latent vorhanden, gerade für die Nicht-Barock-Fans liegt darin ien grosses Manko. Mein mann ist mal beim Tamerlano eingeschlafen.... X( Das wäre Ihnen mit McVicar oder Pellty nicht passiert- kann ich da nur sagen. :wink Eine schwache Morgana in Wien ist m.E. gelinde gesagt ein Skandal, denn diese Rolle ist wahrlich nciht schwer zu besetzen! Lyrische Koloratursoprane gibt es in Hülle und Fülle und wenn da Schârfen in der Höhe zu hören sind, hatte die Dame entweder einen schlechten Tag oder ist fehlbesetzt. Diese Rolle ist äusserst dankbar und in der Höhenexpansion total variabel- je nach Sängerin, denn die dreigestrichenen Noten stehen nciht in der Partitur sondern werden je nach Gusto im Dacapo eingefügt. Meine Traumbesetzung ist natürich Natalie Dessay. Die Kasarova höre ich SEHR gerne- als Romeo bzi Bellini finde ich sie immer noch unschlagbar. Nebenrollen gibt es eigentlich kaum, die oper ist jja so lang, dass jeder Sänger mehrere grosse Arien hat. Aber Alcina ist natürlich die Härte! Höhe und tiefe, lyrische Power udn Beweglichkeit- eine tolle Rolle! Ehedem mit leichteren stimmen wie arleen auger besetzt, heute ghrosse yrische soprane- so ändern sich die zeiten. Ach ja: Ich bekomme leider kein Austria-Radio.
Allen ein schônes Wochenende!
:hello
Severina (14.11.2010, 12:42): Liebe Fairy,
vielleicht war's bei der Morgana die Anfangsnervosität, denn im Laufe der Vorstellung wurde sie besser, ohne allerdings das hohe Niveau einer Harteros oder Kasarowa zu erreichen. Ich bin wirklich neugierig, wie die Kritiken ausfallen, denn ich kenne inzwischen auch schon ein paar Leute, denen die Inszenierung gut gefallen hat. Vielleicht bin ich durch den Züricher Stil, Barockopern zu inszenieren, für alle konventionelleren Formen nachhaltig verdorben, das mag schon sein :wink. Ich fand es szenisch wirklich langweilig und das ewige Sesselherumtragen machte mich ganz kirre. (Vielleicht habe ich aber auch nur den höheren Sinn dahinter nicht begriffen und lasse mich gerne eines Besseren belehren! :D )
lg Sevi :hello
Severina (09.12.2010, 20:19): Einen Schwerpunkt der ersten beiden Direktionsjahre der Ära Meyer bildet die Neuinszenierung aller drei Da-Ponte-Opern Mozarts, und der Startschuss zu diesem Projekt fiel heute mit dem "Don Giovanni". Dass unser neuer Intendant mehr noch als der alte auf massentaugliche Inszenierungen setzt und alles vermeidet, um das Publikum zu verschrecken, zeigte sich auch heute wieder. Dass sich umgekehrt ein Teil des Publikums schlicht und einfach langweilt bei dieser nichtssagenden Hochglanzästhetik ohne Tiefgang, trägt er sicher mit Fassung und wird ihm keine schlaflosen Nächte bereiten.
Trotzdem hat mir die heutige GP ganz gut gefallen hat, und zwar aus zweierlei Gründen: Erstens fand ich die alte Inszenierung von Roberto de Simone (Siehe meine Rezension vom 28. Jänner 2010) so sterbenslangweilig, dass jede neue nur besser sein kann, und zweitens bietet Regisseur Jean-Louis Martinoty durch eine sehr ausgefeilte Personenregie über weite Strecken wirklich spannendes Musiktheater und für einige der vertrackten Librettostellen einigermaßen plausible Lösungen an. Gar nicht überzeugt hat mich hingegen der Schluss, so unspektakulär ist schon lange kein Don in die Hölle hinabgefahren. Außerdem ziehe ich persönlich die Version ohne Schlusssextett vor, aber das ist natürlich Ansichts- oder vielmehr Geschmackssache.
Was von jeder Inszenierung bleibt, wenn längst niemand mehr weiß, was der Regisseur gewollt hat und die x-te Besetzung halt irgendetwas macht, ist bekanntlich das Bühnenbild. Der Dirigent der heutigen Aufführung, Franz Welser-Möst, hat einmal in einem Interview seine Abneigung gegen allzu kühne Neudeutungen und "Ausstattungsmüll" auf der Bühne u.a. damit begründet, dass er der Einzige sei, der sich diesen Mist jeden Tag anschauen müsse. Nun, Hans Schavernochs Bühnenbild wird ihm sicher keine diesbezüglichen Qualen bereiten, denn es ist ungemein ästhetisch. Der Bühnenboden erscheint ein bisschen übers Eck gestellt und steigt nach hinten leicht an, wodurch sich rechts vorne ein schmales, etwas tiefer liegendes Segment direkt über dem Graben ergibt. Am linken Bühnenrand ragen drei schmale weiße Flächen empor, die in Vorhanghöhe abknicken und wie drei Winkeleisen auf einen imaginären Fluchtpunkt im rechten Out zulaufen. Bei Bedarf simulieren Öffnungen in diesen Paneelen Fenster oder Türen, beim Ständchen ragt sogar ein kleiner Balkon hervor, auf dem sich Elviras Kammerzofe ihrem falschen Anbeter zeigt. Das eigentliche Bühnenbild sind Projektionen, die vor einem dieser "Winkeleisen" heruntergelassen werden, sodass sich nach Bedarf drei verschieden große Spielflächen ergeben. Die erste Projektion zeigt eine nächtliche Piazza, ganz in tintigem Dunkel gehalten, die leicht nach hinten gekippt erscheint. Auf dem nassen Pflaster spiegelt sich das Mondlicht. Ich schreibe absichtlich "Piazza" und nicht "Plaza", weil mich eigentlich alle Bilder mehr an Italien als an Sevilla erinnern. (Ausnahme ist die Straßenszene zu Beginn des 2. Aktes mit einer spanisch anmutenden Kathedrale im Hintergrund.) Im übrigen dürfte man an der WSO Energiesparmaßnahmen beschlossen haben, denn eine derart spärliche Beleuchtung, und zwar durchgehend, habe ich schon lange nicht erlebt. Leider bleiben auch die Personen meist in diffuses Dunkel gehüllt, und speziell die Gesichter würde man schon gerne deutlicher sehen. Aber zurück zum ersten Bild! Giovanni entledigt sich seines schwarzen Ledermantels (Schnitt ähnelt einem der typischen Kavaliersmäntel), Leporello wirft ihm einen roten Umhang über, man klopft, eine Zofe öffnet und der Don verschwindet, während sich sein Diener recht handfest mit dem Mädchen amüsiert. Da wenig später Don Ottavio mit dem gleichen roten Umhang ausgestattet ist, bleibt offen, wie weit die Täuschung geht. Ist die Zofe mit im Spiel, weil sie DG einlässt und dafür belohnt wird, oder hält sie ihn tatsächlich für den Verlobten ihrer Herrin? Und wann durchschaut Donna Anna den Betrug? Denn eines ist in dieser Inszenierung klar: Don Ottavio ist nicht das übliche Weichei, der seine Verlobte für eine Heilige hält und anbetet, sondern ein sehr viriler Typ, der sich ganz bestimmt nicht mit platonischer Schwärmerei begnügt. Daher erstaunt es ihn auch gar nicht, dass Donna Anna in dem nächtlichen Besucher zunächst ihn vermutet hat (Das sollte es aber eigentlich!!), und deshalb reagiert er später auch nicht mit dem üblichen waidwunden Dackelblick auf die Zumutung seiner Verlobten, sich erotisch eine Zeitlag zurückzuhalten, sondern aufbrausend und beinahe brutal. Was fällt dieser Zicke denn ein, warum hat sie sich auf einmal so?? Ist da vielleicht doch mehr zwischen ihr und Don Giovanni vorgefallen, als sie ihm erzählt hat? Alles das schwingt in dieser 12. Szene mit, und das finde ich nicht uninteresant.
Die unausgesprochene Frage Don Ottavios wird auch dem Publikum nicht beantwortet, denn als in der ersten Szene Giovanni und Anna aus dem Haus stürzen, hat er schon etliches an Textilien abgelegt, nur die schwarze Augenbinde trägt er noch, trotzdem sträubt sie sich nur halbherzig gegen seine Verführungsversuche und als schließlich der Komtur dem nächtlichen Lärm auf den Grund geht, muss er mit einem Fußtritt in des Dons Allerwertesten die erotischen Bodenübungen beenden. Auch Leporello löst sich aus dem Infight mit der Zofe, der passenderweise eine Etage tiefer auf jenem schmalen Streifen über dem Graben stattgefunden hat. Während die beiden Frauen ziemlich aufgelöst ins Haus flüchten, ereignet sich ein Zweikampf, den ich beim ersten Mal ehrlich gesagt nicht ganz durchschaut habe. Leporello wirft Don Giovanni einen Regenschirm zu, in dem sich ein Florett verbirgt, das er aber dem Komtur überlässt, während er mit dem Schirm fechtet. Leporello blendet beide immer wieder mit einer Taschenlampe, plötzlich bricht der Komtur zusammen, reißt Giovanni, der ihn beinahe liebevoll in den Armen hält, noch die Augenbinde herunter und stirbt. Wie gesagt, das muss ich mir noch einmal genau anschauen, da ist mir vieles nicht ganz klar. Das zweite Bild zeigt dann überraschender Weise die Projektion eines Gewölbes, in dem Weinfässer lagern. Es handelt sich aber um keinen Weinkeller, sondern um ein Hotel, ein eher schäbiges allerdings. Ein kleiner Holztresen mit Schlüsselbord am linken Bühnenrand definiert den Schauplatz, die Türen zu den Zimmern muss man sich rechts vorstellen. Nun hat schon Keith Warner seinen "Don Giovanni" im ThadW in einem Hotel angesiedelt, allerdings durchgehend und mit den Protagonisten als Hotelpersonal. Ich bin sicher, dass Martinoty diese Inszenierung kennt, denn auch bei ihm unterstreicht Leporello die Wirksamkeit seiner Registerarie durch Dessous als Beweisstücke, die er aus einem Köfferchen holt. (Das einen ebenso grotesk überdimensionierten BH enthält wie bei Warner!) Donna Elvira trifft mit Zofe und vielen Koffern ein (auch das eine Parallele), wirkt in dieser Umgebung aber reichlich deplatziert. Während sie sich Leporellos Buchhaltung vorlegen lässt (Er führt tatsächlich für jede Nationalität ein eigenes Buch, das spanische ist entsprechend dick), wird im gleichen Raum bereits alles für die Hochzeit Zerlinas und Masettos hergerichtet. Und jetzt ist es Zeit, einmal die wirkliche Stärke dieser Inszenierung zu beleuchten, nämlich die Personenführung. Dabei ist nämlich einiges ungewöhnlich. Meist wird Don Giovanni als ein je nach Schwerpunkt dämonischer, neurotischer, sexbesessener, gewalttätiger Wüstling gezeigt, der wie ein Puppenspieler die Fäden in der Hand hält und alle nach seinen Wünschen tanzen lässt. Martinoty hingegen zeigt vier Männer, die einander auf Augenhöhe begegnen und im Grunde genommen ein sehr ähnliches Frauenbild haben. Das Verhältnis zwischen Don Giovanni und Leporello ist nicht das von Herr und Diener, nicht geprägt von Befehlsgewalt und Unterwürfigkeit, sie sind im Grunde ein geniales Duo, zwei Kumpel geeint im gemeinsamen Wunsch, möglichst viele Frauen aufs Kreuz zu legen. Leporello ist um nichts moralischer als sein Herr, höchstens ein wenig brutaler bei der Durchsetzung seiner Wünsche, weil er sich nicht lange mit Charmebolzerei aufhält, sondern direkt auf sein Ziel lossteuert. Er ist zwar genauso skrupellos wie sein Herr, aber weniger konsequent, wenn's ans Bezahlen der Rechnung geht. Da verwandelt er sich dann in einen kläglichen Feigling, der vor Angst winselt und nur sein Fell retten will. Eigentlich ist Leporello ein größerer Wüstling als sein Herr, denn Don Giovanni führt eine elegantere Klinge, wenn's darum geht, eine Frau seinen Wünschen gefügig zu machen. Dabei lässt sein erster Auftritt anderes vermuten, denn als er in etwas derangiertem Lederoutfit mit der schwarzen Augenbinde über Donna Anna herfällt, wirkt er wie ein verwegener Korsar, der auf Beutezug ist und dem völlig gleichgültig ist, was sein Opfer empfindet. Aber dieser brutale Ansatz wird nicht durchgehalten, und ehrlich gesagt machte mich die Figur des Don zunehmend ratlos. Irgendwie kriegte ich ihn nicht richtig zu fassen, und ich weiß nicht, ob das an der Regie oder einfach an Ildebrando D'Arcangelo liegt, der es nicht schaffte, schärfere Konturen zu zeichnen. Er ist natürlich ein Prachtkerl zum Anschauen, viril, mit der nötigen erotischen Ausstrahlung, und trotzdem fehlte mir einfach etwas. Nicht viel, aber doch etwas.
Auch Masetto ist nicht der übliche Dorftrottel, der sich willig die Braut ausspannen lässt, weil er das Spiel entweder gar nicht durchschaut oder einfach hilflos geschehen lassen muss. In seinem schneeweißen, dandyhaften Anzug wirkt dieser Bräutigam wie ein Herr von Welt, der sich seines Wertes durchaus bewusst ist und ihn sogar maßlos überschätzt. Zerlina muss sich glücklich preisen, so ein Prachtexemplar wie ihn zum Mann zu kriegen, diese Überzeugung spricht aus jedem Blick und jeder Geste von ihm. Ein Gockel erkennt den anderen, und so täuscht sich Masetto auch keine Sekunde über die wahren Absichten Giovannis, beobachtet zunächst beinahe amüsiert die Entwicklung der Dinge, um im richtigen Moment einzugreifen und seine Besitzansprüche geltend zu machen. Aber da zückt der Don einen Ausweis und lässt ihn herumgehen, offensichtlich ist er also ein Mann von Einfluss, dem man sich besser nicht in den Weg stellt. Das muss auch ein Macho wie Masetto zähneknirschend zur Kenntnis nehmen und weicht dann dem starken Argument der Gewehre, mit denen Giovannis Leute auftauchen. Deshalb ist er dann auch mehr als geladen, als Zerlina wieder auftaucht, und reagiert seinen verletzten Stolz an ihr ab, sodass das "Batti, batti, o bel Masetto" nicht nur rhetorisch gemeint ist. Er schlägt tatsächlich zu, aber eher aus einem Gefühl der Ohnmacht heraus als aus einem tatsächlichen Hang zu Brutalität, und die folgende kleine Szene, als er hin und her schwankt zwischen Wut, der Scham wegen seiner Entgleisung, sein Wunsch, es wieder gut zu machen, woran ihn aber sein Selbstverständnis als "ganzer Kerl" hindert, der sich nicht sentimental, also schwach zeigen darf, ist wirklich ein kleines Juwel dieser Aufführung. Überhaupt ist die ganze Ballszene hervorragend inszeniert mit vielen kleinen logischen Details. Die Projektion zeigt einen prächtigen Ballsaal mit vergoldeter Kassettendecke, in die bemalte Medaillons eingelassen sind, fallweise wird vor das erste "Winkeleisen" eine Zwischenwand geschoben, die den vorderen Bereich als Garderobe erscheinen lässt. An zwei Stangen hängen hier prächtige Kostüme, die den Ballgästen zur Verfügung stehen. Die oben erwähnte Masetto-Zerlina- Szene spielt sich hier ab, und beide verstecken sich dann hinter den Gewändern, als Giovanni auf der Suche nach ihr hereinkommt.
Dass auch Don Ottavio vom üblichen Schema abweicht, habe ich schon oben erwähnt. Auch er ist ein "Frauenversteher", allerdings scheinbar weniger promiskuitiv veranlagt. Er würde sich schon mit seiner Anna begnügen, allerdings ist er nicht gewillt, sich auf minnigliches Säuseln zu beschränken, zumal ihm zuvor schon ganz offensichtlich mehr gewährt worden ist.
Ganz trivial gesagt, zeigt Martinoty eine Ansammlung von Machos in unterschiedlicher Ausformung, gegen welche die Frauen nicht wirklich etwas zu bestellen haben. Da hilft kein Toben und kein Zetern, und selbst wenn sich der verprügelte Masetto von seiner Zerlina trösten und bemuttern lässt, die Hosen behält trotzdem er an. Dona Elvira flieht ins Kloster, aber nicht einmal ihr Nonnenhabit schützt sie in der letzten Szene vor Giovannis sexuellen Avancen und vor allem ihren eigenen Gelüsten.
Die Schlussszene gefällt mir wie gesagt gar nicht. Die Idee, das Gastmahl auf dem Friedhof vor dem Denkmal des Komtur abzuhalten, fand ich noch sehr interessant, aber die Höllenfahrt geriet dann wenig eindrucksvoll: Das Monument spaltet sich, der leibhaftige Komtur tritt heraus und auf den Tisch mit einem roten Läufer, Giovanni krümmt sich nach dem Handschlag zusammen, als träfe ihn der Herzschlag, der hier gar nicht steinerne Gast verschwindet in viel Bühnennebel, der Tisch kippt nach hinten und ein roter Abgrund verschlingt Don Giovanni.
Vor der GP trat der Inspizient vor den Vorhang und definierte sie ausdrücklich als Arbeitsprobe, die Sänger würden zum Teil nicht aussingen. Daher sehe ich mich natürlich hier außerstande, die sängerischen Leistungen fair zu beurteilen. Gespielt haben alle großartig, zunächst einmal die vier "prächtigen Mannsbilder", wie wir in Wien zu sagen pflegen. Ildebrando d'Arcangelo (Giovanni), Alex Esposito (Leporello), Adam Plachetka (Masetto) und Saimir Pirgu (Don Ottavio) sind wirklich höchst erfreulich anzuschauen, das fand offensichtlich auch der Regisseur und gönnten dem Publikum so manchen Blick auf nackte Oberkörper und Waschbrettbäuche. Nun ja, ohne dem geht's offensichtlich nicht mehr.
D'Arcangelo hat zu 70% markiert, aber dass er den Don stimmlich drauf hat, hat er bereits bewiesen. Er ist sicher aktuell der Giovanni mit der schwärzesten und markigsten Stimme, im Kontrast zu ihm klang Albert Dohmens Komtur sehr, sehr dünn und kein bisschen zum Fürchten.
Alex Esposito aspirierte für meinen Geschmack bei seiner Auftrittsarie zu sehr (ve-h-ento, de - h entro...), das verlor sich aber im Laufe der Vorstellung, oder ich achtete einfach nicht mehr so darauf. Aber was er von seiner Stimmqualität heute hören ließ, klang schon recht gut und weckt Vorfreude auf eine richtige Vorstellung mit ihm.
Adam Plachetka braucht sich nicht mehr viel zu steigern, er bot schon heute eine ausgezeichnete Leistung und ist mit seinem klangschönen und sicher geführten Bariton ein Gewinn für unser Ensemble.
Saimir Pirgus Tenor ist mir persönlich für den Don Ottavio ein wenig zu dunkel und schwer, aber das ist wohl Geschmackssache. Da er außerdem die Höhen nicht ausgesungen hat, kann ich ihn erst nächste Woche seriös beurteilen.
Großen Jubel durfte schon heute Sally Matthews für ihre fulminante Donna Anna entgegennehmen, ihr brauche ich nur zu wünschen, dass sie bei der PR diese tolle Leistung erbringen kann.
Roxana Constantinescuist nun von der Zerlina zur Donna Elvira aufgestiegen, war heute aber deutlich im Schongang unterwegs, daher keine Bewertung.
Sylvia Schwartzgefiel mir als Zerlina viel besser als unlängst als Adina. Aber auch bei ihr ist noch Spielraum nach oben.
Unser GMD hat sich ähnlich wie in Zürich zum Ziel gesetzt, ein Mozartensemble aus jungen Sängern zu formen, und damit ist er auf einem guten Weg.
Mein Fazit: Eine sehr intensive und über weite Strecken wirklich spannende Aufführung, die aber von der Detailarbeit des Regisseurs lebt und daher Gefahr läuft, in absehbarer Zeit zum Rampentheater in hübschen Bühnenbildern zu verkommen. Denn irgendeine zündende IDEE, einen genialen Entwurf sucht man in unserem neuen "Don Giovanni" leider vergeblich.
lg Severina :hello
Heike (09.12.2010, 20:29): Danke für deine lebendige Beschreibung, da kann man sich das richtig vorstellen! Don Giovanni ist einfach immer wieder schön.
Ganz trivial gesagt, zeigt Martinoty eine Ansammlung von Machos in unterschiedlicher Ausformung, gegen welche die Frauen nicht wirklich etwas zu bestellen haben Habt ihr eigentlich schon mal eine Inszenierung von einer Frau gesehen? In den meisten Inszenierungen, die ich kenne, konzentriert sich alles sehr auf die Männer. Dabei sind die Damen doch auch spannend. Heike
Severina (09.12.2010, 21:07): Nein, leider, vielleicht nimmt sich Andrea Breth einmal dieses Werkes an! Keith Warner hat allerdings im ThadW die Zerlina ziemlich aufgewertet, sie war dort ein dem Don ebenbürtiger Widerpart und überhaupt nicht das unschuldige Opfer. Sie will "es" genauso wie er, manipuliert ihn genauso wie er sie zu manipulieren versucht. Das fand ich sehr spannend! Ich persönlich finde immer die Donna Anna am spannendsten, weil bei ihr eben so viele Fragen offen sind! Oft sind die Don Ottavios ja so moralinsaure Softies, dass ich sehr dazu neige, ihr nicht nur Hassgefühle gegen Don Giovanni zu unterstellen! In der aktuellen Inszenierung hat sie allerdings einen Verlobten, mit dem ihr sicher nicht langweilig ist :wink.
Meine Lieblingsinszenierung ist die Salzburger von Claus Guth!
lg Sevi :hello
Solitaire (10.12.2010, 08:21): Hallo Severina! Ganz herzlichen Dnk für dieser wieder einmal sehr anschauliche Schilderung. Es ist schon wahr: wenn man deine Berichte liest hat man wirklich ein bisschen das Gefühl, dabei gewesen zu sein. Allerdings muß ich zu meiner Schande gestehen, daß mir außer D’Arcangelo keiner der Sänger etwas sagt. Ihn kenne ich bisher nur als Leporello (zweimal: einmal an der Seite von Carlos Alvarez, einmal als Diener von Thomas Hampson) und würde ihn natürlich gerne mal als Don erleben, zumal ich ihn ohnehin sehr mag. "Don Giovanni" ist schon eine schwer geniale Oper, und ein Regisseur muß sich schon sehr anstrengen, sie kaputt zu kriegen... Mir gefällt sehr, daß Ottavio nicht als der treudoofe Trottel dargestellt wird, der er so oft ist. In dieser Hinsicht hat mir übrigens auch Michael Schade sehr gut gefallen, der ihn zum niederknien gesungen und mit der m.E. genau richtigen Mischung aus Liebe, Ergebenheit, Ungeduld und auch komischer Verzweiflung und Ironie dargestellt hat.
Severina (10.12.2010, 11:57): Original von Solitaire Hallo Severina! Ganz herzlichen Dnk für dieser wieder einmal sehr anschauliche Schilderung. Es ist schon wahr: wenn man deine Berichte liest hat man wirklich ein bisschen das Gefühl, dabei gewesen zu sein. Allerdings muß ich zu meiner Schande gestehen, daß mir außer D’Arcangelo keiner der Sänger etwas sagt. Ihn kenne ich bisher nur als Leporello (zweimal: einmal an der Seite von Carlos Alvarez, einmal als Diener von Thomas Hampson) und würde ihn natürlich gerne mal als Don erleben, zumal ich ihn ohnehin sehr mag.
Liebe Mina,
kein Grund zum Schämen, denn außer D'Arcangelo und Saimir Pirgu sind alle anderen international keine Stars. Esposito und Matthew geben ihr Debut an der WSO, die kannte ich also bis gestern ebenso wenig wie Du, Schwartz und Plachetka sind seit dem Herbst Ensemblemitglieder, also auch noch "Frischlinge", Constantinescu ist zwar schon länger bei uns, hat aber zumindest bei mir noch nicht so wirklich eingeschlagen. Aber wie gesagt, Welser-Möst will ein junges Mozartensemble aufbauen, mit unverbrauchten Namen und Stimmen, und er scheint dafür ein gutes Händchen zu besitzen. Nur für den Don braucht's natürlich einen etwas reiferen Sänger mit Erfahrung, damit wäre ein grüner Jüngling wohl überfordert. Ich denke übrigens, dass Du auch Saimir Pirgu kennst - er war der Rodolfo in dem "Bohème im Hochhaus"-Projekt aus Bern!
lg Sevi :hello
Solitaire (10.12.2010, 12:06): Okay, den Hochhaus-Rodolfo kenne ich natürlich, auch wenn mich das Projekt nicht übermäßig überzeugt hat... Ein junges Mozart-Ensemble aufzubauen ist eine gute Tat, die Welser-Möst hoffentlich im Himmel angerechnet wird!!!
Severina (12.12.2010, 00:12): Heute habe ich mir zum optischen den akustischen Eindruck geholt, denn die PR wurde ja im Radio übertragen. Die Mikros scheinen nicht ganz glücklich platziert gewesen zu sein, denn die Lautstärke schwankte ziemlich, aber auch wenn man das in Rechnung stellt, wurde ich nicht ganz glücklich. Es war eine solide Aufführung ohne Ausrutscher, aber auch ohne wirkliche Glanzpunkte, also nicht ganz das, was man sich bei einer PR erwartet. Seltsamer Weise gefiel mir heute Roxana Constantinescu (Donna Elvira) besser als Sally Matthew (Donna Anna), bei der GP war's genau umgekehrt. Sie klang voller und ausgeglichener in der Stimmführung als die Engländerin, bei der außerdem ein (nervöses?) Vibrato mitschwang.
Wie schon befürchtet, ist Saimir Pirgu kein idealer Don Ottavio (mehr), ihm fehlt das Schwebende, die Dolcezza in der Stimme, die er speziell für seine beiden Arien braucht. Welser-Möst schlug außerdem bei "Il mio tesoro" ein sehr flottes Tempo an und zwang den Tenor damit zu einer schludrigen Artikulation.
Hatte ich über Ildebrando d'Acangelos Don Giovanni geschrieben, dass er mich als Figur nicht restlos überzeugte, so gilt das gleiche für seine vokale Performance, die mich nicht so packt, wie das früher ein Raimondi oder in jüngerer Zeit Michael Volle geschafft hat.
Hat noch jemand mitgehört???
lg Sevi :hello
Karolus Minus (12.12.2010, 14:03): Da ich Ö1 leider nur als Webstream bekomme und obendrein keine Zeit hatte, weiß wer, wann eventuell Übernahmen auf deutschen Sendern erfolgen?
Karolus Minus (12.12.2010, 17:02): Sylvia Schwartz habe ich schon zweimal als Zerlina gesehen, einmal direkt an der Berliner Staatsoper, wo sie seit ein paar Jahren zum Ensemble gehört, das anderemal im auf Arte Web Live übertragenen Giovanni aus Verbier 2009. Eine in meinen Ohren schöne, gut geführte Stimme, wobei die Lindenoper deutlich kleiner ist als die Wiener StOp, ich kann also nicht sagen, wie es da mit dem Volumen aussieht. Gruß Karolus -
Armin70 (12.12.2010, 17:34): Original von Karolus Minus Da ich Ö1 leider nur als Webstream bekomme und obendrein keine Zeit hatte, weiß wer, wann eventuell Übernahmen auf deutschen Sendern erfolgen?
Heute Abend überträgt SWR2 ab 20:03 Uhr die gestrige Aufführung aus der WSO.
Karolus Minus (12.12.2010, 17:36): Merci!
Waldi (13.12.2010, 14:10): Da ich selbst nicht zuhören konnte, aber heute eine lange Kritik las, die mir auch im Hinblick auf die vorigen Beiträge schlüssig schien, gebe ich ein Kurzresumé davon: Regie inkonsequent, optisch zu divergent, läßt bei der Personenführung teilweise aus, Dirigat gut, D'Arcangelo stimmlich ok, aber darstellerisch nicht, Pirgu zieht sich am besten aus der Affäre, Matthews als Donna Anna geht an, Donna Elvira und Zerline hingegen haben für das Wiener Haus zu kleine Stimmen (der zweiten wird allerdings auch eine feine attestiert), Fazit: Kein Vergleich mit großen Vorbildern. Wie gesagt, gebe ich hier nur eine fremde Meinung wieder. Sicher müßte man auch ein paar Vorstellungen vergehen lassen, um dann eine bessere Beurteilungsgrundlage zu gewinnen. Dann wäre auch das Premierenfieber vorbei. Von Pirgu kann ich mir persönlich vorstellen, daß er vielleicht kein idealer, aber ein sehr guter Don Ottavio ist. Als Rodolfo hat er mich zuletzt ziemlich beeindruckt. Ildebrando d'Arcangelo müßte im Prinzip einen ausgezeichneten Don Giovanni geben können.
Liebe Grüße Waldi
Severina (13.12.2010, 14:44): Lieber Waldi,
ich fand die Personenführung nicht so schlecht, aber für sie gilt das gleiche wie schon für die meisten Bechtolf-Inszenierungen: Sie ist zu subtil, setzt zu viel auf feine Nuancen, die man nur von weit vorne mitkriegt. Das "Blickegewitter" zwischen Masetto und Zerlina ist durchaus amüsant, ich fürchte nur, davon hat die Galerie herzlich wenig.
Wahrscheinlich waren meine Erwartungen an Ildebrando D'Arcangelo zu hoch, sodass ich gerade von ihm doch einigermaßen enttäuscht war. Wenn jemand optisch ein scheinbar perfekter Giovanni ist, er's dann aber stimmlich und darstellerisch nicht so ganz bringt, ist man unterm Strich frustriert. Was Pirgu betrifft, so hat er es sicher ausgezeichnet gemacht, nur rein subjektiv gefällt mir seine Stimme für den Don Ottavio nicht so gut. Sylvia Schwartz hat wirklich keine große Stimme, ich müsste also einmal auf der Galerie überprüfen, ob mein positiver Befund auch von hoch oben noch gilt. Als x-te Repertoirevorstellung wäre ich mit der gesamten Besetzung zufrieden gewesen, es war niemand wirklich schlecht, aber bei einer PR darf man sich schon mehr stimmlichen Glanz erwarten, für eine PR war es eine matte Angelegenheit.
Und dass man ein derart vielschichtiges, nach Deutungen förmlich schreiendes Stück wie den "Don Giovanni" derart bedeutungslos inszeniert, dürfte natürlich der WSO auch nicht passieren. Wobei ich bei obigem Statement bleibe: Ich habe die Vorgängerinszenierung noch viel uninteressanter und vor allem kitschiger gefunden.
Wenn ich allerdings daran denke, dass man Herrn Martinoty als Nächstes auf die Nozze los lässt und dafür unsere wunderbare Ponnelle-Inszenierung verschrottet hat, kommen mir jetzt schon die Tränen :I.
lg Sevi :hello
Severina (09.01.2011, 01:31): Ich kann nur hoffen, dass der heutige Opernabend - mein erster 2011 - nicht symptomatisch für das ganze Jahr ist, sonst stehen mir triste Zeiten ins Haus. Was ich beim "L'Elisir" noch für eine unglückliche Konstellation gehalten habe, dass nämlich um einen Star herum sich nur Mittelmaß tummelt, scheint in der Ära Meyer System zu sein, und wenn dann wie heute der Star auch nicht ganz hält, was er verspricht, ist das Ergebnis gepflegte Langeweile.
Die Fadesse stieg schon während der Ouvertüre aus dem Orchestergraben, denn Bruno Campanella dehnte sie wie einen Kaugummi, der allerdings immer wieder abriss, denn es gab einige merkwürdige Generalpausen, eine so lang, dass sich schon etliche Hälse reckten, ob der Dirigent vielleicht umgekippt ist. Die Philis, ohnehin nie sonderlich motiviert bei einer Belcantooper, machten Dienst nach Vorschrift, und Campanella war keineswegs der Mann, ihnen mehr als das abzuverlangen.
Die Tristesse aus dem Graben griff leider auch auf die Bühne über. Nun ist die Lucia zwar keine lustige Oper, aber eine höchst dramatische, davon war aber heute Abend wenig zu bemerken. Ein ausgefeiltes Bewegungskonzept darf man sich bei unserer Uralt-Inszenierung von Boleslaw Barlog, die schon über 150mal über die Bühne gegangen ist, natürlich schon lange nicht mehr erwarten. Die Sänger treten auf, singen ein bisschen miteinander, und gehen wieder ab, wobei der Chor den hübschen Rahmen dazu abgibt. Treffen zufällig einige wirkliche Singschauspieler aufeinander, ergibt sich ein spannender Opernabend, ansonsten muss man mit gepflegtem Rampensingen vorlieb nehmen. Gemäß der Papierform war heute zweiteres zu erwarten, meine Enttäuschung darüber also nicht allzu groß.
Aber normalerweise schaffen es die Sänger, das dramatische Geschehen rund um die bedauernswerte Lucia mit ihren stimmlichen Mitteln zum Leben zu erwecken, aber auch das gelang heute nur sehr eingeschränkt.
Annick Massis begann mit kleiner, flatternder Stimme, steigerte sich aber im Laufe des Abends und sang dann eine fast makellose Wahnsinnsarie mit schönen Koloraturen und Verzierungen, auch alle Spitzentöne waren da und die Piani gut gestützt und zart ausgesponnen. Aber sie vermochte mich mit ihrem Vortrag nicht zu berühren. Die Stimme von Frau Massis pendelt sich auf einer mittleren Lautstärke ein, die selten über- oder unterschritten wird, klingt seltsam gleichförmig, ohne jede individuelle Note. Man hört ihr zu, aber man hört nichts heraus, weder die Leidenschaft zu Edgardo, noch die Verzweiflung bei der erzwungenen Unterschrift und schon gar nicht den Wahnsinn. Mit geschlossenen Augen und ohne Kenntnis des Textes wäre man wohl kaum in der Lage zu erfühlen, in welcher emotionalen Situation sich Lucia gerade befindet, denn alles wirkt wie über einen Kamm geschoren. Da Annick Massis auch mimisch und gestisch nichts dazu beiträgt, ihrer Bühnenfigur Profil zu verleihen, selbst in der Wahnsinnsarie außer Händeringen und ständigem Niederknien nichts anzubieten hat, fiel es mir sehr schwer, mich in diese stimmlich wie darstellerisch anämische Lucia hineinzufühlen und mit ihr mitzuleiden. Ehrlich gesagt, hat mich ihr trauriges Schicksal noch nie so kalt gelassen wie heute. Der berühmte Funke von der Bühne schaffte es leider nicht bis in meine Loge. (Aber wenigstens bin ich nicht eingeschlafen wie die Dame neben mir!!!)
Piotr Beczala besitzt die in meinen Ohren schönste Stimme aller Tenöre der Oberliga, leider kann er als Darsteller mit den Besten nicht ganz mithalten, auch Charisma kann man nicht lernen - das hat man oder eben nicht. Beczala hat's leider nicht, weshalb er es punkto Popularität mit einem Kaufmann oder Villazón nicht aufnehmen kann. Aber auch ohne Glamourfaktor hat der Pole viele Fans in Wien, die heute allerdings nicht so entspannt wie sonst in tenoralem Wohlklang baden konnten, sondern zum Schluss sogar mitzittern mussten mit ihrem Liebling. Schon bei der ersten Aufführung vor drei Tagen hieß es, Beczala sei gesundheitlich angeschlagen, und leider konnte er die Grippeviren in der Zwischenzeit nicht zum Teufel jagen. Daher blitzte das Gold in seiner Kehle heute nicht so hell wie sonst, sondern schien etwas angelaufen zu sein. Trotzdem bot er bis zum Schlussbild eine sehr gute Leistung, ummantelte den metallischen Kern seiner Stimme mit sinnlichem Schmelz, ging die Höhen vielleicht weniger selbstbewusst an als sonst, sondern kalkulierter, auf Schonung bedacht, aber alles klappte nach Wunsch. Nun ist schon für einen gesunden Sänger das Schlussbild eine echte Herausforderung, hat doch der Edgardo nach beinahe drei Stunden noch seine große Arie zu singen, für einen indisponierten muss es der Horror schlechthin sein. Beczala bewältigte "Tombe degli avi miei..." tadellos, vielleicht nicht ganz so auftrumpfend und strahlend, wie man es von ihm gewohnt ist, aber ohne Schnitzer. Leider war er dann mit seinen Kräften wohl am Ende, und beim "O bell' alma innamorata" brach seine angeschlagene Stimme zweimal weg und mündete in ein unkontrollierbares Krächzen. Das Mitgefühl von 1700 Menschen war dem Ärmsten jedenfalls sicher, und bei seinem Solovorhang unmittelbar nach dem Schluss empfingen ihn tosender Beifall und viele Bravos.
Über den dritten im Bunde, Edgardos Todfeind Lord Enrico Ashton, würde ich am liebsten den Mantel des Schweigens breiten, aber das geht wohl in einer Berichterstattung nicht gut. Eijiro Kais Bariton gefällt mir schlicht und einfach nicht. Das blecherne Timbre ohne jeden Glanz, die Art der Stimmführung, die mehr auf polternde Lautstärke als differenziertes Gestalten setzt, die fehlende Interpretation, die mich oft am Textverständnis des Sängers zweifeln lässt - all das zusammen ergibt ein Paket, das ich am liebsten ungeöffnet ließe. Als begnadeter Rampensänger trägt Herr Kai auch nichts zum Bühnengeschehen bei, und heute fragte ich mich ernsthaft, ob er sich je mit dem Charakter Enrico Ashtons auseinandergesetzt hat. Sonst dürfte es nämlich nicht passieren, dass er Lucia in der 2. Szene, in der er sie beschuldigt, die Familienehre verraten zu haben, und sie zwingt Arturo zu heiraten, richtig liebevoll von hinten umfasst und in einem Ton auf sie einsingt, als tröste ein fürsorglicher Bruder seine Schwester in ihrem Liebeskummer. Das "Nol potevi.....Basta!", das eigentlich wie eine Peitsche knallen müsste, mit der er Lucia seinen Willen aufzwingt, schlüpfte so sanft über Enricos Lippen, als sei es eine Liebkosung, das "Se tradirmi" verpuffte völlig wirkungslos.
Dan Paul Dumitrescu durfte als Raimondo heute auch das Duett mit Lucia singen, das oft gestrichen wird, und entledigte sich seiner Aufgabe mit Anstand. Allerdings schien auch er etwas angeschlagen zu sein, denn seine angenehme Stimme strömte nicht so weich und bruchlos wie sonst.
Benedikt Kobel distonierte den Normanno, anders kann man das nicht bezeichnen. Beim "Odi tu...." hörte man das halbe Auditorium scharf einatmen. An einem Haus wie der WSO darf man sich auch in einer kleinen Partie ein Niveau erwarten, das Herr Kobel zumindest heute weit verfehlte.
Mein Fazit: Eine alles andere als berauschende "Lucia di Lammermoor",die ein eher düsteres Licht auf den momentanen Repertoirealltag an der WSO wirft.
lg Severina :hello
Heike (09.01.2011, 19:32): Liebe Sevi, danke für den Bericht, auch wenn das dahinterstehende Erlebnis nicht gerade das highlight gewesen ist (aber ich sage mir, so ein allenfalls-Mittelmaß-Erlebnis hin und wieder ist auch ganz gut, umso mehr weiß man dann die wirklichen Sternstunden zu schätzen). Natürlich wünsche ich dir, dass der Rest der Saison viiiiiiiiiiiiiiiiiel besser wird!
Piotr Beczala besitzt die in meinen Ohren schönste Stimme aller Tenöre der Oberliga Ich merke mal wieder, dass ich keine Ahnung von der Szene habe - den Namen habe ich noch nie gehört! Heike
Karolus Minus (09.01.2011, 20:38): Liebe Severina,
ebenfalls danke für den Bericht, der ziemlich deckungsgleich mit dem einer Bekannten ist, die dafür gestern extra 70 km angereist war. Die hat nur den Bariton etwas mehr leben lassen..... Beczala hätte ihr hinterher von einer nicht fertig auskurierten Bronchitis erzählt - ich glaube, ich wäre gerade bei der Partie damit nicht angetreten, er ist also keiner, der schnell hinschmeisst. Er hat allerdings auch die Technik, um so weit als möglich darüber hinwegsingen zu können und obendrein soviel Höhe, daß da fast immer noch ein bißchen Reserve drin ist; einer der wenigen, die ich kenne, der momentan die Boheme-Arie live auf C singt.
In Hamburg sang er öfter, als er noch nicht so bekannt war; Don Ottavio, Lenski, Duca di Mantova, in der konzertanten Beatrice di Tenda mit Gruberova. Seitdem er international von der Met bis Salzburg unterwegs ist, ist damit natürlich vorbei.... Der einzige Auftritt die letzten Jahre waren drei Lucias mit Elena Mosuc im September, erstklassig gesungen - und das erstemal, daß er szenisch nicht so bieder rüberkam. Ob er die nächste Zeit och einmal auftauchen wird, wage ich im Moment zu bezweifeln, da es wohl etwas Proben-Stress wegen der - zugegeben - ziemlich ungewöhnlichen Inszenierung gegeben hat und er sich am letzten Abend eine kleine Einlage erlaubte, die die dirigierende Intendantin ziemlich erbost haben soll.
Einen schönen Abend noch Karolus -
Severina (09.01.2011, 21:00): Original von Heike
Piotr Beczala besitzt die in meinen Ohren schönste Stimme aller Tenöre der Oberliga Ich merke mal wieder, dass ich keine Ahnung von der Szene habe - den Namen habe ich noch nie gehört! Heike
Liebe Heike,
die Tragik (Oder auch das Glück, weil der Druck auf ihn nicht so groß ist) von Beczala liegt eben darin, dass er neben so charismatischen Tenorkollegen wie Kaufmann und Villazón bestehen muss, die everybodies darling sind und sich einfach besser vermarkten lassen als der seriöse, eher introvertierte Pole, der so gar nicht dem beliebten Latin-Lover-Kliscjée entspricht. Stimmtechnisch halte ich ihn für besser als die beiden, in Normalform bewältigt er "seine Noten" mit Links, zumindest klingt es so. Und wie Karlous richtig anmerkt, verfügt er über eine phänomenale, absolut freie Höhe. Ich liebe Beczalas Stimme, die sowohl viril zupackend wie auch sanft einschmeichelnd klingen und mit unendlich vielen Nuancen aufwarten kann. Leider ist er kein großer Schauspieler, obwohl er hart an sich arbeitet und auch schon Fortschritte zu erkennen sind. Aber ich fürchte, mit der Lockerheit und Selbstverständlichkeit eines Kaufmann wird er sich wohl nie auf der Bühne bewegen, das muss einem einfach gegeben sein. Aber Stimmfetischisten ist Beczala schon längst ein Begriff, ein Beweis, dass sich Qualität durchsetzt, auch ohne das ganze PR-Getöse. Ich empfehle Dir, einmal Hörproben seiner letzten CD "Slavic opera arias" anzuhören, die finde ich nämlich großartig!!
lg Sevi :hello
Severina (09.01.2011, 21:11): Original von Karolus Minus Liebe Severina,
ebenfalls danke für den Bericht, der ziemlich deckungsgleich mit dem einer Bekannten ist, die dafür gestern extra 70 km angereist war. Die hat nur den Bariton etwas mehr leben lassen..... Beczala hätte ihr hinterher von einer nicht fertig auskurierten Bronchitis erzählt - ich glaube, ich wäre gerade bei der Partie damit nicht angetreten, er ist also keiner, der schnell hinschmeisst. Er hat allerdings auch die Technik, um so weit als möglich darüber hinwegsingen zu können und obendrein soviel Höhe, daß da fast immer noch ein bißchen Reserve drin ist; einer der wenigen, die ich kenne, der momentan die Boheme-Arie live auf C singt.
Einen schönen Abend noch Karolus -
Lieber Karolus,
Deine Bekannte hat mein Mitgefühl, für diese Vorstellung extra angereist zu sein, ist bitter..... Und wie Du so richtig sagst: Beczalas Technik hat ihn ja souverän über die Runden gebracht, wer ihn nicht kennt und weiß, dass gestern das letzte I-Tüpfelchen gefehlt hat, konnte durchaus zufrieden sein, nur am Schluss hat es dann eben nicht mehr gereicht. Da gehen schon gesunde Tenöre oft ein, geschweige denn angeschlagene.... Wenn Beczala klug ist, sagt er für Dienstag ab. Ich habe zwar wieder eine Karte, aber ehrlich gesagt, will ich nicht noch einmal mitzittern. Niemand hat außerdem etwas davon, wenn's ein Sänger mit der Brechstange versucht und dann womöglich irreparable Stimmschäden davonträgt.
lg Severina :hello
Karolus Minus (09.01.2011, 21:47): Liebe Severina,
kommt ja noch dazu, daß der Edgardo erheblich mehr Arbeit hat, seitdem man doch immer mehr dazu übergeht, das Stück komplett und in den Originaltonarten zu spielen. Früher hat fast immer die Turmszene im 3. Akt gefehlt, obendrein haben viele Tenöre das gesamte letzte Bild einen Halbton tiefer gesungen (mir fallen im Moment di Stefano, Bergonzi, Gianni Raimondi und Domingo ein, wo ich es definitiv weiß, auch Alagna hat es zuletzt an der DOB gemacht).
Auch wenn es gegenüber dem Publikum natürlich nicht nett ist, zu wünschen, daß jemand absagt, gescheiter wäre es sicher den Umständen nach..... Stimmschäden wird es zwar nicht gleich bringen, dazu singt er zu sehr mit Köpfchen, aber trotzdem...
Liebe Grüße :hello Karolus -
schwarzehand (09.01.2011, 22:28): Original von Karolus Minus Ob er die nächste Zeit och einmal auftauchen wird, wage ich im Moment zu bezweifeln, da es wohl etwas Proben-Stress wegen der - zugegeben - ziemlich ungewöhnlichen Inszenierung gegeben hat und er sich am letzten Abend eine kleine Einlage erlaubte, die die dirigierende Intendantin ziemlich erbost haben soll. Was hat er denn da gemacht? Ich war an jenem letzten Abend in der Vorstellung, kannte die Inszenierung vorher allerdings nicht und habe deshalb wohl die Einlage nicht erkannt...
Karolus Minus (10.01.2011, 01:06): Damit es für alle verständlich ist, kurz eine Beschreibung der Szene: Das Ganze spielt nächtens auf einer Theaterhinterbühne, auf der die erwachenden Geister "Lucia di Lammermoor" spielen. Am Ende des 2. Bildes zieht Lucia ein Podest mit zwei Palmen herein als Sinnbild für die "Insel der Seligen", auf die sie sich in dem Moment zurückziehen. Lucia und Edgardo klettern in den Palmen nach oben, schnallen sich an (Arbeitsschutz muß sein) und fangen an zu schaukeln. Auf letzteres hätte ich gut verzichten können, gehört aber dazu. Nicht dazu gehörte die Banane, die Beczala oben auf der Palme plötzlich dabei hatte....
Fairy Queen (10.01.2011, 07:49): Ich habe Pjotr Beczala auch schon als Edgardo gehört (zusammen mit Anna Netrebko als Lucia, wenn ich mich nicht irre) und kann mich Severinas Lobenshymnen nur anschliessen. Leider ist er nicht nur als Schauspieler "unbegnadeter" als die Medien-Tenor-Stars, er hat auch nicht die passende Pysiognomie für einen jugendlcihen Liebhaber und vor allen Dingen null Sex-Appeal. Das muss sehr bitter sein, weil man das nicht erlernen kann und auch die schônste Stimme der Welt im heutigen Medien-Zeitalter diesen Mangel kaum wettmacht. Ich persönlich sehe jedoch auch einen grossen Vorteil darin: Beczala wird wirklich um seines Gesangs willen engagiert und gelobt und muss niemals Angst haben, das er als Sex-Symbol vermarktet werden wird. Abgesehen davon bleibt im Manches erspart, das selbst mit horrenden Gagen, die Medienstars bekommen, nicht zu bezahlen ist. Ich weiss nicht über ihn (was ja auch eine Frucht der Nichtvermarktung ist), aber hoffe, dass ihm diese Vorteile bewusst sind und er nicht allzu serh darunter leidet, nciht das zu haben, was Domingo, Alagna, Kaufmann oder Villazon auszeichnet(e). F.Q.
Liebe Sevi, ich wünsche euch Wiener Stimmenfans , dass diese Vorstellung ein Ausrutscher war, auch wenn wir Provinzler selbst von solchen Vorstellungen nur träumen kônnen.
Ingrid (10.01.2011, 10:16): Original von Karolus Minus Nicht dazu gehörte die Banane, die Beczala oben auf der Palme plötzlich dabei hatte....
Gruß Karolus -
Neben seiner, wirklich außergewöhnlich schönen Stimme, hat er offensichtlich auch viel Humor und Mut. Da steigt er bei mir gleich noch ein paar Stufen höher.
Gerade las ich einen Bericht über den neuen Tenorstar, der alle Vorzüge von Villazon und Kaufmann in sich vereinen soll: Grigolo. Er hat die Berliner als Alfredo wohl beinahe um den Verstand gebracht. Gekreischt wurde offensichtlich fast so wie bei den Beatles in früheren Zeiten.
Kaufmann war aber, endlich genesen, auch wieder als Florestan unbeschreiblich gut (er steht noch immer auf meiner Beliebtheitsscala ganz ganz oben), auch wenn die erste Sekunde sich mehr als Vorbote einer Katastrophe anhörte, aber dann ist er und seine Stimme in volle Fahrt gekommen. Schauspielerisch war er auch wieder phänomenal und hat mich jetzt auch mit Bieito versöhnt. Bei seinem Einspringer (2. Vorst.) bin ich ja tausend Tode gestorben. Mußte mir die Ohren zuhalten und die Augen schließen, sonst hätte ich einen Schreikrampf bekommen. Zum Glück hatte meine Karte nur 16,50 gekostet, aber da schmerzte mich trotzdem jeder Cent. Dafür hätte ich endlich mal perfekte Sicht gehabt (Stehsitz Mitte erste Reihe... ohne Vorhänger)
Liebe Grüße Ingrid
schwarzehand (10.01.2011, 12:15): Original von Severina Die Philis, ohnehin nie sonderlich motiviert bei einer Belcantooper, machten Dienst nach Vorschrift, und Campanella war keineswegs der Mann, ihnen mehr als das abzuverlangen. Liebe Severina,
eine Frage: wurde die Wahnsinnsarie denn von einer Glasharmonika begleitet? Ich war ganz überrascht, als bei Anna Netrebkos Lucia-Auftritt in Wien in den diversen Medien berichtet wurde, dass dieses Instrument zum ersten Mal in der Staatsoper eingesetzt worden sei.
Severina (10.01.2011, 12:57): Original von schwarzehand Original von Severina Die Philis, ohnehin nie sonderlich motiviert bei einer Belcantooper, machten Dienst nach Vorschrift, und Campanella war keineswegs der Mann, ihnen mehr als das abzuverlangen. Liebe Severina,
eine Frage: wurde die Wahnsinnsarie denn von einer Glasharmonika begleitet? Ich war ganz überrascht, als bei Anna Netrebkos Lucia-Auftritt in Wien in den diversen Medien berichtet wurde, dass dieses Instrument zum ersten Mal in der Staatsoper eingesetzt worden sei.
Liebe Schwarzehand,
nein, diesmal gab es wieder die übliche Variante mit der Querflöte. Die Glasharmonika war wirklich erstmals bei Anna Netrebko im Einsatz, und das war ein sehr kluger Schachzug, denn das ersparte ihr den unmittelbaren Vergleich mit Edita Gruberova, die gerade diese Zwiesprache mit der Flöte immer zu einem atemberaubenden Höhepunkt der Aufführung gemacht hatte. Außerdem passte dieser irgendwie "jenseitige" Klang der Glasharmonika nicht nur vorzüglich zu Netrebkos Timbre, sondern verlieh der ganzen Szene etwas Irreales, was den Wahnsinn Lucias eindrucksvoll unterstrich. Ich finde es schade, dass dieses Instrument nicht öfter zum Einsatz kommt. (In der Pause hing das halbe Publikum über dem Orchestergraben, um das Ding genauer in Augenschein zu nehmen, und der arme Musiker musste nonstop Erklärungen abgeben!)
lg Severina :hello
Severina (22.01.2011, 02:37): Diesmal berichte ich erst von der 2. der insgesamt 4 Werther-Vorstellungen, denn bei der ersten musste ich mich aufgrund meiner schlechten Karte und der extrem linkslastigen Inszenierung bis auf die letzte Szene mit dem Hörgenuss begnügen. Heute hingegen saß ich in meiner geliebten Proszeniumsloge und kam daher auch szenisch voll und ganz auf meine Rechnung :D.
Ich gehöre wohl zu den wenigen Leuten, die Andrej Serbans Inszenierung, die heute zum 37. Mal zu sehen war, nicht in Grund und Boden verdammen. Von den sechs Inszenierungen, die ich im Laufe meines Opernlebens kennenlernen durfte, gefällt mir diese sogar am besten. Nicht, dass ich sie für so überragend halte, aber wie man so schön sagt: "Unter Blinden ist der Einäugige König". Serban hat seinen Goethe gründlich studiert und speziell die im Briefroman immer wiederkehrende Baummetapher ernst genommen. Daher beherrscht eine riesige Linde die gesamte Bühne, ihre knorrigen Äste reichen bis zum Boden und strukturieren den Raum. Dank Treppe und Plattform in der mächtigen Astgabelung ist sie sogar bespielbar, immer wieder beobachten/belauschen Personen der Handlung von luftiger Höhe das Geschehen zu ebener Erde. Im ersten Akt korrespondiert das frische Grün der Blätter mit der heiteren Grundstimmung - it's party-time - im zweiten signalisiert das fahlgelbe Laub, dass es auch in Charlottes Seele Herbst geworden ist, in den letzten beiden Akten ist der Baum völlig kahl geworden, ein Symbol der Hoffnungslosigkeit und der Kälte. Selbst die anfangs so enthusiastisch gepriesene Natur wendet sich nun feindselig gegen Werther und Charlottes unmögliche Liebe. Warum Charlotte und Albert unter einem Baum wohnen, frage ich mich schon längst nicht mehr und irritiert mich auch immer weniger. Serban hat die Handlung in die 50erjahre des 20.Jhdts. verlegt, in die Zeit von Nierentisch, Musikschrank und Petticoat, und das passt ab dem zweiten Bild ganz wunderbar, im ersten allerdings spießt es sich gewaltig. Charlotte ist eine moderne, selbstbewusste junge Frau, modisch gestylt und umschwärmter Mittelpunkt ihrer coolen Clique, die sie nun zu einer Sommerparty abholt, und dass sie einen pedantischen und moralinsauren Langeweiler wie Albert heiratet, nur weil sie es Mutti am Totenbett versprochen hat, ist ziemlich unglaubwürdig. Aber auch in dieser ersten Szene beweist Serban seine Stärke in der Personenführung, die speziell den Nebenfiguren zugute kommt. Jede ist ins Spiel eingebunden, bewegt sich sinnvoll, und mit vielen kleinen Deatails entsteht ein wirklich stimmiges Bild. Besonders Albert und Sophie, die oft nur blasse Stichwortbringer bleiben (siehe die Pariser Produktion) werden bei Serban stark aufgewertet und gewinnen ein sehr scharfes Profil. Sophie mimt die typische Zweitgeborene, die es gründlich satt hat, immer zurückstehen zu müssen, die Geschwister am Hals zu haben, während sich die große Schwester amüsiert. Sie ist eifersüchtig, weil sich alles um Charlotte dreht und sie selbst von den Männern entweder ignoriert oder geneckt, also nicht ernst genommen wird.
Ileana Tonca, mit ihrer zierlichen Figur und dem Pferdeschwanz an Audrey Hepurn erinnernd, was durch die Kostüme noch unterstrichen wird, spielt das wirklich ganz köstlich. Alleine die Palette von Blicken, die sie auf Charlotte in der ersten Szene abfeuert, spiegelt sämtliche Gefühlsregungen eines frustrierten Teenagers wider. Sie himmelt Werther vom ersten Augenblick an und tut alles, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, doch der hat librettogemäß nur Augen für Charlotte. Im zweiten Bild benimmt sich Sophie exakt wie ein unsicherer Teenager, der seinen Schwarm runmkriegen will, also eine Spur zu aufdringlich, zu schrill, zu offensichtlich, und der genervte Blick, mit dem Werther/Kaufmann ihr Manöver quittiert, spricht Bände. Witzig, wie er jedesmal, wenn sie sich ihm nähert, blitzschnell einen Sessel zwischen sich und dem Mädchen in Stellung bringt. Ileana Toncas helle, frische Stimme passt sehr gut zu diesem lebenslustigen Mädchen, für mich ist das ihre bisher beste Rolle an der WSO.
Adrian Eröds Albert ist nicht der übliche geradlinige Biedermann, dem scheinbar Hörner aufgesetzt werden und der daher begreiflicherweise eifersüchtig ist, sondern wesentlich vielschichtiger. Als erfolgreicher Geschäftsmann betrachtet er Charlotte als seinen Besitz, als schönen Aufputz für sein Haus. Er bietet ihr ein angenehmes Leben und erwartet dafür Dankbarkeit und selbstverständlich Gehorsam. Wenn er im 2. Akt sein scheinbar glückliches Eheleben preist, badet er in Selbstgefälligkeit, denn dass eine Frau an seiner Seite nicht glücklich sein könnte, liegt jenseits seines Vorstellungsvermögens. Seine Unterhaltung mit Werther entbehrt nicht einer Portion Sadismus, er bohrt genüsslich in den Wunden des anderen, der sich vergeblich nach dem verzehrt, was er, Albert, besitzt. Und da er sich seines Besitzes sicher wähnt, kann er sich dem Verlierer gegenüber gönnerhaft zeigen. Zum ersten Mal lässt dieser Gentleman die Maske fallen, nachdem er seine Frau und Werther beobachtet hat. Nun wird sein Blick eiskalt, brutal packt er Charlotte am Handgelenk und zwingt sie ihm zu folgen. Toll spielt Eröd auch im 3. Akt, wenn er deutliche Anzeichen von Werthers Besuch entdeckt und Charlotte zur Rede stellt. Wütend zerrt er sie zum Bett und wirft sich auf sie, aber anstatt ihr Gewalt anzutun, wie man es eigentlich erwartet, schleudert er den Mantel ins Gesicht, den der Dichter vergessen hat. In dieser Inszenierung ist Albert auch im Schlussbild gegenwärtig. Er beobachtet Charlotte und den sterbenden Werther, auch sie sieht ihn, ohne aber zu erschrecken - sie hat sich entschieden, auch wenn es zu spät ist. Als sie nach Werthers Tod flieht, packt Albert sie von hinten, aber als sie zu seinen Füßen niedersinkt, lstößt er sie verächtlich von sich und eilt davon. Adrian Eröds Stimme klingt leider in letzter Zeit nicht so wohltönend und geschmeidig, wie ich das von ihm gewohnt bin, sondern immer leicht angeraut. Ich hoffe inständig, dass die vielen Unkenrufer, die ihm bei seinem Mime-Experiment nachteilige Folgen für seine Stimme prophezeit haben, nicht Recht behalten. Es wäre jammerschade um diesen qualitätvollen Bariton.
Zentrum einer jeden Wertheraufführung ist natürlich das Liebespaar, und das wurde von Sophie Koch und Jonas Kaufmann großartig gesungen und auch gut gespielt. Leider war es nicht unbedingt ein Vorteil, dass die beiden schon in Paris gemeinsam in diesen Partien aufgetreten waren, denn sie wichen mit ihrer Interpreatation doch ziemlich von Serbans Regiekonzept ab und zogen ihr eigenes Ding durch. Speziell bei Koch bedauere ich das ein wenig, und ich muss gestehen, dass mir Elina Garancas Charlotte mehr unter die Haut ging. Was jetzt aber nicht heißt, dass mir Frau Koch nicht gefallen würde, ganz im Gegenteil, aber von zwei Möglichkeiten gibt man halt immer einer den Vorzug. Sophie Koch legt die Charlotte wesentlich kontrollierter an, als dies bei Serban vorgesehen ist, sie ist nicht der unter einer scheinbar ruhigen Oberfläche brodelnde Vulkan, der dann im 3. Akt heftig eruptiert und mehr vor ihrer eigenen Leidenschaft als vor Werthers Zudringlichkeit erschrickt, sondern zunächst eine Frau, die ihr Ehegelöbnis ernst nimmt und entschlossen ist, die unstatthaften Gefühle für Werther zu unterdrücken. Sie wird zwar im 3. Akt kurz schwach und gibt sich seiner Umarmung hin, aber eben nur kurz, dann gewinnt die Vernunft wieder Oberhand und sie weist Werther in seine Schranken. Bei Serban brechen da aber eigentlich alle Dämme, Charlotte ist es, die den Dichter noch einmal leidenschaftlich küsst, bevor sie hinausstürzt, wissend, dass es für sie kein Zurück mehr gibt, verweilt sie noch eine Sekunde länger mit ihm in einem Raum, und diese Version gefällt mir eben besser. Bei Sophie Koch brechen die Dämme erst, als Albert sie zwingt, dem Boten die Pistole auszuhändigen, von da an beherrscht sie nur mehr der Gedanke "Zu ihm!" Das ist sicher näher an der herkömmlichen Lesart, und trotzdem..... Untadelig ist Sophie Kochs gesangliche Leistung. Sie setzt ihre voluminöse, farbenreiche Stimme technisch perfekt ein, leise Töne stehen ihr ebenso zu Gebote wie die groß auftrumpfenden, und alleine wie subtil und zu Herzen gehend sie die Briefszene gestaltet, verdient :down :down :down :down
Jonas Kaufmann konnte nach dem durchwachsenen Auftritt am Montag heute beweisen, dass er momentan als Werther wohl konkurrenzlos ist. Die Souveränität, mit der er die leidenschaftlichen vokalen Ausbrüche des unglücklichen Poeten meistert, macht ihm so schnell kein Kollege nach. Da blüht die Stimme herrlich auf, scheint beinahe zu glühen und schwingt sich kühn über die von Chaslin unsensibel entfachten Orchesterfluten, und man hat den Eindruck, dass es Kaufmann mächtig Spaß macht, gehörig auf die Tube zu drücken. Trotzdem ist es eben keine bloße Stimmritzenprotzerei, kein eitles "Seht-her-wie-laut-ich's-kann". Kaufmann plärrt nicht einfach drauf los, seine Ausbrüche erfolgen kontrolliert, ordnen sich dem Ausdruck unter und dienen einer bestimmten Interpretation. Heute funktionierten auch die Piani wunderbar, die am Montag oft mehr heiße Luft als wirklich ausgesungen oder gut gestützt waren. Unglaublich, welche Emotionen Kaufmann in sein Singen legen kann, wofür ihn natürlich auch sein dunkles, zumindest in meinen Ohren aufregend-sinnliches Timbre prädestiniert.
Auch schauspielerisch überzeugt Jonas Kaufmann, aber das tut er eigentlich in jeder Partie. Aber ebenso wie Sophie Koch als Charlotte ist auch er als Werther nicht meine erste Wahl, und ebenso wie schon bei ihr ist das ein reines Geschmacksurteil. Mir geht einfach die Interpretation von Rolando Villazón noch mehr zu Herzen, ich sehe ihn immer vor mir, wie er am Ende des ersten Aktes am Boden kniete, völlig vernichtet, ein Häufchen Elend, einen Ausdruck von Verzweiflung im Gesicht, der das Ende bereits vorwegnahm. Er war einfach Werther, mit Haut und Haar.
Kaufmann spielt einen sensiblen Dichter, der sich in Charlotte verliebt und dann zusehends in die Idee verrennt, sie allen Widrigkeiten zum Trotz besitzen zu müssen. Man hat aber bei ihm weniger das Gefühl, dass diese Liebe wirklich etwas Existenzielles ist, sondern einfach ein Sinnersatz, weil er mit sich und seinem Leben generell nicht viel anfangen kann. (Womit er Goethes Briefroman wahrscheinlich näher steht als Massenet.) Interessant in diesem Zusammenhang ist Kaufmanns Aussage beim Künstlergespräch, dass es ihm eher schwer fällt, sich mit Werther zu identifizieren, weil er im Grunde genommen eine unsympathische Figur ist, zu der man doch spätestens im 4. Akt sagen müsste "Also komm, Junge, nicht schon wieder, ich hab da eine gute Adresse!" Wahrscheinlich empfinde ich deshalb Kaufmanns Werther als nicht so authentisch wie Villazóns, der ihn wohl nie zum Psychiater schicken würde, weil er diese Figur im Kern ihres Wesens begreift.
100%ig überzeugend (im Unterschied zu Paris) und wirklich unter die Haut gehend spielt Kaufmann Werthers Tod- ich habe schon nach der Montagvorstellung gesagt, dass er zu den wenigen Interpreten zählt, denen man glaubt, dass sie eine Kugel im Bauch haben. Da stimmt wirklich jede Bewegung, und selbst wenn er sich gegen Schluss mühsam aufrappelt und noch einmal in voller Größe neben dem Bett steht, tut er das in einer beinahe unmerklich gekrümmten Haltung, aber das genügt, damit man die Schmerzen beinahe selber spürt. Da ist nichts aufgesetzt, nichts übertrieben, die Stimme wird zu einem schwebenden, fahlen, wahrlich ersterbenden Klang gedimmt, bis sie schließlich in einem tonlosen Piano erlöscht.
Von den Nebenrollen stach Clemens Unterreiner als Johann sehr positiv, Benedikt Kobel als Schmidt sehr negativ hervor. Was dieser Mann an falschen Tönen produziert, geht nicht mehr auf die berühmte Kuhhaut, und Direktor Meyer sollte sich wirklich schleunigst von einem Sänger trennen, der selbst das bescheidene Niveau für eine Wurzenrolle derart eklatant verfehlt.
Besser als am Montag, aber immer noch nicht zufriedenstellend, waltete Frédéric Chaslin seines Dirigentenamtes. Die überwiegend negativen Kritiken haben ihn wohl bewogen, die Lautstärke etwas zurückzufahren, aber noch immer poltert er eher grob und ohne Sinn für Feinheiten durch die Partitur. Da passte es dann, dass auch die Bläser heute nicht ihren besten Abend erwischt hatten. Ein vokal weniger durchschlagskräftiges Paar als Koch und Kaufmann wären in diesem Getöse wahrscheinlich hoffnungslos untergegangen.
Das Publikum taute wie schon am Montag erst nach "Pourquoi me reveiller" auf, was ich gegenüber von Sophie Koch unfair finde, denn sie hätte sich für ihre grandios vorgetragene Arie genauso viel Applaus und Bravos verdient wie Jonas Kaufmann. Am Schluss jedenfalls stand das Haus Kopf, es gab 20 Minuten Applaus, Jubel und standing ovationes, Koch und Kaufmann mussten viele Male vor den Vorhang und nahmen sichtlich glücklich die Sympathiekundgebungen des Publikums entgegen. Diesmal hat der Tenor hoffentlich keinen Grund, sich über die Wiener zu beschweren :D!
Mein Fazit: Endlich einmal eine wirkliche Sternstunde in der bisher eher enttäuschenden Saison an der WSO!
lg Severina :hello
Rideamus (22.01.2011, 07:41): Liebe Sevi,
vielen Dank für diesen, wieder einmal sehr anschaulichen, Bericht über einen Abend, um den Du zu beneiden bist. Dank der (DVD-)Kenntnis der PariserAufführung mit Koch und Kaufmann, der Serban-Inszenierung mit Garanca und Alvarez, die ja auch schon Ileana Tonkas Sophie bot, und nicht zuletzt der alten Pariser Inszenierung Jürgen Roses mit Susan Graham und Rolando Villazon kann ich mir das Niveau des Gebotenen ziemlich gut vorstellen. Immerhin warteten diese drei Aufführungen mit den wohl besten WERTHER- Protagonisten der Gegenwart auf (de los Angeles und Fassbaender sowie Gedda und Kraus zu ihren besten Zeiten gehören leider schon deutlich der Vergangenheit an, was ja auch bei Villazon bereits zu befürchten ist).
Wirklich ein Jammer, dass ein Element immer nachhinkt, und was der Dirigent durch zu viel unsensibles Gelärm da kaputt machen kann, lässt sich leider in Plassons Pariser Dirigat, aber auch auf der DVD mit Hampson und Graham ebenfalls hören. Wo sind Pappano, Davis, Nagano oder Pretre, wenn man sie braucht? Aus all den Genannten ließe sich mein Traum-WERTHER leicht doppelt besetzen, wobei ich natürlich noch die Sophie der Patricia Petibon und den Albert Thomas Hampsons in Pappanos Audioaufnahmne erwähnen sollte. Gegenwärtig fällt das ja nicht für jede Oper so leicht.
Jedenfalls hoffe ich, dass Dich die folgenden Aufführungen nicht weniger befriedigen werden - optiscvh wie akustisch und danke Dir, dass Du uns daran teilhaben lässt.
:hello Rideamus
miranda (22.01.2011, 18:31): Liebe Severina,
da hast du ja einmal deinem Forumsnamen nicht entsprochen und statt Strenge positive Gefühle walten lassen. Herzlichen Dank für den anschaulichen Bericht, der einen nur bedauern lässt, so weit von Wien entfernt zu wohnen. Außerdem freut mich natürlich, dass JK wieder den gewohnten Stimmenzauber entfaltet. Und du Glückliche kannst ihn noch zweimal hören!
Die ein wenig neidische
Miranda
Ingrid (22.01.2011, 19:47): Liebe Severina,
welch ein Glück, dass es Dich gibt und Deine so anschaulichen Rezensionen. Es macht wirklich keine Mühe mehr, alles ganz schnell vor dem geistigen Auge zu haben und sogar den musikalischen Part im Ohr. Wie gut, dass Du nun auch den richtigen Platz hattest, denn gerade bei dieser Besetzung ist ja die minimalste Bewegung von Bedeutung, wie es davor ja auch bei Villazon so war.
Wir Münchner hatten ja auch schon so auf Rolandos Werther hingefiebert, aber dann kam leider seine Krankheitsphase dazwischen. Wäre natürlich toll, wenn wir nun JK mal in unsrer Rose-Inszenierung erleben könnten, aber das ist wohl nicht vorgesehen. Sophie Koch war auf jeden Fall auch bei uns so, wie Du sie jetzt beschrieben hast. Sehr kontrolliert in ihren Gefühlen, allerdings war Alvarez bei der Premiere ihr Partner und dem nahm man die Selbstzerstörung sowieso nicht ganz ab und entsprechend wird dann auch die Partnerin reagieren. Das ist aber gerade so spannend an Live-Erlebnissen, dass jeder Abend etwas anders ablaufen kann. Bei Kaufmanns Don José war das auf jeden Fall so und bei seinem Werther sicher ebenfalls.
Über solche Bemerkungen von Bekannten kann man da nur fassungslos den Kopf schütteln die meinen, er hätte zwar eine gute Stimme, aber sein Spiel wäre viel zu langweilig, oder jetzt beim Lohengrin, der jetzige wäre zwar alt und dick, aber eben ein richtiger Heldentenor. Taub und blind kann man da nur sagen.
Inzwischen bin ich aber froh über jeden, der ihn nicht mag. Gibt nur "leider" viel zu wenige davon :(
Liebe Grüße Ingrid
Severina (22.01.2011, 23:30): Original von Rideamus Liebe Sevi,
vielen Dank für diesen, wieder einmal sehr anschaulichen, Bericht über einen Abend, um den Du zu beneiden bist. Dank der (DVD-)Kenntnis der PariserAufführung mit Koch und Kaufmann, der Serban-Inszenierung mit Garanca und Alvarez, die ja auch schon Ileana Tonkas Sophie bot, und nicht zuletzt der alten Pariser Inszenierung Jürgen Roses mit Susan Graham und Rolando Villazon kann ich mir das Niveau des Gebotenen ziemlich gut vorstellen. :hello Rideamus
Lieber Rideamus, dann könnten wir ja im DVD-Thread in eine heiße Vergleichsdiskussion einsteigen! Vielleicht erinnerst Du Dich noch, dass ich bei der Übertragung so ziemlich als Einzige den Pariser "Werther" eher negativ beurteilt habe. Da ich gerade unter hochgradigem Wertherfieber leide :wink, habe ich mir meine Aufzeichnung eben noch einmal angeschaut und muss gestehen, dass sie unter dem Eindruck des gestrigen Live-Erlebnisses noch schlechter weg kommt. Ich finde unsere Inszenierung um Klassen spannender und viel atmosphärischer. Aber das würde hier zu weit führen, das würde ich gerne anderen Ortes vertiefen!
lg Sevi :hello
Severina (22.01.2011, 23:39): Original von miranda Liebe Severina,
da hast du ja einmal deinem Forumsnamen nicht entsprochen und statt Strenge positive Gefühle walten lassen. Herzlichen Dank für den anschaulichen Bericht, der einen nur bedauern lässt, so weit von Wien entfernt zu wohnen. Außerdem freut mich natürlich, dass JK wieder den gewohnten Stimmenzauber entfaltet. Und du Glückliche kannst ihn noch zweimal hören!
Die ein wenig neidische
Miranda
Liebe Miranda, findest Du denn, dass ich normalerweise mit den armen Sängern zu hart ins Gericht gehe? Na ja, in Wien neigt man leider wirklich dazu, immer tolle Vorstellungen zu erwarten und meckert auf sehr hohem Niveau. Oder, wie es gestern eine Dame hinter mir so treffend formulierte: "Wir haben das Pech, so viele Vergleichsmöglichkeiten zu haben, da wird man dann überkritisch." ;anchmal beneide ich daher die Leute beinahe ein bisschen, die völlig unbeleckt in die WSO kommen und alles wunderbar finden, selbst einen Benedikt Kobel. JK zieht mich immer in seinen Bann, selbst wenn er stimmlich nicht 100%ig in Form ist, das macht er dann durch schauspielerischen Totaleinsatz locker wett. Ich freue mich schon auf Montag! :leb
lg Sevi :hello
Severina (22.01.2011, 23:47): Original von Ingrid Liebe Severina,
Das ist aber gerade so spannend an Live-Erlebnissen, dass jeder Abend etwas anders ablaufen kann. Bei Kaufmanns Don José war das auf jeden Fall so und bei seinem Werther sicher ebenfalls. Über solche Bemerkungen von Bekannten kann man da nur fassungslos den Kopf schütteln die meinen, er hätte zwar eine gute Stimme, aber sein Spiel wäre viel zu langweilig,
Liebe Grüße Ingrid
Liebe Ingrid, richtig, JK hat Strehlers Dogma, man müsse jede Szene jeden Abend völlig neu kreieren, wirklich verinnerlicht. Aber natürlich braucht man da Partner, die flexibel genug sind und darauf eingehen und nicht vor Schreck erstarren, weil plötzlich etwas anders ist. Man kann Kaufmann sicher einiges vorwerfen, ich verstehe z.B. gut, dass manchen seine Stimme zu baritonal ist oder der manchmal gaumige Ansatz stört, aber ganz bestimmt kein "langweiliges Spiel". Das ist wirklich absurd.
lg Sevi :hello
Rideamus (23.01.2011, 01:03): Original von Severina Original von Rideamus Dank der (DVD-)Kenntnis der PariserAufführung mit Koch und Kaufmann, der Serban-Inszenierung mit Garanca und Alvarez, die ja auch schon Ileana Tonkas Sophie bot, und nicht zuletzt der alten Pariser Inszenierung Jürgen Roses mit Susan Graham und Rolando Villazon kann ich mir das Niveau des Gebotenen ziemlich gut vorstellen. :hello Rideamus
Lieber Rideamus, dann könnten wir ja im DVD-Thread in eine heiße Vergleichsdiskussion einsteigen! Vielleicht erinnerst Du Dich noch, dass ich bei der Übertragung so ziemlich als Einzige den Pariser "Werther" eher negativ beurteilt habe. Da ich gerade unter hochgradigem Wertherfieber leide :wink, habe ich mir meine Aufzeichnung eben noch einmal angeschaut und muss gestehen, dass sie unter dem Eindruck des gestrigen Live-Erlebnisses noch schlechter weg kommt. Ich finde unsere Inszenierung um Klassen spannender und viel atmosphärischer. Aber das würde hier zu weit führen, das würde ich gerne anderen Ortes vertiefen!
lg Sevi :hello
Liebe Sevi,
das können wir gerne machen, nur bin ich nächste Woche leider gezwungenermaßen offline, und dann muss ich meine Eindrücke noch aktualisieren. Vor Februar wird das also leider nichts werden. Ich hoffe, Dein Fieber (nur das wertherige, natürlich) hält noch so lange an. Aber vielleicht mag die eine oder der andere ja auch dazu beitragen und schon mal loslegen.
:hello LG Rideamus
Severina (23.01.2011, 01:18): Lieber Rideamus, das passt schon, denn nächste Woche bin ich im positiven Kulturstress (dreimal Oper und einmal Theater) und übernächste Woche offline in der Provinz, Du kannst Dir also ruhig Zeit lassen. Fairy mischt sicher auch gerne ein wenig mit, sofern es ihr Zeitplan gstattet. Ich frage mich nur gerade, ob der Pariser Werther eigentlich schon als DVD erschienen ist? lg Sevi :hello
Rideamus (23.01.2011, 07:03): Liebe Sevi,
er ist als DVD werschienen un d sieht so aus:
Da wir ihn aber wohl beide trotz unterschiedlicher Wertschätzung nicht als erste Wahl empfehlen, sollte man den Hinweis mit Vorsicht behandeln und hoffen, dass die Intweressierten ihn entweder im Fernsehen mitgeschnitten oder Verbindung zu jemandem haben, der das getan hat.
meine erste Empfehlung unter den kommerziell verfügbaren DBDs gälte der von Dir beschriebenen Wiener Einspielung in der ursprünglichen Besetzung mit Elina Garanca, Marcello Alvarez, Adrian >Eröd und Ileana Tonka,
die es neuerdings auch besonders preiswert gibt
Vielleicht lässt sich die Diskussion dann hier anknüpfen, wo ja schon Einiges zu der Oper und ihren Inszenierungen, insonderheit der Pariser, geschrieben wurde: http://www.das-klassikforum.de/thread.php?threadid=1375&hilight=Werther
In einem anderen Forum habe ich schon einmal fast alle meine Präferenzen begründet. Auf cd sind das die Aufnahme von Colin Davis mit Frederica von Stade und José Carreras (mein absoluter Favorit, trotz Carreras' problematischem Französisch), Kent Nagano mit Anne Sofie von Otter und Jerry Hadley und Georges Pretre mit Victoria de los Angeles und Nicolai Gedda (in dieser Rangfolge). Interessierte Gäste finden die Begründungen unter TMOO: Werther. Hier soll es mir nur um die DVDs gehen.
:hello Rideamus
Fairy Queen (23.01.2011, 09:40): Eine kurze Meldung meinerseits, da Sevi mich angesprochen hat: ich habe drei Werthers, die hier genannt wurden: Plasson mit Hampson und Graham,, Plasson mit Kaufmann und Koch und Jourdan mit Alvarez und Garanca. Leider habe ich Villazon als Werther nie gesehen oder gehört, kann mir aber das, was severina sagt, nur allerbestens vorstellen. Und genau das dürfte der Grund dafür sein, dass Villazon nicht mehr den Werther singt, während Kaufmann auch in meinen Augen und Ohren derzeit konkurrenzlos in dieser Rolle ist. Wenn man Werrther ist statt ihn zu spielen und sich von seiner Persönlichkeit zu distanzieren und auf die Seite der "Gesunden" zu schlagen........ Zu den einzelnen Inszenierungen und Rollenporträts mische ich mich zu gegebener Zeit dann gerne in die Diskussion ein.
F.Q. Gute Besserung und eine Ration Feen-Medizin für alle Kranken - zu Hause oder im Krankenhaus!
Liebe Ingrid, ich verstehe die Bemerkung nicht, dass Du dich "über jeden freust, der ihn nicht mag"?????
Ingrid (23.01.2011, 15:20):
Liebe Ingrid, ich verstehe die Bemerkung nicht, dass Du dich "über jeden freust, der ihn nicht mag"?????
Liebe Fairy,
die um Karten bei seinen Auftritten kämpfen, verstehen meinen, schon ein bisschen gemeinen Wunsch, vielleicht ein wenig besser :D
Liebe Grüße Ingrid
Ingrid (23.01.2011, 15:29): Original von Severina Man kann Kaufmann sicher einiges vorwerfen, ich verstehe z.B. gut, dass manchen seine Stimme zu baritonal ist oder der manchmal gaumige Ansatz stört, aber ganz bestimmt kein "langweiliges Spiel". Das ist wirklich absurd.
lg Sevi :hello
Liebe Severina,
habe mich da wohl etwas im Wort vergriffen, denn ich wollte hier ganz bestimmt niemandem zu nahe treten. Ich hatte da zwei Damen im Kopf, die höchstwahrscheinlich nicht mitlesen.... hoffe ich zumindest (jetzt bräuchte ich ein Schäm- oder unter dem Stuhl-Smiley). Jeder soll und darf natürlich seinen eigenen Geschmack haben. Ich ja auch :D
Liebe Grüße Ingrid
Severina (25.01.2011, 00:36): Zum dritten Mal durfte ich heute Werther auf seinem Leidensweg bis zum bitteren Ende begleiten, und zwar Dank der in Wien grassierenden Grippewelle sogar aus der 9. Reihe Parkett. Eine Dame war nämlich aus diesem Grund um ihre Begleitung gekommen und verkaufte mir ihre zweite 169€-Karte um schlappe 50 Euronen - das nennt man wohl ein Schnäppchen :D !
Für diejenigen, die vielleicht meinen Inszenierungsvergleich im Wertherthread gelesen haben, möchte ich nur kurz anmerken, dass natürlich in den 5 Jahren seit der PR einiges verwässert worden ist, etliche der psychologisch so klugen Details sind leider unter den Tisch gefallen. Aber das ist das Schicksal jeder modernen Regie, die Ecken und Kanten schleifen sich mit der Zeit ab, dabei waren meist gerade sie das Interessante. Dafür hat die Schlussszene gewonnen, die mich in der ursprünglichen Fassung nicht so überzeugt hat, sie verläuft nun wesentlich intimer und stimmiger. (Wahrscheinlich auch, weil die Werther der letzten Zeit nicht so mopsfidel auf dem Sterbebett herumhopsen wie seinerzeit Marcello Alvarez...)
Aber kommen wir zum heutigen Abend! Jonas Kaufmann brauchte eine kleine Anlaufzeit, bis die Stimme wirklich saß, aber dann bot er eine fulminante Leistung, besonders der 2. Akt war großartig und an Intensität des Ausdrucks wohl nicht zu überbieten. Sophie Koch ließ sich von ihm mitreißen und agierte wesentlich gelöster und leidenschaftlicher als in den ersten beiden Vorstellungen, stimmlich war sie ja in jeder wunderbar.
Im 3. Akt ging dann überhaupt die Post ab, da sprühten nicht nur die Funken zwischen Charlotte und Werther, da flogen auch die Möbelstücke durch die Gegend bei der wilden Verfolgungsjagd, und beinahe hätte es ein Hoppala gegeben, als sich nämlich Kaufmann auf die in einem Fauteuil Schutz suchende Charlotte warf und fast mit beiden umgekippt wäre. Im letzten Moment konnte er mit einem kühnen Ausfallschritt das Sitzmöbel wieder austarieren. Adrian Eröd, der als Albert normalerweise nur eine umgeworfene Lampe aufheben muss, schaute ein bisschen verdutzt auf diese Verwüstung. Dafür funktionierte dann der Fernseher nicht, den Charlotte hinter seinem Rücken blitzschnell einschaltet, um einen ganz normalen Abend vorzutäuschen. (Was natürlich nicht gelingt, weil ihr misstrauischer Gatte schon längst zwei Gläser, die zerstreut auf dem Boden liegenden Ossianblätter und Werthers Mantel entdeckt hat, der auf dem Bett zurückgeblieben ist.) "Pourquoi me reveiller" war dann wieder der bejubelte Höhepunkt des Abends, unglaublich, welche Emotionalität Kaufmann da hineinpacken kann, wie fein schattiert er seine Stimme einsetzt, vom wehmütig-schmerzlichen Piano bis hin zu wild aufwallender Leidenschaft. Ich kann mich nicht erinnern, diese Arie live je besser gehört zu haben, und ich habe schon eine ganze Reihe Werther erlebt, von Alfedo Kraus, Aragall, Carerras über Araiza, Lima, Shicoff, Alagna (als er noch Stimme hatte) bis hin zu Alvarez und Villazón in jüngster Vergangenheit. Völlig zu Recht stand die Oper da minutenlang Kopf. :down :down :down :down :down
Und zum 3. Mal finde ich es ungerecht, dass Sophie Koch für ihr wunderbar vorgetragenes Gebet lediglich herzlichen Applaus mit ein paar einsamen Bravos erntete. (Ich musste mich bei beiden jeder akustischen Begeisterung enthalten, da ich immer noch unter den Nachwehen einer Kehlkopfentzündung leide :( )
Die Sterbeszene war von beiden sehr ergreifend gestaltet und gesungen, leider erwies sich da mein toller Parkettplatz als nicht so ideal, weil ich vom lang ausgestreckt am Bett liegenden Werther anfangs nur die Schuhe und Hosenbeine sah. Gottlob rollte er sich dann Richtung Orchestergraben. Was mich in dieser Szene stört, ist der übertriebene Einsatz von Kunstblut, mit dem Werthers Hemd richtig durchtränkt ist, was bewirkt, dass Charlotte nach kurzer Zeit aussieht, als hätte sie - pardon der prosaische Vergleich - ein Schwein ausgeweidet. Gottlob hat man inzwischen wenigstens darauf verzichtet, dass auch noch aus Werthers Mund Blut quillt (was bei einem Bauchschuss ohnehin absurd ist), denn die arme Elina Garanca sieht auf der DVD nach dem "premier baiser" ziemlich lächerlich aus mit der verschmierten blassroten Farbe in ihrem Gesicht.
Ileana Tonca punktete auch heute mit sicherem Vortrag und sehr engagiertem Spiel, sie ist die Einzige, die eigentlich alles noch genauso macht wie im PR-Block. "Kunststück, wenn sie damals schon dabei war", werdet Ihr jetzt sagen, aber das gilt auch für Adrian Eröd, und der hat serinen Albert in der Zwischenzeit leider etwas entschärft. Leider ist auch seine Stimme nicht mehr ganz die alte, und ich kann nur hoffen, er errappelt sich wieder.
Als steigerungsfähig erwies sich leider Benedikt Kobel, der seinen Johann vokal noch grausamer malträtierte als die ersten beiden Male. Da zog wirklich das halbe Parkett die Köpfe ein.
Für das Trauerspiel im Graben zeichnete wieder Frédéric Chaslin verantwortlich. Ich frage mich wirklich, was er bei Sängern macht, die nicht so eine "Röhre" haben wie Sophie Koch und Jonas Kaufmann. Vorsichtshalber erschien er nicht alleine vor dem Vorhang.....
Die Begeisterung zum Schluss war wieder groß, ebbte aber früher ab als nach der letzten Vorstellung. Ich hatte aber auch den Eindruck, als hätte es Kaufmann eilig wegzukommen, vielleicht wollte er noch in der Nacht heim nach München, denn während er am Freitag den Jubel voll ausgekostet hatte, verschwand er heute immer sehr schnell wieder hinter dem Vorhang.
Einmal "Werther" gibt es noch :D!!!!!!!
lg Severina :hello
Fairy Queen (25.01.2011, 06:50): Guten Morgen, um sich denselben Werther gleich viermal (wenn ich richtig zähle?) hintereinander anzusehen, muss man schon ein Harcore-Fan bzw ein Wiener sein :D Ich kann da nicht mitreden, ich könnte mir das, wenn überhaupt, wohl nur mit einem Liedzyklus vorstellen. Umso staunender und voller Bewunderung lese ich Sevis Live-Berichte! Schade für ne rest der Menschheit und ien glück für uns, dass du nciht Musikkritikerin geworden bist. Mich würde nciht wundern, wenn hier heimlich Journalsiten mitlesen und sich ihre Abendkritiken von dir abkupfern! Lebendiger kann man die Nicht-Weiner kaum an den Aufführungen teilhaben lassen. Mit Sevi sitze ich immer in der ersten Reihe . das nennt man erst ein richtgies Schnäppchen! :engel :leb:down :down :down F.Q.
Severina (25.01.2011, 12:29): Liebe Fairy, na ja, ein bisschen durchgeknallt sind Opernfans wahrscheinlich schon :wink, aber wenn einer Deiner Lieblingssänger mickrige viermal in dieser Saison an der WSO auftritt, musst Du das nützen :D. Außerdem liebe ich den "Werther" und verstehe nicht, dass so viele dieses Werk als langweilig empfinden. Und drittens ist der Repertoirealltag momentan so triste, dass man für jede Vorstellung dankbar ist, die sich aus diesem faden Einheitsbrei heraushebt. Eine Aufführung, wo alle Hauptpartien top besetzt sind, musst Du in dieser Saison nämlich mit der Lupe suchen :(
lg Sevi :hello
Karolus Minus (25.01.2011, 13:34): Original von Severina Original von Rideamus
Lieber Rideamus, dann könnten wir ja im DVD-Thread in eine heiße Vergleichsdiskussion einsteigen! lg Sevi :hello
Karolus Minus (25.01.2011, 13:36): Original von Karolus Minus Original von Severina
Lieber Rideamus, dann könnten wir ja im DVD-Thread in eine heiße Vergleichsdiskussion einsteigen! lg Sevi :hello
Da wäre ich glatt dabei, da ich auch noch zwei Video-Versionen bieten kann, die hier bisher nicht genannt wurden. Karolus -
Severina (25.01.2011, 13:36): Original von Karolus Minus Original von Severina Original von Rideamus
Lieber Rideamus, dann könnten wir ja im DVD-Thread in eine heiße Vergleichsdiskussion einsteigen! lg Sevi :hello
Lieber Karolus, wolltest Du uns etwas sagen :wink :D ????
lg Sevi :hello
PS: Eben ist Dein Text erschienen, vorher war nur das Zitat da!! Großartig, das Du mitmachen willst, vorerst monologisiere ich nämlich, und das ist nicht sehr amüsant :I Welche Videos hast Du denn??? Ich werde jetzt (oder besser nach dem Essen) daran gehen, Akt 3 und 4 meiner beiden DVDs zu vergleichen!
Ingrid (25.01.2011, 15:25): Liebe Severina,
gehöre auch zu den Werther-Fans, denn unsere Rose-Inszenierung habe ich ungefähr 8x gesehen, aber als DVD besitze ich nur die von Paris und kann deshalb keine direkten Vergleiche anstellen, da die Münchner Insz. vielleicht auch nicht so viele gesehen haben. Ich lese aber mit ganz großem Interesse mit.
Danke und liebe Grüße Ingrid
miranda (27.01.2011, 00:42): Liebe Severina,
die Anspielung auf deinen strengen Forumsnamen war überhaupt nicht als Kritik gemeint. Ich lese deine Berichte immer mit großem Genuss, auch wenn du mit manchen Sängern, Regisseuren und Dirigenten sehr harsch umspringst. Hauptsache, das Lob für Lobenswertes wird nicht vergessen....
Ich wünschte, dass manche professionellen Rezensenten sich von deinen WSO-Berichten eine Scheibe abschnitten!
Severina (29.01.2011, 00:32): Sänger sind Menschen und keine Singautomaten, bei einer perfekten Leistung müssen viele Faktoren mitspielen, muss alles passen, wie es so schön heißt, und das widerfährt einem Künstler natürlich nicht alle Tage. Irgendeine Phrase gibt es immer, die er hätte besser singen können, irgendetwas gibt es meistens zu beanstanden, wenn man gerne Beckmesser spielt. Nun, beim heutigen Werther von Jonas Kaufmann wäre vermutlich selbst Beckmesser verstummt. Schon nach den ersten Tönen von "O nature..." spürte ich, dass das SEIN Abend werden würde, und ich täuschte mich nicht. Kaufmann tänzelte leichtfüßig ("leichtstimmbändig" gibt's leider nicht) durch die Partitur, flirtete mit den Noten, alles klang so leicht, so selbstverständlich, er die Power für dramatische Ausbrüche ebenso wie den Atem für zart hingetupfte Piani, die wie Sphärenklänge nachhallten. Da Chaslin wunderbarerweise die heutige Vorstellung nicht als Zweikampf zwischen Orchester und Sänger auffasste und die Lautstärke etwas drosselte, konnte Kaufmann viel häufiger in Legatobögen und Piani schwelgen, die er technisch perfekt an und abschwellen ließ, kam sein sinnliches, dunkles Timbre viel besser zur Geltung. Aber auch die Zuschauer spürten die Magie dieses Abends und verfolgten speziell im 2. Akt gebannt den Psychokrimi zwischen Werther, Albert und Charlotte, als den Serban diese Szenen inszeniert hat. So mucksmäuschenstill , mit angehaltenem Atem, habe ich das Publikum nur selten erlebt, das schafft normalerweise nur die Gruberova. Mein persönliches Glück begann schon vor der Vorstellung, als ich noch einen Platz in der linken Proszeniumsloge ergatterte, also unmittelbar davor, wo sich 70% dieser Inszenierung abspielen Ich hatte die Sänger zum Greifen nahe vor mir, konnte jede kleinste Gefühlsregung von ihren Gesichtern ablesen, die vielen kleinen mimischen und gestischen Details, mit denen Kaufmann, Koch, Eröd und Tonca ihre Charaktere ausstatteten, genau beobachten. Besonders eindringlich gestalteten Kaufmann und Eröd ihren Dialog, das war ein echtes Psychoduell. Als Werther danach zum ersten Mal mit dem Selbstmord kokettierte, klang seine Stimme so fahl und leblos, als stiege sie bereits aus dem Grab empor.
Ja, und dann kam der 3. Akt, wo Kaufmann das Kunststück gelang, bei "Pourquoi me reveiller" nicht nur Perfektion, sondern in meinen Ohren die höchste Stufe der Vollendung zu erreichen. "Pefektion" wäre eine exakte Umsetzung der Partitur, Vollendung bedeutet die Beseelung jeder einzelnen Note. Als er die Arie mit einem unglaublich gefühlvollen Schwellton abschloss, der Werthers ganze Verzweiflung aenthielt, verwandelte sich die WSO in einen Hexenkessel. Minutenlanger Jubel, der kein Ende nehmen wollte, Kaufmann stand da mit gesenktem Kopf und bebenden Schultern, er schien wirklich geheult zu haben, als er nach einer kleinen Ewigkeit aufblickte, nahm die Begeisterung noch um einige Phon zu, und von der Galerie erschollen Da-capo-Rufe. "Nie im Leben beim Werther", dachte ich mir, "diese Hammerarie zweimal hintereinander wäre doch Selbstmord." Aber siehe da, es entspann sich ein Augendialog zwischen Chaslin und Kaufmann: "Also, wenn Du willst, ich bin bereit!" Kurzes Getuschel mit den ersten Geigen, wieder Blick hinauf: "Das Orchester auch!" Ja, und Jonas war zu unser aller Freude mehr als bereit!! Zunächst gab's eine kleine Diskussion, bis sich Chaslin und die Philis auf den Takt einigten, und dann entführte uns Kaufmann zum zweiten Mal in Ossians Welt. Ich hatte ja gedacht, er würde nur den zweiten Teil der Arie wiederholen, aber nein, er ging die volle Distanz, und der Schlusston traf mich noch tiefer ins Herz als beim ersten Mal.
"Hoffentlich hat er jetzt noch Kraft für den Schluss", betete ich im Stillen, denn der 3. Akt endet ja hochdramatisch, da muss der Tenor sich gegen wilde Orchestermassen behaupten - selbst wenn ein sängerfreundlicherer Dirigent als Chaslin am Pult steht - aber es schien, als hätte das Da-capo Kaufmann einen extra Adrenalinstoß beschert, mit dem er seine Stimme mühelos in die Höhe katapultierte.
Schlicht und einfach zum Niederknien der 4. Akt, leider hat der Requisiteur wohl den gesamten Rest von Kunstblut, das im Februar repertoiregemäß keine Verwendung finden dürfte, über den armen Werther gekippt, denn nach einigen Minuten sahen er und Charlotte aus, als kämen sie von der Schlachtbank. (Zum Glück trägt sie in dieser Szene ein schwarzes Kleid!) Aber diese unfreiwillige Komik vergaß man bald angesichts des intensiven Zusammenspiels von Sophie Koch und Jonas Kaufmann.
Natürlich war der Jubel am Schluss riesig, Kaufmann und Koch mussten unzählige Male vor den Vorhang, duften Blumensträuße auffangen, lagen sich überglücklich in den Armen und bedankten sich mit Küsschen beim entfesselten Publikum.
Mein Fazit: Schlicht und ergreifend eine Sternstunde!!!
lg Severina :hello
PS: Ich kann mich nicht erinnern, dass "Pourquoi me reveiller" je wiederholt worden wäre, angeblich hat es Alfredo Kraus einmal gemacht, aber das ist über 30 Jahre her.
Honoria Lucasta (29.01.2011, 09:35): Liebe Severina, normalerweise kann ich weder dem Werther noch Jonas Kaufmann etwas abgewinnen, aber bei Deiner ergreifenden Schilderung dieses wohl wirklich exzeptionellen Abends kamen auch mir fast die Tränen.
Danke dafür.
Grüße!
Honoria
Severina (29.01.2011, 10:54): Original von miranda Liebe Severina,
die Anspielung auf deinen strengen Forumsnamen war überhaupt nicht als Kritik gemeint. Ich lese deine Berichte immer mit großem Genuss, auch wenn du mit manchen Sängern, Regisseuren und Dirigenten sehr harsch umspringst. Hauptsache, das Lob für Lobenswertes wird nicht vergessen....
Ich wünschte, dass manche professionellen Rezensenten sich von deinen WSO-Berichten eine Scheibe abschnitten!
Liebe Mirando, nur damit kein Missverständnis entsteht: Ich war übehaupt nicht eingeschnappt über Deine Bemerkung - Kritik an der Kritik ist immer erwünscht -, sondern nur neugierig, ob Du der Meinung bist, dass ich generell ein wenig zu streng bin mit meinem Urteil!
lg Sevi :hello
Ingrid (30.01.2011, 00:51): Original von Severina Minutenlanger Jubel, der kein Ende nehmen wollte, Kaufmann stand da mit gesenktem Kopf und bebenden Schultern, er schien wirklich geheult zu haben, als er nach einer kleinen Ewigkeit aufblickte, nahm die Begeisterung noch um einige Phon zu, und von der Galerie erschollen Da-capo-Rufe.
Liebe Severina,
mir lief schon bei Deinem Bericht die Gänsehaut rauf und runter. Das war ja alles wirklich kaum auszuhalten. Habe mir jetzt wenigstens noch diese Arie aus Paris angehört. Da war er leider noch nicht so ganz gesund, aber trotzdem total ergreifend. Dass er bei diesem Beifallssturm geweint haben könnte, ist durchaus möglich. Bei unserm Lohengrin dachte ich mir das auch, obwohl er natürlich ein guter Schauspieler ist, Das vorgestern war aber schon eine Ausnahmesituation und erschüttert wohl auch so einen Profi bis ins Mark.
Sein nächstes Buch könnte dann ja denTitel Da-capo tragen und die Versöhnung mit dem Wiener Publikum näher beleuchten. Welch ein Glück, dass endlich auch Chaslin zur Vernunft kam. Vielleicht hat ja das Orchester gestreikt. Sie wollten sicher endlich mal Kaufmann und Koch live hören :wink
Hoffentlich hat JK sich noch ein wenig Stimme und Kraft für München aufbewahrt. Für die erste Vorstellung habe ich mir sogar mal eine etwas teurere Karte geleistet. Bin jetzt durch Deine, so hautnahen Berichte, natürlich schon richtig gut auf ihn eingestellt. Hoffentlich ist seine jetzige Carmen (die aus Mailand) auch gut drauf.
Wie schade, dass solche Sternstunden nicht aufgenommen werden.
Hoffentlich hast Du jetzt endlich Zeit, Deine Stimmbänder zu pflegen, sonst geht es Dir noch wie Rolando und Du mußt unters Messer.
Ganz liebe Grüße aus dem eisig kalten Bayernlandl :helloIngrid
Ingrid (30.01.2011, 15:05): Liebe Severina,
auch wenn das Liveerlebnis bestimmt in keinster Weise übertroffen werden kann, höre ich gerade "Pourquoi me reveiller" incl. Applaus und Da capo als Dauerschleife. Da müssen einfach die Tränen fließen. Unglaublich!!!!
LG Ingrid
Fairy Queen (31.01.2011, 08:42): Liebe Sevi, kennst du Astrid Lindgrens Kinderbuch "Madita"? das war der absolute Liebling meiner tochter und mir und obschon wir beide längst das Alter überschritten haben, muss ich ihr ab und zu immer noch daraus vorlesen. Dort gibt es eine Szene, das ist von dem höchsten Glücksgeschenk, das man bekommen kann die Rede und das heisst dort "Seligkeitsding". Du weisst gazn sicher , was das ist und wer deinen Bericht liest, weiss es spâtenstens auch.
Kann man dieses Opern- Seligkeitsding irgendwo hören? Vielleicht hat ja jemand Szenen ins Netz gestellt?
F.Q.
pavel (02.02.2011, 09:05): Liebe Fairy Queen, Österreich 1 hat eine Aufzeichnung am 29.1. gesendet. (Das war allerdings sicher nicht die letzte Aufführung aus der Serie, da das Pourquoi me reveiller hier "normal" gesungen wird und nicht mit pp auch in der Schlußphrase der zweiten Strophe und vor allem auch ohne Bis.) Bis zum Samstag kann diese Aufzeichnung unter "oe1.orf.at" gehört werden. Einfach rechts oben auf "7 Tage" klicken und Datum und Uhrzeit auswählen.
Severina (07.02.2011, 16:10): Original von pavel Liebe Fairy Queen, Österreich 1 hat eine Aufzeichnung am 29.1. gesendet. (Das war allerdings sicher nicht die letzte Aufführung aus der Serie, da das Pourquoi me reveiller hier "normal" gesungen wird und nicht mit pp auch in der Schlußphrase der zweiten Strophe und vor allem auch ohne Bis.) Bis zum Samstag kann diese Aufzeichnung unter "oe1.orf.at" gehört werden. Einfach rechts oben auf "7 Tage" klicken und Datum und Uhrzeit auswählen.
Nein, das war leider die erste Vorstellung, wo Kaufmann am schwächsten von den vier war. Ich ärgere mich immer grün und blau, warum der ORF immer die erste Aufführung einer Serie mitschneidet, obwohl es sich doch allmählich auf bis zu den dortigen Kulturbanausen herumgesprochen haben müsste, dass die letzte, wenn das Team so richtig gut aufeinander eingspielt und die Nervosität geringer ist, meist um mindestens eine Klasse besser ist.
lg Severina :hello
Severina (18.02.2011, 02:09): Leider schaffte ich es nur in die letzte Billy-Budd-Vorstellung dieser Serie, leider deshalb, weil ich diese rundum stimmige Produktion gerne ein zweites Mal gesehen hätte. Schon bei der PR vor 10 Jahren löste "Billy Budd" in der Inszenierung von Willy Decker beim damals nicht eben Britten-affinen Wiener Publikum große Begeisterung aus, und daran hat sich bis zur 28. Reprise am heutigen Tag nichts geändert, außer dass es inzwischen gottlob nicht mehr als exotisch gilt, Werke dieses Komponisten auf den Spielplan zu setzen.
Decker, Meister einer klaren Formensprache und einer ausgefeilten Personenregie, reduziert das stolze Kriegsschiff Indomitable auf ein aus schmalen, ausgebleichten Holzlatten gezimmertes Dreieck, das sich als stilisierter Schiffsbug vor einem bleigrauen Meeresprospekt aufbäumt. Zwei Luken im vorderen Bereich gestatten Auf- und Abtritte, einige Seilwinden und Taue, die ins Nirgendwo führen, genügen, um die Mannschaft sinnvoll zu beschäftigen. Zwei horizontal und vertikal bewegliche, schiefergraue Wände schneiden den vorderen Bereich des Buges im Bedarfsfall so ab, dass der schmale Streifen als Kapitänskajüte, Offiziersmesse oä. dienen kann, wobei die Möblierung aus nicht mehr als einem schlichten Holztisch besteht, auf dem die wenigen Requisiten - Seekarten, Schreibzeug - Platz finden. Zu Beginn erinnert sich der greise Kapitän Vere an die Ereignisse des Jahres 1797 zurück, die sein Gewissen bis in die Gegenwart belasten. Die Trennwände weichen zurück und geben den Blick auf das Schiffsdeck frei, wo die Mannschaft, angetrieben von Offizieren und dem Waffenmeister, eben die Segel refft. Es gelingt Decker meisterhaft - und nicht nur in dieser Szene - die Chormassen sinnvoll in Bewegung zu setzen, das geschäftige Treiben auf einem Kriegssschiff zu simulieren, obwohl ihm quasi nichts zur Verfügung steht außer Menschen. Schon in der ersten Szene wird klar, dass auf diesem Schiff Angst und Unterdrückung herrschen, die Knute regiert. Die schwingt aber nicht Kapitän Vere, sondern der brutale Waffenmeister John Claggart, der Matrosen wegen geringfügiger Vergehen auspeitschen lässt und den Widerstand der drei Neuzugänge mit "Körpereinsatz" bricht. Die sind nämlich nicht freiwillig hier, sondern wurden gemäß der damals üblichen Praxis zum Dienst auf dem Kriegsschiff zwangsrekrutiert. Das gilt zwar auch für den dritten Gekidnappten, den jungen Billy Budd, aber der findet sein Schicksal gar nicht so beklagenswert, wohl auch, weil er im Unterschied zu den beiden anderen schon Matrose auf einem Handelsschiff ist. Sein blendend weißer Matrosenanzug hebt ihn aus der blaugrauen Einheitskleidung der Mannschaft heraus, das rote Halstuch muss er auf Befehl Claggerts sofort ablegen, aber auch das tut er bereitwillig, ohne jeden Groll. Denn Billy ist eine Lichtgestalt, ein unverdorbener Jüngling, der an das Gute glaubt und demgemäß in den anderen nur das Gute sieht, der Optimismus, Lebensfreude und Liebe ausstrahlt. Kapitän Vere bringt er sofort schwärmerische Verehrung entgegen und schwört ihm Treue bis in den Tod. "Baby" und "Beauty" nennen ihn seine Kameraden, und die ganz besondere Aura Billys erreicht auch Claggart, der aber ganz anders reagiert als Kapitän und Mannschaft. Er empfindet den Jungen als Bedrohung, weil er den seelischen Bunker aus Hass und Gewalt, in dem sich der Waffenmeister verschanzt hat, mit Gefühlen zu penetrieren droht, die er auf keinen Fall zulassen will. (Oder darf - denn Claggert hat Billys rotes Tuch keinesfalls weggeworfen, sondern trägt es eng am Körper unter seiner Uniformjacke...) Aber welcher Art auch immer die Gefühle sind, die er dem Jungen entgegenbringt - sie machen ihn schwach, angreifbar, deshalb muss Billy vernichtet werden und er bezichtigt ihn des Hochverrats. Aber Kapitän Vere, ein für den Kommandanten eines Kriegsschiffes erstaunlich feinsinniger Mann, der Claggert im Grunde verachtet, aber auch braucht, um seine zusammengewürfelte Mannschaft in Schach zu halten und eine Meuterei zu verhindern, glaubt keine Sekunde an Billys Schuld und besteht auf einer Gegenüberstellung. Aber leider ist "Beauty" nicht ganz ohne Makel, in Stesssituationen beginnt er zu stottern, und genau in einer solchen befindet er sich jetzt natürlich. Auf der einen Seite Claggerts ungeheuerliche Denunziation, auf der anderen das Drängen des Kapitäns, sich zu rechtfertigen - in seiner verbalen Hilflosigkeit erhebt Billy die Faust gegen den Waffenmeister und tötet ihn unabsichtlich. Vere stellt gegen den Willen der Offiziere und Mannschaft letztendlich das Gesetz über seine persönlichen Gefühle und lässt Billy hinrichten.
17 Positionen nennt das Rollenverzeichnis, dazu kommt noch der große, in vielen Szenen präsente Chor, und ich könnte jetzt keine einzige Schwachstelle nennen. Jeder erfüllt seine Aufgaben als Sänger und Schauspieler weit über ein Mittelmaß hinaus, sodass diese Aufführung von einer seltenen Homogenität geprägt war.
Neil Shicoff hat mich in den letzten Jahren kaum glücklich gemacht, hinterließ meist den Eindruck eklatanter Überforderung, aber der Edward Fairfax Vere ist wirklich SEINE Rolle, die er in jeder Beziehung ausfüllt. Er ist generell die ideale Besetzung für gebrochene Charaktere mit einem Drall ins Psychotische, und so macht er auch aus dem Vere einen faszinierend vielschichtigen Mann, der eigentlich ganz anders ist, als es seine Position von ihm verlangt. Belesen, sensibel, im Grunde seines Herzens nicht inhuman, aber als Kommandant eines Kriegsschiffes kann er sich keine Sentimentalitäten leisten, denn er befehligt keine Chorknaben, sondern einen wilden Haufen, in dem zumindest die Zwangsrekrutierten alles andere als erpicht darauf sind, für seine Majestät zu sterben. Trotzdem wird Vere von der Mannschaft als "Starry Vere" verehrt, wohl auch deshalb, weil er die Schmutzarbeit Claggert überlässt - dieser ist es, der die Leute schikaniert und brutal misshandelt. Vere verachtet Claggart, aber er braucht ihn eben gerade für diese Drecksarbeit. Eine der spannendsten Momente in dieser an Spannungen wahrlich nicht armen Produktion sind die Szenen, als der Waffenmeister in fast hündischer Unterwürfigkeit bei seinem Kapitän vorspricht, um seine Anklage gegen Billy zu formulieren. Was da in Shicoffs Stimme an Subtexten mitschwingt, ist wirklich großartig - von nur mühsam unterdrückter Ungeduld, Ekel bis hin zu blanker Wut über diese ungeheuerliche Anschuldigung. Das ist ein in Noten gesetztes Psychogramm vom Feinsten. Auch den Gewissenskonflikt, den inneren Kampf zwischen seiner Liebe zu Billy und den Zwängen des Kriegsrechtes, gestaltet Shicoff absolut überzeugend. Die Tessitura des Vere muss für Shicoff wirklich ideal liegen, denn schon lange habe ich seine Stimme nicht so fokussiert, unangestrengt und frei strömend erlebt wie heute. Sogar das Timbre, bei meinen letzten Begegnungen mit diesem Sänger fahl, kratzig, blechern, ließ so etwas wie alten tenoralen Glanz aufblitzen.
Peter Rose ist als John Claggert ein ebenso beeindruckender Gegenpol. Mit mächtiger Stimme auftrumpfend, macht er glaubhaft, dass vor seinem Schreckensregiment alles auf der "Indomitabile" zittert. Er hasst Vere, weil er alle Menschen hasst, weil Hass sein Lebenselixier ist, und fast erweckt er den Eindruck, dass er Billy auch deshalb vernichten will, um damit den Kapitän zu treffen. Aber ganz eindimensional ist Roses Claggart nicht, denn auch bei ihm gibt es Subtexte zu entdecken, nämlich den eines im Leben zu kurz Gekommenen, der Vere beneidet für das, was er ist und erreicht hat, während ihn das Schicksal zum Subalternen bestimmt hat. Sein einziger Triumph ist der Schrecken, den er verbreitet, und gerade deshalb muss er die Liebe zu Billy in sich abtöten, und das geschieht am besten, indem er ihn selbst tötet. Mein einziger Einwand, dass ich mir einen Claggart mit etwas schwärzerer Stimme wünsche, aber das kann man Peter Rose nicht gut vorwerfen, das ist eben mein persönlicher Geschmack.
Adrian Eröd hat den Billy Budd zwar schon einmal in der kleinen Kammeroper gesungen, aber noch nie an einem großen Haus, sodass es heute für ihn fast ein Rollendebut war. Das für mich Erfreulichste zuerst: Eröds Stimme, die im letzten Jahr oft ein wenig verschleiert klang, so als habe sich eine feine Staubschicht auf die vokale Farbskala gelegt, entfaltete heute wieder ganz das edle, samtig weiche Timbre, für das ich diesen Bariton so schätze. Ja, heute war er wieder ganz der Alte, im besten Sinne! Und natürlich stattet Eröd seinen Billy auch mit vielen darstellerischen Nuancen aus. Anfangs ist er ganz der reine Tor, der nichts ahnt von der Schlechtigkeit der Menschen, von jedem - auch von Claggert - nur das Beste annimmt, ehrliche Anteilnahme nicht von Schmeichelei unterscheiden kann, ein großer Junge, der das Leben liebt und alle rund um sich glücklich sehen will. Allmählich bilden sich erste Risse in der heilen Welt, und Billys Angriff auf Claggert erklärt sich wohl nicht nur aus seiner Sprachlosigkeit, sondern auch aus der ohnmächtigen Erkenntnis, dass seine Seifenblase nun zerplatzt ist, er das Böse nicht länger ausblenden kann. Noch einmal ist er ganz der unreife Junge, als er Vere um Gnade anfleht, aber dann beginnt ein Läuterungsprozess: Es geht nicht um sein Glück, nicht einmal um sein Leben, sondern um das große Ganze, in dem jedem Einzelnen eine Aufgabe zufällt. Kapitän Vere muss das Kommando über die "Indomitable" behalten, um den Erzfeind Frankreich besiegen zu können, die Einhaltung der Ordnung ist wichtiger als die Erhaltung von Billys Leben, daher weist er die Befreiungspläne der Mannschaft, was natürlich Meuterei bedeuten würde, zurück und akzeptiert die Todesstrafe. Ruhig und gefasst geht er in den Tod, und Eröd gestaltet diesen Abschied vom Leben vokal und darstellerisch gleichermaßen berührend. Britten hat dem Billy ganz zum Schluss äußerst Kantables zugestanden, ein Tongemälde, changierend zwischen stiller Resignation, wehmütigem Abschied vom Leben und euphorischer Opferbereitschaft.
Eigentlich müsste ich auch die anderen Sänger noch besonders hervorheben, das würde aber den Rahmen einer Rezension wirklich sprengen. So bleibt die Freude über ein Wiedersehen- und Hören mit Markus Eiche als Mr. Redburn, für den ja leider Direktor Meyer im Ensemble keine Verwendung mehr hat, über Alfred Srameks altersweisen Dansker, über den wie immer äußerst engagiertenClemens Unterreiner als Leutnant Ratcliffe, über Benjamin Bruns als Neuling, und, und, und Ein Sonderlob gilt dem prächtig disponierten und äußerst spielfreudigen Chor, der von Willy Decker aber auch wirklich eindrucksvoll in Szene gesetzt wurde. Und das ist bei den Menschenmengen, die sich die meiste Zeit auf der Bühne bewegen, alles andere als leicht. Viele Regisseure hätten die Matrosen wohl als kompakten Pulk irgendwo "abgestellt" und dann vergessen.
Den Philis macht Britten hörbar mehr Spaß als z.B. Donizetti, denn so konzentriert und engagiert wie unter der Stabführung von Graeme Jenkins hört man sie wirklich nicht alle Tage.
Großer Jubel beendete diesen Opernabend, bei Shicoff und Eröd schlug das "Applausometer" am heftigsten aus.
Mein Fazit: Ein packender Opernabend, der Lust auf mehr Britten macht! (Auch ein "Peter Grimes" schlummert im Depot!)
lg Sevi :hello
Fairy Queen (18.02.2011, 07:07): Liebe Sevi, ich kenne diese Männer -Oper noch überhaupt nicht (es scheint ja keine einzige Frauenrolle darin zu geben....) aber das klingt sehr bewegend und anrührend und macht Lust, sie einmal zu sehen/zu hören. Im Grunde ein Drama zwischen drei Männern und sicher mit starken homosexuellen Anklângen. Brittens Musik gefällt mir normalerweise gut, aber die Opern habe ich noch zu entdecken. Sie wurden bei uns noch einfach noch nie gegeben. Dafür haben wir demnâchst eine Uraufführung: Michel Levinas: La Metamorphose" nach Kafkas Roman "Die Verwandlung" Da bin ich gespannt! Liebe Grüsse von Fairy Queen
Solitaire (18.02.2011, 10:33): Hallo Severina! Ich beneide euch Wiener ja immer wieder, aber um diese Produktion beneide ich euch ganz besonders. Ich habe vor geraumer Zeit im Fernsehen zufällig in eine Aufführung dieser Oper reingezappt, ebenfalls mit Neil Shicoff als Captain und war völlig fasziniert. Leider, leider habe ich später meiner Müdifgkeit nachgegeben und nicht bis zum Ende durchgehalten, ich vermute, das war ein große Fehler. Ich habe schon schönere Stimmen als die von Neil Shicoff gehört, aber ich verehre ihn über die Maßen als ungeheuer intensiven, brennenden Sängerdarsteller, und dann ist es mir dann auch völlig egal, ob das stimmlich immer ideal ist oder nicht. Ich erinnere mich voller Begeisterung an seinen Hoffmann von den Salzburger Festspielen vor einigen Jahren (2002?), und nie, nie, nie habe ich das Schlußduett aus „Carmen“ nervenzerfetzender (und Josés Schlussworte „Vous pouvez m'arrêter...c'est moi qui l'ai tuée! Ma Carmen adorée!” erschütternder) gehört als in seiner Interpretation. Er gehört für mich zu den ganz Großen. Seinen Captain Vere gibt es offenbar leider nicht auf DVd, dafür immerhin auf CD: http://ecx.images-amazon.com/images/I/51Mmcy9ZQSL._SL500_AA300_.jpg. Sie steht ebenso auf meiner endlos langen to-do-Liste wie diese Kostbarkeit:
http://ecx.images-amazon.com/images/I/51OZgHCBuOL._SL500_AA300_.jpg (Leider sehr teuer, aber Shicoff UND Terfel... :down :down :down. Da ist mir der Rest schon fast egal)
Danke jedenfalls für deine wie immer fesselnde Schilderung, auch ich mag Willi Deckers Regiearbeiten sehr, und vielleicht gibt es ja doch noch die Chance, daß diese Produktion mal auf DVD erscheint. War es denn generell die letzte Aufführung oder nur für die laufende Saison?
Severina (18.02.2011, 11:41): Liebe Fairy,
ja, es ist eine reine Männeroper, und gerade das hat es ihr auch so schwer gemacht sich durchzusetzen. Denn eine Oper ohne klassisches Liebspaar - das geht doch nicht!!!! Doch, es geht, und wie - spannender kann Oper kaum sein. Natürlich gibt es homosexuelle Andeutungen, aber eine der Meriten von Deckers Regie ist eben auch, das er nicht mit dem Holzhammer daher kommt, sondern es dem Zuschauer überlässt, wie er z.B. die Beziehung zwischen Billy und Vere deutet. Für mich ist Billy der "reine" Jüngling, dessen Sexualität noch nicht erwacht ist, der alle Menschen liebt und gar nicht ahnt, welche Gefühlsstürme er in ihnen auslöst. Er bewundert und verehrt Vere, aber völlig "unschuldig", wie es umgekehrt aussieht, das ist die Frage. Vere überbringt Billy persönlich das Todesurteil, aber diese Szene spielt sich im Off ab, man sieht ihn nur in die Kajüte gehen, dann senkt sich der Zwischenvorhang, und die irisierende Orchestermusik kann man nun deuten, wie man will. Was passiert in diesen wenigen Minuten zwischen den beiden? Fest steht, dass Billy hinterher ein anderer ist, nicht mehr der extrovertierte Springinsfeld, der ständig die ganze Welt umarmen möchte, sondern gesammelt, ernst, nach innen gekehrt, mit einem Wort: Erwachsen (ein Mann?) geworden. Nun kann man natürlich sagen, dass das logisch ist, schließlich hat er den Tod vor Augen, aber darauf kann man auch anders reagieren - wild aufbegehrend, hysterisch, verzweifelt. Aber so wie Eröd den Billy spielt, hat man das Gefühl, dass er angekommen, ganz bei sich ist, er akzeptiert das Urteil nicht nur, er empfindet es als richtig, fast so, als brächte er sich selbst als Opfer dar, um die "Ordnung" wieder herzustellen. Seine letzten Worte gelten Vere: "Starry Vere, God save you!" Ganz am Schluss sieht man wieder den alten Vere, der zwar weiß, dass er Billy zu Unrecht verurteilt hat, aus dessen Vergebung aber die Kraft schöpft, mit sich selbst ins Reine zu kommen.
Liebe Solitaire, ich finde es auch jammerschade, dass diese Produktion nicht auf DVD gebannt wird, aber an der WSO verschläft man die Sternstunden prinzipiell. Was Shicoff betrifft, so bin ich ganz bei Dir: Wahrlich keine "schöne" Stimme, keine die einen aufgrund ihres Timbres berührt, aber von einer unglaublichen Expressivität, und wenn sie in den richtigen Rollen eingesetzt wird, ist das Ergebnis atemberaubend. Für Britten ist er die Idealbesetzung (Auch sein Peter Grimes fährt ein), ebenso als Hoffmann und ganz besonders in seiner "Lebensrolle", wie er es selbst bezeichnet, als Eleazar in "La Jiuve" (Hast Du die DVD???) Wo ich Shicoff hingegen überhaupt nicht ertrage, sind die klassischen Liebhaberrollen, also im Verdi- und Puccinifach, da passt für mich auch seine Stimme überhaupt nicht. Shici-Fans schwärmen von seinem Werther, aber auch da ging er mir immer furchtbar auf die Nerven, denn was er da abzog, war nicht mehr neurotisch, sondern schon pathologisch. Und als Romeo, den er noch vor kurzem gesungen hat, war er in meinen Augen bestenfalls eine Karikatur. Also mein Verhältnis zu Shicoff ist höchst ambivalent, er gehört sicher nicht in meinen persönlichen Sängerolymp, aber in einigen wenigen Rollen ist er auch meine Idealbesetzung.
lg Sevi :hello
Armin70 (18.02.2011, 18:21): Hallo Severina,
Billy Budd ist wirklich eine spannende Oper von Benjamin Britten. Vor wenigen Jahren sah ich eher zufällig im TV die gleiche Übertragung aus der WSO, die auch Solitaire erwähnte. Diese Oper gehört zu den wenigen, die ich auch gerne mal live im Opernhaus erleben würde. Benjamin Britten hat ein sehr gutes Gespür für Psychoduelle und er kann dies sehr gut in seiner Musik ausdrücken. Das macht auch seinen "Peter Grimes" so faszinierend. Übrigens sind das die einzigsten Opern, die ich bis jetzt von Britten kenne.
Eine sehr spannende Aufnahme von Billy Budd ist nach meiner Meinung diese:
Mit Simon Keenlyside als Billy Budd, Philip Langridge als Captain Vere und John Tomlinson als Claggart. Bei dieser Aufnahme wurde übrigens Brittens revidierte Fassung mit 2 Akten aus dem Jahr 1961 aufgenommen. Vermutlich wurde diese Fassung auch in der WSO gespielt.
Der Grund, weshalb den WP Britten hörbar mehr Spass machte als z. B. Donizetti, könnte darin liegen, dass sie bei Britten mehr zu tun haben und mehr gefordert sind...
Gruß Armin
Severina (18.02.2011, 19:08): Hallo Armin,
nein, bei uns wird die Originalfassung gespielt, also mit der Ansprache Veres an seine Mannschaft am Ende des 1. Aktes. Dafür bin ich sehr dankbar, denn gerade diese Ansprache ist nicht nur dramaturgisch eine starke Szene, sondern erklärt auch, warum er bei seinen Leuten so beliebt ist, obwohl sie an sich den Dienst auf dem Kriegsschiff hassen. Wenn man die also streicht, ist für mich die Handlung psychologisch nicht mehr so plausibel.
Keenlyside würde ich nur zu gerne als Billy erleben, der macht das sicher auch großartig. Unser PR-Billy war Bo Skovhus, vor 10 Jahren noch bestens bei stimme, was inzwischen ja leider nicht immer der Fall ist.
lg Sevi :hello
Severina (31.03.2011, 17:05): Gaetano Donizetti, ANNA BOLENA
181 Jahre nach seiner Uraufführung schafft es Donizettis erste Tudoroper nun endlich auch ins Haus am Ring, eine längst überfällige Rehabilitierung dieses zu Unrecht so selten gespielten Belcantojuwels. Ich zumindest ziehe "Anna Bolena" und "Maria Stuarda" der landauf, landab heruntergenudelten "Lucia di Lammermoor" vor.
Die medialen Wogen gehen seit Wochen hoch, denn nach dem eher flauen ersten Saisonhalbjahr fiebert nun tout Vienne - zumindest der opernverrückte Teil :wink - dem vokalen Duell der Superdiven Elina Garanca und Anna Netrebko entgegen. Da die zweite Reprise am 5. April im Fernsehen übertragen wird, überkugelt sich auch der ansonsten so kulturfeindliche ORF mit Anna hin und Anna her, wobei praktischerweise beide gemeint sind, also die englische und die russische.
Ich freute mich in erster Linie auf die Oper "Anna Bolena", natürlich auch auf die hochkarätige Besetzung, von der allerdings schon vor der GP ein Teil abhanden gekommen ist, nämlich Ildebrando D'Arcangelo, der dem Enrico VIII seine Stimme leihen soll. Leider erkrankte er und wird vorerst durch Giaccomo Prestia ersetzt, man hofft aber, dass er bis zur TV-Übertragung wieder fit sein wird.
So, kommen wir endlich zur Sache! :D Das Bühnenbild ist schwer zu beschreiben (Hoffentlich werden es am 5.4. viele von Euch sehen!), es besteht aus schiefergrauen, durch Pilaster gegliederten Wänden, die allerdings nicht im Geviert angeordnet sind, sondern mit Hilfe der Drehbühne ihre Positionen immer wieder ändern und Räume mit unterschiedlichen Grundrissen schaffen. (Wobei "Raum" hier sehr abstrakt gemeint ist, denn ein konkretes Ambiente zeigen uns Bühnenbildner Jacques Gabel und Claire Sternberg nicht) Ein stilisiertes Sims mit Konsolen bildet im oberen Drittel das horizontale Element. Die Wandflächen zwischen den Pilastern können im unteren Drittel hochgefahren werden und die entstehenden Öffnungen können als Türen oder Fenster interpretiert werden. Schemenhafte Bäume zeichnen sich manchmal dahinter ab, dann wieder wabert Nebel herein, so bei der ersten Begegnung zwischen Lord Rochefort und Riccardo Percy. Bewegliche Requisiten gibt es nur zwei, einen Thron im ersten Bild und dann später ein großes Bett im Schlafgemach der Königin, das zusätzlich durch einen Kristalluster ausgezeichnet ist. Wer mich kennt, weiß, dass so ein reduziertes Bühnenbild ganz nach meinem Geschmack ist.
Gleich am Anfang sieht man Enrico beim Versuch, sich Giovanna Seymour, der Hofdame der Königin, sagen wir: unstatthaft zu nähern, was diese scheinbar abzuwehren versucht. Dann verschwinden sie, und das Publikum ist wieder der Ouvertüre überlassen. Hatte ich unlängst bei der Lucia über die mangelnde Motivation der Philis gelästert, so bewiesen sie heute, auf welch hohem Niveau sie Donizetti spielen können, wenn sie nur wollen. Evelino Pidò scheint den richtigen Knopf gedrückt zu haben, denn was da aus dem Graben drang, war alles andere als langweiliger Belcantoschwulst. Da oszillierten die Farben, spürte man die dynamischen Abstufungen und stellte erfreut fest, dass hier endlich ein Dirigent am Werk war, der mehr beherrscht als Tempo und Lautstärke.
Als nun die Hofgesellschaft die Bühne füllte, staunte ich, denn in diesem nüchternen Ambiente hätte ich mir ähnliche Kostüme erwartet, sah mich aber statt dessen mit einer wahren Ausstattungsorgie konfrontiert. Da Luisa Spinatelli aber auf gedeckte Farben setzte, Grün- und Blautöne bevorzugte - nur ganz selten schummelt sich ein Schimmer Rot dazwischen- , muss ich gestehen, dass man diesem Kostümreigen eine gewisse Ästhetik nicht absprechen kann, obwohl ich normalerweise diesem historisierenden Stil wenig abgewinnen kann. Gespart wurde bei dieser Ausstattung jedenfalls nicht, denn alleine um das Geld, das die prächtigen und bei jedem Auftritt wechselnden Roben der Anna Bolena kosten, könnte man wahrscheinlich zwei weitere Opern ausstatten. Aber gut, dem Auge wird etwas geboten, und das ist schön, denn Regisseur Eric Génovèse bietet dem Publikum so gut wie nichts. In prächtigen Kostümen wird feierlich geschritten, meistens herumgestanden und dazwischen viel gekniet. Der Chor ringt dazu pathetisch die Hände, mehr darf er zur Szene nicht beitragen. Dass es in der "Anna Bolena" um höfische Intrigen, Macht und Herrscherwillkür geht, erfährt man in dieser Produktion in erster Linie, wenn man die Augen schließt, denn auf der Bühne passiert nur wenig, was darauf hinweisen würde. Die meiste Zeit passiert eben leider gar nichts, außer dass toll gesungen wird. (Das ist zwar wesentlich mehr, als wir in letzter Zeit an der WSO erleben durften, aber zumindest mir für eine PR dann doch zu wenig.) Im Rückblick wirkt jedenfalls die Del-Monaco-Inszenierung in Bregenz anno 1986 wie ein spannender Polit-Krimi, vergleicht man sie mit dieser lahmen Stehpartie. Dabei könnte man doch aus dieser Dreiecksgeschichte psychologisch so viel herausholen, vorausgesetzt, dass man's halt kann. Möglich, dass die Aufführung mit Ildebrando D'Arcangelo als Enrico VIII mehr Schwung haben wird, denn Giaccomo Prestia verfügt leider so ganz und gar nicht über Ausstrahlung und Autorität eines Königs. Dass hier ein manischer Womanizer seine gesamte Staatsmacht einsetzt und im wahrsten Sinn des Wortes über Leichen geht, um seine Lust zu befriedigen, kommt nicht einmal im Ansatz rüber. Prestia wirkt im Gegenteil fast wie ein Opfer seiner Gefühlen und eigentlich gar nicht brutal, nur ein bisserl schwach halt. Daher gefror mir bei keiner seiner Phrasen so das Blut in den Adern wie damals bei Nesterenko, der das personifizierte Böse war, grausam, sadistisch, zynisch, macht- und sexbesessen. Prestia scheint hingegen phaseweise sogar Mitleid mit Anna zu haben, zwischen Ehefrau und Geliebter hin- und herzuschwanken. Nein, das ist nicht Enrico, so wie ich ihn sehe!
Die Personenführung der übrigen Protagonisten ist ebenso wenig vorhanden, kommt über Konventionelles (an der Rampe stehen, ein bisschen herumgehen und dazwischen theatralisch auf die Knie fallen) nicht hinaus und lohnt daher keiner eingehenderen Besprechung.
Das Drama findet wie schon oben erwähnt in der Musik statt, und da kann ich die Gesamtnote Römisch Eins verleihen. Vorausschicken muss ich, dass bei dieser GP alle ausgesungen haben, was mich bei Anna Netrebko etwas sorgenvoll stimmt, denn auch wenn die Tessitura angeblich recht angenehm liegt, ist die Anna Bolena doch in meinen Augen eine Mörderpartie, denn der Großteil der Noten gehört ihr, und das mit nur einem Tag Pause dazwischen zweimal hintereinander zu singen, muss der Hammer sein. Hoffentlich geht also bei der PR alles gut und sie kann auch am Samstag ihre tolle Form von heute ausspielen.
Anna Netrebko konnte in meinen Augen und Ohren nichts Besseres passieren als ihre Schwangerschaft. Denn abgesehen davon, dass sie nun endlich das Image der dümmlichen Sexikone der Oper los ist und als ernsthafte Künstlerin wahrgenommen wird, hat auch ihre Stimme nur profitiert. So, und bei den kitschigen Kostümen darf ich jetzt auch kitschig sein :D: Das schon immer wunderschöne Timbre erinnert mich nun an süffiger Rotwein in einem kostbaren Kristallpokal, der durch einfallende Lichtstrahlen zum Erglühen gebracht wird. Netrebkos Stimme scheint wirklich aus tiefem Grund emporzuglühen, wie eine mächtige Säule anzuschwellen und sich dann oben in einem anmutigen Kompositkapitell aufzufächern. So, Kitschmodus aus!! (Aber ich assoziere wirklich immer bildliche Vorstellungen mit gewissen Stimmen, vielleicht, weil's mir am nötigen Fachwissen und somit Fachvokabular mangelt :S ) Anna Netrebkos Singen ist pure Emotion, sie trifft mitten ins Herz, und neben ihr wirkt Elina Garancas Giovanna Seymour in der Tat etwas kühl. Man fragt sich ernsthaft, wieso Enrico das Vollblutweib Anna aufs Schaffott schickt und sich statt dessen eine berechnende Karrieefrau ins Bett holt, denn gemessen an modernen Maßstäben ist die Seymour das natürlich. Einer der wenigen guten Momente dieser Nicht-Inszenierung ereignet sich gleich im ersten Bild, wenn die Hofdame sich an den Thron heranpirscht und ihn verstohlen zu berührten versucht, sofort aber wie ertappt zurückprallt. Elina Granca singt natürlich ganz wunderbar, sicher mit der besseren Technik und exakter als die Netrebko, aber eben auch kontrollierter, nicht mit dieser eruptiven Leidenschaft. Aber diese beiden Sängerinnen gemeinsam auf der Bühne ist in jeder Hinsicht ein Erlebnis, und ich träume nach dieser "Anna Bolena" davon, dass beide auch einmal in "Maria Stuarda" die Gegenspielerinnen verkörpern.
Die Hosenrolle des in seine Königin verliebten Pagen Smeton gibt Elisabeth Kulman, und sie steht ihren Bühnenpartnerinnen in nichts nach. Dass Meyer diese Sängerin so leichtfertig hat ziehen lassen (Glaubt man diversen "gut informierten Kreisen"), zeigt besser als vieles andere die Defizite dieser Direktion. Smeton hat eigentlich nur zwei große Auftritte, aber aus denen holt die Kulman das Optimum heraus. Sie besitzt eine ähnlich volle, runde Stimme wie Anna Netrebko, führt sie aber etwas gerader, phrasiert stilsicher und elegant und scheint nie an eine Grenze zu stoßen. Über ihr Timbre könnte ich jetzt ähnlich exaltierte Vergleiche anstellen wie vorhin bei der Netrebko, aber das erspare ich Euch lieber. Kurz und bündig: Ich liebe diese Stimme!!! Ach ja: Bei Smeton scheint Eric Génovèse vom Hauch einer Regieidee gestreift worden zu sein, er deutet nämlich an, dass die Liebe des Pagen zu seiner Königin nicht so ganz unerwidert bleibt. Nicht, dass ich diese Idee sonderlich genial oder plausibel fände, aber in der Wüste stürzt man sich gierig auf jeden Wassertropfen.......
"Anna Bolena" ist eigentlich eine Frauenoper (Vielleicht ist sie deshalb, ähnlich wie auch "Maria Stuarda", nicht so populär, weil keine klassische Liebesgeschichte im Mittelpunkt steht?), aber ganz ohne Männer kommt sie natürlich auch nicht aus.
Giaccomo Prestia bleibt als Enrico vokal ähnlich profillos wie als Darsteller. Er macht zweifellos alles richtig, beherrscht seine Stimme und die Rolle, aber es reißt mich einfach nicht vom Stuhl. Da ich rundherum viel Positives über seine Performance hörte, liegt's vielleicht wirklich an meinem persönlichen Geschmack.
Francesco Meli, der unglücklich liebende Lord Riccardo Percy, steigerte sich nach etwas verhaltenem Beginn, wo seine an sich schön timbrierte Stimme ein wenig harsch klang, sukzessive bis zu einem tollen Finale. Manchmal wäre mir etwas weniger Metall und dafür mehr Dolcezza lieber gewesen, aber insgesamt bot er eine sehr gute Leistung. Schauspielerisch könnte man aus dem Percy natürlich wesentlich mehr herausholen, da verließ sich Meli auf Standardgesten und theatralische Kniefälle, denn mehr wurde ihm von der Regie auch nicht abverlangt. Dabei gäbe es genügend rollengemäße Gelegenheiten für leidenschaftliches Aufbegehren, Francisco Araiza hat seinerzeit sein letales Schicksal nicht derart stoisch hingenommen wie Signore Meli.
Unauffällig in jeder Hinsicht blieb Dan Paul Dumitrescu als Lord Rochefort. Er tut selten mehr, als er unbedingt muss, obwohl sein Talent auf mehr ausgelegt wäre, und Regisseur Génovèse wollte den Ärmsten wohl nicht überfordern. Und bei Dumitrescus Leibesfülle waren ohnehin schon die verordneten Kniefälle schauspielerische Schwerarbeit....
Bleibt noch Sir Hervey, Enricos Handlanger, der gottlob nicht viel zu singen hat, denn viel mehr wollte ich von Peter Jelosits auch nicht hören......
Mein Fazit: Eine musikalische Sternstunde, die leider keine szenische Entsprechung fand. Regiemisere an der WSO prolongiert.......
lg Severina :hello
PS: Falls jemand ein Eingehen auf den Inhalt vermisst, darf ich ihn auf den Thread "Anna Bolena - die erste von Donizettis Tudoropern" verweisen!
Severina (02.04.2011, 22:59): So, die Radioübertragung der "Anna Bolena" ist eben zu Ende gegangen, das Publikum jubelt wie erwartet. Viele Bravos gibt es zu meiner Freude auch für den großartigen Chor, der ja oft nur freundlichen Applaus erntet, weil er halt nie so im Fokus des ZUschauerinterresses steht. Sehr zu Unrecht bei Donizettis Tudoropern, da hat der Chor nämlich Wunderbares zu singen.
Im Übrigen weiß ich, warum ich nie zu Premieren gehe - sie sind meist schlechter als GP und die Reprisen. Heute zeigte Francesco Meli Nerven und sang vor allem vor der Pause mit enorm viel Druck.
Hoppla, das Regieteam wird für seine langweilige Inszenierung eben kräftig ausgebuht, dabei hätte ich geschworen, das eher konservative Wiener Opernpublikum würde diese prächtige Kostümshow goutieren. Bin ja richtig stolz auf die Wiener!!!
Ildebrando D'Arcangelo, der so überraschend gesundete Enrico VIII, denn laut Aussendung der WSO vom 29. März sollte Prestia auch die PR singen, hätte wohl noch im Bett bleiben sollen, denn seine vokale Performance überzeugte mich heute gar nicht, hoffentlich war es um seine darstellerische besser bestellt. Dass man Prestia nach der GP einfach heim geschickt hat, obwohl ihm die PR zugesagt worden war, nur weil es sich D'Arcangelo wieder anders überlegt hat, finde ich einfach niederträchtig. Er war nach der Absage von D'Arcangelo bereit, der Direktion den A...... zu retten, denn allzu viele Sänger seiner Qualitätsklasse wird es wohl nicht geben, die den Enrico im Repertoire haben, und dann wird er einfach eiskalt abserviert. Vielleicht wundert Ihr Euch jetzt über meine Empörung, weil ich doch Prestia bei der GP gar nicht so toll gefunden habe, aber es geht mir ums Prinzip - so behandelt man Sänger nicht.
lg Sevi :hello
Heike (03.04.2011, 09:52): Hallo, Dass man Prestia nach der GP einfach heim geschickt hat, obwohl ihm die PR zugesagt worden war, nur weil es sich D'Arcangelo wieder anders überlegt hat, finde ich einfach niederträchtig De werden scherlich Verträge haben und diese einhalten müssen - also wenn der Singen will, werden sie ihn singen lassen müssen, vermute ich? Heike
Severina (03.04.2011, 11:04): Liebe Heike, nein, eben nicht! Da ist hinter den Kulissen eine ziemliche Schweinerei passiert. Mehr darüber vielleicht demnächst, ich will diesen positiv gemeinten Thread nicht dazu missbrauchen, um meinen Frust über die aktuelle Situation an der WSO abzuladen.
lg Sevi :hello
Heike (03.04.2011, 12:32): Liebe Sevi, der Thread heißt ja "Berichte aus der Wiener Staatsoper" - vielleicht machtst du gelegentlich mal einen Exkurs, mich interessiert das, was da hinter den Kulissen läuft. Ich glaube ja immer an das Gute im Menschne und da fällt es mir eher schwer, mir solche bösen Schweinereien auszumalen. Wahrscheinlich kann man sich das als Outsider gar nicht vorstellen, was da abgeht! Oder mach doch einen Thread auf "In der Oper, hinter dem Vorhang" oder so ?( Heike
Severina (09.04.2011, 00:03): Nach GP und dazwischen den beiden Konserven-Bolenas (Radio und TV) war ich heute wieder live mit von der Partie, und im Wesentlichen bestätigte sich mein erster Eindruck. Der Inszenierung genannten Stehpartie kann ich immer noch nichts abgewinnen, aber musikalisch zählt diese "Anna Bolena" zu den wenigen Positiva in dieser Saison. Vor allem die Damen rissen das Publikum wieder zu Begeisterungsstürmen hin, völlig zu Recht. Der krankhafte Garancahasser, der schon bei der PR und auch bei der letzten Vorstellung seine einsamen Buhs ins Opernrund gesandt hatte, ließ sich auch heute wieder vernehmen, und zwar gleich nach dem ersten Solo der Seymour, danach kam aber nichts mehr von ihm. Man kann Elina Garanca Eiseskälte attestieren (Ich tue es nicht, für mich ist ihre Stimme voller Emotionen), man kann ihr Timbre nicht mögen, aber beides ist ein reines Geschmacksurteil und daher kein Grund, eine Sängerin auszubuhen. Denn dass sie über eine brilliante Technik verfügt, wird ihr wohl niemand absprechen.
Die wahre Königin des Abends war aber auch heute Anna Netrebko. Ich muss sagen, dass sie mich noch in keiner Partie so für sich eingenommen hat wie als Anna Bolena. (Nein, nicht einmal als Violetta an der Seite Rolando Villazóns!) Sie füllt und erfühlt diese Figur mit allen ihren Sinnen, und selbst wenn sie wie heute am Schluss bei einem Spitzenton ein zweites Mal ansetzen muss: Sie singt mit einer derart herzerweichenden Innigkeit, dass ich ihr sogar einen Totalausstieg verzeihen würde! Vor mir saß eine 72jährige Hamburgerin, die in der Pause zu mir meinte: "Wenn Anna Netrebko singt, geht für mich die Sonne auf!" Nun, bei ihrer Anna Bolena kann ich das nachvollziehen.
Wunderbar auch wieder der Smeton von Elisabeth Kulman Und wiederum hatten es die Herren schwer, zu den Damen aufzuschließen. Francesco Meli gefällt mir ehrlich gesagt bei jeder Begegnung weniger. Seine Stimmer erinnert mich an eine flackernde Glühbirne: Einmal leuchtet sie, dann wieder nicht, und insgesamt spricht mich sein Timbre einfach nicht an.
Eine bessere "Note" erhält heute Ildebrando d'Arcangelo, denn seine Stimme wirkte konsolidierter, allerdings orgelte er wieder reichlich eindimensional dahin, und ich muss Gioacchino vom Capriccio-Forum zustimmen, der diesen Gesang als Bell-canto bezeichnet. Außerdem verstehe ich auch D'Arcangelos Interpretation nicht: Wieso reagiert Enrico so verzweifelt auf Percys Behauptung, Anna und er wären längst ein Ehepaar??? Er hasst Anna doch, kann es gar nicht erwarten, sie los zu werden, also eigentlich müsste er triumphieren, wenn er Percys Lüge glaubt, weil er Anna dann als Bigamistin verurteilen könnte (und damit das Recht wirklich auf seiner Seite hätte), und wenn er es nicht glaubt, müsste er toben, weil man versucht, den König für blöd zu verkaufen. Aber dass er quasi aus allen Wolken fällt und sich wie ein hintergangener liebender (!!) Ehemann gebärdet? Tut mir Leid, ich versteh's nicht.
Aber wie schon einmal erwähnt: "Anna Bolena" ist eine Damenoper, und in dieser Hinsicht ist die Besetzung wirklich nicht zu toppen.
Ein kleiner Exkurs: Aus der Proszeniumsloge konnte ich die prächtigen Kostüme aus nächster Nähe betrachten und muss sagen, das ist wirklich der pure Luxus. Edelste Materialien wurden da verarbeitet, und wie ich inzwischen erfahren habe, ist sogar der Pelz echt, den Enrico trägt (ein Wolfspelz), früher hat man sich mit Kunstpelz begnügt. Ich will jetzt gar nicht ideologisch (Nur Tiere tragen Pelz, usw.) werden, aber ich frage mich schon, ob in Zeiten wie diesen, wo auch an der Oper gespart werden muss, ein derartiger Aufwand nötig ist. Ich gönne jedem prächtige Kostüme - ich finde sie auch wunderschön zum Anschauen - aber muss bitte wirklich jeder in jeder Szene ein komplett neues Gwandl tragen???? Hätte nicht ein dreimaliger Kostümwechsel genügt? Noch dazu, wo "Anna Bolena" ja nicht wirklich repertoiretauglich ist und diese Produktion auf unabsehbare Zeit im Fundus verschwindet. (In der ganzen nächsten Saison steht sie z.B. nicht auf dem Programm!) Dieser gigantische Aufwand (+gigantische Kosten) also für 6 Vorstellungen! Ich weiß nicht.....
Trotz dieser Einwände pragmatischer Natur ist mein Fazit natürlich positiv: Schlicht und ergreifend ein toller Opernabend!
lg Severina :hello
pavel (09.04.2011, 11:54): Liebe Severina, haben sie ihre zuverlässigen Quellen so im Stich gelassen ? Nächste Saison ist sehr wohl eine Serie Anna Bolena geplant (mit Edita Gruberova)
Severina (09.04.2011, 12:12): Original von pavel Liebe Severina, haben sie ihre zuverlässigen Quellen so im Stich gelassen ? Nächste Saison ist sehr wohl eine Serie Anna Bolena geplant (mit Edita Gruberova)
Lieber Pavel, so viel ich weiß, aber nur als Japangastspiel. Würde mich sehr freuen, wenn's anders ist. Sind wir jetzt eigentlich per Sie? Kein Problem, wenn Ihnen/Dir das lieber ist, ich find's nur ein bisschen merkwürdig. (Oder duzen Sie nur Leute, die an der WSO uneingeschränkt alles toll finden :wink?) lg Severina :hello
Solitaire (09.04.2011, 12:27): Hallo Severina! Danke für diese erneute spannende Schilderung! Tja, dann scheint es wohl so zu sein daß der Enrico wirklich nicht unbedingt D'Arcangelos Rolle ist. Ich habe heute von einem lieben Menschen einen DVD-Mitschnitt der Übertragung erhalten und werde mir die bald nochmal ansehen. Eigentlich schade, daß eine so schöne Oper so selten gespielt wird. Zum Thema "Pelz" (und dann auch noch Wolf!!! Klar, laufen ja auch genug davon in unseren Wäldern rum X( X( X( ) möchte ich aus einem französischen Schulaufsatz zitieren: "Der einzige der Leopardenfell nämlich wirklich braucht ist der Leopard..." Also wirklich! Was kommt als nächstes? Echte Guillotinen in "Les dialogues des Carmelites"? :D
Severina (09.04.2011, 12:55): Original von Solitaire Hallo Severina! Danke für diese erneute spannende Schilderung! Tja, dann scheint es wohl so zu sein daß der Enrico wirklich nicht unbedingt D'Arcangelos Rolle ist. Ich habe heute von einem lieben Menschen einen DVD-Mitschnitt der Übertragung erhalten und werde mir die bald nochmal ansehen. Eigentlich schade, daß eine so schöne Oper so selten gespielt wird. Zum Thema "Pelz" (und dann auch noch Wolf!!! Klar, laufen ja auch genug davon in unseren Wäldern rum X( X( X( ) möchte ich aus einem französischen Schulaufsatz zitieren: "Der einzige der Leopardenfell nämlich wirklich braucht ist der Leopard..." Also wirklich! Was kommt als nächstes? Echte Guillotinen in "Les dialogues des Carmelites"? :D
Liebe Mina, auch viele echte D'Arcangelofans sind dieser Meinung, dass der Enrico nicht seines ist. Und ich mag ihn normalerweise ja auch sehr. Noch einmal zu den Kostümen: Ich finde sie auch wunderschön, bin aber halt der Meinung, dass auch die Hälfte gereicht hätte und man in Zeiten wie diesen auch an einer Oper ein bisschen ökonomisch denken muss. Wenn Du genau hinschaust, wird Dir übrigens auffallen, dass Enrico sogar zwei verschiedene Wolfspelze trägt, erst einen dunklen und später einen hellen......
Und "Anna Bolena" ist eben keine Repertoireoper, die kann man nur ansetzen, wenn man eine Luxusbesetzung wie eben jetzt aufbieten kann, sonst bleibt das Haus halb leer (Das gleiche gilt für "Maria Stuarda", auch die funktionierte nur mit Gruberova & Baltsa). Ich finde die Musik fantastisch, der Lucia absolut ebenbürtig, aber diese Meinung ist nicht mehrheitsfähig. Wenn man sich in der Pause umhört, kann man oft hören "Die Sänger sind toll, aber das Werk ist ziemlich langweilig." Und selbst gestern, man fasst es nicht, waren nach der Pause im Parterre plötzlich einzelne leere Plätze zu sehen. Also ist es eine Produktion, die man nicht öfter als fünf, sechsmal pro Saison ansetzen kann, und dafür ist sie schlicht zu teuer. (Den gleichen Vorwurf machte man seinerzeit Abbado bei seiner "Viaggio", die tauchte meiner Erinnerung nach nie wieder auf dem Spielplan auf und kostete ebenfalls ein Heidengeld. Ich bin natürlich trotzdem froh und glücklich, dass es sie wenigstens ein paarmal gegeben hat, weil es eine tolle Oper ist und eine tolle Aufführung war, aber ich verstehe schon auch, wenn dann der Rechnungshof sagt: "Moment, Freunde....!" Obwohl bei der "Viaggio" nicht die Ausstattung so teuer war, sondern die vielen Sänger der ersten Liga, die man zur Realisierung braucht, soll es kein Flop werden.)
lg Sevi :hello
Fairy Queen (27.05.2011, 07:40): Ich habe es nun endlich geschafft, mir wenigstens Akt 1 der Anna Bolena- Aufzeihnung aus Wien anzusehen (bei mir stapeln sich neben den ungeschirebenen Beitrâgen und mails auch die ungesehenen DVDs und CDs immer höher) und mein erster Eindruck ist positive Überraschung. Ich kenne diese Oper ja noch gar nicht und entdecke zuallererst mal das Werk an sich Wie für alle Belcanto-Opern lebt und stirbt diese Musik mit herausragenden Sängern. Ich weiss nciht genau, wen Donizetti vor Augen und Ohren hatte, stelle mir aber gerade die Diven-Schwestern Maria Malibran und Pauline Viardot in den Hauptrollen vor Diese Musik ist sozusagen für zwei bewegliche nciht in "Fächern" festlegbare Stimmen zwischen Sopran und Contralto in die geläufigen Gurgeln komponiert und mir ist ziemlich klar, warum diese Oper so selten gespielt wird. An der Story kann es nciht liegen, die steht den Verdi-Plots in nichts nach und wäre gut für die kühnsten Regietheater-Einfälle (was hier natürlich total verspielt wurde!) Enrico als diabolischer Don Giovanni und ein tädlich endender"Zickenkrieg" zwischen Anna und Giovanna, dazu der in die Falle gelockte Percy und die androgyne Figur des Smeton- viel mehr kann sich ein begabter Regisseur kaum wünschen um daraus ein Drama erster Güte zu machen! Grosse Buhs meinerseits für die Regie- hier gibt es keinerlei Gespür fûr das Potential und das psychologische Dynamit des Stoffs. Die Aufführung muss daher von den "Prototypen" der Rollen durch in einem superben Casting engagierten Sängern leben. Besser konnte man rein rollentypisch kaum besetzen! Anna Netrebko und Elina Garanca sind ein Dreamteam- da stören mich auch meine Vorbehalte gegen beide Damen als solche überhaupt nciht mehr. ich will nciht das weiderholen, was sevi oben viel besser und ausführlcher gesagt hat, aber Netrebko ist inzwischen wirklich zur seriösen Sängerin herangereift und man kann ihr nur wünschen, dass sie mehr solcher Rollen bekommt, in denen es um ganz andere Qualitâten als schöne Beine und glaubwürdige Liebesszenen geht. Mir gefällt sie rundlich rundum besser, die Ausdrucksfähigkeit hat sich in jeder Hinsicht gesteigert. Die Vorbehalte gegen Arcangelo kann ich im Moment nciht so ganz nachvollziehen, aber ich kenne auch die Zweitbesetzung nicht. Der Tenor ist wie fast alle heutigen Belcanto-Tenöre mit der Tessitur überfordert, schlâgt sich aber nicht unwacker. Hat jemand in schon mit Verdi gehört? Das dürfte besser liegen. Auch mir gefällt der Smeton von Elisabeth Kulmann ausgesprochen gut! Sie kônnte wahrscheinlich ebensogut die Giovanna singen, nimmt sich aber in der Rolle des Pagen als Luxusbesetzung wunderbar aus. Stimmlich gefällt sie mir von den Damen übrigens am besten. Was natürlich sehr unfair ist, denn Anna Netrebko muss sich mit ganz anderen arien rumschlagen als sie.Bevor ich den zweiten Akt nciht gesehen haben, erst mal nur diess Streiflicht.
Ich habe übrigens den Mitschnitt doppelt. Falls ich also jemanden damit beglücken kann???? Einzige Bedingung: dazu hier etwas zu schreiben.... :D.
Heike (27.05.2011, 08:15): Hallo Fairy, mich könntest du auf jeden Fall sehr mit dem 2. Mitschnitt sehr beglücken, falls du noch auf der Suche nach einem Abnehmer bist! Ich habe nämlich vor, mir die Oper (die mir bisher auch total unbekannt ist) in der nächsten MET-Saison im Kino anzusehen. Und dann würde ich ncht ganz so ahnungslos hingehen! :hello Heike
Fairy Queen (27.05.2011, 12:37): Umso besser! Adresse bitte per PN und die DVD ist hiermit vergeben. Wer früh aufsteht, hat halt mehr vom Leben..... :hello F.Q.
Severina (27.05.2011, 14:15): Liebe Fairy, freut mich, dass Du bei all Deinem Stress noch Zeit findest, hin und wieder bei uns vorbeizuschauen! Ich kenne und liebe die "Anna Bolena" seit 1986, und Du hast natürlich recht, dass sie schwer zu besetzen ist und daher sicher nie ins gängige Repertoire Eingang finden wird, denn diese Oper geht nur mit einer erstklassigen Truppe, die sich kein Opernhaus der Welt allzu oft leisten kann. Francesco Meli soll übrigens gerade einen sehr guten Gabriele Adorno singen, das zu Deiner Frage nach Verdi-Partien. Ich habe mich leider für diese Simone-Serie um keine Karten bemüht, weil ich Leo Nucci als Simone nicht so prickelnd finde, und meine Verdi-Lieblingsoper schau ich mir nur an, wenn die Besetzung für mich wirklich passt. (Dass er jetzt krankheitsbedingt absagen musste, konnte ich ja nicht ahnen!)
Schön, dass wir uns diesmal auch punkto Inszenierung völlig einig sind - wobei man Inszenierung eigentlich in Gänsefüßchen setzen und mit 10 Fragenzeichen versehen müsste. Aber die Kostüme sind doch nach Deinem Geschmack, oder?? :wink :D
lg Sevi :hello
Heike (27.05.2011, 18:09): Original von Fairy Queen Umso besser! Adresse bitte per PN und die DVD ist hiermit vergeben. F.Q.
Der Posteingang von Benutzer »Fairy Queen« ist bereits voll. ?( Heike
Severina (13.06.2011, 21:52): Zwei Rollendebuts waren es, die mich an diesem Feiertag schon um 16 Uhr in die WSO lockten, ganz bestimmt nicht die über weite Strecken missglückte Inszenierung von Falk Richter, die in den drei Jahren seit ihrer PR nicht besser geworden ist. Sie basiert auf einem grundlegenden Irrtum: Richter zeigt eine Gesellschaft, deren Gefühle erstarrt sind, deshalb siedelt er das Stück in einem Niemandsland aus Eis und Schnee an. In 5 von 7 Bildern schneit es unablässig auf der Hinterbühne, verschiedene große "Eiswürfel" aus Plexiglas, die indirekt beleuchtet zugegeben manchmal recht hübsche Effekte erzielen, tauchen verschieden kombiniert in jeder außer den letzten beiden Szenen auf. Im Hintergrund stehen in ihrer Umarmung erstarrte Liebspaare. (Wenn Onegin Tatjanas Liebeserklärung zurückweist, lösen sich die Männer der Reihe nach von den Frauen, die sehnsuchtsvoll die Arme nach ihnen ausstrecken - platter geht es wirklich nicht mehr.) Alles klar, wir befinden uns in einer Welt, in der ein dicker Eispanzer über den Menschen und ihren Gefühlen liegt, ohne konkrete Hinweise auf Ort und Zeit. Nun, die braucht's auch nicht, die Frage ist nur, ob Ersteres tatsächlich das widerspiegelt, was die Musik uns erzählt, und da höre ich ganz anderes heraus. Erstarrt in seiner Gefühlswelt ist vielleicht Onegin, ganz bestimmt aber nicht die lebenslustige Olga, die verträumte, sich nach ihrem Prinzen sehnende Tatjana oder der schwärmerische Poet Lenski. Was mich aber wesentlich mehr stört als das Bühnenbild ist die über weite Strecken kaum vorhandene Personenregie und ein zumindest für mich nicht erkennbares Konzept. Ich finde Neudeutungen einer Oper immer spannend, aber eine solche findet in dieser Produktion leider nicht statt. Falk Richter deutet nichts neu, er deutet nichts um, er deutet gar nicht, und das ermüdet einen in Kombination mit dem die Augen strapazierenden permanenten Schneegeriesel ziemlich bald.
Die Schwächen der Personenregie zeigen sich besonders im ersten Bild, wo die Protagonisten auf ihren Plexiglaswürfeln hocken wie bestellt und nicht abgeholt. Dass Olga ihrer schwermütigen Schwester mit Hilfe von Hochglanz-Life-Style-Magazinen demonstrieren will, dass sich das wahre Leben nicht in ihren literarischen Wälzern abspielt, ist ein netter Gag, der aber nicht reicht, die szenische Fadesse etwas aufzulockern. Insofern kommt einem Onegins blasierte Langeweile gar nicht so verkehrt vor, das Publikum fühlt mit ihm. Dass heute doch schon hier ein Hauch von Spannung aufkam, lag an den beiden WSO-Debütanten, an Maija Kovalevska und Peter Mattei, die dem Paar Tatjana-Onegin schon hier wenigstens ein bisschen Konturen verliehen.
Das 2. Bild zeigt einen bläulich schimmernden Rahmen aus Eisblöcken, Tatjanas Zimmer, auch das Bett besteht natürlich aus solchen, allerdings darf sich die junge Frau wenigstens in ein braunes Bärenfell kuscheln.
Im 3. Bild ergeben die nun aneinandergedockten Eiswürfel die lange Festtafel, auf der man allerdings vergeblich die besungenen üppigen Speisen sucht. Umso präsenter sind die Wodkaflaschen, die eifrig kreisen und die Ballgesellschaft in eine mehr als ausgelassene Stimmung versetzen. Gelbe und blaue Leuchtstäbe, die höhenversetzt vom Schnürboden herunterhängen, sorgen für eine ansprechende Optik. Auch Lenski spricht eifrig dem Alkohol zu und taumelt bald betrunken umher, und man fragt sich, ob das nun Ursache oder Wirkung ist: Betrinkt er sich aus Verzweiflung über Olgas Flirt mit Onegin, oder macht er unter dem verhängnisvollen Einfluss des Alkohols aus einer Mücke einen Elefanten? Das könnte ein interessanter Ansatz sein, bloß bräuchte es dazu einen Singschauspieler von Format und nicht den in jeder Hinsicht uninteressanten Marius Brenciu. (Aber auch Ramon Vargas, der PR-Lenski, blieb die Antwort auf diese Frage schuldig.)
Im nächsten Bild schneit es wieder, aber das spielt auch laut Libretto im Winter. Trotzdem zieht Lenski seinen Mantel aus und betrachtet ihn so liebevoll, dass ich jedesmal darauf warte, dass er "Vecchia zimarra" anstimmt. Aber auch heute blieb es gottlob beim "Kuda, kuda..." , leider sehr glanzlos dargeboten vom Schwachpunkt des Abends. Der Eisblocktresen vom vorigen Bild steht noch immer da, auch einige Alkoholleichen vom Ball kugeln noch herum, aus denen sich Onegin praktischerweise seinen Sekundanten rekrutiert. Und hier nun erreichte die heutige Aufführung wirklich spannungsgeladene Momente, denn erstens war das von Anfang an die überzeugendste Szene in dieser lahmen Regie, zweitens hat Peter Mattei offenbar einiges von seinem Salzburger Onegin in der beeindruckenden Inszenierung von Andrea Breth in sein Spiel einfließen lassen. Die Sinnlosigkeit dieses Duells, das eigentlich keiner der beiden wirklich will, das Dilemma zwischen dem Wunsch, einfach alles ungeschehen zu machen, dem Freund in die Arme zu fallen, und den Forderungen eines abstrakten Ehrbegriffs, wurde in seiner Tragik noch selten so beklemmend vorgeführt wie heute. Wobei die Krone wie schon gesagt Peter Mattei gebührt, denn Marius Brenciu steuerte nicht viel mehr als einige 0815-Betroffenheitsgesten bei. Onegin eilt in einer Art auf Lenski zu, als erwarte er, dass der einfach seine Arme öffnet, den Freund an sich drückt und sie gemeinsam über diesen Duellunsinn lachen können. Aber nichts davon findet er in den Augen des anderen, also wendet er sich nach langem, intensivem Blickkontakt enttäuscht von ihm ab. Nach dem Duett reicht er dem Freund die Hand zur Versöhnung hin, berührt ihn an der Schulter, aber eben als man ein Nachgeben Lenskis glaubt, ruft Saretzki die beiden zu sich - die große Chance ist vertan. Die Eisbarriere zwischen sich, ergreifen beide die Waffen, und noch einmal schüttelt Onegin den Kopf, scheint Lenski fast beschwören zu wollen, den Unsinn zu lassen. Doch der reagiert mit dem Trotz eines beleidigten Kindes, nimmt entschlossen die Waffe und stellt sich in Position. Mit einer typischen "Dann-eben-nicht-Reaktion" und entsprechender Wut im Bauch krallt sich nun auch Onegin die Pistole und begibt sich an seinen Platz. Nun funkelt Entschlossenheit in seinem Blick, es gilt "Alles oder nichts", er dreht sich um und feuert, exakt in dem Moment, als Lenski zur Besinnung kommt und die Waffe weg legt. Die besondere Tragik liegt also darin, dass er genau genommen einen Unbewaffneten tötet, aber keine Chance hat, das zu verhindern. Die Verzweiflung, mit der er den toten Freund in den Armen hält, bis sich der Vorhang senkt, ist also echt und nicht einer Konvention geschuldet. Auch das Publikum hielt ein bisschen den Atem an, bevor stürmischer Applaus einsetzte.
Schon vor drei Jahren gefielen mir die letzten beiden Bilder optisch recht gut. Perforierte und von hinten beleuchtete Metallplatten umgeben in regelmäßigen Abständen die Bühne, deren rückwärtiger Teil von einer sanft ansteigenden, ebenfalls metallisch glänzenden Treppe eingenommen wird. Auf dem glatten Boden davor spiegeln sich die Lichter und Personen. Onegin kauert zu Beginn einsam, an sich und der Welt leidend auf einer Stufe. Allmählich sickert zu den Kängen der Polonaise aus den dunklen Gassen die Festgesellschaft herein, immer paarweise und völlig ident gekleidet und geschminkt. Für Onegin sind alle Menschen gleich, gleich ausdruckslos, gleich bedeutungslos. Nur Tatjana trägt eine elegante Robe, hebt sich vom schwarz-weißen Einerlei der Gesellschaft ab, und Onegin springt wie elektrisiert auf - zum ersten Mal nimmt er sie als Individuum wahr, ist sie für ihn mehr als nur eine unter vielen Uninteressanten. Nicht dass ich das jetzt für eine wahnsinnig geniale Idee hielte, aber es ist wenigstens ein einsamer Lichtblick in dieser inszenatorischen Öde.
Im letzten Bild sehen wir immer noch die Treppe von vorhin, außerdem schneit es wieder einmal, obwohl wir uns eigentlich in Tatjanas Empfangszimmer befinden. Allerdings wird das Schneegeriesel nun von hinten beleuchtet und wirkt dadurch wie ein golden schimmernder Vorhang. Aber wenn die finale Begegnung zwischen Tatjana und Onegin so mitreißend gestaltet wird wie von Maija Kovalevska und Peter Mattei, wird das Ambiente ohnehin zur Nebensache, man hängt wie gebannt an den beiden, die ihr Gefühlschaos vokal ebenso überzeugend über die Rampe bringen wie schauspielerisch. Großartig, wie Matteis Eispanzer, der schon in der vorigen Szene Risse bekommen hat, nun endgültig von ihm abspringt, er zum ersten Mal in seinem Leben erfahren darf, was es heißt zu lieben, sein dandyhaftes Kokettieren mit dem Weltschmerz echter Leidenschaft weicht und er gleichzeitig erkennen muss, dass alles zu spät ist, er seine große Chance, glücklich zu werden, verspielt hat. Maija Kovalevska wiederum legt ihre Tatjana als wirklich starke Frau an, die keinen Augenblick Gefahr läuft, Onegins Drängen nachzugeben. Zwar erwidert sie seine erste Umarmung ebenso leidenschaftlich, behält aber immer das Heft in der Hand und scheint es sogar ein wenig zu genießen, dass sie nun in der Position ist ihn zurückzuweisen, eine verspätete Revanche sozusagen für die beschämende Szene von anno dazumal. Man muss natürlich auch sagen, dass der Fürst Gremin in dieser Besetzung Tatjana den Verzicht auf ihre große Jugendliebe nicht allzu schwer macht: Ain Anger ist ein Mann in den besten Jahren, vital und äußerst viril, und man kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass Tatjanas Eheleben an der Seite dieses fürstlichen Prachtexemplars derart freudlos verläuft, dass sie nur aus Pflichtbewusstsein bei ihm bleibt. Also genau genommen eine Fehlbesetzung, denn die übliche Gleichung lautet doch Sicherheit und gesellschaftliches Ansehen gegen Liebe und Leidenschaft, und genau die geht hier aber nicht auf, denn dieser Ehemann scheint beides zu gewährleisten.
Kommen wir endlich zum musikalischen Teil!
Maija Kovalevska feiert mit der Tatjana ihr Debut an der WSO, und Grund zum Feiern hat sie in der Tat, denn sie konnte mehr als nur einen Achtungserfolg erringen. Schlank und zart von Gestalt, verkörpert sie das junge Mädchen ebenso glaubwürdig wie die elegante Fürstin, findet für beide den richtigen Ausdruck. Ihre schön timbrierte und technisch souverän geführte Stimme machte die berühmte Briefszene zum Erlebnis - ich glaube nicht, sie live schon einmal besser gehört zu haben. Was Frau Kovalevska da an Gefühlsnuancen, dynamischen Abstufungen, herrlich ausgesponnenen Legatobögen bot, verdient das Prädikat "Großartig". Beinahe "keusch" schlüpften die ersten, noch "schaumgebremsten" Phrasen über ihre Lippen, kündeten von Unschuld und Unerfahrenheit. Man glaubte das Herzklopfen zu hören, das ihren kühnen Entschluss, Onegin ihre Liebe zu offenbaren, begleitet, bis dann ihre Stimme quasi überwältigt vom Sturm der Gefühle immer intensiver anschwoll und sich in einer Klimax entlud. Die beachtliche Durchschlagskraft dieser Stimme zeigte sich auch in den Ensembleszenen, wo sie sich ebenso mühelos durchsetzte wie sie auch jederzeit gegen die Orchestermassen bestehen konnte, was ihrem Baritonkollegen nicht immer und dem Tenor fast überhaupt nicht gelang.
Peter Mattei hatte mich, wie schon erwähnt, bei der TV-Übertragung aus Salzburg als Onegin sehr beeindruckt, umso neugieriger war ich, ob er live meinen hohen Erwartungen entsprechen würde. (Zu oft bin ich in dieser Beziehung schon enttäuscht worden!) Nun, er kam, sang und siegte, zumindest bei mir!
Peter Matteis Bariton ist etwas dünkler grundiert als ich es normalerweise liebe (Keenlyside, Lucic, Hampson...), auch nicht ganz so schmeichelweich, trotzdem gefällt mir diese Stimme ungemein gut. Sie hat so etwas Erdiges, klingt geschmeidig und wie aus einem Guss, also ohne störende Brüche oder Vibrato. Vor allem versteht es Mattei, den Charakter Onegins schon alleine mit stimmlichen Mitteln zu zeichnen, die Blasiertheit, die Arroganz in Töne zu gießen, sodass man schon mit geschlossenen Augen wüsste, was da für ein Typ auf der Bühne steht. Nun braucht man sie aber gottlob nicht zu schließen, denn der Bariton hat auch schauspielerisch einiges zu bieten, wenn er mich auch heute nicht ganz so überzeugte wie unter der Regie von Andrea Breth. Ein wenig zu onkelhaft wirkte er in der Briefszene auf mich, da hatte er eigentlich die Sympathien auf seiner Seite und man bewunderte ihn fast ein wenig, wie souverän er mit dieser doch auch für ihn peinlichen Situation umging. Arroganz ließ er da kaum spüren, eher Mitleid mit diesem offensichtlich verwirrten Backfisch, der sich ihm da an den Hals warf, aber so will ich diese Szene eigentlich nicht empfinden. Aber die Duellszene brachte Peter Mattei dann auf den Punkt, und den Schluss gestaltete er ebenso eindringlich wie seine Partnerin.
Der Schwachpunkt der Aufführung war für mich der Lenski von Marius Brenciu,, der gegen Kovalesvska und Mattei ganz klar abfiel. Eine Durchschnittsstimme mit einem Timbre, das sich nicht einschmeichelt, eine mangelhafte Registerverblendung, die den Genuss an einigen gut gelungenen Höhen wieder trübte, und wenig vokale Gestaltungskraft. "Kuda, kuda..." kam wie eine brav erledigte Hausaufgabe daher, eine von der Art, unter die der Lehrer ein Häkchen ohne weiteren Kommentar setzt. Nicht dass er mir jetzt die Aufführung vermiest hätte, aber insgesamt zählt Marius Brenciu für mich zu den Sängern, die ich schon wieder vergessen habe, wenn ich bei der Straßenbahnstation stehe.....
Nadia Krasteva war schon die PR-Olga und auch diesmal wieder mit von der Partie, die zu einer ihrer besten zählt. Sie mimt überzeugend das lebenslustige Temperamentsbündel, dem es Spaß macht zu flirten und das zu spät erkennt, was es damit angerichtet hat. Ihr dunkler, sinnlicher Mezzo eignet sich natürlich vorzüglich für ein vokales Kokettieren und Krallen ausfahren. Dass Frau Krasteva in den letzten drei Jahren etliche Kilos zugelegt hat, wäre nicht weiter schlimm, hätte die Kostümwerkstätte ihrer üppigeren Figur Rechnung getragen und speziell das Kleid für die erste Szene weiter genäht. So aber war der optische Effekt ein eher unglücklicher, um es vornehm auszudrücken....
Dass Ain Anger in meinen Augen viel zu jung und vor allem attraktiv für den Fürsten Gremin ist, dafür kann er nichts. (Vielleicht hätte ja die Maske korrigierend eingreifen können?) Auch die profunde Tiefe eines Nicolai Ghiaurov fehlt ihm (noch?), trotzdem bot der Bass eine ansprechende Leistung, die auch mit viel Beifall nach seiner Arie belohnt wurde.
Kurzfristig umbesetzt wurde die Rolle der Larina, statt wie vorgesehen Zoryana Kushpler sang Frau Juliette Mars. Man muss ihr dankbar sein, durch ihr Einspringen die Vorstellung gerettet zu haben, und mein Dank äußert sich darin, dass ich darauf verzichte, ihre Darbietung zu beurteilen.....
Im Graben agierte sehr umsichtig Michael Güttler, der am Ende mit den Philis in die allgemeine Begeisterung eingeschlossen wurde.
Der größte Jubel galt völlig zu Recht Maija Kovalevska, auch Peter Mattei wurde heftig akklamiert und bekam einen Blumenstrauß zugeworfen, der zunächst von Hand zu Hand wanderte, weil offensichtlich niemand wusste, wem er zugedacht war, bis dann die beigefügte Karte alles klar machte. Viele Bravos gab es auch für Nadia Krasteva und Ain Anger, und zu meiner Verwunderung fanden etliche Leute auch Herrn Brencius Leistung durchaus bravowürdig. Womit wieder einmal bewiesen wäre, dass die Beurteilung von Stimmen etwas höchst Subjektives ist.
Mein Fazit: Nach der Repertoiremisere in dieser Saison endlich wieder einmal ein Abend, der punkto Besetzung Anlass zur Hoffnung gibt!
lg Severina :hello
Severina (14.06.2011, 18:39): Nach dem schönen "Eugen Onegin" gestern fand ich mich heute schon wieder im Haus am Ring ein, in der Hoffnung, mit der letzten Neuproduktion würde diese in meinen Augen und Ohren mehr als durchwachsene erste Saison der Ära Meyer/Welser-Möst versöhnlich ausklingen. Eine Erwartung, die nicht ganz aufging.
Regisseur André Engel belässt die Handlung das "Katja Kabanova" nicht im Städtchen Kalinow an der Wolga, sondern siedelt sie in New York der 50erjahre an, in Little Odessa, dem russischen Emigrantenviertel. Schon während der Ouvertüre hebt sich der Vorhang, wir befinden uns auf einer Art Promenade mit zwei Steinbänken, dahinter ein massiver Eisenzaun, der wie eine Barriere vor der verlockenden Skyline von Manhatten liegt. Trotzdem funktioniert die Ghettometapher nicht, sollte dieses Bild tatsächlich so gemeint sein, denn auch diesseits des Zaunes scheint es sich recht gut leben zu lassen, wie Kleidung und Habitus der nach und nach eintrudelnden Bewohner zeigen. Glasa, die Dienstmagd der Kabanovas, sonnt sich auf einer der Bänke und bläst genussvoll Rauchwolken in den Äther, während auf der anderen der Lehrer Kudrjas mikroskopischen Übungen nachgeht: Er analysiert eine Wasserprobe der Wolga, schafft es aber nicht, die nur mäßig interessierte junge Frau mit seiner Begeisterung anzustecken. (Laut Libretto soll sich Kudrjas eigentlich an einem Bild der Wolga ergötzen, aber da er auch Chemiker ist, finde ich diese Umsetzung mit dem Mikroskop recht witzig.) Der Kaufmann Dikoj zankt seinen arbeitsscheuen Neffen Boris aus und wird auch handgreiflich, und wenn man sich hinterher das Lamento des jungen Mannes anhört, der eigentlich nichts tut als auf das Erbe seines reichen Onkels zu warten, ist man beinahe geneigt, dem Alten Recht zu geben. Bisher stimmt eigentlich alles, aber nun treten die Kabanovas auf den Plan, Mutter, Sohn, Schwiegertochter und Ziehtochter, und da dachte ich mir zum ersten Mal "O je!" Die Kabanicha, dieser furchteinflößende Familiendrachen, der Tychon, ihren Jammerlappen von Sohn, unterdrückt und dessen Frau Katja das Leben zur Hölle macht, erfährt durch Deborah Polaski leider keine überzeugende Umsetzung. Mit ihrem strengen Dutt und dem konservativen Kostüm erinnert sie eher an eine ältliche Gouvernante, und dass vor ihrem Gekeife eine ganze Familie zittert, will man kaum glauben. Marian Talaba hingegen mimt sehr glaubhaft das Weichei Tichon, quasi eine ideale Rolle für diesen Sänger, der über sehr wenig Bühnenpersönlichkeit verfügt und quasi sich selber spielt. Da musste dem Regisseur nicht mehr viel einfallen, außer dass sich Tichon gegen Mamas enervierende Tiraden immer wieder durch einen Schluck aus dem Flachmann wappnet.
Das zweite Bild zeigt auf der durch schwarze Blenden verkleinerten Guckkastenbühne ein trapezförmiges, spärlich möbliertes (Bett, Stühle, Ikone an der Wand) Zimmer, das aber durch die gelben Wände und das große Fenster mit dem blauen Himmel davor hell und nicht unfreundlich wirkt. Also nichts von der gedrückten Atmosphäre, die man sich eigentlich vorstellt, nichts von einem Gefängnis. Varvara, die Ziehtochter, sitzt in neckischem Negligée auf dem Bett und lackiert sich die Zehennägel, und das passt nun so überhaupt nicht zu der späteren Szene, wenn die bigotte Kabanicha, eine Ikone schwingend, Katja auf die Knie zwingt und sie Gehorsam und Sittsamkeit schwören lässt, während sich Tichon auf Geschäftsreise befindet. Diese Frau gestattet ihrer Ziehtochter ganz bestimmt nicht einen solchen Aufzug! Aber schon vorher wird eine der zentralen Szenen des Stückes ziemlich vergeigt, nämlich Katjas "Traumerzählung", als sie der Stiefschwester von den religiös übersteigerten Fantasien ihrer Jugendtage erzählt, in denen sie sich selbst als Lichtgestalt gesehen hat. Dirigent Welser-Möst nimmt in einem Interview die "Lichtgestalt" wörtlich, für ihn wurzelt die Katja so wie die Rusalka im Märchenhaften, ist also eine typisch slawische Figur. Damit dürfte er aber bei Regisseur André Engel nicht durchgedrungen sein, denn irreale oder gar mystische Züge spürt man in seiner Inszenierung keine. Selbst als sich Katja so in ihre Wunschvorstellung, fliegen zu können, hineinsteigert, dass sie aus dem Fenster springen will und von Varvara mit Mühe daran gehindert wird, hat sie nichts von einem Wesen aus einer anderen Welt an sich, sondern nur von einer überspannten Hysterikerin. Auch ihr Geständnis, in einen anderen Mann, nämlich Boris, verliebt zu sein, lässt wenig von ihrem inneren Gefühlschaos, ihrer Verzweiflung ahnen.
Das 3. Bild spielt in einem tristen Hinterhof, eine Türe mit schwerem Eisengitter und ein weiterer, höher gelegener Eingang durchbrechen die nackten Ziegelmauern, Feuerleitern verstärken die beklemmende Atmosphäre. Allerdings fragt man sich schon, ob die reiche Kaufmannswitwe Kabanicha wirklich offensichtlich in einer schäbigen Mietskaserne wohnen muss. Nachdem Varvara und Katja sich einig geworden sind, sich mit Hilfe des entwendeten Schlüssels am Abend aus dem Haus zu stehlen und mit Kudrjas und Boris zu treffen, taucht Dikoj am Eisengitter auf und wird von der Kabanicha eingelassen. Seine Behauptung, betrunken zu sein, schlägt sich nicht in seinem Verhalten nieder, dafür entpuppt sich das aus einem Papier genestelte Mitbringsel nicht als die erwartete Blume, sondern als eine Peitsche. Prompt lässt er die Hose herunter, beugt sich über einen Sessel und wird von der Kabanicha, während er seine "Sünden" bekennt, bestraft. Nun ja, die bigotte und herrschsüchtige Kaufmannswitwe als Domina - warum nicht? Dass ihr Sadismus nicht fremd ist, dass sie es genießt, Menschen zu erniedrigen, zeigen schon Art und Weise, wie sie Sohn und Schwiegertochter behandelt. Aber genau so wirkt diese Szene eben nicht, sexuelle Erregung, genussvoll empfundene Erniedrigung oder Allmachtsgefühle, ausgelöst durch sadomasochistische Rollenspiele, sind weder bei ihm noch bei ihr auszumachen, sie prügelt mit der moralinsauren Verbissenheit einer Gouvernante auf ihn ein, die ihren Zögling bei etwas Unanständigem ertappt hat, und genauso benimmt auch er sich. Dass Dikoj von der Kabanicha hinterher ins Haus eingelassen wird, macht die vorangegangene Szene nicht plausibler.
Die Szenerie des 4. Bildes ist schwer zu beschreiben, weil mir die Örtlichkeit nicht ganz klar ist. Die Spielebene, ein nur wenige Meter breiter Streifen, liegt erhöht über dem Bühnenboden und stößt im Hintergrund an eine niedrige Mauer. Am linken Bühnenrand verdeckt ein weißes Holzhüttchen den Stiegenaufgang, durch das die Protagonisten die Szene betreten, rechts entspricht dem eine Art Wassertank, eine Anordnung also, die am ehesten zum Flachdach eines Wohnhauses passt. Hier nun erwarten zunächst Kudrjas und dann auch Boris ihre Liebsten. Andrej Engel hat das flott und recht neckisch inszeniert, Varvara und ihr Lehrer als sympathisches, herzig verliebtes Pärchen, das mit Wodkaflasche und Decke hinter dem Wasserturm verschwindet, während auch Katja und Boris sich einig werden, worauf ein Wechsel samt Übergabe der Decke stattfindet. Dass Boris den ihm von Kudrjas am Anfang zugeworfenen Apfel erst nach dem "Sündenfall" an sich nimmt, ist wohl vom Regisseur als tiefsinnige Anspielung gemeint....Wie gesagt, alles sehr neckisch und in seiner heiteren Harmlosigkeit leider ziemlich neben dem Stück.
Vor dem Gewitter des 5. Bildes suchen alle in einer Art Lagerhalle Schutz, durch die schadhafte Holztüre sieht man die Blitze zucken. Katja, die sich seit der Rückkehr Tychons in einem durch ihre Schuldgefühle ausgelösten psychischen Ausnahmezustand befindet, bricht zusammen und gesteht den Ehebruch. Die kollektive Empörung von Tichon, Dikoj, der Kabanicha und anderer Zeugen treibt sie hinaus in den Sturm.
Im 6.Bild befindet sich Katja auf der Flucht, aber anders als im Libretto, wo sie eigentlich geistig verwirrt sein müsste, auf einer wohl organisierten, denn sie hat immerhin einen Koffer bei sich. Die Bühne ist bis auf einen Bretterzaun, der sie in der Mitte teilt, leer, dahinter kann man die Silhouette von Manhattan erahnen, zumindest dringen einige fahle Lichter durch das nächtliche Schwarz. Die eigentliche Szene wird von einer einsamen Laterne beleuchtet. Katja sinkt auf den Koffer und verstrickt sich immer mehr in ihren Wahnvorstellungen, sie glaubt Stimmen zu hören, die sie zur Wolga locken. Und hier nun, als Janice Watson wirklich zum ersten Mal ganz bei sich, also bei Katja ist, zu einer berührenden, mitreißenden Gestaltung ihres emotionalen Ausnahmezustandes findet, macht ihr der Regisseur mit dem wohl blödesten seiner Regieeinfälle alles kaputt: Zunächst schreitet ein schwarz gekleideter Blinder mit schwarzen Luftballons einige Male über die Bühne, irritiert alle mit dem lauten Klacken seines Stockes, dann folgt ihm eine Trauergesellschaft mit Sarg. Er wird abgestellt, der Deckel geöffnet, und die Kabanicha, Boris, Dikoj und ein Pope versuchen Katja mit beschwörenden Gesten zu sich zu locken. Sie verschwinden erst, als Katja aus ihren Todesfantasien allmählich in die Realität zurückfindet. Diese alberne Pantomime zerstört die Wirkung der ganzen Szene. Nun ist es sicher legitim, die Wahnvorstellungen Katjas bildhaft umzusetzen, aber doch nicht so hanebüchern. Schon einmal etwas von Videoinstallationen gehört, Monsieur Engel????
Dass sich Boris von Katja mit einem Koffer in der Hand verabschiedet, ist plausibler als bei ihr, schließlich wandert er ja wirklich aus. Warum nicht beide einfach ihre Koffer nehmen und durchbrennen, wie wenig später Varvara und Kudrjas, der ihr stolz zwei Flugtickets nach Moskau präsentiert (Ob das in den 50erjahren nun wirklich die Flucht in die erhoffte Freiheit war...?), bleibt ein Rätsel. Denn, und genau das ist eben die größte Schwäche der Regie, das Ausweglose, Bedrückende im Schicksal der Katja wird nie wirklich fassbar. Man fragt sich im Gegenteil von Anfang an: Warum geht sie nicht einfach? Einer jungen, gesunden, hübschen Frau in einem freien Land stehen doch viele Möglichkeiten offen! Aber nein, Katja zieht Schuhe und Kleid aus, legt beides ordentlich auf den Koffer und springt in den Fluss. Ja, man sieht sie wirklich springen, denn während ihres Abschiedsliedes weicht der starre Bretterzaun auseinander und gibt den Blick frei auf ein schwarzes Gewirr von stilisierter Ufervegetation, und dahinter entschwindet Katja mit theatralisch ausgebreiteten Armen. Die Frage, wieso ein zum Selbstmord entschlossener Mensch einen Koffer mit sich herumschleppt, bleibt unbeantwortet. Oder gibt es darauf einen Hinweis im Libretto???
Der Schluss hält dann den wohl besten Regieeinfall bereit: Unbeeindruckt von den Anschuldigungen ihres Sohnes zerrt die Kabanicha den Ehering vom Finger ihrer verhassten und nun gottlob toten Schwiegertochter und steckt ihn sich triumphierend an: Tichon gehört nun wieder ganz und gar ihr!
Nun habe ich sicher schon schlechtere Inszenierungen als diese gesehen, auch ärgerlichere, es ist nur schade, dass Regisseur André Engel nicht mehr aus diesem großartigen Musikdrama gemacht hat, alles ziemlich harm- und zahnlos wirkt und sich nie dieses Gefühl der Beklemmung, des hilflos Ausgeliefertseins einstellt, das "Katja Kabanova" eigentlich auslösen müsste. Ich musste mir außerdem immer wieder vor Augen führen, dass wir es mit Russen, im speziellen Fall mit russischen Emigranten, zu tun haben, denn mit Ausnahme von Dikoj/Wolfgang Bankl scheinen alle waschechte Amerikaner zu sein, so manche Szene hatte etwas von einer Daily Soap an sich.
Die Tragödie findet dafür im Orchestergraben statt, wo Franz Welser-Möst und die fabelhaft musizierenden Philis für emotionale Wechselbäder sorgen, zwischen spielerischer Heiterkeit und slawischer Schwermut bis hin zu dramatischer Wucht ein überzeugendes Klanggemälde schaffen, das leider auf der Bühne kein adäquates Echo findet.
Doch nun endlich zu den Protagonisten:
JANICE WATSONs silberheller, fülliger Sopran besticht durch eine klare Linienführung und gute Höhe, am Anfang schwang noch etwas Nervosität mit, aber insgesamt bot sie eine sehr gute Leistung. Weniger zufrieden bin ich mit ihrer Darstellung, denn den großen Leidensdruck, unter dem Katja steht, glaube ich ihr nicht so ganz. Außerdem nimmt man ihr auch die Russin nicht ab, speziell im 2. Bild hält man sie eher für eine dieser typischen überspannten Amerikanerinnen, die dringend einen Psychotherapeuten brauchen.
DEBORAH POLASKI ist stimmlich nichts vorzuwerfen, gestalterisch leider einiges. Von der Kabanicha muss eine Kraft ausgehen, mit der sie jeden Widerstand noch im Ansatz platt walzt, ihr bloßes Erscheinen muss schon Angst und Minderwertigkeitsgefühle auslösen, man muss das sadistische Vergnügen spüren, mit der sie Katja erniedrigt und quält, aber all das bleibt Frau Polaski leider schuldig. Sie mimt eine zänkische und offensichtlich frustrierte Frau, die halt die Zügel nicht aus der Hand geben will und auf ihre Schwiergertochter eifersüchtig ist, aber das reicht in meinen Augen nicht als Erklärung für die Tragödie, die sie in Gang setzt.
MARIAN TALABA ist, wie ich schon erwähnt habe, diesmal typenmäßig goldrichtig besetzt, denn brächte er mehr Persönlichkeit ein, würde er den Waschlappen Tichon verfehlen. Zweimal sollte er sich als ganzer Kerl erweisen, einmal bei Katjas Eingeständnis ihres Ehebruchs und dann zum Schluss, als er die Kabanicha anklagt, den Tod seiner Frau verschuldet zu haben, aber diese beiden Ausbrüche verpuffen in der allgemeinen Aufregung. Talabas Stimme geht mit seiner Bühnenpersönlichkeit Hand in Hand: Beide sind "nett", aber ziemlich eindimensional, was ihn zu dem prädestiniert, was man ein "verlässliches Ensemblemitglied" nennt.
KLAUS FLORIAN VOGT gestaltete seinen Boris stimmlich sehr eindrucksvoll, wobei mich dünkt, dass sein früher extrem helles Timbre inzwischen ein wenig nachgedunkelt ist, zumindest habe ich es anders in Erinnerung. Ansonsten hätte auch er eine intensivere Personenführung gebraucht, denn er blieb seltsam unbestimmt in seinem Tun und Wollen. Ob er nun Katja wirklich liebt, ob sie für ihn nicht mehr als ein Zeitvertreib ist, diese Frage bantwortet er nicht.
WOLFGANG BANKL als Dikoj stellt für mich die positive Überraschung dieser Aufführung dar, denn bisher hat er mir zwar noch nie wirklich missfallen, mich aber auch nie sonderlich mitgerissen. In dieser Produktion jedoch gehört er zu den wenigen, die ihren Figuren ein klares Profil verleihen. Von seinem Dikoj geht genau jene Aura von Gewalt und Boshaftigkeit aus, die eigentlich die Kabanicha besitzen sollte. Er misshandelt nicht nur seinen Neffen, auch gegenüber anderen sitzt seine Hand locker, wenn sie ihm zur Unzeit in die Quere kommen oder er gerade schlechte Laune hat. Seine einzige "Schwäche" ist die Kabanicha. Zu diesem Gewaltmenschen passt Bankls sonore Stimme, mit der er eindrucksvoll poltern und drohen kann, ohne dass dabei aber der Wohlklang auf der Strecke bleibt.
NORBERT ERNST, seit heuer Ensemblemitglied an der WSO, hinterlässt ebenfalls einen sehr positiven Eindruck, vor allem präsentiert er sich als ausgezeichneter Singschauspieler. Sein Tenor ist nicht allzu groß, spricht aber in allen Lagen sicher an und verfügt auch über ein angenehmes Timbre.
Ebenfalls neu im Ensemble ist die Mezzosopranistin STEPHANIE HOUTZEEL, die als Varvara zu sehen und zu hören ist und für beides gute Noten erhält. In punkto Spielfreude gebührt ihr gemeinsam mit ihrem Partner Norbert Ernst überhaupt der erste Preis, denn dass sie fallweise im falschen Stück zu sein schienen, muss man dem Regisseur anlasten, nicht ihnen. Beide geben ein modernes, sehr sympathisches junges Paar, das sich einen Dreck um Konventionen schert und auf Erfüllung seines Glücks pocht. Sie statten ihr Spiel mit vielen feinen Details aus, bewegen sich völlig natürlich auf der Bühne, jeder Blick, jede Geste sitzt perfekt.
Wieso bloß musste ich immer an "Westside Story" denken, wenn ich die beiden beobachtete??????
Mir ist bewusst, dass ich in meinem Bericht den Gesang sehr oberflächlich bewertet habe, aber bei einer GP konzentriere ich mich natürlich mehr als üblich auf die Inszenierung, sodass die musikalische Umsetzung etwas zu kurz kommt. Außerdem besteht immer die Möglichkeit, dass nicht alle Sänger voll ausgesungen haben, obwohl heute nichts dergleichen verlautbart worden ist.
Mein Fazit: Eine "Katja Kabanova", die zumindest meine hoch gesteckten Erwartungen szenisch nur bedingt erfüllt, aber natürlich trotzdem eine Bereicherung des Repertoires darstellt. Musikalisch darf man deutlich zufriedener sein!
lg Severina :hello
Billy Budd (17.06.2011, 15:46): Liebe Severina! Vielen Dank für Deine beiden letzten Berichte! Ich war im Eugen Onegin am 10. Juni und Deine Eindrücke decken sich im Wesentlichen mit meinen. Da diese Vorstellung meine Erstbegegnung mit dieser Oper darstellte, vermag ich nicht, ein großes Urteil abzugeben, ich würde aber sagen, dass diese Aufführungen zu den besten gehört, die ich diese Saison an der Staatsoper erlebt habe (insgesamt 33, wenn ich mich nicht verzählt habe.). Auf Maija Kovaleska freue ich mich schon in der Boheme und Carmen. Als sehr schwach habe ich hingegen Hans Peter Kammerer als Hauptmann und Saretzki empfunden, bei ihm merkt man kaum, dass er auf der Bühne steht. Meine Hoffnung, dieser Abend sei der Auftakt zu einem einigermaßen guten Repertoire-Alltag hat sich aber leider am nächsten Tag mit dem verunglückten „Elisir“ zerschlagen. Mit ist der Großteil der Sänger in der „Katja“ gänzlich unbekannt, also freue ich mich schon auf heute Abend. Mit Wolfgang Bankl geht es mir wie Dir; richtig mitgerissen hat er mich nur als Klingsor. Von ihm würde ich mir einen Alberich wünschen. Stephanie Houtzeel würde ich gemeinsam mit Sylvia Schwartz zu den schwächsten Neuerwerbungen von Meyer zählen, aber vielleicht liegt ihr ja diese Rolle besser, als Octavian, Dorabella und Komponist (Ariadne). Und wie schon in der Jenufa festzustellen war, liegen die Stärken von Marian Talaba im slawischen Fach. Liebe Grüße, Billy
Severina (26.06.2011, 01:26): Hallo Billy, da ich einige Tage nicht online war, sehe ich erst jetzt Deine Antwort! Ich freue mich erst einmal, dass ein weiterer Opernfan aus Wien an Bord ist und aus meinen Monologen in Zukunft hoffentlich Dialoge werden!
Wie hat Dir nun die Katja gefallen? Von Houtzeel war ich diesmal positiv überascht, denn bisher hat sie mich auch noch nie überzeugt. Und was die Repertoiremisere an der WSO in dieser Saison betrifft, dürften wir uns wohl auch einig sein..... Auf 33 Vorstellungen am Ring habe ich es heuer gar nicht gebracht, denn nach vielen frustrierenden Erlebnissen in Serie warf ich irgendwann das Handtuch und war dafür verstärkt im Konzerthaus und Sprechtheater unterwegs. Ohne das THadW wäre es wirklich eine traurige Opernsaison gewesen! lg Severina :hello
Billy Budd (27.06.2011, 16:33): Liebe Severina, mir hat die Katja sehr gut gefallen. Ich kann mich aber nicht mehr gut daran erinnern, da ich an dem Tag der Aufführung eine schlechte Nachricht erhalten habe und nur mehr an dieses Problem denken konnte. Für den Donnerstag habe ich zwar einen Stehplatz in der Volksoper für die Tosca, aber da ich die Aufführung am Samstag aufgrund der deutschen Übersetzung und den Sängern so schrecklich gefunden habe, werde ich mir die Katja noch einmal ansehen. Ich werde hoffentlich konzentrierter zuhören und mir dann ein Urteil bilden. Ja, das erste Jahr von Meyer ist wirklich daneben gegangen (obwohl, es hätte schlimmer kommen können: Schluss mit dem Reptertoire-System, kein Ensemble mehr, Umfunktionieren von Steh- zu Sitzplätzen, etc.). Ein paar gute Neuengaments (Plachetka, Caria, Ernst) reichen da nicht aus, wenn die bestehenden Möglichkeiten total vernachlässigt werden: Selinger und Kulman sind nicht mehr im Ensemble, Fally und Unterreiner kommen kaum zum Zug. In der nächsten Saison habe ich doch einige interessante Besetzungen gefunden, die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Konzerte und Sprechstücke sind nicht so meines und im Theater an der Wien war ich zu meiner Schande noch nie (Aber Hoffmanns Erzählungen möchte ich mir nicht entgehen lassen!). Liebe Grüße, Billy, der sich schon auf den letzten Evangelimann heute an der Volksoper freut.
Zefira (03.07.2011, 01:23): Hallo Foris, ich hatte gestern eine sehr weite Strecke zu fahren (war gute sechs Stunden auf der Autobahn) und bekam, als ich die Navi einstellte, eine Übertragung ins Radio, offenbar eine Direktübertragung aus der WSO, wenn ich es richtig verstanden habe. Eine Oper über das Leben des heiligen Franziskus. Da ich mich alle Naselang über aggressive Drängler ärgern musste (obwohl ich mit Tempo 150 weißgott nicht gerade langsam fuhr), obendrein ständig zwanghaft in den Rückspiegel schielte, ob ich auch nicht mein hinten aufgesatteltes Fahrrad verloren habe, und die Navi mich wohlmeinend über Autobahndreiecke und -kreuze schickte, auf die ich gar nicht wollte, habe ich von der Übertragung nicht viel mitbekommen, nur soviel, dass es sehr lang dauerte und sich sehr interessant anhörte. Ich hätte gern mehr erfahren, aber es handelt sich wohl um eine Oper, die zumindest für den ungeübten Hörer besser auch "gesehen" werden sollte, um verstanden zu werden. Hier ist eine Rezension dazu. Hat das vielleicht jemand gesehen und kann etwas dazu sagen? Das Vogelkonzert im letzten Bild - ich bin wohl hoffnungslos konventionell, aber dankbar, dass sich echte Vögel nicht so anhören ...
schöne Grüße Zefira, endlich daheim
Severina (03.07.2011, 09:55): Liebe Zefira, das war nicht aus der WSO, sondern der BSO, also München, und ich hab's leider nicht gehört. Aber im Capriccio-Forum gibt es eine interessante Besprechung dazu!
lg Sevi :hello
Severina (03.07.2011, 10:06): Original von Billy Budd Liebe Severina,
Ja, das erste Jahr von Meyer ist wirklich daneben gegangen (obwohl, es hätte schlimmer kommen können: Schluss mit dem Reptertoire-System, kein Ensemble mehr, Umfunktionieren von Steh- zu Sitzplätzen, etc.). Ein paar gute Neuengaments (Plachetka, Caria, Ernst) reichen da nicht aus, wenn die bestehenden Möglichkeiten total vernachlässigt werden: Selinger und Kulman sind nicht mehr im Ensemble, Fally und Unterreiner kommen kaum zum Zug. In der nächsten Saison habe ich doch einige interessante Besetzungen gefunden, die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Konzerte und Sprechstücke sind nicht so meines und im Theater an der Wien war ich zu meiner Schande noch nie (Aber Hoffmanns Erzählungen möchte ich mir nicht entgehen lassen!). Liebe Grüße, Billy.
Lieber Billy, Plachetka finde ich auch gut, Caria OK, Ernst ist mir ehrlich gesagt noch nicht speziell aufgefallen, aber ich war im letzten halben Jahr extrem wenig im Haus am Ring. Die Misere war eher bei den neu engagierten Damen, die fast durchgehend viel zu kleine Stimmen haben. Ich bin in der nächsten Saison auf Markus Eiche als Onegin neugierig, der hat mir bisher in allen seinen Partien ausgezeicnet gefallen, ein wirklich guter Singschauspieler. Kurioserweise habe ich sogar für diese Vorstellung im Vorverkauf keine billige Karte bekommen, obwohl ich mir wirklich nicht vorstellen kann, dass die Eichefans zu Tausenden die Oper stürmen. Das Kartenvergabesystem wird wirklich immer undurchsichtiger.
Das ThadW kann ich Dir nur empfehlen, wenn Du wie ich moderne Regie, Barockmusik und Opern des 20.Jhdts. magst, sonst wirst Du dort nicht sehr glücklich werden. Die Besetzungen sind meist ausgezeichnet, natürlich gibt's auch hin und wieder Ausfälle. Ich hab's dafür nicht so mit der Voksoper, weil ich erstens Opern in deutscher Übersetzung furchtbar finde und mich meist auch die Sänger dort nicht so vom Stuhl reißen. Obwohl ich den "König Kandaules" ausgezeichnet gefunden habe, also vielleicht gebe ich der kleinen Schwester in der nächsten Saison öfter eine Chance!
lg Severina :hello
Billy Budd (04.07.2011, 16:01): Liebe Severina,
ich war am Donnerstag wieder in der Katja und kann Deinem Bericht nicht viel hinzufügen. Watson gefiel mir allerdings nicht; über weite Teile auf der Galerie kaum zu hören, die Spitzentöne schrill. Von Vogt hätte ich gerne mehr gehört, als Boris kann er nicht richtig viel von seinem Material zeigen, leider habe ich ihn als Lohengrin verpasst. Sonst kann ich dazu nicht viel beitragen, da ich die Oper ja erst vor kurzem kennen gelernt habe und nicht gut vergleichen kann.
Caria gefällt mir sehr gut; vor kurzem war er ein exzellenter Silvio (gemeinsam mit Kushpler und Nemeti der einzig gute an diesem tristen Abend), vor einem Monat ein passender Paolo. Als Marcello habe ich ihn ebenfalls sehr guter Erinnerung. Ernst ist mir erst in der Katja richtig aufgefallen; ich kannte ihn vorher nur als Steuermann, Tanzmeister und Elemer. Er wird hauptsächlich im Charakter-Fach eingesetzt, weswegen ich schon auf den Tamino gespannt bin. Markus Eiche kenne ich bis dato nur als Heerrufer und Donner, also freue ich mich schon auf seinen Onegin und Dr. Falke. Dass Du im Vorverkauf keine Karte mehr bekommst, verwundert mich doch. Im Internet sind doch noch einige Karten verfügbar. Bezüglich des Kartenvergabesystems gebe ich Dir absolut recht! Schon dass man für manche Vorstellungen am ersten Vorverkaufstag keine Karte mehr bekommt, aber vor jeder Vorstellung Kartenanbieter auf Kundenfang aus sind, halte ich für eine Frechheit. Übrigens: Mein Highlight in der nächsten Saison ist der Rosenkavalier mit Harteros/Rydl/Selinger/Grundheber unter Schneider. Reiss kenne ich noch nicht (Die Begeisterung für ihre Gilda im Theater an der Wien hielt sich in Grenzen). Auch freue ich mich sehr auf die Frau ohne Schatten; aber das gehört nicht zum Thema „Berichte aus der STOP“. :wink
Ich mag weder moderne Regie, noch Barockmusik; aber da man bei den Stehplätzen im Theater an der Wien sowieso wenig sieht und ich ja nicht in alle Vorstellungen gehen muss, fallen diese Punkte weg. Vielleicht komme ich, nachdem ich mehr Barockmusik gehört habe, auf den Geschmack. Und wie ich schon geschrieben habe, freue ich mich auf Hoffmanns Erzählungen, sowie auf eine unbekannte Rossini-Oper.
Ich bin recht oft in der Volksoper, allerdings mit dem dortigen Niveau nicht glücklich. Der Kandaules war sehr gut, da gebe ich Dir vollkommen recht; im Herbst freue ich mich besonders auf die Wiederaufnahme der 2-aktigen Urfassung der Butterfly (in Originalsprache).
Liebe Grüße, Billy.
Billy Budd (04.09.2011, 11:20): Wiener Staatsoper Samstag, den 3. September 2011 SIMON BOCCANEGRA Giuseppe Verdi
Eigentlich habe ich erwartet, an dieser Stelle einen Bericht von Severina zu lesen. Da ich aber meine, dass die gestrige Vorstellung hier nicht unerwähnt bleiben soll, notiere ich in Kurzform meine Eindrücke. Das ist natürlich kein ausführlicher Bericht (Um einen solchen zu verfassen mangelt es mir an Werkkenntnis, denn gestern handelte es sich erst um meinen zweiten Besuch dieser Oper.).
„Die sind ja alle deppert“, sagte ein anderer Stehplatzbesucher während des enthusiastischen Schlussapplauses zu mir und wies auf das klatschende Publikum. Wir beide hatten die vorige Vorstellung am 2. Juni erlebt und waren uns einig, dass diese um Klassen besser als die gestrige gewesen war. Mit dieser Meinung standen wir offensichtlich ziemlich alleine da, denn ich hörte kaum eine kritische Stimme in der Pause. Den besten Eindruck hinterließ bei mir der Sänger des Pietro – Dan Paul Dumitrescu. Ich schätze dessen volles und angenehmes Timbre, das auf mich immer sehr beruhigend wirkt. Darstellerisch spielte er eher sich selbst; auf mich wirkt er in allen Rollen viel zu gemütlich. Weiteres war ich von Eijiro Kai als Paolo positiv überrascht, denn er hat mir noch nie gefallen. Sein kraftvoller Bariton sprach diesmal sehr gut an und auch darstellerisch blieb er der Rolle nichts schuldig. „Kein Vergleich mit Boaz Daniel“, befand aber eine Dame hinter mir. Obwohl ich Herrn Daniel als Paolo nicht erlebt habe, kann ich diese Meinung gut nachvollziehen – warum ihn Herr Meyer nicht mehr benötigt, ist mir ein Rätsel. Herr Daniel war kein Weltstar, aber doch ein mehr als anständiges Ensemblemitglied, welches ich nun sehr vermisse. Nun, Plácido Domingo ist einfach kein Bariton. Ob er alle vorgeschriebenen Tiefen bewältigte kann ich nicht beurteilen, aber sein tenorales Timbre störte. „Ein Bariton singt anders“, klärte mich eine Billeteurin auf, aber hier kann ich mich nicht äußern, da ich von Gesangstechnik keinen blassen Schimmer habe. Stark beeindruckte mich allerdings seine Bühnenpräsenz; hier war die Wandlung vom Korsaren im Prolog zum Greisen im dritten Akt ganz deutlich spürbar. Hätte ich es nicht gewusst, ich hätte es nicht für möglich gehalten dass Herr Domingo schon 75 Jahre alt ist, so gut verkörperte er die Person im Prolog. Ferruccio Furlanetto als Fiesco enttäuschte mich besonders im Prolog (Dem Ende zu aber steigerte er sich sehr.); ich erschrak vor allem ob seiner brüchigen Stimme. Schauspielerisch gab es wenig auszusetzen, aber in der letzten Szene erschien er mir zu teilnahmslos. Als Amelia war Barbara Frittoli aufgeboten und enttäuschte mich auf der ganzen Linie. Ihr Sopran klang gestern sehr heiser und mich störte ihr Tremolo. Eine andere Dame bemängelte ihre leise Stimme, was ich aber nicht so empfunden habe. Wie uns vor der Vorstellung mitgeteilt wurde, sang Fabio Sartori gestern noch die Probe, aber heute in der Früh fühlte er sich indisponiert und musste absagen. Sein Landsmann Massimiliano Pisapia habe sich bereit erklärt, einzuspringen. Natürlich muss man Einspringer milder beurteilen, aber auch von ihm kann ich kaum etwas Positives vermelden. Seine Stimme klang vor allem in der Höhe kehlig. Auch der Chor agierte an diesem Abend nicht in gewohnter Qualität. Mir als Laie fällt eine Beurteilung des Dirigenten schwer. Paolo Carignani verhaute nichts und dirigierte ordentlich. Das Orchester klang gestern sehr gut. Vor der Ratszene ging irgendetwas hinter der Bühne zu Bruch was im Zuschauerraum deutlich zu hören war.
Resümee: Alles in allem für den Saisonstart eine enttäuschende Aufführung (Wie schon erwähnt; kein Vergleich mit den grandiosen Simone-Vorstellungen (*) im Mai/Juni 2011, bei denen jede Rolle besser besetzt war.). Diese Aufführung war genau 4€ wert (So viel habe ich nämlich bezahlt.). Insgesamt bereue ich es, mich schon ab halb zehn Uhr Vormittags für eine Karte angestellt zu haben.
P.S.: Große Freude besonders seitens der älteren Generation: Der alte Eisene Vorhang ist bis 27. Oktober zu sehen!
P.P.S.: Eine Korrekur zu meiner letzten Meldung in diesem Thread: "Caria gefällt mir sehr gut; vor kurzem war er ein exzellenter Silvio (gemeinsam mit Kushpler und Nemeti der einzig gute an diesem tristen Abend)" - Hier habe ich vergessen, Ambrogio Maestri als Tonio zu erwähnen. Als Alfio hat mir Herr Maestri weniger gefallen.
Billy :hello
Billy Budd (06.09.2011, 13:42): Wiener Staatsoper Montag, den 5. September 2011 ARABELLA Richard Strauss
Nach dem wenig gelungenen Saisonstart hat mich die gestrige Aufführung von "Arabella" wieder versöhnt. An erster Stelle muss ich Genia Kühmeier als Zdenka lobend erwähnen. Da passte einfach alles - ich wüsste derzeit keine bessere Interpretin dieser Rolle. Nie hatte ich das Gefühl, ihr bereite eine Phase Mühe. Adrianne Pieczonka hatte krankheitshalber die Vorstellungen absagen müssen, was ich persönlich sehr bedauerte, allerdings wurde in Anne Schwanewilms ein fast ebenbürtiger Ersatz gefunden, auch wenn mich ein Fan dieser Sängerin aufklärte, dass die Arabella nicht ihre Partie sei. Ich reagiere bei Sopranistinnen sehr allergisch auf ein Tremolo und auch hier störte mich das Flackern der Stimme in höheren Lagen. Ich hätte mir einige Passagen (z. B. "Über seine Felder wird der Wagen fahren") zwar etwas gefühlvoller gewünscht, ansonsten bot Frau Schwanewilms eine sehr gute Leistung, die auch mit einigen Bravorufen bedacht wurde. Tomasz Konieczny - den ich als grandiosen Alberich kenne - enttäuschte mich als Mandryka. "Der kann ja auch ganz nobel sein", bemerkte eine Dame nach dem ersten Akt, was ich aber nur auf seine schauspielerische Leistung zurückführen würde. Ich bevorzuge in dieser Rolle eine weiche, samtige Stimme; der etwas gequetschte Charakterbariton Koniecznys war hier fehl am Platz. In nächster Zeit werden wir ihn öfters in dieser Rolle erleben. Auch für Michael Schade ist der Matteo nicht (mehr) optimal. Darstellerisch lässt er keine Wünsche offen, aber seine Stimme ist mir für den jungen Offizier zu schwer. So gut wie gestern habe ich Lars Woldt (Waldner) noch selten erlebt. Er präsentiere sich in stimmlicher Topform und imponierte mit seinem Stimmvolumen. Einschränkend muss bemerken, dass sein Wiener Dialekt sehr gekünstelt klang. Seine Ehefrau wurde von Zoryana Kushpler tadellos gesungen, aber optisch wirkte sie um einiges jünger als ihre ältere Tochter. Gergely Németi als Elemér hatte nicht seinen besten Tag erwischt; bei seinem Auftrittslied klang seine Stimme leicht belegt. Sorin Coliban ist eine Luxusbesetzung für die kleine Rolle des Lamoral. Adam Plachetka (Dominik) und Donna Ellen (Kartenaufschägerin) agierten unauffällig. Von Julia Novikova als Fiakermilli war ich doch einigermaßen positiv überrascht, nachdem sie in den vergangen Saisonen einige sehr schwache Leistungen geboten hatte. Freilich, mit Daniela Fally darf man sie nicht vergleichen (Den Spagat schaffte Frau Novikova nicht.), aber sie erbarachte ordentliche Leistung. Als Franz Welser-Möst vor den Vorhang trat, meldete sich ein Buhrufer zu Wort - nicht ganz zu Unrecht, wie ich meine. Er ließ das Orchester durchwegs zu laut spielen und ging meiner Ansicht nach das Stück zu hektisch und lieblos an.
Billy :hello
Billy Budd (08.09.2011, 17:26): Wiener Staatsoper Montag, den 7. September 2011 ARIADNE AUF NAXOS Richard Strauss
Eine durchschnittliche Aufführung meiner Lieblingsoper von Richard Strauss bot uns die Wiener Staatsoper am gestrigen Abend. Besonderes Interesse galt Daniela Fally, die wieder als Zerbinetta - ihrer erklärten Lieblingspartie - aufgeboten wurde. Sie erbrachte eine sehr gute Leistung; aber angesichts dessen, was sie einst an der Volksoper geboten hatte, hätte ich mir ein ganz kleines bisschen mehr erwartet. Freilich, stimmlich bringt sie die Herausforderungen für diese Koloraturpartie mit, und es freut mich, dass die Staatsoper eine gute Zerbinetta im Ensemble hat, nur spielte sie meines Erachtens nach die Rolle zu brav, was aber Kritisieren auf hohem Niveau ist. Nachdem ich Camilla Nylund zum vierten Mal (nach Rosalinde, Salome und Arabella) gesehen habe bin ich mir sicher: Frau Nylund ist nicht mein Fall; das metallisch klingende Timbre der Finnin gefällt mir zwar einigermaßen, nur ihre Stimme ist viel zu leise und wenn sie forciert, hört man ein unangenehm klingendes Tremolo. Sophie Koch wurde nach dem Vorspiel kräftig bejubelt, was ich nur zum Teil nachvollziehen konnte. Sie gestaltete die Rolle sehr eindrucksvoll, aber wie auch bei Frau Nylund störte mich ihr Tremolo in höheren Lagen. Jochen Schmeckenbacher (Hausdebüt) als Musiklehrer gefiel, aber ein genaueres Urteil werde ich erst nach der nächsten Vorstellung abgeben. Von KS Herwig Pecoraro, der als Mime und Monostatos eine Idealbesetzung ist, hätte ich mir als Tanzmeister eine etwas bessere Leistung erwartet. Seine Stimme klang gestern sehr unausgeglichen, was man aber auf eine schwache Abendverfassung zurückführen kann. Alexander Pereira hat sich laut Angaben anderer Besucher im Vergleich zu den Vorstellungen im Jahr 2007 sehr gesteigert, was aber nichts daran ändert, dass ich als Haushofmeister einen gestandenen Schauspieler hören möchte und niemanden, der von Hauptberuf Kulturmanager ist. Herr Pereira sprach sehr ungenau und verhaspelte sich hin und wieder. Ein ganz großes Kompliment geht an Clemens Unterreiner (Harlekin), Peter Jelosits (Scaramuccio), Benjamin Bruns (Brigella) und Wolfgang Bankl (Truffaldin, der ihm um einiges besser als der Musiklehrer liegt), sowie Ileana Tonca (Najade), Juliette Mars (Dryrade) und Ildikó Raimondi (Echo). Nicht immer wird so ein gutes Ensemble, bei dem Herr Bankl und Frau Raimondi hervorstachen, in Nebenrollen aufgeboten. Ein Totalausfall - anders kann man es nicht bezeichnen - war hingegen Ian Storey als Bacchus. Ich glaube nicht, dass sich oft ein Besucher dazu hinreißen lässt, Bacchus nach "Weh', bist du auch solch eine Zauberin?" "Singen!" zuzurufen. Ich war sehr überrascht, dass Herr Storey bei seinem Solovorhang nicht mit einem lauten Buhorkan empfangen wurde; lediglich ein Besucher teilte ihm sein Missfallen mit. Die "Circe"-Rufe waren kaum hörbar, die tiefe Lage klang sehr brüchig, wenn er versuchte, höhere Töne zu singen, verwandelte sich der Gesang in ein einziges Vibrato, bei dem man seekrank wurde und Höhen waren nicht vorhanden. Dass sich der Großteil der Stehplatzbesucher nach seinen ersten Tönen gehenseitig erstaunt ansah, brauche ich wohl nicht zu erwähnen; ebenso wenig, wie die Tatsache, dass manche Besucher ob seiner kümmerlichen Gesangsleistung lachen mussten. Ich nehme aber an, dass es Herrn Storey nicht gut ging (Er trat auch nur sehr kurz vor den Vorhang, was man ihm natürlich auch als Angst, aufgebuht zu werden, auslegen kann.), denn ich weiß nicht, wie er in seiner gestrigen Verfassung einen Tristan, den auch sein Repertoire aufweist, singen kann. Bei einer Indisposition hätte er allerdings angesagt werden müssen. Ich hoffe jedenfalls für ihn, dass er seine Qualitäten im April 2012 als Canio unter Beweis stellen wird. Im Übrigen rechne ich mit einer Umbesetzung für die nächsten drei Ariadne-Vorstellungen. Nein, das Hausdebüt des Britten ist wirklich nicht geglückt. Ich würde gerne Stephen Gould in dieser Rolle erleben. Jeffrey Tate war schon für die letzte "Ariadne"-Serie im März 2011 vorgesehen, die krankheitshalber absagen musste. Es gelang dem Hausdebütanten, das Staatsopernorchester zu einer sehr guten Leistung zu bringen. Auf hohem Niveau sei der Einwand gestattet, dass ich mir bei der Zerbinetta-Arie etwas mehr Tempo gewünscht hätte; ansonsten gelang es Herrn Tate, die Feinheiten der Partitur sehr gut herauszuarbeiten und ein schönes Klangbild zu erzeugen. Ich plane, die nächste Vorstellung am Samstag (10. September) auch zu besuchen; vielleicht kann ich mein strenges Urteil über einige Sänger revidieren.
Billy :hello
Billy Budd (12.09.2011, 00:27): Wiener Staatsoper Samstag, den 10. September 2011 ARIADNE AUF NAXOS Richard Strauss
Den Besuch der gestrigen „Ariadne“-Aufführung habe ich nicht bereut, zumal sich fast alle Mitwirkenden in einer besseren Verfassung als am Mittwoch zeigten. Die einzige Umbesetzung betraf die Rolle des Komponisten, die gestern von Stephanie Houtzeel gestaltet wurde. Frau Houtzeel hatte die Rolle schon im März 2011 gesungen und da ich noch diese Darbietung im Ohr hatte, wurde ich gestern doch positiv überrascht. Ich bin zwar nach wie vor der Meinung, dass kein „wirklicher“ Mezzo auf der Bühne stand (Zum Beispiel hatte ich während dem Dialog mit Zerbinetta gegen Ende des Vorspiels Mühe, die beiden Stimmen zu unterscheiden.), sondern Frau Houtzeel eher ein „fauler Sopran“ ist, aber sonst brachte sie eine überraschend gute Leistung (sieht man von einigen schrillen Höhen ab), die auch mit viel Applaus quittiert wurde. Um einen Hauch besser als am Mittwoch agierte Ian Storey als Bacchus. Freilich: Höhen waren nicht hörbar, aber er bemühte sich sehr, sein Tremolo in Grenzen zu halten. Ich hatte den Eindruck, dass er erleichtert schien, bei seinem Schlussvorhang keine Missfallenskundgebung hinnehmen zu müssen. Jochen Schmeckenbacher als Musiklehrer ist auf der „Haben“-Seite zu buchen. Er artikulierte sehr deutlich und auch stimmlich gab es nichts auszusetzen. Auch Camilla Nylund hat sich deutlich verbessert; ihr Tremolo machte sich weniger stark bemerkbar und ihre Stimme schaffte es, über das Orchester zu kommen. KS Herwig Pecoraro zeigte sich in deutlich besserer Verfassung, dennoch bin ich der Meinung, dass er besser im Charakter-, als im Buffofach aufgehoben ist. Besonders Daniela Fally hat mich gestern begeistert. Die schwierigen Koloraturen meisterte sie scheinbar mühelos und sie verkörperte diese Person ganz entzückend (Ohne so naiv und verspielt wie Julia Novikova – die Zerbinetta der Vorstellungen im März 2011 – zu wirken.). Es ist schade, dass Direktor Meyer das Potenzial, welches in Frau Fally steckt, offensichtlich nicht erkennt, denn wie wäre es sonst erklärbar, dass – nur ein Beispiel – in der katastrophalen Nozze-Premiere im Februar 2011 die Neuerwerbung Sylvia Schwartz die Susanna sang und Frau Fally als Barbarina aufgeboten wurde? Weiteres würde ich Frau Fally gerne als Adina, Zerlina, Despina, Rosenkavalier-Sophie (Im Dezember 2010 kam sie zu Einspringerehren – immerhin!) und Oscar erleben. Alexander Pereira möchte ich in Zukunft nicht mehr als Haushofmeister begegnen; es ist schade, dass er den Text dermaßen herunterleierte und undeutlich sprach. Während die drei Nymphen (Ileana Tonca – Najade, Juliette Mars – Dryade und KS Ildiko Raimondi – Echo) gegenüber Mittwoch etwas abfielen, wurden die vier Komödianten mit hervorragenden Ensemblemitgliedern besetzt: Clemens Unterreiner (Dessen Stimme mir schon etwas zu schwer für den Harlekin scheint.), Peter Jelosits – Scaramuccio, Benjamin Bruns (Der übrigens nächsten Sommer in Bayreuth den Steuermann im "Holländer" singen wird.) – Brighella und Wolfgang Bankl – Truffaldin. Warum die Kritiken für Jeffrey Tate nicht ganz positiv ausfielen, erschließt sich mir nicht. Herr Tate wählte ein langsames Tempo (Und ich kann es gar nicht leiden, wenn ich das Gefühl habe, ein Dirigent wolle nur möglichst schnell zum Ende kommen.) und es gelang ihm, einen ausgezeichneten Klang zu erzeugen. Mir tut es leid, dass ich für die nächsten beiden Aufführungen keine Zeit habe – da sich die gestrige um einiges besser als die vorherige zeigte, halte ich es durchaus für möglich, dass am 14. September eine nahezu großartige Vorstellung geboten wird. Billy :hello
Dulcamara (13.09.2011, 00:24): Die Ariadne am Sonnabend habe ich auch gesehen und kann nun endlich auch einmal in diesem Thread posten! Dank Severina, die uns bei der Platzwahl sehr unterstützt hat, haben wir auch ganz wunderbar gesessen!
Den meisten Urteilen von Billy Budd kann ich mich anschließen. Ian Storey hatte in der Tat keinen besonders guten Abend erwischt, ich habe ihn als Tannhäuser in Frankfurt aber schon schlechter erlebt - allerdings auch besser, als Tristan in Berlin und in der Aufzeichnung aus der Scala. Stephanie Houtzeel hat mir sehr gut gefallen, sie hat den Komponisten sehr ausdrucksstark gestaltet. Die für mich stärkste Leistung des Abends bot aber Camilla Nylund als Ariadne, das war ein wirkliches emotionales Rollenporträt, intensiv gerade zu Beginn des Hauptstücks. Daniela Fally, der in der Tat große Sympathien des Publikums zuflogen, hat mich hingegen nicht so begeistert wie Billy Budd. Anders als Billy schien es mir, dass sie sich schon arg konzentrieren musste, um die zweifellos hochgradig anspruchsvolle Partie hinzukriegen (was ihr dann auch ohne Einschränkung gelang). Für eine Ausgestaltung der Rolle hatte sie dann aber keine Ressourcen mehr übrig. Kein Vergleich zum Beispiel mit Dessay auf der Amor-CD (und ich bin sonst wahrlich kein großer Dessay-Fan). Die Bravos schienen mir dann auch fast ein wenig mehr auf ihre Rolle gemünzt, schließlich fehlt es diesem Libretto gewaltig an Identifikationsfiguren. Das Dirigat von Tate hat mir wie Billy Budd auch gerade angesichts der langsamen Tempi gut gefallen.
Severina (13.09.2011, 13:14): Lieber Dulcamara, das freut mich, dass es mit den Plätzen geklappt hat und Ihr einen schönen Opernabend genießen durftet! Ich kann leider zu dieser Vorstellung nichts sagen, denn Richard Strauss zählt zu den Komponisten, an die mir die Annäherung einfach nicht gelingen will. Aber vielleicht wird's ja noch, bei Wagner war ich auch ein ausgesprochener Spätzünder :D!
lg Severina :hello
Billy Budd (13.09.2011, 23:28): Lieber Dulcamara, mich freut es, dass Du auch die Vorstellung besucht hast und hier Deine Eindrücke kund tust. Mir persönlich gefällt die sehr leichte und leise Stimme von Camilla Nylund, die leider auch ein Tremolo aufweist, nicht besonders gut, aber am Samstag war ich sehr positiv überrascht. Hast Du denn Frau Nylund schon vorher gesehen? Was die Zerbinetta angeht, kenne ich die Dessay-CD nicht, aber meines Erachtens nach hat Frau Fally die Rolle sehr gut gestaltet (Damit meine ich unter anderem, dass sie nicht so kalt und seelenlos wie Edita Gruberová, die ich in dieser Rolle live ganz knapp verpasst habe, die Kolloraturen sang.) und auch darstellerisch keine Wünsche offen gelassen. Ich persönlich würde noch sehr gerne erfahren, wie Dir der Musiklehrer und der Tanzmeister gefallen haben. Original von Dulcamara Die Bravos schienen mir dann auch fast ein wenig mehr auf ihre Rolle (Zerbinetta, Anm.) gemünzt Bei uns in Wien ist dies desöferen der Fall (Zum Beispiel werden bei der Zauberflöte meist die Königin der Nacht und Papageno am heftigsten beklatscht, auch wenn diese Julia Novikova und Hans Peter Kammerer heißen ...), was ich auch nicht gerne sehe, aber diesbezüglich nichts unternehmen kann. Ich werde es übrigens doch noch in die morgige Ariadne-Aufführung schaffen (Deshalb musste ich auf den heutigen "Don Giovanni" verzichten, aber beides wäre sich nicht ausgegangen.) und ich bin schon aif den Abend sehr gespannt. Billy :hello
Billy Budd (15.09.2011, 22:43): Wiener Staatsoper Mittwoch, den 14. September 2011 ARIADNE AUF NAXOS Richard Strauss
Da sich die Aufführung am 10. September im Vergleich zu der am 7. September um einiges verbessert zeigte, war ich nicht allzu überrascht, dass gestern eine überdurchschnittlich gute Vorstellung geboten wurde. Das Publikum setzte sich nur zu einem geringen Teil aus Stammbesuchern zusammen, weswegen meine Verwunderung ob dem „Bravo“ eines Besuchers bei dem Solovorhang von Ian Storey nicht allzu groß war. Vorweg: Seine Darbietung hat sich nicht verbessert. In seinen kurzen Auftritten im Vorspiel schlug er sich wacker, allerdings möchte ich über das, was er im Finale geboten hat, am liebsten den Mantel des Schweigens breiten. Die „Circe“-Rufe waren sehr arg verwackelt und kaum hörbar; als er dem Ende zu mehr Stimme gab, machte sich ein übermäßig starkes Tremolo bemerkbar und an Höhen versuchte er sich erst gar nicht. Darstellerisch kann man in dieser Rolle nicht wirklich patzen, aber optisch bildete er mit Frau Nylund ein schönes Paar, zumal er sie körperlich ein bisschen überragte. Alexander Pereira als Haushofmeister ist bestenfalls ein Witz; nur die Direktion alleine weiß, warum Herr Pereira öfters in dieser Rolle eingesetzt wird. Mich überraschte es sehr, dass mir die vielgescholtene Stephanie Houtzeel in der Rolle des Komponisten um einiges besser als Sophie Koch gefallen hat. Frau Kochs Stimme ist zwar etwas schöner als die der Erstgenannten, doch gestaltete sie meines Erachtens nach diese Rolle weniger facettenreich und mich störte ihr Tremolo. Doch von jetzt ab kann ich nur noch Positives vermelden. Camilla Nylund hat mir gestern zum ersten Mal sehr gut gefallen. Ihr Tremolo verschwand fast zur Gänze und abgesehen davon, dass ich für die Rolle der Ariadne eine Sängerin mit voller und voluminöser Stimme bevorzuge (Um ein Beispiel zu nennen: Adrianne Pieczonka wäre hier optimal.), punktete Frau Nylund auch mit ihrer intensiven Gestaltung. Die Szene „Es gibt ein Reich“ stellte für mich den Höhepunkt ihrer Darbietung dar; sie meisterte anstandsvoll sowohl die Tiefe des „Totenreichs“, ihr gelang auch die Höhe des „Hermes“ und – was mich am meisten beeindruckte – von fast tonlosem Beginn war die emotionale Steigerung bis hin zu „Du wirst mich befreien“ ganz deutlich spürbar. Eine meines Erachtens nach noch bessere Interpretin wurde in Daniela Fally für den Part der Zerbinetta gefunden. Ich möchte nicht in Lobhudelei ausbrechen, aber Frau Fally hat sich gestern selbst übertroffen; so gut habe ich sie überhaupt noch nie gehört. Da passte einfach alles – eine Zerbinetta, wie ich sie mir wünsche. Nie hatte ich das Gefühl, ihr bereite eine Phase Mühe. Die ganze Rolle meisterte sie auch sehr wortdeutlich und – was ich besonders schätzte – sie spiele kein süßes, junges Mäderl, sondern sie verkörperte eine durchaus resolute Darstellerin, die sich zu behaupten weiß, aber auch sichtlich Freude hat, die vier Buffoleute zu necken. Mein Höhepunkt war aber nicht die „Großmächtige Prinzessin“, sondern das Zwiegespräch mit dem Komponisten im Vorspiel. Alleine, wie sie den Satz „Auf dem Theater spiel’ ich die Kokette“ gestaltete, verdient Bewunderung. Beide Damen wurden gebührend bejubelt. Gleich im Anschluss möchte ich den von KS Herwig Pecoraro verkörperten Tanzmeister lobend erwähnen. Ich hatte zwar den Eindruck, dass er sich – zumal er heute als Bardolfo angesetzt ist – etwas schonte, aber mir gefällt von Mal zu Mal sein etwas metallisches Timbre besser. Mir ist seine Stimme für den Tanzmeister schon zu schwer; ich würde ihn gerne als Herodes erleben. Jochen Schmeckenbacher sang einen guten Musiklehrer, nur drückte er diesmal zu sehr auf die Stimme. KS Franz Grundheber müsste ein idealer Interpret sein. Während Peter Jelosits (Scaramuccio), Ileana Tonca (Najade), Juliette Mars (Dryade) und KS Ildiko Raimondi (Echo) eher unauffällig agierten, stachen Clemens Unterreiner (Harlekin), Wolfgang Bankl (Truffaldin) und Benjamin Bruns (Brighella) positiv heraus. Nicht unerwähnt soll auch noch der gute Lakei von Marcus Pelz bleiben. Jeffrey Tate wählte diesmal etwas schnellere Tempi, dennoch gelang es ihm abermals, das Staatsopernorchester zu einer außergewöhnlich guten Leistung zu bringen. Vor allem war er den Sängern eine verlässliche Stütze und ich freue mich jetzt schon auf seine „Rosenkavalier“-Dirigate im April 2012.
Billy :hello
Billy Budd (17.09.2011, 12:24): Wiener Staatsoper Freitag, den 16. September 2011 IL BARBIERE DI SIVIGLIA Gioachino Rossini
In der gestrigen Aufführung des „Barbiere“ wurden entgegen dem Trend der Direktion alle Hauptrollen mit Sängern besetzt, die großen Wert auf Lautstärke legten und denen man eine „Zwergerlstimme“ nicht attestieren kann. Ausnahme hiervon war Hans Peter Kammerer als Fiorello, der wie gewohnt unauffällig, leise und wortundeutlich agierte. Zu Beginn möchte ich aber die stärkste Leistung des Abends nennen, die eindeutig von KS Alfred Šramek ausging. Es ist sehr schön, dass Herr Šramek, der vor nicht allzu langer Zeit an Krebs erkrankt war und dessen Stimme in der vorigen Saison an manchen Abenden doch brüchig klang, seine alte Frische wieder erreicht hat. Gestern trat er wirklich in stimmlicher Hochform an und ließ sich auch – wie öfters – kleine Einlagen einfallen. Dass er bei der Verballhornung seines Namens durch Almaviva diesen ein „Rindvieh“ nennt, ist schon bekannt; neu waren unter anderem seine tänzerischen Einlagen während der Musikstunde mit Don Alfonso, die für Unterhaltung im Zuschauerraum sorgten. Es ist Herrn Šramek auf das Herzlichste zu wünschen, dass dieser Trend anhält. Ein fast ebenbürtiger Basilo wurde ihm in Sorin Coliban zur Seite gestellt. Laut Planung hätte Adam Plachetka singen sollen, der allerdings diese Tage als Don Giovanni einspringt. Wie auch immer, Herr Coliban war sicher die bessere Alternative. Jedes Mal erfreue ich mich an seinem imposanten, aber weich strömenden Bass, den er gestern aber auch – wenn es notwendig war – zurücknahm. Er bemühte sich darstellerisch sehr, aber trotzdem wirkte er für diese Rolle zu jung. Caroline Wenborne ist eine Luxusbesetzung für die doch sehr kleine Rolle der Marcellina. Mir gefällt ihr sattes und angenehmes Timbre und auch darstellerisch kann man keine Abzüge machen. Besonderes Interesse galt Dmitry Korchak, der als Almaviva aufgeboten wurde. Einschränkend muss bemerkt werden, dass sein Timbre eher hart, als weich und „italienisch“ klang, ansonsten bot er eine sehr gute Leistung und konnte auch mit seiner großen Höhe punkten. Sehr starker Applaus wurde ihm nach der sehr selten gebotenen Arie im 2. Akt zuteil. Laura Polverelli, die vor fast einem Jahr den Maffio Orsini in „Lucrezia Borgia“ sang, wurde nun als Rosina besetzt und hinterließ einen eher durchschnittlichen Eindruck. Ihr Mezzosopran, der mit einem Durchschnittstimbre gesegnet ist, weist leider ein sehr starkes Vibrato auf und sie wirkte manchmal am Geschehen unbeteiligt (So glaubte ich ihr die Empörung, als sie erfährt, dass Lindoro sie an Almaviva verschachern will, nicht.). Lässt man die Interpreten der Titelrolle Revue passieren, so kommt man zu der Erkenntnis, dass es in letzter Zeit viel bessere (Adrian Eröd), aber auch schlechtere (Tae Yoong Yang) als Levente Molnár gegeben hat. Herr Molnár outrierte die ganze Zeit maßlos und sang die ganze Partie im Dauerforte, aber sehr ungenau. Den üblichen Spitzenton in seinem Auftrittslied ließ er aus, legte aber zu meinem Unbehagen einige andere gekreischte Höhen ein. Jacek Krzyszkowski war ein sehr schwacher Offizier; ich störte mich an seiner unangenehmen und kratzenden Stimme. Michael Kuchar machte als Ambrogio seine Sache gut. Wäre ein besserer Dirigent als Michael Güttler, der letzte Sasion meiner Meinung nach einen sehr schlechten „Rigoletto“. eine katastrophale „Ariadne“ und einen recht guten „Eugen Onegin“ hinterlassen hat, am Pult des Staatsopernorchesters gestanden, hätte die Aufführung sicher an Qualität gewonnen. Herr Güttler klopfte – wie es mir schien die Partitur lieblos und in einer derartigen Gehetztheit ab, sodass besonders in den Ensemblestellen einige Sänger Mühe hatten, nachzukommen und deckte mit seiner Lautstärke besonders die Interpretin der Rosina zu. Kurzer Applaus beschloss einen recht ordentlichen Repertoireabend.
Billy :hello
Fairy Queen (19.09.2011, 16:27): Lieber Billy Budd, Laura Polverelli hat mich vor einiger Zeit in Lüttich als Bellini-Romeo auch ziemlich enttäuscht. Das Vibrato ist eklatant und das timbre gefällt mir nicht. In dieser Rolle ist das besonders schlimm, weil Bellini vom Schönklang lebt und wenn man dann nicht mal mit Virtuositât etwas gutmachen kann, wie etwa bei der Rosina, wird es noch fataler. Aber gute Belcanto Sänger sind halt trotz allem weiterhin Mangelware. Liebe Grûsse von Fairy Queen
Billy Budd (20.09.2011, 14:24): Liebe Fairy Queen, danke für Deine Rückmeldung. Ihr Timbre ist ja in der Tat nicht besonders auffallend und sie hatte auch mit den Koloraturen Mühe. Wir werden sie in Wien diese Saison noch öfters als Rosina und Dorabella sehen, vielleicht verbessert sie sich ja noch (oder ich muss mich an sie gewöhnen). Original von Fairy Queen Aber gute Belcanto Sänger sind halt trotz allem weiterhin Mangelware. Ich persönlich meine, dass uns nicht nur Belcanto-Sänger fehlen, sondern auch dass auch gute Heldenbaritone, Charaktertenöre und (Hoch-)Dramatische Soprane auf sich warten lassen. Da ja andere Opernfreunde das Gegenteil behaupten, werde ich vielleicht einmal einen Thread über dieses Thema eröffnen. Billy :hello
Billy Budd (29.09.2011, 15:09): Wiener Staatsoper Mittwoch, den 28. September 2011 EUGEN ONEGIN Pjotr I. Tschaikowski
Der gestrige Abend brachte das – wie aus mehreren Gesprächen hervorging – mit Spannung erwartete Rollendebüt von Markus Eiche in der Titelrolle; um so größer war mein Erstaunen, dass sich wenige Stammbesucher auf dem Stehplatz einfanden. Geboten wurde eine Vorstellung auf durchaus hohem Niveau, die sich aber nicht mit der Serie im Juni 2011 messen kann. Uneingeschränkt ist Pavol Breslik, der auch vor einigen Tagen einen sehr guten Ottavio geboten hatte, als Lenski zu loben. Sowohl seine leichte, fast schwebende Stimme, als auch sein Äußeres passt hervorragend zu dem schwärmerischen Poeten. Auf hohen Niveau muss ich bemerken, dass ich mir bei dem Beginn von „Kuda, Kuda“ etwas mehr Schmelz gewünscht hätte, ansonsten ließ er keine Wünsche offen. Eine fast ebenbürtige Olga wurde ihm in Nadia Krasteva zur Seite gestellt. Mit ihrem dunklen und verführerisch klingenden Mezzo wurde sie den Ansprüchen der Rolle gerecht; konnte auch ebenfalls mit ihrem Äußeren punkten. Einschränkend muss bemerkt werden, dass sie meines Erachtens nach den Part zu teilnahmslos verkörperte. Wie schon erwähnt, sang Markus Eiche seinen ersten Wiener Onegin und hinterließ einen eher zwiespältigen Eindruck. Mir schien es, als fühle er sich in der Rolle nicht wirklich wohl (Was man natürlich auf die Debütnervosität schieben kann.) und es gelang ihm nicht, der Rolle Profil zu verleihen (Zum Beispiel wirkte er mir zu Beginn zu wenig blasiert, sondern eher aggressiv und bei der Ballszene zu unbeteiligt.) und auch sängerisch wurde ich nicht restlos glücklich. Der Abend stellte meine Erstbegegnung mit Olga Guryakova dar, die mir doch ein klein wenig besser als anderen Besuchern gefallen hat. Ich neige immer dazu, Vergleiche mit den vorigen Serien zu tätigen und da ich diesmal die fabelhafte Maija Kovalevska im Ohr hatte, enttäuschte mich Frau Guryakova leicht. Die Höhen geraten schrill und scharf und es gelang ihr nicht so recht, die Wandlung von den Mädchen zur Dame glaubhaft zu vermitteln. Enttäuscht war ich von Ain Anger, einem Bassisten, der meist solide Leistungen erbringt (Mit Ausnahme Hunding und Orest – besonders ersteren gestaltet er hervorragend; nur als Titurel gefällt er mir nicht.), doch gestern hatte er offensichtlich mit einer Indisposition zu kämpfen. Sein imposanter Bass hörte sich gestern sehr heiser an und war auf der Galerie recht schwer zu hören. (Nebenbei bemerkt: Die Arie „Lyubvi vsye vozrasti pokorni“ gehört für mich zu den schönsten Stellen in „Eugen Onegin“.) Ich gehe aber davon aus, dass sich Herr Anger in keiner guten Verfassung befand (Allerdings hätte er in diesem Falle angesagt werden müssen.), denn im Juni – als er zwischen vier Onegin-Vorstellungen noch zwei Mal den Hunding sang – bot er eine sehr gute Leistung. Darüber hinaus ist Herr Anger optisch für den Gremin eine Fehlbesetzung. Der gutaussehende junge Mann wirkt körperlich viel zu sehr attraktiv, auch wenn er bemüht war, seine Bewegungen an die eines Greises anzupassen. Zum wiederholten Male denke ich mir, dass unser Walter Fink eine Idealbesetzung darstellen würde. Das neue Ensemblemitglied Monika Bohinec debütierte als Larina und agierte unauffällig und ein Tremolo störte die Darbietung – ein genaueres Urteil kann man wohl erst nach einer anderen Partie abgeben. Aura Twarowska war eine gute, aber nicht herausragende Filipjwena. Marcus Pelz verkörperte sowohl den Triquet, als auch den Hauptmann solide. Norbert Ernst war ein exzellenter Triquet, aber in dieser eher undankbaren Partie hat man nicht allzu viel Gelegenheiten, zu glänzen. Ich gebe zu, gestern kaum auf das Orchester geachtet zu haben, weswegen ich die Leistung des Dirigenten Louis Langrèe nicht beurteilen kann. „Da ist gar nichts Russiches dabei“, meinte eine Besucherin. Gerüchten zufolge soll es nächste Saison eine Neuinszenierung mit Anna Netrebko geben.
Billy :hello
EDIT/KORREKTUR: Marcus Pelz sang nicht - wie fälschlicherweise angegeben - Triquet, sondern Saretzki.
Billy Budd (01.10.2011, 13:16): Der erste Monat der zweiten Ära des Staatsoperndirektors brachte im Großen und Ganzen zufriedenstellende Leistungen. Der groß angekündigte Auftakt war für mich trotz bekannter Namen enttäuschend; wenn man von einem katatstrophalen Bacchus absieht, gab es ansonsten keinen Ausfall. Es ist schön, dass die allmonatlichen Vormittags-Matineen, in denen Ensemblesänger auftreten, fortgesetzt werden.
Ich weiß nicht, wie andere Mitglieder die Sache sehen, aber zumal ich fast jede Serie mindestens einmal besuche, halte ich es durchaus nicht für schlecht, eine Übersicht über besonders herausragende (positiv, wie negativ) Darbietungen zu erstellen. Dies soll naürlich keine sinnfreie Top-/Flop-Liste, sondern nur ein völlig subjektiver Rückblick sein.
Meiner Meinung nach ...
Außergewöhnlich guter Hauptdarsteller aus dem Ensemble: Daniela Fally (Zerbinetta); KS Alfred Šramek (Bartolo), Adam Plachektka (Don Giovanni).
Außergewöhnlich guter gastierender Hauptdarsteller: Genia Kühmer (Zdenka); Pavol Breslik (Lenski).
Außergewöhnlich schwaches Dirigat: Michael Güttler (Barbiere).
Nicht einbezogen wurde "Alcina", denn diese Produktion schaue ich mir erst im Oktober (morgen) an.
Billy :hello
Nachtrag: Da ich über die insgesamt recht guten die Vorstellungen von "Don Giovanni" und "Falstaff" wegen mangelnder Werkkenntnis und fehlender Vergleichsmöglichkeiten keinen Bericht verfasst habe, hier in Stichworten meine Eindrücke: Don Giovanni: Dirigat von Lange schnell, aber nicht überhetzt; Plachetka in der Titelrolle sehr gut (Einspringer für Skovhus); Papatanisu (Anna) klang die ganze Zeit überanstrengt; Hartelius (Elvira) gut; Breslik (Ottavio) seht gut; Esposito (Leporello) Mittelmaß; Hartig (Zerlina) überraschend gut; Yang (Massetto) besser als erwartet; Dohmen (Komtur) eine Fehlbesetzung. Falstaff: Dirigat von Altinoglu sehr gut (Details gut herausgearbeitet); Maestri (Falstaff) sehr gute Höhe, Tiefe könnte profunder sein, sonst gute Leistung; Raimomdi (Alice) viel besser als erwartet, nur etwas leise, gute Darstellung; Caria (Ford) etwas enttäuschend, keine aufregende Gestaltung; Krasteva (Meg Page) unauffällig; Lemieux (Quickly) gut, nur einige schrille Höhen störten; Chung (Fenton) Schwachpunkt der Aufführung, dünne Stimme, Tremolo; Schwartz (Nanetta) im Vergleich zur Susanna stark gebessert, aber Stimme noch immer leicht gepresst, nette Darstellung; Roider für Cajus optimal; Monarcha (Pistola) unauffällig; Pecoraro (Bardolpho) gut.
Severina (07.10.2011, 19:16): Meine Spannung vor der heutigen GP war nicht ganz so groß wie sonst, denn da es sich bei unserer neuen "Traviata" um eine Koproduktion mit Aix-en-Provence handelt, die schon am 16. Juli über die Bildschirme geflimmert war, wusste ich diesmal ja in etwa, was mich erwartete. Wobei ich gleich vorwegnehmen will, dass mein Urteil nach dem Liveeindruck nicht ganz so vernichtend ausfällt wie nach der TV-Übertragung, aber noch immer nicht euphorisch, was den szenischen Teil betrifft.
Regisseur Jean Francois Sivadier wollte sich offensichtlich nicht dem Vorwurf aussetzen, ein konservative Inszenierung abgeliefert zu haben, aber eine zündende Idee, wie man die "Traviata" unter einem neuen Aspekt betrachten könnte, wollte sich ebenso offensichtlich auch nicht einstellen. In so einem Fall eines kreativen Vakuums greift man am besten in die Mottenkiste. Heraus kam dann das weidlich abgelutschte Sujet vom "Theater im Theater", wir erleben also keine Opernaufführung, sondern beobachten ein Ensemble beim Einstudieren einer solchen. Hach, wie trendy, und hach, wie langweilig....
Wie man auf witzige Weise zwischen den verschiedenen Spielebenen pendeln und einem albernen Libretto auf diese Weise besonderen Drive verleihen kann, hat Mary Zimmermann auf exemplarische Weise mit ihrer "Sonnambula" in NY vorexerziert. Nun ist das Libretto der "Traviata" weder albern noch besonders unlogisch, es muss ihm also nicht auf die Sprünge geholfen werden. Der Sinn, die Oper als Probe ablaufen zu lassen, könnte also nur darin bestehen, auf raffinierte Art und Weise die beiden Ebenen zu verschränken, die eine sich in der anderen spiegeln zu lassen, ein Vexierspiel mit echten und nur fingierten Gefühlen anzustellen. Aber genau das scheint nicht in der Absicht von Monsieur Sivadier gelegen zu haben - oder bin ich einfach nur zu dumm, den doppelten Boden zu entdecken?? Was er zeigt, ist ein eher provinzielles Opernensemble, das "La Traviata" probt - basta. Nun gut.
Natürlich wurde auch in Wien gründlich geprobt - schließlich wurden bis auf Alfredo und Violetta alle Rollen neu besetzt - und dabei das eine oder andere im Vergleich zur Serie in Aix-en-Provence verändert.
So darf man in Wien die Ouverture ungestört genießen, denn das, was sich im Sommer zur Musik abgespielt hat, sieht das Wiener Publikum schon vorher: Sänger, Bühnenarbeiter, Requisiteure, die sich zu einer Probe einfinden, teils schon geschäftig ihre Tätigkeit aufnehmen, teils noch zwanglos plaudernd herumstehen. Man hat also Zeit, das Bühnenbild zu betrachten: Eine nackte, grauschwarze Ziegelwand mit Pseudopilaster, eine Reihe kleiner Kronleuchter, die meist knapp über den Köpfen der Sänger baumeln, in einigen Szenen aber in den Schnürboden entschweben, ein einfacher Tisch mit Sessel in der linken Ecke, was als Regiepult interpretiert werden kann, weitere Stühle derselben Machart, vorerst aufeinandergestapelt, einige Bierkisten - Proben macht offensichtlich durstig. An dieser Szenerie ändert sich nicht viel, fallweise werden einfache Rollprospekte heruntergelassen, die einen Wolkenhimmel, eine Blumenwiese oder einfach nur einen nicht näher zu definierenden Goldhintergrund zeigen. Mit dem Bühnenbild kann ich sehr gut leben - welche Wohltat, dieser Minimalismus, nach der mit historisierendem Krempel vollgeräumten Bühne der alten Schenk-Traviata!! Das Publikum reagierte übrigens ziemlich irritiert auf dieses stumme Vorspiel und steuerte die Akustik in Form von Wetthusten und Räuspern bei. Kurz bevor die Musik einsetzt reduziert ein blaugrauer Seidenvorhang die Bühne auf einen schmalen Streifen über dem Orchester, Platz genug für einen kleinen Tisch samt Sessel, auf dem nun Violetta für ihren Auftritt geschminkt wird. Das besorgt Anina, die hier wohl Vertraute und Garderobiere ist. Zunehmende Nervosität vor dem Auftritt erfasst die Sängerin, unruhig wandert sie auf und ab, den Text memorierend, und erwartet mit hinter dem Rücken gekreuzten Fingern das Aufziehen des Vorhangs und damit den Probenbeginn. Auf der Bühne hat sich inzwischen auch der Chor eingefunden, der Regisseur wuselt herum und schubst alle in die richtige Position. Und hier nun erweist sich Monsieur Sivadier als geniales Schlitzohr: Was tut man, wenn einem zum Chor nichts einfällt?? Man zeigt einen Regisseur auf einer Probe, dem zum Chor nichts einfällt :D! Daher dürfen die Damen und Herren wie Götzen schön ausgerichtet in Zweierreihen das Ensemble einrahmen und ihre Töne abliefern, mehr wird ihnen nicht abverlangt. Auch die Solisten versucht der Pseudoregisseur in ein 0815-Korsett zu pressen, kaum agieren Alfredo und Violetta halbwegs natürlich, rückt er ihnen schon auf die Pelle, richtet ihre Köpfe aus, lässt ihre Hände antiquierte Operngesten vollführen usw. Ein paar nette Gags gibt es ja in diesem ersten Akt, etwa wenn Alfredo kurz vor dem Brindisi die Nerven wegschmeißt und erst nach massivem Mutzusprechen des Regisseurs zu seiner Strophe ansetzt. Dann lässt er sich erleichtert auf einen Stuhl plumpsen und tut, als ginge ihn der Rest nichts mehr an. Hausaufgabe erledigt! Auch die Eifersucht Douphols wird schon jetzt schön herausgearbeitet, basiert aber sehr plausibel vorerst eher auf dem Neid des Baritons auf den Tenor, des Inhabers einer Wurzenrolle auf den Star, dem am Schluss alle zujubeln werden. Clemens Unterreiner, generell ein ausgezeichneter Singschauspieler, kann hier wohl sehr glaubhaft eigenen Frust einbringen...... Was für mich diese Inszenierung heute trotz meiner Einwände gegen das Konzept an sich so spannend machte, dass ich im Unterschied zur TV-Übertragung wirklich gefesselt war, war das allmähliche Hinübergleiten von der Künstlichkeit zur Natürlichkeit. Während wie schon geschildert anfangs alles gestellt ist, weichen die Posen im Verlauf der "Probe" immer mehr echten Gefühlen, identifizieren sich Violetta und Alfredo immer mehr mit ihren Rollen, bis eben ein Punkt erreicht ist, wo man sich fragt, ob das immer noch alles nur Spiel ist. Sehr gelungen zeigt sich das schon beim ersten Duett Violetta-Alfredo: Zunächst bemühen sich beide, die einstudierten Gesten umzusetzen, korrigieren sich gegenseitig, wenn einer vergisst, die Hand theatralisch gegen die Brust zu pressen, sie dreht seinen Kopf Richtung Publikum, als er sie einmal zu intensiv anschaut (Auf Ins-Publikum-Schauen hat sie ihr Regisseur gleich zu Beginn der Probe gedrillt!), aber dann versinken sie immer mehr in der Gefühlswelt ihrer Charaktere, bis sie schließlich auf alle Regieanweisungen pfeifen. Im Laufe der Aufführung/Probe bröckelt die Künstlichkeit immer mehr ab, brechen sich immer mehr echte Gefühle Bahn - wobei eben nicht klar wird, ob diese Gefühle nur Violetta oder doch der Sängerin der Violetta gelten - bis hin zum hoch emotionalen Ende. Stirbt Violetta nur einen Bühnentod oder wirklich? Schon bei jener stummen Szene während der Ouvertüre, als sich Violetta auf den Auftritt vorbereitet, tritt der Arzt herein und verabreicht ihr eine Medizin. Also ist sie scheinbar wirklich krank. Schon im 1. Akt wird gezeigt, dass Violetta zu exzessivem Alkoholgenuss neigt, und im Laufe der Probe muss sie einige Male gewaltsam von der Wodkaflasche getrennt werden. Auch Alfredo ertränkt seinen (echten??) Liebskummer in Alkohol, so stört er die Probe zu Beginn des 3. Aktes immer wieder, indem er betrunken in die Szene torkelt und hinausbugsiert werden muss. Betrunken ist er offensichtlich auch, als er Violetta die große Szene macht, das erklärt vielleicht auch seinen Zusammenbruch, über den Solitaire und ich uns bei der TV-Übertragung so amusiert haben. Ja, ich gestehe, dass mir heute einiges von dem, was mich damals so enerviert hat, doch plausibel erschienen ist. Allerdings hat Monsieur Sivadier auch einige Szenen wirklich nachgebessert, so manches Unsinnige weggelassen. So lungert in der letzten Szene nicht mehr die halbe Komparserie auf der Bühne herum und sieht Violetta beim Sterben zu. Heute darf sie mit Alfredo über weite Strecken alleine sein, und ich muss sagen, dass gerade diese Szenen für Gänsehaut sorgten: Die kleine, zerbrechliche Violetta, wie eine leblose Puppe in den Armen ihres sehr virilen und stattlichen Alfredo (Bei meiner TV-Besprechung bezeichnete ich ihn als vokale Variante von Rock Hudson!) hängend, und rundherum nichts als die leere Bühne - das war ungemein stark. Ebenso ihr Sterben, wenn sie mit entrücktem Blick und erhobenen Armen im Lichtkegel zum Bühnenrand schreitet und vor dem Souffleurkasten zusammenbricht - da stockte mir wirklich der Atem. ABER, und damit wäre ich beim größten Einwand gegen diese Inszenierung: Ich wage mir nicht vorzustellen, wie sie mit einer anderen Violetta aussieht, denn das ganze Konzept ist maßgeschneidert auf Natalie Dessay. Es funktioniert einfach nur mit einer charismatischen Singschauspielerin, und es funktioniert vor allem nur, wenn in Zukunft jede Neubesetzung penibel und gründlich instruiert wird (ziemlich unrealistisch im Opernalltag), denn wenn die vielen stimmigen Details verflachen, bleibt unter dem Strich nichts mehr übrig. Wenn es einem Ensemble eben nicht gelingt, diese allmähliche Metamorphose von Künstlichkeit in Natürlichkeit glaubhaft zu vollziehen, verliert diese Produktion mE ihr einziges interessante Element und erstarrt in Langeweile. Genau das fürchte ich: Diese "Traviata" ist in meinen Augen nicht repertoiretauglich, in kurzer Zeit wird sie zu einer konzertanten Aufführung in Kostümen auf einer Probebühne verkommen.
Aber noch ist es gottlob nicht so weit, denn zumindest im PR-Block steht ein hochkarätiges Ensemble auf der Bühne, das seine Aufgaben mit 1+ bewältigt.
Natalie Dessay hat in einem Interview freimütig bekannt, dass ihre Stimme für die Violetta zu klein ist und sie mit dieser Partie ihre Grenzen überschreitet. Aber das Glücksgefühl, diese faszinierende Frau auf der Bühne gestalten zu dürfen, überwiegt alle Bedenken. Es ist im Traviata-Thread nachzulesen, dass ich bei der Fernsehübertragung von Frau Dessays stimmlicher Darbietung sehr enttäuscht war. Und nun sitze ich da und frage mich, ob heute einfach die Freude, eine meiner Lieblingssängerinnen endlich wieder einmal live erleben zu dürfen, mein Urteilsvermögen getrübt hat, denn ich muss gestehen, dass ich ohne Wenn und Aber begeistert war. Natürlich ist Frau Dessay keine Idealbesetzung für die Violetta, aber sie begeht nicht den Fehler, zu forcieren, ihre Stimme künstlich größer zu machen, sie gestaltet die Partie ganz aus ihren stimmlichen Möglichkeiten heraus und gelangt zu einem mich überzeugenden Ergebnis. Was ihrer Stimme an Volumen fehlt, macht sie mit der Intensität des Ausdrucks wett. Natürlich kann man diskutieren, ob eine so verinnerlichte, fast zarte Darbietung ihrer großen Arie zulässig ist, mich hat es zutiefst bewegt. Aus ihr spricht weniger überschäumende Lebenslust, kein zorniges Aufbegehren, sondern Sehnsucht, stille Resignation, Verzweiflung. Als Alfredo unter dem Balkon noch einmal sein Liebeslied anstimmt, formen ihre Lippen die Worte andächtig nach, wie traumverloren wiegt sie sich in der Illusion, es könne auch für sie ein Glück geben - umso verzweifelter ist dann die Ernüchterung, mit der sie das "Follie!" herausstößt. Es waren solche Momente, die mich über das banale Regiekonzept hinwegtrösteten. Noch nie hat eine Violetta am Schluss so zerbrechlich, so am physischen und psychischen Ende gewirkt wie Natalie Dessay. (Nein, auch Terese Stratas in der Verfilmung nicht!) Wenn sie ihre Perücke abstreift und damit den letzten Rest ihres einst glamorösen Lebens, kauert sie im Trägerhemdchen auf dem Stuhl, klein, schutzlos, ohne Hoffnung und so unendlich verletzlich. Dieses Bild werde ich wohl nie mehr los werden, und an diesemVergleich wird wohl jede Violetta in dieser Inszenierung scheitern.
Stimmlich wirkte Natalie Dessay wesentlich frischer und souveräner als in Aix, die Spitzentöne kamen frei und strahlend wie schon lange nicht mehr, und vor allem die Pianopassagen klangen zum Niederknien schön. Das engelhaft-zarte Timbre mögen andere für die Violetta als zu leichtgewichtig empfinden, aber so wie es die Sängerin in ihre Rollengestaltung integriert, passt es perfekt. (In der Pause gab es hinter mir eine hitzige Diskussion, ob nun Anna Netrebko oder Natalie Dessay die bessere Violetta sei, aber das heißt für mich, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Ich liebe beide, basta!) Ich wünsche Frau Dessay, dass sie ihre heutige Leistung bei der PR am Sonntag wiederholen kann. (Wieso es diesmal zwischen GP und PR nur einen Tag zur Erholung gibt, frage ich mich schon!)
Mein Urteil über den Alfredo Charles Castronovo muss ich nicht revidieren, ich komme nach der GP zu einem ähnlichen Ergebnis wie bei der TV-Übertragung. Er ist erfreulich anzuschauen, ein passabler Schauspieler, bewältigt die Partie auch stimmlich souverän. Den Schlusston der Cabaletta, der ihm in Aix ziemlich missglückt war, ließ er heute aus, aber das machen viele Tenöre, und vielleicht liefert er ihn bei der PR ja nach! Eigentlich hat Herr Castronovo eine beeindruckende, wirklich schön timbrierte Stimme, die Feuer und Sinnlichkeit verströmt. Eigentlich, weil ich selber nicht verstehe, warum er mich nicht so richtig mitreißt. Es gefällt mir, wie er singt, aber Herzklopfen erzeugt es nicht.
Ein Plus gegenüber Aix ist für mich die Besetzung des Giorgio Germont mit Fabio Capitanucci. Ich weiß, viele waren von Ludovic Tezier in dieser Partie so begeistert, für mich steht dieser Sänger immer nur für gepflegte Langeweile. Überschäumendes Temperament verriet zwar auch Capitanucci nicht, dennoch machte er als sittenstrenger Vater eine überzeugendere Figur als der Franzose. Ich finde auch seine markige Stimme schön, hatte aber stellenweise das Gefühl, dass sie noch nicht richtig fokussiert ist, denn zwischen wunderbar gezogenen Legatobögen begann sie manchmal merkwürig zu flattern. Aber mit 36 Jahren kann der Bariton dieses Problem sicher noch in den Griff kriegen.
Zoryana Kushpler sorgte als Flora für einen sexy Blickfang und bot auch gesanglich eine gewohnt solide Leistung.
Clemens Unterreiner holte aus der üblichen Wurzenrolle (diesmal war's der Douphol) das Optimum heraus. Allmählich frage ich mich wirklich, wann man ihm endlich eine größere Aufgabe anvertraut, das Zeug dazu hätte er. Ich wundere mich ehrlich gesagt, warum er die WSO nicht schon längst verlassen hat, wo man ihn offensichtlich am ausgestreckten Arm verhungern lässt. An Angeboten von kleineren Häusern dürfte es doch nicht mangeln.
Bleibt noch das Orchester unter der Leitung von Bertrand de Billy Die Philis lieben ihn, er liebt die Philis, und diese Liebesbeziehung führt regelmäßig zu beglückenden Ergebnissen für das Publikum. Es war ein dreistündiges Bad im Wohlklang, aber ohne sentimentalen Weichzeichner, die Geigen weinten, schluchzten aber nicht pathetisch, und nach dem Orchestervorspiel zum letzten Akt hätte ich am liebsten "Da capo!" gerufen. Ja, so muss Verdi klingen, um ihn von jedem Humptata-Klischée zu befreien.
Zum Schluss gab es heftigen Applaus, durchsetzt mit vielen Bravos. Allerdings machte jemand mitten im Floraakt nach dem in seinen Augen wohl unzulänglichen Ballett seinen Unmut mit einem lauten "Buh!" Luft. Ich fürchte also, Monsieur Sivadier muss morgen doch mit einigem Gegenwind rechnen!
Mein Fazit: Eine "Traviata" auf musikalischem Topp-Niveau, die in dieser Besetzung auch szenisch funktioniert, aber eben NUR in dieser!
lg Severina :hello
Heike (07.10.2011, 22:33): Liebe Sevi, das ist eine interessante Konstellation, erst die Fernsehübertragung, dann das live-Erlebnis zu haben. Finde ich irgendwie witzig (hatte ich so noch nie mit derselben Inszenierung). Natalie Dessay hatte mir ja bereits auf dem Bildschirm besser gefallen als dir, also ich beneide dich um diesen Abend! Heike
Billy Budd (08.10.2011, 10:41): Wiener Staatsoper Freitag, den 7. Oktober 2011 MADAMA BUTTERFLY Giacomo Puccini
Eine starke Verkühlung (Während einer Vorstellung erregen mich Dauerhuster ganz besonders, weswegen ich nicht als ein solcher auffallen wollte.) hinderte mich in den letzten Tagen an einem Opernbesuch. Ich war natürlich auf den gestrigen Abend gespannt, wurde aber bitter enttäuscht, zumal eine Aufführung, für die sich der Staatsoperndirektor eigentlich schämen sollte, geboten wurde. Fabio Armilatio – der vorgesehene Pinkterton – sagte kurzfristig ab, wodurch zu meinem Schrecken Marian Tababa zum Handkuss kann. Einem Einspringer ist einiges nachzusehen, aber trotzdem verstehe ich nicht, warum Herr Tababa, dessen Stärken im slawischen Fach liegen, öfters als Pinkterton eingesetzt wird (z. B. in den beiden vorangegangenen Terminen im März/April 2011 und an drei Abenden im März 2012). Die kehlige und gepresste Stimme hat keine Resonanz und klingt andauernd forciert. „Wenn er wenigstens nicht lispeln täte“, meinte ein Herr. Man sollte es nicht für möglich halten, dass diese unzureichende Leistung noch unterboten werden konnte, aber genau das tat Ejiro Kai, der mich unlängst als Paolo positiv überrascht hat. Er war nicht fähig, dem Part des Sharpless Profil zu verleihen (Ich hatte den Eindruck, er habe keine Ahnung, welchen Charakter er verkörpern soll.) und auch die raue Stimme spricht nur bei vollem Krafteinsatz an. Dazu kommt, dass Herr Kai eher als Bruder Cho-Cho-Sans, denn als amerikanischer Konsul durchgehen könnte, aber für sein Äußeres kann er nichts. „Madama Butterfly“ steht und fällt mit der Interpretin der Titelrolle, aber auch Daniela Dessi wurde den an sie gestellten Anforderungen nicht gerecht. Das Timbre ist sehr scharf und wird durch ein übermäßig starkes Tremolo gestört. Darstellerisch nahm ich ihr weder die 15-jährige Geisha, noch die verzweifelte Cho-Cho-San ab. Warum Frau Dessi auf den Programmzettel als „international gefragte Sängerin“ bezeichnet wird, erschloss sich mir nach der gestrigen Darbietung nicht. Meines Erachtens nach kann KS Herwig Pecoraro in der Rolle des Goro als bester Sänger des Abends bezeichnet werden. Er spielte den schmierigen Heiratsvermittler sehr gut und auch stimmlich bringt er alle Anforderungen für diese Partie mit. Auffallend war, dass sich mit Ausnahme von Herrn Pecoraro alle Kleinrollendarsteller unauffällig aus der Affäre zogen. Alexandru Mosiuc war ein schwacher Bonze (Ich würde gerne Sorin Coliban oder Ain Anger in dieser Rolle erleben.); Marcus Pelz als Kaiserlicher Kommissär agierte solide; Peter Jelosits (Yamadori) war kaum hörbar; Jeanine de Bique (Seit dieser Saison neu im Ensemble) war eine recht gute Kate und die Rollendebütantin Juliette Mars in der doch nicht so kleinen Rolle der Suzuki ergänzte passabel. Patrick Lange am Pult des sehr gut spielenden Staatsopernorchesters schlug zügige Tempi an, ohne übereilt zu wirken; allerdings hätte er die Lautstärke hin und wieder etwas zurücknehmen sollen. Magerer und kurzer Applaus, dem ich mich entzog, beschloss eine nahezu skandalöse Vorstellung.
Billy :hello
Billy Budd (08.10.2011, 10:59): Liebe Severina, herzlichen Dank für Deine ausführliche Schilderung. Ich werde morgen in der Oper sein und habe ehrlich gesagt einige Bedenken, ob das einige gelungene Vorstellung wird. Ich vermute auch, dass der Regisseur einige Buhrufe bekommen wird. Billy :hello
Severina (08.10.2011, 11:30): Lieber Billy,
Deine Butterfly-Rezension bestätigt voll und ganz mein Vorurteil, das mich schon beim Studium der Besetzung befallen hatte, und als mir dann gestern nach der GP aus dem Schaukasten für die Abendvorstellung der berüchtigte rosa Umbesetzungszettel mit Marian Talaba entgegenlachte, konnte ich ein spontanes "O Gott!" nicht unterdrücken.
So wie ich Dich inzwischen einschätze, gehe ich davon aus, dass Dir die Traviata-Inszenierung überhaupt nicht gefällt :wink und Dir auch Natalie Dessay zu leichtgewichtig ist. Buhs wird es sicher geben, wie gesagt ertönte schon gestern eines mitten im Floraakt, und das ist bei einer GP wirklich ungewöhnlich. Und auch der Gipfel an Unfairness den Sängern gegenüber, denn mit welchem Gefühl gehen die wohl in eine PR, wo die Nerven ohnehin bis zum Anschlag angespannt sind, wenn ihnen schon im Vorfeld signalisiert worden ist, dass die Produktion zumindest von Teilen des Publikums abgelehnt werden wird? NACH der Aufführung mögen die Leute den Regisseur meinetwegen ausbuhen, bis der Kronleuchter wackelt, aber die Sänger haben das Recht auf eine störungsfreie Vorstellung.
Ich werde die PR auf Ö1 verfolgen und hoffentlich nicht wie schon so oft die Enttäuschung erleben, dass sie musikalisch schwächer ist als die GP. Klar, da sind die Sänger viel lockerer, weil es ja um nichts geht. Da gestern außerdem wirklich alle ausgesungen haben, hoffe ich, der heutige Tag reicht zum Regenerieren. Auf jeden Fall wünsche ich Dir eine schöne Vorstellung! (Und bin auf Deinen Bericht schon SEHR gespannt - ich denke, wir werden einiges zu diskutieren haben :wink)
lg Severina :hello
Billy Budd (08.10.2011, 19:23): Original von Severina als mir dann gestern nach der GP aus dem Schaukasten für die Abendvorstellung der berüchtigte rosa Umbesetzungszettel mit Marian Talaba entgegenlachte, konnte ich ein spontanes "O Gott!" nicht unterdrücken. Liebe Severina, mir ging es genau so, nur erfuhr ich die Änderung erst am Abend und da wollte ich nicht mehr umkehren. Ich glaube, Du hast mich da richtig eingeschätzt, wenngleich mir die Inszenierung mit großer Wahrscheinlichkeit aus anderen Gründen wie Dir missfallen wird. :D Wurde eigentlich die Szene abgeschafft, in der Violetta den Brief von Germont durch einen Postboten erhält? Ob mir Natalie Dessay gefallen wird, traue ich mir nicht zu prognostizieren. Ich habe im Dezember 2010 Edita Gruberova in dieser Rolle erlebt und wurde nicht glücklich (Mich störte ihr - meiner Meinung nach - seelenloses Singen von Koloraturen.), weswegen ich mich doch für eine stillere und verinnerlichte Interpretation erwärmen könnte. Warten wir ab! Angeblich sind ja Alexandra Reinprecht und Ejiro Kai die Coverbesetzungen und besonders wenn letzterer zum Zug kommen sollte, werde ich sehr sicher die Aufführung vorzeitig verlassen, denn das möchte ich mir nicht antun. Im März 2010 sprang übrigens die völlig unbekannte Koreanerin Ha Yoong Lee an der Volksoper als Violetta ein und war phantastisch (Das ist übrigens nichr nur meine Meinung, sondern auch ein Herr sagte zu mir, sie werde wohl bald an der Staatsoper landen.). Ich weiß, dass Du Youtube nichr magst, aber vielleicht möchtest Du Dir diese Aufnahme anhören: Violetta-Koloraturarie Darunter kommentierten zwei Youtube-Nutzer: In november last year I saw her live in Hamburg in one of her La Traviata performances and that day she sang much much better than in the video. Definitely worth listening to. Her rendition of Violetta brought me to tears several times und I have been listening to opera for well over fifty years. I've heard it all, from all parts of the world in all shapes and sizes. Take it from me: this is a world class singer who is a pleasure to watch and listen to. If she keeps it up she will be one of the greats Was die Radioausstahlung angeht, so wird aber nicht die Premiere, sondern eine Reprise am 18. Oktober übertragen. Billy :hello
Severina (09.10.2011, 15:26): Danke für den Hinweis, dann hat der ORF also ENDLICH kapiert, dass die PR musikalisch meist die schwächste Vorstellung einer Serie ist, und überträgt erst eine spätere.
Zu Deiner Frage: Die Briefszene wurde etwas entschärft, jetzt bringt Anina den Brief und Violetta tut nicht mehr so, als sähe sie ihn zum ersten Mal.
Äh, Du bist immer noch online? Ich dachte, Du stündest schon längst vor der Oper und kämpfst um einen Stehplatz????
lg Severina :hello
Billy Budd (09.10.2011, 15:31): Ja, mich freut es auch, dass eine Folgevorstellung übertragen wird. Nur - ich habe mich geirrt - es ist nicht die von 18., sondern am 15. Oktober. Leider bin an diesem Tag in der Volksoper, aber vielleicht ist mein Bruder so nett und nimmt es mir auf. Original von Severina Äh, Du bist immer noch online? Ich dachte, Du stündest schon längst vor der Oper und kämpfst um einen Stehplatz???? Ich gehe gleich los, aber ich muss ja keinen Platz mit guter SIcht bekommen, oder? :D Billy :hello
Billy Budd (10.10.2011, 16:15): Wiener Staatsoper Sonntag, den 9. Oktober 2011 LA TRAVIATA Giuseppe Verdi
Um es vorwegzunehmen: Die gestrige Premiere war noch schwächer als die grottenschlechte „Butterfly“ am Freitag, womit schon alles gesagt sein sollte. Eigentlich wollte ich nach dem ersten Akt das Opernhaus verlassen, aber die Lust, den Regisseur am Ende herzhaft auszubuhen, überwog. Das Gebotene kann bestenfalls als Parodie durchgehen. Diese Aufführung war die schlechteste, die ich bisher erleben konnte. Unwürdig einer Wiener Staatsoper! Welcher Teufel die angeblich so intelligente KS Natalie Dessay geritten hat, die Traviata zu singen, wird wohl ein Geheimnis bleiben. Es klingt hart, aber Frau Dessay sollte besser heute, als morgen auf das Sprechtheater umsteigen. Die Stimme ist meiner Ansicht nach ruiniert; kaum hörbar, außer sie forciert, was schrecklich klingt; die Höhen geraten tremolierend und scharf, Tiefen sind nicht vorhanden und in der Mittellage weist der Sopran Löcher auf. (Eine Stehplatzbesucherin: „Wir haben bessere ausgebuht.“) Zu diesem Gewinsel kam ihre maßlos überdrehte Gestaltung; das permanente Herumgezappel nervte gewaltig. Schauspielerisch gestaltete sie den letzten Akt gut, was aber auch an der passenden Maske gelegen haben könnte (Ich frage mich, warum es möglich ist, eine Sängerin auf sterbenskrank herzurichten, aber den Bariton nicht ein wenig altern zu lassen.), aber eine gute Violetta macht in erster Linie der Gesang aus und da scheiterte Frau Dessay kläglichst. Ich hüte mich ansonsten davor, jemanden, der nicht meine Meinung teilt, als Idioten abzustempeln, aber wer gestern in der Lage war, Frau Dessay „Bravo“ zuzurufen, ist auf seinen Ohren gesessen. War es nicht möglich, ihr einen besseren Alfredo als Charles Castronovo zur Seite zu stellen? Dessen Stimme lässt jeden Schmelz, jedes Feuer, jeden tenoralen Glanz vermissen und gutes schauspielerisches Können ist ihm nicht zu attestieren. An fast allen Höhen schummelte er sich herum, was aber den Großteil des Publikums nicht zu stören schien. Herr Castronovo hat beim besten Willen nicht das Format, an der Wiener Staatsoper aufzutreten – geschweige denn in einer Premiere. Das war keine schlechte Tagesform, denn im Juni 2011 sang er den Nemorino nicht besser. Ich weiß, derzeit gibt es keine Sänger von Format einer Cebotari oder eines Roswaenge, aber sehr wohl zig bessere Künstler als die gestern Aufgebotenen. Dritter im Bunde war Fabio Capitanucci, der vielleicht in fünfzehn Jahren ein guter Germont sein wird. Noch fehlt ihm vor allem die Autiorität, welche für den Germont unverzichtbar ist. Erstaunlicherweise scheint es derzeit Mode zu sein, diese Rolle mit Sängern, die kaum älter als der Darsteller des Alfredo sind, zu besetzen (Als recht junger Opernfan bin ich doch etwas stolz darauf, Renato Bruson in dieser Rolle erlebt zu haben. Wenn auch dessen Stimme erahnen ließ, dass ein 76-jähriger sie besaß – seine überragende Bühnenpräsenz machte alles wett.). Gesanglich hinterließ er Herr Capitanucci einen durchschnittlichen Eindruck, allerdings wurde er durch den derart unsensiblen Dirigenten behindert. Aber immerhin: Eine passable Leistung. Der EINZIGE Sänger, dessen Darbietung dem Premierenniveau eines ersten Hauses entsprach, was Clemens Unterreiner in der kleinen Rolle des Douphol. Holender hat den jungen Sänger langsam und behutsam aufgebaut; zuletzt durfte er den Fanial singen, auch ein Gunther war geplant. Es scheint, dass ihn Meyer vergessen hat, denn wie wäre es sonst erklärbar, dass Herr Unterreiner mit Kleinrollen abgespeist wird, während „tolle“ Neuerwerbungen Hauptpartien bekommen und Hans Peter Kammerer das Abo auf den Papageno hat? Zoryana Kushpler (Flora) und Dan Paul Dumitrescu (Grenvil) waren gerade noch anhörbar, während der Rest des Ensembles (Am Allerwenigsten der Neuzugang Carlos Osuna als Gaston; ich wage zu behaupten, dass selbst Benedikt Kobel besser wäre.) wenig zufriedenstellend agierte. Bertrand de Billy am Pult des Staatsopernorchesters hinterließ bei mir keinen guten Eindruck. Freilich, die Orchestervorspiele zum ersten und letzten Akt gelangen gut; aber was er durch unglaublich schleppende Tempi bei „E strano“ verbrauchte, versuchte er anscheinend bei den Germont-Arien wieder einzubringen, indem er Herrn Capitanucci schön ins Schwitzen brachte. Das Schlimmste war aber, dass er eine lange Pause mitten in der Violetta-Arie einlegte, die den Publikum suggerierte, es möge klatschen. Zu Recht musste er Buhrufe einstecken. Noch ein paar Worte zur Inszenierung von Jean-François Silvadier: An die Tatsache, dass man in fast keiner Inszenierung vorher weiß, was einen erwartet, musste ich mich schon gewöhnen, weswegen mein Unmut, dass Herr Silvadier die im Libretto vorgeschriebenen Regieanweisungen komplett negierte, nicht allzu groß war. Die Produktion ist exakt auf die gestern agierenden Sänger zugeschnitten und wir werden ja sehen, wie sie mit anderen Darstellern wirken wird (Ich gehe davon aus, dass diese Produktion mindestens zehn Jahre im Repertoire bleiben wird.).Warum ist es anscheinend kaum mehr möglich, die Geschichte ohne „Neudeutung“ zu erzählen? Das beste, was seitens der Direktion in diesem Fall unternommen werden könnte, wäre einer Reaktivierung und Aufpolierung der alten Schenk-Inszenierung. Es ist gestern zum ersten Mal passiert, dass ich – wenn ich mit anderen Personen sprach – kein einziges positives Wort über die Aufführung hörte. Da auch während der Vorstellung keine Stimmung aufkam, war ich doch überrascht, dass Frau Dessay und Herr Castronovo kräftig bejubelt wurden; der Dirigent bekam vereinzelte Missfallenskundgebungen und Herr Silvadier wurde – völlig zu Recht – ausgebuht. (Nebenbei sei erwähnt, dass ich mit der gleichen Straßenbahn, wie ein Ehepaar, das ich vom Stehplatz kenne, heimgefahren bin, weshalb wir eine halbe Stunde Zeit hatten, uns unter anderem über den Staatsoperndirektor kräftig auszulassen – das tat gut!) Darüber hinaus stimmt es traurig, dass nach der „Forza“ und dem „Macbeth“ schon wieder eine Verdi-Premiere ins Wasser gefallen ist – gesanglich, wie szenisch. Wenn ich nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass es meiner Meinung nach derzeit nur vier ansehbare Produktionen von Verdis Opern im Repertoire der Staatsoper gibt: „Rigoletto“ (Sandro Sequi), „Maskenball“ (Gianfranco de Bosio), „Simon Boccanegra“ (Peter Stein) und „Falstaff (Marco Arturo Marelli); es sollte mich aber nicht wundern, wenn die beiden erstgenannten in absehbarer Zeit verschwinden sollten. Povero Verdi!
Billy :hello
Billy Budd (11.10.2011, 14:17): Ich habe mir nun einige Kritiken zur Aufführung durchgelesen und möchte Euch auf die von Dominik Troger aufmerksam machen, die hier abzurufen ist. Ich stimme mit dem Schreiiber in jedem Punkt überein. Besonders möchte ich die beiden Schlusssätze hervorstreichen: Aus meiner Sicht war diese Aufführung der Tiefpunkt der an sich noch jungen Ära Meyer. Schade, dass es ein Werk betrifft, das häufig gespielt wird, und das in einer zwar etwas verstaubten, aber nach wie vor brauchbaren Produktion vorlag. Hier gibt es einen rund dreiminütigen Bericht, der gestern in Morgenjournal ausgestrahlt wurde. Man hört auch einen kurzen Ausschnitt von Dessay und Castronovo. Der Link funktioniert aber nur bis Montag, 17. Oktober morgens. Billy :hello
yago (11.10.2011, 23:22): das klingt alles weniger gut. da die bühne der STOP eh´nicht allzu breit ist,hoffe ich es wird keine stehpartie.
ich bin allerdings froh,dass die olle schenk-inszenierung endlich weg ist. auf den video´s auf you tube sah die neue inszenierung aber ganz gut aus. ich bin gespannt. ich bin am dienstag in der STOP. lg yago
Severina (11.10.2011, 23:58): Hallo Yago, nun ja, wie ich schon geschrieben habe, funktioniert die Regie (so man von einer reden kann) mit der PR-Besetzung so halbwegs, aber in spätestens einem Jahr ist davon NICHTS mehr übrig, davon bin ich überzeugt. Natalie Dessay hat mir als Gesamtpaket sehr gut gefallen, stimmlich wesentlich besser als bei der TV-Übertragung, wo ich sehr enttäuscht war, aber natürlich ist sie keine Violetta im herkömmlichen Sinn, das sieht sie ja selber so. Die Frage ist natürlich berechtigt, ob man als Publikum solche Experimente goutieren muss, aber eingedenk der vielen Sternstunden, die uns die Dessay in ihrer tollen Zeit (Vor der Stimmband-OP) und fallweise auch noch danach geschenkt hat, gönne ich ihr die Erfüllung ihres Traums, auch einmal die Violetta verkörpern zu dürfen. Und ihre berührende Interpretation macht für mich stimmliche Defizite diesmal wett. Aber es ist natürlich legitim, das ganz anders zu sehen.
De Billys Dirigat fand ich ganz wunderbar, eben weil er einen entschlackten, unpathetischen Verdi dirigiert. Man muss halt bereit sein, sich jenseits von eingefahrenen Hörgewohnheiten auf Neues einzulassen. Er hat in einem Interview gemeint, er halte sich genau an Verdis Tempoangaben, und das werde möglicherweise für Irritationen sorgen. Ich werde versuchen, irgendwann noch einmal reinzukommen, denn da ja viele Leute nur nach Kritiken gehen, bin ich überzeugt, dass am Abend Karten zurückkommen. Aber es müsste natürlich eine günstige sein. Ich wünsche Dir jedenfalls einen schönen Opernabend und bin neugierig auf Deine Eindrücke! (In unserer Freude, endlich die kitschige Schenk-Inszenierung los geworden zu sein, sind wir uns ja einig. Leider kommt bei Meyer nie etwas Besseres nach....)
lg Sevi :hello
Billy Budd (12.10.2011, 18:21): Wiener Staatsoper Sonntag, den 9. Oktober 2011 DIE ZAUBERFLÖTE Wolfgang Amadeus Mozart
Die Papierform verhieß eine recht schlechte Aufführung, um so erfreuter war ich, dass die Vorstellung um einiges besser als erwartet geriet, was zum Teil daran lag, dass mit Adam Fischer endlich ein sehr guter Dirigent am Pult des eher mittelmäßig spielenden Staatsopernorchesters stand. Herr Fischer wählte schnelle, aber nicht gehetzte Tempi (Lediglich das Finale des ersten Aktes ging er nach meinem Empfinden etwas zu flott an.), nahm viel Rücksicht auf die Sänger und schaffte das Erzeugen eines schönen Klanges. Die Krone des Abends gebührt eindeutig Genia Kühmeier in der Rolle der Pamina. Ich will mich nicht mit Superlativen überschlagen, aber ich glaube, ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, dass es derzeit nicht viel bessere Interpreten dieser Rolle gibt. Ihrem etwas silbrigen Sopran kommt diese Partie sehr entgegen und auch schauspielerisch gibt es nichts auszusetzen. Zu Recht wurde ihr der größte Publikumszuspruch zuteil. Für die Rolle des Tamino war Geregly Németi vorgesehen, der durch Benjamin Bruns ersetzt wurde. Herr Bruns war sicher die bessere Alternative und doch wurde ich mit ihm nicht ganz glücklich. Sicher, dessen Timbre ist wunderschön und das Äußere des Sängers passt ausgezeichnet zu dem Tamino, nur ist die Stimme sehr höhenschwach (Als er bei „Man opferte vielleicht sie schon“ das zweigestrichene f anpeilte, missglückte der Versuch.). Sehr erfreut war ich, dass Hans Peter Kammerer, der in fast jeder Zauberflöte auftritt, endlich einen ordentlichen Papageno sang. Er strengte sich diesmal sehr an, allerdings ging ihm am Ende die Kraft aus. An der Wortdeutlichkeit müsste er noch sehr arbeiten. Außerdem wurde mir nicht ganz klar, welchen Typ er eigentlich darstellen wollte. Ich persönlich sehe in dem Papageno weniger einen lustigen Vogelfänger, als einen jungen, resignierten Mann, der sich nach Geborgenheit sehnt und hatte den Eindruck, Herr Kammerer wollte diese Sicht auch vermitteln, nur dann passten seine Luftsprünge nicht. Für einer weitere positive Überraschung sorgte – Man staune! – Benedikt Kobel in der Rolle des Monostatos. Eine schneidende Charaktertenorstimme besitzt Herr Kobel bekanntlich nicht, doch sein meckerndes Timbre passt für diese Rolle gut. Darüber hinaus bemühte er sich auch darstellerisch sehr. Ich fand es köstlich, wie er bei „Schon Deine Gnade macht mich reich“ beifallsheischend niederkniete und nach der Entgegnung Sarastros empört dreinsah; auch sein ausgelassener Tanz bei „Das klinget so herrlich“ trug zur Erheiterung bei. Drei Wiener Sängerknaben sangen ordentlich. Alle drei Damen wurden mit neuen Ensemblemitgliedern besetzt, die man mit offenen Händen in Empfang nehmen kann. Christina Carvin (Diese Saison wird sie noch als Contessa, ebenfalls unter Adam Fischer, zu hören sein) und Lena Belkina (Diese Saison singt sie noch ein Blumenmädchen, ab nächster gehört sie zum Ensemble.) debütierten am Haus, während Monika Bohinec schon einige Tage zuvor als Larina aufgetreten war. Valentina Nafornita, ebenfalls neu im Ensemble, gefiel als Papagena, aber ein genaueres Urteil werde ich erst in einer Folgevorstellung abgeben. Peter Jelosits ergänzte als erster Priester zufriedenstellend. In der Ära Meyer ist mir noch keine Aufführung untergekommen, bei der jede Rolle gut besetzt war, und so sind auch bei den gestrigen Abend Abzüge zu machen. In erster Linie litt die Aufführung unter der erst 27-jährigen Julia Novikova in der Rolle der Königin der Nacht. Der lyrische Koloratursopran hörte sich bereits bei den ersten Tönen übersungen an und mit jedem Auftritt wird ihr Tremolo stärker. Tiefen sind nicht vorhanden und die Koloraturen besonders in der zweiten Arie sind reine Qual (Für sie, wie für den Zuhörer). Traurig, wieder wurde eine talentierte Sängerin in nur fünf Jahren verheizt. Wenn ich mich recht erinnere, bekannte Frau Novikova in einem Interview, sie würde viel lieber die Pamina, als die Königin singen. Dominique Meyer täte gut daran, diesem Wunsch Folge zu leisten. Positiv ist aber die akzentfreie Aussprache der Russin zu vermerken. Schrecklich sangen die beiden geharnischten Männer. Von Janusz Monarcha hörte ich keinen Ton, da Michael Roider in voller Laustärke haufenweise falsche Töne bellte. Der aufgebotene Sarastro Günther Groißböck ist ein typischer Fall von „Guter Sänger, falsche Rolle“. Im Sommer habe ich die Übertragung des „Tannhäuser“ aus Bayreuth im Radio verfolgt und nach dem ersten Akt ob der grauenhaften Sängerleistungen abgedreht. Da Herr Groißböck als Landgraf damals die einzig gute Leistung bot, war ich auf den Sarastro gespannt. Ich kann nicht verstehen, warum sehr oft junge Bassisten für diese Rolle eingesetzt werden, für die doch ein großer Stimmumfang und ein würdevolles Erscheinen vonnöten sind. Herrn Groißböcks Stimme muss wohl noch wachsen und die Stellen, in denen es bis zum c hinuntergeht, bereiten ihm Mühe. Was die Wortdeutlichkeit angeht, ist noch viel Steigerungspotential nach oben gegeben. Von dem aus der Volksoper „ausgeborgten“ Morten Frank Larsen als Sprecher war ich auch etwas enttäuscht, denn er drückte zu sehr auf die Stimme und vermittelte den Eindruck, er fühle sich in der Rolle nicht ganz wohl. Leider klatschte das Publikum nur sehr kurz, denn dieser Opernabend hätte einen längeren Applaus verdient.
Billy :hello
Billy Budd (13.10.2011, 15:32): Liebe Severina, ich halte es durchaus für möglich, dass die Generalprobe musikalisch besser als die Premiere war, weswegen auch eine Diskussion, ob Natalie Dessay eine gute oder schlechte Violetta ist, eigentlich sinnlos ist (Abgesehen davon, dass jeder anders empfindet.). Ich schlage vor: Wir beide hören uns am Samstag (bzw. ich erst am Sonntag, denn während der Ausstrahlung bin ich in der Volksoper) die Rundfunkübertragung an und tauschen uns hernach aus. Wenn es Frau Dessays größter Traum ist, die Violetta zu singen (Was ich ihr ja auch gönne.); muss sie dies in einer Premiere in Wien tun? Ansonsten finde ich das paradox: Der Dirigent möchte das Stück genau so zum Klingen zu bringen, wie Verdi es offenbar wollte, während der Regisseur sich eine absolut unpassende Rahmenhandlung einfallen lässt. Wie ich schon einmal kundgetan habe, war ich kein Fan der Schenk-Inszenierung, aber jetzt sehne ich mich nach ihr zurück. Billy :hello
Severina (13.10.2011, 16:33): Lieber Billy,
ich habe es in der Tat schon oft erlebt, dass die GP besser als die PR war (auch in Zürich), aber dass eine Stimme zwischen GP und PR völlig kaputt geht :wink (So hast Du Natalie Dessay ja empfunden), ist eher unwahrscheinlich. Aber Du hast völlig recht, dass es müßig ist, über Empfindungen zu streiten. Ich würde auch nie behaupten, dass die Dessay eine ideale Violetta ist, so taub bin ich nun auch nicht! :D
Weißt Du, Du hast als noch junger Opernfan den großen Vorteil, völlig unbefangen und unbelastet an die Sache herangehen zu können. Für Dich sind die Sänger relativ neu, während man als alter Hase viele seit ihren ersten Gehversuchen an der WSO her kennt, viele tolle Vorstellungen mit ihnen erlebt hat, und das beinflusst ganz bestimmt die Wahrnehmung, so sehr man sich auch bemüht, objektiv zu sein. Und dass Stimmen Geschmackssache sind, ist ein alter Hut.
Allerdings habe ich offensichtlich im Unterschied zu Dir (Ich schließe das daraus, weil Du die Cebotari und Rosvaenge genannt hast) so meine Probleme mit historischen Stimmen. Ich kann mit dem pathetischen Vortragsstil der meisten Ikonen ebenso wenig anfangen wie, ich sag's jetzt absichtlich überspitzt - ihrem Gebrülle. Ich habe ja noch Leute wie Guiseppe di Stefano (allerdings erst im Herbst seiner Karriere) und Mario del Monaco auf der Bühne erlebt, sehr oft Franco Bonisolli, der von vielen als der letzte "richtige" Tenor bezeichnet wird, und konnte mich für keinen von ihnen begeistern. Was sie boten, waren effektvolle Zirkusnummern, die mich aber eher abstießen. Mir gefallen die leichteren Stimmen der neuen Sängergenerationen einfach viel besser. Oper ist für mich mehr als ein sportlicher Wettkampf in den Disziplinen "Lauter, Höher, Länger", daher stört es mich überhaupt nicht, wenn ein Sänger einen Spitzenton weg lässt. Was ich allerdings nicht verzeihe, ist ein nicht tragfähiges Piano, und ebenso wie Dich nervt mich ein allzu ausgeprägtes Vibrato. Das konnte ich aber bei Natalie Dessay nicht feststellen, ihr Vibrato bewegt sich mE im normalen Rahmen. (Völlig vibratofreie Stimmen wirst Du nur in der Barockoper finden, wo es gattungsspezifisch ist.)
Dein Vorschlag, uns nach der Radioübertragung noch einmal zu unterhalten, ist sehr gut, denn ohne die Optik, also das Spiel, komme ich vielleicht wirklich zu einer anderen Einschätzung.
(Allerdings verrate ich Dir lieber nicht, wie für mich eine ideale Traviata-Inszenierung ausschauen sollte...... :ignore :D)
lg Severina :hello
pavel (13.10.2011, 19:57): Lieber Billy,
das zweigestrichene f ist aber auch für Koloratursoprane schon eine Herausforderung, da würde ich es einem Tenor nicht verübeln, wenn er damit Probleme hat.
golioni (14.10.2011, 10:20): Original von Billy Budd nur ist die Stimme sehr höhenschwach (Als er bei „Man opferte vielleicht sie schon“ das zweigestrichene f anpeilte, missglückte der Versuch.).
Billy :hello
Original von pavel Lieber Billy,
das zweigestrichene f ist aber auch für Koloratursoprane schon eine Herausforderung, da würde ich es einem Tenor nicht verübeln, wenn er damit Probleme hat.
Lieber Billy und Pavel,
ich fürchte Ihr liegt da beide nicht ganz richtig. Das f aus der Zauberflöte(„Man opferte vielleicht sie schon“) ist ein f', das hohe f des Koloratursopran zb in der Arie der Königin der Nacht ist ein f'''. Das f'' ist ein typische Note für einen Countertenor oder eine Altistin kann aber auch in Ausnahmefällen von einem hohen Tenor erreicht werden.
Um das Ganze ein wenig zu erhellen hier mal ein Überblick über den Stimmumfang der einzelnen Stimmgattungen:
Billy Budd (14.10.2011, 15:39): Liebe Severina, Du hast natürlich recht, wenn Du sagst, dass man, wenn man eine seiner Lieblingssängerinnen seit vielen Jahren kennt ihr vielleicht unbewusst einiges verzeiht. Ich bin schon sehr auf Deine Eindrücke bei der Radioübertragung gespannt. Was historische Tenorstimmen angeht, unterscheiden wir uns offenbar sehr, denn genau so wie ich Jonas Kaufmann unerträglich (besonders im Wagner-Fach) finde, geht es Dir mit Mario del Monaco - einem meiner Lieblinge. Wie gesagt: Geschmackssache! Meine Lieblingsaufnahme von der Traviata ist in der Tat die Maria Cebotari und Helge Roswaenge (obwohl in deutscher Sprache), aber ich wollte nur zwei Sänger nennen, die ich um einiges besser, als die am Sonntag Aufgabotenen halte.
Lieber golioni, danke für Deine Aufklärung, denn ich habe immer das in der Graphik mit Großbuchstaben bezeichnete F für ein f' (und natürlich das f' in der Zauberflöte für ein f'') gehalten.
Billy :hello
pavel (15.10.2011, 11:07): Entschuldigung, da habe ich übersehen, dass ein Tenor sozusagen ein "transponierendes Instrument" ist und eine Oktave tiefer als notiert singt. Allerdings gibt es in der Literatur mindestens ein f" für Tenor und zwar im "Credeasi misera" in den Puritanern. (zB. hier: "http://www.youtube.com/watch?v=hZjcSJC123U" bei ca. 4:50) Ob das gut klingt (oder klingen könnte), möge jeder selbst beurteilen.
Billy Budd (16.10.2011, 22:10): Liebe Severina, wie hat Dir denn die Radioübertragung gefallen? Ich werde dazu nichts sagen können, denn meine Aufnahme hat leider nicht funktioniert. Billy :hello
Severina (17.10.2011, 00:15): Lieber Billy,
nun, wie erwartet war ich weit weniger begeistert als live in der Oper, denn ohne den szenischen Teil, also reduziert auf das reine Hörerlebnis, fallen stimmliche Mängel natürlich schwerer ins Gewicht. Dass Natalie Dessay keine ideale Violetta ist, habe ich ja schon nach der GP geschrieben, ich finde aber nach wie vor, dass sie mit ihren stimmlichen Mitteln eine berührende Interpretation schafft. Klar sind Defizite in den tieferen Lagen nicht zu überhören, als kaputt so wie Du empfinde ich Dessays Stimme aber ganz und gar nicht. Mir gefällt einfach ihr helles, fragiles Engelstimbre, ihr natürliches Vibrato hat für mich noch keine gefährliche Nähe zum Tremolo und die lyrischen Passagen gestaltete sie innig und zu Herzen gehend. Aber nach diversen Interviews, die ich mit ihr gelesen und gehört habe, verdichtet sich mein Eindruck, dass die Violetta möglicherweise ihr Schwanengesang ist und sie sich innerlich bereits von der Opernbühne verabschiedet.
Eindeutig verloren hat Charles Castronovo, dessen Tenor im Radio eindimensional und spröde klang, gewonnen hingegen Capitanucci. Er verfügt über ein wirklich angenehmes Timbre, und ohne Optik störten auch sein jugendliches Aussehen und die fehlende Autorität nicht. Auf jeden Fall war bei der Radioübertragung die Szene Violetta-Giorgio Germont das absolute Glanzlicht.
De Billys Dirigat gefällt mir trotz der ungewöhnlichen Temporückungen nach wie vor, wenn ich es auch nicht sonderlich klug finde, bei dieser Besetzung alle Striche zu öffnen. Vielleicht hätte Castronovo bei der Cabaletta weniger angestrengt geklungen, wäre er nicht auch durch die zweite Strophe gejagt worden... Den gecancelten Spitzenton verzeihe ich ihm hingegen locker, den singen die wenigsten Tenöre. (Lange Zeit wurde die Cabaletta in Wien überhaupt gestrichen!)
Schade, dass es mit Deinem Mitschnitt nicht geklappt hat. Ich habe leider nicht mitgeschnitten, denn eine Aufnahme für die Ewigkeit ist diese "Traviata" trotz Natalie Dessay auch für mich nicht.
lg Severina :hello
Billy Budd (21.10.2011, 15:20): Wiener Staatsoper Donnerstag, den 20. Oktober 2011 FIDELIO Ludwig van Beethoven
Beethovens „Fidelio“ erfuhr am gestrigen Abend eine sehr gute Wiedergabe. Bertrand de Billy hat mich nach der meiner Meinung nach schwachen „Traviata“ vollkommen versöhnt. Er wählte die Tempi sorgfältig, baute die Spannung gut auf und konnte aus dem sehr gut spielenden Staatsopernorchester das Maximum herausholen. Waltraud Meier war als Leonore aufgeboten. Der eine oder andere Spitzenton klang recht schrill, aber in Anbetracht dessen, dass sie sich mit allen stimmlichen Ressourcen in die Rolle hineinlegt und wie immer alles gab, verzeihe ich ihr dieses Manko gerne. Hervorheben möchte ich noch ihre überzeugende Darstellung und Wortdeutlichkeit. Robert Dean Smith bot einen guten Florestan. Auf hohem Niveau sei der Einwand gestattet, dass ich mir etwas mehr Schmelz in der Stimme gewünscht hätte, aber ansonsten kann ich nichts einwenden. Lars Woldt hat in dem Rocco eine weitere Partie gefunden, die ihm stimmlich hervorragend liegt. Nur wird Rocco bekanntlich von Pizarro mit „Alter“ angeredet, was gestern nicht zutraf, denn Herr Woldt ist um einiges jünger, als Herr Dohmen; vielleicht hätte die Maske nachhelfen können. Anita Hartig sang und spielte die Marzelline zufriedenstellend. Der vorgesehene Jaquino Benjamin Bruns wurde kurzfristig durch den bewährten Peter Jelosits ersetzt, der sich seiner Aufgabe überraschend gut entledigte. Markus Marquardt, neu im Ensemble, debütierte als Ferrando und hinterließ einen recht guten Eindruck – man wird in dieser Saison noch Gelegenheit haben, den Sänger als Jochanaan und Cardillac zu erleben. Albert Dohmen in der Rolle des Pizarro fiel gegenüber den anderen Sängern stark ab. Ich kann mit dieser trockenen, resonanzlosen und tremolierenden Stimme auch beim mehrmaligen Hören nichts anfangen. Dazu kommt, dass Herr Dohmen nicht erahnen ließ, dass er einen grausamen Gouverneur hätte verkörpern sollen, er spielte vielmehr einen trocken Beamten ("Ha, welch ein Augenblick" verpuffte wirklungslos.). Außerdem habe ich in den Sprechpassagen kaum ein Wort verstanden. Die beiden Gefangenen Wolfram Igor Derntl und Johanens Giesser sangen sehr gut. Die Inszenierung von Otto Schenk mit den Bühnenbildern von Günther Schneider-Siemssen hat über die Jahre kein bisschen Staub angelegt. Den größten Publikumszuspruch erntete Lars Woldt, aber auch Waltraud Meier, Robert Dean Smith und Bertrand de Billy wurden bejubelt. Nach Ausgehen des Vorhangs wurden die Sänger noch einmal hervorgeklatscht, was nicht allzu oft vorkommt.
Billy :hello
Billy Budd (23.10.2011, 13:44): Wiener Staatsoper Samstag, den 22. Oktober 2011 SALOME Richard Strauss
Sechs (!) Rollen wurden im Vorfeld umbesetzt. Dass Wolfgang Schmidt Michael Roider vertrat, war schon längere Zeit bekannt. Weiteres setzte Juha Uusitalo aus, wodurch Markus Marquardt zum Zug kam. Durch die Absage von Janusz Monarcha avancierte Sorin Coliban vom 2. Soldaten zum 1. Nazarener. Änderungen gab es auch unter den fünf Juden: Benedikt Kobel wechselte vom 3. zum 4. Juden (anstelle von Wolfram Igor Derntl) und Carlos Osuna gab sein Rollendebüt als 3. Jude. Sehr kurzfristig wurde anstelle von Herbert Lippert Jörg Schneider in der Rolle des Narraboth aufgeboten. Camilla Nylund habe ich im Februar 2011 schon als Salome erlebt und im Vergleich zu dieser Darbietung war eine große Steigerung feststellbar. Nichtsdestotrotz stellt diese anspruchsvolle Rolle für die Sopranistin eine Grenzpartie dar und Frau Nylund täte gut daran, nur gelegentlich Ausflüge in das hochdramatische Sopranfach zu unternehmen. Offensichtlich sparte sie sich ihre Kräfte bis zum Schlussmonolog, der auch gut gelang. Dominique Meyer hat für Janina Baechle offenbar im Ensemble keine Verwendung (Ist ein Narr, wer denkt, dass dies mit Frau Beachles Übergewicht zu tun haben könnte; zumindest das Äußere der weiblichen Neuzugänge lassen diese Vermutung zu?), was ich äußerst schade finde! Sie legte die Herodias weniger aggresiv und schlecht gelaunt an, wie man es von anderen Interpreten gewohnt ist (Zwischen Herodes und ihr „krachte“ es diesmal gar nicht so richtig.). Stimmlich kann sie mit ihrer vollen und pastosen Mezzostimme glänzen, ohne den Part zu schönstimmig zu gestalten. Weniger glücklich konnte man mit Wolfgang Schmidt sein, der seine beste Zeit wohl schon hinter sich hat. Lange Töne gelangen stark tremolierend und von der Feigheit des Herodes war wenig zu merken. Markus Marquardt verkörperte einen soliden Jochanaan. Die Stimme scheint mir aber für die Staatsoper zu klein und an einigen Stellen musste er gewaltig auf die Stimme drücken, um die gewaltigen Orchestermassen zu übertönen. Ich habe mich sehr gefreut, Herbert Lippert als Narraboth zu erleben, aber er wurde durch Jörg Scheider – den Narraboth der Volksopernproduktion – ersetzt. Während in der Volksoper seine Stimme leicht belegt klang, zeigte er sich gestern in deutlich besserer Verfassung. Es wäre schön, Herrn Schneider öfters an der Staatsoper zu erleben, denn bisher sang er nur Alfred und Tamino (Bitte dies nicht mit dem uns wohlbekannten Forum in Verbindung zu bringen :wink .). Den Bassisten Sorin Coliban schätze ich üblicherweise sehr; nur gibt es anscheinend neben dem Sprecher in der Zauberflöte eine weitere Partie, die seiner Stimme wenig entgegen kommt; der 1. Nazarener liegt ihm ein wenig zu hoch und ich hätte mir diese Stelle gefühlvoller gesungen gewünscht. Einen zwiespältigen Eindruck hinterließen die 5. Juden. KS Walter Fink (5. Jude) ist eine Luxusbesetzung; KS Herwig Pecoraro (1. Jude) ihm fast ebenbürtig; Peter Jelosits (2. Jude) akzeptabel; Carlos Osuna (3. Jude) und Benedikt Kobel (4. Jude) fielen nicht positiv auf. Juliette Mars (Page), Hans Peter Kammerer (2. Nazarener), Marcus Pelz (1. Soldat), Dan Paul Dumitrescu (2. Soldat) und Johannes Gisser (Cappadocier) absolvierten ihre Auftritte unauffällig. Gerhard Reiterer war ein sehr schwacher Sklave; der Satz „Prinzessin, der Tetrach ersucht Euch, wieder zum Fest hineinzugeh’n.“ kam mehr als holprig über seine Lippen. Das einzige, was Peter Schneider anzukreiden wäre, ist, dass er das Orchester zu laut spielen ließ, worunter besonders die Interpreten der Salome und des Jochanaan zu leiden hatten. Ansonsten ließ er – wie immer – keine Wünsche offen. Seine Dirigate packen und wühlen mich jedes Mal von Neuem auf. Dankenswerter Weise setzte der Applaus erst nach einer kleinen Pause nach dem Verklingen des letzten Tones ein, aber ich war lange nicht fähig, die Hände zu rühren; erst als ein Mann Platz machen musste, der hinter mir vorbei wollte, kam ich zu „Besinnung“. Ich denke, dies spricht doch für die von mir recht streng beurteilte Aufführung, oder?
Billy :hello
Severina (23.10.2011, 14:29): Na, auf jeden Fall :D! Ich lese Deine Berichte mit viel Vergnügen, vielleicht weckt das ja wieder meine Lust an Opernbesuchen. Aber nach der für mich total frustrierenden 1. Saison Meyer huldige ich im Moment wieder mehr meiner "ersten Liebe", dem Sprechtheater. Aber das ist bei mir immer so, dass das Pendel einmal mehr in diese und dann wieder in jene Richtung ausschlägt, also wird auch wieder eine intensivere Opernphase kommen.
Dass Janina Baechle so wenig zum Zug kommt, bedaure ich ebenso sehr wie Du, ich mag diese Sängerin sehr. Auch wenn sie nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht, verfügt sie über eine enorme Ausstrahlung und ist vor allem auch eine gute Schauspielerin. Leider passt sie halt nicht ins meyerkompatible Barbiepuppen-Geschwader.....
lg Severina :hello
yago (23.10.2011, 22:40): am 18.10. war ich in "la traviata" und nach all den weniger guten kritiken,war ich dann doch überrascht. die inszenierung hat nur einen nachteil,sie braucht gute singschauspieler. wenn nur fabio capitanucci`s auf der bühne stehen würden,würde sie nicht funktionieren.
nathalie dessay kann beides,singen und schauspielen und in summe hat mir das gefallen.ihre sterbeszene war sehr ergreifend.
bei charles castronovo hat´s ebenfalls gepasst.mir gefällt seine stimme sehr gut und auch für´s auge ist was dabei.
bei fabio capitanucci hatte ich meine probleme.stimmlich sehr gut (aber georg tichy gefiel mir in der gl. rolle auch in der wiener stop besser),mit seinem schauspiel kann ich überhaupt nichts anfangen.das waren "operhandbewegungen" von gestern.
das dirigat von bertrand de billy war an manchen stellen gewöhnungsbedürftig,an anderen angenehm,man hörte auch instrumente,die sonst zugedeckt werden.
wird sicher interessant,eine komplett andere besetzung in dieser inszenierung zu sehen. lg yago
Billy Budd (24.10.2011, 17:33): Wiener Staatsoper Sonntag, den 23. Oktober 2011 FIDELIO Ludwig van Beethoven
Den gestrigen Besuch hätte ich mir sparen können, denn fast alle Sänger zeigten sich in schlechterer Verfassung als am Donnerstag. Lars Woldt bot einen sehr guten Rocco. Es ist besonders positiv zu vermerken, dass er keinen senilen Greisen spielte, oder auch nicht die Rolle ins Lächerliche zog. Nur habe ich gestern vermisst, dass er, wie am Donnerstag, kurz bevor der Vorhang fiel, auf das Paar Marzelline-Jaquino zuschritt und die beiden sozusagen vereinte. Gesanglich gibt es nichts auszusetzen. Markus Marquardt verkörperte den Part des Fernando mit etwas gequetschter Stimme und wenig Bühnenpräsenz. Peter Jelosits ist als Jaquino gut eingesetzt. Die Marzelline von Anita Hartig fiel eher durch Kreischen, als durch Singen auf. Robert Dean Smith in der Rolle des Florestan habe ich nicht so schlecht, wie andere Besucher empfunden. Die etwas zittrige Stimme passt gut zu dem ausgemergelten Gefangenen. Darstellerisch machte er seine Sache gut. Sehr positiv ist die fast akzentfreie Aussprache des Amerikaners zu vermerken. Albert Dohmen als Pizarro an der Wiener Staatsoper? – Das kann nur als Witz verstanden werden! In den Sprechpassagen undeutlich, dass es undeutlicher nicht geht; den brutalen Unmenschen nahm man ihm beim besten Willen nicht ab; und was den Gesang angeht, so ist nur von einer trockenen, gequetschten, höhenschwachen, leisen und tremolierenden Stimme zu berichten. Waltraud Meier zählt zu meinen Lieblingssängerinnen und ich habe ihr unvergessliche Opernabende (u.a. Kundry) zu verdanken; aber ob ihrer gestrigen Darbietung bin ich erschrocken. Die zittrige Stimme sprach in der Höhe nicht gut an und unten kam nur heiße Luft. Ich führe dies aber auf eine schwache Abendverfassung zurück, denn am vor wenigen Tagen gefiel sie mir um einiges besser. Mit Bertrand de Billy wurde ich diesmal nicht restlos glücklich, denn besonders am Ende der Leonoren-Overtüre hetzte er. Der Chor der Wiener Staatsoper agierte in gewohnter Qualität. Wolfram Igor Derntl war ein sehr guter 1. Gefangener; Johannes Gisser als 2. Gefangener fiel nicht auf. Insgesamt handelte es sich um eine nicht zufriedenstellende Aufführung; hoffen wir auf die nächste am 27. Oktober.
Billy :hello
EDIT/KORREKTUR: Ich habe "Ferrando" mit "Fernando" verwechselt.
Billy Budd (24.10.2011, 17:53): Liebe Severina, es freut mich sehr, dass Du meine Berichte gerne liest (Ich bin aber natürlich über konstruktive Kritik dankbar!), was allerdings auf Gegenseitigkeit beruht. Beim Lesen Deiner Berichte habe ich meist das Gefühl, live dabei gewesen zu sein; ich kann leider nur trockene Abhandlungen verfassen. Ich kann Deinen Frust vollkommen verstehen, obwohl ich ab Herbst eine kleine Niveausteigerung feststelle. Nach dem gestrigen Beinahe-Desaster will ich Dir den „Fidelio“ eigentlich nicht empfehlen. Offensichtlich wird Albert Dohmen unser neuer Hausbariton X(.Gut besetzt sind „Tannhäuser“, „Daphne“, der „Rosenkavalier“ und mit Abstrichen auch der „Ring", aber ich mutmaße, diese Stücke interessieren Dich nicht so, stimmts :wink ? Ildar Abdrazakov wurde ja unlängst im Forum sehr gelobt; vielleicht interessiert Dich die „Italiana“. Was Janina Baechle angeht: Gestern habe ich mir ungefähr zehn Mal hintereinander die Magdalena-Arie aus dem „Evangelimann“ angehört und habe mich wahrscheinlich endgültig in ihre Stimme verliebt. Irgendjemand hat sie mit Honig verglichen. In der laufenden Saison debütiert zum Beispiel die bildhübsche Russin Elena Maximova als Carmen, aber bei dem, was ich mir auf Youtube angehört habe, bin ich recht skeptisch. Noch dazu können wir Massimo Giordono als José „genießen“ X( ... Wenigstens singt Maija Kovalevska die Michaëla. 2017 ist leider noch in weiter Ferne; bis dahin wird es wohl eine Durststrecke werden. Billy :hello
Billy Budd (25.10.2011, 13:52): Lieber Yago, ich habe eine Frage bezüglich folgendem Absatz: bei fabio capitanucci hatte ich meine probleme.stimmlich sehr gut (aber georg tichy gefiel mir in der gl. rolle auch in der wiener stop besser),mit seinem schauspiel kann ich überhaupt nichts anfangen.das waren "operhandbewegungen" von gestern. Wie sollte denn Deiner Meinung nach der Germot dargestellt werden? Ich denke nämlich, man kann diese Person nicht modernisieren, ohne das Stück nicht komplett umzudeuten. Nein, ich will nicht die nie endende Regietheaterdiskussion heraufbeschwören, mich interessiert nur Deine Meinung zum Germont. Billy :hello
Eben sehe ich, dass Albert Dohmen im ganzen Ring als Wotan/Wanderer eingesprungen ist. DAS DARF DOCH NICHT WAHR SEIN!!! War niemand besserer zu finden?? Bis zu den Aufführungen sind doch noch mehrere Tage!
Heike (25.10.2011, 17:05): Waltraud Meier zählt zu meinen Lieblingssängerinnen und ich habe ihr unvergessliche Opernabende (u.a. Kundry) zu verdanken; aber ob ihrer gestrigen Darbietung bin ich erschrocken. Die zittrige Stimme sprach in der Höhe nicht gut an und unten kam nur heiße Luft. Ich führe dies aber auf eine schwache Abendverfassung zurück, denn am vor wenigen Tagen gefiel sie mir um einiges besser. Ich habe sie im Sommer in Budapest gesehen, als Kundry. Leider hat sie dort auch große Probleme gehabt, die sie zwar durch extrem hohe Bühnenpräsenz und ganz viel Ausdruck einigermaßen wettmachen konnte. Aber die Höhen waren absolut nicht da und die Registerwechsel sogar mitunter grauslig. Ich habe hier darüber berichtet http://www.das-klassikforum.de/thread.php?postid=95412#post95412 Heike
yago (25.10.2011, 23:02): ich denke capitanucci muss noch einiges an schauspielunterricht nehmen. mir waren die handbewegungen,so typisch für opersänger,wie sie früher ihre arien gesungen haben. ich wünschte ihn mir natürlicher und auch fieser dargestellt,denn das was er von violetta verlangt ist einfach böse. heutiges musiktheater braucht mehr als nur gute sänger,die darstellung ist fast genau so wichtig. nathalie dessay machte das was ihr stimmlich zu anderen sängerinnen vielleicht fehlt,mit ihrem spiel mehr als wett.das gesamtpaket ist einfacg stimmig. lg yago
Billy Budd (26.10.2011, 23:06): Wiener Staatsoper Dienstag, den 25. Oktober 2011 SALOME Richard Strauss
Die beiden „Salome“-Vorstellungen haben es ein weiteres Mal gezeigt: Die letzte Aufführung einer Serie ist meist besser als die erste. Gestern wartete man mit einer sehr guten Vorstellung auf. Peter Schneider ist ein Garant für Qualität; es ist unverständlich, warum der beliebte und bewährte Dirigent für die laufende Spielzeit nur für fünf Vorstellungen verpflichtet wurde. Herrn Schneider gelang es, ein Höchstmaß an Dramatik und Spannung aufzubauen, um das Orchester aber im richtigen Augenblick zurückzunehmen. An einigen Stellen (zum Beispiel am Ende des Schleiertanzes oder bei Jochanaans Worten vom „See von Galiläa“) wagte ich kaum zu atmen. Bewundernswert! Wolfgang Schmidt, der sein Tremolo in vernünftigen Grenzen halten konnte, ist doch nicht als pensionsreif abzuschreiben. Freilich, in der Gestaltung der dankbaren Partie bleib er einiges schuldig und manche Textstellen (zum Beispiel „Er hat Deinen Namen nicht genannt!) hätte ich mir ein wenig besser herausgearbeitet gewünscht, ansonsten bot er eine gute Leistung. Wahrscheinlich bin ich diesbezüglich durch den grandiosen Gerhard Siegel, den ich im Juni 2011 als Herodes erlebt habe, verdorben. Janina Baechle (Herodias) agierte am Samstag um einen Hauch besser als gestern. Camilla Nylund hat sich zu einer sehr guten Salome entwickelt. Ihre leicht silbrige Stimme konnte das Orchester gut übertönen und wenn sie manche sehr tief gelegene Töne nicht erreichte, so machte sie dies mit ihrer überzeugenden schauspielerischen Leistung wett. Sie teilte sich ihr Kräfte gut ein, sodass für den Schlussmonolog noch genügend stimmliche Ressourcen vorhanden waren. Was den Schleiertanz betrifft, so ist ihr Prüderie nicht vorzuwerfen. Auch Markus Marquardt hat sich verbessert. Er brachte eine solide Leistung, konnte Höhenprobleme allerdings nicht kaschieren. Da in letzter Zeit Marian Talaba und Geregly Németi den Part des Narraboth im Monopol sangen, habe ich mich gefreut, Herbert Lippert in dieser Rolle zu erleben. Ich vermute, dass er noch nicht ganz genesen war, denn sein ansonsten strahlender Tenor klang leicht belegt. Darüber hinaus ist Herr Lippert dem Narraboth schon fast entwachsen; in absehbarer Zeit würde ich ihn gerne als Herodes hören. Auffallend war, dass sich die meisten restlichen Darsteller unauffällig agierten. Positiv sind KS Herwig Pecoraro (1. Jude) und Marcus Pelz (1. Soldat) zu erwähnen. Juliette Mars sang einen unspektakulären Pagen. Sorin Coliban liegt – wie schon oin der Besprechung der letzten Aufführung erwähnt – der 1. Nazarener zu hoch und ich hätte mir seinen Part etwas gefühlvoller gewünscht. KS Walter Fink (5. Jude) war nicht gut bei Stimme, was daran liegen könnte, dass er am Vortag den Sarastro an der Volksoper gesungen hatte. Sehr unauffällig agierten Peter Jelosits (2. Jude), Carlos Osuna (3. Jude), Benedikt Kobel (4. Jude), Hans Peter Kammerer (2. Nazarener), Dan Paul Dumitrescu (2. Soldat), Johannes Gisser (Cappadocier) und Gerhard Reiterer (Sklave). Es handelte sich um die 200. Aufführung der Inszenierung von Boreslaw Barlog in der Ausstattung von Jürgen Rose. Ad multos annos!
Billy :hello
An Heike und Yago, ich habe heute leider keine Zeit mehr, auf Eure Rückmeldungen einzugehen, was ich am Samstag nachholen werde (Morgen habe ich ziemlich sicher keine Zeit, um in das Forum zu schauen.).
golioni (27.10.2011, 12:43): Original von yago
heutiges musiktheater braucht mehr als nur gute sänger,die darstellung ist fast genau so wichtig.
Lieber yago, der Idealfall ist es sicherlich wenn man auf der Bühne Interpreten hat, die sowohl ein guter Sänger als auch ein guter Darsteller sind. Soweit bin ich ganz deiner Meinung, allerdings
Original von yago nathalie dessay machte das was ihr stimmlich zu anderen sängerinnen vielleicht fehlt,mit ihrem spiel mehr als wett... lg yago (Das folgende gilt ganz allgemein und ist nicht speziell auf Natalie Dessay bezogen). gesangliche Defizite durch eine gute Darstellung auszugleichen ist meiner Ansicht nach schlichtweg unmöglich. Es ist aller höchstens möglich einen, sagen wir mal nicht ganz so aufmerksamen Zuhörer durch eine fesselnde Darstellung(oder auch durch irgendwelche andere "Aktivitäten" auf der Bühne) so weit abzulenken, dass er die gesanglichen Defizite nicht mehr, oder weniger wahrnimmt. Die Mängel bleiben aber nichtsdestotrotz bestehen. Im Prinzip ist das fast wie beim Gebrauchtwagenkauf. Wenn der Motor oder das Fahrwerk nichts taugt hilft einem die schönste Hochglanzlackierung nichts, aber der Käufer lässt sich vielleicht dadurch von den technischen Mängel ablenken und kauft das Auto trotzdem weil es so toll aussieht. Mir persönlich bringt die darstellerische Leistung eines Interpreten überhaupt nichts wenn die sängerischen Mängel zu eklatant sind, oder anders ausgedrückt mir ist ein guter Sänger viel wichtiger als ein guter Darsteller.
Severina (27.10.2011, 15:46): Lieber Golioni,
ich würde sagen, das hängt ganz davon ab, was man sich in der Oper erwartet/wünscht, und das kann durchaus unterschiedlich sein. Auf einer CD erwarte ich mir eine gesangliche Leistung möglichst nahe an der Perfektion, da geht es mir um die Stimme und um nichts anderes. (Daher gibt es eine ganze Reihe von Sängern, von denen ich mir nie eine Aufnahme zulegen würde, obwohl sie mich live immer wieder mitreißen.)
Oper hingegen ist für mich Musiktheater, und ein Sänger, der an der Rampe klebt und dazu bestenfalls ein paar aerobische Freiübungen anbietet, langweilt mich entsetzlich, selbst wenn er singt wie die himmlischen Engelschöre. Wenn Darstellung unwichtig wäre, könnte man sich ja den ganzen Ausstattungspomp sparen und Opern nur konzertant aufführen.
Natürlich nehme ich sängerische Defizite wahr, sie verderben mir aber nicht die Freude an einem Opernabend, wenn der/die Sänger/in es versteht, in der Rolle aufzugehen, mich emotional mitzureißen. Schon klar, dass die Emotionen auch mittels der Stimme transportiert werden müssen, ein vokales Rollenporträt geformt werden muss, aber das hat für mich nichts mit Schöngesang zu tun. Mara Zampieri z.B. hat weder eine schöne Stimme noch eine perfekte Technik, aber ihre Lady Macbeth ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.
Da ich selber alles andere als perfekt bin, erwarte ich mir auch von Sängern keine Perfektion. Was ich mir erwarte, ist Ehrlichkeit, Leidenschaft, Hingabe, die 100%ige Identifikation mit einer Rolle, und das hat für mich absolut nichts damit zu tun, ob die Koloraturen jetzt wie im Lehrbuch vorexerziert werden oder der Spitzenton makellos klingt. Ich möchte auf der Opernbühne MENSCHEN sehen, die sich annähernd so verhalten (in Mimik und Gestik), wie es die Situation erfordert, keine blutleeren Figuren, die ein eingelerntes Bewegungsmuster herunterspulen (Und dem Dirigente erzählen, dass sie den Sopran/Tenor lieben.... :rofl).
Ein gewisses sängerisches Niveau muss natürlich vorhanden sein, das ist ganz klar, außerdem muss mich die Stimme berühren, sonst befriedigt mich auch schauspielerischer Totaleinsatz nicht. Wo ich eben bereit bin Abstriche zu machen, ist die Gesangstechnik oder die Verfügbarkeit exponierter Töne, sei's nach oben oder nach unten.
Dies ist nur eine Erklärung meiner Position, keineswegs ein Anspruch auf Allgemeingültigkeit!
lg Severina :hello
nikolaus (27.10.2011, 21:39): Liebe Severina,
:beer
Nikolaus.
Billy Budd (28.10.2011, 16:12): Wiener Staatsoper Donnerstag, den 27. Oktober 2011 FIDELIO Ludwig van Beethoven
Die gestrige Vorstellung hinterließ einen ähnlichen Eindruck, wie die am 23. Oktober, weswegen ich mich sehr kurz fasse. Neu besetzt war die Rolle des Jaquino. Benjamin Bruns hat mich hier von allen Rollen, in denen ich ihn erlebt habe, am wenigsten überzeugt. Stimmlich bewältigte er die Rolle passabel, aber mich störte sein stark bundesdeutscher Dialekt (Peter Jelosits hat den Jaquino viel wienerischer verkörpert.) und besonders der dramaturgisch wichtige Satz „Vater Rocco, der Minister ist angekommen!“ kam sehr undeutlich. Mit Lars Woldt wurde ich nicht besonders glücklich. Hatte er bei den ersten Aufführungen die Rolle überhaupt nicht ins Lächerliche gezogen, so hätte ich mir diesmal ein bisschen weniger Outrage besonders bei der Gold-Arie gewünscht. Stimmlich war er diesmal nicht ganz auf der Höhe. Die Karriere von Waltraud Meier dauert schon 35 Jahre, was man auch hört. Positiv ist die enorme Wortdeutlichkeit in den Dialogen (Die jeweilige Gefühlslage war auch ohne Textkenntnis spürbar!) und das gute Spiel zu vermerken. Im Wesentlichen blieben die restlichen Leistungen gleich, weshalb ich auf den Bericht vom 23. Oktober verweise. Albert Dohmen agierte einen Hauch besser, aber noch immer inakzeptabel; Robert Dean Smith höhenschwach, aber sehr wortdeutlich; Markus Marquardt solide, klang aber erschöpft; Anita Hartig kreischend (Da graut einem schon vor der Susanna!); Wolfram Igor Derntl und Johannes Gisser sehr gut; Chor gut; Orchester unter Bertrand de Billy zufriedenstellend.
Billy :hello
Billy Budd (28.10.2011, 16:22): Liebe Heike, wie ich schon kundgetan habe, gehört Waltraud Meier zu meinen Lieblingen, aber wenn Du sagst, dass Registerbrüche nicht unüberhörbar sind und die Stimme in den höheren Lagen schrill klingt, gebe ich Dir Recht. Aber ebenso wie Du schätze ich ihre Bühnenpräsenz und den ungemeinen Ausdruck. In wenigen Tagen werde ich sie als Sieglinde erleben und ich freue mich schon sehr darauf.
Lieber Yago, was ich über "Heutiges Musiktheater" denke, ist wohl schon bekannt. :D Offenbar halte ich im Gegensatz zu Dir den Germont gar nicht für so böse (Kein Verglich mit Deinem Namenvetter in "Otello".); kann man es ihm verdenken, dass ihm wichtiger ist, ob seine Tochter eine gute Partie bekommt, als, wie es um das Befinden einer Art Prostituierten steht? Immerhin sieht er am Ende seine Mitschuld an der Tragödie ein (Ich weiß nicht, wie es im italienischen Original lautet aber auf Deutsch heißt es ungefähr so: "Ich törichter, alter Mann; jetzt erkenne ich mein Verbrechen."). Ihn als böse darzstellen, wäre meiner Meinung nach kurzsichitg.
Lieber Golioni, Du sprichst mir aus der Seele! Genau so sehe ich die Sache auch!
Billy :hello
Severina (28.10.2011, 22:49): Original von Billy Budd Liebe Heike, wie ich schon kundgetan habe, gehört Waltraud Meier zu meinen Lieblingen, aber wenn Du sagst, dass Registerbrüche nicht unüberhörbar sind und die Stimme in den höheren Lagen schrill klingt, gebe ich Dir Recht. Aber ebenso wie Du schätze ich ihre Bühnenpräsenz und den ungemeinen Ausdruck. Billy :hello
Hm, nun ja... das klingt doch, mit Verlaub, schon ein wenig kaputt, oder? Auf der anderen Waagschale liegen Frau Meiers Bühnenpräsenz und die Tatsache, dass Du ihr viele wundervolle Opernerlebnisse verdankst, sie zu Deinen Lieblingssängerinnen zählt - und siehe da, schon ist die Waage ausbalanciert :D (Obwohl Du eben noch mit Golioni einer Meinung warst, dass schauspielerischer Totaleinsatz sängerische Defizite NICHT wettmachen kann :cool!)
Nein, ich werfe Dir jetzt nicht vor, dass Du mit zweierlei Maß misst (Dessay :wink), niemand versteht das schließlich besser als ich. Worauf ich hinaus will: Die brutale Ehrlichkeit stößt sehr rasch an Grenzen, wenn persönliche Gefühle im Spiel sind. Da hat man flott Entschuldigungen zur Hand, die man bei ungeliebten Künstlern nie und nimmer gelten lassen würde. Noch einmal: Das ist weder eine Kritik noch ein Vorwurf an Dich, denn dieses Phänomen ist einfach menschlich. Ich behaupte immer, um absolut objektiv urteilen zu können, darf man die Oper nicht lieben. Liebe und Objektivität passen einfach nicht unter einen Hut. Und wenn man sich noch so um Objektivität bemüht, das Unterbewusstsein funkt einem immer wieder ganz heimtückisch dazwischen. Aber für mich ist das nicht wirklich ein Problem, weil mich die objektive Wahrheit weniger interessiert als mein Bauchgefühl. Was Gänsehaut auslöst und einen auf Wolke 7 schweben lässt, ist nicht unbedingt ein perfekter Registerwechsel, oder :wink :D?????
lg Severina :hello
Billy Budd (29.10.2011, 22:26): Wiener Staatsoper Donnerstag, den 28. Oktober 2011 IL BARBIERE DI SIVIGLIA Gioachino Rossini
Eine durchschnittliche Aufführung von Rossinis "Barbiere" ging am gestrigen Abend über die Bühne der Wiener Staatsoper. Das Niveau des Hauses wurde nur von zwei Ensemblemitgliedern demonstriert; die restliche Sängerschar ist in der Kategorie "Mittelmaß" einzuordnen. Zum gefühlten 100. Mal habe ich mich gefragt, weshalb Clemens Unterreiner keine größeren Aufgaben zugebilligt werden. Von ihm, der eine wahre Luxusbesetzung für den Part des Fiorello ist, möchte ich bald einen Figaro hören. KS Alfred Šramek als Bartolo befand sich gestern in keiner so guten stimmlichen Verfassung, wie im September, aber mit seinem exellenten Spiel (Er ist nicht müde, in jeder Aufführung neue Späße einzubauen.) sorgte er für gute Unterhaltung. Soweit zu den beiden Pluspunkten. Antonio Siragusa in der Rolle des Conte trat zwar mit koloratursicherem, aber recht höhenschwachen und leisem Tenor, der über kein besonders Timbre verfügt, an. Die fast jedesmal gestrichene Arie im zweiten Akt wurde gesungen; er hätte aber gut daran getan, dies zu lassen. Positiv ist die Spielfreude des Sängers zu vermerken. George Petean sang einen soliden Figaro, der allerdings mit Höhenproblemen zu kämpfen hatte. Auch er spielte vorzüglich, ohne unangenehm zu outrieren. Rachel Frenkel ist ab dieser Saison neu im Ensemble (Sie wird noch als Cherubin zu hören sein.) und hinterließ einen durchwachsenen Eindruck. Freilich, sie war lieb anzuschauen und spielte auch ganz reizend, aber von einer Rosina erwarte ich mir doch ein wenig mehr. In der Höhe klang die Stimme der jungen Sängerin ungewöhnlich heiser und an der Koloraturgeläufigkeit ließe sich noch arbeiten. Adam Plachetka ist als Basilo eine glatte Fehlbesetzung. Abgesehen davon, dass Herr Plachetka für diese Rolle zu jung wirkt, fehlt seiner Stimme komplett die bassale Färbung. Recht skeptisch sehe ich seiner Interpretation des Dulcamara, die uns demnächst erwartet, entgegen. Lydia Rathkolb als Marzellina brachte eine ordentliche Leistung und legte auch am Ende ihrer Arie ein paar Koloraturen ein. Michael Kuchar (Ambrogio) und Wolfram Igor Derntl (Offizier) ergänzten zufriedenstellend. Positiv überrascht war ich von dem Dirigenten Michael Güttler, der die letzte "Barbiere"-Vorstellung ziemlich verpfuscht hatte. Freilich, auch gestern hätte ich mir in der Overtüre ein wenig mehr Dynamik gewünscht, aber wenigstens hetzte Herr Güttler nicht. Das Publikum bedachte die Mitwirkenden mit freundlichem Einheitsapplaus.
Billy :hello
Billy Budd (30.10.2011, 11:27): Liebe Severina, jetzt hast Du mich aber in einen schönen Zwiespalt gebracht. :D Noch dazu, wenn ich unlängst das geschrieben habe: Als recht junger Opernfan bin ich doch etwas stolz darauf, Renato Bruson in dieser Rolle erlebt zu haben. Wenn auch dessen Stimme erahnen ließ, dass ein 76-jähriger sie besaß – seine überragende Bühnenpräsenz machte alles wett. Ich bin trotzdem der Ansicht, dass für wenige Partien eine überragende Bühnenpräsenz extrem wichtig ist. Beispiele sind die Pique Dame-Gräfin, die Klytämnestra, die Küsterin oder eben auch der Germont. Ansonsten bin ich mit Golioni vollkommen einer Meinung. Zu Waltraud Meier: Die Stimme klingt natürlich nicht taufrisch, aber sie hat jedes Wort in den Dialogen so ausgesprochen, dass man die Gefühlslage der Person gespürt hat, was meiner Meinung nach nicht unter "schauspielerischer Totaleinsatz" fällt. Die Leonore ist aber einfach nicht ihre Rolle und ich freue mich schon auf Sieglinde und Santuzza. Billy :hello
Severina (30.10.2011, 11:59): Lieber Billy,
genau das wollte ich Dir bewusst machen, diesen Zwiespalt, in den man als "liebender" Opernfan immer wieder gerät, und so lange man dazu steht, so wie Du, ist es völlig in Ordnung. Auch wenn meine Defintion von einer gelungen Vorstellung nicht mit Deiner oder Golionis übereinstimmt, so verstehe und akzeptiere ich Eure Position natürlich.
Du hast mit Renato Bruson übrigens ein sehr gutes Beispiel für Bühnenpräsenz gebracht: Bruson war/ist kein großer Schauspieler, aber er strahlt Persönlichkeit aus, wenn er die Bühne betritt, ist er einfach da, während man bei anderen Sängern oft nach drei Stunden das Gefühl hat, dass sie immer noch nicht da sind. Ein anderes Beispiel ist Ruggero Raimondi, der einen - oder vielmehr mich - in seinen Bann zieht, bevor er den Mund geöffnet hat. Er ist allerdings im Unterschied zu Bruson auch ein großartiger Schauspieler. Bruson stieß immer an seine Grenzen, wenn er echte Schurken darstellen musste - den Jago habe ich ihm z.B. nie abgenommen, auch wenn er ihn wunderschön gesungen hat. Aber das war er einfach nicht. Er verströmt immer Würde, und genau das macht ihn zu einem idealen Germont.
Ich bin zwar der Meinung, dass JEDE Rolle Persönlichkeit braucht, die von Dir genannten aber ganz besonders, da stimmen wir überein. Deshalb ist z.B. Agnes Baltsa immer noch eine zutiefst berührende Küsterin, obwohl ich Dir bei ihr nicht widersprechen würde, wenn Du ihre Stimme als kaputt bezeichnest :wink.
lg Severina :hello
Billy Budd (02.11.2011, 13:42): Ich weiß nicht, wie andere Mitglieder die Sache sehen, aber zumal ich fast jede Serie mindestens einmal besuche, halte ich es durchaus nicht für schlecht, eine Übersicht über besonders herausragende (positiv, wie negativ) Darbietungen zu erstellen. Dies soll naürlich keine sinnfreie Top-/Flop-Liste, sondern nur ein völlig subjektiver Rückblick sein.
Nach dem passablen Saisonbeginn waren leider wieder sehr durchwachsene Leistungen zu erleben. Die Traviata-Neuproduktion misslang meines Erachtens nach komplett; eine miese Buttterfly wurde uns aucb vorgesetzt. Salome erfuhr eine staatsopernwürdige Wiedergabe, Zauberflöte war akzeptabel, aber ansonsten ist nicht viel positives zu vermelden.
Meiner Meinung nach ...
Außergewöhnlich guter Hauptdarsteller aus dem Ensemble: Lars Woldt (Rocco) Außergewöhnlich guter gastierender Hauptdarsteller: Genia Kühmeier (Pamina) Außergewöhnlich schwache Darbietung: Daniela Dessi (Cho-Cho-San), Marian Talaba (Pinkerton), Eijiro Kai (Sharpless), KS Natalie Dessay (Violetta), Charles Castronovo (Alfredo), Julia Novikova (Königin der Nacht), Albert Dohmen (Pizarro) Außergewöhnlich guter Klein(-st-)rollendarsteller: Wolfram Igot Derntl (1. Gefangener), KS Walter Fink (5. Jude), Clemens Unterreiner (Fiorello) Außergewöhnlich gutes Dirigat: Adam Fischer (Zauberflöte), Peter Schneider (Salome) Außergewöhnlich schwaches Dirigat: Bertrand de Billy (Traviata) Bestes Gesamtpaket: Salome Enttäuschendste Vorstellung: Traviata
Nicht einbezogen wurden Eugen Onegin und Alcina.
Billy :hello
Heike (05.11.2011, 07:55): Lieber Billy, wie ich schon kundgetan habe, gehört Waltraud Meier zu meinen Lieblingen Die kannst du übrigens (mit Storey, Pape, Trekel, Gubanova) im nächsten März als Isolde an der Staatsoper im Schillertheater Berlin sehen, in einer guten alten Kupfer-Inzenierung. Es gibt sogar (online) noch preiswerte Karten. Heike
Billy Budd (05.11.2011, 17:53): Liebe Heike, danke für den Hinweis, aber nach Berlin werde ich es leider nicht schaffen. (Und auch Ian Storey als Tristan würde mir vermutlich den Abend verderben.) Wirst Du vor Ort sein? Billy :hello
Heike (06.11.2011, 00:32): Lieber Billy, vielleicht sehe ich es mir nochmal an (schon wegen Pape und Trekel). Ich hab diese Inszenierung aber schon mal vor Jahren gesehen, damals noch mit einer topfitten Waltraud Meier. Heike
Billy Budd (15.11.2011, 23:12): Wiener Staatsoper Donnerstag, den 28. Oktober 2011 KÁTJA KABANOVÁ Leoš Janácek
Eigentlich hatte ich vor, die „Kátja“-Vorstellungen im November zu schwänzen, zumal mich bei der Premierenserie im Juni 2011 die Musik nicht wirklich angesprochen hat und die Sängerleistungen zwar solide, aber nicht herausragend waren. Bei dem Anstellen zur sonntäglichen „Götterdämmerung“ wurde mir jedoch berichtet, das singende Personal – insbesondere die Interpretin der Titelrolle – habe sich gesteigert, weswegen ich doch einen Besuch ins Auge fasste, was sich als gute Idee erwiesen hat. Das Endergebnis war zwar nicht überwältigend, aber Janaceks „Kátja“ ist mir ein wenig näher gekommen. In der Premierenserie war Norbert Ernst ein sehr guter Kudrjáš; dem gestern aufgebotenen Gergely Németi passten die Schuhe seines Vorgängers nicht. Ich finde es generell begrüßenswert, wenn Sänger auf ein großes Repertoire verweisen können, aber was Herrn Németi betrifft, weiß ich nicht, welches Stimmfach er anstrebt. In letzter Zeit sang er unter anderem Nemorino und Tamino (Lyrischer Tenor), Basilo und Jaquino (Charaktertenor) und Walther von der Vogelweide und Holländer-Steuermann (Jugendlicher Heldentenor). Jedenfalls stellt er für den Part des Kudrjáš eine Fehlbesetzung dar (Seine Stimme ist zu wenig beweglich.) und schauspielerisch konnte er nicht viel bieten. Wenn eine erst 24-jährige Sängerin am Haus debütiert, hat man gewisse Ahnungen und Befürchtungen, die gestern nicht eintraten. Alisa Kosolova (Glaša) besitzt eine angenehme und nicht zu leise Mezzostimme. Ein Wiederhören würde Freude machen. Die weiteren Sänger wirkten auch in der Premiere mit. Janice Watson erbrachte damals eine recht schwache Leistung, aber – wie oben erwähnt – war am gestrigen Abend eine enorme Steigerung feststellbar. Die Stimme hat an Volumen gewonnen und in Anbetracht der Tatsache, dass sie über eine ausgezeichnete Tiefe verfügt, fielen Schärfen in der Höhe nicht weiter ins Gewicht. Für mich der Stern des Abends war Wolfgang Bankl. Der Part des Dikoj kommt seiner Stimme optimal entgegen und darstellerisch ließ er keine Wünsche offen. KS Deborah Polaski – vor nicht allzu langer Zeit noch als Brünnhilde im Einsatz – ist über ihren Zenit schon hinaus, aber eine Interpretin der Kabanicha muss über keine taufrische Stimme verfügen. Frau Polaski wurde den stimmlichen Anforderungen vollkommen gerecht, allerdings nahm ich ihr – wie schon in der Premiere – den Familientyrann nicht ab, woran auch eventuell der Regisseur schuldig sein könnte. Für Marian Talaba ist der Tichon eine gute Rolle. Klaus Florian Vogt (Boris) habe ich ein klein wenig besser in Erinnerung. Ich hätte mir mehr Lautstärke gewünscht, ansonsten gibt es nichts auszusetzen. Stephanie Houtzeel bot eine gute Vavara; ich mag aber nach wie vor das harte und scharfe Timbre der Sängerin nicht. Sehr gut agierte Marcus Pelz als Kuligin; unauffällig blieb Donna Ellen als Fekluša. Unser Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst erbringt meines Erachtens bei Janácek die besten Leistungen. Das Staatsopernorchester spielte sehr gut.
Billy :hello
EDIT/KORREKTUR: Es ist eigentlich eine Unöflichkeit, Namen falsch zu schreiben, weswege ich den Vornamen von Frau Polaski richtig stellte. Zudem besserte ich noch vier andere Schreibfehler aus.
yago (15.11.2011, 23:19): ich war am 10.11. in der "katja kabanova". die inszenierung fand ich ganz in ordnung,die silhouette new yorks störte ein bissl,war nicht ganz einsichtig. die musik ist nicht ganz die meine,trotzdem waren 1 3/4 stunden rasch vorüber. lg yago
Severina (17.11.2011, 23:45): Anders als Billy gefällt mir "Kátja Kabanová" musikalisch sehr gut, unmittelbar nach einer Vorstellung glaube ich sogar immer, sie sei meine liebste Janácek-Oper überhaupt, aber in einem gewissen Abstand betrachtet, "siegt" dann doch wieder die "Jenufa". Daher durfte ich die Wiederaufnahme der Produktion vom Juni 2011 nicht versäumen, auch wenn sie mich damals nicht 100%ig überzeugt hatte.
An meiner Einschätzung der Inszenierung hat sich nichts geändert, ich erspare Euch daher eine Wiederholung, sondern verweise auf meinen GP-Bericht vom 14. Juni 2011. (Leider bin ich zu doof zum Verlinken :S) Was ich Regisseur André Engel besonders ankreide, ist, dass er diese ungemein dramatische Handlung über weite Strecken zu einem harmlosen Kammerspiel degradiert hat. Zumindest ich spüre in keiner Phase das Beklemmende, Erdrückende, das besonders im Haus der Kabanicha auf allen lasten, jede Lebensfreude im Keim ersticken müsste. Da ist halt eine frustrierte und boshafte Alte, die viel und gerne keppelt, ihren Waschlappen von Sohn triezt und herumkommandiert, aber die Tyrannin, die ihre Schwiegertochter in den Tod treibt, nehme ich Deborah Polaski immer noch nicht ab.
Der Einzige, der exakt die Aura verströmt, die ich bei der Katja spüren will, ist Wolfgang Bankls Dikoj. Wie schon im Juni, erbrachte er auch heute für mich die überzeugendste Leistung, sowohl schauspielerisch wie auch stimmlich. Er stattete seinen eindrucksvoll orgelnden Bass mit genau dem Maß an Jähzorn, Härte und Heimtücke aus, das ich mir auch von Frau Polaski wünschen würde. In seinen Szenen blitzte genau das auf, was ich ansonsten schmerzlich vermisste.
Bleiben wir gleich bei den Männern:
Marian Talaba hat mich noch mit keiner Rolle so überzeugt wie mit dem Tichon, der scheint mir als Typ wie maßgeschneidert für ihn. Auch stimmlich erfüllt er die Erwartungen im Großen und Ganzen, ging aber heute einige Male in den Orchesterfluten unter. Durchschlagskraft zählt leider nicht zu den Stärken seines Tenors, den ich ansonsten für mich unter neutral einordne: Er missfällt mir nicht, bleibt aber im Ohr hängen, ohne den Weg zum Herzen zu finden (Gott, bin ich heute poetisch :cool!).
Klaus Florian Vogt bewältigt den Boris problemlos, sein silbriges Timbre ist Geschmackssache, der meine ist es nicht so ganz. (Ich muss gestehen, dass mich dieser Sänger vor ein paar Jahren in der "Toten Stadt" wesentlich mehr beindruckt hat als in der Katja!) André Engel hat es offenbar verabsäumt, dem Boris ein Rollenprofil zu verleihen, und Herr Vogt hat von sich aus nicht viel anzubieten. Sein Boris ist nicht Fisch und nicht Fleisch, vor allem aber keine wirklich überzeugende Alternative zu Tichon. Fast ist man geneigt Dikoy Recht zu geben, der in seinem Neffen nur einen Nichtsnutz sieht.
Eine Umbesetzung gab es inzwischen leider bei der Rolle des Kudrjas, der nicht mehr vom ausgezeichneten Norbert Ernst, sondern von Gergely Németi anständig gesungen und eher unbeholfen gespielt wird. Ich gestehe es ehrlich, mit diesem Sänger kann ich einfach nichts anfangen. Dass viele von ihm sehr angetan sind, ist mir bewusst, ich kann das leider nicht nachvollziehen, und bevor ich jetzt unfair werde, lasse ich es dabei bewenden.
Kommen wir nun zu den Damen!
Janice Watson hat sich in der Tat stimmlich gesteigert und kann nun mit dem Orchester gut mithalten, sie verfügt auch über ein angenehmes Timbre, eine solide Mittellage und gute Tiefe. Allerdings störten mich heute einige "hinausgebellte" Höhen, die nicht organisch aus der Gesangslinie entwickelt wurden, sondern sehr aufgesetzt klangen. Aber gut, das wäre nicht so tragisch, könnte mich Frau Watson mit ihrer Interpretation überzeugen, aber genau hier liegt der Hund begraben. Ein Kritiker erwärmte sich an ihrer "reich schattierten Stimme", welche die ganze Gefühlspalette der Katja auszudrücken imstande wäre, und genau das höre ich NICHT. Für mich klingt alles ziemlich eindimensional, zumindest in den ersten Bildern, erst am Schluss spüre ich die emotionale Erschütterung der Katja, die Ausweglosigkeit, die sie in den Freitod treibt. Aber das zweite Bild z.B. würde ich ohne Textkenntnis als das muntere Geplauder zweier Freundinnen über ihre letzten Dates deuten, denn genau dieser harmlos-heitere Stimmung vermittelt mir Frau Watson hier.
Deborah Polaski bot eine stimmlich untadelige Leistung, dass sie als Persönlichkeit fast alles schuldig bleibt und somit der Dreh- und Angelpunkt der ganzen Tragödie ins Stocken gerät, habe ich bereits gesagt.
Nicht revidieren muss ich meine positive Bewertung von Stephanie Houtzeel, die für mich die optimale Besetzung der Varvara ist. Mir gefällt auch ihr dunkler, sehr körperhafter Mezzo und ihre vibratoarme Stimmführung. Engagierte Singschauspieler bekommen bei mir natürlich sowieso ein dickes Plus :D!
Einen guten Eindruck hinterließ Alisa Kolosova als Glasa, allerdings müsste ich die Sängerin in einer größeren Partie erleben, um mich detailierter über sie äußern zu können.
Großartig ohne jede Einschränkung musizierte das Orchester unter der Stabführung von Franz Welser-Möst, dessen Affinität zu Janácek wieder deutlich spürbar war. Einmal ließ er die Philis klangmalerisch schwelgen, dann wieder peitschte er sie zu höchster Dramatik, ohne aber die Strukturen zu verwischen und einen zwar effektvollen, aber im Grunde banalen Klangbrei zu servieren, wie das leider so oft geschieht. Welser-Möst wird oft als "kühler Analytiker" diskreditiert, aber mir liegt gerade seine analytische Herangehensweise sehr, und als "kühl" im Sinne von seelenlos, uninspiriert, habe ich seine Dirigate noch nie empfunden.
Mein Fazit: Ein solider Repertoireabend, der zwar keine besonderen Höhepunkte, aber auch keine Ärgernisse bereit hielt und mich einigermaßen zufrieden den Heimweg antreten ließ. (Dass die Inszenierung den Kern der Oper mE ziemlich verfehlt, damit habe ich mich inzwischen abgefunden...)
lg Severina :hello
Billy Budd (19.11.2011, 16:44): Wiener Staatsoper Freitag, den 18. November 2011 L'ELISIR D'AMORE Gaetano Donizetti
Ich gehöre zu der seltenen Sorte von Wagnerianern, die auch spritzigen Donizetti- und Rossini-Opern etwas abgewinnen können. Umso trauriger macht es mich, dass bisher alle "Elisir"- und "Barbiere"-Vorstellungen der Ära Meyer sehr zu wünschen übrig ließen. Die gestrige Aufführung war schon wieder ein Paradebeispiel dafür, wie ein Direktor nicht besetzen sollte. Stephen Costello, der als Einspringer für Rolando Villazón im September 2010 in der "Bohéme" am Haus debütierte und hierfür recht durchwachsene Kritiken erhielt, habe ich gestern zum ersten Mal gehört. Für sein wirklich hässliches Timbre kann er nichts; sehr wohl aber dafür, dass er sich um nahezu alle hohen Töne mehr oder weniger elegant herumschummelte (Besonders schmerzlich wirkte das bei "Quanto è bella" und "Caro elisir".). Sein Gesang wikte unendlich eintönig. Wem es nicht bekannt war, dass es sich bei "Una furtiva lacrima" um eine Romanze und nicht um einen Wettebwerb im Brüllen handelt, hätte es nicht erraten. Schauspielerisch konnte er nicht viel bieten. Nach dieser Darbietung hoffe ich nicht auf eine weitere Begegnung. Aleksandra Kurzak ist im Gegensatz zu anderen Vertreten der Adina, die uns in letzter Zeit vorgesetzt wurden, wenigstens hörbar (Obgleich Marco Armiliato sängerfreundlich dirigierte, musste sie an einigen Stellen doch forcieren.), aber dieser Fakt macht noch keine gute Interpretin dieser Rolle. Auch sie gestaltete ihren Part stimmlich sehr farblos (Eigentlich die richtige Partnerin für Herrn Costello.) und die Chemie zwischen ihr und Nemorino stimmte nicht. Der Part des Dulcamara wird meistens älteren Sängern anvertraut; gestern hörte man den erst 26-jähigen Adam Plachetka. Meine im Vorfeld gehegten Zweifel, ob ein so junger Sänger diese Partie glaubhaft verkörpern könne, haben sich leider bestätigt. Herrn Plachetka liegt die Rolle zu tief. Bei "Udite, udite" klang er unsicher und erweckte die ganze Vorstellung den Eindruck, er fühle sich in der Rolle nicht wohl. Seine Gags kamen sehr aufgesetzt über die Bühne (Zum Beispiel als er bei seinem Auftritt spielte, dass ihm "e in altri siti" nicht einfallen wolle, beugte er sich viel zu übertrieben zu seinem Diener hinunter, der ihm die Wörter flüsterte. Wir wollen da gar nicht an Alfred Šrameks Quacksalber denken ...). Er muss wohl noch mehr in die Rolle hineinwachsen und wird mit fortschreitendem Alter wahrscheinlich besser werden. Unter den vier Protagonisten konnte Marco Caria als Belcore noch am ehesten überzeugen. Aber auch er blieb sowohl stimmlich, als auch darstellerisch erstaunlich blass. Jeanine de Bique (Gianetta) klang schrill. Marco Armiliato wird meistens mit sehr guten Kritiken bedacht, sodass ich am gestrigen Abend mehr als enttäuscht war. Während der ganzen Vorstellung vermisste ich den nötigen Esprit und Witz, sodass nicht viel gefehlt hat, und ich wäre eingeschlafen. Positiv ist zu vermerken, dass er besonders auf die Interpretin der Adina, die mit keiner großen Stimme gesegnet ist, Rücksicht nahm. Auch den Chor habe ich besser gehört. Der Galeriestehplatz hätte das Dreifache an Besuchern gut vertragen und auch manche Sitzplätze blieben frei. Während der Vorstellung kam überhaupt keine Stimmung auf und am Ende lief der übrliche Touristenapplaus (Höflich, aber kurz) ab. Im Summa: Es handelte sich um den bislang schlechtesten "Elisir" in der Ära Meyer (Das sagte auch eine andere Besucherin). Der Direktor sollte sich besser um seine Besetzungspolitik kümmern, anstatt in Interviews seinem Publikum Fremdenfeindlichkeit zu unterstellen.
Billy :hello
Severina (19.11.2011, 17:30): Lieber Billy, als ich Stephen Costello auf dem Besetzungsplan las, war dieser "L'Elisir" für mich auch schon gelaufen, und wie mir Dein Bericht bestätigt, wurde es dann ja auch das erwartete Debakel. Plachetka ist eine der wenigen erfreulichen Entdeckungen unseres "tollen" Direktors, aber zum Dulcamara fehlt ihm vorerst sicher noch alles. Es ist wirklich eine Schnapsidee, dieses mit allen Wassern der Lebenserfahrung gewaschene Schlitzohr mit einem 26jährigen zu besetzen - das kann einfach nur schief gehen.
lg Severina :hello
Billy Budd (19.11.2011, 20:04): Liebe Severina, Du hast recht, eigentlich ist ja jeder selbst schuld, der die Vorstellung besucht hat, aber bei mir siegt dann doch immer die Neugier. Nach dem letzten "Elisir" am 11. Juni (Besetzung: Calvo; Novikova, Castronovo, Yang, Maestri), dachte ich mir "schlimmer geht's nimmer", aber da habe ich mich geirrt. Ich denke mir: Warum sollte der Direktor besser besetzen, wenn das Publikum an Ende jubelt?
An meiner Einschätzung der Inszenierung hat sich nichts geändert, ich erspare Euch daher eine Wiederholung, sondern verweise auf meinen GP-Bericht vom 14. Juni 2011. (Leider bin ich zu doof zum Verlinken Hier eine Erklärung: 1) Du schreibst den Satz "An meiner Einschätzung der Inszenierung hat sich nichts geändert, ich erspare Euch daher eine Wiederholung, sondern verweise auf meinen GP-Bericht vom 14. Juni 2011.". 2) Du suchst den Beitrag, auf den Du verlinken willst. 3) Wenn Du bei jedem Betrag ganz nach unten scrollst, siehst Du, dass links neben dem Datum ein Dokument-Symbol steht. 4) Dieses Symbol klickst Du mit der mittleren Maustaste an. 5) Dein Beitrag müsste sich in einem neuen Tab geöffnet haben. Du klickst den an und kopierst den Link, den Du in der Adressleiste findest: http://www.das-klassikforum.de/thread.php?postid=95349#post95349 6) Jetzt wählst Du die Wörter "GP-Bericht vom 14. Juni 2011" aus und klickst auf das Link-Symbol, dass Du im Antwortfenster neben "zentrierter Text" findest. In dem Fenster müsstest Du die Wörter "GP-Bericht vom 14. Juni 2011" finden. 7) Du klickst auf "OK". 8) Jetzt fügst Du den in der Zwischenablage gespeicherten Link ein und klickst wieder auf "OK". Das Fenster schließt sich. 9) Im Adressfeld müsste jetzt stehen: GP-Bericht vom 14. Juni 2011 (Ich habe zwei Leerzeichen eingefügt.) Fertig.
Billy :hello
Billy Budd (21.11.2011, 23:19): Wiener Staatsoper Sonntag, den 20. November 2011 TANNHÄUSER UND DER SÄNGERKRIEG AUF DER WARTBURG (Dresdner Fassung) Richard Wagner
Normalerweise verfasse ich keinen Bericht, wenn mir bei einem Werk die Vergleichsmöglichkeiten fehlen. Da mir es aber ein Bedürfnis ist, über die gestrige Aufführung zu schreiben, breche ich hiermit meinen Vorsatz. Die umstrittene Produktion von Claus Guth provozierte bei der Premiere im Juni 2010 kräftige Missfallenskundgebungen. Wie viel von der Personenregie noch übrig ist, entzieht sich meiner Kenntnis; wahrscheinlich nicht allzu viel, denn mit Ausnahme der Interpreten des Wolfram, des Biterolf und Heinrich des Schreibers bestand das singende Personal nur aus Rollen- oder Hausdebütanten. Ich bin aber der Meinung, dass im Repertoire der Wiener Staatsoper schlimmere Inszenierungen von Wagner-Opern als dieser „Tannhäuser“ (zum Beispiel der Mielitz-Parsifal) zu finden sind/waren. Mehrere Leute erzählten mir, es handle sich um eine besonders gut gelungene Arbeit mit einem von der ersten bis zur letzten Szene sorgfältig durchgedachten und auch konsequent umgesetzten Konzept. Um mich diesbezüglich näher äußern zu können, müsste ich das Programmheft gelesen haben; aber ich gehöre zu den Opernbesuchern, für welche die Musik im Vordergrund steht. Insofern hatte ich am gestrigen Abend guten Grund, glücklich zu sein, denn geboten wurde eine der besten Wagner-Aufführungen der letzten Zeit, wofür zu einem beträchtlichen Teil ein grandioser Interpret der Titelrolle sorgte. Dass es doch nicht zu einer musikalischen Sternstunde reichte, muss man hauptsächlich der Hausdebütantin Iréne Theorin zuschreiben. Ihre Venus besaß nichts Verführerisches und Sinnliches und stimmlich trübte ein übermäßig starkes Tremolo den Genuss an manchen durchschlagskräftigen Höhen. Dass Alexandru Moisiuc den Biterolf an der Grenze zur Karikatur präsentierte, verwunderte mich nicht. Weiteres agierten Peter Jelosits (Heinrich der Schreiber) und Il Hong (Reinmar von Zweter) unauffällig, womit wir aber auch schon die Minuspunkte abgehandelt hätten. Stephen Gould hat in einem Interview verlautbart, dass Tannhäuser und Lohengrin seine besten Rollen seien. Als Siegfried wirkte er auf mich immer sehr gut, aber nicht ideal; als Tannhäuser begeisterte er mich auf der ganzen Linie. Er braucht jeden Abend kurze Zeit, um sich einzusingen und auch gestern irritierte mich in den ersten Takten seine Darbietung. Doch bald konnte er zu seiner normalen Form auflaufen und die fulminant vorgetragene Romerzählung geriet zu meinem Höhepunkt des Abends. Unter seiner „Normalen Form“ verstehe ich, dass der im Zenit seiner Karriere stehende Sänger ein Heldentenor par excellence ist. Dramatische Ausbrüche meistert er ebenso gut, wie lyrische Passagen. Normalerweise bevorzuge ich nicht baritonal-gefärbte Tenorstimmen, doch Herr Gould bildet eine Ausnahme. Seine Höhen sind strahlend und fast vibratofrei. Hervorheben möchte ich auch noch die akzentfreie Aussprache des Amerikaners. Als ich auf seiner Internetsite las, dass in Wien Auftritte als Bacchus geplant sind, habe ich mich wie ein Schneekönig gefreut, denn in dieser Rolle möchte ich Herrn Gould schon längere Zeit erleben. Wer gemeint hat, dass neben diesem Giganten die anderen Sänger Mühe hatten, überhaupt aufzufallen, hat sich getäuscht. Mein bei der „Arabella“ abgegebenes Urteil über Anne Schwanewilms brauche ich nicht zu revidieren, denn gestern kam ich zu einem ähnlichen Schluss. Die Stimme flackert in hohen Lagen, aber sonst erbrachte ihre Besitzerin eine ordentliche Leistung. Dass ihr bei „Zurück!“ die Stimme ein wenig verrutschte, kann man in Anbetracht ihrer sonstigen Leistung getrost außer Acht lassen. Sorin Coliban sang einen ordentlichen Landgrafen (Unter Garantie besser als sein Rollenvorgänger Ain Anger.); in der Höhe klang er besser, als in der Tiefe. Noch verfügt er über recht wenig Bühnenpräsenz, aber ich bin mir sicher, dass er mit fortschreitendem Alter mehr Persönlichkeit bekommen wird. Über den Wolfram von Matthias Goerne wurde heftig geschimpft, was ich nur ansatzweise verstehen konnte. Sein angenehm dunkel timbrierter Bariton erfüllte die Ansprüche der Partie. Er sollte sich nur abgewöhnen, so laut zu atmen, dass man es bis auf die Galerie hört und in der nächsten Vorstellung wird es ihm hoffentlich nicht mehr passieren, dass er bei „Mich fasst tiefes Mitleid für Dich an“ „Schicksal“ statt „Mitleid“ singt. Herbert Lippert fiel – wie schon im „Rheingold“ in der kleinen Partie des Froh – auch als Walther von der Vogelweide hauptsächlich durch merkbare Nervosität auf. Stimmlich bewältigte er den Part passabel. Ileana Tonca war ein guter Hirte. Einen großen Teil zum Gelingen dieses Opernabends trugen der sehr gute Chor (Leitung. Thomas Lang) und das Orchester unter der Stabführung von Franz Welser-Möst bei. Die Ouvertüre empfand gar nicht wie andere Besucher als zackig und abgehackt und auch was den restlichen Abend angeht, kann ich nichts aussetzen. Mir ist klar, dass ich hier das Dirigat sehr oberflächlich beschreibe, aber wenn ich ein Stück zum ersten Mal höre, achte ich doch mehr auf die Sänger. Das Publikum bedachte die Mitwirkenden mit langem Applaus; am stärksten bejubelt wurden der Interpret des Tannhäuser und der Dirigent. Nach ausgehendem Licht wurden zwei Mal das Ensemble und einmal Herr Gould alleine hervorgeklatscht, was man nicht alle Tage erleben kann.
Billy :hello
Severina (23.11.2011, 14:36): Der bei allen Opernfans gefürchtete blassrosa Zettel im Schaukasten lachte mir schadenfroh entgegen - es würde also eine Umbesetzung geben. Sie wird doch nicht.....? Doch, genau sie, nämlich Vesselina Kasarova, war von tückischen Viren außer Gefecht gesetzt worden!! Das war natürlich ein trauriger Auftakt, denn genau auf Frau Kasarova hatte ich mich so gefreut, nachdem ihr etliche Kritiker bescheinigt hatten, ihre Stimmkrise endgültig überwunden zu haben. Einen Aufwärtstrend konte ich zu meiner Freude ja schon im Vorjahr bei der "Alcina" konstatieren. Nun ja, was soll's, ich war fest entschlossen, diese "L'Italiana" trotzdem zu genießen und Einspringerin Stella Grigorian milde zu beurteilen.
Auch die "L'Italiana" zählt zu den alten Produktionen der WSO - gestern ging sie zum 80. Mal über die Bühne - , aber im Unterschied zu den meisten anderen möchte ich sie nicht missen. Sie war die letzte Arbeit des genialen Regisseurs und Bühnenbildners Jean-Pierre Ponnelle für unser Haus, bevor er viel zu früh verstarb. Auch gestern sorgte sein zauberhaftes Bühnenbild für deutlich hörbares Entzücken, als sich der Vorhang hob. Diverse maurische Bogenformen bilden in die Tiefe gestaffelt den Rahmen, auf dem Boden entsprechen dem verschiedene Stufen und Podeste, links und rechts ragt ein kunstvoll aus Holz geschnitzter Erker in den Raum, alles in den bei Ponnelle üblichen Erdfarben gehalten. Luftige weiße Vorhänge oder auch zwei mobile, filigran durchbrochene Wände markieren die Grenze zwischen innen und außen - sind sie offen, schweift der Blick über die Hinterbühne bis zum blassbraunen Horizont, der gleichzeitig das Meer symbolisiert. Das ist alles sehr geschmackvoll, sehr stilsicher, eben typisch Ponnelle, der nie die Grenze zum Kitsch überschritt. Schwülstige Haremsatmosphäre mit quietschbunten Kissen sucht man in dieser "L'Italiana" daher vergeblich. Weniger authentisch ist es naturgemäss um einer Inszenierung bestellt, die schon etliche Jahrzehnte auf dem Buckel hat. Richtigerweise vermerkt der Programmzettel daher auch "Nach einer Regie von Jean-Pierre Ponnelle", denn von dem Feuerwerk an Gags, der subtilen Personenführung des PR-Blocks hat sich nur mehr ein Teil bis ins Jahr 2011 herübergerettet. Wobei es aber auch schon schlimmer bestellt war um diese Produktion, denn im April 2009 wurde sie anhand der alten Regiebücher überarbeitet, und seither schnurrt das Räderwerk wieder besser. (Zuvor war's nämlich nur mehr eine dröge Stehpartie in hübschen Bühnenbildern!) Zum Gaudium des Publikums zünden einige Gags immer noch, so das putzige "Schifferlversenken", wenn, angefeuert von Haly, eine riesige Kanone vor dem Graben in Stellung gebracht und mit viel Hauruck geladen wird, während am fernen Horizont ein winziges Schifferl dahinzieht, das nach dem "Bumm!" kielüber versinkt. Ich muss gestehen, dass ich auch nach unzähligen "L'Italianas" immer noch mit Vergnügen auf diese Szene warte. Das mag Euch verwundern, wo ich mich doch immer zum modernen Regietheater bekenne, aber Ponnelle war für seine Zeit und auf seine Art durchaus modern, vor allem aber kennzeichnete ihn ein intelligenter Humor, der ihn nie in billigen Klamauk abdriften ließ. Er begegnete der Ironie in Rossinis Musik mit einem szenischen Augenzwinkern, erschlug sie aber nicht mit dem Blödel-Holzhammer.
Dass die gestrige "L'Italiana" so vergnüglich über die Bühne ging, lag aber auch am äußerst spielfreudigen männlichen Teil des Ensembles.
Obwohl es bisher in meinen Augen und Ohren noch niemand geschafft hat, die mächtigen Fußspuren von Ruggero Raimondi auszufüllen, machte Ildar Abdrazakov seine Sache als Mustafa Bey ganz ausgezeichnet. Er spielte mit sichtlichem Spaß den polternden Macho ebenso überzeugend wie den verliebten Tölpel, bewegte sich viel und gut auf der Bühne und konnte auch mit seinem wohl tönenden und mit satten Höhen - die er genussvoll hielt - ausgestatteten Bassbariton punkten. Dass es ihm (noch) an Durchschlagskraft fehlt, wie einige Kritiker bemäkelten, konnte ich zumindest gestern nicht feststellen, dafür vermisste ich die Schwärze in der Stimme, die eben einen Raimondi auszeichnet. Trotzdem zählt Herr Abdrazakov mit dieser Leistung zu den besten Mustafas, die ich in meinen 35 Opernjahren erleben durfte.
Etwas skeptisch blickte ich Maxim Mironov entgegen, denn als Castor im ThadW hatte er mich im Vorjahr ziemlich enttäuscht, und das war meine erste Live-Begegnung mit diesem so hoch gejubelten Sänger. Nun, der Lindoro zählt zu Recht zu seinen Paraderollen, und dass ich natürlich trotzdem meinen Liebling Juan Diego Flórez vorziehe, ist mein Problem und sicher nicht seines :wink. Mironovs extrem helle, seltsam androgyn klingende Stimme ist nicht so ganz mein Fall, aber er bewältigte die Anforderungen der Partitur ohne Probleme, bewies Geläufigkeit in den Koloraturen ebenso wie sichere, leichte Höhen (die ich mir mit ein bisschen mehr "Körper" wünschen würde) und nahm mich vor allem durch sein engagiertes Spiel für sich ein. Hier hat er im Vergleich zu Flórez ganz eindeutig die Nase vorn, denn Mironov agiert viel lockerer, spontaner als der Peruaner und kann die Bälle seiner Partner souverän auffangen.
Der falsche Onkel Taddeo liegt seit Jahren in der bewährten Kehle von Urgestein Alfred Sramek, der nach seiner schweren Krankheit stimmlich nun wieder ganz der Alte ist. Auch kräftemäßig scheint wieder alles zu stimmen, er ist nicht mehr so erschreckend hager wie noch vor einem Jahr. Die Konkurrenz der Jungen braucht Pensionist Sramek jedenfalls nicht zu fürchten, er singt mit seinem warmen, schön timbrierten Bariton so manchen locker an die Wand, auch seine Technik ist immer noch ausgezeichnet, vom gefürchteten Wobble, der so manchen älteren Sänger heimsucht, keine Spur. (Ja, Sramek hat heuer offiziell das Pensionsalter erreicht, aber natürlich tritt er immer noch auf und tut dies zu unser aller Freude hoffentlich noch sehr lange!)
Hans Peter Kammerer sang und spielte einen tadellosen Haly, auch er war mit sichtlichem Spaß bei der Sache und konnte seine Enttäuschung, dass er Taddeo dann doch nicht pfählen darf, nur schwer verbergen.
Gegen diese ausgezeichnete Männerformation taten sich die Damen etwas schwer, wobei ja eigentlich nur die Isabella wirklich etwas hergibt, Elivira und Zulma dienen eher als Staffage.
Ich weiß nicht, wie kurzfristig Stella Grigorian für die erkrankte Vesselina Kasarova einspringen musste, obwohl der Abendbesetzungszettel, der im Foyer verkauft wird, bereits ihren Namen enthielt. Ob kurz oder lang, mit Einspringern verfahre ich in der Regel milde, so auch mit Frau Grigorian. Trotzdem hoffe ich, ihr nicht noch einmal als Isabella begegnen zu müssen, denn für diese Partie fehlt es ihr nicht nur an Stimme, sondern vor allem an Persönlichkeit. Man glaubte ihr in keiner Szene die raffinierte Italienerin, die Mustafa um den Finger wickelt und ihr Spiel aufzwingt. Sie sah in ihren Kostümen sehr schön aus, was vielleicht bei einem einfach gewebten Macho wie dem Bey auch wirklich genügt, um ihn um das kleine Restchen Verstand zu bringen. Nur leider blieb bei Frau Grigorian auch die ganze Komik auf der Strecke, und das war wirklich schade. Ihre stimmlichen Grenzen zeigten sich in peinlicher Deutlichkeit bei "Pensa alla Patria", wo nicht nur ich bei den mehr gejaulten als gesungenen Höhen zusammenzuckte. Mehr als einen kurzen Höflichkeitsapplaus gab es danach auch nicht, umso erstaunter war ich dann beim Schlussapplaus, wo Frau Grigorian tatsächlich auch mit Bravos bedacht wurde.
Chen Reiss hat als Elvira nicht viel Gelegenheit, sich zu profilieren, sie fiel mir daher weder besonders positiv, aber auch nicht negativ auf. Das gilt in noch größerem Maß für Rachel Frenkel als Zulma, die ihre paar Sätze brav ablieferte, aber zu einer Bewertung reicht das für mich nicht.
Hinter dem Pult stand zu meiner großen Freude Marco Armiliato, den viele Wiener Opernfans in der letzten Siaon schmerzlich vermisst haben. Nun ist er wieder an die WSO zurückgekehrt und agierte gestern mit gewohnter Souveränität und der nötigen Spritzigkeit, um Rossinis musikalisches Feuerwerk zum Vergnügen des Publikums so richtig krachen zu lassen. Das Publikum zeigte sich übrigens sehr animiert und ging bei den Gags auf der Bühne bereitwillig mit, auch bei den unfreiwilligen. Einige Herrschaften hätten gestern nämlich etwas "Zielwasser" vertragen, was zusätzliche Heiterkeit auslöste: Mustafa Bey muss nämlich einen Blumenstrauß durch eines der beiden Erkerfenster werfen, worauf er von Isabella prompt retourniert wird. Insider warten schon immer auf diese Szene, wie vieler Versuche es bedarf, bis das Kunststück gelingt. Schafft es ein Mustafa beim ersten Mal, ist die Begeisterung immer groß. Wie so viele seiner Vorgänger zielte Abdrazakov zu kurz, aber anstatt zurückzufallen, blieb der vermaledeite Strauß am Gesimse hängen, was einerseits Gelächter, aber auch kurze Ratlosigkeit auslöste, vor allem bei Isabella, die in ihrem Erker immer noch auf das Geschoss wartete. Aber auch Haly schaffte es nicht, eine Bürste punktgenau in einen Eimer zu werfen, und das Fußballspiel mit dem Turban des zum Kaimakan beförderten Taddeo wollte gestern auch nicht so richtig gelingen. Aber wie gesagt, diese kleinen Pannen sorgten für zusätzliche Heiterkeit. Der Applaus für die Sänger am Schluss war herzlich, aber kurz, am heftigsten war er verdientermaßen für Abdrazakov, Mironov und Sramek.
Mein Fazit: Ein vergnüglicher Opernabend, der mit einer besseren Interpretin der Isabella beinahe perfekt gewesen wäre!
lg Severina :hello
Heike (23.11.2011, 17:01): Liebe Sevi, das ist wirklich schade, dass Kasarowa abgesagt hat. Ich kenne das, man freut sich auf den oder die - und dann der gefürchtete Zettel ..... Letztens im Oktober war es in Berlin Anja Harteros im Don Carlo :-( - wobei der Ersatz wenigstens mehr als ordentlich sang.
Hoffen wir mal gemeinsam, dass wir für den Rest der Saison so weit wioe möglich von solchen Überraschungen verschont werden. Heike
Billy Budd (23.11.2011, 18:01): Liebe Severina, dank Deinem ausführlichen Bericht weiß ich jetzt schon in etwa, was mich am Freitag erwartet. Ich muss gestehen, dass mir alle drei Hauptakteure unbekannt sind, weswegen ich mich schon sehr freue. Dass Hans Peter Kammerer ein tadelloser Haly war, kann ich ehrlich gesagt nicht ganz so glauben, aber vielleicht erlebe ich ja eine angenehme Überraschung. Die Inszenierung mag ich auch sehr und werde es Meyer nie verzeihen, dass er die Ponelle-Nozze hinausgeschmissen hat (Wenn wenigstens etwas Besseres nachkäme, aber diesbezüglich leider auch Fehlanzeige ...). Im Gegensatz zu Heike und Dir stehe ich Umbesetzungen gar nicht so negativ gegenüber, denn manchmal lassen sich ja erfreuliche Entdeckungen machen. Aber ich verstehe auch, wenn man sich auf einen bestimmten Sänger gefreut hat, und ob seiner Absage enttäuscht ist. Der Applaus für die Sänger am Schluss war herzlich, aber kurz, am heftigsten war er verdientermaßen für Abdrazakov, Mironov und Taddei. Hast Du da nicht jemanden verwechselt? :wink :D Billy :hello
Heike (23.11.2011, 18:04): Lieber Billy, Normalerweise verfasse ich keinen Bericht, wenn mir bei einem Werk die Vergleichsmöglichkeiten fehlen. Das fände ich ausgesprochen schade, wenn wir nur aus diesem Grund auf einige deiner Berichte verzichten müssten!
Ganz ehrlich, ich finde es genauso spannend zu lesen, ob jemand von einem ihm noch eher nicht so vertrauten Werk und dessen Darbietung begeistert war als wenn ein Kenner differenziert vergleichen kann, was er am besagten Abend bzw. vorher hörte. Heike
Severina (23.11.2011, 18:37): Original von Billy Budd Liebe Severina, dank Deinem ausführlichen Bericht weiß ich jetzt schon in etwa, was mich am Freitag erwartet. Ich muss gestehen, dass mir alle drei Hauptakteure unbekannt sind, weswegen ich mich schon sehr freue. Dass Hans Peter Kammerer ein tadelloser Haly war, kann ich ehrlich gesagt nicht ganz so glauben, aber vielleicht erlebe ich ja eine angenehme Überraschung. Die Inszenierung mag ich auch sehr und werde es Meyer nie verzeihen, dass er die Ponelle-Nozze hinausgeschmissen hat (Wenn wenigstens etwas Besseres nachkäme, aber diesbezüglich leider auch Fehlanzeige ...). Im Gegensatz zu Heike und Dir stehe ich Umbesetzungen gar nicht so negativ gegenüber, denn manchmal lassen sich ja erfreuliche Entdeckungen machen. Aber ich verstehe auch, wenn man sich auf einen bestimmten Sänger gefreut hat, und ob seiner Absage enttäuscht ist. Der Applaus für die Sänger am Schluss war herzlich, aber kurz, am heftigsten war er verdientermaßen für Abdrazakov, Mironov und Taddei. Hast Du da nicht jemanden verwechselt? :wink :D Billy :hello
Lieber Billy, danke, dass Du so genau mitliest, so konnte ich meinen peinlichen Faux-pas schon korrigieren! Leider können Taddei nur mehr die himmlischen Chöre applaudieren :I Naja, "tadellos" ist bei mir nicht unbedingt ein großes Kompliment, sondern bedeutet eher, dass mir ein Sänger nicht negativ aufgefallen ist. Ich bin jedenfalls neugierig, was Du über Frau Grigorian berichtest, falls sie auch am Freitag singt, denn vielleicht musste sie gestern wirklich ins kalte Wasser springen und zeigt sich bei der Reprise besser vertraut mit Inszenierung und Partitur. Um Ponnelles Nozze weine ich mit Dir im Duett!!
lg Severina :hello
Billy Budd (24.11.2011, 16:42): Liebe Heike, ok, ich lasse mich nicht lange bitten und werde heute Abend über den "Ring" schreiben, der vor kurzem in Wien über die Bühne ging.
Liebe Severina, Original von Severina Ich bin jedenfalls neugierig, was Du über Frau Grigorian berichtest, falls sie auch am Freitag singt, denn vielleicht musste sie gestern wirklich ins kalte Wasser springen und zeigt sich bei der Reprise besser vertraut mit Inszenierung und Partitur. Das glaube ich weniger, denn sie hat im Mai 2010 ebenfalls als Einspringerin die Isabella gesungen (siehe hier), aber vielleicht musste sie am Dienstag mit einer schwachen Abendverfassung kämpfen. Ich müsste auch einen Fehler ausbessern, denn es heißt natürlich "dank Deines Berichtes", aber das geht leider nicht mehr.
Billy :hello
Billy Budd (26.11.2011, 16:12): Wiener Staatsoper Freitag, den 25. November 2011 L'ITALIANA IN ALGERI Gioachino Rossini
Beim Anstellen jagte mir ein Herr einen ziemlichen Schrecken ein, denn er sagte, er habe aus mehreren Quellen erfahren, dass es sich bei dem gestrigen Abend um den letzten, an dem die Ponelle-„Italiana“ über die Bühne ging, gehandelt hatte. Ich sehe ja ein, dass Inszenierungen nicht ewig gezeigt werden können (Den Rekord hält übrigens unsrere „Butterfly“ aus dem Jahre 1957!), aber diese Inszenierung war ein Juwel im Repertoire der Staatsoper. Darüber hinaus ist die „Italiana“ meine liebste Rossini-Oper und ich werde sie sicher vermissen. Ich hoffe sehr, dass im Gegensatz zu den meisten anderen kursierenden Gerüchten daran nichts wahr ist (Dieser Besucher sagte aber auch, die neue „Traviata“ sei abgespielt und die Schenk-Inszenierung werde reaktiviert werden, was ich wiederum sehr begrüßen würde.), denn es wird unter Garantie nichts besseres nachkommen. Dieses Gespräch hatte zur Folge, dass ich ob des unvermeidlichen Abschiedschmerzes die Vorstellung gar nicht richtig genießen konnte, obgleich man mit der aufgebotenen Sängerriege sehr zufrieden sein konnte. Wie auch in der dritten Vorstellung der Serie sprang das ehemalige Ensemblemitglied Stella Grigorian für Vesselina Kasarova in der Titelrolle ein. Vermutlich hatte sie am 22. November keinen guten Tag, denn ich kam zu einem wesentlich besseren Eindruck als Severina. Freilich, die raffinierte Italienerin nahm ich ihr nicht ab, aber stimmlich konnte sie vor allem mit ihrer satten Tiefe punkten und von gejaulten Höhen konnte gestern keine Rede sein. Ildar Abdrazakov hatte 2003 als Escamillo bei uns debütiert und ward seit dem nicht mehr gesehen. Vor kurzem konnte er an der Met als Enrico („Anna Bolena“) einen großen Erfolg für sich verbuchen und es ist dem Staatsoperndirektor hoch anzurechnen, dass er den Russen für vier Vorstellungen als Mustafà verpflichtete. Severinas Eindrücken kann ich mich anschließen. Sein angenehm timbrierter Bassbariton verfügt sowohl über eine gute Höhe, als auch kräftige Tiefe. Ihm machte es sichtlich Spaß, die Rolle zu spielen (Als er am Ende den flüchtenden Italienern die Spaghetti nachwarf, wirkte dies nicht übertrieben.). Ich hätte mir zwar ein wenig mehr Beweglichkeit in der Stimme gewünscht, was aber Kritisieren auf hohem Niveau ist. Die sehr helle und irgendwie gekünstelt klingende Stimme Maxim Mironovs ist nicht ganz mein Fall, aber er konnte mit sehr guter Koloraturgeläufigkeit überzeugen. Wirkte er bei seinem Auftritt noch recht unsicher, so konnte er sich im lauf es Abends gesanglich und vor allem schauspielerisch steigern. Für eine angenehme Überraschung sorgte in der Tat Hans Peter Kammerer als Haly. Dass er auch so witzig agieren kann, war für mich ein großes „Aha-Erlebnis“, denn ansonsten fällt Herr Kammerer immer dadurch auf, dass er nicht auffällt. Im ersten Akt bot er eine überraschend gute gesangliche Leistung, allerdings war seine kleine Arie im 2. Akt so, als ob sie nicht gewesen wäre. Chen Reiss als Elvira gestaltete ihren Part unauffällig, klang aber ein wenig scharf. Nicht staatsopernwürdig war die piepsige und kreischende Rachel Frenkel als Zulma. Ich will lieber nicht daran denken, dass sie uns demnächst als Fenena und Cherubin ins Haus steht. Der einzige Sänger, der keinen Wunsch offen ließ, war unser Alfred Šramek in der Rolle des Taddeo. Eigentlich wiederhole ich mich in jeder Besprechung; seine Späße sorgen immer für Heiterkeit und stimmlich konnte man keine Abstriche machen. Sind wir froh, dass wir ihn wieder haben! Marco Armiliato gelang es erst nach der Pause, den nötigen Schwung zu entwickeln; bis dahin sorgte er für eine lieblose Wiedergabe von Rossinis Meisterwerk. Andere Besucher, die auch andere Vorstellungen dieser Serie besucht hatten, erzählten mir, er habe gestern den ersten Akt anders als sonst geleitet. Der Chor sang sehr gut. Leider hatte ich nur Zeit, eine Vorstellung der Serie zu besuchen, da ich den rundum fröhlichen Gesamteindruck gerne ein weiteres Mal mit nach Hause genommen hätte. Und – wie schon oben erwähnt – hoffe ich inständig, dass uns diese Produktion noch einige Jahre erhalten bleibt.
Billy :hello
P.S.: Ich muss mich entschuldigen, dass ich die für vorgestern versprochenen „Ring“-Eindrücke noch immer nicht verfasst habe. Ich werde jetzt bald Richtung Theater an der Wien aufbrechen und kann sie wahrscheinlich erst morgen nachliefern.
Billy Budd (27.11.2011, 12:51): Wiener Staatsoper DER RING DES NIBELUNGEN Richard Wagner
Das Rheingold - 1. November 2011 Die Walküre - 6. November 2011 Siegfried - 9. September 2011 Götterdämmerung - 13. November 2011
Kurzbericht
Wer Zeitungskritiken gelsen hat, wird mit Superlativen überschwemmt gewesen sein. Doch meiner Meinung gab es keinen Grund, der diese enthusiastische Berichterstattung gerechtfertigt hätte. Christian Thielemann hat seine Fans, doch seine Dirigierkünste haben sich mir noch nicht erschlossen. Ich bin diesbezüglich einer Meinung mit dem mir persönlich bekannten Besucher, der unter dem Namen Schreker die Kritiken in der "Presse" von Wilhelm Sincovicz kommentiert, weswegen ich auf die unten zitierten Passagen verweise. Doch auch sängerisch war es mehr als mittelmäßig. Als Pluspunkte sind Stephen Goulds Siegfried in der "Götterdämmerung", die beiden Brünnhilden Katerina Dalayman und Linda Watson, Lars Woldts Fasolt, Markus Eiches Gunther und Ileana Toncas Woglinde zu nennen. Urspünglich war Katerina Dalayman für den ganzen Ring vorgesehen, doch - wie erst später bekannt wurde - war sie in der "Walküre" indisponiert und wurde mir völlig unverständlich von ein paar Besuchern ausgebuht (Nur zur Erklärung: Ich bin überhaupt nicht gegen Buhen - ich tue das auch hin und wieder - nur wird niemand, der ein einigermaßen funktionierendes Gehör hat, bestreiten, dass Frau Dalayman zu Eva Johansson, welche die Brünhilde seit der Premiere fast im Monopol sang, eine enorme Steigerung darstellte.). Ihre Stimme ist dunkel gefärbt und fast vibratofrei, nur verstand man leider fast kein Wort, doch in Anbetracht, dass es kaum gute Brünnhilden-Interpreten gibt, war ich schon zufrieden. Schließlich sagte sie "Siegfied" und "Götterdämmerung" ab und mit Linda Watson wurde eine noch bessere Interpretin gefunden. Die Stimme trmoliert zwar ein wenig, aber sie ist eine echte Wagner-Heroine und hat keine hörbaren Schwierigkeiten mit der anspruchsvollen Partie. Ich freue mich schon auf ihre Elekra. Albert Dohmen ersetzte Juha Uusitalo und es wurde am Stehplatz gerätselt, wer der schlechtere Wotan sei. Ich konnte mich nicht entscheiden. Wenigstens teilte sich Herr Dohmen seine Kräfte gut ein, denn als Wanderer missfiel er mir zumindest nicht, denn er verkörperte den resignierten Gott gut und beim Abschied in der "Walküre" waren auch keine großen Ermüdungserscheinungen hörbar. Meiner Meinung nach ist es ein Schwachsinn, den Bariton Adrian Eröd andauernd als Loge einzusetzen. Eric Halvarson sang bei uns erstmal den Hundung und schlug sich wacker, den Hagen sagte er erst ab und Attila Jun sollte vom Bühnenrand singen, doch kurz vor der Vorstellung wurde bekannt, dass Herr Halvarson doch singen werde. So geschah es dann auch die ersten beiden Akte und im dritten Akt sang Herr Jun vom Bühnenrand, während Herr Halvarson stumm agierte. Herrn Jun würde ich gerne öfters hören und Herrn Halvarsons Stimme tremoliert zwar stark, aber trotzdem stellte er einen beeindruckenden Hagen auf die Bühne. Thomas Konieczny schlug sich als Alberich wacker. Ich würde zwar gerne Herwig Pecoraro als Mime hören, doch Wolfgang Schmidt war in Ordnung. Von Janina Baechle als Fricka und Waltraute hätte ich mir mehr erwartet. So ungern ich das sage, aber nach der Sieglinde hat sich bestätigt, dass Waltraud Meier nur mehr ein Schatten ihrer selbst ist. Das "Wälsungenblut" von Christopher Ventris sollte schon ein wenig länger ausgehalten sein, doch konnte Höhenprobleme nicht verbergen, was ich aber auf eine schwache Abendverfassung zurückführe. Alexandra Reinprecht (Freia) und Ain Anger (Fafner) waren Zumutungen. Caroline Wenborne als Gutrune war gerade nochj akzeptabel. Anna Larsson als Erda sang ein wenig schrill, war aber in Ordnung. Alles in allem: Eine durchschnittliche Sache.
Hier die Kommentare von Schreker aus der Internetausgabe der "Presse":
Zum "Rheingold": Große Überraschung. Endlich konnte sin seine schon vor Wochen verfaßte Lobeshymne loswerden, und er hat nicht einmal vergessen, Uusitalo durch Dohmen zu ersetzen. Naja, um ehrlich zu sein: Den Großteil hat Thielemann nicht ruiniert, lediglich die rein instrumentalen Stellen sind (mit Ausnahme des Vorspiels) in die Hosen gegangen - das Finale war ein einziger derber Furz. Aber was nützt ein leidliches Dirigat, das beinahe an Schneider heranreicht, wenn man es mit einem Sängerensemble zu tun hat, das man als erfreulich ausgewogen bezeichnen kann: Alle gleich schlecht. Eröd ruiniert sich mit dem Loge immer hörbarer, Konieczny hatte nicht seinen besten Tag, Anger war eine Zumutung und der Rest war mit Ausnahme von Woldt und Schmidt (!) solala. Und auf den Dohmen in der Walküre freu ich mich jetzt schon, das wird sicherlich komisch...
Zur "Walküre": Was wirklich geschah. Also: Thielemann hat sich nach einem akzeptablen Rheingold bei der erfahrungsgemäß eher wenig "Interpretations"-resistenten Walküre zum Riesendebakel entwickelt. Schon die Einleitung (Einleidung?) gebärdete sich als grob und herzlos runtergespielte Cello-Etüde. Die weitgehend filigranen ersten 25 Minuten des ersten Aktes sind ohne jede Spannung komplett auseinandergefallen. In der zweiten Hälfte des Aktes sorgte Thielemann durch unmotivierte Tempowechsel, willkürliche Dynamik und hopperdatschige Phrasierung zumindest für einige Unterhaltung, wenn man "sich ärgern" als Form der Unterhaltung zu schätzen weiß. Am skurrilsten war eindeutig das doppelte Tempo des Finales - war gut gemeint, damit der Ventris nicht zu sehr eingeht, hat aber letztlich zu einem hektischen Dahingestolpere aller Beteiligten geführt, über das in der Pause von den meisten Stehplatzbesucher noch herzlich gelacht wurde - sehr zum Ärgernis der paar Thielemann-Fans. Der zweite Akt war ungefähr so, als ob er gar nicht gewesen wäre, wofür vor allem Bächle, Dohmen und Dalayman die Verantwortung tragen, wobei zumindest letztere passagenweise für Erheiterung sorgen konnte. Den Walkürenritt schließlich hat wieder Herr Maestro auf das Primitivste zerhaut, obwohls recht witzig ist, wie er seine Arme so schön spiegelbildlich einsetzt, wenn er nicht grade umblättert. Danach folgte eigentlich nur mehr pure Langeweile mit ein paar unfreiwillig gruseligen Momenten dazwischen.
Zum "Siegfried": Na endlich! Wer hätte das gedacht, daß ich dem sin noch einmal einigermaßen recht gebe! Gut, sensationell ist was anderes, aber es war tatsächlich eine sehr gute und spannende Aufführung. Dohmen war zwar ein Totalausfall und auch Gould wirkte im ersten Akt etwas ramponiert, steigerte sich aber mehr und mehr. Konieczny und Anger waren nach ihren Aussetzern im Rheingold wiederhergestellt und machten ungetrübte Freude. Watson hatte zwar ihre Problemchen (wer nicht?), ist aber neben Stemme trotzdem das Beste, was in den letzten Jahren über die Staatsopernbühne gebrünnhildelt hat. Schmidt große Klasse! Nur das Waldvöglein hat ein bissl so geklungen, als wärs in einer Hochspannungsleitung gesessen. Die eigentliche Überraschung war aber Thielemann, der mit Ausnahme der Schlußminuten von Akt 1 und 3 nichts kaputt gemacht hat. Und zumindest bei letzterem kann man aufgrund des Textes ja tatsächlich argumentieren, daß es sich um eine Lachkoloratur handelt. Einige Asynchronitäten im Blech haben wir zum Glück überhört und wurden dafür jedenfalls von dem wunderbaren Fis-Dur Duett der Fagotte entschädigt, ja genau, die Fagotte. Siegfried und Thielemann, ein gelungenes Team, da haben sich zwei Helden auf demselben emotionalen und geistigen Niveau getroffen! Und es haben alle gleichzeitig zu spielen aufgehört, na, was will man da noch mehr! Kleiner Tipp gegen Schlaflosigkeit: Nach Siegfried am Stehplatz schläft man sicher gut, sogar wenn Thielemann weitere Ringe in Wien angekündigt haben sollte. *fürcht*
Zur "Götterdämmerung": fast Also, diese Götterdämmerung ist beinahe bis zum Schluß von Akt zwei uneingeschränkt gelungen. Gould, Watson und Bächle in Hochform, Wenborne und der in den Höhen sehr wackelige Eiche zumindest solide. Sogar der hörbar indisponierte Halfvarson ein Ereignis. Bei der Schwurszene am Ende von Akt 2 ist der glückliche Faden gerissen, die ist ordentlich danebengegangen - da ist der Thielemann durchgebrochen und es war aus und vorbei. Der dritte Akt ohne Hagen war insgesamt problematisch, aber warum Thielemann den Trauermarsch (sonst ein Selbstläufer) so dermaßen belanglos heruntergewedelt hat, muß ein Rätsel bleiben. Watsons Schlußgesang war dafür große Klasse, und man fragt sich, warum man jemals wen anderen für den neuen Ring engagieren konnte. Wer aber glaubte, daß nun nichts mehr schiefgehen kann, wurde bitter enttäuscht. Ich habe mich zum ersten Mal in meinem Leben beim eigentlich unverwüstlichen Orchesternachspiel (!) gelangweilt. Fast glaubt man, daß Thielemann den Trauermarsch und das Nachspiel ausgiebig geprobt hat - kein Wunder, daß beides so daneben gegangen ist. Immerhin haben aber nun selbst die Gehörlosesten Fans deutlich gehört, warum Thielemann nicht funktioniert: Er macht nicht nur eine Generalpause, wo gar keine steht - nein, er dehnt diese gleich auf 5 Sekunden aus (reicht zum Einschlafen). Er hat kein Gespür für Timing, der Herr Kapellmeister. Und wenn man nicht spürt, wie man Phrasen im Zeitverlauf gestalten muß, dann kommt halt dieses Thielemann-Zeugs heraus.
Quellen: http://diepresse.com/home/kultur/klassik/705450/Staatsoper_Thielemanns-Ring-begann-atemberaubend http://diepresse.com/home/kultur/klassik/706661/Staatsoper_Thielemanns-WalkuerenEreignis http://diepresse.com/home/kultur/klassik/707648/Staatsoper_Schlaflos-nach-Siegfried http://diepresse.com/home/kultur/klassik/708615/Thielemann_Goetterdaemmerung-Dirigentensieg Letzter Zugriff: 27. November 2011
Billy :hello
Billy Budd (28.11.2011, 17:01): Wiener Staatsoper Sonntag, den 27. November 2011 TANNHÄUSER UND DER SÄNGERKRIEG AUF DER WARTBURG (Dresdner Fassung) Richard Wagner
Im gestrigen "Tannhäuser" waren mit Ausnahme der vier Edelknaben alle Rollen wie am 20. November besetzt und da mein Eindruck im Westentlichen gleich geblieben ist, fasse ich mich sehr kurz und verweise auf meinen damaligen Bericht. Stephen Gould hatte im ersten Akt mit Höhenschwierigkeiten zu kämpfen, konnte sich aber enorm steigern und die Romerzählung trug er fabelhaft vor. Anne Schwanewilms ist nicht meine Elisabeth, denn dafür müsste die Stimme jugendlicher und bei ihrem Auftritt jubelnder klingen, doch sie bot alles in allem eine gute Leistung. Wie auch vor einer Woche waren meine Nachbarn mit Matthias Goerne als Wolfram unzufrieden, doch ich kann seiner dumpfen Stimme durchaus etwas abgewinnen. Iréne Theorin hat sich verbessert und war bemüht, ihr Tremolo in Grenzen zu halten. In der anders besetzten Serie im März 2012 ist sie auch als Venus aufgeboten und ich blicke den Vorstellungen mit gemischten Gefühlen entgegen. Sorin Coliban ist mit dem Landgrafen, der ihm noch eine Nummer zu groß ist, im falsche Fach eingesetzt. Mit Ausnahme von dem Totalausfall Alexandru Moisuc (Biterolf) agierte das restliche Ensemble zufriedenstellend. Es sangen: Herbert Lippert (Walther), Peter Jelosits (Heinrich) und Il Hong (Reinmar). Ileana Toncas Sopran ist dem Hirten schon entwachsen und ruft nach größeren Aufgaben. Der Chor sang exzellent und Franz Welser-Möst dirigierte die Ouvertüre sehr gut, aber besonders gegen Ende des zweiten Aktes sorgte er für unnötige Längen. Beim Verlassen des Opernhauses überflog ich wie immer das schon ausgehängte Abendplakat für den nächsten Tag und mir stach der rosa Umbesetzungszettel ins Auge. Er kündete davon, dass Maija Kovalevska - auf die ich mich so gefreut habe - die Mimi abgesagt hat und statt ihrer die vorgesehene Musetta Anita Hartig singen wird. Simina Ivan wird Frau Hartig vertreten. Allzu große Erwartungen hege ich nicht - hoffen wir das beste für den heutigen Abend.
Billy :hello
Ingrid (28.11.2011, 23:25): Lieber Billy,
freue mich immer sehr, Deine Rezensionen zu lesen und bewundere Dein unglaubliches Standvermögen. Nach dem Tannhäuser müßte ich sicher eine längere Pause einlegen.
Hoffentlich kommst Du heute auch mit der Umbesetzungsvariante zurecht. Bin gespannt.
Herzliche Grüße Ingrid
Heike (29.11.2011, 07:48): Lieber Billy, Wagner- Berichte finde ich immer besondrs spannend :-) tausend Dank. So ungern ich das sage, aber nach der Sieglinde hat sich bestätigt, dass Waltraud Meier nur mehr ein Schatten ihrer selbst ist. Sie wird im Frühjahr in Berlin die Isolde singen, ich weiß nicht, ob sie sich damit einen Gefallen tut.
Stephen Gould habe ich letztes Jahr in Budapest als Siegfried gesehen und war damals sehr begeistert. Mir ist auch seine gute Bühnenpräsenz in Erinnerung. Auch Konieczny habe ich als Kurwenal in guter Erinnerung. Heike
Billy Budd (29.11.2011, 23:59): Wiener Staatsoper Montag, den 28. November 2011 LA BOHÈME Giacomo Puccini
„Die Wiener Staatsoper nähert sich einem Provinztheater“, ließ eine Besucherin in der Pause verlauten. Nun, so falsch wird die Äußerung nicht sein. Ich würde sie aber nicht auf die gestrige Aufführung beziehen, denn im Vergleich zu manchen vokalen Katastrophen der letzten Zeit (Man denke an den total verunglückten „Elisir“!) wurde gestern beinahe Weltklasse geboten. Objektiv betrachtete handelte es sich natürlich um keine Vorstellung, die einem ersten Haus zur Ehre gereicht hat, aber zumindest um solides Repertoire. Wie schon in meiner zweiten „Tannhäuser“-Besprechung erwähnt, habe ich mich nach der fabelhaften Tatjana auf Maija Kovalevskas Mimì gefreut, aber sie sagte die Vorstellung ab. Anita Hartig war als Musetta vorgesehen und bekam somit Gelegenheit, die Rolle, mit der sie 2006 in Bukarest ihr Bühnendebüt feierte, auch in Wien zu singen. Ihr grundsätzlich schöner Sopran neigt leider in der Höhe zu störenden Schärfen, aber sie kann schönes Piano singen (Was ich bei ihrem Rodolfo gänzlich vermisste.) und ihr Rollenportrait bestach vor allem durch eine berührende Darstellung. Diese Besetzungsänderung hatte zur Folge, dass man eine schon etwas in die Jahre gekommene Soubrette als Musetta hörte. Trotzdem bin ich der Meinung, dass Simina Ivan größere Rollen singen könnte, als die, welche ihr derzeit anvertraut werden. Die Stimme ist nicht mehr taufrisch, aber nichtsdestotrotz bewältigte Frau Ivan den Part gut. Sie schien glücklich, wieder einmal vor den Vorhang treten zu können und mit Applaus bedacht zu werden. Besonders im ersten Akt hinterließ Ramón Vargas einen zwiespältigen Eindruck. Eine aus Deutschland stammende Opernfreundin, mit der ich sprach, hoffte, dass seine Leistung nur einer schwachen Tagesforum zuzuschreiben sei und man sich ob seiner stimmlichen Verfassung nicht sorgen müsse und erschrak, als ich sagte, dass ich Herrn Vargas vor exakt einem Jahr – am 28. November 2010 – als Duca gehört habe, wo er mit massiven Höhenproblemen zu kämpfen hatte. Desgleichen ist von der gestrigen Aufführung zwar nicht zu berichten, aber es blieben ihm manche Töne im Hals stecken und die Versuche, Piano zu singen, missglückten. Hoffen wir, dass sich die Karriere dieses Künstlers nicht dem Ende zu neigt. Jongmin Park debütierte in der Rolle des Colline am Haus und wirkte sehr zurückhaltend und schüchtern, aber die gefühlvoll vorgetragene Mantelarie war einer der Höhepunkte des Abends. Es ist schon bekannt, dass Tae-Yoong Yang (Schaunard) großen Wert auf Lautstärke legt, aber auch seine Bewegungen kamen sehr einstudiert über die Bühne. Marco Caria verfügt über einen recht kernigen und rauen Bariton, konnte aber als Marcello überzeugen. Die Doppelrolle des Benoit/Alcindoro hatte lange Zeit Alfred Šramek inne; gestern wurde Wolfgang Bankl aufgeboten. Herr Bankl ist eine der verlässlichsten Stützen des Hauses (Diese Saison singt er ein großes Rollenspektrum, das unter anderem Klingsor, Waldner, Bartolo, Truffaldin, Dikoj umfasst; ich würde ihn gerne als Kurnewal erleben.) und stellt für diese kleinen Rollen eine Überbesetzung dar. Er spielte mit Genuss den mürrischen Hausherren und alten Verehrer (Köstlich, wie er nachdem ihm die Rechung präsentiert wurde, umkippte.) und sängerisch erfüllte er die Anforderungen der Partien exzellent. James Gaffigan hätte die Laustärke des Orchesters ein wenig zurücknehmen sollen und auch sonst war er für einen Repertoireabend der richtige Mann am Pult.
Billy :hello
Billy Budd (30.11.2011, 15:19): Liebe Heike und Ingrid, danke für Euer Lob, aber auch mir selbst macht das Schreiben der Berichte Spaß, denn es tut mir gut, nach einer Aufführung das Erlebte niederzuschreiben. Unsere Stehplätze sind eigentlich Lehnplätze, zumal es in den ersten beiden Reihen (Alle Angaben beziehen sich auf die Galerie.) eine Stange gibt, an der man sich aufstützen kann. Manche Besucher frequentieren gerne die dritte Reihe, zumal sie sich lieber mit dem Rücken an der Wan anlehnen. Es gibt auch die Möglichkeit, sich auf die Stufe zu setzen und wenn der Vordermann in der ersten Reihe auch sitzt, sieht man die ganze Bühne, sonst nur einen Ausschnitt. Meine nächste Besprechung einer Wagner-Oper werdet Ihr erst im März lesen können, denn bis dahin werden leider keine Wagner-Opern gespielt. :I Stephen Gould ist eigentlich ein Sonderfall. Er begann erst ein Medizinstudium, sattelte auf Musik um, begann als Rossini-Tenor, sang dann mehr als 2000 Mal im "Phantom der Oper", bevor er sich zum Heldentenor ausbilden ließ. Als Siegfried finde ich ihn ehrlich gesagt sehr gut, aber eben nicht perfekt; als Tannhäuser war er grandios. Ich habe ein wenig nachgedacht und wahrscheinlich ist der Bacchus für ihn doch keine optimale Rolle, denn er zeigt bei langen Opern keine Ermüdungserscheinungen, "dreht" aber am Anfang immer noch nicht richtig "auf". Der Bacchus hat aber - sieht man von den kurzen Sätzen im Vorspiel ab - nur in den letzten zwanzig Minuten zu singen. Warten wir ab ... Ich glaube auch nicht, dass sich Waltraud Meier mit der Isolde einen Gefallen tun wird. Billy :hello
Billy Budd (02.12.2011, 21:34): Ich weiß nicht, wie andere Mitglieder die Sache sehen, aber zumal ich fast jede Serie mindestens einmal besuche, halte ich es durchaus nicht für schlecht, eine Übersicht über besonders herausragende (positiv, wie negativ) Darbietungen zu erstellen. Dies soll naürlich keine sinnfreie Top-/Flop-Liste, sondern nur ein völlig subjektiver Rückblick sein.
Traurig steht es derzeit um die Qualität der Repertoirevorstellungen. Ich möchte betonen, dass ich noch zu den recht wenig nörgelnden Stehplatzbesuchern gehöre und andere westentlich unzufriedener sind. Ich möchte noch folgendes erwähnen: Dominique Meyer hat in einem Interview folgendes verlaubart: "Die zwei Mozart-Inszenierungen von Jean-Louis Martinoty, "Figaro" und "Don Giovanni", sind vielleicht auch deshalb kritisiert worden, weil sie aus dem Ausland gekommen sind." Quelle: HIER. Eigentlich kann ich mir hier einen Kommentar sparen, denn die Publikumsbeschimpfung seitens des Direktors spricht für sich.
Meiner Meinung nach ...
Außergewöhnlich guter Hauptdarsteller aus dem Ensemble: Wolfgang Bankl (Dikoj), Markus Eiche (Gunther), Alfred Šramek (Taddeo) Außergewöhnlich guter gastierender Hauptdarsteller: Stephen Gould (Siegfried in der Götterdämmerung, Tannhäuser), Linda Watson (Brünnhilde in Siegfried und Götterdämmerung) Außergewöhnlich schwache Darbietung: Ain Anger (Fafner im Rheingold), Stephen Costello (Nemorino), Rachel Frenkel (Zulma), Aleksandra Kurzak (Adina), Alexandru Moisuc (Biterolf), Adam Plachetka (Dulcamara), Alexandra Reinprecht (Freia), Iréne Theorin (Venus) Außergewöhnlich guter Klein(-st-)rollendarsteller: Wolfgang Bankl (Benoit/Alcindor) Außergewöhnlich gutes Dirigat: Franz Welser-Möst (Kátja Kabanová, Tannhäuser) Außergewöhnlich schwaches Dirigat: Christian Thielemann (Walküre), Marco Armiliato (L'elisir d'amore) Bestes Gesamtpaket: Götterdämmerung Enttäuschendste Vorstellung: Die Walküre ex aequo L'elisir d'amore
Nicht einbezogen wurde Der Barbier von Sevilla.
Billy :hello
Noch ein Hinweis: Wenn ich in meinen Berichen die Wiener Staatsoper in Verbindung mit Provinztheatern in Verbindung bringe, so geschieht dies nicht aus Präpotenz gegenüber den letztgenannten. Ich erwarte mir nur an einem ersten Haus ein dementsprechendes Niveau, möchte aber keineswegs suggerieren, wir Wiener fühlten uns besser als Leute aus den Bundesländern. Dies nur, um nicht Missverständnisse zu provozieren.
EDIT 1 Alfred Šramek ist natürlich bei uns im Ensemble. EDIT 2: Alexandru Moisuc habe ich vergessen.
Billy Budd (05.12.2011, 16:24): Wiener Staatsoper Sonntag, den 4. Dezember 2011 NABUCCO Giuseppe Verdi
Die Partie der Abigaille ist mordsmäßig schwer, was zur Folge hat, dass es nur wenige Sopranistinnen gibt, welche die Rolle auf hohem Niveau beherrschen. Seit der Premiere im Jahr 2001 wird uns sehr oft Maria Guleghina vorgesetzt und die meisten sind nicht sehr glücklich darob. Diesmal ließ sich Frau Guleghina ansagen und ich vermute, dass sie nur in Ermangelung eines Ersatzes auftreten musste, denn was sie besonders im ersten und zweiten Akt an schrillen und gequietschten Höhen von sich gab, verdient das Prädikat „Unzumutbar“. Ihre Stimme ist vor allem eines: Laut. Auch die Aussprache ist abenteuerlich. Nach der Pause gelang es ihr wenigstens, ihr Tremolo in vernünftigen Grenzen zu halten. Erst in der Sterbeszene fand sie zu einfühlsameren Pianotönen. Für den Part des Zaccaria war Paata Burchuladze vorgesehen, später fand man Konstantin Gorny in den Besetzungslisten. Auch er hatte mit einer Indisposition zu kämpfen (Nach der Pause wurde verlautbart, seine Erkältung habe sich verschlechtert.), was zur Folge hatte, das sein in allen Lagen sicher ansprechender Bass sehr heiser klang. Mit gemischten Gefühlen blickte ich George Gagnidze in der Titelrolle entgegen und wurde doch positiv überrascht. In erster Linie setzte er auf Lautstärke (Ich hoffe, dass dies noch lange gut gehen wird.) und auch wenn ich die weichen Bögen eines italienischen Baritons vermisste, konnte er die Wandlung der Person sowohl stimmlich, als auch darstellerisch sehr gut vermitteln. Eigentlich müsste man sich entschuldigen, den beiden Herren für ihr Hausdebüt so eine schäbige Inszenierung wie die von Günter Krämer, die schnellstens entsorgt gehört, zur Verfügung gestellt zu haben. Ho-yoon Chung ist mir von einem sehr mittelmäßigen Fenton in Erinnerung, doch als Ismaele konnte er mir mehr gefallen. Er war um schöne Phrasierung bemüht, aber sein recht hartes Timbre ist nicht meines. Il Hong (Oberpriester) hinterließ einen guten Eindruck, was man von Rachel Frenkel (Fenena) und Carlos Osuna (Abdallo) nicht behaupten kann. Elisabeta Marin (Anna) gestaltete ihren Part unauffällig. Der Dirigent Michael Güttler hat sich von einigen unterirdischen Vorstellungen in der letzten Saison verbessert, aber auch gestern hätte er die Lautstärke öfters zurücknehmen sollen und insgesamt leitete er die Aufführung sehr unspektakulär. Der Chor, dem in Verdis Frühwerk bekanntlich eine große Aufgabe zuteil wird, agierte in gewohnter Qualität. In der nächsten Vorstellung gibt es zwei Umbesetzungen: Hasmik Papian wird die Abigaille und Alexei Tanovitski den Zaccaria singen. Letzter ist mir völlig unbekannt – kennt ihn jemand aus dem Forum und würde sich seinetwegen ein Besuch lohnen? Man kann es auch so formulieren: Vorausgesehene Katastrophen sind nicht eingetreten, es war einen einigermaßen solide Repertoirevorstellung. Wie sagt man so schön: Unter den Blinden ist der Einäugige König.
Billy :hello
EDIT: Ich habe vergessen, den Namen von Elisabeta Marin in Fettschrift zu setzen.
Billy Budd (07.12.2011, 15:18): Wiener Staatsoper Dienstag, den 6. Dezember 2011 NABUCCO Giuseppe Verdi
Die Aufführung am Sonntag konnte man unter „gerade noch akzeptabel“ verbuchen; die gestrige verfehlte das Niveau eines ersten Hauses nach allen Kräften. Viele Stammbesucher hatten das Desaster offenbar vorausgesehen, denn sowohl am Sonntag, wie auch gestern konnte ich die bekannten Gesichter am Galeriestehplatz an einer Hand abzählen. Dass der Schlussapplaus recht kräftig ausfiel und etliche Bravorufe zu hören waren, ist keinen Opernfans zuzuschreiben, denn wie man aus deren Mienen ablesen konnte und auch aus mehreren Gesprächen hervorging, gab es keinen Grund zum Jubeln. Dass die Vorstellung so erbärmlich geriet, ist zu einem nicht geringen Teil die Schuld von Michael Güttler, der nun eindeutig bewiesen hat, dass er kein glückliches Engagement ist. Die Ouvertüre glich einer Militärmusik und er konnte es auch den ganzen Abend nicht lassen, lautstark in das Orchester hineinzudreschen. Es war recht witzig anzuschauen, wie er, wenn es lauter werden sollte, leicht in die Knie ging, dann einen kleinen Luftsprung vollführte und schließlich mit einer weit ausholenden Gebärde dem Orchester seine Absicht klarmachte. An Pianostellen, denen eine besonders gefühlvolle Begleitung gebührt, wachelte er nur gelangweit vor sich hin. Am schlimmsten war aber, dass er die Sänger mit viel zu viel Lautstärke zudeckte. Merkwürdig war auch, dass er, als er nach der Pause zum Dirigentenpult schritt, schon auf dem Weg dorthin dem Orchester bedeutete, es möge sich erheben. Herr Güttler hat – wie eine Frau bei seiner Debütserie im November 2010 („Rigoletto“) zu mir sagte –, vom Tempo keine Ahnung und es ist zu hoffen, dass er uns nicht mehr allzu oft beehren wird. Mein Schlusssatz zur letzten Aufführung „Unter Blinden ist der Einäugige König“ passt auch diesmal, denn kein einziger Sänger wurde den Anforderungen gerecht. Der Einäugige war der Interpret der Titelrolle und mit Abstichen auch der Interpret des Zaccaria. Zwischen den beiden Aufführungen lag nur ein Tag, was eventuell die Ursache sein könnte, das George Gagnidze nicht alle seine Kräfte zur Verfügung standen. Dies hatte glücklicherweise zur Folge, dass er vor allem im ersten Akt mit weniger Kraft sang. Es scheint sich leider zu bestätigen, dass die richtigen Verdi-Baritone ausgestorben seien. Auch Herrn Gagnidzes Stimme ist zu hart und unbeweglich, sodass die weich gezeichneten Bögen nicht gelingen wollten und sein Gesang hörte sich recht ungeschliffen an („Dio di Guida“ gelang aber gut.). Positiv ist wieder seine gute Darstellung zu vermerken. Eine Umbesetzung betraf die Rolle des Zaccaria und ich durfte den mir völlig unbekannten Alexei Tanovitski kennenlernen. Besonders im ersten Akt sprach seine Stimme nicht gut an, aber nach der Pause verbesserte sich seine Leistung. Ein Tremolo sowohl in der Höhe, als auch in der Tiefe störte seine Darbietung. Eine Beurteilung über sein schauspielerisches Können lässt sich wohl in dieser Inszenierung, die alle männlichen Protagonisten zwingt, in Anzug und Krawatte herumzulaufen, nicht abgeben. Ho-yoon Chung debütierte 2006 als Duca und war in der Holenderzeit öfters in Hauptpartien (unter anderem Rodolfo, Alfredo, Nemorino) eingesetzt und steht nun in der zweiten Reihe, wo er auch hingehört. Sein Timbre ist nicht besonders schön und auch sonst gestaltete er seinen Part unauffällig. Über die Abigaille würde ich am liebsten den Mantel des Schweigens breiten, aber das geht in einem Bericht nicht. Machen wir es also schnell und schmerzlos: Was Hasmik Papian dem Publikum an mehr ausgespienen, als gesungenen Höhen zumutete, war schlicht inakzeptzabel (auch für eine kurzfristige Einspringerin). Nicht nur ich zuckte bei ihren hässlichen Höhen, die sich schmerzhaft in die Ohren bohrten, zusammen. Die Stimme klang die ganze Zeit überspannt und angestrengt. Die restlichen Rollen machten auch keine Freude. Elisabeta Marin (Anna) fiel nicht auf; Il Hong (Oberpriester) und Carlos Osuna (Abdallo) sangen sehr leise und Rachel Frenkel (Fenena) schien jemand gesagt zu haben, dass ihre Stimme zu leise ist, worauf sie im ersten und zweiten forcierte, was auf Kosten des ohnehin nicht schönen Timbres ging. Danach begnügte sie sich mit dem, was ihr zur Verfügung steht. Das Orchester machte nur Dienst nach Vorschrift und so ist der tolle Chor als einziger zu loben. Am Freitag gibt es zwar noch eine Vorstellung, aber obgleich ich den „Nabucco“ sehr liebe, kann mir diese Aufführung getrost gestohlen bleiben, denn ein solches Fiasko kann ich mir nicht noch einmal zumuten. Will der Direktor, der ungeniert über die „Einzigartigkeit der Wiener Staatsoper in der internationalen Opernwelt“ plaudert, das zahlende Publikum eigentlich verarschen?
Billy :hello
Billy Budd (07.12.2011, 15:24): Ich habe nun eben eine Kritik aus dem "Neuen Merker" von Peter Skorepa (einer der wenigen dortigen glaubwürdigen Rezensenten) gelesen, die ich Euch nicht vorenthalten möchte.
WIEN/ Staatsoper: NABUCCO – deprimierend WIEN/ Staatsoper: NABUCCO am 6.12.2011 Nur in Kürze: Es war für mich die deprimierendste Aufführung, seit ich in die Staatsoper gehe (und das ist wirklich schon lang). Eine Abigaille mit unhörbarer Tiefe und heulenden Höhen (Hasmik Papian als Einspringerein), ein Zaccaria mit fahler, wackeliger Röhre (als Einspringer Alexei Tanovitski) ein überforderter Ismaele (Hoo-yon Chung) und ein Dreindrescher am Pult (Michael Güttler). Dazu dieses Regieerbe aus den Holenderzeiten, grauenvolle und schmerzliche Langeweile. Wenigstens gab George Gagnidze sein Bestes in einer nicht gerade für ihn passenden Rolle. Er hätte sich eine bessere Debutserie verdient. Er hatte auch als einziger Szenenapplaus! Peter Skorepa Quelle: http://www.der-neue-merker.eu/wien-staatsoper-nabucco-deprimierend
HUT AB, Herr Skorepa, dass Sie die Wahrheit schreiben!!
Billy :hello
Severina (07.12.2011, 18:04): Original von Billy Budd Am Freitag gibt es zwar noch eine Vorstellung, aber obgleich ich den „Nabucco“ sehr liebe, kann mir diese Aufführung getrost gestohlen bleiben, denn ein solches Fiasko kann ich mir nicht noch einmal zumuten. Will der Direktor, der ungeniert über die „Einzigartigkeit der Wiener Staatsoper in der internationalen Opernwelt“ plaudert, das zahlende Publikum eigentlich verarschen?
Billy :hello
Lieber Billy,
leider kann er das ungestraft tun, so lange die Bude voll ist, und das ist sie in Wien zumindest beim Standardrepertoire immer, Heiliger Tourismus sei Dank! Eine "Zauberflöte" wäre vermutlich auch ausverkauft, wenn ich die Königin der Nacht sänge, weil dem "Eventpublikum", also dem Teil des Publikums, für den ein Abend an "the famous Vienna State's Opera" (O-Ton einer Amerikanerin in meiner Loge) zu einem Wienbesuch dazu gehört wie die Erklimmung des Eiffelturms zu Paris, völlig egal ist, wer da oben wie quäkt. Das sind dann auch die, die bei einer derart inferioren Aufführung wie dem von Dir geschilderten "Nabucco" noch bravo schreien.
So lange also die Bilanz stimmt und so lange er die Journalisten erfolgreich einkocht, darf unser toller Direktor weiterhin die WSO ungebremst künstlerisch gegen die Wand fahren, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Das heißt, eine Konsequenz hat es ja bereits gegeben: Sein Vertrag wird verlängert......
lg Severina :hello
PS: Eine ketzerische Bemerkung noch: Wieso hindert ein Anzug mit Krawatte einen Sänger daran, sein schauspielerisches Potential zu entfalten???? Im Gegenteil, gerade da muss er beweisen, ob und wie er einen Charakter formen kann, wenn er sich nicht hinter einem opulenten Kostüm verstecken, das Publikum also nicht mit bloßem "Schönsein" abspeisen kann, sondern einen Offenbarungseid als Darsteller leisten muss.
Billy Budd (08.12.2011, 15:31): Wiener Staatsoper Mittwoch, den 7.Dezember 2011 LA BOHÈME Giacomo Puccini
Ich möchte es vorwegnehemen: Ich glaube nicht, dass es sich um eine Übertreibung handelt, wenn ich behaupte, dass am gestrigen Abend eine der besten Auführungen in der Direktion Meyer über die Bühne ging. Ich möchte keinen Künstler hervorheben, weswegen ich die Leistungen in der Reihenfolge des Besetzungszettels abhandle. Mich hat sehr erstaunt, dass ich gestern von der Musik schwer beeindruckt war, obgleich mir doch bei meinem letzten Besuch die Oper schrecklich kitschig vorgekommen war. Jedenfalls hat nicht viel gefehlt und ich wäre allen Ernstes am Ende in Tränen ausgebrochen und ich trat dann auch ganz sentimental den Heimweg an. :cool Der junge Dirigent James Gaffigan sorgte für einen üppig ausgekosteten Klang der der Streicher und ich gestehe, dass ich die "Bohème" auch mit Zuckerguss präsentiert haben möchte. Am 28. November hätte der die Lautstärke öfters zurücknehmen sollen, aber gestern deckte er mir Ausnahme bei "O soave fanciulla" nie die Interpreten zu. KS Ramón Vargas befand sich gestern in einer hervorragenden stimmlichen Verfassung. Gegen Ende des ersten Aktes vermeinte ich, Ermüdunserscheinungen zu hören, aber von desgleichen ist vom restlichen Abend nichts zu berichten. So wie er den Rodolfo gestern gesungen hat, gerhört er sicher zu den weltweit besten Vertretern dieser Rolle. Maija Kovalevska hat im Juni 2011 eine wahrhaft fabelhafte Tatjana geboten und so war es wenig überraschend, dass sie die Mimì auch ebenso verkörperte. Ihre Stimme ist ein bisschen dunkel gefärbt, blüht aber in der Höhe herrlich auf. Sie sang den Part sehr berührend. Marco Caria agierte als Marcello gut; sein etwas hartes Timbre mag nicht jedermanns Sache sein. Adam Plachetka (Schaunard) verfügt über einen recht trockenen Bassbariton, aber auch er entledigte sich seiner Aufgabe gut. Den erst 25-jährigen Jongmin Park (Colline), der derzeit Ensemblemitglied in Hamburg ist, würde ich gerne öfters hören. Mit dem Engagement von Albina Shagimuratova hat Direktor Meyer einen Glücksgriff getan. Auch wenn ich bei dem Musetta-Walzer ein wenig Leichtigeit vermisste (Daniela Fally wäre optimal.) und die Stimme ein leichtes Tremolo hat, bestach ihre Rolleninterpretation durch Koloraturgeläufigkeit und extrem gute Höhe. Wolfgang Bankl ist - wie schon in meiner Besprechung der Aufführung am 28. November erwähnt - eine Luxusbesetzung für die kleinen Rollen Benoit und Alcindor. Es sei erwähnt, dass ALLE Mitwirkenden exzellent spielten. Es ist schade, dass das Publikum die hervorragenden Sängerleistungen nur mit kurzem Applaus zu würdigen wusste. An solchen Abenden macht es Freude, Opernfan zu sein. :D
Billy :hello
Billy Budd (10.12.2011, 11:09): Liebe Severina, leider komme ich erst jetzt dazu, Dir antzuworten. Wie ich schon öfters erwähnt habe, bin ich, was Meyer betrifft, völlig einer Meinung mit Dir (Gerechterweise muss man aber sagen, dass die letzte "Bohème" sehr gut war.). Für unsere Mitleser: Die Frau Minister hat angekündigt, den Vertrag zu verlängern, unter anderem, weil sie den Opernball so gelungen fand. Das ist kein Scherz! Bezüglich Deinem P.S. muss ich Dir großteils Recht geben. Ich denke aber auch, dass ein Sänger in einem schönen Bühnenbild mehr tun muss, als dekorativ herumzustehen. Billy :hello
Billy Budd (10.12.2011, 11:43): Wiener Staatsoper Donnerstag, den 8. Dezember 2011 DER ROSENKAVALIER Richard Strauss
Gewidmet Sena Jurinac 35. Bühnenjubliäum von Kurt Rydl an der Wiener Staatsoper
Gemischte Gefühle hinterließ der gestrige „Rosenkavalier“ bei mir. Objektiv betrachtet handelte es sich um eine einigermaßen solide Repertoirevorstellung, aber da ich nach Veröffentlichung der Besetzungen der Spielzeit die gestrige zu meinem Favoriten erkor, war ich doch enttäuscht. Vor Beginn trat Direktor Meyer vor den Vorhang und gedachte Sena Juinac, die für viele „der“ Octavian der Nachkriegszeit war und die auch 1982 mit der Marschallin Abschied von der Staatsopernmbühne genommen hatte. Ich habe nicht jedes seiner Worte vernommen, aber wenn ich richtig verstanden habe, widmete er ihr den gestrigen Abend. Sicher, das war eine nette Geste, aber der gute Mann schien vergessen zu haben, dass er auch etwas ganz anderes erwähnen hätte sollen: Genau gestern vor 35 Jahren debütierte Kurt Rydl an der Wiener Staatsoper. KS Kurt Rydl ist dem Haus mit mehr als 1000 Vorstellungen eng verbunden und war immer als Retter in letzter Minute zur Stelle (Zum Beispiel sprang er im Herbst 2009 zwischen Vorstellungen von „Lady Macbeth von Mzensk“ zwei Mal als Hagen ein.), was Grund genug sein sollte, dass der Direktor anlässlich des 35-jährigen Bühnenjubiläums einen Blumenstrauß überreicht und ein paar Worte sagt. Dass er es nicht tat, sagt einiges aus. Möglich, dass es ihm nicht bekannt war. Aber zum Ersten ist Herr Rydl international kein Unbekannter und zum Zweiten findet sich in dem "Prolog" (die zur freien Entnahme aufliegende Hauszeitschrift) eine Lobeshymne über den Sänger. Zum Sänger Rydl: Der hat mich – gelinde gesagt – sehr enttäuscht. Im ersten Akt war er fast unhörbar, im dritten konnte er sich ein wenig steigern. Die Stimme ist sehr ausgesungen und tremoliert, dass man beinahe seekrank wird. Die Rolle stellte er als Grenze zum Kasperltheater dar und ich glaube nicht, dass ein Baron zur Zeit Maria Theresias einen so derben Dialekt gesprochen hat. Der gestrige Abend stellte meine Erstbegegnung mit Anja Harteros dar, die so gut wie immer mit hymnischen Kritiken bedacht wird und auch gestern den meisten Jubel einheimste. Dass ich nicht restlos zufrieden war, konnte auch ihren Rollenvorgängern Adrianne Pieczonka und Soile Isokoski (Weshalb diese wunderbare Sängerin nicht mehr engagiert wird, weiß nur die Direktion allein.) geschuldet sein. Mich störte am meisten ihre nahezu unverständliche Aussprache, aber auch darstellerisch konnte ich mich nur im dritten Akt, wo sie die Erkenntnis, auf Octavian verzichten zu müssen, gut glaubhaft machte, mit ihr anfreunden. Ihr Timbre sprach mich nicht an, aber vielleicht kann ich bei eine Folgevorstellung mein Urteil über die gefeierte Sängerin revidieren. Michaela Selinger gehörte von 2005 bis Juni 2010 zum Ensemble; Dominique Meyer trennte sich von ihr (Unbestätigten Gerüchten zufolge hing das mit der „Medea“-Produktion zusammen.) und holte Stephanie Houtzeel ins Ensemble, welche die „Selinger-Rollen“ mehr schlecht, als recht interpretierte. Frau Selinger, die derzeit am Aalto-Theater in Essen engagiert ist, kehrte als Gast zurück – und enttäuschte. Ich vermute, dass einer schwachen Abendverfassung geschuldet war, dass Höhenprobleme deutlich zu merken waren und die Stimme in der Mittellage oft unhörbar war. Dass sie über den unverzichtbaren Bubencharme verfügt, konnte die gesanglichen Defizite nicht wettmachen. Optisch ist Chen Reiss eine ansprechende Sophie; leider klangen einige Töne recht schrill. Man sollte sich daran erinnern, dass es bei uns eine gewisse Daniela Fally gibt ... Die beste Leistung unter den fünf Protagonisten erbrachte der Senior. Es ist bewundernswert, über welch stimmliche Ressourcen ein in der Mitte des 80. Lebensjahrzehnts stehender Sänger bei kluger Karriereplanung verfügen kann. KS Franz Grundheber sang den Faninal sehr gut und ich schätze es besonders, dass er die Rolle nicht ins Lächerliche zog. Wie Ihr sicher schon gemerkt habt, gehe ich auch mit meinen Lieblingssängern hart ins Gericht, aber gestern hat mir KS Walter Fink wieder einmal bewiesen, warum ich ihn zu den solchen zähle. Er ist in etwa gleich alt, wie Herr Rydl, aber seine Stimme hat sich äußerst gut erhalten. Jedes Wort war verständlich, das warme und resonanzreiche Timbre des Sängers, das gestern in allen Lagen sicher ertönte, liebe ich einfach und auch darstellerisch konnte er diese kleine Rolle zu einer Hauptrolle aufwerten. Er wäre sicher der bessere Ochs gewesen, und auch sonst finde ich es äußerst schade, dass Herrn Fink in dieser Saison nur Kleinrollen (neben dem Polizeikommissar nur der 5. Juden in der „Salome“ und der Schließer in der „Tosca“) anvertraut werden. Gergely Németi war für den kleinen, aber wichtigen Rolle des Sängers vorgesehen und wurde durch Norbert Ernst – sehr subjektiv das beste Neuengagement Meyers (Er debütierte allerdings auch schon unter Holender; Meyer holte ihn ins Ensemble.) – ersetzt. Meine im Vorfeld gehegten Zweifel, ob der im Charakterfach beheimatete Sänger in der Lage sei, die lyrisch angelegte Partie zu singen und – er konnte! Sein Tenor klang zwar etwas metallisch (Valzacchi oder Wirt wären für ihn besser.), aber insgesamt entledigte er sich seiner Aufgabe gut. Keine Freude machte Caroline Wenborne als Leitmetzerin, denn sie forcierte zu stark. Ein Ausfall war leider Zoryana Kushpler, deren Faszination sich mir nicht erschlossen hat, als Annina. Die Rolle liegt ihr zu tief und wenn man weiß, was für ein Kabinettstück Janina Baechle bringt, war es schwer, für Frau Kushpler Interesse aufzubringen. Sie spielte auch sehr mittelmäßig, was man von Benedikt Kobel nicht behaupten kann. Er sang den Valzacchi auch gut. Von KS Herwig Pecoraro als Wirt war ich etwas enttäuscht. Sicher, er verfügt über das schneidende Charaktertenortimbre und spielte auch gut, aber das hohe b bei „die Fürstin Feldmarschall“ erreicht er wider Erwarten nicht. Weiters wirkten mit: Wolfram Igor Derntl (Haushofmeister bei der Feldmarschallin und Erster Kellner), Peter Jelosits (Haushofmeister bei Faninal), Marcus Pelz (Notar), Jeanine De Bique (Modistin), Martin Müller (Tierhändler und Zweiter Kellner), sowie viele Kleinstrollendarsteller, deren namentliche Nennung den Rahmen sprengen würde. Zu Unrecht an letzter Stelle nenne ich den Dirigenten und das Staatsopernorchester. Peter Schneider ist ein Garant für höchste Qualität. Eine Nebensächlichkeit sei erwähnt: Auf dem Besetzungszettel zur letzten Aufführung am 26. Dezember 2010 war der Erste Lakai richtig geschrieben; die anderen als „Lakeien“ bezeichnet. Das ist anscheinend noch niemandem aufgefallen, denn gestern war es genau so. Das Publikum applaudierte sehr lange (Am meisten beklatscht wurden Frau Harteros und Herr Rydl) und nach dem ersten Ausgehen des Lichtes musste es drei Mal wieder eingeschaltet werden, was sehr selten vorkommt. Insgesamt war es eine recht solide Aufführung mit zwei herausragenden Leistungen (Grundheber, Fink) – für einen „Rosenkavalier“ in Wien erwartet man sich doch ein wenig mehr.
Billy :hello
P.S.: Die Aufführung fand zwar vorgestern statt, aber da ich den Bericht gestern handschriftlich verfasst habe und in allen Berichten von "gestern" spreche, halte ich es auch hier so.
Severina (10.12.2011, 13:14): Eigentlich wollte ich zur gestrigen GP gar keine Rezension schreiben, weil ich wenig Lust verspüre, mir diese beiden langweiligen Stunden noch einmal detailiert in Erinnerung zu rufen, aber da mich bereits zwei neugierige Anfragen erreichten, was man denn bei der PR zu erwarten habe, raffe ich mich nun doch auf. Die fehlende innere Begeisterung wird man meinem Bericht wahrscheinlich anmerken - sorry. Engagiert schreiben kann ich nur über Dinge, die mich wirklich bewegen, sei es nun positiver oder negativer Art, und die gestrige GP hat nur eines in mir erzeugt: Langeweile! Sogar zum Ärgern war's zu fad..... Das liegt natürlich nicht an Janáceks Werk, soviel sei gleich vorweggegommen!!
Zwei Euro wollte die nette Billeteurin gestern von mir für den Besetzungszettel und fügte entschuldigend für diesen Aufpreis (normal sind 90 Cents) dazu, dass es dafür eine Inhaltsangabe gebe. Nun, bei einem derart "exotischen" Werk an sich eine gute Idee. Allerdings zeigte schon der erste Blick, dass es sich nicht um eine Inhaltsangabe zu Leos Janáceks "Aus einem Totenhaus" handelt, sondern um einen Wegweiser durch Peter Konwitschnys Inszenierung: "Eine Männergesellschaft irgendwo in einem Loft im 44. Stock. Die Stimmung ist gereizt, die Aggressionsschwelle niedrig. Der Mafiaboss erscheint....usw.usw." Und damit beginnt bereits der grundlegende Irrtum dieser Produktion: Warum sollte mich diese "Männergesellschaft", die da zwei Stunden lang die Sau rauslässt und den Nachweis zu erbringen sucht, dass männliche Intelligenz zuweilen sehr tief sitzt, in irgendeiner Weise interessieren??? Aber von Anfang an! Anstatt des Vorhangs empfängt die Zuschauer eine Projektion des Blicks vom Dach der WSO auf die Kreuzung Ringstraße - Operngasse. Zunächst als Standbild, gerät es mit Beginn der Ouvertüre in Bewegung, man darf also dem flutenden Verkehr zuschauen, Wetten abschließen, ob die hektisch die Straße überquerenden Fußgänger die Tram noch erreichen oder nicht und andere Überlegungen anstellen, die einen glücklich von der Musik ablenken. Nun bin ich nicht generell gegen "bebilderte" Ouverturen, sofern sie in einem Bezug zur Handlung stehen, einen Mehrwert ergeben, aber der ist hier zumindest für mich nicht gegeben. Von der Ringstraße geht's also flugs ins "Loft", ein ziemlich steriler weißer Raum mit vier Säulen, bis zum Boden reichenden Panoramafenstern, über die ständig Regentropfen rinnen, eine Bar, Bistrotische und Stühle. Die "Männergesellschaft" tritt uniform in schwarzen Anzügen auf, nur der Mafioboss trägt ein weißes Jacket (Wie sinnig....). Dass es sich um eine mafiose Vereinigung handelt, steht in der Inhaltsangabe, aus der Inszenierung geht es jedenfalls nicht hervor. Genauso könnte es sich um jede andere x-beliebige clubähnliche Struktur handeln, in der Männlichkeitsrituale zelebriert und die Langweile mit Alkohol und anderen Drogen bekämpft wird. Es wird also fleißig gebechert, zotige Männerwitze erzählt (Die am Platzmonitor mitlaufenden Untertitel bedienen sich des entsprechenden Vokabulars - da ist von "vögeln" die Rede, wird auf die "Miezen" gewartet und später deutsche Frauen als "scharfe Katzen" bezeichnet. Da wohl kaum jemand im Publikum des Tschechischen mächtig ist, darf man sich solche "kleine Freiheiten" wohl erlauben......), kräftig gestänkert - eine Rauferei liegt permanent in der Luft. Schön. Aber was geht mich das alles an??? Janacek zeigt in seinem Werk Menschen in einer Ausnahmesituation, es sind Sträflinge, die in einer Atmosphäre der Hoffnungs-und Ausweglosigkeit dem Sadismus der Capos ausgeliefert sind und sich ihreseits an den Schwächeren abregagieren. Er zeigt, dass auch in einem Straflager das Flämmchen Humanität nicht gänzlich verlöscht, vor allem aber weckt er Mitgefühl mit diesen armen Teufeln, auch wenn sie nicht ganz schuldlos an ihrem Schicksal sind. (Schließlich haben die meisten wirklich eine Straftat begangen, im Affekt getötet.) Die Erzählungen der Sträflinge wirken wie kleine Inseln in einem Niemandsland, in dem jede Individualität ausgelöscht werden soll.
Wie soll das in einem "Loft im 44. Stock" funktionieren? (Außer man nimmt an, dass der Lift kaputt und die Notstiege verrammelt ist...) Mitgefühl mit diesen tumben Machos, die nur die Zeit tot schlagen und sich mangels einer vernünftigen Lebensperspektive aus Langeweile gegenseitig kujonieren?? Nicht einmal mit dem gedemütigten Gorjantschikow wollte sich bei mir Mitgefühl einstellen, denn warum hat er sich auch mit diesen Typen eingelassen?? Warum spaziert er nicht einfach durch eine der vielen Türen davon? Dass er später Aljeja Lesen und Schreiben beibringt - an sich eine berührende Szene, für mich eigentlich die Schlüsselszene dieser Oper überhaupt, die so viel über Mensch-sein und Mensch-bleiben in einer inhumanen Umgebung aussagt - geht hier völlig unter, erscheint in diesem Ambiente auch ziemlich lächerlich.
Auch die "Mafiosi" warten auf die angekündigte Theatervorstellung, bei Konwischny natürlich eine Stripnummer. Und weil wir in einer offenen Gesellschaft leben, gibt es für jeden Geschmack etwas, also auch ein paar knackige Jungs in Tangas und mit geölten Bizeps. Es wird also fleißig an Stangen geturnt und die Reaktionen der "Männergesellschaft" entsprechen natürlich exakt den erwarteten Klischées...... Da kann man nun schwüle Männerphantasien befriedigen, und da ohnehin schon alle mit Koks und Wodka zugedröhnt sind, mündet diese Szene in eine Massenrauferei, die durch einen Schuss aus der Spielzeugpistole des Kommandanten, pardon Mafiabosses, gestoppt wird. Ach ja: Vor dieser merkwürdigen Veranstaltung verkleiden sich alle als Sträflinge und schwingen Hand- bzw. Fussfesseln... Wow, wie der Regisseur hier die Assoziation zu Janáceks Totenhaus herstellt, also einfach genial....... Als Schischkov später seine Geschichte erzählt, taucht eine riesige Babuschkapuppe auf, die von den Männern zerlegt wird. Jeder umarmt zärtlich eines der vielen Teile, offensichtlich eine sentimentale Erinnerung an die Kindheit (??). Obwohl ziemlich sinnfrei im Gesamtzusammenhang, war dies doch die einzige Szene, die sich mir positiv einprägte. Als am Schluss Gorjantschkow nach der finalen Demütigung - er wird wie ein Hund an einer Kette auf allen Vieren hereingeführt, muss Wodka vom Boden auflecken - vom Mafioboss in die "Freiheit" entlassen wird, steckt man ihn zunächst in die nun wieder komplette Babuschkapuppe, auf die der Boss noch einen Schuss abfeuert. Der obere Teil wird abgenommen, Gorjantschkow hängt mehr tot als lebendig über den Rand und scheint alles andere als glücklich über seine "Freiheit". Er wird nicht mehr gebraucht und wie ein kaputtes Spielzeug entsorgt,wirkt völlig apathisch, wie ein ausgesetzter Hund, der sich zurück zu seinem Herrn sehnt, auch wenn ihn der nur misshandelt hat. Bisher hat er wenigstens "dazugehört", jetzt gehört er nirgendwo mehr hin. Nun, das mag in Konwitschnys Konzept psychologisch nicht ganz verkehrt sein, es entspricht aber sicher nicht dem, was Janácek mit Gorjantschkows Befreiung in Sinn gehabt hat. Auch wenn es ein starkes Bild ist, was ist die Botschaft? "Besser gedemütigt als ausgestoßen"?????
Wie immer bei Konwitschny greift das Spiel auch in den Zuschauerraum über. Da wird also durch Mittel- und Seitengänge aufgetreten, der betrunkene Skuratow krallt sich eine Zuschauerin (natürlich eine Statistin) und zwingt sie zu einem wilden Tanz, wird prompt von ihrem "Begleiter" attackiert, der dann laut schimpfend und mit der Drohung, er werde sich in der Direktion beschweren (Gute Idee, aber bitte über die gesamte Produktion!!!!), Türen knallend verschwindet. Als Skuratow später wieder nach seiner Luisa schreit, regnet es von der Galerie Bildchen mit ihrem Konterfei (Das nehme ich zumindest an, denn zu mir kam leider keines gesegelt!).
Insgesamt kann ich zu Konwitschny, der zu meinen liebsten Regisseuren zählt und dem ich so viele spannende Inszenierungen verdanke, diesmal leider nur sagen: "Thema verfehlt, setzen, Nicht genügend!"
Die musikalische Seite zu beurteilen ist bei einer GP nicht ganz einfach, weiß man doch nie, ob jeder Sänger wirklich das Letzte gegeben hat. (Ich fürchte nur, dass ich mir dieses "Totenhaus" kein zweites Mal antue!) Nun ist "Aus einem Totenhaus" eine Ensembleoper, aus der eigentlich nur drei Partien etwas hervortreten, Gorjantschikow, Skuratow und Schischkow.
Sorin Coliban spielte den Prügelknaben Gorjantschkow, der alle Demütigungen apathisch über sich ergehen lässt, ausgezeichnet - sehr beeindruckend z.B. sein leerer Blick - stimmlich scheint er sich etwas geschont zu haben, was bei einer GP auch völlig OK ist.
Herbert Lippert ist der Skuratow dieser Produktion. Seine Rückkehr an die WSO wurde von vielen begeistert begrüßt, für mich ist dieser Sänger ehrlich gesagt entbehrlich. Sein monochromes Timbre, das machmal etwas leicht Quengeliges hat, nimmt mich nicht wirklich für ihn ein, aber es gibt zugeben Schlimmeres als diesen Tenor. Was sehr wohl für ihn spricht, ist sein darstellerisches Engagement, er gestaltet den Unsympathler Skuratow sehr überzeugend. (Nein, das meine ich jetzt nicht doppeldeutig!)
Beim GP-Publikum kam Christopher Maltman als Schischkow am besten an, bei seinem Vortreten wurde der flaue Höflichkeitsapplaus für alle Beteiligten um eine Spur enthusiastischer. Auch bei mir hinterließ dieser Sänger den besten Eindruck. Seine große Arie (oder besser sein großer Monolog, denn "Arien" im herkömmlichen Sinn finden sich in dieser Oper nicht) im 3. Akt geriet daher zum musikalischen Höhepunkt: Sehr kultiviert vorgetragen, mit einem tragfähigen, nuancenreichen Bariton, der zwar weich, aber trotzdem auch viril klingt - ich hoffe auf weitere Auftritte von Herrn Maltman an unserem Haus!
Die Besetzungsliste für "Aus einem Totenhaus" ist lang, nicht viele Sänger können sich stimmlich wirklich profilieren. Dank der wie immer sehr genauen Personenregie von Konwitschny können sie dies aber zumindest als Darsteller, denn jeder Einzelne erhält wirklich Profil, bringt sich mimisch und gestisch überzeugend ein.
Bleibt noch das Orchester unter der Stabführung von Franz Welser-Möst, das neben Christopher Maltman von mir ein Sehr gut erhält. Was da an feinen Zwischentönen, an dramatischem Impetus aus dem Graben drang, war ganz wunderbar - dort spielte sich die Tragödie ab, die uns (oder vielmehr mir) Konwitschny auf der Bühne leider schuldig blieb.
Mein Fait: Ein szenischer Irrtum, über den mich nur das großartge Orchester hinwegtröstete!
lg Severina :hello
Billy Budd (10.12.2011, 13:45): Liebe Severina vielen Dank, dass Du trotzdem einen Bericht verfasst hast, weswegen ich schon genau weiß, was mich bei der Premiere, die übrigens auf Ö1 übertragen wird - erwarten wird. Die Besetzung ist ja wirklich nicht herausragend. Was Konwitschny betrifft, so mag ihn noch weniger wie Du Zefirelli. Als ich mir vor einiger Zeit die Inhaltsangabe durchlas, habe ich mich gefreut, dieses Stück auf der Bühne zu sehen. Wenn es sich noch um eine schlechte moderne Produktion handelt, ist das Ergebnis für mich doppelt unbefriedigend. Angeblich ist Konwitschy im Krankenhaus und es wird spannend, wer die Buhorkane, die es garantiert geben wird, abbekommen wird. Dass der gute Mann eine eigene Inhaltsangabe schreibt und der Abendzettel doppelt so viel wie sonst kostet, ist eigentlich eine Frechheit. Ich wollte ursprünglich drei Vorstellungen besuchen, aber vielleicht spare ich mir ja das Geld. Billy :hello
Severina (10.12.2011, 14:19): Lieber Billy,
geh lieber noch einmal in den "Rosenkavalier", auch wenn Dich der nicht restlos glücklich gemacht hat! Ich bin traurig über das, was Du über Kurt Rydl schreibst, denn ich dachte, er hätte sich wieder erfangen. Seine Stimme befand sich schon vor einigen Jahren in einem desolaten Zustand, dann aber hörte ich ihn (2009?? Die Zeit vergeht so schnell...) in der "Schweigsamen Frau", wo sein Bassbariton wieder sehr kompakt klang, auch das Timbre an tolle alte Zeiten erinnerte. Nun also wieder Wobble... Traurig, sehr traurig. Kurt Rydl hat mir so viele großartige Abende beschert, da fällt es schwer wahrzuhaben, dass es vorbei ist....
Franz Grundheber ist in der Tat ein Phänomen und ein Beweis, wie man durch kluge Karriereplanung bis ins hohe Alter sein Niveau halten kann. Er war/ist der einzige deutsche Sänger, den ich auch in italienischen Rollen innig liebe, z.B. zählt er zu meinen ganz großes Scarpias, und da muss er sich immerhin mit einem Ruggero Raimondi messen!!!
Anja Hartos hat vielleicht wirklich einen schlechten Tag erwischt. Aber wenn Dir ihre Stimme nicht gefällt, dann ist es halt so, das kann man nicht ändern. Ich mag die Hartros sehr.
Noch einmal zum "Totenhaus": Ich bin ein großer Konwitschny-Fan, aber diese Inszenierung ist ein Schmarren, anders kann ich das nicht sagen. Und genauso wie bei Dir haben auch meine Lieblinge keinen "Immer-alles-großartig-Bonus". Ich war ja schon aus Zürich vorgewarnt, hoffte aber, er würde vielleicht noch an seinem Konzept arbeiten, sodass es bei uns schlüssiger wirkt. Das ging ja nun nicht, weil Konwitschny die Proben gar nicht persönlich leiten konnte. Es wird sicher nicht nur Ablehnung geben bei der PR, das Paar neben mir (ältere Herrschaften!) war z.B. sehr angetan von der Inszenierung ("Ist doch g'scheiter als der ewige GULAG-Schmarrn!")
lg Severina :hello
Billy Budd (11.12.2011, 15:40): Wiener Staatsoper Samstag, den 10. Dezember 2011 DAPHNE Richard Strauss
Die "Daphne"-Produktion von 2004 kehrte für vier Vorstellungen zurück, aber mich dünkt, dass wir dieses fabelhafte Werk danach lange Zeit nicht mehr erleben werden. Es war meine Erstbegegnung mit der Oper, die ich aber sogleich ins Herz geschlossen habe (Auf die Schnelle fällt mir nichts Schöneres und Ergreifenderes von Richard Strauss ein, als die Schlussminuten der "Daphne" - nicht einmal die Rosenüberreichung oder Salomes Schlussmonolog.) und hätte mich unsere Heike nicht vor kurzem aufgefordert, auch über mir nicht gut bekannte Stücke zu schreiben, würde ich keinen Bericht verfassen. Ich kann natürlich nicht beurteilen, ob die Künstler die richtigen Noten gesungen haben und auch die Beutreilung des Dirigats fällt mir schwer. Meagan Miller hatte 2009 mit der Ariadne ihr Europadebüt in der Volksoper gegeben, sang dort auch die Nyssia im "König Kandaules" und ist endlich auch am großen Haus gelandet. Sie hatte einen sehr schwachen Beginn, was aber auf die Debütnervosität zu schieben ist, konnte sich aber im Lauf des Abends steigern. Dass sie an einigen Stellen forcieren musste und sich somit ein Tremolo einstellte, verschuldete die Dirigentin. Die Partien des Apollo und Leukippos sind extrem schwer, aber in KS Johan Botha und KS Michael Schade wurden gute Interpreten gefunden. Herr Botha gehört wirklich nicht zu meinen bevorzugten Tenören (Mich stört sowohl sein eintöniges Singen, als auch seine manchmal undeutliche Aussprache.), aber er besitzt genug Kraft, um die schwirigsten Rollen durchzuhalten. Herr Schade war ein fabelhafter Leukippos; seine etwas jugendlich klingende Stimme passt exzellent und auch sonst kann ich keine Abstriche machen. Georg Zeppenfeld wird von einigen als große Nachwuchshoffnung im Bassfach gehandelt, aber der durchwachsene Eindruck, zu dem ich auch bei seinem Sarastro im Juni 2011 kam, bestätigte sich auch gestern. Die Stimme weist zwar kein Tremolo auf und wird sauber geführt, hat aber kaum Resonanz und strahlt keine Wärme aus. Trotzdem bin ich auf die Entwicklung des Sängers gespannt. Elisabeth Kulman hatte bekanntlich im Sommer bei Proben zu "Tristan und Isolde" einen Arbeitsunfall mit Schlag auf den Kehlkopf und nicht wenige - mich eingeschlossen - bangten über die Fortsetzung ihrer Karriere. Insofern hatte sie Glück im Unglück, denn ich glaube, dass die Brängene zu früh in ihr Repertoire gekommen wäre. Ich möchte Frau Kulman nicht ihre Qualitäten absprechen, aber ihre Stimme sprach mich gestern nicht an. Ihre Fans bescheinigen ihr Wärme in der Stimme, was ich aber noch nie feststellen konnte. Trotzdem: Sind wir froh, dass der Unfall mit kurzfristigem Stimmverlust keine weiteren Folgen mit sich gezogen hat. Insgesamt gaben beide ein junges und mir zu agiles Elternpaar; gerne hätte ich Walter Fink - den Peneios der Premiere - und Janina Baechle erlebt. Ein Pauschallob sei den vier Schäfern ausgesprochen: Marcus Pelz, Wolfram Igor Derntl, Jens Musger; KS Alfred Šramek. Julia Novikova erbrachte mit der ersten Magd ihre bis dato beste Wiener Leistung; Valentina Nafornita liegt die zweite Magd zu tief. Die Dirigentin Simone Young hätte öfters die Lautstärke zurücknehmen sollen. Insgesamt war es ein sehr guter Opernabend, die Einschränkungen bewegen sich alle auf hohem Niveau. Ein Besucher sagte zu mir, das sei quasi nur die Generalprobe gewesen und würde noch viel besser werden. Ich bin gespannt.
Billy :hello
Billy Budd (11.12.2011, 22:21): EINDRÜCKE NACH DER PREMIERE
Ich schreibe hiermit nur meine Kurzeindrücke nieder, denn einen Bericht werdet Ihr nicht von mir lesen. Die Inszenierung ist noch schlechter als die Traviata und man sollte nicht glauben, dass so etwas überhaupt möglich ist. Eigentlich ist jeder selbst schuld, der hingegangen ist. Der Abend begann schon schlecht, denn kurz nach dem Einlass in den Saal wurde das Licht fast abgeschaltet. Ich empfinde das als Publikumsbeleidigung, denn es war fast eine Stunde lang nicht möglich, zu lesen oder zu arbeiten. Doch es wurde noch schlimmer: In den Mittelgang der Galerie traten während der Vorstellung Trommler und machten Lärm. Ich hatte das Glück, nicht direkt daneben zu stehen, denn sonst wäre mir gewiss das Trommelfell geplatzt. (Gar nicht zu reden davon, dass Clemens Unterreiner während der Vorstellung von der Galerie irgendwelche Papierstücke hinunterfallen lassen musste.) Was die Inszenierung betrifft, war ich schon vorgewarnt und ich tue mir wirklich schwer, dieses Machwerk nicht als "Verquirrlte Sch..ße" zu bezeichnen. Severina hat schon einiges gesagt. Franz Welser-Möst und das Staatsopernorchester spielten die Oper exzellent. Ich werde aber trotzdem dieses Stück in dieser Inszenierung NIE WIEDER anschauen, denn selbst wenn ich mir einen Stehplatz suche, auf dem man von der Bühne nichts sieht, wird man trotzdem durch unnötige Aktionen im Zuschauerraum gestört. Ich konnte kaum auf die Sänger Acht geben, denn diese saublöde Inszenierung lenkt nur von Geschehen ab und ich glaube nicht, dass der Herr Regisseur dem Werk damit dient. Hätte ich nicht gewusst, um was es sich in der Oper handelt, hätte ich keine Ahnung gehabt. Am Ende war es ziemlich eindeutig: Braver Applaus für die Sänger (Am stärksten für Christopher Maltman), Jubel für den Dirigenten und ein Buhkonzert, an dem ich mich natürlich beteiligt habe, für das Regieteam. Viele Sitzplätze blieben außerdem frei. Vielleicht haben manche Forianer (eigentlich ein saublödes Wort) die Radioübertragung gehört. Wenn dem so ist, würde ich mich über einen Austausch freuen. Fazit: Misslungen (Aber nicht, weil die Produktion aus dem Ausland gekommen ist.). Billy (Nach diesem Abend für längere Zeit operngeschädigt.) :hello
P.S.: Ich bin Severina noch eine Antwort schuldig, aber sie möge mir verzeihen, dass ich heute keinen Gedanken mehr an Oper verschwenden will.
Severina (11.12.2011, 23:27): Lieber Billy, jetzt weiß ich wenigstens, wer die Papierl hinuntergeworfen hat, denn das konnte ich von meinem Parterreplatz aus nicht sehen. Stand denn der Sänger, der während Schischkows Erzählung von irgendwo oben "Lügner!" hinunterrief, auch auf der Galerie?
Ja, über die Inszenierung sind wir uns diesmal völlig einig.... Bin ja neugierig, welche absurden Erklärungen Monsieur le Directeur jetzt für die Proteste des Publikums parat hat, denn Konwitschny ist nun definitiv KEIN Franzose, an dem die bösen Wiener ihre Fremdenfeindlichkeit abarbeiten könnten. (Nicht, dass es in Wien keine Fremdenfeindlichkeit gibt, aber an der WSO manifestiert sie sich nun wirklich nicht!!!)
lg Severina :hello
PS: Ich sehe eben, dass ich in meinem letzten Beitrag die arme Anja Harteros ziemlich verstümmelt habe - sie möge mir verzeihen! Leider ist die Frist für Korrekturen schon abgelaufen.
Billy Budd (12.12.2011, 20:03): Liebe Severina,
eigentlich habe ich mir vorgenommen, in den Weihnachtsferien jeden Tag in die Oper zu gehen (Ich weiß, da halten mich jetzt einige für verrückt. :D), aber da ich mir, wie schon erwähnt, diese Inszenierung auf keinen Fall mehr anschaue, fallen jedenfalls der 27. und 30. Dezember weg. Leider gibt es an diesen Tagen auch nichts Interessantes in der Volksoper. Wie man Rachel Frenkel als Cherubin besetzen kann, ist mir schleierhaft; vielleicht halte ich ihretwegen nicht alle vier "Nozze"-Vorstellungen durch. Traurig stimmt mich, dass die nächste Besetzung, die eine gute Vorstellung verspricht, erst der "Mahagonny" Ende Jänner ist. Und im Februar schaut es wieder düster aus ...
Es ärgert mich, dass wir - die Stammbesucher - praktisch keine Möglichkeit haben, eine Änderung der Misere herbeizuführen. Wenn ich mir die € 1,60 für den Galeriestehplatz sparte und sich dementsprechend die Anzahl meiner Berichte verringerte, wäre das dem Meyer so was von wurscht. Ob ein konsequentes Ausbuhen von miesen Leistungen sinnvoll wäre, bezweifle ich. Außerdem ist das nicht ganz gerecht, da ja die Sänger nichts für die katastrophale Besetzungspolitik können. Besser wäre Schweigen, was aber leider an den "Berufsjublern" scheitert. Ich kenne jedenfalls keinen einzigen Stammbesucher, der mit dem derzeitigen Stand glücklich ist.
Zurück zum "Totenhaus": Ebenso wie Du möchte ich mich an diese Vorstellung lieber nicht mehr erinnern. Deine Frage kann ich leider nicht beantworten, denn ich habe irgendwann innerlich abgeschaltet und gehofft, dass der Horror bald vorbei ist. Geärgert hat mich übrigens die Nachtkritik von Renate Wagner. Ich erwähne nur zwei Passagen: Peter Konwitschny – ja, er kam, sprang quicklebendig auf die Bühne, wie aus der Klinik kommend, wirkte er absolut nicht – waren ein paar Buh-Rufe, allerdings nicht wirklich ernster Art, zu hören. Es war ein Buhorkan, wie ich ihn noch nie erlebt habe (Jeder konnte sich im Radio davon überzeugen.). In der Wiener Staatsoper, wo „Jenufa“ schon seit der Ära Holender auf dem Programm steht, werden auf „Katja Kabanova“ und „Aus einem Totenhaus“, wie das Programmheft versichert, die weiteren Werke im Jahresrhythmus folgen, man spannt uns nur auf die Folter, in welcher Reihenfolge die „Sache Makropulos“, „Das schlaue Füchslein“ und die „Ausflüge des Herrn Broucek“ zu erwarten sind – und wird am Ende auch das Erstlingswerk „Sarka“ versucht werden? Der guten Frau ist offensichtlich immer noch nicht bekannt, dass uns nächste Saison "Makropulos" bevorsteht (wurde schon öfters im Radio verlautbart.). Naja, vielleicht wollte sie dem Theater mit ihrer Berichterstattung keinen Gefallen erweisen. :wink :J
Entschuldige, dass ich hier öfters den "Merker" erwähne, aber das musste einfach raus. Mich würde noch interessieren, was Deine Nachbarn mit dem "Gulag-Schmarrn" gemeint haben.
So leid es mir tut, aber Kurt Rydl sollte bald an das Ende seiner Karriere denken. Im ersten Akt war er heiser (Ok, das kann vorkommen.), aber auch sonst befand sich die Stimme in einem schlechten Zustand. Vor einem Jahr habe ich ihn als Sparafucile gehört, wo auch stimmliche Verschleißerscheinungen hörbar waren. 2009 schien er eine gute Phase gehabt zu haben (Um die "Schweigsame Frau" beneide ich Dich, auch wegen der anderen Sänger und des Dirigates.), denn im Oktober dieses Jahres war er ein hervorragender Boris in "Lady Macbeth von Mzensk" (Hast Du ihn da gesehen?). Das war die einzige gute Leistung, die ich je von ihm gehört habe.
Über Franz Grundheber sind wir uns einig. Es gibt nicht viele Sänger seines Alters, die noch immer auf so hohem Niveau auftreten. Mich ärgert sehr, dass ich ihn als Scarpia und Simon Boccanegra verpasst habe (Als er diese Rollen an der Staatsoper sang, war ich schon Operngeher.). Auch Ruggero Raimondi hätte ich auch noch als Scarpia erleben können (Leider aber mit Hasmik Papian und Jose Cura) ... Was ich weiß, wird er (Grundheber) 2012 im Theater an der Wien in "Mathias der Maler" auftreten.
Herbert Lippert ist bekanntlich sehr umstritten; für mich ist er Mittelmaß (Nicht schlecht, aber auch nicht gut.). Hier finden sich recht gegensätzliche Kommentare.
Billy :hello
Severina (12.12.2011, 21:14): Lieber Billy,
ich halte Dich bestimmt nicht für verrückt, ich beneide Dich um Deinen noch jugendlich-frischen Enthusiasmus und auch darum, dass für Dich noch so vieles neu ist. Auch ich hatte Zeiten, wo meine Eltern fragten, ob sie mir meine Post auf den Stehplatz nachschicken sollten :D. Aber im Laufe der Jahrzehnte wird man (leider) abgeklärter, und wenn man das Standardrepertoire schon im dreistelligen Bereich gesehen hat, lockt einen z.B. eine "Traviata" halt wirklich nur mehr in einer besonderen Besetzung in die Oper. Die "Bohème" unlängst hätte ich gerne gesehen, aber das kollidierte mit anderen Terminen. Allerdings freue ich mich im Unterschied zu Dir natürlich SEHR auf den Februar :D :D :D!
Ja, Kurt Rydl habe ich als Boris gesehen und teile Dein Urteil - eine tolle Leistung!
Übrigens kommt "Makropolos" in der nächsten Saison leider wirklich nicht, die PR sind Alceste, Cenerentola, Ariadne, Aida und Tristan.
Über den Merker sind wir uns wohl ebenso einig wie über Monsieur le Directeur :wink. Und was die guten Rezensionen allüberall betrifft - nun ja, wenn man sich bei der PR-Feier den Bauch voll schlagen darf, sieht man wohl jede Regie in mild(erem) Licht.... Auch das gehört nämlich zum neuen Führungsstil, dass die Kritiker gern gesehene Gäste (natürlich gaaaanz uneigennützig) bei der PR-Feier sind, das gab's früher nie. Ach ja, und natürlich ist auch die Chefredakteuerin des Merker regelmäßig mit von der Partie. Noch Fragen???? (Wobei man faiererweise sagen muss, dass der Online-Merker da eine eigene, unabhängigere Linie fährt und nicht ganz so Meyer-hörig ist wie das Heft.)
lg Severina :hello
Schweizer (13.12.2011, 19:52): Hallo BillyB ich bin neu hier, lese aber schon länger mit ... erst mal bedanke ich mich für Deine lesenswerte Beiträge ... bin auch sehr oft mit Deinen Einschätzungen einverstanden ... umso mehr erstaunt mich was Du über Anja Harteros berichtest; meiner Meinung nach - ich kenne sie live als Elsa (München) und Desdemona (Berlin), werde sie im Januar in München und im März in Zürich als Elisabetta im "Don Carlo" erleben - ist sie so in etwa der heisseste Sopran dieser Tage und übertrifft die in Wien oder anderswo gehypten Damen (in alphabetischer Reihenfolge) Damrau, Dasch, Dessay, Gheorghiu, Gruberova (aktuelle Form), Kermes, Michael, Netrebko, Petibon etc um Längen. Die ist nicht Publicity-geil, aber sie liefert Leistung ab ... Verwundert hat mich auch Dein Verweis auf Adrienne Pieczonka, die Du als Marschallin offensichtlich höher einschätzt. Mir geht der direkte Vergleich ab, kenne sie aber als Ariadne (München) und Arabella (Berlin): eine gute Sängerin gewiss, aber stimmlich kühl und darstellerisch nicht überaus talentiert (mein Geschmack) ... Ich hoffe Frau Harteros wird Dich in der nächsten Vorstellung mehr begeistern können ... Gruss vom Schweizer
Billy Budd (14.12.2011, 22:25): Lieber Schweizer, zuerst ein herzliches Willkommen in unserer Runde! Ich hoffe, Du hast Dich nicht nur wegen dieses einen Beitrags angemeldet, denn ich würde gerne mehr von Dir lesen. :) Meine Zeilen über Anja Harteros sollten natürlich kein Veriss sein (Sie sang ja wirklich nicht schlecht!),, aber dies war erst mein dritter "Rosenkavalier" und meine beiden anderen Marschallinen sagten mir mehr zu. Morgen ist noch eine Vorstellung und ich bin schon gespannt, was ich erleben werde. Im April wird übrigens Nina Stemme, die ich mir so gar nicht da vorstellen kann, diese Rolle übernehmen. Zustimmen muss ich Dir allerdings, dass Frau Harteros sich nicht hypen lässt/gehypt wird und eher nur Opernfans bekannt ist, was ich wahrscheinlich ebenso wie Du ganz und gar nicht für einen Nachteil halte. Die von Dir genannten Sängerinnen kenne ich nicht alle, aber bei den mir bekannten gehe ich konform mit Dir. Edita Gruberová berührt mich stimmlich kein bisschen, aber vom subjektiven Geschmack abgesehen, bin ich der Meinung, dass sie den ihr umgehängten Lorbeerkranz nicht (mehr) verdient. Freilich: In ihrem Alter ist es ohnehin beachtlich, überhaupt noch einen graden Ton herauszubringen, umso mehr, dass sie solch schwierige Partien noch singen kann, aber irgendwann muss Schluss sein, was auch für Natalie Dessay gilt. Die Faszinationen von Annette Dasch und Anna Netrebko haben sich mir auch noch nicht erschlossen. Adrianne Pieczonka ist meine Lieblingssängerin (live gehört als Marschallin und Senta) und dass sie stimmlich kühl wirken soll, habe ich hier schon einmal gelesen, was ich aber nicht verstehen kann. Mich berührt sie so, wie keine andere. Meine Lieblingsversion von "Es gibt ein Reich" aus der "Ariadne" ist diese. Ich finde es aber natürlich in Ordnung, wenn jemand für meine Lieblinge kein oder nur wenig Interesse aufbringen kann. Billy :hello
Das ist wieder einmal der Beweis, dass unser Direktor von Inszenierungen keine Ahnung hat!
Die Sanjust-"Ariadne" war eine meiner Lieblingsinzenierungen überhaupt und es wird - da bin ich mir ganz sicher - nichts besseres nachkommen!!
Jetzt hast Du mir aber eine trauige Nachricht überbracht, liebe Severina. Vor einiger Zeit (muss im Oktober gewesen sein) hat übrigens ein Herr am Stehplatz gesagt, dass die "Ariadne" neu inszeniert werden wird und das hat alle, die das gehört haben, sehr erschreckt. Es hat aber niemand geglaubt, dass das eintreten wird, da die Inszenierung nicht nur wunderschön, sondern auch vor allem auch gut durchdacht war. Wie gefiel sie Dir eigentlich? Meines Wissens nach werden Ariadne und Bacchus Krassimira Stoyanova und Stephen Gould sein. Wer die Zerbinetta singen wird, könnte spannend werden. Ich würde dem Meyer zutrauen, dass er da eine seiner "tollen" Entdeckungen einsetzen wird.
Aber auch sonst reißen mich die Premieren nicht vom Sessel - und wenn schon die so patschert ausgewählt sind, wie mies wird es dann um das Repertoire stehen?? Mir schwant schlimmes. Wozu, bitte, brauchen wir eine "Cenerentola", wenn es eine wunderbare, in Italienisch gesungene und auch meist gut besetzte Produktion an der Volksoper gibt? Wenn Dir es ohnehin schon nicht bekannt ist: Juan Diego Flórez hat angekündigt, er werde nächste Saison eine Premiere singen - das kann doch nur der Ramiro sein. Na, immerhin: Wenigstens ein Grund zur Freude. Ich würde gerne eine recht selten gespielte Oper aus Verdis früher Schaffensperiode hören, aber wozu brauchen wir eine neue "Aida", wenn die alte noch einigermaßen funktioniert? Barockopern muss ich ja nicht besuchen. Gerechterweise muss man aber auch sagen, dass ein neuer "Tristan" mehr als überfällig ist. Ist Dir zufällig zu Ohren gekommen, ob die Ponelle-"Italiana" tatsächlich verschwinden wird?
Jedenfalls danke ich Dir für die Informationen - und hoffe weitehhin, dass Deine Informanten bezüglich der "Ariadne" irren, was ich aber nicht glaube.
Noch einmal zum "Totenhaus": Konwitschny hat doch das Stück ganz unter seinem Wert verkauft. Ich bevorzuge immer eine 1:1-Umsetzung des Librettos, aber wenn der Regisseur die Geschichte in ein heutiges Gefängnis verlegt, oder moderne Sklaverei zur Sprache bringt, könnte man die Arbeit ernst nehmen. Aber was die "Männergesellschaft im 44. Loft" soll, hat sich mir noch nicht erschlossen.
Hand aufs Herz: Welche Besetzungen im Februar mit Ausnahme Jonas Kaufmann und Rolando Villazon interessieren Dich wirklich? Ich kann gut verstehen, dass Du Deine Lieblinge sehen willst, aber wenn im "Faust" Albert Dohmen und im "Elisir" Sylvia Schwartz auftreten, würde das meine Freude zumindest sehr dämpfen. Eigentlich sollten an der Wiener Staatsoper meherere "Highlights" pro Monat sein.
Der "Merker" war ja in seinen Anfangsjahren eine wirklich gute Zeitschrift - davon kann man sich hier überzeugen - aber jetzt ist er großteils uninteressant. Ich finde aber den Webauftritt noch schlimmer, da mir der Administrator sehr unsympatisch ist. Wenn zum Beispiel Frau Pfabigan soetwas schreibt, schüttle ich den Kopf: Wie beinah erwartet trat unser neuer Operndirektor Dominique Meyer nicht groß in Erscheinung, sondern hielt sich auf seine leise Art nur da oder dort mal kurz auf, um nach dem Rechten zu sehen. Dafür kann man ihn in fast jeder Aufführung in den Foyers antreffen, wo jedermann sich problemlos mit ihm unterhalten kann. Wir "Merker" haben diese Gelegenheit schon mehrfach genützt, um die aktuellen Insider-Nwes aus erster Quelle zu erfahren oder unsere Meinung über das Gesehene und Gehörte los zu werden. Schön ist das!" (Quelle: "Der Neue Merker", Heft 10/2010, September 2011; Seite 14. Das Zitierte bezieht sich auf den Tag der Offenen Tür.) Für mich gibt es dort nur fünf lesenswerte Rezensenten: Gerhard Ottinger, Peter Skorepa, Wolfgang Habermann, Johann Schwartz und Georg Freund.
Billy :hello
Severina (14.12.2011, 23:43): Lieber Schweizer, zunächst auch von mir ein willkommen, ich freue mich über jeden Opernfan, der zu uns stößt, besonders über einen aus meiner geliebten Schweiz :D. Dein Beitrag macht mich aber trotzdem etwas ratlos, denn wenn ich mir die Liste der von Dir geächteten Sängerinnen so anschaue, bleibt von der ersten Garnitur außer Frau Harteros eigentlich keine mehr über, die Gnade vor Deinen Ohren fände. Ich habe außerdem ein bisschen Probleme mit dem in letzter Zeit so beliebten Verdikt "gehypt". Eigentlich muss sich heutzutage jeder Sänger fürchten, wenn etwas über ihn in der Zeitung steht, weil ihn das sofort in den Verruf bringt, ein Medienprodukt und "gehypt" zu sein. Sind also nur "unbekannte" Sänger gute Sänger? Das geht doch wohl an der Berufsrealität sehr vorbei, denn ohne PR ist eine Karriere in unserem medialen Zeitalter schlicht nicht möglich. Das kann man gut finden oder nicht - ich find's auch nicht gut - aber es ist nun einmal so. Es gibt keinen Plattenvertrag, ohne dass sich der Künstler verpflichtet, für PR-Aktionen zur Verfügung zu stehen, und das reicht bis zur berühmten roten Couch von Thomas Gottschalk. Eine Bartoli hat dort nicht zweimal Platz genommen, weil's so lustig ist, sondern weil sie von ihrem Label hingeschickt worden ist. Und selbst wenn ein Künstler mediengeil ist, was es selbstverständlich auch gibt, bedeutet das noch lange nicht, dass er deshalb keine Leistung erbringt. Wieso schließt das eine das andere aus?? (Dann müsste Karajan der mieseste und überschätzteste Dirigent aller Zeiten gewesen sein. Den kannte sogar meine Großmutter, die Zeit ihres Lebens keine Oper gehört oder gar gesehen hat, aber dafür las sie die yellow-press, wo HvK ein Dauergast war.) Was Frau Gruberova betrifft, so kenne ich wenige Sängerinnen, die so wenig Schlagzeilen gemacht haben wie sie, von ihrem Privatleben gelangte so gut wie nichts in die Medien. Sie also als gehypt zu bezeichnen, ist ein bisschen sehr kühn, lieber Schweizer. Dass sie nicht mehr klingt wie vor 15 Jahren und eine 64jährige Lucia nicht mehr sehr glaubwürdig ist, darüber besteht sicher Konsens, trotzdem tausche ich die Grubsi ohne mit der Wimper zu zucken gegen das gesamte Barbiepuppen-Geschwader ein, das unsere WSO seit zwei Jahren heimsucht.
Ob man eine Sängerin als kühl empfindet, ob einen eine Stimme berührt, liegt jenseits der Ratio, darüber zu diskutieren ist müßig. Ich habe auch überhaupt kein Problem damit, wenn jemand meine Lieblinge ablehnt, nur dass es in letzter Zeit furchtbar chic ist, jedem populären Sänger automatisch seine Könnerschaft abzusprechen, damit habe ich zunehmend ein Problem. Jonas Kaufmann war mindestens 10 Jahre nur Insidern ein Begriff, außerhalb von Zürich kannte ihn kaum jemand, und als ihm dann endlich der verdiente Durchbruch gelang, taten alle so, als sei er wie Phönix aus der Asche erstanden, und die ersten Vorwürfe des "gehypten Medienstars" ließen prompt nicht lange auf sich warten. Heutzutage muss ein Sänger beinahe Angst davor haben, "entdeckt" zu werden, denn wenn er nicht nur "Insidern", sondern der breiten Masse ein Begriff ist, kann ja nichts dran sein an ihm. Und wenn er dann auch noch häufig in den Medien aufscheint, ist das überhaupt Sodom und Gomorrha. Übrigens gab's im Vorjahr rund um die Alcina-PR mit Anja Harteros jede Menge Interviews und Artikel über sie, auch ihre Münchner Elsa ist medial nicht unerwähnt geblieben. Sie zählt übrigens auch zu meinen Lieblingssängerinnen, ich liebe ihrTimbre, das ich kein bisschen unterkühlt empfinde, schätze ihre Bühnenpräsenz, nur den Riesenabstand, der sie von sämtlichen der von Ihnen aufgezählten Sängerinnen trennen soll, kann ich nicht erkennen.
lg Severina :hello
Severina (15.12.2011, 00:01): Lieber Billy,
das Flórez ein PR bekommt, wäre schön, aber das kriegt unser Direktor leider nicht auf die Reihe. Den Don Ramiro singt nach meiner Info Dmitry Korchak, Flórez ist nur im Repertoire eingesetzt, aber immerhin singt er wenigstens irgendetwas in der nächsten Saison.
Natürlich ist meine Vorfreude auf "L'Elisir" und "Faust" durch das mittelmäßige Drumherum getrübt, bei letzterem ganz besonders, weil da auch die Inszenierung absolut zum Vergessen ist. Dafür singt Adrian Eröd den Valentin, aber das ist natürlich ein geringer Trost.
Dass Pfabigan & Co Meyerfans sind, ist klar, sie werden auch entsprechend hofiert. Das mit der "leisen, bescheidenen Art" von Meyer ist wirklich zum Piepen. Auch die Totenhaus-GP begann mit seinem üblichen Auftritt durch den Mittelgang und Händeschütteln mit dem halben Orchester. Klar, als viel beschäftigter Mann hat er natürlich keine Zeit, seine Musiker hinter den Kulissen zu begrüßen, das muss vor Publikum geschehen......
lg Severina :hello
Schweizer (15.12.2011, 09:37): Hallo BillyB, zuerst mal lieben Dank für den herzlichen Willkommensgruss ... ich habe Deine Zeilen nicht als Verriss von Frau Anja Harteros empfunden, wunderte mich nur dass sie von Dir recht kritisch beurteilt wurde und ich ihre Elsa (die ja wie die Marschallin auch deutsch zu singen hat) gut verstand ... ich bedanke mich ganz herzlich für den Link "es gibt ein Reich" mit Adrienne Pieczonka: da ist sie wirklich fabelhaft! Wenn ich meine zwei Life-Abende mit ihr vor meinem Auge/Ohr Revue passieren lasse, bin ich überzeugt, dass die unsäglich hässliche und für mich keinen Sinn machende "Tiefgaragen-Arabella" von Regisseur Alexander von Pfeil in Berlin, die mir den Abend gründlichst verdorben, mich verstört und verärgert hat, mit ein Grund dafür sein mag, dass Frau P. bei mir dann auch nicht gerade Lorbeeren einziehen konnte; dank dem jüngsten, Dir geschuldeten Eindruck, wird Adrienne P. von mir bestimmt mal wieder eine Chance bekommen, wenn Werk und übrige Besetzung mich interessieren werden ... In diesem Zusammenhang gebe ich mich als älteres Semester zu erkennen, das schon so viele Abende in der Oper zugebracht hat, dass addiert mehrere Lebensjahre zusammenkommen; als Folge davon bin ich ab und an selektiv (nicht immer zu meinem Vorteil, ich gebe es zu) ... Aber so 2 bis 3 mal im Jahr fahre/fliege ich eben ins Ausland um nicht nur die Schweiz opernmässig abzugrasen ... Nina Stemme kann ich mir als Marschallin auch nicht so ganz vorstellen, da ich ihr den wienerischen Charme/Tonfall nicht gebe (Vorurteil?); ich kenne sie im deutschen Fach live als überragende Isolde in Zürich, als herb-trauernde Ariadne in Genf, als konzertant überwältigende Sieglinde in Luzern, habe sie im kommenden März in Zürich "als Kronenhalle-Ariadne" wieder im Programm ... Was Du zu Edita Gruberova, Anette Dasch, Anna Netrebko und Nathalie Dessay an Gedanken beisteuerst, unterschreib ich sofort ... Ich werde, so bald ich Zeit finde (Pensionäre sind ja berufsmässig bekannterweise im Dauerstress :rofl), an Severina wenden und ich verspreche auch meinen Senf zur mir aus Zürich bekannten Totenhaus- Inszenierung beizusteuern. Gruss vom Schweizer
Schweizer (15.12.2011, 15:29): Hallo Severina, auch Dir ein warmes Dankeschön für Deinen Willkommensgruss an einen neuen Opernfan im Forum, ich habe mich darüber gefreut ... willst Du Dich bei mir einschleimen, dass Du meine Heimat Schweiz lobst? :rofl nun mal im Ernst zu Deinen Gedanken und Fragen: Geächtet sind die von mir genannten Sängerinnen nicht, aber ich habe so den einen oder andern, kleineren oder grösseren Einwand; vielleicht war es auch unklug von mir, ohne zu differenzieren alle in demselben Satz zu erwähnen ... - selbstverständlich sind nicht nur unbekannte Sänger gute Sänger ... - klappern gehört heute auf allen Gebieten, in jeglichen Sparten zum Ge- schäft; ich hab auch nichts dagegen, aber bitte mit Mass ... - mir persönlich sind eben zurückhaltende KünstlerInnen viel lieber als diejenigen, die dauernd in jedem Tabloid plus im TV auftauchen; da fällt mir ausser Anja Harteros spontan Vesselina Kasarova ein, die sich dem Medienrummel auch entschieden verweigert ... - wenn ich den Ausdruck "gehypt" gebraucht habe, war das nicht nur auf die Medien bezogen, sondern auch ganz entschieden auf die jeweiligen Fans eines Künstlers (wenn ich wiederholt in Kritiken lese, dass Gruberova immer noch besser, noch grandioser, noch dramatischer, noch "ich weiss nicht was" werde, dann kann ich das als seriöse Kritik schlicht nicht ernstnehmen, sondern klassiere das als Lobhudelei eines Fans); ich habe als Abonnent der Pereira-Aera Grubi in allen ihren Zürcher Partien erlebt, bevor sie nach Zank mit dem Chef im Zorn weggeblieben ist, vieles ganz grandios gefunden (Höhepunkt war bestimmt ihre Elisabetta im "Roberto Devereux"), aber die Zeit ist seither nicht spurlos an ihr vorübergegangen (Naturgesetz), da sind wir uns of-fensichtlich einig ... - Beispiele aus ca den letzten 5 Jahren: a) da schreibt Frau XYZ aus München im Merker jüngst eine Kritik über Rolando Villazon als Hoffmann und lobt ihn uneingeschränkt in höchsten Tönen; die Fachkritik jedoch hat durchs Band weg (Münchner Freunde von mir die drinnen waren ebenfalls) geringere oder grössere Einwände stimmlicher Natur zu vermelden. Man könnte mir den Rat geben, doch einfach darüber hinwegzusehen: an sich richtig, mich ärgert nur, dass was genügend oft wiederholt, nachgeplappert, schlussendlich sogar geglaubt wird, das nenne ich Mythenbildung! Dass er darstellerisch überaus stark/ talentiert ist, cachiert eben manch stimmliches Problem, dass dann ge- flissentlich überhört wird ... b) Die fabelhaft aussehende Frau Netrebko hat ein schönes Stimmtimbre und einen fesch aussehenden Ehemann: das ist in der heutigen Zeit die Garantie für den Superstar-Status; dass sie recht oft Töne um eine Schwingung zu tief oder zu hoch bringt (Manko betreffend Intonation), dass ihre Koloraturen nicht eben erste Qualität haben, ist aber eine Tatsache, die von der männlichen Kritik (wahrscheinlich dank tiefen Ein- blicken ins Décolleté) gern unerwähnt bleibt. Sie spielt engagiert, hat aber darstellerisch keine besondere Ausstrahlung; wenn sie dann von Fans und der Regenbogenpresse zur neuen Maria Callas emporstilisiert (oder eben gehypt) wird, nervt mich das (wobei mir natürlich klar ist, dass Callas auch Defizite stimmlicher Natur hatte jedoch stimmschauspielerisch und punkto Rollenidentifikation bis heute Massstäbe setzt ... c) Unsere Zeit ist kurzlebig und braucht dauernd Superlative oder neue Stars: wenn sich Eine mal aus legitimem Grund zurückzieht/ausfällt (Schwangerschaft Netrebko), muss partout einfach eine Andere her, ob als Eintagsfliege oder Dauersujet ist egal ... d) Erwin Schrott macht nur dank Aussehen und seiner Frau eine so erfolg- reiche Karriere (Stimme und Musikalität können es nicht sein) ... e) A.Dasch hat mal in Salzburg einen Sommer in einer Partie geglänzt, schon war sie damit und dank ihrem Aussehen ein Star (ihre Bayreuther Elsa in der Ratteninszenierung bewies mir , dass die Elsa für sie heute noch eine Grenzpartie darstellt, Harteros beherrscht diese Rolle souverän und wurde auf Grund ihrer Leistung von der Opernwelt zur Sängerin des Jahres erkürt) ... f) Noch extremer beurteile ich Nadia Michael: eine zum Sopran mutierte Sexbombe mit s-Fehler und für meine Ohren schriller, unangenehmer Stimme ... g) Dessay, Petitbon und Damrau gehören für mich zur Kategorie der hyperaktiv-engagierten Darstellerinnen, bei denen mir stets spontan folgendes einfällt: "ein bisschen weniger, wär ein bisschen mehr!" Diana Damrau höre ich kommenden Juni als Lucia in Berlin, die "bekommt von mir trotz genanntem Einwand wieder eine Chance mich zu überzeugen", für die beiden Französinnen reise ich nicht mehr, würde nicht mal eine Aufführung vor der Haustüre in Zürich in Betracht ziehen.
- Severina, ich bin mit Dir völlig einig, dass sich persönliche Bewertungen betreffend Timbre und wie man die Ausstrahlung eines(r) Künstlers(In) empfindet jeglicher Ratio entziehen, da man keine Wertskala dafür bemühen/anwenden kann ... - Anja Harteros wurde medial erstmals nach ihrer Elsa mit J.Kaufmann zusammen in derselben Neuinszenierung und der oben erwähnten Nomination zur Sängerin des Jahres über München hinaus richtig be- kannt; dass im Vorfeld einer Première lokal mediales, erhöhtes Interesse vorhanden ist (Beispiel Alcina in Wien), scheint mir völlig normal. Aber im Gegensatz zu einigen andern von mir genannten Sopranen, die sich die Presse gern zu Nutze machen, spielt Frau Harteros nicht mit. - Du hast auch völlig recht was Jonas K und seine Zürcher Jahre betrifft: viele von uns haben ihn zwar schon damals als überdurchschnittlichen Sänger und authentischen Darsteller wahrgenommen/geschätzt, aber erst der grosse Durchbruch brachte dann den Starkult und die uneinge- schränkte Anerkennung aller lokalen Operngänger hierzulande und anderswo ... - Was Gruberova betrifft, bin ich anderer Meinung als Du, da ich über "Internas" Kenntnis habe, allerdings gebe ich zu, dass "gehypt" in ihrem Fall schon nicht das echt zutreffende Prädikat ist: der unschöne Abgang kurz vor der Maria Stuarda-Première als Folge des Streits mit A.Pereira hat in Zürich enorm Wellen geschlagen und es wurde beiderseitig schmutzige Wäsche gewaschen; in der Folge wurde auch Privates publik, mehr sag ich aus Diskretionsgründen nicht. Ich freue mich schon jetzt auf Antworten und Diskussionen mit Dir und BillyB. Gruss vom Schweizer
Severina (15.12.2011, 17:37): Lieber Schweizer,
danke für Deine ausführliche und sehr differenzierte Antwort, die mir zeigt, dass wir gar nicht so weit auseinander liegen! Aber bevor ich darauf eingehe, vorab etwas zu meiner "Svizzeraphilie": Nein, ich schleime mich da gar nicht ein :wink, ich liebe die Schweiz wirklich und speziell Zürich, dessen Opernhaus ich seit meinem ersten Aufenthalt 1985 bis vor kurzem regelmäßig (d.h. zwei bis dreimal pro Jahr, immer für mehrere Aufführungen) besucht habe und scherzhaft als mein "zweites Wohnzimmer" neben meinem ersten an der WSO bezeichne. Leider erlaubt mir meine Gesundheit keine weiten Reisen mehr, aber Zürich wird für immer einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen einehmen, auch weil ich dort inzwischen viele liebe Freunde habe.
Was nun Deine detailiertere Bewertung der in Deinem ersten Post etwas pauschal als gehypt bezeichneten Sängerinnen (Nur das ist mir etwas sauer aufgestoßen :wink) betrifft, so kann ich das meiste gut nachvollziehen. Bei Michaels und Dasch sind wir völlig d'accord. Und natürlich ist keine aus der neuen Sängergeneration eine "neue oder zweite Callas", wie es so regelmäßig wie blöd aus den Medien schallt. (Ebenso wie jeder aufstrebende Tenor als "neuer Wunderlich" gefeiert wird, was im Fall von Jonas Kaufmann besonders bescheuert ist und mich zu der Überlegung anregt, ob ein Gehörschaden eigentlich Voraussetzung für einen Musikkritiker ist :ignore) Natalie Dessay mag ich immer noch sehr, finde sie auch nicht hyperaktiv, aber natürlich bin ich nicht taub für stimmliche Abnützungserscheinungen. Das gleiche gilt für Rolando Villazón, der trotz allem immer noch zu meinen Lieblingen zählt, aber im Unterschied zu den von Dir völlig zu Recht kritisierten Tussie-Fans (Sorry, mir fällt gerade keine bessere Bezeichnung ein....) eben "trotz allem". Jeder, der behauptet, seine Stimme wäre wieder genauso wie vor den beiden Krisen (inclusive OP) betreibt eine peinliche Realitätsverweigerung. Wobei ich sagen muss, dass der absolute Tiefpunkt für mich die beiden Züricher "Traviatas" waren - da saß ich mit Tränen in den Augen da und dachte mir: "So, das war's jetzt, Rolando addio!" und konnte es nicht fassen, dass es tatsächlich genügend Leute gab, die zu diesem Trauerspiel noch "Baravo!" riefen. Inzwischen hat Villazón wieder eine Form erreicht, mit der ich gut leben kann, und zwar aus einem Grund: Ich ziehe charismatische Singschauspieler perfekten Singautomaten, die mich aber kalt lassen, vor, denen verzeihe ich dann auch die eine oder andere Intonationstrübung oder einen verhauten Spitzenton. Aber natürlich muss ein gewisses sängerisches Niveau vorhanden sein, in Zürich lag Villazón für mich inakzeptabel weit darunter. Von Villazóns Hoffmann kenne ich nur zwei Ausschnitte, der erste gefiel mir sehr gut, beim zweiten hatte ich das Gefühl, dass er sehr kämpfen musste. Was Anna Netrebko betrifft, so gestehe ich gerne, dass ich nach ihrer Stimme zur Zeit regelrecht süchtig bin, die nach ihrer Schwangerschaft an Qualität sehr gewonnen hat. Dass sie keine perfekte Technikerin ist, weiß ich, aber in diesem Fall dominiert bei mir eben Herz vor Hirn oder anders gesagt: Was ich fühle, ist mir wichtiger als das, was ich rein objektiv höre! Bei ihrem holden Gemahl hingegen sind wir uns völlig einig, Erwin Schrott ist für mich das Paradebeispiel eines völlig überschätzten Sängers. Wobei man aber fairerweise sagen muss, dass er von der Presse schon als "the sexiest Don Giovanni alive" gehandelt wurde, als es in seinem Leben noch keine Anna Netrebko gab. Ich erinnere mich noch gut, als ich in Zürich voll Vorfreude Schrotts Figaro entgegenblickte, weil ich eben schon so viele hymnische Kritiken über ihn gelesen hatte, und dann ziemlich enttäuscht war.
Vesselina Kasarowa schätze ich sehr und bin überglücklich, dass sie nach einer doch recht kritischen Phase, wo ich fürchtete, ihre Stimme sei irreparabel beschädigt, wieder zu einer sehr guten Form zurückgefunden hat.
Aber irgendwie sind wir mit diesem Thema etwas OT, denn hier geht's eigentlich um Aufführungen an der WSO :ignore! Wir können diese Diskussion ja bei Bedarf in einem anderen Thread fortsetzen, ich wäre gerne dabei!
lg Severina :hello
PS: Noch etwas zu Subjektivität: Du schreibst, Annette Dasch sei aufgrund ihres Aussehens zum Star geworden, während Anja Harteros nur wegen ihrer Leistung zur Sängerin des Jahres gekürt wurde. Es besteht für mich nicht der geringste Zweifel, dass Frau Harteros diese Auszeichnung absolut verdient hat, aber dass bei den Juroren ihr blendendes Aussehen nicht auch Eindruck hinterlassen hätte, wage ich zu bezweifeln. Nach meinem Geschmack ist sie nämlich wesentlich attraktiver als Annette Dasch! (Aber vielleicht empfindet eine Frau das anders, ich sehe nämlich auch in der Netrebko nicht die umwerfende Schönheit, als die sie immer hingestellt wird....)
Schweizer (15.12.2011, 18:52): Hallo Severina, stimmt, entschuldige mein OT-Verhalten, aber ich wollte einfach höflich sein und Euere liebenswürdigen Willkommensgrüsse verdanken; und dann hab ich, ohne gross zu überlegen, Euere aufgenommenen Fäden weitergespon- nen... Meine Erfahrungen in Sachen STOP Wien reichen bis ins Jahr 1960 zurück: da wurden mit meinen Eltern und meiner älteren Schwester "die verkaufte Braut" mit Gerda Scheyrer und eine "Tosca" mit der gastierenden Margherita Roberti in der berühmten Wallmann-Inszenierung mit der riesengrossen Engelsstatue im 3. Akt zu Bildungszwecken von uns Kindern "konsumiert/ absolviert". Sechs Jahre später war ich dann erstmals unabhängig/solo in Wien: Traviata mit Güden, Bondino, Cappucilli Hoffmann mit Popp, Hesse, Lipp, Hoffmann, Jahn, Kmentt, Tipton Forza mit Scheyrer, Cvejic, Cappucilli, Zampieri, Siepi bereits zum Opernfan mutiert war ich 1967 schon wieder in Wien: Trovatore mit Jones, Bumbry, Buzea, Paskalis Figaro mit Güden, Grist, Miljakovic, Wächter, Berry Don Carlo mit Jones, Ludwig, Ghiaurov, Domingo, Paskalis, Hotter (diese Hammerbesetzung mit dem in Wien debütierenden Domingo werde ich nie vergessen ) Gruss vom Schweizer
Severina (15.12.2011, 19:36): Beneidenswert, da hast Du mir etliche WSO-Jahre voraus, 1960 wurde ich gerade eingeschult...... (außerdem galt meine erste große Liebe dem Theater, zur Oper fand ich erst später!)
lg Severina :hello
Billy Budd (17.12.2011, 20:55): Wiener Staatsoper Donnerstag, den 15. Dezember 2011 DER ROSENKAVALIER Richard Strauss
Ich bleibe meinem Ersteindruck treu: Anja Harteros ist für mich nur eine gute, aber keinesfalls herausragende Interpretin der Marschallin. Wie bei fast allen anderen Mitwirkenden war aber eine Steigerung feststellbar. Das hauchzarte Piano und die schöne Phrasierung gegen Ende des ersten Aktes waren durchaus bemerkenswert, aber ich kann mich für ihr Timbre, das auf mich heiser wirkt – Ich weiß, da werden mir einige raten, einen Termin beim Ohrenarzt zu vereinbaren :cool – schlicht und einfach nicht erwärmen. Weshalb KS Kurt Rydl den Ochs gepachtet hat, erschließt sich nicht nur mir nicht („Nicht zum Aushalten ist er“, meinte eine Besucherin nach dem zweiten Akt.), denn von seiner Stimme sind nur mehr Fragmente erhalten. Um die Tiefen, die im Finale des 2. Aktes besonders wichtig sind, zu erreichen, musste er kräftig drücken (Er erreichte aber nicht alle.) und Höhen waren praktisch nicht vorhanden (Ein Besucher sagte zu mir, im ersten Akt habe er stellenweise falsettieren müssen, was ich aber gar nicht bemerkt habe.). In der Mittellage klang der Bass brüchig und von Wortdeutlichkeit ist nichts zu vermelden. Offensichtlich befand er sich gestern in einer guten Abendverfassung, denn er war wenigstens gut zu hören. Schauspielerisch verlegte er sich auf vordergründiges Geblödel. Dieses Missvergnügen war umso ärgerlicher, wenn man bedenkt, dass drei Bassisten aus dem Ensemble (Wolfgang Bankl, Walter Fink und Lars Woldt) diesen Part um zwei Klassen besser interpretieren könnten. Am gestrigen Abend war deutlich zu merken, wen wir mit Michaela Selinger verloren haben. Hatte sie in der ersten Vorstellung mit Höhenproblemen zu kämpfen, so war sie gestern wieder ganz die „Alte“. Nach wie vor sehr gut agierte KS Franz Grundheber als Faninal. Chen Reiss als Sophie gab sich alle Mühe, Schärfen in der Höhe zu vermeiden, was nicht immer gelang. Mit Ausnahme von KS Herwig Pecoraro (Wirt; verbessert), Zoryana Kushpler (Annina; leicht verbessert) und Norbert Ernst (Sänger; verschlechtert) ist von allen Kleinrollendarstellern ähnliches, wie vor einer Woche, zu vermelden: KS Walter Fink (Polizeikommissar) exzellent; Caroline Wenborne (Leitmetzerin) wirkte nervöser, als die Sophie und forcierte zu stark; Benedikt Kobel (Valzacchi) gut; Marcus Pelz (Notar) und Jeanine de Bique (Modistin) solide. Peter Schneider dirigierte das motiviert spielende Staatsopernorchester wie immer sehr gut. Alles in allen handelte es ich um einen soliden „Rosenkavalier“, aber um keinen, an den ich mich besonders erinnern werde.
Billy :hello
P.S.: Die Aufführung war zwar nicht gestern, sondern vorgestern, aber da in allen meinen Berichten von "gestern" die Rede ist, möchte ich es hier nicht anders handhaben.
Billy Budd (17.12.2011, 21:28): Wiener Staatsoper Samstag, den 10. Dezember 2011 DAPHNE Richard Strauss
Die Wiener Staatsoper bot am gestrigen Abend eine sehr gute Wiedergabe der „Daphne“; einer zwar nicht leicht zu besetzenden, aber wunderbaren Oper. Es ist zu hoffen, dass dieses Stück nicht in der Versenkung verschwinden wird. Im Großen und Ganzen sind ähnliche Leistungen, wie vom 10. Dezember zu vermelden, weswegen ich mich kurz fasse. Meagan Miller ist eine jugendlich-dramatische Sopranistin, die sich leider schon ein Tremolo eingehandelt hat. Auch gestern hatte sie einen recht schwachen Start, konnte sich aber im Laufe des Abends extrem steigern. Ich wüsste derzeit keine besseren Interpreten für Apollo und Leukippos, als KS Johan Botha und KS Michael Schade. Stark verbessert hat sich Georg Zeppenfeld als Peneios. Die ansonsten so lobenswerte Elisabeth Kulman stellte den Schwachpunkt des Abends dar. Abgesehen davon, dass sie für den Par der Gaea zu jugendlich verkörpert, liegt ihr diese Rolle zu tief. Marcus Pelz, Wolfram Igor Derntl, Jens Musger, KS Alfred Šramek (Vier Schäfer); Julia Novikova (Die heute Abend als Königin der Nacht einspringt!) und Valentina Nafornita (Zwei Mädge) trugen zum Gelingen des Abends bei. Simone Young dirigierte das Orchester zu laut und ein wenig ungeschliffen. Das Publikum applaudierte recht lang; wie andere Besucher würde ich nicht von einer Sternstunde sprechen (Da bedürfte es einer besseren Gaea.), aber es war tatsächlich eine Aufführung, die viel Freude machte.
Billy :hello
Billy Budd (17.12.2011, 21:43): Lieber Schweizer, erst (das auch an Severina) einmal muss ich mich für meine späte Antwort entschuldigen; ich habe derzeit viel zu arbeiten und werde auch in den nächsten Tagen nicht oft ins Forum schauen können. Wie Du meinem Bericht entnehmen kannst, hat es auch diesmal bei Anja Harteros nicht "gefunkt"; aber vielleicht klappt es in einer anderen Partie. Ich freue mich sehr, dass Dir Frau Pieczonka auf der Aufnahme gut gefallen hat (Missionieren liegt mir aber fern!!) und würde mich freuen, was Du bei einer eventuellen weiteren Begegnung mit ihr berichten wirst. Bezüglich der Arabella gibt es hier einen kleinen Ausschnitt, der aber natürlich keinen Eindruck über die ganze Rolleninterpretation geben kann. ich verspreche auch meinen Senf zur mir aus Zürich bekannten Totenhaus- Inszenierung beizusteuern. Bitte mach das! :) Billy :hello
Billy Budd (17.12.2011, 21:51): Liebe Severina, da muss ich mich wohl entschuldigen, so viel Blödsinn zu verbreiten. :ignore Ich war überzeugt, das irgendwo gelesen zu haben. ?( Dmitry Korchak ist aber auch nicht schlecht. Wenn ich das richtig mibekommen habe, schaust Du Dir genau jetzt "L'Orfeo" im Theater an der Wien an. Ich bin schon gespannt, was Du darüber schreibst, denn ich überlege, auch irgendwann zu gehen, obwohl Barockmusik nicht so meine Sache ist. Billy :hello
Billy Budd (17.12.2011, 21:59): Damit sich meine Beschreibung nicht wie "wonne-waschtrog" liest und mir Lobhudeleien fern sind, erlabube ich mir, einen kritschen, aber ehrlichen Beitrag zu zitieren: Was wirklich geschah. Miller: Nach einer nervösen Anfangsminute großartig. Botha: Endlich wieder kicksfrei, und er hat brilliert, wenn er sich auch im Schlußmonolog ungewohnt zurückgehalten hat - wird sicher noch fulminanter. Schade: Unerfreulich schlampig, viele kleine Noten im Nirwana (Nebenbemerkung: sin hat ihm ja schon seinerzeit bei der Premiere ein "kraftvolles hohes c" attestiert, und so wie damals und seither immer war es auch diesmal ein mickriges Tönchen; was solls!). Der Rest vom Ensemble (Zeppenfeld, Kulmann, Schäfer): Fehlbesetzung (daß mittlerweile sogar schon bei den Untertiteln das Wort "aufblüh'n" an Gaeas tiefer Stelle durch "blühen" ersetzt wurde, weil es leichter zu singen ist, grenzt ja an eine Bankrotterklärung der Staatsoper!). Orchester: Debakelhaft, ein chaotisches Durcheinander und Gepatze wie man es in der Daphne noch nie gehört hat. Man merkt, daß sie es länger nicht gespielt haben, aber auch hier darf man davon ausgehen, daß das bei den folgenden Aufführungen noch richtig gut hinhauen wird. Besonders lobend erwähnt muß diesmal das soufflierende Personal werden, das man selten so laut und hysterisch erlebt hat. Das reißt in der Ära Meyer mittlerweile ziemlich ein! Quelle: http://diepresse.com/home/kultur/klassik/715824/Daphne_Richard-Strauss-zum-Schwaermen?_vl_backlink=/home/kultur/klassik/index.do; letzter Aufruf am 17. Dez. 2011; Autor: "schreker" Erklärung: "sin" bezeichnet Wilhelm Sinkovicz, den Rezensenten der "Presse".
Billy :hello
Zefira (17.12.2011, 22:08): Liebe Sevi, auch wenn es hier OT ist, bitte vom Orfeo berichten! Ich bin selbst am 29. da. L'Orfeo ist eine meiner Lieblingsopern, ich bin wahnsinnig froh, sie mal "live" sehen zu können, allzu oft wird sie ja nicht in erreichbarer Nähe gespielt.
Liebe Grüße von Zefira
Severina (17.12.2011, 22:50): Original von Zefira Liebe Sevi, auch wenn es hier OT ist, bitte vom Orfeo berichten! Ich bin selbst am 29. da. L'Orfeo ist eine meiner Lieblingsopern, ich bin wahnsinnig froh, sie mal "live" sehen zu können, allzu oft wird sie ja nicht in erreichbarer Nähe gespielt.
Liebe Grüße von Zefira
Liebe Zefira, lieber Billy, Bericht kommt morgen (aber im richtigen Thread :wink), heute bin ich schon zu müde! Aber ich fürchte, dass Euch die Inszenierung nicht gefallen wird....
lg Severina :hello
Schweizer (18.12.2011, 20:44): Hallo BillyB musst Dich nicht entschuldigen, alle haben in der Vorweihnachtszeit viel zu tun, ganz normal. den Arabella-Ausschnitt find ich nicht eben toll, trotzdem danke für den link. Gruss vom Schweizer
Schweizer (18.12.2011, 22:16): Hallo Severina, hallo BillyB, hier also "mein Senf" zum TOTENHAUS: - gelangweilt hab ich mich nicht... - gleich wie Severina ging ich ohne Kritiken oder das Opernhaus-Magazin gelesen zu haben in die zweite Aufführung der Zürcher Serie... - da ich das Werk kannte (damit meine ich in der Vergangenheit werkgetreu gesehen/erlebt habe) war ich erst mal total irritiert als der Vorhang aufging... - dann meinte ich man gebe ein anderes Stück... - nächste Gefühlsempfindungen waren Erstaunen, dann aber auch etwas Neugier; vom ersten Schock erholt, versuchte mich auf die Aufführung einzustellen/einzulassen... - das gelang mir aber keineswegs, im Gegenteil, ich fand diese Gewalt- exzesse einer Machomännerrunde unglaublich abstossend... - zur Pause stellte ich mir allen Ernstes die Frage ob ich überhaupt noch bleiben, mir den zweiten Teil antun wolle? Ich war wütend und deprimiert zugleich... Dann traf ich meine Schwester/Schwager und Freunde an: das fand ich irre gut, damit ich meiner Empörung Luft machen konnte; zu meiner nicht geringen Überraschung fanden die die Aufführung überzeugend, das Gesehene zwar unappetitlich/hart aber alles in allem konsequent. Intensives Nachfragen meinerseits förderte dann zu Tage, das sie alle dieses Werk zum ersten Mal sehen/hören, das Programmheft und die Inhaltsangabe mit der angepassten Handlung als Vorbereitung gelesen hatten. (Weitere Gespräche/Diskussionen mit Bekannten/Freunden, die spätere Vorstellungen besucht haben, liessen mich zu folgender Erkenntnis kommen: wer das Werk schon kannte und weiss dass es in einem sibirischen Lager spielt, lehnt Konwitschny's Neudeutung als absolut ver- fehlten Rubbish ab! Wer das Werk nicht kennt, ist sozusagen jungfräulich unbelastet, beurteilt die Aufführung viel positiver da er logischerweise gar nicht drauf kommt, dass da was komplett anderes als ursprünglich intendiert, aufgeführt wird... - ich bin geblieben, fand den zweiten Teil besser als den ersten, die Szene mit den Mamuschkas beinahe berührend. Und grossartig die letzte Erzäh- lung (Maltman in Wien), die einzige Partie mit der man in diesem Werk glänzen kann... - völlig daneben und gegen die Intentionen des Librettos, dass zum Schluss der Gedanke an die Freiheit ignoriert, der Regisseur den armen Kerl dann noch erschiessen lässt...
Fazit Orchester unter Ingo Metzmacher hervorragend, die Ensembleleistung grandios; der Abend insgesamt aber infolge des verfehlten Regiekonzepts zwiespältig.
Gruss vom Schweizer
Severina (18.12.2011, 22:41): Lieber Schweizer, danke für Deine Impressionen! (Meine Züricher Freunde lehnten Konwitschnys Lesart übrigens auch ab!) Deine Theorie, dass überwiegend die Besucher die Inszenierung gut finden, die "Aus einem Totenhaus" noch nie traditionell erleben durften, hat sicher etwas für sich, trifft auf mich aber nicht zu. Ich mag an sich nämlich moderne Inszenierungen, wenn mich das Konzept überzeugt - und das darf dann ruhig ziemlich schräg/ungewohnt etc. sein - aber Konwitschny überzeugt mich hier eben ganz und gar nicht. Claus Guths "Orfeo" (gestern im ThadW) entfernt sich sicher noch viel weiter vom Original, trotzdem finde ich seine Deutung stringent und faszinierend. In Zürich wie in Wien durfte man sich wohl in erster Linie an den Orchesterklängen erfreuen!
lg Severina :hello
PS: Warst Du in der "Palästrina"? Wenn ja, bitte Bericht!!!
Schweizer (18.12.2011, 23:35): "Warst Du in der "Palästrina"? Wenn ja, bitte Bericht!!!"... Nein und ich werde auch nicht reingehen: erstens ist Pfitzner für mich ein rotes Tuch und zweitens interessiert mich dieses Werk weder vom Thema her und den ganzen Kirchenzauber samt Papst stösst mich ab, sorry.
Severina (19.12.2011, 00:01): Original von Schweizer "Warst Du in der "Palästrina"? Wenn ja, bitte Bericht!!!"... Nein und ich werde auch nicht reingehen: erstens ist Pfitzner für mich ein rotes Tuch und zweitens interessiert mich dieses Werk weder vom Thema her und den ganzen Kirchenzauber samt Papst stösst mich ab, sorry.
Hihi, das könnte von mir sein! Aber ich gehe davon aus, dass Jens Daniel Herzog "den ganzen Kirchenzauber" ziemlich entzaubert hat, deshalb meine Frage. Aber ich werde es schon erfahren :D!
lg Severina :hello
Billy Budd (19.12.2011, 20:10): wer das Werk schon kannte und weiss dass es in einem sibirischen Lager spielt, lehnt Konwitschny's Neudeutung als absolut ver- fehlten Rubbish ab! Wer das Werk nicht kennt, ist sozusagen jungfräulich unbelastet, beurteilt die Aufführung viel positiver da er logischerweise gar nicht drauf kommt, dass da was komplett anderes als ursprünglich intendiert, aufgeführt wird... Lieber Schweizer, das würde ich nicht so sagen; ich habe das Werk auch zum ersten Mal erlebt und halte die Inszenierung für einen Dreck. Möglicherweise wissen aber auch einige Besucher gar nicht, um was es wirklich geht, da ja überall Konwitschnys Inhaltsangabe zu lesen ist, in der von der "Männergesellschaft im 44. Loft" die Rede ist. Insgesamt finde ich es schade, dass dieses an und und für sich interessante Werk in einer solchen Inszenierung seine Erstaufführung an der Wiener Staatsoper haben musste. Billy :hello
Schweizer (19.12.2011, 22:34): "Möglicherweise wissen aber auch einige Besucher gar nicht, um was es wirklich geht, da ja überall Konwitschnys Inhaltsangabe zu lesen ist, in der von der "Männergesellschaft im 44. Loft" die Rede ist" ...
Hallo BillyB, Genau so war es eben in Zürich auch und deshalb hatten ja Freunde und Verwandte von mir, die nicht unvorbereitet "nur zum Konsum und Gesehenwerden" in die Oper gehen, sich aber auf unser Opernhaus-Magazin und das Programmheft als Vorbereitung abstützten, effektiv keine Ahnung um was es O R I G I N A L geht! Ich war der Meinung mich in meinem Bericht in diesem Sinn ausgedrückt zu haben: sorry wenn das falsch rüberkam. Gruss vom Schweizer
Billy Budd (20.12.2011, 17:42): Lieber Schweizer, oh, ich habe Dich da offensichtlich missverstanden. Es ist wirklich eine Frechheit, wenn unter der vom Regisseur komplett umgedeuteten Handlung nur klein "Die Inhaltsangabe folgt der Inszenierung Peter Konwitschnys" steht. Billy :hello
Billy Budd (23.12.2011, 15:05): Wiener Staatsoper Donnerstag, den 22. Dezember 2011 DIE ZAUBERFLÖTE Wolfgang Amadè Mozart http://f.666kb.com/i/bzrdlhr3n2nlslll9.jpg
In der gestrigen Aufführung wimmelte es nur so von Touristen; mich inkludiert fanden sich am Galeriestehplatz drei Stammbesucher ein. Ob der Papierform erschien dies nicht verwunderlich, denn eine solche lockt kaum jemanden in der Oper. Schön war, dass mit Albina Shagimuratova endlich eine sehr gute Königin der Nacht aufgeboten wurde, zumal durchgehend elf Vorstellungen eine völlig unzureichende Soubrette zu hören war. Wie schon bei ihrer Musetta zu bemerken war, tremoliert die Stimme in hohen lagen, was den Gesamteindruck aber nicht schmälerte. Frau Shagimuratova ließ die Schwierigkeit der Koloraturen nicht erahnen und ich hatte das Gefühl, bei ihrer Höhe sei noch einiges an Platz nach oben. Ich freue mich schon auf ihrer Adina im April 2012 und hoffe, dass uns Frau Shagimuratova in zukünftigen Saisonen erhalten bleibt. Leider war sie der einzige Pluspunkt der gestrigen Aufführung. Die Stärken von Norbert Ernst liegen eindeutig im Charakterfach und so brachte er den Part des Tamino nur halbwegs anständig über die Runden. Dass er sehr wortdeutlich sang und sprach, war gut, sollte allerdings bei einem österreichischen Sänger im Deutschen Fach Vorraussetzung sein. Er verfügt über eine gute Höhe; Pianokultur ist ihm aber ein Fremdwort. Mit Chen Reiss als Pamina wurde ich nicht so recht glücklich. Besonders im Finale wirkte sie wie ein schüchternes und verschrecktes Mädel, aber im ersten Akt spielte sie genau das Gegenteil. Von Wortdeutlichkeit war nichts zu merken und der Sopran flackert beim Übergang von der Mittellage zur Höhe. Die Bezeichnung „Meckergeiß“, die ich irgendwo aufgeschnappt habe, halte ich nicht für falsch. In fast jeder „Zauberflöte“, wie auch gestern, gestaltet Hans Peter Kammerer den Papageno. Seine leise Stimme klingt verbraucht und was die Wortdeutlichkeit betrifft, so sollte er noch mehr an sich arbeiten (Es war aber schon eine Steigerung feststellbar.). Positiv ist seine glaubhafte Darstellung zu vermerken. Trotzdem gäbe es im Ensemble noch andere Papageno-Anwärter. In alphabetischer Reihenfolge nenne ich: Wolfgang Bankl, Markus Eiche, Tomasz Konieczny (Ja, auch der!), Marcus Pelz, Adam Plachetka und Clemens Unterreiner. Sehr miserabel war Andreas Hörl. Ich möchte lieber nicht hinterfragen, ob Direktor Meyer im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war, als er auf die Idee kam, den jungen Bassisten ins Ensemble zu holen und ihm für sein Hausdebüt den Sarastro anzuvertrauen. Die einzige Positiva, über die ich berichten kann, waren seine einigermaßen deutliche Aussprache und die recht angenehme Mittellage. Ansonsten passte einfach nichts. Das fing schon bei seinem Auftritt im ersten Akt an, als er beinahe stolperte. Nachdem er seine paar Sätze abgeliefert hatte, ging er schnell ab (Offensichtlich war er froh, den ersten Akt hinter sich gebracht zu haben.), aber der Sarastro hat bis zum Fallen des Vorhangs auf der Bühne zu bleiben. Völlig fehl am Platze war auch, dass er sich bei „Steh’ auf! Erheit’re Dich!“ neben Pamina kniete. In der Höhe klang der Bass dünn und in der tiefen Lage kam gar nichts. Dieser Sarastro hatte nichts Würdevolles an sich und da sage keiner, dass dies mit dem jugendlichen Alter des Sängers zusammenhänge, denn wenn auch unlängst bei Günther Groißböck und Georg Zeppenfeld nicht alles so perfekt tönte, strahlten sie Würde aus. Hoffen wir also, dass Herr Hörl noch große Fortschritte machen wird. Von KS Herwig Pecoraro, der im Juni einen sehr guten Monostatos verkörperte, hätte ich mir ein wenig erwartet. Freilich, er artikulierte deutlich und stellte die Rolle glaubhaft dar, aber es fiel ihm schwer, seine recht große Stimme zurückzunehmen. Es ist zu hoffen, dass sich die Karriere dieses Sängers, den ich sehr schätze, nicht dem Ende zuneigt. Es ist möglich, dass Herr Pecoraro einfach nicht mehr so belastbar ist, denn im Dezember tritt/trat er neben der „Zauberflöte“ noch im „Rosenkavalier“ und im „Totenhaus“ auf. Nicht so recht harmonierten die drei Damen. Die verbraucht klingende Stimme von KS Ildikó Raimondi und das sehr schrille Organ von Stephanie Houtzeel beeinträchtigten den Gesamteindruck. Die gute Monika Bohinec konnte da auch nichts mehr ausrichten. Markus Eiche enttäuschte als Sprecher/Zweiter Priester, denn ihm liegt sowohl der Part zu hoch, als auch konnte er die Figur das alten Priesters gar nicht darstellen. Peter Jelosits als Erster Priester sprach sehr deutlich; viel mehr lässt sich als der kleinen Rolle nicht herausholen. Passabel war Ileana Tonca als Papagena. Zumutungen waren die beiden geharnischten Männer. Il Hong war unhörbar und Marian Talaba quäkte irgendwelche Töne. Drei Wiener Sängerknaben sangen die drei Knaben so falsch, dass es kaum falscher möglich ist. Sebastian Weigele wird des öfteren in den höchsten Tönen gelobt, aber es gereichte doch nur zu einem höchst mittelmäßigen Dirigat. Die Ouvertüre gelang gut, aber der Klang wurde im Laufe des Abends immer derber und hatte so gar nichts Spritziges und Wienerisches an sich. Zudem gab es auch während der Vorstellung mehrere Pannen, die aber für Erheiterung im Zuschauerraum sorgten. Nicht nur, dass Frau Shagimuratova während ihrer Arie die Krone hinunterfiel und Herrn Kammerer im Spiel mit Papagena die Hose herunterrutschte; während Sarastros „O Isis und Osiris“ müssen die Priester die mit einem Tuch überdeckte Prüfungskammer freimachen. Das wollte gestern nicht so recht funktionieren, denn das Tuch war im Boden eingeklemmt. Erst mit vereinten Kräften schafften es mehrere Choristen, das Ding herauszubekommen. :J Das anwesende Publikum klatschte sehr kurz und im ersten Akt gab es nur nach der Arie der Königin der Nacht Zwischenapplaus. Euphemistisch gesagt war die Aufführung ziemlich mies. Man darf sich schon seit längerer Zeit an der Wiener Staatsoper keine Top-Qualität erwarten, aber dass so viele Repertoire-Vorstellungen auf einem solch jämmerlichen Niveau dahindümpeln, darf nicht sein.
Billy :hello
Schweizer (23.12.2011, 19:24): Hallo BillyB, danke für Deinen Bericht... Information betr Andreas Hörl: - seit 2007/08 Ensemblemitglied am Opernhaus Zürich - wurde damals von Intendant Pereira als hoffnungsvoller Nachfolger von Günther Groissböck, der an die Bayerische Staatsoper München wechselte weil er stets hinter Salminen im zweiten oder dritten Glied stehen musste, präsentiert. - sang in seiner ersten Saison in drei Premièren (Holzhacker in den Königskindern, Don Diègue im Cid und Warlaam im Boris) - er schlug nicht ein: 2008/09 keine Première - 2009/10 der Einarmige im Frosch - 2010/11 Samuel im Maskenball und Titurel im Parsifal - in der aktuellen Spielzeit eine Wurze in der Nase, Nachtwächter in den Meistersingern und Lorenz von Pommersfelden in Mathis der Maler.
Ich weiss es nicht aber ich nehme nicht an, dass Direktor Meyer für das Engagement Hörl's als Sarastro an die STOP verantwortlich ist; wahr- scheinlicher dass Welser-Möst, der Hörl von Zürich kennt ...? Oder kam das auf Grund einer Absage "eines grossen Basses" zustande? Gruss vom Schweizer
Billy Budd (24.12.2011, 17:12): Lieber Schweizer, danke für Deine Informationen zu Andreas Hörl. Wenn ein junger Sänger in Zürich nur kleine Partien singt, halte ich es für einen fatalen Fehler, ihn an ein erstes Haus (was die Wiener Staatsoper ja sein sollte) als Sarastro zu holen. Er ist bei uns im Ensemble und wird uns diese Saison noch als Hermann, Titurel und Waarlam beehren. Meiner Meinung ist es soweiso ein Schwachsinn, junge Bassisten als Sarastro einzusetzen (Davon gab es neben Andreas Hörl in Wien auch noch Georg Zeppenfeld, Günther Groißböck und Stefan Cerny), denn für diese Rolle ist sowohl ein großer Stimmumfang, als auch ein würdevolles Erscheinen vonnöten. Ob anstelle von Andreas Hörl ein anderer Sänger vorgesehen war, entzieht sich meiner Kenntnis; aber bei der Veröffentlichung des Spielplans im April 2011 war schon Herr Hörl verzeichnet. Hast Du ihn live erlebt? Ich gebe zu; meine Formulierung mit Meyer ist vielleicht zu scharf und wahrscheinlich hat ihn in der Tat Welser-Möst entdeckt (Meyers neue Sänger sind ja zu einem großen Teil Franzosen.), aber der Direktor hat das letzte Wort und könnte sagen "So geht es nicht!" Billy :hello
Billy Budd (27.12.2011, 22:20): Wiener Staatsoper Montag, den 26. Dezember 2011 LE NOZZE DI FIGARO Wolfgang Amadè Mozart http://f.666kb.com/i/bzvqwsltqtew8024i.jpg
Dass alle Rollen aus dem Ensemble besetzt werden, kommt an der Wiener Staatsoper ungefähr so häufig vor, wie, dass weder Rollstuhlfahrer, noch Ausweisler auf dem Stehplatz zu finden sind. Beides trat in der gestrigen „Nozze“ ein. Was ersteres betrifft, so konnte man in der Holenderzeit sicher gehen, solides Repertoire geboten zu bekommen; unter Meyer bedeutet dies ein Zittern, ob es überhaupt ein mittelmäßiger Abend wird. Zwar gab es gestern keinen Totalausfall, aber lediglich ein Sänger wurde den Anforderungen vollkommen gerecht – keine schöne Bilanz. Dieser eine war Adrian Eröd und es war wieder zu merken, wie gut dieser Bariton ist, wenn er das für ihn passende Fach singt und sich nicht am Loge versucht. Stimmlich liegt ihm der Conte hervorragend und im Gegensatz zu Erwin Schrott bei der Premiere spielte er auch keinen plumpen Macho. „Contessa, perdono“ war wunderbar und im Gegensatz zu Herrn Schrott gelangen ihm die Koloraturen am Ende seiner Arie sehr gut. Es ist schade, dass Herr Eröd unter Meyer recht wenig eingesetzt wird. Wenn wir schon bei den Positiva sind, so möchte ich Adam Fischer erwähnen. Sowohl in der Ouvertüre, als auch in den Schlussminuten des vierten Aktes hetzte er, aber ansonsten ließ sein leichtes und beschwingtes Dirigat keinen Wunsch offen. Es wäre wünschenswert, den Ungarn, der auch ein ausgezeichneter Wagner-Dirigent ist, öfters zu hören. Aber: Wenn sich das Orchester keine Mühe gibt, so kann auch ein absoluter Weltklasse-Dirigent nichts ausrichten. Was die Damen und Herren im Orchestergraben zusammenspielten, war großteils skandalös. Ich hätte gewettet, dass der Figaro für Adam Plachteka eine gute Rolle sei, doch so kann man sich täuschen. Herr Plachetka wird von mir sowieso immer niedriger bewertet, als von anderen; der junge Tscheche verfügt über kein außergewöhnliches Timbre, die Stimme ist recht leise und ansonsten hat sich mir das Besondere an ihm noch nicht erschlossen. Er wirkte den ganzen Abend sehr unsicher (Das könnte aber dem Rollendebüt geschuldet sein.), war manchmal schwer zu hören und artikulierte recht undeutlich. Hoffen wir, dass er bei einer weiteren Vorstellung einen besseren Eindruck hinterlassen wird. Christina Carvin bewies, dass man das „Porgi, amor“ noch gefühlloser singen kann, als ich es mir vorzustellen wagte. Im Laufe des Abends konnte sie sich zwar ein wenig steigern, aber der heiser klingende und mit einem Tremolo ausgestatte Sopran machte keine rechte Freude. Nicht nur ich frage mich, warum Soile Isokoski, die im Jänner 2010 eine ganz wunderbare Contessa war (noch in der Ponelle-Inszenierung und auch unter Adam Fischer), nicht mehr engagiert wird. Rachel Frenkel bot als Cherubin ihre bisher beste Wiener Leistung – was aber nicht viel heißt. Ihr Timbre, das wie des eines Soprans klingt, ist nicht besonders schön und klingt in der Höhe schrill. Für den Cherubin passt aber ihre Statur und sie konnte auch den Charakter der Person gut vermitteln. Anita Hartig kreischte sich durch den Part der Susanna. Ihre Stimme ist für das Haus zu klein und sie brachte das Kunststück fertig, nicht aufzufallen (Die Rosenarie ging völlig unter.). Sorin Coliban sang sehr gut, wirkte aber für die Rolle des Bartolo viel zu jung. Warum Benjamin Bruns als Basilo eingesetzt wird, ist mir ein Rätsel, zumal wir doch Norbert Ernst im Ensemble haben. Er entledigte sich aber seiner Aufgabe mit Anstand, ohne zu glänzen. Donna Ellen (Marcellina) und Jeanine De Bique (Barbarina) blieben unauffällig; für Benedikt Kobel ist der Curzio eine gute Rolle und Marcus Pelz hinterließ in der kleinen Rolle des Antonio mehr Eindruck, als die Interpretin der Susanna. Diese Vorstellung wird nicht in die Annalen der Oper eingehen.
Billy :hello
Billy Budd (27.12.2011, 23:22): Original von Severina Lieber Billy, jetzt weiß ich wenigstens, wer die Papierl hinuntergeworfen hat, denn das konnte ich von meinem Parterreplatz aus nicht sehen. Stand denn der Sänger, der während Schischkows Erzählung von irgendwo oben "Lügner!" hinunterrief, auch auf der Galerie? Ja, über die Inszenierung sind wir uns diesmal völlig einig.... Bin ja neugierig, welche absurden Erklärungen Monsieur le Directeur jetzt für die Proteste des Publikums parat hat, denn Konwitschny ist nun definitiv KEIN Franzose, an dem die bösen Wiener ihre Fremdenfeindlichkeit abarbeiten könnten. (Nicht, dass es in Wien keine Fremdenfeindlichkeit gibt, aber an der WSO manifestiert sie sich nun wirklich nicht!!!)
lg Severina :hello
PS: Ich sehe eben, dass ich in meinem letzten Beitrag die arme Anja Harteros ziemlich verstümmelt habe - sie möge mir verzeihen! Leider ist die Frist für Korrekturen schon abgelaufen.
Zur Vollständigkeit halber: Hier äußert sich der Direktor über die Ablehnung:
Standard: Mir tut es so leid, wenn wer ausgebuht wird. Vor kurzem hatte das Totenhaus von Janácek Premiere, die Inszenierung von Peter Konwitschny wurde ausgebuht. Meyer: Ich kann kein Buh ertragen. Ich finde Ausbuhen total unhöflich und respektlos. Ich verstehe natürlich, dass das Publikum etwas nicht mag, seine Erwartungen nicht erfüllt sieht oder etwas nicht versteht - aber darf man zu jemandem böse sein, der sein Bestes gegeben oder es zumindest versucht hat? Wobei: Konwitschny sind Buhrufe völlig, völlig egal. Standard: Sie sind dagegen, Opern zwanghaft zu aktualisieren. Konwitschnys Totenhaus spielt nicht im sibirischen Arbeitslager, sondern im Loft von Mafia-Bossen. Das ist Ihnen nicht zu verfremdet? Meyer: Nein, ich könnte mir sogar vorstellen noch viel weiter zu gehen: zu den Investmentbankern der Wall Street zum Beispiel.
Über dieses sinnfreie Interview wurde am Stehplatz kräftig gelacht.
Billy :hello
Billy Budd (01.01.2012, 12:28): Wiener Staatsoper Samstag, den 31. Dezember 2011 DIE FLEDERMAUS Johann Strauß Sohn http://666kb.com/i/c00e63pl13jun7527.jpg
Die gestrige „Fledermaus“ war als Neueinstudierung der alten Schenk-Inszenierung ausgewiesen und es ist der Direktion hoch anzurechnen, dass sie keine Neuinszenierung veranlasst hat. Ich habe auch die letzte Aufführung der nicht „aufgefrischen“ Inszenierung am 3. Jänner 2010 gesehen und da war mir diese recht „verstaubt“ vorgekommen. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass Otto Schenk mehr Leben hineinbringen konnte, umso überraschter war ich, dass das Räderwerk wieder um einiges besser schnurrte. Ich würde übrigens auch eine Überarbeitung des „Elisir“ sehr begrüßen. Ein paar Worte zur Inszenierung: Bei der Drehung des Bühnenbildes im zweiten Akt wurde wieder geklatscht; völlig zu Recht denke ich. Von Otto Schenk ist eine 1:1-Umsetzung des Librettos zu erwarten. Ich möchte aber noch eine Sache erwähnen, über die ich schon öfters nachgedacht habe: Laut Libretto stottert Dr. Blind und wird deshalb von Eisenstein und Frosch ziemlich lächerlich gemacht. Stottern ist nämlich eine anerkannte Sprechbehinderung und in Anbetracht der Tatsache, dass man heute nicht über geistig oder körperlich Behinderte und Schwarze lachen soll, finde ich es doch ein wenig suspekt, dass der Großteil des Publikums bei seinen Beleidigungen in Gelächter ausbricht. Rund 1 Prozent aller Menschen (Darunter waren/sind übrigens auch Winston Churchill, Charles Darwin, Isaac Newton, Marilyn Monroe und Rowan Atkinson, der Darsteller des „Mr. Bean“ und des „Johnny English“!) stottert, weswegen die Vermutung nahe liegt, dass sich auch Stotternde in der Vorstellung befinden und diese können vermutlich darob nicht lachen. Damit mich niemand falsch versteht: Ich verlange natürlich nicht, dass die Rolle des Blind womöglich gestrichen oder in irgendeiner Weise umgeschrieben werden soll. Nein, ich halte nur die sinnlosen Gags wie „Diese Zulage habe ich nur dem Herrn Dr. Stotterbock zu verdanken“, „Kann das lange dauern?“ – „Er stottert“ oder „Na, beim Trinken stottert er nicht.“ für entbehrlich. Was denken denn andere Mitglieder darüber? Für eine ganz große Überraschung sorgte Franz Welser-Möst am Pult des exzellent spielenden Staatsopernorchesters, dem ich nach seinen faden Mozart-Interpretationen keine so schwungvolle „Fledermaus“ zugetraut hätte. KS Alfred Šramek ist der Frank (Bartolo, Dulcamara, Taddeo, Benoit, Alcindoro, etc.) vom Dienst und ich halte es für den richtigen Augenblick, „unserem Šramek“ wieder eine Lobhudelei zu widmen. :cool Es ist wirklich bewundernswert, dass er nie in Routine verfällt und sich in jeder Aufführung neue Späße einfallen lässt. Mich hat es besonders gefreut, dass er gestern wieder stimmlich ganz auf der Höhe war. Wenn man bedenkt, dass er vor nicht allzu langer Zeit am Krebs erkrankt war (In Interviews sprach er über seine Versuche, wieder sprechen zu lernen.) und ein Jahr laut eigener Aussage „weg vom Fenster“ war, können wir ihm nicht genug danken, dass er uns wieder in so zahlreichen Vorstellungen beglückt. Ferner geht ein großes Lob an Peter Jelosits und Lydia Rathkolb, die aus den undankbaren Rollen des Dr. Blind und der Ida das Maximum herausholten. Am Silvesterabend sollte eine Fledermaus optimal besetzt sein – noch dazu, wenn man sie als „Musikalische Neueinstudierung“ deklariert, aber bei den restlichen Mitwirkenden sind Abstriche zu machen. Markus Eiche war ein guter Dr. Falke – allerdings mit Einschränkungen. Sein helles Timbre gefällt mir zwar gut, aber in den Dialogen störte sein extrem bundesdeutscher Akzent und, wie auch unlängst als Sprecher in der „Zauberflöte“ zappelte er mir zu viel auf der Bühne herum. Rainer Trost sang den Alfred tadellos. Seinen Tenor klang allerdings gestern ein wenig leise. Daniela Fally enttäuschte mich in der Rolle der Adele sehr. Ihre Stimme klang am gestrigen Abend seltsam schrill, was man aber eventuell auf eine nicht angesagt Erkrankung zurückführen könnte, denn im dritten Akt passierte ihr auch ein Textfehler. Michaela Kaune debütierte am Haus und da frage ich mich: Warum gerade als Rosalinde, denn das Repertoire der Sängerin reicht von der Salome über die Jenufa bis zur Michaela und meinem Höreindruck nach zu schließen, fühlt sie sich auch bei solchen Rollen wohler. Ihr Sopran tremoliert ein wenig und der Czárdás war eine einzige Peinlichkeit. Besser schlug sie sich allerdings im ersten Akt. Csaba Markovits stellte als Iwan seinen Mann. Peter Simonischek war der neue Frosch und schlug sich überraschend gut. Was mich störte, war sein ganz derber und auch manchmal gekünstelt klingender Dialekt. Er bot so manche Anspielung auf das Politgeschehen (zum Beispiel: „Das wird ja immer GRASSER“), aber mich erheiterte folgende Anspielung am meisten: Frosch fragt Alfred, was er beruflich mache. Er erwidert, er sei an der Oper engagiert. Frosch fragt, um welchen Meyer es sich handle (Sowohl der Direktor der Volksoper, als auch der der Staatsoper heißen nämlich beide Meyer.) und der Angesprochene nennt letzteren. Frosch: „Der erste braucht eh’ keine Leute, denn der spielt alles selber.“. Vor einem Jahr hat aber Helmut Lohner ein wahres Kabinettstück geboten (Unter anderem vollführte er trotz seiner 80 Jahre eine gewagte Kletterpartie auf den Kasten, um an den hinter dem Bild des Kaiser Franz-Joseph versteckten Schnapsvorrat zu gelangen), was zu Folge haben könnte, dass ich mit Herrn Simonischek nicht recht glücklich wurde. Die wirklichen Schwachpunkte des Abends waren die Interpreten des Eisenstein und des Orlofsky. Kurt Streit ist in meinen Ohren bestenfalls ein mittelmäßiger Sänger. Sein Timbre ist glanzlos und die Stimme verengt sich in der Höhe. Darstellerisch neigte er dazu, dem Affen Zucker zu geben, denn er spielte viel überdreht. Dass viele Besucher von Zoryana Kushpler sehr angetan sind, ist mir bewusst; ich konnte aber noch nichts besonderes an ihr entdecken. Die Stimme wird in der Höhe schrill, Tiefen sind – wie unlängst im „Rosenkavalier“ zu bemerken war, gar nicht vorhanden und es gibt auch bessere Darsteller, als die junge Ukrainerin. Positiv ist ihre gute Artikulation zu vermerken. In Kürze werden wir sie als Ulrica hören und mir schwant Schlimmes. Bei der Silvesterfledermaus ist es üblich, dass Stargäste im zweiten Akt Einlagen bringen, aber auf Wunsch Otto Schenks wurde darauf verzichtet, worüber ich sehr glücklich war. Ich brauche in der „Fledermaus“ keine Melodien von „Porgy und Bess“ (wie letztes Jahr) oder auch sonst nichts Unpassendes, denn meines Erachtens stört dies. Alles in allem war es eine sehr unspektakuläre „Fledermaus“, das Publikum bedachte die Mitwirkenden mit kurzem Applaus (Bemerkenswert war, dass der Darsteller des Frank viel stärker akklamiert wurde, als der Darsteller des Eisenstein.). Als Otto Schenk vor den Vorhang trat, wurde der Applaus lauter, aber von einem großen Publikumsjubel ist nichts zu vermelden.
Billy :hello
Ingrid (01.01.2012, 15:11): Für mich war die Fledermaus in der BSO ein total verschenkter Abend und bes. bis zur Pause entsetzlich langweilig, da alle auch noch total unverständlich artikulierten und völlig hölzern spielten. Der Frosch hat dann ein wenig Schwung reingebracht, aber für das Geld hätte man lieber ganz gut essen gehen sollen. Aber danke für Deinen Bericht aus Wien lieber Billy.
Honoria Lucasta (01.01.2012, 16:55): Ich konnte natürlich hier auf der Insel -und krankheitsbedingt sowieso, weil die Bronchitis/Lungenentzündung halt noch nicht vorbei ist- nur auf ARTE den 2. Akt der Fledermaus aus Wien verfolgen und war erst mal dankbar, daß an diesem Silvester überhaupt ETWAS Qualitätvolles im Fernsehen war. Aber begeistert hat mich dieser Ball beim Prinzen Orlovsky wahrlich nicht. Es schien mir alles ein wenig zu routiniert heruntergedudelt (wobei das Orchester tadellos spielte, ja) und die Sänger waren - nun ja, am Stadttheater XY wären sie allesamt ganz gut gewesen, aber die WIENER STAATSOPER muß doch Besseres und vor allem Brillianteres zu bieten haben, oder? Wobei ich mich nicht entscheiden kann, wen ich letztlich peinlicher finden sollte, Eisenstein oder Rosalinde ... Es zeigte sich mal wieder: Operette generell und die Fledermaus speziell kann man nicht einfach so mal spielen. Fehlt der stimmliche Glanz, kommt auch keine Stimmung auf, weder beim Ensemble noch beim Publikum. Und wer Mozart oder Janacek oder Wagner singt, ist noch lange, lange kein begnadeter Operettensänger, wie sich übrigens nicht nur in diesem Ausschnitt, sondern auch bei der Übertragung des sehr schön ausgewählten Lehar-Programms aus Dresden (Silvesterkonzert unter Thielemann, mit Beczala und Denoke) zeigte - da prickelte ziemlich lange leider gar nichts, bis die junge und sehr hübsche Ana Maria Labin auftrat und ein bißchen stimmlichen Schmelz verströmte.
Grüße!
Honoria
Billy Budd (02.01.2012, 15:15): Wiener Staatsoper Sonntag, den 1. Jänner 2012 DIE FLEDERMAUS Johann Strauß Sohn http://666kb.com/i/c01it88u53k8aw8ga.jpg
In der ersten Pause sagte eine Frau, die fast jeden Tag in der Oper anzutreffen ist, sinngemäß zu mir: „Gestern war es schlecht, aber nicht so schlecht, wie heute.“. Wir beide waren uns einig, dass es neben einem perfekten Dirigenten nur zwei gute Sänger gab: Alfred Šramek und Peter Jelosits. Insgesamt war es keine Vorstellung, die der Wiener Staatsoper zur Ehre gereicht hat. Drei Rollen waren anders, als am Silvesterabend, besetzt. Dass Ildikó Raimondi die Rosalinde und Stephanie Houtzeel den Orlofsky singen sollte, stand schon bei der Spielplanpräsentation fest. Kuzfristig sprang Ileana Tonca als Adele ein. Für einen Einspringer lässt sich diese Leistung eventuell noch tolerieren, aber sie hat die Adele in der Holnderzeit auch gesungen. Frau Tonca wurde von jeder Sängerin, welche diesen Part in den letzten zwei Jahren an der Volksoper interpretiert hat, weit übertroffen. Tiefen sind nicht vorhanden , die Mittellage klingt fahl und brüchig, die Höhen sind schrill und Koloraturgeläufigkeit ist ihr ein Fremdwort. Dass sie im dritten Akt einen Totalschmiss produzierte, war dann auch schon egal (Und – siehe da – die „Unschuld vom Lande“ wurde nur mit kurzem Höflichkeitsapplaus quittiert.). In den Sprechpassagen hört man deutlich die Rumänin heraus. Es tut mir leid, so etwas über eine Sängerin berichten zu müssen, die mir unlängst als Woglinde und Hirte im „Tannhäuser“ sehr gut gefallen hat. KS Ildikó Raimondi war eine bewährte Rosalinde, die allerdings im ersten Akt Probleme hatte. Mit Frau Raimondi werde ich nie so recht glücklich. Als Alice war sie mir zu leise; als Dame im „Cardillac“ klang sie ausgesungen; detto als erste Dame in der „Zauberflöte“. Gestern waren es hauptsächlich Schärfen in der Höhe, welche die Gesamtleistung trübten. Darüber hinaus war sie bemüht, ihrer Diktion einen österreichischen Beiklang zu geben, was nur sehr eingeschränkt gelang. Alles in allem: Eine ordentliche Leistung, aber die Volksoper hat mit KS Ulrike Steinsky eine viel bessere Rosalinde im Ensemble (Die noch bessere KS Edith Lienbacher hat der Bühne leider schon den Rücken gekehrt.). Ähnliches gilt für den Alfred von Rainer Trost, der zwar makellos sang, mich aber trotzdem nicht vom Sessel riss. Im Gegensatz zu seinem Rollenvorgänger Michael Schade kann er perfekten österreichischen Dialekt („Kumm Weiberl, küss mi’ no’ amål“), den er aber gottlob nicht zu oft zur Schau stellte. Besonders gut durchdacht waren seine Zitate aus anderen Opern, wie zum Beispel „Bella figlia dell’amore“ als er sich über die eingenickte Rosalinde beugt; „Addio fiorito asil“ beim Verlassen des Eisenstein’schen Hauses und im dritten Akt „O namenlose Freude“, als Rosalinde ins Gefängnis kommt. Mit klingt sein Tenor aber zu eindimensional, als dass ich ihn als idealen Interpreten dieser Rolle bezeichnen würde. Der Orlofsky von Stephanie Houtzeel war grottenschlecht, aber nicht ganz so mies, wie erwartet – immerhin! Schauspielerisch ist sie ein Nulltalent (So konnte sie den zu Tode gelangweilten Prinzen gar nicht vermitteln und wirkte eher wie ein überdrehtes Partygirl, das schon einiges an Wodka intus hat.) und ihr schrilles Timbre finde ich hässlich, was mich aber in anderen Rollen mehr stört. Bei den Schlussvorhängen trat sie übrigens nicht alleine vor den Vorhang; nun ja, da kann man sich seinen Teil denken ... Noch katastrophaler war es um die Leistung von Kurt Streit bestellt, der sich von einem sehr mittelmäßigen Eisenstein am Silvesterband zu einem riesigen Debakel entwickelt hat. Es ist meiner Ansicht nach die Grundvoraussetzung, um an der Wiener Staatsoper aufzutreten, alle Töne richtig zu treffen. Aber schon da scheiterte Herr Streit – wohlwollend geschätzt war jeder zweite Ton richtig. Sein Timbre gefällt mir nicht und seine großteils aus Herumzappeln bestehende Darstellung war mehr als peinlich. Den hauptsächlich von Touristen ausgehenden Jubelsturm, den er auch noch freudestrahlend genoss, hat er sich wahrlich nicht verdient. Bis dato hat mir Markus Eiche als Heerrufer am besten gefallen. Dem hellen Timbre des Deutschen kann ich durchaus etwas abgewinnen, aber auch er blieb in seiner Darstellung des Falke zu plakativ und weniger wäre mehr gewesen. Kein Vergleich mit Adrian Eröd, der vor einen Jahr seine herrliche Baritonstimme hören ließ und als geschickter Intrigant die Fäden der Handlung zu ziehen wusste. In diesem Haufen von unzureichenden Sängern war unser KS Alfred Šramek ein echter Herausreißer. Sein Bassbariton war gestern frei von jedem Tremolo und da ich mich nicht wiederholen möchte, verweise ich auf meinen Bericht vom Silvesterabend und formuliere es ein wenig anders: Herr Šramek spielt sich nie unangenehm in den Vordergrund, holt aber aus jeder Rolle das Maximum heraus. Wie er regelmäßig im Melodram zu Beginn des dritten Aktes unter Beweis stellt, kann er mit drei Zuckerstücken jonglieren. Gestern wollte das aber nicht so recht gelingen, sodass er, nachdem ihm ein Würfelzucker aus der Hand fiel, diesen mit dem Fuß noch weiter kickte. Unter anderem sind es solche kleinen Gags, die Herrn Šramek zu einem unverzichtbaren Teil der Wiener Oper machen. Sehr positiv auffallend war auch noch Peter Jelosits in der kleinen und undankbaren Partie des Dr. Blind. Gestern handelte es sich zwar erst um meine 14. „Fledermaus“, aber Herr Jelosits ist mit Abstand der beste Interpret dieser Rolle. Lydia Rathkolb (Ida) und Czaba Markovits (Iwan) waren verlässliche Stichwortbringer. Peter Simonischek spielte einen guten Frosch; dass ich mit dieser Figur so meine Probleme habe, ist nicht seine Schuld. Last but not least sei das großartige Orchester unter der Stabführung von Franz Welser-Möst genannt. Herr Welser-Möst verfiel nie in falschen Pathos; es war eine spritzige, aber nicht gehetzte Widergabe der Operette. Besonders hervorheben möchte ich seine Rücksichtnahme auf die Sänger. Das Dirigat verdient das Prädikat „Großartig“, was man von dem Gesamteindruck der Aufführung ganz und gar nicht behaupten kann.
Billy :hello
Billy Budd (02.01.2012, 15:29): Liebe Honoria, Du hast vollkommen recht: Die Wiener Staatsoper muss etwas besseres bieten können. Wenn man ältere Mitschnitte der Operette aus der Wiener Staatsoper kennt, wird man an den derzeit aufgebotenen Sängern kein gutes Haar lassen. Und da soll niemand behaupten, dass es dem Staatsoperndirektor nicht möglich sei, eine "Fledermaus" gut zu besetzen. Mir würde da schon eine Besetzung einfallen. Gerechterweise muss man sagen, dass der Rosalinde der zweite Akt am schwächsten gelang. Ich habe sowieso den Eindruck, dass die Aufführungen derzeit bei uns viel zu milde beurteilt werden. Zum Beispiel bekam ich kürzlich auf meinen Fledermaus-Bericht in einem anderen Forum folgende Antwort: Nur so aus Interesse: Finden Sie eigentlich irgendwas auch mal zur Abwechslung gut? Sie scheinen mir ein ganz schöner Negativling zu sein. Können Sie Musik überhaupt genießen? Meine Antwort wird sein, dass ich die Oper natürlich liebe (Bei diesem Niveau wäre ich nicht so oft dort.), aber kein Talent zum Schönreden habe. Wie dem auch sei: Gute Besserung! Und ja: Ich verfüge über keinen Fernseher, aber dieses Ding geht mir gar nicht ab. :D Billy :hello
Severina (02.01.2012, 20:21): Ich habe wie Honoria nur den 2. Akt via Fernsehen mitverfolgt, aber der machte mir wahrlich keinen Appetit auf das Gesamtkunstwerk! Musikalisch war diese "Fledermaus" eine Schande für die WSO, denn außer Alfred Sramek, Daniela Fally (Die mir im Unterschied zu Billy sehr gut gefiel) und Markus Eiche erreichte das übrige Ensemble nicht einmal annähernd das Niveau, das ich mir im Haus am Ring erwarte. Absoluter Tiefpunkt war in meinen Ohren Zoryana Kushpler - ich kann mich nicht erinnern, in meinen 36 Opernjahren einen derart unterirdischen Orlovsky gehört zu haben. In einem Punkt muss ich die Sänger allerdings verteidigen: Das Herumgezappel, die Outrage, die Billy speziell bei den Herren geortet hat, ist wohl eher auf dem Mist von Otto Schenk gewachsen, der dem Affen IMMER so viel Zucker gibt, dass ich mich als Zuseherin regelmäßig übergebe.... Und leider, leider durfte er ja seine Inszenierung "überarbeiten", und genau das merkt man nur zu deutlich (In den letzten Jahrzehnten hatten sich die ärgsten Albernheiten nämlich gottlob abgeschlffen, jetzt sind sie alle wieder da....). Bei Schenk gerät Komik immer in gefährliche Nähe zu billigem Klamauk, und das sah man zumindest dem übertragenen 2. Akt deutlich an. Ich kann mir gut vorstellen (gesehen hab ich's ja nicht), dass Peter Simonischek Schenks Vorgaben nicht 1:1 umgesetzt hat, weil der Mann erstens Geschmack hat und vor allem ein großartiger Schauspieler ist und als solcher Pointen zielsicher setzen kann. Helmuth Lohner hingegen war immer eine Marionette von Schenk, sofern er unter seiner Regie zu spielen hatte. (Besonderes penetrant/enervierend in Schenks Nestroy-Inszenierungen oder besser Nestroy-Vergewaltigungen....)
lg Severina :hello
Billy Budd (03.01.2012, 14:46): Liebe Severina, ich fand Zoryana Kushpler auch mies, aber Stephanie Houtzeel war noch mieser - das kannst Du mir glaueben. Frau Kushpler hat wenigstens ordentlich artikuliert. Abgesehen von den in meinem Bericht erwähnten Punkten hat Frau Houtzeel auch ganz schön schlampig an präzisen Notenwerten vorbeigesungen. Diese Darbierung war wirklich zum Ausbuhen. Das Folgende soll keine Kritik an Dir sein, denn Du konntest Dir ja nur den 2. Akt zu Gemüte führen, aber eine Sängerin als "in jeder Hinsicht uninteressant" abzustempeln, wenn man nur einen Teil der Darbierung gesehen hat, ist doch ein bisschen sehr gewagt. Wie ich schon erwähnt habe, misslang ihr nur der 2. Akt nach Kräften. Mich dünkt, dass in Michaela Kaune mehr steckt, als sie uns gezeigt hat. Da komme ich gleich zu meinem nächsten Punkt: Es ist wirklich blöd, dass nur der 2. Akt im Fernsehen ausgestrahlt wurde (Ich bin aber im Besitz der Radioübertragung.), denn so kannst Du zum Alfred und Frosch gar nichts sagen. Und da ich Peter Jelosits extrem gut fand, wäre ich gespannt gewesen, was Du über ihn schreiben würdest. Hier hast Du ihn ja nur einmal erwähnt; allerdings war er als Percy in der "Anna Bolena" eine Fehlbesetzung. Meiner Ansicht nach bietet er normalerweise guten Durchschnitt; als Jaquino war er super, aber ganz schlecht als Wirt im "Rosenkavalier" (kein hohes b). Dank Deines Beitrags sehe ich auch die Schenk-Regie mit anderen Augen. Dass an den billigen Geblödel auch eventuell der Regisseur Schuld sein könnte, darauf wäre ich in der Tat nicht gekommen. Ich wäre noch interessiert, zu wissen, welche Albernheiten wieder aufgetaucht sind. Trotzdem wünsche ich mir keine Neuinszenierung; eine ganz "andere" "Fledermaus" gabe es ja unlängst im Theater an der Wien. Mir gefällt übrigens die geschmackvolle Volksoperninszenierung von Robert Herzl (aufgefrischt von Heinz Zednik) besser, als das Schenk'sche Machwerk. Kennst Du sie? Jetzt wirst Du Dich vermutlich sehr wundern, aber ich bin nicht mit allen Schenk-Inszenierungen glücklich. Der "Liebestrank" hat zwar eine schöne Kulisse, ist aber peinlichst verblödelt und der 2. Akt "Rosenkavalier" detto. Es ist Franz Grundheber hoch anzurechnen, dass er aus dem Faninal keinen Vollidioten machte. Und - jetzt wird Dein Erstaunen noch größer sein - meine Ansichten zum Thema "Regie" haben sich in den letzen zwei Monaten verändert. Es dient dem Werk doch mehr, wenn der Regisseur versucht, die Geschehnisse dem Publikum näherzurbingen, anstatt sie in purer Schönheit ersticken zu lassen. Wenn - um beim obrigen Beispiel zu bleiben - Nemorino Soldat werden will (also sein Leben riskiert), um am Geld zu kommen, damit schlussendlich Adina seine Freundin ist und dann die Kompanie des Belcore so jämmerlich daherkommt, ist das eigentlich eine Veräppelung des Librettos. Aber das alles hindert mich nicht daran, die alte Wallmann-Tosca toll zu finden. :wink Billy :hello
Severina (04.01.2012, 00:36): Lieber Billy, Einwand stattgegeben, dafür bin ich nicht so flott wie Du, einem Sänger eine kaputte Stimme zu attestieren :wink, das traue ich mich erst nach einem Beobachtungsraum von mindestens wir zwei Jahren. (Und selbst danach gbt es immer wieder wundersame Auferstehungen!) Auch Du wirst noch die Erfahrung machen, dass kaum eine Sängerkarriere krisenfrei verläuft, schon gar nicht in unserer schnelllebigen Zeit, wo Talente gnadenlos verheizt werden. Michaela Kaune hat mir halt in diesem 2. Akt der "Fledermaus"nichts, aber auch gar nichts von dem vermittelt, was eine Rosalinde für mich haben muss. Schon möglich, dass sie in den anderen Akten besser gesungen hat, dass sie aber mehr Persönlichkeit hatte, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Aber ich werde mich sicher irgendwann live von ihren Qualitäten überzeugen können! Mit "Albernheiten" meinte ich generell das Überdrehte, das ja auch Dich gestört hat. Es war einfach alles einen Zacken zu viel, wie so oft bei Schenk. Und natürlich hast Du Recht, dass im "L'Elisir" bei aller Komik, die in dem Stück steckt, die Tragik mitschwingen muss.
Peter Jelosits hat in der "Anna Bolena" übrigens den Sir Hervey gesungen, nicht den Percy, das war Francesco Meli. Welchen von den beiden meinst Du also jetzt?
Was die exakten Notenwerte betrifft, so bin ich da aber generell nicht so kritisch wie Du, denn wenn mich ein Sänger mit seiner Interpretation berührt, verzeihe ich ihm gerne, wenn er einen Spitzenton cancelt oder das eine oder andere nicht so lupenrein gelingt. Singen ist doch mehr als die penible Exekution der Partitur, perfekte Singautomaten lassen mich eher kalt. (Daher konnte ich z.B. mit Alfredo Kraus nie etwas anfangen, obwohl der garantiert nie neben den Noten unterwegs war.) Natürlich darf ein Sänger nicht notorisch falsch intonieren, das versteht sich von selbst, aber ein Ausrutscher hin und wieder schmälert meinen Genuss an seinem Gesang gar nicht, sofern eben alles andere stimmt. (Dazu gehört in erster Linie, dass mir das Timbre gefällt.) Da ich selbst alles andere als perfekt bin, verlange ich das auch nicht von anderen.
Schade, dass ich in 36 Jahren nicht mehr am Leben sein werde (Zumindest strebe ich dieses biblische Alter nicht an :D), denn ich wüsste gerne, wie Du dann über die Wallmann-Tosca denkst! (So lange lebe ich ämlich schon mit ihr!) Ich glaube nicht, dass Du es so prickelnd fändest, Dein ganzes Opernleben hindurch immer nur ein- und dieselbe Inszenierung vorgesetzt zu bekommen, wobei von einer Inszenierung ja keine Rede sein kann, denn vorhanden ist nur mehr das Bühnenbild, in dem mehr oder weniger überzeugend agiert wird - je nachdem, ob die Protagonisten über Bühnenpräsenz verfügen oder nicht. Obwohl ich zugebe, wenn eine mögliche Neuinszenierung so daneben geht wie die "Traviata", ertrage ich die Wallmann-Tosca gerne noch ein wenig länger :D!
lg Severina :hello
Billy Budd (04.01.2012, 19:49): Ich weiß nicht, wie andere Mitglieder die Sache sehen, aber zumal ich fast jede Serie mindestens einmal besuche, halte ich es durchaus nicht für schlecht, eine Übersicht über besonders herausragende (positiv, wie negativ) Darbietungen zu erstellen. Dies soll naürlich keine sinnfreie Top-/Flop-Liste, sondern nur ein völlig subjektiver Rückblick sein.
Im letzen Monat des Jahres 2011 standen sehr gute Vorstellungen ("La Bohéme", "Daphne") neben desaströsen ("Nabucco", "Zauberflöte"). Die "Nozze" und die "Fledermaus" waren auch mehr schlecht, als recht und über die Premiere des "Totenhaus" breite ich lieber den Mantel des Schweigens ... jammerschade, dass dieses Werk in einer so beschränkten Inszenierung gegeben werden musste. Trotz einer perfekten "Bohéme" war dies ein Staatsopernmonat, wie er nicht hätte passieren dürfen. Allmählich beginne ich mich für unseren Direktor zu schämen.
Meiner Meinung nach ...
Außergewöhnlich guter Hauptdarsteller aus dem Ensemble: Albina Shagimuratova (Musetta, Königin der Nacht), Adrian Eröd (Conte d'Almaviva), KS Alfred Šramek (Frank) Außergewöhnlich guter gastierender Hauptdarsteller: Ramón Vargas (Rodolfo), Maija Kovalevska (Mimí), Meagan Miller (Daphne), KS Michael Schade (Leukippos), KS Johan Botha (Apollo), KS Franz Grundheber (Faninal) Außergewöhnlich schwache Darbietung: Rachel Frenkel (Fenena), Maria Guleghina (Abigaille), Hasmik Papian (Abigaille), Carlos Osuna (Abdallo), KS Kurt Rydl (Ochs), Zoryana Kushpler (Annina, Orlofsky), Andreas Hörl (Sarastro), Chen Reiss (Pamina), Stephanie Houtzeel (Zweite Dame), Marian Talaba (Erster geharnischter Mann), Il Hong (Zweiter geharnischter Mann), Christina Carvin (Contessa d'Almaviva), Anita Hartig (Susanna), Kurt Streit (Eisenstein) Außergewöhnlich guter Klein(-st-)rollendarsteller: Wolfgang Bankl (Benoit/Alcindor), KS Walter Fink (Polizeikommissar), Marcus Pelz (Antonio), Peter Jelosits (Dr. Blind), Lydia Rathkolb (Ida) Außergewöhnlich gutes Dirigat: Peter Schneider (Der Rosenkavalier), Adam Fischer (Le Nozze di Figaro), Franz Welser-Möst (Die Fledermaus) Außergewöhnlich schwaches Dirigat: Michael Güttler (Nabucco) Bestes Gesamtpaket: La Bohéme Enttäuschendste Vorstellung: Nabucco (besonders am 6. Dezember)
Nicht einbezogen wurde die "Zauberflöte" am 17. Dezember. Mit Ausnahme der Pamina (Alexandra Reinprecht) und der Königin (Julia Novikova) war die Besetzung mit der am 22. Dezember ident. Bin ich froh, dass ich dieses Debakel versäumt habe.
Billy :hello
Billy Budd (04.01.2012, 20:15): Liebe Severina, was meinst Du denn mit dem "Attestieren von kaputten Stimmen"? Ich erinnere mich nur, dass ich das bei Natalie Dessay, Waltraud Meier und Kurt Rydl getan habe. Und es sollte mich sehr wundern, wenn diese Sänger ihre alte Forum wieder erreichen werden. Was das Verheizen von Sängern angeht, so finde ich es genau so schade, wie Du. Ein Beispiel ist Julia Novikova, die ja grundsätzlich einen ganz guten Koloratursopran hatte. Wenn sie so weitermacht wie bisher, wird mein Erstaunen nicht groß sein, wenn sie ab Mitte dreißig - wenn die Karriere erst richtig losgehen sollte - keine geraden Ton mehr herausbringt. Bei Daniela Fally habe ich den Eindruck, dass sie ihre Karriere gut aufbaut. Das freut mich denn ich habe sie sehr gerne (auch wenn die Adele unlängst mir nicht gefallen hat). Bezüglich Peter Jelosits habe ich natürlich den Sir Hervey gemeint (Das kommt davon, wenn man eine Stück nicht mag, es daher nicht gut kennt und dann zu faul zum Nachschlagen ist.). Der Percy von Francesco Meli ist meiner Meinung nach auch daneben gegangen. Dass er aber kurz danach einen sehr guten Gabriele Adorno gesungen hat, können sich auch noch die überzeugen, die der Serie nicht beigewohnt haben, denn er ist gottlob auch im März 2012 angesetzt. Stichwort "Exakte Notenwerte": Ich sehe das etwas strenger: Die Grundvoraussetzung ist es, richtig zu singen und Interpretation kommt für mich danach. Bei Sonderfällen (z.B. das hohe c des Siegfried in der "Götterdämmerung") drücke ich aber gerne ein Auge zu. Was ich aber nicht verzeihe ist, wenn der Wirt im "Rosenkavalier" das hohe b nicht erreicht, denn die Rolle ist ja nicht sehr groß und da warte ich richtig auf den Satz "Die Fürstin Feldmarschall". Ähnliches gilt für den Tanzmeister ("Die unvergleichliche Zerbinetta haben tanzen sehen") "Perfekte Singautomaten" - wie Du es so schön ausgedrückt hast - lassen auch mich kalt. Deshalb kann ich mit Edita Gruberová kaum etwas anfangen. Zur Wallmann-Tosca: Ich finde einfach das Bühnenbild genial. Ich fühle mich in jeden der drei Akte hineinversetzt, was sonst kaum passiert. Scarpia hat im ersten Akt zum Beispiel eine erhöhte Auftrittsfläche; das finde ich auch extrem gut durchdacht. Darüber hinaus besteht für mich auch ein Teil eines guten Sängers darin, dass er sich ohne die Hilfe eines Regisseurs auf der Bühne zurechtfindet und dort mit anderen überzeugend agieren kann. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass mich diese Insenierung in 36 Jahren nerven wird. Billy :hello
Billy Budd (09.01.2012, 21:12): Wiener Staatsoper Sonntag, den 8. Jänner 2012 LA FORZA DEL DESTINO Giuseppe Verdi (Eine Abbildung des Abendzettels kann ich erst morgen einstellen, da ich heute keine Möglichkeit habe, etwas zu scannen.)
Eine sehr mittelmäßige "Forza" ging gestern über die Bühne der Wiener Staatsoper. Warum aber gerade der Dirigent mit Buhrufen bedacht wurde, kann ich aber beim besten Willen nicht nachvollziehen (Es hätte andere Kandidaten gegeben.). Vorerst: Selten habe ich Publikumsreaktionen so wenig verstanden. Wenn man bedenkt, wie gelassen bei uns oft wirklich inferiore Dirigate zur Kenntnis genommen werden, erscheint es mir mehr als seltsam, weshalb Jesús López-Cobos Missfallenskundgebungen einstecken musste, was übrigens auch die Ansicht von allen anderen Personen ist, mit denen ich darüber sprach. Herr López-Cobos debütierte 1980 mit dem "Liebestrank" am Haus und leitete danach noch die "Bohéme" und die "Tosca". Ich rechne es unserem Direktor hoch an, dass er den Spanier an die Staatsoper zurückholte. Sein "Nabucco" gefiel mir ausgezeichnet; die "Manon" musste ich leider auslassen, zumal Norah Amsellem und Roberto Alagna in den Hauptrollen aufgeboten wurden ... Wie auch beim "Nabucco" verstand er es gestern meisterhaft, Spannungen aufzubauen und schaffte es, keine Leerläufe entstehen zu lassen. Offensichtlich fand er schenll den richtigen Draht zu dem gut spielenden Orchester und deckte die Sänger nie mit zu großer Lautstärke zu. Kurz: Weshalb dieser exzellente Dirigent ausgebuht wurde, muss ein Rätsel bleiben. Aber Herr López-Cobos vermochte den Abend nicht zu retten, zumal der Großteil der sängerischen Leistungen bestenfalls Stadttheaterqualität hatte und von Erstklassigkeit, die man sich an einem Haus, wie der Wiener Staatsoper wohl erwarten darf, weit entfernt waren. Der einzige Pluspunkt der Aufführung ist der Preziosilla von Nadia Krasteva zuzuschreiben. Der nicht allzu große Part kommt ihrer Stimme gut entgegen und sie vermochte sich auch schauspielerisch in der eigenwilligen Inszenierung von David Pountney - die mir aber besseer, als dem Rest gefällt - zu profilieren. Ein Totalausfall war Fabio Armiliato in der Rolle des Alvaro. Da es sich um meine Erstbegegnung mit dem Sänger handelte, möchte ich kein vorschnelles Urteil abgeben, deshalb nur so viel: Wenn das ein guter Tenor sein soll, möchte ich die schlechten besser nicht kennen. Schon sein Auftritt im ersten Akt sorgte für eine Lacheinlage und den restlichen Abend sorgte sein Gesang mehrmals für unfreiwillige Komik. Offensichtlich hatte er mit einer nicht angesagten Indisposition zu kämpfen, denn anders kann ich mir diese Leistung nicht erklären. Höhen erreichte er (wenn überhaupt) mit größter Kraftanstrengung und an manchen Stellen musste er sogar falsettieren. Die Stimme klang alles andere als strahlend, sondern rau, heiser und verbraucht. Ob es sich um einer Krise oder beginnenden Verschleiß handelte, wird die Zukunft weisen. Ein Besucher meinte nach der Vorstellung, Herr Armiliato könne unmöglich in den nächesten drei "Forza"-Aufführungen auftreten; wenn diese Prophezeihung eintritt, wird es spannend, wen Direktor Meyer aus dem Hut zaubern wird. Ähnlich enttäuschend fiel auch die Leonora von KS Violeta Urmana aus. Es is bekannt, das Frau Urmana lange im Mezzo-Fach sang und erst relativ spät ins Sopran-Fach wechselte. Nun, ob sie sich damit einen Gefallen getan hat, bezweifle ich. In tiefen Lagen hörte man den Mezzosopran heraus, dann kam ein schmerzhafter Registerbruch und hohe Töne wurden regelrecht herausgespien. Alberto Gazale als Don Carlos begann gut, hinterließ aber vor allem im dritten Akt einen zwiespältigen Eindruck. Die Stimme ist recht hart und unbeweglich. Vielleicht kann ich bei einer weiteren Vorstellung meinen Ersteindruck von dem Sänger, der von einigen als "Geheimtipp" gehandelt wird, revidieren. In unserer Inszenierung werden der Marchese und der Padre Guardiano vom selben Sänger verkörpert. Gestern war es Ain Anger, der 2004 am Haus debütierte und in der Holenderzeit so etwas wie unser Hausbass war und vom Zaccaria zum Orest, vom Gremin zum Filippo, vom Sarastro zum Fiesco in nahezu jeder großen Basspartie eingesetzt wurde. Unter Meyer ist er seltener zu hören, worüber gar nicht wenige (Ich exkluidere mich da gar nicht.) glücklich sind. Herrn Angers Stimme ist zwar recht schön, aber von einer wenigstens in Ansätzen interessanten Gestaltung habe ich noch nie etwas gemerkt. Anlässlich des "Lohengrin" am 7. Oktober 2009 hat ein Besucher mit dem Pseudonym "Heerrufer" im Wagner-Forum folgendes vermerkt, was ich mir erlaube, zu zitieren: "Das Rezept ist in jeder Phrase das gleiche: Nach zwei, drei anhörbaren Tönen wird alles Folgende zu einem schwer identifizierbaren Einheitsbrei vermanscht. Auch die Aussprache ist abenteuerlich." Ich schließe mich dieser Aussage an, möchte aber noch hinzufügen, dass Herrn Angers Stimme über ein wirklich störendes Tremolo verfügt. Der Melitone wurde von Tomasz Konieczny gesungen. Auch beim wiederholten Mal kann ich mit dieser extrem nasal gequetschten Stimme nichts anfangen, weswegen ich es dabei bewenden lasse. Wie dem Auftrittskalender auf seiner Website zu entnehmen ist, wird er uns zukünftig als Alberich, Wotan, Mandryka, Amfortas und Pizarro beehren. Wolfram Igor Derntl (Mastro Trabucco), Michael Wilder (Alkade) und Marcus Pelz (Chirurgus) waren verlässliche Stichwortgeber; Elisabeta Marin (Curra) klang schrill. Auch der Chor (Leitung: Thomas Lang) agierte nicht in gewohnter Qualität. Das Publikum schien mit den gebotenen Leistungen nicht zufrieden. Es sparte mit Zwischenapplaus und taute auch bei den Schlussvorhängen nicht recht auf (Lediglich Violeta Urmana wurde bejubelt.), aber wie oben erwähnt halte ich die Missfallenskundgebungen für den Dirigenten nicht für gerechtfertigt. Billy :hello
Billy Budd (11.01.2012, 22:34): Ein Totalausfall war Fabio Armiliato in der Rolle des Alvaro. Da es sich um meine Erstbegegnung mit dem Sänger handelte, möchte ich kein vorschnelles Urteil abgeben, deshalb nur so viel: Wenn das ein guter Tenor sein soll, möchte ich die schlechten besser nicht kennen. Schon sein Auftritt im ersten Akt sorgte für eine Lacheinlage und den restlichen Abend sorgte sein Gesang mehrmals für unfreiwillige Komik. Offensichtlich hatte er mit einer nicht angesagten Indisposition zu kämpfen, denn anders kann ich mir diese Leistung nicht erklären. Höhen erreichte er (wenn überhaupt) mit größter Kraftanstrengung und an manchen Stellen musste er sogar falsettieren. Die Stimme klang alles andere als strahlend, sondern rau, heiser und verbraucht. Ob es sich um einer Krise oder beginnenden Verschleiß handelte, wird die Zukunft weisen. Ein Besucher meinte nach der Vorstellung, Herr Armiliato könne unmöglich in den nächesten drei "Forza"-Aufführungen auftreten; wenn diese Prophezeihung eintritt, wird es spannend, wen Direktor Meyer aus dem Hut zaubern wird. Fabio Armiliato hat abgesagt und in den restlichen drei Vorstellungen springt ein gewisser Aquiles Machado ein. Kennt ihn jemand? Ich habe den Namen noch nie gehört. Billy :hello
Billy Budd (11.01.2012, 22:44): Korrektur: Statt: sie vermochte sich auch schauspielerisch in der eigenwilligen Inszenierung von David Pountney - die mir aber besseer, als dem Rest gefällt - müsste es natürlich " ... besser, als dem Großteil gefällt" heißen.
Eine Abbildung des Abendzettels kann ich erst morgen einstellen, da ich heute keine Möglichkeit habe, etwas zu scannen.
Etwas verspätet: http://666kb.com/i/c0ayx6f79ofof1zts.jpg
Billy :hello
pavel (12.01.2012, 13:00): Original von Billy Budd Fabio Armiliato hat abgesagt und in den restlichen drei Vorstellungen springt ein gewisser Aquiles Machado ein. Kennt ihn jemand? Ich habe den Namen noch nie gehört. Billy :hello Wie ich meinen Programmen entnehme, habe ich Herrn Machado 1998 als Duca gehört (mit Tichy und Bonfadelli). Ich habe aber keinerlei Erinnerung an ihn, was dafür spricht, dass er weder außergewöhnlich schlecht, noch besonders gut war :D
Billy Budd (13.01.2012, 16:10): Wiener Staatsoper Donnerstag, den 12. Jänner 2012 UN BALLO IN MASCHERA Giuseppe Verdi http://666kb.com/i/c0cpsuhf3zw3g4p5w.jpg
Die Neugierde treibt mich fast immer in die erste Vorstellung einer Serie, obwohl mir doch längst bekannt sein müsste, dass sie meist die schlechteste ist. Das ganze war umso ärgerlicher, wenn man bedenkt, dass es gestern an der Volksoper eine interessant besetzte „Zauberflöte“ (Johann Tilli als Sarastro, Mari Moriya als Königin) gegeben hat. Die Papierform zum gestrigen „Maskenball“ sah ohnehin wenig verlockend aus, aber dass es ein solches Desaster wurde, hätte ich doch nicht für möglich gehalten. Es ist wahrlich eine Schande für die Wiener Staatsoper, wenn der einzige dem geforderten Niveau entsprechende Sänger in einer Nebenrolle zu finden ist und ein Einspringer war und ansonsten nur mehr oder weniger unzureichende Sängerleistungen, garniert mit einem indiskutablen Dirigat aufgeboten werden. Aber trotzdem bereue ich den Besuch nicht. Warum? Ich kann mich an keine Vorstellung erinnern, bei der wir am Stehplatz uns so gut unterhalten haben. Zumindest während des ersten Aktes kamen wir kaum aus dem Kichern heraus; es war einfach zu komisch. Hernach verwandelte sich die Heiterkeit ob dieser Katastrophe in Ärger. Für die Rolle des Christian war Tae-Yoong Yang vorgesehen, aber durch seine Absage kam Marco Caria zum Zug, der für diese kleine Rolle eine wahre Überbesetzung darstellt. Alexandru Moisuc und Sorin Coliban sangen die Verschwörer tadellos. Um mit Nebenrollen fortzusetzen: Die Doppelrolle des Dieners und Richters wurde von Benedikt Kobel verkörpert, der besondere Erwähnung verdient. Ihm gelang das Kunststück, als Stichwortgeber dermaßen negativ aufzufallen, dass ich ihn zu Beginn meines Berichtes erwähne. Anfang Jänner gab der als Ankarström vorgesehene Simon Keenlyside seine Absage bekannt, weswegen KS Leo Nucci. Ich bin wirklich kein Anhänger Herrn Nuccis, hatte mich aber trotzdem gefreut, ihn noch einmal live zu erleben, denn ich halte es durchaus für möglich, dass diese drei Vorstellungen seine letzten an unserem Haus sind. Dass er mich positiv überrascht hat, hängt sicher damit zusammen, dass er die Leistungen der anderen Protagonisten bei weitem übertraf, was aber keine große Kunst war. Seine Stimme lässt allzu deutlich erahnen, dass ihr Besitzer in wenigen Monaten seinen 70. Geburtstag feiern wird, aber als Darsteller war er dank seiner überragenden Bühnenpräsenz glaubhaft. Weshalb er für ein so ausdrucksloses „Eri tu“ minutenlang akklamiert wurde, muss aber ein Rätsel bleiben. Kurz: „Der alte Nucci ist am besten“, sagte ein Besucher und ich kann mich dieser Meinung anschließen. Ein weiterer Veteran der Opernbühne trat in Gestalt von KS Neil Shicoff an und zu ihm fällt mir nur die Bezeichnung „Inakzeptabel“ ein. Diesmal ließ er sich (schon wieder) ansagen, aber ich mutmaße, dass er gar nicht indisponiert war, sondern nur nicht ausgebuht werden wollte („Das ist Betrug!“, meinte ein anderer Besucher.). Am furchtbarsten sang er im ersten Akt, aber danach war er auch kaum auszuhalten. Seine Stimme spricht nur mehr bei äußerster Kraftanstrengung an und lässt Schmelz, Piani und schöne Phrasierungen komplett vermissen. Sein Geknödel und Gestemme war unzumutbar. Besonders störend war dies im Duett mit Amelia im zweiten Akt. Als danach ein Bravoruf zu hören war (vermutlich, um den flauen Applaus etwas anzuheizen), reckten viele Leute den Kopf, um zu sehen, wer dieser Gehörlose war. Herr Shicoff war ja einmal ein guter Sänger, aber er hat den Absprung in die Rente verpasst. Auch die Rolle der Amelia wurde umbesetzt. Durch die Absage von Eva-Maria Westbroek kam Barbara Haveman zum Zug und auch bei der „Tosca“ im April 2011 kam ich zu dem gleichen Eindruck: Die Stimme der Niederländerin macht sich hauptsächlich durch Lautstärke bemerkbar. Höhen wurden regelrecht hinausgebellt und der Sopran verfügt über ein störendes Tremolo. Also auch keine erfreuliche Begegnung. Zoryana Kushpler war die Ulrica. Warum???, frage ich unseren Direktor. Für diesen Part braucht man einen dramatischen und bedrohlich klingenden Alt, keinen schrillen Mezzo. So war dies eine komplette Fehlbesetzung. Julia Novikova ist seit Herbst 2010 im Ensemble und ihre Stimme hat sich in dieser Zeit verändert. War sie noch vor einem Jahr eine flüsternde Soubrette mit glockenklarer Stimme, so hat sie mehr Lautstärke (nicht Volumen) gewonnen, sich allerings ein nervendes Tremolo eingehandelt. Da Frau Novikova noch keine dreißig ist, sollte das Anlass zur Sorge geben. Sagen wir’s so: Als Oscar war sie zwar mies, aber nicht so mies, wie sonst. Immerhin. Ja, und wenn dann auch noch so ein Kapellmeister wie Philippe Auguin am Pult steht, ist das Debakel perfekt. Den ganzen Abend wechselte er munter zwischen den Tempi und dirigierte zu knallig und zu laut. Mehr Aufmerksamkeit verdient diese Leistung nicht. Der von Thomas Lang geleitete Chor machte seine Sache gut. Fazit: So blamabel unterbesetzt darf in Wien wirklich kein „Maskenball“ sein. Am Ende haben die Shicoff- und Nucci-Fans lange herumgebrüllt; mir wurde es schließlich zu peinlich, weswegen ich entgegen meiner Gewohnheit das Ende des Applauses nicht abgewartet habe und somit nicht sagen kann, wie lange er anhielt. In den Pausen haben wir übrigens kräftig auf unseren Direktor geschimpft – das tat gut!
Billy :hello
Billy Budd (13.01.2012, 16:16): Lieber Pavel, danke für Deine Rückmeldung; das gleiche ("weder schlecht, noch gut") wurde mir auch gestern am Stehplatz berichtet. Er hat übrigens 1996 mit dem Sänger im "Rosenkavalier" am Haus debütiert. Billy :hello
Severina (13.01.2012, 16:36): Lieber Billy,
nun, Du hast es ja selber schon gesagt: Selber Schuld :D! Zumindest in der Pause wäre ich gern dabei gewesen :wink. Deine Frage an den Direktor solltest Du anderswo stellen, ich fürchte, hier liest er nicht mit...
Ich konnte mich mit Shicoffs Timbre nie anfreunden, er klang immer irgendwie unangenehm in meinen Ohren, aber eine Zeitlang gelangen ihm doch beeindruckende Rollenporträts, zumindest dort, wo sein immer leicht hysterisches Getue hinpasste. Als neurotischer Grenzgänger war er so ziemlich konkurrenzlos.
Nucci fand ich persönlich in seiner vorletzten Phase am besten, also so ca. vor 6 Jahren, wo seine Stimme noch intakt war, er aber nicht mehr die Kraft hatte, das indifferente Gebrülle früherer Jahre abzuliefern. Da konnte er plötzlich herrlich phrasieren und eine Rolle stimmlich beeindruckend gestalten, anstatt nur möglichst laut jede einzelne Note zu attackieren - ich habe einige wirklich berührende Rigolettos, Germonts mit ihm erlebt. (Auch einen sehr guten Renato in Zürich, wo er das "Eri tu" mit sehr viel Ausdruck gesungen hat!) Inzwischen allerdings hat er stimmlich abgebaut (was mit 70 auch erlaubt ist) und kaschiert das mit Forcieren, und das Ergebnis tut mir in den Ohren weh. Zumindest empfand ich es so bei seinem letzten Simone und beschloss, mich an die guten Nucci-Jahre zu erinnern und diese Erinnerung nicht durch die traurige Gegenwart zu trüben.
lg Severina :hello
Billy Budd (14.01.2012, 23:37): Wiener Staatsoper Freitag, den 13. Jänner 2012 OTELLO Giuseppe Verdi http://666kb.com/i/c0e1kphcdslai1exv.jpg
Alle Stehplatzler, die sowohl in der „Forza“, als auch um „Ballo“ waren, hielten den gestrigen „Otello“ für solides Repertoire, während die anderen gelinde gesagt sehr wenig Begeisterung zeigten. Meiner Meinung nach wurde Hausmannskost geboten; angesichts der Papierform hätte ich mir doch mehr erwartet. Peter Seiffert sang seinen ersten Otello (nicht nur in Wien, sondern überhaupt in seiner Laufbahn). Herr Seiffert gehört zu meinen Lieblingssängern, aber die gestrige Vorstellung hat mich eher traurig, als glücklich gemacht. Von einem Tenor, der schon auf die 60 zugeht, darf man sich natürlich nicht allzu viel erwarten und es ist klar, dass er sich schon im Herbst seiner Karriere befindet. „Bei den lauten Stellen ist er zu leise und bei den leisten Stellen singt er so schirch“ (schirch = hässlich), meinte ein Freund, womit er nicht ganz unrecht hat. Der Dirigent hätte die Lautstärke zurücknehmen sollen und man hörte, dass Herr Seiffert doch bei manchen Stellen (zum Beispiel beim Exultate) an seine Grenzen stieß. Ich schätze ihn unter anderem wegen seiner Wortdeutlichkeit, was ihm aber gestern zum Verhängnis wurde. So ein nicht „italienischer“ Otello! Positiv ist seine Darstellung zu vermerken. Obwohl er zu Beginn des Abend mit Nervosität zu kämpfen schien, vermochte er den Charakter der Person gut zu vermitteln. Seine nächsten Wiener Rollen werden Tannhäuser, Turiddu und Tristan sein. Für den Part des Jago war Carlos Álvarez vorgesehen; durch seine wenig überraschende Absage kam Franco Vassallo zum Zug. Ich war von seiner Leistung mehr angetan als andere, was daran liegen könnte, dass ich keinen Falk Struckmann, der für diese Rolle geradezu optimal sein müsste, gehört habe. Herrn Vassallos Bariton klang in der Höhe besser, als in der Tiefe. Was mich wirklich störte, war sein nicht vorhandenes Charakterportrait. Er verströmte nicht den Anschein von Bösartigkeit und das Credo ging völlig unter. Der gestrige Abend stellte meine Erstbegegnung mit KS Krassimira Stoyanova dar. Über sie habe ich noch nie ein schlechtes Wort gehört oder eine schlechte Kritik gelesen; ganz im Gegenteil (Ioan Holender bezeichnete sie als die „weltweit beste Desdemona“.). Ich habe mich sehr auf sie gefreut, wurde aber ein klein wenig enttäuscht, was daran lag, dass ihr Sopran einen recht unangenehm blechernen Beiklang hören ließ. Wie ihrer Website zu entnehmen ist, wird sie weiterhin ein gern gesehener Gast bei uns sein (Elisabetta, Ariadne, Anna Bolena, Rusalka), womit ich ausreichend Gelegenheiten haben werde, mein Ersturteil zu überprüfen. Mit kehligen und gepressten Tönen war Marian Talaba als Cassio so etwas, wie ein Ausfall. Hiro Hjichi als Herold fiel positiv auf; an den restlichen Mitwirkenden gab es nichts auszusetzen. Es waren: Peter Jelosits (Rodrigo), Dan Paul Dumitrescu (Lodovico), Eijio Kai (Montano) und Aura Twarowska (Emilia). Der Chor (Leitung: Thomas Lang) agierte gut. Am Pult des sehr gut spielenden Orchesters stand Dan Ettinger. Wie schon erwähnt, dirigierte er stellenweise zu laut, worunter in erster Linie der Interpret der Titelrolle zu leiden hatte. Er hetzte nicht, aber bei dem Liebesduett im zweiten Akt hätte ich mir ein wenig mehr Tempo gewünscht. In den freundlichen, aber enden wollenden Applaus mischte sich auch eine dem Dirigenten geltende Missfallenskundgebung.
Billy (eben von einer passablen "Forza" heimgekommen; Bericht folgt morgen) :hello
Billy Budd (14.01.2012, 23:46): Liebe Severina, Du hast recht: Eigentlich war ich selbst schuld, dass ich überhaupt hingegangen bin. Dass Du in den Pausen gerne mitgeschimpft hättest, glaube ich Dir gerne! :wink Heute hat übrigens jemand gesagt, unser Operndirektor sei der "Lugner von der Staatsoper" ("Immer wenn er eine Kamera sieht, ist er schon dort".). Ich halte das für einen köstlichen Vergleich. :J :D Shicoff habe ich ja leider erst kennengelernt, als er nicht mehr singen hätte sollen. Ich weiß, dass Du Youtube nicht magst, aber ich habe mir eben seine Sternenarie aus der "Tosca" angehört und wenn man bedenkt, dass er bei der Aufnahme schon 56 Jahre alt war, bringt er da eine außergewöhnlich gute Leistung. Genau so wie Nucci ist er jetzt aber pensionsreif. Billy :hello
Severina (15.01.2012, 00:11): Lieber Billy,
ich plane den "Otello" am 22. Jänner ein (nächste Woche bin ich nicht in Wien) und bin schon sehr neugierig! Krassimira Stoyanova liebe ich heiß und innig, mich stört nur ihre Passivität in der Rollengestaltung, aber das wirkt sich gerade bei der Desdemona nicht wirklich negativ aus. Ich habe sie zuletzt in Zürich als Rusalka gehört, dann noch einmal bei uns als Mimi und wäre sehr traurig, wenn ihr wunderbares Timbre inzwischen gelitten hätte. Für Peter Seiffert kommt der Otello, fürchte ich, wohl ein bisschen zu spät. Falk Struckmann war in der Tat ein imposanter Jago, was vielleicht auch daran lag, dass er als einziger seine Rolle auch wirklich gestaltete. (Nun ja, wenn der Otello Johan Botha heißt, ist's auch wahrlich nicht schwer, als Schauspieler zu punkten :ignore) lg Severina :hello
Heike (15.01.2012, 08:58): Für Peter Seiffert kommt der Otello, fürchte ich, wohl ein bisschen zu spät. Peter Seiffert hat in Berlin im Frühlahr den besten Tristan gesungen, den ich seit langem gehört habe. Wenn er mal seine Texte besser lernen würde, wäre er nahezu genial ;-) Bin sehr gespannt auf den Bericht vom Otello! Heike
Billy Budd (15.01.2012, 15:39): Wiener Staatsoper Samstag, den 14. Jänner 2012 LA FORZA DEL DESTINO Giuseppe Verdi http://666kb.com/i/c0eps2m5tfngiirz5.jpg
Der Besucherandrang zur gestrigen „Forza“ war gering, wie er geringer kaum hätte sein können. Ich kam erst rund eine Stunde vor Beginn der Vorstellung der Stehplatzkassa, bekam erstaunlicherweise die Karte mit der Nummer 8 (Die Karten sind nummeriert; die Stehplätze nicht.) und so war es überhaupt kein Problem, meinen Stammplatz zu ergattern (genauer gesagt: ergattern zu können; denn vor mir stand jemand, der einen unangenehmen Körpergeruch verströmt und sich selten während der Vorstellung still verhält, weswegen ich mir einen anderen Platz reservierte.). Die Aufführung brachte ein wenig Anlaufzeit, aber nach der Pause hatte sie halbwegs das Niveau, das man sich erwartet. Weshalb Aquiles Machado nicht von Beginn an vorgesehen war und erst als Einspringer die Vorstellung rettete, erschließt sich mir nicht. Den Südamerikaner würde ich gar nicht ungern öfter hören. An manchen Stellen forcierte er zwar und presste, was aber den Gesamteindruck kaum schmälerte. Er besitzt genügen Stimmvolumen und brachte schauspielerisch eine sehr gute Leistung. Mit KS Violeta Urmana wurde ich auch diesmal nicht recht glücklich. Neben ihr erbrachten Ain Anger, Alberto Gazale und Tomasz Konieczny in etwa die selben Leistungen, wie am 8. Jänner, weswegen ich auf meinen damaligen Bericht verweise. Im Bezug auf diese Vorstellung fiel gestern die Preziosilla von Nadia Krasteva ab. Ihre Stimme klang seltsam brüchig, was ich von ihr gar nicht gewöhnt bin. In kleinen Rollen solide: Wolfram Igor Derntl, Michael Wilder und Marcus Pelz. Schrill klang Elisabeta Marin (Curra). Der Chor war zufriedenstellend. Das Dirigat von Jesús López-Cobos finde ich nadh wie vor erstklassig. Er hielt ständigen Kontakt zu den Sängern, ließ das Orchester nie zu laut spielen und dass es ein durchaus erfreulicher Abend wurde, ist zu einem beträchtlichen Teil ihm zuzuschreiben.
Billy :hello
Billy Budd (15.01.2012, 15:50): Liebe Severina, am 22. werde ich auch im Otello sein. Ich bin schon gespannt, on es eine Verbesserung geben wird (zumal ja solches Potential ausreichend gegeben ist). Ebenso wie Heike freue ich mich schon auf Deinen Bericht. Die Mielitz-Inszenierung gefällt mir allerdings überhaupt nicht. Bei Falk Struckmann bin ich sehr zwiegespalten. Ich habe den Eindruck, dass er immer sich selbst spielt. Als Jago (Oder auch als Pizarro) kann ich ihn mir sehr gut vorstellen. Erstaunlicherweise bringt er auch als Amfortas eine (für mich) überzeugende schauspielerische Leistung. Stimmlich brüllt er mir meist zu viel und die Aussprache ist auch sehr grenzwertig ... Billy :hello
Billy Budd (17.01.2012, 16:03): Aus der Homepage der Wiener Staatsoper: KS Franz Grundheber singt am 18. Jänner 2012 die Partie des Jago in der Vorstellung von Verdis Otello anstelle des erkrankten Franco Vassallo. Tja, dann steht morgen wohl ein Besuch an, obwohl ich überhaupt keine Zeit habe, aber ich MUSS diesen Sänger als Jago erleben. Billy :hello
Billy Budd (18.01.2012, 23:38): Einen vernünftigen Bericht kann ich erst morgen verfassen, dazu muss ich meine Eindrücke erst ordnen, aber das was Franz Grundheber heute geboten hat, war schlicht sensationell!!! Ich hoffe sehr, dass er auch in den nächsten beiden Aufführungen einspringen kann und wir ihn auch in Zukunft noch öfters erleben können. Billy :hello
Billy Budd (19.01.2012, 23:55): Wiener Staatsoper Mittwoch, den 18. Jänner 2012 OTELLO Giuseppe Verdi http://666kb.com/i/c0j4pbaez9r1gkd23.jpg
Grund meines Besuchs war die kurzfristige Umbesetzung des Jago. Ich kann beim besten Willen nicht nachvollziehen, weshalb KS Franz Grundheber die dritte Wahl war. Ich wünsche Herrn Vassallo nichts Schlechtes, hoffe aber auf eine Absage seinerseits, sodass Severina und ich noch einmal in den Genuss von Herrn Grundhebers Jago kommen können. Anlässlich seines Faninal vor rund einem Monat notierte ich folgendes, das nach wie vor Gültigkeit hat: „Die beste Leistung unter den fünf Protagonisten erbrachte der Senior. Es ist bewundernswert, über welch stimmliche Ressourcen ein in der Mitte des 80. Lebensjahrzehnts stehender Sänger bei kluger Karriereplanung verfügen kann.“ Als kleine Einschränkung sei erwähnt, dass ihm zu beginn des Credo die Stimme kurzfristig wegzubrechen drohte, was ich aber in Hinblick auf die Gesamtleistung wirklich nicht rechnen kann. Der Bariton ist nach wie vor extrem höhensicher, verfügt auch über eine gute Tiefe und weist nicht den Hauch eines Tremolos auf. Im Gegensatz zu Herrn Vassallo bot Herr Grundheber auch ein exzellentes Charakterportrait. Er gab einen verschlagenen Bösewicht, dem genau bekannt ist, was er durch seine Lügen auslöst. Mit einem Wort: Eine phantastische Leistung. Das recht schwache Exultate ließ auf eine Zitterpartie mit Peter Seiffert schließen, doch dem war nicht so. Im Laufe des Abends konnte er sich enorm steigern. Anstatt zu erwähnen, dass sein Tenor nicht mehr ganz taufrisch klingt, tue ich lieber kund, dass es Anerkennung verdient, dass Herr Seiffert, der sich nicht schont und – wenn mich mein Wissensstand nicht trügt – mit Ausnahme des Siegfried jeden großen Tenorpart aus Wagner-Opern gesungen hat, noch immer auf durchaus hohem Niveau auftreten kann (Er ist auch nicht mehr der Jüngste ...). Darstellerisch brachte er auch gestern wieder eine gute Leistung. Mit der Desdemona mit KS Krassimira Stoyanova wurde ich auch diesmal nicht hundertprozentig glücklich. Das Lied im vierten Akt sang sie wirklich hinreißend, aber ich finde ihr Timbre nicht umwerfend schön. Stark verbessert zeigte sich Marian Talaba als Cassio. Dan Paul Dumitrescu (Lodovico) hatte nicht seinen besten Tag; überraschend gut schlug sich Eijiro Kai als Montano; Peter Jelosits war ein verlässlicher Rodrigo und Hacik Bayvertian stellte als Herold seinen Mann. Aura Twarowska ergänzte als zuweilen schrille Emilia das Ensemble. Ein großes Lob gebührt dem Chor unter der Leitung von Thomas Lang. Enttäuschend fiel für mich das Dirigat von Dan Ettinger aus. Er nahm keine Rücksicht auf die Sänger und dirigierte zu laut, was hauptsächlich Herrn Seiffert zu schaffen machte. Im Gegensatz zum Freitag, als bei seinem Vorhang nur ein zaghaftes Buh ertönte, musste er gestern ein deutliches Missfallen des Publikums hinnehmen. Dank eines überragenden Einspringers und einer auch sonst recht gut disponierten Sängerschar bot diese Aufführung mehr, als nur solides Repertoire. Schreiben wie sie also auf die „Haben“-Seite der Saison.
Billy :hello
Billy Budd (20.01.2012, 20:48): Wiener Staatsoper Freitag, den 20. Jänner 2012 UN BALLO IN MASCHERA (Nur erstes Bild) Giuseppe Verdi http://f.666kb.com/i/c0k0fdnf9yqcevoim.jpg
Vor einiger Zeit habe ich mir vorgenommen, nie vor dem Ende eine Vorstellung zu verlassen. Diesen Vorsatz musste ich heute brechen, da ich nicht meine Ohren weiter beleidigen wollte. Um eine seriöse Beurteilung zu verfassen, müsste ich alles gehört haben, aber bitte verzeiht mir, dass ich nur das erste Bild ausgehalten habe. Ich habe noch nie eine schlechtere Auffühung erlebt! Dieser "Maskenball" hat alle Katastrophen der letzten Zeit übertroffen (im negativen Sinne natürlich!) und das heißt etwas! Aber der Reihe nach: KS Neil Shicoff ließ scih diesmal nicht ansagen, aber ihm gelang das Kunstück, noch um einiges mieser, als letzte Woche zu singen. Er hatte überhaupt keine Höhe, die Stimme klang heiser, leise und verbraucht. Sein Timbre ist für mich nicht zum Aushalten. KS Leo Nucci war überhaupt nicht bei Stimme. Er war kaum zu hören und das, was ich gehört habe, wollte ich nicht hören. Schon in der Arie "Alla vita che t'arride" musste er kräftig forcieren - das machte keine Lust auf mehr. An beide Herren, auch wenn sie das hier nicht lesen werden: Bitte schnellstens abtreten! Julia Novikova war der Oscar. Mit diesem Gepiepse, diesem sterotypen Lächeln und diesem Herumgehüpfe, wie es der Rolle so gar nicht ansteht, bildet man nicht das Plus einer Aufführung. Wir hätten bessere im Ensemble. Die Verschwörer von Alexandru Moisuc und Sorin Coliban waren in Ordnung - immerhin! Extrem miserabel war Benedikt Kobel in der Rolle des Richters, der nur einige wenige Sätze zu singen hat. Es ist unglaublich, dass dieser "Sänger" an der Wiener Staatsoper schon über 1000 Mal aufgetreten ist. Das Dirigat von Philippe Auguin war ebenfalls eine Zumutung. Wie auch in der letzten Auffürhrung wecheselte er zigmal zwischen den Tempi und dirigierte so, wie es ihm offenbar gerade in den Sinn kam. Chor und Orchester machten nicht einmal Dienst nach Vorschrift. Alles in allem: Eine unverzeihliche Schande für unser Haus! Jedenfalls - das soll nicht unerwähnt bleiben - war ich nicht der einzige Stehplatzler, der schon nach einer knappen halben Stunde die Flucht ergriffen hat. Fazit: Schade um das Geld, schade um die Zeit, schade um meine Nerven. Billy :hello
P. S.: Ich habe mir eben gerade auf Youtube Mitschnitte einer Aufführung von 1986 in unserer Inszenierung angehört. Besetzung: Luciano Pavarotti, Piero Cappuccilli, Gabriele Lechner, Ludmila Schemtschuk, Magda Nador, Georg Tichy, Franco de Grandis, Goran Simic, Alexander Maly, Franz Kasemann unter Claudio Abbado. Auch wenn ich damit nicht restlos glücklich bin: So gehört diese Oper gesungen!!! Der Unterschied zwischen dieser Aufführung und dem heutigen Debakel wird wohl jedem auch noch so Gehörlosen klar sein.
Billy Budd (20.01.2012, 21:17): Ich habe eben ein wenig im T-Forum gestöbert und im Thread zu der Ballo-Auffühung am 12. Jänner beschreibt "La Gioconda" im Post Nr. 15 die Aufführung fast so, wie ich sie zu 100 Prozent auch empfunden habe. Bitte lesen! Billy :hello
Ingrid (20.01.2012, 23:28): Aus der BSO mußte man gestern wirklich nicht flüchten und draußen gab es noch so viele Kartensucher, dass jeder einen auf den Schoß hätte nehmen können :wink
Schätze mal, lieber Billy, selbst Du wärst sicher nicht unglücklich oder fluchtartig nach Hause gefahren, denn Anja Harteros konnte man gestern nur lieben, so phänomenal gut war sie (Kaufmann und Pape natürlich auch). Zum Glück gibt es aber auch bei Euch Highlights, wie z.B. Herrn Grundheber.
Liebe Grüße Ingrid
PS. Herr Pape incl. Carlos-Dirigenten (A.F.) ist heute schon wieder auf dem Dresdner Opernball aktiv.
Billy Budd (21.01.2012, 11:16): Liebe Ingrid, leider sind ja bei uns die Highlights sehr spärlich gesät. Und Franz Grundheber war ein Einspringer. Der "Magagonny" in wenigen Tagen könnte allerdings etwas werden. Es freut mich, dass Du einen schönen Abend hattest. Pape werden wir auch in Wien (voraussichtlich) im Don Carlo erleben und auf eine Wiederbegegnung mit Anja Harteros wäre ich gespannt, zumal sie mich "Rosenkavalier" nicht so überzeugt hat. Billy :hello
Billy Budd (22.01.2012, 20:23): Wiener Staatsoper Freitag, den 21. Jänner 2012 IL BARBIERE DI SIVIGLIA Gioachino Rossini
Bereits zum 375. Mal wurde die Inszenierung von Günther Rennert in der Ausstattung von Alfred Siercke gegeben. Die Premiere unter Karl Böhm (mit Fritz Wunderlich, Eberhard Waechter, Reri Grist, Erich Kunz und Oskar Czerwenka – wären die Premieren in letzter Zeit nur halb so gut besetzt!) fand im Jahre 1966 statt, aber – wenn mich mein Wissensstand nicht trügt – war die Inszenierung auch einige Jahre zuvor unter anderem in Stuttgart zu sehen. Auch wenn vermutlich von der ursprünglichen Personenregie kaum etwas übrig geblieben ist, hat die Produktion über die Jahre nichts von ihrer Spritzigkeit eingebüßt. Ich kann Bühnenbilder nicht gut beschreiben, versuche es aber trotzdem: Wenn sich der Vorhang nach der Ouvertüre hebt, sieht der Zuschauer in der Morgendämmerung ein Haus, das Bartolo bewohnt. Aus dem Orchestergraben kommt Fiorello mit einigen Musikanten. (Auch Figaro, Basilo und die Wache treten später aus dem Orchestergraben.) Nach Almavivas Arie tritt Rosina auf den Balkon und lässt die Jalousie hinauf. Mit der Zeit werden alle Wände beiseite geschoben (bzw. wieder geschlossen), sodass ein Querschnitt des Hauses zu sehen ist. Den ganzen Abend gibt es ein Einheitsbühnenbild. Ich jedenfalls liebe diese Produktion und hoffe inständig, dass sie demnächst keiner Neuinszenierung zum Opfer fallen wird. Die sängerischen Leistungen werden im treffendsten mit dem Begriff „solides Repertoire“ bezeichnet; es gab zwar keinen Ausfall, aber restlos begeistern konnte ich mich für niemanden. Zu meinem Schrecken sprang Michael Güttler für Karel Mark Chichon ein. Ich habe das Schlimmste befürchtet, konnte aber eine angenehme Überraschung erleben. Die Ouvertüre gelang sehr gut – hier fand Herr Güttler flotte, aber nicht gehetzte Tempi. Später ließ er das Orchester nie zu laut spielen und wählte – mit der Ausnahme, dass er gegen der Ende der Bartolo-Arie kräftig anzog und so Herr Šramek Mühe hatte, das zungenbrecherische Parlando des Dottore zu singen – nie zu schnelle Tempi. Alles in allem: Eine überraschend gute Leistung eines Dirigenten, der mir von einigen grottenschlechten Dirigaten bekannt ist. Juan Francisco Gatell hatte im November 2010 als Einspringer für das Ensemblemitglied Benjamin Bruns in der Rolle des Conte d‘Almaviva (Seit gestern heißt es auf dem Abendzettel wieder „Graf Almaviva“.) am Haus debütiert. Über diese Darbietung breite ich lieber den Mantel des Schweigens, aber unser Direktor war davon offensichtlich so begeistert, dass er ihn gleich wieder für diese Rolle verpflichtet hat, Mir gefällt das meckernde Timbre des Argentiniers nicht, aber diesmal waren zumindest keine technischen Schwierigkeiten hörbar. Schauspielerisch ist bei ihm noch viel Potential nach oben gegeben. Von Adrian Eröd, den ich sehr schätze, war ich enorm enttäuscht. Sein Timbre klang nicht frisch, sondern seltsam belegt. Ich weise darauf hin, dass der Bariton in jedem „Rheingold“ als Loge auftritt. Ich halte dies für komplette Idiotie, denn mit jedem Mal weicht er mehr in Sprechgesang aus und die Stimme leidet hörbar. Darüber hinaus schien es mir gestern, er habe keine rechte Freude, die Rolle zu spielen. Das hat mich gewundert, denn ich kenne Herrn Eröd als exzellenten Singschauspieler. Isabel Leonard hatte im Februar 2011 als Cherubin am Haus debütiert und diese Leistung wurde sehr positiv beleumundet. Gestern fand ihr Wiener Rollendebüt als Rosina in Wien statt und mein Eindruck war nicht ganz so positiv. Ihr Timbre verliert in der Höhe an Klang und klingt dann unangenehm schrill. Sie spielte aber sehr gut. KS Alfred Šramek war ein bewährter Bartolo. Über ihn habe ich schon alles gesagt, was es zu sagen gibt, weswegen ich mich nicht wiederholen möchte. Er ist ein unverzichtbarer Teil unseres Ensembles und ein „Barbiere“ ohne ihn ist für mich kaum vorstellbar. Trotzdem freue ich mich schon, wenn ich in einem knappen Monat Wolfgang Bankl als Bartolo erleben werde, der die Rolle sicher ganz anders anlegt. Michele Pertusi hat mir besser, als den wenigen anderen anwesenden Stammbesuchern gefallen. Es war schön, endlich wieder einen gestandenen Bassisten und keinen jungen Burschen zu hören. Mit Ausnahme der Verleumdungsarie hat der Basilo ja nicht viel zu singen, aber Herr Pertusi entledigte sich seiner Aufgabe mit Anstand. Das auf dem Abendzettel angekündigte Rollendebüt ist allerdings eine Falschmeldung, denn er hat die Rolle am 9. April 2010 erstmals in Wien gesungen (Ich war dort.). Darüber hinaus werden auf der Rückseite des Besetzungszettels die Kurzbiographien mit Portrait der Sänger abgedruckt. Anstelle von Herrn Pertusis war Herrn Plachetkas (des Basilo der vorigen Vorstellung) zu finden. Hans Peter Kammerer war ein guter Fiorello. Man kann darüber diskutieren, ob es zu der Rolle passt, wenn Herr Kammerer die Schlagtechnik Herbert von Karajans imitiert, wenn er den Almaviva begleiteten Musikanten den Takt weist, doch ich halte das für einen guten Gag. Donna Ellen kreischte sich durch die Marcellina und machte so keine Freude. Verlässlich waren Michael Kuchar (Ambrogio) und Oleg Zalytskiy (Offizier). Es war ein anständiger Repertoireabend, der zwar keine besonderen Höhepunkte, aber auch keine nennenswerten Enttäuschungen bereit hielt.
Billy :hello
Severina (23.01.2012, 22:08): Die heutige GP war nicht nur für mich, sondern auch für die WSO die erste Aufführung von Kurt Weills "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny". Zwar hätte ich dieses Werk anno 1973 bereits an der Volksoper kennen lernen dürfen, aber damals war ich noch zu sehr auf die Opernhits des Kernrepertoires fixiert, als dass ein solcher "Exot" meine Aufmerksamkeit erregt hätte. Schade, denn mich beschleicht nach dieser GP das Gefühl, dass "Mahagonny" am Gürtel besser aufgehoben wäre als am Ring. Ihr merkt vielleicht eine gewisse Ratlosigkeit, denn tatsächlich bin ich mir nicht schlüssig, ob dieses Werk wirklich an die WSO gehört. Direktor Meyer wurde im Vorfeld nicht müde zu betonen, welch große Repertoirelücke mit dieser Erstaufführung geschlossen wird, aber ehrlich gesagt hätte ich lieber andere Lücken geschlossen gesehen. Gut, das ist zugegeben rein subjektiv, und natürlich erwarte ich von einem Operndirektor nicht, dass er seinen Spielplan als "Severinas Wunschkonzert" gestaltet :D!
Vielleicht liegt es aber auch an der in meinen Augen ziemlich belanglosen Regie, dass sich bei mir keine rechte Begeisterung einstellen wollte. Dabei gerät die erste Szene noch recht pfiffig, leider mutiert die Aufführung dann immer mehr zu einer Stehpartie, wo frontal ins Publikum gesungen wird und speziell der Chor in Stereotypien erstarrt. (Ja, ja, ich weiß schon: Brecht'sche Verfremdung usw. usw. - nur wirkt auf mich vieles eher wie ein Ausdruck von Hilflosigkeit und weniger wie bewusstes Kalkül!) Aber von Anfang an! Das Bühnenbild (Olivia Fercioni) beschränkt sich auf jeweils vier hintereinander angeordnete und bis in den Schnürboden reichende schmale Stellwände an den Seiten, grau bzw. in der oberen Hälfte weiß gestrichen und von 1-4 durchnummeriert. Zwischen den beiden letzten fahren fallweise "Wohntürme" heraus - Kuben mit regelmäßig angeordneten Öffnungen, die Fenster andeuten sollen - , welche die Projektionsfläche auf der Bühnenrückwand entsprechend einengen. Ein weißer, etwa 2m hoher Vorhang, der nur einen schmalen Korridor vor dem Graben frei lässt, bildet die optische Zäsur zwischen den einzelnen Szenen, die vom "Regisseur der Bühne" (Heinz Zednik) angekündigt werden. Er bedient einige Hebel und eine riesige Schalttafel am rechten Bühnenrand, auf der bunte Kontrollampen aufleuchten, ohne dass dieses Hantieren aber in einem sichtbaren Zusammenhang mit den Vorgängen auf der Bühne stünde. Einige überdimensionale Zahnräder, die zwischen den Stellwänden in den Raum ragen, bewegen sich jedenfalls auch ohne Zutun des Bühnenmeisters. Während der Ouvertüre erscheint die Projektion der Steckbriefe von Leokadja Begbick, Fatty und dem Dreieinigkeitsmoses auf dem weißen Vorhang. Wenn er zurückweicht, zeigt die Bühnenrückwand eine braune Einöde mit einigen verdorrten Bäumen. Aus der linken Gasse tuckert ein extravagant rosa lackiertes Automobil herein, aus dessen Motorhaube es unheilverkündend zu rauchen beginnt - die Karre ist hinüber, die Flüchtenden sitzen im Niemandsland fest und machen aus der Not eine Tugend: Mahagonny, die "Paradiesstadt" soll gegründet werden und in ihrem Netzwerk Glücksritter aller Art einfangen. Daher schieben sich schon im zweiten Bild die ersten Wolkenkratzer in den imaginären Bühnenhimmel auf der Projektionswand, und sie vermehren sich, drängen sich immer dichter aneineinander und bilden schließlich eine kompakte Masse, von der etwas Abweisendes ausgeht, auch wenn sie in freundlichen Rot-Braun-Tönen gehalten ist. Einen Ort der Glückseligkeit stellt man sich jedenfalls anders vor, und dieses Gefühl teilen offensichtlich bald auch die neuen Bewohner der Stadt, die sich alles irgendwie anders vorgestellt haben, statt schrankenloser Freiheit und Vergnügen ohne Ende Verbotstafeln und Fadesse vorfinden. Speziell der Holzfäller Jim Mahoney und seine Freunde Jack und Bill, die 7 Jahre in Alaska geschuftet haben und nun ihr Geld auf angenehme Weise durchbringen wollen, sind enttäuscht und unzufrieden. Witwe Begbick sieht ihre Felle davonschwimmen, als sich Abwanderungstendenzen bemerkbar machen. Auch Jim will Mahagonny den Rücken kehren, trotz einer heißen Affäre mit der Hure Jenny Hill, wird aber von seinen Kumpels zum Bleiben überredet. Ein Hurrican bedroht Mahagonny, und in der Endzeitstimmung, die alle erfasst, gibt Jim Mahoney die neue Losung aus: "Du darfst alles!" Angesagte Weltuntergänge finden bekanntlich nicht statt, so auch dieser nicht, und die noch einmal Davongekommenen ergeben sich dem hemmungslosen Genuss: Fressen, Lieben, Boxen, Saufen stehen auf dem Programm und werden vom Bühnenmeister als Motto den jeweiligen Szenen vorangestellt. Als Jim alle freihalten will, dann aber die Zeche nicht bezahlen kann, ist dies sein Todesurteil, denn man darf in Mahagonny alles, sogar morden, nur eines nicht: Kein Geld zu haben! Seine vermeintlichen Freunde weigern sich, ihm aus der finanziellen Patsche zu helfen, also wird er nach einem unfairen Schauprozess hingerichtet. Mahagonny ist dem Untergang geweiht, aber auch der Plan, nach Benares auszuwandern, scheitert, als die Kunde eintrifft, dass diese Stadt von einem Erdbeben zerstört worden ist. Also sind sie für immer an ihre "Paradiesesstadt" gefesselt, die sich längst in ihr Gegenteil verwandelt hat. (Das ist eine sehrsimplifizierende Zusammenfasung, ich weiß, aber vielleicht ist dieses Werk allgemein doch nicht so bekannt, dass ich den Inhalt voraussetzen könnte wie bei einer "Traviata" o.ä.)
Da tut sich allerhand auf der Bühne, könnte man denken, umso enttäuschender war es für mich, dass sich in der Inszenierung von Jéròme Deschamps herzlich wenig tut. Da wird viel herumgestanden und gesessen, viel frontal ins Publikum gesungen, und besonders der zweite Teil, wo jeder in Mahagonny eigentlich die Sau rauslassen sollte, gerät viel zu harmlos. Dass da eine Zäsur stattgefunden hat, dass die Bewohner von Mahagonny ihre Lebenslangeweile nun in einer Kette von Exzessen ersticken wollen - wo bitte findet das in dieser beiläufigen Inszenierung ihren Niederschlag? Dass ein Jim Mahoney, der alle Verbotstafeln, alle Regeln umstürzen will, sich wie alle anderen brav in ein Laufställchen vor dem Bordell zwängen lässt und geduldig wartet, bis er an der Reihe ist - lachhaft! Ebenso harm- und zahnlos wird der Song von Manderley dargeboten, die hier Schlange stehenden Herren könnten ebenso gut hinter einer Supermarktkasse angestellt sein.
Vielleicht fehlt es mir ja an den nötigen grauen Zellen, aber was mir Monsieur Deschamps mit seiner Inszenierung sagen will (oder ob er mir überhaupt etwas sagen will), bleibt mir verborgen. Nein, er muss die Oper nicht neu deuten, er kann sie meinetwegen vom Blatt spielen lassen, auch wenn mich das persönlich nicht befriedigt, aber eines darf er ganz bestimmt nicht, nämlich sie derart zu verharmlosen, wie das in meinen Augen an der WSO gerade passiert. Wie schön, dass im pro:log (Die Zeitschrift der WSO) zu lesen ist, dass Mahagonny gerade jetzt während der weltweiten Wirtschaftskrise ein "brandaktuelles Stück " sei, wie schön, dass Deschamps keinen "moralisierenden oder belehrenden Theaterabend" bietet, wie schön, dass er weiters "auf eine ideologisch zu aufgeladene oder nüchterne Zugangsweise" verzichtet. Nur: Was bietet er an Stelle dessen? "Sein (also Deschamps) Theater soll durchaus auch Spaß machen, darf sinnlich und lustvoll sein." Wunderbar, genau das würde ich gerne empfunden haben. Aber wahrscheinlich bin ich einfach nur humorlos.....
Den meisten Applaus kassierten hinterher Ingo Metzmacher und die Philis. Nun kann ich beim Erstkontakt mit einer Oper schwer beurteilen, ob ein Dirigent der Partitur gerecht geworden ist oder nicht, ich kann nur sagen, dass mir das Gehörte ausgezeichnet gefallen hat. Ich freue mich schon auf die PR-Übertragung morgen im Radio, wo ich mich ganz auf die Musik konzentrieren kann, heute war die Ablenkung durch das Szenische natürlich sehr groß.
Obwohl es keine Ankündigung gab, dass die Sänger nicht aussingen würden, gehe ich doch wie immer bei einer GP davon aus, dass nicht alle Grenzen ausgereizt wurden.
Elisabeth Kulman verlieh der Leokadja Begpick stimmlich mehr Profil als darstellerisch. Ihr dunkler, satter Mezzo lotete die seelischen Abgründe der zwielichtigen Witwe besser aus als sie es mit ihrem Spiel vermochte, denn die Kulman wirkt einfach nicht verrucht genug, man nimmt ihr nicht ganz ab, dass sie über Leichen geht und nur am eigenen Profit interessiert ist.
Angelika Kirchschlager bot mit ihrem Song "Wie man sich bettet, so liegt man" den für mich berührendsten Moment dieser Aufführung, denn da schwang sehr viel mehr mit, als der Text vordergründig hergibt. Da steht auf der einen Seite die Hure, die das Leben gelehrt hat, sich rücksichtslos zu nehmen, was ihr scheinbar zusteht, ohne sich einen Deut um die anderen zu scheren, auf der anderen aber ein verletzliches Menschenkind, das sich nach Liebe und Wärme sehnt. Die Subtilität, mit der die Kirchschlager diese zweite Seite der Jenny Hill aufblitzen lässt, erzeugte wirklich Gänsehaut bei mir. Angenehm fiel mir auch auf, dass Frau Kirchschlägers Stimme heute weniger Vibrato aufwies als ich es in Erinnerung habe, sie sang aber auch mit weniger Power. (Vielleicht also doch Schongang vor der PR?)
Christopher Ventris , der eigentlich mehr im Wagnerfach zuhause ist, lieh seinen kernigen Tenor nun dem Holzfäller Jim Mahoney und meisterte im ersten Teil alle Klippen der Partie ohne Fehl und Tadel. Dann allerdings begann er auf die Stimme zu drücken, klangen die Höhen etwas gepresst, aber das ist jetzt meckern auf hohem Niveau, denn insgesamt bot Herr Ventris eine gute Leistung.
Ehrlich gesagt war ich so mit der "Gesamtschau" beschäftigt, dass mir die übrigen Protagonisten nicht en detail im Gedächtnis geblieben sind. Positiv fiel mir Clemens Unterreiner als Sparbüchsenbill auf, der nicht nur seinen Gesangspart tadellos erledigte, sondern auch mit seiner schauspielerischen Präsenz punkten konnte. In manchen Szenen wirkte er beinahe wie ein Fremdkörper inmitten der vom Regisseur offensichtlich so gewollten Statik. Man merkte ihm richtig an, wie schwer es ihm fiel, jetzt nicht mehr tun zu dürfen. Dass er optisch ziemlich lächerlich aussah, weil fast bis zum Schluss eine Dollarnote auf seiner Stirn pappte, ist nicht seine Schuld. (Wobei mir auffällt, dass ich noch kein Wort über die Kostüme verloren habe: Sie werden von Szene zu Szene phantastischer und vor allem aufwändiger, und ich frage mich wie schon bei der "Anna Bolena", ob eine derart kostspielige Ausstattungsorgie für eine Serie von 5 Aufführungen zu verantworten ist!)
Wirklich störend empfand ich nur Herwig Pecoraros mehr gequäkten als gesungenen Fatty - er beleidigte meine Ohren speziell in der 3. Szene mit einer Serie unschöner Töne.
Mein Fazit: Lauwarm - die Aufführung hat mich insgesamt nicht wirklich begeistert, aber auch nicht verärgert. Ich habe sie allerdings mit dem unbestimmten Gefühl verlassen, dass hier eine Oper szenisch weit unter ihrem Wert verkauft wird.
lg Severina :hello
Billy Budd (23.01.2012, 23:49): Liebe Severina, herzlichen Dank für Deinen ausfürhrlichen Bericht, den ich aber jetzt eher überflogen, als gelesen habe. Dazu bin ich jetzt schon zu müde, aber ich werde ihn mir ausdrucken und mir morgen zu Gemüte führen. Ich halte es übrigens für keine gute Idee, die Generalprobe am Tag vor der Premiere zu machen. Ich erwarte mir einiges von morgen (Übrigens meine 50. Abendvorstellung in der Staatsoper diese Saison, das wäre doch schön, wenn es da eine erfreueliche Vorstellung gäbe. :wink). Herwig Pecoraro mag ich offenbar im Gegensatz zu Dir sehr. Als Mime finde ich ihn super und manche Charakterrollen sind ihm wir auf den Leib geschneidert. Ich kann mich auch an eine Butterfly erinnern, wo er als Goro der beste Sänger des Abends war. Ich halte ihn für einen guten Charaktertenor (Er erreicht ja auch bekanntlich das hohe b und das ist für mich als Tanzmeister und Rosenkavalier-Wirt sehr wichtig.), und von denen gibt es gar nicht so viele.
Gehst Du noch in den Otello? Du hast ja den 22. Jänner angekündigt, aber das ist sich dann offenbar nicht ausgegangen. Am 11. Februar wird übrigens auf Ö1 eine Aufführung übertragen; wenn sich kein Besuch ausgehen sollte, kannst Du Dir also via Radio ein Bild machen.
Billy :hello
Severina (24.01.2012, 14:17): Lieber Billy, nein, der "Otello" geht sich leider nicht mehr aus. Hätte Grundheber auch am Sonntag gesungen, wäre ich wohl einen Tag früher nach Wien zurückgekommen.
Heute ist übrigens ein rabenschwarzer Tag für Wiener Opernfans: Direktor Meyer wurde bis 2020 verlängert! Ich hab's eben erfahren und muss diesen Tiefschlag erst einmal verdauen.
lg Severina :hello
Billy Budd (24.01.2012, 23:33): Original von Severina Lieber Billy, nein, der "Otello" geht sich leider nicht mehr aus. Hätte Grundheber auch am Sonntag gesungen, wäre ich wohl einen Tag früher nach Wien zurückgekommen.
Heute ist übrigens ein rabenschwarzer Tag für Wiener Opernfans: Direktor Meyer wurde bis 2020 verlängert! Ich hab's eben erfahren und muss diesen Tiefschlag erst einmal verdauen.
lg Severina :hello
Liebe Severina, so viele böse-Smilys gibt es gar nicht, die das ausdrücken, was ich mir über Deinen letzten Absatz denke. Ich schreibe daher kein einziges! DAS IST WIRKLICH FUCHTBAR!!!
Ich wollte eben meine Kurzeindrücke von der heutigen Premiere neiderschreiben, aber diese schöne Neuigekeit muss ich auch erst verdauen.
Billy :hello
Billy Budd (25.01.2012, 00:09): Aufstieg und Fall der Stadt Magagonny Oper in drei Akten von Bertold Brecht mit der Musik von Kurt Weill 24. Jänner 2012 Kurzeindrücke
Diesmal werde ich keinen Bericht verfassen, dann – ich schicke es voraus – es war nicht nur mein erster „Mahagonny“, sondern auch meine erste Kurt Weill-Oper überhaupt. Ich hatte also nur eine vage Ahnung, welche Art von Musik mich erwartet. Die erste Viertelstunde hat mir gefallen, aber mit der Zeit habe ich mich immer mehr gelangweilt. Wie gesagt habe ich dieses Stück nie zuvor gehört, konnte aber fast durchgehend voraushören, welche Töne folgen werden, denn das ganze ist extrem simpel komponiert. Für mich – ich betone: mich – sind eben 16 Stunden Richard Wagner interessanter, wie drei Minuten Kurt Weill. Ich notiere also nur meine Eindrücke in Kurzform. Ob ein solcher „Exote“ in die Staatsoper passt, ist natürlich diskutabel. Ich persönlich habe mir diesbezüglich noch keine Meinung gebildet. Sicher: Je vielfältiger das Angebot, desto besser, aber: Hat es diese simple Musik eigentlich verdient, an einem solchen Haus aufgeführt zu werden? Noch dazu in einer nicht gerade billigen Aufmachung? Die Beurteilung eines Timbres ist eine höchst subjektive Angelegenheit; das ist wieder deutlich bewiesen. Just der Sänger, welcher Severina missfallen hat, hinterließ bei mir den besten Eindruck. Es handelt sich um KS Herwig Pecoraro in der Rolle des Fatty. Ich habe generell eine Schwäche für Stimmen mit großem Wiedererkennungswert und Herrn Pecoraros Organ höre ich aus Hunderten heraus. Ich liebe das blechene Timbre des Tenors und er artikulierte – wie immer – extrem deutlich. Sehr positiv sei auch noch Norbert Ernst als Jack O’Brien erwähnt. Mit der Zeit wächst da ein großer Vertreter des Charakterfaches heran. Angelika Kirchschlager ist bekennender Weill-Fan und sie fühlte sich auch in der Rolle der Jenny hörbar wohl. Ihr Timbre, das ich nicht gerade liebe, passt für die Rolle gut. Positiv muss auch noch vermerkt werden, dass ich merkte, wie gerne die den Part spielte. Elisabeth Kulman hinterließ bei mir einen recht zweispätigen Eindruck. Mir bereitet Sorgen, dass ich diesmal ein recht ausgeprägtes Vibrato gehört habe. Es handelt sich zwar (noch) um kein Tremolo, aber in Anbetracht der Tatsache, dass die Sängerin kürzlich die Brängene und die Venus in ihr Reptertoire aufegenommen hat, wäre sie gut beraten, in Zukunft ihren Weg mit Bedacht zu gehen. Tomasz Konieczny schlug sich als Dreieinigkeitsmoses wacker. Mit diesem Sänger werde ich wirklich nie recht warm, obwohl einige seiner Unarten (z.B. S-Fehler, Vokalverfärbungen) diesmal nicht so stark hörbar waren. Ähnliches gilt auch für den Jim Mahoney von Christopher Ventris. Des weiterhin ist der Akzent der beiden Herren etwas zu stark. KS Heinz Zednik interpretierte die Sprechrolle. Es war schön, einen lang gedienten Sänger zu sehen, doch frage ich mich, ob nicht ein Schauspieler die bessere Besetzung gewesen wäre. Clemens Unterreiner (Bill) spielte sehr gut, ich habe ihn aber schon besser gehört. Schwachpunkt des Abends war eindeutig Il Hong als Joe. Seine Stimme ist sehr leise und nicht wirklich schön. Wolfram Igor Derntl ergänzte als Tobby Higgins das Ensemble. Die sechs Mädchen zogen sich gut aus der Affäre. Es waren: Ileana Tonca, Valentina Nafornita, Ildikó Raimondi, Juliette Mars, Stephanie Houtzeel und Monika Bohinec. Über das Dirigat von Ingo Metzmacher kann ich mangels Vergleichsmöglichkeiten wenig sagen; aber mein Eindruck war ein positiver. Und die Regie? Ich erspare Euch eine Wiederholung, sondern verweise auf Severinas Erläuterungen, mit denen ich weitgehend konform gehe. Der Stehplatz war sehr schütter besetzt und bei durchschnittlich besetzten Repertoireaufführungen kommt gewöhnlich mehr Stimmung auf. Den stärksten Applaus kassierten Frau Kulman und Herr Metzmacher mitsamt dem Orchester. Frau Kirchschlager musste überraschenderweise zwei oder drei Missfallenskundgebungen einstecken und für das Regierteam fanden sich in etwa gleichermaßen Bravo- und Buhrufer. Alles in allem: Die beste Premiere seit geraumer Zeit (Wenn das ein Qualitätskriterium ist …).
Billy :hello
EDIT: Geringfügig ergänzt und korrigiert.
Severina (25.01.2012, 01:04): Lieber Billy, danke für Deine Eindrücke, die mich in vielen Punkten bestätigen. Ich habe die PR heute am Radio verfolgt, und so ganz ohne Optik, also nur reduziert auf das Hören, gelangte ich bezüglich der Musik zu einer ähnlichen Auffassung wie Du. Sie hat mich zwar nicht direkt gelangweilt, aber sie plätschert nett dahin, ohne besondere Akzente, und ein paarmal dachte ich bei mir: "Das ist doch ein Musical und keine Oper!" (Allerdings dann schon ein Musical der Extraklasse, denn natürlich klaffen Welten zwischen einem Kurt Weill und den heutigen Musical-Fließbandproduzenten!) Ein weniger Weill-affiner Dirigent als Ingo Metzmacher macht wahrscheinlich eine schwer verdauliche, süßliche Klangsoße daraus. Meine rhetorische Frage von gestern, ob Mahagonny nicht besser in die Volksoper passt als ins große Haus, würde ich heute mit einem klaren Ja beantworten.
Ansonsten wurde ich wieder einmal in meiner Abneigung bestätigt, PR zu besuchen, denn z.B. Angelika Kirchschlager tönte im Radio wesentlich schlechter als gestern. "Moon of Alabama" sang sie bei der GP nämlich wirklich wunderschön, und das in den Ohren habend, beschlich mich heute eine gelinde Enttäuschung ob ihrer Darbietung. Buhrufe waren aber sicher nicht gerechtfertigt.
Lustig finde ich, dass Du bei Elisabeth Kulmann ein Vibrato beanstandest, bei Herwig Pecoraro, der in meinen Ohren wie ein meckernder Ziegenbock klingt, hingegen nicht. Timbre ist wirklich Geschmackssache (Blech schätze ich in der Tat nicht :wink), und mit dem hohen Wiedererkennungswert hast Du 100%ig recht, denn Herrn Pecoraro erkenne ich auch nach dem ersten Ton (Ich verkneife mir jetzt den Ausdruck, der mir eigentlich dafür auf der Zunge liegt :ignore :D)
lg Severina :hello
Heike (25.01.2012, 08:13): Hallo ihr zwei part- time - Mahagonny - Einwohner, danke für eure interessanten Berichte, zunächst auch mal Sevi für die Inhaltsangabe, zumindest ich kenne das Stück nur dem Namen nach.
Den meisten Applaus kassierten hinterher Ingo Metzmacher und die Philis. Über das Dirigat von Ingo Metzmacher kann ich mangels Vergleichsmöglichkeiten wenig sagen; aber mein Eindruck war ein positiver. Ich trauere seiner Zeit in Berlin heute noch nach (glücklicherweise ist er bisher regelmäßiger Gast). Ich liebe seine Dirigate, er hat Stil und traut sich was.
Brecht mit einer Inszenierung zu verharmlosen ist eigentlich wirklich schon schwierig. Meist wird das ja durchaus eher überstrapaziert. Was Sevi geschrieben hat klingt aber nun nicht gerade Spannung, sondern eher nach "mir fällt nicht richtig was ein". Langweilige Inszenierungen finde ich ehrlich gesagt fast noch schlimmer als solche, mit denen ich nicht einverstanden bin, aber die wenigstens eine Aussage haben.
Ich staune immer wieder, wie differenziert ihr die Stimmen beschreiben könnt, die kann man stellenweise direkt innerlich miterleben. Jetzt würde ich ja gernm noch Herrn Pecoraro (genannt "Ziegenbock") hören ;-) Ist mir völlig unbekannt der Herr.
Übrigens wird es dieses Jahr in Berlin auch einmal Brecht/ Weill geben, und zwar "Die sieben Todsünden", Ballett mit Gesang, Fassung für tiefe Frauenstimme, bearbeitet von Wilhelm Brückner-Rüggeberg (an der KOB). Ich bin noch am Überlegen, ob ich da hingehen sollte, aber da mir die ersten Termine ohnehin nicht passen, kann ich in Ruhe abwarten, was man dazu sagen wird. Heike
P.s. mein Mitgefühl, was euren Herrn Direktor angeht. Bis 2020 ist ja wirklich eine Ewigkeit. Warum ist er eigentlich so hoffiert?
Sfantu (25.01.2012, 08:17): Ihr könntet richtig liegen mit eurer Einschätzung, dass Mahagonny vielleicht nicht so recht ins grosse Haus passt (falls man, wie ihr, über den Luxus verfügt, zwischen mehreren Spielstätten am Ort wählen zu können). Und, dass ohne den szenischen Eindruck, allein mit der Musik, weniger als die 1/2 dieses Stücks wahrgenommen wird, Severina, das glaub' ich gern. Frau Kulmann sagte im gestrigen 3sat-Beitrag zur Premiere, Brechts/Weills Intention sei es hier; dass die Charaktere von den Sängern nicht verkörpert/durchlebt werden sollen sondern vielmehr von aussen beleuchtet/karikiert - eine Art früher Agitprop vielleicht. Habe Mahagonny vor ca. 24 auf der Bühne kennengelernt, eine der anspruchsvollsten Aufgaben in meiner Zeit als Statist. Für meine politische Orientierung war das damals keine unwesentliche Erfahrung - eine Kapitalismus-Anklage & für mich ein Kernsatz des Stücks: "Denn wie man sich bettet, so liegt man. Es deckt einen dann keiner zu. Und wenn einer tritt, dann bin ich das - und wird einer getreten, dann bist du's" In den gezeigten Ausschnitten schien mir die Klangbalance leicht zugunsten des Orchesters verschoben - könnt ihr das bestätigen? Ansonsten habt ihr mit Metzmacher sicher einen der fähigsten & sympathischsten musikalischen Köpfe unserer Zeit am Pult stehen. Mit der "Nase" hab' ich ihn hier in Zürich im Herbst leider verpasst. Nach langem Hin & her wegen der dekadenten Eintrittspreise.
:hello
Severina (25.01.2012, 17:31): Hallo Heike und Sfantu,
Metzmachers Dirigat war für mich wirklich das große Plus dieser Aufführung! Ich hatte ja schon früher das Glück, ihn öfter in Zürich zu erleben und würde mir wünschen, dass mir dies künftig auch in Wien vergönnt ist.
Eben das stört mich an der Inszenierung, dass die Kapitalismuskritik viel zu harmlos rüberkommt. Angelika Kirchschlager interpretiert das "Wie man sich bettet..." (Auch für mich der Aufhänger des ganzen Plots!) zwar sehr berührend, aber eben wie die bittere Konklusio aus persönlichen Erfahrungen. Das Allgemeingültige des Textes verpuffte auf diese Weise, der Keulenschlag, den er eigentlich bewirken sollte, blieb aus. Also, zumindest ich spürte ihn nicht.
Warum Meyer derart hofiert wird?? Diese Frage stelle ich mir seit nunmehr eineinhalb Jahren X( An seiner Leistung kann's jedenfalls nicht liegen, außer er wurde mit dem Auftrag engagiert, das Niveau der WSO auf Rekordtiefe zu bringen. Der Kurs würde nämlich stimmen.....
lg Sevi :hello
Billy Budd (25.01.2012, 23:38): Liebe Severina, Du hast sicher recht, dass die Generalprobe besser, als die Premiere war. Ich werde aber noch die Vorstellung am 30. Jänner besuchen und bin gespannt, ob eine Verbesserung eintreten wird. Schade, dass Du Grundhebers Jago nicht erlebt hast. Du hast ihn ja in der Rolle sicher schon öfters gesehen, aber ich war total froh, dass er eingesprungen ist und war - wie Du in meinem Bericht gelesen hast - begeistert. Allerdings spiegelt mein Bericht ja natürlich nur meine Meinung wieder; ich habe von zwei Stehplatzbesuchern gehört, dass ihnen Franco Vassallo besser gefallen habe. Ich bin froh, dass ich dort war und mir eine eigene Meinung gebildet habe. Irgenwie dünkt mich, dass das Grundhebers letzter Jago bei uns war.
Die Buhs für Angelika Kirchschlager hielt ich auch für entbehrlich. Elisabeth Kulman mag ich so wie Du sehr, auch wenn mich ihre Gaea unlängst nicht überzeugt hat. Ihr Vibrato bewegt sich noch in akzeptablen Grenzen, aber ich habe noch nie zuvor bei ihr ein solches gehört. Sie hat ja in letzter Zeit recht schwere Sachen gesungen. Es wäre echt schade um sie! Zu Herwig Pecoraro: Ja, Stimmen sind Geschmackssache; ich kann zum Beispiel mit Deinen Lieblingen Kaufmann und Villazón gar nichts anfangen. Mein Lieblingstenor ist Herr Pecoraro auch nicht, aber in manchen Partien gefällt er mir ausgezeichnet. Frage: Möchstest Du als Monostatos und Mime wirklich eine "schöne" Stimme hören?
ehrlich gesagt hätte ich lieber andere Lücken geschlossen gesehen. Gut, das ist zugegeben rein subjektiv, und natürlich erwarte ich von einem Operndirektor nicht, dass er seinen Spielplan als "Severinas Wunschkonzert" gestaltet :D ! Das hat mich auf eine Idee gebracht: Das wäre doch ein netter Thread (etwa "Euer Traumspielplan"), oder?
Mein Schock, dass unser Direktor bis 2020 schalten und walten darf, ist wohl kaum geringer, als deiner. Bis dahin wird der gute Mann wohl unsere Oper komplett zu Grunde gerichtet haben. Zum Beispiel hat er ja angekündigt, einen neuen "Tannhäuser" machen zu wollen. Das ist komplett schwachsinnig, denn es handelt sich eine in Ansätzen intelligente Regiearbeit (Für unsere Mitleser: Claus Guth), mit der ich ganz gut leben kann. Man kann sie mögen oder auch nicht, aber besser, als diese ganzen schön bebilderten und nichts aussagenden "Inszenierungen", die uns seit Beginn seiner Amtszeit im Übermaß vorgsetzt werden, ist sie auf jeden Fall. Leider können wir daran nichts ändern!
Billy :hello
Billy Budd (25.01.2012, 23:51): Liebe Heike, auch ich habe das Stück nur dem Namen nach gekannt. Langweilige und schlechte Inszenierungen haben wir seit Meyer genug: Don Giovanni, Nozze, Kátja Kabanová, Traviata. Die Anna Bolena war für mich noch gerade erträglich. Jetzt würde ich ja gernm noch Herrn Pecoraro (genannt "Ziegenbock") hören ;-) Ist mir völlig unbekannt der Herr. Ich habe ein paar Aufnahmen mit ihm; darunter das "Rheingold" und "Siegfried". Wenn Du Interesse hast, die Stimme des recht umstrittenen Sängers kennenzulernen, kannst Du Dich gerne per PN melden. Die restliche Besetzung: Rheingold: 2009-05-02 Dirigent - Franz Welser-Möst Wotan - Juha Uusitalo Donner - Markus Eiche Froh - Gergely Németi Loge - Adrian Eröd Fasolt - Sorin Coliban Fafner - Ain Anger Alberich - Tomasz Konieczny Mime - Herwig Pecoraro Fricka - Janina Baechle Freia - Ricarda Merbeth Erda - Anna Larsson Woglinde - Ileana Tonca Wellgunde - Michaela Selinger Floßhilde - Elisabeth Kulman
Siegfried: 2008-04-27 Dirigent: Franz Welser-Möst Siegfried - Stephen Gould Wanderer - Juha Uusitalo Brünnhilde - Nina Stemme Mime - Herwig Pecoraro Alberich - Tomasz Konieczny Erda - Anna Larsson Fafner - Ain Anger Waldvogel - Ileana Tonca
Warum unser Direktor mit Samthandschuhen angefasst wird, kann ich Dir leider auch nicht sagen. Vielleicht liegt es daran, dass er sich als zuvorkommender Opernchef aufspielt und manchen das imponiert?
Billy :hello
Heike (26.01.2012, 07:49): Lieber Billy, danke für das Angebot, ich schick dir ne PN :-)
Möchstest Du als Monostatos und Mime wirklich eine "schöne" Stimme hören?
Darf ich daraus hier einen eigenen Thread machen? Das finde ich nämlich eine ganz allgemein spannende Frage! Heike
Billy Budd (26.01.2012, 14:19): Liebe Heike, vielen Dank für Deine Idee, das ist in der Tat ein spannendes Thema. Ich muss aber erst etwas nachdenken, bevor ich mich im anderen Thread zu Wort melde. Billy :hello
Billy Budd (29.01.2012, 11:36): Wiener Staatsoper Samstag, den 28. Jänner 2012 ANDREA CHÉNIER Umberto Giordano
Die gestrige Vorstellung der nicht allzu oft gespielten Oper brachte eine Wiederbegegnung mit KS Johan Botha in der Titelrolle, was auch der Grund des Besuches mancher Stammbesucher war. Vorweg: Herr Botha hatte einen schwachen Abend. In der Tiefe klang seine Stimme recht belegt, detto in der Mittellage und Höhen schaffte er auch nur so halbwegs. Es ist aber möglich, dass er sich in keiner guten gesundheitlichen Verfassung befand, denn im vierten Akt verrutschte ihm deutlichst hörbar ein Ton. Laut anderen Besuchern habe er öfters in der Höhe falsch intoniert. Übrigens wurde am Ende der Wagen nicht hereingeschoben, denn Herr Botha ist bekanntlich nicht fähig, auf einen solchen zu springen. Aber wenn sich rund um einen Star nur peinliches Mittelmaß tummelt, ist das ohnehin nicht erfreulich. Hält der Star nicht das, was er verspricht, ist das Ergebnis recht ernüchternd. Ein schmalspuriger Gérard wurde uns in Gestalt von Marco di Felice vorgesetzt. Er brüllte sich mit einer harten und rauen Stimme durch den Part und stimmliche Nuancen sind ihm ein Fremdwort. Eine Zumutung war Norma Fantini alias Maddalena. Auf ein Tremolo reagiere ich ohnehin allergisch und ein solches ist bei ihr recht ausgeprägt vorhanden. Die Stimme empfinde ich als unschön und ihre kreischenden Höhen bohrten sich schmerzhaft in meine Ohren. Mir ist unverständlich, wie man ein Fan von Zoryana Kushpler sein kann. Ich habe ihr einige miese Darbietungen zu verdanken, aber gestern hat sie alles im negativen Sinne übertroffen. „Das war ja schon fast auf Benedikt Kobel-Niveau“, bemerkte ein Freund und dem ist nichts hinzuzufügen, mit Ausnahme, dass ich das „fast“ striche. Ihre Bersi machte sich ausschließlich durch schrilles Gekreische bemerkbar. Maria José Montiel war eine junge Madelon. Stimmlich bot sie eine halbwegs passable Leistung. Letztes gilt auch für Marco Caria als Roucher. Aus dem restlichen Ensemble, das großteils auch Ensemblemitgliedern bestand, aber auch den Hausdebütanten James Roser (Haushofmeister) einschloss, stachen Wolfgang Bankl (Mathieu) besonders positiv, aber Michael Roider (Incroyable) und Benedikt Kobel (Abbé) besonders negativ hervor. Am Pult waltete Altmeister Pinchas Steinberg sorgsam seines Amtes. Es handelte sich um meine Erstbegenung mit dieser Oper, weswegen ich kein detaillierteres Urteil abzugeben vermag. Ich habe ursprünglich drei Vorstellungen eingeplant, werde diese Entscheidung noch einmal überdenken, was nicht nur an der mittelmäßigen Sängerschar liegt. Liebe Giordano-Fans, verzeiht mir, aber für mich ist „Andrea Chénier“ stinklangweilig und zwar vom ersten bis zum letzten Takt. Résumé: Ein sehr guter Wolfgang Bankl in einer Nebenrolle, ein enttäuschender Johan Botha; ja, und sonst schweige ich lieber über die Protagonisten und gewisse tenorale Ensemblemitglieder ... Aber natürlich klatschte und jubelte das Publukum wie verrückt. Warum sollte angesichts dessen ein Direktor besser besetzen?
Billy :hello
Severina (29.01.2012, 13:20): Lieber Billy. Einspruch, Euer Gnaden :wink :D! "Andrea Chenier" finde ich ganz und gar nicht langweilig, er müsste nur inszeniert werden, und das ist bei unserer Produktion leider nicht der Fall. Und das liegt nicht daran, dass sie schon sehr abgenudelt ist - mehr war von Anfang an nicht los. Nur standen früher mit Placido Domingo und Piero Cappuccilli halt manchmal Sängerpersönlichkeiten auf der Bühne, die aus sich heraus für Spannung sorgten. Botha liebe ich stimmlich sehr, aber als Revolutionär kann er wohl nur eine Witzfigur sein. Norma Fantini kenne ich gut aus Zürich, und schon dort gefiel mir nur ihre satte Mittellage, je höher es hinaufging, umso unangenehmer und vibratoreicher wurde ihre Stimme - da sind wir uns einmal bezüglich "Tremolo" einig :wink.
lg Severina :hello
PS: Vielleicht solltest Du diese Rezension auch anderswo einstellen :wink!
Billy Budd (29.01.2012, 18:02): Liebe Severina, nun ja, ich habe mich gestern unendlich gelangweilt, was aber nicht an der Inszenierung lag. Dafür liebe ich im Gegensatz zu Dir die Musik von Richard Strauss enorm. Aber solange jeder die Opern hört, die ihm gefallen ist das doch kein Problem. :beer Ich bin kein großer Botha-Fan, aber der Apollo unlängst war wirklich sehr gut. Ich bin auf den Ariadne-Mitschnitt aus dem Theater an der Wien gespannt, den mir ein Freund versprochen hat.
PS: Vielleicht solltest Du diese Rezension auch anderswo einstellen :wink ! Ich habe schon überlegt, ob ich in diesem Forum wieder schreiben soll; aber diesen Plan habe ich bald verworfen. Zum Ersten will ich ebenso wie Du nicht Quotenbringer spielen. Wenn ich im Forum etwas anderes schreibe, als irgendein Kritiker, bin ich sicher im Kommentar wieder ein profillierungssüchtiger Irrer. So geschehen, als ich die künstliche Euphorie über den Ring mit Thielemann etwas zu trüben wagte. Und zum Zweiten ist das Klima dort wirklich nicht angehem. Ich glaube aber, dass manche Schreiber dieses Forums auch hier mitlesen. Und - manche dortigen Kritiken sind wirklich nicht ernst zu nehmen. Herr Jahnas meint allen Ernstes, Botha sei "fulminant" gewesen, die Bersi war Kusphler "luxurös besetzt" und Roider und Kobel hätten "eindrucksvoll die derzeit hohe Qualität des Wiener Ensembles unter Beweis" gestellt. Das kann man wirklich nicht ernst nehmen und kommentiert sich wohl von selbst. Bei solch glaubwürdigen :wink Berichten ist es gar nicht nötig, wenn ich im Forum Contra gebe.
Billy :hello
Severina (29.01.2012, 18:20): Ja, ja, ich hab's auch gelesen und mich amüsiert, vor allem über "das derzeit hohe Niveau des Ensembles", denn das sind zu 80% die selben Leute wie unter Holender, wo man aber kein gutes Haar an ihnen gelassen hat. (Was im Falle von BK sogar seine Berechtigung hatte....) Aber unter Monsieur le Directeur haben alle diese Leute o Wunder plötzlich singen gelernt und sind ganz großartig. Wobei die Wahrheit für mich in der Mitte liegt: Weder waren sie früher im Schnitt so schlecht, noch sind sie jetzt auf einmal so wunderbar.
lg Severina :hello
Billy Budd (30.01.2012, 15:41): Liebe Severina, ich finde es auch lustig. Wie Du schon geschrieben hast, handelt es sich mit Ausnahme von Roser bei den Kleinrollendarstellern (Twarowska, Pelz, Moisuc, Bankl, Kobel, Roider, Dumitrscu, Monarcha) nur um Ensemblemitglieder aus der Holenderzeit. Das Problem ist nur, dass es diese Leute ernst meinen ... Wo ich herzlich gelacht habe, war, als in einer Ballo-Kritik dieses Ehepaars die Protagonisten erst im letzten Satz und in folgender Weise erwähnt wurden: "Ach ja, Neil Shicoff (König Gustaf), Leo Nucci (Graf Ankarström) und Barbara Haveman (Amelia) sangen auch. Alle drei waren gut hörbar und erhielten höflichen Applaus." Und die Meldung im vorletzten Absatz, u.A. Benedikt Kobel zähle zu den größten Schätzen der Staatsoper, kann ich nicht ernst nehmen. Aber jetzt sind wir off-topic; eigentlich will ich hier ja nicht dauernd auf diese gewisse Zeitschrift Bezug nehmen, aber hin und wieder rutscht mir dann doch was heraus. Billy :hello
Billy Budd (01.02.2012, 15:21): Wiener Staatsoper Montag, den 30. Jänner 2012 AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY Kurt Weill
Gestern besuchte ich die dritte Vorstellung der Premierenserie. Mein Eindruck unterscheidet sich kaum von dem der Premiere. Im Übrigen hat mir auch die Musik nicht viel besser gefallen. Die erste Viertelstunde fand ich ganz nett, aber mit der Zeit wurde mir immer fader. Im Vergleich zur Premiere war bei KS Angelika Kirchschlager eine große Steigerung feststellbar, obwohl ich nach wie vor nicht hundertprozentig glücklich war. Ihr „Moon auf Alabama“ war mein Höhepunkt der Vorstellung; das sang sie wirklich hinreißend und mit viel Ausdruck, aber leider konnte sie diese Form den ganzen Abend nicht mehr erreichen. Ihr starkes Vibrato stört mich aber in der Partie der Jenny Hill weniger, als in anderen. Andererseits hatte bei KS Herwig Pecoraro diesmal keinen guten Tag. Er klang speziell in der Höhe angestrengt. Elisabeth Kulman ist in den Sprechpassagen nichts vorzuwerfen, aber gesanglich und vor allem in der Darstellung blieb sie der Rolle der Leokadja Begbick einiges schuldig. Sie hatte diesmal ein stärkeres Vibrato, wie bei der Premiere, was mir ehrlich gesagt Sorgen bereitet. Darüber hinaus wirkte sie zu jung und wie auch Severina vermerkt hat, konnte die den Charakter der Person nicht recht vermitteln. Tomasz Konieczny war der Dreieinigkeitsmoses. Bei jedem Hören komme ich zu dem selben Eindruck. Der Pole verfügt zwar über einen großen Stimmumfang, aber der presst die Töne extrem nasal. Positiv muss ich erwähnen, dass er seinen S-Fehler, der mir immer sauer aufgestoßen ist, fast abgelegt hat. Christopher Ventris war bei uns bisher nur als Siegmund und Parsifal zu hören und gab vor einer Woche sein Wiener Rollendebüt als Jim Mahoney. Er bot eine solide Leistung, auch wenn er in der Höhe zu sehr auf die Stimme drückte und mir sein Akzent zu stark ist. Norbert Ernst war ein bemerkenswert guter Jack O’Brien; Clemens Unterreiner (Bill) und Wolfram Igor Derntl (Toby Higgins) ergänzten zufriedenstellend das Ensemble. Ein besonderes Lob gebührt den sechs Mädchen. Es sangen: Ileana Tonca, Valentina Nafornita, KS Ildikó Raimondi, Juliette Mars, Stephanie Houtzeel und Monika Bohinec. Warum KS Heinz Zednik, der über keine gute Sprechstimme verfügt (Angeblich war dem nie so.), mit der Sprechrolle des Kommentators betraut wurde, ist mir nicht ganz verständlich. Ingo Metzmacher dirigierte und da ich mangels Vergleichsmöglichkeiten nichts sagen kann, belasse ich es bei einem „Mir hat sein Dirigat gefallen.“ Absoluter Tiefpunkt war Il Hong als Joe. Um Himmels Willen! Wer auch immer auf die Idee gekommen ist, den Südkoreaner ins Ensemble zu holen, sollte sich schnellstens einen Termin beim Ohrenarzt suchen. Man kann durchaus sagen, dass es ein Glück war, dass Herr Hong auf der Galerie kaum zu vernehmen war, denn das, was zu hören war, klang alles andere als verlockend. Der junge Mann sang alles mit seiner Naturstimme. Auch die deutsche Aussprache ist geradezu abenteuerlich katastrophal. Das einzig positive, über das ich berichten kann, ist seine gute körperliche Verfassung, die es ihm erlaubt, auf einem Sessel zu balancieren. Offenbar werden die männlichen Neuzugänge danach ausgesucht und dazu kann ich nur sagen: Na Servas!
Billy :hello
P.S.: Die Aufführung war zwar vorgestern, aber da ich in allen meiner Berichte von "gestern" sapreche, handhabe ich es hier auch so. Übrigens war ich gestern im "Andrea Chénier", kann aber aufgrund Zeitgründen meinen Bericht erst morgen einstellen (Vorweg: Viel besser, wie am 28. Jänner). Noch dazu schulde ich Fairy im Thread zur "Zauberflöte" noch eine Antwort, die auch morgen kommen wird. Ich stelle mich heute für einen "Faust" an und zumal Jonas Kaufmann die Titelpartie singt, wird vermutlich viel Andrang sein, weswegen ich schon recht früh dort sein möchte.
Severina (02.02.2012, 13:24): "Nach einer Idee von Nicolas Joel und Stéphane Roche" steht auf dem Besetzungungszettel zu Inszenierung und Bühnenbild zu lesen, nur sucht man diese Idee drei Stunden lang vergeblich. Nun ist der Regisseur während der Proben erkrankt, die Produktion blieb also Stückwerk, aber wenn ich die mir bekannten Arbeiten von Joel zum Vergleich heranziehe, so wäre wohl auch unter normalen Umständen nichts wirklich Überzeugendes dabei herausgekommen. Was wir aktuell an der WSO haben, ist ein konzertanter "Faust" in Kostümen und provisorischen Bühnenbildern (Oder sollte es das schon sein???), nach einer wenigsten in Ansätzen vorhandenen Personenführung fahndet man vergebens. Dies wissend, hätte man seitens der Direktion also wenigstens für eine fulminante Besetzung sorgen müssen, für Singschauspieler, die mit ihren Rollen etwas anzufangen wissen, die aufeinander reagieren und miteinander agieren können, ohne dass ihnen das jemand vorhüpft. Ein Jonas Kaufmann alleine rettet keine verkorkste Inszenierung, wenn sich rund um ihn nur peinlichstes Mittelmaß breit macht, und wenn der dann auch nur auf Sparflamme brennt, so wie gestern, bleibt unterm Strich ein matter Opernabend übrig.
Haken wir gleich einmal das Thema "Inszenierung" und Bühnenbild ab: Ein halbhoher Vohang in einem verwaschenen Braun grenzt die eigentliche Bühne ab, dahinter erkennt man 5 Stellwände (drei quadratische und zwei längliche Rahmen mit transparenter Bespannung), eine Art Ettrichtaube schwebt davor, Faust sitzt auf einem Stuhl am linken Bühnenrand und beklagt sein Schicksal. Mephistos Auftritt ist eine ebensolche "Meisterleistung" der Regie wie Fausts Verwandlung vom Greis in einen jungen Mann: Ein schon zuvor deutlich sichtbarer und mit Klettverschlüssen zusammengehaltener Spalt im Vorhang wird aufgerissen, und herein tritt ein ältlicher Mann in Umhang, der mit einer diabolischen Erscheinung ungefähr so viel gemein hat wie ich mit Marylin Monroe. Später breitet er seinen Umhang aus und verbirgt damit Faust, der sich dahinter seines Rauschebartes und Hausrocks entledigt und dann als weiß gewandete Lichtgestalt wieder hervortritt. Der Balken mit dem braunen Vorhang kracht auf den Boden und wird von Bühnenarbeitern nach links und rechs hinausgezogen, übrig bleibt ein kleines Bündel - des alten Fausts Bekleidung - das von einem weiteren Helfer diskret entsorgt wird, wobei Mephisto und sein nun jugendlicher Schützling dieses ganze Manöver überflüssigerweise beobachten. Geht's eigentlich noch stümperhafter? Einen solchen Dilettantismus erlebt man nicht einmal auf einer Laienbühne, selbst dort wird man eine spektakulärere Lösung für diese beiden Szenen finden. Noch schneller ist der Rest dieser Nicht-Inszenierung erzählt: Die vorhin erwähnten Stellwände formieren sich in der Folge immer anders, kreisen oft aber auch nur sinnlos auf der Drehbühne herum, besonders störend während der ersten Begegnung Fausts mit Gretchen. In der Domszene bildet eine riesige, hässliche Orgel das Zentrum, Mephisto bearbeitet das Manual, das wie ein feuriger Höllenrachen aufklafft. Zumindest soll es das wohl suggerieren, in Wahrheit wundert man sich nur, wieso eine Orgel über ein Kamintürl verfügt...... Die ganze Bühnenhöhe einnehmende Gitterwände symbolisieren Gretchens Kerker, die dann bei ihrer Erlösung zurückweichen und von der Projektion der Kuppel der Peterskirche im wahrsten Sinn des Wortes überstrahlt werden. So weit, so simpel. Ähnlich plakativ geht es bei den Kostümen zu: Faust, Margarethe, Siebel, Marthe gehen in strahlendem Weiß einher, der Chor trägt Kostüme in einer Weiß-Grau-Schwarz-Kombination, die Soldaten kleiden sich in passendes Feldgrau. Lediglich Mephisto fällt aus dem eintönigen Farbrahmen, denn bei ihm dominiert Schwarz, aufgepeppt durch rote Handschuhe, rote Knöpfe und später ein knallrotes Hemd unter langem Ledermantel. Dazwischen darf er immer wieder relativ sinnfrei mit einem roten Fächer wedeln. Denn merke: Der Mann ist ein finsterer Geselle und Abkömmling der Hölle! Wenigstens wurde diesmal die Walpurgisnnacht gestrichen, was es dem Publikum erspart, Mephisto als Hell's-Angel-Karikatur in Lederkluft mit schweren Ketten über nackter Männerbrust ertragen zu müssen. (Das hätte bei einem Ruggero Raimondi sicher sehr sexy gewirkt, einen Albert Dohmen will ich mir so lieber nicht vorstellen......)
Der absolute Tiefpunkt dieser Inszenierung sind die Massenszenen, denn ein vom Regisseur völlig im Stich gelassener Chor steht meist nur hilflos herum und singt frontal ins Publikum. Besonders kirre macht mich das immer bei "Déposons les armes!", wo die schmissige Musik förmlich nach Aktion schreit und der in Reih und Glied aufgestellte Chor sie richtiggehend konterkariert. Dass er am Ende drohend zur Rampe vorrückt und die letzten Sätze in vokal eindrucksvoller Steigerung in den Zuschauerraum schleudert, ist dramaturgisch ebenso sinnfrei wie vieles an diesem Abend. Ach ja: Bei seinem ersten Auftritt wird der Chor musikalisch von schauerlich quietschenden Schuhsohlen untermalt, denn eine Schar Statisten übt sich in Tauziehen.... Ich hätte ja nie gedacht, dass ich je unserer alten Ken-Russell-Inszenierung nachweinen würde, obwohl mir das damals der Tenor prophezeit hatte, der sie vehemt gegen alle Kritiker in Schutz nahm. Wie recht hatte der Mann, heute gäbe ich ein Königreich dafür!
Nun kann so manche verkorkste Inszenierung durch die Sänger gerettet werden, aber siehe oben: Dazu muss man sie entsprechend auswählen! Falls unser toller Direktor tatsächlich der Meinung gewesen sein sollte, ein Jonas Kaufmann alleine könnte diesen Karren aus dem Dreck ziehen, so ging das jedenfalls in die Hose. Selbst ein noch so toller Singschauspieler kann keine Wunder bewirken, wenn seine Partner auf nichts eingehen und sich im Wesentlichen darauf beschränken, die Partitur möglichst unfallfrei zu exekutieren. Auch Kaufmann resignierte bald und fügte sich in den Rahmen des braven Rampensingens ein, lediglich in den Liebesszenen ging er ein bisschen aus sich heraus. Der Effekt war aber auch da nicht sehr groß, denn Inva Mula reagierte gelinde gesagt schaumgebremst auf seine emotionale Entäußerung und begnügte sich damit, dem in ihrem Schoß vergrabenen Faust den Kopf zu tätscheln. Irre ich mich, oder hörte man Kaufmann die Unlust an dieser Stehpartie auch stimmlich an? Nun bin ich es gewohnt, dass die erste Vorstellung einer Serie immer seine schwächste ist, also besteht Hoffnung für den Samstag, denn gestern wurde ich mit meinem Liebling nicht restlos glücklich. Natürlich ist das meckern auf hohem Niveau, denn insgesamt war es eine tadellose Leistung von Kaufmann, und trotzdem: Manchmal klang die Stimme belegt, die Piani trugen nicht ganz so, wie ich es gewohnt bin, seine Spezialität, die herrlichen Schwelltöne, gelangen nicht immer ganz bruchlos, und bei "Salut! Demeure chaste et pure" musste er beim Spitzenton zweimal ansetzen. (Was mich am wenigsten stört!) Dazwischen gab es natürlich ganz wunderbare Phrasen, wo die Stimme herrlich aufblühte, und in Kaufmanns dunkel-sinnlichen Timbre kann ich sowieso schwelgen! Außerdem: -11° gehen vielleicht auch an heiklen Stimmbändern nicht so spurlos vorüber!
Auch wenn die Oper "Faust" (oder im Original eigentlich "Marguerite") heißt - ohne präsenten Mephisto funktioniert sie nicht, und das war wohl das größte Manko des gestrigen Abends. Wie man auf die Idee kommen kann, diese Partie mit einem in jeder Beziehung farb- und profillosen Sänger wie Albert Dohmen zu besetzen, ließe ich mir von Dominique Meyer gerne erklären. Dabei muss der Mephisto eine Traumpartie für jeden Bass sein - was kann man da nicht alles herausholen! Hat sich Herr Dohmen je mit dem Charakter dieser Figur beschäftigt? Wohl kaum, sonst könnte er nicht derart unbeteiligt durch die Szene schreiten, nicht so beiläufig seinen Text abliefern, ohne jeden Versuch zu einer Gestaltung. Er wirkt in keiner Phase wie ein höllischer Verführer, sondern mehr wie Fausts väterlicher Freund, der ihm bei einem amourösen Abenteuer assistiert. Den satanischen Seelenfänger, der zynisch mit Menschenleben und Menschenglück spielt, der für das Elend Marguerites nur höhnisches Gelächter (Nicht einmal das gelang diesem Schmalspur-Teufel) übrig hat, den höllischen Marionettenspieler, an dessen Fäden alle zappeln, nimmt man ihn keinen Moment ab. Wären da nicht die roten Accessoires, die iihn aus der grauen Masse zumindest optisch herausheben, man würde diesen Mephisto die meiste Zeit gar nicht wahrnehmen. Leider auch stimmlich nicht, denn einen derart schwachbrüstigen Mephisto wie Albert Dohmen habe ich wahrlich noch nie gehört, und ich muss Herrn Youn, den ich vor drei Jahren so zerzaust habe, nachträglich Abbitte leisten. Der war zwar auch jeden Zoll kein Mephisto, aber wenigstens vokal den Anforderungen der Partie gewachsen (Sieht man von senem viel zu hellen Timbe ab!). Das "Rondo vom goldenen Kalb" im Stil eines Geburtstagsständchens vorgetragen - Weiß Herr Dohmen eigentlich, was er da singt?? - , in den Ensembleszenen quasi unhörbar, auch sonst immer wieder gegen das gar nicht laute Orchester ankämpfend und in keiner einzigen Szene Akzente setzend - eine solche Leistung ist der WSO unwürdig, tut mir Leid! Im Schlussterzett, wo eigentlich Mephistos Bass eindrucksvoll über den Stimmen des Liebespaares dröhnen sollte, hörte man zwar sehr kräftig Kaufmanns Tenor und darunter Inva Mula, von Herrn Dohmen konnte man nur aufgrund des auf- und zuklappenden Mundes annehmen, dass er irgendwie noch mit von der Partie war. Indiskutabel. Klar liegt die Latte sehr hoch, hatten wir doch das Glück, Ruggero Raimondi viele Male in dieser Partie erleben zu dürfen (Auch Kurt Rydl war ein sehr guter Mephisto), aber so niedrig wie gestern darf sie an der WSO einfach nicht abgesenkt werden.
Zu Inva Mula fällt mir nur "langweilig" ein, was sowohl ihre stimmliche wie auch darstellerische Darbietung betrifft. Ein Allerweltstimbre, das sich mir durch nichts einprägt, vor allem aber nicht zu Herzen gehend in der Interpretation. Das Publikum schien es gestern ähnlich gesehen zu haben, denn mit der "Juwelenarie" (O Dieu! Que de bijoux...) räumt ein Sopran normalerweise groß ab, gestern gab es nur einen kurzen und eher matten Höflichkeitsapplaus.
Adrian Eröd leidet wohl schon am längsten unter dieser Nicht-Inszenierung, denn er ist seit Jahren als Valentin mit von der Partie. Zuletzt hörte ich ihn vor drei Jahren, und der Vergleich fällt leider nicht zu seinen Gunsten aus. Natürlich ist er immer noch ein sehr guter Valentin, aber seine Stimme hat an "Schmeichelqualität" verloren, das, was ich immer als "balsamisch" bezeichne, hat gelitten. Mit "O sainte médaille" hatte er früher Begeisterungsstürme geerntet, gestern gab's nur starken Szenenapplaus und ein paar einsame Bravos, und das war auch angemessen. Ich hoffe wirklich von Herzen, dass Adrian Eröd noch einmal an seine großartigen Leistungen anschließen kann, er ist ein so wunderbarer Singschauspieler und hatte ein so außergewöhnlich schönes Timbre, um das es jammerschade wäre.
Muss ich mich wirklich zu Hans-Peter Kammerers Wagner äußern? Ich bitte es mir zu erlassen. Angeblich befindet sich unser Ensemble momentan auf einem "erfreulich hohen Niveau", wie in einem Wiener Forum behauptet wurde, ich muss also gestern wohl ein Problem mit den Ohren gehabt haben.....
Juliette Mars als Siebel bemühte sich um Innigkeit, klang in der Mittellage auch sehr angenehm, je höher es aber hinaufging, umso unangenehmer bohrte sich ihre Stimme in meinen Gehörgang, und ihr Vibrato lag hart an meiner Toleranzgrenze.
Monika Bohinec sang die Marthe und muss auf ihre Bewertung bis Samstag warten, denn ehrlich gesagt regte mich Albert Dohmen mit seiner Nicht-Präsenz gerade in der Gartenszene derart auf (Was hatte doch Raimondi daraus gemacht!), dass ich überhaupt nicht auf sie geachtet habe.
Bleibt noch der Dirigent, Alain Altinoglu, der schon nach der Pause mit Bravos empfangen wurde, was ich ehrlich gesagt nicht ganz nachvollziehen sein. Der sehr geschleppte erste Teil der Ouvertüre gefiel mir z.B. gar nicht, insgesamt bot er für mich eine sehr solide, aber nicht herausragende Leistung. Dass meine Meinung nicht mehrheitsfähig ist, zeigte mir die begeisterte Publikumsreaktion auf diesen Dirigenten. Er heimste fast mehr Bravos ein als die Solisten. Dabei zeigte sich das Wiener Publikum gestern nicht von seiner Butterseite, denn nach über drei Stunden dieser Stehpartie war es offensichtlich bereits so eingelullt, dass es sich nur zu einem sehr matten Applaus aufraffen konnte. Gerade einmal zwei Solovorhänge schafften die Sänger, dann leerte sich das Haus fluchtartig. Lag's an den -11°, dass jeder so rasch wie möglich heim wollte?? Ein bisschen mehr Begeisterung hätten sich zumindest Jonas Kaufmann und Adrian Eröd verdient, und Ersterer wird sich in seinem Vorurteil bestätigt fühlen, dass er in Wien nicht so richtig ankommt. Was in meinen Augen nicht stimmt, gestern musste er einfach für etwas büßen, was er nicht verschuldet hat, allerdings hat er sich der Fadesse auch nicht so entschlossen entgegengestemmt, wie ich das von ihm insgeheim erwartet hatte. Aber wahrscheinlich ist bei dieser Produktion wirklich nichts zu retten.....
Mein Fazit: Ich kann nur meinen Eingangssatz wiederholen: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.......
lg Severina :hello
Billy Budd (02.02.2012, 14:51): Wiener Staatsoper Mittwoch, den 1. Februar 2012 FAUST Charles Gounod
Eine ganze Reihe von Rollendebüts brachte der gestrige Faust, denn nur die Interpreten des Valentin und des Wagner hatten ihre Rollen schon in Wien gesungen. Wie Ihr sicher schon gemerkt habt, bin ich alles andere als ein Fan von Jonas Kaufmann, aber diese Beurteilung bezog sich nur auf Tonkonserven, denn ich hatte ihn noch nie live erlebt. Gestern war es soweit und mein Eindruck des Sängers hat sich nicht verändert. An einigen Stellen schmerzten meine Stimmbänder, denn Herr Kaufmann, dessen Karriere im Zenit steht, betreibt Raubbau mit seiner Stimme. Die Konsequenzen wird er in ein paar Jahren spüren. Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass er ein Bariton und kein Tenor ist. Freilich; manche Piani waren durchaus beeindruckend, konnten aber den insgesamt wenig begeisternden Gesamteindruck nicht aufbessern. Für eine große Überraschung sorgte Albert Dohmen als Mephisto. Andere Besucher waren wenig angetan, aber mir fehlt der Vergleich mit anderen Interpreten. Dass Herr Dohmen seine beste Zeit schon hinter sich hat, ist bekannt und so klingt auch seine Stimme. Immerhin war kaum ein Tremolo zu bemerken. In der Darstellung des Teufels blieb er einiges schuldig. Dem Rollenportrait hätte etwas mehr Dämonie gut getan. Trotzdem: Überraschend solide. Zu Inva Mula fällt mir nicht viel ein. Es handelt sich um einen 0-8-15-Sopran ohne nenneswerte Merkmale mit einem etwas störenden Vibrato und leicht blechernen Beiklang. Zu dem gleichen Eindruck kam ich übrigens, als ich sie im Februar 2011 als Mimí hörte. Adrian Eröd hat den Valentin gepachtet und zweifelsfrei war er der beste Sänger des Abends. Zu Beginn klang sein Bariton noch etwas angeraut, was sich aber im Laufe des Abends legte. Ich möchte noch auf die schauspielerischen Qualitäten des Sängers hinweisen. Weit abgeschlagen blieb hingegen Hans Peter Kammerer als nahezu unhörbarer Wagner. Juliette Mars schafft es nie, ihren Rollen Profil zu verleihen und blieb so auch als Siébel völlig unauffällig, was man von Monika Bohinec nicht behaupten kann. Allerdings klang letztere in der Höhe ein wenig schrill. Am Pult des überraschend gut spielenden Orchesters stand der von Dominique Meyer „entdeckte“ Alain Altinoglu. Er ließ sich viel Zeit, sodass die Aufführung um 22 Uhr noch lange nicht zu Ende war. Darüber hinaus hätte es Herrn Dohmen gut getan, hätte der Dirigent die Lautstärke zurückgenommen. Störend war auch, dass er bei Szenenapplaus das Ende praktisch nie abwartete und den Einsatz gab, als einige Besucher noch klatschten. Gut schlug sich der von Thomas Lang geleitete Chor. Die Walpurgisnacht wurde übrigens gestrichen. Dieser „Faust“ wird nicht in die Geschichte der Wiener Oper eingehen, allerdings handelte es sich um die erste von vier Vorstellungen.
Billy :hello
Billy Budd (02.02.2012, 15:14): Liebe Severina, es ist schön, dass wir einmal in der selben Aufführung waren, sodass wir auf der genau gleichen Basis diskutieren können. Dein Bericht ist ja viel ausführlicher, als meiner. Ich verhehle nicht, dass dies mein erster "Faust" war, was auch eventuell der Grund sein könnte, dass ich Dohmen nicht so schlecht, wie Du fand. Bezüglich der Inszenierung stimme ich Dir auf Punkt und Beistrich zu. Die ist wirklich ein Dreck. Zu Albert Dohmen: Seine nicht vorhandene Gestaltung ist mir schon öfters aufgefallen; sei es als Tomski, Komtur. Holländer oder Pizarro. Lediglich den verzweifelten/resignierten Wotan im "Ring" habe ich ihm so halbwegs abgenommen. Mir haben gestern zwei erzählt, dass er früher viel besser gewesen war. Wie gesagt: Gestern war er nicht so schlecht, wie im Oktober als Pizarro, aber trotzdem weit von Erstklassigkeit entfernt. Hans Peter Kammerer hat meiner Meinung nach soweiso nicht die stimmlichen Qualitäten, die es ihm erlauben, Ensemblemitglied an der STOP zu sein, auch wenn er sich hin und wieder Mühe gibt. Gestern tat er es nicht. Über den Diriganten stimmen wir auch völlig überein. Übrigens waren auch die anderen Stehplatzbesucher von seiner Leistung nicht übermäßig beeindruckt. Noch eine kleine Korrektur: Das "erfreulich hohen Niveau des Ensembles" wurde - wenn ich mich richtig erinnere - nicht in einem gewissen Forum, sondern in einer dortigen Kritik vermeldet. Gehst Du auch in die restlichen drei Vorstellungen? Billy :hello
Ingrid (02.02.2012, 15:59): Original von Severina Ein bisschen mehr Begeisterung hätten sich zumindest Jonas Kaufmann und Adrian Eröd verdient, und Ersterer wird sich in seinem Vorurteil bestätigt fühlen, dass er in Wien nicht so richtig ankommt. Was in meinen Augen nicht stimmt, gestern musste er einfach für etwas büßen, was er nicht verschuldet hat, allerdings hat er sich der Fadesse auch nicht so entschlossen entgegengestemmt, wie ich das von ihm insgeheim erwartet hatte. Aber wahrscheinlich ist bei dieser Produktion wirklich nichts zu retten.....
Mein Fazit: Ich kann nur meinen Eingangssatz wiederholen: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.......
lg Severina :hello
Liebe Severina,
wie traurig, dass Du nicht beim DC in München dabei sein konntest (einige Wienerinnen sind schon extra angereist), denn da hättest Du Akteure sehen können, die sich stimmlich und schauspielerisch einfach wunderbar ergänzten (der Posa hat sich zumindest bemüht, da irgendwie mitzuhalten). Bei den Liebesszenen blieb einem aber wirklich fast die Luft weg
Ist schon klar, dass Jonas bei dieser beschriebenen Nichtinszenierung und dazu noch recht spielmüden und nicht ganz idealen Partnern auch nicht zu voller Form finden konnte. Vielleicht trauerte er doch noch ein wenig diesen vergangenen Vorstellungen und evtl. auch denen des Faust an der Met nach (immer war Pape dabei). Neben einem Vollblutprofi ist er ja auch noch ein wenig Mensch :wink
Deshalb ist er wohl nicht einmal so ganz unglücklich gewesen, ziemlich schnell in sein Hotelzimmer zu kommen (alles natürlich nur meine Vermutung). Bei uns hielt der Applaus auf jeden Fall immer mindestens 20 Minuten an, wenn nicht länger und danach gaben er und die anderen Protagonisten meist noch Menschenmassen Autogramme.
Wünsche Euch lieben Wienern demnächst erfreulichere Vorstellungen und den Protagonisten robuste Stimmen, denn diese Kälte wird für alle schwierig werden.
:hello Ingrid
Severina (02.02.2012, 16:07): Lieber Billy,
es gibt Rollen, wo es mich nicht so stört, wenn ein Sänger nur rumsteht und schön singt, aber als Mephisto geht das gar nicht! Der ist schließlich der Drahtzieher der ganzen Geschichte, und so muss er auch agieren. Vor allem aber muss ein Mephisto wirklich eine Persönlichkeit sein, etwas Gewalttätig-Diabolisches, aber auch Erotisches (in der Gartenszene mit Marthe) ausstrahlen, man muss als Zuschauer ebenso in seinem Bann stehen wie Faust. Das Gelächter vor der Pause muss zynisch und abgrundtief böse klingen, das muss Gänsehaut erzeugen. Gestern verpuffte es völlig wirkungslos und kam auch viel zu schwach, als dass es hätte beeindrucken können. Und er muss auch richtig schön orgeln können, so z.B. bei "O nuit....", eine meiner Lieblingsstellen. Ich vermeide es ja tunlichst, Vergleiche mit der Vergangenheit anzustellen, weil ich der Meinung bin, jede Zeit hat gute und schlechte Sänger, aber gestern zerquetschte ich wirklich symbolisch ein paar Tränlein im Gedenken an Raimondis fulminanten Mephisto. Bei dem stand man drei Stunden unter Strom, gestern hatte ich hingegen einen totalen Stromausfall......
Bei Kaufmann werden wir uns wohl nie einig sein, macht nix :D. Etwas Angestrengtes kann ich beim besten Willen bei ihm nicht heraushören, im Gegenteil, er hat jede Menge Spielraum nach oben und ist wohl aktuell einer der wenigen Tenöre (Jawohl, das ist er für mich ohne Zweifel!! :D) mit einer wirklich freien und nicht gequetschten Höhe. Bis jetzt hatte da Beczala die Nase vorn, aber was ich in letzter Zeit von ihm hörte (Allerdings nur im Radio!) beunruhigt mich etwas - ich bin daher schon sehr gespant auf seinen Riccardo in Zürich. Dass Kaufmann gestern nicht alles glückte, es sicher keine Sternstunde von ihm war - keine Frage! Aber erfahrungsgemäß steigert er sich im Laufe einer Serie immer, deshalb wollte ich ursprünglich gestern gar nicht gehen, dann siegte aber doch die Neugierde.
Und Eröd... Ja, sicher, er war sehr gut, aber eben nicht so "über-drüber", wie ich es von ihm gewohnt bin. (Allerdings kam ich schon im Vorjahr zu dieser Diagnose...)
Am Samstag gehe ich wieder, ich hoffe nur, Kaufmann wirft nicht das Handtuch. Irgendwie hab ich kein so gutes Gefühl, denn dass ihn diese Inszenierung langweilt, konnte man ihm gestern deutlich anmerken. Er zählt zu den Sängern, denen es nicht reicht, sich hinzustellen und schön zu singen, er will von einem Regisseur gefordert werden, liebt auch moderne Konzepte. Unser "Faust" muss für ihn so sein, wie wenn Du einen Gourmet zu MacDonald's einlädst..... (Schon gar nach der offensichtlich tollen MET-Produktion, wo auch seine Partner von anderen Kalibern waren!)
lg Severina :hello
Billy Budd (03.02.2012, 17:06): Vor drei Tagen besuchte ich eine weitere Vorstellung dieser Oper, konnte mich aber bis jetzt noch nicht aufraffen einen Bericht zu schreiben, deshalb nur ein paar Sätze: Johan Botha hat sich enorm verbessert, auch wenn ich das Gefühl hatte, es wäre noch eine Steigerung möglich gewesen. Marco di Felice hat eine recht harte Stimme, war aber solide. Norma Fantini klang in der Höhe nach wie vor sehr schrill. Und - man glaubt es kaum - Benedikt Kobel war diesmal erträglich und Janusz Monarcha (Schmidt) sang besser, als sonst. Wolfgang Bankl halte ich nach wie vor für den besten Sänger des Abends. Die Schwachpunkte waren erneut Zoryana Kushpler und Michael Roider. Heute gehe ich noch einmal und werde wieder einen ausführlicheren Bericht verfassen. Billy :hello
Severina (03.02.2012, 17:35): Lieber Billy, ich bewundere Deine Ausdauer bei Opern, die Du eigentlich nicht magst, die könnte ich nie aufbringen. (Das meine ich jetzt ehrlich, nicht ironisch!) Wenn mir eine Musik nichts ins Ohr geht, ist sie vorerst einmal abgehakt, außer die Sängerleistungen sind so exorbitant, dass ich mir nur deshalb das Werk dreimal antue. Oder beurteilst Du den "Andrea Chenier" nun nach dem 3. Mal insgesamt freundlicher?
lg Severina :hello
Billy Budd (03.02.2012, 23:39): Liebe Severina, wäre ich am Montag in Wien, würde ich noch glatt in die vierte auch noch gehen. :cool Es macht einfach Freude, zu hören, wie ein Sänger - Johan Botha - von Vorstellung zu Vorstellung besser wird. Aber auch sonst hat sich der Besuch ausgezahlt, denn Michael Roider hat kurzfristig abgesagt und mit Norbert Ernst wurde ein exzellenter Einspringer gefunden. Bericht kommt morgen. Ich bin ja diese Saison sehr oft in der Oper und schaue mir auch gerne verschiedene Aufführungen einer Serie an, um vergleichen zu können. Meine Lieblingsopern - Andrea Chenier gehört nicht dazu :wink - könnte ich mir sowieso jede Woche anhören. Zu Deiner Frage, ob mir die Musik diesmal mehr zugesagt hat: Ja, eigentlich schon. Zumindest muss ich meine Aussage "vom ersten bis zum letzten Ton langweilig" zurücknehmen. Die paar letzten Takte gefallen mir zum Beispiel sehr gut und auch die kurze Szene der alten Madelon geht mir unter die Haut, obwohl sie bewusst auf die Tränendrüse drückt, was ich eigentlich nicht mag. ich hoffe nur, Kaufmann wirft nicht das Handtuch. Irgendwie hab ich kein so gutes Gefühl Nun ja, das wäre aber kein sehr professionelles Verhalten von ihm, oder? Über die Inszenierung hätte er sich doch schon bei Vertragsabschluss informieren können. Die Partner kann er sich leider nicht aussuchen, aber vielleicht führen diese Umstände dazu, dass er eben recht selten in Wien zu hören sein wird (Ja, des einen Freund, des anderen Leid! :D :cool). Was ich weiß, ist aber nächste Saison ein Parsifal geplant. Adrian Eröds Entwicklung finde ich auch sehr traurig. Und ich sehe das ganze pessimistischer, wie Du, denn ich bin mir sicher, dass er nie wieder zu seiner alten Form zurückfinden wird. Dazu bedürfte es eines Wunders. Es ist ein kompletter Schwachsinn, den Loge zu singen! Die wirklich hinreißende Darstellung hilft nichts, wenn er sich mit jedem hohen Ton plagt und gelegentlich in Sprechgesang ausweicht. Beczala liebe ich sehr und da ich noch den schrecklichen Shicoff im Ohr hab, beneide ich Dich um Denen Zürich-Aufenthalt enorm. Hoffentlich singt er in nächster Zeit oft in Wien. Angeblich wird unsere nächster Riccardo Alagna sein. Wie ich schon gesagt habe: Trübe Aussichten! X( Was hast Du denn von Beczala im Radio gehört, das Dir Sorgen bereitet? Monika Bohinec scheint eine der wenigen guten Entdeckungen unseres Direktors zu sein und ich bin schon auf Deine Eindrücke von morgen Sonntag gespannt, die ich allerdings erst am Donnerstag lesen werde können, denn ich bin ein paar Tage nicht in Wien. Billy :hello
Severina (05.02.2012, 00:03): Auch wenn mich das Gesamtpaket "Faust" am Mittwoch so gar nicht überzeugt hat, zog es mich doch wegen Jonas Kaufmann heute noch einmal hin. (Und ich kann schon jetzt verraten, dass es nicht das letzte Mal war...Ja, ja, ich weiß :engel)
Diesmal saß ich in der Proszeniumsloge, also hautnah am Geschehen, und konnte mich zumindest an Kaufmanns Mienenspiel erfreuen. Ansonsten fällt meine Bilanz ähnlich aus wie am Mittwoch, denn Verbesserungen und Verschlechterungen hielten einander die Waage.
Albert Dohmen fand ich heute nicht ganz so schrecklich, aber Mephisto ist er immer noch keiner. Immerhin dürften die offiziellen Kritiken, die ihm unisono zu wenig Persönlichkeit bescheinigten, bewirkt haben, dass er heute nicht wie ein Hausmeister durch die Szenen schlurfte, sondern mehr Körperspannung aufbaute und also eine Spur mehr Präsenz zeigte. Auch stimmlich merkte ich eine leichte Verbesserung. "O nuit" gelang ihm sogar recht gut, wenn es auch immer noch an bedrohlicher Schwärze mangelte, aber das Ständchen war wieder ein Jammerspiel. So unsinnlich, so bar jeder verführerischer Magie darf es wirklich nicht klingen! Insgesamt war Albert Dohmen auch heute für mich bestenfalls ein Schmalspurmephisto.
Inva Mulas Marguerite hätte ich lieber nicht aus der Nähe gesehen. Dass sie nicht wie ein junges Mädchen aussieht, dafür kann sie nichts, leider klingt auch ihre Stimme viel zu reif für eine naive Unschuld. Dafür kann sie auch nichts, wohl aber die Direktion, die diese Fehlbesetzung zu verantworten hat. Das größte Manko von Inva Mula ist aber ihr Unvermögen (oder Unwillen), die Marguerite auch zu spielen. Hände ringen und auf die Knie sinken ist jedenfalls nicht rollendeckend, auch scheint sie statt in Faust in den Souffleur oder Dirigenten verliebt gewesen zu sein, denn ihre Blicke galten nur ihnen. Da konnte sich Jonas Kaufmann noch so zersprageln in seiner Liebesglut, die Augen seiner Angebeteten sahen konsequent an ihm vorbei, und einige (von ihrer Seite eher mütterliche) Umarmungen waren das höchste, was sie in punkto Annäherung zuließ. Fausts Versuche sie zu küssen torpedierte sie hartnäckig durch Kopfwegdrehen bzw. den Kopf rasch an seiner Brust verbergen. Nun kann man das natürlich als Scheu der unschuldigen und im Umgang mit dem anderen Geschlecht unerfahrenen Marguerite interpretieren, aber so kam es zu mir nicht rüber. Frau Mula ist es sichtlich unangenehm, sich mit ihrem Bühnenpartner auf eine allzu realistische Liebesszene einzulassen, sie duldet offensichtlich nur dezente Andeutungen. Da ist sie bei Jonas Kaufmann natürlich an der falschen Adresse, der sich 100%ig mit seiner Bühnenfigur identifiziert und dem dann schon auch einmal die Gäule durchgehen, aber bei diesem Marmorklotz stand auch er auf verlorenem Posten, die Chemie zwischen ihm und seiner Partnerin stimmte einfach nicht. Dabei gibt es doch wahrlich Unangenehmeres als mit einem Jonas Kaufmann in den infight zu gehen, würde ich meinen :D! Wenn Frau Mula derartige Berührungsängste hat, ist sie meiner Meinung nach auf einer Opernbühne fehl am Platz und sollte sich auf konzertante Aufführungen konzentrieren!
Jonas Kaufmann steigerte sich wie erwartet gegenüber der ersten Vorstellung, "Salut! Demeure chaste et pure" gelang ihm heute wunderschön und ohne Ausrutscher, aber in absoluter Bestform ist er immer noch nicht. Speziell bei absteigenden Tonfolgen verlor die Stimme manchmal an Wohlklang und Volumen, aber das vergaß ich dann meist sehr rasch beim nächsten betörenden Piano.
Adrian Eröd, der beim Schlussapplaus wieder am meisten abräumte, erhält von mir die gleiche Bewertung wie am Mittwoch, ebenso wie die übrigen Beteiligten.
Immer noch unverständlich ist mir die große Begeisterung für Alain Altinoglu am Pult, der mir manchmal zu sehr schleppt und es schafft, trotz gestrichener Walpurgisnacht um 15 Minuten zu überziehen. (Und das liegt nicht etwa an falschen Zeitangaben im Programmheft.....)
Mein Fazit: Auch diesmal nur solides Mittelmaß rund um einen sehr guten Jonas Kaufmann, der vergeblich gegen die inszenierte Fadesse ankämpft.
lg Severina :hello
Heike (05.02.2012, 00:11): Dabei gibt es doch wahrlich Unangenehmeres als mit einem Jonas Kaufmann in den infight zu gehen, würde ich meinen
lol Ich stelle mir gerade vor, wie Kaufmann sich wohl mit so einer Partnerin fühlen mag. Also da Höchstleistungen zu bringen ist dann schon mehr als bemerkenswert. Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, dass Profis sich davon nicht mehr beeindrucken lassen, mit wem sie zusammen singen und spielen. Das merken die doch auch, dass die Partnerin fehlbesetzt ist; und wenn sie dann noch kalt wie ein Fisch agiert, dann noch Feuer und Erotik in die Stimme zubringen, das stelle ich mir auch nicht einfach vor. Heike
Severina (05.02.2012, 00:45): Genau, und diese "Was-soll-ich-denn-noch-machen?"-Verzweiflung hat man dem armen Jonas irgendwie angemerkt! Am größten ist ja, wenn er in höchster Extase seinen Kopf in Marguerites Schoß wühlt, sie ihm wie einem Hund ein bisschen den Scheitel tätschelt und dabei starr den Dirigenten anschaut. Da ist man dann schon versucht der Frau zu empfehlen, ihre Berufswahl zu überdenken.....
Noch dazu, wo Inva Mula eben nicht über eine so tolle Stimme verfügt, dass man alles andere darüber vergisst.....
lg Sevi :hello
Flosshilde (05.02.2012, 12:50): Hallo Forianer,
Original von Billy Budd Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass er ein Bariton und kein Tenor ist.
Dieser Äußerung wage ich ebenfalls zu widersprechen: Jonas Kaufmann ist 100%ig kein Bariton, einfach weil er überhaupt keine tragfähige Tiefe hat, unterhalb des c kommt beim ihm mehrheitlich nur „heiße Luft“.
Wie so vieles sind auch Stimmlagen sicher diskutierbar, aber sie definieren sich allgemein über den (mittleren) Stimmumfang: • Bariton G bis g’ • Tenor c bis c'' Und danach ist Jonas Kaufmann Tenor, er mag wie ein Bariton klingen, aber der Stimmklang alleine macht irgendwie noch keinen Bariton aus.
Ich bin zugegebenermaßen von Jonas Kaufmann sehr angetan, und deshalb in der Beurteilung seiner Stimme evtl. nicht immer ganz objektiv. Allerdings habe ich sehr viel von dem gehört, was er je gesungen hat und wage zu behaupten, seine Stimme aus Zuhörersicht gut zu kennen. Deshalb widerspreche ich auch der Aussage, er würde Raubbau mit seiner Stimme betreiben. Genau wie Severina kann ich diese Äußerung nicht nachvollziehen, denn für meine Ohren gibt es keinerlei außergewöhnlichen Anstrengungen in seinem Gesang zu hören.
Wahrnehmungen sind bei uns Menschen eben unterschiedlich, dazu kommt dann noch die reine Geschmacksfrage und Jonas Kaufmann scheidet bekanntermaßen die Geister. :wink So stimme ich zum Beispiel allen hier getätigten Äußerung über seine beeindruckende Piani zu 100% zu, allerdings gibt es da ebenfalls eine Menge gegensätzlicher Aussagen, die behaupten er könne gar kein Piano singen, seine Stimme klänge farblos, wäre nicht tragfähig und unhörbar. Ich frage mich dann manchmal, was ich da in den äußersten Winkeln der größten Häuser problemfrei höre, aber vielleicht ist es eine Sache des Trainings oder ein Problem von beginnender Taubheit im Alter?
Original von Severina …ich hoffe nur, Kaufmann wirft nicht das Handtuch. Irgendwie hab ich kein so gutes Gefühl…
In diesem Punkt werfe ich mich auch einmal für meinen Liebling in die Bresche. Ich habe Jonas als seriösen ernstzunehmenden Künstler kennengelernt, der nicht in einer laufenden Produktion das Handtuch wirft. Auch dass Wien das Gefühl hat, ein Stiefkind zu sein, was seine Auftritte dort betrifft, kann ich nicht nachvollziehen, 5x Don Carlo an der BSO + 1 Liederabend und 4xFaust in Wien + 1 Liederabend, ich sehe da keinen wesentlichen Unterschied.
Liebe Grüße
Flosshilde
Severina (07.02.2012, 15:37): Liebe Flosshilde,
ich halte Kaufmann durchaus für einen Profi und habe auch nicht ernsthaft angenommen, dass er das Handtuch wirft, das war eher von meiner Warte aus gedacht: Ich an seiner Stelle wäre wahrscheinlich weniger Profi und wäre nicht noch drei weitere Male bereit, für diese flaue Serie die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Denn ohne Jonas wäre das Haus schon bei der zweiten Vorstellung halb leer gewesen. (Der Jänner ist kein Touristenmonat, und die gehen außerdem eher nicht in so "exotische" Opern - exotisch für Leute, die gerade einmal die Mainstream-Werke kennen.)
Und im Übrigen hast Du Recht, es ist wirklich witzig, wie Kaufmann polarisiert: Entweder man liebt ihn oder man lehnt ihn total ab - dazwischen scheint es kaum etwas zu geben.
lg Severina :hello
Schweizer (07.02.2012, 19:54): Hallo Flosshilde, hallo Severina, ich stimme überzeugt zu, dass Jonas Kaufmann ein Tenor ist: was BillyB dazu geäussert hat, ist schlicht Quark; natürlich muss er Kaufmann nicht mögen, es sei ihm unbenommen Tenöre mit hellerem Timbre zu bevorzugen. Und wir in Zürich müssen in der Spielzeit 2011/12 mit zwei Gala-Abenden und einem Gemischt-Waren-Programm zufrieden sein! Erstes und Zweites Bild aus «La Bohème» von Giacomo Puccini Zweiter Akt aus «Carmen» von Georges Bizet Dritter Akt aus «Tosca» von Giacomo Puccini Wegen Anja Harteros und ihm bin ich ja schliesslich im Januar zum Münchner Don Carlo gereist. Gruss vom Schweizer
Severina (08.02.2012, 00:08): Diejenigen, die mich für verrückt halten, mir dreimal "Faust" anzuschauen, und insbesondere den Namen Jonas Kaufmann nicht mehr lesen können, mögen bitte weiterklicken :D!
Aber auch für die anderen habe ich nicht viel Neues zu vermelden, außer dass mich die heutige Vorstellung doch einigermaßen mit dem Dirigat Alain Altinoglus ausgesöhnt hat. Da man das Geschehen oder besser Nicht-Geschehen auf der Bühne die meiste Zeit getrost vernachlässigen kann, habe ich mich heute intensiver als sonst mit dem Dirigenten beschäftigt, was von der Proszeniumsloge aus natürlich besonders gut funktioniert. Und ich muss sagen, das Kerlchen (Sehr schlank, nicht sehr groß, kohlschwarzer Wuschelkopf) hat nun die Philis gut im Griff, und im Unterschied zur ersten Vorstellung gab es heute keine Wackelkontakte zwischen Bühne und Graben. Altinoglu sorgte für einen sehr transparenten, schlanken Orchesterklang, vor allem ohne jede Zuckerglasur, unter der Gounods Musik oft erstickt wird. Er atmete auch mit den Sängern, und das im wahrsten Sinn des Wortes, denn die meiste Zeit sang er lautlos mit. Besonders den Chor trieb er mit totalem Körpereinsatz zu einem wahren Furioso an. Normalerweise mag ich es nicht so, wenn sich ein Dirigent wie Rumpelstilzchen gebärdet und wild herumhüpft, aber bei Altinoglu hatte ich keine Sekunde das Gefühl, dass das Show ist, er vermittelte vielmehr den Eindruck, dass die Musik von seinem ganzen Körper Besitz ergriffen hatte.
Ich muss gestehen, dass mich schon lange kein Dirigent mehr so in seinen Bann gezogen hat, dass ich beinahe vergaß, auf die Bühne zu schauen, wenn es dort wieder interessant wurde :wink. Nur die Ouvertüre gefällt mir nach wie vor nicht in diesem zerdehnten Tempo, aber dem Rest würde ich heute die Note Sehr gut geben.
Jonas Kaufmann scheint mit Inva Mula zu einer Art modus vivendi gefunden zu haben, denn der Eisblock taute heute zumindest etwas an. Nicht dass es wirklich geprickelt hätte, aber ich nahm ihnen zumindest ansatzweise das Liebespaar ab. Kaufmann wechselte anfangs die Gangart, benahm sich etwas zurückhaltender als in den ersten beiden Vorstellungen und verhinderte damit einen Fluchtreflex bei seiner Marguerite. Sie ließ seine zärtlichen Annäherungsversuche zu und schien sie sogar ein wenig zu genießen, sodass die Gartenszene heute doch ein bisschen von dem vermittelte, was sie eigentlich sein soll. Aber von einem idealen Liebespaar sind sie nach wie vor meilenweit entfernt - kein Vergleich zum fulminanten Duo Kaufmann - Koch im vorjährigen "Werther", wo wirklich die Post abging.
Gesanglich war es wieder eine sehr gute Leistung von Jonas Kaufmann, aber keine Sternstunde - dazu braucht es wohl das passende Umfeld.
Was den Rest des Ensembles betrifft, deckt sich meine heutige Kritik mit der vom letzten Mal, mit der einzigen Einschränkung, dass Siebel/Juliette Mars keinen guten Abend erwischt hat, denn sie ließ mich bei so manchem schrillen Ton zusammenzucken.
Mein Fazit: Wenn rundherum trauriges Mittelmaß herrscht, kann auch ein Klassesänger nicht zur Höchstform auflaufen!
lg Severina :hello
Schweizer (08.02.2012, 13:32): Hallo Severina, ich unterschreibe Dein Fazit: vor langen Jahren gab's in Basel mal eine *Fanciulla del West* mit einem Tenor-Langweiler als Dick Johnson; als er dann wegen Verkühlung passen musste und Ion Buzea für mehrere Vorstellungen aus Wien eingeflogen wurde, waren diese Vorstellungen um Lichtjahre besser als die zuvor, da es zwischen der Minnie/Marilyn Zschau und dem Gast knisterte. Bis dahin war sie rollendeckend-gut, mit Buzea als Partner umwerfend. Gruss vom Schweizer
Billy Budd (09.02.2012, 11:48): Wiener Staatsoper Freitag, den 3. Feber 2012 ANDREA CHÉNIER Umberto Giordano
Der rosarote Zettel auf dem Abendplakat machte eine kurzfristige Umbesetzung bekannt: Norbert Ernst würde für den erkrankten Michael Roider einspringen. Und – ich nehme es vorweg: Herr Ernst war der Höhepunkt der Vorstellung. Wirkte er zu Beginn noch etwas unsicher, so konnte er später beweisen, dass ihm die Rolle des Spitzels wie auf den Leib geschneidert ist. Mit dem jungen Österreicher haben wir ein Juwel im Ensemble und wenn er sich weiterhin so gut entwickelt, wird er uns noch viele große Abende bescheren. Aber man kann diese Oper ja nicht „Incroyable“ nennen. Also sei noch darauf hingewiesen, dass Wolfgang Bankl nach wie vor einen sehr guten Mathieu verkörperte, auch wenn seine Leistung in Bezug auf die beiden ersten Vorstellungen leicht abfiel. KS Johan Botha hat sich wieder gesteigert und nach dieser Vorstellung war ich sicher, dass er erst in der letzten richtig fulminant werden würde, aber Berichten im T-Forum zufolge, scheint dem nicht so gewesen zu sein. Für eine große Überraschung sorgte Franco Vassallo, denn nach dem recht mittelmäßigen Jago war ich sehr angenehm überrascht. Mir gefällt sein Timbre gut, aber es klang alles recht laut und eindimensional, mit wenig stimmlichen Nuancen. Meinen Eindruck von Norma Fantini hat such nicht verändert; ich verweise auf meinen Bericht zur ersten Vorstellung der Serie. Zoryana Kushpler Auch die kleine Rolle der Bersi gehört an einem ersten Haus wenigstens halbwegs akzeptabel besetzt. Mit Maria Jose Montiel wurde eine junge Interpretin der Madelon gefunden. Ihre Stimme ist interessant timbriert, hat aber ein leichtes Tremolo. Für die Madelon wäre das ja sogar passend, aber nicht, wenn die Stimme sonst sehr jugendlich klingt, was aber Kritiseren auf hohem Niveau ist. Aber: Es fällt auf, dass es im Ensemble der Staatsoper keine verdiente alte Sängerin gibt, der man solch eine Rolle anvertrauen kann (Auch andere Altersrollen, wie die Mary oder Marcellina müssen so regelmäßig mit jungen Ensemblemitgliedern besetzt werden.). Deshalb musste offensichtlich ein Gast her. Die einigermaßen passable Leistung von Benedikt Kobel (Abbé) am 31. Jänner dürfte nur ein Zwischenhoch gewesen sein. Positiv muss ich vermerken, dass er sehr gut spielte. Am liebsten überhört hätte ich die Darbietung von Aura Twarowksa (Contessa di Coigny); zufriedenstellend agierte Marco Caria (Roucher) und Janusz Monarcha war ein überraschend guter Schmidt. Pinchas Steinberg war ein verlässlicher Mann am Pult.
P.S.: Mir fällt auf, dass mein Bericht eigentlich nur die Bezeichnungen „gut“ und „schlecht“ enthält, was ich immer zu vermeiden suche. Jetzt geht es leider nicht anders, da die Aufführung schon eine knappe Woche zurückliegt und ich mich nicht mehr so gut erinnern kann. Dummerweise habeich mir keine Notizen gemacht.
Billy :hello
Billy Budd (09.02.2012, 11:55): Liebe Flosshilde, Ich habe geschrieben: Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass er ein Bariton und kein Tenor ist. und nicht: Er ist ein Bariton und kein Tenor. Ich will Jonas Kaufmann natürlich nicht seine Qualitäten absprechen, aber ich kann mit ihm nichts anfangen. Belassen wir es dabei! Übrigens habe ich mir unlängst seine Florestan-Arie (mit Rezativ) auf Youtube angehört, denn ein Freund, der ihn auch nicht ausstehen kann, hat mir gesagt, dass er die noch halbwegs packt. Und das gefällt mir sogar recht gut. :) Und – bitte fasse das nicht als Provokation auf, mich interessiert es wirklich! –warum bezeichnest Du ihn öfters als „Jonas“ (Ich nehme nicht an, dass Du mit ihm per Du bist :wink )? Wenn ich über meine Lieblingssänger rede, sage ich nämlich immer „die Pieczonka“, „der Grundheber“ oder „der Fink“ anstatt „die Adrianne“, „der Franz“ oder „der Walter“. Billy :hello
Severina (09.02.2012, 13:30): Lieber Billy, also, jetzt lass mal bitte die Kirche im Dorf, wie jemand über seine Lieblinge redet, ist wirklich jedem selbst überlassen. In Wien hat's eine lange Tradition, Publikumslieblinge mit Vornamen oder sogar Spitznamen zu bezeichnen, das hat nichts damit zu tun, wie nahe man ihm privat steht. (Villazón ist angeblich mit allen seinen Fans per Du, hab ich mir sagen lassen.) Im privaten Kreis sage ich auch oft Jonas, Rolando, Cecilia, etc., obwohl ich keinen meiner "Lieblinge" persönlich kenne und das auch gar nicht anstrebe. Hier, wo die ganze Welt mitlesen kann, ziehe ich die distanziertere Anrede vor, aber das kann doch jeder halten, wie er will. Mit mangelndem Respekt vor dem Künstler hat das jedenfalls überhaupt nichts zu tun, falls das der Hintergrund Deiner Bemerkung sein sollte.
lg Severina :hello
Billy Budd (09.02.2012, 14:50): Liebe Severina, meine Frage war absolut ohne Hintergedanken. Natürlich kann jeder Sänger so ansprechen, wie er will (Dagegen habe ich natürlich nichts!), mich hat es nur interessiert. Wie gesagt benutze ich nie den Vornamen, denn das käme mir (ich betone: mir) distanzlos vor. Billy :hello
Schweizer (09.02.2012, 16:40): Hallo BillyB, erst mal alles Gute zum Geburtstag, ich wünsche Dir viele faszinierende Opernerlebnisse im neuen Lebensjahr! Und an dieser Stelle sei gleich ein herzliches Dankeschön für all Deine Berichte von der STOP angefügt. Nun habe ich eine Frage: was führst Du eigentlich für einen Rachefeldzug gegen Frau Kushpler? Dass Du mit ihrer Stimme nichts anfangen kannst, ist ja okay, dass Du Dich aber in Deinem jüngsten Chénier-Bericht zu einer beleidigenden Äusserung, Zitat: "So eine peinliche Erscheinung wie Zoryana Kushpler hat auf der Staatsopernbühne sowieso nichts verloren.", versteigst, finde ich ein starkes Stück, ist doch Frau K, so wie ich sie von Bern in Erinnerung habe, eine junge Frau mit einer attraktiven Figur? Gruss vom neugierigen Schweizer
Billy Budd (09.02.2012, 17:13): Lieber Schweizer, für die Geburtstagswünsche haben wir ja eigentlich einen eigenen Thread :wink , aber trotzdem danke! Du hast Recht: Der eher gedankenlos geschriebene Satz bezüglich Zoryana Kushpler kann durchaus als Beleidigung verstanden werden, deshalb habe ich ihn aus meinem Bericht entfernt. Nein, Rachefeldzug führe ich keinen gegen sie. Ich halte sie nur für eine maßlos überschätzte Sängerin. Ich muss zugeben, dass ich sie auch einmal recht gerne mochte, aber seit dem sie in den letzten zwei Monaten vier größere Rollen (Annina, Orlofsky, Ulrica und Bersi) katastrophal gesungen hat, kann ich ihr nichts mehr abgewinnen. Eine attraktive Figur hat sie ja, aber von einer Opernsängerin erwarte ich mir mehr. Ich finde ihre Stimme alles andere als interessant timbriert oder sonst wie außergewöhnlich; Höhen sind schrill, Tiefen hat sie nicht und es gibt auch bessere Darsteller. Das ist natürlich nur meine subjektive Meinung. Billy :hello
Billy Budd (12.02.2012, 19:01): Wiener Staatsoper Samstag, den 11. Feber 2012 IL BARBIERE DI SIVIGLIA Gioachino Rossini
Manchmal geschehen Wunder: Ich hatte mir nicht mehr, als eine solide Repertoirevorstellung erwartet und wurde mit einer erstklassigen überrascht! Es ist kaum zu glauben, dass ausgiebig geprobt wurde – war doch der „Barbiere“ in dieser Besetzung diese Saison nur einmal angesetzt (Leider!, muss ich sagen; sonst wäre ich sicher noch einmal dort!). Doch die Vorstellung sprühte vor Witz und war zum Brüllen komisch; von den gesanglichen Leistungen her war es zwar keine Sternstunde, aber weit mehr, als solides Repertoire. Bedauerlicherweise fanden sich kaum Stammbesucher auf dem Stehplatz ein. Ich war jedenfalls mit einer guten Freundin einig, dass es in letzter Zeit keinen so annähernd guten „Barbiere“ in der Wiener Staatsoper gegeben hat. Ich hätte nie gedacht, dass ich auch von einer komischen Oper so bewegt sein könne. Bei meinem Heimkommen war ich ganz aus dem Häuschen, konnte bis spät in die Nacht nicht schlafen und meine Begeisterung hielt auch noch am nächsten Tag an. In dieser Spielzeit ist Rossinis Meisterwerk an zehn Abenden angesetzt – an neun verkörpert Alfred Šramek den Bartolo. Ich habe schon öfters betont, dass Herr Šramek ein hervorragender Darsteller und unverzichtbares Ensemblemitglied ist, doch nachdem ich ihn einige Male als Bartolo erlebt habe, wurde es langsam, aber sicher etwas mühsam und so war ich auf den gestrigen Abend gespannt, an dem Wolfgang Bankl die Rolle verkörpern sollte. Herrn Bankl schätze ich sehr und so hat er mich auch gestern alles andere, als enttäuscht. Unser Šramek in Ehren, aber Wolfgang Bankl ist der weit bessere Interpret – stimmlich, wie darstellerisch. Im Detail: Fast alle Šramek’schen Gags hat Herr Bankl übernommen (Dazu gehören unter anderem sein Händeabwischen im Bühnenvorhang und seine verwunderte Geste, als die Haustür nur zwei, statt drei Mal zugesperrt wird), und noch neue hinzugefügt. Besonders lustig fand ich, dass er hin und wieder ein deutsches Wort einstreute. Nicht nur rief er dem niesenden Ambrogio ein deutlich hörbares „G’sundheit!“ zu; im zweiten Akt hat er eine Ariette vorzutragen, die angeblich der „große Cafariello“ gesungen hat. Herr Bankl änderte diesen Namen auf „Alfredo Šramek“, was aber im Zuschauerraum kaum für Heiterkeit sorgte – ich schließe das daraus, da kaum Stammbesucher anwesend waren. Er fiel keine Sekunde aus der Rolle und es war zu merken, dass ihm der Abend Freude machte. Auch während Solostellen anderer Sänger tat er oft etwas (Leider habe ich den Großteil seiner kleinen, aber wirkungsvollen Späße schon vergessen.), ohne sich unangenehm in den Vordergrund zu spielen. Nachdem er die Stiege hinaufgelaufen war, keuchte er mehrmals und als er während der Gesangsstunde einnickte, gab er einen Schnarchlaut von sich. Als zum Beispiel Basilo „La Callunia“ anpries, rieb er sich wie ein Kind freudig die Hände und bewies auch Geistesgegenwart: Nachdem Basilo unabsichtlich mit dem Kopf gegen die Wand stieß, bekreuzigte er sich schnell und griff sich gegen den Kopf, als wolle er zeigen, dass es mit diesem alten Intriganten nicht mehr lange gut gehen werde. Köstlich war auch, als er während der Gewittermusik mit weiten Sprüngen davoneilte. Diese Komik driftete aber keinen Moment in peinlichen Klamauk oder billige Outrage ab; nein, ganz im Gegenteil. Er fügte sich problemlos in das Ensemble ein und drängte sich nie in den Vordergrund. Darüber hinaus war er auch Person absolut glaubhaft: Weder ein seniler Greis, noch ein brutaler Machtmensch., sondern ein recht skuriller, aber liebenswürdiger, wenn auch eigenartiger Vormund. Er machte aus der Rolle keine plumpe Witzfigur. Natürlich gehört der Bartolo nicht nur gut gespielt, sondern auch ebenso gesungen, was Herr Bankl auch ausgezeichnet meisterte. Sein angenehm timbrierter Bass besticht sowohl durch eine wunderbar aufblühende Tiefe, als auch durch eine gute Höhe und Mittellage. Es fiel ihm nie schwer, seine Bombenstimme zurückzunehmen und das zungenbrecherische Parlando am Ende brachte er auch gut über die Rampe. Auch die Diktion des Sängers lässt nicht erahnen, dass dieser aus Wien stammt und italienische Opern nur einen Teil seines umfangreichen Repertoires einnehmen. Darüber hinaus verfügt er über ein ausgezeichnetes Falsett, denn er konnte mehrmals Rosinas Koloraturen nachahmen. Bevor ich mich zu sehr verzettle: Diese Leistung war exorbitant großartig und Herr Bankl wird von denen, die ihn nur als soliden Haussänger und gemütlichen Wiener sehen, enorm unter seinem Wert gehandelt. Jedes andere Opernhaus könnte auf ein solches Ensemblemitglied stolz sein! Wer meint, Herr Bankl könne nur komische Rollen gestalten, irrt. Ich kenne ihn auch unter anderem brutalen Klingsor (In dieser Mielitz-Inszenierung ist er leider jeglicher Dämonie beraubt.), tollpatschigen Truffaldin, jähzornigen Dikoj, leicht senilen Benoit und mürrischen Alcindor. Jeden diesen Charaktere gestaltete er herausragend – stimmlich, wie darstellerisch. Einzig als Musiklehrer hat er mir missfallen, denn dieser Part liegt ihm viel zu hoch, aber diese Fehlbesetzung hat die Direktion zu verantworten. Zu meiner Zeit als Opernfan sang er auch noch Figaro (Nozze), Mesner, Papageno, Leporello, Ochs und La Roche. Weiß der Teufel, weshalb ich da nicht hingegangen bin, darob ärgere ich mich nun grün und blau. Die anderen Protagonisten erreichten nicht ganz sein Niveau, aber es ist von durchaus sehr erfreulichen Leistungen zu berichten. Allen voran sei Michele Pertusi genannt, der sich zu einem Luxus-Basilo entwickelt hat. Mir gefällt sein schwarzes Timbre und er bot auch darstellerisch eine exzellente Leistung. Positiv ist mir aufgefallen, dass Bartolo und Basilo diesmal auch äußerlich harmonierten. Zwei Männer in den besten Jahren (Die Maske hat beide altern lassen.) hinterlassen eine viel stärkere Wirkung, als wenn sich der 26-jährige Adam Plachetka zu dem 60-jährigen Alfred Šramek (der aber älter aussieht) gesellt. Benjamin Bruns hatte im Oktober 2010 mit dem Almaviva (Seit gestern steht auf dem Abendzettel wieder die italienische Variante, ich bin gespannt, für welche Schreibung man sich längerfristig entscheidet!) am Haus debütiert. Gestern habe ich zum ersten Mal in dieser Rolle erlebt und eine sehr positive Überraschung erlebt, denn Herr Bruns ist mir noch nie sonderlich positiv aufgefallen (Sein Tamino war sehr grenzwertig und als Jaquino stand er großteils nur gelangweilt in der Kulisse herum.). Diesmal waren plötzlich keine Höhenschwierigkeiten hörbar und ich möchte Euch auf die Rezension im „Neuen Merker“ von Renate Wagner – einer Kritikerin, der ich nicht immer zustimme, aber diesmal kann ich jedes ihrer Wörter unterstreichen (Mit der Ausnahme, dass ich diesmal keine eingelegten Spitzentöne gehört habe; vielleicht war dies vor zwei Jahren anders.) – vom 12. Oktober 2010 verweisen, die ich mir erlaube, zu zitieren (Quelle: Der Neue Merker, Heft 11/2010, Seite 20): „Für den Deutschen Benjamin Bruns bedeutete dieser Abend überhaupt sein Debut am Haus und man kann ihn nur mit offenen Armen in Empfang nehmen. Eine sehr helle, doch recht „deutsche“ Stimme, die an die Tradition von Peter Schreier erinnert (ohne dessen unverwechselbares Timbre zu besitzen), die aber für das schlanke italienische Belcanto-Repertoire die nötige Fülle entwickeln kann. Von seinem ersten Auftritt an zeigte sich der zweifellos noch sehr junge Sänger in Geberlaune und bewies, dass Rossini eine Schule des Singens sein kann, wenn man es denn kann: Er war immer noch zu einer „Draufgabe“, einem Triller, einigen Koloraturen, Pianissimo-Stellen, Spitzentönen bereit. Einmal hielt er einen Ton endlos, während er von der Bühne lief und wieder zurückkam. Als Betrunkener und erst recht in Verkleidung als Abbé genoss er das parodistische nasale Verzerren der Stimme, und alles, was er mit diesem bemerkenswerten Tenor (dessen Zukunftspotential man bei so viel befriedigender Gegenwart auch mitzuhören meint) leistete, wurde noch durch seine ausgelassene Spielfreude getoppt. Dabei zeigte er vor allem als Sänger eine ausgefeilte Disziplin, die ihm an diesem Abend niemand gleich machte. Kurz, dass Benjamin Bruns Mitglied des Staatsopern-Ensemblemitglied ist, hat sich auf Anhieb als Gewinn herausgestellt.“ Die Schlussarie sang er nicht, aber ich habe dieses Stück nicht wirklich vermisst. Schwachpunkt der Aufführung war die Rosina der Laura Polverelli. Aber in Bezug auf September 2011 war eine Steigerung bemerkbar. Ihr Timbre ist nicht umwerfend schön und ihr Vibrato ist für mich an der gefährlichen Grenze zum Tremolo, aber sie bewies ausgezeichnete Koloraturgeläufigkeit. Zwischen ihr und Herrn Bruns schien die Chemie zu stimmen, denn sie zeigten im Umgang miteinander keinerlei Berührungsängste. Markus Werba war in seiner Auftrittsarie nicht gut hörbar, aber er steigerte sich im Laufe des Abends. Gesanglich lieferte er eine gute Leistung ab, aber auch er bot eine ausgezeichnete schauspielerische Leistung. Als Eisenstein zum Jahreswechsel 2010/11 hat er mir nicht gefallen (Es ist aber auch keine gute Idee, ihm eine Rosalinde und Adele zu Seite zu stellen, die ihn beide um einen Kopf überragen.), doch der Figaro kommt seiner Stimme weit besser entgegen. Der ausgezeichnete Fiorello von Marcus Pelz empfiehlt ihn für größere Aufgaben (Besonders lustig war, als er aus dem Orchestergraben kommend einen Musiker begrüßte.) und Donna Ellen kreischte auch diesmal, aber schauspielerisch bot sie eine sehr gute Leistung. Bleibt noch Florian Tomaschitz zu erwähnen, der aus der stummen Rolle des Ambrogio das Maximum herausholte; Oleg Zalytskiy war ein passabler Offizier. Es macht wirklich Freude zu hören, wie Michael Güttler den „Barbiere“ von Vorstellung zu Vorstellung besser dirigiert. Diesmal war es wirklich ein ausgezeichnetes Dirigat. Das Orchester spielte sehr gut. Wie auch die „Bohéme“ am 7. Dezember 2011 sah der gestrige „Barbiere“ erst nach einer unspektakulären Vorstellung aus, aber heraus kam eine kilometerweit über dem Durchschnitt stehende. Meiner Meinung waren diese beiden Aufführungen die bisherigen Höhepunkten der Saison. Wie auch bei der „Bohéme“ wusste das Publikum die ausgezeichneten Leistungen nicht entsprechend zu belohnen. Es sparte mit Zwischenapplaus und klatschte auch am Ende nur kurz. Schade!
Billy :hello
P.S.: Ich habe mir übrigens auf dem Internetauftritt von Marcus Pelz das Vogelfängerlied angehört und sehe meine Meinung wieder einmal bestätigt: Dieser Sänger wird sehr unterschätzt und könnte größere Rollen, als die ihm anvertrauten singen!
Severina (12.02.2012, 20:26): Lieber Billy, wie schön, dass Du endlich einmal mit einem Opernabend rundum zufrieden und glücklich warst! Wolfgang Bankl erinnert mich an guten Wein, der mit den Jahren immer besser wird. Am Anfang seiner Tätigkeit an der WSO hat er mich nämlich nicht vom Stuhl gerissen, aber er hat sich kontinuierlich gesteigert und speziell in letzter Zeit als ausgezeichneter Singschauspieler etabliert. Sein Dykon war für mich der Lichtblick in einer ansonsten nicht mehr als soliden Katia.
Benjamin Bruns ist mir bis jetzt eher als "Absager vom Dienst" ein Begriff, denn ich habe es noch nie geschafft, ihn auf der Bühne zu erleben, obwohl er oft genug angesetzt war. (In meinem Freundeskreis lief er schon unter der Bezeichnung "Phantom der Oper" :D) Dass er allerdings die Schlussarie nicht gesungen hat, hätte mich schon gestört, die liebe ich nämlich. Allerdings haben die wenigsten Tenöre die Power, nach beinahe drei Stunden diese lange und mit zahlreichen Höhen gespickte Arie durchzustehen, weshalb sie meistens gestrichen wird. (Der Einzige, der sie im Moment souverän hinknallt, ist Juan Diego Flórez.) Ich wusste lange gar nicht, dass diese Schlussarie überhaupt existiert, denn der erste Tenor, von dem ich sie an der WSO gehört habe, war Francisco Araiza. (Er hat auch als einer der wenigen die Turmszene in der Lucia gesungen, die ich wegen ihrer besonderen Dramatik heiß und innig liebe, aber das ist hier OT!)
lg Severina :hello
Billy Budd (12.02.2012, 21:15): Liebe Severina, ja, ich hab auch schon an mir gezweifelt, ob mir überhaupt was gefallen könne, aber diese Bedenken waren unnötig. denn ich habe es noch nie geschafft, ihn auf der Bühne zu erleben Ich glaube, hier irrst Du Dich, denn Deinen Berichten zufolge müsstest Du ihn zumindest in Billy Budd und Alcina gehört haben. Aber wahrscheinlich war er so unauffällig, dass er Dir nicht in Erinnerung geblieben ist. Der Einzige, der sie im Moment souverän hinknallt, ist Juan Diego Flórez Auch hier stimme ich nicht zu: Obwohl ich mir Flórez - den ich noch nie live gehört habe - sehr gut als Almaviva vorstellen kann, hat Dmitry Korchak sie im Sepetmber auch sehr gut gesungen. Benjamin Bruns sagt oft ab - aber irgendeinen Grund wird es sicher geben, ich möchte keinem Sänger etwas unterstellen- aber er springt auch ein. Mir ist er wie gesagt nie sonderlich positiv aufgefallen, aber der Almaviva gestern war wirklich sehr gut. Wolfgang Bankl liebe ich sehr; wie Du gesagt hast, er ist ein ausgezeichneter Singschauspieler. Dass er mit der Zeit immer besser wurde, glaube ich Dir auch, denn auf meinem Ariadne-Mitschnitt von 1997 singt er zwar gut, aber noch lange nicht so, wie jetzt. Und - das habe ich oben vergessen und möchte noch erwähnen - als sich Almaviva auf der Couch breitmacht, hat Bankl diese angehoben, sodass ersterer hinunterfällt und dann einen Fuß der Couch auf seinen fallen lassen (absichtlich) und dann ist er auch eine Weile gehumpelt. :rofl Und als Alamaviva als Soldat auf den Bankon klettert, um mit Rosina Kontakt aufzunehmen und ihn Bartolo dabei erwischt, hat Bruns sich die Hand an die Stirn gehalten und so getan, als würde er in der Ferne etwas beobachten. Bankl hat brav mitgespielt und vergebens nach etwas in der Ferne Ausschau gehalten. :rofl Ich weiß, wenn ich das hier so beschreibe, klingt es nicht so komisch, aber die Vorstellung war wirklich zum Brüllen lustig und ich habe mich mehrmals sehr zusammennehmen müssen, um nicht schallend loszulachen. Falk Struckmann wird von manchen auch unter "Singschauspieler" geführt, aber dem kann ich mich nicht anschließen. Zum einen spielt er immer sich selber und zum zweiten brüllt er alles ziemlich undifferenziert. Wie auch immer; jetzt ist eine Woche an der STOP spielfrei und das finde ich nicht so toll. :( Aber es gibt ja glücklicherweise noch die Volksoper und einige nicht gehörte Aufnahmen liegen auch noch bei mir daheim ... :cool Billy :hello
Severina (12.02.2012, 21:52): Lieber Billy, stimmt, in den zwei kleinen Partien habe ich Bruns tatsächlich schon gehört, aber noch nie in einer Hauptrolle, weshalb er sich mir noch nicht sonderlich eingeprägt hat. Ich unterstelle ihm ja nicht, dass er aus Jux und Tollerei absagt (vielleicht sind's die Nerven...), aber einer Karriere ist es halt nicht sehr förderlich, wenn sich ein Sänger schon in jungen Jahren den Ruf der Unzuverlässigkeit einhandelt. Und im Übrigen darf man bei einem Barbiere ruhig schallend lachen :D. Ich kann mich an so manche Aufführung früherer Jahre erinnern, wo wir oben auf der Galerie wiehernd über die Reeling hingen und ich am nächsten Tag stockheiser war vom Bravoschreien hinterher.
lg Severina :hello
Billy Budd (13.02.2012, 10:37): Liebe Severina, nun ja, wenn ich mich richtig erinnere (Ich habe jetzt nicht nachgeschlagen.), sang Bruns auch noch nicht so zahlreiche große Partien (neben dem Almaviva nur den Tamino, oder? Den Nemorino hat er ja abgesagt.). Ich habe Deine Meldung nicht als Unterstellung verstanden; nein, ich gebe Dir schon recht, wenn Du sagst, dass es seinem Ruf nicht unbedingt förderlich ist, wenn er den Ruf als "Absager" hat. Wolfgang Bankl besitzt (wie Šramek) die Fähigkeit, auch in kleinen Rollen ein Profil zu entwickeln und das macht meiner Meinung nach einen guten Schauspieler aus. Noch eine Frage: Wie stehst Du eigentlich zu unserer Rennert-Inszenierung? Mir gefällt sie sehr gut; sie hat sich über die Jahre kein bisschen abgenützt und jeder Sänger kann seine eigene Rollenvorstellung einbringen. Billy :hello
Billy Budd (18.02.2012, 23:51): Wiener Staatsoper Samstag, den 18. Feber 2011 L'ELISIR D'AMORE Gaetano Donizetti
Also: Die Aufführung war - wie erwartet - ein totales Desaster. Der Reihe nach: Ich stieg kurz nach 13 h aus der U-Bahn und sprintete - in Erwartung einer langen Schlange - zur Oper. Doch nicht einmal zwanzig Personen (bzw. deren Stockerl) standen dort! Erst nach einer halben Stunde gesellten sich zwei Touristen dazu und auch dann verlängerte sich die Schlange nur sehr zögerlich. Der große Ansturm begann erst um 16 h. Schließlich waren die Stehplätze doch bummvoll, aber sehr wenige Stammbesucher fanden sich ein und mehrere von diesen verließen die Aufführung sogar vorzeitig, was in der Tat keine schlechte Entscheidung war. Guillermo Garcia Calvo agierte zwar besser, als erwartet, aber trotzdem debakelhaft. Offensichtlich verwechselte er den "Liebestrank" mit einer Aneinanderrehung von Marschmusik, denn so dirigierte er. Positiv sei vermerkt, dass er viel Rücksicht auf das singende Personal nahm. Sylvia Schwartz hat diese Hilfe dringendst gebraucht, zumal ihre Zwergerlstimme gnadenlos im Orchester untergegangen wäre. Sogar Julia Novikova war eine bessere Adina und man kann Frau Schwartz nur gratulieren, noch schlechter, als Frau Novikova zu sein, denn das schafft kaum wer. Abgesehen davon, dass Frau Schwartz in Ensembles zur Pantomimin wurde, war sie auch in Solostellen auf der Galerie kaum zu vernehmen. Eine gute Tiefe hat sie ja, aber die Höhe klang gequält. Ihr Vibrato ist außerdem nahe an meiner Schmerzgrenze. Alles in allem: Ausbuhreif (Ich hab' mir überlegt, ob ich's tun sollte, hab's dann aber doch gelassen.). Es macht wenig Sinn, über Rolando Villazón zu diskutieren; die eine Hälfte des Publikums betet ihn an, die andere kann ihn nicht ausstehen - ich gehöre zur zweiten Gruppe. Abgesehen davon, dass mir sein Timbre nicht gefällt; die Stimme ist ruiniert. Auch er war schwer zu hören und das Gehörte wollte ich nicht hören. Ich habe gezittert, ob er die Vorstellung überhaupt zu Ende bringen könne. Wenigstens hat er das geschafft. Ich glaube mich erinnern zu können, irgendwo gelesen zu haben, dass laut ihm das beste an seiner Karriere noch kommen werde. Nun, das bezweifle ich aber ernsthaft. Was ist ein "Liebestrank" ohne einen guten Dulcamara? Nichts, und so schmerzt es besonders, dass Alfred Šramek einen rabenschwarzen Tag erwischt hatte. "Udite, udite!" war sehr grenzwertig, aber er konnte sich im Laufe des Abends steigern. Sein Bassbariton wackelte in der Höhe, aber schauspielerisch erbrachte er eine ausgezeichnete Leistung, obwohl er recht gebrechlich wirkte. Ich würde gerne Wolfgang Bankl als Dulamara erleben. Nicola Alaimo war ein solider Belcore; dass mir sein Timbre zu hell ist, ist nicht seine Schuld. Da der Abend meine Erstbegegnung mit Herrn Alaimo darstellte, bin ich auf eine weitere Begegnung gespannt. Ileana Tonca ergänzte als unauffällige Gianetta. Der Chor unter der Leitung von Martin Schebesta machte seine Sache gut. Das Publikum bedachte die Mitwirkenden mit langem Schlussapplaus. Schwamm drüber!
Billy :hello
Billy Budd (19.02.2012, 01:08): Ich habe mir eben die erste "offizielle" Kritik durchgelesen, die von Renate Wagner im "Neuen Merker" stammt: Kritik
Mit Ausnahme, dass ich Villazón noch schlimmer empfunden habe, kann ich ihr weitgehend zustimmen. Ich zitiere ein paar Passagen: Im Ganzen war es ein Abend, der eher traurig als froh stimmte. Aber die Mittelmäßigkeit herrschte allerorten. Eine harte, uninteressante Stimme, eine wenig ansprechende Persönlichkeit. (über Schwartz, Anm.) Alfred Sramek war lange nicht so lustig und präzise wie sonst Das Publikum hatte entweder Probleme mit den Ohren und der Urteilskraft, oder es wollte mit Gewalt freundlich sein Brava!!
-- Gemessen am Jubelorkan bei Villazóns erstem Solovorhang müsste er großartig gewesen sein - müsste.... Es blutet mir das Herz, über einen Sänger, den ich so sehr mag, Negatives zu schreiben, andererseits bin ich nicht sehr talentiert im Selbstbetrug, oder wie wir bei uns sagen: "Was wiegt's, das hat's!" Um es gleich vorwegzunehmen: So schlimm wie in Zürich war es nicht, aber Grund zum Jubeln hatte ich bei Gott auch nicht.
Erinnert Ihr Euch noch, was ich anlässlich von Villazóns zweitem Comeback im März 2010 geschrieben habe? Dass ich seinen psychischen Ausnahmezustand bei dieser Vorstellung verstanden und ihm daher verziehen habe, dass er dem Affen zu viel Zucker gegeben hat, dass ich aber nie wieder einen derart überdrehten Nemorino von ihm sehen will. Nun, so wie 2010 war es heute auch wirklich nicht, es war noch viel ärger. Ich verstehe einfach nicht, wieso jemand, der sich derart perfekt in einen Charakter wie Werther hineinversetzen kann, dies bei Nemorino so überhaupt nicht schafft. Nemorino ist ein sensibler, unglücklich verliebter junger Mann, der sein Herz auf der Zunge trägt, unfähig zu strategischen Überlegungen, wie er Adina erobern könnte, schüchtern und etwas tollpatschig, aber er ist ganz bestimmt kein durchgeknallter Dorftrottel und schon gar nicht ein Clown vom Zirkus Krone. Und genau als diese Mischung legt Villazón seine Rolle an, wobei von Mal zu Mal mehr Mätzchen dazukommen. "Jetzt geht mir sein Herumblödeln langsam auf die Nerven!" raunte meine Sitznachbarin ihrem Mann nach einer halben Stunde zu, und ich muss gestehen, meine lagen schon viel früher blank. Wenn Villazón jede, aber buchstäblich jede Äußerung seiner Partner mit grotesker Mimik und Gestik kommentiert, die aber besser zu einem hyperaktiven Vierjährigen in seiner Trotzphase als zu einem erwachsenen Mann passen, dann finde ich das nicht lustig, sondern mühsam und peinlich, und obendrein zerstört es jede dem Stück innewohnende Poesie. Ein trotzig aufgeworfener Schmollmund ist beim ersten Mal vielleicht noch witzig, in der x-ten Wiederholung nur mehr lächerlich, und das gilt für alle anderen Hampeleien, wie sich den Hut über die Ohren ziehen, mit dem Fuß aufstampfen etc. Natürlich darf auch die Jongliernummer nicht fehlen, ergänzt um Zielwurfübungen in einen Korb, und als ob das nicht genug wäre, faltet Nemorino sein Taschentuch zu Häschenohren und spielt damit Fingertheater. Ich könnte noch eine ganze Reihe solcher Albernheiten aufzählen, auch akustischer Natur, denn da wird geschluchzt, gestöhnt, Schluckauf simuliert (Aber nicht etwa in der Trinkszene, wo es ja noch passen würde, nein, just dann, wenn Nemorino von Belcore als "Buffone!" der Lächerlichkeit preisgegeben wird....) usw. usw. Richtig grantig wurde ich aber zum Schluss, als Villazón die so berührende Szene der gegenseitigen Liebeserklärung von Nemorino und Adina ebenfalls zu einer albernen Klamotte degradierte. Erst hüpfte er vor ihr auf und ab und fuchtelte mit den Händen, so im Stil von "Nun gib mir endlich die Schokolade, Mami!", und als Adina die erlösenden Worte spricht (oder besser singt), die normalerweise in eine stürmische Umarmung münden, wo eigentlich die Schmetterlinge von der Bühne in den Zuschauerraum flattern sollten, wo so etwas wie ein erotisches Prickeln spürbar ist, prickelte heute gar nichts, weil Nemorinos Verhalten mit pubertär noch vornehm umschrieben wäre. Es gab keinen richtigen Kuss, dafür schmatzte (Man hörte es bis in den ersten Rang!) er Adinas ausgestreckten Arm von den Fingerspitzen bis zur Schulter hinauf ab, was die Ärmste, die gerade zu ihrem finalen "......amoooooooore" ansetzte, fast aus dem Konzept brachte. Eine Lachnummer, aber berührend, anrührend? Fehlanzeige!
Rolleninterpretation also ungenügend, wie aber war es um den Gesang bestellt? Nun ja.... Die Cavatina stimmte mich noch optimistisch, da trug die Stimme gut, leuchtete in zwar gedämpftem, aber immerhin vorhandenem tenoralem Glanz, klangen die Höhen zwar nicht so strahlend und frei wie 2010, aber immer noch sehr anständig. Leider machten sich bald Ermüdungserscheinungen bemerkbar, die tiefen Töne sprangen nicht mehr richtig an, den oberen Registerwechsel versuchte Villazón offensichtlich mit viel Aspiration halbwegs bruchlos hinzukriegen (Sorry, ich bin stimmtechnisch blutige Laiin und beschreibe das so, wie ich es empfunden habe!), die Höhen verengten sich immer mehr. In der Szene mit Dulcamara sang er zwei Spitzentöne nur kurz an und stach sie sofort wieder ab. (Das waren die, die er 2010 nicht nur problemlos gestemmt, sondern auch endlos gehalten hatte....) "Una furtiva lagrima" brachte Villazón unter größter Anspannung gerade noch über die Runde, beim letzten Ton rettete er sich in einen alles kaschierenden Schluchzer. Es war OK, aber nicht mehr. Daher verwandelte sich die Oper auch nicht in den nach dieser Arie üblichen Hexenkessel, es gab zwar heftigen, am Anfang auch mit Bravos durchsetzten Applaus, der aber bald abebbte. Nicht einmal die Hardcore-Fans urgierten das übliche Dacapo, denn selbst ihnen schien klar gewesen zu sein, dass caro Rolando dabei jämmerlich eingegangen wäre und man froh sein musste, dass er sich beim ersten Durchgang halbwegs gehalten hatte.
Rolandos Leistung war jetzt nicht katastrophal schlecht, falls meine Zeilen diesen Eindruck erwecken sollten, aber leider ziemlich weit von dem entfernt, was man sich von ihm erwartet. Für eine durchschnittliche Repertoirevorstellung OK, aber Auftritte von Rolando Villazón garantierten früher einmal Sternstunden......
Zu einem durchschnittlichen Repertoireabend passten auch die Leistungen der übrigen Beteiligten:
Sylvia Schwartz zwitscherte sich durch die Adina, hatte einige gute Momente, die aber gleich wieder durch scharfe, tremolierte Höhen relativiert wurden,
Alfred Sramek machte auf mich einen müden Eindruck, es dauerte eine Weile, bis seine Stimme die richtige Betriebstemperatur erreichte, und auch dann wackelten die Höhen. Er entledigte sich seiner Aufgabe routiniert, schien aber irgendwie nicht mit dem ganzen Herzen bei der Sache gewesen zu sein. Zumindest ich habe schon bessere Dulcamaras von ihm erlebt, aber ingesamt bot er eine passable Leistung.
Positiv überraschte mich der WSO-Debutant Nicola Alaimo als Belcore - oder gefiel er mir nur deshalb so gut, weil mir seine Rollenvorgänger der letzten Jahre noch allzu schrecklich in den Ohren dröhnten?? Die Zukunft wird es weisen. Heute zumindest nahm mich sein angenehm timbrierter Bariton für sich ein, vor allem fand ich es sehr erholsam, dass der Belcore endlich wieder einmal GESUNGEN und nicht gebrüllt wurde. Herr Alaimo nennt eine stattliche Figur sein eigen, bewegt sich aber trotzdem mit einiger Behändigkeit. Dass auch er die übliche Outrage ablieferte, darf man ihm nicht anlasten, darauf werden alle Belcores ganz im Sinne der Schenk'schen Regieanweisungen gedrillt.
Bei Belcanto klingen die Philis oft wie ein Mittelklasseorchester, außer eine Pultpersönlichkeit zwingt sie zu inspirierterem Spiel, aber die war mit Guillermo Garcia Calvo nicht gegeben. Statt nach prickelndem Champagner schmeckte sein Donizetti nach abgestandenem Wein, meist auch eine Spur zu laut, was es den Sängern nicht einfacher machte. Am ehesten konnte sich noch Nicola Alaimo gegen die Orchesterfluten behaupten, aber auch er ging fallweise völlig unter.
Mein Fazit: "Una furtiva lagrima" weinte heute auch so mancher Rolando-Fan....
lg Severina
pavel (19.02.2012, 01:35): @Billy Budd;
Anita Hartig war aber tatsächlich so unauffällig, dass sie als Ileana Tonca auf der Bühne stand.
Severina (19.02.2012, 09:42): Ich bin ja nicht oft mit Frau Dr. Wagner vom online-Merker einer Meinung, aber diesmal hat sie die Crux mit unserem Sorgenkind so auf den Punkt gebracht, dass ich mir gestatte, einen Absatz aus ihrer Kritik zu zitieren: Man liebt Rolando Villazón. Und natürlich kann er in der Verfassung, in der er sich befindet, weiter singen, wenn er unbedingt will. Es gibt Tenöre, die hatten nie mehr Stimme als er jetzt – aber die bleiben dann in der zweiten oder dritten Reihe. Sie müssen nicht gegen eine Legende ansingen, die Villazón heißt und die Erwartungen berechtigt auf die Spitze treibt. Das ist wie beim Tennis: Auch wer die Nummer 1 war, kann als Nummer 37 weiterspielen (die Zahl ist beliebig). Aber er wird sich und dem Publikum, das ihn liebt (und das etwas davon versteht) damit weh tun.
(Zitiert aus dem Online-Merker vom 18.2.2012)
lg Severina :hello
Billy Budd (19.02.2012, 10:06): Original von pavel @Billy Budd;
Anita Hartig war aber tatsächlich so unauffällig, dass sie als Ileana Tonca auf der Bühne stand.
Oh, da ist mir ein Fehler passiert. Hartig habe ich aber auch schon als Gianetta gehört und sie hat wie Tonca einen uninteressanten Sopran. Danke! Billy :hello
Billy Budd (19.02.2012, 10:15): Liebe Severina, schön, dass wir fast einer Meinung sind. Mit der Ausnahme, dass ich das Dirigant nicht als zu laut empfunden habe (Vielleicht liegt das darin, dass wir nicht an den selben Plätzen gesessen/gestanden sind.), kann ich jedes, aber auch wirklich jedes Deiner Wörter doppelt unterstreichen. Villazón hat in der Tat so angefangen, dass ich mir gedacht habe, naja, vielleicht schafft er den Abend doch noch so halbwegs, aber mein Optimismus sank sehr bald. Dass ich sein Kaspeltheater als peinlich empfunden habe, habe ich gar nicht erwähnt, aber Du siehst es ja auch so. Was Šramek angeht, so verzeihe ich es ihm natürlich, dass er einmal einen schlechten Tag hatte; das kann passieren, noch dazu in seinem Alter und nicht bei bester Gesundheit. Ich habe aber auch schon den Dulcamara von ihm besser gehört. Die Outrage beim Belcore ist wirklich unerträglich, aber trotzdem wünsche ich mir keine Neuinszenierung, wenn die dann so wie die Münchner aussieht. Kann es übrigens sein, dass geprobt wurde? Denn der Chor stand diesmal nicht so herum, als wüsste er nicht, was er zu tun habe. Gehst Du auch am Dienstag? Ich sicher nicht. Billy :hello
Heike (19.02.2012, 10:49): Ihr lieben, das klingt wahrlich nicht so, als wenn man sich das mit Freude anhört!
Villazon wird im März in Berlin (Staatsoper) auch den Liebestrank singen (eine Repertoirevorstellung), ich habe bisher noch kein Ticket und werde nach diesen Berichten auch keines mehr kaufen. Die Vorstellungen (es gibt nur 3) sind noch nicht ausverkauft, das sagt ja eigentlich schon alles. Noch vor ein paar Jahren hätte man am ersten Verkaufstag schon keine Karte mehr gekriegt, wenn Villazon singt .... also, das Interesse lässt nach.
zu einer albernen Klamotte degradiert Ich hasse solche sich wiederholenden Albernheiten wie die Pest: das ist so ziemlich das Übelste, was man mir antun kann, so platt eine Rolle zu verhuntzen. Ich kann mir nach der bildhaften Beschreibung von Sevi so richtig vorstellen, wie der da Klamauk aufgeführt hat. So langsam macht er sich zum Deppen, fürchte ich.
Sylvia Schwartz habe ich vor kurzem in Berlin in Händels "Il Trionfo..." gesehen, dort schrieb ich, dass ihr "Stimmchen" fürs Schillertheater gerade noch ausreicht. Dass das in einem großen Opernhaus zum Problem wird, kann ich mir lebhaft ausrechnen, als Adina kann ich mir sie nun wirklich gar nicht vorstellen!
Das ist übrigens mal eine lustige Aussage in einer Kritik: Das Publikum hatte entweder Probleme mit den Ohren und der Urteilskraft, oder es wollte mit Gewalt freundlich sein Ich glaube, das Zitat merke ich mir für Berlin für zukünftige Berichte, denn genau diesen Eindruck habe ich hier auch manchmal :-) Heike
Severina (19.02.2012, 11:07): Liebe Heike,
ich sag's ungern, aber ich fürchte, Du würdest nicht viel versäumen. In Wien ist Rolando immer noch ein großer Publikumsliebling, und daran wird sich so rasch nichts ändern. Wenn hier ein Sänger geliebt wird, dann heftig und über das Verfallsdatum hinaus!
Ich habe übrigens eben das in einer Stunde stattfindende Gespräch der "Freunde der WSO" mit Rolando Villazón für mich gecancelt. Nach dem gestrigen Abend hätte ich nämlich seine übliche "Alles in Butter- und ich-hab-null-Probleme"-Nummer nur schwer ausgehalten. Und wenn er dann noch auf Clown gemacht hätte, was zu befürchten steht, wären seine Sympathiewerte bei mir rasant gepurzelt. Ich muss nämlich gestehen, dass sein Mitleidsbonus bei mir allmählich aufgebraucht ist....
lg Sevi :hello
Severina (19.02.2012, 11:16): Lieber Billy,
ich bin in der Tat ziemlich über dem Orchester gesessen, was die Lautstärke natürlich etwas verzerrt. Was den Dienstag betrifft: Ich glaube nicht, dass ich den Mut aufbringe, mir den gestrigen Abend noch einmal anzutun. Karte habe ich ohnehin keine, ich hätte mich erst vorher im Foyer um eine umgeschaut, also kann ich das sehr kurzfristig entscheiden. Wenn ich allerdings gehe, dann nur auf Hörplatz, denn sehen will ich dieses Kasperltheater nicht noch einmal. Im Unterschied zu Dir mag ich Villazón ja sehr, und da leidet man bei jedem Ton mit, zittert vor jeder heikleren Phrase - von einem Genuss kann also ohnehin nicht die Rede sein, höchstens von einer Solidaritätskundgebung. Und leider hörte es sich eben gestern ganz und gar nicht nach einer schlechten Tagesverfassung an, wie z.B. bei Sramek, sondern nach einem grundlegendem Problem.
lg Severina :hello
Severina (19.02.2012, 17:45): Ich möchte nur noch eine Anmerkung für diejenigen unter Euch machen, welche die DVD von 2005 (mit Anna Netrebko) besitzen und jetzt vielleicht meinen, dass ich mit meiner Kritik an Villazóns Kasperliaden maßlos übertreibe: Glaubt mir, verglichen mit gestern wirkt Rolando auf der DVD beinahe introvertiert!! Es ist wirklich so, dass er bei jedem Auftritt neue Gags eingebaut hat, und inzwischen ist das Vehikel so überfrachtet, dass es beinahe unlenkbar geworden ist.
Dass Villazón es auch anders kann, beweist die DVD vom Liceu (ebenfalls 2005), wo er einen viel ernsthafteren, im Vergleich zu Wien fast verinnerlichten Nemorino gibt und beinahe ganz ohne Grimassieren und Herumhampeln auskommt. Und siehe da, auf dieser Aufnahme überzeugt und berührt er mich sehr wohl, wenn er auch immer noch ein ziemliches Stück von meiner Rollenauffassung entfernt ist.
lg Severina :hello
Zefira (19.02.2012, 18:08): Nachdem ich all das hier gelesen habe, bin ich um so mehr gespannt auf Villazóns eigene Inszenierung in Baden-Baden ....
Severina (20.02.2012, 10:45): Leider sind auch die offiziellen Kritiken für Villazón vernichtend. So titelt Die Presse: "Rolando Villazón muss auf Clownerie statt Stimme setzen". Traurig, sehr traurig. Wahrscheinlich gehe ich morgen doch noch einmal hinein, denn vielleicht hatte er ja am Samstag einfach einen rabenschwarzen Tag und er kann es doch noch besser. Ich hoffe es so sehr!
lg Severina :hello
Zefira (20.02.2012, 12:31): Dann hoffe ich für Dich mit. Das darf ja alles nicht wahr sein. Bitte berichte, wie es auch immer ausgeht!
Grüße von Zefira
Waldi (20.02.2012, 13:40): Die heutige Kritik im "Kurier" lobhudelt allgemein und wirkt nicht übermäßig glaubhaft. Bei Villazón äußert sie sich allerdings nicht über das gesangliche Niveau, sondern hebt die aus "allen Poren quillende Spielfreude" hervor. "Er jongliert mit Äpfeln und singt". So kann man es natürlich auch sagen. Aber auf der DVD war sein Singen halt noch etwas Besonderes... Wirklich ewig schade um ihn! Wenn er sich so dreihundertprozentig hingibt, kann ich ihm andererseits auch mein Mitfühlen nicht versagen. Einzelne Töne sind ja noch immer schön...
Severina (20.02.2012, 14:26): Lieber Waldi! Ich muss leider sagen, dass die Überschrift in der Presse es für mich auf den Punkt bringt. In dem Maß, in dem Villazóns Stimmprobleme leider unüberhörbar werden, neigt er zum extremen Überagieren, sodass für mich auch das Gesamtpaket nicht mehr stimmt. So lange er mich mit seiner Rollengestaltung mitreißt, mache ich gerne Abstriche im vokalen Bereich, aber am Sonntag hat er mich absolut nicht mitgerissen, sondern nur genervt. (Wobei ich mir bewusst bin, dass der überwiegende Teil des Publikums das anders gesehen hat - das fand Rolandos Kasperleaufführung entzückend!)
Kennst Du eigentlich die DVD vom Liceu? Ich muss sagen, dass mir Villazón da neben der angenehmen Ernsdthaftigkeit der Darstellung auch stimmlich noch einen Tick besser gefällt als in Wien. (Aber das ist wirklich sehr subjektiv empfunden, denn natürlich gibt's in dieser Hinsicht auch bei unserer Aufnahme nichts auszusetzen!) Ich fürchte nur, die vergleichsweise sehr realistische Inszenierung am Liceu würde Dir nicht so gut gefallen.
lg Sevi :hello
Billy Budd (20.02.2012, 15:33): Original von Severina Leider sind auch die offiziellen Kritiken für Villazón vernichtend. So titelt Die Presse: "Rolando Villazón muss auf Clownerie statt Stimme setzen". Traurig, sehr traurig. Wahrscheinlich gehe ich morgen doch noch einmal hinein, denn vielleicht hatte er ja am Samstag einfach einen rabenschwarzen Tag und er kann es doch noch besser. Ich hoffe es so sehr! Liebe Severina, wieso "leider"? :wink Ich freu mich, dass der Sincovicz endlich einmal nicht so schreibt, wie es nicht war. :D :P Trotzdem hoffe ich, dass Villazón es besser kann und wünsche Dir - wenn Du morgen wieder drinnen bist - einen erfreulicheren Abend! (Wenn ich ehrlich sein soll, glaube ich aber nur, dass Šramek das Potential zur Verbesserung hat.)
Original von Severina Wobei ich mir bewusst bin, dass der überwiegende Teil des Publikums das anders gesehen hat - das fand Rolandos Kasperleaufführung entzückend! Da bin ich mir gar nicht sicher. Die, welche seine Outrage nicht mögen, werden sowieso die Vorstellung gemieden haben und auch sonst hatte ich nicht den Eindruck, alle sein restlos begeistert. Aber das liegt vielleicht daran, dass ich auf der Galerie stand und Du nicht.
Billy :hello
Severina (20.02.2012, 16:03): Lieber Billy,
das stimmt, als ich in der Pause so mit gespitzten Ohren durch den Marmorsaal wanderte, hörte ich auch überwiegend Betroffenheit über Villazóns stimmliche Verfassung, einige mokierten sich auch über sein klamaukhaftes Spiel. Daher war ich dann umso verblüffter über den Jubel bei seinem ersten Solovorhang. Ehrlich gesagt hatte ich befürchtet, es würde Buhs geben (Zumal ich ja wusste, dass oben auf der Galerie... ähem... :wink) und war zunächst erleichtert, dass dem nicht so war, aber dann dachte ich mir auch angesichts der ausflippenden Rolando-Hysteriker: "Das darf doch nicht wahr sein!" Denn das sind gerade für ihn die exakt falschen Signale!
lg Severina :hello
Solitaire (20.02.2012, 16:11): Ich habe jetzt eure Berichte gelesen, und das klingt ja alles leider gar nicht erfreulich. Auch wenn ich nicht dabei war, so verfolge ich das Drama ja seit Jahren aus der Ferne, denn auch ich gehöre schießlich zu denen, die Rolando eigentlich sehr mögen. Bei mir kommt da noch ein ganz spezielles "Problem" hinzu: natürlich höre auch ich, daß der Roladno Villazon den wir heute kriegen nicht mehr der ist, den wir 2005 hatten, dennoch, verglichen mit all den Provinztenören die ich hier zu höre bekomme, ist alles was dieser Mann von sich gibt immer noch um Lichtjahre besser, als das Meiste was ich hier jemals live zu hören bekomme. (Ich rede jetzt vom Musiktheater, in der Kirchenmusik bin ich manchmal geradezu verblüfft über die hervorragenden Tenöre die ich hier schon gehört habe!!!). So etwas sollte natürlich kein Maßstab sein, dennoch kann ich ihn nach wie vor nicht für einen wirklich schlechten Sänger halten. Sein Hoffmann z.B. hat mich nicht umgehauen (außerdem fand ich die Inszenierung doof), ist aber m.E. nicht das Fiasko gewesen, zu dem es manche Blogger im Netz erklärt haben. Ich nehme an, daß es mir mit dem Liebestrank ähnlich ergangen wäre, hätte ich ihn gehört. Ich denke daher, daß die Bemerkung daß er "gegen seine eigene Legende" ansingen muß, das Dilemma am ehesten trifft: kein wirklich schlechter Sänger, aber eben auch nicht mehr der, der er einmal war. Und ehrlich gesagt stelle ich es mir für einen Künstler furchtbar vor wenn so etwas passiert, da kann er in der Öffentlichkeit noch so viel rumposaunen das alles ganz toll ist. Wer nie außergewöhnlich war, wird damit leben können, solides Stadttheater-Niveau zu halten, wer einmal den Himmel berührt hat, für den muß es schlimm sein, nicht mehr fliegen zu können, wenn ich mich mal so blumig ausdrücken darf. Da finde ich dann overacting durchaus nachvollziehbar... :I Aber natürlich kann ich verstehen, das einem das irgendwann auf den Geist geht.
Severina (20.02.2012, 16:15): Original von Severina Liebe Heike,
Ich habe übrigens eben das in einer Stunde stattfindende Gespräch der "Freunde der WSO" mit Rolando Villazón für mich gecancelt. Nach dem gestrigen Abend hätte ich nämlich seine übliche "Alles in Butter- und ich-hab-null-Probleme"-Nummer nur schwer ausgehalten. Und wenn er dann noch auf Clown gemacht hätte, was zu befürchten steht, wären seine Sympathiewerte bei mir rasant gepurzelt. Ich muss nämlich gestehen, dass sein Mitleidsbonus bei mir allmählich aufgebraucht ist....
lg Sevi :hello
Ich habe mich richtig entschieden. Wie ich heute früh, als ich mich bei den Bundestheaterkassen um Theaterkarten anstellte, von einigen Mit-Wartern erfuhr, verlief es gestern genauso, wie ich befürchtet hatte: Rolando in "Ich-bin-der-Größte-und-alles-paletti"-Stimmung, mit Äpfeln jonglierend und völlig überdreht.....
lg Severina :hello
Billy Budd (20.02.2012, 16:17):
Ehrlich gesagt hatte ich befürchtet, es würde Buhs geben (Zumal ich ja wusste, dass oben auf der Galerie... ähem... :wink) und war zunächst erleichtert, dass dem nicht so war Liebe Severina, nein, ausgebuht hätte ich ihn nicht, denn damit hätte ich ihn nur unnötigerweise gekränkt und das wollte ich dann doch nicht. Angemessener wäre ein Höflichkeitsapplaus gewesen. Im Übrigen buhe ich nicht sehr oft (Das letzte Mal im Dezember den Konwitschny und davor im Oktober den Dohmen nach einem katastrophalen Pizarro, wo ich beide Male aber nicht der Einzige war.). Was Buhrufen generell betrifft, sind wir hier im falschen Thread, deshalb nur kurz: Ich denke mir, dass meist der Sänger selbst über seine Darbiertung Bescheid weiß und Buhs schon verletzend sind, auch wenn man in seinem Beruf selbstverständlich kritisiert werden darf. Buhs sind für mich in erster Linie dazu dar, um der Direktion klar zu machen, dass manche Besetzungen inakzeptabel sind. Zum Beispiel bei Alagna, Shicoff, Cura, Kushpler, etc. Von Meyers wunderbaren Neuzugängen ganz zu schweigen ... dann dachte ich mir auch angesichts der ausflippenden Rolando-Hysteriker: "Das darf doch nicht wahr sein!" Denn das sind gerade für ihn die exakt falschen Signale! Volle Übereinstimmung! Billy :hello
Severina (20.02.2012, 16:28): Liebe Mina,
mit Villazóns Hoffmann-Form könnte ich auch leben, aber sein Nemorino lag leider deutlich darunter. Nur ein fanatischer Fan oder Gehörgeschädigter konnte NICHT mitbekommen, dass seine Stimme sukzessive schwächer wurde und er nach dem 1. Akt eigentlich nur mehr ums Überleben kämpfte. Ich hatte echt Panik vor dem "Una furtiva...." und fürchtete wirklich, er würde es nicht packen, die Stimme würde entweder kippen oder ganz wegbleiben. So gelitten habe ich noch selten wie während dieser Arie! Es war ein Gewaltakt, mit letzter Kraft ins Ziel gerettet, und ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass ihm "nur" die Nerven einen Streich gespielt haben, wie Dr. Wagner im online-Merker meint. Auch deshalb möchte ich morgen nun doch noch einmal hinein, denn wenn's an der Tagesverfassung gelegen ist, muss eine deutliche Steigerung erkennbar sein.
Halten wir unserem Liebling also noch einmal die Daumen" (Meine müssen sich erst vom Sonntag erholen...)
lg Sevi :hello
Zefira (20.02.2012, 16:30): Ich habe zwar die Vorstellung nicht gesehen, aber vermute mal, sein übertriebenes Kaspern zeigt deutlich genug, dass er selbst gut weiß, was mit ihm los ist ... :ignore
Solitaire (20.02.2012, 16:48): Original von Zefira Ich habe zwar die Vorstellung nicht gesehen, aber vermute mal, sein übertriebenes Kaspern zeigt deutlich genug, dass er selbst gut weiß, was mit ihm los ist ... :ignore Ja, das vermute ich auch mal!
@Severina Au Backe, problematischer als Hoffmann? Was ist denn blos los mit dem Kerl, sein Werther gab doch wirklich Anlaß zur Hoffnung! :I
Heike (20.02.2012, 18:38): sein Werther gab doch wirklich Anlaß zur Hoffnung Davon gibt es jetzt eine CD, wo er in der Kritik auch nicht gerade gut wegkommt: siehe http://www.kulturradio.de/rezensionen/cd/2012/jules_massenet__werther.html Zitat: "....Werther ist kein Typ wie der Bajazzo oder Cavaradossi, er ist eigentlich ein lyrischer Tenor mit einigen exzessiven Momenten. Im Grunde ist das eine sehr leise, traurige Rolle. Und da hoffte ich, dass Villazon, ohnehin stimmlich ramponiert, sich genau das zunutze macht und hier eher zurückhaltend und differenziert auftritt – weit gefehlt, er muss beweisen, dass er noch röhren kann, und macht darstellerische Fehler, die an Gigligs schlechte Zeiten erinnern. Das ist ein Geschluchze und Geschnaufe, wie es aufgesetzter kaum geht – sicher, schön für Villarzon, dass er noch singen kann, aber lyrische französische Oper klingt für mich anders....."
Severina (20.02.2012, 19:11): Na, ich werd's bald wissen, weil ich diese CD als Geburtstagsgeschenk bekomme. Sie müsste schon auf dem Weg nach Wien sein :D. Ich habe aber einen Werther-Mitschnitt, der eigentlich auch aus dieser der Aufnahme zugrunde liegenden Serie stammen müsste, und da höre ich kein Schluchzen und Stöhnen (gegen das ich allergisch bin), und insgesamt hat mich Villazón da sehr positiv überrascht. Live habe ich einige wunderbare (lyrische!) Werther von ihm gehört, wobei gerade in dieser Partie natürlich das Gesamtpaket besonders gut zur Wirkung kommt. Der Werther ist einfach seine Lebensrolle, ein Charakter, in den er sich 100%ig hineinversetzen kann, denn er nicht spielt, sondern erfüllt und erfühlt.
lg Sevi :hello
Billy Budd (21.02.2012, 19:34): Villazón hat kurzfristig - denn am Nachmittag stand das noch nicht im Internet - das Handtuch geworfen. Charles Castronovo ist der Ersatzmann.
Nicht, dass mich das wundert ...
Billy :hello
Severina (21.02.2012, 19:41): Bin auch schon wieder daheim, denn gottlob hatte ich keine Karte zum "Absitzen", und Castronovo muss wirklich nicht sein. Wie weitsichtig von den Bundestheaterkassen, mir für den zweiten "L'Elisir" eine Absage zu erteilen :thanks!
Ehrlich gesagt bin ich über die Villazón-Absage mehr erleichtert als enttäuscht, denn noch so eine Zitterpartie wie am Sonntag hätten meine Nerven eh nicht ausgehalten, von den Daumen ganz zu schweigen.
lg Severina :hello
Zefira (21.02.2012, 23:56): Werden denn irgendwelche konkreten Gründe genannt? Im Netz hab ich nichts finden können ... lG Zefira
Severina (22.02.2012, 00:15): Nein, es muss sich um eine sehr kurzfristige Absage handeln, denn normalerweise sendet die WSO Mails mit Umbesetzungen aus. Im Schaukasten hing nur der von allen Opernfans gefürchtete rosarote Zettel, und darauf stand "Wegen plötzlicher Erkrankung von Rolando Villazón......" Beim Künstlergespräch am Sonntag soll er jedenfalls noch quietschfidel gewesen sein, wie mir Freunde berichteten. (Ich beschloss ja kurzfristig, nicht hinzugehen.) Und auch am Samstag konnte ich keine Anzeichen von einer Verkühlung ausmachen, denn von meinem Platz hört man jeden Räusperer. Das Problem lag da woanders. OK, wir haben Grippezeit, da kann schnell etwas passieren.
Es würde mich aber auch nicht wundern, wenn ihn Meyer ausgebootet hätte, Villazón wäre nicht der Erste, den er nach einer schlechten Leistung ausgewechselt hätte. Außerdem habe ich gehört, dass Monsieur le Directeur generell kein Villazónfan ist, was mich also jetzt befürchten lässt, dass wir caro Rolando so bald nicht mehr an der WSO erleben werden :I
lg Severina :hello
Jürgen (22.02.2012, 13:09): Er wollte sich wohl schonen, damit er heute seinen 40. Geburtstag ausgiebig feiern kann. :beer
Solitaire (22.02.2012, 13:43): Honi soit qui mal y pense... :cool
Das klingt ja alles gar nicht gut. :I
Severina (22.02.2012, 14:20): Original von Jürgen Er wollte sich wohl schonen, damit er heute seinen 40. Geburtstag ausgiebig feiern kann. :beer
Dazu fällt mir ein, dass Rolando die Bohème, die er exakt an seinem 35. Geburtstag singen sollte, auch abgesagt hat (Und löste damit eine Tragödie unter seinen Hardcorefans aus, die schon eine Torte mit 35 Kerzen gebacken hatten!) Vielleicht hat er ja ein Geburtstagstrauma?
lg Severina :hello
Billy Budd (22.02.2012, 15:00): Bin auch schon wieder daheim, denn gottlob hatte ich keine Karte zum "Absitzen", und Castronovo muss wirklich nicht sein. Liebe Severina, ich gebe Dir völlig recht, dass sich wegen Castronovo kein Opernbesuch auszahlt.
Es würde mich aber auch nicht wundern, wenn ihn Meyer ausgebootet hätte, Villazón wäre nicht der Erste, den er nach einer schlechten Leistung ausgewechselt hätte. Das habe ich noch gar nicht bedacht, halte ich aber für möglich (man denke an Don Giovanni, Nozze). Wenn das stimmt, sagt es einiges über die Person des "vornehmen" und "charmanten" Direktors aus. Billy :hello
Billy Budd (22.02.2012, 15:30): Ich habe einige Internetauftritte von Sängern nach zukünftigen Auftritten in Wien durchforstet und folgendes gefunden: Flórez: Nemorino Gagnidze: Alfio Gorny: Gremin Gould: Bacchus, Erik, Siegfried Konieczny: Mandryka, Pizarro, Amfortas, Kurnewal, Alberich, Jack Rance, Wotan Merbeth: Fidelio-Leonore Nylund: Arabella Ryan: José, Florestan, Siegmund Stoyanova: Elisabetta, Ariadne, Anna Bolena, Rusalka Güttler: Barbiere López-Cobos: Italiana, Nabucco, Cenerentola, Rigoletto, Ballo
Folgendes habe ich irgendwo gehört/gelesen; es kann stimmen oder auch nicht: Alagna: Nemorino, Cavaradossi, Werther, José, Riccardo Baechle: Brängene Fleming: Elsa Fritz: Arrigo Gheorghiu: Tosca, Violetta, Juliette, Adriana Lecouvreur Groißböck: Jochanaan, Sachs Kaufmann: Parsifal, Lohengrin Korchak: Ramiro Kulman: Brängene Lippert: Florestan, Don Carlos, jede Saison eine Premiere Netrebko: Tatjana O'Neill: Siegmund Seiffert: Tristan Siegel: Mime Smith: Bacchus Stemme: Brünnhilde, Isolde, Minnie Muti: Aida Peter Schneider: Ring Thielemann: Hänsel und Gretel, Ariadne Welser-Möst: Tristan Neueinstudierung der Schenk-Meistersinger. Neuproduktion: Trojaner
Wie auch immer; in zwei Monaten wissen wir mehr.
Billy :hello
Severina (22.02.2012, 15:47): Lieber Billy,
da solltest Du besser in einen eigenen Thread stellen (Z.B. Saisovorschau 2012/13, Vorankündigungen o.ä.), denn hier geht es unter und sprengt außerdem die Diskussionen zu den einzelnen Vorstellungen! Ich werde demnächst meine WSO-Freunde anzapfen, was die so wissen!
lg Severina :hello
Billy Budd (22.02.2012, 15:48): Danke für den Hinweis; werde ich machen. Billy :hello
EDIT: Mache ich doch nicht, da ja es sich ja nur zum Teil um unbestätigte Gerüchte handelt und sich außerdem manches erst auf die übernächste Saison bezieht. Ich schlage vor, dass, Du, was Du herausfindest, iin einen entsprechenden Thread stellst und ich ergänze das, was ich sicher weiß.
Billy Budd (23.02.2012, 16:29): Ich habe soeben entdeckt, dass endlich das Spielplanarchiv der Wiener Staatsoper auch im Netz veröffentlicht ist:
Zum Archiv
Derzeit umfassen die Bestände sämtliche Opern-Aufführungen seit der Wiedereröffnung des Hauses im Jahr 1955 bis Oktober 2011. Systematisch werden die historischen Aufführungen – zurückreichend bis 1869 – nun aufgearbeitet. Als Basis für das online-Archiv dienten zwei bestehende Datenbanken – jene des Staatsopernmuseums (Siemens-Terminal) und jene der Dramaturgie – die abgeglichen, fallweise erweitert und überarbeitet wurden und werden. Gesucht werden kann nach unterschiedlichen Kriterien: Nach Künstlerinnen und Künstlern, Werken, Komponisten, Rollen sowie nach Datum. Die Suchanfragen sind jeweils kombinierbar, es kann selbstverständlich auch nach mehreren Begriffen innerhalb einer Kategorie gesucht werden (etwa nach mehreren Künstlern). Das bedeutet, dass sowohl einfache (Was wurde am 26. April 1974 gespielt? oder Welche Rollen sang Angelika Kirchschlager an der Wiener Staatsoper?) als auch komplexe Suchanfragen (z. B.: In welchen Aufführungen im Zeitraum vom 26. Jänner 1971 bis 26. April 1974 sang Christa Ludwig gemeinsam mit Wilma Lipp unter Hans Swarowsky in einer Mozart-Oper ?") möglich sind. http://www.wiener-staatsoper.at/Content.Node/home/werke/archiv/Archiv.de.php ; lezter Aufruf am 23. Feber 2012.
Schön!
Billy :hello
Severina (23.02.2012, 17:34): Oh, das ist wirklich super, danke für diese Info!
lg Severina :hello
pavel (23.02.2012, 20:11): Es scheinen bereits wesentlich mehr Aufführungen eingegeben zu sein, als im Vorwort angegeben ist. Eine versuchsweise Abfrage nach Erik Schmedes bringt eine Menge Treffer :wink
(Das ist eine gewaltige Verbesserung gegenüber dem rudimentären Archiv auf der alten Website, die nur wenige Saisonen umfasste und keine Suchmöglichkeit außer nach Datum bot.)
lg pavel
Billy Budd (25.02.2012, 10:35): Wiener Staatsoper Freitag, den 24. Feber 2011 CARMEN Georges Bizet
Die gestrige „Carmen“ geriet besser, als erwartet. Es handelte sich um die 143. Aufführung der alten Zefirelli-Inszenierung (Premiere: 1978), die mir gut gefällt. Ein Freund beschrieb die Leistung der Interpretin der Titelrolle in der ersten Pause mit „Nett und bemüht, das war’s dann auch schon.“. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich das über die restlichen Protagonisten auch gesagt, doch die Vorstellung gewann im Laufe des Abends an Qualität. Dass ich mich doch gelangweilt habe, ist Yves Abel zuzuschreiben, der am Pult des schlapp spielenden Orchesters stand. Er dirigierte die Partitur zu langsam und recht lieblos hinunter (drosch aber nie hinein) und von Gestaltung konnte keine Rede sein. Im Großen und Ganzen war es ein solides Dirigat, aber ich bin eben Besseres gewohnt, zumal ich die DVD der Premiere mit Carlos Kleiber mein Eigen nenne. Nun ist es vielleicht vermessen, in einer Repertoirevorstellung ein Weltklasse-Dirigat einzufordern, aber Bizets „Carmen“ gehört eben nicht zu meinen Lieblingsopern und damit mir die Musik doch gefällt, braucht es einen sehr guten Dirigenten. Massimo Giodano war für den José vorgesehen; seine Absage habe ich sehr begrüßt, zumal er mit dieser Rolle heillos überfordert ist und so fand man den erst 30-jährigen Thiago Arancam. Doch auch bei ihm müssen Bedenken angemeldet werden. Sicher: Es wird Herrn Arancams Stimme kaum schaden, wenn er jetzt drei Mal den José singt, aber längerfristig kann das nicht gut gehen (Man denke an Rolando Villazón, dessen Nemorino vor kurzem zum traurigen Debakel wurde.). In seinem Repertoire befinden sich auch Kaliber wie Turiddu, Cavaradossi, Pinkerton, Radamés, Pollione und Luigi und angesichts dessen ist zu hoffen, dass Herr Arancam seine Karriere gut aufbaut. Der Sänger ist Besitzer eines dunkel und rau timbrierten Tenors (Eine ehemalige Billeteurin sagte, sein Timbre erinnere sie an das Dimiter Uzunovs.), der aber mit strahlenden und vibratofreien Höhen aufwarten kann. Nur musste er diese herausstemmen und schaffte sie nie sofort, sondern sang erst einen tieferen Ton an. Schauspielerisch machte er seine Sache gut. Insgesamt hinterließ seine Darbietung den Eindruck einer recht unfertigen Stimme, die nicht mit zu schweren Rollen verheitzt werden sollte! Nach dem, was ich mir von Elena Maximova auf Youtube angehört habe, konnte ich eine positive Überraschung erleben. Die Stimme der Russin ist für unser Haus gerade noch ausreichend groß. Sie verfügt über eine satte Tiefe und passable Mitellage, nur die Höhe neigt zum Scheppern und im Forte tremoliert die Stimme recht stark. Eine Carmen muss natürlich auch über Persönlichkeit verfügen und diese ist – gelinde gesagt – noch ausbaufähig. Schade, dass ich es wahrscheinlich in keine „Carmen“ mehr schaffen werde (Aber vielleicht gibt es ja in einer zukünftigen Spielzeit ein Wiederhören.), denn ich würde gerne meinen Ersteindruck überprüfen. Gespannt blickte ich dem ersten Wiener Escamillo von Carlos Alvarez entgegen, denn dieser Sänger hatte bekanntlich eine Stimmband-Operation. Herr Alvarez wurde mit einem Auftrittsapplaus begrüßt und bot hernach eine tadellose Leistung. Seine Stimme ist leise, sprach aber in allen Lagen sicher an. Es handelte sich um eine erfreuliche Rückkehr. Leicht enttäuscht war ich von Maija Kovalevska, die in der letzten Sason eine fabelhafte Tatjana und im Dezember 2011 eine berührende Mimí abgeliefert hatte. Sie bot auch gestern eine sehr gute Michaëla, aber ihre Interpretation berührte mich schlicht und einfach nicht. Ich möchte mit Frau Kovalevska nicht zu hart ins Gericht gehen (Jeder kann schließlich einmal einen schlechten Tag haben.), aber mit ihren letzten Wiener Auftritten hat sie die Latte sehr hoch gesetzt. Waren die Gastsänger zufriedenstellend, so sind bei den Ensemblemitgliedern gewaltige Abstriche zu machen. Ho-yoon Chung und Hans Peter Kammerer waren zwei Schmuggler, die keinesfalls dem Rang der Wiener Staatsoper entsprachen; von Janusz Monarcha (Zuniga) ist das gleiche zu berichten, aber auch Chen Reiss und Juliette Mars hinterließen als Zigeunerinnen keinen guten Eindruck. Eine mittlere Katastrophe war leider Clemens Unterreiner als Moralès. Und das nicht, weil er eine zu schwache Stimme hat oder sonst wie nicht entsprach; nein, er ist für diese kleine Rolle eine wahre Verschwendung. Bedauerlicherweise wird Herr Unterreiner nur in Kleinrollen eingesetzt (Ich hoffe, das ändert sich demnächst!) und wollte offenbar duch übertriebene Gestik und forcierten Gesang auf sich aufmerksam machen. Der Schuss ging aber nach hinten los; weniger wäre mehr gewesen. Der Chor unter der Leitung von Thomas Lang präsentierte sich nicht in gewohnter Qualität. Besonders ärgerlich war, dass sich in der Szene, in der Michaëla die Nachricht von Josés sterbender Mutter überbringt (Eine an sich berührende Szene.), ein Handy mit einem Klingelton, der einem Vogelgezwitscher ähnelte, bermerkbar machte. Ist es wirklich zu viel verlangt, dafür zu sorgen, dass diese Geräte während der Vorstellung keine Laut von sich geben?? Das Publuikum bedachte die Mitwirkenden mir kräftigem und sehr langem Applaus (Nach dem Ausgehen des Lichtes musste es zwei Mal wieder eingeschaltet werden!); es handelte sich um eine mittelprächtige Vorstellung.
Billy :hello
EDIT: Schreibehler ausgebessert.
Billy Budd (26.02.2012, 10:07): Wiener Staatsoper Samstag, den 25. Feber 2011 COSÍ FAN TUTTE Wolfgang Amadé Mozart
Besser, als erwartet geriet die gestrige „Cosí“. Geboten wurde mittelmäßiges Repertoire; von einer herausragenden Leistung positiver oder negativer Art ist nichts zu vermelden. Müsste ich Zensuren vergeben, so bekämen alle Sänger „Befriedigend“, denn sie stellten mich durchaus zufrieden, begeisterten oder enttäuschten mich aber keineswegs. Da ich mir eine Beinahe-Katastrophe erwartet habe, konnte ich doch einigermaßen zufrieden den Heimweg antreten. In der Rolle der Ferrando hätte Toby Spence am Haus debütieren sollen; durch seine Absage kam das Ensemblemitglied Benjamin Bruns zum Zug. Er machte seine Sache gut, stieß aber an manchen Stellen doch an seine Grenzen. Seine harte Stimme ist für das italienische Fach nicht optimal. Adam Plachetka ist zweifelsfrei eine positive Neuerwerbung unseres Direktors, aber die Superlative, mit denen er öfters bedacht wurd, halte ich für übertrieben. Der junge Tscheche verfügt über eine trocken timbrierte und recht leise Stimme. Punkten konnte er aber durch sein erfrischendes Spiel. Positiv überrascht hat mich Anita Hartig als Despina. Ihre Stimme klang nach wie vor schrill und unangenehm, hatte aber mehr Lautstärke, als sonst. Natale de Carolis (nicht „Des Carolis“, wie es auf dem Abendzettel stand) spielte einen recht überzeugenden Alfonso, war aber manchmal schwer zu hören und konnte Höhenprobleme nicht kaschieren. Gerne würde ich Alfred Šramek erleben. Die vor wenigen Tagen zur Österreischischen Kammersängerin ernannte Barbara Frittoli hat ihren Zenit schon einige Zeit überschritten, bot aber wider Erwarten doch eine passable Fiordiligi. Die Stimme tremoliert ganz schön und besonders die Höhe klingt sehr verbraucht. (In ihrem Alter darf eine Sopranisten noch nicht so ausgesungen sein!) Durch engagiertes Spiel vermochte sie sich einigermaßen zu retten. Laura Polverelli hat ein Timbre, das mich nicht gefällt, was aber nicht ihre Schuld ist. Ihr Mezzo klang phasenweise angestrengt unjd tremoliert ebenfalls. Höhen klangen sehr schrill und Tiefen erreichte sich auch nicht mühelos. Am Pult stand Jérémie Rhorer (Im Gegensatz zum Vorjahr mit Frack und Fliege), der zwar nichts verpatzte, aber auch so manchen Wunsch offen ließ. Die letzten zwanzig Minuten und die Ouvertüre waren verschleppt, aber an anderen Stellen hetzte er ganz schön. Der Chor (Leitung: Martin Schebesta) tat brav seine Pflicht. Das Publikum geizte mit Zwischenapplaus und jubelte am Ende brav. Der Schlussapplaus dauerte länger, als üblich. Es war jene Art von Repertoire, dem man gänzlich unbeeindruckt entschreitet.
Billy :hello
Billy Budd (27.02.2012, 15:55): Wiener Staatsoper Sonntag, den 26. Feber 2011 LA SONNAMBULA Vincenzo Bellini
Habe ich unlängst behauptet, „Andrea Chénier“ sei eine langweilig? Diese Aussage muss ich revidieren, da ich vor einem Monat noch nicht wussste, was eine wirklich langweilige Oper ist. Seit gestern weiß ich es. Der Abend ist auf die „Haben“-Seite der Saison zu schreiben, denn die aufgebotene Sängerschar entsprach dem Niveau der Wiener Staatsoper. Es war meine erste Begegnung mit Ekaterina Siurina und ich behielt einen sehr positiven Eindruck in Erinnerung. Die Partie der Amina ist ja alles andere, als leicht zu bewältigen und Frau Siurina vermochte ihren Gesang mit Ausdruck zu füllen. Einzig störend war ein leichtes Flackern der Stimme in hohen Lagen, über das aber hinweggesehen werden kann. Hoffentlich wird die Russin auch in zukünftigen Saisonen zu erleben sein. Ebenfalls zum ersten Mal hörte ich Lawrence Brownlee, der bei uns schon vier Mal als Almaviva aufgetreten ist. Seine grundsätzlich schöne Tenorstimme verfügt leider über sehr ausgeprägtes Vibrato, das schon an der gefährlichen Grenze zum Tremolo liegt. Anstonsten erbrachte er eine gute Leistung. Ein Wiederhören würde Freude machen. Es ist wirklich zum Die-Wände-hoch-gehen: Dan Paul Dumitrescu (Conte Rodolfo) verfügt über ein wunderbares Material, aber stets – wie auch gestern – begnügt er sich damit, seinen Part ohne Anflug einer Gestaltung teilnahmslos herunterzuleiern. Ich mutmaße, dass dies der Grund ist, weswegen ihm fast nur kleine Rollen (Ausnahmen: 6 mal Sarastro, 19 mal Raimondo) anvertraut werden. Ich bedaure dies, denn Herr Dumitrescu könnte – wenn er wollte – größere Aufgaben übernehmen. Valentina Nafornita war eine Lisa mit unangenehmer (weil recht klein und leicht tremolierend) Stimme; Aura Twarowska war nach ihren Aussetzern im „Otello“ und „Andrea Chénier“ wiederhergestellt und bot eine gute Teresa; Tae-Joong Yang agierte als Melissio besser, als sonst und Thomas Köber stellte als Notar seinen Mann. Am Pult stand Evelino Pidò, der vorige Saison mit der „Sonnambula“-Serie am Haus debütierte und hernach die Premierenserie der „Anna Bolena“ leitete. Ich kann aufgrund fehlender Vergleichsmöglichkeiten sein gestriges Dirigat nicht gut beurteilen, hatte aber den Eindruck, dass er die Sänger sehr rücksichtsvoll begeleitete. Im Mai dieses Jahres wird er noch bei „Roberto Devereux“ ans Pult treten. Chor und Orchester agierten sehr gut. Zusammengefasst handelte es sich um eine auszeichnete Repertoirevorstellung. Mögen zahlreiche solche wiederkommen!
Billy :hello
Billy Budd (28.02.2012, 14:21): Es würde mich aber auch nicht wundern, wenn ihn Meyer ausgebootet hätte, Villazón wäre nicht der Erste, den er nach einer schlechten Leistung ausgewechselt hätte. (Severina) Das habe ich noch gar nicht bedacht, halte ich aber für möglich (man denke an Don Giovanni, Nozze). Wenn das stimmt, sagt es einiges über die Person des "vornehmen" und "charmanten" Direktors aus. (Ich) Es ist zwar schon etwas her, aber damit keine falschen Gerüchte weiterkursieren, schreibe ich es: Ich habe unlängst aus einer sicheren Quelle (die anonym bleiben will) Nachricht bekommen, dass Villazón nicht ausgebootet wurde, sondern abgesagt hat. Castronovo hat sich dann kurzfristig bereit erklärt, einzuspringen. Billy :hello
Billy Budd (02.03.2012, 13:25): Wiener Staatsoper Donnerstag, den 1. März 2011 CARMEN Georges Bizet
Recht enttäuschend geriet die gestrige „Carmen“. Es handelte sich um die letzte von drei Vorstellungen; die erste hat mir besser gefallen. Die teilweise hymnischen Kritiken (u.a. „Entdeckung“) über Elena Maximova sind für mich nachvollziehbar. „Das ist keine Carmen, sondern eine Adina.“, sagte sinngemäß eine Stehplatzbesucherin und diesbezüglich kann ich ihr Recht geben. Frau Maximova hat mir nichts von dem vermittelt, was eine Carmen (für mich) haben muss. Im ersten Akt spielte sie in lustiges Mädel – das war ja in Ordnung – aber, dass diese schüchterne Frau, um die Freiheit nicht zu verlieren, in den Tod geht, war beim besten Willen nicht glaubhaft. Doch auch gesanglich gibt es wenig Erfreuliches zu vermelden. Ihre Stimme verfügt über eine recht satte Tiefe, aber die Höhe und das Forte scheppern. Dass zur Abwechslung eine Stimme für das Haus groß genug ist, ist zwar erfreulich, sollte aber eine Selbstverständlichkeit darstellen. Wenn Thiago Arancam so weiter macht, wird ihm in spätestens fünf Jahren ein Schicksal eines Rolando Villazón widerfahren. Im Gegensatz zur ersten Vorstellung, als er alle Höhen herausstemmte, hatte er gestern keine Kraft für eine solche Gewalttour. Er begann so schwach, dass ich befürchtete, er werde die Vorstellung nicht zu Ende bringen können. Die Blumenarie – die auch nur mit zögerlichem, kurzem und nicht gerade enthusiastischen Applaus bedacht wurde – war eine einzige Peinlichkeit, aber am Schluss ging er wider Erwarten doch nicht ein. Wie in meinem letzten Bericht erwähnt, ist die Stimme rau und klingt unangenehm. Bezüglich Maija Kovalevska und Carlos Álvarez verweise ich auf meinen letzten Bericht; beide erbrachten auch diesmal eine ordentliche Leistung. Von den Comprimarii ist auch diesmal wenig Positives zu vermelden: An meiner Einschätzung bezüglich Clemens Unterreiner hat sich nichts geändert, aber der Moralés hat ja gottlob nicht viel zu singen, ergo war dieses Ärgernis nicht von großer Wichtigkeit. Die Partie des Zuniga gehört wenigstens solide – also nicht mit Janusz Monarcha – besetzt. Gerechterweise muss gesagt werden, dass er diesmal nicht so schlecht, wie vor einer Woche sang. Chen Reiss sang die Frasquita nur in der ersten Vorstellung der Serie; in der zweiten war Ileana Tonca der Ersatz und gestern wurde Simina Ivan – die Einspringerin vom Dienst – aufgeboten, die sich ihrer Aufgabe mit Anstand entledigte. Juliette Mars war eine unauffällige Mercédès, wie auch Ho-yoon Chung und Hans Peter Kammerer äußerst unauffällig agieren. Der von Thomas Lang geleitete Chor tat ordentlich seine Pflicht. Bleibt noch Yves Abel zu erwähnen, der diesmal einen spritzigeren Bizet dirigierte. Nach dem zweiten Akt waren einige, wenn auch recht leise, von der linken Galerie Seite ausgehende Buhrufe zu hören, aber am Ende gab es nur zustimmenden, wenn auch endenwollenden Applaus.
Billy :hello
Billy Budd (06.03.2012, 21:47): Wiener Staatsoper Montag, den 5. März 2011 SIMON BOCCANEGRA Giuseppe Verdi
Eine im Großen und Ganzen zufriedenstellende Aufführung meiner Verdi-Lieblingsoper (Wobei ich auch „Nabucco“, „Ballo“, „Forza“, „Otello“ und „Falstaff“ sehr schätze!) ging am gestrigen Abend über die Bühne der Wiener Staatsoper. Es freut mich, dies berichten zu können: Ferruccio Furlanetto scheint sich im zweiten Stimmfrühling zu befinden, denn Stimme klingt in letzter Zeit immer besser. Zu Beginn des Prologs klang sein voluminöser Bass noch etwas brüchig, aber konnte sich bald steigern. Insgesamt erbrachte er die für mich überzeugendste Leistung, denn Herr Furlanetto verfügt auch über eine überragende Bühnenpräsenz. Wie auch im September gestaltete er die Versöhnungsszene sehr berührend. Ich freue mich schon auf seine Auftritte als Boris Godunow ab Mitte April. Ursprünglich war Sorin Coliban für den Pietro und Wolfram Igor Derntl für den Hauptmann vorgesehen und vor einigen Tagen wurde auch noch die Rolle des Paolo umbesetzt. Marco Caria ersetzte den absagenden Markus Eiche (Auf den ich mich sehr gefreut habe.). Offensichtlich wurde Boaz Daniel, der zwar nie meine erste Wahl war, aber doch ein verlässliches Ensemblemitglied darstellte, aus dem Ensemble gekippt und Herr Caria wird in genau den Rollen, die in der späten Holenderzeit Herr Daniel innehatte, eingesetzt. Den Paolo erachte ich als seine beste bisherige Wiener Partie. Sein rauer und kräftiger Bariton, der auch zu stimmlichen Nuancen fähig ist, passt hier gut. Darstellerisch bot er eine solide Leistung. Dan Paul Dumitrescu war ein positiv auffallender Pietro mit resonanzreichem Bass. Dmitri Hvorostovsky gehört ohnehin zu meinen ungeliebten Sängern und so war seine Darbietung nicht enttäuschend. Von mehreren Personen bekam ich gesagt, er verwende eine falsche Atemtechnik. Da ich mich auf diesem Gebiet kaum auskenne, kann ich das nicht bestätigen, vermute es aber stark, zumal das Einatmen von Herrn Hvorostovsky bis auf die Galerie hörbar war. In der letzten Szene brach ihm ein Ton ab. Des weiteren war er als Darsteller beinahe ein Ausfall, denn er wirkte den ganzen Abend ziemlich geistesabwesend. Francesco Meli ist ein guter Tenor. Zu einem sehr guten fehlt ihm einiges. Seine eindimensional timbrierte Tenorstimme klang in der Höhe etwas dünn, aber ihr Besitzer erbrachte in Summa eine ordentliche Leistung. Schwachpunkt der Aufführung war die Amelia von Marina Poplavskaya. Ihr Timbre, das etwas gequetschtes Timbre an sich hat, gefällt mir nicht und die Stimme tremoliert. Marian Talaba war dismal gottlob nur eine sehr kleine Rolle (Hauptmann der Bogenschützen) anvertraut, aber auch da sorgte er für eine Lacheinlage. Juliette Mars hatte in dem winzigen Part der Dienerin keine Möglichkeit, sich zu profilieren. Ein besonders Lob gebührt dem hervorragenden Chor unter der Leitung von Thomas Lang. Paolo Carignani leitete das sehr gut spielende Orchester gefühlvoll. Da aber letzte Saison Myung-Whun Chung ein fabelhaftes Dirigat bot, bin ich wohl für zukünftige Aufführungen verdorben. Mein Bericht ist diesmal kürzer, wie üblich, aber derzeit habe ich andere, mit der Oper in Verbindung stehende, Sorgen (siehe Interner Bericht), als, wie es um die Leistungen in einer Repertoireaufführung bestellt war.
Billy :hello
Severina (06.03.2012, 22:20): Hallo Billy, ich werde am Sonntag im Simone sein und freu mich schon! Boaz Daniel war im PR-Block ein ausgezeichneter Paolo (Boshafte Leute meinten sogar, er wäre der bessere Boccanegra gewesen und hätte mit Hampson die Rollen tauschen sollen....), damals dachten wir, in ihm wächst ein ganz wunderbarer neuer Bassbariton heran, leider blieb er dann irgendwie in seiner Entwicklung stecken und konnte die Versprechen seiner Anfangszeit nicht einlösen. Schön, dass Furlanetto so gut bei Stimme ist, denn Fiescos "Prega, Maria per me" ist eine meiner Gänsehautstellen in dieser Oper. Von Hvorostovsky erwarte ich mir sowieso nicht viel, er verströmt zwar immer viel Wohlklang, aber noch mehr gähnende Langeweile. Aber ich lasse mich überraschen!
lg Severina :hello
Billy Budd (07.03.2012, 15:19): Liebe Severina, wie ich eben anderswo geschrieben habe, werde ich auch am Sonntag in der Oper sein und freue mich auch schon darauf. Dumm ist nur, dass es eine Nachmittagsvorstellung ist und eine Matinee, die ich nicht versäumen möchte, um 12 Uhr endet. Dann muss ich wohl vier Stunden bei der Oper bleiben, denn nach Hause zu fahren würde sich nicht auszahlen. Übrigens hat mir auch wider Erwarten Eijiro Kai als Paolo gut gefallen. Billy :hello
Billy Budd (09.03.2012, 23:38): Wiener Staatsoper Freitag, den 9. März 2011 MADAMA BUTTERFLY Giacomo Puccini
Dass sich Direktor Meyer seit seinem Amtsbeginn nicht mit Ruhm bekleckert hat, ist mit einem funktionierenden Gehör und gesundem Urteilsvermögen ausgestatteten Wiener Opernfreunden schon längst klar. Seit September 2010 habe ich etliche unbefriedigende Vorstellungen erlebt, aber keine (wirklich keine) war so miserabel, wie diese „Butterfly“. Um es vorwegzunehmen: Kein Sänger brachte einer der Wiener Staatsoper angemessene Leistung. Am Überzeugendsten war noch Nadia Krasteva als darstellerisch sehr um ihre Herrin bemühte Suzuki. Die zweitbeste Darbietung kam von Eijiro Kai. Gewiss, seine Darbietung gereichte der Wiener Staatsoper nicht zur Ehre, aber die restliche Protagonisten überragte er. Herr Kai brüllte sich mit einer unangenehmen Stimme durch den Sharpless und bot auch eine wenig überzeugende schauspielerische Leistung. Bei einem Operndirektor, der auf die Idee kommt, die Butterfly mit Olga Guryakova zu besetzen, muss ernsthaft dessen Qualifikation in Frage gestellt werden. Abgesehen davon, dass man ihrem Charakter und ihrer Bühnenerscheinung keine 15-jährige abnimmt, ist ihre Stimme für diese Partie alles andere als geeignet. Die Russin verfügt zwar über eine gute Tiefe, aber alle Höhen gerieten messerscharf. Im Forte konnte die Stimme das Orchester nicht übertönen. Das war eine der ärgsten Fehlbesetzungen der letzten Zeit. Maxim Aksenov sprang in dem letzten Monat der Holenderzeit als Pinkerton ein. Damals habe ich ihn nicht gehört, aber selbst Rezensenten, die einen großen Hang zum Schönschreiben haben, verrissen diese Leistung und vermeldeten einen Buhorkan. Insofern ging ich mit sehr geringen Erwartungen in die Vorstellung. In letzter Zeit waren nur Neil Shicoff und Marian Talaba als Pinkerton zu hören und es geht – Wer hätte das vermutet? – noch schlimmer. Die Stimme des Russen ist sehr leise (manchmal unhörbar), verfügt über ein gurgelndes Timbre und die Höhe klingt aufgesetzt und gequält. Nein, Herr Aksenov hat auf der Staatsopernbühne wirklich nichts verloren! Dazu kommt, dass er ein schauspielerisches Nulltalent ist und nur hölzern in der Kulisse herumstand. Am Skurrilsten war aber, dass er am Ende des ersten Aktes auf die Idee kam, er müsse seine Butterfly ins Haus tragen. Nun, er ist gestolpert und hätte sie beinahe fallen gelassen. Nach dieser Begegnung hoffe ich nicht auf eine weitere. Benedikt Kobel ist das mit Abstand grauenvollste Erbe aus der Holenderzeit. Sein Goro war wenig überraschend eine abenteuerliche Katastrophe. Fast alle Neuzugänge sind Nieten und James Roser stellt keine Ausnahme dar. Er gab mit knarrender Stimme einen nahezu unhörbaren Kaiserlichen Kommissär. Der Yamadori ist eine schwache Rolle von Peter Jelosits und Lydia Rathkolb gab mit flackerndem Sopran eine wenig erfreuliche Kate. Auch Alexandru Moisuc erreichte als Bonze nicht das zu erwartende Niveau. Yves Abel stand am Pult des nicht gerade inspiriert spielenden Orchesters und dirigierte zu plump und laut. Am Stehplatz waren wenige Stammbesucher zu finden. Von diesen verließ einer schon nach dem Auftritt Cho-Cho-Sans den Saal und ein anderer flüchtete nach dem zweiten Akt. Eine Frau, die in der Pause das Weite suchte, bat mich, am Schluss kräftig zu buhen. Ehrlich gesagt musste ich mich zwingen, den Ort des Schreckens nicht vorzeitig zu verlassen. Übrigens: Ein älterer Stehplatzbesucher schimpfte in der Pause kräftig. So ein Lustspiel habe er überhaupt noch nie gehört. Er sagte, zu Beginn habe er sich noch über sein Kommen geärgert, aber jetzt nicht mehr, denn so ein Debakel erlebt man doch nicht alle Tage. Nun ja, so kann man’s auch sehen. Galgenhumor ist derzeit an der Wiener Staatsoper sehr wichtig. Das Publikum zeigte während der Vorstellung zu Recht keine Begeisterung und hielt den Schlussapplaus äußerst kurz. Nur Frau Guryakova und Frau Krasteva erhielten Bravi und überraschenderweise war ich der einzige, der die unzureichende Leistung Herrn Aksenovs mit einer Missfallenskundgebung quittierte.
Billy :hello
Billy Budd (10.03.2012, 17:18): Original von Billy Budd wie ich eben anderswo geschrieben habe, werde ich auch am Sonntag in der Oper sein und freue mich auch schon darauf.
Ich kann leider morgen doch nicht kommen, da ich derzeit viel zu arbeiten habe. Schließlich interessieren mich auch noch die morgige Fally/Unterreiner-Matinee und die Volksopern-Traviata am Dienstag. Dafür kann ich mir endlich die Tannhäuser-DVD mit Spas Wenkoff anschauen. Billy :hello
Severina (11.03.2012, 22:25): Obwohl ich in dieser Saison schon im Vorfeld damit rechne, die WSO frustriert zu verlassen (Leidvolle Erfahrungen....), zog es mich heute nach längerer Absenz doch wieder einmal in mein einst so geliebtes "zweites Wohnzimmer", denn meine Lieblingsoper so ganz ohne meine passive Beteiligung - nein, das geht dann doch nicht! Um es gleich vorwegzunehmen: Der "Simon Boccanegra" versetzte mich zwar nicht in Euphorie, der große Frust blieb mir diesmal aber erspart.
Ich gehe gerne in die letzten Vorstellungen einer Serie, weil da die Sänger in der Regel schon gut aufeinander eingespielt und auch die Nerven besser gebettet sind, denn die offiziellen Kritiker sind längst abgezogen. (Obwohl sich vor denen in der Ära Meyer kein Sänger fürchten muss, dafür wird schon gesorgt.....) Die 58. Aufführung in der Regie von Peter Stein ging heute über die Bühne, und bedeutete schon der PR-Block inszenatorische Schonkost, so sind wir inzwischen bei einer Nulldiät angekommen. Sollte es je ein Regiekonzept gegeben haben, hat es sich jedenfalls spurlos in Luft aufgelöst. Daher erspare ich es mir auch, das sehr minimalistische Bühnenbild näher zu beschreiben, denn worin herumgestanden wird, ist doch eigentlich belanglos. Viel "Action" gab es zwar auch ursprünglich nicht, aber Thomas Hampson (Simone), Ferruccio Furlanetto (Fiesco) und Boaz Daniel (Paolo) garantierten trotzdem einen Psychokrimi auf höchstem Niveau.
In den letzten Jahren muss man hingegen froh sein, wenn schön gesungen wird, und das gelang heute zumindest den männlichen Protagonisten zufriedenstellend. (Ihr merkt schon, meine Begeisterung ist schaumgebremst, aber immerhin....)
Ich beginne mit dem Urgestein Ferruccio Furlanetto, dem Fiesco der ersten Stunde. Er wüsste natürlich, wie's von Peter Stein gemeint war (Falls er überhaupt etwas gemeint hat!), bloß kann er das alleine nicht umsetzen. Trotzdem gelang Furlanetto ein beeindruckendes Rollenporträt, er durchlebt und durchleidet jede Phrase und die Intensität seiner Interpretation macht stimmliche Verschleißerscheinungen locker wett. (Zumindest für mich!) Denn natürlich hinterlässt das Alter nicht nur im Gesicht, sondern auch an den Stimmbändern seine Spuren, Furlanettos Bassbariton hat an Weichheit und Geschmeidigkeit eingebüßt. Dafür klang die Stimme heute wieder kompakter als bei meiner letzten Begegnung mit ihm, nicht so brüchig. Aber noch immer verfügt er über ein imposantes Organ, kann mächtig aufdrehen, wo es nötig ist, wunderbar phrasieren wie im Gebet des Vorspiels (Immer eine meiner Gänsehautstellen!), Hass und Verachtung in seine Stimme legen. Die Emotionalität seines Singens begeisterte mich heute besonders, denn mir schien, dass er seinen Fiesco seit dem letzten Mal wieder mit neuen Nuancen ausgestattet hat, manche Stellen für mich völlig anders, noch intensiver klangen. (Als schlauer Fuchs weicht Furlanetto hin und wieder in kurze Sequenzen von Sprechgesang aus, was sehr effektvoll ist und ihm gestattet, heikle Stellen elegant zu umschiffen!)
Fiescos Gegenspieler Simone lag in der Kehle von Dmitri Hvorostovskys,, ein Sänger, für den ich mich bisher nur mäßig begeistern konnte. Nun, ein Hvorostovsky-Fan bin ich auch nach der heutigen Vorstellung nicht geworden, aber es wurde auch nicht die befürchtete Katastrophe. Eigentlich mag ich helle Baritons, aber der des Russen klingt in meinen Ohren sehr einförmig: Eine schöne Grundierung, auf die aber kaum Farben aufgetragen werden. Außerdem nervt mich seine merkwürdige "Schnappatmung", die den Stimmfluss immer wieder unterbricht und mich meist so irritiert, dass ich unwillkürlich auf den nächsten Schnapper warte. Diese Unart müsste sich doch abstellen lassen, oder steckt da ein physisches Problem dahinter?? Leider beschränkt sich Hvorostovsky auf die Produktion schöner Töne - und die gelingen ihm in der Tat gleich in Serienanfertigung - , Interpretation ist seine Sache nicht. Alles klingt irgendwie gleich, egal in welcher seelischen Disposition er sich rollenmäßig befinden müsste, das "Io voglio!", mit dem er Paolo zum Verzicht auf Amelia zwingt, könnte sich genauso gut auf eine Sachertorte beziehen, da schwingt nicht die Spur von autoritärer Entschlossenheit mit. Ebenso indifferent gestaltet er die Erkennungsszene mit Maria, seiner tot geglaubten Tochter - er hüllt sie in vokalen Wohlklang und legt ihr sanft die Hand auf die Schulter - keine Spur von dem Gefühlssturm, den dieses Wiedersehen in ihm eigentlich auslösen sollte. (Welche Intensität hatte Hampson alleine in das Wort "Maria" gelegt!!!) Nach der Pause trat der Inspizient vor den Vorhang, aber nicht um wie erwartet die indiskutable Sopranistin zu entschuldigen, nein, sondern Dmitri Hvorostovsky: Er sei erkältet, singe die Vorstellung aber trotzdem weiter und bitte um Nachsicht. Nun, von einer Indisposition hatte ich bis dahin wirklich nichts gemerkt, und auch nach der Pause stellte ich keinen wesentlichen Unterschied fest, außer dass der Sänger mit immer weniger Power unterwegs war. An meinem grundlegenden Urteil über Hvorostovsky - "Ein schön singender Langeweiler!" - hat sein Simone nichts geändert, nur die erwartete Fehlbesetzung war er ganz ehrlich auch nicht.
Sehr angetan war ich von Francesco Meli als Gabriele Adorno. Erstaunlich, wie seine Stimme in den letzten Jahren an Durchschlagskraft gewonnen hat, wie effektvoll er attackieren kann, ohne dass er forcieren muss, die souverän gesetzten Spitzentöne gepresst klängen. Es war schon beinahe peinlich, wie er in den Ensembles die anderen an die Wand sang, mühelos alle übertrumpfte. Nach meinem Geschmack besitzt Herr Meli ein durchschnittliches Timbre, also keine Stimme, bei der ich automatisch "Wow!" sage, sie ist aber angenehm anzuhören und vor allem in allen Lagen sicher geführt. Dass ich zu seiner heutigen Leistung trotzdem nicht uneingeschränkt bravo sage, liegt an seiner Unart, Emotionen durch Schluchzer zu verstärken, was ich auf den Tod nicht ausstehen kann. Dabei hätte Herr Meli solche Mätzchen gar nicht nötig, er muss weder technische Mängel noch mangelnde Höhensicherheit kaschieren, sondern kann sich ganz auf seine Stimme als Ausdrucksmittel verlassen.
Schwach war Marco Caria als Paolo. Für seine Stimme gilt das gleiche wie für sein Spiel: Hölzern und wenig überzeugend.
Er hätte besser mit Dan Paul Dumitrescu die Rollen getauscht, der wäre zwar auch jeden mimischen Einsatz schuldig geblieben, hätte dies aber wenigstens mit balsamischem Wohlklang relativiert. Den konnte er zwar auch als Pietro bieten, aber der ist nun wirklich eine Wurzenrolle.
Der absolute Tiefpunkt des Abends war für mich die Amelia von Marina Poplavskaya. Während die Herren heute großteils ein ansprechendes Repertoireniveau ablieferten, darf eine so eklatante Fehlbesetzung an einem Haus wie der WSO wirklich nicht passieren. Eine eintönig dahinplätschernde Mittellage, ohne Registerverblendung aufgesetzte schrille Höhen, sodass man permanent das Gefühl hatte, es mit zwei völlig verschiedenen Stimmen zu tun zu haben, weil eben jeder Übergang fehlte, und dazu ein 0815-Timbre - all das qualifiziert Frau Poplavskaya nicht dazu, bei uns eine Hauptrolle zu singen. Dass sie dies weltweit tut, ist zumindest für mich kein Grund, sie auch nach Wien zu holen. Überforderte Sopranistinnen finden sich auch in unserem Ensemble, dafür müssen wir keinen Gast holen.
Bestenfalls durchschnittlich würde ich das Dirigat von Paolo Carignani bewerten, der das Irisierende in der Simone-Partitur, das besonders die wunderbaren Streicherpassagen betrifft, nicht so richtig zur Geltung bringen konnte. Allerdings erwies er sich als aufmerksamer Sängerbegleiter, der auf Hvorostovkys nachlassendes Stimmvolumen entsprechend reagierte.
Die Begeisterung des Publikums war für eine Nachmittagsvorstellung enorm, 10 Minuten wurde geklatscht und gejubelt, speziell Furlanetto, Hvorostovsky und Meli gefeiert, aber selbst für die unsägliche Sopranistin gab's einige Bravos. (Nach ihrer Arie im 1. Akt rührte sich allerdings keine Hand, obwohl Carignani das Ochester für eine Klatschpause anhielt!)
Mein Fazit: Endlich wieder einmal eine passable Repertoirevorstellung - oder bin ich inzwischen schon so bescheiden geworden???
lg Severina :hello
Billy Budd (11.03.2012, 22:42): Liebe Serverina, herzlichen Dank für Deinen ausführlichen Bericht! Ich wollte ja ursprünglich auch gehen. Ich stimme mit Dir überein, dass es sich um solides Repertoire handelte; derzeit muss man als Wiener Opernfan bescheiden sein, um eine Vorstellung beglückt zu verlassen. (Besonders grauenvoll war ja die "Butterfly" am Freitag! X( ) Eine kleine Korrektur: Es handelte sich nicht um die letzte Vorstellung der Serie, denn es gibt noch eine am Dienstag. Ich mag die Stein-Inszenierung sehr. Marco Caria hat mir doch besser, wie Dir gefallen. Auch als Silvio erbrachte er eine - meines Erachtens nach - sehr gute Leistung. Marina Poplavskaya hat auf der Staatsopernbühne in der Tat nichts verloren. Dass sich nach der Arie keine Hand zum Applaus rührte und die Pause des Dirigenten ignoriert wurde, sagt sowieso schon alles. Die Berufsjubler bei den Schlussvorhängen sterben leider nicht aus. Wann hast Du denn wieder Opernbesuche eingeplant? Schade, dass Du im Vorjahr nicht in der Simon-Serie warst, die war nämlich wunderbar. Billy :hello
Severina (11.03.2012, 23:08): Lieber Billy,
mir gefällt das Bühnenbild, ich mag es minimalistisch bis völlig leer, und einiges ist recht effektvoll. Aber von einer Inszenierung kann ich beim besten Willen nichts bemerken. Die wenigen eindrucksvollen Szenen der PR-Serie, z.B. die Verfluchung Paolos in der Ratsszene, sind inzwischen auch verflacht. Für die Ratsszene verfügt Hvorostovsky einfach über viel zu wenig Persönlichkeit. Da muss man die Mischung aus Wut und Resignation spüren, die Simone angesichts der Patrizier und Plebejer überkommt, die ihre kleinlichen Rivailitäten über die Interessen des Staates stellen, er muss bei der Ansprache seine ganze Persönlichkeit in die Waagschale werfen, um den Frieden zu erzwingen. Leider hat DH da nichts, was er werfen könnte..... Und sein "Sia maledetto" kommt so zahm rüber, dass er damit nicht einmal die Ratten im Dogenpalast erschrecken könnte.
Zu Caria: Vielleicht hatte er heute einfach einen schlechten Tag!
lg Severina :hello
PS: Danke für Deinen Hinweis auf die vorletzte Vorstellung, habe es oben korrigiert!
Billy Budd (11.03.2012, 23:37): Liebe Severina, das Bühnenbild (das habe ich eigentlich gemeint) gefällt mir extrem gut. Es bietet meiner Ansicht nach einen guten Rahmen für die Handlung und ist kein bisschen überladen. Hvorostovsky hat mir auch als Rigoletto nicht gefallen. Zu Caria: Könnte natürlich sein, allerdings war ich auch in letzter Zeit nicht so begeistert von ihm. Schauen wir mal, wie er sich entwickelt. Billy :hello
Billy Budd (18.03.2012, 13:56): Wiener Staatsoper Samstag, den 17. März 2011 DIE FRAU OHNE SCHATTEN Richard Strauss
Seit 2003 stand die „Frau ohne Schatten“ in der Inszenierung von Robert Carsen nicht mehr auf dem Spielplan der Wiener Staatsoper. Die gestrige Wiederaufnahme war fast durchgehend neu besetzt. Mit Ausnahme von Wolfgang Bankl, Ileana Tonca und Nadia Krasteva gaben alle Mitwirkenden ihr Wiener Rollen-, bzw. Hausdebüt. Ich werde die restlichen Vorstellungen (20., 23., 27. März) auch besuchen, denn – so dünkt es mich – wird dieses Werk dann längere Zeit nicht in Wien zu erleben sein. Die Generalprobe fiel wegen eines Stromausfalls ins Wasser; umso erfreuter war ich, dass die gestrige Wiederaufnahme zur allgemeinen Zufriedenheit geriet. Zur Begeisterung fehlte ein schönes Stück, aber vielleicht stellt sich ja eine solche bei den Reprisen ein. Über ein Jahr hatte ich keine Gelegenheit, Adrianne Pieczonka zu hören, weswegen ich mich auf den gestrigen Abend besonders gefreut habe. Zu Beginn machten ihr noch kleinere Höhenschwierigkeiten zu schaffen, aber im dritten Akt konnte Frau Pieczonka unter Beweis stellen, dass ich guten Grund habe, sie als meine Lieblingssängerin zu bezeichnen. Ich liebe ihr Timbre, das ich als etwas cremig empfinde. Die vibratoarme Stimme ist in der Lage, sowohl im Piano, als auch im Forte zu singen. Des weiteren ist die Textverständlichkeit sehr gut. Ich freue mich auf April, wenn ich sie zum ersten Mal im italienischen Fach (Elisabetta) erleben kann und hoffe, dass sie schon für zukünftige Saisonen gebucht ist. Der Kaiser ist eine ähnlich undankbare Partie, wie der Bacchus; insofern muss man jedem dankbar sein, der sie mit Anstand bewältigt. Ein solcher ist Robert Dean Smith. Es ist dem Sänger zu Gute zu halten, dass ihn die Regie nicht sehr sängerfreundlich positioniert hat: Einen beträchtlichen Teil der Partie hat er in der hinteren Hälfte der Bühne zu singen und ist dazu noch durch einen durchsichtigen Vorhang vom Publikum getrennt. Herr Smith war bemüht, das Orchester zu übertönen, was nur sehr eingeschränkt gelang. Insgesamt erbrachte er eine gute Leistung, hatte aber auch mit Höhenschwierigkeiten zu kämpfen. Apropos Höhenschwierigkeiten: Wolfgang Bankl ist – das steht fest – ein Bass. Nicht unbedingt ein für tiefe Rollen, wie Sarastro, geeigneter, aber doch einer. Offensichtlich hat sich dies noch nicht in die Direktion herumgesprochen, denn wie wäre es sonst erklärbar, dass Herrn Bankl nach dem Musiklehrer vor einem Jahr zum wiederholten Male eine Baritonpartie anvertraut wurde? Wenn der Interpret der kleinen, aber wichtigen Rolle des Geisterboten mit einer guten tiefen Lage und sorgfältiger Diktion aufwarten kann, sich aber immens mit den Höhen plagt, ist der Eindruck ein zwiespältiger. Wolfgang Koch bot als Barak eine sehr gute Leistung. Sein Bariton ist kraftvoll und wartet mit einer sauberen Diktion auf. Ein Wiederhören würde Freude machen. Positiv überrascht war ich von Evelyn Herlitzius, zumal ich im Vorfeld doch einiges Negative („singt auf den Scherben ihrer Stimme“, usw.) über sie gelesen hatte. Frau Herlitzius’ durchschlagskräftiger Sopran tremoliert leicht und wartet mit sehr grellen und unangenehmen Höhen auf. Dank totaler Hingabe an die Rolle gelang ihr dennoch eine achtbare Leistung. Letztes kann über die Hausdebütantin Birgit Remmert (Amme) nicht gesagt werden. Auch sie verfügt über genug Lautstärke; die tiefe Lage war zwar vorhanden, musste aber hinuntergedrückt werden. Höhen gerieten auch schrill. Adam Plachetka, Alexandru Moisiuc und Norbert Ernst (anstelle des angekündigten Herwig Pecoraro) sangen die Brüder des Färbers, wobei mich letzterer am meisten zu überzeugen vermochte. Die Stimmen von Dan Paul Dumitrescu, Marcus Pelz und Clemens Unterreiner (Wächter der Stadt) harmonierten sehr gut. In keiner Hinsicht staatsopernwürdig war Chen Reiss als Stimme des Falken, dessen Worte man nur erahnen konnte. In den sehr zahlreichen kleinen Rollen trugen Ileana Tonca, Caroline Wenborne, Stephanie Houtzeel, Nadia Krasteva, Monika Bohinec und Zoryana Kushpler zum Gelingen des Abends bei. Es war meine erste „Frau ohne Schatten“, weswegen ich bezüglich des Dirigats nur vermelden kann, dass Franz Welser-Möst oft zu laut hineindrosch. In sehr guter Verfassung zeigte sich der von Thomas Lang geleitete Chor. Das Publikum akklamierte das Färberspaar am stärksten, aber auch die anderen Protagonisten konnten sich über viele Bravorufe und lang anhaltenden Applaus freuen, der aber bei Frau Remmert und Herrn Bankl deutlich einbrach.
Billy :hello
Billy Budd (18.03.2012, 23:27): Wiener Staatsoper Sonntag, den 18. März 2012 TANNHÄUSER UND DER SÄNGERKRIEG AUF DER WARTBURG (Dresdner Fassung) Richard Wagner
Beschämend schlecht besucht war der heutige „Tannhäuser“. Vielleicht lag das daran, dass zur selben Zeit ein Liederabend Jonas Kaufmanns im Musikverein stattfand. Ich betrat erst 70 Minuten vor Beginn der Vorstellung das Opernhaus, konnte aber mühelos meinen Stammplatz ergattern. Zwei Stammbesucher verließen die Aufführung vorzeitig, was aber keine gute Entscheidung war. Der erste Akt geriet inakzeptabel; im zweiten war eine Steigerung feststellbar und der dritte machte dank einer sehr guten Romerzählung viel Freude. Peter Seiffert sang seinen ersten wiener Tannhäuser. Wie erwartet machten sich doch leichte Alterserscheinungen bemerkbar. Er hatte einen schwachen Beginn, vermochte sich aber kontinuierlich zu steigern. Die „Erbarm Dich mein“-Rufe brachte er dank genügend Kraft gut über die Runden und wie schon erwähnt gelang die Romerzählung ausgezeichnet. Herr Seiffert ist als textdeutlicher Sänger bekannt, was aber im ersten Akt kaum bemerkbar war. Des weiteren waren zu Beginn leichte Intonationstrübungen bemerkbar. Sehr positiv sei seine schauspielerische Leistung vermerkt. Es war meine erste Begegnung mit Petra Maria Schnitzer, die nicht gerade erfreulich ausfiel, was hauptsächlich an ihren scharfen und unschönen Höhen lag. Iréne Theorin hat das, was man einen kräftigen Wobble nennt. Ihre Interpretation der Venus hat sich seit November 2011 nicht verbessert. Die Textverständlichkeit lag bei null und mir fällt nichts Positives ein. Wer sich für Wagner schindet, zahlt die Zeche. Als ein Totalausfall kann Ludovic Tézier bezeichnet werden. Nicht nur, dass mir sein Timbre nicht gefällt; er wusste auch darstellerisch mit der Figur des Wolfram nichts anzufangen und die Aussprache war abenteuerlich. Dieses Engagement ist mir nicht verständlich, zumal es doch Markus Eiche im Ensemble gäbe. Der Landgraf ist sicher keine optimale Rolle für den von mir geschätzten Sorin Coliban, dem man damit nichts Gutes tut. Zu dünn klang sein Bass in den exponierten Lagen (hoch und tief). Darstellerisch konnte er die Person glaubhaft machen. Stark enttäuschten die Ensemblemitglieder Norbert Ernst und Lars Woldt. Für den Walther wünsche ich mir eine schönere Stimme, als sie Herr Ernst sein Eigen nennt und Herr Woldt sang und spielte den Biterolf hölzern und zu überzogen. Peter Jelosits und Il Hong hatten als Heinrich und Reinmar praktisch keine Gelegenheit, sich zu profilieren. Keine Freude machte der von Valentina Nafornita unruhig und vibratoreich gesungene Hirte. Das Prädikat „Hervorragend“ verdient hingegen der von Thomas Lang geleitete Chor. Die Vorstellung hätte immens an Qualität gewonnen, wäre anstelle von Bertrand de Billy ein für Wagner’sche Opern geeigneter Dirigent am Pult des gut spielenden Orchesters gestanden. Schon die polternde Ouvertüre ließ nichts Gutes erahnen, aber es wurde schlimmer. Sein Dirigat ließ sowohl Spannung, als auch Dynamik vermissen. Verhetzte und verschleppte Stellen wechselten in bunter Reihenfolge. Der Franzose mag ein für italienische und französische Oper geeigneter Dirigent sein; für Wagner war dies entschieden zu wenig. Lang anhaltender Applaus beschloss eine Vorstellung mit unzureichendem Beginn, die sich aber bis zum Ende steigerte.
Billy :hello
Billy Budd (20.03.2012, 00:01): Wiener Staatsoper Montag, den 19. März 2012 TOSCA Giacomo Puccini
Wie dem Spielplanarchiv zu entnehmen ist, sang heute Alfred Šramek seinen 100. Mesner an der Wiener Staatsoper. Es wäre eine nette Geste gewesen, hätte der Direktor ihm nach dem ersten Akt gratuliert. Wie erwartet tat er es nicht. Und – es ist eine Freude, dies berichten zu können – Herr Šramek befand sich in einer optimalen stimmlichen Verfassung und war nach seinem Aussetzer im „L’elisir“ vor einem Monat völlig wiederhergestellt. Es ist stets eine Freude, ihn auf der Bühne zu erleben. Doch ein exzellenter Mesner vermag keine „Tosca“ zu retten, aber erfreulicherweise geriet die Vorstellung besser, als erwartet. Bleiben wir gleich bei den Nebenrollendarstellern: Walter Fink ist mein absoluter Lieblingssänger und ich finde es äußerst schade, dass ihm in dieser Saison nur Kleinrollen anvertraut werden. Was mich an ihm fasziniert, habe ich schon öfters erläutert; hauptsächlich ist es das resonanzreiche Timbre, die prägnante Diktion und die klingende tiefe Lage. Letztere strömte diesmal nicht so bruchlos, wie oft. Nichtsdestotrotz erbrachte Herr Fink in der winzigen Rolle des Schließers eine sehr gute Leistung. Eijiro Kai verkörperte erwartungsgemäß einen blassen Angelotti. Wolfram Igor Derntl war mit dünnem Stimmchen als Spoletta entbehrlich und Il Hong (Sciarrone) ist wahrscheinlich das unnötigste Engagement der Direktion Meyer. Ein Kind der Opernschule sang den Hirten zwar laut, aber falsch. Marco Vratogna gehört in die Kategorie „Mittelmaß“. Dass ich mit seiner Leistung mehr, als andere Besucher zufrieden war, liegt vermutlich daran, dass ich noch keinen tollen Scarpia erlebt habe (Ich könnte mich ohrfeigen, dass ich die Auftritte von Franz Grundheber und Ruggiero Raimondi ausgelassen habe!). Was ihm an Volumen fehlt, machte er mit prägnanter Diktion und sicherem Auftreten wett. Ein Scarpia muss aber mehr, als Schöngesang, bieten und diesbezüglich sind doch gewaltige Abstriche zu machen. Herr Vratogna sang den Part mit Einheitslautstärke und Einheitsausdruck. Was wiederum für ihn spricht, ist seine schauspielerische Leistung. Wie schon erwähnt: Ein zwiespältiger Eindruck. Der Cavaradossi hieß José Cura, weswegen das Schlimmste zu befürchten war. Herr Cura hatte offensichtlich einen außergewöhnlich guten Tag erwischt. Das „Recondita armonia“ überraschte mich positiv, dafür geriet die Arie im dritten Akt zum mittleren Debakel. Ich kann dieser Tenor(?)stimme mit aufgesetzten Höhen schlicht nichts abgewinnen. Immerhin sang Herr Cura großteils die richtigen Notenwerte. Schauspielerisch erbrachte er wider Erwarten eine sehr gute Leistung. Nina Stemme ist ein bei uns gern gesehener Gast. Am heutigen Abend gab sie ihr wiener Rollendebüt als Tosca. Die Schwedin ist eine sehr umstrittene Sängerin; ich gehöre zu denen, die ihr wenig abgewinnen können. Was mich hauptsächlich stört, ist die scheppernde Höhe, die mich stets an das Blöken eines Schafs erinnert (Bitte dies nicht als Beleidigung, sondern als Feststellung aufzufassen!). Mitte April wird sie uns als Marschallin beehren und angeblich singt sie in der nächsten Saison Brünnhilde und Isolde. Ich blicke den Vorstellungen mit gemischten Gefühlen entgegen. Am Pult des engagiert spielenden Orchesters stand Franz Welser-Möst, der zwar nicht so laut, wie erwartet, dafür umso spannungsärmer dirigierte. Die anwesenden Besucher würdigten die mittelprächtigen Leistungen mit kräftigem und lang anhaltendem Applaus. Es handelte sich um die 546. Aufführung der aus dem Jahre 1958 stammenden Wallmann-Produktion, die wohl schon mehr Jahre auf dem Buckl hat, als ein Gutteil des Publikums.
Billy :hello
peter337 (20.03.2012, 16:06): Lieber Billy Budd!
Icvh gehe am 22.3. in die Vorstellung, habe eine Karte geschenkt bekommen, und erwarte das Schlimmste. Wenn José Cura wieder einmal schlecht gelaunt ist, ist bei ihm keine gute Leistung zu erwarten, werma hören und sehen. Nina Stemme, da gehe ich nur um sie zu sehen und vor allem zu hören, denn was ich früher, als Leonora in der "Forza" gesehen und gehört habe reichte nicht einmal für ein Engagement nach St. Valentin.
Liebe Grüße sendet Dir Peter, der verstehen kann, dass Du etwas enttäuscht bist, dass Du nie Ruggero Raimondi gesehen hast, FranzGrundheber habe ich auch nie gehört.
Billy Budd (21.03.2012, 14:51): Lieber Peter, schön, dass Du hier wieder mal was von Dir hören lässt! :leb Mein Tipp: Erwarte das Schlimmste (nicht nur von Cura), dann wirst Du wahrscheinlich doch ein bisschen positiv überrascht sein. (Zumindest gings mir so.) Nina Stemme, da gehe ich nur um sie zu sehen und vor allem zu hören, denn was ich früher, als Leonora in der "Forza" gesehen und gehört habe reichte nicht einmal für ein Engagement nach St. Valentin. DANKE, dieser Satz spricht mir aus der Seele, denn das denke ich mir auch! Vielleicht raffe ich mich am 30. März nochmal auf, mal schauen. Billy :hello
Billy Budd (21.03.2012, 19:19): Wiener Staatsoper Dienstag, den 20. März 2011 DIE FRAU OHNE SCHATTEN Richard Strauss
„Wir können uns da mit der Zweitbesetzung herumärgern“: schimpfte ein Freund in der ersten (?) Pause. Mir persönlich hat die gestrige Aufführung gut gefallen, allerdings fehlt mir der Vergleich. Ich besitze dank Freunden ein paar Mitschnitte der „Frau ohne Schatten“, habe mir aber noch keinen angehört, zumal ich die Wiederaufnahme am 17. März möglichst „unvorbelastet“ erleben mochte. Auf jeden Fall – bitte erlaubt mir ein paar Worte in eigener Sache – hat mir die Musik gestern um Klassen besser, als am Samstag gefallen. Die „Frau ohne Schatten“ hat das Potential, meine liebste Strauss-Oper zu werden. Es ist jedenfalls schon eine ganze Weile her, dass ich von einer Musik so berührt war, wie von des Färbers Worten „Nun will ich jubeln, wie keiner gejubelt, nun will ich schaffen, wie keiner geschafft“. Ähnliches gilt für sein wunderbares „Mir anvertraut“. Ganz zu schweigen von den herrlichen Szenen des Kaisers … Obgleich ich (unter anderem) der „Ariadne“ große Liebe entgegen bringe, würde ich die „Frau ohne Schatten“ doch noch eine Klasse darüber stellen. Begründen kann ich dies nicht wirklich; es ist einfach so. Ich hoffe aus ganzem Herzen, dass die derzeitige Wiederbelebung dieser herrlichen Oper nicht auf diese Serie beschränkt bleibt. Kommen wir zum musikalischen Teil: Bei fast allen Sängern ist von einer Steigerung zu vermelden. Ausnahmen hiervon sind die drei Wächter der Stadt (Dan Paul Dumitrescu, Marcus Pelz und Clemens Unterreiner) und Chen Reiss, welche den Falken nicht besser sang. Ferner hatten die Brüder des Färbers (Adam Plachetka, Alexandru Moisiuc und Norbert Ernst) wenig zu bieten. Robert Dean Smith musste eine Missfallenskundgebung einstecken, was ich nicht ganz nachvollziehen konnte. In meinen Bericht zur Wiederaufnahme habe ich recht viel Zeit investiert, weswegen ich mich in diesem kurz fassen möchte. Herrn Smiths Stimme ist recht klein und es ist nicht unbedingt förderlich, dass ihn die Regie geradezu skandalös schlecht positioniert hat. Aber: Welche Alternativen gäbe es? Mir fiele Johan Botha ein; eventuell noch Ben Heppner. Aber sonst? Selbst Stephen Gould kann ich mir da überhaupt nicht vorstellen. Adrianne Pieczonka sang im Gegensatz zum Samstag im ersten und zweiten Akt wirklich exzellent, aber im dritten vermochte sie ihre fulminante Leistung nicht zu wiederholen. Auch Wolfgang Koch erbrachte eine sehr gute Leistung. Was ihn und Evelyn Herlitzius betrifft, so verweise ich auf meinen letzten Bericht. Wie ich vor einiger Zeit schon angemerkt habe, hat unser „toller“ Direktor für Janina Baechle kaum Verwendung (Was die nächste Saison betrifft, wissen wir ja demnächst mehr.), was ich sehr bedauere. Sie wäre vermutlich eine ideale Amme, was über Birgit Remmert nicht zu sagen ist. Siehe 17. März. Wolfgang Bankl ist kein idealer Geisterbote, auch wenn ihm die Höhen diesmal weniger Probleme bereiteten, als beim letzten Mal. Besser, als am Samstag hat mir gestern das Dirigat von Franz Welser-Möst gefallen. Er ging den Abend weniger hektisch, umso gefühlvoller an. Ich freue mich schon auf die nächsten Aufführungen!
Billy :hello
Nachtrag: Ich habe mir gerade die von Ben Heppner gesungene Falkenarie des Kaisers angehört und kann das gestrige Buh nun verstehen.
Karolus Minus (21.03.2012, 23:35): Original von Billy Budd Wiener Staatsoper Dienstag, den 20. März 2011 DIE FRAU OHNE SCHATTEN Richard Strauss
Ich habe mir gerade die von Ben Heppner gesungene Falkenarie des Kaisers angehört und kann das gestrige Buh nun verstehen.
Das sind aber auch Tempi passati.... Heppner heute ist nurmehr ein Schatten seiner selbst. Karolus Minus
ar (22.03.2012, 11:05): Ich möchte gerne noch kurz auf Nina Stemme eingehen: Als ich sie zum ersten Mal hörte, kam ich zu einem ähnlichen Urteil wie Billy Budd: Ich fand die Stimme ziemlich schrill.. Als ich dann mein Gesangsstudium startete und begonnen habe eine Technik zu erarbeiten, hat sich meine Meinung zu Stemme geändert. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass ich über alle Wagnersänger so gedacht habe und alle klangen schrill für mich.
Zurück zu Frau Stemme. Die Sopranistin ist keine Hochdramatische, aber eine Jugendlich-Dramatische. Die Stimme sitzt selbst im Piano auf dem vollen Körper. Sie ist fähig grosse Bögen zu singen und kann ihre Register alle verblenden. Manchmal gelingen ihr einige Höhen schrill (also eigentlich höre ich das nur bei der Brünnhilde so).
Wenn ich jetzt die Aufnahme aus Covent Garden höre(Isolde), höre ich eine selten schrille, immer vom mf/mp ausgehende Isolde. Besonders fällt mir auf, dass das Ganze wie ein Schubertlied gestaltet wird.
Langes BlaBla, kurzer Sinn: IMO die stärkste Isolde unserer Zeit (Waltraud Meier hat diese Zeit hinter sich).
Lg
ps: Heppner ist in diesem Tristan übrigens eine Qual!
Karolus Minus (22.03.2012, 12:03): Lieber ar, kann Dir zu Stemme im deutschen Fach nur zustimmen. Den Tristan aus London kenne ich auch in Teilen - habe ihn wegen Heppner nicht durchgehört.
Natürlich ist sie nach heutigen Begriffen keine Hochdramatische in einem bestimmten Sinne - nämlich a la Flagstad, Varnay, Nilsson. Aber man kann diese Partien ja auch lyrischer singen, die Stimme muß nur technisch "sitzen" und tragfähig sein - und der Dirigent mal die ganzen Pianovorschriften bei Wagner beachten.... Eine Ligendza war auch nicht wirklich hochdramatisch, und bei älteren Aufnahmen fällt mir Majorie Lawrence dazu ein. Und wenn man noch weiter zurückgeht, dann wird die Fächer-Einteilung ohnehin obsolet. Eine Lilli Lehmann hat zeitgleich einen Rollenmix gesungen, für den man heute jede Sängerin für verrückt erklären würde und wie er selbst an kleineren Häusern mit fester Ensemble-Struktur nicht mehr gehandhabt wird. Schöne Grüße Karolus Minus (auch mit Gesangsstudium, ist aber schon etwas her)
Billy Budd (22.03.2012, 14:59): Ich möchte Euch bitten, über Nina Stemme nicht hier zu diskutieren, sondern in einem Thread, der sich speziell mit dieser Sängerin befasst. Einen solchen werde ich in Kürze eröffnen; hier geht es unter. Billy :hello
Billy Budd (22.03.2012, 21:09): Ich stimme bekanntlich nicht oft mit den Schreibern des "Neuen Merker" überein, aber bezüglich dieser "Tosca" möchte ich Euch auf eine meines Erachtens nach sehr gut geschriebene Kritik aufmerksam machen: WIEN/ Staatsoper: TOSCA – eine “fade Partie”! (Florian Felderer) Billy :hello
Billy Budd (23.03.2012, 14:44): Lieber Peter, es würde mich sehr freuen, wenn Du Deine launige Besprechung zur "Tosca" vom Capriccio-Forum auch hierher kopieren könntest. :hello Billy :hello
peter337 (23.03.2012, 19:12): Zur Tosca am 22.3.2012 / Puccini fand im Orchester statt! Meine Lieben!
Gestern abend war in der WStO die 547. Aufführung der "Wallmann Tosca", denn auf der Bühne war sehr wenig Puccini zu hören. Ich will aber nicht ganz ungerecht sein Alfred Sramek sang, endlich wieder einmal, seinen wunderbaren Mesner und für ihn blieb der Applaus aus, er hätte ihn nämlich als Einziger verdient. Der Hirtenbua sang laut und teilweise doch richtig, was man von den anderen nicht behaupten kann.
Bei wem soll ich anfangen, na Ladys first - Nina Stemme ist äußerlich eine gute Tosca nur singen sollte sie nicht, in der Mittellage ein breites breiiges Timbre und extraharte scharfe Höhen die hinausgeschleudert werden, ihr Italienisch ist gewöhnungsbedürftig - direkt aus der Berlitz School, 2. Jahrgang. Dafür hat ihr Mario - José Cura keinen guten Abend, der Applaus blieb aus , was ihn sehr verärgerte, seine Mittellage wieder ist nicht so schlecht, wenn man die Partie von einem Bariton hören will, und die Höhe aufgesetzt ist - vor jeden hohen Ton eine kleine Pause zum Atemholen, die Bilder die sich gleichen haben an Farbe verloren "Recondita armonia" wird heruntergeleiert, Eijiro Kai singt den Angelotti in Tieflage, im Duett mit Cavaradossi wird peinlich, die beiden kriechen am Boden herum und singen in den Bühnenboden hinein, kein Wort war zu verstehen, da ja beide dieselbe Stimmlage haben . Dann kommt aber noch etwas Furchtbares Marco Vratogna als Scarpia. Diese Stimme ist derart kratzig und unschön, wenn er einmal Temperament zeigen will spielt er das nur aus, gesanglich ist er unter aller Kritik. Im 1. Akt hat er mit dem "Te Deum" Schwierigkeiten, leider bin ich Ruggero Raimondi zu sehr gewohnt, der hat in seinen älteren Jahren den jüngeren Kollegen gezeigt wie man den Scarpia gestalten und singen muss. Marco Vratogna war aber schon gar nicht rauszuhören, er ging in der Masse unter, was bei der rauhen krächzenden Stimme auch seine Vorteile hat. Herr Vratogna ist dann im 2. Akt etwas besser, wobei ich nicht den Gesang meinte, er spielt ganz gut - nur ist Puccinis Werk eine Oper, das hat er nicht gemerkt, auch Frau Stemme ist peinlich gut, aber beim "Vissi d'arte" bekommt sie Applaus, der einzige während der ganzen Oper, das habe ich noch nie gehabt, aber die krächzende Stimme des Scarpia hat nur eines verdient, er muss duch die liebe Floria umgemurxt werden, was sie perfekt macht. Der Dirigent der Aufführung Franz Welser-Möst lässt im 1. Akt das Orchester derart laut aufbrausen als würde er meinen "Schaut her ich bin da", doch ab dem 2. Akt lässt er einen wundervollen Puccini spielen. Nun kommt noch der 3. Akt dran, wo der Hirtenbua gut sang, aber er zog das Lied etwas in die Länge. Dann kam Herr Cura und das Debakel begann von neuem, sein "E lucevan e stelle" hat keinen beeindruckt - nicht einmal die Sterne die schamhaft verloschen, diesmal hat er im Gegensatz zur vorigen "Tosca" seine Stimme nicht für diese Arie aufgehoben, er hat sie einfach nicht mitgehabt. Frau Stemme konnte ihm auch nicht helfen, nicht einmal durch das Papierl des Baron Scarpia, die beiden sangen laut und falsch. Dass Frau Stemme zum 1. Mal, in Wien, die Tosca gesungen hat, hätte man mir ersparen können. Walter Fink als Schließer hatte auch nicht seinen Tag, er kam den Hauptprotagonisten entgegen und krächzte um die Wette. Il Hong als Sciarrone war angenehm nichtssagend und Wolfram Igor Derntl als Spoletta war ein treuer Diener seines Herrn, er sang diese Partie fast unhörbar, was ja kein Nachteil ist, denn es taten ja einem eh schon die Ohren weh, aufgrund der "Gesangsleistungen" der drei Hauptprotagonisten.
"Rom hat gezittert" ist eine wahre Übertreibung, es hat damit gar nicht damit angefangen.
Aber wenn ich "La Tosca" als Sprechstück, von V. Sardou sehen und hören möchte gehe ich ins Burgtheater,da gehört das Ensemble nämlich hin, na eigentlich auch nicht, Herr Sramek hat so gut gesungen, dass in der Mistelbacher Freibühne bestimmt noch ein Platz frei ist, wenn er schön "Bitte, bitte" sagt, ich denke aber, dass er eher "Nein Danke" sagt.
Im Ganzen gesehen, es war ein Abend den man schnell aus seinem Gedächtnis streichen sollte, der streunende Malermeister mit der alternden Diva und dem auch nicht gerade jungen Polzeichef, die hätten im Altersheim für Künstler Furore, bei "Mich hätten sie sehen sollen", gemacht, falls irgendeiner terrisch = taub oder schläfrig ist, wird er von den "Stimmen" aufgeweckt, die zwar - Herr Cura voran, nicht richtig den Notentext singen, aber Floria Tosca hat mit ihrem Mantelcape enorme Schwierigkeiten, was muass denn sie auch den Fetzen, der sich um sie schlängelt, so lange tragen?
Das Wiener Publikum zeigte wieder etwas Außerordentliches, es applaudierte lang und kräftig - ich nicht - denn für was da applaudiert wurde, ich weiß es nicht! Wien ist eben äußerst bescheiden geworden und jubelt jeden Schmarrn als Meisterleisung hinauf .
Liebe Grüße sendet Euch Euer Peter aus Wien. :hello :hello
peter337 (23.03.2012, 19:17): Original von Billy Budd Lieber Peter, es würde mich sehr freuen, wenn Du Deine launige Besprechung zur "Tosca" vom Capriccio-Forum auch hierher kopieren könntest. :hello Billy :hello
Lieber Billy Budd!
Schon gemacht und recht liebe Grüße sendet Dir und Euch Peter aus Wien. :hello :hello
Heike (23.03.2012, 19:19): Das Wiener Publikum zeigte wieder etwas Außerordentliches, es applaudierte lang und kräftig - ich nicht - denn für was da applaudiert wurde, ich weiß es nicht!
Jaaaa das kenne ich aus Berlin auch - ich verstehe das manchmal einfach nicht, wie diese Jubelstürme zustande kommen bei Leistungen, die man lieber schnell vergessen möchte. Sehr beruhigend, dass das kein dt. Hauptstadtphänomen ist.
Danke für die unterhaltsame Beschreibung - schön, wenn noch etwas Galgenhumor bleibt! Heike
peter337 (23.03.2012, 19:28): Liebe Heike!
Es ist aber auch etwas beunruhigend, dass sich Leute in die Oper begeben um nur zu sagen heute war ich in der Oper, egal was gespielt wird. In Wien ist es ja schon seit Jahrzehnten üblich SängerInnen Lob zu spenden, wenn diese weit über ihren Zenit heraus sind.
Nur das gestrige war mehr als peinlich, ich war beim Schlußvorhang schon draußen, denn ich konnte keinen mehr ansehen. Auch Welser-Möst nicht, obwohl er, ab dem 2. Akt sein Orchester ganz gut im Griff hatte, nur dass bei beiden Akten am Anfang kaum der Vorhang aufging war schon bezeichnend.
Liebe Grüße sendet Dir Peter aus Wien. :hello :hello
Heike (23.03.2012, 19:44): kleines offtopic:
Lieber Peter, glaubst du, dass diese merkwürdigen Publikums-Reaktionen LEIDER in schönen Hauptstädten mit bekannten Häusern besonders ausgeprägt sind? Ich beobachte immer wieder, dass v.a. Touristen (offensichtlich an der Sprache erkennbar, auch in der Philharmonie) Dinge enthusiastisch beklatschen, die ich allenfalls Mittelmaß oder gar grauslig finde. So nach dem Motto "Berln is great - also muss das musikalisch einfach toll gewesen sein".
Billy Budd (24.03.2012, 17:37): Wiener Staatsoper Freitag, den 23. März 2011 DIE FRAU OHNE SCHATTEN Richard Strauss
Mit einer kleinen Panne begann der gestrige Opernabend. Die Technik versagte, sodass die Stehplatzkarten für Balkon und Galerie nicht gedruckt werden konnten. Schließlich wurden sie mit der Hand geschrieben. Bleiben nur drei Fragen: 1) Wieso steht kein zweiter Drucker bereit? 2) Weshalb werden die Karten erst unmittelbar vor der Ausgabe gedruckt? 3) Wieso konnte nicht ein Mitarbeiter die Karten schreiben und ein anderer diese verkaufen (gleichzeitig, nicht hintereinander!), was eine Zeitersparnis zur Folge gehabt hätte? Erfreulich war, dass die Personen mit Stehplatzberechtigungskarte nicht früher, als rund zehn Minuten nach Öffnung der Stehplatzkassa in das Haus gelassen wurden (Erklärung: Besucher mit Stehplatzberechtigungskarte können die Eintrittskarte vorher kaufen und dürfen eine knappe Viertelstunde, bevor der Verkauf der Stehplatzkarten begannen hat, beim vorderen Eingang hineingehen. Unsere Befürchtung war, dass diese früher, als wir, hinein durften und so die besten Plätze markierten.) Die Darbietungen hatten sich seit Donnerstag bedauerlicherweise verschlechtert. Ausnahmen hiervon waren Wolfgang Koch, der wieder einen beeindruckenden Barak auf die Bühne stellte und Adrianne Pieczonka, die mir auch diesmal wieder sehr gut gefallen hat. Laut eines anderen Besuchers hatte sie diesmal zu Beginn des ersten Aktes anstelle eines hohen d ein cis gesungen. Bezüglich Evelyn Herlitzius, Birgit Remmert und Franz Welser-Möst verweise ich auf meine letzten beiden Berichte. Verschlechtert hat sich die Dabietung von Robert Dean Smith, der leider keinen staatsopernwürdigen Kaiser gab. Seine Stimme war sehr leise und klang alles andere, als schön. Wolfgang Bankl bot auch wieder eine sehr enttäuschende Leistung. Ich nehme an, dass er sich in keiner guten Gesundheit befand, aber Nebenrollen werden ja bekanntlich nicht als indisponiert angesagt. Ich bin schon auf die letzte Aufführung dieser Serie am 27. März gespannt.
Billy :hello
Billy Budd (24.03.2012, 18:05): Lieber Peter, ich habe Deinen humorvollen Bericht mit viel Vernügen gelesen. Wie ich schon erwähnt habe, mag ich weder Stemme, noch Cura. Wenn beide dann im Doppelpack auftauchen, dann gute Nacht. Marco Vratogna fand ich ganz ok. Dass Walter Fink einen schwachen Abend hatte, sei ihm verziehen. Im Ganzen gesehen, es war ein Abend den man schnell aus seinem Gedächtnis streichen sollte Das ist wirklich keine Provokation oder Stichelei, aber wie oft warst Du denn in dieser Saison schon in der Staatsoper? Ich finde nämlich, dass es da viel schlimmere gab und diese "Tosca" noch im Vergleich zu manch anderen noch akzeptabel war. Wahrscheinlich gehe ich am 30. nochmals. Die Besetzung ist mit Ausnahme des Schließers gleich. Billy :hello
peter337 (25.03.2012, 10:20): Lieber Billy Budd!
Um der Wahrheit die Ehre zu geben, das war seit 2011 mein 1. Besuch an der WStO.
Aber was ich am Flachbild, in der Pause in der Galerie, zu sehen bekam hat mir Lachen hervorgerufen. Der "Tannhäuser" mit den Pigern mit Frack und Zylinder und Koffer, es war einfach zu ulkig :haha :haha. Da gehe ich bestimmt nicht hin, ich mag Peter Seiffert, aber ich bin ein Staubi und da muss mich eine Person wenigsten herausreissen um das ertragen zu können. Zürich zeigt durchwegs moderne und gute Inszenierungen, aber Lächerliche keinesfalls.
Liebe Grüße sendet Dir zur Sommerzeit Peter. :hello
Billy Budd (25.03.2012, 16:36): Lieber Peter, es ist nicht schlimm, dass Du in letzter Zeit nicht in der Oper warst; Du hast nicht viel versäumt. Im Juni gibt es jedenfalls wieder eine sogar gut besetzte "Tosca". Ich gehe heute wieder in den "Tannhäuser". Wenn Dich die Inszenierung - die ich gar nicht als lächerlich empfinde - so stört, gibt es doch auch (Steh-)Plätze ohne Sicht. Billy :hello
Billy Budd (26.03.2012, 17:26): Wiener Staatsoper Sonntag, den 18. März 2012 TANNHÄUSER UND DER SÄNGERKRIEG AUF WARTBURG (Dresdner Fassung) Richard Wagner
Die Darbietungen in der gestrigen Vorstellung des „Tannhäuser“ können am besten unter dem Begriff „solides Repertoire“ subsumiert werden. Der Abend hielt zwar keine positiv herausragende Leistung bereit, dafür gab es nur ein Ärgernis. Damit meine ich Iréne Theorin, welche die Rolle der Venus immer gleich schlecht singt. Wie schon in meinem letzten Bericht erwähnt, hat sich die Schwedin ein ausufernden Wobble eingehandelt und die Textverständlichkeit liegt bei null. Darüber hinaus ist ihr Differenzierung im Ausdruck ein Fremdwort. „Geliebter, komm!“ muß doch ganz anderes, als „Zieh hin, Wahnsinniger, zieh hin!“ gesungen werden. Morgen erscheint die Vorschau mit den Besetzungen für die nächste Spielzeit und ich hoffe, daß in dieser Frau Theorins Name nicht zu finden ist. Peter Seiffert war vor zehn Jahren sicher ein herausragender Interpret des Tannhäuser; derzeit befindet er sich nicht mehr im Zenit seiner Karriere (Weshalb einem Sänger seines Alters ja auch kein Vorwurf gemacht werden darf!). Im Gegensatz zur Vorwoche, wo er sich seine ganze Kraft für den dritten Akt aufgespart hatte, befürchtete ich gestern, er würde in diesem nur mehr aus dem letzten Loch pfeifen. Herrn Seifferts ersten Töne überraschten mich sehr positiv, allerdings schien er mit Fortdauer des Abends den Minnesänger mit einem Minnebrüller zu verwechseln. Gegen Ende des zweiten Aktes machten ihm deutliche Ermüdungserscheinungen zu schaffen, aber er vermochte sich durch den dritten zu retten. Wie auch in der letzten Vorstellung ist mir die sehr gute schauspielerische Leistung des Sängers positiv aufgefallen. Petra-Maria Schnitzer kann nichts dafür, daß mir ihr Timbre nicht gefällt. Die Höhen verloren außerdem an Substanz und gerieten recht blechern. Verbesser hat sich auch Ludovic Tézier, den ich vergangene Woche verrissen habe. Aber auch er kam über eine Durchschnittsleistung nicht hinaus. Ich zitiere mich: „Nicht nur, dass mir sein Timbre nicht gefällt; er wusste auch darstellerisch mit der Figur des Wolfram nichts anzufangen und die Aussprache war abenteuerlich.“. Sorin Coliban steigert sich als Landgraf von Vorstellung zu Vorstellung; nichtsdestotrotz ist ihm diese Rolle, in der er sich nicht wohlzufühlen schien, noch um eine Nummer zu groß. Sein Bass wies eine angenehm klingende Höhe auf, klang jedoch in der Tiefe ohne Klang. Bezüglich Norbert Ernst, Lars Woldt, Peter Jelosits, Il Hong, Valentina Nafornita und dem Chor verweise ich auf meinen Bericht vom 18. März. Auch bei Bertrand de Billy war eine deutliche Steigerung auszumachen. Es handelte sich um die 14. Aufführung der Inszenierung von Claus Guth, auf die ich entgegen meiner sonstigen Gewohnheit kurz eingehen möchte. Mir gefällt die Produktion, die bei der Premiere im Juni 2010 für fast einhelliges Missfallen sorgte, mit jeder Begegnung besser (Da soll noch einer behaupten, Regietheater sorge für Langeweile und nur Inszenierungen im Stil Zefirellis garantierten das Fortleben der Kunstform Oper!). Das liegt vermutlich daran, daß Claus Guth eine interessante und gut durchdachte Deutung der Geschichte anbietet, die keine Ungereimtheiten aufbietet und nie gegen die Musik gerichtet ist. Ich kann Inszenierungen so gut wie gar nicht beschreiben – versuche es deshalb auch gar nicht – möchte aber dennoch ein paar Anhaltspunkte liefern. Claus Guth sieht die Figur der Venus als erotische Phantasie der Elisabeth. Aus diesem Grund wird mit Überschneidungen zwischen den beiden Personen gearbeitet. Höchst interessant finde ich, dass sich im zweiten Akt in dem Moment, als sich Tannhäuser und Elisabeth küssen, der Saal auseinander klafft. Ihr könnt Euch unter diesen Sätzen bestimmt nichts vorstellen (Vielleicht kann ja Severina aushelfen?), aber seid versichert, dass es sich bei dieser Produktion um keine „Verfremdung“, sondern um eine moderne, psychologische Interpretation dieser Oper. Ich würde mir jedenfalls wünschen, dass anstatt von Meyers französischen Freunden, die nur Arbeiten für den Müll abliefern, intelligente Regisseure, wie Guth, bei uns verstärkt inszenieren würden. Leider muss ich diesbezüglich wohl ins Theater an der Wien ausweichen.
Billy :hello
Billy Budd (28.03.2012, 23:28): Wiener Staatsoper Dienstag, den 27. März 2011 DIE FRAU OHNE SCHATTEN Richard Strauss
Die Wiederaufnahme geriet nicht besser, als passabel; die zweite und die dritte Vorstellung konnten unter „gut“ verbucht werden und gestern wurde es zweifelsfrei ein toller Abend. Meiner Meinung nach wurde gestern eine der besten Aufführungen seit Meyers Amtsantritt geboten (was aber nicht viel heißt ...). Es ist unglaublich, dass Meyer auf die beiden besten Sänger offenbar ohne weiteres verzichten kann, denn wie wäre es sonst erklärbar, dass diese in der Saisonvorschau der nächsten Saison nicht aufscheinen? Adrianne Pieczonka ließ sich aufgrund einer Verkühlung ansagen, wovon nicht das Geringste zu bemerken war. Bei allem, was ich schon von ihr gehört habe, nimmt die gestrige Leistung einen Spitzenplatz ein. In meinem Bericht zur Aufführung am 17. März habe ich mich ausführlicher über sie geäußert, weswegen ich nur anmerken möchte, dass ihre Leistung noch um einiges besser war. Was ihr eventuell vorzuwerfen wäre, ist, dass die Textdeutlichkeit in sehr hohen Lagen doch ein wenig zu wünschen übrig ließ, was aber Kritisieren auf sehr hohem Niveau darstellt. Sonst gibt es nichts zu bekritteln. Gestern hatte ich endlich wieder Gelegenheit, meiner Lieblingssängern einige Bravi zuzurufen. Einen ihr ebenbürtigen Barak verkörperte Wolfgang Koch. Sein kraftvoller und angenehm timbrierter Bariton besticht durch Durchschlagskraft und Ausdruck. Obwohl er nicht gespart hatte, konnte er noch ausreichend Kräfte für das Jubelfinale mitbringen. Auch schauspielerisch sind keine Abzüge zu machen. Positiv überrascht hat mich Evelyn Herlitzius. Wie schon in meinen letzten Berichten erwähnt, ist ihre Stimme für mich schwer auszuhalten, aber dank der totalen Hingabe an die Rolle der Färberin (Sehr bemerkenswert war zum Beispiel das „So töte mich schnell!“), konnte ich diesen Mangel vergessen. Diese drei Sänger wurden am stärksten beklatscht. Auch Franz Welser-Möst wurde großer Jubel zuteil. Ich verfüge aber nicht über die nötigen Vergleichsmöglichkeiten, um sein Dirigat seriös beurteilen zu können. Robert Dean Smith wirkte ein wenig ausgelaugt, obwohl er spürbar sein bestes gab. Wie bei ihm und Birgit Remmert, die immerhin eine halbwegs solide Leistung bot, verweise ich auf meine letzten Berichte. In stark verbesserter Form zeigte sich Wolfgang Bankl. Ich hoffe, dass er bei seinem Klingsor in der nächsten Woche wieder in voller Form ist. Solide sangen die drei Wächter: Dan Paul Dumitrescu, Marcus Pelz und Clemens Unterreiner Zufriedenstellend agierten die Brüder des Färbers:Adam Plachetka, Alexandru Moisiuc und Norbert Ernst Erfreulicherweise war Chen Reiss als Stimme des Falken gerade noch aushaltbar. Und – wer hätte gedacht, von mir auch nur ein positives Wort über Zoryana Kushpler zu lesen? Aber die Stimme von oben sang sie wirklich sehr gut. Im Gegensatz zu den anderen Vorstellungen war der Stehplatz sehr gut besucht. Von den Stammbesuchern ließ sich kaum jemand den Abend entgehen. Auch zwei Personen, die gesundheitsbedingt den Stehplatz für einige Zeit gemieden hatten, raffen sich gestern auf. Ich habe es sehr geschätzt, dass nach jedem Akt der Applaus erst nach einer Pause nach dem Verklingen des letzten Tones einsetzte. Der Schlussapplaus hielt dafür umso länger an. Ich finde es schade, dass dieses wunderbare Werk wohl für geraume Zeit in der Versenkung verschwinden wird.
Billy :hello
Billy Budd (30.03.2012, 21:12): Wiener Staatsoper Donnerstag, den 29. März 2011 CARDILLAC (Erstfassung) Paul Hindemith
Nicht mehr als eine solide Repertoire-Vorstellung war der gestrige "Cardillac". Eine Steigerung zur Premierenserie war nicht auszumachen, was wahrscheinlich daran liegt, dass die Interpreten mit Ausnahme der Titelrolle und der Dame gleich geblieben sind. Von Markus Marquardt hatte ich mir eine solide Leistung erwartet, die er auch brachte. Seine ausgelaugt klingende Stimme verfügt über ein ausgeprägtes Vibrato und ist recht leise. Als Jochanaan schummelte er sich um nahezu alle hohen Töne herum. Ob er das gestern auch tat, vermag ich nicht zu beurteilen, zumal ich den "Cardillac" nicht gut genug kenne. Jedenfalls machten ihm auch gestern Höhenschwierigkeiten zu schaffen. Was wiederum für ihn spricht, ist seine darstellerische Leistung. Seinem Amonasro in einem Jahr blicke ich mit gemischten Gefühlen entgegen. Leicht enttäuscht war ich von Juliane Banse, die irgendwie anders, als sonst klang. Herbert Lippert (Offizier) brachte die von ihm zu erwartende Leistung. Das zukünftige Ensemblemitglied Olga Bezsmertna debütierte als Einspringer für Ildikó Raimondi in der Rolle der Dame am Haus und hinterließ einen durchwachsenen Eindruck, was hauptsächlich dem Scheppern ihrer Stimme lag. Eine wirklich gute Darbietung kam von Matthias Klink (Kavalier). Tomasz Konieczny sang einen passablen Goldhändler. Dass ich mich für sein Timbre nicht erwärmen kann, habe ich schon öfters festgestellt. Schwachpunkt der Aufführung war Alexandru Moisiuc, der mit wackeliger Röhre einen wenig erfreulichen Führer der Prévoté gab. Der Chor (Leitung: Thomas Lang) befand sich in einer optimalen Verfassung; Franz Welser-Möst tat ordentlich seine Pflicht. Dieser Bericht liest sich sehr laienhaft, was daran liegt, dass ich den "Cardillac" kaum kenne. Anmerkungen zur Inszenierung finden sich in Severinas Bericht zur Generalprobe.
Billy :hello
Billy Budd (31.03.2012, 23:10): Wiener Staatsoper Samstag, den 31. März 2011 L'ELISIR D'AMORE Gaetano Donizetti
Besser, als erwartet geriet der heutige „Liebestrank“. Es handelte sich um die 191. Aufführung der Schenk-Produktion, für die ich mich im Gegensatz zu fast allen anderen Stammbesuchern kaum erwärmen kann, zumal die Rolle des Belcore peinlichst verblödelt wird und Otto Schenk eher eine Parodie des Stücks, anstelle einer ernsthaften Auseinandersetzung mit diesem anbietet. Wie erwartet gebührte Ramón Vargas die Krone des Abends. Man darf nicht vergessen, dass er nicht mehr zur jungen Sängerriege gehört, aber sein Material hat sich bemerkenswert gut erhalten. In der tiefen und mittleren Lage klang die Stimme farbenreich; alle Höhen schaffte er ohne erkennbare Kraftanstrengung, obgleich die Stimme bei diesen recht einfärbig und etwas blechern klang. Diesen Mangel vermochte er durch ausdrucksstarken Gesang auszugleichen. Ebenso schätze ich es, dass er nicht outrierte, sondern einen tollpatschigen, aber liebenswerten Bauernburschen auf die Bühne stellte. Insgesamt war er – abgesehen von Juan Diego Flórez – der mit Abstand beste Nemorino in Meyers Direktionszeit. Auf Albina Shagimuratovas Adina hatte ich mich sehr gefreut und war aufgrund ihrer Absage enttäuscht. Dass der Ersatz Chen Reiss hieß, ließ nichts Gutes erahnen. Aber man kann sich täuschen: Ihre Leistung geriet um einiges besser, wie erwartet. Es ist erfreulich, dass sie das lästige Flackern der Stimme mit der Zeit immer mehr loswird. Des weiteren ist ihr Koloraturgeläufigkeit zu attestieren. Auch schauspielerisch brachte sie eine sehr gute Leistung. Dennoch finde ich es schade, dass Alexandra Reinprecht nicht mehr als Adina besetzt wird, denn in dieser Rolle hat sie mir im Gegensatz zu manch anderen sehr gut gefallen. Zwar etwas besser, wie erwartet, aber nichtsdestotrotz schlecht genug präsentierte sich Tae-Joong Yang als Belcore. Severina hat seine Leistung im Oktober 2010 sehr ausführlich beschrieben; bitte lest in ihrem Bericht nach. Ambrogio Maestri ist bei vielen Opernfreunden beliebt; ich exkludiere mich diesbezüglich. Sein Timbre wirkt auf mich hohl und die Stimme kraftlos, auch wenn er manchmal kräftig aufdrehte. Ehrlich gesagt fällt mir zu ihm nicht mehr ein. Valentina Nafornita war eine solide Gianetta. Wir haben überlegt, ob wir das Dirigat von Guillermo García Calvo mit Buhrufen honorieren sollten (Ein Freund war dafür; ich unentschlossen.), denn das hätte ihm gebührt. Nicht nur, dass er sehr zackig dirigierte; er vermochte es auch des öfteren nicht, Orchester und Chor beisammen zu halten. Das Publikum zeigte bei den Schlussvorhängen kurze, aber enden wollende Begeisterung. Es war jede Art von Repertoire, dem man gänzlich unbeeindruckt entschreitet.
Billy :hello
Severina (01.04.2012, 23:22): Kein Aprilscherz war die heutige Aufführung von "Cardillac", die 8. Reprise der Inszenierung von Sven-Eric-Bechtolf.
http://www.das-klassikforum.de/addreply.php?action=quote&postid=88483 Eine Beschreibung dieser Inszenierung erspare ich mir und verweise auf meinen GP-Bericht vom Herbst 2010. An meinem grundlegenden Einwand hat sich nichts geändert, nämlich dass mir alles ein bisschen zu artifiziell ist und ich statt dessen lieber ein dichteres Psychogramm der einzelnen Personen gesehen hätte. So bleiben zwar viele Bilder hängen, teils skuril, teils suggestiv, aber was die einzelnen Personen antreibt, wird für meinen Geschmack zu wenig herausgearbeitet. Trotzdem zählt diese Inszenierung für mich zu den besten der Ära Meyer - was bei den vielen Flops aber nicht allzu viel bedeutet.....
Die größte Faszination ging auch heute für mich vom Orchestergraben aus, wo die Philis unter der Stabführung vonFranz Welser-Möst groß aufspielten. Das war eine unter die Haut gehende Stimmungsmalerei, die Musik verriet mehr über die inneren Vorgänge der Figuren als das Geschehen auf der Bühne.
Markus Marquardt als Cardillac überzeugte mich ebenso wenig wie sein Rollenvorgänger Uusitalo, beide blieben der vielschichtigen Figur doch einiges schuldig. Stimmlich entledigte sich Marquardt seiner Aufgabe mit Anstand, nicht mehr und nicht weniger, auch sein Timbre fällt für mich unter Durchschnitt.
Herbert Lippert gefiel mir hingegen besser als in der ersten Serie, weil er den Offizier diesmal bei aller Expressivität doch auch mit mehr Wohlklang über die Rampe brachte und als Einziger problemlos über das Orchester hinauskam.
Billy fand in der ersten Vorstellung Matthias Klink ausgezeichnet, dann muss er heute wohl indisponiert gewesen sein, denn in der Erzählung von den Waagschalen brach ihm die Stimme bei hohen Tönen zweimal beinahe ganz weg, und auch sonst klang nicht alles ganz lupenrein.
Tomasz Konieczny gefiel mir hingegen gut, allerdings ist seine Rolle so klein, dass er kaum Zeit hatte sich warm zu singen.
An mangelnder Aufwärmphase lag es hingegen wohl kaum, dass Alexandru Moisiucs ziemlich gruselig klang.....
Bleiben noch die Damen:
Juliane Banse bekommt für Spiel und Gesang ein Sehr gut, denn bei dem komplizierten Bewegungskonzept, das ihr die Regie abverlangt, ist es wirklich bemerkenswert, dass sie daneben noch sauber intonieren und ihren hellen Sopran auch in hohen Lagen ohne Schärfe einsetzen kann.
Gar nicht erwärmen konnte ich mich für die sehr unruhig geführte Stimme von Olga Bezsmertna als Dame, die auch so gar nichts Verführerisches verströmte. Da mussten wirklich die körperlichen Vorzüge der Sängerin das mangelnde Nuancierungsvermögen kompensieren.
Mein Fazit: Eine Repertoirevorstellung, mit der man insgesamt zufrieden sein konnte, mit dem Orchester unter Welser-Möst sogar mehr als das!
lg Severina :hello
PS: Sorry, irgendwie schnalle ich das mit dem Verlinken nicht, ich bekomme statt meines Beitrags immer die ganze Seite rübergebeamt :S......
Billy Budd (02.04.2012, 15:14): Liebe Severina, danke für Deinen Bericht. Ich werde am Mittwoch nochmals gehen. Zu Matthias Klink: Mir hat unlängst ein Besucher erzählt, er habe ihn in der "Traviata" im Gegensatz zu mir grauenhaft gefunden. Allerdings war ich in einer anderen Vorstellung, als er. Offensichtlich wechseln bei Klink sehr gute Tage mit rabenschwarzen oder ich höre seine Fehler nicht. Hier ist der Link zu Deiner Besprechung der Generalprobe. Billy :hello
Severina (02.04.2012, 20:39): Original von Billy Budd Liebe Severina, danke für Deinen Bericht. Ich werde am Mittwoch nochmals gehen. Zu Matthias Klink: Mir hat unlängst ein Besucher erzählt, er habe ihn in der "Traviata" im Gegensatz zu mir grauenhaft gefunden. Allerdings war ich in einer anderen Vorstellung, als er. Offensichtlich wechseln bei Klink sehr gute Tage mit rabenschwarzen oder ich höre seine Fehler nicht. Hier ist der Link zu Deiner Besprechung der Generalprobe. Billy :hello
Also in seiner gestrigen Verfassung will ich mir einen Alfredo mit ihm nicht einmal vorstellen :ignore.....
lg Severina :hello
Billy Budd (05.04.2012, 11:46): Wiener Staatsoper Donnerstag, den 29. März 2011 CARDILLAC (Erstfassung) Paul Hindemith
Gestern besuchte ich eine weitere Vorstellung von Hindemiths „Cardillac“. Im Wesentlichen sind die Leistungen gleich geblieben, weswegen ich keinen Bericht verfasse. Leicht verbessert hat sich allerdings Alexandru Moisiuc. Markus Marquardt gelangen nach wie vor die leisen Stellen sehr gut; in den lauteren stieß er deutlichst hörbar an seine Grenzen. Im Vergleich zur Aufführung am 29. März war gestern der Andrang auf die Stehplätze enorm stark.
Billy :hello
Billy Budd (06.04.2012, 00:29): Wiener Staatsoper Donnerstag, den 5. April 2011 PARSIFAL Richard Wagner
„Parsifal“ am Gründonnerstag ist für mich so etwas, wie ein Pflichttermin. Viele wiener Opernfreunde denken ähnlich, weswegen es ratsam ist, an diesem Tag zeitig zur Oper zu kommen. Ich erwischte mit 13:40 genau die richtige Zeit, um meinen Stammplatz zu bekommen. Um mit der besten Leistung zu beginnen: Wolfgang Bankl war nach seinen wohl durch eine Indisposition verursachten Aussetzern in der „Frau ohne Schatten“ völlig wiederhergestellt und bot einen hervorragenden Klingsor. Ich habe bedauert, dass diese Rolle nicht größer ist, denn Herr Bankl vermochte sowohl stimmlich, als auch darstellerisch einiges aus ihr herauszuholen. Ich könnte keinen besseren Klingsor nennen. Falk Struckmann blickte ich mit gemischten Gefühlen entgegen. In manchen Rollen (z.B. Pizarro) ist er unbezahlbar; in manchen anderen sehr grenzwertig (z.B. Scarpia). Der Amfortas liegt dazwischen. Wie erwartet bot Herr Struckmann keine Interpretation eines vor sich hin siechenden Gralskönigs, sondern eines verzweifelten. Stimmlich vermochte er auf seine Art zu reüssieren. Enttäuscht war ich von Angela Denoke, die zwar nicht schlecht begann, aber gegen Ende des zweiten Aktes jämmerlich einging. Für mich die wichtigste Person in dieser Oper ist nicht die Titelfigur, sondern der Gurnemanz. Insofern setze ich hohe Erwartungen in die Interpreten dieser Rolle. Kwangchul Youn hat grundsätzlich ein gutes Material. Sein hell timbrierter Bass verliert in der Tiefe allerdings dramatisch an Qualität. Ein Gurnemanz muss aber mehr als Schöngesang bieten und da sind doch gewaltige Abstriche zu machen. Herrn Youn fehlt so ziemlich alles an Bühnenpräsenz und entsprechender Ausstrahlung. Über den Interpreten der Titelrolle möchte ich am liebsten den Mantel des Schweigens breiten, aber das geht in einem Bericht nicht. Ich mache es also schnell und schmerzlos: Wenn die Rollenvorgänger Peter Seiffert, Stephen Gould und Christopher Ventris heißen, kann Simon O’Neill nur als schlechter Witz verstanden werden. Seine Stimme empfinde ich als hässlich. Ein Parsifal gehört gesungen und nicht gequäkt. Das restliche Ensemble schlug sich kaum erfreulich: Andreas Hörl war ein blasser Titurel; Norbert Ernst sang einen passablen dritten Knappen; Peter Jelosits vermochte mich als vierter Knappe nicht zu überzeugen; der erste Gralsritter war unüberhörbar Benedikt Kobel, der sich aber diesmal etwas Mühe gab und Il Hong erbrachte als zweiter Gralsritter seine bisher beste wiener Leistung. Ein dickes Minus geht an Juliette Mars, die schon als zweiter Knappe nicht auffiel und die Stimme von oben ziemlich grauenhaft sang. Zu Beginn seiner Amtszeit verlautbarte Franz Welser-Möst, die Visitenkarte eines Opernhauses seien die drei Damen in der „Zauberflöte“, die Blumenmädchen in „Parsifal“ und die fünf Juden in der „Salome“ (Quelle: Prolog September 2010, Seite 8). Nun; diese Blumenmädchen sorgten für keine gute Visitenkarte. Es sangen: Ileana Tonca, Olga Bezsmertna, Stephanie Houtzeel (die auch den ersten Knappen übernahm), Anita Hartig, Alexandra Reinprecht und Zoryana Kushpler. Christian Thielemann hat (im Gegensatz zum „Ring“ im November 2011) diesmal zumindest nichts ruiniert. Er ging den ersten Akt sehr weihevoll an und sorgte auch den restlichen Abend nicht unbedingt für Dynamik. Orchester und Chor (Leitung: Thomas Lang) und Zusatzchor taten ihr bestes. Laut dem Programmzettel handelte es sich um die 33. Aufführung in dieser Inszenierung. Das ist Blödsinn; es war die 34. Résumé: Ein wirklich guter Wolfgang Bankl, ein achtbarer Falk Struckmann und über den Rest – inklusive diesem „Traumtenor“ – möge gnädigerweise der Mantel des Schweigens gebreitet werden. Diese Vorstellung wird nicht in die Annalen der Wiener Oper eingehen.
Billy :hello
Billy Budd (06.04.2012, 00:32): Im Merker-Forum hat "Copy" schon eine Kurzkritik verfasst. Ich möchte Euch darauf hinweisen, zumal er Angela Denoke großartig fand. Die O'Neill geltenden Buhrufe habe ich allerdings nicht gehört. Angela steckt sie alle in den Sack
Die Rede ist aber nicht von Frau Merkel!
Flash-Kritik (wie es so schön auf Neu-Deutsch heißt) vom GrüDo-Parsifal an der STOP:
Christian Thielemann dirigierte einen sehr sehr guten Parsifal, die überdimensionalen Jubelrufe konnte ich aber nicht nachvollziehen, meiner Meinung nach bot Peter Schneider in den letzten Jahren zumindest gleichwertiges. Simon O’Neill debütierte in der Titelpartie, 1 ½ Akte lang auf Sparflamme, bei „Amfortas, die Wunde!“ explodierte er förmlich und sang mit unverminderter Kraft bis zum Finale bravourös durch. Er musste einige Buhs hinnehmen, offensichtlich mag man einen Heldentenor ohne baritonaler Färbung nicht mehr, mir hat seine Stimme sehr gut gefallen, auch das Piano war vorzüglich. Nach der Vorstellung gab er sich selbstkritisch und unzufrieden, man kann also auf kommenden Sonntag gespannt sein. Kwangchul Youn war ein sehr textdeutlicher Gurnemanz, da gab es eigentlich nichts zu meckern. Und Falk Struckmann gestaltete wieder die ganze Tragik des Amfortas, auch wenn man in der aktuellen Mielitz-Inszenierung immer noch die Premiere mit Thomas Quasthoff vor Augen hat. Aber das „Erbarmen“ eines Struckmann ist auch nicht zu verachten. Die Rolle des Klingsor ist bei Wolfgang Bankl in guten Händen, was man leider beim Titurel Andreas Hörls nicht behaupten kann. Bei den Knappen, Gralsrittern, Blumendmädchen und der Stimme von oben gab es auch nichts zu meckern. Schlichtweg sensationell fand ich Angela Denokes Kundry. Man kennt sie aus den verschiedensten Produktionen an der STOP, aber so fulminant wie heute durfte ich sie noch nie erleben. Da passte alles, ihne Wenn und Aber! Gesamteindruck (wobei ich die Inszenierung bewusst ausklammere, denn damit will ich mich nicht herumärgern): Frühere Parsifals haben mich schon mehr begeistert, aber dennoch 4 von 5 Sternen!
Billy Budd (07.04.2012, 23:58): Wiener Staatsoper Samstag, den 31. März 2011 L'ELISIR D'AMORE Gaetano Donizetti
Der heutige Besuch des „Liebestrankes“ hat sich eindeutig ausgezahlt. Eine Stehplatzbesucherin, die ich auf ca. 60 Jahre schätze, sagte nach der Vorstellung zu mir, sie habe eben eine ihrer besten erlebt. Dies gilt auch für mich. Jedenfalls habe ich schon geraume Zeit das Opernhaus nicht mehr so fröhlich und aufgeräumt verlassen. Durch eine Umbesetzung kam Adriana Kucerová zu ihrem Hausdebüt als Adina. Die Slowenin würde ich gerne wieder hören. Wie ihre Rollenvorgänger ist sie eine wirklich schöne Frau und – das unterscheidet sie sehr wohltuend von diesen – verfügt über eine brauchbare Stimme. Zu Beginn irritierte mich ihr schnelles Vibrato ein wenig (Nervosität?), doch sie fand bald zu einer ruhigeren Stimmführung. Besonders positiv möchte ich ihre schauspielerische Leistung hervorheben. Sie verkörperte weder eine arrogante Zicke, noch einen verspielten Teenager (Julia Novikova lässt grüßen ...), sondern eine resolute Gutspächterin, die sich im Dorf zu behaupten weiß. Zudem schien zwischen ihr und ihrem Nemorino die Chemie zu stimmen, denn das Ende wirkte glaubhaft. So langsam entwickle ich mich zum Fan von Ramón Vargas. Bot er schon am 31. März eine sehr gute Leistung, so würde ich seine heutige guten Gewissens doch eine Klasse drüber stellen. Er spielte keinen Nemorino; er war Nemorino. Nicht einen Moment outrierte er, sondern gab einen sympathischen, aber auch etwas tollpatschigen Bauernburschen. So stelle ich mir die Rolle vor! Dass der Sänger um einiges älter ist, wie die von ihm darzustellende Person, fiel keine Sekunde auf. Aber auch gesanglich konnte ich äußerst zufrieden sein. Höhenprobleme machten sich nur einmal bemerkbar. Sein Timbre ordne ich nicht als „außergewöhnlich“ ein, aber er macht etwas aus seinen Möglichkeiten. „Una furtiva lacrima“ habe ich noch nie so verinnerlicht gehört; „Caro elisir“ dagegen noch nie so freudig. Herr Vargas hat seine leichte Stimmkrise, die ihm im Jahr 2010 zu schaffen machte, offenbar vollständig überwunden. Tae-Joong Yang konnte da nicht mithalten. Aber auch er überraschte mich positiv. Heute sang er ganz gut, bewegte sich aber auf der Bühne – wie immer – hölzern und steif. Auf mich wirkt es stets so, als hätte er die Bewegungen bis ins letzte Detail genauestens einstudiert und spule sie dann auf der Bühne ab. Von einem Sänger erwarte ich mir mehr (besonders, wenn dieser auch nicht außergewöhnlich gut singt). Ambrogio Maestri hat mir noch nie missfallen, mich aber noch nie begeistert. Letzteres konnte er heute. Was doch dieser Mann für ein Stimmvolumen sein Eigen nennt! Er ließ sich aber nicht dazu hinreißen, mit diesem zu protzen, sondern drängte sich nie in den Vordergrund. Äußerlich ist Herr Maestri mit seiner stattlichen Figur die Idealverkörperung des Dulcamara. Köstlich, wie er das „senator“ durch die Zähne pfiff. Vom Feinsten war seine Szene mit Nemorino im ersten Akt. Er bot einen Dulcamara, dem ihm so bald keiner nachsingt. Positiv überrascht hat mich Valentina Nafornita als Gianetta. Walter Kunz vermochte aus der stummen Rolle des Diener des Dottore einiges herauszuholen. Nicht viel besser, als am 31. März agierte Guillermo García Calvo am Pult des mittelprächtig spielenden Orchesters. Das Prädikat „mittelprächtig“ verdient auch der von Martin Schebesta geleitete Chor. Das Publikum, in dem erstaunlich viele junge Leute zu sehen waren, unterhielt sich gut und verteilte den starken Beifall durchaus gerecht. Seit mehreren Jahren gab es keinen als Gesamtpaket so überzeugenden „L’elisir“ in der Wiener Staatsoper. Ich habe bedauert, dass diese Oper doch ein wenig kurz ist. Jedenfalls freue ich mich schon auf die nächste Aufführung am Dienstag, in der es auch einen anderen Interpreten des Belcore zu hören geben wird.
Billy :hello
Billy Budd (11.04.2012, 14:14): Wiener Staatsoper Dienstag, den 10. April 2012 L'ELISIR D'AMORE Gaetano Donizetti
Die gestrige Vorstellung des „Liebestrankes“ war zwar anders, wie die vorige, aber dennoch wunderbar. Am Samstag war sie zum Brüllen lustig, während gestern eine berührende Interpretation von Donizettis Oper geboten wurde. Ambrogio Maestri sorgte dafür, dass die Komödiantik dennoch nicht zu kurz kam. Ich finde es schade, dass dieser Sänger bei uns fast nur in Buffopartien (Dulcamara, Falstaff) eingesetzte wird, obwohl er auch andere Qualitäten hat, wie ich u. a. feststellen konnte, als ich mir sein „Te deum“ aus der „Tosca“ auf Youtube anhörte. Mit seinem imposanten Bassbariton ist für mich als Quacksalber konkurrenzlos, zumal er auch nicht Humor mit Schmiere verwechselte. Eine Freundin befand, Marco Caria sei der Beweis, dass es noch schlechtere Interpreten des Belcore, als Tae-Joong Yang, gibt, doch dieser Meinung schließe ich mich ganz und gar nicht an. Im Gegenteil; ich fand Herrn Carias Leistung sogar sehr gut. Erfrischend war, dass er keine einstudierten Bewegungen vorführte, sondern in der Lage war, souverän die Bälle seiner Mitspieler aufzufangen und mit ihnen zu spielen. Jedenfalls war er bemüht, die vom Schenk’schen Regiekonzept vorgeschriebene Outrage auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Ich bin generell dagegen, Vergleiche mit anderen Sängern herzustellen, zumal ich der Meinung, bin, dass jeder Sänger an sich selbst gemessen werden sollte, aber Herrn Carias Timbre erinnert mich an das Leo Nuccis. Adriana Kucerová ist die mit Abstand beste Adina seit mindestens zwei Jahren. Auch gesanglich konnte ich mehr als zufrieden sein (Da war sogar eine Steigerung auszumachen!), aber ihre schauspielerische Leistung verdient das Prädikat „Hervorragend“. Es war deutlich zu merken, dass sich die Sängerin entweder genau mit der Rolle beschäftigt hat oder diese sorgfältig mit einem exzellenten Regisseur erarbeitet hat. Ich fand es immer irritierend, dass die meisten Interpreten der Adina zu Beginn der Oper nichts von Nemorino halten, sich dann Belcore zuwenden und zum Schluss erstaunlicherweise Nemorino nehmen. Nicht so Frau Kucerová: Ich hatte den Eindruck, sie sei von Beginn an in Nemorino verliebt, nur möchte sie es nicht zeigen und ist genau so unsicher, wie er. Dazu passte auch, dass sie Belcore fast widerwillig und etwas mitleidig und keinesfalls herablassend oder verächtlich erklärte, Nemorino sei ein unreifer Junge. Das Erscheinen des Notars schien sie alles andere, als zu freuen, zumal sie ja auf Nemorino wartete. Weitere Anmerkungen zu ihrem Rollenportrait finden sich in meiner letzten Besprechung. Ein Wiederhören (eventuell als Susanna oder Nannetta) wäre Anlass zu großer Freude. Last but not least: Ramón Vargas bot auch gestern einen sehr guten Nemorino, allerdings keinen so herausragenden, wie am Samstag. Es ist vermessen, von Sängern jeden Tag eine Höchstleistung einzufordern, weswegen man durchaus sehr zufrieden sein konnte. Gleich zu Beginn passierte ihm ein Textfehler („Quanto é bella, quanto é bella“), aber diese Erfahrung wiederholte sich im Laufe des Abends nicht. Manche Höhen schienen ihm diesmal leichte Probleme zu machen, aber ansonsten verweise ich auf meinen letzten Bericht. Seine nächsten wiener Rollen werden Don Carlo, Gabriele Adorno und Alfred („Fledermaus“!) sein. Beinahe vergessen habe ich Valentina Nafornita, die eine unscheinbare Gianetta auf die Bühne stellte. Leicht positiv überrascht war ich von Guillermo García Calvo. Zusammengefasst handelte es sich um eine ausgezeichnete Repertoirevorstellung. Mögen zahlreiche solche wiederkommen!
Billy :hello
Ingrid (11.04.2012, 21:22): Original von Billy Budd Wiener Staatsoper Dienstag, den 10. April 2012 L'ELISIR D'AMORE Gaetano Donizetti
Zusammengefasst handelte es sich um eine ausgezeichnete Repertoirevorstellung. Mögen zahlreiche solche wiederkommen!
Billy :hello
Lieber Billy,
das wünsche ich Dir ja so von Herzen!!!!!!!!!!!!!
...und auch mir als Leser Deiner Berichte, denn ich freue mich mit Dir mit und ich leide auch dementsprechend.
Herzliche Grüße Ingrid
Billy Budd (11.04.2012, 21:27): Original von Ingrid Original von Billy Budd Wiener Staatsoper Dienstag, den 10. April 2012 L'ELISIR D'AMORE Gaetano Donizetti
Zusammengefasst handelte es sich um eine ausgezeichnete Repertoirevorstellung. Mögen zahlreiche solche wiederkommen!
Billy :hello
Lieber Billy,
das wünsche ich Dir ja so von Herzen!!!!!!!!!!!!!
...und auch mir als Leser Deiner Berichte, denn ich freue mich mit Dir mit und ich leide auch dementsprechend.
Herzliche Grüße Ingrid
Liebe Ingrid, in näherer Zukunft schaut es ohnehin recht gut aus: Garanca als Octavian, Grundheber als Faninal, Baechle als Annina (Luxusbesetzung!), Furlanetto als Boris, Seiffert als Turiddu, Meier als Santuzza etc. Auf die Wiederaufnahme des französischen Don Carlos freue ich mich auch schon sehr. Billy :hello
Billy Budd (14.04.2012, 23:55): Wiener Staatsoper Samstag, den 14. April 2012 WERTHER (Baritonfassung) Jules Massenet
Einige Umbesetzungen gab es bei der heutigen Vorstellung. Dass Tae-Joong Yang der Ersatz für Marco Caria sein sollte, stand schon mehrere Tage vorher fest. Vor kurzem wurde Janusz Monarcha durch Andreas Hörl ersetzt. Die interessanteste Besetzungsänderung gab es aber bei der Titelrolle: Nach der Absage von Roberto Saccà konnte kein dem Rang der Wiener Staatsoper entsprechender Tenor gefunden werden (So Meyer in seiner Ansage vor Beginn der Vorstellung.), weshalb der Bariton Ludovic Tézier engagiert wurde. Die Baritonfassung dieser Oper wurde an unserem Haus nie zuvor aufgeführt. Vorweg: Es war mein erster „Werther“, weswegen ich auch vielleicht die musikalischen Leistungen besser, als andere Besucher empfunden habe. Um mit der Titelfigur zu beginnen: Ludovic Tézier hat mich nach seinem schwachen Wolfram Ende März positiv überrascht. Sein in allen Lagen sicher ansprechender Bariton wird sehr vibratoarm geführt und verfügt auch über Durchschlagskraft, was prinzipiell für ihn spricht. Dass mir sein Timbre nicht gefällt – weil etwas zu gequetscht – ist nicht die Schuld des Sängers. Im letzten Bild erbrachte er aber eine wirklich ausgezeichnete Leistung. In Kürze ist er als Rodrigue angesetzt und nächstes Jahr wird er uns als Escamillo beehren. So gut, wie heute, habe ich Tae-Joong Yang noch nie erlebt, aber das ist kein großes Kompliment. Seinem Timbre kann ich nichts abgewinnen und ansonsten verweise ich auf meinen Bericht vom 7. März („Liebestrank“). Ebenso wenig in Erinnerung geblieben ist mir von Vesselina Kasarova, die sich zwar nach einem schwachen Beginn steigern konnte. Die Sängerin verfügt über eine sehr gute Tiefe; ansonsten reihe ich sie unter Durchschnitt. Abstriche sind bei den Trägern der mittleren und kleinen Rollen zu machen, die aus dem Ensemble stammen: Von Daniela Fally hätte ich mir mehr erwartet; die Töne ihrer Sophie klangen unangenehm scharf und schrill. Andreas Hörl sang den Bailli zwar etwas besser, wie Sarastro und Titurel, war aber dennoch beinahe ein Ausfall. Dass ihm vom „Merker“ ein „Baß von edelster Schwärze“ attestiert wurde, spricht nicht für den betreffenden Rezensenten (Ich weiß nicht, wer es war.), denn das ist definitiv nicht der Fall. Peter Jelosits (Schmidt) war für Severina nach vier mal Benedikt Kobel gewiss Balsam auf ihre Ohren, erbrachte aber trotzdem eine nur wenig überzeugende Leistung. Bezüglich seines Kompagnons zitiere ich aus meinem Bericht zur „Butterfly“ am 9. März: „Fast alle Neuzugänge sind Nieten und James Roser stellt keine Ausnahme dar. Er gab mit knarrender Stimme einen nahezu unhörbaren Kaiserlichen Kommissär.“. Hier muss nur die Rolle ausgetauscht werden, dann trifft es auch diesmal zu. Die französische Aussprache der drei Herren war des weiteren – freundlich gesagt – sehr grenzwertig. Das Dirigat von Michael Güttler kann ich mangels Vergleichsmöglichkeiten nicht beurteilen, fand aber, dass er nichts ruinierte. Kräftiger Applaus beschloss eine brauchbare Repertoirevorstellung, aber keine, an die ich mich besonders erinnern werde.
Billy :hello
Severina (15.04.2012, 01:48): 14. April 2012: Massenet, Werther (Baritonfassung) - eine interessante Abwechslung
-- Manchmal sieht man die 40. Aufführung einer Inszenierung, und trotzdem ist es eine Premiere - so geschehen beim heutigen "Werther", der erstmals an der WSO in der Baritonfassung gebracht wurde. Zu dieser Novität verhalf uns die Absage des Tenors Roberto Sacca, worauf man im Besetzungsbüro flugs den als Albert vorgesehenen Ludovic Tézier zum Werther beförderte. Dies animierte mich zum Besuch der heutigen Vorstellung, denn die Baritonversion habe ich noch nie live gesehen, kenne sie nur von einer CD mit Thomas Hampson.
Die heutige Serie war nicht nur die erste mit einem Bariton in der Hauptpartie, sondern auch die erste, in welcher kein einziger Sänger des PR-Blocks mit dabei war. Für alle war also die Inszenierung neu, und ich hatte daher auf eine sorgfältige Einstudierung gehofft. Dem war offensichtlich nicht so, denn zu meinem Kummer musste ich feststellen, dass von der so detailverliebten und psychologisch fein gesponnenen Serban-Produktion inzwischen nicht viel mehr als das Bühnenbild übrig geblieben ist. Das finde ich jammerschade, denn ich mochte diese Inszenierung sehr. (Siehe meine Rezension zur Jännerserie 2011 bzw. meine genaue Analyse im Werther-Thread!)
Heute jedenfalls wurde mehr neben als miteinander agiert, direkte Blickkontakte hatten Seltenheitswert, speziell Tézier interessierte sich mehr für den Mann im Graben als für seine Bühnenpartner.
Aber kommen wir zum Wesentlichen, nämlich zur Baritonfassung! Vor Beginn der Vorstellung erschien Monsieur le Directeur vor dem Vorhang, und ich dachte, er würde einige Worte zum gestrigen Ableben von KS Holecek sagen. Aber nein, er fühlte sich bemüßigt, die Entstehungsgeschichte der heutigen Erstaufführung zu skizzieren und sich dann bei den Philis zu bedanken, die so schnell die Baritonfassung einstudiert hätten. Häh???? Ich höre zum ersten Mal, dass eine solche Fassung auch fürs Orchester existiert, und ich konnte auch nicht feststellen, dass es andere Noten als üblich gespielt hätte, außer ich habe wirklich Schweinsohren. Aber unser Experte an der Spitze der WSO muss es natürlich wissen!!
Ich muss gestehen, dass ich mich speziell im ersten Akt sehr schwer getan habe. Wenn sich 35 Jahre lang ein gewisses Klangbild ins musikalische Gedächtnis einfräst, kann man das nicht so einfach wegwischen, es kommt zwangsläufig zu Interferenzen. Und obwohl mir mein Verstand sagte, dass Tézier natürlich "richtig" singt, suggerierte mir mein Gefühl das Gegenteil. Es dauerte also eine Weile, bis ich mich an diesen so völlig anderen Werther gewöhnt hatte. Dazu kam, dass Ludovic Tézier etwas nervös und zaghaft begann - "O nature" geriet noch wenig überzeugend, da war nichts von einem rauschhaften Hineinsteigern in Naturverzückung zu spüren - und erst dann zur nötigen Sicherheit fand, um die Partie souverän über die Runden zu bringen. Dass ich sein Timbre als eher trocken und wenig reizvoll empfinde, ist Geschmackssache, ich hätte mir einen "Ohrenschmeichler" wie Keenlyside oder Eröd gewünscht. Aber die standen natürlich nie zur Debatte, denn Tézier wurde ja quasi als Notlösung aus dem Hut gezaubert. Das klingt jetzt abwertender, als ich es beabsichtige, denn insgesamt erbrachte Ludovic Tézier eine solide Leistung. Mein Urteil fiele sicher noch positiver aus, wäre er darstellerisch nicht eine solche Nullnummer. Aber da kam wirklich rein garnichts, und mit einem Villazón oder Kaufmann vor Augen konnte man nur in Depression verfallen. (Nein, ich meine nicht die Optik, sondern ausschließlich die Rollengestaltung!) Tézier schien von einem bestimmten Punkt am rechten Bühnenrand förmlich angezogen worden zu sein, denn er steuerte immer zielsicher darauf zu und sang von dort aus frontal ins Publikum. Einen so zahmen 3. Akt habe ich an der WSO noch nie erlebt, da flogen weder die Funken noch die Sessel wie bei Kaufmann. Werther legte seiner Angebeteten etwas onkelhaft die Hände auf die Schultern und sang über ihren Kopf hinweg ins Publikum, und die Art, wie er ihr dann zwei Küsse raubte, ließ auch nicht unbedingt auf große Leidenschaft schließen. Aber es prickelte von Anfang an nicht zwischen Tézier und Kasarova, die große Verzauberung stellte sich einfach nie ein. Völlig rollenadäquat agierte Tézier dann in der Schlussszene, als er malerisch drapiert auf seinem Bett lag und möglichst jede Bewegung vermied. Das steht einem tödlich Verwundeten auch besser an als albernes Herumgeturne. Da, aber wirklich nur da, gingen Gesang und Darstellung Hand in Hand.
Veselina Kasarowa gab ihr Rollendebut als Charlotte an der WSO und hinterließ einen eher zwiespältigen Eindruck bei mir. Stimmlich gelang ihr das meiste, sieht man von einigen unschönen Höhen ab, ihr farbenreicher Mezzo klingt auch wieder viel kompakter als zur Zeit der Züricher Carmen, wo ich das Gefühl hatte, sie singt mit zwei verschiedenen Stimmen, die nicht mitenander harmonieren. Diese Krise scheint also überwunden, aber an ihre frühere Klasse kann sie immer noch nicht ganz anschließen. Enttäuschend fand ich Vesselina Kasarowas Spiel, denn auch sie beschränkte sich auf die konventionellen Gänge, blieb sehr an der Oberfläche der Figur hängen. Hat ihr niemand gesagt, dass sie in der Schlussszene Albert bemerken muss, der ihr heimlich gefolgt ist und das Liebespaar beobachtet?? Das ist einer der vielen sinnigen Momente in der Regie Serbans, dass er Charlotte quasi vor die Wahl stellt. Elina Garanca und Sophie Koch haben das ganz wunderbar gespielt: Der Schreck beim Anblick Alberts, das kurze Zögern und dann die Entscheidung für Werther im vollen Bewusstsein, dass es damit für sie kein Zurück in die Ehe mehr gibt, sie für die "anständige" Gesellschaft ebenso gestorben sein wird wie Werther. Heute stand Albert ziemlich unmotiviert im Hintergrund, und wer das Regiekonzept nicht kennt, wird sich gefragt haben, was er in dieser Szene auf der Bühne verloren hatte. Außerdem sollte sich Frau Kasarova beim nächsten Mal die Schuhe anziehen, bevor sie sich auf die Suche nach Werther macht, denn dass sie zwar ihren Umhang an sich rafft, ansonsten aber barfuß durch den Schnee rennt, wirkt ziemlich albern.
Daniela Fally, auch sie zum ersten Mal in der Partie der Sophie auf der Bühne der Staatsoper, ließ ihren silberhellen Sopran makellos erklingen, blieb aber ebenfalls darstellerisch einiges schuldig. Außer es hat sie wirklich niemand mit dem ursprünglichen Regiekonzept vertraut gemacht, dann muss man mit ihrer Leistung zufrieden sein. Aber mich hat eben an Andrei Serbans Regie am meisten fasziniert, wie sorgfältig er die Charaktere von Sophie und Albert herausgearbeit hat, die meist nur als Stichwortbringer fungieren (Siehe die fade Pariser Produktion, fad trotz Jonas Kaufmann!) - ich bin im Werther-Thread detailiert darauf eingegangen. Dass davon nun so gar nichs mehr übrig geblieben ist, stimmt mich wirklich traurig.
Albert war heute anstatt des ursprünglich vorgesehenen Ludovic Tézier mit Tae-Joong Yang besetzt, der mir noch nie Anlass zur Freude bereitet hat. Aber heute fand ich ihn ganz passabel, gemessen an seiner üblichen Leistung. Mit einem Adrian Eröd oder Markus Eiche darf man ihn natürlich nicht vergleichen, dann zeigt der Daumen nämlich gleich nach unten.
Schwach der Bailli von Andreas Hörl, der außerdem zu sehr outrierte - der Mann ist zwar Witwer, aber deshalb kein seniler Tattergreis.
Das Positive an Peter Jelosits Schmidt war, dass er Benedikt Kobel ersetzte.... Für den Stipendiaten James Roser war der Johann wohl einer der ersten Gehversuche auf der Bühne der WSO, daher wäre es unfair, ihn am Profi Klemens Unterreiner zu messen, den ich aber als Spielmacher speziell in der ersten Szene schmerzlich vermisste.
Michael Güttler waltete als umsichtiger Kapellmeister seines Amtes, konnte aber zumindest für mich keine wirklichen Akzente setzen.
Kann mir jemand erklären, warum ein Bariton erholungsbedürftiger ist als ein Tenor?? Oder warum sonst gab es heute zwei Pausen in dieser doch nicht allzu langen Oper? (Bei der seit der PR nach und nach alle kleinen Szenen gestrichen worden sind, so darf Brühlmann schon die längste Zeit nicht mehr "Divine Klopstock" seufzen, und heute fehlte auch der anschließende Kurzdialog zwischen Sophie und Le Bailli.)
Das Publikum übrigens spendete kein einziges Mal Szenenapplaus (Verunsicherung wegen der ungewohnten Baritonfassung oder einfach doch gesundes Urteilsvermögen?), feierte aber am Schluss Ludovic Tézier und Vesselina Kasarova doch recht stürmisch.
Mein Fazit: Eine interessante Begegnung mit der Baritonfassung (Aber mehr als eine Notlösung ist es für mich nicht...) in einer musikalisch durchwachsenen Aufführung!
lg Severina
Fairy Queen (15.04.2012, 08:09): Liebe Sevi, ich kann der Baritonfassung (ich kenne sie mit Thomas Hamson) auch nichts abgewinnen, für mich ist Werther eindeutig ein schmachtendender Tenor- das liegt schon in der Natur der Rolle. Und obschon Tezier ein guter Sänger ist,dessen nasales Timbre ich genausowenig mag wie Billy Budd, kann ich ihn mir als Werther-Inkarnation nun überhaupt nicht vorstellen. Wer Villazon oder Kaufmann gesehen und gehört hat, will da eh nichts weniger intensives mehr haben. Die allgemeine Sängerkritik von Billy ("alle Neuzugänge sind Nieten" fällt ja ziemlcih harsch aus)- gut, dass Severina etwas gnädigere Ohren hat...... :D F.Q.
pavel (15.04.2012, 10:15): Fanny schrieb: Kann mir jemand erklären, warum ein Bariton erholungsbedürftiger ist als ein Tenor?? Oder warum sonst gab es heute zwei Pausen in dieser doch nicht allzu langen Oper? Hier trügt die Erinnerung: 28.1.2011 - Werther (JK, Eröd, Koch): "Je eine Pause nach dem 1. und 2.Akt"
Severina (15.04.2012, 11:09): Original von pavel Fanny schrieb: Kann mir jemand erklären, warum ein Bariton erholungsbedürftiger ist als ein Tenor?? Oder warum sonst gab es heute zwei Pausen in dieser doch nicht allzu langen Oper? Hier trügt die Erinnerung: 28.1.2011 - Werther (JK, Eröd, Koch): "Je eine Pause nach dem 1. und 2.Akt"
In der Tat, danke für die Korrektur! Das lag wahrscheinlich an der spannungslosen Aufführung gestern, dass ich die beiden Pausen so enervierend empfand.
lg Severina :hello
Billy Budd (15.04.2012, 11:43): Liebe Severina, ich freue mich, dass Du wieder einen Bericht – mit dem ich großteils konform gehe – verfasst hast. Dennoch möchte ich ein paar Anmerkungen machen: worauf man im Besetzungsbüro flugs den als Albert vorgesehenen Ludovic Tézier zum Werther beförderte. Albert war heute anstatt des ursprünglich vorgesehenen Ludovic Tézier mit Tae-Joong Yang besetzt Marco Caria war doch vorgesehen. Die heutige Serie war nicht nur die erste mit einem Bariton in der Hauptpartie, sondern auch die erste, in welcher kein einziger Sänger des PR-Blocks mit dabei war. Peter Jelosits sang in der Premiere. Vor Beginn der Vorstellung erschien Monsieur le Directeur vor dem Vorhang, und ich dachte, er würde einige Worte zum gestrigen Ableben von KS Holecek sagen. Das dachte ich auch. Aber er hat sich ja auch nicht bemüßigt gefühlt, Rydls 35. Bühnenjubiläum zu würdigen. Mein Urteil fiele sicher noch positiver aus, wäre er darstellerisch nicht eine solche Nullnummer. Das habe ich ihm schon im „Tannhäuser“ attestiert. Gestern ist es mir jedoch nicht so aufgefallen. Stimmlich gelang ihr das meiste, sieht man von einigen unschönen Höhen ab Das habe ich in meinem Bericht vergessen. Heute stand Albert ziemlich unmotiviert im Hintergrund, und wer das Regiekonzept nicht kennt, wird sich gefragt haben, was er in dieser Szene auf der Bühne verloren hatte. So ist mir tatsächlich gegangen. Allerdings hat mir der Schluss gefallen, als Charlotte vor Albert kniet und er sie verächtlich verlässt. Aber heute fand ich ihn ganz passabel, gemessen an seiner üblichen Leistung. Vollkommene Übereinstimmung! Für den Stipendiaten James Roser war der Johann wohl einer der ersten Gehversuche auf der Bühne der WSO Er ist schon das elfte Mal aufgetreten. Klemens Unterreiner Der schreibt sich mit C, aber ist ja nicht wichtig.
Interessant finde, ich, dass wir bezüglich Daniela Fally nicht übereinstimmen (wie ja auch in der "Fledermaus"). Ich mag sie sehr (die Zerbinetta war großartig), aber gestern klang sie mir wirklich ein bisschen zu "soubrettenheft" und schrill. Billy :hello
Heike (15.04.2012, 11:47): Liebe Sevi, soviel ich weiß, ist die Instrumentierung der Baritonfassung unverändert. Aber vielleicht haben die Philis einfach ihre Instrumente ein µ tiefer gestimmt :leb - (ich habe mal irgendwo gehört, dass die im Vergleich zu anderen Opernorchestern sonst ganz gern mal ein wenig höher stimmen, ist das eigentlich so???) Heike
Billy Budd (15.04.2012, 11:52): Original von Fairy Queen Die allgemeine Sängerkritik von Billy ("alle Neuzugänge sind Nieten" fällt ja ziemlcih harsch aus)- gut, dass Severina etwas gnädigere Ohren hat...... :D F.Q.
Liebe Fairy, ich gebe zu: Dieser Satz war an der Grenze zur Beleidigung; aber trotzdem finde ich, dass er den Tatsachen entspricht. Ein wirklich erfreuliches Neuengagement ist Albina Shagimuratova. Im Herbst singt sie übrigens die Amina. Ob ich da hingehe, weiß ich noch nicht, aber vielleicht kann ja Severina berichten. Ansonsten gibt es wirklich kein Neuengagement, das ich als Gewinn betrachte. Adam Plachetka ist ganz passabel, aber dennoch weit überschätzt. Beispiel Mezzos mit großen Rollen aus dem Ensemble: In der Holenderzeit waren das Janina Baechle, Elisabeth Kulman, Michaela Selinger und Nadia Krasteva. Jetzt sind das Nadia Krasteva, Zoryana Kushpler und Stephanie Houtzeel. Die Stimmen der Neuzugänge sind fast durchgehend zu klein für das Haus - ich könnte da noch mehr aufzählen. Billy :hello
EDIT: Außerdem habe ich geschrieben: "Fast alle Neuzugänge sind Nieten".
Severina (15.04.2012, 13:59): Lieber Billy,
wo Du Recht hast, hast Du Recht, es hätte tatsächlich Caria den Albert singen sollen - keine Ahnung, wie ich da auf Tézier kam. (Vielleicht spukte mir die Pariser Produktion im Kopf herum, wo er defintiv den Albert singt!) Und Peter Jelosits habe ich wohl verdrängt, wobei ich gestehe, dass ich diesen kleinen Partien generell nicht solches Augenmerk schenke wie Du. Außer man KANN sie einfach nicht überhören, wie einen gewissen BK :wink
Nein, Fally empfinde ich in der Tat nicht als schrill, weil sie eben eine sehr vibratoarme Stimme besitzt, und da gefallen mir so extrem helle und nicht allzu breite Höhen sehr gut. Aber natürlich verfügt sie über keine große Stimme und muss ihre Rollen an einem Haus wie dem unseren sorgfältig auswählen. Mit der Sophie übernimmt sie sich mE aber wirklich nicht, das passt schon zu ihr. Enttäuscht hat mich eher, dass sie, die doch sonst so spielfreudig ist, eher wenig aus der Rolle gemacht hat. und die Cheerleader-Pose, mit der sie die Blumensträuße im 2. Akt präsentierte, fand ich schlicht albern.
Eigentlich habe ich Dich gestern beneidet, weil Du Dich völlig unvoreingenommen auf die Baritonfassung einlassen konntest - für Dich war es einfach so. Es ist nämlich wirklich ein komisches Gefühl, wenn Du weißt, jetzt müsste sich die Stimme in lichte Höhen emporschwingen, und dann kommt nix. Natürlich kommt etwas, aber eben nicht das Erwartete, Gewohnte. Aber das ging mir schon mit Thomas Hampson so, der zu meinen Lieblingssängern zählt (Also, in seiner aktuellen Verfassung nicht mehr so ganz...) und mich als Werther trotzdem nicht überzeugen konnte. Man müsste die Baritonfassung viel öfter hören, aber so toll fand ich die gestrige Aufführung insgesamt nicht, weshalb ich es bei dem einen Mal bewenden lassen werde.
lg Severina :hello
PS: Norbert Ernst zähle ich auch zu den positiven Neuzugängen, aus dem könnte noch etwas werden!
Billy Budd (16.04.2012, 15:10): Wiener Staatsoper Sonntag, den 15. Mai 2012 DER ROSENKAVALIER Richard Strauss
Gewidmet Margarita Lilowa und Heinz Holecek
Vor Beginn der Vorstellung gab es eine Überraschung, zumal Kurt Rydl im Ochs-Kostüm vor den Vorhang trat. Ich habe mich gefragt, was das zu bedeuten habe, zumal er sich im Falle eine Indisposition wohl nicht selbst angesagt hätte. Doch bald wurde klar, dass es sich um nichts dergleichen handelte, sondern die Vorstellung den am Freitag verstorbenen ehemaligen Ensemblemitgliedern Margarita Lilowa und Heinz „Honzo“ Holecek gewidmet werden sollte. Dies war gewiss eine schöne Geste, die aber eher von der Direktion hätte kommen sollen. Aber es ist bekannt, dass Meyer auf solche Dinge keinen Wert legt (Ich erinnere daran, dass er sich ja auch nicht bemüßigt fühlte, Kurt Rydls 35. Bühnenjubiläum im Dezember irgendwie zu würdigen. Darüber hinaus wäre es auch schön gewesen, hätte er nach dem 100. Mesner Alfred Šrameks ein paar Worte gesagt.). Aber Hauptsache, er schüttelt im Foyer Hände, gibt sich pseudointeressiert, spielt den Oberkellner und lädt Journalisten zu Premierenfeiern ein – dann ist ja alles in bester Ordnung und man vergibt dem guten Mann gerne, wenn das Bühnengeschehen die Ohren und teils die Augen beleidigt. Jedenfalls trat auch Meyer hernach vor den Vorhang um den Dirigenten Jeffrey Tate wegen schwerer gesundheitlicher Probleme zu entschuldigen. Als er in den Orchestergraben trat, erschrak ich bei dem Anblick. Doch man sollte es nicht für möglich halten, was dieser gebrechliche Greis mit Gehstock drauf hat. Herr Tate ist der beste Dirigent, der in den letzten beiden Jahren an das Pult des Staatsopernorchesters getreten ist. Vom Dirigat her war es zweifellos eine Sternstunde. Das größte Kompliment, das ich auf Lager habe, ist, dass mir die Musik fast ohne Einschränkung gefallen hat (Üblicherweise ist das beim „Rosenkavalier“ ganz anders.). Zu Beginn des Vorspiels setzte das Blech etwas zu laut und ungeschliffen ein – was das einzige Manko war –, aber diese Erfahrung wiederholte sich kein einziges Mal. Herr Tate vermochte, viele Details der Partitur, auf die ich noch nie sonderlich geachtet habe, sorgfältig herauszuarbeiten. Das Vorspiel begann stürmisch und steigerte sich bis zum Höhepunkt (Der ja auch wirklich einen Höhepunkt darstellt …). Er beging nicht den Fehler, bei den Walzerstellen hineinzudreschen, sondern bot eine schwungvolle und „wienerische“ Wiedergabe von Strauss‘ Oper, ohne in Sentimentalität zu verfallen. Die Rosenüberreichung begleitete er so gefühlvoll, wie möglich, um im dritten Akt genügend Schwung zu haben (Die Szene Ochs-Mariandl war vom Feinsten, zumal auch vom Pult die richtigen Impulse kamen.). Kurz: Er dirigierte den Rosenkavalier so, wie er nicht besser zu dirigieren geht. Er ließ sich bei den Schlussvorhängen nur einmal blicken, was ich auf seine schlechte Gesundheit zurückführe. Ich hoffe aus ganzem Herzen, dass er die restlichen Vorstellungen nicht absagt, sondern seine fulminante Leistung wiederholt. Ein Blick auf den Programmzettel zeigt, dass das Repertoire des Briten enorm breit gefächert ist, zumal Werke wie „Lulu“, „Mahagonny“, „Fidelio“, „Carmen“, „Don Giovanni“ und „Turn of the Screw“ genannt werden. Auch, wenn er die „Ariadne“ und den „Rosenkavalier“ ausgezeichnet dirigierte, wäre es wünschenswert, ihn auch mit anderen Werken zu erleben (Nächste Saison ist er nämlich wieder für die beiden gebucht.). Zu den Sängern: Da möchte ich mit der größten Überraschung beginnen und muss deshalb gleich Benedikt Kobel anführen. Es ist wirklich erfreulich, dass er in dem Haushofmeister bei Faninal endlich eine Rolle gefunden hat, in der er richtig gut ist. Jedenfalls habe ich ihn kaum erkannt, denn er klang, wie ausgewechselt. Der größte Publikumszuspruch wurde Elina Garanca zuteil und das war gerecht. Ich bezeichne sie guten Gewissens als die derzeit weltbeste Interpretin des Octavian. Da ist schon einmal die fast vibratofreie und in allen Lagen sicher ansprechende Stimme mit dem kostbaren Timbre. Nur in der kurzen Sprechpassage („Herr Kommissar, ich geb' was zu Protokoll, aber der Herr Baron darf nicht zuhören dabei.“) war ein leichter Akzent zu bemerken. Besondere Erwähnung verdient ihr hervorragendes Spiel. Da passte jede Geste, wirkte aber nichts aufgesetzt und in der Szene mit der Marschallin prickelte es so richtig. Brava! Das führt mich gleich zu Nina Stemme, von der ich bekanntlich alles andere, als ein Fan bin. Es steht mir nicht zu, der Sängerin Ratschläge zu geben, aber sie täte gut daran, das hochdramatische Sopranfach auf der Stelle zurückzulegen, und sich auf anderes Repertoire zu konzentrieren. Sie verfügt (vermutlich wegen ihrer Mezzo-Vergangenheit) über eine exzellente Tiefe, nur die Höhe schepperte wie immer (Auch wenn es diesmal nicht so arg war.). Besonders in den zarten Lyrismen (z.B. „Ob ich in den Prater fahr‘“) hätte ich mir mehr Piano gewünscht (Das hat im Dezember Anja Harteros so hervorragend vorexerziert). Résumé: Gut, aber nicht hervorragend. Ähnliches lässt sich auch über Miah Persson als Sophie sagen. Sie hatte einen relativ schwachen Beginn mit schnellem Vibrato (Das hohe h klang gar nicht, wie ein „Gruß vom Himmel“.), konnte sich aber mit Fortdauer des Abends steigern. Dennoch war die recht harte Stimme nicht optimal. Am 27. April habe ich Gelegenheit, mein Ersturteil zu überprüfen; vielleicht handelte es sich ja nur um Debütnervosität. Stark positiv überrascht war ich von Kurt Rydl, der sich im Gegensatz zum Dezember wieder in ausgezeichneter stimmlicher Verfassung befand und nicht wie damals gravierende stimmliche Probleme durch peinliche Outrage zu kompensieren suchte. Nur, wenn er voll aufdrehte, machte sich ein leichtes Tremolo bemerkbar; ansonsten war er ganz der „Alte“. Diesmal machte er kein Kasperltheater aus dem Ochs und sorgte auch für Unterhaltung, zumal ihm unter anderem nicht selten mehr Text „einfiel“, als ihm von Hofmannsthal zugedacht wurde. Zukünftig werden wir ihn als Pimen, Sprarafucile und La Roche erleben – hoffentlich ist er auch da so gut bei Stimme. Schlichtweg sensationell war Franz Grundheber als Faninal. Sein hohes Alter habe ich in anderen Berichten bereits angesprochen und es grenzt an ein Wunder, dass er noch immer in der Lage ist, auf so hohem Niveau aufzutreten. Sein Bariton hat über die Jahre nur minimalst an Durchschlagskraft und Geschmeidigkeit eingebüßt und spricht noch in allen Lagen sicher an. Darüber hinaus bot er auch eine exzellente schauspielerische Leistung, indem er die Rolle nicht verblödelte. Es ist unglaublich, dass er nach dieser Serie keine Verträge mehr mit der Wiener Staatsoper hat. Die einzige nicht staatsopernwürdige Besetzung war Michael Roider als Valzacchi, der zwar gut spielte, aber die zahlreichen kurzen Noten seltsam verwischte. Im Dezember war übrigens Benedikt Kobel ein guter Interpret dieser Rolle. Da war Janina Baechle ein ganz anderer Kaliber. Ich liebe das Timbre der Sängerin und sie spielte die Annina hervorragend. Es spricht für Wolfgang Bankl, dass er – der normalerweise den Ochs singt – für Alfred Šramek in der Doppelrolle Notar/Polizeikommissar einsprang. Als Notar verzerrte er die Stimme und sang im Falsett, was durchaus Effekt machte. Als Polizeikommissar ist er leider eine Fehlbesetzung. Zumal ich noch das immense Volumen und herrliche Timbre Walter Finks im Ohr hatte, konnte ich mit Herrn Bankl nicht hundertprozentig glücklich werden. Positive Erwähnung verdient aber sein hervorragendes Spiel. Skeptisch blickte ich dem für Herwig Pecoraro eingesprungenen Peter Jelosits als Wirt entgegen, aber er bot durchaus eine zufriedenstellende Leistung, sieht man davon ab, dass er über das hohe b nicht verfügt und der Versuch, es anzusingen, misslang. Ho-yoon Chung entledigte sich als Sänger seiner Aufgabe mit Anstand, klang aber doch leicht angestrengt (Wer nicht?). Mit Ende der Saison verlässt er das Ensemble. Simina Ivan sang eine gute Leitmetzerin. Valentina Nafornita war eine unauffällige Modistin, Wolfram Igor Derntl verkörperte einen bemerkenswert guten Haushofmeister bei der Feldmarschallin und Martin Müller stellte als Tierhändler seinen Mann (klang besser, wie sonst). Nicht sehr sattelfest präsentierten sich die vier Lakaien der Feldmarschallin: Jacek Krzyszkowski, Burkard Höft, Konrad Huber und Jens Musger. Wenn ich schreibe, dass des Jubels kein Ende war, ist das keine Übertreibung. Schon nach den Aktschlüssen wurde länger, als üblich geklatscht und zum Schluss gab es enorm viele Vorhänge. Pro Protagonist kam es zwar nur zu drei Solovorhängen, aber es gab überdurchschnittlich viele gemeinsame. Das Licht musste drei Mal eingeschaltet werden. Ich habe den Schlussapplaus nicht gestoppt, kann deshalb nur vermelden, dass ich erst um 22:40 bei der Straßenbahnhaltestelle stand, obgleich das Ende der Vorstellung mit 22:00 angegeben war. Abschließend möchte ich bemerken, dass ich es schade finde, dass dieser mittelmäßige Thielemann-Ring im Radio übertragen wird und solche ausgezeichneten Repertoire-Vorstellungen offenbar nicht festgehalten werden.
Billy :hello
EDIT: Ich habe vergessen, Kobels Namen fett zu formatieren.
Billy Budd (16.04.2012, 15:19): Liebe Severina, ich bin generell der Meinung, dass es keine kleine Rollen gibt, sondern nur kleine Sänger (Ich glaube, Walter Berry hat das gesagt.). Wenn zum Beispiel in einer "Salome" die Protagonisten sehr gut sind (was ohnehin viel zu selten vorkommt), aber die fünf Juden patzen und die beiden Nazarener nichts taugen (Der Satz "Jawohl, er erweckt die Toten" ist die schönste Stelle in dieser Oper!), bleibt ein mittelmäßiger Einduck. Zur Baritonfassung: Ich kenne ja die andere (bzw. "richtige") nicht und kann mir durchaus vorstellen, dass für den Werther eher ein Tenor passt. Aber vielleicht ist für einen zurückhaltenden und eher introvertierten Poeten, wie ihn Tezier verkörpert hat, die Baritonfassung eher angemessen. Norbert Ernst ist in der Tat ein äußerst erfreulicher Neuzugang, auch wenn ich denke, dass der Aegisth, den er im Herbst singt, doch noch ein bisschen zu früh sein könnte. Man darf aber nicht vergessen, dass er schon in der Holenderzeit als David einsprang. Bei meiner obrigen Aufzählung über Mezzosopranistinnen aus dem Ensemble habe ich Rachel Frenkel vergessen, die ist nämlich auch furchtbar. Billy :hello
EDIT: In der nächsten "Salome" sind die beiden Nazarener übrigens mit Moisiuc und Kai besetzt - *grusel*.
Billy Budd (20.04.2012, 22:59): Wiener Staatsoper Freitag, den 20. April 2012 BORIS GODUNOW (Urfassung) Modest Mussorgski
Als „Neueinstudierung“ wurde die heutige Vorstellung des „Boris Godunow“ deklariert. Wie viel von der ursprünglichen Personenführung noch übrig geblieben ist, entzieht sich meiner Kenntnis, aber ich finde – im Gegensatz zu einigen anderen Besuchern – die Produktion von Yannis Kokkos ganz passabel. Wie auf dem Programmzettel zu lesen war, wurde heute erstmals die Urfassung dieser Oper an unserem Haus aufgeführt. Vorausgeschickt sei, dass ich noch nie zuvor irgendeine Stelle aus dem „Boris“ kannte und auch vom Libretto nur eine sehr vage Ahnung hatte. Deswegen kann ich nicht vergleichen, sondern nur bemerken, dass mir die heutige Vorstellung wirklich sehr gut gefallen hat. Es gab keinen Ausfall; die Leistungen bewegten sich zwischen „gut“ und „hervorragend“. In letzter Zeit war des Öfteren von einer Stimmkrise bei Ferruccio Furlanetto zu lesen, aber davon kann ich nicht das Geringste vermelden. Der Bass verfügt über ein immenses Volumen und spricht in allen Lagen sicher an. Das etwas gaumige Timbre des Sängers kann man mögen oder auch nicht; ich kann ihm durchaus etwas abgewinnen. Darüber hinaus bot er auch eine exzellente schauspielerische Leistung. Kurt Rydl hat derzeit eine sehr gute Phase. Der Pimen ist ja eher eine hohe Basspartie. Ihm machte dies keine hörbaren Probleme und er sang kein einziges Mal im Falsett. Der voluminöse Bass präsentierte sich in hervorragender Form. Von einem Tremolo war diesmal nichts zu bemerken, nur in wenigen Passagen kam ein stärkeres Vibrato zum Vorschein. Nebenbei bemerkt: Ein Pimen mit Wobble würde mich wahrscheinlich nicht stören. Jorma Silvasti bot als Schuiskij eine gute Leistung. Sein Timbre ist recht grell; ansonsten ist mir zugegebenermaßen kaum etwas in Erinnerung geblieben. Marian Talaba – häufig und zu Recht gescholten – erbrachte als Grigori eine zufriedenstellende Leistung. Slawisches liegt ihm, der stets als Pinkerton peinlichst versagt, offensichtlich sehr gut. Auch als Hermann könnte ich ihn mir vorstellen. Stephanie Houtzeel lieferte einen für ihre Verhältnisse guten Fjodor ab. Ileana Tonca gab eine unscheinbare Xenia und Aura Twarowska verkörperte eine rollendeckende Amme. Obwohl die drei Damen nicht schlecht waren, müssen sie doch als Schwachpunkte des ansonsten perfekten Abends bezeichnet werden. Eijiro Kai bot als Schtschelkalow neben dem Polizeichef in „Lady Macbeth von Mzensk“ die überzeugendste Leistung, die ich je von ihm gehört habe. Andreas Hörl ist in Wien bis dato nur durch schlechte Darbietungen in Erscheinung getreten, aber sein Warlaam war von guter Qualität. Der junge Sänger verfügt über eine laute und voluminöse Stimme, fehlt aber (noch?) die Tiefe und bassale Färbung. Benedikt Kobel (Missail) klang erfreulicherweise gar nicht nach Benedikt Kobel. Monika Bohinec gefiel als Schenkenwirtin. Vielleicht wäre aber doch Janina Baechle, welche der Aufführung in der Künstlerloge beiwohnte, die bessere Alternative gewesen. In wirklich ganz hervorragender Form zeigte sich Alfred Šramek als Hauptmann. So gut habe ich ihn erst selten – wenn nicht noch nie – erlebt. Norbert Ernst kam durch die Absage von Herwig Pecoraro als Gottesnarr zum Zug und ist für diese kleine Rolle das, was man eine Überbesetzung nennt. Sorin Coliban sang einen imposanten Nikititsch und Hans Peter Kammerer überraschte mich als Mitjuch sehr positiv. Gerhard Reiterer stellte als Leibbojar seinen Mann. Ein Sonderlob sei dem Chor (Leitung: Thomas Lang) ausgesprochen. Das Dirigat von Tugan Sokhiev kann ich mangels Vergleichsmöglichkeiten nicht beurteilen. Der Applaus für diese hervorragende Aufführung hätte durchaus länger und kräftiger ausfallen können.
Billy :hello
Karolus Minus (21.04.2012, 02:13): Original von Billy Budd Jedenfalls trat auch Meyer hernach vor den Vorhang um den Dirigenten Jeffrey Tate wegen schwerer gesundheitlicher Probleme zu entschuldigen. Als er in den Orchestergraben trat, erschrak ich bei dem Anblick. Doch man sollte es nicht für möglich halten, was dieser gebrechliche Greis mit Gehstock drauf hat.
Der "gebrechliche Greis" ist gerade mal 69 Jahre alt, allerdings schwer körperbehindert, da er mit Spina bifida (offenem Rücken) geboren wurde.
man muß das nicht aus dem Hut wissen, aber wenn man Künstler nicht kennt, wäre ein Blick in Wikipedia VOR dem schreiben manchmal von Nutzen.... Gruß Karolus Minus
Billy Budd (21.04.2012, 15:38): Lieber Karolus, generell bin ich kein Wikipedia-Fan. Meines Wissens nach kann da jeder etwas schreiben, ohne, dass es kontrolliert wird und da schleichen sich logischerweise etliche Fehler ein (Im Italienischen Wikipedia wird zum Beispiel Brusons Geburtsjahr mit 1934 angegeben; im Deutschen findet sich 1936. Oder auch Waechter hat an der Wiener Volksoper nicht mit dem Silvio debütiert, sondern mit einer kleineren Partie in der "Lustigen Witwe".). Wie auch immer; danke für den Hinweis. Billy :hello
Karolus Minus (22.04.2012, 04:08): Lieber Billy, natürlich sind bei Wikipedia Fehler drin, wie in jedem großen Lexikon auch, ich hab bei Wikipedia sogar schon verbessert.
Bei Tate wußte ich aber, daß es stimmt. Der ist jetzt Chefdirigent der Hamburger Symphoniker und obendrein hab ich die Karriere immer ein bißchen verfolgt, weil ich Leute bewundere, die mit einer derartigen Behinderung erst Medizin studieren und dann Dirigent werden, also einen Beruf ergreifen, der nach "normalem" Ermessen außerhalb ihrer physischen Möglichkeiten liegt - und es auch noch international erfolgreich tun! :hello Karolus Minus
Billy Budd (22.04.2012, 10:49): Wiener Staatsoper Samstag, den 21. April 2012 DER ROSENKAVALIER Richard Strauss
Zu einer exzellenten Repertoirevorstellung geriet der gestrige „Rosenkavalier“. Eine große Steigerung im Vergleich zur ersten Vorstellung der ersten Serie war nicht auszumachen, weswegen ich mich kurz fasse und zu den meisten Sängern nur Ergänzungen anbringe. An Qualität gewonnen hat eigentlich nur Michael Roider, der diesmal einen passablen Valzacchi brachte. Über das Dirigat von Jeffrey Tate gingen die Meinungen auseinander; den einen war es zu fad; andere – zu dazu gehöre ich – fanden es erstklassig. So war es nicht verwunderlich, dass er neben starkem Applaus auch eine Missfallenskundgebung kassierte. Die Aufführung dauerte um knappe zwanzig Minuten länger, als gewöhnlich, was mir – der den „Rosenkavalier“ vorher gar nicht mochte – gar nichts ausmachte, da sich die unglaubliche Schönheit dieser Musik erst jetzt richtig entfalten konnte. Vielleicht sollte Herr Tate auch noch die „Arabella“ anvertraut bekommen – das ist nämlich eine Strauss-Oper, mit der ich so gut wie nichts anfangen kann … Elina Garanca ist ein derzeit unübertreffbarer Octavian – besser geht es nicht. Janina Baechle stand ihr nichts nach – sie holte aus der kleinen Rolle der Annina das Maximum heraus. Ich stelle die Behauptung auf, dass ausschließlich ihr Übergewicht der Grund ist, weshalb sie von Meyer so wenig eingesetzt wird – an ihrer Stimme und ihrem Schauspieltalent kann es jedenfalls nicht liegen. Die äußeren Merkmale der weiblichen Neuzugänge lassen diesen Schluss zu. Die höhensichere Mezzostimme gemeinsam mit der exzellenten tiefen Lage machen Frau Baechle zu einer konkurrenzlosen Annina. Ich habe sie auch öfters beobachtet, als sie nicht im Mittelpunkt stand. Da drängte sie sich nie in den Vordergrund, sondern gestaltete durch kleine Gesten (z.B. ein Abwischen der Hand nach Ochs‘ schmatzendem Handkuss) ein hervorragendes Rollenportrait. Die vor wenigen Tagen zur Österreichischen Kammersängerin ernannte Nina Stemme habe ich als Senta, Ariadne und Tosca erlebt und wurde mit ihr nie warm. Als Marschallin vermochte sie mich noch am ehesten zu überzeugen. Mit der Phrasierung gab sie sich einige Mühe, aber sie berührte mich nicht; einiges wirkte aufgesetzt. Nächste Saison ist sie als Brünnhilde und Isolde angesetzt. Kurt Rydl hatte einen schwachen Beginn (die hohe Note bei „unsrer Fürstin Brioche“ gelang ihm gar nicht nach Wunsch), konnte sich aber bald steigern. Wie mir berichtet wurde, ging er in der Aufführung davor (18. April) im dritten Akt ziemlich ein – davon war gestern nichts zu bemerken. Ich hoffe, dass der gestrige Auftritt von Franz Grundheber nicht der letzte an unserem Haus war (Verträge hat er nämlich keine mehr). Er verkörperte auch diesmal einen hervorragenden Faninal. Nach wie vor nicht glücklich bin ich mit Miah Persson. Auch, wenn ich ihre Sophie nicht so grauenhaft, wie andere Besucher, empfunden habe, muss ich die Schwedin doch als schwächsten Punkt der Aufführung bezeichnen. Ho-yoon Chung schrie, was seine Stimmbänder hergaben. Der Part des Sängers ist klein und schwer, aber so brüllen muss man ihn auch nicht. Simina Ivan hat mir als Leitmetzerin sehr gut gefallen. Wolfgang Bankl spielte sowohl den Notar, als auch den Polizeikommissar auffallend gut, aber gesanglich wurde ich auch diesmal nicht restlos glücklich. In Erinnerung an andere Interpreten des Wirt machte Peter Jelosits keine sonderlich gute Figur. Roland Winkler bemühte sich als Haushofmeister bei der Marschallin um Wiener Dialekt, klang jedoch in der Stimme recht hohl. Benedikt Kobel hat derzeit offenbar eine außergewöhnlich gute Phase; so klang er als Haushofmeister bei der Marschallin um zehn Klassen besser, als gewöhnlich. Valentina Nafornita als Modistin und Martin Müller als Tierhändler blieben unauffällig. Der starke Applaus war vollkommen berechtigt. Die Aufführung ließ mich beglückt das Opernhaus verlassen.
Billy :hello
Billy Budd (22.04.2012, 10:55): Hier findet sich übrigens eine lesenswerte Kritik von Dominik Troger, die sich nicht ganz mit meiner Meinung deckt, zur Aufführung am 18. April. Interessant, dass am Mittwoch der Schluss des ersten Aktes nicht zerklatscht wurde; das war gestern leider anders. Billy :hello
Billy Budd (24.04.2012, 16:42): Wiener Staatsoper Montag, den 23. April 2012 BORIS GODUNOW (Urfassung) Modest Mussorgski
Gestern besuchte ich eine weitere Vorstellung dieser Oper. Große Unterschiede im Bezug zur Wiederaufnahme gab es nicht, weswegen ich nur kurze Anmerkungen verfasse. Ferruccio Furlanetto hatte jedoch keinen guten Abend. Seine Stimme wackelte in der Höhe und klang brüchig. Auch Kurt Rydl machte mich nicht völlig glücklich; es machten sich Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Laut eines Freundes ließ er die schwerste Stelle (ca. 3 Minuten) in dieser Partie aus. Verlässlich waren Marian Talaba und Jorma Silvasti. Auch bei den Nebenrollen gab es nichts auszusetzen - ich verweise hier auf meinen letzten Bericht. Die einzige Umbesetzung betraf die kleine Rolle des Leibbojahr, in der Oleg Zalytski anstelle von Gerhard Reiterer aufgeboten wurde. Andere Besucher fanden das Dirigat von Tugan Sokhiev schrecklich; ich kann mich aufgrund fehlender Vergleichsmöglichkeiten dazu nicht äußern. Am 30. April bin ich jedenfalls wieder drinnen; wie es mit dem 27. April ausschaut, ist noch nicht sicher. Im September gibt es übrigens eine Serie mit Roberto Scandiuzzi und Ain Anger (der in der Premiere den Warlaam sang).
Billy :hello
Billy Budd (30.04.2012, 11:24): Wiener Staatsoper Sonntag, den 29. April 2012 CAVALLERIA RUSTICANA, PAGLIACCI Pietro Mascagni, Ruggiero Leoncavallo
Nur mäßig zu begeistern vermochte mich der gestrige Opernabend. Das lag sowohl an der Sängerschar, die ich großteils im unteren Mittelmaß einordnen würde, als auch daran, dass ich mich an einigen Stellen ziemlich gelangweilt habe, obgleich ich die beiden Stücke zu meinen Lieblingsopern zähle. Vorweg: Die Premiere der Produktion von Jean-Pierre Ponelle fand im Jahre 1985 statt und ich finde, dass diese in den Jahren kaum etwas von ihrem Reiz eingebüßt hat. Sie möge uns noch lange erhalten bleiben! Interessant besetzt waren die Hauptrollen in der "Cavalleria", denn man hörte zwei Sänger, die zum Ersten vorwiegend bei Wagner unterwegs sind und zum Zweiten ihren Zenit schon überschritten haben. Besonders bei Peter Seiffert war dies zu bemerken und es ist zu hoffen, dass es ausschließlich die Tagesverfassung war, weshalb das Ergebnis recht bescheiden ausfiel. Seine einst so herrliche Stimme erinnert leider nur mehr in Bruchstücken an Glanzzeiten früherer Jahre. Das Timbre klang belegt und glanzlos, allerdings machte sich sein Wackler nicht so stark bemerkbar. Des Weiteren war die italienische Akzentuierung recht abenteuerlich. Mich störte am meisten, dass er den Abschied von der Mutter brüllte, anstatt ihn zu singen. Dank guter Technik vermochte er sich dann doch noch durch den Abend zu retten. Um Missverständnissen vorzubeugen: Seine Leistung war nicht katastrophal schlecht, lag aber ziemlich fern meiner Erwartungshaltung. Dennoch möchte ich dem Künstler keine Nachrufe schreiben; mich dünkt es, dass er ein ganz hervorragender Aegisth sein könnte. Man sollte eben wissen, welche Rollen man wann zurücklegen müsste. Waltraud Meier verkörperte die Santuzza und bereitete mir damit mehr Freude. Ihre Stimme flackerte wie immer, allerdings gelang ihr ein eindrucksvolles Charakterportrait. Zu Beginn machten sich Höhenunsicherheiten bemerkbar. Insgesamt hatte ich den Eindruck, eher Tristan und Isolde, als Turiddu und Santuzza stünden auf der Bühne. Ian Storey war für die Rolle des Canio vorgesehen, doch angesichts seiner desaströsen Leistung als Bacchus im September 2011 (Ich erinnere daran, dass es in der ersten Vorstellung den Zwischenruf "Singen!" gab.) entschloss sich Meyer offenbar zu einer Umbesetzung und stellte so seinem Publikum den Argentinier Gustavo Porta vor. Als Notlösung ist seine gestrige Darbietung gerade noch zu tolerieren. Dass seine Stimme für unser Haus zu klein ist, empfand ich nicht so störend, wie sein nasal gequetschtes Timbre. Auch schauspielerisch erbrachte er keine nennenswerte Leistung. Insgesamt hat mir letztes Jahr sogar José Cura besser gefallen und das will was heißen. Dennoch konnte er starke Ovationen für sich verbuchen. Recht wenig in Erinnerung geblieben ist mir von Tamar Iveri, welche eine passable Nedda brachte. Ihr Timbre fällt unter Durchschnitt und einige scharfe Höhen beeinträchtigten den Genuss an manchen satten Tiefen. Wie sich der Alfio schlägt, ist mir relativ egal, aber ohne brauchbaren Tonio funktioniert der "Bajazzo" nicht, was wohl das größte Manko der gestrigen Aufführung war. Es ist verwunderlich, weswegen der Name von Lucio Gallo auf einem Besetzungsplakat der Wiener Staatsoper (das – wenn man von der U-Bahn zur Oper kommt – übrigens wieder schief hing - das reißt in den letzten Monaten ziemlich ein!) zu finden ist, denn an einem Haus von Weltrang hat er nichts verloren; jedenfalls nicht in Rollen mit mehr als fünf Wörtern. Dass mir sein raues Timbre nicht gefällt, fällt unter Geschmackssache. Dass er an einigen Notenwerten schlampig vorbeisang und noch dazu gar nicht den Versuch machte, die beiden hohen Töne im Prolog zu erreichen, jedoch nicht. Von Ausdruck bzw. Gestaltung konnte keine Rede sein; er brüllte die beiden Rollen nur so runter. Des Weiteren war er als Darsteller ein Totalausfall. Ein Duzend besserer Interpreten ließe sich mühelos aufzählen … Carlos Osuna ist eines der unnötigsten Neuengagements. Er hat mir bis jetzt stets missfallen, aber als Beppo brachte er eine durchschnittliche Leistung. Anderen Besuchern hat er übrigens weniger wie mir gefallen. Eindeutig auf die Negativ-Seite gehört Tae-Joong Yang, der mit uninteressant timbrierter und leiser Stimme einen wenig erfreulichen Silvio gab. Somit war die einzige Besetzung, die keinen Wunsch offen ließ, Aura Twarowska als hervorragende Lucia, aber auch Monika Bohinec hat mir als Lola – sieht man von wenigen Schärfen in der Höhe ab – sehr gut gefallen. Wenig zu bieten hatten die beiden Bauern: Jens Musger und Martin Müller. Ein besonderes Lob hingegen gebührt dem Chor und dem Zusatzchor unter der Leitung von Thomas Lang. Für eine positive Überraschung sorgte Asher Fisch, denn ich kenne ihn nur von – freundlich gesagt – verbesserungswürdigen Leistungen (Am schlimmsten war sein "Rosenkavalier"). Doch gestern lieferte er ein solides Dirigat ab, auch wenn er den südländischen Flair nicht recht einfangen konnte und vieles recht trocken klang. Fazit: Ob ich wirklich noch zwei Mal hingehe, muss ich noch gut überlegen …
Billy :hello
Billy Budd (01.05.2012, 12:16): Wiener Staatsoper Montag, den 30. April 2012 BORIS GODUNOW (Urfassung) Modest Mussorgski
Unter "solides Repertoire" kann die gestrige Vorstellung eingeordnet werden. Ich habe drei von vier Aufführungen besucht und konnte keine Qualitätssteigerung ausmachen; eigentlich war sogar die erste am besten. Ferruccio Furlanetto hatte einen schwachen Beginn (Im zweiten Bild klang sein Bass fahl und brüchig.), aber er konnte sich mit Fortdauer des Abends steigern. Auf seine gute schauspielerische Leistung habe ich in meinem ersten Bericht bereits hingewiesen. Nächste Saison ist er in zwei italienischen Opern - tragisch (Procida) und komisch (Mustafà) - angesetzt. Kurt Rydl täte eine Reduktion seiner Auftritte sehr gut, denn mit jeder Vorstellung wirkte er mehr und mehr ausgelaugt. Marian Talaba ist als Grigori sehr gut eingesetzt. Für das blechene Timbre von Jorma Silvasti kann ich mich nicht recht erwärmen, aber er gab einen soliden Schuiskij. Ein Teil der Nebenrollen machte allerdings viel Freude: So war Eijiro Kai ein sehr guter Schtschelkalow, Sorin Coliban ein imposanter Nikitisch, Stephanie Houtzeel ein guter Fjodor, Ileana Tonca eine ebensolche Xenia und Aura Twarowska eine erfreuliche Amme. Benedikt Kobel (Missail) fiel gar nicht auf - was will man mehr? Monika Bohinec sang sehr gut, blieb aber darstellerisch blass; aus der Rolle der Schenkenwirtin wäre mehr herauszuholen gewesen. In Bezug auf die letzte Vorstellung fiel der Warlaam von Andreas Hörl recht ab; gleiches ist von Hans Peter Kammerer als Mitjuch zu vermelden. Norbert Ernst klang mir als Gottesnarr etwas zu leise. Durch die Absage von Alfred Šramek - unseres Hauptmann vom Dienst - kam Dan Paul Dumitrescu zum Zug, der stimmlich nicht seinen besten Tag hatte und auch schauspielerisch dem Hauptmann keinerlei Profil verleihen konnte. Die einzige nicht akzeptable Besetzung war Oleg Zalytskiy als Leibbojar. Sehr gut sang der von Thomas Lang geleitete Chor. Tugan Sokhiev stand am Pult des Orchesters, aber wie ich in meinen anderen beiden Berichten erwähnt habe, verfüge ich bei dieser Oper über keinerlei Vergleichsmöglichkeiten, die mir erlauben würden, sein Dirigat seriös zu beurteilen. Der Applaus währte nicht sehr lange.
Billy :hello
Billy Budd (02.05.2012, 20:50): Wiener Staatsoper Dienstag, den 1.Mai 2012 DON CARLOS (französisch, fünfaktig) Giuseppe Verdi
Seit einigen Tagen steht die Produktion von Peter Konwitschny, die bei der Premiere im Jahre 2004 – wenn mich mein Wissenstand nicht trügt – für einige Tumulte gesorgt hatte, wieder auf dem Spielplan der Wiener Staatsoper. Ich besuchte die dritte Vorstellung der Serie und konnte, zumal mir im Vorfeld einiges Negatives zu Ohren gekommen war, positiv überrascht sein. Die Inszenierung hat mir sehr gut gefallen und auch von den musikalischen Leistungen war ich großteils angetan. Vielleicht war es aber keine gute Idee, für meine erste Begegnung mit dieser Oper die Ultra-Langfassung zu wählen, denn ich habe mich fast durchgehend gelangweilt. Lediglich die Szenen mit dem Großinquisitor haben mir gut gefallen. Vorerst ein paar Worte zur Inszenierung, die anscheinend noch immer polarisiert, denn nach der Ketzerjagd in der Pause machten auch gestern ein paar Besucher ihrem Ärger mit Buhrufen Luft, aber die Zustimmung überwog. Mich jedenfalls haben besonders die Szenen Carlos-Elisabeth viel mehr berührt, wenn nur eine weiße Wand als Kulisse dient, als wenn die Bühne à la Zefirelli mit allerhand Krempel vollgestopft wäre. In diesem Sinne hätte ich nichts dagegen, wenn spannende und intelligente Regisseure anstelle von Meyers Müll produzierenden Franzosen, eingeladen würden, aber ich fürchte, ich hoffe da vergebens. Jedenfalls lohnt allein die Inszenierung einen Besuch. Aber wie schon erwähnt, gab auch die musikalische Seite Anlass zur Freude. Yonghoon Lee habe ich vor rund einem Jahr (genauer gesagt: am 15. April 2011) als Cavaradossi erlebt und war damals schon recht angetan. Doch gestern war ich wirklich erfreut, wie positiv er sich weiterentwickelt hat. Mir gefällt seine baritonal timbrierte Stimme, die aber auch mit strahlenden und fast vibratofreien Höhen aufwarten kann. Sie verfügt über ausreichend Lautstärke und zeigte im Laufe des Abends keine Ermüdungserscheinungen. Darüber hinaus bot er auch eine beachtliche schauspielerische Leistung. Kleine Abstriche sind aber Punkto Stilgefühl zu machen und er verfügt über etwas zu wenig Schmelz in der Stimme. Ausbaufähig wäre auch sein Piano, das nicht ganz so tragfähig klang, wie ich es von anderen Tenören gewohnt bin. Dennoch: Eine beachtliche Leistung. Adrianne Pieczonka habe ich bis dato nur bei Strauss und Wagner (Marschallin, Senta, Kaiserin) erlebt und war auf ihre Elisabeth gespannt, zumal ich gehört hatte, dies sei nicht das für sie ideale Repertoire. Ich sehe das ganz und gar nicht so; die Sängerin erwähnte ja auch in einem Interview, sie möchte nicht nur deutsches Repertoire singen und bedauere es, dass ihre keine Mozartpartien mehr angeboten werden (Darüber hinaus verdient es auch Anerkennung, dass sie ihre eigenen Fähigkeiten richtig einzuschätzen weiß und sich keinem vorzeitigen Verschleiß aussetzen möchte, was sie mit der Aussage, Salome, Elektra und Brünnhilde werde sie nie singen – das überlasse sie den „Shooting Stars“ – kundtat.) Ich habe schon in anderen Berichten erwähnt, dass ich ihr farbenreiches Timbre und auch sonst alles an ihrer Stimme liebe. Mir ist es unverständlich, weswegen Meyer nächste Saison auf sie verzichten kann. Es war meine Erstbegegnung mit Béatrice Uria-Monzon und ich muss gestehen, dass mir von ihrer Eboli nicht viel im Gedächnis geblieben ist. Vielleicht kann ich mir bei einer anderen Vorstellung ein genaueres Urteil bilden. Mit Ludovic Tézier werde ich nie warm, obgleich er eine in allen Lagen sicher ansprechende und vibratoarme Stimme sein Eigen nennt. Andererseits gefällt mir der nasale Beiklang seines Timbres nicht und Ausdruck ist ihm ein Fremdwort. Schauspielerisch war er praktisch nicht vorhanden. Für diese Wiederaufnahme hätte gewiss ein besserer Interpret des Rodrigo gefunden werden können. Von Kwangchul Youn habe ich mir nach seinem Gurnemanz eine bessere Leistung erwartet. Der Stimme fehlt die Bass-Färbung und die Autorität, welche für den Philipp unentbehrlich ist. Die positive Überraschung hingegen stellte Alexandru Moisiuc dar, denn dieser Sänger hat mir noch nie Anlass zur Freude bereitet. Für den Großinquisitor jedenfalls passt seine wabernde Stimme (fahl, extremes Vibrato). Diese Person ist ein blinder Greis, warum sollte der laut und kräftig singen? Jedenfalls war dies der seltene Fall, in dem meines Erachtens nach ein Ensemblemitglied richtig eingesetzt wurde („Meines Erachtens nach“ deshalb, weil ein Freund, mit dem ich beinahe immer übereinstimme, seine Leistung betreffend gänzlich anderer Meinung war.). Dan Paul Dumitrescu lieh dem Mönch seinen warmen Bass und Norbert Ernst war ein guter Lerma/Herold (Eine willkommene Abwechslung zu Benedikt Kobel!). Dagegen blieb Juliette Mars als Thibault äußerst unauffällig und Elisabeta Marin war als Stimme von oben eine einzige Peinlichkeit. Bertrand de Billy stand am Pult, allerdings verfüge ich, wie oben erwähnt, bei diesem Werk über keinerlei Vergleichsparameter. Auf dem Galeriestehplatz hätte man campieren können; auf der Halbmitte stand fast niemand (auch nicht in der ersten Reihe!), von der Seite ganz zu schweigen … Ich hätte auch einen optimalem Platz bekommen, wäre ich fünf Minuten vor Beginn gekommen. Dennoch gab es langen Zwischenapplaus und kräftigen Jubel am Schluss. Wie lange dieser anhielt, entzieht sich meiner Kenntnis, da ich mich nach dem ersten Durchgang verabschiedete, zumal es doch schon recht spät war und ich daheim noch etwas zu arbeiten hatte. Auch wenn ich mich für die Musik kaum erwärmen konnte, hat sich der Besuch gelohnt.
Billy :hello
Ingrid (02.05.2012, 23:06): Lieber Billy,
freue mich sehr, dass Younghoon Lee bei Euch den Carlos gesungen hat und er Dir auch so gut, wie mir, in dieser Rolle gefallen hat. Kaufmann liegt zwar noch eine Nasenspitze vor ihm, aber auch er hat mich ähnlich stark berührt. Er sang damals (Jan. 2010)) ebenfalls mit Anja Harteros und beide Stimmen harmonierten wunderbar (habe ihn allerdings nicht baritonal gefärbt in Erinnerung, aber vielleicht hat sich das ja jetzt geändert). Rodrigo war Simon Keenlyside und Philipp Matti Salminen. Also auch eine Vorstellung, die man nicht mehr so schnell vergisst.
Younghoon Lee ist in München demnächst als Calaf vorgesehen. Die Vorstellung möchte ich dann ebenfalls nicht verpassen, denn ich fand es sehr schade, dass er bei uns, nach dem Erfolg, nicht schon längst wieder eingeladen wurde.
Herzliche Grüße Ingrid
Billy Budd (03.05.2012, 14:32): Liebe Ingrid, wenn er jetzt schon solche Rollen singt, befürchte ich aber ernsthaft, dass da ein junger, vielversprechender Künstler gnadenlos verheitzt wird! Hoffen wir das beste! Ich bin jedenfalls schon gespannt, was Du über seinen Calaf berichtest. Matti Salminen war schon lange nicht mehr in Wien; ich habe ihn als Gurnemanz gehört. Billy :hello
Billy Budd (04.05.2012, 16:11): Wiener Staatsoper Donnerstag, den 3. Mai 2012 IL BARBIERE DI SIVIGLIA Gioachino Rossini
Diese Vorstellung war – freundlich gesagt – ein Desaster. Angesichts der Papierform habe ich mir solides Repertoire erwartete. Diese hält leider nicht immer, was sich verspricht und gestern war das Ergebnis deprimierend. Spritzige Komödiantik suchte man außer bei Adrian Eröd vegeblich, denn die anderen Mitwirkenden beschränkten sich auf peinliche Outrage und vordergründiges Geblödel. Das Haus war übrigens alles andere, als gefüllt und am mäßig besuchten Stehplatz war nach der Pause ein deutlicher Schwund zu verzeichnen. Wenn ich mich nicht täusche, habe ich gestern meinen ersten „Barbiere“ erlebt, in dem es zu keinen Bravi während den Akten kam. Das war den Leistungen angemessen; noch besser wäre freilich absolutes Stillschweigen gewesen. Sieht man von dem bemerkenswert guten Wolfram Igor Derntl in der Minirolle des Offizier ab (Alfred Šramek ließ sogar ein Bravo hören!), brachte Adrian Eröd die einzige entsprechende Leistung. Sein einst herrlicher Bariton hat zwar in letzter Zeit hörbar gelitten und an Weichheit verloren (das kommt von der idiotischen Idee, den Loge zu singen), aber nichtsdestotrotz ist er ein guter Sänger und solche sucht man derzeit an der Wiener Staatsoper beinahe vergeblich. Sein hervorragendes Spiel habe ich bereits angesprochen. Er verkörperte einen Figaro, mit dem man zufrieden sein konnte (mehr aber auch nicht). Positiv überrascht hat mich Janusz Monarcha, denn ich finde ihn fast immer ziemlich mies. Doch entweder gab er sich gestern Mühe oder der Basilo liegt ihm besonders gut (ich vermute ersteres), denn er kann als gute Hausbesetzung bezeichnet werden. Darstellerisch war er unauffällig, aber immerhin nicht peinlich. Die enttäuschendste Darbietung kam von Alfred Šramek, den ich – es muss leider gesagt werden – noch nie so schlecht erlebt habe. Wie ich in der Pause erfuhr, muss es ihm derzeit ziemlich dreckig gehen (seine Frau liegt nämlich im Sterben) und das entschuldigt natürlich alles. Eine Absage wäre gewiss die bessere Alternative gewesen, denn das hätte er uns nicht zumuten brauchen. Dieser Umstand erklärt, weswegen er nicht in der Lage war, Komödie zu spielen; er wirkte die ganze Zeit geistesabwesend. Folglich spulte er den Part des Bartolo teilnahmslos herunter und glaubte auch, seine bedauernswerte Abendform durch unpassende Gags kompensieren zu müssen (zum Beispiel das Werfen eines Zettels in den Orchestergraben). Natürlich spielte da auch die Stimme nicht mit. Sie klang verbraucht und leise; das Parlando war beim besten Willen nicht hörbar. Wie schon erwähnt: Unter diesen Umständen verziehen – sofern möglich wünsche ich ihm von dieser Stelle alles Gute und genügend Kraft für die nächsten Wochen – und es ist zu hoffen, dass er seine alte Form wiederfindet. Für Benjamin Bruns habe ich im Feber lobende Worte gefunden, allerdings treffen die für seine gestrige Leistung ganz und gar nicht zu. Dieser Almaviva war für die Wiener Staatsoper blamabel. „Der singt, wie er heißt“, bemerkte ein Besucher und obgleich das nicht die feine Art ist, hat er da nicht Unrecht. Die Läufe funktionierten nicht und die Koloraturen klangen allesamt geradezu dilletantisch. Wäre das nicht schon schlimm genug, verengte sich seine ohnehin uninteressante Stimme in der Höhe. So war es wenig verwunderlich, dass er die Schlussarie ausließ. Schauspielerisch agierte er durch teilweise vulgäres Spiel peinlichst. Ein solcher Conte war einer Bühne von Weltrang unwürdig. Dieser Sänger ist an einem Haus Ensemblemitglied, an dem er nichts verloren hat. Miese Altlasten im Ensemble sind ohnehin zuhauf vorhanden; da brauchen wir keine neuen. Der schwächste Punkt der Aufführung war aber Laura Polverelli als Rosina. Es gab einen Grund, weshalb die Italienerin unter Holender nie in der Wiener Oper zu hören war (nämlich, weil sie schlecht ist). Von Singen konnte keine Rede sein; es handelte sich vielmehr um ein Aneinanderreihen von gejaulten Tönen. Ihr leichtes Tremolo („unruhiges Vibrato“ kann man das jedenfalls nicht mehr nennen) nervte. Am Schlimmsten war aber, dass sie beinahe durchgehend nicht korrekt intonierte. Schauspielerisch bot sie keine nennenswerte Leistung. Beim Schlussapplaus habe ich dann meinen Unmut mit zwei Buhrufen artikuliert; allerdings fürchte ich, dass sie im üblichen Jubel gar nicht zur Bühne durchgedrungen sind. Nach ihrer gestrigen Darbietung hoffe ich nicht auf eine weitere. Das Hausdebüt von Olga Bezsmertna hätte planungsgemäß gestern stattfinden sollen, aber vor rund einem Monat sprang sie für Ildikó Raimondi als Dame („Cardillac“) ein. Auch als Marzelline ließ sie ihren scheppernden und unruhig geführten Sopran hören. Das Orchester spielte wie eine Schrammelkapelle beim Heurigen und Karel Mark Chichon tat sein bestes, diesen Opernabend endgültig zu ruinieren. Dass er weder schleppte, noch hetzte, ist auch schon das einzig Positive, über das ich berichten kann. Des öfteren segelten einzelne Solisten aus dem Ensemble heraus und von spritzigem Rossini war so gut wie nichts zu merken. Der gute Mann zeigte kein Gespür für diese Musik; einiges klang schwerfällig, manches dagegen gepeitscht. Nein; das war wirklich nichts. Die Vorstellung war nicht einmal lustig, sondern nur mühsam und peinlich. Wenn ich so etwas sehen will, gehe ich nicht in die Oper, sondern schaue mir die Löwinger-Bühne an. Heute werde ich mich nochmals in „Cav/Pag“ aufmachen. Wenn das nicht besser wird – und ein bekennender Shicoff-Hasser hat mir erzählt, dass Seifferts Sizliana das Grauenvollste war, was er je gehört hat (nicht mal Shicoff hat das unterboten!) – könnte ich Lust bekommen, mich aus Verzweiflung in selbstmörderischer Absicht von der Galerie zu stürzen …
Billy :hello
Billy Budd (04.05.2012, 23:26): Wiener Staatsoper Freitag, den 4. Mai 2012 CAVALLERIA RUSTICANA, PAGLIACCI Pietro Mascagni, Ruggiero Leoncavallo
Nun; von der Galerie gestürzt habe ich mich nicht, denn die „Cavalleria“ war als Gesamtpaket nicht mal so schlecht. Im darauffolgenden „Bajazzo“ war leider keine Verbesserung auszumachen. Die größte Überraschung war Peter Seiffert, der sich nach einer grenzwertigen Siziliana steigern konnte. Gefreut hat mich, dass sich sein Wackle kaum bemerkbar machte und an einigen Stellen sein herrliches Timbre hörbar war. Dass er sich im italienischen Fach nicht wohlfühlt, habe ich schon letzte Woche festgestellt. Jedenfalls hätte alles noch besser geklungen, hätte er weniger gebrüllt. Der Turridu ist keine Wagnerpartie. Bezüglich Waltraud Meier und Monika Bohinec verweise ich auf meinen letzten Bericht. Aura Twarowska war eine gute Lucia. Nach wie vor ein Totalausfall war Lucio Gallo als Alfio. Letzterer sang dann nach der Pause als Tonio einen Hauch besser. Dass er die beiden hohen Töne (as und g) nicht sang, darf ihm eigentlich nicht angelastet werden, da sie nicht in der Partitur vorgeschrieben sind. Dennoch erwarte ich sie mir. Gustavo Porta, Tamar Iveri und Tae-Joong Yang erbrachten in etwa dieselben Leistungen, wie vor einer Woche. Ho-yoon Chung war diesmal der Beppo und entledigte sich seiner Aufgabe zufriedenstellend. Dass sein hartes Timbre in meinen Ohren unangenehm klingt, ist nicht die Schuld des Sängers. Nach wie vor inakzeptabel agierten die beiden Bauern (Michael Wilder und Martin Müller). Thomas Lang hat den Chor sehr gut einstudiert. Asher Fisch war am Pult des zufriedenstellend spielenden Orchesters ein solider Leiter. Obwohl mich die Darbietungen alles andere, als umgehauen haben, spiele ich mit dem Gedanken, am Dienstag nochmals hinzugehen. Ich zähle nämlich die beiden Stücke zu meinen Lieblingsopern und werde sie in der nächsten Saison, in der sie nicht angesetzt sind, sicherlich vermissen.
Billy :hello
Billy Budd (09.05.2012, 23:34): Wiener Staatsoper Dienstag, den 8. Mai 2012 CAVALLERIA RUSTICANA, PAGLIACCI Pietro Mascagni, Ruggiero Leoncavallo
Eigentlich hatte ich gestern kein bisschen Lust auf einen Opernbesuch. Schließlich habe ich mich nach langem Hin-Her doch aufgerafft, was sich als gute Entscheidung herausgestellt hat. Zum einen macht es immer Freude, Lieblingsopern zu erleben (Die „Cavalleria“ belegt in meiner Hitliste derzeit den zweiten Platz; der erste ist nach wie vor der „Frau ohne Schatten“ vorbehalten :) ) und zum anderen war die „Cavalleria“ insgesamt ganz brauchbar und der „Bajazzo“ – nun ja. Es war zumindest die beste Vorstellung dieser Serie. Peter Seiffert sang gestern angeblich (es wurde mir berichtet) seinen letzten Turridu. Wenn er so gut bei Stimme ist, wie gestern, kann er diese Rolle guten Gewissens noch mehrere Jahre im Repertoire behalten. Seine Darbietung in der ersten Vorstellung war gerade noch akzeptabel; wie mir berichtet wurde, soll er in der zweiten absolut grauenhaft gewesen sein (Ein Freund, dessen Meinung ich praktisch immer teile, sagte mir, dass an diesem Tag Seifferts Siziliana das Schlechteste war, das jemals in seinem Beisein auf der Staatsopernbühne geleiert wurde – da brach ihm beinahe jeder Ton ab und die Stimme setzte stellenweise aus); in der dritten war er recht gut und gestern hatte er offensichtlich einen sehr guten Tag erwischt, sodass ich ihm –der ja zu meinen Lieblingssängern zählt – nach Jahren endlich wieder ein Bravo zurufen konnte. Es war wieder deutlich zu merken, dass ein Tenor, der sich auf das Wagnerfach spezialisiert hat, auch das italienische Repertoire nicht zurücklegen sollte. Jedenfalls war der enervierende Wackler in Seifferts Stimme, der mich besonders im „Tannhäuser“ so genervt hat, gestern kaum zu bemerken. Die Siziliana, die ja auch sehr hoch liegt, war auch gestern grenzwertig, allerdings konnte er sich hernach stark steigern. Dass sein Timbre kaum etwas an italienischem Schmelz aufweist, konnte ich bei dieser Strahlkraft und diesem Timbre guten Gewissens vergessen. War die gesangliche Leistung überzeugend, passierten ihm gleich zwei Missgeschicke. Dass er bei Betreten von Lucias Haus fast die ganze Inneneinrichtung (u.a. Tontöpfe) umschmiss und es erst beim zweiten Anlauf schaffte, vor dem Duell ein Messer in den Boden zu werfen, sorgte für einige Heiterkeit. Meine nächste Begegnung mit ihm wird aller Voraussicht nach erst im Juni 2013 als Tristen stattfinden. „Schuster, bleib bei Deinen Leisten“, lautet ein Sprichwort. Waltraud Meier ist nun einmal ein Mezzosopran und dass in den letzten Jahren ihre Stimme unter Sopranpartien wie Isolde gelitten hat, war auch gestern nicht unüberhörbar. In den hohen Lagen konnte von Singen keine Rede sein (das war eher Kreischen) und die Wortdeutlichkeit blieb ziemlich auf der Strecke. Dank einer ausgezeichneten schauspielerischen Leistung gelang ihr dennoch eine achtbare Darbietung. Ich bedaure es, dass sie in der nächsten Saison für keine Vorstellungen an der Wiener Staatsoper vorgesehen ist. Gerechterweise muss gesagt werden, dass sich Lucio Gallo doch ein wenig verbessert hat. Aber auch gestern führte er sowohl als Alfio, als auch als Tonio seinen besonders in der Höhe verbraucht klingenden Bariton vor. Alles Wesentliche habe ich in meinem Bericht vom 29. April niedergeschrieben. Nach wie vor äußerst problematisch ist die Besetzung des Canio mit Gustavo Porta. Er wirkte mit der Partie überfordert und war bemüht, sie irgendwie über die Runden zu bringen. So blieb alles an Gestaltung auf der Strecke. Seine Verzweiflungsarie war nicht mal schlecht, allerdings war ich doch erstaunt, wie unbeteiligt man das Finale singen kann („No, pagliacci non son“ verpuffte völlig wirkungslos). Wie früher erwähnt: Als Notlösung ist dieses Engagement noch akzeptabel. Der Jubelsturm war freilich nicht berechtigt. Viel in Erinnerung geblieben ist mir auch diesmal nicht von Tamar Iveri. So kann ich nur vermelden, dass ihr Sopran in der Höhe zur Schärfe neigte. Ho-yoon Chung gab als Beppo diesmal weniger Stimme und hinterließ so einen stärkeren Eindruck. Darstellerisch wirkte er bemüht, aber recht unbeholfen. Auch diesmal war der Silvio von Tae-Joong Yang nicht akzeptabel. Monika Bohinec sang auch diesmal eine gute Lola. Selbiges trifft auf Aura Twarowska, welche als Lucia eingesetzt wurde, zu. Ordentlich meldeten sich die beiden Bauern (Jens Musger und Wolfram Igor Derntl) zu Wort. Der Chor (Leitung: Thomas Lang) entledigte sich seiner Aufgabe bestens. Positiv war ich auch gestern von Asher Fisch am Pult des gut spielenden Orchesters. Es war ein kleines Jubiläum, denn die Ponelle-Inszenierung der „Cavalleria“ ging gestern zum 100. Mal über die Bühne der Wiener Staatsoper („Pagliacci“ wurde zwei Mal mehr gespielt). Ich habe schon in meinem ersten Bericht erwähnt, dass ich die beiden Produktionen liebe, zumal sie mit vielen Details aufwarten und nach wie vor funktionieren (die Premiere fand anno 1985 statt). Leute, die gegen die „Regietheatermafia“ wettern, zum „Ausradieren“ des Regietheaters aufrufen und ausschließlich das Libretto wörtlich nehmende Inszenierungen sehen möchten, werden wohl bei dieser Produktion in Entzücken ausbrechen. Aber: Wenn zum Beispiel Tonio erklärt, er werde noch den Esel versorgen und dann steht anstelle eines Huftiers ein Lastwagen, der unmöglich aus dem späten 19. Jahrhundert stammen kann, da, zeigt ein genaues Hinsehen, dass Ponelle keineswegs jeden Satz im Libretto umgesetzt hat. Darüber hinaus hat es zu dieser Zeit in Sizilien bestimmt keine ministrierenden Mädchen gegeben. Ich finde es schade, dass es wohl zwei knappe Jahre dauern wird, bis ich die beiden Opern wieder auf der Bühne erleben. Die nächste Vorstellung gibt es erst am 25. Jänner 2014. George Gagnidze ist als Alfio vorgesehen; die restliche Besetzung betreffend ist mir nichts bekannt. Gestern schien das Publikum mit den gebotenen Leistungen zufrieden. Der kräftige Beifall währte allerdings nicht sehr lange.
Billy :hello
Billy Budd (10.05.2012, 22:11): Eigentlich wollte ich heute zur "Traviata" gehen, aber wegen Zeitproblemen hab ichs doch gelassen. Das war anscheinend keine schlechte Entscheidung, denn ein Freund schrieb mir eben, dass es "UNmöglich" war. Aber - so schrieb er - zum Lachen sollte ich mir das mindestens einmal antun. Ich werde am Sonntag gehen.
Besetzung:
Bertrand de Billy | Dirigent
Ermonela Jaho | Violetta Valéry Francesco Demuro | Alfred Germont Zeljko Lucic | George Germont, Alfreds Vater Juliette Mars | Flora Bervoix Donna Ellen | Annina Carlos Osuna | Gaston Clemens Unterreiner | Baron Douphol Il Hong | Marquis von Obigny Dan Paul Dumitrescu | Doktor Grenvil Gerhard Reiterer | Giuseppe Ion Tibrea | Kommissionär Franz Gruber | Diener bei Flora
Naja, angesichts der Papierform ist tatsächlich ein Debakel zu erwarten.
Billy :hello
Billy Budd (10.05.2012, 22:38): Original von Billy Budd Peter Seiffert sang gestern angeblich (es wurde mir berichtet) seinen letzten Turridu. Wenn er so gut bei Stimme ist, wie gestern, kann er diese Rolle guten Gewissens noch mehrere Jahre im Repertoire behalten. Seine Darbietung in der ersten Vorstellung war gerade noch akzeptabel; wie mir berichtet wurde, soll er in der zweiten absolut grauenhaft gewesen sein (Ein Freund, dessen Meinung ich praktisch immer teile, sagte mir, dass an diesem Tag Seifferts Siziliana das Schlechteste war, das jemals in seinem Beisein auf der Staatsopernbühne geleiert wurde – da brach ihm beinahe jeder Ton ab und die Stimme setzte stellenweise aus); in der dritten war er recht gut und gestern hatte er offensichtlich einen sehr guten Tag erwischt, sodass ich ihm –der ja zu meinen Lieblingssängern zählt – nach Jahren endlich wieder ein Bravo zurufen konnte. Es war wieder deutlich zu merken, dass ein Tenor, der sich auf das Wagnerfach spezialisiert hat, auch das italienische Repertoire nicht zurücklegen sollte. Jedenfalls war der enervierende Wackler in Seifferts Stimme, der mich besonders im „Tannhäuser“ so genervt hat, gestern kaum zu bemerken. Die Siziliana, die ja auch sehr hoch liegt, war auch gestern grenzwertig, allerdings konnte er sich hernach stark steigern. Dass sein Timbre kaum etwas an italienischem Schmelz aufweist, konnte ich bei dieser Strahlkraft und diesem Timbre guten Gewissens vergessen. War die gesangliche Leistung überzeugend, passierten ihm gleich zwei Missgeschicke. Dass er bei Betreten von Lucias Haus fast die ganze Inneneinrichtung (u.a. Tontöpfe) umschmiss und es erst beim zweiten Anlauf schaffte, vor dem Duell ein Messer in den Boden zu werfen, sorgte für einige Heiterkeit. Meine nächste Begegnung mit ihm wird aller Voraussicht nach erst im Juni 2013 als Tristen stattfinden.
Das scheint zu stimmen, siehe hier.
Peter Seiffert ist in naher Zukunft als Tristan an der Met zu hören, fasst aber auch "Otello" und Canio im "Bajazzo" ins Auge. Er wird aber auch den Turridu in "Cavalleria" in Wien singen, ehe er diese Partie zurücklegt.
Schade, dass ich ihn als Turiddu nie wieder erleben kann!! :I :I :I
Billy :hello
brokat (11.05.2012, 11:40): „Schuster, bleib bei Deinen Leisten“, lautet ein Sprichwort. Waltraud Meier ist nun einmal ein Mezzosopran und dass in den letzten Jahren ihre Stimme unter Sopranpartien wie Isolde gelitten hat, war auch gestern nicht unüberhörbar." Entschuldigung, Billy Budd, aber das ist nun wirklich großer Unsinn. Ich meine Ihre Aussagen zu den Sopranpartien - nicht, wie die "Cavalleria" gesungen wurde, das kann ich nicht beurteilen, da ich nicht drin war. Jede der großen Partien, die W.M. zeit Ihrer Karriere gesungen hat, ist eine Grenzpartie – auch die Kundry. So gesehen hätte sie dem oben zitierten Schustergeist zufolge am besten gar nicht anfangen sollen zu singen (oder 30 Jahre lang am besten nur die Lola) – jedenfalls wäre der Verschleiß sicher minimal geblieben. Dass jede Stimme unter einer Partie wie der Isolde früher oder später "leidet" - egal ob genuin Sopran oder Mezzo - ist ziemlich klar. Wenn das bei Meier nach ungewöhnlich vielen Jahren nun hörbar wird, dann ist das der natürliche Lauf der Dinge. Nie und nimmer ein Argument dafür - besonders nicht in ihrem Fall! - dass sie diese Partien nie hätte singen sollen, im Gegenteil. Eine große Stimme überschreitet notwendigerweise Grenzen. Ich habe über die Jahre mehrfach ihre Isolden gehört (zuletzt vor zwei Jahren) und in einigen dieser Vorstellungen, wenn alles passte, haben sich die größten, intensivsten Opernerlebnisse zusammengebraut, die ich je erlebt habe - kaum vergleichbar mit irgendetwas sonst. Natürlich muss das nicht jeder nachvollziehen geschweige denn teilen, aber mit Bürokratengeist in die Oper zu gehen, führt meiner Ansicht nach weit daran vorbei.
Billy Budd (11.05.2012, 13:43): Hallo Brokat, erst mal freue ich mich, dass ein weiterer Opernfan mit dabei ist! Zu Deinem Beitrag: Ich habe gezögert, ob ich diesen Satz so hinschreiben sollte, habe es dann aber doch getan. Ich habe nirgendwo geschrieben, Waltraud Meier hätte die Isolde nie singen sollen (Viele Sänger überschreiten Fachgrenzen, nur legen sie die falschen Partien wieder ab. Um ein Beispiel zu nennen: Juan Diego Flórez hat sich meines Wissens nach vom Duca recht bald wieder zurückgezogen.), sondern nur, dass sie es zu lang und zu oft getan hat. Darüber hinaus hat sie sich ja vor ein paar Jahren (ich glaube, es war 2004/05) ein opern-freies Jahr genommen und nur Lieder gesungen. Mir wurde jedenfalls von mehreren Leuten berichtet, dass sie danach viel schlechter, wie vorher, war (Meine erste Begegnung mit ihr fand erst am 3. Juni 2010 als Ortrud statt; übrigens auch mit Peter Seiffert).
Abgesehen davon gehört sie auch zu meinen Lieblingssängern, auch wenn ich mit ihren letzten Auftritten alles andere als glücklich war.
Ich würde sie gerne als Amme erleben.
Billy :hello
Billy Budd (11.05.2012, 23:59): Wiener Staatsoper Freitag, den 11. Mai 2012 SALOME Richard Strauss
Vor einiger Zeit habe ich mir vorgenommen, keine Berichte mehr mitten in der Nacht zu verfassen (Da passiert es mir nämlich öfters, dass ich aufgrund einer grauenhaften Darbietung Ausdrücke verwende, die eventuell als Beleidigung gelten könnten. Wenn ich eine Nacht darüber geschlafen habe, sehe ich die Dinge üblicherweise mit anderen Augen.). Diesen Vorsatz muss ich diesmal leider brechen, denn es handelte sich um die deprimierendste Vorstellung meines Lebens – schlimmer geht es praktisch nicht mehr. Ich bin so frustriert, dass ich meine Eindrücke unbedingt loswerden muss, ehe ich mich zur Nachtruhe begebe. Zwei Aussagen, die ich nach der Vorstellung aufgeschnappt habe, möchte ich als Zitate zu Beginn erwähnen, zumal diese das Wesentliche ausdrücken: „Das war jenseits von Gut und Böse“ und „Die haben das falsche Weib umgebracht“. Also: Normalerweise reicht es bei einer „Salome“ völlig, zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn zu erscheinen. Nicht so bei der heutigen Vorstellung, denn da war als Herodias Gwyneth Jones angekündigt – so dachte ich zumindest. Ich rannte also in Erwartung eines Mordsansturms zwei Stunden und vierzig Minuten vor Beginn zur Oper und traute meinen Augen kaum, als da gerade ein paar Leute anstanden. Es wurden auch nicht viel mehr; der Stehplatz war während der Vorstellung äußerst schütter besetzt. Sollte ich so masochistisch sein, mir noch eine Vorstellung anzutun, werde ich wohl erst eine halbe Stunde vor Beginn antanzen, denn das sollte völlig ausreichen. Wie schon erwähnt: Unter den aufgebotenen Sängern war einer schlechter, wie der andere; um niemanden hervorzuheben, handle ich die Darbietungen in der Reihe des Besetzungszettels ab. Ulf Schirmer war der Dirigent und es wurde auch das zu erwartende Debakel. Er begann mit geschleppten ersten Takten, wechselte aber dann sehr bald das Tempo und drosch an den entscheidenden Stellen ausschließlich hinein. Die Sänger deckte er öfters zu. Mehr Aufmerksamkeit verdient diese Leistung nicht; deshalb belasse ich es mit diesen Worten. Thomas Moser, der in den nächsten Tagen seinen 67. Geburtstag feiern wird, sagte kurzfristig ab und dem rosaroten Zettel im Schaukasten für die Besetzung war zu entnehmen, dass Wolfgang Schmidt – wenn es um den Herodes geht, ist er unser Einspringer vom Dienst – der Ersatz sein sollte. Dessen Timbre kann man mögen oder nicht (ich gehöre zur zweiten Fraktion), aber für den Herodes passt diese ausgeleierte Stimme mit einem Wobble, bei dem man seekrank wird, recht gut. Schauspielerisch bot er eine gute Leistung. Im Bezug auf die letzten Vorstellungen fiel seine Leistung aber doch stark ab. Aber ehrlich: Wäre ich als Herodes auf der Bühne gestanden, hätte ich wahrscheinlich keinen geraden Ton herausgebracht, denn was diese Herodias abgeliefert hat, spottet jeder Beschreibung. Das führt mich gleich zu Gwyneth Jones und ich muss bemerken, dass jeder, der sie nach der Vorstellung bejubelt hat, ein Vollidiot ist – anders kann man das nicht sagen. Der Applaus und die Blumensträuße galten ihrem Lebenswerk; nicht dieser Leistung. Mir ist es unverständlich, weshalb sich die Sängerin traut, in ihrer beklagenswerten Verfassung noch auf irgendeiner Bühne zu erscheinen. Ich habe noch nie eine so derartig erbärmlich kaputte Stimme gehört. Das war praktisch eine reine Deklamation des Textes; von Singen war diese Leistung meilenweit entfernt. Sie war kaum zu hören und das Gehörte war grausig. Darüber hinaus war eine schauspielerische Leistung nicht vorhanden. Vornehmlich stand sie am Rand der Bühne und fächerte sich Luft zu (Hat sich diese Frau mit dem Charakter der Herodias überhaupt beschäftigt??? Da lässt sich doch vieles herausholen!). Ich weiß: Sie wird im November 76 Jahre, aber irgendwann muss Schluss sein – das war blamabel und nichts sonst. Ihre unmittelbaren Rollenvorgänger (Elisabeth Kulman, Janina Baechle), haben die Messlatte sehr hoch gelegt; aber so tief darf sie nicht abgesenkt werden. Hoffentlich werde ich nie wieder eine so derartig miese Herodias erleben. Emily Magee war für die Titelrolle vorgesehen, aber sie wechselte zur Arabella, weswegen Lise Lindstrom zu ihr Hausdebüt feiern konnte. Ich habe noch nie zuvor von der Amerikanerin etwas gehört und muss sagen, dass sie zum Feiern absolut keinen Grund hat. Wie dem Abendzettel zu entnehmen ist, ist sie fleißig im (jugendlich-)dramatischen Sopranfach unterwegs und so klingt auch ihre stark tremolierende Stimme. Mir ist bekannt, dass manche Passagen der Salome verdammt hoch liegen, andere sehr tief und da beschwert sich ja keiner, wenn die nicht so gut gelingen, aber furchtbar war, dass sie KEINEN EINZIGEN Ton sauber intonierte. Andauernd lag sie ein wenig daneben. Dass die Wortdeutlichkeit stark zu wünschen übrig ließ, war das kleinste Übel. Jedenfalls hoffe ich, auf einer Opernbühne dieser Gestalt nie wieder begegnen zu müssen. Eine weitere Umbesetzung betraf die Rolle des Jochanaan. Falk Struckmann – auf den ich gespannt gewesen war – setzte aus und so kam es zu einem Wiederhören mit Markus Marquardt. Ich muss sagen, dass er mich sogar positiv überrascht hat. Sein Vibrato bewegte sich diesmal in natürlichen Grenzen und die Stimme klang lauter, als gewöhnlich. Nervend war nach wie vor, dass er einige „s“ zu „sch“ machte. Der blamabelste Punkt der Aufführung war aber der unsägliche Marian Talaba, den ich tatsächlich noch nie so derartig schlecht erlebt habe. Ich weiß, dass der Narraboth keine leichte Partie ist, aber dennoch sind gute Vertreter dieser Rolle vorhanden – man muss sie nur engagieren. „ Wie schön ist die Prinzessin Salome heute Nacht“ – das muss richtig warm klingen. Bei Talaba war das (und alles Folgende) ein Lispeln und Krächzen – verbunden mit gelegentlich falschen Notenwerten. Darüber hinaus kann ich von einer schauspielerischen Leistung nichts vermelden; er hockte einige Zeit in einer Ecke, als ginge ihn der Dialog Salome-Jochanaan nichts an. Fazit: Ausbuhreif – dieser Mann hat auf dieser Bühne nichts verloren. Jedenfalls haben wir uns JEDES MAL, wenn er etwas zu singen hat, verwundert angeschaut und mussten uns anstrengen, nicht loszulachen. Alisa Kolosova war ein Page mit gravierenden Unsicherheiten. Der Sängerin muss allerdings zugestanden werden, dass sie erst Mitte zwanzig ist – vielleicht wird ja aus ihr noch was. Ich habe schon einmal betont, dass für mich bei dieser auch die zahlreichen Nebenrollen wichtig sind. Heute waren die aber auch schlecht besetzt. Die fünf Juden schlugen sich durchschnittlich. Oliver Ringelhahn debütierte am Haus und schlug sich wacker, wenn er auch recht leise klang (Aber jemand, der das unverkennbare „Der Messias ist nicht gekommen!“ von Herwig Pecoraro im Ohr hat, wird wohl mit keinem anderen Interpreten glücklich werden.). Peter Jelosits stelle als zweiter Jude seinen Mann und Michael Roider, der vor nicht allzu langer Zeit noch als Herodes auf der Bühne stand, war eigentlich der beste Sänger des Abends. Von Wolfram Igor Derntl ist mir so gut wie nichts im Gedächnis geblieben und der von mir außerordentlich geschätzte Walter Fink hatte leider einen schwachen Abend. Unzumutbar war Alexandru Moisiuc als erster Nazarener und Hans Peter Kammerer (der Ersatz für Eijiro Kai) fiel wie so oft nicht auf. Die Rollenvorgänger des ersten Soldaten heißen Marcus Pelz, Alfred Šramek und Wolfgang Bankl und Il Hong passten klarerweise die Schuhe seiner Vorgänger nicht. Dan Paul Dumitrescu sang einen grenzwertigen zweiten Soldaten. Johannes Gisser agierte als Cappadocier zufriedenstellend. Nicht akzeptabel war Roland Winkler in der winzigen Rolle des Sklaven. Das skurrilste war aber, dass die Statisiere nicht richtig auf Zack war. Ich habe mir den Fehler nicht genau eingeprägt, weswegen ich mir erlaube, einen Teil aus einem E-Mail eines Freundes zu zitieren: „Das war sehr komisch: Eigentlich hätten die die Zisterne erst verschließen sollen, nachdem Jochanaan wieder dahin abgedampft ist. Aus irgendeinem Grund haben sie das aber schon vorher erledigt - Problem, wie kommt der da jetzt wieder runter? Naja, wie er fertig mit dem Singen war, hat er sich umgedreht und ihnen gedeutet, daß sie ihn gefälligst in sein Loch zurücklassen sollen. Aber statt daß sie ihm einfach den Deckel aufmachen und ihn sofort wieder zumachen, sind sie nach dem Aufmachen NOCHMAL abgedampft, nur um wenig später wieder zum Zumachen zu erscheinen. Also 3 Aufmärsche statt einem...“. Alles in allem: Es war ein Abend, den man schnellstens aus dem Gedächtnis streichen sollte. Erwähnt sei, dass ein kurz nach dem ersten Klatscher ein Besucher (nicht ich) mit einem Buh seinem Ärger Luft machte. Der Applaus klang alles andere als enthusiastisch und währte nicht sehr lange. Eigentlich möchte ich keine „Salome“ auslassen, aber wenn es zu keiner Umbesetzung kommt, werde ich das wohl bei den beiden nächsten Aufführungen tun.
Billy :hello
Severina (12.05.2012, 12:27): Ich fasse es ja nicht, dass sich Gwyneth Jones tatsächlich noch einmal auf eine Bühne wagt, ich dachte, sie hätte ihre Karriere längst beendet. Ich war bei ihrer letzten Salome an der WSO dabei (1996?? Müsste nachschauen...), und schon damals wurde sie eher für ihr Lebenswerk bejubelt :ignore Wenn mich meine Erinnerung außerdem nicht trügt, wurde sie damals beim Schleiertanz gedoubelt.... Wieso beschmutzt die Jones derart blamabel ihr eigenes Denkmal? Ein Großteil der heutigen WSO-Besucher hat sie wahrscheinlich nie in ihren Glanzzeiten erlebt und ist daher mit Recht entsetzt. Irgendwann ist jeder Bonus aufgebraucht, und wenn man für viel Geld nicht mehr als nostalgische Erinnerungen vorgesetzt bekommt, hört sich jeder Spaß auf. (Das gilt leider nicht nur für Gwyneth Jones. Wenn ich mir vorstelle, wie Agnes Baltsa nächstes Jahr als Isabella klingen wird, krieg ich jetzt schon Bauchweh - und was habe ich diese Sängerin geliebt!!)
Ansonsten muss man schon sagen, dass so viele Absagen auf einmal natürlich der Supergau für das Betriebsbüro sind, praktisch unmöglich, da für jede Partie einen adäquaten Ersatz herbeizuschaffen. Schade, dass Emily Magee "umgebucht" wurde, die hätte sogar mich in eine "Salome" gelockt, obwohl ich's mit Strauss nicht so habe. (Aber ich hätte ohnehin keine Zeit gehabt, also sind mir wenigstens lange Zähne erspart geblieben!)
lg Severina :hello
Severina (12.05.2012, 15:19): Original von Billy Budd Hallo Brokat, erst mal freue ich mich, dass ein weiterer Opernfan mit dabei ist! Zu Deinem Beitrag: Ich habe gezögert, ob ich diesen Satz so hinschreiben sollte, habe es dann aber doch getan. Ich habe nirgendwo geschrieben, Waltraud Meier hätte die Isolde nie singen sollen (Viele Sänger überschreiten Fachgrenzen, nur legen sie die falschen Partien wieder ab. Um ein Beispiel zu nennen: Juan Diego Flórez hat sich meines Wissens nach vom Duca recht bald wieder zurückgezogen.), sondern nur, dass sie es zu lang und zu oft getan hat.
Billy :hello
Nun ja, die Vernunftphase hat nicht allzu lange angehalten, denn vor einigen Tagen hat Flórez den Duca in Zürich gesungen, anscheinend mit großem Erfolg (Dacapo inbegriffen). Nun ist Zürich ein kleineres Haus, da geht es vielleicht wirklich, aber ich bete zum Musikgott, dass er einen meiner Lieblingssänger davor bewahrt, dieses Experiment an der WSO zu wiederholen!! (Bei Araiza, wie Flórez der Belcantokönig seiner Ära, war der Duca der Anfang vom Ende....) Meine Skepsis im Vorfeld hat mich bewogen, nicht nach Zürich zu fliegen - das tu ich erst morgen (In erster Linie für den Ballo mit Beczala!)!
lg Severina :hello
ar (12.05.2012, 16:40): Habe von der Rückkehr zum Duca bis jetzt auch nur Gutes gehört (ich konnte nicht gehen, aber Freunde berichteten). Zudem reizt mich Verdi nicht so sehr (ausser Falstaff, MacBeth und Don Carlo).
Billy Budd (12.05.2012, 16:55): Original von Severina Original von Billy Budd Hallo Brokat, erst mal freue ich mich, dass ein weiterer Opernfan mit dabei ist! Zu Deinem Beitrag: Ich habe gezögert, ob ich diesen Satz so hinschreiben sollte, habe es dann aber doch getan. Ich habe nirgendwo geschrieben, Waltraud Meier hätte die Isolde nie singen sollen (Viele Sänger überschreiten Fachgrenzen, nur legen sie die falschen Partien wieder ab. Um ein Beispiel zu nennen: Juan Diego Flórez hat sich meines Wissens nach vom Duca recht bald wieder zurückgezogen.), sondern nur, dass sie es zu lang und zu oft getan hat.
Billy :hello
Nun ja, die Vernunftphase hat nicht allzu lange angehalten, denn vor einigen Tagen hat Flórez den Duca in Zürich gesungen, anscheinend mit großem Erfolg (Dacapo inbegriffen). Nun ist Zürich ein kleineres Haus, da geht es vielleicht wirklich, aber ich bete zum Musikgott, dass er einen meiner Lieblingssänger davor bewahrt, dieses Experiment an der WSO zu wiederholen!! (Bei Araiza, wie Flórez der Belcantokönig seiner Ära, war der Duca der Anfang vom Ende....) Meine Skepsis im Vorfeld hat mich bewogen, nicht nach Zürich zu fliegen - das tu ich erst morgen (In erster Linie für den Ballo mit Beczala!)!
lg Severina :hello
Liebe Severina, danke für die Korrektur; das wusste ich tatsächlich nicht. Ich habe Flórez noch nie gehört und mich deshalb mit ihm noch nicht so beschäftigt. Ein anderes Beispiel wäre aber Michael Roider, der eingesehen hat, dass er den Herodes nicht mehr dersingt und deshalb zum dritten Juden zurückgekehrt ist. Billy :hello
Billy Budd (12.05.2012, 17:05): Original von Severina Ich fasse es ja nicht, dass sich Gwyneth Jones tatsächlich noch einmal auf eine Bühne wagt, ich dachte, sie hätte ihre Karriere längst beendet. Ich war bei ihrer letzten Salome an der WSO dabei (1996?? Müsste nachschauen...), und schon damals wurde sie eher für ihr Lebenswerk bejubelt :ignore Wenn mich meine Erinnerung außerdem nicht trügt, wurde sie damals beim Schleiertanz gedoubelt.... Wieso beschmutzt die Jones derart blamabel ihr eigenes Denkmal? Ein Großteil der heutigen WSO-Besucher hat sie wahrscheinlich nie in ihren Glanzzeiten erlebt und ist daher mit Recht entsetzt. Irgendwann ist jeder Bonus aufgebraucht, und wenn man für viel Geld nicht mehr als nostalgische Erinnerungen vorgesetzt bekommt, hört sich jeder Spaß auf. (Das gilt leider nicht nur für Gwyneth Jones. Wenn ich mir vorstelle, wie Agnes Baltsa nächstes Jahr als Isabella klingen wird, krieg ich jetzt schon Bauchweh - und was habe ich diese Sängerin geliebt!!)
Ansonsten muss man schon sagen, dass so viele Absagen auf einmal natürlich der Supergau für das Betriebsbüro sind, praktisch unmöglich, da für jede Partie einen adäquaten Ersatz herbeizuschaffen. Schade, dass Emily Magee "umgebucht" wurde, die hätte sogar mich in eine "Salome" gelockt, obwohl ich's mit Strauss nicht so habe. (Aber ich hätte ohnehin keine Zeit gehabt, also sind mir wenigstens lange Zähne erspart geblieben!)
lg Severina :hello
Liebe Severina, erst freue ich mich, dass Du wieder schreibst! Jones' letzte Wiener Salome war übrigens 1995; 1996 hat sie nochmals die Kundry gesungen. Das gestern hätte sie uns nicht zumuten brauchen. Bei der Baltsa sehe ich allerdings weniger Probleme, wie bei der Jones. Erstere dersingt die Klytämnestra-Schreckschraube ohnehin noch recht gut und als Küsterin fand ich sie letztes Jahr großartig. Die Isabella wird sie wahrscheinlich sehr gut spielen. Ich bin jedenfalls schon gespannt. Dass die gestige Vorstellung meine schlimmste "Salome" war, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Da soll niemand sagen, dass es keine guten Sänger gibt - die vorhandenen müssen nur engagiert werden!! Wenn Roider der beste eine Staatsopernaufführung ist, sagt das einiges über die anderen Sänger aus ... :ignore Mit dem Problem der Umbesetzungen hast Du natürlich Recht, aber kein Haus ist davor gefeit. Das Hauptproblem waren aber nicht die Ersatzleute, sondern Jones, Talaba und dieser Kapellmeister. Ich frage mich wirklich, wie lang es noch dauern wird, bis D. Meyer endlich Vincent Schirrmacher von der Volksoper an den Ring holen wird. Der ist nämlich ein großes Talent und könnte m.E. in einigen Rollen schon am großen Haus reüssieren. Oder auch Andreas Conrad war dort ein exzellenter Herodes - ich freue mich schon auf die nächsten Vorstellungen der VOP-Salome. Ich freue mich schon auf die heutige "Arabella", denn die soll angeblich sehr gut sein. Ich wünsche Dir schöne Tage in Zürich und berichte bitte über den Ballo. Beczala ist einer meiner Lieblingssänger; wer singt denn sonst noch? Billy :hello
Severina (12.05.2012, 21:24): Lieber Billy,
das Problem ist halt, dass man die Isabella auch singen muss - mit einer Geläufigkeit in der Stimme, welche die Baltsa definitiv nicht mehr hat. Als Küsterin ist sie hingegen völlig richtig besetzt, diese Partie erfordert Ausdruck statt Schöngesang, und damit kann die Baltsa immer noch punkten.
Zum Züricher Ballo: Die Restbesetzung ist Gabriela Georgieva als Amelia (kenn ich nicht), Mariana Pentcheva als Ulrica )kenn ich nicht), Sen Guo als Oscar (kenn ich, ist sehr gut) und Vladimir Stoyanov (kenn ich: Angenehme Stimme, aber Schlaftablette...) Im Prinzip also ein Überraschungspaket!
Übrigens werde ich Beczala morgen auch in der Galavorstellung für Nucci sehen und hören (statt der abgesagten Kaufmann-Gala...) Gegeben werden der 2.Akt Traviata, der 2. Akt Rigoletto und der 3. Akt Simone. Bei 1 und 2 ist Beczala dabei, bei 3 Fabio Sartori, bis dato mein liebster Gabriele Adorno. Also zumindest tenoral komme ich auf meine Rechnung. Was Nucci betrifft, so soll er unlängst einen tollen Rigoletto abgeliefert haben, ich bin also gespannt. (Die Züricher sind an sich ein kritischeres Publikum als die Wiener, aber natürlich haben sie auch ihre geliebten Lokalmatadore, und dazu zählt zweifellos Leo Nucci...)
lg Severina :hello
Billy Budd (12.05.2012, 22:50): Liebe Severina, bei dem, was Du zur Interpretation der Isabella sagst, stimme ich Dir zu; allerdings wird es interessant, eine Sängerin zu erleben, die zwar nicht gut singt, aber dank Persönlichkeit und schauspielerischem Talent vielleicht einiges wettmachen kann. Naja; schauen wir halt, wie es wird. Die von Dir aufgezählten Ballo-Sänger habe ich alle noch nie gehört. Und ich hoffe, dass auch die Kompimarii gut besetzt sind, jedenfalls nicht mit einem gewissen K. :wink . Der letzte Wiener Ballo war ja ein furchtbares Desaster, wobei ich den eben erwähnten "Sänger" in zwei Minirollen am unerträglichsten fand (und das heißt was, wenn Shicoff mit von der Partie ist!) Nucci hat wahrscheinlich gute und schlechte Tage. Allerdings grölt er mir auch an den guten zu viel. Die Araballa heute war übrigens eine sehr gute Reptertoirevorstellung mit nur einem Schwachpunkt (Kushpler). Bericht folgt morgen im Laufe des Vormittags. Billy :hello
Billy Budd (13.05.2012, 09:51): Wiener Staatsoper Samstag, den 12. Mai 2012 ARABELLA Richard Strauss
Die „Araballa“ ist Strauss’ einzige Oper, mit der ich meine Probleme habe, weswegen ich sie mir pro Serie nur einmal anschaue. So kam ich auch diesmal nur in die letzte Vorstellung der Serie, was ich im Nachhinein beinahe bereut habe, zumal ich den Eindruck einer gelungenen Repertoirevorstellung gern ein weiteres Mal mit nach Hause genommen hätte. Renée Fleming war ursprünglich für die Titelrolle vorgesehen; sie sagte zu meiner gar nicht großen Enttäuschung ab und Emily Magee, welche diese Tage die Salome singen hätte sollen, wechselte zur Arabella. Im Vorfeld habe ich von einer großartigen Leistung gehört, aber ich fand sie „nur“ gut. Ihr Sopran scheint mir zu stark aufs Deutsche Fach getrimmt, denn unter anderem klangen manche Höhen recht scharf. Die Textverständlichkeit wäre ausbaufähig, aber dass mir ihr Timbre nicht besonders liegt, fällt unter persönlichen Geschmack. Alles in allem erbrachte sie eine gute Leistung, konnte aber nicht in die ihrer Rollenvorgänger (Anne Schwanewilms, Camilla Nylund, Adrianne Pieczonka) heranreichen. Stark positiv überrascht war ich von Tomasz Konieczny, denn ich konnte mich für ihn kaum je erwärmen. Ich habe ihn auch im September 2011 als Mandryka erlebt und war gestern ob seiner erfreulichen Weiterentwicklung angetan. Der Pole nennt einen immens großen Stimmunfang sein Eigen, was ihm erlaubt, sowohl Bassrollen, wie Sarastro oder Pimen, als auch Baritonpartien, wie Barak oder Amfortas im Repertoire zu haben. Darüber hinaus verfügt seine Stimme über Durchschlagskraft und wird fast vibratolos geführt. Gestern war mir, als presse er Töne nicht so nasal. Verbesserunsgwürdig ist nach wie vor die Aussprache, obgleich diesbezüglich schon eine Steigerung zu vermerken ist. Der Mandryka ist eine schwere Partie und Herr Konieczny ist auf jeden Fall ein hörenswerter Vertreter dieser Rolle. Wer mich ohne Wenn und Aber begeistern konnte, war – wenig überraschend – Genia Kühmeier als Zdenka. Bei ihr passte alles: Die wunderbare Stimme vereinigte sich mit einer berührenden Gestaltung. Großartig! Michael Schade hat den Matteo gepachtet und zumal nicht viele bessere Interpreten dieser Rolle in der Opernwelt herumrennen, bin ich darob gar nicht verärgert. Ich habe ihn aber schon besser als gestern gehört; vielleicht befand er sich in keiner guten Verfassung, denn an einigen Stellen drückte er mit Kraft nach oben und sein Timbre habe ich auch etwas anders in Erinnerung. Exzellent besetzt dagegen war der Waldner mit Wolfgang Bankl. In dieser Rolle ist er wohl konkurrenzlos. Seinen imposanten Bass liebe ich und er – der auch in der Premiere mit dabei war – bot auch eine exzellente schauspielerische Leistung. Von seinem Wiener Dialekt machte er gut dosiert Gebrauch, ohne damit zu übertreiben. Zoryana Kushpler (Adelaide) muss hingegen als schwächster Punkt der Aufführung bezeichnet werden, obwohl sie im ersten Akt besser als befürchtet klang. Gut besetzt war der Elemér mit Norbert Ernst. Daniela Fally war nach Julia Novikova endlich wieder die Fiakermilli. Diese Rolle ist ihr wie auf den Leib geschneidert. In die Kategorie „Luxusbesetzung“ gehören auch Clemens Unterreiner und Sorin Coliban in zwei kleinen Rollen. Auch Donna Ellen klang als Kartenaufschlägerin besser als üblich. Stefan Soltesz stand am Pult, allerdings habe ich gestern vornämlich auf die Sänger geachtet, weswegen ich keine Beurteilung bezüglich des Dirigats abgeben kann. Dem Publikum hat es gut gefallen, wie der kräftige und lang anhaltende Beifall unschwer erkennen ließ.
Billy :hello
EDIT: "ein immens großes Stimmvolumen" auf "einen immens großen Stimmunfang" korrigiert, denn das meinte ich auch.
Billy Budd (14.05.2012, 15:37): Wiener Staatsoper Sonntag, den 13. Mai 2012 LA TRAVIATA Giuseppe Verdi
Die gestrige Vorstellung der "Traviata" kann durchaus als Spiegelbild von Meyers bisheriger Arbeit angesehen werden: Überforderte Hauptdarsteller, unnötige Neuengagements, sehr gute Holender-Erben, passabler Dirigent, blöde Inszenierung - das wird uns seit September 2010 im Übermaß vorgesetzt. Letztere ist eine Übernahme aus Frankreich und hatte am 9. Oktober 2011 an der Wiener Staatsoper Premiere. Damals gab es einen kräftigen, dem Regieteam geltenden (gerechtfertigten) Buhorkan. Ich habe mir vorgenommen, mich zukünftig bei dieser Produktion immer auf die Seite zu stellen, um nichts von der Bühne zu sehen. Das tat ich doch nicht; gestern setzte ich mich fast durchgehend auf die Stufe (und zwar so, dass der Effekt der gleiche ist) und lauschte der Musik. Die Rolle des "Faktotum" wurde übrigens gestern im Gegensatz zur Premiere auf dem Besetzungszettel angeführt – keine Ahnung, welche das ist. Ermonela Jaho ist äußerlich der Idealfall einer Violetta. Im Gegensatz zur Premierenbesetzung spielte sie im ersten Akt keine zerbrechliche Halbtote. Des Weiteren fügte sich gut in das Regiekonzept ein – zumindest von dem, was ich gesehen habe. Aber dass sie schon ab sechs Jahren Gesangsunterricht nahm und mit 17 (!) als Violetta debütierte, hat unüberhörbare Spuren an ihrer Stimme hinterlassen. Sie begann mit extremen Vibrato inakzeptabel, aber es wurde den ganzen Abend nicht viel besser. Lediglich „Addio del passato“ ließ einen Anflug von Gestaltung erkennen. „Animi Alfredo“ war mehr als schwach und „Dite alla giovine“ (eine meiner Lieblingsstellen in dieser Oper!) war mehr geflüstert als gesungen. Überhaupt wollte ich sie dauernd „aufdrehen“, damit ich sie ohne Mühe vernehmen hätte können. Das war bestenfalls eine Miniatur-Violetta. Für diese Rolle an diesem Haus ist die junge Albanerin schlicht um drei Nummern zu klein. Die letzten drei Sätze treffen auch auf den erst 25-jährigen Francesco Demuro zu. Dessen Hausdebüt in der "Bohéme" im Jänner 2011 wurde zum Debakel und wie mir berichtet wurde, soll auch sein Nemorino ziemlich mies gewesen sein. Mich dünkt, dass da schon wieder ein begabter, junger Künstler gnadenlos verheizt wird, denn das Material des Sarden ist eigentlich beachtlich. Er besitzt eine auffallend schön timbrierte Tenorstimme, die aber mit Höhenschwierigkeiten aufwartet. Nur täte er gut daran, seiner Stimme Zeit zur Entwicklung zu geben; wenn er so weiter macht, wird er vermutlich in zehn Jahren weg vom Fenster sein. So lag es an Željko Lucic, den Abend zu retten und er tat sein bestes. Es war meine erste Live-Begegnung mit ihm und dazu war es allerhöchste Zeit. Mir gefällt sein interessant timbrierter Bariton (nicht ganz so hell, wie ich ihn in Erinnerung habe) sehr und hätte er in seinen Gesang ein klein wenig mehr Ausdruck gelegt, wäre ich begeistert gewesen. Jedenfalls spricht es für das Publikum, dass es sein "Di provenza" länger, als irgendetwas anderes beklatschte. Schauspielerisch konnte er Autorität vermitteln und mehr erwarte ich mir von einem Germont eigentlich auch nicht. Kurz: Ich hoffe auf viele weitere Auftritte des Serben an unserem Haus! Die aus dem Ensemble besetzten Nebenrollen schlugen sich unterschiedlich. An erster Stelle muss Dan Paul Dumitrescu als Grenvil lobend erwähnt werden. Ich habe es anlässlich einer "Sonnambula" schon einmal festgestellt: Dieser Sänger besitzt eine der am schönsten timbrierten Bassstimmen, die mir bekannt sind. Nur ist er leider stinkfaul und macht nie mehr, als er unbedingt muss. Das bedaure ich, denn er hätte das Potential, auch in Hauptrollen zu reüssieren. Aber auch Clemens Unterreiner war ein auffallend guter Douphol. Erfreulich war, dass er diesmal nicht übertrieb. Donna Ellen tat als Annina brav ihre Pflicht, aber Flora war dank Juliette Mars praktisch keine vorhanden. Carlos Osuna (Gaston) und Il Hong (Marchese) klangen so wie immer – also schlecht. Bertrand de Billy hat mir in der Premiere ziemlich missfallen; gestern war ich glücklicher. Er zeichnete für einen Humptata-freien und intensiven Verdi verantwortlich. Er trug die Stimmchen der Hauptdarsteller durch den Abend. Einiges (beispielsweise „È strano“) hätte ich mir aber schneller gewünscht. Sehr gut disponiert war der von Thomas Lang geleitete Chor. Das Publikum jubelte kräftig – ich nicht.
Billy :hello
Billy Budd (15.05.2012, 23:35): Wiener Staatsoper Montag, den 14. Mai 2012 SALOME Richard Strauss
Am Freitag wollte ich auf Nummer sicher gehen, weswegen ich viel zu früh zur Stehplatzkassa gekommen bin. Doch die Jones-Fans leben offenbar nicht mehr, denn der Andrang hielt sich wie beschrieben in Grenzen. Folglich kam ich gestern erst 50 Minuten vor Beginn zur Oper und war überrascht, dass ich die Nummer 80 bekam. So hat es nur mehr für die dritte Reihe gereicht, aber eine überraschend gute Vorstellung entschädigte mich dafür. Thomas Moser sagte diesmal nicht ab. Ich habe ihn noch nie zuvor gehört, weshalb mir nicht bekannt ist, wie er früher geklungen hat. Ich stelle jedoch das gleiche fest, was mir in Vorhinein berichtet wurde: Dass er seine beste Zeit schon hinter sich hat, ist nicht so störend, wie, dass sein baritonal gefärbter Heldentenor für die Rolle des Herodes nicht geeignet ist. Über weite Strecken war er nicht zu verstehen und die Höhe sprach nicht immer an. Schauspielerisch gestaltete er diesen Ungustl, der ja ein pädophiler Psychopath ist, zu sympathisch. Positiv ist zu vermerken, dass er sich in seiner langen Karriere kein Tremolo eingefangen hat. Auch die Zeitungskritiken, die ich diesmal ausnahmsweise gelesen habe, bescheinigten Gwyneth Jones eine schwache Leistung. Gestern war eine minimale Verbesserung auszumachen (an genau zwei Stellen ließ ihre Stimme den Glanz früherer Jahre zumindest erahnen), aber dennoch tat sich die Sängerin mit diesem Auftritt niemandem (am allerwenigsten sich selbst) einen Gefallen. Übrigens gab es Pläne, nach Herodes’ „Hör nicht auf die Stimme Deiner Mutter. Sie gab Dir immer schlechten Rat. Achte nicht auf sie.“ „Bravo!“ zu rufen. Nach reiflicher Überlegung haben wir es doch gelassen. Wäre es wirklich notwendig gewesen, eine verdiente Sängerin, die bei uns (hoffentlich) zum letzten Mal auftritt, am Ende ihrer Karriere zu kränken? Es gab also keinen Zwischenruf, allerdings brach der Applaus bei ihrem Solovorhang stark ein und zu meiner nicht geringen Verwunderung meldeten sich zwei Buhrufer zu Wort. Eigentlich muss ich mich bei Lise Lindstrom entschuldigen, dass über sie vor kurzem so vernichtende Worte gefunden habe. Bei ihrem Hausdebüt machte ihr offenbar Nervosität zu schaffen (oder sie musste erst die Akustik des Raumes austesten), denn gestern erbrachte sie eine ausgezeichnete Leistung. Bei ihrer ersten Aufführung habe ich ihr ein starkes Tremolo attestiert, aber davon war gestern nicht das Geringste zu merken. Sie war den Anforderungen der Partie gewachsen (sieht man von ein paar nicht erreichten Spitzentönen und Tiefen ab) und ging am Ende nicht ein, sondern stand sie ohne Ermüdungserscheinungen durch. Begeistert hat mich ihr Spiel. Den Schleiertanz kann man praktisch nicht besser tanzen und auch sonst schaffte sie die Gratwanderung zwischen einem verspielten Mädchen und einem blutbesessen Monster. Lasse ich die Rollenvorgänger der letzten Zeit Revue passieren, so komme ich zu dem Ergebnis, dass ich keine völlig überzeugend fand. Catharine Naglestad sang perfekt, konnte aber den Charakter Salomes überhaupt vermitteln; Camilla Nylund wird zwar immer besser, ist aber mit dieser Rolle nicht optimal beraten; Annemarie Kremer mag eine hervorragende Butterfly sein – für die Salome passt ihre Stimme keinesfalls und Morenike Fadayomi spielte exzellent, hat aber bedauerlicherweise keine intakte Stimme mehr. Wie mir von mehreren Leuten berichtet wurde, sollen Ricarda Merbeth und Nancy Gustafson furchtbar gewesen sein. Insofern würde ich Frau Lindstrom durchaus als eine der besten Wiener Salome-Interpreten der letzten Zeit ansehen (Angela Denoke habe ich allerdings nicht erlebt). Markus Marquardt sang auch gestern einen im positiven Sinne soliden Jochanaan. Die Höhen machten ihm diesmal weniger zu schaffen. Nach wie vor ein Ärgernis war Marian Talaba, der aber dankenswerterweise so leise sang, dass er ohnehin kaum zu vernehmen war. Unter den kleinen Rollen hinterließ Peter Jelosits als zweiter Jude sowohl im Gesang, als auch im Spiel den besten Eindruck; Alexandru Moisiuc den schlechtesten. Der erste Nazarener gehört mit einem ersten Sänger besetzt und dieser Sänger ist ganz bestimmt kein solcher. Oliver Ringelhahn klang zu leise, Michael Roider agierte gut, Wolfram Igor Derntl war mit dem vierten Juden überfordert (das hohe gis bei „eine gefährliche Lehre aus Alexandrina“ machte ihm Mühe) und Walter Fink war diesmal besser disponiert. Alisa Kolosova hat sich minimal gesteigert, selbiges ist auch von Il Hong und Roland Winkler zu berichten. Hans Peter Kammerer fiel auch diesmal nicht auf (da bin ich von Clemens Unterreiner ganz anderes gewohnt) und der zweite Soldat gehört zu den schwachen Partien von Dan Paul Dumitrescu. Johannes Gisser ergänzte als Cappadocier zufriedenstellend. Peter Schneider hat die „Salome“ gepachtet; nur alle paar Serien wird ein anderer Dirigent (zuletzt Leif Sergestam im Mai 2010) eingesetzt. Bei der ersten Vorstellung fiel mein Urteil für Ulf Schirmer unzufrieden aus; gestern jedoch kam ich zu einem anderen Eindruck. Mir war es, als habe er eine ganz andere Herangehensweise, als Herr Schneider. Bei letzterem habe ich das Gefühl, alles sei genau geplant und nie verliere er die totale Kontrolle über das Orchester. Jedes Mal baut er die SpannungUlf Schrimer sorgfältig auf. Nicht so Herr Schirmer: Bei ihm entstand die Musik aus dem Bauch heraus. Vieles klang schroffer und härter. An manchen Stellen ließ er es ordentlich krachen und das hatte auch seine Wirkung. Welchen Dirigierstil man schließlich präferiert, ist eine Frage des persönlichen Geschmacks. Ich bin der Meinung, dass beide Interpretationen ihre Berechtigung haben. Der länger als üblich währende Applaus wurde gerecht aufgeteilt (nur Herr Moser wurde zu stark beklatscht). Ich freue mich schon auf Freitag!
Billy :hello
Billy Budd (17.05.2012, 22:59): Wiener Staatsoper Donnerstag, den 17. Mai 2012 LA CLEMENZA DI TITO Wolfgang Amadè Mozart
Heute besuchte ich die Premiere von Mozarts „Titus“. Vorrausschicken muss ich, dass ich diese Oper noch nie zuvor auf der Bühne gesehen habe, auch keinen Mitschnitt gehört habe und ausschließlich Vitellias Arie „Non più di fiori'“ vorher kannte. Nun; ich muss sagen, dass ich diesem Werk beim ersten Versuch kaum etwas abgewinnen konnte. Es wie immer bei Mozart: Es gibt ein paar rar gesäte hörenswerte Nummern; der Rest langweilt mich. Da ich die Leistungen nicht beurteilen kann, verfasse ich keinen Bericht. So halte ich nur fest, dass ich Elina Garanca als Sesto ganz hervorragend fand, Michael Schade einen Titus mit Pianokultur und bemerkenswert schöner Stimme sang, Juliane Banse sich als Vitellia nach nervösem Beginn steigern konnte, Chen Reiss ein überraschend guter Sesto war, die Hausdebütantin Serena Malfi in der Rolle des Annio einen guten Eindruck hinterließ und Adam Plachetka der Publio wie auf den Leib geschneidert ist. Louis Langrée wählte etwas zu zerdehnte Tempi. Jürgen Flimm hat die Handlung in die Gegenwart verlegt und die Personenführung sehr gut ausgearbeitet. Ansonsten halte ich seine Inszenierung für annehmbar und so für eine der besten in Meyers Direktionszeit. Das Regieteam musste einen lauten Buhorkan einstecken (Wobei mir aufgefallen ist, dass Flimm im Gegensatz zu den meisten anderen ausgebuhten Regisseuren mehrmals vor den Vorhang trat); die anderen Mitwirkenden wurden mit kräftigem Applaus bedacht. Letzter währte lange; aber für Premierenmaßstäbe nicht übermäßig. Die Stehplätze waren bummvoll.
Billy :hello
ar (17.05.2012, 23:02): Tito
Ich hab mir die Radio-Übertragung angehört und fands nicht so dolle. Das lag hauptsächlich am lahmsten Tito-Dirigat welches ich bis jetzt gehört habe (ich hatte nie das Gefühl von Emotionen aus dem Orchestergraben).
Garanca = Spitze, in der ersten Arie fehlte mir im schnellen Teil aber die Erregung in der Stimme.
Schade = nicht mehr ganz das, was ich noch von der Salzburg-DVD her gewöhnt bin. Aber trotzdem immer noch toll. In der dritten Arie bekommt er aber doch ziemlich Mühe...
Banse = tolle Stimme, kann aber nicht über die sauschwere Partie hinwegtäuschen ( so stirbt ihr das d''' beinahe ab, di eTiefen könnten auch (übrigens von ihr) besser sein).
Rest = Annio und Publio sehr gut, Servilia ok.
Möchte gerne die Inszenierung sehen.
LG
ar (17.05.2012, 23:04): Original von Billy Budd Nun; ich muss sagen, dass ich diesem Werk beim ersten Versuch kaum etwas abgewinnen
Glaub mir, der Tito ist genial! Das liegt wirklich eher am Dirigat...
Billy Budd (17.05.2012, 23:24): Lieber ar, danke für Deine Eindrücke vom Radio. Dass Langrée für fade Opernabende steht, war ja keine Neuigkeit. Demnächst darf der gute Mann die "Nozze" ruinieren. Dass ein uninspiriertes Dirigat eine Aufführung verderben kann, denke ich auch. Dem "Titus" werde ich jedenfalls im November 2012 eine weitere Chance geben - da steht dann mit Adam Fischer ein erstklassiger Dirigent am Pult. Billy :hello
Billy Budd (18.05.2012, 23:04): Wiener Staatsoper Freitag, den 18. Mai 2012 SALOME Richard Strauss
Heute besuchte ich die letzte von drei Vorstellungen der aktuellen "Salome"-Serie. Sie war nicht die beste; als Gesamtpaket war ich von der zweiten am meisten angetan. Lise Lindstrom bot keine so hervorragende Salome, wie am Montag, aber dennoch eine gute. Markus Marquardt lieferte auch heute eine solide Gesangsleistung ab. Indiskutabel war Marian Talaba. Ein Tetrachenpaar war dank Thomas Moser und Gwyneth Jones (die sich aber ein wenig verbessert hat) praktisch nicht vorhanden. Positiv überrascht war ich von Alisa Kolosova und Il Hong. Oliver Ringelhahn hat für den ersten Juden eine zu leise und wenig markante Stimme. Gut waren Peter Jelosits und Michael Roider; Wolfram Igor Derntl zufriedenstellend. Walter Fink hat den fünften Juden schon viel besser gesungen. Alexandru Moisiuc war eine Frechheit; Hans Peter Kammerer agierte unauffällig. Dan Paul Dumitrescu war als zweiter Soldat ein Totalausfall; der gute Mann sollte erst die Noten lernen, ehe er sich auf die Staatsopernbühne begibt. Jens Musger hat ein helleres Timbre, wie ich es von anderen Interpreten des Cappadiociers gewohnt bin. Roland Winkler fiel als Sklave negativ auf. Ulf Schirmer tat sein bestes, aber das Orchester spielte ziemlich lahm. Vor der Vorstellung hat übrigens ein Freund erzählt, dass Herbert Lippert morgen als Erik einspringt. Ich habe das gar nicht glauben können, bevor ich nicht den Umbesetzungszettel auf dem Abendplakat mit eigenen Augen gesehen habe. Da muss ich ja der Skurrillität wegen hin!
Billy :hello
Billy Budd (20.05.2012, 10:13): Wiener Staatsoper Samstag, den 19. Mai 2012 DER FLIEGENDE HOLLÄNDER Richard Wagner
Der gestrige „Holländer“ wurde nicht das befürchtete Desaster, sondern eine Vorstellung, die mich fast durchgehend gelangweilt hat, obgleich ich diese Oper sehr schätze. Dass es ein matter Abend wurde, ist zu einem nicht geringen Teil auf dem Mist von Graeme Jenkins gewachsen. Er baute keine Spannung auf und ließ Dynamik gänzlich vermissen. Einiges hätte ich mir schneller gewünscht. Im Feber 2011 war Peter Schneider ein ganz anderes Kaliber. Albert Dohmen brachte wenig überraschend einen Holländer, der weder gut, noch schlecht war. Es war nämlich praktisch keine Leistung vorhanden. „Nur eine Hoffnung soll mit bleiben“ klang ebenso ausdruckslos, wie „Vergeb’ne Hoffnung“ oder „Du aber sollst gerettet sein“. Stimmlich ließ er seinen verbraucht klingenden Bassbariton hören. Dass sich seine Stimme in der Höhe verengte und er nicht alle Töne erreichte, nahm ich ebenso ungern zur Kenntnis, wie die im Argen liegende Textverständlichkeit. Jennifer Wilson erfüllt äußerlich mit ihrer voluminösen Statur und ihrem – vornehm ausgedrückt – eingeschränktem schauspielerischen Können alle Clichés einer Wagner-Heroine. Ihre Stimme ist zu stark aufs hochdramatische Sopranfach getrimmt, denn sie wies schrille, unangenehme Höhen und ein starkes Vibrato auf. Über weite Strecken war ihr Produzieren von Tönen kein Singen, sondern Schreien. Es war ihr erster Auftritt in Wien – ich hoffe auf nicht viel weitere. Mit Adrianne Pieczonka, welche die Senta letzte Saison gesungen hatte, darf sie gar nicht in einem Atemzug genannt werden. Endrik Wottrich war für den Erik vorgesehen, wurde jedoch zu meinem Schrecken durch Herbert Lippert ersetzt. Doch er stellte die positive Überraschung des Abends dar. Bis jetzt kannte ich in dieser Partie nur Stephen Gould, der ja ein Heldentenor ist. Lipperts Vergangenheit hingegen liegt bei Mozart. Es macht durchaus Sinn, den Erik mit einem lyrischen Tenor zu besetzen, der aber mit der Partie nicht überfordert ist. Die Lippert-Hasser mögen mich lynchen, aber gestern habe ich keine falschen Töne gehört. Darüber hinaus war jedes Wort verständlich und die schauspielerische Leistung sehr gut. Ziemlich genervt hingegen hat mich Ain Anger, der dem Daland keinerlei Profil verleihen konnte und ihn so zu einer unbedeutenden Nebenfigur degradierte. Es ist aber auch möglich, dass er keinen guten Tag hatte, denn er sang recht heiser. Letzte Saison war mit Walter Fink ein viel besserer Interpret aufgeboten. Norbert Ernst bot einen höhensicheren, prägnanten Steuermann und Monika Bohinec – die in den Rollen eingesetzt wird, welche in der späten Holenderzeit die von mir sehr geschätzte Janina Baechle innehatte – ergänzte als unsichere Mary. Thomas Lang hat den Chor gut einstudiert. In Summa hat diese Vorstellung bei mir nicht Ärger, sondern Langeweile erzeugt. Die Aufführung am 25. Feber 2011 hat den Grundstein für meine Wagner-Begeisterung gelegt. Die gestrige hätte dies nicht getan.
Billy :hello
Severina (20.05.2012, 11:42): Lieber Billy,
ein langweiliger "Fliegender Holländer" ist auch schon fast wieder eine Kunst... Ich habe übrigens im Unterschied zu Dir die Umbesetzung des Erik positiv aufgefasst, denn Wottrich kenne ich bislang nur von Radioübertragungen, und was da zu hören war, machte mir wenig Lust auf Livebegegnungen... Insofern konnte es mit Lippert eigentlich nur besser werden. Ich bin zwar alles andere als ein Lippertfan, richtig schlecht habe ich ihn aber noch nie gefunden. Er liefert immer solides Mittelmaß ab, und damit muss man an der WSO in letzter Zeit ja (leider) schon zufrieden sein...
lg Severina :hello
Ingrid (20.05.2012, 14:20): Original von Severina Lieber Billy, Ich habe übrigens im Unterschied zu Dir die Umbesetzung des Erik positiv aufgefasst, denn Wottrich kenne ich bislang nur von Radioübertragungen, und was da zu hören war, machte mir wenig Lust auf Livebegegnungen... lg Severina :hello
Dachte wie Du liebe Severina, obwohl ich natürlich Lippert nicht kenne, aber Herr Wottrich hat mir schon manchen Opernabend so gründlich verdorben, selbst einen Holländer, der in der Hauptrolle mit Terfel besetzt war und auf den ich mich schon monatelang freute, dass ich für Euch froh für diese Umbesetzung war. Damals sprang dann nach der ersten Vorstellung Schukoff als Erik ein und ich mußte meine weiteren beiden Karten nicht verkaufen, was ich tatsächlich gemacht hätte.
Liebe Grüße aus dem hochsommerlichen Bayernland Ingrid
Billy Budd (25.05.2012, 18:40): Liebe Severina,
da ich erst vor rund einer Stunde nach Hause gekommen bin, sehe ich erst jetzt Deine Antwort auf meinen Bericht. Ich habe gleich den STOP-Thread angeklickt und muss erst nachlesen, was ich so alles versäumt habe.
Der "Holländer" ist eine meiner Lieblingsopern und dass ich mich da so fadisieren könnte, hätte ich auch nicht gedacht. Eigentlich hätte ich heute noch einen Besuch eingeplant, aber da es zu keiner Umbesetzung gekommen ist, bleibe ich lieber daheim und gehe eine Runde schwimmen! :)
Was Wottrich angeht, habe ich ihn schon einmal als Bacchus erlebt. Es war aber erst der zehnte Opernbesuch meines Lebens und ich habe kein bisschen Erinnerung daran. Ich werde morgen herumfragen, wie er war.
Deine Meinung über Lippert ("solides Mittelmaß") teile ich. Als Erik konnte ich ihn mir gar nicht vorstellen, wurde aber eines besseren belehrt.
Billy :hello
P.S.: Warst Du schon im Titus?
Severina (25.05.2012, 19:53): Lieber Billy,
nein, ich habe leider sämtliche Titustermine verpasst, denn bei der GP war ich in Zürich und danach auch nicht in Wien, am Sonntag bin ich bei Flórez im Musikverein und danach bis zum 4. Juni schon wieder weg. Aber abgesehen von Elina Garanca dürfte es ohnehin eine matte Sache sein, wie man so hört, was mir den Verzicht leichter macht leider. (Leider singt die Garanca ja in der nächsten Saison keinen Sesto :I)
lg Severina :hello
Billy Budd (25.05.2012, 21:17): Original von Severina Lieber Billy,
nein, ich habe leider sämtliche Titustermine verpasst, denn bei der GP war ich in Zürich und danach auch nicht in Wien, am Sonntag bin ich bei Flórez im Musikverein und danach bis zum 4. Juni schon wieder weg. Aber abgesehen von Elina Garanca dürfte es ohnehin eine matte Sache sein, wie man so hört, was mir den Verzicht leichter macht leider. (Leider singt die Garanca ja in der nächsten Saison keinen Sesto :I)
lg Severina :hello
Und bei Carmen und Werther ist sie mit Alagna gekoppelt! *kotz* Ich fürchte, er nimmt mir die Vorfreude.
Billy :hello
Billy Budd (26.05.2012, 23:09): Wiener Staatsoper Samstag, den 26. Mai 2012 ROBERTO DEVEREUX Gaetano Donizetti
Heute habe ich erstmals Donizettis „Roberto Devereux“ besucht; auf längere Zeit wird es wohl bei dem einen Mal bleiben. Belcanto ist bekanntlich nicht mein Gebiet und da ich keine Vergleiche ziehen kann, verfasse ich keinen Bericht. Natürlich kann ich das Dirigat von Evelino Pidò nicht beurteilen. Am 2. Juni wird um 19:30 die Aufführung in Ö1 übertragen – da kann sich jeder selbst ein Bild machen. Für Edita Gruberová ist die Elisabetta eine der wenigen Rollen, die sie zu singen noch im Stande ist. Selbstverständlich verdient es Bewunderung, dass sie noch in ihrem Alter dieses Repertoire singen kann (auch noch in der Lage ist, Triller zu produzieren und Töne von pp zu ff anschwellen zu lassen), aber nichtsdestotrotz kann ich mit ihr kaum etwas anfangen, weswegen ich es dabei belasse. José Bros ist ihr oftmaliger Bühnenpartner. Seine Stimme weist zwar einen blechernen, manchmal gequetschten Beiklang auf, verfügt aber über Durchschlagskraft und spricht in allen Lagen sicher an. Für Eijiro Kai konnte ich mich bisher nur in zwei Rollen (Polizeichef in „Lady Macbeth von Mzensk“ und Schtschelkalow) anfreunden, aber heute bot er eine tadellose Leistung. Auch heute setzte er mehr auf Lautstärke, als auf Gestaltung und brüllte sich so durch den Nottingham. Etwas anderes habe ich auch nicht erwartet. Von Nadia Krasteva ist mir wenig in Erinnerung geblieben. Ihre Sara kann als gute Hausbesetzung gelten. Peter Jelosits – der in wenigen Tagen zum Österreichischen Kammersänger ernannt werden wird – hatte als Cecil mit flackernder Stimme einen schwachen Beginn, erbrachte im zweiten Akt eine sehr gute Leistung, um im dritten wieder zu enttäuschen. Womöglich befand er sich in keiner guten Verfassung, aber Interpreten von Nebenrollen werden bekanntlich nicht als indisponiert angesagt. In die Kategorie „Luxusbesetzung“ gehören hingegen Marcus Pelz (Sir Raleigh) und Hacik Bayvertian (Page). Johannes Gisser (Vertrauter Nottinghams) absolvierte seinen Auftritt unauffällig. Dem Publikum, in dem sich – wie unschwer zu erkennen war – viele Grubsi-Fans befanden, zeigte sich begeistert.
Billy :hello
Severina (01.06.2012, 01:35): Nachdem ich tagelang auf einer rosaroten Cesare-Wolke geschwebt war, landete ich heute wieder recht unsanft auf dem Boden der Wiener Opernrealität.
Welche Regiebanalität uns da von Silviu Purcarete in nun schon 30 "Roberto Devereux"'s zugemutet wird, fällt einem natürlich doppelt auf, wenn man innerlich noch ganz erfüllt ist von einer so großartigen Produktion wie der aus Salzburg. Herr Purcarete wollte offensichtlich originell sein, wusste aber nicht so recht wie, und da bietet sich doch immer eine Patentlösung an: Lassen wir das ganze doch im Theater spielen! Fein. Aber wie wird das nun umgesetzt, wer spielt wem warum was vor, worin besteht der Mehrwert für das Stück bei einer solchen In-sich-Spiegelung? Aber mit diesen Überlegungen dürfte sich der Regisseur nicht aufgehalten haben, denn irgendeine innere Logik ist in seiner Anordnung nicht zu erkennen. Purcarete ließ sich von seinem Ausstatter Helmut Stürmer eine dreistöckige Logenwand auf die Bühne bauen, und zwar eine recht schäbige. Die Farbe blättert überall ab, desolate Bauteile wurden durch gewöhnliche Holzbretter ersetzt, nur die königliche Loge erstrahlt in frischem Blattgold und Purpurrot. (Gott, wie tiefsinnig!) Im Parterre ermöglichen weiße Holzschiebewände die Auf- und Abtritte, das Foyer dahinter ist nur angedeutet und bis auf eine Absperrung mit einer roter Kordel völlig kahl. Diese Absperrung erfüllt keinen Zweck, sie ist einfach nur da. Zwischen den einzelnen Logen gibt es keine Trennwände, sie können also auch als Wandelgänge fungieren und manchmal blickt man durch sie hindurch auf einen nachtblauen Himmel. Im letzten Akt wird Roberto dort zu seiner Hinrichtung schreiten, den Henker mit dem Beil dicht im Nacken, davor geistern immer wieder Elisabetta-Doubles durch die Gänge. (Man frage mich bite nicht, warum....)In erster Linie dienen die Logen aber zur zeitweisen Unterbringung des Chores, den für den wäre auf der schmalen Spielfläche, der zwischen Logenwand und Graben geblieben ist, ohnehin kein Platz. Nur am linken und rechten Bühnenrand stehen drei Stuhlreihen, auf denen ebenfalls Choristen platziert sind. Wie praktisch, denn da kommt der Regisseur gar nicht erst in die Verlegenheit, sich ein sinnvolles Bewegungskonzept für so viele Leute zu überlegen! Der Chor bildet einfach das Theaterpublikum, und zwar ein offensichtlich gleichgeschaltetes, denn die Leute sind nicht nur völlig ident gekleidet - schwarze Hosen mit Gehrock, weiße Hemden, rote Krawatten und Melonenhüte - sondern müssen auch ihre sparsamen Bewegungen in absolutem Gleichklang vollziehen. Die Stehenden pressen ihre Handflächen an die Hosennaht, die Sitzenden legen sie auf die Oberschenkel, die Augen sind meist starr geradeaus gerichtet. Wenn dann die Trennwand zum Foyer zur Seite gleitet und dahinter der Chor in streng ausgerichteten Reihen sichtbar wird, glaubt man sich in die surreale Welt eines Renée Magritte mit seinen typischen schwarzen Männchen versetzt. Damit wäre das meiste über diese Inszenierung (?) auch schon gesagt, denn eigentlich passiert zweieinhalb Stunden lang gar nichts, außer dass die hohe Schule des Rampensingens vorgeführt wird. Es gibt kein Miteinander, sondern nur ein Nebeneinander, Blickkontakte zwischen den Sängern haben Seltenheitswert. Für den Schluss ist Silviu Purcarete dann doch noch etwas eingefallen: Während Elisabetta sich in ihrem Gram über den Tod des Geliebten suhlt, verschwindet die Logenwand in der Versenkung, dahinter wird ein abweisend und kalt wirkendes Standbild der Königin sichtbar, während sie selbst sich die rote Perücke vom Kopf reißt und nun mit kurzen weißen Haaren da steht - eine alte, gebrochene Frau, in jeder Beziehung am Ende. Gut, das hat was, nur machen die paar emotionsgeladenen Augenblicke die szenische Langeweile davor nicht wett.
"Roberto Devereux" wurde in erster Linie angesetzt, um der Königin des Belcanto, Edita Gruberova, zu huldigen. Nun, auch Königinnen kommen in die Jahre..... Ich habe für mich beschlossen, dass das heute meine letzte Aufführung mit dieser großen Künstlerin gewesen ist, denn ich will sie so in Erinnerung behalten, wie sie mich drei Jahrzehnte lang begeistert hat. Denn noch überwiegen die Positiva: Das Timbre von Frau Gruberova ist noch weitgehend intakt, es gibt kein Anzeichen eines Tremolos, und auch wenn die extremen Spitzentöne nicht mehr funktionieren, spricht die Stimme im oberen Bereich noch gut an. Da gelingen ihr wunderbare Piani und Schwelltöne, kann sie immer noch verzaubern wie zu ihren besten Zeiten. Aber leider sind die Probleme in der Tiefe nicht mehr zu überhören, der untere Registerwechsel klappt gar nicht mehr, da schert die Stimme regelrecht aus und produziert merkwürdig hohle Töne, die auch von der Dynamik her nicht zum Übrigen passen. In einer Kritik konnte man lesen, dass diese schrägen, gebrochenen Töne doch gut zum zerrissenen Charakter der Königin passen, man sie also unter Interpretation verbuchen könnte. Nun ja. In einer Verismo-Oper wäre diese (unfreiwillige) Expressivität zweifellos am Platz, auch die Schluchzer und Heuler, mit denen Frau Gruberova so manche heikle Passage umschifft, nicht aber im Belcanto. Und bevor Belcanto wirklich zum Bellcanto wird, sollte man rechtzeitig die Konsequenzen ziehen. Wie gesagt: Noch ist es nicht so weit, aber ich will diesen Moment nicht erleben und sage daher jetzt schon: "Danke, Edita Gruberova, für so viele Sternstunden in der Vergangenheit!"
Nadia Krasteva , die Sara des heutigen Abends, ließ sich vor der Vorstellung als indisponiert (Infektion der Atemwege) entschuldigen, erbrachte aber trotzdem eine solide Leistung. Mehr war heute nicht drinnen, daher belasse ich es dabei.
José Bros ist wohl Edita Gruberovas Tenor für alle Fälle, denn in den letzten Jahren tritt sie bevorzugt mit ihm auf. Ich kann mir auch denken, warum: Er passt optisch zu der ja nicht mehr jugendfrischen Diva, stiehlt ihr mit seiner unspektakulären Durchschnittsstimme sicher nie die Show, gefährdet aber auch nicht den positiven Gesamteindruck mit einer schlechten Leistung. Genau so war es auch heute: Bros punktete in den lyrischen Passagen, wo sich sein Tenor weich und angenehm ins Ohr schmeichelte, musste sich die Spitzentöne aber hart erkämpfen, und das letzte "Cielo!" in seiner großen Arie presste er gerade noch mit letzter Kraft heraus. Dass sich seine Schauspielkunst in Standardgesten erschöpft, fiel in dieser Nicht-Inszenierung nicht weiter ins Gewicht.
Positiv überraschte mich Eijiro Kai als Duca di Nottingham, denn nach einigen desaströsen Leistungen von ihm fand ich ihn heute gar nicht so schlecht. Er bediente sich zwar eines Dauerforte, dennoch blitzten einige Qualitäten in seiner Stimme auf, die ich bisher unter "hässlich" eingeordnet hatte. Nun, so klang sie heute wirklich nicht, vielleicht kann ihm jetzt noch jemand verklickern, dass auf der Opernbühne nicht der gewinnt, der am lautesten brüllt.
Der frisch gebackene Kammersänger Peter Jelosits machte seinem Titel zumindest keine Schande, aber sein bester Abend war es heute nicht als Lord Cecil, Marcus Pelz konnte sich als Sir Raleigh nicht wirklich profilieren, und Hacik Bayvertian ließ mich zusammenzucken, so grenzwertig klang sein Page.
Für eine mittelprächtige Orchesterleistung sorgte Evelino Pidò im Graben. Ich habe die Philis bei Donizetti schon inspirierter erlebt, aber auch schon wesentlich schlechter.
Mein Fazit: Trotz Edita Gruberova nicht mehr als eine solide Repertoirevorstellung!
lg Severina :hello
Heike (01.06.2012, 07:47): Liebe Sevi, du glaubst gar nicht, wie ähnlich es mir gestern abend in Berlin ging!!!!
Ich habe für mich beschlossen, dass das heute meine letzte Aufführung mit dieser großen Künstlerin gewesen ist, denn ich will sie so in Erinnerung behalten, wie sie mich drei Jahrzehnte lang begeistert hat. Ach, du sprichst mir aus dem Herzen! Ich war gestern hier im Simon Boccanegra mt Placido Domingo. Zwar kann man nicht sagen, dass er es schlecht gemacht hätte, als Bariton - aber was ist das gegen frühere Sternstunden? Zudem, wenn er einen Fabio Sartori neben sich hat, der (trotz angesagter Indisposition) immer noch großartig sang und damit direkt an Domingos alte gute Tenorzeiten erinnerte.
Ich bin zwar mit diesen Bemerkungen völlig offtopic, aber es passt so perfekt. Mein Fazit: Trotz Edita Gruberova nicht mehr als eine solide Repertoirevorstellung! Auch das gilt leider für Berln, obwohl mit Anja Harteros und Kwangchul Youn noch 2 gute Sänger aufgeboten waren. Es war eine grauslig langweilige Inszenierung (ich frage mich, ob es überhaupt eine Inszenierung oder nur eine Kostümierung war). Wenn es einen Preis für Rampensingen geben würde, gestern hätte ich ihn vergeben. Das ist nach diessem Cesare besonders schmerzlich aufgefallen. Heike
pavel (01.06.2012, 09:25): Liebe Severina, du bist nicht die Einzige, die in Zukunft auf Abende mit Edita Gruberova verzichten wird. Schon nach ihrem Liederabend hatte ich große Bedenken, habe das aber darauf geschoben, dass ja der Liedgesang in ihrer Karierre nicht gerade an vorderster Stelle stand. Was sie aber im Roberto geboten hat, war leider nicht einmal mehr ein Abglanz ihrer früheren Leistungen und hieße sie Lieschen Müller wäre sie gnadenlos ausgebuht und nicht bejubelt worden. Sie hat offensichtlich den Zeitpunkt verpasst, zu dem ihr Rückzug noch ungläubiges Bedauern hervorgerufen hätte und kommt so in das Stadium "Was, die singt noch immer".
Schade ...
Liebe Grüße pavel
Severina (01.06.2012, 10:11): Lieber Pavel, ich bin nach dem ersten Vorhang gegangen, weil ich mir den hysterischen Jubel der Grubsi-Fans ersparen wollte (In meiner Loge wäre ich von einer Dame beinahe gelyncht worden, als ich in der Pause ein paar kritische Bermerkungen wagte....). Aber als ich unten im Parkett vorbeikam, sah ich duch die offenen Türen standing ovationes.... Erstaunlich finde ich, dass sich Edita Gruberova noch kein Tremolo eingehandelt hat, also die Klarheit der Stimmführung ist immer noch klasse. Aber die ständigen Schwankungen in der Dynamik - die Stimme schaukelt richtiggehend - und vor allem die offensichtlichen Probleme im unteren Bereich sind wirklich schaurig anzuhören.
Aber so lange die Fans jubeln, wird sie keinen Grund zum Aufhören sehen. Ob denen bewusst ist, welchen Bärendient sie damit einer einst großartigen Künstlerin erweisen?
lg Severina :hello
Severina (01.06.2012, 10:15): Original von Heike Ich war gestern hier im Simon Boccanegra mt Placido Domingo. Zwar kann man nicht sagen, dass er es schlecht gemacht hätte, als Bariton - aber was ist das gegen frühere Sternstunden? Zudem, wenn er einen Fabio Sartori neben sich hat, der (trotz angesagter Indisposition) immer noch großartig sang und damit direkt an Domingos alte gute Tenorzeiten erinnerte.
Heike
Liebe Heike,
na, Du machst mir ja Mut :(! Ich habe lange überlegt, ob ich eine Karte für Domingos Simone im Herbst bestellen soll, aber dann siegte doch die Neugierde. (Im TV fand ich ihn darmit nicht so schlimm wie als Rigoletto, aber wie Du so richtig sagst: Was ist das gegen frühere Sternstunden!)
lg Sevi :hello
Fides (01.06.2012, 13:05): @Severina...."Angst" ist absolut unangebracht!!! Ich war in Berlin und mit Ausnahme der ersten Vorstellung am 26.5., als PD im dritten Akt etwas müde wurde, was 5 "Cyrano"-Vorstellungen in Madrid, deren letzte am 22.5. stattfand, eine Beerdigung am 23.5. in Madrid, die darauf folgende Anreise nach Berlin und tägliche Proben ab Mittwochnachmittag MEHR als verständlich machen, war er großartig!!!! :down :down :down Die Vorstellungen am 28. und gestern Abend waren HINREISSEND!!!!!
Die Inszenierung , die eine Zusammenarbeit von der Staatsoper mit der Scala ist, ist nicht erwähnenswert und musste an die relativ kleine Bühne des Schillertheaters noch angepasst werden, so dass nicht wirklich viel von ihr übrig blieb. Dass der "Boccanegra" eine psycholgisches Kammerspiel ist und kaum "Action" aufweist, muss ich Dir sicher nicht sagen! Sartori allerdings....DER hat echt nur schiefhalsig dagestanden und teils sehr schöne Töne abgesondert..."Rampe" pur...allerdings hat er kein Piano. :D
Insgesamt wurde auf hohem bis sehr hohem Niveau gesungen...Barenboim hatte die Lautstärke des Orchesters teils nicht so ganz unter Kontrolle...aber das wäre pure Beckmesserei.
Ich halte garnichts davon, einen 71-jährigen "Baritenor" mit seinem tenoralen Selbst aus der Vergangenheit zu vergleichen.- Musik, noch dazu Oper im Theater ist immer HIER und JETZT und nur das zählt!
Der Madrider "Cyrano" wurde übrigens am 19.5. live via Radio übertragen...das war Tenor pur!!! :down
LG Fides :hello
Billy Budd (01.06.2012, 14:28): Liebe Severina, was die Inszenierung betrifft, sind wir einer Meinung; die finde ich nämlich stinklangweilig und auch albern (wenn dann die Königin verzehnfacht wird, wenn ich das richtig in Erinnerung habe). 2014 wird Gruberová bei uns die Norma konzertant singen; hoffentlich sind das dann ihre letzten Auftritte bei uns. Hacik Bayvertian ließ mich zusammenzucken, so grenzwertig klang sein Page. Hmmm, vielleicht habe ich den Pagen mit dem Vertrauten verwechselt?
Was Domingos Boccanegra betrifft, so finde ich, dass sich ein Besuch durchaus lohnen wird. Das blöde ist nur, dass unser Direktor glaubt, er könne neben ihn Leute wie Anger (als Fiesco! *fürcht*) oder Hong stellen ...
Billy :hello
Heike (01.06.2012, 16:01): Hallo, Dass der "Boccanegra" eine psycholgisches Kammerspiel ist und kaum "Action" aufweist Eben, genau das hat mir gefehlt, ich habe wenig psychologisch deutbare Regungen und Gestaltungen wahrgenommen, wie kann man dabei halbstundenweise so dröge rumstehen und das Publikum ansingen. Das liegt nicht nur am Schillertheater, das war runduum einfallslos gemacht. Nicht nur Sartori, auch die Harteros ist diesbezüglich völlig unbegabt und offensichtlich von der Personenregie gar nicht instruiert worden. Dann lieber gleich konzertant. Du hast natürlich recht, es war gut gesungen (das habe ich oben auch geschrieben), aber von "hinreißend" war es für mich doch noch weit weg. Domingos Stimme ist dunkler geworden, er kann die Rolle zweifellos machen, aber ich finde nicht, dass es was Großartiges war. Es erinnert mich eher stark an seine großartigen Zeiten und macht mich wehmütig. "Angst" muss man allerdings nicht gleich haben, liebe Sevi ;-) sein Timbre ist immer noch schön und auch gut wiedererkennbar, aber es fehlte mir z.B. dieses Eingehülltwerden von Klang. Heike
Ingrid (01.06.2012, 22:57): Original von Heike Hallo, Dass der "Boccanegra" eine psycholgisches Kammerspiel ist und kaum "Action" aufweist Eben, genau das hat mir gefehlt, ich habe wenig psychologisch deutbare Regungen und Gestaltungen wahrgenommen, wie kann man dabei halbstundenweise so dröge rumstehen und das Publikum ansingen. Das liegt nicht nur am Schillertheater, das war runduum einfallslos gemacht. Nicht nur Sartori, auch die Harteros ist diesbezüglich völlig unbegabt und offensichtlich von der Personenregie gar nicht instruiert worden. Dann lieber gleich konzertant. Heike
Liebe Heike,
ob Frau Harteros eine Zwillingsschwester hat? Erlebte sie schon so oft live und immer hielt ich sie auch für eine begnadete Darstellerin (höchst intensiv z.B. als Elisabeth, Elsa, Gräfin Almaviva, Violetta ....). Da muss ja in Berlin einiges schief gelaufen sein.
:hello Ingrid
Karolus Minus (01.06.2012, 23:30): An Ingrid und Heike:
Ich habe den Simone in der Premierenserie an der Staatsoper gesehen, das war schon damals eine - allerdings musikalisch erstklassige - Stehparty. Harteros kann im Prinzip schon spielen - aber wenn der Regisseur nichts verlangt.... wie soll man da, zumal bei einem Rollendebut, etwas rausholen... Liebe Grüße Karolus Minus
Billy Budd (10.06.2012, 00:23): Wiener Staatsoper Samstag, den 9. Juni 2012 LE NOZZE DI FIGARO Wolfgang Amadè Mozart
Mozart am Samstagabend in der Wiener Staatsoper in einer touristenlastigen Jahreszeit: Das bringt üblicherweise einen gefüllten Stehplatz, viel Abwanderung in den (Licht-)Pausen und Einheitsjubel am Ende. Heute (genauer gesagt: gestern) war es nicht anders. Nach einer halben Ewigkeit (ja: zwei Wochen sind diesbezüglich bei mir tatsächlich eine halbe Ewigkeit. Ein Billeteur begrüßte mich übrigens mit „Hallo, lange nicht gesehen!“) machte ich mich wieder in mein zweites Wohnzimmer auf. Die Papierform der Vorstellung ließ einen erfreulichen Abend erwarten und manchmal hält diese, was sie verspricht. Ja, wenn die Musik ein wenig interessanter wäre, würde ich glatt noch einmal hingehen. Weshalb Gerald Finley erst mit dieser Serie an unserem Haus debütierte, erschließt sich mir nicht, denn dazu war es höchste Zeit. Sein angenehm timbrierter Bariton nahm mich gleich für ihn ein und zumal er auch ausdrucksstark sang – seine herausragend gute schauspielerische Leistung in dieser Nicht-Inszenierung verdient besonders Lob – blieben keine Wünsche offen. Eine Wiederbegegnung wäre Anlass zur Freude. Eine ebenso hervorragende Darbietung kam von Luca Pisaroni, den ich derzeit als die erste Wahl für den Figaro erachte. Maija Kovalevska ist wohl erst auf dem Weg zu einer exzellenten Contessa. Abgesehen davon, dass ich mir besonders in der ersten Arie etwas weniger Pathos (da vermisste ich die stille und berührende Zurückhaltung einer Isokoski) gewünscht habe, bot aber auch sie eine sehr gute Leistung. Zumal Aleksandra Kurzak im November 2011 eine Adina vollkommen in den Sand gesetzt hat, konnte ich heute eine positive Überraschung erleben. (Diese Blunzn, deren Handy sich während der wirklich schön gesungenen Rosenarie erst leise, dann aber immer lauter bemerkbar machte, hätte ich erwürgen können.) Serena Malfi lieh dem Cherubin einen aparten Mezzo. Schärfen in der Höhe trübten allerdings den Genuss. Donna Ellen (Marcellina) hatte einen ihrer besseren Tage; Sorin Coliban sang einen sehr guten Bartolo; Norbert Ernst entledigte sich als Basilo seiner Aufgabe zufriedenstellend, klang aber zu leise; für den allseits außerordentlich geschätzten Benedikt Kobel gibt es im Curzio eine Rolle, in der er immerhin nicht nervt – was will man mehr?; ein Antonio war dank Hans Peter Kammerer nicht vorhanden und Valentina Nafornita sang eine annehmbare Barbarina. Louis Langrée entpuppte sich als routinierter Kapellmeister, konnte aber keine Akzente setzen. Das Orchester spielte sehr gut. Der mir nicht gefallenden Musik zum Trotz handelte es sich um keinen verlorenen Opernabend. Bedauerlich, dass die sehr guten Leistungen seitens des Publikums nicht entsprechend honoriert wurden.
Billy :hello
Severina (12.06.2012, 01:15): 55 Jahre hat unsere Wallmann-Tosca inzwischen auf dem Buckel, und damit ist wohl alles über diese „Inszenierung“ gesagt. Aber da sie allgemein als Kult gilt – warum auch immer - wird es mir wohl nicht mehr vergönnt sein, zu meinen Lebzeiten eine andere an der WSO begrüßen zu dürfen. Natürlich kann von einer Inszenierung längst keine Rede mehr sein. Was von 1957 auf uns gekommen ist, ist das inzwischen x-mal überarbeitete Bühnenbild, das konservative Opernbesucher in konvulsivisches Entzücken versetzt, bei mir allerdings das ziemlich genaue Gegenteil auslöst. Tut mir Leid, ich kann’s einfach nicht mehr sehen, diesen pseudohistorischen Bombast. Und nein, ich lechze nicht nach Soldaten in Kampfanzügen und einem Scarpia als Assad-Verschnitt, sondern wäre mit einem minimalistischen, abstrakten, an keine Zeit und keinen Ort gebundenen Bühnenbild völlig zufrieden, in dem das, was Tosca, Cavaradossi und Scarpia innerlich bewegt und antreibt, als allgemein gültiges Psychodrama abgehandelt wird.
Gut, das könnte theoretisch natürlich auch inmitten des Wallmann-Kitsches stattfinden, wenn drei begnadete Singschauspieler aufeinander treffen, die einander die Bälle zuwerfen und sich in einen Spielrausch hineinsteigern. Aber wie oft in seinem Opernleben begegnet man dieser Glückskonstellation? Ich kann sie an einer Hand abzählen, und auch heute musste ich die zweite nicht zu Hilfe nehmen, ganz im Gegenteil.
Johan Botha, für den erkrankten Marcello Giordano eingesprungen, pries sich wahrscheinlich glücklich, von keinerlei Regieanweisungen belästigt worden zu sein. So musste er gar nicht lange über Verweigerungsstrategien nachdenken, sondern konnte sich voll und ganz auf das konzentrieren, was er auf der Bühne am liebsten tut, nämlich als Denkmal seiner selbst möglichst nahe an der Rampe zu posieren und das Opernrund mit Schöngesang zu fluten. Zumindest das gelang ihm 100%ig, und da wir an der WSO in letzter Zeit mit tollen Stimmen nicht eben verwöhnt worden sind, muss man sich damit zufrieden geben. So jugendfrei wie heute ging wohl schon lange keine „Tosca“ in Wien über die Bühne. Nun muss man ja nicht gleich vor dem Altar zur Sache kommen wie in München, aber ein wenig erotisches Prickeln wäre schon nett. Bothas keusche Küsschen – immer schön weit neben dem Mund platziert – gibt ein Onkel seiner Nichte, und daher muten Toscas Eifersuchtsanfälle doppelt lachhaft an – dieser lethargische amante ist wohl mit einer Beziehung mehr als ge(über)fordert….. Wohl noch nie zuvor ist ein Cavaradossi derart frisch aus der Folterkammer gekommen wie heute. Üblicherweise wird er halb tot von den Schergen hereingeschleppt und auf dem Boden liegen gelassen, erst beim „Vittoria!“ kehren die Lebensgeister in ihn zurück und er rappelt sich mühsam vom Boden auf. Nun, derlei Realismus verbietet sich bei Bothas Körperfülle, ich denke noch heute an seinen Kampf gegen die Schwerkraft als Otello – damals schlug die Tragödie unvermittelt in eine Schmierenkomödie um. Das blieb uns heute gottlob erspart, denn Cavaradossi wurde hereingeleitet und blutverschmiert(!!) auf Scarpias Samtkanapee gelegt – er ist also gar nicht so inhuman, dieser Polizeichef, wenn er sich sogar seine Polster versauen lässt, nur damit es sein Gefangener bequem hat. Aber genug der Ironie. Nur eines noch: Das Kostüm, in den man den armen Johan Botha gesteckt hat und in dem er an ein gestelztes Fass erinnert, ist schlicht eine Gemeinheit. Dass Cavaradossis Mantel in XXXXXXXL nicht vorrätig ist, ist klar, aber es muss doch irgendwo im Fundus einen Umhang o.ä. geben, der einem stark übergewichtigen Sänger erspart, sich derart unvorteilhaft präsentieren zu müssen. Mir hat er jedenfalls in diesem unmöglichen Kostüm wirklich Leid getan. Unser lieber Direktor hatte ja noch vor seinem offiziellen Amtsantritt vollmundig verkündet, dass Sänger wie Botha bei ihm kein Leiberl hätten, denn auch die Optik und das Spiel müssten auf der Bühne überzeugen. Ersteres betrachte ich als erfreuliche Zugabe, aber nicht als Voraussetzung für ein Engagement, zweiteres allerdings ist mir auch sehr wichtig. Es gibt nur wenige Sänger, denen ich eine dröge Stehpartie verzeihe, weil mich die Stimme einfach hinwegfegt, und zu denen zählt Johan Botha. Man wird eingehüllt in betörenden Wohlklang, von zarten, aber perfekt gestützten Piani verzaubert und von kraftvollen, aber immer noch klingenden und nicht scheppernden Höhen mitgerissen. So ein fulminantes „Vittoria!“ hört man wahrlich nicht alle Tage. Auch „E lucevan le stelle“ wurde makellos vorgetragen, und da schwangen auch endlich die Emotionen mit, die ich bis dahin ein wenig vermisst hatte. Botha singt zwar wunderschön, es gelingt ihm aber nicht immer, den Wohlklang auch mit Bedeutung anzureichern. So beiläufig darf der „bigotto satiro“ im ersten Akt nicht klingen, da muss Zorn, Verachtung, irgendetwas spürbar werden. Bothas Tonfall in dieser Szene würde auch zum Vorschlag passen, Scarpia für seine Verdienste um Rom einen Orden zu verleihen. Erst „La vita mi costasse, vi salverò!“ passt auch vom Ausdruck her zum Text . Aber trotz dieser Einwände: Die Ohren wurden von Johan Botha heute bestens bedient!
Eine Art Gegenentwurf bot Norma Fantini als Tosca. Ja, es gibt delikatere Timbres als das ihre, ja, die Stimme beginnt über einer schönen Mittelage im oberen Bereich zu flattern, wird oft unangenehm scharf, und trotzdem: Welches Feuer lodert in dieser Stimme, welche vielfältigen emotionalen Ausdrucksmöglichkeiten stehen der Sängerin abrufbereit zur Verfügung. Dort verinnerlichter Schöngesang, hier expressive Entäußerung, die leider oft ohne Echo blieb. Norma Fantini versuchte sich auch darstellerisch zu profilieren, bemühte sich redlich, ihren Mario aus der Reserve zu locken, aber zu mehr als onkelhaften Umarmungen konnte sie ihn nicht animieren. Besser klappte das Zusammenspiel mit Scarpia. Natürlich wartet man bei Tosca immer auf das berühmte „E avanti al lui tremava tutta Roma!“, welche Bedeutungsnuance dieser Phrase unterlegt wird. Nun, die Fantini sprach es ganz schlicht, ohne jedes Pathos, nicht auftrumpfend, sondern eher wie den schüchternen Versuch, eine Entschuldigung vor sich selbst für ihre Bluttat zu finden. Eine ungewohnte, aber nicht uninteressante Variante!
Zeljko Lucic, der Scarpia dieser Vorstellung, spielte bei mir bisher immer in der Botha-Liga: Eine wunderschöne Stimme, mit der aber relativ wenig ausgedrückt wird, und darstellerisch eine Nullnummer. Nun, heute belehrte er mich eines Besseren. Nicht, dass ich ihn für einen idealen Scarpia halte – dazu ist mir sein Timbre zu hell, zu weich, zu „schön“ – aber immerhin gelang Lucic doch ein halbwegs überzeugendes Rollenporträt. Nur den Sadisten, der sich am Schmerz und der Angst seiner Oper weidet, der sexuelle Lust nur in Zusammenhang mit Gewalt empfindet, nahm man ihm nicht ab, dazu reichen ein bisschen Poltern und Zynismus nicht aus, dazu muss man mehr aus sich herausgehen, als das Zeljko Lucic aktuell schafft. Aber immerhin, gute Ansätze sind da, und schon heute hat er für seine Verhältnisse eigentlich sehr engagiert gespielt. Gesungen hat Lucic zum Dahinschmelzen – weich im Ansatz, wunderbar phrasiert, man konnte auch bei ihm im Wohlklang baden. Nur ist das ehrlich gesagt nicht der Effekt, den ein Scarpia in mir auslösen soll: Der soll nichts zum Schmelzen bringen, sondern im Gegenteil sogar das Blut in den Adern gefrieren lassen. Wie Lucic das mit diesem Samttimbre bewerkstelligen soll, weiß ich auch nicht.
Clemens Unterreiner holte aus dem Cesare Angelotti wie immer das Optimum heraus – diese Rolle liegt ihm wirklich- und litt wahrscheinlich auch ein bisschen unter der Passivität seines Partners.
Lars Woldt gefiel mir als Mesner gar nicht. Eine spröde, alles andere als einschmeichelnde Stimme und dazu ein merkwürdig uneinheitliches Spiel – mir schien, als wusste der Sänger selbst nicht, wie er seine Rolle anlegen soll – ernsthaft oder lustig.
Über Wolfram Igor Derntls Spoleta will ich mich lieber nicht detailliert äußern, da erwächst doch hoffentlich BK keine ernsthafte Konkurrenz…..
Marcus Pelz fiel mir als Sciarrone weder besonders positiv noch negativ auf, also wird es insgesamt gepasst haben.
Im Graben waltete Philippe Auguin seines Amtes und dirigierte nach einigen Verständigungsproblemen im 1. Akt (z.B. bei "Son qui", wo er das Orchester schon einsetzen ließ, bevor Botha seine Phrase beendet hatte)einen über weite Strecken schlanken Puccini ohne Zuckerguss, nur manchmal ließ er es ein wenig krachen und deckte damit speziell Zeljko Lucic zu, der sich aber gottlob nicht zum Forcieren verleiten ließ.
Mein Fazit: Endlich ein Opernabend, der auf der musikalischen Seite eine Eins verdient und mich nach langer Zeit beglückt den Heimweg antreten ließ!
lg Severina :hello
Billy Budd (12.06.2012, 14:07): Liebe Severina, ich habe eben Deinen Bericht gelesen und muss feststellen, dass wir doch nicht vollständig gleicher Ansicht sind. Meiner ist schon fertig handschriftlich vorgeschrieben; ich muss ihn nur noch in die Tasten klopfen (und das dauert bei mir, der kein Zehnfinger-System beherrscht, immer recht lange. :( ). Botha singt jedenfalls auch am Donnerstag! :leb :leb Was Derntl betrifft, fand ich ihn als ersten Gefangenen (Fidelio) und Offizier (Barbiere) super, sonst allerdings ... Billy :hello
P.S.: Eine kleine Korrektur: Die Butterfly ist von 1957 (damit die älteste Produktion im Repertoire), die Tosca von 1958.
Severina (12.06.2012, 14:31): Lieber Billy, das wäre ja auch unheimlich, wenn wir immer einer Meinung wären! Und die Oper lebt bekanntlich von den unterschiedlichen Geschmäckern, sonst bräuchten wir weltweit nur Einheitsinszenierungen und geklonte Sänger.
In meiner Wallmann-Vita steht 1957, aber ist ja wurscht. Bist Du eigentlich ein wandelndes Lexikon oder kontrollierst Du prinzipiell alle meine Angaben auf ihre Richtigkeit? Nicht, dass ich Dir den Spaß nicht gönnen würde, aber allmählich solltest Du über eine Änderung Deines Nicks nachdenken - wie wär's mit Beckmesser :wink :D?
Auf jeden Fall bin ich gespannt auf Deinen Bericht! (Ich schreibe übrigens auch Adlersystem und brauche daher elendslange für meine Rezensionen!)
lg Severina :hello
Billy Budd (12.06.2012, 14:36): Liebe Severina,
laut dem Spielplanarchiv hat die Premiere am 3. April 1958 stattgefunden (ich bin mir auch sicher, anderswo 1958 gelesen zu haben), aber ob sie 54 oder 55 Jahre alt ist, ist schließlich auch egal. Dass ich Dich so oft korrigiere, soll bitte nicht den Eindruck von obergescheit vermitteln, ich werde es - wenn es nicht wichtig ist - inHinkunft unterlassen.
Allerdings hat mir auch schon eine Stehplatzbesucherin gesagt, ich sei ein wandelndes Lexikon, da ich von den letzten Jahren alle Besetzungen (inkl. Nebenrollen) im Gedächnis abrufbar habe.
Billy :hello
Billy Budd (12.06.2012, 15:30): Wiener Staatsoper Montag, den 11. Juni 2012 TOSCA Giacomo Puccini
Normalerweise lockt eine „Tosca“ viel Stehplatzpublikum an. Wenn dann auch noch die Vorstellung in eine touristenlastige Zeit fällt und ein in Wien sehr geschätzter Tenor einspringt, müsste enormer Andrang vorprogrammiert sein (dachte ich zumindest). Ergo dessen erschien ich schon 2 ¼ Stunden vor Beginn in der Oper, doch das war viel zu früh, denn ich bekam die Nummer 7. Der Besucheransturm ließ also auf sich warten und so kam es, dass die dritte Reihe beinahe völlig leer blieb und die Seite bzw. Ganzseite war auch schütter besetzt. Wenige Stammbesucher ließen sich blicken; die anwesenden wurden mit einer sehr guten Vorstellung beglückt, obgleich Johan Botha nicht seinen besten Tag hatte. Gleich zu ihm: Meines Wissens nach hat er sich in letzter Zeit nicht geschont, was der Grund sein könnte, dass er zwar eine sehr gute, aber keine optimale Leistung brachte. Von mittelprächtig war sie freilich meilenweit entfernt, aber ich weiß, dass er es besser kann. An einigen Stellen war ein Vibrato nicht zu überhören, hatte er mit dem Tonansatz kleine Probleme und das „la vita mi costasse“ schaffte er auch nur so halbwegs. Das ist aber Meckern auf hohem Niveau – an anderen Abenden vermisse ich einen nur halb so guten Tenor (besonders wenn im November wieder Shicoff als Cavaradossi angesetzt ist ...)! Aber ein überirdisch schönes „Lo vuole il Sagrestano“ (zu Tosca, im ersten Akt) entschädigte fast alles. Die gesangliche Leistung war also sehr überzeugend; wie war es um die schauspielerische bestellt? Besser als erwartet, allerdings musste ich zum ersten Mal in meinem Leben bei der Erschießung Cavaradossis lachen. Als ich gesehen habe, wie er (einer Kugel ähnelnd) am Boden lag, verstand ich weshalb es einige lustig finden, wie im „Fidelio“ Leonore den Gesundheitszustand Florestans (bzw. Bothas) mit „Wie abgemagert er ist!“ kommentiert ... Norma Fantini kam durch die Absage von Sondra Radvanovsky ebenfalls zu Einspringerehren. Ihre vor einigen Monaten in Wien gesungene Maddalena di Coigny (auch mit Botha als Partner) ist bestenfalls als mittelmäßig einzuordnen, aber als Tosca vermochte sie mich weit mehr zu überzeugen. Ihre scharfe und in der Höhe zum starken Vibrato neigende Stimme mag Geschmackssache sein, aber für diese Rolle passt sie gut. Das „Vissi d’arte“ geriet nicht gerade zu einer Sternstunde; da war mir des Theatralischen (Händeringen etc.) zu viel. Die Krone des Abends gebührt aber Željko Lucic, der auch im Mai einen sehr guten Germont bot. Zu Beginn irritierte mich ein wenig, dass er ziemlich gelangweilt zur Kirche hineinlatschte (wenn Stuckmann in den Ringelreihen der Kinder hineinplatzt, bekomme ich Stets Gänsehaut), aber sonst ist nichts auszusetzen. Es ist äußerst schade, dass er für nächste Saison nicht engagiert ist und uns in der „Tosca“ u.a. Uusitalo (vom Scheitel bis zur Sohle kein Scarpia!) und Dohmen (gemeinsam mit Alagna ergibt das ein Gruselkabinett!) vorgesetzt werden! Sieht man von dem stimmschwachen Wolfram Igor Derntl als Spoletta ab, ließen auch die Interpreten der kleineren und kleinen Rollen kaum Wünsche offen. Clemens Unterreiner war für die kleine, aber dramaturgisch wichtige Partie des Angelotti eine exzellente Besetzung. Wenn er, der ja einen starken Hang zum Übertreiben hat, sich einmal zusammenreißt, gefällt er mir sogar sehr gut. Marcus Pelz glänzte als Sciarrone – fast eine Verschwendung, oder besser: Luxusbesetzung. Ich habe den Eindruck, dass dieser Sänger seit Jahren unter seinem Wert gehandelt wird. Il Hong ist vom Sciarrone zum Schließer gewechselt, der ihm auch besser liegt. Die mächtigen Schuhe eines Fink passten ihm freilich nicht. Ein nicht namentlich genanntes Kind der Opernschule sang den Hirten besser als sonst. Ein eigenes Kapitel ist Lars Woldt als Mesner. Diese Rolle wird fast immer älteren Ensemblemitgliedern (bei uns derzeit Šramek oder Monarcha) anvertraut; gestern hörte man ein jüngeres, das aber mit imposantem Volumen gut zu reüssieren vermochte. Schade, dass Woldt das Ensemble demnächst verlässt. Karel Mark Chichon sagte zu meiner gar nicht großen Enttäuschung auch diesmal ab (in dieser Saison dirigierte er nur eine von zehn angesetzten Vorstellungen). An den ersten Abenden sprang Franz Welser-Möst ein; für die beiden anderen wurde Philippe Auguin verpflichtet, der mir von grottenschlechten „Ballo“-Dirigaten in Erinnerung ist. Gestern jedoch machte er mit Abstrichen (zu zackiges Hineindreschen) seine Sache gut. Er ging den Abend langsamer an, was aber der Spannung keinen Abbruch tat. Mit der Orchesterleistung war ich zufrieden. Ich selbst bin alles andere als perfekt und verlange von keinem Sänger tagtäglich eine Höchstleistung. Insofern war die Vorstellung sehr erfreulich. Es handelte sich um die beste „Tosca“ in Wien seit mindestens zwei Jahren. Das Publikum hielt den Beifall bedauerlicherweise sehr kurz. Ich freue mich schon auf Donnerstag!
Billy :hello
Severina (12.06.2012, 16:59): Lieber Billy, na, so großartig unterscheiden sich unsere Meinungen ja gar nicht! Ein Vibrato ist mir bei Botha nicht aufgefallen, der Kickser beim "La vita mi costasse" schon, nur war das für mich bei der ausgezeichneten Gesamtleistung vernachlässigenswert. Ja, Cavaradossis Tod...... Ehrlich gesagt war ich überrascht, dass Botha überhaupt zu Boden gesunken ist (Über das Wie lasse ich mich jetzt nicht aus, da musste ich auch schmunzeln...), ich hatte eher angenommen, er würde sich einfach gegen die Wand lehnen und im Stehen sterben :rofl
lg Severina :hello
Billy Budd (12.06.2012, 19:07): Ja, aber da wir - wenn es um STOP-Aufführungen geht - sonst beinahe immer vollständig übereinstimmen, war ich erstaunt, dass es diesmal nicht so war.
Lars Woldt gefiel mir als Mesner gar nicht. Eine spröde, alles andere als einschmeichelnde Stimme und dazu ein merkwürdig uneinheitliches Spiel – mir schien, als wusste der Sänger selbst nicht, wie er seine Rolle anlegen soll – ernsthaft oder lustig. Was mich noch interessieren würde: Wie sollte denn Deiner Meinung nach der Mesner angelegt werden? Ich plädiere eher für ernsthaft (einmal ist mir das Herumgeblödel Šrameks schon ein bisschen auf den Zeiger gegangen). Hast Du Bankl schon in dieser Rolle erlebt? Ich leider noch nicht. Mich würde interessieren, wie er sie gestaltet. Billy :hello
Severina (12.06.2012, 20:11): Lieber Billy,
dass der Mesner in Wien eher als Blödelnummer angelegt wird, hat Tradition - jahrelang war das die "Altersrolle" des Publikumslieblings Erich Kunz, und offensichtlich fühlen sich viele seiner Nachfolger berufen ihn zu imitieren. Ich sehe den Mesner nicht als Witzfigur, sondern als einer, der den Freigeist Cavardossi verachtet und hasst, er empfindet es als skandalös, dass ausgerechnet "so einer" die Hl. Maddalena malen darf und sieht sich auch bestätigt, denn dieser "Gottlose" nimmt doch glatt eine schöne (irdische) Frau als Vorbild. Mit der er doch sicher ein Pantscherl hat, denn so sind sie nun einmal, diese amoralischen Künstler! Auf der anderen Seite dienert und buckelt der Mesner vor Scarpia, den er zugleich fürchtet und verehrt. Also für mich ist das ein sehr interessanter Charakter, den man keinesfalls zur lustigen Einlage verniedlichen soll!
lg Severina :hello
Billy Budd (12.06.2012, 21:27): Liebe Severina, wenn ich mich recht erinnere, hat sich Kunz zu seinem 80. Geburtstag gewünscht, nochmals den Mesner singen zu können. Wohl weil das eine recht einfach zu singende Partie ist. Dem, was Du zum Charakter der Figur scheibst, stimme ich vollkommen zu. Hast Du schon einen Interpreten erlebt, der die Rolle nicht verblödelt hat? Billy :hello
Billy Budd (13.06.2012, 14:58): Ich möchte noch etwas zu Woldt loswerden: Er hat mE keine spröde Stimme, sondern einen wirklich angenehm timbrierten Bass, der zwar nicht "schwarz" à la Halvarson ist, sondern recht hell. Sehr gut gefallen hat er mir als Waldner, Rocco und Fasolt. Mit Ausnahme des Mesner habe ich ihn noch nicht im Italienischen Fach erlebt, obwohl er Dulcamara und Bartolo (Barbiere) bei uns gesungen hat. Bei meinem ersten Opernbesuch (18. April 2009) hätte er den Kaspar singen sollen, wurde aber kurzfristig durch Rydl ersetzt. Bezüglich seines Rocco im Oktober 2011 hat Renate Wagner vom "Merker" sehr treffende Worte gefunden, die ich hier zitieren möchte: Last not least, sondern first jene Besetzung, die als einzige des Abends wirklich keinen Wunsch offen ließ: Lars Woldt als Rocco. Da ist erstens einmal ein großer, schöner, warmer, beweglicher Bass, der perfekt eingesetzt wird, und zweitens ein Darsteller, der diese Rolle so souverän meisterte wie wenige vor ihm. Man hat schon große Männer als Rocco gehört und geliebt, und doch waren sie oft linkisch und liefen den Textalbernheiten der Rolle ins Messer – nicht so Woldt, der ein wahrlich begabter und kluger Schauspieler ist, der auch nicht (wie so viele Muttersprachler, wenn es zu deutschen Opern kommt) plötzlich beginnt steif zu deklamieren, sondern der aus Rocco eine runde, natürliche, stimmige Figur macht. Er singt die Gold-Arie eher beiläufig und lässt den Papa keinesfalls zu einem gierigen Daland werden, er beobachtet immer genau, was geschieht, er ist kein Feigling und Opportunist unten im Gefängniskeller, und wenn er Pizarro am Ende bei Fernando quasi „anzeigt“, steht er als mutiger Mann mit Zivilcourage da. So viel Charakter hat man an der Figur wahrlich noch nie gefunden. Ich stimme ihr vollkommen zu, mit Ausnahme, dass mE an diesem Abend auch Jelosits keinen Wunsch offen ließ – der Jaquino ist einer seiner besten Rollen. Leider neigt Woldt – warum auch immer – dazu, seine Stimme zu verstellen und schauspielerisch zu übertreiben. Aber er ist noch jung – vielleicht lernt ers ja noch. Wie ich schon erwähnt habe, bedaure ich seinen baldigen Austritt aus unserem Ensemble. In der nächsten Saison singt er an unserem Haus nur als Gast den Rocco. Ferner verkörpert er diese Partie auch im Theater an der Wien und wird auch in der Volksoper als Bachulus zu hören sein. Billy :hello
Billy Budd (16.06.2012, 10:55): Wiener Staatsoper Montag, den 11. Juni 2012 TOSCA Giacomo Puccini
Vorgestern besuchte ich eine weitere Vorstellung der „Tosca“. Da Marcello Giordani auch diesmal abgesagt hat, war die Besetzung mit der am 11. Juni 2012 ident. Norma Fantini hat mir noch besser gefallen. Ich kann alles unterstreichen, was Severina geschrieben hat. Sie schaffte auch das unglaubliche Kunsstück, aus Botha eine passable schauspielerische Leistung herauszuholen. Johan Botha war leicht verbessert. Željko Lucic, von dem ich am Montag begeistert war, hat – wie ich schon damals geschrieben habe – eine wunderschöne Stimme. Doch ging er zu wenig aus sich heraus und konnte dem Scarpia kein Profil verleihen – der klassische Fall einer Fehlbesetzung. Die Comprimarii waren mit Clemens Unterreiner, Lars Woldt, Wolfram Igor Derntl, Marcus Pelz und Il Hong besetzt, wobei diese teils mehr, teils weniger zu gefallen wussten. Genaueres findet sich in meinem letzten Bericht. Ziemlich auf die Nerven gegangen ist mir Philippe Auguin, der einen gänzlich spannungslosen und teilweise zu langsamen Puccini dirigierte.
Billy :hello
Billy Budd (17.06.2012, 00:33): Wiener Staatsoper Samstag, den 16. Juni 2012 DON CARLO (italienisch, vieraktig) Giuseppe Verdi
Als durchaus staatsopernwürdige Angelegenheit erwies sich die heutige (eigentlich gestrige) Premiere. Es handelte sich um die vieraktige Fassung in italienischer Sprache. Weshalb eine Neuproduktion her musste, erschließt sich mir nicht ganz; der Pizzi-Carlo befand sich bis 2009 im Repertoire und er unterscheidet sich wahrscheinlich (ich habe ihn nicht gesehen) nicht wesentlich vom neuen. Daniele Abbado hat offenbar das Libretto wörtlich genommen und arbeitete mit vielen Lichteffekten. Das wirkte recht gut, aber den Großinquisitor hätte er nicht so harmlos auftreten lassen dürfen und die Ketzerverbrennung wirkte recht patschert. Viel besser kann ich Inszenierungen nicht beschreiben (wen interessiert, was ich zur Konwitschny’schen Machwerk feststellte, möge das in meinem Bericht vom 1. Mai nachlesen); ich hoffe auf Severinas Erläuterungen. Dennoch bin ich der Meinung, dass eine solche Produktion eine Berechtigung im Repertoire der Wiener Staatsoper eine Berechtigung hat, wenn alternativ Konwitschnys Interpretation aufgeboten wird. Es war keine gute Idee, am Vormittag zwar Stunden der „Frau ohne Schatten“ zu widmen. Das ist nämlich meine Lieblingsoper, von der ich nie genug bekommen kann und zumal mit Teile dieses Meisterwerkes durch den Kopf schwirrten, konnte ich mich einige Zeit nicht auf den „Don Carlo“ konzentrieren. Das ist der Grund, weshalb mir relativ wenig einfällt. Ramón Vargas, auch in der französischen Premiere der Interpret der Titelrolle, gab auch in der italienischen Produktion sein Wiener Rollendebüt. Dieses kann man vollkommen als gelungen betrachten. Auch wenn ich etwa in der Mitte der Aufführung leichte Höhenschwierigkeiten feststellte, ist er ein sehr guter Vertreter dieser Rolle. Krassimira Stoyanova ist zweifelsfrei eine wunderbare Sängerin, nur störte mich ein ganz leichtes Flackern der Stimme. Simon Keenlyside habe ich nie zuvor live gehört und war von seinem Rodrigo beinahe begeistert – eine wunderbare Leistung. Luciana D`Intino nennt ein großes Stimmvolumen ihr Eigen und kann imposante Töne produzieren, nur klang sie bei voller Lautstärke ein wenig wabernd. Was René Pape an profunder Tiefe fehlt, machte er großteils mit imposantem Volumen mit. Da er aber auch keine Bühnenpräsenz aufwies, muss ich ihn doch als einen der schwächeren Mitwirkenden der als Gesamtpaket sehr guten Aufführung bezeichnen. Sehr enttäuscht hat mich Eric Halfvarson, der eigentlich alle für den Großinquisitor erforderlichen stimmlichen Mittel mitbringen sollte. Doch er wirkte viel zu harmlos und seine Stimme klang nicht bedrohlich. Meine Wunschbesetzung wäre Kurt Rydl. Hingegen war Dan Paul Dumitrescu eine Luxusbesetzung – der Mönch gehört zu seinen allerbesten Rollen. In kleinen Partien verdingten sich Ileana Tonca (solide), Carlos Osuna (überraschend gut) und Valentina Nafornita (ist mir gar nicht aufgefallen). Franz Welser-Möst betonte in Interviews, dass der „Don Carlo“ zu seinen Lieblingsopern gehöre. Seinem Dirigat nach zu schließen, glaube ich das nicht; da betonte er doch zu stark die Humptata-Seiten der Partitur und ließ das Blech zu laut spielen. Der Chor unter der Leitung von Thomas Lang sang sehr gut. Der Schlussapplaus währte 16 Minuten – für Wiener Premierenmaßstäbe ist das nicht übermäßig.
Billy :hello
Severina (17.06.2012, 01:29): Danke für diese ersten Eindrücke! Ich wollte mir ja die PR-Übertragung auf den HvK-Platz anschauen, aber gegen die Regenbogenparade am Ring hätte Verdi wohl keine Chance gehabt. Also saß ich am Radiogerät, was natürlich nur einen ungefähren Eindruck vermittelt. Die Inszenierung scheint gut angekommen zu sein, zumindest hörte ich nur Applaus und Bravos für das Regieteam. Der Pizzi-Carlo war unerträglich kitschig, insofern gefällt mir eine Inszenierung, die auf Leere und Lichteffekte setzt - zumindest entnehme ich das diversen Interviews von Daniele Abbado - sicher um Klassen besser. Eine wirklich überzeugende Autodafé-Szene habe ich noch nie erlebt (Am ehesten noch von Bieito in Basel!), das schwankt meist zwischen nichtssagend und lächerlich.
Zu den Sängern will ich jetzt nichts sagen, das täuscht bei einer Radioübertragung oft sehr, aber dass Welser-Möst "Humptata" dirigiert hätte, ist mir nicht aufgefallen - im Gegenteil habe ich schon lange kein so feinsinniges Vorspiel zum letzten Akt gehört.
Ich hoffe, ich schaffe es am Dienstag, ansonsten muss ich auf die Septemberserie warten.
lg Severina :hello
Billy Budd (17.06.2012, 11:44): Liebe Severina, ja, die Regenbogenparade: Wir haben ehrlich gesagt befürchtet, ob der Krawall in den Zuschauerraum dringt, aber so war es gottlob nicht. Deswegen musste aber die Oper zehn Minuten später anfangen. Das Regieteam musste tatsächlich kein Missfallen einstecken; es gab Applaus und ein paar Bravorufe. So leer ist das Bühnenbild nicht, da nie die ganze Bühne benutzt wird, sondern nur ein Ausschnitt. Ich kann das gar nicht beschreiben; Du kannst das sicher besser. In der Autodafé-Szene werden die Ketzer blutverschmiert hereingebracht und hinter ihnen lodern dann aus einem schon vorher deutlich sichtbaren Gitter Flammen. Das Dirigat kann ich eigentlich nicht beurteilen; ich habe ja die Oper erst zum zweiten Mal gehört. De Billy hat mir wesentlich besser gefallen. Wenn Du es am Dienstag schaffst, wäre das sicher gut, denn sonst musst Du Alagna ertragen ... Billy :hello
Billy Budd (17.06.2012, 13:11): Original von Billy Budd Der Schlussapplaus währte 16 Minuten – für Wiener Premierenmaßstäbe ist das nicht übermäßig.
Wie einer Merker-Kritik zu entnehmen ist, sollen Keenlyside und Halfvarson ein paar Buhs bekommen haben; davon habe ich gar nichts gemerkt. Keenlyside erhielt sehr starken Jubel.
Billy :hello
Severina (17.06.2012, 14:49): Lieber Billy,
doch, auch im Radio waren vereinzelte Buhs zu hören, nur wusste ich natürlich nicht, wem sie galten. Für Keenlyside sicher völlig absurd, auch wenn ich am Radio den Eindruck hatte, dass er nicht in Bestform war. Mir schien, dass ihm in der Sterbeszene mitunter der Atem für die langen Phrasen fehlte, aber wie gesagt: So etwas täuscht bei einer Übertragung oft. Und das ist natürlich Meckern auf sehr hohem Niveau, denn auch ein Keenlyside in Normalform ist ein Erlebnis. Außerdem spielen bei PR immer die Nerven eine Rolle, daher gehe ich auch viel lieber in eine Reprise oder in die GP (Das ist überhaupt oft die beste Aufführung der ganzen Serie, weil es da quasi um nichts geht und alle viel lockerer drauf sind.)
lg Severina :hello
Billy Budd (17.06.2012, 15:00): Liebe Severina, wahrscheinlich habe ich die Buhs deshalb nicht bemerkt, weil ich die Angewohnheit habe, mich beim Schlussapplaus mit anderen Besuchern über das eben gehörte zu unterhalten. Ich kann nur versichern, dass neben Keenlyside neben den etwaigen Buhs einen heftigen Bravo-Orkan erntete, an dem ich mich natürlich beteiligt habe. Ich freue mich schon sehr auf seinen Wozzeck und Rigoletto. Am Dienstag bin ich auch wieder drinnen. Eine Frage habe ich noch: Warst Du bei der Wiederaufnahme der französischen Fassung? Billy :hello
Ingrid (17.06.2012, 16:06): Original von Billy Budd Wiener Staatsoper Samstag, den 16. Juni 2012 DON CARLO (italienisch, vieraktig) Giuseppe Verdi Was René Pape an profunder Tiefe fehlt, machte er großteils mit imposantem Volumen mit. Da er aber auch keine Bühnenpräsenz aufwies, muss ich ihn doch als einen der schwächeren Mitwirkenden der als Gesamtpaket sehr guten Aufführung bezeichnen. Billy :hello
Lieber Billy,
lese immer alle Rezensionen aus Wien mit großer Begierde, da ich ja doch einige der Sängerinnen und Sänger auch schon in München erlebte. Also vielen Dank dafür.
Dieses Mal müßt Ihr aber wirklich das ganz große Los gezogen haben, denn wenn Renè Pape tatsächlich zu den Schwächeren gehört hat, müssen alle anderen Protagonisten ja sensationell gewesen sein. Bin jetzt natürlich noch gespannter auf Severinas Bericht.
Noch einen schönen Sonntag und herzliche Grüße Ingrid
Billy Budd (17.06.2012, 16:50): Liebe Ingrid, Pape habe ich noch nie gehört und habe mir gestern gedacht, dass er eher ein Bassbariton als ein Bass sein könnte. Wie ja schon bekannt ist, müssen Bässe für mich eine in der Tiefe resonanzreiche Stimme haben und die hat er nicht. Dir auch noch einen schönen Sonntag! Billy :hello
Ingrid (17.06.2012, 17:19): Lieber Billy,
jeder hat so seine Lieblinge und bei mir gehört Pape auf jeden Fall dazu. Da Du aber die viel größere Stimmenerfahrung hast, ist es evtl. schon möglich, dass es noch tiefere Bässe gibt. Mich hat halt auch irritiert, dass Pape keine Bühnenpräsenz hätte und die haut mich ja immer regelrecht um. Könnte es an der Regie gelegen haben?
Herzliche Grüße Ingrid
Billy Budd (17.06.2012, 19:03): Liebe Ingrid, mit "größere Stimmenerfahrung" übertreibst Du aber ordentlich; ich gehe ja erst seit drei Jahren öfters in die Oper. Ich bevorzuge tiefere Stimmen. Bässe mag ich nur, wenn sie eine gute Tiefe haben. Wie für mich einer klingen muss, hörst Du z.B. hier. ("Si la rigeur" mit Walter Fink aus der Wiener Staatsoper). Bei Pape hat mich auch gestört, dass er weder die Würde, noch die Verzweiflung des Königs rüberbrachte. Vielleicht war daran auch die Regie schuldig. Billy :hello
Billy Budd (17.06.2012, 19:18): Eine lesenswerte Kritik zur gestrigen Premiere hat Dominik Troger verfasst. Link Billy :hello
Billy Budd (19.06.2012, 07:36): Wiener Staatsoper Montag, den 19. Juni 2012 ELEKTRA Richard Strauss
Eine brauchbare Repertoirevorstellung bot die Wiener Staatsoper dem anwesenden Publikum am gestrigen Abend. Es handelte sich um die erste von vier Vorstellungen, aber es sollte mich wundern, wenn im Lauf der Serie eine deutliche Verbesserung eintreten würde, zumal ich den Eindruck hatte, die Mitwirkenden hätten nicht gespart. „Elektra“ steht und fällt mit der Interpretin der Titelrolle. In Anbetracht ihrer hervorragenden Brünnhilde im November 2011 habe ich mir von Linda Watson auch gestern eine ebensolche Leistung erwartet. So toll war es leider nicht. Dennoch sind in der Opernwelt viele bessere Interpreten dieser schwierigen Rolle nicht zu finden (ich wüsste keine gleichwertige Alternative), weswegen sich die Einwände auf hohem Niveau bewegen. Sie stand die Partie ohne merkbare Ermüdungserscheinungen durch, nur klang sie fast durchgehend zu leise. Ich denke, dass sich die Amerikanerin nicht mehr im Zenit ihrer Karriere befindet. Da gefiel mir Anne Schwanewilms besser. Zu Beginn wies ihr Sopran ein stärkeres Vibrato auf, aber das legte sich im Laufe der Vorstellung, in der sie mit strahlenden Spitzentönen und Durchschlagskraft glänzen konnte. Auch schauspielerisch erbrachte sie eine sehr gute Leistung. Agnes Baltsa hat die Klytämnestra gepachtet. Auch wenn sie es sehr gut macht (für ihr Alter ist ihre Stimme noch in einem erstaunlich guten Zustand!), wäre es doch wünschenswert, gelegentlich eine andere Interpretin zu erleben. Störend ist ihr starker Akzent, obgleich diskutabel ist, ob für eine in Griechenland spielende Oper griechischer Akzent vielleicht sogar angemessen ist. Mich dünkt, dass Herbert Lippert Opfer einer nicht angesagten Indisposition wurde, denn seine Stimme klang anders, wie üblich. Abgesehen davon stellt der lyrische Tenor für den Part des Aegisth eine Fehlbesetzung dar (meine erste Wahl wäre Peter Seiffert). Er vermochte es nicht, in meiner Lieblingsselle dieser Oper verschiedene Emotionen zu transportieren. Dass er das hohe h nicht erreichte, darf ihm allerdings nicht angekreidet werden, dass das schaffen die wenigsten. Bei den Vorhängen wirkte es, als wäre er mit seiner Leistung nicht zufrieden. Schlecht war es um den Orest bestellt, denn Albert Dohmen erreichte nicht mal ansatzweise Staatsopernniveau. Ein Textfehler kann jedem passieren, aber seine nicht vorhandene Gestaltung ließ mich öfters am Textverständnis des Sängers zweifeln (wie viel Intensität liegt doch alleine in dem von Dohmen gänzlich ausdruckslos vorgetragenen Satz „Die Hunde auf dem Hof erkennen mich und meine Schwester nicht!“!). Sein gequetschtes Timbre gefällt mir nicht. Weshalb dieser drittklassige Sänger neuerdings so oft auf der Staatsopernbühne auftreten darf (In dieser Saison 4x Komtur, 4x Pizarro, 4x Mephisto, 3x Holländer, 4x Orest, sowie Wotan/Wanderer als Einspringer), gehört zu den unlösbaren Rätseln der neuen Direktion. Der Interpret des jungen Diener war unüberhörbar Benedikt Kobel und Marcus Pelz (der Ersatz für Hans Peter Kammerer) war für den alten Diener (wohl die unwichtigste Person in dieser Oper) eine Überbesetzung. Der Akzent von Janusz Monarcha war mir zu stark. Davon abgesehen erbrachte er als Pfleger des Orest eine solide Leistung. Zwei kleine Rollen (Vertraute, Schleppträgerin) waren bei Simina Ivan und Aura Twarowska in guten Händen, bzw. Stimmbändern. Zuverlässig meldeten sich die fünf Mägde zu Wort: Monika Bohinec, Aura Twarowska, Stephanie Houtzeel, Elisabeta Marin und Christina Carvin. Simone Young stand am Pult, allerdings werde ich eine ihr Dirigat betreffende Beurteilung erst nach einer weiteren Vorstellung abgeben. Der Applaus wurde gerecht aufgeteilt.
Billy :hello
schwarzehand (20.06.2012, 11:27): Heute Abend springt Brenda Rae als Lucia an der Wiener Staatsoper ein. Es würde mich sehr interessieren, wie sie in Wien beim Publikum ankommt - vielleicht kann ja eine(r) berichten?
Severina (20.06.2012, 11:55): Nachdem ich die PR nur am Radioapparat verfolgt hatte – ich bin prinzipiell keine PR-Gängerin – fand also heute endlich meine Audienz bei König Philipp II statt. Bei den „Vordiskussionen“ rund um unseren neuen „Don Carlo“ hatte ich behauptet, der alten Pizzi-Produktion sicher keine Träne nachzuweinen, und dabei bleibe ich auch: Zwar wurde nur eine Nicht-Inszenierung gegen eine andere Nicht-Inszenierung ausgetauscht, aber zumindest mit dem aktuellen Bühnenbild von Angelo Linzalata kann ich entschieden besser leben. Es besteht im Wesentlichen aus anthrazitgrauen Wänden, die eine Schieferstruktur vortäuschen, darüber ein nach hinten geneigtes Pultdach mit einer rechteckigen Aussparung, die wohl in erster Linie die Mächtigkeit des Mauerwerks betonen soll. Die Spielfläche fällt nach vorne ab, kann aber durch vier ständig sichtbare Seilzüge in die Horizontale gebracht werden. Alle Wände zerfallen wiederum in mobile Einzelteile, sodass sich viele Kombinationsmöglichkeiten ergeben und auch immer wieder Schleusen geöffnet werden können, durch die dann das Licht auf die Bühne fällt. Denn da es so gut wie keine Requisiten gibt – Ausnahme ist der schlichte Thron Philipps im 4. Akt – werden Stimmungen in erster Linie durch die Lichtregie erzeugt. Und im Unterschied zu den meisten Rezensenten finde ich diesen Teil gelungen, einige Szenen gefallen mir sogar sehr gut, wie z.B. der Beginn des Gartenbildes, wo durch unregelmäßige Risse in der Hinterwand bläuliches Licht fällt und bizarre Muster auf den Boden zeichnet, was wirklich an einen nächtlichen Garten im Mondenschein erinnert. Warum dann allerdings nach der Enttarnung der Eboli diese Wand zurückweicht und plötzlich alles in grelles Licht getaucht wird, erschließt sich mir nicht ganz (Doch, ja, das brutale Licht der Wahrheit, aber…), wie mich überhaupt das permanente Herumwandern einzelner Kulissenteile nervt, weil es meist völlig sinnfrei ist und nur von den Sängern ablenkt. Auch die Kritik, dass das Bühnenbild generell zu dunkel und abweisend gehalten ist, kann ich nicht teilen. Wer wie ich einmal das Glück hatte, an einem düsteren Februartag ziemlich einsam und alleine durch den Escorial zu wandern, kann wahrscheinlich bestätigen, dass sich die bedrückende, freudlose Atmosphäre dieser riesigen Palast(Kloster-)anlage, die mich damals frösteln ließ, im Bühnenbild von Angelo Linzalata eigentlich perfekt widerspiegelt, selbst das Anthrazitgrau und die Wandstruktur sind ziemlich authentisch.
Kurz und gut: Mit dem Bühnenbild kann ich mich durchaus anfreunden, aber damit wäre das Positive dieser Neuproduktion auch schon abgehakt. Die Kostüme von Carla Teti sind völlig uneinheitlich – vom schlichten weißen Kleid der Elisabetta über eine Art Landsknechtmontur für den armen Posa bis hin zu einer Uniform des 19. Jhdts. für Philipp. Das ärgerte mich wirklich, denn der war alles Mögliche, aber kein strammer Militarist, wie diese Aufmachung suggeriert, was noch durch die merkwürdige Krone unterstrichen wird, die mich an eine preußische Pickelhaube erinnert. Dieser König ist optisch näher an Wilhelm II als an Philipp II, und das hat doch Daniele Abbado sicher nicht gemeint, als er in Interviews betonte, er wolle die Handlung aus ihrem Raum- und Zeitgefüge lösen. Leider hat der Regisseur – und jetzt kommen wir zum wirklichen Ärgernis dieses „Don Carlo“ - das Werk nicht nur von seinem Zeit-Raum-Korsett befreit, sondern weitgehend auch von jeder sinnstiftenden Interpretation. Daniele Abbado ist zu Verdis Meisterwerk nichts Neues eingefallen, er bietet keine neue Sicht auf das Stück, er liefert keine neuen Erkenntnisse – gut, soll sein, angeblich ist ein großer Teil des Publikums darauf ohnehin nicht scharf. (Ich allerdings schon…) Eine Inszenierung kann überzeugen oder auf Ablehnung stoßen, das Schlimmste ist für mich aber, wenn sie überhaupt nicht stattfindet. Und genau das ist hier der Fall. Man schaut dreieinhalb Stunden den Sängern beim Singen zu, und zumindest bei mir stellte sich bald ein unruhiges Kribbeln ein, weil den vielen Worten einfach keine Taten folgen wollten. Ich frage mich, was hier eigentlich wochenlang geprobt worden ist, denn für das, was da heute auf der Bühne geboten wurde, hätte wohl eine Stellprobe genügt. Die Anweisungen des Regisseurs dürften sich offensichtlich darin erschöpft haben, wer von wo auftritt und dann wo wie lange stehen muss. Die Hilflosigkeit der Regie zeigte sich am deutlichsten beim Autodafé, das in jeder Beziehung belanglos ist und kein bisschen unter die Haut geht. Zuerst rennen ziemlich planlos ein Haufen Statisten auf der Bühne herum, die dann eine Gasse bilden, durch die ein reichlich harmlos wirkender Zug von Inquisitoren, Mönchen, Flagellanten und natürlich Ketzern defiliert. Die königliche Familie wird auf einer Holztribüne hereingerollt, Carlo klebt wieder einmal an der Rampe und erklärt dem Dirigenten, was es mit der Deputation aus Flandern auf sich hat , fuchtelt dann ein bisschen mit einem Dolch herum, aber so, dass sich wirklich niemand fürchten muss, am wenigsten der König, und am Schluss wird hinter einigen am Boden aufgetürmten Ketzern ein nettes Lagerfeuerchen entzündet. Eine ziemlich peinliche Veranstaltung……
Von der Regie völlig im Stich gelassen, mussten sich die Sänger ihr Rollenbild wohl selbst zurechtzimmern, und das gelang ihnen unterschiedlich gut.
Ramon Vargas, das weiß man eigentlich von allen seinen Auftritten, bedarf dringend der Führung durch den Regisseur, von sich aus bietet er kaum etwas an. Deshalb gebührt ihm auch heute die Krone für den „Rampensänger des Abends“. Eifersüchtig hätte Philipp eigentlich nur auf Franz Welser-Möst sein müssen, denn für den hatte sein Sohn ganz eindeutig ein größeres Faible als für Elisabetta, die er kaum einmal anschaute, geschweige denn berührte. Nicht einmal die effektvolle Szene, wo Carlo im Liebestaumel ohnmächtig zu den Füßen Elisabettas niedersinkt, fand heute statt, weil es sich Vargas schon lange vorher auf dem Boden gemütlich gemacht hatte und die Stoyanova extra zu ihm hingehen musste, um festzustellen, ob er nun aus Liebeskummer stirbt oder nicht. Das „Alla mia tomba ff“ kam seltsam leidenschaftslos und dürfte Elisabettas Standhaftigkeit nicht ernsthaft erschüttert haben. Stimmlich hatte Ramon Vargas leider auch nicht seinen besten Tag. Er begann gut, baute dann aber sukzessive ab, sein Tenor verlor an Schmelz und wurde immer härter, was vielleicht auch daran lag, dass er eine ganze Reihe von Zweikämpfen gegen das Orchester austragen musste und nicht immer siegreich blieb. Und eines muss man natürlich auch sagen: Wir hatten heute mit 34° den bisher heißesten Tag des Jahres, ich selbst schleppte mich nur mit äußerster Willenskraft in die Oper und landete dort ziemlich aufgelöst, und Sänger sind auch nur Menschen und leiden genauso unter der Hitze.
Ganz bestimmt kein Hitzeopfer war Renée Pape als Philipp II. Ich erlebte ihn zum ersten Mal live in dieser Partie und war restlos begeistert! Was für eine Prachtstimme! Wunderschön timbriert, technisch sauber geführt, ein großes Volumen – da passte heute alles. Ich fand auch Papes Interpretation des „Ella giammai m’amò“ sehr berührend und kann nicht ganz nachvollziehen, dass ihm von einigen Kritikern Emotionslosigkeit und zu wenig Bühnenpräsenz vorgeworfen worden ist. Im Gegenteil, bei seinen Szenen wachte ich immer schlagartig aus meiner Lethargie auf, denn da herrschte plötzlich so etwas wie Spannung auf der Bühne.
Simon Keenlyside ist schon seit längerer Zeit mein liebster Bariton, ich mag einfach seine samtige, einschmeichelnde Stimme und vor allem seine ungemein kultivierte Art des Singens. Er verfügt über eine ungemein reichhaltige Palette an Ausdrucksmöglichkeiten, vermeidet dabei aber immer billige Effekte. Keenlyside ist kein Showman, sondern ein wirklich ernsthafter Künstler, der sich gründlich mit seinen Rollen auseinandersetzt und daher auch ohne Regisseur weiß, wie er sie anlegen muss. Den Posa hat er außerdem schon so oft und in so vielen Inszenierungen gesungen, dass er mit diesen Erfahrungen das Regievakuum der aktuellen Produktion leicht auffüllen konnte. Tatsächlich hat Keenlyside vieles von seinem Posa am ROH und der MET mitgenommen, denn da ich beide Aufzeichnungen besitze und schon x-mal angeschaut habe, konnte ich das Puzzle leicht zusammensetzen. Leider hatte er in Ramon Vargas keinen Partner, der sich so auf sein Spiel eingelassen hätte wie Villazón und Alagna, sodass er heute ganze Szenen fast im Alleingang bestreiten musste. Erst in der Sterbeszene ergab sich so etwas wie in stimmiges Miteinander.
Eric Halfvarson blieb als Großinquisitor leider deutlich unter dem Niveau von Pape und Keenlyside. Auch wenn er laut Libretto 90 Jahre alt ist, muss er nicht so klingen…. Nein, zum Fürchten war dieser Inquisitorkardinal nicht wirklich, dafür fehlte es ihm an profunder Tiefe und Schwärze des Timbres.
Dan Paul Dumitresco lieh wieder einmal dem geheimnisumwitterten Mönch seine wohl tönende Stimme – genau wie Vargas war er schon beim französischen „Don Carlos“ in der Konwitschny-Inszenierung mit von der Partie. Diese Rolle liegt ihm wirklich, denn auch sein väterlicher Habitus passt gut zum verkappten Carlo quinto.
Carlos Osuna war als Conte di Lerma und Herold zu hören, und das reichte auch völlig – zumindest mir.
Krassimira Stoyanova gibt mit dieser Serie ihr Debut als Elisabetta und hat damit eine weitere Rolle gefunden, in der sie zu überzeugen weiß. Ihr leuchtender Sopran, der auch so viel Wärme vermittelt, ist, scheint mir, voluminöser geworden, kann sich in der Höhe prächtig entfalten, ohne dass sich ein schriller Beiklang einschleichen würde. Zarte, innige Piani stehen ihr ebenso zur Verfügung wie leidenschaftliche Ausbrüche, sodass Elisabettas große Arie im 4. Akt zu einem der musikalischen Höhepunkte dieses Abends zählt. Leider, auch das weiß man, ist Krassimira Stoyanova keine begnadete Schauspielerin, und wenn sie dann vom Regisseur völlig im Stich gelassen wird wie diesmal, muss man akzeptieren, dass sie die Tragödie der unglücklichen Königin in erster Linie mit vokalen Mitteln gestaltet. Außer konventioneller Gänge und und ebensolcher Gestik hat sie leider nichts anzubieten.
Ich habe schon lange keine wirklich ideale Eboli erlebt, und auch Luciana D’Intino erfüllte meine diesbezüglichen Erwartungen nicht wirklich, kam ihnen aber doch näher als so manche Rollenvorgängerin. Ja, man kann ihre oft unruhige Stimmführung bemäkeln, nicht alle Übergänge klappen geschmeidig, aber Feuer kann man ihr ebenso wenig absprechen wie die „große Röhre“, mit der sie ein eindrucksvolles „O don fatale“ gestaltet. Und das ist wesentlich mehr, als ihre ziemlich schwachbrüstigen Kolleginnen auf meinen beiden DVDs zu bieten haben. Zum Psychogramm der Eboli ist ihr ebenso wenig eingefallen wie Daniele Abbado, aber dafür wird sie auch nicht bezahlt…..
Ileana Tonca machte ihre Sache als Tebaldo gut, sehr gut gefiel mir die Stimme vom Himmel, der Valentina Nafarmita wirklich etwas Schwebend-Überirdisches verlieh.
Der Staatsopernchor konnte sich voll und ganz auf das Singen konzentrieren, denn außer die Sänger einzurahmen wurde ihm szenisch nichts abverlangt, und sein hohes Niveau auch diesmal unter Beweis stellen.
Bei der Radioübertragung hatten mir die Philis unter Franz Welser-Möst sehr gut gefallen und ich konnte die teilweise geäußerte Kritik an ihm nicht ganz nachvollziehen. Da sorgte aber offensichtlich der Tonmeister des ORF für eine ausgewogene Balance zwischen Bühne und Graben, denn live gerieten tatsächlich etliche Stellen viel zu knallig, wurden Sänger gnadenlos zugedeckt, speziell Keenlyside und Vargas. Der eine ließ sich dadurch gottlob nicht zum Forcieren verleiten, der andere leider schon, wodurch seine Höhen an diesem Abend noch problematischer klangen. In den Zwischenspielen bewies Welser-Möst dafür einmal mehr, welch fabelhafter „Ziseleur“ er ist, wie wunderbar er einzelne Instrumente/Gruppen, die man so sonst gar nicht in dieser Form wahrnimmt, hervorheben kann, welche nie gehörten Nuancen er aus der Partitur herauskitzelt. Leider, und das weiß ich schon aus Zürich, ist Welser-Möst dieser Orchesterklang oft wichtiger als die Sänger, die er am ausgestreckten Arm verhungern lässt.
Mein Fazit: Ein neuer „Don Carlo“, der in einem brauchbaren Bühnenbild antiqiertes Stehtheater bietet, dafür aber musikalisch vom Feinsten ist. Allerdings wage ich mir nicht vorzustellen, wie diese Nicht-Inszenierung mit einer 0815-Besetzung funktioniert……
Lg Severina :hello
Billy Budd (20.06.2012, 12:14): Original von schwarzehand Heute Abend springt Brenda Rae als Lucia an der Wiener Staatsoper ein. Es würde mich sehr interessieren, wie sie in Wien beim Publikum ankommt - vielleicht kann ja eine(r) berichten?
Severina hat angekündigt, hinzugehen. Ich denke, ich werde auch kommen. Billy :hello
Billy Budd (20.06.2012, 12:28): Wiener Staatsoper Samstag, den 16. Juni 2012 DON CARLO (italienisch, vieraktig) Giuseppe Verdi
Gestern besuchte ich die erste Reprise der Neuproduktion. Im Gegensatz zur Premiere waren gestern sehr viele Stammbesucher auf dem Stehplatz zu finden. Ramón Vargas hat sich deutlich verschlechtert; auch Dan Paul Dumitrescu hatte einen seiner schwachen Abende. René Pape hat mir besser gefallen, was ich auch von Krassimira Stoyanova, Luciana D`Intino und Eric Halfvarson vermerken kann. Simon Keelyside war nach wie vor hervorragend. Unter den Nebenrollen ist mir Valentina Nafornita positiv aufgefallen; Ileana Tonca ergänzte solide und Carlos Osuna klang ziemlich hohl in der Stimme. Der dirigierende Franz Welser-Möst kann nichts dafür, dass mir diese Oper nicht gefällt. Billy :hello
Billy Budd (20.06.2012, 12:33): Ich habe vergessen, Donna Ellen als Aufseherin zu erwähnen. Sie ist mir weder besonders positiv, noch besonders negativ aufgefallen.
Übrigens: In unserer Inszenierung müssen beim ersten Orchesterschlag zwei schwarze, dünne Vorhänge von der Decke hinunterfallen. Vorgestern haben sie geklemmt und es hat ca. 20 Sekunden gedauert, bis sie herunten waren.
Billy :hello
Billy Budd (20.06.2012, 23:01): Wiener Staatsoper Mittwoch, den 20. Juni 2012 LUCIA DI LAMMERMOOR Gaetano Donizetti
Ich nehme es vorweg: Müsste ich von allen meinen Opernbesuchen die drei besten auswählen, so wäre der heutige gewiss dabei. Ich muss meine Eindrücke noch unbedingt vor der Nachtruhe loswerden, denn das Gebotene war schlicht sensationell. Eine Stehplatzbesucherin, die ich auf ca. 70 Jahre schätze, sagte nach der Vorstellung zu mir, es sei eine der besten Lucias seit langer Zeit gewesen, was ich ihr ohne weiteres glaube. Dass der Stehplatz so schütter besetzt war, ist beinahe eine Schande. Der Schlussapplaus währte viel länger, als üblich (ich habe nicht gestoppt, aber er wird wohl über eine Viertelstunde gedauert haben). Es ist bekannt, dass Brenda Rae nur die dritte Wahl (der Ersatz für den Ersatz) war, doch ihre fulminante Leistung rechtfertigt dies keineswegs. Ich bin beinahe ein bisschen stolz, bei ihrem Wiendebüt dabei gewesen zu sein, denn ich garantiere, dass wir in den kommenden Jahren von der jungen Amerikanerin noch einiges hören werden. Ihr Sopran hat ein wunderbares Timbre und verfügt über genug Lautstärke. Sie füllte die Koloraturen mit Ausdruck und brachte auch schauspielerisch eine hervorragende Darbietung. Dass sie sehr jugendlich wirkte, war selbstverständlich kein Nachteil. Brava! Schade, dass sie derzeit nicht bei uns, sondern in Frankfurt Ensemblemitglied ist. Bis heute war Peter Seiffert mein Lieblingstenor, aber eben hat ihn Piotr Beczala abgelöst. Einen so guten Tenor habe ich überhaupt noch nie gehört. Sein Timbre ist wunderschön und er verfügt sowohl über Schmelz, als auch über Durchschlagskraft. Zu dieser Leistung kann ich nur sagen: „Bravissimo, es geht nicht besser!“. Doch wer glaubt, dass neben diesen beiden exorbitant guten Sängern die anderen blass blieben, irrt: Dass mich das Timbre von Marco Caria an das Leo Nuccis erinnert, habe ich schon einmal festgestellt. Caria erbrachte eine sehr gute Leistung (auch wenn er im ersten Bild zu sehr an der Rampe klebte), was auch Sorin Coliban als Raimondo tat, auch wenn er ein wenig mehr Stimme gab, als notwendig gewesen wäre. Ho-yoon Chung habe ich noch nie so gut gehört – sein Arturo war von guter Qualität. Ferner ließ Peter Jelosits als Stichwortbringer keinen Wunsch offen und Juliette Mars fiel kaum auf. Guillermo García Calvo (der Ersatz für Bruno Campanella) ruinierte wider Erwarten nichts, sondern entpuppte sich als solider Taktschläger. Martin Schebesta hat den Chor gut einstudiert. Bitte entschuldigt, dass sich das alles sehr undifferenziert liest; ich muss meine Eindrücke wohl erst ordnen. Die Vorstellung am 30. Juni wird in Ö1 übertragen – das sollte sich niemand entgehen lassen. Ich freue mich schon riesig auf die drei nächsten Aufführungen und kann es kaum erwarten, Severinas Bericht zu lesen.
Billy :hello
P.S./EDIT: Vielleicht sollte noch erwähnt werden, dass die Turmszene dankenswerterweise nicht gestrichen wurde.
Severina (21.06.2012, 00:37): 34 Jahre blicke ich nun schon auf das düstere Schloss derer von Lammermoor, bin Gast in ihrem holzgetäfelten Festsaal und steige mit Edgardo hinunter zu den Gräbern seiner Ahnen. Die Lucia ist ein weiterer Oldtimer in unserem Repertoire, der mich mein ganzes bisheriges Opernleben begleitet hat. Der Programmzettel nennt Boleslaw Barlog als Regisseur, aber worin dessen Konzept einmal bestanden hat, kann man nur mehr erahnen. Natürlich kann auch in einem traditionellen Bühnenbild lebendige Oper stattfinden, wenn die Chemie zwischen den Sängern stimmt und sie bereit sind, nicht nur ein Fest der schönen Stimmen, sondern auch Musiktheater zu bieten. So einen Glücksfall bescherte uns die heutige Vorstellung. Wobei "lebendig" natürlich relativ ist, aber verglichen mit den statischen und oft wirklich langweiligen "Lucia di Lammermoors" der letzten Jahre kann man die heutige ruhig so bezeichnen.
Eigentlich hätte heute mein Dreamteam auf der Bühne stehen sollen: Piotr Beczala und Diana Damrau, aber die Sopranisten sagte die ersten beiden Vorstellungen krankheitsbedingt ab. Auch der ursprünglich vorgesehene Ersatz warf das Handtuch, sodass uns sehr kurzfristig eine mir völlig unbekannte Sängerin, Brenda Rae, als Lucia offeriert wurde. Nun, die Amerikanerin war keineswegs nur 3. Wahl, sondern entpuppte sich im Gegenteil als ganz ausgezeichnete Lucia und durfte bei ihrem Debut an der WSO einen großen Erfolg feiern. Seit Edita Gruberova ihre Paraderolle zurückgelegt hat, habe ich keine so fabelhafte Lucia mehr gehört. Brenda Rae besitzt keine große, aber sehr tragfähige Stimme, wie ich von meinem akustisch eher ungünstigen Platz in der 3. Reihe Loge feststellen konnte. Selbst sehr fragil gestaltete Koloraturen in der Wahnsinnsarie erreichten klar und deutlich mein Ohr. Frau Rae begann etwas vorsichtig, wie mir schien, aber die große Zustimmung schon nach ihrer Auftrittsarie verlieh ihr die nötige Sicherheit, ab nun Vollgas zu geben und vor allem die Spitzentöne sehr pointiert zu setzen. Dass nicht alles 100%ig gelang, in der Wahnsinnsarie ein paar Töne ein wenig verrutschten, sei nur der Vollständigkeit halber angeführt, es schmälert nicht die exzellente Leistung der Sopranistin. Ihr Timbre ist an sich nicht spektakulär, aber sehr angenehm, mit einem silbrigen Touch. Vor allem zeichnet sich die Stimme durch eine große Beweglichkeit aus, die ihr besonders in der Wahnsinnsarie wunderschöne und vor allem glasklare Koloraturkaskaden ermöglichte. Aber da war nichts leere Artistik, jede Phrase war tief empfunden. Hier zog Frau Rae das Publikum so in ihren Bann, dass es beinahe so mucksmäuschenstill war wie bei den legendären Gruberova-Auftritten. Großer Szenenapplaus und viele Bravi belohnten diese ausgezeichnete Interpretation. Aber auch schauspielerisch konnte Brenda Rae voll punkten. Sie bewegt sich sehr natürlich auf der Bühne, setzte auch in der Wahnsinnsarie nicht auf große Theatralik, sondern eher kleine Gesten. Überhaupt waren es diese kleinen Gesten, die mir von Anfang an so gefielen, weil sie damit mehr ausdrückte als mit raumgreifendem Aktionismus. Sie hat auch gottlob kein Problem mit Körperkontakten, weshalb das Duett im ersten Akt statt der üblichen dramatischen (aber trotzdem meist unsinnlich wirkenden) Umarmungen viele kleine zärtliche Berührungen enthielt und mich daher viel mehr ergriff als sonst. Ich hoffe jedenfalls sehr, dass die Direktion der WSO diese famose Einspringerin in Zukunft als erste Wahl in Betracht zieht!!
Obwohl sich Brenda Rae und Piotr Beczala wahrscheinlich sehr kurzfristig über ihre Rollenauffassungen verständigen mussten - erst gestern wurde die 2. Umbesetzung der Lucia bekannt gegeben - harmonierten sie auf der Bühne ausgezeichnet miteinander. Der oft etwas steife Pole wirkte im Zusammenspiel mit ihr locker wie schon lange nicht, ging auf alle ihre Ideen ein und nahm diese Spielfreude auch in die Szenen mit Enrico & Co mit. Stimmlich präsentierte sich Beczala in exzellenter Verfassung, er konnte alle Vorzüge seines prachtvollen Materials voll ausspielen, legte ein fulminantes "Tomba degli avi miei" hin, diesmal ohne jede Ermüdungserscheinungen wie bei seinem letzten Antreten als Edgardo in Wien. (Was ich an Beczalas Tenor so liebe, habe ich anlässlich seines Züricher Riccardo ausführlich dargelegt, ich will hier niemanden mit Wiederholungen langweilen! :D)
Edgardos Gegenspieler Enrico wurde von Marco Caria verkörpert, der damit sein Rollendebut an der WSO gab. Tut mir Leid, aber mir gefällt Carias Stimme einfach nicht. Die Mittellage tönt ja noch ganz schön, aber in den höheren Regionen mengt sich ein rauer, trockener Beiklang dazu, und da der Sänger ohnehin zum Forcieren neigt, überwiegen bei mir diese negativen Eindrücke. Allerdings, und damit hat mich Caria heute etwas versöhnt, ist er ein wirklich engagierter Darsteller, der ähnlich wie Brenda Rae mit vielen kleinen, aber stimmigen Gesten neue Akzente setzte. Üblicherweise stehen unsere Enricos einfach da und singen ihren Part herunter, so gestaltungsfreudig wie Caria sind die wenigsten. Er lieferte eine feine Charakterstudie dieses Bruders, der seine Schwester opfert, um seine Stellung bei Hof zu retten, weil er ihn nicht nur als skrupellosen Schuft anlegt, sondern dazwischen auch menschliche Regungen aufblitzen lässt (So wenn er der über den scheinbaren Verrat des Geliebten völlig gebrochenen Lucia beinahe, aber eben nur beinahe den Kopf streicheln will.).
Ho-yoon Chung sang diesen Retter, Lord Arturo, und entledigte sich seiner Aufgabe mit Anstand. Der etwas gequetscht klingende Tenor ist nicht so ganz mein Fall, aber ich habe schon schlimmere Arturos gehört.
Sorin Coliban, der Raimondo des Abends, besitzt zweifellos eine imposante Stimme, aber warum muss er derart aufdrehen? Dieses raubeinige Poltern passte zwar großartig zur Hochzeitsfeier, wo er seine ganze Autorität als Priester in die Waagschale werfen muss, um ein Gemetzel zu verhindern, aber ganz bestimmt nicht in die Szene mit Lucia, wo er eigentlich als (wenn auch falscher) väterlicher Freund auftritt, um sie auf die Verbindung mit Arturo einzuschwören. Da müsste seine Stimme doch weich und sanft strömen - aber nein, Coliban brüllt auch da alles in Grund und Boden.
Peter Jelosits (Normanno) und Juliette Mars (Alisa) komplettierten mit zufriedenstellenden Leistungen das Ensemble.
Guillermo Garcia Calvo sorgte im Graben immerhin für einen pannenfreien Ablauf, irgendwelche Akzente vermochte er nicht zu setzen. Belcantohasser wird er mit diesem Dirigat jedenfalls nicht bekehrt haben....
Mein Fazit: Ein großartiges Liebespaar macht diese "Lucia di Lammermoor" zum Erlebnis, die übrige Besetzung bemüht sich wacker mitzuhalten!
lg Severina :hello
Severina (21.06.2012, 10:36): Original von Billy Budd
Ich nehme es vorweg: Müsste ich von allen meinen Opernbesuchen die drei besten auswählen, so wäre der heutige gewiss dabei. Ich muss meine Eindrücke noch unbedingt vor der Nachtruhe loswerden, denn das Gebotene war schlicht sensationell. Billy :hello Aber hallo , diese Begeisterung über eine Belcanto-Oper??? :W Da staune ich jetzt aber, denn ich war überzeugt, Du würdest schreiben, dass Du Dich furchtbar gelangweilt hättest :ignore Es freut mich jedenfalls, dass Du für Donizetti noch nicht ganz verloren bist! Leider bin ich die nächsten Tage nicht in Wien, aber vielleicht schaffe ich die letzte Lucia, denn auch Beczala alleine lohnt den Besuch. Ich bin wirklich froh, dass er seine Krankheit (In Zürich musste er ja dann einen Ballo absagen) so vollständig auskuriert hat.
lg Severina :hello
schwarzehand (21.06.2012, 10:48): Na, das freut mich aber, dass "unsere" (ich bin Stammbesucher der Oper Frankfurt) Brenda Rae auch in Wien so einen großen Erfolg verbuchen konnte. Ihre Lucia-Premiere hier in Frankfurt zählte für mich zu den großen Sternstunden der Oper!
Severina (21.06.2012, 10:57): Und ich beneide die Oper Frankfurt um ein solches Ensemblemitglied!! :down
lg Severina :hello
Billy Budd (21.06.2012, 13:25): Original von Severina Original von Billy Budd
Ich nehme es vorweg: Müsste ich von allen meinen Opernbesuchen die drei besten auswählen, so wäre der heutige gewiss dabei. Ich muss meine Eindrücke noch unbedingt vor der Nachtruhe loswerden, denn das Gebotene war schlicht sensationell. Billy :hello Aber hallo , diese Begeisterung über eine Belcanto-Oper??? :W Da staune ich jetzt aber, denn ich war überzeugt, Du würdest schreiben, dass Du Dich furchtbar gelangweilt hättest :ignore Es freut mich jedenfalls, dass Du für Donizetti noch nicht ganz verloren bist! Leider bin ich die nächsten Tage nicht in Wien, aber vielleicht schaffe ich die letzte Lucia, denn auch Beczala alleine lohnt den Besuch. Ich bin wirklich froh, dass er seine Krankheit (In Zürich musste er ja dann einen Ballo absagen) so vollständig auskuriert hat.
lg Severina :hello
Ob Du es glaubst, oder nicht: Die Lucia ist eine der wenigen Belcanto-Opern, die ich nie langweilig finde. Donizettis Liebestrank gehört übrigens zu meinen Lieblingsopern! Was ich mir aber zu 99,9 Prozent nie wieder anschauen werde, sind Sonnambula, Anna Bolena und Roberto Devereux.
Allerdings hätte ich gestern um die selbe Zeit nicht geglaubt, dass ich alle Vorstellungen dieser Lucia-Serie besuchen werde.
Billy :hello
Billy Budd (21.06.2012, 13:26): Original von Severina Und ich beneide die Oper Frankfurt um ein solches Ensemblemitglied!! :down
lg Severina :hello
Ich auch!! Billy :hello
schwarzehand (21.06.2012, 16:19): Wurde die Wahnsinnsarie denn von einer Glasharmonika begleitet?
Severina (21.06.2012, 17:09): Original von schwarzehand Wurde die Wahnsinnsarie denn von einer Glasharmonika begleitet?
Nein, die war bei uns nur einmal im Einsatz, nämlich bei der Serie mit Netrebko. Das war sehr raffiniert von ihr (und der damaligen Direktion!), denn durch die doch ganz andere Atmosphäre durch die Glasharmonika und vor allem die Neugierde des Publikums auf dieses "exotische" Instrument war die allgemeine Aufmerksamkeit doch etwas abgelenkt von den Koloraturen der Russin :wink (Trotzdem hat mir Netrebko auf ihre Art gefallen, aber nur als einmaliges Experiment, denn natürlich ist sie kein Koloratursopran und damit keine ideale Lucia!)
lg Severina :hello
Billy Budd (21.06.2012, 23:30): Wiener Staatsoper Donnerstag, den 21. Juni 2012 ELEKTRA Richard Strauss
Die heutige "Elektra" war sehr erfreulich. Linda Watson hat sich sehr gesteigert, was auch von Anne Schwanewilms zu sagen ist. Die Leistung von Agnes Baltsa ist konstant geblieben. Albert Dohmen hat ihm Orest seine bisher beste Wiener Rolle gefunden, was aber nicht als allzu großes Kompliment zu verstehen ist. Dankbar wäre ich ihm gewesen, hätte er den Aegisth fünf Minuten früher umgebracht, denn die Darbietung von Herbert Lippert war heute nicht staatsopernreif. Überraschend gut war übrigens Benedikt Kobel als junger Diener. Simone Young dirigierte sehr schnell, was mir sehr gut gefiel. Das Orchester spielte sehr gut. Auch heute klemmte wieder zu Beginn der Vorhang.
Billy :hello
Fairy Queen (22.06.2012, 08:43): Ihr habt mich nun serh neugieirg auf diesen amerikanischen Stern am Koloraturenhimmel gemacht und ich habe mich mal auf youtube umgehört, leider gibt es nicht viel bzw ich habe es nciht gefunden. Die Olympia aus" Les Contes de Hoffmann" konnte ich hören und sehen und es wundert mich, dass niemand noch etwas zu densehr eindrucksvollen aussersängerischen Qualitäten gesagt hat. :D Wenn das mal keine( wie mir scheint um Klassen bessere!) Anna Netrebko in der Publikumsgunst wird!
Strahlende Stimme Super koloraturtechnik und dazu eine erscheinung die man in jeder Inszeneirung aufs schônste dekorieren und agieren lassen kann. Wie sie die superschwieirge Olympia-Arie tanzend bewältigt ist schon ziemlich sensationell, ich kann jedenfalls Sevis Begeisterung voll nachvollziehen und Billies prophetische Freude, bei dieser Premiere dabeigewesen zu sein, ebenso. :down F.Q.
schwarzehand (22.06.2012, 10:18): ...ihr hättet sie mal als Konstanze oder Violetta hören müssen! :haha
schwarzehand (26.06.2012, 10:12): Brenda Rae wird auch in den kommenden zwei Vorstellungen die Lucia singen.
Billy Budd (26.06.2012, 15:00): Original von schwarzehand Brenda Rae wird auch in den kommenden zwei Vorstellungen die Lucia singen.
Ah, das ist natürlich sehr gut! Weniger gut ist, dass auch Caria für den Mittwoch abgesagt hat und Kai einspringt.
Damrau war vorgestern übrigens sehr gut; mein Bericht kommt in Kürze.
Original von Billy Budd Allerdings hätte ich gestern um die selbe Zeit nicht geglaubt, dass ich alle Vorstellungen dieser Lucia-Serie besuchen werde. Ich muss mch leider korrigieren; am Mittwoch wird es wahrscheinlich nix. Da bin ich nämlich am Vormittag in Carnuntum (Schulausflug), am Nachmittag hab ich was vor und dann vermutlich keine Lust, mich in eine Belcanto-Oper zu schleppen - aber schaun wir mal.
Billy :hello
Billy Budd (26.06.2012, 15:24): Wiener Staatsoper Sonntag, den 24. Juni 2012 LUCIA DI LAMMERMOOR Gaetano Donizetti
Sehr erfreulich war die vorgestrige „Lucia“, obgleich mir die vorherige Vorstellung ein wenig besser gefallen hat. Ursprünglich war Diana Damrau für alle Vorstellungen vorgesehen. Aufgrund ihrer Schwangerschaft rechneten viele mit einer Absage. Für die ersten beiden Vorstellung kam auch eine solche. Die Einspringerin (die mir unbekannte Hibla Gerzmava) setzte ebenfalls aus, wodurch Brenda Rae zu ihrem Wiendebüt kam. Offensichtlich konnte für vorgestern kein Ersatz gefunden werden, weswegen die Damrau quasi für sich selbst einsprang. Die restlichen sagte sie wieder ab – folglich hat sie nur die eine Vorstellung gesungen, die sie erst abgesagt hat. Wie auch immer; nach dem zweiten Bild ließ sie sich ansagen, was auch der Grund sein könnte, dass ihr nicht alles lupenrein gelang. Ich hörte eine Künstlerin, welche die Partie mit Vorsicht anging. Ich kann das nicht beurteilen, aber eine Bekannte sagte mir, dass sie mehrere hohe Töne geschmissen habe. Das ist aber Kritisieren auf hohem Niveau; sie war auch so eine exzellente Lucia. Ähnliches lässt sich auch über Piotr Beczala sagen. Auch wenn er wahrscheinlich der derzeit weltbeste Interpret des Edgardo ist, machten ihm kleinere Höhenschwierigkeiten zu schaffen. Ich glaube nicht, dass Sorin Coliban hier mitliest, aber irgendjemand muss ihm gesagt haben, dass er in der ersten Vorstellung nicht so viel hätte brüllen müssen. Diesen Ratschlag nahm er sich offenbar zu Herzen. Mit weich strömendem Bass hinterließ er eine ungleich bessere Wirkung. Bezüglich Marco Caria, Ho-yoon Chung, Peter Jelosits, Juliette Mars und Guillermo García Calvo verweise ich auf meinen letzten Bericht.
Billy :hello
Billy Budd (26.06.2012, 15:47): Wiener Staatsoper Montag, den 25. Juni 2012 ELEKTRA Richard Strauss
Gähnende Leere herrschte in den beiden anderen Vorstellungen. So war meine Verwunderung nicht gering, als die Stehplätze gestern bummvoll waren. Dennoch bin ich froh, dabei gewesen zu sein, denn die Aufführung verlief sehr gut. Linda Watson war in Hochform – als Elektra ist sie derzeit höchstwahrscheinlich konkurrenzlos. Das ihre Stimme ein leichtes Flackern aufweist und die Wortdeutlichkeit ein wenig ausbaufähig wäre, tat der exzellenten Leistung keinen Abbruch. Schien es in den ersten Vorstellungen noch, als wäre sie für das Haus etwas zu klein, war gestern davon nichts zu bemerken. Schade, dass sie nächste Saison nicht in Wien zu hören sein wird. Die Chrysothmis ist eine extrem schwierige Partie, für die Anne Schwanewilms eine sehr gute Besetzung darstellt, wenn auch das „Weiberschicksal“ diesmal etwas weniger strahlend, als Donnerstag (als sie übrigens ihren letzten Einsatz beinahe verpasste), erklang. Wie auch am Donnerstag war ich mir ihr sehr zufrieden. Agnes Baltsa entledigte sich ihrer Aufgabe mit Anstand; ich verweise auf meinen Bericht vom 19. Juni. Von Albert Dohmen habe ich bis vor kurzem nur indiskutable Darbietungen (Tomski, Komtur, Holländer, Pizarro, Wotan/Wanderer, Mephisto) erlebt, aber – man sollte es nicht für möglich halten – sein Orest war von guter Qualität. Besonders positiv ist seine Wortdeutlichkeit und der immerhin unternommene Versuch zur Gestaltung zu vermerken. Ich hätte gar nichts dagegen, ihn wieder als Orest zu erleben. Wenn er Aegisth schon aus dem Ensemble besetzt werden muss, warum mit Herbert Lippert? Am liebsten würde ich über ihn den Mantel des Schweigens breiten, aber das ist in einem Bericht nicht möglich. Für diese Rolle ist ein etwas ausgesungener Heldentenor (notfalls ein Charaktertenor) vonnöten – Lippert war mit seiner Mozartstimme fehl am Platz. Ist es zu viel verlangt, dass ein Sänger den Text und die Noten (er konnte nämlich weder das eine, noch das andere) lernt, bevor er sich auf die Staatsopernbühne begibt? Dankenswerterweise war er ohnehin sehr leise unterwegs, so dass er die Aufführung nicht völlig ruiniert hat. Über Benedikt Kobel, der die kleine, aber sehr wichtige Rolle des jungen Dieners grauenhaft falsch sang, will ich mich lieber nicht näher äußern. Unter den Nebenrollen stach Marcus Pelz (alter Diener) positiv, aber Janusz Monarcha (Pfleger des Orest) negativ hervor. Durchaus solide waren die Leistungen von Simina Ivan, Aura Twarowska, Donna Ellen, Monika Bohinec, Aura Twarowska, Stephanie Houtzeel, Elisabeta Marin und Christina Carvin. Simone Young erwies sich auch gestern als hervorragender Dirigent. Das Publikum vermochte diese sehr guter Repertoirevorstellung mit langem Applaus entsprechend zu honorieren.
Billy :hello
Maggie (27.06.2012, 19:12): Hallo zusammen,
jetzt bin ich endlich dazu gekommen Eure Berichte vom Don Carlo zu lesen. Ich war wirklich sehr gespannt wie diese ausfallen würden. Wenn ich es richtig gelesen habe, kann ich von Glück reden, dass ich erst im September in Wien sein werde. Ich werde Alagna und nicht Vargas als Carlos hören und sehen. Ehrlich gesagt dachte ich bis eben: Lieber einen weniger begnadeten Schauspieler, als Einen dessen schauspielerische Leistungen mir persönlich zu übertrieben und selbstgefällig sind. Wenn allerdings die sanglichen Leistungen nicht zufriedenstellend sind, nützt auch alle schauspielerische Qualität nichts, egal wie gut oder schlecht diese auch sein mögen. Freunde dieses Talents scheinen bei dieser Inszenierung nicht recht auf ihre Kosten zu kommen. Wie dem auch sei, vorallem freut mich Eurer Lob für Simon Keenlyside. Jetzt fiebere ich natürlich noch mehr meiner Reise nach Wien Anfang September entgegen.
LG
Maggie
Billy Budd (27.06.2012, 19:14): Hallo Maggie, schön, dass Du nach Wien kommst, um Dir den Don Carlo anzuschauen. Hast Du in dieser Zeit auch noch andere Vorstellungen eingeplant? Billy :hello
Billy Budd (28.06.2012, 00:08): Ich war nicht drinnen, aber, wenn man der Frau Wagner im Neuen Merker Glauben schenken darf - was aber in der Regel keine gute Idee ist - soll die Vorstellung suboptimal verlaufen sein. Link
Morgen (eigentlich schon heute) werde ich herumfragen, was wirklich los war.
Im Übrigen hat nicht Caria (wie fälschlicherweise vermerkt), sondern Kai den Enrico gesungen.
Billy :hello
Billy Budd (29.06.2012, 12:49): Wiener Staatsoper Donnerstag, den 29. Juni 2012 ELEKTRA Richard Strauss
Von vier "Elektra"-Vorstellungen war die dritte am besten. Gestern wirkten besonders die Damen schon ein wenig ausgelaugt. Linda Watson (mit schwachem Beginn, aber deutlicher Steigerung) war dennoch eine ausgezeichnete Elektra und Agnes Baltsa eine anständige Klytämnestra. Anne Schwanewilms blieb achtbar, vermochte aber ihre fabelhafte Leistung nicht zu wiederholen. Der Orest ist wohl die beste Rolle von Albert Dohmen. Reif zum Ausbuhen waren Herbert Lippert (er sang beinahe jeden Ton falsch und war auch sonst mies - in dieser Serie habe ich kein ihm geltendes Bravo gehört) und Benedikt Kobel. Das Dirigat von Simone Young hat mir wieder gut gefallen, auch wenn das Orchester teilweise ziemlich plump spielte. Das Herunterreißen des Vorhangs zu Beginn funktionierte auch gestern nicht, was für einige Heiterkeit sorgte. Obgleich die Besetzung der September-Serie (Polaksi, Denoke, Baltsa, Anger, Ernst, Jelosits; Young) nicht besonders gut ist, freue ich mich schon auf sie.
Billy :hello
Severina (30.06.2012, 21:17): Meine Hochachtung vor dem gesamten Ensemble der "Lucia di Lammermoor", die gerade live übertragen wird! In Wien hatten wir heute mit 37,7° (Auf meiner Loggia hat's jetzt, um 21 Uhr 20, noch immer 34°) den heißesten Junitag seit ca. 150 Jahren (Dem Beginn der Wetteraufzeichnungen), ich konnte mich nicht einmal dazu aufraffen, zur Live-Übertragung auf den HvK-Platz zu gehen, weil jede Bewegung Schweißausbrüche auslöst. Und Rae, Beczala, Caria & Co singen in ihren dicken historischen Kostümen, unter Scheinwerfern, in einer WSO ohne Klimaanlage! Ich möchte dort jetzt nicht einmal Zuschauer sein, geschweige denn auf der Bühne stehen. Ich hätte es verstanden, wenn heute das Turmbild gestrichen worden wäre,aber nein, alle legen sich voll ins Zeug und erbringen eine unter diesen Extrembedingungen großartige Leistung! Hut ab!
lg Severina :hello
Billy Budd (30.06.2012, 23:16): Wiener Staatsoper Samstag, den 30. Juni 2012 LUCIA DI LAMMERMOOR Gaetano Donizetti
Es ist wirklich zum Verrücktwerden: Ö1 überträgt fast immer die erste Vorstellung einer Serie, die meist die schlechteste ist. Dann wird endlich einmal die letzte übertragen und mir passt es wieder nicht. Es war leider eine deutliche Qualitätssinkung zu bemerken, was aber auch an der Hitze gelegen haben könnte. An der Leistung von Brenda Rae hat sich aber nichts verändert – sie war eine hervorragende Lucia; bitte lest alles weitere in Severinas und meinem Bericht vom 20. Juni nach. Piotr Beczala hingegen lieferte eine für seine Verhältnisse katastrophale Leistung ab. Damit meine ich, dass er dennoch sehr gut war, aber in der ersten Vorstellung zeigte er, was er wirklich kann. Gestern hatte er jedoch schon in der Mittellage einen leichten Wackler; von der Höhe ganz zu schweigen. Dank guter Technik rettete er sich dann noch mit Ach und Krach durch die Vorstellung. Marco Caria agierte zufriedenstellend. Über Sorin Coliban wurde kräftig geschimpft („der gehört nicht einmal in einen Kirchenchor“ u.ä.), was ich nur teilweise nachvollziehen konnte. Jedenfalls hatte er nicht seinen besten Tag. Ho-yoon Chung trat für längere Zeit zum letzten Mal an unserem Haus auf und entledigte sich der undankbaren Rolle des Arturo mit Anstand. Peter Jelosits und Juliette Mars ergänzten in kleinen Rollen zufriedenstellend. Guillermo García Calvo zerhaute das erste Bild nach Kräften und erwies sich auch dann nicht als meisterhaft, aber das ist mir bei dieser Oper eigentlich egal. Chor (Leitung: Martin Schebesta) und Orchester machten Dienst nach Vorschrift. Sommerpause!! Diese Zeit lässt sich natürlich nur unter dem exzessiven Einsatz von Tonkonserven aushalten! :cool
Billy :hello
Billy Budd (01.07.2012, 11:47): Ich habe eben im Thread "Empfehlenswerte Youtube-Schipsel aus den Opernhäusern" auf zwei dieser Serie aufmerksam gemacht. Auch wenn die Bildqualität zu wünschen übrig lässt, ist der Ton sehr gut, weswegen es sich allemal lohnt, sie anzusehen.
Das nur, damit Nicht-Wiener sich selbst ein ungefähres Urteil bilden können. Die Meinungen sind nämlich geteilt.
Übrigens war auch gestern Peter Skorepa vom "Merker" (ein lesbarer Rezensent) in der Oper und hat eine Kritik verfasst, aus der ich einen Teil zitieren möchte:
Nun macht gerade ein Sängerersatz in einer großen Rolle unser Repertoiresystem spannend, auch für Brenda Rae war ihr Wiener Einsatz ein größerer Sprung in ihrer Karriere und eine interessante Erweiterung ihres künstlerischen Lebenslaufes, ob aber die tollen Kritiken, die sie bei uns eingeheimst hat, auch berechtigt waren, lässt sich nur mit dem Einspringbonus erklären. Tatsächlich trat da am 30.6. eine noch nicht ausgereifte Sängerin an, die bis zur Pause eine durchaus passable jugendlich-dramatische Stimme zeigte, in ihrer großen Szene jedoch mit merklich gedrosseltem Stimmeinsatz und unsauberen, etwas klirrenden Höhen den Wahnsinn nicht so ganz zum Erblühen brachte. Auch mit der Darstellung dieses Wahnsinns hatte sie hinsichtlich der Glaubwürdigkeit ihre Probleme, wobei natürlich regieliche Einflüsse aus anderen Inszenierungen eine Rolle spielen könnten. Die Sängerin wird sicher ihre Karriere machen – da ihre Bühnenerscheinung jedenfalls sehr gut ist – ob es weiterhin das Koloraturfach sein wird, wage ich zu bezweifeln.
Billy :hello
P.S.: Hat noch wer die Radioübertragung gehört?
Billy Budd (01.07.2012, 11:51): Liebe Severina, schade, dass Du nicht in die Oper kommen konntest! Ich bin diesbezüglich übrigens ganz anders, wie Du. Gestern war ich gar nicht sommerlich anzogen und mich haben einige gefagt, wie ich das aushalten könne. Allerdings ist mir im Winter dann mehr kalt, als anderen.
Was mich interessieren würde: Wie haben Dir im Radio Beczala und Coliban gefallen? Wie meinem Bericht zu entnehmen ist, war ich von ihnen enttäuscht, obwohl ich sie zu meinen Lieblingssängern zähle.
Billy :hello
Severina (01.07.2012, 12:29): Lieber Billy, live und Radio ist imer sehr unterschiedlich, weil die Mikros den Ton natürlich ganz anders aufnehmen als z.B. ein Zuschauer auf der Galerie. Da klingen Stimmen oft viel kräftiger als live. Deshalb bin ich auch immer skeptisch bei der Beurteilung von Stimmen, die ich nur von Konserven her kenne. Bei der Lucia-Serie habe ich beides erlebt und weiß daher, was die Sänger drauf haben. Nun, Beczala hatte gestern sicher nicht seinen besten Tag, aber seine Leistung als katastrophal zu bezeichnen, geht nun wirklich nicht. Ich wünschte, wir könnten an der WSO öfter solche "Katastrophen" erleben!! Coliban war mir wie schon am 20. zu laut und ruppig unterwegs, Brenda Rae fand ich in Ordnung. Was die Unsicherheiten in der Wahnsinnsarie betrifft, so ist das vielleicht auch dadurch zu erklären, dass sie die Sängerin, wie sie in einem Pauseninterview erzählte, bisher immer nur in Begleitung mit der Glasharmonika gesungen hat und man bei der Flöte viel exakter intonieren muss. (Deshalb hat ja die Netrebko, die nun wirklich keine Koloraturqueen ist, die Glasharmonika vorgezogen, die so manches ein wenig verwischt...)
Und noch einmal: In Wien hatte es gestern 37,7°, auf der Bühne sicher weit über 40° (In Zürich wurden einmal 51° auf der Bühne gemessen, wie mir meine Chorfreunde erzählten!), ich bewundere jeden Sänger, der unter diesen Bedingungen eine halbwegs gute Leistung erbringt, und das gestern war wesentlich mehr als halbwegs gut, zumindest klang es am Radio so. Ich wäre schlicht und einfach umgefallen....
lg Severina :hello
PS: Und was die Skorepa-Kritik betrifft, so ärgert mich zweierlei: Erstens der "Einspringerbonus", der für die guten Kritiken verantwortlich sein soll, der aber seltsamerweise bei anderen Einspringern nicht zum Tragen kommt (Wohlwollen ja, aber nicht Begeisterung) und zweitens der völlig überflüssige Hinweis, Brenda Rae würde aufgrund ihrer körperlichen Vorzüge ganz sicher Karriere machen. Solche Bemerkungen bringen mich immer auf 100, denn was soll das? Offensichtlich ist gutes Aussehen für Sänger heutzutage wirklich ein "Don fatale", weil sie dann als Künstler nicht mehr ernst genommen werden. Abgesehen davon, dass ich Frau Rae nicht unbedingt als Schönheit empfinde, aber das sieht ein Mann vermutlich anders. (Eine wirkliche Schönheit ist für mich z.B. Elina Garanca. Die hat aber das Glück, eine so außergewöhnliche Stimme zu besitzen, dass sie nicht Gefahr läuft, auf ihr Äußeres reduziert zu werden!)
Billy Budd (01.07.2012, 12:34): Liebe Severina, ich habe Beczalas gestrige Leistung nicht als "katastrophal" bezeichnet, sondern als "für seine Verhältnisse katastrophal" und auch gleich danach erklärt, was ich meine. Aber nichtsdestotrotz bewundere ich wie Du Sänger, die auch bei solcher Hitze halbwegs gut singen. Billy :hello
Billy Budd (01.07.2012, 12:48): Original von Severina PS: Und was die Skorepa-Kritik betrifft, so ärgert mich zweierlei: Erstens der "Einspringerbonus", der für die guten Kritiken verantwortlich sein soll, der aber seltsamerweise bei anderen Einspringern nicht zum Tragen kommt (Wohlwollen ja, aber nicht Begeisterung) und zweitens der völlig überflüssige Hinweis, Brenda Rae würde aufgrund ihrer körperlichen Vorzüge ganz sicher Karriere machen. Solche Bemerkungen bringen mich immer auf 100, denn was soll das? Offensichtlich ist gutes Aussehen für Sänger heutzutage wirklich ein "Don fatale", weil sie dann als Künstler nicht mehr ernst genommen werden. Abgesehen davon, dass ich Frau Rae nicht unbedingt als Schönheit empfinde, aber das sieht ein Mann vermutlich anders. (Eine wirkliche Schönheit ist für mich z.B. Elina Garanca. Die hat aber das Glück, eine so außergewöhnliche Stimme zu besitzen, dass sie nicht Gefahr läuft, auf ihr Äußeres reduziert zu werden!)
Ich bin LEIDER der Meinung, dass es HEUTE notwendig ist, ein gutes Aussehen zu besitzen, um Karriere zu machen. Zum Beispiel hat Janina Baechle mE eine der besten Mezzostimmen unserer Tage, aber sie ist weit weniger bekannt, wie andere, was nur an ihrem Gewicht liegen kann. Und wenn man sich die äußeren Merkmale der v.a. weiblichen Wiener Neuzugänge anschaut, ist ganz klar, wie unser Direktor tickt. Auch wenn Du mich jetzt lynchen wirst, aber ich denke auch, dass die Beliebteheit Kaufmanns zu einem nicht geringen Teil auf seinem Aussehen beruht. Oder auch dass ein Erwin Schrott so bekannt ist, kann nicht an seiner Stimme liegen.
Aber das wäre mal einen eigenen Thread wert.
Garanca mag ich übrigens auch. Ihr Octavian kann derzeit wohl kaum übertroffen werden.
Billy :hello
Heike (01.07.2012, 13:30): Aber das wäre mal einen eigenen Thread wert.
zu diesem Thema siehe auch hier: Was braucht man, um als Opernsänger Karriere zu machen?
Heike
Billy Budd (01.07.2012, 14:43): Danke für den Hinweis; in diesem Thread werde ich mich in den nächsten Tagen ein bisschen umsehen! Billy :hello
Severina (01.07.2012, 22:44): Lieber Billy, wenn Du Deinen obigen Beitrag in den richtigen Thread hinüberbeamst, werde ich gerne darauf eingehen, hier würde es den Rahmen sprengen! lg Severina :hello
Billy Budd (01.07.2012, 22:49): Original von Severina Lieber Billy, wenn Du Deinen obigen Beitrag in den richtigen Thread hinüberbeamst, werde ich gerne darauf eingehen, hier würde es den Rahmen sprengen! lg Severina :hello
Ich kopiere am besten die letzten Beiträge hinüber. Schön, dass Du darauf eingehen willst! Billy :hello
Hyacinth (03.09.2012, 07:55): So, dann folge ich Billy und kopiere das zum Saison-Auftakt hier rein! :D
Ich komme eben vom Tag der offenen Tür in der Wiener Staatsoper. Mag für den Opernfan nicht aufregend klingen, es wimmelt nur so von Touristen und Kindern, die während der Choraufführung reden, aber für mich war es ein wunderschöner Auftakt in die Saison. Zum ersten, weil ich meine heißgeliebte Staatsoper, die schon immer mein zweites Wohnzimmer war - früher anders als heute, leider - endlich wieder von "hinter der Bühne" erleben konnte (in dem Fall Klavierprobe vom Finale des 1. Akts von "L'elisir d'amore"). Ich war wirklich traurig, wie ich dann wieder zurückkehren musste in den Zuschauerraum. Die Technikshow zum Schluss war gelungen, witzig und überhaupt nicht so formell, wie es sonst in der Oper zugeht. Bis auf Srameks bissige Seitenhiebe auf Holender (Wieso wird er dauernd erwähnt, wenn die Leute ihn nicht mochten sollen sie froh sein, dass sie jetzt einen anderen haben, jetzt kann er ihnen dich egal sein?!) war dieser Höhepunkt wirklich ein Genuss. Man sah von der Tosca, bis zum Rosenkavalier alles und das auf dem Arabella Bühnenbild.
Ich freue mich total auf diese Saison! :leb
Billy Budd (03.09.2012, 09:23): Danke fürs Kopieren; ich freu mich auch schon voll! :leb :leb Billy :hello
Billy Budd (04.09.2012, 23:25): Dass Krassimira Stoyanova der meiste Publikumszuspruch galt, war gerecht. Ihre Elisabetta dürfte schwer zu übertreffen sein. Sehr gute Leistungen hörte man auch von Simon Keenlyside und René Pape (der aber – obzwar er ein tolles „Ella giammai m'amo“ hinlegte – kein idealer Philipp ist). Luciana D’Intino hingegen kam als Eboli kaum (eigentlich nicht) über den Durchschnitt hinaus. Ain Anger stellte im Vergleich zur Premierenbesetzung eine Verbesserung dar – der Großinquisitor liegt ihm wirklich. Problem war der unzulängliche Giuseppe Gipali in der Titelrolle. In Anbetracht der Tatsache, dass er der Ersatz für den Ersatz war, kann man gerade noch tolerieren, dass ihm diese Rolle an diesem Haus um drei Nummern zu groß ist. Der Mönch gehört zu den besten Rollen von Dan Paul Dumitrescu. Zwei neue Ensemblemitglieder – (die erst 1987 geborene) Margarita Gritskova und Xiahou Jinxu – stellten sich dem Wiener Publikum in zwei Nebenrollen vor. Valentina Nafornita war wieder eine schönklingende Stimme von oben. Warum aber auf die Eröffnungsvorstellung ausgerechnet mit Franz Welser-Möst ein Dirigent losgelassen wurde, der heute grad mal brav zwischen piano und forte zu unterscheiden vermochte, sodass man an den entsprechenden Stellen geradezu ruckartig aus seinem Halbschlaf erwachte, wird wohl ein Rätsel bleiben.
Zwei Umstände sind noch anzumerken: Zum einen ist es sehr schön, dass nun wieder der originale Eisenmenger-Vorhang zu sehen ist, der perfekt ins Ambiente passt. Weniger erfreulich, ja geradezu eine Lachnummer, ist die neu eingeführte Ansage vor Vorstellungsbeginn. Grundsätzlich ist es zu begrüßen, dass das Publikum aufgefordert wird, die Handys auszuschalten und keine Photos zu machen, aber dies soll in einer angemessenen Lautstärke geschehen. So hat man jedenfalls kaum was verstanden. Billy :hello
Hyacinth (04.09.2012, 23:32): Meine lieben Forianer, die Saison der Wiener Staatsoper hat wieder begonnen, was heißt, dass ich 1. wieder ständig in die Oper gehen werde und 2. auch Berichte dazu verfassen will. Gleich einmal vorweg: Meine Berichte, Endrücke oder was auch immer sind keine Rezensionen wie sie Kritiker verfassen, sondern lediglich mein Empfinden der Vorstellung und meine Meinung. Ich freue mich, mit euch zu diskutieren! :beer
Den Don Carlo hatte ich ja schon in der Premierenserie gesehen und war wenig beeindruckt. Das lag vor allem an meiner Don-Carlos(franz.)-Affinität und dass mir die Regie von Konwitschny so wahnsinnig gut gefallen hat, was ich hier ja auch schon öfters kundgetan habe. Diese Regie, von Daniele Abbado war im Großen und Ganzen nicht vorhanden. Die Ketzerverbrennung war ganz nett, da gab's was zum sehen; Philipps Arie fand anscheinend gleich im Escorial statt und es wurde natürlich im zweiten Bild mit den Schleiern gefuchtelt - mehr als statisch. Man sieht, wenn man die beiden Inszenierungen vergleicht, wie jemand ein Bühnenbild über alle Akte sinnvoll und lebendig bespielen kann... oder eben nicht. Etwas wirklich negatives über Abbados Regie kann ich jetzt gar nicht sagen, sie war einfach zu wenig präsent.
Ich war ja (wie einige andere scheinbar) froh, dass ich Alagna nicht hören musste, Giuseppe Gipali machte seine Sache sehr ordentlich, obwohl ich mir nach seinem ersten Ton nicht sicher war, ob er überhaupt gesungen hatte. Aber er schlug sich den Rest des Abends gut, hatte eine schöne, wenn auch nicht große Stimme und fügte sich in das Sängerensemble der Premiere ein.
Simon Keenlyside war ein Posa wie er im Buche steht - stimmlich und darstellerisch. Ich hatte noch Sorge, dass er mit seinem volltönenden Bariton Gipali im Duett an die Wand singen würde, aber er ist ja ein schlauer Sänger und Gipali konnte manchmal loslegen, wenn er wollte.
Rene Pape als Philipp hat mir schon im Juni sehr gut gefallen, seine Tiefe kommt mir nicht so satt und voll wie früher vor, aber er zeigt in dieser Rolle oft seine mittlere und höhere Lage, die makellos strömt, aber nie aus der Kontrolle gerät, wie der König selbst.
Dass es sich wirklich gelohnt hat hinzugehen, dachte ich mir nach Elisabeths großer Szene im vorletzten Akt. Krassimira Stoyanova kontrolliert ihren sehr lyrischen Sopran ganz genau, aber schafft es auch an manchen Stellen die nötige Dramatik hineinzulegen oder ihre Stimme einfach nur strömen zu lassen. Diese Partie ist ja öfters ziemlich hoch und bei ihr hat man nie das Gefühl, dass sie jetzt gerade ein c3 singt. Auch in dieser Lage ist ihre Stimme dynamisch wandelbar. :down
Luciana D'Intino hat mir diesmal besser gefallen als im Juni, als schön empfinde ich ihre Stimme noch nicht, aber vor allem in den großen Arien war ihr Registerbruch nicht so schlimm, wie ich es in Erinnerung hatte. Auch ist ihre Stimme (erstaunlich) modulationsfähig und klingt auch noch im Piano gut hörbar. Natürlich kommt es auf den Gesang an, aber ich würde D'Intino maximal bei einer CD-Aufnahme hören wollen. Ja, es ist die Oper und nicht das echte Leben, aber für mich verkörpert sie weder von Spiel, Ausstrahlung oder Aussehen eine glaubwürdige Eboli.
Ain Anger färbte den Großinquisitor mit dunkelschwarzem Bass, vor seiner hageren Erscheinung musste man sich richtig fürchten. Das "Duell" zwischen ihm und Philipp habe ich das erste Mal sowohl stimmlich als auch darstellerisch glaubhaft verkörpert gesehen.
Dan Paul Dumitrescu, Margarita Gritskova und Xiahou Jinxu rundeten das Ensemble ab: Dumitrescu souverän und über dem Weltlichen stehend wie immer, Gritskova fiel nicht negativ auf und positiv auffallen geht bei dieser Wurzenrolle schwer und Jinxu sang wie ein chinesischer Norbert Ernst - ich war zufrieden :D
Gute Nacht, Hyacinth :hello
Billy Budd (04.09.2012, 23:34): Original von Hyacinth Meine lieben Forianer, die Saison der Wiener Staatsoper hat wieder begonnen, was heißt, dass ich 1. wieder ständig in die Oper gehen werde und 2. auch Berichte dazu verfassen will. Gleich einmal vorweg: Meine Berichte, Endrücke oder was auch immer sind keine Rezensionen wie sie Kritiker verfassen, sondern lediglich mein Empfinden der Vorstellung und meine Meinung. Ich freue mich, mit euch zu diskutieren! :beer
Aja, zur Sicherheit, falls es wieder einen Wirbel gibt :wink : Das obrige gilt auch für mich. Billy :hello
Billy Budd (05.09.2012, 23:19): Die heutige Aufführung erwies sich als sehr erfreulich und geriet um einiges besser wie erwartet. Es war schön, Camilla Nylund wieder hören zu können; eine wunderbare Sängerin, die stets etwas unter ihrem Wert gehandelt wird. Ileana Tonca darf freilich nicht mit Genia Kühmeier – ihrer Rollenvorgängerin – verglichen werden, aber sie machte ihre Sache sehr ordentlich und durfte auch starken Jubel entgegen nehmen. Tomasz Konieczny wird von Vorstellung zu Vorstellung besser; der Mandryka ist bekanntlich eine vertrackte Rolle und der Pole verfügt über die (zum Teil sehr exponiert gelegenen) Höhen und Tiefen. Die Aussprache betreffend waren Verbesserungen bemerkbar. Herbert Lippert ersetzte Rainer Trost (der ja fast alles absagt; warum solche Leute überhaupt noch engagiert werden ...) und es wurde gar nicht das zu befürchtende Desaster; im dritten Akt war er sogar wirklich gut. (Das auf dem Programmzettel angegebene Rollendebüt ist allerdings Unsinn; solche Schlampereien reißen in letzter Zeit ziemlich ein!) Wolfgang Bankl ist als Waldner längst eine Klasse für sich, aber Zoryana Kushpler war stellenweise eine Qual für die Ohren. Die für Daniela Fally kurzfristig eingesprungene Íride Martínez ist ein ziemlich genaues stimmliches Abbild von Julia Novikova (da graut einem schon vor der Königin der Nacht!). Norbert Ernst war eine Nummer zu klein. Adam Plachetka, Sorin Coliban und Donna Ellen ergänzten. Franz Welser-Möst liegt die Arabella viel besser, wie manches andere. Ich freue mich schon auf die nächsten Vorstellungen! Billy :hello
Hyacinth (06.09.2012, 19:04): Bin der selben Meinung über die Arabella wie Billy :wink
Ileana Tonca hat mir sehr gut gefallen, auch wenn sie die Zdenka vom Spielen her etwas zu trotzig und überzeichnet anlegte (ist sie halt aus dem Soubrettenfach gewöhnt). Es war nur sehr lustig, dass sowohl ihr als auch Lippert die Kostüme der jeweiligen Vorgänger (Kühmeier und Schade) um einiges zu groß waren :J
Billy Budd (06.09.2012, 22:48): Viel zu berichten ist nicht. Celso Albelo debütierte und hinterließ einen mittelmäßigen Eindruck. Seine Stimme hat ein recht unangenehmes Timbre, aber er verfügt über eine gute Technik. Nervend war, dass er die Rolle verblödelte. Chen Reiss sprang für Malin Hartelius ein und kam ebenfalls über den Durchschnitt nicht hinaus; ihre schrillen Lacher taten nicht nur mir in den Ohren weh. Warum über Marco Caria so gerne geschimpft wird, erschließt sich mir nicht; er ist ein sehr verlässliches Ensemblemitglied und übertrifft die Herren Kammerer, Kai, Yang, Plachetka, etc. bei weitem. Alfred Šramek hatte leider keinen guten Tag. Im Gegensatz zum Februar, als die hohe Lage wackelte, hatte er sie heute fast gar nicht. Aber man merkt ihm die Freude an, noch immer auf „seiner“ Bühne stehen zu können und es gibt gewiss niemanden, der ihm das nicht gönnte. Valentina Nafornita hat man kaum gehört und Guillermo García Calvo zeigte ein weiteres Mal, dass er einfach nicht dirigieren kann und musste auch ein paar Missfallenskundgebungen (nicht von mir, aber ich hab es in Erwägung gezogen) einstecken.
Folgendes ärgert mich übrigens schon seit längerer Zeit: Seit Meyers Amtsantritt haben (warum auch immer) die Programmzettel verschiedene Größen (nebenbei bemerkt: eine immense Anzahl an Programmheften wurde entsorgt, um neue mit dem exakt gleichen Inhalt, aber anderem Cover drucken zu lassen – die reinste Geldverschwendung!), wodurch es sehr schwer fällt, sie zu archivieren. Seit heute gibt es auch beim Liebestrank diese unhandliche Bletschn. Für Sammler, wie ich einer bin, ist dieser Umstand äußerst ärgerlich. Billy :hello
EDIT: Grammatikfehler ausgebessert.
Hyacinth (06.09.2012, 22:59): Dann hab ich ja anscheinend nichts verpasst :wink
Billy Budd (06.09.2012, 23:01): Nein, hast Du nicht. :)
Warst Du eigentlich in der letzten Serie? Die war wirklich toll: Vargas in Höchstform, Maestri köstlich und der Rest auch sehr gut.
Die nächsten Dulcamaras werden leider Schrott und Plachetka. :S Billy :hello
Billy Budd (08.09.2012, 23:14): Die heutige Aufführung fand in identer Besetzung wie am Mittwoch statt und verlief sehr zufriedenstellend. Besonders gute Leistungen boten Camilla Nylund und Wolfgang Bankl; viel besser als üblich war Herbert Lippert. Íride Martínez sang ein wenig lauter. Die Dauerbesetzung der Adelaide mit Zoryana Kushpler verägert aber mit der Zeit das Stammpublikum! Billy :hello
Billy Budd (09.09.2012, 23:16): In Anbetracht der Tatsache, dass ich weder das Stück vorher kannte (und es auch nicht näher kennenlernen will), noch die ganze Zeit aufgepasst habe, fühle ich mich für das Verfassen eines Berichts nicht kompetent genug. So halte ich nur fest, dass Gabriele Viviani einen sehr guten Eindruck hinterließ, Burkhard Fritz schön, aber zu leise sang, Ferruccio Furlanetto einen sehr guten Abend hatte (erfahrungsgemäß ist er in der ersten Vorstellung einer Serie am besten) und Angela Meade eine tolle Elena sang. Aus dem Ensemble fielen Marian Talaba, Carlos Osuna und Tae-Joong Yang negativ auf; die restlichen (Alexandru Moisiuc, Hans Peter Kammerer und Alisa Kolosova) ergänzten zufriedenstellend. Gianandrea Noseda dirigierte. Billy :hello
P.S.: Auf dem Programmheft steht: "I VESPRI SICIALINI".
Severina (10.09.2012, 23:54): Bei der 3.Vorstellung dieser Serie, so nahm ich an, würde das Ensemble bereits gut aufeinander eingespielt sein, also wollte ich heute mit diesem "Don Carlo" meine Saisoneröffnung begehen. Es begann mit einem kleinen Schreck, als nämlich der Inspizient (?) vor dem Vorhang erschien und um Nachsicht für Giuseppe Gipali bat, der unter einer aktuten Allergie leide, aber trotzdem zu singen bereit wäre, um den Abend zu retten. Ich atmete erleichtert auf, denn ehrlich gesagt ist mir in der vieraktigen Fassung des "Don Carlo(s)" der Tenor am wenigsten wichtig. Ein Indisposition von Stoyanova, Keenlyside oder Pape hätte mich wesentlich mehr getroffen.
Eigentlich hätte ich eingangs schreiben sollen "aufeinander eingesungen", denn gespielt wurde bei der 8. Reprise dieser Anti-Inszenierung ebenso wenig wie bei der Eröffnungsserie im Juni. Daher kann ich, was die Regie betrifft, getrost auf meinen Bericht vom 19.6. verweisen, denn ich muss meine damalige Beurteilung in keinem Punkt korrigieren. Im Gegenteil, manche Szenen, z.B. das Autodafé, fand ich heute noch alberner als bei meiner ersten Begegnung damit. Vor allem frage ich mich, wieso Carlo danach im Gefängnis landet, denn er überreicht Posa brav seinen Dolch, reiht sich ebenso brav in die Zuschauermenge ein, der König schaut brav ins Publikum - was er ohnehin die meiste Zeit tut - und absolut niemand trifft Anstalten, den rebellischen Infanten abzuführen. Aber in dieser Produktion irgendeine Logik zu erwarten, ist offenbar vergebliche Liebesmüh.
Dabei wäre das Bühnenbild wirklich brauchbar, es sollte halt nur jemand den Sängern erklären, wie sie darin "Don Carlo" zur Aufführung bringen sollen, denn außer Simon Keenlyside wusste das auch heute niemand.
Damit komme ich zum erfreulichen Teil des heutigen Abends, nämlich der musikalischen Umsetzung. Auch da kann ich auf meine Rezension vom Juni verweisen, wo ich die Qualitäten von Krassimira Stroyanova, Simon Keenlyside und René Pape ausführlich gewürdigt habe, daher beschränke ich mich hier kurz und bündig darauf, dass auch heute alle drei großartige Leistungen erbracht haben.
Wesentlich besser als im Juni gefiel mir Luciana D'Intinos Eboli, die Stimme wirkte kompakter, die Übergänge gelangen harmonischer, und mit ihren fulminanten Attacken beim "O don fatale"wusste sie wieder zu begeistern. Dass sie vom Typ her absolut keine Eboli ist, steht auf einem anderen Stern. Wobei nicht der Umstand, dass sich diese ältliche Matrone in den Infanten verliebt, so unglaubwürdig ist, sondern dass Filippo, der ja reichlich Auswahl unter den Schönen seines Hofes hätte, just sie in sein Bett holt.
Neu war Ain Anger als Grande Inquisitore, und auch wenn ich mir diese Figur mit noch mehr bedrohlicher Schwärze interpretiert wünsche, machte er seine Sache doch wesentlich besser als sein Rollenvorgänger im Juni. Allerdings dürfte ihm niemand gesagt haben, dass der Großinquisitor blind ist und sich daher nicht so zielgerichtet und flott auf der Bühne bewegen sollte.
Bleibt noch der Titelheld, der als indisponiert angekündigte Giuseppe Gipali. Ich will daher nicht unfair sein und nur hoffen, dass er heute wirklich nur mit halber Kraft gesungen hat und das nicht schon alles gewesen ist, was er anzubieten hat. Dass Gipali die Höhen drauf hätte, hörte man, so man ihn überhaupt hörte, denn meistens ging er komplett in den Orchesterfluten unter. Optisch wirkte er wie der Zwillingsbruder von Filippo und keineswegs wie sein Sohn.
Stichwort "Orchesterfluten": So sehr ich Welser-Möst an sich mag, aber für den "Don Carlo" ist er vorerst noch nicht prädestiniert. Wie schon im Juni ließ er es ordentlich krachen, meist ohne Rücksicht auf die Sänger. Im ständigen Zweikampf mit dem Orchester gingen eigentlich nur die Damen siegreich hervor, auch Keenlyside musste sich einige Male geschlagen geben, was ich sehr klug von ihm finde. Klüger auf jeden Fall, als sich durch Forcieren die Stimme zu ruinieren.
Mein Fazit: Ein musikalisch erfreulicher Auftakt mit einem leider nur konzertanten "Don Carlo", auch wenn das Programm hartnäckig einen Regisseur anführt!
lg Severina :hello
Billy Budd (15.09.2012, 23:48): Heute war ich doch noch einmal in der Sizilianischen Vesper, obwohl ich mir vorgenommen habe, dieses langweilige Stück in den nächsten Jahren nicht mehr anzuhören. Grund dafür war das Einspringen von Gregory Kunde - in Wien bedauerlicherweise ein seltener Gast -, der es sehr gut gemacht hat und die ursprünglich vorgesehene Besetzung auf jeden Fall übertraf. Ansonsten siehe 9. September, mit den Einschränkungen, dass sich erwartungsgemäß bei Ferruccio Furlanetto zu Beginn leichte Verschleißerscheinungen bemerkbar machten und Marian Talaba nicht ganz so negativ auffiel. Billy :hello
Karolus Minus (16.09.2012, 02:02): Original von Billy Budd In Anbetracht der Tatsache, dass ich weder das Stück vorher kannte (und es auch nicht näher kennenlernen will), noch die ganze Zeit aufgepasst habe, fühle ich mich für das Verfassen eines Berichts nicht kompetent genug.
Daß Du Dich danach nicht kompetent genug fühlst, ist ja ok (und nach dem voraus gesagten auch nicht anders zu erwarten), aber bitte: wenn jemand ein Stück, daß er nicht kennt (was ja keine Schande ist) und obendrein auch danach nicht näher kennen lernen will - warum geht der dann nochmal hin? Man kann mit Abenden soviel anderes Sinnvolles anstellen... Lg Karolus Minus
Billy Budd (16.09.2012, 10:22): Hab ich doch schon geschrieben: Weil ich wissen wollte, wie Kunde den Arrigo macht. Billy :hello
Billy Budd (16.09.2012, 22:51): Auch heute ging wieder eine sehr erfreuliche Vorstellung über die Bühne: Camilla Nylund war eine hinreißende Arabella, Ileana Tonca sang eine sehr gute Zdenka und Tomasz Konieczny nennt zwar nicht wirklich eine Mandryka-Stimme sein Eigen, aber er plagte sich mit den Tücken der Partitur erstaunlich wenig. Herbert Lippert war wieder in seiner üblichen Form, das heißt: schiache, kleine Stimme und zahlreiche Noten im Nirwana. In Anbetracht dieser Tatsache war ich erstaunt, dass ihm im dritten Akt ein tolles hohes h gelang. Wolfgang Bankl ist als Waldner das Maß aller Dinge, aber warum Zoryana Kushpler die Adelaide gepachtet hat, ist nicht verständlich. Daniela Fally war wieder „unsere“ Fiakermilli; diese Rolle ist ihr wie auf den Leib geschneidert. In Ordnung waren die drei Grafen (Norbert Ernst, Adam Plachetka und Sorin Coliban); Donna Ellen sang die Kartenaufschlägerin. Franz Welser-Möst machte es im Großen und Ganzen recht gut. Billy :hello
Hyacinth (19.09.2012, 23:25): Gestern wagte ich ein Experiment, wenn auch nicht absichtlich. Aus purer Neugier ging ich in die Vespri Siciliani (man hatte nicht viel gutes vom Tenor gehört und da wollte ich mich selber davon überzeugen), kannte vorher weder die Musik noch die Handlung und habe mich davor mangels Freizeit damit auch nicht befasst. Außerdem war mir von der Besetzung - die hatte ich mir vorher auch nicht angeschaut - nur Burkhardt Fritz in Erinnerung.
Als vor der Vorstellung D. Meyer vor den Vorhang trat ahnte man bereits, was los war. "Burkhardt Fritz hat vor einer Stunde beim Einsingen bemerkt, dass er die heutige Vorstellung nicht singen kann" - ein vereinzeltes Bravo und Gelächter vom Stehplatz - "Gregory Kunde war schon im Haus und singt jetzt statt Burkhardt Fritz."
Ich war mit Kunde mehr als nur zufrieden, weil seine große, durchdringende Stimme, die aber immer noch dynamisch modulierfähig ist und jugendlich klingt, in die Staatsoper zu Verdi viel besser passte als ins ThadW in einer Belcanto-Partie mit vielen gemeinen...äh, exponierten hohen Cs. Außerdem wirkte Kunde auf der Bühne sympatisch, nicht wie der Held in der glänzenden Rüstung, umso mehr nahm man ihm sein Gefühlsdilemma ab.
Gabriele Viviani machte seine Sache sehr gut, wirkte natürlich viel jünger als sein "Sohn" und nie wirklich tyrannisch, dazu fehlten ihm auch einige bedrohliche Facetten in der Stimme.
Der Bösewicht schlechthin war dagegen Ferruccio Furlanetto, der am Anfang den alten Exilrückkehrer genauso sympatisch rüberbrachte, wie zum Schluss den rachsüchtigen, wahnsinnigen Amokläufer. Es ist beachtlich, über welche Stimmkraft er in dem Alter verfügt, im Gegensatz zu Kunde (der es natürlich als Tenor noch schwerer hat) schien ihm nie die Puste auszugehen.
Richtig begeistert war ich von Angela Meade, von der ich vorher noch nichts gehört hatte. Sie verfügt über einen idealen Spinto-Sopran, wandlungsfähig, in allen dynamischen Abstufungen vorhanden und gut hörbar und mit einem kontrollierten, angemessenen Vibrato. Wie sie die Spitzentöne in einem Pianissimo herausbrachte, was ihr keinerlei Anstrengung zu bereiten schien, war für mich faszinierend.
Von der Geschichte, vor allem ihrem grauslichen Ende, war ich total erschüttert, auch wenn ich eine Viertelstunde vor Schluss schon ahnte, dass es nicht "happily ever after" bleiben wird. Ich bin erstaunt, wie viel man von einer Oper doch mitkriegt, auch wenn man keine Ahnung hat worums geht.
Hyacinth :hello
Billy Budd (20.09.2012, 22:36): Dass ich mich einmal bei der gewaltigsten aller Opern auch nur eine Sekunde langweilen werde, hätte ich vor der Vorstellung nicht für möglich gehalten. Aber ich wurde eines besseren belehrt. Mit Deborah Polaski verhält es sich so, wie mit Birgit Nilsson: Zweifelsfrei eine sehr verdiente Sängerin, aber wieso muss sie um Himmels Willen jenseits ihres stimmlichen Zenites nochmals die Elektra in Wien singen? Gut, Frau Polaski ist derzeit 63 Jahre alt und ließ sich vor der Vorstellung wegen schwerer Rückenschmerzen entschuldigen. Trotzdem: wäre nicht ein derart rücksichtsvoller Dirigent am Pult gestanden, hätte man sie über weite Strecken gar nicht vernommen („Siegestänze tanzen“ war auch so fast nicht hörbar). Eine halbwegs brauchbare Elektra entfacht bei den Schlussvorhängen stets einen Jubelsturm. Davon war diesmal nichts zu merken. Angela Denoke ist keine ideale Chrysothemis. Diese Rolle besteht ja praktisch nur aus Höhen und wenn man vor jeder tief Luft holen muss und sie nur mittels guter Technik so halbwegs schafft, ist das Resultat wenig überzeugend. Agnes Baltsa lieferte wieder ihre eigenartige und wenig interessante Interpretation der Klytämnestra ab. Ain Anger war ein zu grobschlächtiger Orest (wird Zeit, dass wieder einmal Kaliber wie Grundheber oder Struckmann diese Rolle bei uns machen!) und Norbert Ernst den Aegisth anzuvertrauen, ist idiotisch, aber er schlug sich überraschend gut. Eine einzige Lachnummer war Peter Jelosits: Einem Tenor, der nicht einmal über ein hohes a verfügt, die kleine, aber sehr wichtige Rolle des Jungen Dieners singen zu lassen, ist grob fahrlässig. Samma ehrlich: Das machte sogar Benedikt Kobel besser. Gut war übrigens Andreas Hörl als Pfleger. Simone Young dirigierte im Juni sehr gut, aber heute sorgte sie mehrheitlich für Langweile. Das lag daran, dass sie immer, wenn Polaski zu singen hatte, die Lautstärke stark drosselte, um danach wieder so zu dirigieren, wie es sich gehört. Das nervt! Fazit: Wer dort war, soll den Abend bitte möglichst schnell aus dem Gedächnis streichen. Und alle, die zum ersten Mal die Elektra erlebt haben, mögen die heutige Vorstellung bitte nicht als Maßstab für meine Lieblingsoper heranziehen. Nichtsdestotrotz darf man sich dennoch auf die nächsten Aufführungen freuen: Es kann nämlich nur mehr besser werden. Billy :hello
stiffelio (20.09.2012, 22:52): Hallo Hyacinth Original von Hyacinth Der Bösewicht schlechthin war dagegen Ferruccio Furlanetto, der am Anfang den alten Exilrückkehrer genauso sympatisch rüberbrachte, wie zum Schluss den rachsüchtigen, wahnsinnigen Amokläufer. Es ist beachtlich, über welche Stimmkraft er in dem Alter verfügt, im Gegensatz zu Kunde (der es natürlich als Tenor noch schwerer hat) schien ihm nie die Puste auszugehen.
um diese Vorstellung beneide ich dich! Es gibt eine DVD aus der Scala von 1989 mit Furlanetto in dieser Rolle und schon da spielte er für mein Empfinden den ganzen Rest des (zumindest sängerisch) durchaus hochkarätigen Teams einfach an die Wand. Bei seinem "Si parla!" zu Elena in der Schlussszene bekam ich eine Gänsehaut nach der anderen. Und Kunde als Arrigo hätte mich auch sehr interessiert.
VG, stiffelio
Hyacinth (21.09.2012, 22:38): Im Gegensatz zu Billy war es mein erstes Mal Elektra, weshalb ich auch nicht so wählerisch bei den Sängern war. Denoke fand ich ganz gut (ich habe mich sofort und auf der Stelle in die Rolle der Chrysothemis verliebt, die hat wirklich die schönste Szene aus der ganzen Oper!), Polaski war beeinträchtigt, da gebe ich jetzt kein Pauschalurteil ab. Von der Baltsa bin ich absolut kein Fan. Mir gefällt ihre Art zu singen nicht, und ich finde sie nur in Rollen passend, wo das hexenhafte, tyrannische rauskommt. Mir hat gestern generell die Energie zwischen den Darstellern gefehlt - lag wahrscheinlich auch an Polaskis Rückenproblemen - , die Musik und die Inszenierung sind der Hammer und da hat die Interaktion zwischen den Figuren oft lasch oder aufgesetzt gewirkt. Ain Anger ist nicht das, was ich mir als Orest vorstelle (vom Typ her), er wirkt eher wie ein Ägisth. Norbert Ernst hat man dann halt einfach nicht gehört, ich hoffe er ruiniert sich seine Stimme nicht, wenn er versucht, das Orchester zu überbrüllen, was er gar nicht können kann - Fehlbesetzung meiner Meinung nach.
Hyacinth :hello
Billy Budd (21.09.2012, 22:44): Ja stimmt, Anger ist vom Typ her wirklich kein Orest. Zur Inszenierung muss man aber noch sagen, dass vor dieser Serie offenbar ausgiebig geprobt wurde, weswegen manche Details (zum Beispiel die Ermordung des Aegisth), die man schon längst verschwunden glaubte, wieder auftauchten. Ernst als Aegisth ist genau so eine hirnrissige Fehlbesetzung wie Jelosits, den ich an sich ganz gern habe, als Junger Diener. Aber gab es in letzter Zeit ja keinen wirklich guten Aegisth (für diese kurze und schwere Rolle wird man keinen tollen Sänger finden - meine Traumbesetzung ist Peter Seiffert). Billy :hello
P.S.: Ich hör mir gerade hier die Fassbaender als Klytämnestra an. :down :down Dank der Baltsa mag ich diese tolle Szene am wenigsten. Gerechtigkeitshalber muss man bedenken, dass die Oper ja in Griechenland spielt und in Anbetracht dessen der Akzent von der Baltsa passt. :J
Billy Budd (21.09.2012, 23:51): Link: Deborah Polaski singt noch einmal Strauss' „Elektra" Sin hat schon seine Kritik veröffentlicht und schreibt ganz oben: Die große Hochdramatische nimmt Abschied von einer Paraderolle. demnächst wird sie Klytämnestra sein. Sein letzter Satz lautet aber: Die nächste Klytämnestra könnte aber Deborah Polaski heißen Ich versteh das jetzt nicht ganz: soll das heißen, dass Polaski tatsächlich die Klytämnestra machen wird?
Dass Anger "wunderbar weich und seelenvoll " tönte, ist übrigens genau so falsch, wie, dass die kleinen Partien "exzellent besetzt" waren.
Billy :hello
Billy Budd (22.09.2012, 23:03): erwies sich als ausgezeichnete Vorstellung. Nach einigen Monaten trat wieder Herwig Pecoraro - einer meiner absoluten Lieblingssänger - auf, der sich in einer hervorragenden Verfassung befand. Großartig agierten auch Elisabeth Kulman und Wolfgang Bankl; viel besser als üblich und diesmal wirklich gut war Herbert Lippert (allerdings kenne ich die Rolle des Jim nicht so gut, sodass ich beurteilen könnte, ob er auch wirklich nicht falsch sang) und Stephanie Houtzeel (von einem der Mädchen zur Jenny avanciert) war solide und fügte sich gut ins Ensemble ein. Das neue Ensemblemitglied Thomas Ebenstein (einspringend für Benjamin Bruns) debütierte am Haus und hinterließ einen guten Eindruck. Clemens Unterreiner ergänzte, aber Il Hong war wirklich schlecht. Heinz Zednik übernahm auch jetzt wieder den Kommentator, obwohl er keine gute Sprechstimme besitzt. Ingo Metzmacher dirigierte sehr gut. Die Inszenierung (insbesondere die sich ständig wechselnden Kostüme) ist aber ein ziemlicher Müll. Billy :hello
Hyacinth (22.09.2012, 23:28): Das war der erste Opernabend dieser Saison an dem mir nicht eine Minute langweilig war und ich vollkommen glücklich aus der Oper gegangen bin (natürlich mit einem gewissen unguten Bauchgefühl, was Brecht und Weill mit der abscheulichen Geschichte bezwecken wollten)! :leb
Das ist in allererster Linie Elisabeth Kulman zu verdanken. Die Leokadja Begbick ist (für alle außer Kulman) eine Altersrolle, aber in dem Fall verzichte ich liebend gerne auf eine originalgetreue Puffmutter. Kulman schreitet den ganzen Abend auf mindestens Zwölf-Zentimeter-Absätzen herum, ist ja auch entgegen dem Rollenbild inszeniert worden. Stimmlich lässt sie keine Wünsche offen, ihre ansich strömende, wohlklingende Stimme verzerrt sie schon mal zu Hexenlachen, brustiger Tiefe oder manischem Gekreische, nie zu viel oder zu wenig, denn genau das Plakative tut dieser eigentlichen Hauptfigur (zumindest wenn sie Kulman singt) gut.
Herbert Lippert war überragend gut, für seine Verhältnisse. Das habe ich dadurch gemerkt, dass ich ihn den ganzen ersten Akt nicht als Lippert identifiziert habe. Irgendwie ist es in meinem Gedächtnis nicht hängengeblieben, wer jetzt den Mahoney singt und ich stand den ganzen ersten Akt da und fragte mich "Wer ist eigentlich der gute Tenor?". Zu meiner Verteidigung: Er war auch schwer zu erkennen mit aufgeklebtem Bart :J Dass er zum Schluss den meisten Applaus bekam, zeigte, dass fast nur Touristen in der Vorstellung waren. Den Applaus bekommt eben de Tenor und die Frau, die am höchsten singt.
In dem Fall war das Stephanie Houtzeel als Jenny Hill. Es ist in dieser Inszenierung mit einer Kulman als Begbik für eine Jenny Hill mit seltsamer rosa Perücke und Quasten-Kostüm praktisch unmöglich wirklich wie die junge, begehrenswerte Prostituierte herüberzukommen, die Jenny Hill sein sollte. Natürlich ist Jenny ein Mädchen und keine Frau wie Begbik, aber so wie sie hier dargestellt wird, dreht sich keiner nach ihr um. Gesanglich hat mir Houtzeel viel besser gefallen als Kirchschlager. Sie sang die Rolle sichtlich entspannt, aber nicht so übertrieben Chanson-artig wie ihre Vorgängerin. Sonst war sie allerdings wenig überzeugend.
Herwig Pecoraro und Wolfgang Bankl sangen einen exzellenten Fatty und Dreieinigkeits-Moses. Bei letzterem war die Wortdeutlichkeit manchmal wegen Textunsicherheiten ein wenig verwaschen, aber bei seinem Rollendebüt kann man ihm das nachsehen. Darstellerisch ist vor allem Bankl hervorzuheben, der den geldeintreibenden Handlanger mit solch einer Überzeugung und Würde spielte, als wäre das Geld, dass er allen wegnimmt nur für ihn alleine.
Thomas Ebenstein und Clemens Unterreiner machten ihre Sache als Jack O'Brien und Bill sehr gut, Il Hong als Joe weniger.
Die Mädchen waren (ebenfalls wie Jenny Hill) ganz nett, der Chor heute gut in Form. Dass Heinz Zednik als Kommentator noch eingesetzt wird finde ich eine schöne Idee, ein altes Ensemblemitglied noch einzubinden.
Ich würde jedem, der Zeit hat, empfehlen hinzugehen!
Hyacinth :hello
Billy Budd (22.09.2012, 23:35): Wir sind ja fast einer Meinung und bezüglich Heinz Zednik gebe ich Dir auch recht - das hätte ich weniger scharf formulieren sollen.
Ich habe eben in meinen Mitschnitt der Premiere hineingehört und muss sagen, dass mir die heutige Vorstellung besser gefallen hat. Billy :hello
Billy Budd (23.09.2012, 22:16): Mein Schlusssatz zur letzten Besprechung hat sich bewahrheitet: Es wurde sogar sehr viel besser (Ausnahme: die letzten zehn Minuten, die waren ein Desaster). Mein Schlusssatz zur letzten Besprechung hat sich bewahrheitet: Es wurde sogar sehr viel besser (Ausnahme: die letzten zehn Minuten, die waren ein Desaster). Extrem verbessert hat sich die Leistung von Deborah Polaski, die heute wie ausgewechselt klang. Hätte ich es nicht gewusst, hätte ich nicht für möglich gehalten, dass sie die Elektra schon fast seit dreißig Jahren (die einen schreiben 1983, die anderen 1985) singt. Nach der Aegisth-Szene allerdings ist ihr die Kraft völlig ausgegangen (in Anbetracht dessen, dass sie bis dahin Vollgas gab, verzeilich!), da wars für alle aus und vorbei. Angela Denoke hat ab da auch keinen Ton mehr getroffen, der mikrophonverstärkte Chor war (im Gegensatz zu letzten Serie, da wars viel zu laut!) kaum zu hören und Simone Young, die schon den ganzen Abend recht unkonzentriert wirkte und durch die Orest-Sezne hudelte, nahm dummerweise das Orchester stark zurück, sodass das Gekrächze Polaskis auch wirklich jeder gehört hat. Um Missverständnissen vorzubeugen: Bis dahin war es wirklich eine tolle Leistung, aber das Ende ist völlig in die Hosen gegangen. Ebenfalls verbessert haben sich Ain Anger und Norbert Ernst. Schwachpunkte waren Agnes Baltsa (langweilig) und Peter Jelosits (Fehlbesetzung). So, und jetzt ist zu hoffen, dass es am Mittwoch noch einmal so richtig gut hinhauen wird! Billy :hello
Billy Budd (24.09.2012, 22:34): hat mir gut gefallen, allerdings hab ichs erst drei Mal gesehen und hab vom Stück so gut wie keine Ahnung, deshalb nur ein paar Sätze: Ferruccio Furlanetto sprang für Roberto Scandiuzzi ein und da es kaum eine andere Partie gibt, die ich so mit einem bestimmten Sänger assoziiere, wie den Boris mit Furlanetto (in dieser Inszenierung ist auch noch niemand anderer aufgetreten), kann ich schwer ein Urteil abgeben. Mein Eindruck war jedenfalls sehr positiv. Ain Anger debütierte als Pimen (bisher sang er den Warlaam) und machte seine Sache recht ordentlich, auch wenn er von seinen Bewegungen her zu jung wirkte. Marian Talaba ist als Grigori grad noch auszuhalten und Jorma Silvasti war ein solider Schuiskij. Mit Ausnahme von Janusz Monarcha und Benedikt Kobel waren die kleinen Rollen mit Margarita Gritskova, Chen Reiss, Aura Twarowska, Clemens Unterreiner, Monika Bohinec, Alfred Šramek, Peter Jelosits (der nach vielen Jahren wieder den Gottesnarren übernahm), Alexandru Moisiuc und Marcus Pelz ordentlich besetzt. Tugan Sokhiev dirigierte.
Übrigens: Beim Heimfahren in der U-Bahn bin ich mit einer netten Frau ins Gespräch gekommen, die mich gleich als „Billy Budd“ erkannt hat. So anonym, wie andernorts behauptet, bin hier nicht! Billy :hello
Hyacinth (25.09.2012, 19:37): Stimme in jedem Punkt mit Billy überein :D Danke für die schöne Zusammenfassung meiner Meinung :wink
Hyacinth :hello
Billy Budd (26.09.2012, 22:51): Deborah Polaski teilte sich ihre Kräfte gut ein; nach einem schwachen Beginn steigerte sich sehr, aber ganz am Ende machten ihr Ermüdungserscheinungen zu schaffen. Alles in allem also nicht schlecht, obgleich sie sich schon im Herbst ihrer Laufbahn befindet und heute wahrscheinlich ihre letzte Elektra gesungen hat. Angela Denoke war recht gut (einige Spitzentöne gelangen ihr besser als in der letzten Vorstellung), gehört aber nicht in die oberste Chrysothemis-Liga. Agnes Baltsa erregte immerhin einige Heiterkeit (kann sich diese Frau nicht merken, dass es bei „jedes Tier zur Ader lassen“ „Ader“ und nicht „Angel“ heißt?); Norbert Ernst war ein wirklich guter Aegisth, aber Ain Anger ist kein optimaler Orest. Warum Peter Jelosits als Junger Diener eingesetzt wurde, ist nicht verständlich. Besondere Erwähnung verdient noch Hans Peter Kammerer: Mit der winzigen Rolle des Alten Dieners (der hat nur sechs Wörter: „Was solls im Stall?“ und „Für wen?“) negativ aufzufallen – das schafft nicht jeder! Simone Young hatte es sehr eilig. Die (Licht-)Regie ist mittlerweile völlig verschlampt und bedarf dringend einer Überarbeitung. Billy :hello
Hyacinth (26.09.2012, 22:55): Ich kann dazu nicht so viel sagen, weils erst meine zweite Elektra war. Im Großen und Ganzen gebe ich Billy Recht, Baltsas Spiel hat meiner Meinung nach heute sehr seltsam gewirkt, so als könne sie sich nicht ganz entscheiden, ob sie jetzt Gas geben soll oder nicht.
Das Ende wurde durch das zu frühe Runterfallen des Vorhangs komplett verhaut. Der Lichtkegel war noch nicht einmal klar auf Orest, als plötzlich alles schwarz war. Das wirkte irgendwie lieblos und nicht sehr konsequent.
Hyacinth :hello
Hyacinth (27.09.2012, 23:29): Mahagonny die Zweite und die Bessere! Also schade, Billy Budd, dass du nicht da warst, aber es wird am Sonntag sicher auch so gut :wink
Ich beginne mit Ulrike Helzel, die als Jenny Hill für Stephanie Houtzeel einsprang und damit ihre erste große Rolle in der STOP sang. Rein äußerlich sah sie Houtzeel zum verwechseln ähnlich - nein, es lag nicht am Kostüm - ,sang aber anders. Ihre Stimme ist prinzipiell homogen, klangschön und hat auch ein leichtes Vibrato. Allerdings - vermutlich weil sie die Gelegenheit besonders ausnutzen wollte, den Wienern endlich zu zeigen, was sie kann - übertrieb sie es etwas in Sachen Kraft und Lautstärke. Sie schmetterte zwar kontrolliert, aber für dieses kleine Ensemble im Graben viel zu laut, was man vor allem bei den hohen Tönen merkte. Ich kann aber gut verstehen, dass Helzel vermutlich ihre Chance gut nutzen wollte und, obwohl sie Houtzeels Zwillingsschwester hätte sein können, wirkte sie lockerer auf der Bühne und passte aus irgendeinem Grund zu der grotesken Ansammlung an plakativen Personifikationen. Sie war auch die erste Jenny Hill, an der ich das lächerliche Faschingskostüm und die rosa Perücke nicht mehr so seltsam fand. Ich bin auf jeden Fall gespannt, sie in anderen größeren Rollen zu hören!
Zu Elisabeth Kulman gibt es eigentlich nicht viel zu sagen, unbeschreiblich, man sollte es selbst gesehen haben! Eines nur: Es gelang ihr heute noch besser, sich auch auf die lyrischen, wehmütigen Momente ihrer Partie einzulassen und dadurch verlieh sie den hysterischen, herrischen Ausbrüchen noch mehr Wucht.
Auch sehr begeistert war ich heute von Herbert Lippert, der sogar das lange gehaltene hohe C in seiner Gefängnis-Szene wunderbar hinkriegte. Der Ton klang frei, unangestrengt und ging natürlich auf. Diese Rolle scheint Lippert wirklich toll zu liegen und sein Spiel passt perfekt zu diesem Stück, wo ja jede Natürlichkeit fehl am Platz ist.
Der Rest des Ensembles bot eine solide, erfreuliche Leistung, so wie letztes Mal.
Hyacinth :hello
Billy Budd (27.09.2012, 23:33): Danke für die Info wegen der Helzel. Ja, ich wollte gehen, habs dann aber doch gelassen, weil ich erstens noch viel zu arbeiten hatte und zweitens noch in Gedanken ganz bei der Elektra war. Am Sonntag bin ich aber sicher drinnen, wie ich Dir ja schon geschrieben hab. Billy :hello
Billy Budd (29.09.2012, 23:01): wurde überraschenderweise zu einer guten Vorstellung. Erfreuliche Leistungen boten Raffaella Angeletti (zwar im Forte wurde ihre Stimme recht scharf, aber sonst tadellos) und Joseph Calleja (leider hat man die "Butterfly"-Rufe am Ende kaum vernommen). Es wäre schön, die beiden öfters hören zu können. Eijiro Kai und Zoryana Kushpler (besser habe ich sie nie gehört, aber das heißt nicht viel) sangen besser als befürchtet. Mit Ausnahme des Totalausfalls Il Hong und Benedikt Kobel (der sich aber heute ausnahmsweise etwas Mühe gab und sich hörbar eingesungen hat) agierten die restlichen Sänger (Peter Jelosits, Lydia Rathkolb und der Hausdebütant Mihail Dogotari) zufriedenstellend. Stefan Soltesz dirigierte recht einfühlsam. Es tat gut, nach den skandalös schlechten Butterfly-Vorstellungen der letzten Zeit endlich wieder eine anständige zu erleben. Im Gegensatz zur Angabe auf dem Besetzungszettel wurde nicht die zwei-, sondern die dreiaktige Fassung gegeben. Billy :hello
Hyacinth (30.09.2012, 22:04): Dieser "reißerische" Titel ist leider, leider die Wahrheit. Ich kann es immer noch nicht glauben. Da singt sie, wie immer, eine geniale Witwe Begbick, vielleicht etwas geschonter stimmlich als bei den vorigen Vorstellungen, spielt mitreißend wie immer. Verbeugt sich ebenfalls wie immer. Ein paar Enthusiasten applaudieren noch, ich schau einen Moment nicht nach vorn, aufeinmal liegt sie da, offensichtlich bewusstlos, Vorhang vor, Menschen um sie herum. Beim Hinuntergehen ist ein Sicherheitsmann an mir vorbeigelaufen, der dauernd in sein Funkgerät geredet hat.
Ich bin gerade ziemlich fertig, weil ich das nie erwartet hätte, noch nie auf offener Bühne gesehen habe und mir so etwas sehr nah geht - vor allem bei Sängern, die ich sehr mag.
Ich hoffe und bete für Elisabeth Kulman, dass es nur ein kleiner Kreislaufzusammenbruch war und sie bald wieder gesund wird.
Hyacinth
Heike (30.09.2012, 22:17): Das ist ja schrecklich! Ich hoffe mit Dir, dass es nichts ernstes ist bzw. dass ggf. ganz schnell effektive Hilfe vor Ort war, so dass Frau Kulman bald wieder völlig gesund ist! Heike
ar (30.09.2012, 22:19): Ich ebenfalls. Die Arme scheint das Pech anzuziehen. Gute Besserung auf diesem Wege!
Hyacinth (30.09.2012, 22:19): Es gibt ja eine Betriebsärztin in der Staatsoper, die für solche Fälle da ist. Ich glaube, ich werde diese Nacht sicher nicht gut schlafen können.
Billy Budd (30.09.2012, 22:39): Original von Hyacinth Dieser "reißerische" Titel ist leider, leider die Wahrheit. Ich kann es immer noch nicht glauben. Da singt sie, wie immer, eine geniale Witwe Begbick, vielleicht etwas geschonter stimmlich als bei den vorigen Vorstellungen, spielt mitreißend wie immer. Verbeugt sich ebenfalls wie immer. Ein paar Enthusiasten applaudieren noch, ich schau einen Moment nicht nach vorn, aufeinmal liegt sie da, offensichtlich bewusstlos, Vorhang vor, Menschen um sie herum. Beim Hinuntergehen ist ein Sicherheitsmann an mir vorbeigelaufen, der dauernd in sein Funkgerät geredet hat.
Ich bin gerade ziemlich fertig, weil ich das nie erwartet hätte, noch nie auf offener Bühne gesehen habe und mir so etwas sehr nah geht - vor allem bei Sängern, die ich sehr mag.
Ich hoffe und bete für Elisabeth Kulman, dass es nur ein kleiner Kreislaufzusammenbruch war und sie bald wieder gesund wird.
Hyacinth Jössas. Das habe ich gar nicht mitbekommen, weil ich gleich nachdems aus war gegangen bin. Hoffentlich geht alles gut!!
(Anmerkung: Meinen Bericht habe ich handschriftlich verfasst, bevor ich das gelesen habe) Billy :hello
Hyacinth (30.09.2012, 22:41): Sei froh, dass dus nicht gesehen hast. War auch ziemlich lange nachdem du gegangen bist, es waren nur mehr ein paar Leute da. Ich schreibe keinen Bericht über diese Vorstellung, dieser Zwischenfall hat den ganzen Abend überschattet und ich fühle mich nicht in der Lage einen Bericht darüber zu schreiben.
Hyacinth
Billy Budd (30.09.2012, 22:49): Aufgrund der Absage Wolfgang Bankls wurde Jens Larsen aus Berlin geholt, der mehr gesprochen als gesungen hat und seine Stimme größer zu machen suchte als sie ist. Ulrike Helzel kam einer Zumutung gleich: Entweder sie kreischte oder sie säuselte und vom Text verstanden hat man auch nix. Herbert Lippert hatte wieder einen schlechten Tag, aber Elisabeth Kulman machte ihre Sache sehr gut, was auch von Thomas Ebenstein und Clemens Unterreiner zu sagen ist. Herwig Pecoraro war nicht ganz so gut wie zuletzt. Ein Desaster ist der neuengagierte Il Hong. Fleißig ist er ja; das muss man ihm lassen. Ingo Metzmacher stand am Pult. Das Stück wird wohl für einige Zeit in der Versenkung verschwinden. Billy :hello
Hyacinth (01.10.2012, 11:07): Habe soeben von einem befreundeten Sängerkollegen von Elisabeth Kulman erfahren, dass es nur ein Schwächeanfall war und es ihr schon wieder gut geht. Ich bin extrem erleichtert! Wie man sieht nützt es was, wenn das ganze Klassikforum Däumchen drückt :D
In diesem Sinne allen einen schönen Wochenstart!
Hyacinth :hello
Severina (01.10.2012, 11:13): Das ist wirklich eine gute Nachricht (War sehr erschrocken über Deinen Bericht!), hoffentlich schont sich Frau Kulmann noch ein bisschen, bevor sie wieder voll durchstartet.
lg Severina :hello
Hyacinth (01.10.2012, 12:44): Liebe Hyacinth, vielen Dank für Ihre Sorge! Das ist sehr lieb und rührend! Ich bin soweit wieder ok, war gestern den ganzen Tag mit Schwindel und Übelkeit im Bett (Was Schlechtes gegessen?) und bin nur für die Vorstellung aufgestanden in der Hoffnung, dass ich sie überstehe. Dann mobilisiert man alle seine Kräfte und schafft es, aber irgendwann klappt der Körper halt zusammen. Die hohen Kothurnen und der schwere Hut des letzten Kostüms haben ihr übriges beigetragen. Aber keine Sorge, nichts Schlimmes, ich bin nicht unterzukriegen! :-) Sehr herzliche Grüße und danke nochmals! Elisabeth
"Offizielle" Meldung. Es ist Elisabeth Kulman zu wünschen, dass sie in Zukunft, obwohl sie die Vorstellungen immer noch fabelhaft singt, absagt anstatt dann nachher zusammenzuklappen. :wink
Hyacinth :hello
Heike (01.10.2012, 14:52): Danke auch von mir für die gute Nachricht! Da kann man mal sehen, wie sich die Sänger manchmal verausgaben! Heike
Billy Budd (01.10.2012, 22:58): Zwei gute Sänger reichen nicht aus, um einen Wagen aus dem Dreck zu ziehen – das zeigte sich heute wieder in aller Deutlichkeit. Entsprechende Leistungen kamen nur von Norbert Ernst (hervorragend!) und Markus Eiche (warum dieser wunderbare Sänger jetzt nur mehr alle heiligen Zeiten in Wien zu hören ist, weiß nur die Direktion allein!). Aber die beiden habens natürlich nicht rausgerissen. Lance Ryan kam kurzfristig zu seinem Wiener Florestan-Debüt und sang so, als hätte er tatsächlich zwei Jahre im Kerker zugebracht. Immerhin: Er setzte alle Töne dorthin, wo sie hingehören, aber was nützt das, wenn seine Stimme ein dermaßen gequältes Timbre besitzt und sich mittlerweile sein Vibrato in ein furchtbares Wobble verwandelt hat? Er war nicht fähig, die Töne auf einer Linie zu singen; es klang ganz abgehakt, wie etwa: „In-des-le-bens-früh-lings-ta-gen“. Zu allem Überdruss sang er mit voller Lautstärke, was ein Überhören völlig unmöglich machte. Ein guter Schauspieler ist er ja – das muss man ihm lassen – aber darauf kommt es eben nicht an! Regelrecht gefürchtet haben wir uns vor der ersten Wiener Leonore von Ricarda Merbeth, aber – sofern man das zu starke Vibrato überhört – erwies sie sich als so übel nicht. Leider vermochte sie es nicht, ihren Gesang mit Ausdruck zu füllen. Im Vergleich zum Vorjahr war bei Albert Dohmen eine deutliche Verbesserung auszumachen. Lars Woldt besitzt eine wunderbare warme Bassstimme, aber warum musste er so brüllen und outrieren? Valentina Nafornita war durchschnittlich, aber ein echtes Desaster waren die beiden Gefangenen Dritan Luca und Ion Tibrea (ein erstes Haus darf da keine x-beliebigen Chorsänger hinstellen!). Aber immerhin stand Peter Schneider am Pult und dank im waren die beiden Ouvertüren die Höhepunkte des Abends. Lance Ryan hat uns immerhin nach Kräften zum Lachen gebracht und ich hab nicht einmal was gegen einen hinter mir stehenden Typen mit einer Mords-Schnaufnase unternommen – es war heute wirklich wurscht. Billy :hello
Billy Budd (02.10.2012, 22:51): Heute war ich doch noch einmal drinnen, obwohl ich dieses Stück sehr schwer aushalte. Grund war das Einspringen von Hui He und es stellt sich die Frage, warum sie, die zumindest als Cho-Cho-San das Maß aller Dinge ist, nicht schon von Beginn an engagiert wurde. Thomas Ebenstein sang heute den Goro und übertraf seinen unmittelbaren Rollenvorgänger bei weitem. Ansonsten hat sich nichts geändert. Billy :hello
Billy Budd (06.10.2012, 21:59): Diese Vorstellung musste ich leider in der Pause verlassen, weil Erwin Schrott die Ohren malträtierte. Wer ist auf die Schnapsidee gekommen, ihn als Dulcamara zu engagieren? Er singt so wie er heißt (das ist noch eine Untertreibung!): Entweder er grölte oder flüsterte und mehr als die Hälfte der Töne lag weit daneben. Normal zu singen scheint er nicht zu können (mit seiner Gesangstechnik ist es nicht weit her). Er hätte ausgebuht gehört, aber bis zum Ende der Vorstellung hat meine Geduld nicht gereicht. Da war sogar Adam Plachetka viel besser. Chen Reiss hatte hingegen einen guten Tag (mit der Zeit wird sie immer besser), aber Tae-Joong Yang ist als Belcore immer gleich schlecht. Pavol Breslik hinterließ – soweit man ihn überhaupt gehört hat – einen recht guten Eindruck. Elisabeta Marin kreischte sich durch die Gianetta. Guillermo García Calvo versuchte sich als Dirigent. Kein Kommentar dazu.
P.S.: In nächster Zeit werden von mir keine Staatsopern-Berichte erscheinen, denn in den nächsten beiden Wochen werden wir (sieht man von einem Kaufmann-Liederabend ab, dem ich ganz bestimmt fernbleiben werde) ausschließlich mit dem Mozart-Zeug zugemüllt. Eventuell gehe ich Ende Oktober einmal in den Barbiere, aber gescheites Repertoire gibt es erst wieder ab der zweiten Novemberhälfte, wenn die Meistersinger wiederaufgenommen werden. Aber es gibt ja auch noch die Volksoper (Salome), das Theater an der Wien (Trittico) und den Musikverein (Missa solemnis, Wesendonk-Lieder, Also sprach Zarathustra, V. und II. Mahler und ein Liederabend mit Norbert Ernst (Hugo Wolf, Schreker, Zemlinsky und Kienzl)) – langweilig dürfte mir nicht werden und ein bisschen Staatsopern-Abstinenz schadet nach der heutigen Vorstellung gewiss nicht. Billy :hello
ar (06.10.2012, 22:07): ausschließlich mit dem Mozart-Zeug zugemüllt.
Wenn du mich nach Wien bringst und meine Arbeiten im Gymnasium und an der Hochschule übernehmen würdest, nähme ich gerne diesen Kelch von dir. ;) War Breslik nicht gut genug, dass du es bis zum Ende ertragen hättest?
Billy Budd (06.10.2012, 22:11): Gut, "Zeug" und "zugemüllt" ist wahrscheinlich zu übertrieben. Aber mir gefällt diese Musik eben gar nicht. Das ist so, als müsstest Du Dir zwei Wochen lang irgndwelche von Dir ungeliebten Strauss-Opern anhören. :wink
Breslik war ok (Vargas war aber in einer ganz anderen Liga!), aber seine Stimme ist für die StOP zu klein. Schrott hat mich dann in die Flucht getrieben. Billy :hello
ar (06.10.2012, 22:21): Tatsächlich habe ich mir, um mich in deine Lage zu versetzen, 3 Wochen Rosenkavalier vorgestellt (das Grauen). Das ich Strauss nicht mag (also Elektra, Salome und FroSch schon), scheint wirklich kein Geheinis zu sein.
Das Bresliks Stimme für die WSO zu klein sein könnte, habe ich mir auch gedacht. Obwohl durch die BSO scheint er ja problemlos zu kommen und ich stelle mir die Bayerische Staatsoper etwa gleich gross vor (bin ja leider noch in keinem der beiden Opernhäuser gewesen). Ich habe immer gedacht, dass Schrott ein guter Dulcamara sein könnte, analog zu seinem Leporello. Wie man sich täuschen kann (er nimmt sich schon viel "Freiheiten" gegenüber dem Notentext. Bei Mozart finde ich das noch in Ordnung, bei Donizetti eher nicht).
Billy Budd (06.10.2012, 22:26): Elektra, Salome und FroSch sind übrigens auch meine drei liebsten Strauss-Opern. Breslik hat mir bis jetzt eigentlich gut gefallen (gehört als Alfredo, Ottavio und Lenski). Schrott hat nicht älter als Breslik gewirkt; ist also schon deshalb kein idealer Dulcamara. Billy :hello
Severina (12.10.2012, 16:24): Nach einer durch Bronchitis bedingten längeren Pause - im Unterschied zu manchen Zeitgenossen kuriere ich meinen Husten nicht in der Oper aus - fand ich mich gestern wieder in meinem einstigen zweiten Wohnzimmer ein. (Seit der Herr aus Paris das Zepter an der WSO schwingt, ziehe ich wieder das daheim vor!)
Allerdings währte meine "Freude" nicht einmal bis zur Pause, denn schon vorher trieb mich das Gekreische der beiden Donnas in die Flucht. (Was von einem hinteren Logenplatz ohne Störung möglich ist!) Das hätte ich keine weitere Stunde ausgehalten! Man erspare mir nähere Details und vor allem eine Namensnennung der beiden Fabrikssirenen :ignore
Schade, denn die Herren waren sehr gut bis zufriedenstellend: Allen voran Peter Mattei, der einen sehr eleganten Don Giovanni auf die Bretter stellte, zu dem auch das geschmeidige, verführerische Timbre sehr gut passte. Trotzdem ziehe ich in dieser Partie Sänger vor, die nicht nur in ihrer Stimme, sondern auch in ihrem Charakter eine gewisse Schwärze aufblitzen lassen. Aber das ist mein persönlicher Geschmack und schmälert nicht Peter Matteis ausgezeichnete Leistung.
Wolfgang Bankl konnte mit seiner ansprechenden Stimme ebenso punkten wie als Darsteller (selten, dass der Diener fieser ist als sein Herr!) und Alessio Arduini als Masetto erfüllte die Erwartungen, die ich nach seinem Salzburger Schaunard in ihn gesetzt hatte, voll und ganz. Das ist endlich einmal ein erfreulicher Neuzugang und ich wünsche ihm, dass er sich im Ensemble langsam entwickeln kann und nicht vorzeitig in zu schwere Partien gehetzt wird, die seiner wirklich schönen und auch durchschlagskräftigen Stimme schaden.
Benjamin Bruns vermochte dem Don Ottavio ebenso wenig Profil zu verleihen wie die meisten seiner Rollenvorgänger, aber "Dalla sua pace" servierte er stilsicher und belcantesk, und mehr erwartet man sich von diesem anämischen Liebhaber auch nicht.
Um das Dirigat von James Gaffigan seriös beurteilen zu können, hätte ich länger ausharren müssen.
Es ist jedenfalls eine Schande, dass es das führende Opernhaus von Wien (zumindest im Selbstverständnis des Herrn Direktors) es nicht schafft, eine Mozartoper in allen Partien halbwegs gut zu besetzen. Das gestern war ein weiterer Tiefpunkt in der Mozartpflege der letzten beiden Jahre.
Meine Motivation, mir morgen die Nozze anzutun, ist jedenfalls auf den Nullpunkt gesunken, auch weil ich innerhalb von drei Tagen keine zwei Martinoty-Nicht-Inszenierungen aushalte X(.
lg Severina :hello
Hyacinth (12.10.2012, 17:49): Danke für den Bericht, Severina!
So ähnlich hatte ich es mir eh erwartet - Mattei und Arduini kenne ich allerdings nicht. Ich werde dennoch hingehen, auch wenn es wahrscheinlich nicht das tolle Gesamterlebnis des Jahres werden wird, aber ich schätze Bankl sehr und (weil das jetzt gemein klingt schreibe ich den Namen auch nicht hin) bin gespannt, wie die mir aus zahlreichen Vorstellungen bekannte Donna diese Partie meistern wird - ich kann es mir nicht vorstellen. In Figaro morgen muss ich wohl oder übel gehen (auch ich halte Martinoty nur mit Bauchweh aus), da ich mir schon vor einem halben Jahr eine Karte gekauft habe, in dem Glauben, Genia Kühmeier würde singen. Aber so ist das Leben, voll von Viren und Bakterien, die sich gerne in Sänger-Hälsen einnisten und ich bin auf Beszmertna gespannt!
Hyacinth :hello (Ich werde berichten!)
Severina (12.10.2012, 18:23): Liebe Hyacinth,
wegen Kühmeier wäre ich auch gegangen, aber da ich keine Karte im Vorverkauf erstanden habe - ich wollte mich unmittelbar vor der Vorstellung umschauen - muss ich morgen gottlob keine absitzen und kann beruhigt zuhause bleiben. Auf Deinen Bericht bin ich natürlich schon neugierig!
lg Severina :hello
Billy Budd (12.10.2012, 21:11): Ich verstehe nicht, warum Ihr Euch das antuts; dass dieser Don Giovanni miserabel wird (trotz Mattei und Bankl, aber Reinprecht die Elvira singen zu lassen, ist eine Schnapsidee und über Dohmens Komtur breiten wir freundlicherweise den Mantel des Schweigens), war doch vorhersehrbar. Die Nozze wird nicht besser (fängt schon mit diesem miserablen Dirigenten an).
Ich freue mich jedenfalls schon auf die Nächsten VOP- und THADW-Vorstellungen - da kann mir dieses miese Repertoire (betrifft Stücke und Besetzungen) in der STOP getrost gestohlen bleiben. Außerdem habe ich jetzt endlich genug Zeit, mehr CDs zu hören. Billy :hello
Hyacinth (14.10.2012, 10:49): Diesmal im richtigen Thread: Meine Erwartungen waren nicht sehr hoch. Genauer gesagt, sehr niedrig. Und doch wurde es alles in allem ein Genuss für Augen und (meist) auch Ohren. Obwohl sowohl Miah Persson, als auch Markus Werba durchaus schöne Stimmen besitzen, ist ab einer gewissen Lautstärke des ohnehin kleinen Orchesters Schluss mit dem gut hörbaren Gesang und es beginnt das fröhliche Rätselraten: Hat er/sie jetzt den Ton gesungen oder nicht? Persson hat den Vorteil, dass sie Sopran ist und es bei ihr nur die Mittellage betraf. Sie forcierte ihre Stimme auch nicht und "Deh vieni" lag ihr genau richtig, weil sie die Legato-Phrasen gefühlvoll und ruhig gestaltete. Werba dagegen presste manchmal herum. Seine stärkste Leistung des Abends war "Se vuol ballare", da er sehr dynamisch spielte und das hier besonders zur Geltung kam. Die beiden gaben ein gutes Paar ab und wären für ein etwas kleineres Haus, wie das ThadW genau richtig. Pietro Spagnioli ist vielleicht nicht mehr ganz taufrisch, aber für diese Rollenauslegung des Grafen als richtig ekelhaften Ungustl passte er perfekt. Stimmlich ist nichts auszusetzen, er lieferte einfach ein überzeugendes Gesamtpaket ab. Auch ein Gesamtpaket, allerdings das vielversprechendste des ganzen Abends war Olga Bezsmertna. Ich habe sie letztes Jahr im Barbier gesehen und mit Staunen erlebt, wie sie die unwichtige Arie der Berta zu einem Höhepunkt der Vorstellung machte. Es gab also zwei Möglichkeiten: Entweder würde sie in der deutlich größeren und wichtigeren Rolle der Gräfin enttäuschen, oder aber den äußerst positiven Eindruck rechtfertigen. Das letztere traf mehr als zu. Bezsmertna hat eine wunderschöne Stimme, die in Zukunft vielleicht ins italienische Fach gehen könnte. Am Anfang begann sie dosiert im Piano, bis sie dann das erste Mal die Töne aufblühen ließ, ihre volle Stimme, mit schnellem, lockerem Vibrato, ohne zu laut zu sein mühelos den Zuschauerraum durchflutete. Mit ihrer gefühlvollen, durchdachten und dynamisch abwechslungsreichen Gestaltung sorgte sie nicht nur in "Dove sono" und "Porgi amor" für magische Momente. Diesen Namen sollte man sich dringendst merken!! Lena Belkina gab mit diesem Cherubino ihr Rollendebüt an der Staatsoper, ist ab September diesen Jahres Ensemblemitglied. Sie hat ebenfalls eine homogene, schöne Stimme. Mit genauerer Beurteilung warte ich allerdings noch bis zum nächsten Mal, da sie am Anfang mit leichter Erkältung angesagt wurde, und ich nicht beurteilen kann, was jetzt genau die Erkältung war und was nicht. In den kleineren Rollen stachen besonders Sorin Coliban und Monika Bohinec durch ihr komödiantisches Talent hervor (es war nicht fair, dass Bohinec ihre Arie als Marcellina nicht singen durfte, von ihr hätte man gerne mehr gehört, als nur die Unterstimme hier und da). Die Inszenierung ist ja derselbe Schmarrn (entschuldigt den unprofessionellen Ausdruck) wie letztes Jahr. Allerdings wurde von der Regie so einiges gemacht und man merkte, dass dieses Sängerensemble viel spielfreudiger ist als das von der Premierenserie. Es war eine Freude und obendrein sehr kurzweilig, den Sängern zuzuschauen, die sichtlich Spaß hatten. Außerdem fiel mir auf, dass die Gräfin mitnichten so passiv gezeichnet wurde wie letztes Jahr, keine Spur mehr von irgendeiner Liebe zu ihrem Mann, eher die frustrierte Erkenntnis, dass sie von ihm abhängig ist - und die heimlichen Gefühle für Cherubino, die auch auf der Bühne deutlich ausgelebt wurden. Susanna dagegen war ihrem Figaro ganz und gar treu. Das Ende ist übrigens in dieser Inszenierung - trotz genügend Klamauk - ziemlich unbefriedigend: Die Gräfin wird vom Grafen fortgerissen, es hat sich durch diese Lehre scheinbar nichts geändert und Cherubino ist immer noch in die Gräfin verliebt - er schaut nicht Barbarina, sondern irgendeinen Stofffetzen der Gräfin in seinen Händen an. Jeremie Rhorer war nicht wirklich berauschend. Er besaß weder das Feingefühl, das Orchester ein wenig zu drosseln, wenn Werba versuchte, forte über das mezzoforte spielende Orchester zu singen und es nicht schaffte, und gab Einsätze und Tempi immer wieder nicht oder undeutig. Die Philharmoniker spielten klein und fein. Im Publikum waren allerdings lauter Touristen, humorlose Abonnenten und andere Banausen (leichte Übertreibung! ), da am Anfang niemand lachte und die Leute nach dem ersten Akt aufsprangen und hinausgehen wollten, was zu einiger Unruhe am Anfang des zweiten Aktes führte. So etwas ist verzichtbar. Für eine "Alibi"-Vorstellung, da sich ein Großteil der Belegschaft ja in Japan aufhält, war dieser Figaro durchaus ordentlich und bot einige neue, angenehme Entdeckungen innerhalb des Ensembles! Hyacinth
Billy Budd (14.10.2012, 11:31): Hmmm, wenn mir in den nächsten Tagen einmal gaaanz fad sein sollte, gehe ich vielleicht doch hin (vielleicht hau ich ja nach der Pause ab), denn mich interessiert, wie mir die Vorstellung gefällt. Verschiedene Meinungen sind ja immer gut. Deshalb hier noch ein Link zu einer anderen Kritik: Renate Wagner. Billy :hello
EDIT: Das wird doch nix. Am Di. bin ich in der VOP und Fr. geht nicht.
Hyacinth (14.10.2012, 12:00): Bei der Kritik von Renate Wagner hab ich mir ernstlich überlegt, meinen Account im Merker-Forum wiederzubeleben, aber das ist es mir nicht wert. So einen Unsinn muss man auch einmal zusammenschreiben können... X(
Hyacinth :hello
PS: Tja, Billy, du verpasst ein bisschen etwas, aber diese ganzen neuen Ensemblemitglieder wird man ja sowieso noch oft zu hören bekommen! :)
Billy Budd (18.10.2012, 18:00): Hier noch eine (ausnahmsweise) sehr lesenswerte Merker-Kritik zum gestrigen Don Giovanni: How low can you get? Nach dem Lesen fällt es mir noch leichter, am Samstag nicht zu gehen. Billy :hello
Billy Budd (27.10.2012, 22:38): Mit „willkommen daheim!“ begrüßte mich heute ein Billeteur. Ich würde ja gerne öfter mein zweites Wohnzimmer besuchen, wäre der Spielplan nicht gar so eine Zumutung. Auch heute verließ ich die Vorstellung in der Pause, denn das (obendrein noch schlecht gesungene) Rossini'sche Geleier war nicht auszuhalten. Tara Erraught ist kein Mezzo, sondern ein fauler Sopran (außerdem: wer auch immer ihr eingeredet hat, Rosina als beschränkte Treppn zu spielen, irrt. Die ist eine selbstbewusste junge Frau, die weiß, was sie will!) und auch Juan Francisco Gatell ging uns mit seiner, dem Gemecker eines Ziegenbocks ähnelnden, quengelnden Stimme kräftig auf den Zeiger. Adrian Eröd ist nicht mehr der Alte, aber noch ganz ok. Wolfgang Bankl (statt Alfred Šramek) und Sorin Coliban (statt Adam Plachetka) hätten die Möglichkeit, besseres zu singen. Marcus Pelz (statt Alessio Arduini) und Olga Bezsmertna ergänzten brav. Jean-Christophe Spinosi dirigierte viel zu langweilig. Fazit: Es war ein typisches Beispiel für eine Vorstellung, die nur angesetzt wird, um das Haus voll zu bekommen. Jetzt muss ich mir gleich was Gscheits (Elektra) anhören, um diese Schmierenkomödie zu überschreiben.
Übrigens: Die Billeteure tragen seit 14. Oktober anstelle der alten Uniformen nun Anzüge und Krawatte bzw. Halstuch. Und am Balkonrundgang befindet sich eine Ausstellung mit Karikaturen meines Lieblings Benedikt Kobel. Zwei Zeichnungen sind wenigstens annährend lustig („Die Rache des Dirigenten an feindlichem Rezensenten“ und „Souffleur unterhält Ensemble während fader Belcanto-Oper“ – gut, dass Belcanto fades Zeug ist, habe ich vorher auch schon gewusst), der Rest ist albern. Also auch nichts, was man gesehen haben muss. Billy :hello
Severina (08.11.2012, 13:12): Wenn „Simon Boccanegra“, eine meiner Lieblingsopern, auf dem Programm steht, ist meine Vorfreude entsprechend groß. Nachdem ich im Vorjahr den Septemberblock mit Domingo geschwänzt hatte – zu groß war meine Skepsis ob des zum Bariton mutierten Tenorlieblings – wollte ich es heuer mit ihm wagen. Immerhin hatten mir Freunde glaubhaft versichert, dass Domingo den Simone, sehr im Unterschied zum enttäuschenden Rigoletto, wirklich gut macht. Nun ja…..
Eijiro Kai als intriganter Paolo versetzte meiner Vorfreude den ersten Dämpfer, denn er tremolierte hart an meiner Schmerzgrenze, über ein einnehmendes Timbre verfügt er obendrein nicht. Fairerweise muss ich aber sagen, dass er sich im Laufe des Abends erfing und auf einem erträglichen Niveau einpendelte.
Ain Angers Fiesco erfüllte meine Erwartungen in positiver und negativer Hinsicht: Einerseits ein sehr kultiviert singender, mit angenehmem Timbre ausgestatteter Bassbariton, andererseits ein großes Defizit in der vokalen und darstellerischen Gestaltung. Bei Anger klingt alles gleich „schön“, die emotionalen Höhen und Tiefen, die Fiesco durchläuft, konnte er überhaupt nicht vermitteln. Weder war die abgrundtiefe Verzweiflung des „Prega, Maria, per me“ herauszuhören, noch der Hass auf den Urheber dieser Verzweiflung, und auch die Charakterstärke Fiescos, der sich Freiheit und Rache nicht mit einem feigen Mord erkaufen will, gingen in Ain Angers Darstellung völlig unter. Da ist keine Spur von Verachtung in seiner Stimme, wenn er Paolos Angebot empört zurückweist, und als er ihm zum Schluss ein „Mostro!“ entgegenschleudert, ist das nicht mehr als eine sachliche Feststellung, losgelöst von jeder Emotion. Insgesamt ein Fiesco, der dem vielschichtigen Charakter dieser Partie so ziemlich alles schuldig bleibt. Sich hinzustellen und schön zu singen, ist zumindest mir zu wenig.
Der Einzige, der für diese Aufführung von mir ein Sehr gut erhält, ist Ramón Vargas in der Rolle des Gabriele Adorno. Er erbrachte eine Leistung ohne Fehl und Tadel, und dass er kein begnadeter Darsteller ist, fiel in der gestrigen Stehpartie ohnehin nicht auf. Bei seinen letzten Auftritten in Wien konnte mich Vargas nie so 100%ig überzeugen, ich hatte immer das Gefühl, dass sein edles Material erste Verschleißerscheinungen zeigt. Aber gestern klang seine Stimme ausgeruht und gut fokussiert, in seiner großen Arie punktete er mit tenoralem Schmelz und klug dosierter Emotionalität.
Barbara Haveman war noch nie wirklich mein Fall. Sie bringt zwar viel mädchenhafte Ausstrahlung für die Rolle der Amelia mit, erfüllt somit optisch alle Wünsche, leider gilt das nicht für ihre Stimme, die sehr unstet geführt wird. Zwar gelingen Frau Haveman schöne Passagen, aber sie kann diese Linie nicht halten. Das gleiche gilt für ihr Vibrato: Mal ist es nervig und störend, dann wieder kaum zu bemerken.
Placido Domingo habe ich mir bis zum Schluss aufgehoben, weil es mir nicht leicht fällt, meine gestrige Enttäuschung in Worte zu kleiden. Der Tenor Domingo hat mein Opernleben in über drei Jahrzehnten geprägt und mit vielen Sternstunden reich gemacht, der Bariton Domingo ist für mich sehr entbehrlich. Ich muss gestehen, dass mich der Prolog beinahe schockiert hat, denn was ich da hörte, hatte mit „meinem Placi“ nicht viel Ähnlichkeit, und das lag nicht daran, dass der Simone eine Baritonpartie ist. Domingo betont ja immer wieder, dass er auch diese Rollen mit „seiner Stimme“ singt, also nicht einen Bariton imitiert, und genau das irritierte mich so, denn was da über die Rampe kam, war eine mir völlig fremde Stimme, in der ich vergeblich den einst so berühmten Goldton suchte. Es war eine Stimme ohne Glanz, ohne Leuchtkraft. Als er dann noch bei „Maria! Maria!“ in theatralisches Geschluchze verfiel - eine Schmiere, die er sich früher nie gestattet hätte – war bei mir der Ofen vorerst aus. Im Laufe des Abends kam Domingo dann in Fahrt, blitzte doch etwas von der alten vokalen Qualität durch, aber insgesamt blieb es ein schwacher Abglanz. Natürlich warf er seine ganze Persönlichkeit in die Waagschale und schuf ein eindrucksvolles Rollenporträt des Dogen, besonders das Schlussbild gelang ihm sehr berührend. Setzt man also Gesang und Darstellung in Relation zueinander, ergibt es unterm Strich eine passable Leistung – aber genügt das für einen Placido Domingo? Genügt das für einen Sänger, der zu den besten der letzten 50 Jahre zählt, der in so vielen Partien Maßstäbe gesetzt hat? Zumindest für mich ist die Antwort klar…… Das Publikum sah es offensichtlich anders und feierte seinen Liebling mit donnerndem Applaus und Bravogeschrei. Ich muss gestehen, dass ich nach dem ersten Solovorhang gegangen bin und daher nicht sagen kann, wie lange der Jubel gedauert hat.
Nur mäßig begeistert war ich auch vom Dirigat Philippe Auguins, der so manche fein gewobene Orchesterpassage recht beiläufig herunterklopfte.
Die Inszenierung spare ich jetzt aus, denn ich habe mich schon in früheren Rezensionen darüber geäußert. Viel mehr als das Bühnenbild ist im 60. Aufguss von Peter Steins Regiearbeit auch nicht geblieben, inzwischen macht eigentlich jeder Sänger, was er will. (Gestern wurde das Podest mit dem toten Simone so rasch hochgefahren, dass es die Choristen nicht mehr schafften, das goldene Tuch über die Leiche zu breiten. Aber ehrlich gesagt gefiel mir die Schlussszene so fast besser.)
Mein Fazit: Ein Abend, der mich mehr traurig als froh gemacht hat.
Lg Severina :hello
Billy Budd (08.11.2012, 16:59): Danke für den Bericht, ich habs mir exakt so vorgestellt (mit der Ausnahme, dass ich keine so gute Leistung von Vargas erwartet habe). Ursprünglich wollte ich am Sonntag gehen, aber mich stundenlang für so was anzustellen (noch dazu mit dem Talaba als Hauptmann) ... wohl eher nicht. Ich werd mich heute erkundigen, ob wirklich so viel los war.
Derzeit gibts in der Oper wirklich nur Mist! Ich war am 6. Oktober, bin in der Pause gegangen, dann DREI Wochen nicht und bin dann wieder in der Pause abgehauen. Und heute springt auch noch der Yang ein! Wie ich schon gesagt hab: Das einzig Gscheite in der nächsten Zeit sind die Meistersinger. Und auf Struckmanns Scapia könnte man sich ja freuen, wenn nicht Shicoff auch mit von der Partie wäre - das wird sicher zum Ausbuhen. Billy :hello
P.S.: Vargas war im April als Nemorino auch darstellerisch super!
Severina (08.11.2012, 18:51): Ich glaube nicht, dass Du Dich stundenlang anstellen musst, gestern waren die ganz seitlichen Stehplätze völlig leer, auch sonst standen die Leute recht aufgelockert. Talaba ist übrigens nicht speziell negativ aufgefallen, das sagt wohl alles über das Mittelmaß der Aufführung..... Und was mein Sehr gut für Vargas betrifft: Unter Blinden ist der Einäugige König :wink!.(Aber er war gestern wirklich sehr viel besser als bei meiner letzten Live-Begegnung mit ihm!) Fabio Sartori ist allerdings nach wie vor mein idealer Gabriele Adorno. lg Severina :hello
Heike (08.11.2012, 20:34): Liebe Sevi, Domingo hat hier in Berlin im Frühsommer auch den Boccanegra gesungen und ich war ähnlich enttäuscht wie du. Ich habe auch drüber geschrieben. Es war nicht direkt schlecht, aber eben nur ein müder Aufguss aus seinen Glanzzeiten. Die Kritik hat ihn damals recht wohlwollend beschrieben und ich meine mich zu erinnern, dass es auch hier oder in Cappricio begeisterte Zuhörer seines Bariton-Verdis gab, die mir reichlich widersprachen - aber mir hatte das trotzdem nicht gefallen. Das beruhigt mich ja nun etwas, dass ich mit meiner Einschätzung nicht so ganz allein dastehe.
Übrigens sang Fabio Sartori in Berlin den Tenor :-) und er hatte mir mehr Freude gemacht als Placido. Heike
Severina (08.11.2012, 21:04): Liebe Heike,
ich kann mich noch gut an Deinen Bericht erinnern und schon damals bezweifelt, ob es so eine kluge Idee war, mir für unseren Simone Karten bestellt zu haben. Aber da muss ich jetzt durch, für Sonntag habe ich nämlich auch eine :( Übrigens bin ich überzeugt, dass morgen lauter positive Kritiken zu lesen sein werden, und das Gros des Publikums flippte hinterher ja auch aus vor lauter Placi-Begeisterung. Ich finde es wirklich traurig, wenn verdienstvolle Sänger - die Liste ist lang - einfach nicht spüren, wann es besser ist, ehrenhaft abzutreten. Domingo hat doch ohnehin immer noch ein reiches musikalisches Betätigungsfeld, alleine seine Operalia ist doch eine schöne Aufgabe, die ihm Befriedigung verschaffen müsste.
lg Sevi :hello
Billy Budd (08.11.2012, 23:04): Original von Severina Ich glaube nicht, dass Du Dich stundenlang anstellen musst, gestern waren die ganz seitlichen Stehplätze völlig leer, auch sonst standen die Leute recht aufgelockert.
Stimmt, wie mir heute erzählt wurde, war auch die dritte Reihe in der Mitte völlig leer. Ich plane jedenfalls für nächsten Mittwoch.
Sicher wird es enthusiastische Kritiken geben, aber das meiste, was über Oper in der Zeitung steht, muss man doch einfach nur umdrehen (außer, das was der Sin über Botha schreibt, den mag er nämlich), dann passts wieder. :wink Billy :hello
Billy Budd (08.11.2012, 23:10): Bei dieser Oper braucht man nur zwei wirklich gute Sänger (Adriana Kucerová - wieso darf sie bei uns immer nur einspringen und wird nicht regulär angesetzt? - und Saimir Pirgu), einen anständigen (Paolo Rumetz, der sich nach einem seltsamen Auftritt verbesserte) und einen brauchbaren Dirigenten (Yves Abel), dann kann nicht mehr viel schief gehen. Wieso schafft es die Direktion nicht, überwiegend solche Besetzungen aufzubieten? Äußerst mies war aber Tae-Joong Yang als Belcore (eingesprungen für Nikolay Borchev) - die Szenen, in denen er zu singen hatte, sind so völlig in die Hosen gegangen. Anita Hartig fiel in der kleinen Rolle der Gianetta positiv auf. Billy :hello
Fides (09.11.2012, 08:49): Ich habe in den vergangenen Jahren einige der mir erreichbaren Domingo-Boccanegras gesehen und gehört.... Klar klingt P.D. nicht mehr wie einst im Mai....zumal er den tieferen Bereich seiner Naturstimme stärker betont...ich habe damit nicht nur kein Problem, sondern bin begeistert von diesem "anderen" Klang. :down
dass er "nicht ehrenhaft abtritt"...oder so ähnlich ?(. WIESO sollte er das tun....der Mann ist für die Oper geboren, liebt und braucht die Bühne und wird geliebt und gebraucht!!!!! Sein "Boccanegra" ist tief berührend, auch pathetich, sicher und, was meine Gehörgänge angeht, großartig gesungen! :down
Ich bin sicher, sie halten alle, die 30-40 Minuten jubeln (Berlin, Zürich), trampeln und klatschen für "Berufsfans". Das bleibt ihnen unbenommen....aber vielleicht hören sie anders und nehmen anders wahr?!
LG Fides :hello
Hyacinth (10.11.2012, 18:53): Da bin ich sehr gespannt auf deine Eindrücke! Meine Oma war bei der Matinee vorigen Sonntag, die eineinhalb Stunden dauerte und anscheinend eher langweilig war..
Hyacinth :hello
Severina (10.11.2012, 19:37): Da Christoph Willibald Glucks „Alceste“ seit einem halben Jahrhundert im Haus am Ring nicht mehr gespielt worden war, stand mir heute mit der GP quasi eine Premiere bevor, denn auch auf Tonträgern habe ich bisher noch keine Bekanntschaft mit diesem Werk geschlossen. Ein Versäumnis, wie ich jetzt weiß!
Die Geschichte von Alceste, die sich an Stelle ihres von den Göttern zum Tod bestimmten Gatten Admete opfern will, damit der in ihren Augen wichtigere König dem Land und Volk erhalten bleibt, ist reich an leidenschaftlichen Gefühlsaufwallungen, die Gluck ebenso aufwühlend in Noten gesetzt hat. Die Musik ist wirklich ganz wunderbar, zu einer tiefschürfenderen Analyse bin ich nach dieser ersten Begegnung natürlich nicht in der Lage. Daher kann ich auch keinen kompetenten Kommentar zur Orchesterleistung abgeben, weil mir alle Vergleichsmöglichkeiten fehlen.
Da Ivor Bolton und das Freiburger Barockorchester einen ausgezeichneten Ruf genießen, gehe ich davon aus, dass sie den großen Applaus am Schluss wirklich verdient haben.
Nicht verdient hat in meinen Augen Christof Loy die sicher nicht unbeträchtliche Gage für seine Regiearbeit, denn diese „Arbeit“ dürfte nicht allzu aufwändig gewesen sein. Noch dazu, wo er sich für Wien gar nichts eigens den Kopf zerbrechen musste, weil es sich wieder einmal um eine Koproduktion handelt. Und zwar wieder einmal mit Aix-en-provence, das uns schon die für einen Repertoirebetrieb völlig unbrauchbare „Traviata“ beschert hat. Diese Probleme wird es bei „Alceste“ nicht geben, denn die Personenregie ist so simpel, dass man sie wohl jedem Einspringer in einem zehnminütigen Crashkurs einbläuen kann…. Loy hängt sein Inszenierungskonzept an der von Alceste und Admete wiederholt beteuerten Liebe zu ihren Kindern und ihrem Volk auf. Er nimmt den Topos von Landesvater und Landesmutter wörtlich und macht aus den Untertanen Kinder: Die Damen und Herren des übrigens ausgezeichnet singenden Gustav-Mahler-Chors stecken also in Hängekleidchen, Kniehosen und Matrosenanzügen, und damit auch ja jeder kapiert, dass es sich wirklich um Kinder handelt, schleppen sie ständig Spielzeug mit sich herum. Das erlaubt einerseits natürlich ein lebhaftes Bewegungskonzept, denn da wird geschubst, gebalgt, um das Spielzeug gestritten usw., andererseits trägt es zum Verständnis der Geschichte absolut nichts bei. Wenn also Loy mit seinem „Kindervolk“ eine besondere Aussage intendiert, so geht zumindest an mir seine Botschaft vorbei. Als dann Alceste an der Spitze ihres „Volkes“ zum Apollontempel zieht, um in einem letzten verzweifelten Versuch die Götter doch noch gnädig zu stimmen, und zuvor die Schar wie eine Kindergartentante in Reih und Glied aufstellen lässt, dabei Rangeleien schlichten und Ausreißer neu einordnen muss, fragte ich mich wirklich, ob Loy diese Oper ernst genommen hat……. Vor allem verflacht damit ein tragischer Aspekt des Werks völlig: Das Königspaar hat ja zwei Kinder, Alceste ist nicht nur Gattin, sondern auch Mutter, und das verleiht ihrem Entschluss, sich für Admete zu opfern, eine zusätzliche Dimension. Was veranlasst diese Frau, ihre Kinder im Stich zu lassen und in den Tod zu gehen? Ist es wirklich die Sorge um das Land, der feste Glaube, dass das Leben des Königs wertvoller für das Allgemeinwohl ist als ihres? Oder steckt nicht eher eine Sinnfrage dahinter, weil ein Leben ohne den abgöttisch geliebten Gatten für sie völlig unerträglich wäre? (Der Text lässt jedenfalls beide Deutungen zu!) Auf jeden Fall muss diese Entscheidung für die eigenen Kinder oder das Wohl des Volkes in einer Inszenierung doch thematisiert werden, würde ich meinen. Loy wirft Kinder und Volk quasi in einen Topf und eliminiert damit diesen Gewissenskonflikt vollständig - bei ihm geht’s nur darum, dass sich Alceste ein Leben ohne Admete nicht vorstellen kann und die Überlegung, was dann aus ihren Kindern wird, nur eine marginale Rolle spielt.
Abgesehen von seinem „Kindervolk“ ist Christof Loy zur „Alceste“ nichts Neues eingefallen. Denn dass aus dem Oberpriester Apollons ein katholischer Geistlicher wird, vor dessen Berührungen Mädchen und Knaben gleichermaßen entsetzt zurückweichen, ist mir einfach zu platt, um es als Einfall gelten zu lassen. Ich habe mit der katholischen Kirche wirklich gar nichts am Hut, aber diese in letzter Zeit am Theater so beliebte Gleichsetzung von Priester = Kinderschänder finde ich einfach nur mehr penetrant. Ein wirklich kreativer Regisseur sollte es eigentlich nicht nötig haben, auf solche Gemeinplätze zurückzugreifen. Aber auch ein nicht grapschender katholischer Priester wäre als Diener Apollons ziemlich deplatziert, weil es sich da gewaltig mit dem Text spießt. Natürlich kann man den antiken Gott in die Gegenwart holen (Ich bin wirklich die Letzte, die sich eine „Alceste“ in historisierendem Ambiente wünscht!!) , aber dann müsste es meiner Meinung nach ein moderner Heilsbringer sein, ein Guru oder Sektenführer, von dem sich die Masse Erlösung erhofft. Dass eine moderne Alceste bei einem Scharlatan Hilfe sucht, würde Sinn machen, jedenfalls mehr, als wenn ein Priester des 20. Jhdts. die Hilfe heidnischer Götter erfleht.
Ich glaube, ich habe nun zur Genüge dargelegt, dass mich Christof Loys Regiekonzept überhaupt nicht überzeugt. Ein paar Worte zum Einheitsbühnenbild von Dirk Becker: Es zeigt zwei weiße, in einem Winkel von etwa 100° zusammengefügte Wände. Im linken schmaleren Teil ist ein hohes Fenster eingelassen, im rechten führt eine große, mit weißen Schiebetüren versehene Öffnung in einen dahinter liegenden kleinen Raum, der als erweitertes Wohnzimmer (2. Akt) oder Schlafgemach (3. Akt) dient. Im ersten verhüllt ein weißer Vorhang den Spalt zwischen den Schiebetüren, die hektisch ein und ausgehenden Personen – darunter Arzt, Pflegepersonal, Priester - lassen dahinter das Sterbezimmer des Königs vermuten. An beweglichen Requisiten gibt es nur das Notwendigste, ein einfaches Bett, Stühle und immer wieder Kinderspielzeug. Das Bühnenbild ist jedenfalls nicht das Problem dieser Produktion.
Wesentlich zufriedener als mit der Regie war ich mit den Interpreten, da gab es heute für mich nichts Grundlegendes auszusetzen.
Véronique Gens gibt mit der Alceste ihr Debut an der WSO, Besuchern des ThadW ist sie von dort schon bestens bekannt. Sie verfügt über eine volle, schön grundierte und sehr ausdrucksstarke Stimme, in der allerdings ein deutliches Vibrato mitschwingt. Das erstaunt mich bei einer ausgewiesenen Barockspezialistin doch etwas. Sehr glaubhaft gestaltete Véronique Gens die Opferbereitschaft Alcestes und ihren inneren Kampf, als sie dem glückseligen und sie anhimmelnden Admete ihren bevorstehenden Tod ankündigen muss.
Admete wird von Joseph Kaiser gesungen, der wie Madame Gens schon in Aix-en-Provence mit seiner Rolle betraut war. An seinem Timbre ist eigentlich nichts auszusetzen, dass es keine stärkere Resonanz in mir auslöst, ist wahrscheinlich mein Problem. Was mich für den Sänger auf jeden Fall einnimmt, ist die große Emotionalität seines Singens, auch ohne ein Wort zu verstehen, weiß man, in welcher Gemütsverfassung sich dieser Admete gerade befindet. So geriet sein großer Ausbruch, als ihm endlich klar wird, wem er sein (Über-)Leben zu verdanken hat, zu einem wirklich packenden Minidrama. Was da alles an Empörung, Entsetzen, Selbstmitleid (Auch er will ohne Alceste nicht weiterleben!) vokal hoch schwappte, war wirklich hörenswert! Für diese authentischen Gefühlsausbrüche verzieh ich ihm gerne, dass sein Tenor bei absteigenden Tonfolgen manchmal einen etwas blechernen Beiklang hatte.
Clemens Unterreiner, in der Regel eher mit den so genannten „Wurzenrollen“ bedacht, darf als Oberpriester Apollons und als Charon erfolgreich beweisen, dass er das Potenzial zu höheren Aufgaben besitzt. Speziell im 1. Akt hat er einiges zu singen und stattete seine Figur mit vokalem Wohlklang und Virilität aus. Woran Herr Unterreiner allerdings noch arbeiten sollte, ist die Dynamik, denn er neigt dazu, alles über den gleichen Lautstärkekamm zu scheren, so nach dem Motto „Laut ist immer gut!“ Das ist es aber nicht, oft ist weniger eindeutig mehr. Manchmal habe ich bei diesem Sänger den Eindruck, er platzt so vor Ehrgeiz, aller Welt zu beweisen, wie toll er ist, dass er vokal immer wieder übers Ziel hinausschießt. Der Beweis, dass Clemens Unterreiner über ein sehr schönes Stimmmaterial verfügt, ist längst erbracht, nun sollte er danach trachten, es etwas subtiler einzusetzen. Genau dosiert waren hingegen die darstellerischen Mittel, von seinem Hang zum Überagieren – manchmal erinnert er mich an ein hyperaktives Kind - war heute erfreulicherweise nichts zu bemerken. Das rechne ich Herrn Unterreiner hoch an, denn gerade Loys Vorgabe des „anlassigen Priesters“ hätte natürlich genug Gelegenheit geboten, dem Affen Zucker zu geben.
Als Herold/Apollon/4. Koryphäe konnte der Neuzugang Alessio Arduini ebenfalls mit einem eindrucksvollen Bassbariton punkten, allerdings neigt auch er wie sein Kollege dazu, ein bisschen zu sehr auf den Powerknopf zu drücken. Aber natürlich ist es verständlich, dass ein junger Sänger bei seinen ersten Auftritten auf sich aufmerksam machen will. Etwas Nervosität mag auch dabei sein. Auf jeden Fall erwarte ich mir von diesem Bariton recht viel, was seine Zukunft betrifft, denn seine Stimme gefällt mir ausnehmend gut.
Nicht ganz auf gewohntem Niveau agierte heute Adam Plachetka (Spürt er die Konkurrenz im Nacken?), der den Hercule ziemlich grobschlächtig interpretierte. Von der Regie als eine Art „reicher Onkel aus Amerika“ angelegt, übertrieb er es mit der „Hoppla-hier-komm-ich“-Attitüde ein wenig, zumindest nach meinem Geschmack. Mehr störte mich aber wie gesagt der vokale Holzhamer.
Benjam Bruns bot als Èvandre/3. Koryphäe die erwartete gute Leistung, wirklich profilieren kann er sich in dieser Rolle nicht. Er ist zwar ständig im Spiel, hat aber nur ein längeres Solo zu singen.
Ileana Tonca und Juliette Mars als Töchter, die erst um den Vater und dann um die Mutter zittern müssen, wurden vom Komponisten auch ziemlich stiefmütterlich behandelt. Sie müssen ihre Verzweiflung mehr durch Körpersprache als durch Noten vermitteln, wenn sie aber singen dürfen, tun sie das beide sehr zufrieden stellend.
Mein Fazit: Jammerschade, dass dieser musikalisch wirklich gelungenen Produktion nicht eine adäquate Regie beschieden ist!
lg Severina :hello
PS: Trotz GP haben heute alle ausgesungen und durften hinterher auch den Applaus des Publikums entgegen nehmen!
Heike (10.11.2012, 21:19): Liebe Sevi, ich weiß gar nicht, wieso Loy so hoch gehandelt wird; sein letztes Werk hier (Tristan) fand ich jedenfalls voll daneben! Schade übrigens,d ass Gluck so selten gespielt wird, von dem würde ich hier gern mehr hören! Heike
palestrina (10.11.2012, 21:35): Hallo ihr lieben !!!!!!!!!!!
Was soll eigentlich das ganze gezetere um P.Domingo . Fest steht eigentlich ist das verfallsdatum längst abgelaufen , aber der gute kann nicht AUFHÖREN . Als Tenor war er erste Sahne ,aber als Bariton NEIN. Aber wir sollten jedem seinen Eigenen Geschmack lassen.
L.G Palestrina
PS Ihr lieben kommt doch mal nach Frankfurt. Hier sieht und hoehrt man junge frische Sänger {Keine Stars oder doch!!!!!!} Karg,Gerhaher ,van denHeever ,Pendatchanska,Bratescu,Baumgartner usw .
Severina (11.11.2012, 23:14): Falls sich jemand wundert, warum ich nach meinen negativen Eindrücken vom Mittwoch ein zweites Mal um Audienz beim Dogen vom Genua angesucht habe, so ist die Erklärung ganz einfach: Weil man schon im März Karten für die nächste Saison bestellen muss und man daher immer die Katze im Sack kauft. Außerdem ist bekanntlich jeder Opernabend ein einmaliges Erlebnis und unwiederholbar, es kann beim nächsten Mal also ganz anders ausschauen - besser oder schlechter.
Im Fall von Placido Domingo war es heute klar besser: Er begann wesentlich engagierter als am Mittwoch, sang sich schneller frei und konnte mich in einigen Szenen wirklich berühren. Allerdings ging der höhere Einsatz natürlich zu Lasten des Durchhaltevermögens, und am Ende des ersten und zweiten Aktes machten sich Ermüdungserscheinungen bemerkbar. In die Riege meiner liebsten Simones hat er sich also auch heute nicht gesungen. Eines muss man Domingo aber zu Gute halten: Auch wenn der berühmte Goldton nur mehr selten aufblitzt, so ist seine Stimme noch sehr kompakt, sitzt sehr gut und weist nicht die leiseste Spur des bei älteren Sängern so gefürchteten Tremolo auf. Von allen Mitwirkenden am heutigen Abend war Domingos Stimmführung am ausgeglichensten und vibratoärmsten, und das ist für einen 75jährigen Tenor wirklich beachtlich. Ich nahm daher heute einigermaßen versöhnt und auch etwas gerührt Abschied von "Placi", denn für mich war das heute sein letzter Auftritt. (Es heißt zwar "Sag' niemals nie!", aber ich glaube nicht, dass ich meinem Vorsatz untreu werde!)
Leicht verbessert fand ich auch Ain Anger, der heute zumindest hin und wieder Emotionen in sein Singen einfließen ließ. Allerdings erschreckt mich sein Vibrato etwas, denn für sein Alter ist es schon recht ausgeprägt.
Eijiro Kai brauchte wieder den ganzen ersten Akt, bis seine Stimme halbwegs auf Linie war, der Anfang war wie gehabt schlimm.
Gar nicht gefiel mir heute Barbara Haveman, der man mit der Amelia wirklich nichts Gute tut.
Das größte Ärgernis aber war das spannungslose Dirigat von Philippe Auguin, der die Musik einige Male beinahe zum Stillstand brachte. Die Untermalung zu Amelias Auftrittsarie geriet unter seiner Leitung zu einem nervtötenden Humptata, und davon ist gerade diese Verdioper weit entfernt. Ich habe noch selten einen Dirigenten mit einer derart monotonen Zeichengebung erlebt: Was er da in die Luft pinselte, erinnerte mich fatal an meine Volksschulzeit, als wir mit dem Bleistift unzählige Male ein und denselben Buchstaben nachziehen mussten. Von Auguin gingen außer "Eins, zwei, drei!" absolut keine Impulse aus, und genauso klang auch das Orchester, was man ihm nicht weiter verdenken kann. Ich hoffe inständig, Monsieur Auguin übt seinen Beruf in Zukunft fern von Wien aus!!!!
lg Severina :hello
satie (14.11.2012, 00:05): Bitte um Beachtung:
Ich musste leider einige Beiträge löschen, da hier wieder einmal nicht erkannt wurde, wann das Fass überläuft wenns um Pro oder Contra zu einem Sänger geht. Ich weise noch einmal auf unseren Disclaimer hin, der von jedem Forianer akzeptiert wird, der sich anmeldet. Persönliche Angriffe werden nicht geduldet. Es liegt letztlich in meinem Ermessen, wann auch Forianer gesperrt werden müssen.
Allerdings bitte ich auch darum, negative Meinungen in einer möglichst sachlich gehaltenen Form preiszugeben, damit Streitigkeiten nicht provoziert werden. Erfolgt ein Angriff durch ein Mitglied dieses Forums, soll der Beitrag bitte gemeldet und nicht noch Öl ins Feuer gegossen werden. Ansonsten gibt es die Möglichkeit der Kommunikation per PN, die solche Off-Topic-Schwemmen sinnvoll vermieden hilft.
Danke, S A T I E
Billy Budd (19.11.2012, 23:56): Diese Vorstellung hätte eigentlich „Scarpia“ heißen sollen, denn sie gehörte Falk Struckmann, der ein hervorragender Interpret dieser Rolle ist. Heute trat er mit völlig intakter und kraftvoller Stimme an und die einzige Einschränkung ist, dass sich in der Mitte des zweiten Aktes leichte Ermüdungserscheinungen bemerkbar machten, die sich aber kurz darauf legten. Neben der tollen gesanglichen Leistung bot er auch eine sehr eindrucksvolle schauspielerische. Ich kann mir keinen besseren Scarpia vorstellen und hoffe, dass wir ihn noch oft in dieser Rolle erleben können. Die Besetzung des Cavaradossi mit Neil Shicoff trübte freilich die Vorfreude, aber – auch wenn ich mit dieser Meinung ziemlich allein dastehe – muss ich sagen, dass ich sich mich sowohl an schlechtere Interpreten dieser Rolle, als auch an schlechtere Abende Shicoffs erinnern kann. Auch diesmal ließ er sich ansagen (ich wette, dass ihm in Wahrheit nichts fehlte und er nur nicht ausgebuht werden wollte) und verbesserte sich nach einem blamablen Beginn im Laufe der Vorstellung. Dennoch beschmutzt dieser einstmals so hervorragende Sänger sein eigenes Denkmal, wenn er als Mittsechziger noch laufend in Verdi- und Puccini-Rollen auftritt. Merkt er denn nicht, wann die Sach ein End hat? Emily Magee war eine anständige Interpretin der Titelrolle und ging neben diesen beiden Persönlichkeiten fast sogar ein bisschen unter. Eine Staatsopern-Tosca ohne den Mesner von Alfred Šramek ist kaum vorstellbar – heute war er gut bei Stimme. Dass aber die Nebenrollen mit Janusz Monarcha, Benedikt Kobel, Mihail Dogotari und Il Hong besetzt waren, gereichte der Vorstellung nicht zum Vorteil. Philippe Auguin ließ es ordentlich krachen.
Für diese Saison war der Eisenmenger-Vorhang zum letzten Mal zu sehen. Billy :hello
Billy Budd (22.11.2012, 17:12): Nur als Erklärung, warum von mir noch kein Bericht zur gestrigen Meistersinger-WA (Besetzung: Rutherford, Anger, Eröd, Botha, Ernst, Carvin und Kushpler; Young) erschienen ist: Ich habe erst alle vier Vorstellungen fix eingeplant, musste aber aufgrund von Zeitproblemen die gestrige opfern. Naja, wahrscheinlich wars eh nur die Generalprobe (Botha ist in der ersten immer am schlechtesten); am So. bin ich sicher drinnen.
Nicht besucht/besprochen wurden auch folgende Vorstellungen/Serien:
3. Okt.: Boris (Besetzung wie 24. Sept.; nur der Hausdebütant Mikhail Kazakov statt Furlanetto).
17. Okt.: Don Giovanni (Besetzung wie 14. Okt; aber: Arduini statt Bankl und Yang statt Arduini).
Okt.: Titus-Serie (Besetzung: Richard Croft, Hibla Gerzmava, Chen Reiss, Magdalena Kozena, Alisa Kolosova und Adam Plachetka; Adam Fischer).
Nov.: Traviata-Serie (Besetzung: Ermonela Jaho, Francesco Demuro, Giovanni Meoni, Lena Belkina, Donna Ellen, Jinxu Xiahou, Clemens Unterreiner, Il Hong und Dan Paul Dumitrescu; Bertrand de Billy).
16. Nov.: Tosca (Besetzung wie 19. Nov.; nur Aquiles Machado statt Shicoff). Billy :hello
Billy Budd (23.11.2012, 22:42): Falk Struckmann war hervorragend (im 2. Akt erreichte er aber auch heute den hohen Ton nicht – Schwamm drüber!) und Alfred Šramek agierte in gewohnter Qualität. Soweit zu den Pluspunkten. Neil Shicoff hatte ein paar gute Momente, ist aber nur mehr ein Abklatsch früherer Jahre und Emily Magee kam mit ihrer besonders in der Höhe scharfen Stimme über den Durchschnitt nicht hinaus. Janusz Monarcha (so unwichtig ist der Angelotti nicht, dass man da irgendwen hinstellen darf!) und Benedikt Kobel waren zum Schämen, wobei letzterer immerhin für einige Heiterkeit sorgte. Das Hirtenkind war diesmal gut hörbar. Das patscherte Orchester nebst Dirigent (Philippe Auguin) war eine Lachnummer. Billy :hello
Severina (25.11.2012, 01:02): Eine echte Sternstunde war schon nach der Papierform nicht zu erwarten, weil unser Herr Direktor offensichtlich die Meinung vertritt, ein Star wie Juan Diego Flórez füllt die Bude, also reicht es, wenn sich rund um ihn Mittelmaß tummelt. Und genau mit diesen Ingredienzien wurde uns der heutige Liebestrank serviert, dazu noch in einem Ambiente, das in dieser Serie zum 200. Mal zu sehen sein wird. Dass der Programmzettel die Regie „nach Otto Schenk“ bezeichnet, ist nur zu wahr, denn an die ursprüngliche Inszenierung erinnern nur mehr einige dümmliche Gags, so muss z.B. ein Soldat beim Exerzieren nach wie vor seinen Gewehrkolben dem armen Belcore in den Fuß rammen. Das ist halt der typische Schenk’sche Holzhammerhumor, subtiler Humor war seine Sache nie. Aber dass diese Inszenierung nur mehr den optischen Rahmen liefert und das darin stattfindende Spiel von den Eingebungen und dem Improvisationstalent der Akteure lebt, ist ja schon seit Jahren so und also nicht dem aktuellen Direktor anzulasten. Wohl aber die Besetzung, die wieder einmal unter den (oder zumindest meinen) Erwartungen blieb.
Zu einem gelungenen „L’Elisir“ gehören ein erstklassiger Nemorino und ein erstklassiger Dulcamara, die beiden tragen das Stück und können eine schwächere Restbesetzung kompensieren.
Adam Plachetka ist ein talentierter Nachwuchssänger mit einem qualitätvollen Stimmmaterial, das für die Zukunft einiges erwarten lässt, ihn aber jetzt schon als Dulcamara zu besetzen, wirft ein bezeichnendes Licht auf diejenigen, die für diese Absurdität verantwortlich zeichnen. Wie soll ein 27jähriger über die technische Raffinesse verfügen, die das halsbrecherische Parlando der Auftrittsarie erfordert? Wie soll ein 27jähriger dem Charakter dieses Quacksalbers gerecht werden, der seine Schlitzohrigkeit aus der jahrzehntelangen Erfahrung mit der Spezies Mensch extrahiert hat, wie soll er überzeugend die Puppen tanzen lassen? Nicht ohne Grund waren die Dulcamaras der Vergangenheit meist ältere Semester, mit Ausnahme von Ildebrando D’Arcangelo, der einen zwar ungewohnten, aber dank seiner starken Bühnenpräsenz trotzdem stimmigen Dottore auf die Bretter stellte. Gerade daran mangelt es aber Adam Plachetka, und schon seine ersten Worten kommen so schwachbrüstig, so ohne jede Überzeugungskraft, dass der Volksauflauf, den sie auslösen, reichlich unwahrscheinlich wirkt. Leider fehlt ihm auch ein wenig die Italianitá, das Geschmeidige, das gerade das „Udite, udite o rustici…“ erfordert, und der sehr flaue Applaus nach dieser Paradenummer zeigt, dass ich mit dieser Einschätzung wohl nicht alleine war. Ein Dulcamara MUSS auch ein guter Schauspieler sein, damit das Stück funktioniert, und auch auf diesem Gebiet hat Adam Plachetka noch viel zu lernen. Anstatt die Szene zu beherrschen, geht er oft in ihr unter. Aber all das ist nicht dem Sänger anzulasten, sondern denen, die ihn als Dulcamara besetzt haben.
Die zweite Säule des Stückes erfüllte seine Trägerfunktion hingegen voll und ganz, denn Juan Diego Flórez ist immer noch der derzeit wohl beste Nemorino, den ein Opernhaus aufbieten kann. Da ich den Peruaner seit über einem Jahr mit Ausnahme eines Arienabends im Konzerthaus nicht gehört habe (In der letzten Saison hatte man an der WSO offensichtlich keine Verwendung für ihn….), war ich natürlich sehr gespannt, ob und wie sich seine Stimme verändert hat. Nun, sie ist nicht mehr ganz so hell, scheint an Volumen dazugewonnen zu haben, klingt in der Mittellage nicht mehr so vibratolos wie früher, ohne dass mich das aber stören würde, und verfügt immer noch über ein exquisites Timbre. Die solide Technik, die strahlenden Höhen sind nach wie vor ein Markenzeichen von Juan Diego Flórez. (Heute dürften ein paar C-Fetischisten im Publikum gesessen sein, die nach jedem gelungenen Spitzenton ihrer Begeisterung lautstark Ausdruck verliehen. Das führte zu unüblichen Unterbrechungen, z.B. in der Szene mit Dulcamara.) Wunderschön phrasiert gelang ihm „Una furtiva lagrima“, wenn auch der Schlusston ein klein wenig „verhungerte“. Das ist aber Meckern auf höchstem Niveau, denn bei jedem anderen Tenor hätte mich dieser Ton völlig zufrieden gestellt, aber von Flórez erwartet man sich halt immer das Außergewöhnliche und ist dann erstaunt, wenn diese Erwartung nicht ganz aufgeht. Natürlich erzwang das Publikum mit tosendem Applaus und Bravochören, dass die Träne ein zweites Mal kullern musste, und diesmal tat sie das womöglich noch inniger und mit einem länger gehaltenen Schlusston. Leider hielt sich Flórez’ Spielfreude heute in Grenzen, was natürlich auch am wenig inspirierenden Umfeld lag. Gerade er braucht Partner, die ihn mitreißen, Anregungen geben und die seinen aufgreifen, und in dieser Hinsicht kam heute wenig. Besonders die Nemorino-Dulcamara-Szenen litten am fehlenden Input und wirkten ziemlich lahm. Mit Belcore funktionierte das Zusammenspiel besser, aber auch da gab es eine kleine Irritation, weil Flórez vergeblich auf das „Sai scrivere?“ wartete, worauf er bekanntlich auf Deutsch „Ja, natürlich!“ antwortet. Nun, heute musste er wieder sein „croce“ malen, offensichtlich kennt Levente Molnar nur diese Version. Immerhin kam nach der Pause doch ein wenig mehr Schwung in das bis dahin eher zäh dahinplätschernde Dorfleben.
Bleiben wir bei den Männern, denn noch fehlt in meiner Kritik der Belcore. Levente Molnar gab damit sein Rollendebut an der WSO und legte den Sergente nicht ganz so penetrant dümmlich an wie seine Vorgänger. Stimmlich riss er mich mit seinem recht lauten und nicht sonderlich kultiviert geführten Bariton nicht eben vom Stuhl, aber ich habe schon schlimmere Belcores gehört.
Die Adina war wieder einmal Sylvia Schwartz, und warum diese Sängerin derartige Begeisterung auslöst, erschließt sich mir wirklich nicht. Ich halte ihr Timbre für nicht weiter bemerkenswert, und heute tremolierte sie sich durch ihre Partie und bohrte sich mit einigen Spitzentönen äußerst schmerzhaft in meine Gehörgänge. Mehr will ich dazu nicht sagen.
Eher nicht kommentieren möchte ich auch die Leistung von Lydia Rathkolb als Gianetta.
Guillermo Garcia Calvo schien um das Blaue Band zu dirigieren, er hetzte durch die Partitur und walzte alle Feinheiten nieder, sodass ein diffuser Klangbrei übrig blieb, den Donizetti wirklich nicht komponiert hat.
Da ich hinterher schnell weg musste, erlebte ich nur mehr den Riesenjubel bei Flórez’ erstem Solovorhang und kann über die Ausdauer des Publikums beim Schlussapplaus nichts sagen.
Mein Fazit: Ein Flórez alleine garantiert leider keine Sternstunde, aber diese Erkenntnis ist nicht neu.
Lg Severina :hello
Heike (25.11.2012, 10:01): Liebe Sevi, danke für den Bericht - noch ein Grund mehr, sich auf Florez zu freuen, der im April nach Berlin kommen wird :-) Das ist halt der typische Schenk’sche Holzhammerhumor Grauslig, oder? Ich bin total allergisch auf sowas, und leider sind die Regisseure ziemlich rar, die es subtiler können oder gar gelungene Situationskomik auf die Bühne bringen. Das hat mir daher schon seit Jahren komödiantische Opern fast verleidet; die übertrieben alberne neue Zauberflöte an der KOB ist ein aktuelles Beispiel, das voll von solcherart platten Witzen ist.
Natürlich erzwang das Publikum mit tosendem Applaus und Bravochören, dass die Träne ein zweites Mal kullern musste Um diese da capo Kultur beneide ich euch Wiener, ich habe das hier in Berlin in den letzten Jahren nicht ein einziges Mal erlebt, dass eine Arie wiederholt wurde. Gelegenheit hätte es sicher gegeben. Heike
Billy Budd (25.11.2012, 11:42): Ich hab es mir nicht anders erwartet (und auch ein Freund schrieb mir, dass es genau so war). Bezeichnend ist auch, dass am Stehplatz nicht viel los war - ich hätte ruhig erst gegen 19:00 auftauchen können (früher hätte ich nämlich nicht können). Am Mittwoch bin ich sicher drinnen. Billy :hello
Severina (25.11.2012, 12:20): Original von Heike Liebe Sevi, danke für den Bericht - noch ein Grund mehr, sich auf Florez zu freuen, der im April nach Berlin kommen wird :-) Das ist halt der typische Schenk’sche Holzhammerhumor Grauslig, oder? Ich bin total allergisch auf sowas, und leider sind die Regisseure ziemlich rar, die es subtiler können oder gar gelungene Situationskomik auf die Bühne bringen. Das hat mir daher schon seit Jahren komödiantische Opern fast verleidet; die übertrieben alberne neue Zauberflöte an der KOB ist ein aktuelles Beispiel, das voll von solcherart platten Witzen ist.
Natürlich erzwang das Publikum mit tosendem Applaus und Bravochören, dass die Träne ein zweites Mal kullern musste Um diese da capo Kultur beneide ich euch Wiener, ich habe das hier in Berlin in den letzten Jahren nicht ein einziges Mal erlebt, dass eine Arie wiederholt wurde. Gelegenheit hätte es sicher gegeben. Heike
Liebe Heike,
ja, und Schenk ist leider ein Meister in diesem Fach, weshalb ich die wenigsten seiner Inszenierungen aushalte. (Dabei sind seine Operninszenierungen noch harmlos im Vergleich zu den vielen Vergewaltigungen von Theaterautoren, die ich duch ihn miterleiden musste. Seine Nestroy-Verblödelungen werde ich ihm nie verzeihen!)
Das würde mich aber sehr wundern, wenn Flórez in Berlin "Una furtiva lagrima" NICHT wiederholt, das hat das Publikum bisher überall erzwungen, so viel ich weiß. (Er war der Erste, der an der Scala nach Jahrzehnten ein Da capo gegeben hat!)
lg Sevi :hello
Severina (25.11.2012, 12:22): Original von Billy Budd Ich hab es mir nicht anders erwartet (und auch ein Freund schrieb mir, dass es genau so war). Bezeichnend ist auch, dass am Stehplatz nicht viel los war - ich hätte ruhig erst gegen 19:00 auftauchen können (früher hätte ich nämlich nicht können). Am Mittwoch bin ich sicher drinnen. Billy :hello
Als ich um 19 Uhr 45 an den Stehplatzkassen vorbei kam, war erst das Parterre ausverkauft, was mich sehr wunderte. Und sehen solltest Du bei dieser Serie ohnehin besser nicht zu viel, denn ich habe noch selten einen "L'Elisir" erlebt, wo derart viel Rampensingerei stattgefunden hat!
lg Severina :hello
Heike (25.11.2012, 12:46): Liebe Sevi, Florez singt hier im April an der DOB ein (Solo)Konzert mit Orchester, das Programm ist noch "geheim". Also wird das hier nach Jahrzehnten vermutlich auch keine diesbezügliche Berliner da capo - Premiere geben Heike
Billy Budd (25.11.2012, 23:10): James Rutherford mag über eine für die Grazer Oper passende Stimme verfügen, für die Wiener reicht sie aber nicht aus. In den ersten beiden Akten war er nur auf Sparflamme unterwegs, um in der letzten Szene kräftig aufzudrehen. Meistersinger mit nur halbem Sachs ist generell problematisch, aber dass es dennoch eine erfreuliche Vorstellung wurde, ist Johan Botha (Stolzing) und Adrian Eröd (Beckmesser) zu verdanken, deren phantastische Leistungen in diesen Rollen derzeit kaum ein anderer Sänger übertreffen kann. Ain Anger (Pogner) war gerade noch anhörbar, aber Norbert Ernst ist für den David eine sehr gute Besetzung. Entgegen meinen Befürchtungen gab Christina Carvin eine sehr anständige Eva. Boaz Daniel (Fritz Kothner), der ja sonst ein wirklich guter Sänger ist, war stark indisponiert. Eine Witzfigur war der Nachtwächter von Alexandru Moisiuc („Singt der Kobel neuerdings Bass?“, meinte der neben mir Stehende) und Zoryana Kushpler (Magdalene) strapazierte mit unerträglichem Kreischen die Ohren der Zuhörer. In den kleinen Rollen verdingten sich die Ensemblemitglieder Benjamin Bruns, Nikolay Borchev, Pavel Kolgatin, Michael Roider, Peter Jelosits, Alfred Šramek und Andreas Hörl. Simone Young hatte zu Beginn Kommunikationsschwierigkeiten mit den Orchester, machte aber insgesamt ihre Sache recht gut. Im Gegensatz zur Wiederaufnahme wurde heute der Sachs traditionsgemäß seitens des Publikums beim Einzug auf die Festwiese mit kurzem Applaus bedacht. Billy :hello
Severina (28.11.2012, 23:37): Noch schaler als der erste schmeckte der heutige Liebestrank. Meine Hoffnung, dass beim zweiten Mal alle besser aufeinander eingespielt sind und ein bisschen mehr Schwung herrschen würde, erfüllte sich leider nicht. Alles plätscherte wie gehabt dahin, die paar witzigen Momente schwammen wie kleine Inselchen im Meer der Fadesse.
Wenn ich behaupte, dass Juan Diego Flórez heute der beste Schauspieler war, sagt das wohl alles, denn gerade das ist ja nun nicht seine Stärke. Natürlich verfiel auch er immer wieder in theatralisches Händeringen, klebte ziemlich oft nur an der Rampe, aber dazwischen bemühte er sich doch, den Text nicht nur zu buchstabieren, sondern auch mit Leben zu füllen. Gesungen hat er natürlich wieder zum Niederknien, "Una furtiva lagrima" als Lehrstunde des Belcanto, und wieder musste er seinem Liebesschmerz ein zweites Mal ergreifenden Ausdruck verleihen. Flórez war heute als Einziger sein Geld wert, die anderen fielen noch stärker ab im Vergleich zu ihm.
Adam Plachetka hatte heute stimmlich nicht seinen besten Tag, rettete sich einige Male in Sprechgesang, Levente Molnar setzte wieder die akustische Brechstange ein und gewann den ersten Preis im Rampensingen - einmal dachte ich schon, er springt in den Graben. Außerdem sollte er dringend an seinem Italienisch arbeiten, denn man verstand kaum ein Wort. (Auch Plachetka vernuschelt so einiges und artikuliert insgesamt viel zu hart.) Woran mich Sylvia Schwartz' Gesang erinnert, verkneife ich mir hier im www lieber........
Mein Fazit: Der einschläferndste "L'Elisir" meines Lebens, man könnte meinen, Dulcamara hätte Valium unters Volk gebracht.
lg Severina :hello
PS: Normalerweise schaue ich mir immer alle Vorstellungen mit meinen Lieblingen an, ob ich diesen Schlaftrunk aber ein drittes Mal aushalte, weiß ich nicht.
Billy Budd (28.11.2012, 23:42): „Flórez singt und keiner geht hin“ - ganz so ist es freilich noch nicht, aber dass ich trotz meines Erscheinens ca. zwei Stunden vor Beginn noch ohne weiters meinen Stammplatz bekommen habe, spricht für den Rest der Besetzung. Juan Diego Flórez, seit gestern Österreichischer Kammersänger, hat es natürlich ausgezeichnet gemacht - in dieser Rolle kann ihm wohl niemand das Wasser reichen. Adam Plachetka dagegen war so mies wie noch selten und Levente Molnár ist ein völlig unnötiges Engagement. Sylvia Schwartz war ein kleines bisschen weniger schlimm als befürchtet, was auch für Guillermo García Calvo gilt. Lydia Rathkolb passte als Gianetta. Billy :hello
Billy Budd (29.11.2012, 23:46): Wären nicht Zoryana Kushpler und Alexandru Moisiuc mit dabei gewesen, wäre es eine ganz hervorragende Vorstellung geworden. Johan Botha und Adrian Eröd waren fulminant; Ain Anger so gut, wie ich ihn noch nie gehört habe; James Rutherford deutlich verbessert und im dritten Akt auch toll; Norbert Ernst sehr gut, wie auch Christina Carvin. Das restliche Personal tat anständig mit und Simone Young machte ihre Sache sehr gut. Sonntag ist natürlich ein Pflichttermin! Billy :hello
Billy Budd (02.12.2012, 22:28): war auch diesmal eine erfreuliche Vorstellung - siehe 29. Oktober, außer dass Johan Botha nicht fulminant, sondern nur sehr gut war. Die lächerliche Inszenierung stammt übrigens von Otto Schenk. Billy :hello
Severina (17.12.2012, 20:16): Eigentlich wollte ich über die GP zur Ariadne gar nichts schreiben, aber nun habe ich schon zwei neugierige Mails bekommen, was denn bei der PR zu erwarten sei, sodass ich mir also doch ein paar Sätze abringe. Wie sich ja inzwischen herumgesprochen haben dürfte, ist meine Affinität zu Richard Strauss nicht sehr groß, und wenn dann auch die Regie nicht dazu angetan ist, mir ein Werk von ihm schmackhafter zu machen, tu ich mir mit einer Rezension sehr schwer. So sehr ich Hugo von Hofmannsthals Theaterstücke liebe, so wenig kann ich mit seinen Libretti anfangen, und die "Ariadne auf Naxos" ist wohl das ungeliebteste. Jetzt werden vermutlich eifrige Missionare auf den Plan treten, um mir die Genialität dieses Textes zu erläutern, aber ich fürchte, das ist vergebliche Liebesmüh. Ich kann mit all diesen auf dem Reißbrett konstruierten Figuren herzlich wenig anfangen, schon gar nicht mit ihnen mitfühlen oder mitleiden, das endlose Lamento der Ariadne langweilt mich, selbst wenn es von einer meiner Lieblingssängerinnen, Krassimira Stoyanova, virtuos vorgetragen wird. So, nachdem ich mich jetzt als absolute Strauss-Banausin geoutet habe, doch noch einige Details:
Die Inszenierung von Sven- Eric Bechtolf ist ein Destilat seiner Produktion für die Salzburger Festspiele, aber eben reduziert auf die Wiener Fassung (Vorspiel + 1 Akt). Das Theaterstück fehlt ebenso wie die extra für Salzburg konzipierte Rahmenhandlung. (Dies nur als Erläuterung für diejenigen, welche die TV-Übertragung gesehen haben oder überhaupt live dabei gewesen sind!)
Das Bühnenbild besticht durch Einfachheit: Im Vorspiel wird es von einer Reihe hoher, schmaler Fenster im Hintergrund dominiert, hinter denen sich ein Garten mit üppiger Vegetation abzeichnet. Die Fensterlaibung ist so überdimensional verbreitert, dass sie Rahmen und Podest für eine erhöhte Spielfläche - eine Bühne auf der Bühne - abgibt. Sie wird nach dem Vorspiel mit einem roten Vorhang verschlossen, und wenn er sich wieder öffnet, hat dahinter eine Verwandlung stattgefunden: Sesselreihen staffeln sich in die Höhe und bilden den Zuschauerraum eines kleinen Privattheaters, wo der reiche Geldgeber und seine Gäste das Schauspiel erwarten. Das findet auf der Vorderbühne statt, inmitten einiger schwarzer, grotesk ineinander verzahnter fragmentarischer Konzertflügel. Auf, unter und zwischen ihnen turnen die Sänger mehr oder weniger geschickt herum. Wie so oft habe ich am Bühnenbild nichts auszusetzen, wohl aber an dem, was sich in ihm ereignet, denn das ist mir - ebenfalls wie so oft - schlicht zu wenig. Bechtolf ist nichts eingefallen, was die "Ariadne auf Naxos" für mich plausibler oder gar spannender machen könnte. Es wird sehr oft nur herumgestanden und gesungen, aus.
Peter Matic setzt als Haushofmeister seine Pointen punktgenau und sorgt für einige Lacher, aber leider ist er nach dem Vorspiel nur mehr physisch präsent. Das allerdings eindringlicher als so mancher Kollege von der singenden Zunft..... Überhaupt gelingt Bechtolf die Personenführung im Vorspiel sehr gut, können sich die Verzweiflung des Komponisten, der seine hehren Ansprüche an die Kunst den Bach runtergehen sieht, ebenso überzeugend entfalten wie die Empörung der Primadonna, dass sie nicht der einzige Star des Abends sein soll. Krassimira Stoyanova echauffiert sich herzerfrischend natürlich, Daniela Fally pariert als Zerbinetta mit suffisanter Schadenfreude. Sie sieht übrigens in dem Puderquastenkostüm, das die arme Elena Mosuc in Salzburg zur Lachnummer degradiert hat, ganz entzückend aus, weil sie genau die richtige Figur dafür hat. Beim Bacchus ist es genau umgekehrt: Jonas Kaufmann kleidete in Salzburg das "Raubtierkostüm" ganz ausgezeichnet, passte perfekt zu seinen katzenartigen, geschmeidigen Bewegungen, unterstrich seine erotische Ausstrahlung, am korpulenten und sehr statischen Stephen Gould wirkte es hingegen lächerlich.
Zusammenfassend kann ich sagen, dass das Vorspiel noch ein bisschen Pep hatte, ich schon beinahe geneigt war, mich mit der Ariadne anzufreunden, aber nach der Pause erfolgte ein herber Rückschlag, dominierte für mich die Langeweile. (Ich betone: FÜR MICH!) Lediglich die putzmuntere und freche Zerbinetta konnte mich hin und wieder aus meiner Lethargie reißen. Daniela Fally spielte und sang sie einfach hinreißend! Dass die Komödianten mit Scooter um die Klavierruinen kreisten, den einen, steil aufragenden Deckel immer wieder als Rutschbahn benutzten - ach Gott, wie witzig.....
Dann musste ich allerdings doch lachen, auch wenn dies vom Regisseur ganz und gar nicht intendiert war: Aber wenn sich Bacchus nach seinem Wunsch nach Höhleneinsamkeit mit Ariadne flach auf den Boden legt, minutenlang bewegungslos in einer Position verharrt, die an einen gestrandeten Wal denken lässt, worauf sie sich über ihn beugt und auf eine Art und Weise küsst, als wolle sie ihn wiederbeleben, ist das von wirklich unfreiwilliger Komik. Nun habe ich aus obigen Gründen noch nicht allzu viele Bacchus-Interpreten erlebt, aber einen derart unerotischen wie Stephen Gould garantiert noch nicht. Johan Botha konnte den fehlenden optischen Sex-appeal wenigstens in seine Stimme legen, verführerisch schmeicheln und schmachten und somit für vokales Prickeln sorgen, aber heute prickelte gar nichts. Warum Ariadne derart für diesen so ganz und gar nicht göttlichen Biedermann entflammt, bleibt in dieser Produktion ihr Geheimnis.
Über die sängerischen Leistungen äußere ich mich bei einer GP nicht, weil ich davon ausgehe, dass nicht jeder seine Kapazitäten voll ausschöpft und noch Steigerungsmöglichkeiten vorhanden sind. Was ich heute allerdings schon zu hören bekam, war überwiegend sehr erfreulich. Zumindest in musikalischer Hinsicht dürfte diese "Ariadne auf Naxos" daher ein Erfolg werden.
Mein Fazit: Ein Strauss-Fan werde ich wohl nicht mehr in diesem Leben......
lg Severina :hello
Billy Budd (17.12.2012, 20:45): Kann mir einer erklären, weswegen unbedingt eine neue Ariadne-Inszenierung hermusste?? Die Sanjust-Produktion war schon alt, aber noch immer brauchbar. Ein bissl überarbeiten - und die Sache wäre erledigt gewesen. Es gibt so viel interessante andere Stücke, die längst an die STOP gehören, z.B. eine Oper von Schreker. Drei (!!) Premieren - nach Abzug von Gastspielen und Kinderopern - sind eh schon blamabel. Noch dazu wenn es sich nur um Standard-Repertoire handelt, das entweder in Inszenierungen schon vorhanden ist oder nicht gebraucht wird (an der VOP gibt es eine italienisch gesungene Cenerentola!).
Und warum ausgerechnet der Möst diese Premiere dirigieren muss, erschließt sich mir auch nicht (warum nicht Jeffrey Tate, der die Vorstellung am 29. dirigiert und dessen Dirigate letzte Saison ganz hervorragend waren?).
Aber solange es das THADW gibt (auf den Mathis freu ich mich schon sehr!), ist das für Wiener Opernfans keine große Tragödie. Billy :hello
P.S.: So sehr ich Hugo von Hofmannsthals Theaterstücke liebe, so wenig kann ich mit seinen Libretti anfangen, und die "Ariadne auf Naxos" ist wohl das ungeliebteste,. Wieso? Hast Du noch nicht gemerkt, dass z.B. das Vorspiel voll mit ironischen Anspielungen ist? In welcher Oper findet sich denn mehr hintergründiger Humor?
Severina (17.12.2012, 23:07): Jetzt habe ich mir gerade die Ariadne-Bacchus-Szene aus Salzburg mit Emily Magee und Jonas Kaufmann angschaut, zum ersten Mal ganz bewusst, denn im Sommer lief die Übertragung so nebenbei, ich war mit anderem beschäftigt. Ja, und jetzt hat die heutige Besetzung natürlich ziemlich verspielt, denn was da zwischen Magee und Kaufmann abgeht, ist spannendes Musiktheater, Stoyanova und Gould bieten hingegen nur Oper konzertant. Man sollte nicht glauben, dass derselbe Regisseur für beide Produktionen verantwortlich zeichnet, denn da liegen Welten dazwischen. Wobei ich jetzt nicht die Stuttgarter und Wiener Fassung meine, denn am emotionalen Gehalt der Schlussszene ändert sich nichts, sondern nur das Zusammen- oder eben Nicht-Zusammenspiel der beiden Protagonisten. Ist Sven-Eric-Bechtolf ein so schwacher Regisseur, dass er nicht fähig ist, Stephen Gould dazu zu bringen, nicht nur wie ein Denkmal herumzustehen, sondern sich zu bewegen, zu SPIELEN??? Schon klar, dass der korpulente Gould nicht so wie Jonas Kaufmann auf und zwischen den Klavieren herumturnen kann, aber IRGENDETWAS kann er doch tun, um Himmels willen!!! Speziell die Mimik hat mit Körperfülle überhaupt nichts zu tun, und auf Herrn Goulds Gesicht zeichnet sich nicht die kleinste Gefühlsregung ab. Und das einzige Küsschen, das er Ariadne irgendwo auf die Wange drückt, ist von onkelhafter Keuschheit. Also noch einmal die Frage, wieso ein Regisseur einem Sänger nicht vermitteln kann, wie sich ein leidenschaftlich Entflammter verhält, wenn er es denn schon nicht selber weiß, wieso kann er ihm nicht ein Minimum an Körpersprache abverlangen?? Ich wäre ja schon mit einem Bruchteil der erotischen Spannung zwischen Magee und Kaufmann zufrieden, mit einem Abklatsch ihres intensiven Spiels, und weiß jetzt erst so richtig, warum ich heute in der Oper beinahe eingeschlafen bin......
lg Severina :hello
PS: Billy, das Vorspiel hat in der Tat einige gute Textpassagen, aber danach wird's für mich einfach immer zäher, speziell wenn eine solche Schlaftablette als Bacchus aufgeboten wird!
Ingrid (17.12.2012, 23:41): Liebe Severina,
es gibt sicher Besucher, die Gould trotzdem noch viel besser als Kaufmann finden :wink
Deine genaue Beschreibung dieser Liebesbeziehung war auf jeden Fall so, dass mir jetzt noch die Tränen vor Lachen runter laufen.
Gute Nacht Ingrid
Billy Budd (21.12.2012, 23:58): wurde eine anständige Aufführung, die aber nicht so gut wie erwartet verlief. Uneingeschränktes Lob verdient nur Soile Isokoski, die eine enorm berührende Desdemona sang. Johan Botha merkte im Lauf der Vorstellung, dass er einen eher schwachen Abend hatte und war folglich dann nur mehr im Sparbetrieb unterwegs. Dennoch ist er mir auch so lieber als jeder andere. Falk Struckmann machte eine Knieverletzung zu schaffen (er stützte sich die ganze Zeit auf einen Stock und wirkte bei den Schlussvorhängen sehr erschöpft), was sich natürlich auch auf die Stimme schlug. Dennoch stellte er einen eindrucksvollen Jago auf die Bühne. Dimitrios Flemotomos und Jinxu Xiahou machten ihre Sache als Cassio und Rodrigo sehr gut und Sorin Coliban (Lodovico) war endlich wieder einmal anhörbar. Bertrand de Billy sorgte hingegen stellenweise für Langeweile. Billy :hello
Hyacinth (22.12.2012, 15:43): Ich fand den Abend sehr stimmig, "fetzig" und genau das Richtige im vorweihnachtlichen Kitsch. Die Inszenierung und die Lichtregie gefallen mir sehr gut, ich liebe vor allem die eindrucksvolle, mitreißende Anfangsszene und dann wieder den Schluss ab dem Ende des dritten Aktes (wo sich ja auch musikalisch am meisten tut).
Zu den Sängern brauche ich eigentlich nichts hinzuzufügen, fünf Sterne plus verdient eindeutig Isokoski, die das überzeugendste Gesamtpaket ablieferte, bei ihr stimmte einfach alles von A bis Z. Obwohl die zwei Männer (wie auch schon vor zwei Wochen) ihre Schwachstellen hatten, Struckmann natürlich zusätzlich beeinträchtigt war, war ich mehr als glücklich, die beiden zu sehen und zu hören, weil mich auch die Interpretationen und der Ausdruck sehr beeindruckten.
Eine lustige Anekdote: Als Emilia (eine hervorragende Monika Bohinec, die nach etlichen stummen Szenen endlich ordentlich singen durfte. Nach ein, zwei Takten fand sie sich auch gut in der hohen Lage zurecht und meisterte ihre kurze, tragende Partie mühelos.) angelaufen kam und Desdemona dann aufrichtete, die aus ihrer Ohnmacht erwachte, hing Isokoski eine schwarze Locke im Gesicht. Und zwar so über ihrem Mund, dass es wie ein Schnurrbart aussah. Ich bemerkte das dank Opernglas und versuchte, ein unangebrachtes Kichern zu unterdrücken in dieser ergreifenden Szene. Isokoski blieb so in der Rolle, dass sie ihre Arme weiter schlaff hängen ließ und Bohinec sie (und mich :wink ) erst nach einer gefühlten Ewigkeit "befreite". :rofl
lg, Hyacinth :hello
Hyacinth (23.12.2012, 11:07): Zweiter Tag in Folge in der Oper und wieder ein Abend, der es absolut wert war hinzugehen!
Ich kannte die Inszenierung aus Salzburg nicht, war daher gespannt, weil ja schon einiges zu lesen war. Das Bühnenbild finde ich in Ordnung, nicht wahnsinnig einfallsreich, aber gut. Die Klaviere erschließen sich mir nicht wirklich. Der Sand drunter passt zwar auf die wüste Insel, mir tun allerdings die Leute leid, die den nachher wieder zusammenkehren müssen :D Allerdings stört mich die Perspektive, dass die Sänger (no na) nach vorne singen, das Publikum des gnädigen Herren aber dahinter sitzt. Das stört die Optik der Oper in der Oper, wo doch vor allem in Bechtolfs Regie das Vorspiel so stark mit der Oper verwoben ist. Es mag ein unnötiges Detail sein, aber auch das trägt dazu bei, dass es wirkt als würden die Sänger öfters einfach nur an der Rampe stehen und singen.
Welser-Möst schafft es mich immer wieder zu überraschen. Es war mir nicht klar, zu welcher Lautstärke ein solch kleines Orchester mit nur vier Blechbläsern fähig ist, dass es sogar Sänger wie Stoyanova zudeckt, wenn diese fortissimo singt. Ich finde das rücksichtslos, das zeugt nicht gerade von Musikalität. Generell war die Dynamik immer um eine Stufe zu laut, dabei gibt es in der Oper so schöne pianissimo-Stellen. Die Einsätze gab praktisch ausschließlich der Souffleur (sehr gekonnt und immer richtig, nebenbei bemerkt), was ich auch noch nie so erlebt habe. Welser-Möst schaute zum Beispiel bei Fallys Arie taktelang nicht auf die Bühne, kümmerte sich nur ums Orchester, obwohl grad diese Arie nur von der Sopranistin gestaltet wird und der Dirigent sich ganz nach ihr zu richten hat. Dass dieser Mann dann mit immer begeisterten Bravo-Stürmen begrüßt wird, ist mir unverständlich.
Krassimira Stoyanova war die ganze Oper hindurch eine Primadonna par excellence. Trotz überzeugendem, werkgetreuen Gekeife im Vorspiel, ließ sie ihre Stimme scheinbar mühelos lange, wunderbar phrasierte Linien verströmen, wie zum Beispiel in "Es gibt ein Reich". Dass Bechtolf sie nur herumstehen ließ dabei, war mir ehrlich gesagt gleichgültig, denn eine Ariadne ist alles andere als ein Energiebündel.
Die Zerbinetta von Daniela Fally war wie erwartet ein Ereignis, ich finde es höchst vermessen und ziemlich verwöhnt von Kritikern einiger Tageszeitungen an ihr herumzumäklen. Ihre Koloraturen gelangen makellos, trotzdem hat sie immer einen Glanz, eine Lyrik in der Stimme und bewegt sich grazil und gekonnt auf der Bühne. Die Liste der tollen Zerbinettas in Wien ist lang, aber mir fällt heutzutage niemand auf die Schnelle ein, der das besser könnte. Wir können froh sein, dass wir die Fally haben!
Stephen Gould ist natürlich stimmlich genauso wenig mit Johan Botha wie optisch mit Jonas Kaufmann zu vergleichen, aber doch passte zumindest seine Erscheinung in diese Inszenierung. Dieser Tenor ist immer noch derselbe klischeehaft arrogante und aufgeblasene Wicht aus dem Vorspiel, geht so wie die Primadonna aus der Rolle ab und zu hinaus und soll meiner Meinung nach nicht den perfekten Liebhaber, den perfekten Bacchus darstellen. Er ist ein Klischee, ebenso wie die Primadonna, und das ändert sich vom Anfang bis zum Schluss nicht. Gesanglich gäbe es natürlich höhere Ideale, aber er war durchaus in Ordnung, wenn man bedenkt, wie verteufelt blöd diese Partie gelegen ist.
Der Rest des Ensembles, allen voran Jochen Schmeckenbecher als Musiklehrer (endlich einer, dem die Partie genau in der Stimme liegt und nicht besetzt wird, obwohl sie ihm zu hoch ist!) war ausgezeichnet besetzt. Von den drei Nymphen fiel einzig und allein Valentina Nafornita etwas ab, da sie über nicht so eine tragende, von Natur aus größere Stimme verfügt wie Olga Bezsmertna und Margarita Gritskova und man sie deshalb bei den Ensembles als Oberstimme manchmal kaum wahrnahm. Christine Schäfer als Komponist war nicht so schlimm, wie befürchtet. Vor allem durch ihre putzige, jugendliche Erscheinung und ihre immer noch schön aufblühende Höhe zog sie mich in den Bann. Ihre Mittellage war schlecht zu hören und ihre Bruchstimme schlecht mit der Kopfstimme verbunden, aber ihr wirklich lieb und mitreißend gezeichnetes Gesamtbild stimmten einen versöhnlich.
Das Schlussbild war wirklich wunderschön. Fally spielte die Zerbinetta auch nicht immer nur zickig und in dem Moment absolut ehrlich und sensibel. Wieder einmal ein Regisseur, der das wahre Liebespaar der Oper erkennt!
lg, Hyacinth :hello
ar (23.12.2012, 20:35): Das mit der Brust- und Kopfstimme schockiert mich gerade etwas. Dabei konnte sie beim Cherubino ja immer mit einer guten Technik glänzen. Schade! Ich finde auch, dass die Fally zu oft "gebasht" wird. Soll zuerst mal jemand so singen! Wird die ganze Sache noch übertragen oder habe ich das schon verpasst? LG ar (welcher gerade im "Land des Lächelns" war und sich fragt, wer das freiwillig sehen und hören will)
Hyacinth (23.12.2012, 22:27): Da aber der Komponist eine hoch gelegene Partie ist, ist es eben nur manchmal aufgefallen. Durch ihre Darstellung und schöne Höhe hat sie vieles wettgemacht.
Im Ö1 wurde die Premiere übertragen, ob's bei anderen Sendern noch übertragen wird, weiß ich leider nicht.
Da kann ich dich verstehen, mir hat sich das Genre Operette generell noch nie erschlossen. :wink
lg, Hyacinth :hello
Hyacinth (29.12.2012, 23:36): Im Großen und Ganzen war alles wir vor einer Woche, dass nicht WM sondern Jeffrey Tate am Pult stand merkte man nicht, weder am enthusiastischen Applaus noch am erneut wenig zurückhaltenden Orchester. Schon in den Nussknackern neulich nudelten die Streicher dermaßen, dass es eine Schande war. Heute waren auch wieder ein paar Unsauberkeiten dabei, ob das aber am Orchester oder an ungenügenden Proben mit dem neuen Dirigenten lag, weiß ich nicht. Die Sänger hatten sich großteils ihre Ovationen verdient, es wurde heute noch dynamischer und beherzter gespielt als vor einer Woche.
Randbemerkung zu den Scootern: Das Kind in mir findet diese Idee zum Schießen und ich bin ein bisschen neidisch, dass ich nicht auch mit einem Roller auf der Bühne herumkurven darf - ist sicher ein Heidenspaß! Die Opern- und Strauss-Liebhaberin in mir verkrampft sich jedes Mal innerlich, wenn vor Ende von "Es gibt ein Reich" die vier lustigen Burschen hereindüsen und die Stimmung versau.. äh, aufheitern. Mir gefällt die Herangehensweise an die Oper in der Oper sehr gut, aber das Schlussduett zwischen Bacchus und Ariadne wird ja auch nicht durch Kasperltheater gestört, die Zerbinetta darf auch in Ruhe ihre Arie herunterperlen, da kann man wohl diesen einen innigen Höhepunkt der Ariadne ohne vermeintlich lustigen Gag zulassen!
lg, Hyacinth :hello
Billy Budd (29.12.2012, 23:39): Original von Hyacinth Im Großen und Ganzen war alles wir vor einer Woche, dass nicht WM sondern Jeffrey Tate am Pult stand merkte man nicht, weder am enthusiastischen Applaus noch am erneut wenig zurückhaltenden Orchester. Schon in den Nussknackern neulich nudelten die Streicher dermaßen, dass es eine Schande war. Heute waren auch wieder ein paar Unsauberkeiten dabei, ob das aber am Orchester oder an ungenügenden Proben mit dem neuen Dirigenten lag, weiß ich nicht. Das liegt höchstwahrscheinlich am Orchester, denn Tate hat letzte Saison die Ariadne ganz wunderbar dirigiert! Billy :hello
Hyacinth (30.12.2012, 23:11): Das war sie also, die letzte Vorstellung in diesem Jahr für mich! Und ich muss ehrlich sagen, eine herrlich-komische, abwechslungsreiche und vorwiegend erstklassig musizierte Aufführung! Jeder, der der Meinung ist, das Ensemble hätte mit Meyer an Qualität verloren, sollte sich diese Serie nicht entgehen lassen (das heißt natürlich nicht, dass es sonst viele schwache Vorstellungen gibt!).
Am meisten bewiesen die Sänger und Sängerinnen der Staatsoper heute Spontanität, Humor und eine unerschütterliche Ruhe. Die drei Knaben, welcher Teufel sie auch immer geritten hat, seilten nämlich den Rucksack mit der Zauberflöte und dem Speis und Trank nur bis ca. vier Meter über Papagenos und Taminos Köpfen herunter. Dann verließen sie denn Steg oben und Bruns und Kammerer waren sich selbst überlassen, ohne nötige Requisiten. Es entspann sich folgender Dialog: "Ich würd jetzt gern den Wein trinken"-"Und ich würd gern auf meiner Flöte blasen"-Bruns deutet in den Graben, Flötist im Orchester spielt einige Takte-"Ich bin mir sicher, Sarastros Keller ist vorzüglich..." Die vielen Touristen und Gelegenheitsoperngeher waren sicher verwirrt und so war ich am Anfang ziemlich die einzige, die sich schief lachte. Als dann der fahrlässige Knabe wiederkehrte und den Rucksack herunterließ, aber nur wieder so weit, dass Kammerer danach hüpfen und ihn mit aller Kraft vom Seil zerren musste, lachten Solisten, Orchester und das ganze Publikum. Nach der Rucksack-Eroberung wurde belustigt applaudiert. Das war den drei Burschen aber noch nicht genug, sie ließen auch noch Papagenos Strick viel zu früh fallen. Kammerers Wut nach der unverhofften (zu frühen) Rettung sah irgendwie nicht wirklich gespielt aus... :wink
Gesungen wurde auch! Hans Peter Kammerer tat das wie erwartet, aber durch seine ständig neuen Witze, durch die nie ermüdenden alten Dauerbrenner und seine heute ständig geforderte Situationskomik verzieh man ihm so einiges.
Benjamin Bruns ist ein Tamino wie er im Buche steht: Singt alle Töne schön, schaut unschuldig und unbeleckt aus und ist sehr brav.
Mit Anita Hartig hat Wien nach Genia Kühmeier wieder eine Haus- und Hof-Pamina im Ensemble, die jede Zauberflöte zum Ereignis macht. Sie bezaubert durch ihre liebenswürdige, gar nicht Mitleid heischende Darstellung und ihre warme, schön timbrierte Stimme. Um etwas auf hohem Niveau anzumerken: In der heutigen Zeit, wo man ja eher unterbesetzt, ist Hartig eigentlich schon einer Überbesetzung. Man könnte sie mit neuen Aufgaben vertrauen, wo ihre schon dramatischer werdende Stimme wirklich gebraucht werden könnte.
Cornelia Götz gab ein ordentliches Hausdebüt. Obwohl sie weder müheloses Herunterperlen von Koloraturen (sie bewältigte sie ohne Unfall, aber eben nicht mühelos) noch Legato- oder Phrasierungsfähigkeit zu ihren Pluspunkten zählen kann, überzeugte sie durch punktgenaue, nicht scharf klingende Spitzentöne und eine großteils gut sitzende, angenehm klingende Stimme. Außerdem war das endlich mal wieder eine Königin der Nacht in Wien die vor ihrer Arie Pamina anbrüllte und dann so richtig Dampf machte. Hut ab, es ist noch potenzial nach oben, ich bin gespannt!
So sehr ich Sorin Coliban schätze, entweder ist im der Sarastro zu tief, oder er hatte einen schlechten Tag. Er sang zwar mit dunkler, voller Stimme, aber die tiefen Töne waren einfach zu leise, passten nicht zum Rest. Ich bin gespannt, wie er nächstes Mal ist!
Der Rest des Ensembles war teilweise sehr zufriedenstellend (eine der drei Damen zum Beispiel, Monika Bohinec). Benedikt Kobel und Marian Talaba fielen, wie öfters, auf.
lg, Hyacinth :hello
Severina (30.12.2012, 23:55): Original von Hyacinth
Der Rest des Ensembles war teilweise sehr zufriedenstellend (eine der drei Damen zum Beispiel, Monika Bohinec). Benedikt Kobel und Marian Talaba fielen, wie öfters, auf. lg, Hyacinth :hello
Positiv?????? :B :B :B :B :B :B :B :B :B :B
lg Severina :hello
Hyacinth (30.12.2012, 23:57): Ich dachte jedem Wiener Operngeher wäre klar, wie genau die beiden Herren meist in Erinnerung bleiben, deshalb habe ich das Adjektiv weggelassen :ignore :J
Hyacinth :hello
Billy Budd (31.12.2012, 00:45): Original von Hyacinth Der Rest des Ensembles war teilweise sehr zufriedenstellend (eine der drei Damen zum Beispiel, Monika Bohinec). Benedikt Kobel und Marian Talaba fielen, wie öfters, auf. Wie waren denn Pecoraro und Unterreiner? Billy :hello
Hyacinth (31.12.2012, 13:38): Unterreiner hat nicht gesungen, es sangen Marcus Pelz bzw. Janusz Monarcha. Die sind gar nicht aufgefallen :wink Pecoraro war eigentlich auch wie immer, lässt sich ebenfalls immer neue Späße einfallen und war ganz gut bei Stimme.
Hyacinth :hello
Billy Budd (31.12.2012, 13:40): Danke! Das ist wieder so eine Schlamperei der STOP, denn im Netz steht nach wie vor der Unterreiner drinnen. Billy :hello
Hyacinth (31.12.2012, 17:12): Typisch. Es pickte ja auch kein rosa Zettel, also war das sicher schon länger bekannt!
Billy Budd (02.01.2013, 23:14): Diese (überraschend stark besuchte) Vorstellung geriet besser als erwartet, was sicher zum Teil an der Absage Christiane Schäfers lag, sodass mit Stephanie Houtzeel eine anständige Hausbesetzung aufgeboten wurde. Krassimira Stoyanova muss noch besser in die Titelrolle hineinwachsen. Leider hat man auch kaum ein Wort verstanden. Besser war es um die Zerbinetta bestellt, denn Daniela Fally ist eine ausgezeichnete Interpretin dieser Rolle. Stephen Gould war ein recht anständiger Bacchus, doch diese Rolle kommt seiner Stimme nicht entgegen. Jochen Schmeckenbecher (Musiklehrer) war nach Fally der beste Sänger des Abends und Norbert Ernst (Tanzmeister) sang alles richtig, war aber eine Spur zu leise. Marcus Pelz (Lakai) agierte wie immer verlässlich, doch über Oleg Zalytskiy (Offizier) decken wir besser den Mantel des Schweigens. Sehr gut sangen die Nymphen (Valentina Nafornita, Margarita Gritskova und Olga Bezsmertna), aber die Komödianten präsentierten sich eher amateurhaft (Andreas Hörl, Pavel Kolgatin, Adam Plachetka und Carlos Osuna – die beiden letzteren am Schlimmsten). Peter Matic setzte seine Pointen sicher. Dass der Abend doch gelegentlich etwas zäh war, liegt am unsäglichen Franz Welser-Möst, dem man jetzt bedauerlicherweise auch auf die Ariadne losgelassen hat. Die Inszenierung ist zumindest nicht ärgerlich (die patscherte Personenführung wird sich hoffentlich in den nächsten Jahren verflüchtigen), aber die alte hätte nicht ersetzt werden müssen. Billy :hello
Hyacinth (03.01.2013, 23:32): Im Großen und Ganzen ähnlich wie letztes Mal!
Eine Veränderung stellte natürlich Iride Martinez als Königin der Nacht dar. Ob das jetzt eine Veränderung zum positivem war, sei dahingestellt. Nach meinem Geschmack ein zu starkes Tremolo, daher unsaubere, zu langsame Koloraturen und teilweise gequetschte Spitzentöne. Kein Skandal, aber auch keine große Freude.
Die Meinung zu Sorin Coliban bestätigte sich. Man soll doch bitte einen Sänger, der eigentlich immer hohe Qualität abliefert mit Rollen vertrauen, wo er das rein von den stimmlichen Voraussetzungen her auch kann!
Das Gegenteil gilt für Monika Bohinec. Eine dritte Dame fällt ja normalerweise nicht auf. Vor allem im Quintett mit den Damen und Monostatos sollte die Königin durch Präsenz glänzen, nicht die dritte Dame. Man kann Bohinec mitnichten vorwerfen, dass sie sich in den Vordergrund spielt, sie geht einfach in ihrer noch so kleinen Rolle auf, haucht dieser Dame Leben ein, die ja meist nur irgendwie runtergesungen wird und hat Riesenspaß daran. Umso mehr würde ich so eine Sängerin gern auch mal in etwas größeren Partien sehen! Die Emilia war ja schön und gut, aber bis auf die Schlussszene hat die auch kaum etwas zu singen und zu spielen.
Die Regie ist mittlerweile ein Chaos. Requisiten liegen von Anfang bis Ende auf der Bühne herum, werden nach Jux und Tollerei von jemandem mitgenommen und heute Abend zum Glück auch immer rechtzeitig wieder auf die Bühne gebracht. Dass die einzelnen Personen, wie die zwei Priester, komödiantische Kabinettstückerln sind ist nur dem engagierten Ensemble zu verdanken. In der Rucksack-Geschichte steckte heute wieder der Teufel, aber dafür sangen die drei Knaben ganz lieblich.
Cornelius Meisters Dirigat war schwungvoll und stimmig. Das hielt aber nicht die Streicher davon ab ein paar Mal zu schmieren. Auch die Bläser nudelten ab und zu, nicht einmal auf die Holzbläser war Verlass. Ich bin gespannt, wann die Herren und Damen vom Staatsopern-Orchester wieder aus den Weihnachtsferien zurückkommen! Da war nämlich seit ca. zwei Wochen nichts durchweg anständiges aus dem Graben zu hören.
lg, Hyacinth :hello
Hyacinth (05.01.2013, 18:39): Im Großen und Ganzen ein kurzweiliger und launiger Abend.
Wieso?
Wegen....
Nikolai Borchev als Falke und Daniela Fally als Adele, die beide hinreißend sangen und spielten. Es ist schon toll, dass Fally sich nach einer Premieren-Serie als Zerbinetta auch noch hinstellt und Adele singt. Und dann auch noch so! Die Frau hat einiges drauf. Sie kann sich problemlos mit Rollenvorgängerinnen messen. Da werden es zukünftige Adeles in Wien schwer haben! Borchevs Aussprache war natürlich nicht akzentfrei, aber sein Wienerisch war allemal so gut wie das von Markus Werba (Eisenstein), der ebenso gut bei Stimme war, aber nicht wirklich wie der unsympathische Ehemann wirkte (weil er unter anderem vielleicht zu jung ist und zu nett aussieht). Den richtigen Schmäh traf er nicht so ganz, aber dafür alle Töne!
Wolfgang Bankl und Peter Simonischek machten den letzten Akt zum Höhepunkt. Die beiden hatten sichtlich Spaß dabei sich gegenseitig die Türe auf den Kopf zu hauen usw. Bankl braucht sich (ebenso wie Norbert Ernst, ein hervorragender, klischeehafter Opernsänger Alfred) für den richtigen Tonfall, der in der Fledermaus angebracht ist, nicht sehr anstrengen und wirkt die ganze Zeit sehr authentisch. Dass er nebenbei auch noch mit gut musiziertem Gesang erfreut ist natürlich kein Schaden.
Einzig Alexandra Reinprecht und Zoryana Kushpler fielen zurück. Erstere, weil sie mit zunehmender Höhe und/oder Dramatik nicht mehr ihr Vibrato kontrollieren kann, zweitere, weil sie schon von Natur aus keine sehr schöne Höhe hat. Da klingen die kurzen hohen as mit dem der Orlofsky gespickt ist nicht so angenehm in den Ohren. Es waren anscheinend viele Russen im Publikum, da bei Kushplers erstem russischen Satz begeisterter Applaus losbrach. Ich denke trotzdem mit Wehmut an all die Orlofskys, die es früher hier so gab; von Kirchschlager angefangen bis zu Kulman oder Garanca.
lg, Hyacinth :hello
Billy Budd (12.01.2013, 22:45): Jeder, der eine sehr gute Vorstellung prophezeit hätte, wäre von mir für verrückt erklärt worden, denn eigentlich war ich nur zum Baltsa-Auslachen dort. Doch dazu gab es überhaupt keinen Grund: Agnes Baltsa hörte (und sah) man gar nicht an, dass sie schon auf die Siebzig zugeht. Ihre Stimme zeigte ich in einem bemerkenswert gut erhaltenen Zustand (das ist keine Ironie!) und sie bot auch schauspielerisch eine ausgezeichnete Leistung. Alles, was ich bis jetzt ansonsten von ihr gehört habe, war nicht einmal halb so gut. Fazit: Die alte Baltsa hat im linken Zeh mehr Ausstrahlung als jede, die sich in letzter Zeit an der Isabella versucht hat. Mit Ferruccio Furlanetto, der einen guten Tag hatte, wurde ebenfalls ein Veteran der Opernbühne aufgeboten. Auch er hatte Spaß, die Rolle zu spielen; nur das Wühlen in den Spaghetti war zuviel des Guten. Diese beiden alten Hasen wissen einfach, wie man in solchen Opern schauspielerisch zu agieren hat und dass es tödlich ist, sie zu verblödeln. Antonino Siragusa sang einen guten Lindoro, ging aber neben diesen beiden Persönlichkeiten ein bisschen unter. Unverzichtbar ist Alfred Šramek als Taddeo und Alessio Arduini stellte als Haly unter Beweis, dass er wahrscheinlich der beste Neuzugang zum Ensemble ist. Jesús López-Cobos dirigierte sehr rücksichtsvoll. Billy :hello
Severina (13.01.2013, 15:55): Lieber Billy,
das freut mich, dass Du Agnes Baltsa an einem guten Tag erwischt hast und nun vielleicht nachvollziehen kannst, worin die Faszination dieser großen Künstlerin auf zwei Generationen von Opernbesuchern bestanden hat und warum sie für viele immer noch DIE Carmen schlechthin ist. Und nun kriegt auch noch die dritte Generation wenigstens eine Ahnung davon - wie schön! Es war nie so sehr die Stimme, da gab es wesentlich schöner timbrierte, auch Baltsas Technik war nie die beste - ich sage nur Registerwechsel. Aber mit ihrer umwerfenden Bühnenpräsenz machte sie all das wett und riss einen einfach mit. Wenn sie als Carmen die Bühne betrat, lag augenblicklich eine Spannung in der Luft, noch bevor sie den ersten Ton sang. Mit Deinem Satz :Die alte Baltsa hat im linken Zeh mehr Ausstrahlung als jede, die sich in letzter Zeit an der Isabella versucht hat. triffst Du den Nagel auf den Kopf. Warum ich trotzdem nicht drinnen war? Nun, meine letzten Begegnungen mit Agnes Baltsa stimmten mich eher traurig und ich wollte sie eben in guter Erinnerung behalten. Ich habe so viele tolle Isabellas mit ihr erlebt (Sie war ja schon bei der PR dieser Ponnelle-Inszenierung dabei!), und die letzte vor ein paar Jahren mit Flórez fand ich schon ziemlich grenzwertig. Ich konnte mir daher nicht vorstellen, dass sie in dieser schwierigen Partie noch einmal eine derart gute Leistung erbringt wie die, die Du mitzuerleben das Glück hattest. Und ein großer Siragusafan bin ich auch nicht.... Er gehört zweifellos zur ersten Liga seines Faches, aber irgendwie berührt mich seine Stimme nicht.
lg Severina :hello
Billy Budd (13.01.2013, 19:24): Liebe Severina, ja; ich habe davor nicht gedacht, dass ich mich sogar zum Bravo-Schreien hinreißen lassen werde, aber Agnes Baltas Leistung war auch ohne Anbetracht ihres Alters sehr gut.
Interessant ist, dass sie mir gestern in einer Koloratur-Rolle, die gewöhnlich von Leuten gesungen wird, die 30-40 Jahre jünger sind, um ein Vielfaches besser gefallen hat, als in einer typischen Altersrolle (Klytämnestra). Ich glaube, das liegt daran, dass ihr nie jemand gesagt hat, wie man die Klytämnestra zu singen hat. Nämlich, wo man kreischend lacht und wo man nicht kreischend lacht, wie man akzentfrei singt, dass es heißt „jedes Tier zur Ader lassen“ und nicht „zur Angel lassen“ (singt sie nämlich immer falsch), etc. Die Isabella dagegen kann sie in- und aus-wendig.
Schön war, dass endlich keine inhomogene Besetzung aufgeboten wurde, sondern alle zusammenpassten. Also nicht so, wie in der Rosenkavalier-Serie (ich geh erst am Do.), wo eine Denoke neben einer Sylvia Schwartz steht.
A ja, und sollte die Garanca die Carmen absagen, wärs mir lieber, die Balts spränge ein als das Cover (vermutlich Kushpler). :cool Billy :hello
Severina (24.01.2013, 21:10): Insgesamt drei Produktionen hat Rossinis "Cenerentola" an der WSO bisher erlebt, mit der letzten, die 1981 PR hatte, bin ich quasi aufgewachsen und habe zumindest dann keine Vorstellung versäumt, wenn das Traumpaar Agnes Baltsa & Francisco Araiza auf dem Besetzungszettel aufschien. Prägend war natürlich auch Jean-Pierre Ponnelles Maßstäbe setzende Inszenierung für Mailand, München usw., die mit Frederica van Stade und Francisco Araiza auch verfilmt wurde.
Dies alles im Hinterkopf, ist es natürlich schwer, der jüngsten Produktion an der WSO unvoreingenommen gegenüber zu treten. Trotzdem war ich dazu entschlossen, schon deshalb, weil ich mich freue, dieses spritzige Werk endlich wieder einmal live erleben zu dürfen.
Wieder einmal zeichnet Sven-Eric Bechtolf für die Inszenierung verantwortlich, der offensichtlich zu einem der Hausregisseure der WSO avanciert ist. Da er das auch schon bei Pereira in Zürich gewesen ist, kenne ich inzwischen eine ganze Reihe Inszenierungen von ihm. Keine ist gänzlich misslungen, aber auch keine hat mich restlos überzeugt, und die "Cenerentola" bildet keine Ausnahme, wobei ich sie für mich eher im unteren Bereich der Erfolgsskala ansiedeln würde. Wieder einmal drückt sich Bechtolf um eine klare Aussage, worum es ihm eigentlich geht, wie er Personen, Situationen gewichtet, worin für ihn die Qintessenz von Rossinis Oper besteht. Er verlegt die Handlung in die 50erjahre eines imaginären Staates San Sogno, zumindest steht das auf den Autokennzeichen. Schön, aber worin der Mehrwert dieser Transferierung besteht, erfährt man nicht. Vielleicht wollte er nur ein paar schöne Oldtimer auf die Bühne bringen…
Und damit wären wir bei einem weiteren Dilemma, der Bühne. Nun bin ich bekanntlich die letzte, die sich ein historisierendes Bühnenbild mit Nippes und Plüsch wünscht, mein Credo lautet immer "Je leerer, desto lieber!" Entscheidend ist, ob es Atmosphäre hat, mit welchen Mitteln sie erzeugt wird, ist für mich unerheblich. Aber das, was das wie immer an Bechtolf-Inszenierungen beteiligte Ehepaar Glittenberg entworfen hat, schafft das leider nicht. Don Magnifico und die Seinen bewohnen einen zwar die ganze Bühnenbreite einnehmenden, aber nur wenige Meter in die Tiefe reichenden Raum. Die schmutzig weiße Rückwand wird im oberen Bereich von schmalen, mit Rollläden versehenen Fenstern durchbrochen, darunter führen fünf Flügeltüren in winzige Kammern von den Ausmaßen eines Schrankes: Zwei Ankleidezimmer für Clorinde und Tisbe, das Schlafgemach Don Magnificos (Er schlummert stehend, in einem an der Wand festgetackerten Bettzeug), die Küche (ein altmodischer weißer Herd). Dass dann der Chor aus den Zimmern der Mädchen auftritt, darf man nicht weiter hinterfragen. Leere goldene Bilderrahmen zwischen den Fenstern zeugen von besseren Zeiten, als man noch nicht das meiste Mobiliar verpfänden musste. Zumindest einige weiße Polstersessel sind geblieben und einige Kartons.
Großartig verbessern wird sich Angelina durch ihre Heirat mit dem Prinzen allerdings nicht, denn dieser residiert in bzw. über einer Garage. Statt weiß und rechtwinkelig zulaufend sind die Wände nun sonnengelb und abgerundet, statt der Flügeltüren sieht man drei Garagentore, dazwischen eine Zapfsäule der Firma Agip, davor drei schicke Cabrios. Eine schmale Galerie über den Garagentoren bietet eine zweite Spielfläche, die aber fast nur Alidoro benützt. Dort hängt das mit einem Trauerflor versehene Bild des verblichenen Vaters von Don Ramiro in Generalsuniform, flankiert von zwei italienischen Fahnen mit Sichel und - nein, nicht Hammer, sondern Hummer. Typisch für die Art von Humor in dieser Inszenierung… Falls Uniform und Emblem auf irgendetwas anspielen sollen, so hat zumindest mich die Botschaft nicht erreicht. Ebenso wenig kann ich die Frage beantworten, warum ein Prinz seine Gäste in einer Garage empfängt. Auch das Dinner scheint dort zwischen den Oldtimern stattgefunden zu haben, zumindest legen das zwei weiß gedeckte Tische mit Essensresten im 3. Bild des 2. Aktes nahe. Andererseits würden sich diese Gäste in einem illustreren Rahmen auch ziemlich deplatziert ausnehmen, denn sie rekrutieren sich aus allen Volks- und Berufsschichten. Statt adeliger Damen und Herren erblickt man Pfarrer, Koch, Militärs, Büroangestellte mit Ärmelschonern, einen Automobilisten mit Lederhaube und Schutzbrille, einen Halblustigen mit kurzer Hose (Sportler??), biedere Hausfrauen und noch diverse andere Typen, deren unspezifisches Outfit keine berufliche Zuordnung gestattet. Warum die alle schon im ersten Akt Don Magnifico so eilig ihre Aufwartung machen müssen, dass der Koch nicht einmal seine Kochmütze und die Beamten ihre Ärmelschoner ablegen können, weiß der Himmel, die Frage, warum überhaupt offensichtlich die gesamte Bevölkerung von San Sogno den (falschen) Prinzen und seine beabsichtigte Brautschau ankündigen muss, stelle man sich besser auch nicht, denn so viel Logik verträgt diese Inszenierung nicht.
Vielleicht fragt Ihr Euch jetzt ganz ungehalten, was ich mir eigentlich erwartel: "La Cenerentola" ist ein Dramma giocoso, da darf es also lustig zugehen. Vollkommen richtig, nur leider empfinde ich das meiste nur halb so lustig, als es eigentlich tendiert ist. Vieles ist mir einfach zu platt, zu plakativ, zu aufgesetzt, besonders wenn Bechtolf glaubt, den Text durch alberne Aktionen noch verdoppeln zu müssen. Ein kleines Beispiel: Wenn Don Magnifico von seinem Traum erzählt, in dem ein Esel auf eine Kirchturmspitze fliegt, dann holt er tatsächlich einen Stoffesel und einen Spielzeugturm aus einem Karton und spielt diese Szene nach! Im 2. Akt illustriert er seine Hoffnung, bald Großvater kleiner Prinzen und Prinzessinnen zu werden, indem er seine Töchter mit Babypuppen ausstattet….
Kein noch so abgeschmackter Gag wird ausgelassen. Wenn am Ball des Prinzen eine kesse Eisverkäuferin in Hotpans auf ihrem Fahrrad hereinkurvt, muss ihr natürlich Alidoro einen auf den Po geben und dann mit unschuldiger Miene einen anderen als Täter bezeichnen. (Ehrlich, auf diesen Klaps habe ich gewartet, als ich des knackigen Hinterteils der Dame ansichtig wurde, denn das passt genau zum Inszenierungsstil……) Dass dann während des Sextetts die Kavaliere, pardon das Volk in einer albernen Polonaise über die Bühne hopsen müssen und im Takt der Musik ihre Eistüten in die Höhe recken, hat mich nicht mehr wirklich erschüttert. ("Kindergarten!" tönte es da hinter mir halblaut, und ich kann dem guten Mann leider nicht widersprechen….)
Selbst die wirklich lustigen Szenen enden oft ärgerlich, weil die Witzschraube permanent überdreht wird, immer noch eines draufgesetzt wird, wenn eigentlich längst Schluss sein sollte, um die Pointe nicht zu vermasseln. Wieder ein Beispiel: Die Szene, in der sich Dandini als Kammerdiener (bei Bechtolf Chauffeur, aber das ist OK) outet, ist zunächst wirklich gelungen. Wie er Don Magnifico dazu bringt, ihm beim Autopolieren zu helfen, ist ebenso zum Lachen wie sein spontaner Einfall, aus sämtlichen Getränkeresten, die auf den beiden Tischen herumstehen, einen Cocktail zu mixen. Don Magnificos verdutzte Reaktion auf dieses ganz und gar unprinzliche Verhalten ist köstlich. Aber dann nötigt ihn der falsche Don Ramiro, den Cocktail mit einem Schuss Benzin aus der Zapfsäule anzureichern. Das alleine ist schon die berühmte Schraubendrehung zu viel, aber wenn dann Don Magnifico den ihm angebotenen Drink ohne das geringste Zögern nimmt, einen kräftigen Schluck tut und erst dann ganz entsetzt ausspuckt, so als merke er erst jetzt, was sich in dem Glas befindet, ist das schlicht und einfach Quatsch. Logisch wäre es, wenn ihm vor diesem Gebräu graut, er sich aber nicht traut, es zurückzuweisen, um den erhofften Schwiegersohn nicht zu vergrämen, wenn er versuchen würde, den Benzinshake heimlich zu entsorgen oder, wenn das nicht gelingt, mit äußerster Todesverachtung an die Lippen setzt – was tut man nicht alles, um einen Prinzen zu angeln! DAS würde Sinn machen und wäre immer noch lustig. Tut mir Leid, aber diese Inszenierung ist in weiten Teilen einfach handwerklich schlecht gearbeitet.
Besser ist es um die Personenführung bestellt, schon immer eine der Stärken von Bechtolf, wenn ich mich auch des Eindrucks nicht erwehren kann, dass ihn diesmal die Nebenfiguren mehr interessiert haben als das Liebespaar. Köstlich und in Mimik und Gestik jederzeit überzeugend sind die beiden Schwestern Clorinde und Tisbe, verkörpert von Valentina Nafornita und Margarita Gritskova. Da passt wirklich alles, und die beiden schaffen auch die Gratwanderung zwischen Komik und abgeschmacktem Klamauk sehr gut. Das sind zwei durchtriebene Luder, nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht, und könnte eine tatsächlich den Prinzen erobern, würde sie prompt dafür sorgen, dass die andere samt Vater in der Versenkung verschwindet.
Sehr gut gefiel mir auch Vito Priante als Dandini, der als eine Mischung von Playboy und Rockstar angelegt ist, in jedem Augenblick sehr präsent wirkt und einen sehr plausiblen Charakter formt. Er ist nicht so sehr der kleine Kammerdiener, der endlich einmal den Herren spielen darf und das weidlich ausnutzt, er ist sich seines Wertes durchaus bewusst und kehrt nicht ungern in seinen eigentlichen Job zurück.
Alessandro Corbelli hinterlässt einen etwas zwiespältigen Eindruck bei mir, weil mir sein Don Magnifico zu schwammig, zu wenig scharf konturiert erscheint. Er ist als böser Stiefvater ebenso halbherzig wie als liebender Vater und verschenkt meiner Meinung nach auch so manche Pointe. An einen Giuseppe Taddei, Paolo Montarsolo oder Alfred Sramek reicht er mit dieser Leistung jedenfalls nicht heran.
Als Persönlichkeit eher blass empfinde ich auch Dmitry Korchak als Don Ramiro. Er wirkt wie der nette Junge von nebenan, einen künftigen Herrscher nimmt man ihm nicht ab, nicht einmal von einem Traumstaat. Zumindest glaubt man sofort, dass er tatsächlich einen Alidoro braucht, der eine passende Braut für ihn findet, denn alleine kriegt er das wohl nicht auf die Reihe.
Andererseits würde man einem strahlenden Prinzen, einer wirklich starken Persönlichkeit auch nur schwer abnehmen, dass er sich auf den ersten Blick in diese Angelina verliebt. Noch nie stand ein unscheinbareres Aschenbrödel auf der Bühne als Tara Erraught: Pummelig, braves Blümchenkleid, dicke schwarze Brille - ein etwas verhuschtes Mauerblümchen, bei dem man sich auch in einem anderen Outfit nur schwer vorstellen kann, dass es Furore machen würde. Dass unter der Asche ein Feuer glüht, merkt man dieser grauen Maus nicht an. Nun kann man argumentieren, dass es ja die inneren Werte sind, wegen der Angelina erwählt wird, aber um die zu erkennen, muss man einen Menschen doch länger kennen als die paar Minuten, in denen hier Amors Pfeile wirksam werden. Es muss also irgendetwas Besonderes an dem Mädchen sein, etwas, dass auch die graue Aschenschicht nicht verbergen kann, etwas, das den Prinzen in seinem Innersten anrührt. Dieses Etwas finde ich bei Tara Erraught leider nicht. Offensichtlich entspricht es dem Regiekonzept, dass Angelina das Image vom unscheinbaren Pummelchen auch in den folgenden Szenen nicht los wird, denn warum sonst hätte man sie in derart unvorteilhafte Kostüme gesteckt? Ihr Auftritt beim Ball des Prinzen als geheimnisvolle, verschleierte Schönheit gerät in die Nähe einer Lachnummer, denn der himmelblaue Tüllfummel, der auch den Hinterkopf verhüllt, die geschwärzten Sonnenbrillen evozieren wohl kaum Bewunderung, sondern lösen eher Fluchtreflexe aus. Das weiße Brautkleid am Schluss ist nicht viel besser. Der Pro:log (Für Nicht-Wiener: Das Magazin der WSO) zeigt Frau Erraught als attraktive junge Frau – warum darf sie das als Cenerentola nicht sein??? Warum muss sie auch am Schluss wie ein braves Hausmütterchen wirken, das sich darauf freut, ihrem Prinzen die Socken stopfen zu dürfen?
Bleibt noch Ildebrando D'Arcangelo als Alidoro, der wohl am weitesten von gewohnten Rollenbild abweicht: Er hat hier mehr Ähnlichkeit mit dem gewieften Figaro als mit einem weisen Philosophen oder seriösen Erzieher. Zumindest ist er mit sichtbarem Spaß bei der Sache, auch wenn es die falsche sein mag.
Wie immer klammere ich bei einer GP die Gesangsleistungen weitgehend aus, weil da kaum ein Sänger das Letzte aus sich herausholt. Sehr gut gefielen mir aber schon heute Valentina Nafornita, Margarita Gritskova, Ildebrando D‘Arcangelo und Vito Priante. Dmitry Korchak ließ mit fulminanten Spitzentönen bei seiner großen Arie aufhorchen, hörte sich aber insgesamt etwas uneinheitlich an, mir fehlte die große Linie, die geschmeidigen Übergänge. Aber das kann natürlich der Probensituation zuzuschreiben sein. Woran er dringend arbeiten sollte, ist sein Italienisch, das erstens zu hart und zweitens nicht sehr idiomatisch klingt. (Es heißt „freddo“ und nicht „frähhhhdo“, usw.) Tara Erraught verfügt über ein sehr warmes, inniges Timbre, leider auch über ein ausgeprägtes Vibrato, das sich allerdings mit Fortdauer der Aufführung besserte. (Oder lag das am Gewöhnungseffekt?) Bei ihren Höhen war sicher noch Luft nach oben. Alessandro Corbelli fällt aus der Bewertung, da er viele Passagen nur mit halber Kraft gesungen hat.
Bleibt noch der Herr am Pult: Jesús López-Cobos vermochte leider nicht das Rossini-Feuerwerk zu entzünden, das ich mir erhofft hatte. Das klang alles mehr routiniert als inspiriert, und das fand seinen Widerhall bei den Philis, die bei Belcanto-Opern meist zum Glück des Publikums gezwungen werden müssen. Für eine Repertoirevorstellung wäre das heute in Ordnung gewesen, bei einer Neuproduktion erwarte ich mir deutlich mehr.
Mein Fazit: Zwar kein Flop, aber leider auch ziemlich weit entfernt von Top, wieder einmal so etwas Lauwarmes dazwischen.
Lg Severina :hello
Severina (27.01.2013, 23:20): Da ich wie schon erwähnt bei einer GP die musikalische Seite als zweitrangig betrachte, wollte ich mir gestern zumindest den ersten Teil der PR am Stehplatz anhören (Eine ganze Aufführung packe ich leider nicht mehr) und ließ außerdem die Radioübertragung mitschneiden.
Nun, leider bestätigte sich meine Ahnung/Befürchtung von der GP: Nafornita, Gritskova, D'Arcangelo und Priante sehr gut, die Sänger der Hauptrollen hingegen kamen über ein Mittelmaß nicht hinaus. Alessandro Corbelli erreichte nicht einmal das, denn es zeigte sich, dass er bei der GP keineswegs markiert hatte, das war leider schon alles.
Tara Erraught verfügt über eine schöne Stimme, sieht man von ihrem für ein so junge Sängerin doch schon sehr ausgeprägten Vibrato ab, ist aber in meinen Augen trotzdem fehlbesetzt. Wenn also beim kurzen PR-Ausschnitt in der ORF-Kultursendung der Reporter etwas von "A Star was born" faselt, kann ich nur den Kopf schütteln. In ein paar Jahren ist Frau Erraught sicher eine ausgezeichnete Angelina, falls sie bis dahin nicht durch falsche Rollen ihre Stimme ruiniert hat. Im Moment ist sie nur eine gute und vor allem als Persönlichkeit viel zu blass.
Warum man nicht Juan Diego Flórez diese Neuproduktion angeboten hat, ist wieder einmal eines der vielen Rätsel in der Besetzungspolitik unseres tollen Direktors X(. Der durfte dafür zum gefühlten 100. Mal Nemorino singen......
lg Severina :hello
ar (30.01.2013, 09:38): Schade, Corbelli war bis jetzt mein absoluter Lieblings-Magnifico, gerade weil er sich gegen das ewige Magnifico-Geblödel stellt und die Partie ziemlich trocken und manchmal auch ein bisschen bösartig (mit riesigem Alkoholproblem) verkörpert. Hat er so stark abgegeben?
Billy Budd (11.02.2013, 23:05): Völlig geglückt ist das Wiener Rollendebüt von Michaela Schuster als Herodias, Camilla Nylund war eine sehr gute Salome, James Rutherford sang einen recht guten Jochanaan und Peter Schneider dirigierte ausgezeichnet. Soweit zu den Pluspunkten. Was Thomas Moser aber abgeliefert hat, war dermaßen unter jeder Sau (um drei Klassen schlechter als im Vorjahr, und da wars nicht gut) - darunter litt die Vorstellung ordentlich. Ebenfalls indisktuabel waren Carlos Osuna (Narraboth) und Juliette Mars (Page). Jinxu Xiahou fiel als einziger unter den Nebenrollensängern positiv auf, denn Herwig Pecoraro passierten gleich beim Satz "Das kann nicht sein: Seit dem Propheten Elias hat niemand Gott gesehn" deutliche Textfehler und um Walter Fink muss man sich bedauerlicherweise Sorgen machen. Dass Benedikt Kobel und Wolfram Igor Derntl das Judenquintett vervollständigten, gereichte der Vorstellung ebenso wenig zur Ehre, wie dass Soldaten mit Dan Paul Dumitrescu und Il Hong besetzt waren. Abgrundtief miserabel agieren Janusz Monarcha und Nikolay Borchev in den kleinen, aber wichtigen Rollen der Nazarener (wirklich eine Schande, dass man da keine besseren Leute aufbietet!). Der Applaus währte überdurchschnittlich lange. Billy :hello
Ingrid (11.02.2013, 23:29): Was haben denn die Wiener mit unserm heiß geliebten Nikolay angestellt, dass er jetzt schon in einer Wurznrolle so "abgrundtief miserabel" gewesen sein soll? Er war 8 Jahre in München und an vielen großen Häusern Gastsänger und nicht nur als Larifari. Er war ein grandioser Papageno, ein toller Figaro, Guglielmo, Marcello, Dandini, Harlekin usw..
Vorhin bekam ich eine Umbesetzungsmeldung, dass er bei uns als Figaro einspringen wird und da freuen sich bestimmt sehr viele drüber. Habe dadurch erst erfahren, dass er jetzt in Wien ist und kurz drauf las ich dann diese niederschmetternde Kritik. Vielleicht hat er ja gerade die Grippe und ist hoffentlich bei Euch dann auch bald besser drauf. Wünsche ihm auf jeden Fall in Wien so viel Erfolg wie in München.
Billy Budd (12.02.2013, 00:14): No, vielleicht sollte der "Nikolay" vorerst noch an Häusern bleiben, für die seine Stimme ausreicht. Heute jedenfalls (also eigentlich gestern) hat man ihn kaum gehört und mir ist auch erzählt worden, dass es bei seinen bisherigen Auftritten nicht anders gewesen sein soll. Mal schauen, wie er sich entwickelt; er steht ja noch am Anfang seiner Karriere. Gute Nacht! Billy :hello
Ingrid (12.02.2013, 08:25): Ist die Bayerische Staatsoper denn viel kleiner als die Wiener?
Es kommt auch sicher darauf an, wo man ihn einsetzt, denn er ist ja ein lyrischer Bariton. U.a. bei Strauss, Rossini, Mozart war er eigentlich immer optimal zu hören. Wenn man in sein Repertoire schaut, dann ist er auch nicht mehr so ganz am Anfang seiner Karriere, aber zumindest liegt mit knapp 33 Jahren hoffentlich noch ein langes ausgefülltes und zufriedenstellendes Sängerleben vor ihm.
Werde mal schaun, ob ich für Il barbiere noch eine Karte bekomme, denn das interessiert mich jetzt schon, ob er stimmlich so stark abgebaut hat, wie das nach Deiner Beschreibung klingt.
:hello Ingrid
Billy Budd (12.02.2013, 14:21): Naja, ob er stimmlich abgebaut hat, kann ich nicht sagen (halte es aber nicht für wahrscheinlich), weil ich ja nicht weiß, wie es früher geklungen hat. Ich hab auch nicht geschrieben, dass er ein schlechter Sänger ist (vielleicht muss er sich erst an die Wiener Oper gewöhnen; Akustik und so), nur dass seine gestrige Leistung eben schlecht war, was aber vielleicht teilweise am Monarcha gelegen ist. Billy :hello
Hyacinth (15.02.2013, 23:19): Gleich zu Beginn stelle ich klar, das es heute meine erste "Salome" war - daher kann ich lediglich meine Eindrücke vermitteln. Um es kurz zu sagen: Totale Begeisterung! Ich wusste ja nicht genau, was ich von dieser "legendären" Strauss-Oper erwarten sollte, ein Begriff war mir nur der Schleiertanz, der Kopf auf dem Silberteller und die Herodias. Zur Musik hatte ich sowieso keine wirkliche Vorstellung - "Wie "Elektra" wahrscheinlich, ordentlich tschinn-bumm-krach ab und zu und dazwischen nicht viel" (sehr vereinfacht ausgedrückt!). Umso überraschter war ich ob der unzähligen wunderschönen und spannenden, Gänsehaut erzeugenden musikalischen Momente.
Ein riesigen Beitrag für die Liebe beim ersten Hören/Sehen hat sicher Camilla Nylund beigetragen. Ihre Stimme empfand ich von Anfang an herrlich - genau der Typ Stimme, den ich mag - aber die fast schon dämonenhaften Ausbrüche bei den Forderungen des Kopfes hätte ich ihr nie zugetraut. Endlich eine Sopranistin, die ihre Bruststimme klug einzusetzen weiß und sich auch nicht dafür schämt. Den Schleiertanz - unter dem ich mir vorher wenig vorstellen konnte ("Tanz der sieben Zelte" war mir freilich ein Begriff) - tanzte sie berauschend - meiner Meinung nach. Vor allem im zweiten Teil wurde ihr offensichtliches Bewegungs- und Ausdruckstalent immer ungezwungener, da konnte man sich sie so brav wie am Anfang kaum vorstellen. Sie porträtierte mit einer keuschen Verruchtheit genau die Erotik, die für mich die biblische Figur Salome ausmacht - die Oper war mir ja unbekannt.
Aus dem Rest der Besetzung - es macht schon Sinn, wieso die Oper "Salome" heißt - stachen für mich James Rutherford als nicht so ganz ausgemergelter, aber umso überzeugender, geheimnisvoll mächtiger Jochanaan und Gerhard A. Siegel als Herodes hervor. Bei diesem ekelhaften alten Lüstling bekommt man ja schon so etwas wie Mitleid mit Salome - stimmlich war er ebenso rollendeckend.Michaela Schuster als Herodias war ihm ein perfekter Widerpart. Um die kleinen Rollen (Juden, Nazarener und wie sie alle heißen) beurteilen zu können, kenne ich die Oper zu wenig.
lg, Hyacinth :hello
PS: Überrascht haben mich nicht nur die lyrischen Passagen, sondern auch die (wenn auch unabsichtlich) lustigen! So zum Beispiel Pecoraros trotziger Zwischenruf als erster Jude: "Der Messias ist nicht gekommen!" im typisch näselnden Tonfall.
Billy Budd (15.02.2013, 23:20): Die gar nicht so zahlreich erschienenen Stehplatzbesucher hatten das seltene Glück, eine grandiose Aufführung von Strauss' Meisterwerk miterleben zu können. Neben der Leistung des kurzfristigen Einspringers Gerhard Siegel, der in den letzten Tagen noch im Münchner "Boris" mit dabei war, sollte der gute Thomas Moser vor Scham in Grund und Boden versinken: Siegel verfügt sowohl über ausreichend tenorale Kraft, um sich dem gelegentlich lauten Orchester widersetzen zu können, als auch über viel Charakterisierungsvermögen, um jeden Satz dieser hochinteressanten Personen, auf eine spezielle Art herauszuarbeiten. Im Gegensatz zu fast allen sich an dieser Rolle versuchenden ging er bei "Steh auf, mein Weib, meine Königin" nicht ein und sang auch bei "Man töte dieses Weib" das hohe b anstelle des als Alternativversion notierten es. Darüber hinaus bot er neben der herausragenden gesanglichen Leistung auch eine ebensolche darstellerische. Kurz: Es ist bedauerlich, dass dieser so unterschätze Sänger in Wien so selten zu hören ist. Doch auch die restliche Besetzung konnte sich hören lassen: Camilla Nylund hat sich mit der Zeit immer mehr gesteigert und sich mittlerweile in die oberste Liga hinaufgearbeitet. So, wie sie heute die Salome gesungen hat, kann ihr wohl keine Kollegin das Wasser reichen. Ihre Stimme, die auch leicht wiedererkennbar ist, verfügt über ausreichend Lautstärke, hat sich aber trotzdem ihr schönes, "goldenes" Timbre bewahrt und ist nach wie vor frei von jeglichem störenden Tremolo. Man verstand jedes Wort, niemals wurde gekreischt und auch den Tanz (gut, das ist nicht einfach irgendein Tanz, sondern eine symphonische Dichtung und für mich der Höhepunkt dieses Werks, sogar noch vorm Schlussmonolog und Jochanaans Abstieg in die Zisterne) gestaltete sie ausgezeichnet. Da blieb wirklich kein Wunsch offen. Ähnlich ist auch über Michaela Schuster zu urteilen - sie verkörperte die grantige Herodias perfekt. Auch James Rutherford hat sich gebessert und in Anbetracht einer ansonsten soliden Leistung von Carlos Osuna überhören wir auch ein paar verfehlte Töne (z.B. "sie ist sehr schö-ön heute Abend") großzügig. Nicht sehr bemerkenswert war der Page von Juliette Mars, aber dafür bot Herwig Pecoraro als erster Jude ein wahres Gustostückerl - heute gab er sich wirklich Mühe. Besonders schön war, dass auch Walter Fink endlich wieder eine gute Leistung bot, was auch Jinxu Xiahou tat. Benedikt Kobel und Wolfram Igor Derntl fielen zumindest nicht auf. Wirklich nicht gut besetzt waren die beiden Soldaten mit Alfred Šramek und Il Hong und gleich hundsmiserabel wie am Montag taten Janusz Monarcha und Nikolay Borchev als Nazarener ihre Pflicht, was aber den beeindruckenden und mitreißenden Gesamteindruck nicht schmälerte. Dass der Abend aber denkwürdig wurde, verdenken wir Peter Schneider, dessen schon immer sehr gute Dirigate noch eine neuerliche Steigerung erfuhren. So mitreißend dirigiert war die "Salome" schon geraume Zeit nicht mehr zu erleben. Deshalb sei auch das Staatsopernorchester hier lobend erwähnt. Billy :hello
P.S.: Hier kann man sich den von Camilla Nylund bravourös gesungenen Schlussmonolog der Salome anhören.
Billy Budd (18.02.2013, 22:46): lag zwar deutlich über dem Durchschnitt, reichte aber nicht an das Niveau der vorigen „Salome“ heran. Thomas Moser machte uns mit seiner Absage große Freude und so bot Gerhard Siegel einspringend auch heute eine grandiose Leistung. Camilla Nylund ließ sich wegen einer „beginnenden Luftröhrenentzündung“ ansagen, die ihr deutlich zu schaffen machte. Auch bei James Rutherford ist eine Verschlechterung zu vermelden; heute klang er recht ausgelaugt. Die Interpreten der andere Rollen hinterließen die gleichen Eindrücke wie am Freitag – besonders ärgerlich waren nach wie vor die beiden dilettantischen Nazarener (Janusz Monarcha und Nikolay Borchev), wegen denen diese herrliche Stelle völlig in die Hose gegangen ist. Peter Schneider dürfte zu den besten Dirigenten, die je bei einer „Salome“ an das Pult der Wiener Staatsoper getreten sind, gehören. Billy :hello
P.S.: Die Statisten waren auch heute nicht richtig auf Zack: Weil sie nicht erschienen sind, um Jochanaan aus der Zisterne zu lassen, musste sie der Šramek (1. Soldat) holen gehen.
Severina (27.02.2013, 22:05): Original von Ingrid Ist die Bayerische Staatsoper denn viel kleiner als die Wiener?
Es kommt auch sicher darauf an, wo man ihn einsetzt, denn er ist ja ein lyrischer Bariton. U.a. bei Strauss, Rossini, Mozart war er eigentlich immer optimal zu hören. Wenn man in sein Repertoire schaut, dann ist er auch nicht mehr so ganz am Anfang seiner Karriere, aber zumindest liegt mit knapp 33 Jahren hoffentlich noch ein langes ausgefülltes und zufriedenstellendes Sängerleben vor ihm.
Werde mal schaun, ob ich für Il barbiere noch eine Karte bekomme, denn das interessiert mich jetzt schon, ob er stimmlich so stark abgebaut hat, wie das nach Deiner Beschreibung klingt.
:hello Ingrid
Liebe Ingrid,
ich werde Nikolay Borchev im April am ThadW hören - in Berlioz' "Beatrice e Benedict" - und Dir dann berichten! Wenn ihm die WSO wirklich zu groß ist, müsste er im kleinen, intimen ThadW gut zur Geltung kommen!
lg Severina :hello
Severina (10.03.2013, 00:38): Eigentlich war ich wild entschlossen, für diesen Traviata-Block keine Karten zu bestellen, konnte ich mir doch absolut nicht vorstellen, wie Rolando Villazón nach seinem so mühsam gestemmten Nemorino im Vorjahr einen Alfredo hinkriegen sollte. Dann aber erlebte ich ihn im Mai in Zürich, wo er im "Re Pastore" eine wirklich gute Leistung erbrachte - nicht exzellent, aber eben sehr solide - , sodass ich doch wieder schwach wurde. Ich hätte meinem ersten Instinkt folgen sollen......
Zum 15. Mal ging Jean-Francois Sivadiers unsägliche Inszenierung heute über die Bühne, fünfzehnmal zu oft. (Details bitte meinem GP-Bericht zu entnehmen!) Wenn mir jemand gesagt hätte, ich würde mich einmal nach einer Otto-Schenk-Inszenierung zurücksehnen, hätte ich ihn taxfrei für verrückt erklärt, aber tatsächlich würde ich diese völlig sinnfreie Produktion mit Wonne gegen den alten Otti-Kitsch eintauschen. Da konnte ein ambitioniertes Ensemble immerhin noch etwas retten, während die Sänger hier auf verlorenem Posten stehen.
Diese inszenierte Langeweile macht nur eine exzellente Besetzung erträglich, aber wann gab es eine solche zuletzt an der WSO? Heute ganz bestimmt nicht.
Marlis Petersen sang ihre erste Violetta in Wien, nachdem sie mit dieser Partie in Graz debutiert hatte. Sie hat eine sehr helle, ein wenig fragile Stimme, die sie zu schönen Lyrismen befähigt, in den dramatischen Passagen aber nicht tragfähig genug ist und Spitzentöne nur mit Mühe ausformen kann. Dieses Defizit fiel natürlich im ersten Akt besonders ins Gewicht, und hätte Paolo Carignani das Orchester nicht auf einen beinahe kammermusikalischen Ton zurückgenommen, wäre das "Sempre libera" als Stummfilm abgelaufen. Mich störte auch das recht ausufernde Vibrato in Frau Petersens Stimme, aber da bin ich bekanntlich empfindlich. Leider schaffte es die Sängerin auch nicht, Violetta Valery als Figur fassbar zu machen, was mich nach ihrer großartigen Leistung als Reimanns "Medea" besonders enttäuschte. Ich vermisste Wesentliches, was eine Violetta ausmacht, die verzweifelte Gier nach Leben ebenso wie die Todesahnung, die ja eigentlich von Anfang an spürbar ist. Noch nie ist eine Schwindsüchtige zwischen den kaum motivierten Schwächeanfällen so munter auf der Bühne herummarschiert wie Frau Petersen speziell im letzten Akt, was durch das fehlende Bett nicht hinlänglich zu entschuldigen ist, denn Natalie Dessay gelang es trotzdem, glaubhaft eine Sterbende zu mimen. Aber wahrscheinlich ist es wirklich schwierig, in dem Sivadier'schen Nonsens zu einer klaren Linie zu finden.
Auch Rolando Villazón gab mit dem Alfredo ein Rollendebut an der WSO. Ich habe ihn in dieser Partie schon vor Jahren in Zürich erlebt, eine Erinnerung, die ich gerne verdränge..... Nun, ganz so katastrophal war seine Leistung heute zwar nicht (Damals brach ihm die Stimme immer wieder weg, führte quasi ein unkontrollierbares Eigenleben), aber immer noch traurig genug. Villazóns einst so kostbarer Tenor weist irreparable Schäden auf, darüber kann der übliche Jubel seiner Fans nicht hinwegtäuschen. Die tiefe Lage spricht nur mehr sporadisch an, die Register werden nicht mehr schön verblendet, sodass der merkwürdige Eindruck entsteht, der Tenor singt mir drei verschiedenen Stimmen, die zudem große dynamische Schwankungen aufweisen. Stellenweise klang es, als sänge er in ein immer wieder ausfallendes Mikro. Dass die Höhenluft dünner denn je ist, können nur die wohlmeinendsten Fans überhören. Brachte Villazón "De' miei bollenti spiriti" mit viel Mühe gerade noch über die Runde, ging er bei der Cabaletta völlig ein, riss ihm dreimal der Ton ab und endete in einem heiseren Gekiekse. (Wobei ich nicht verstehe, warum er bei seiner momentanen Verfassung die Cabaletta überhaupt gesungen hat - er wäre nicht der erste Alfredo, der sie einfach weg lässt!)
Was mich wirklich nervt, dass Villazón vermehrt auf außermusikalische Effekte setzt, um stimmliche Defizite zu kaschieren. Da wird geheult, geschluchzt, gestöhnt, dass es ein Graus ist, oft sogar noch in die Passagen seiner Partner hinein. Nun finden wahrscheinlich manche gerade das besonders ergreifend, für mich ist es ein Zeichen mangelnden Vermögens, Emotionen alleine durch die Stimme auszudrücken. Das unterscheidet schließlich einen Sänger vom Schauspieler - bei ihm will ich die Tränen hören, nicht sehen, und ich hasse es, wenn die Musik in hemmungslosem Schluchzen erstickt.
Schauspielerisch agierte Rolando Villazón angenehm dezent, vermied allzu übertriebenes Gestikulieren und Grimassieren, was ich ihm hoch anrechne.
Fabio Capitanucci lieh Giorgio Germont seinen angenehm tönenden Bariton, den er aber ziemlich eindimensional einsetzte. Wirkliche Emotionen kann er nicht vermitteln, alles wird über den gleichen vokalen Kamm geschoren. Auch darstellerisch blieb er blass und suchte nur selten den direkten Blickkontakt zu seinen Partnern. Trotzdem kam nach "Di Provenza..." zum ersten ein bisschen Stimmung im Publikum auf, das bis dahin auf die üblichen Hits nur mit Höflichkeitsapplaus reagiert hatte.
Normalerweise würde ich jetzt ein bisschen über Carlos Osuna (Gaston), Marcus Pelz (Douphol), Lena Belkina (Flora Bervoix) lästern, aber bei dem generell schwachen Niveau dieser Vorstellung fielen sie nicht extrem negativ auf.
Paolo Carignani sah heute seine Hauptaufgabe wohl darin, das Orchester so einzubremsen, dass die vokalen Leichtgewichte eine Überlebenschance hatten. Das gelang ihm bravorös und dafür gebührt ihm Dank und Anerkennung, denn es ist ja nicht selbstverständlich, dass sich ein Dirigent derart zurücknimmt. Schließlich ist es nicht seine Schuld, wenn auf der Bühne nur Stimmchen statt Stimmen im Einsatz sind! In meiner Loge waren wir uns jedenfalls einig, dass sich Petersen und Villazón glücklich preisen konnten, dass nicht Welser-Möst am Pult stand, denn der hätte sie gnadenlos zugedeckt und aus dieser "Traviata" einen Stummfilm gemacht.
Hatte sich das Publikum wie schon erwähnt beim Szenenapplaus sehr zurückgehalten, gab es am Schluss natürlich den üblichen Jubel, für Villazón allerdings deutlich leiser als für Petersen. Wie lange die lieben Leute so taten, als hätten sie einen großartigen Opernabend erlebt, weiß ich nicht, weil ich schon nach der ersten Solovorhangrunde das Weite suchte. Mich macht dieses hysterische Bravo-Gebrülle nach einer bestenfalls mittelmäßigen Vorstellung nämlich wirklich krank. In meiner Loge saßen 7 Besucher unterschiedlicher Herkunft, aber uns einte die Meinung, dass diese "Traviata" eine ziemlich matte Angelegenheit gewesen ist.
Mein Fazit: Wieder eine enttäuschte Hoffnung auf eine endlich gute Vorstellung an der WSO!
lg Severina :hello
Severina (10.03.2013, 23:49): Ildar Abdrazakov in der Titelrolle war der Grund, warum ich heute schon wieder mein früher so geliebtes zweites Wohnzimmer aufsuchte, in dem ich mich in letzter Zeit bekanntlich gar nicht mehr so heimisch fühle. Aber der "Don Giovanni" entschädigte mich dann voll und ganz für die jämmerliche "Traviata", und endlich verließ ich die WSO wieder einmal beschwingt und mit durchwegs positiven Gedanken. Hinter mir lag eine Aufführung mit tollen bis guten Sängerleistungen ohne einen einzigen wirklichen Ausfall, und in einen solchen Genuss kam ich schon lange nicht mehr.
Nach der ärgerlichen, von A bis Z nur unlogischen Traviata-Inszenierung betrachtete ich heute sogar die ungeliebte Martinoty-Regie in einem milderen Licht. Zwar beschert sie einem nach wie vor keine tiefschürfenden Erkenntnisse zum Werk und den Personen, aber sie hindert die Sänger auch nicht daran, ihr Ding zu machen, und wenn ein derart spielfreudiges Ensemble wie heute auf der Bühne steht, kann sich das Ergebnis auch ohne Genieblitze seitens des Regisseurs sehen lassen. Das Bühnenbild besteht aus einer Reihe von Projektionen, alle ziemlich aus dem Lot wie die vorrevolutionäre Welt – Straßenschluchten, Prunkräume, ein Kellergewölbe mit vielen Fässern, die nächtlich beleuchtete Kathedrale von Sevilla (Ich gestehe, dass ich dieses Bild mag!), das Innere einer Kirche usw. – und je nach Spielsituation diverse Sitzmöbel. Martinotys Don Giovanni treibt sein Unwesen überwiegend bei Nacht – warum auch immer – und dementsprechend düster ist es die meiste Zeit auf der Bühne. Immerhin macht das die diversen Verwechslungsszenen nicht ganz so unglaubwürdig.
Aber die heutige Vorstellung verdankte ihren Erfolg nicht der Inszenierung, sondern der teils vorzüglichen Sängerschar. Ildar Abdrazakov war mir erstmals bei einer TV-Übertragung positiv aufgefallen, die Live-Begegnung mit seinem Mustafa in der "L’Italiana" bestätigte dann diesen Eindruck und mit seiner heutigen Leistung hat er sich endgültig einen Platz unter meinen Lieblingssängern erobert. Hier wächst endlich ein würdiger Nachfolger für Ruggero Raimondi heran, für mich immer noch DER Don Giovanni. Abdrazakovs Timbre ist nicht so schwarz wie das des Italieners, dafür aber weicher, samtiger und ungemein modulationsfähig. Erstaunlich, wie diese große Stimme auch feine Piani gestalten kann, die in jeder Phrase perfekt gestützt sind und immer Volumen haben. Ich muss lange zurückdenken, wann ich zum letzten Mal "La ci darem la mano" ähnlich zärtlich, verführerisch, elektrisierend-erotisch gehört habe wie in der Interpretation von Herrn Abdrazakov. (Thomas Hampson in Zürich, irgendwann in den 90erjahren…) Auch das Ständchen gelang ihm ähnlich betörend. Dass dem Sänger auch die vertrackte Champagnerarie keine Probleme bereitete, sei der Ordnung halber auch erwähnt. In den letzten Jahren herrscht der Trend vor, Don Giovanni als brutalen Macho zu zeigen, dem das Messer locker sitzt, der sich mit Gewalt nimmt, was ihm gefällt und auch Leporello wie ein Stück Dreck behandelt. Nun ist das sicher eine legitime Lesart, aber mit der Zeit doch ermüdend – man kennt diese Masche bereits. Auf der Strecke bleibt dabei meist der charmante Herzensbrecher und speziell frau fragt sich, welche masochistischen Veranlagungen Donna Elvira und Zerlina in die Arme eines Mannes treiben, von dem sie eigentlich nur Gewalt und Demütigungen erfahren. Bei Ildar Abdrazakov stellt sich diese Frage nicht, denn er ist ganz der elegante, charismatische Verführer, der große Frauenversteher, der jeder gibt, was sie sich wünscht und dem man beinahe glaubt, dass seine Promiskuität ein Akt der Nächstenliebe ist, weil er eben keine enttäuschen will. Er hat eher ein bisschen Probleme, die cholerischen Seiten Don Giovannis glaubhaft zu vermitteln, seine Wutausbrüche kommen etwas halbherzig daher, aber ich bin sicher, dass der Sänger mit der Zeit (und der Erfahrung!) auch für die fiesen Charakterzüge seiner Figur eine überzeugende Körpersprache findet.
Wenn Erwin Schrott in seiner Paraderolle Leporello auf der Bühne steht, dann weiß man, dass er keinen seinem Herrn hündisch ergebenen Diener mimt, sondern dem Don auf Augenhöhe begegnet - zwei Schlitzohren, die von einander profitieren, denn auch Leporello kommt durchaus auf seine Kosten. Leider neigt Schrott dazu, seinem Affen derart viel Zucker zu geben, dass sich das irgendwann auch manchem Zuschauer auf den Magen schlägt. Zumindest mir erging es heute bei dem hemmungslosen Geblödel so, obwohl ich natürlich auch nicht ganz immun war gegen Schrotts zweifellos vorhandenes Charisma, sodass ich die ganze Zeit zwischen Zustimmung und Ärger hin und herpendelte. Ganz ähnlich ergeht es mir immer bei Schrotts Gesang: Er läuft vokal reichlich oft neben der Spur, erlaubt sich Freiheiten gegenüber der Partitur, die gerade bei Mozart eigentlich nicht zu entschuldigen sind, aber er tut das derart selbstbewusst, rotzfrech und effektvoll, dass ich dann doch wieder geneigt bin, darüber hinwegzusehen. Das gilt allerdings nur für den Leporello, nicht für Don Giovanni, wo ich Schrott bisher immer ziemlich gruselig gefunden habe.
Bleiben wir gleich bei den Herren: Toby Spence kämpft sich gerade nach einer schweren Krankheit wieder auf die Bühne zurück, ist aber natürlich noch weit von dem Niveau entfernt, mit dem er als Tom Rakewell am ThadW einen großen Erfolg gefeiert hat. Unter diesem Gesichtspunkt muss man seinen Don Ottavio sehen. Einiges gelang ihm heute schon sehr gut, anderes gar nicht. Ich wünsche diesem wunderbaren Singschauspieler, dass er bald wieder dort steht, wo er vor seiner Zwangspause gewesen ist.
Tae-Joong Yang störte mich als Masetto weniger als üblich, wohl auch, weil er sein Spiel diesmal richtig dosierte und nicht wie so oft schamlos outrierte. Sein Masetto ist kein Dorftrottel, der von Leporello mühelos ausgetrickst wird, er durchschaut das miese Spiel des Don sehr wohl, muss sich aber zähneknirschend der höheren Gewalt fügen. Yangs Stimme fällt für mich in die Kategorie 0815, ich höre in ihr nichts, was besonders, unverwechselbar wäre.
Mit Sorin Coliban wurde endlich einmal ein Commendatore aufgeboten, der kraftvoll orgeln kann und wenigstens ein bisschen furchteinflößend wirkt.
Der erste Platz im Damentrio gebührt Marina Rebeka in der Rolle der Donna Anna. Sie wurde vor Vorstellungsbeginn als indisponiert angekündigt, davon war aber kaum etwas zu merken. Im Gegenteil, sie begeisterte mich mit ihrer voluminösen, vollen und reich timbrierten Stimme, die in im oberen Register so herrlich aufblühen kann. Wie schön, endlich einmal einen Sopran ohne nervendes Dauervibrato zu hören! Mühelos erreichte sie jeden Spitzenton, dass nicht jeder ganz rein klang, ist sicher ihrer Verkühlung zuzuschreiben. Frau Rebeka spielte eine sehr selbstbewusste Donna Anna, die sich der gefährlichen Wirkung Don Giovannis auf ihre Weiblichkeit durchaus bewusst ist. Auch bei ihr versteht man, warum sie ihren etwas langweiligen Verlobten immer wieder hinhält – ich würde sagen, bis zum St.-Nimmerleinstag!
Véronique Gens legte die Donna Elvira nicht als dauerkreischende Hysterikerin an, wie man es leider allzu oft erlebt. Wie schon bei ihrer Alceste stört mich an ihrer an sich sehr aparten Stimme das ausgeprägte Vibrato. Dafür sang sie technisch sehr sauber.
Sylvia Schwartz geht sichtbar Mutterfreuden entgegen, was bei einer Braut in Weiß nicht ohne Pikanterie ist – natürlich nur bezogen auf die Entstehungszeit der Oper! Vielleicht wirkt sich die Schwangerschaft ja positiv auf ihr Stimmvolumen aus, denn aktuell kann ich ihr nur ein Stimmchen bescheinigen, das selbst für die Zerlina zu anämisch klingt. Auch sie wurde heute von der allgemeinen Spielfreude angesteckt und erbrachte zumindest in dieser Hinsicht eine zufriedenstellende Leistung.
Brav im Sinne von „ein bissl fad“ das Dirigat von Louis Langrée, der kaum Impulse setzen konnte. Da die Vorstellung heute schon um 16 Uhr begann, war der Meastro vielleicht noch nicht ganz von seinem Mittagsschläfchen erwacht…..
Mein Fazit: Endlich einmal eine gelungene Vorstellung an der WSO, bei der das Positive eindeutig überwiegt!
lg Severina :hello
Ingrid (11.03.2013, 01:07): Liebe Severina,
freue mich riesig, hier wieder Deine wunderbaren Berichte lesen zu können. Vielen Dank dafür!
Ildar Abdrazakov hat mich jetzt natürlich sehr neugierig gemacht und ich habe ihn zu später Stunde noch bei Youtube rauf und runter gehört. Im Okt.2008 (wo?) war er der Leporello und Schrott der DG. Kann mir aber jetzt sehr gut vorstellen, wie er als DG gewesen sein könnte. Zum Dahinschmelzen :D Februar war er in München der Basilio. Da wollte ich ja eigentlich wegen Nikolay Borchev rein. Das wäre dann ja ein tolles Paket gewesen. Leider werde ich überhaupt nicht mehr gesund. Ballett muss ich für morgen auch wieder streichen. Wird Zeit, dass der Frühling kommt.
Es gibt jetzt noch einen sehr guten Russen: Tsymbayuk. Er war bei uns ein gigantisch guter Boris. Hat er bei Euch auch schon gesungen?
:hello Ingrid
Fairy Queen (11.03.2013, 09:40): Liebe Sevi, ich freue mich für dich, dass Du endlich mal wieder mit Freude und ohne Enttäuschung aus Deiner geliebten Oper kommst! Toby Spence habe ich von unserer Oper in bester Erinnerung, eine wunderschône Tenorstimme- ich kenne ihn aber nur mit Barock und HIP-Begleitung, was natürlich eine etwas andere Kategorie als Don Ottavio an der WSO ist. Eine schwangere Zerlina finde ich übrigens sehr passend. Dieses "Früchtchen" hat ja eher nicht nicht bis zur Hochzeit gewartet, wenn man sich die Arien so ansieht, die alles Andere als eine Unschuld vom Lande besingen..... Liebe Grûsse aus dem Schneestrurm- der Winter hat bei uns heute morgen wieder begonnen. :engel
Severina (11.03.2013, 13:27): Ja, das war gestern wirklich Balsam auf meinem wunden Opernherz!
Ich mag Toby Spence sehr und wünsche ihm von Herzen, dass er sich wieder errappelt. Seine Verpflichtung als Ottavio erfolgte wahrscheinlich noch vor seiner Erkrankung, denn ich kann mir vorstellen, dass er aktuell kleinere Häuser bevorzugt. Mit der Zerlina hast Du natürlich recht, ich habe auch schon Inszenierungen erlebt, wo sie ganz und gar nicht das bedauernswerte Opfer von DGs Sexhunger war, sondern recht bereitwillig und aktiv zur Sache kam!
Den Schnee behalte bitte, bitte bei Dir, ich habe für diesen Winter mehr als genug davon!!
Ingrid: Abdrazakov als Basilio war wirklich eine Luxusbesetzung, schade, dass Du nicht drin warst. Zu DEinem Liebling kann ich mich dann nach "Beatrice e Benedict" äußern!
lg Sevi :hello
palestrina (11.03.2013, 14:43): Hallo Severina!
Ildar habe ich in Frankfurt kennengelernt , sein Bruder Askar der ein hervorragender Bass ist sang hier den Fürst Chowanski in CHOWANSCHTSCHINA ! Meine Kollegin in der Firma ist Russin und kennt Askars Frau. Wir haben 2x nach der Vorstellung einen sehr schönen Abend verbracht . Es war noch ein toller Sänger dabei, Ilya Silchukov, er sang den Bojaren . Alle sind sehr nett , und wir hatten viel Spaß .
LG palestrina
Severina (11.03.2013, 14:54): Lieber Palestrina,
das muss wirklich ein interessanter und netter Abend gewesen sein, gleich mit drei tollen Sängern! Ich werde in Zukunft also auch nach einem Askar Abdrazakov Ausschau halten, danke für diese Info!
lg Severina :hello
Billy Budd (11.03.2013, 15:02): Original von Ingrid Es gibt jetzt noch einen sehr guten Russen: Tsymbayuk. Er war bei uns ein gigantisch guter Boris. Hat er bei Euch auch schon gesungen? Soweit ich weiß, nur am 2. und 3. Juni 2012 den Bauern (Gurre) im Musikverein. Da ist er mir positiv aufgefallen. Billy :hello
Ingrid (11.03.2013, 19:55): Ich schätze mal, dass Tsymbayuk durch den Boris einen ordentlichen Karriereschub bekommt. Da gab es ja nur begeisterte Kritiken.
Ildar Abdrazakov ist ja wohl schon etwas länger im Geschäft und geht bestimmt seinen Weg, da er zu einer wunderbaren Stimme auch viel Spielfreude mitbringt und sehr gut aussieht, was ja auch nicht zu verachten ist :wink Jetzt muss ich auch mal auf die Suche nach seinem Bruder gehen :D
:hello Ingrid
palestrina (11.03.2013, 20:30): Tu das mal, liebe Ingrid, der sieht auch gut aus!
LG palestrina
Severina (13.03.2013, 00:53): Meine heutige Besprechung fällt kurz und bündig aus, denn eigentlich fehlen mir allmählich die Worte für das, was einem an der WSO so zugemutet wird.
Meine Hochstimmung nach dem tollen Giovanni am Sonntag war heute schnell verflogen, denn die zweite "Traviata" verlief um keinen Deut erfreulicher als die erste. Zwar gelangen Villazón heute einige Passagen besser, dafür verhaute er andere, sodass unterm Strich wieder eine Leistung herauskam, für die er sich eigentlich schämen und nicht mit strahlender Miene feiern lassen sollte. Er kann einfach die Gesangslinie nicht mehr halten, die Stimme kontrollieren, von der fehlenden Durchschlagskraft ganz zu schweigen. In der Miniszene mit Anina wurde er von ihr dermaßen locker übertönt, dass es nur mehr peinlich war, bei so mancher Fortestellen rettete er sich in Sprechgesang. Dazwischen gab es wohl Passagen, die gar nicht so schlecht klangen, wo ihm ein schönes Legato gelang, aber die Freude währte immer nur kurz und wurde vom nächsten Ausrutscher sofort wieder relativiert.
Das Bizarre ist ja, das man in der Pause großteils lange Geichter sah und negative Kommentare hörte, aber trotzdem wurde am Schluss wieder gejubelt und caro Rolando mit Blumen beworfen.
Mehr will ich dazu eigentlich nicht sagen, es ist wirklich ein Trauerspiel, was aus diesem einst so talentierten Sänger geworden ist. Charisma hin oder her (Das hat er zweifellos!), ohne entsprechende Stimme geht's leider nicht auf einer Opernbühne.
Mein Fazit: Der traurige Abschied von einem einstigen Lieblingssänger, denn für Leichenfledderei bin ich in Zukunft nicht zu haben!
lg Severina :hello
Severina (19.03.2013, 01:18): Zwei gute Vorstellungen an der WSO innerhalb von 10 Tagen - man glaubt es kaum! Sollte sich also tatsächlich ein zarter Silberstreif am bisher so düsteren Horizont abzeichnen?
Zum 386. Mal hob sich heute der Vorhang vor dem mich immer an ein Puppenhaus erinnerndes Bühnenbild, in dem eine Regie "nach Günther Rennert" ablaufen sollte, wie der Programmzettel vermerkt. Also praktisch keine Regie, sondern das, was sich auf den Proben halt so ergeben hat. Aber das stört mich beim Barbiere nicht, bei diesem Werk möchte ich nicht die Welt erklärt bekommen, sondern mich schlicht und einfach nur zurücklehnen und gut unterhalten. Dazu braucht es nicht mehr als ein stimmschönes, spielfreudiges und halbwegs aufeinander abgestimmtes Ensemble, und das stand heute Abend gottlob auf der Bühne.
Das begann schon mit dem Fiorillo von Alessio Arduini, der sich nicht mit der Rolle des Stichwortgebers begnügte, sondern bei seinem kurzen Auftritt eindrucksvoll profilierte. Da dieser junge Sänger über eine vielversprechende Stimme verfügt, hoffe ich sehr, dass er sich seinen Anlagen gemäß in aller Ruhe entwickeln kann und nicht so rasch in zu große Partien gedrängt wird wie sein Kollege Adam Plachetka.
Der komödiantische Dreh- und Angelpunkt dieser Aufführung war Adrian Eröd als Figaro, eine seiner Paraderollen. Christa Ludwig meinte im großen ORF-Interview anlässlich ihres 85. Geburtstags, es gäbe dumme und intelligente Sänger, und als Beispiel für die zweite Kategorie nannte sie Adrian Eröd. (Beispiele für die erste verkniff sie sich....) Bei ihm stimmt einfach alles, jede Geste, jedes Heben der Augenbrauen. Er lässt als Figaro die Puppen tanzen, ohne aber je auch nur in die Nähe von billigem Klamauk zu geraten, reagiert blitzschnell auf seine Partner und ist eben das Paradebeispiel für einen intelligenten Singschauspieler, der seine Rolle jeden Abend neu kreiert. Besonders freute es mich, dass sich Eröd heute auch stimmlich in einer Topverfassung präsentierte, denn das war zuletzt nicht immer der Fall. Da klang sein so geschmeidiger Bariton seltsam angeraut, zerfasert. Nichts davon heute, er bot puren Wohlklang, die gewohnte Geläufigkeit und Nuancierungskunst. So demonstrierte er bei "Largo al factotum" nicht nur seine Fähigkeit zu halsbrecherischem Parlando, sondern auf wie viele Arten man "Figaroooo" betonen kann, und das kam mit einer derart spielerischen Leichtigkeit, mit derart viel Spaß, wie es nur einem Sänger gelingen kann, der seine Stimme wirklich beherrscht.
Javier Camarena war als Conte d'Almaviva angesetzt, und ich freue mich von Herzen, dass dieser tolle Belcantist, der mir in Zürich etliche wunderbare Abende beschert hat, nun endlich auch in Wien einmal zeigen konnte, was er wirklich drauf hat. Seine bisherigen Auftritte an der WSO hinterließen bei mir immer einen schalen Nachgeschmack, weil ich eben wusste, dass er es noch viel besser gekonnt hätte. Aber das passierte mir schon öfter, dass Sänger, die mich in Zürich begeistert hatten, bei uns diesen Eindruck nicht wiederholen konnten. Mit der heutigen Leistung hingegen braucht sich Javier Camarena vor meiner Nr. 1 im Rossinifach, Juan Diego Flórez, nicht zu verstecken. Zwar bietet Flórez die brilliantere Technik, führt eine subtilere Klinge, dafür wartet Camarena mit einer potenteren Stimme auf: Viriler im Timbre, trotzdem mit der nötigen Belcanto-Süße, und voluminöser, was sich besonders in der breiteren Höhe bemerkbar macht. Um beim Vergleich mit der Klinge zu bleiben: Flórez ist ein eleganter Florettfechter, der beinahe schwerelos durch die Partitur tänzelt, während Camarena mit dem Degen kämpft und wesentlich mehr Bodenhaftung hat. Beide erreichen ihr Ziel mit der gleichen Souveränität, und es ist wirklich Geschmackssache, welchen Stil man bevorzugt. Mich faszinieren beide auf ihre Weise. Schon "Ecco ridente" krönte Camarena mit einem fulminanten Schlusston, der ihm die ersten Bravos einbrachte, und das gab ihm offensichtlich die nötige Sicherheit, dass auch der Rest der Vorstellung wie am Schnürchen lief. Er drückte sich auch nicht wie so mancher Tenorkollege vor der Hammerarie "Cessa di più resistere" am Schluss (Na gut, von den meisten will man's eigentlich gar nicht unbedingt hören...) und bewältigte sie so souverän, dass sich nicht nur die Begeisterung des Publikums in minutenlangen Ovationen entlud, sondern auch die Kollegen auf der Bühne applaudierten. Vor allem setzte er wieder einen Schlusston drauf, der schon dem Squillo eines Spintotenors nahe kam. "Sehr schön!" kommentierte Alfred Sramek daher noch einmal laut, als der Applaus schließlich verebbte. Als Schauspieler ist Camarena nicht unbedingt ein Oscarkandidat, dazu fehlt ihm die selbstverständliche Natürlichkeit, aber er bemüht sich sehr und reicherte speziell die Verkleidungsszenen um viele in Wien noch nie gesehene Details an. Allerdings merkt man dann doch auch immer das Bemühen, manches wirkt ein bisschen übereifrig. Das ist aber jetzt meckern auf hohem Niveau, denn ein langweiliger Rampensänger ist Camarena ganz und gar nicht! (Wenn er, wie in Zürich, mit einem Regisseur eine Produktion erarbeiten kann, überzeugt er als Schauspieler wesentlich mehr denn als Einsteiger in eine Repertoirevorstellung!)
Alfred Sramek, eigentlich schon ein Opernpensionist, aber zur Freude seiner vielen Fans trotzdem regelmäßig im Einsatz, kann sich immer noch einer intakten und wie einst im Mai schön timbrierten Stimme erfreuen. Allerdings muss man beim Volumen Abstriche machen, da kocht er manchmal auf Sparflamme, um dann für die effektheischenen Passagen die nötigen Kraftreserven mobilisieren zu können. Aber das ist eine kluge Strategie, die nicht weiter stört. Auch schauspielerisch gibt sich Alfred Sramek im Vergleich zu früher etwas schaumgebremst, aber das werte ich sogar positiv, hat er doch in den komischen Rollen immer dazu geneigt, dem Affen eine Überdosis Zucker zu verabreichen. So gefällt mir sein abgeklärtes, minimalisticheres, aber trotzdem immer noch effektvolles Spiel, das er heute gezeigt hat, ausgesprochen gut. Als alter Theaterhase weiß er einfach, wo und wie man die Pointen setzt.
Sorin Coliban präsentierte sich als stimmgewaltiger Don Basilio, der bei "La calunna" richtig auftrumpfen konnte. (So wie man es von Ghiaurov und Raimondi gewohnt war, aber leider lange nicht mehr gehört hat.) Darstellerisch wäre ein bisschen weniger mehr gewesen, weil er zu übertriebenem Grimassieren neigt. Aber immer noch besser so als ein Basilio, der unbeteiligt herumsteht!
Vesselina Kasarova war einmal eine großartige Rosina, eine gute ist sie immer noch. Die Stimme verfügt einfach nicht mehr über die Leichtigkeit früherer Jahre, die für den canto fiorito nun einmal nötig ist, sodass sie manchmal ein bisschen schummen musste. Diese kleine Einschränkung glich sie durch ihr engagiertes Spiel wieder aus, auch sie war wie ihre Kollegen mit sichtlichem Spaß bei der Sache.
Lydia Rathkolb erntete als Marzellina für ihre Arie viel Applaus und sogar einige Bravos, was nicht so ganz meiner Einschätzung entsprach. (Der Applaus schon, die Bravi aber nicht!)
Guillermo García Calvo, der Herrscher im Graben, machte seine Rossini-Sache wesentlich besser als unlängst sein Kollege bei der "Cenerentola", das hatte Esprit und Schwung.
Die Begeisterung am Schluss war groß, Bravosalven für alle Hauptrollensänger, die lautesten völlig zu Recht für Eröd und Camarena, aber zu meiner Verblüffung war nach wenigen Miunten alles vorbei. Dabei hätte sich diese Sängerriege wirklich mehr als nur einen Solovorhang verdient!!!!
Mein Fazit: Drei vergnügliche Stunden mit einer guten Sängerriege, aus der Adrian Eröd und Javier Camarena herausragten!
lg Severina :hello
Schweizer (19.03.2013, 20:50): Hallo Severina, ich freue mich sehr, dass Du wieder mal glücklich aus der STOP herauskommen durftest und ich danke Dir für den unglaublich präzisen und richtig beschriebenen Vergleich Florez-Camarena, den ich zu 110% unterschreibe. Gruss vom Schweizer
Billy Budd (24.03.2013, 22:46): Neun von zehn Sängern gaben heute ihr Rollen-, oder Hausdebüt an der Wiener Staatsoper, was einer der Gründe sein könnte, weshalb die heutige Wiederaufnahme keineswegs zur grenzenlosen Freude geriet: Simon Keenlyside war in der Titelrolle komplett fehl am Platz (er pfiff gut - außer, dass er da manche Töne ausließ, aber das war wirklich egal -, sang aber schlecht - besser wäre es anders herum gewesen); Gary Lehman war als Tambourmajor zu unauffällig; Herwig Pecoraro (Hauptmann) konnte den Text nicht gscheit (da lag einiges daneben) und Anne Schwanewilms ist für die Marie bedauerlicherweise eine Fehlbesetzung (weil zu leise, obgleich sie die Bibelszene sehr gut gemacht hat) - da kann man sich schon ordentlich auf die Herlitzius nächstes Jahr freuen! Einzig Wolfgang Bankl ließ in der doch relativ unproblematischen Rolle des Doktor keinen Wunsch offen. Norbert Ernst (Andres), Peter Jelosits (Narr) und Monika Bohinec (Margret) erledigten ihre Aufgaben solide; der Vollständigkeit halber seien noch Marcus Pelz und Clemens Unterreiner (Handwerksburschen) erwähnt. Franz Welser-Möst entwickelt sich aber mit der Zeit zur Landplage: Nicht nur Richard Strauss, sondern auch Alban Berg kann er nicht: Zahlreiche Stellen klangen um ein Vielfaches zu lieblich - das muss viel schroffer klingen! Erstaunlicherweise war der Stehplatz gefüllt. Billy :hello
Severina (28.03.2013, 00:48): Sehr lange, ich gestehe es beschämt, liegt mein letzter Besuch des "Wozzeck" zurück, aber als bekennender Melodienjunkie müssen bei diesem den Gehörgängen nicht wirklich schmeichelnden Werk die Sänger stimmen. Das heißt jetzt nicht, dass mich die Musik nicht beeindrucken würde, aber es braucht eben mehr als eine 0815-Besetzung, damit es für mich funktioniert. Leider wurden heute meine durch die Papierform geweckten hohen Erwartungen nur teilweise erfüllt.
Die Inszenierung von Adolf Dresen hat zwar schon bald drei Jahrzehnte auf dem Buckel, funktioniert aber immer noch. Außerdem hat man für diese Wiederaufnahme sichtlich sorgfältig geprobt. Die sehr kargen, aber trotzdem atmosphärischen Bühnenbilder von Herbert Kapplmüller schaffen einen passenden Rahmen für die Tragödie des armen Teufels Wozzeck, der selbst im abfälligen Sinn nie "Subjekt", sondern immer nur Objekt im fiesen Spiel der anderen ist, ausgenützt, betrogen, gedemütigt, jeder Menschenwürde beraubt.
Ja, und genau da liegt mein Problem mit der heutigen Aufführung: Simon Keenlyside ist sicher einer der intelligentesten Sänger der Gegenwart, umfassend gebildet, mit einer großen Fähigkeit zur Reflexion und psychologischen Auslotung seiner Bühnenfiguren, aber er bleibt immer ein wenig der kultivierte Intellektuelle, kann diese Aura nie ganz ablegen. Sein Wozzeck ist daher nicht der arme Teufel am untersten Ende der sozialen Stufenleiter, der geprügelte Hund, an dem alle ihr Mütchen kühlen, der in seiner Sprach- und Hilflosigkeit dann auch seinerseits nur in der blinden Gewalt einen Ausweg sieht, sondern eher ein neuropathologischer Fall. Keenlysides Körpersprache und Mimik zeichnen das Bild eines schwer gestörten Menschen, aber ob diese Störung eine Folge der physischen und psychischen Misshandlungen durch seine Umwelt ist, bleibt offen. Er könnte genauso gut schlicht und einfach schizophren sein, ganz ohne "Feindeinwirkung", und das ist ganz und gar nicht das, was Georg Büchner und Alban Berg mit ihrem Woyzeck/Wozzeck zeigen wollten.
Aber auch stimmlich geriet Simon Keenlyside einige Male hörbar an seine Grenzen. Da ich ihn zum ersten Mal als Wozzeck erlebt habe, kann das aber natürlich auch nur eine schlechte Tagesverfassung gewesen sein.
Für Anne Schwanewilms gilt Ähnliches wie für Simon Keenlyside: Auch bei ihr hatte ich das Gefühl, dass sie irgendwie im falschen Film gelandet war. Die arme Haut, die in ihrer tristen Lebenssituation von ein wenig Glück träumt und dem Tambourmajor auf den Leim geht, nimmt man ihr einfach nicht ab. Darüber hinaus hatte sie noch größere Probleme als ihr Partner, sich gegenüber dem Orchester Gehör zu verschaffen, musste einige Male über meine Schmerzgrenze forcieren und zu schrillen, spitzen Tönen Zuflucht nehmen.
Herwig Pecoraros Timbre hat für mich immer einen unangenehmen Beigeschmack, ohne dass ich das genau definieren könnte, aber für die Rolle des mehr als unangenehmen Hauptmanns passte es heute perfekt.
Eine wie erwartet sehr gute Leistung erbrachte Wolfgang Bankl als Arzt. Da passte wirklich alles.
Gary Lehmann paradierte zwar sehr überzeugend als eitler Tambourmajor, stimmlich gefiel er mir hingegen überhaupt nicht.
Monika Bohinec (Margret), Norbert Ernst (Andres),Peter Jelosits (Narr) Marcus Pelz und Clemens Unterreiner (Handwerksburschen) hatten kaum Gelegenheit, besonders negativ aufzufallen, sodass ich ihnen allen "rollendeckend" attestieren kann.
Wie immer sehr detailverliebt waltete Franz Welser-Möst seines Amtes, unter seiner Stabführung klang "Wozzeck" teilweise ungewohnt schwelgerisch, aber ich kann jetzt nicht sagen, dass mich das gestört hätte, ganz im Gegenteil.
Mein Fazit: Eine sehr durchwachsene Aufführung, die mich zwar nicht kalt ließ, aber in der psychologischen Stimmigkeit nicht überzeugte.
lg Severina :hello
Billy Budd (30.03.2013, 22:27): Nur bei Anne Schwanewilms war eine Verbesserung auszumachen; ansonsten verweise ich auf meinen Bericht vom Sonntag. Billy :hello
Billy Budd (31.03.2013, 22:46): Aus der Spät-Zeit im Bild (21:50) von heute:
Franz Welser-Möst, der Generalmusik-Direktor der Wiener Staatsoper ist heute während einer Vorstellung am Dirigentenpult der Oper zusammengebrochen. Nach Angaben von Direktor Dominique Meyer erlitt Welser-Möst einen Kreislauf-Kollaps. Nähere Angaben über den Gesundheitszustand sind noch nicht bekannt. Welser-Möst hatte in den vergangenen fünf Tagen vier Opern am Haus am Ring dirigiert. (Parsifal-Beginn: 17:30).
Billy :hello
Billy Budd (01.04.2013, 08:11): Ein gewisser James Pearson, Korrepetitor und ausgebildeter Dirigent, soll gestern ab dem 2. Akt dirigiert haben.
Derzeit steht für die Vorstellungen am 2. April (Wozzeck) und 4. April (Parsifal) und dem Ring (Mitte Mai) noch Möst drinnen, aber wir werden sicher bald den Einspringer erfahren.
Ich bin zwar kein Welser-Möst-Fan, aber ich wünsche ihm trotzdem alles Gute! Naja, der Parsifal ist so langweilig; da kann man durchaus umkippen ... Billy :hello
Billy Budd (02.04.2013, 17:07): Original von Billy Budd wir werden sicher bald den Einspringer erfahren. Wozzeck: Dennis Russell Davies Parsifal: Adam Fischer. Billy :hello
Billy Budd (06.04.2013, 23:00): Wer hätte das für möglich gehalten? Der heutige „Fidelio“ wurde, nach der „Salome“ am 15. Februar, zur bisher besten bisherige Vorstellung dieser Saison, was hauptsächlich vier grandiosen Darbietungen zu verdanken ist: Adam Fischer konnte heute wieder unter Beweis stellen, dass sein Können nicht nur ausreicht, um hin und wieder einzuspringen (wie vor kurzem im „Parsifal“), sondern auch das unseres Generalmusikdirektors bei weitem übertrifft. Bemerkenswert war, dass er auf die Sänger viel Rücksicht nahm (indem er beispielsweise achtete, bei „Ha, welch ein Augenblick“ das Orchester gewaltig zurückzunehmen), aber trotzdem viel Dynamik vermitteln und große Spannung aufbauen konnte. Auf seine Rosenkavalier-Dirigate kann man sich schon mächtig freuen! Falk Struckmann hatte einen bemerkenswert guten Abend (gut, der Pizarro ist nicht sehr lang), denn seine Stimme klang gänzlich ausgeruht und frisch. Dass er auch schauspielerisch eine tolle Leistung erbrachte, versteht sich wohl von selbst. Mächtig habe ich mich über die enorm gute Darbietung von Walter Fink gefreut, dessen Stimme in letzter Zeit doch recht brüchig klang. Heute war davon nichts zu merken und man konnte sich überzeugen, dass es eine Schande ist, ihn fast nur mehr in irgendwelchen Wurzn einzusetzen (auch für heute war ursprünglich Monarcha vorgesehen). Der Rocco ist ihm wie auf den Leib geschneidert: Vom Typ ist Fink der am besten denkbare Vertreter dieser Rolle, sein unglaublich warmer und wortdeutlicher Bass passt ausgezeichnet und er erbrachte auch eine sehr intelligente schauspielerische Leistung dieses doch nicht unproblematischen Charakters. Darüber hinaus nahm er seine Riesenstimme in den Ensembles stark zurück, um das Gleichgewicht nicht auseinander zu bringen. Sind wir froh, dass wir ihn haben! Norbert Ernst (eingesprungen für Benjamin Bruns) machte den Jaquino überhaupt super. Ich hätte gar nichts dagegen, diese drei Sänger als Dauerbesetzung zu behalten. Anja Kampe war eine sehr gut singende, wenn auch eine etwas zu leise Leonore und Lance Ryan war heute viel besser in Form als im Oktober und mit Ausnahme der letzten Sätze sogar gut erträglich. Dennoch musste er für diese zufriedenstellende Leistung einen Buhruf kassieren. Clemens Unterreiner war ein wohltönender Minister, aber über die technisch abenteuerliche Darbietung von Valentina Nafornita breiten wir besser den Mantel des Schweigens. Der Chor machte seine Sache sehr gut. Diese Aufführung hätte längeren Applaus verdient! Billy :hello
palestrina (07.04.2013, 00:50): Hallo Billy Budd !
Und Heute sing in FFM, Falk Struckmann wieder den König Heinrich im Lohengrin ! Diese Rolle ist ja auch nicht so groß , da kann man ihn noch ertragen, denn die Stimme ist lange nicht mehr das was es einmal war, schade ! Er sang ja auch hier den Borromeo im Palestrina , da war leider gar nicht gut, in der 2ten Staffel sang dann Wolfgang Koch !
LG palestrina
Billy Budd (07.04.2013, 10:10): Naja, vor ein paar Jahren hab ich mir um ihn schon Sorgen gemacht (ich glaub, da hatte er irgendwelche gesundheitlichen Probleme, die sich wahrscheinlich auch auf die Stimme geschlagen haben), aber mit seinen letzten Auftritten hat er bewiesen, dass er völlig wiederhergestellt ist. Billy :hello
Heike (07.04.2013, 13:10): Die Fischer- Brüder sind beide sehr professionelle und erfahrene Dirigenten, ich denke, beide sind zu Unrecht eher wenig im Blick. Bei Ivan ändert sich das in Berlin ja gerade, weil er das hiesige Konzerthausorchester übernommen hat. Adam dirigiert u.a. alljährlich in Budapest die Wagner-Tage, also der kennt sich mit Oper gut aus und kennt auch viele der Wiener Sänger, die dort oft präsent sind. Ich kenne zwar kaum CDs der beiden, aber habe beide schon sehr oft live erlebt - und das war immer mindestens gut, oft sogar mehr als das. Heike
Billy Budd (07.04.2013, 15:24): Ja, ich habe von Adam Fischer Nozze, Rheingold, Zauberflöte und Fidelio gehört und das war immer toll! Seinen Bruder kenne ich noch gar nicht. Billy :hello
Billy Budd (09.04.2013, 23:12): geriet zu einer hervorragenden Repertoire-Vorstellung, was nicht nur den tollen Künstlern (Kwangchul Youn, Yonghoon Lee, George Petean, Nadia Krasteva, Alexandru Moisiuc und Dan Paul Dumitrescu; lediglich Iano Tamar fiel etwas ab; Bertrand de Billy), sondern auch der phantastischen Inszenierung Konwitschnys zu verdanken war. Unbedingt hingehen! Billy :hello
Hyacinth (10.04.2013, 14:46): Ich melde mich nach einer Ewigkeit auch mal wieder zu Wort:
Da der Don Carlos ja zurzeit meine Lieblingsoper ist, muss ich den kurzen, prägnanten Sätzen Billys etwas hinzufügen:
Yonghoon Lee gefiel mir viel besser als im letzten Jahr, vielleicht liegt es an mir, vielleicht hat sich seine Stimme weiterentwickelt, ich empfand sein Timbre diesmal als frei, auch in der Höhe schön an- und abschwellbar und bis auf kaum hörbare Anfangsunsauberkeiten, was die Intonation betrifft, bot er eine musikalische Spitzenleistung. Schauspierlerisch hatte er sich deutlich gesteigert, er lebte den jungen, ungestühmen Burschen, der einfach liebt, aber weder von Posas Freiheitsgedanken und Idealen, noch von den Konsequenzen seiner Handlungen voll und ganz überzeugt oder sich überhaupt dessen bewusst ist. Besonders aussagekräftig war der Tod Posas: Nicht der treue Freund steht dem Angeschossenen bei, sondern der Sterbende muss zum sichtlich überforderten, in Embryo-Stellung zusammengerollten Carlos kriechen. Dieser Carlos ist kein Held, sondern fast noch ein Kind, das durch seine blinde Liebe öfters mal durchdreht.
Sein Vater, Kwangchul Youn, bot eine ebenso beeindruckende Leistung, auch wenn die Tiefe manchmal etwas wackelte, was aber nicht besonders störte. "Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm" trifft hier exakt zu, denn der König hat sich ja selbst nicht besonders gut im Griff, was Youn mehrmals glaubhaft unter Beweis stellte. Umso berührender und emotionaler geriet "Elle ne m'aime pas" - er gestaltete die Arie mit Gefühl ohne pathetisch zu werden.
Die für mich mitreißendste Leistung des Abends bot Nadia Krasteva als Eboli: Sie war von Anfang an die eher verwöhnte Hofdame, der man noch nicht unbedingt anmerkt, dass sie über Leichen geht, entwickelte aber in ihrem Schmerz immer mehr Bösartigkeit, als man ihr zugetraut hatte. Es schien, als hätte erst Carlos Liebesgeständnis am Ende des 2. Aktes ungeahnte Gefühle in ihr freigesetzt - der Maskentausch wirkte nicht boshaft oder hinterlistig. Auch, dass diese Eboli Elisabeth nach deren Zusammenbruch nicht anzufassen wagt, zeigt ihre wahre Reue und Angst vor der Verstoßung. Krastevas Eboli ist also keine Rachegöttin, die einmal Gefühle zeigt, sondern eine verletzte Frau, deren ganze Welt aufeinmal zusammenbricht und die versucht, sich die letzte Würde zu erhalten. Stimmlich scheint Krasteva (die ja immer schon ein verlässlich gutes Ensemblemitglied war) das Leben als unabhängige Künstlerin sehr bekommen zu sein, ihre dunkle Bruststimme klang immer satt und voll und auch die Höhen schienen sie nicht anzustrengen.
Wie schon Billy richtig bemerkte, war Iano Tamar vielleicht keine Optimalbesetzung, schmälerte das insgesamte Ergebnis kein bisschen. Durch Adrianne Pieczonka letztes Jahr verwöhnt fehlte mir die Dramatik - die nötige Steigerung in der großen Szene der Elisabeth wollte nicht ganz gelingen - und auch die Rolleninterpretation blieb blass.
George Petean passte hervorragend zum Image der Rolle in dieser Inszenierung, man nahm ihm alles ab - bis auf die Stelle, als ihm Eboli die Brille wegnahm, da merkte man, dass der Sänger keineswegs kurzsichtig ist :wink. Sein angenehm warmer, weicher Bariton schaffte es scheinbar mühelos und ohne hörbare Anstrengung auch über lautere Orchesterpassagen. Er und Youn ergänzten sich im Zusammenspiel als etwas ungleiches Freundespaar perfekt.
Das Ensemble war durch und durch gut besetzt, überraschend agierten Jinxu Xiahou als Herold/Comte de Lerme und Ileana Tonca (was bei ihr nicht verwunderlich ist, ich war allerdings positiv überrascht, als Stimme von Oben diesmal wirklich eine göttlich klingende Stimme und keine so sehr irdische wie letztes Mal zu hören).
Der obligatorische Buh-Schreier nach der Ballett-Musik-Pantomime war natürlich auch wieder anwesend.
Lg, Hyacinth :hello
Severina (11.04.2013, 00:51): Die laue Frühlingsluft nach dem endlosen, deprimierenden Winter bahnte sich ihren Weg auch auf die Bühne der WSO, aber was draußen als belebend und angenehm empfunden wurde, schlug sich drinnen eher als "lau" im Sinne von "flau" nieder.
"Rigoletto" zählt generell nicht zu meinen Lieblingsopern, in unserer 30 Jahre alten Stehinszenierung von Sandro Sequi in den schaurig schönen (Betonung bitte auf "schaurig"!!!) Bühnenbildern von Pantelis Dessyllas schon gar nicht, und wenn ich mich trotzdem zu einem Vorstellungsbesuch aufraffe, dann nur, wenn mich die Besetzung extrem reizt. Im speziellen Fall ging der besondere Reiz von Olga Peretyatko und Simon Keenlyside aus, aber leider erfüllten beide nicht ganz die hohen Erwartungen, die ich in sie gesetzt hatte.
Olga Peretyatko hatte mich vor 6 Jahren als Rossinis Desdemona in Pesaro begeistert, aber an der WSO kam ihr feiner, silbrig timbrierter Sopran nicht ganz so optimal zur Geltung. Vielleicht war die leicht unruhige Stimmführung aber auch nur eine Folge der Debut-Nervosität, denn im Laufe des Abends legte sich das Flackernde etwas. Im Duett mit Rigoletto gelangen ihr sehr schöne Phrasen, mit "Caro nome" zeigte sie zwar geläufige Koloraturen, aber auch unsichere Spitzentöne. Insgesamt also eine durchwachsene Leistung.
Simon Keenlysides geschmeidiger Kavaliersbariton stieß als Rigoletto leider hörbar an seine Grenzen. Natürlich konnte er z.B. im Duett mit Gilda mit seinem einschmeichelnden Timbre und seinen Legatoqualitäten punkten, aber an entscheidenen Stellen fehlte ihm einfach die Durchschlagskraft zur dramatischen Attacke. Weder musste man sich vor seiner "Vendetta!" fürchten, noch packte einem bei "Maledizione!" das Grauen bzw. konnte man Rigolettos Grauen nachvollziehen. Das kam einfach viel zu harmlos rüber, was bei einem derart intensiven Gestalter wie Keenlyside eben nur an der fehlenden Kraft liegen kann. Da er mich auch Tage zuvor als Wozzeck nicht restlos überzeugt hat, frage ich mich, ob diese Auftritte womöglich von einer leichten Indisposition überschattet waren. Darstellerisch stattete Simon Keenlyside den Hofnarren mit einer Fülle in Wien noch nie gesehener Nuancen aus. Er ist kein bedauernswerter Krüppel, der sich mühselig durchs Leben schleppt, sondern höchst agil, so schlägt er gleich bei seinem Auftritt ein Rad, springt beidbeinig über Stufen hinauf etc. Was genau ihn zum Ausgestoßenen stempelt, worin seine Hässlichkeit besteht, bleibt ein wenig vage, die hässlichen Seiten von Rigolettos Charakter treten hingegen sehr klar zu Tage. Daher triften die beiden Wesenspole - der opportunistische Hofnarr, der Speichellecker des Herzogs (Er leckt ihm tatsächlich die Stiefel!) und der liebevolle, um Sicherheit und Tugend der Tochter besorgte Vater, besonders deutlich auseinander.
Auch Matthew Polenzani gab mit dem Duca sein Rollendebut an der WSO und passte sich dem an diesem Abend vorherrschenden Mittelmaß an. Ich finde sein Timbre alles andere als aufregend, so eine typische 0815-Stimme eben, ausgestattet mit einer einigermaßen soliden Technik, aber wenig Raffinesse in Farbgebung und Dynamik. So geriet "La donna è mobile (moppppile)" zum Humptata, das an die unselige (von der "Früher-war-alles-besser-Fraktion" allerdings nostalgisch verklärte) Ära der "Brüllaffen" (Ich verkneife mir konkrete Namensänderungen....) erinnerte. Dass man diesen abgedroschenen Tenorhit auch interpretieren, also tatsächlich mit BEDEUTUNG unterfüttern kann, bewiesen in den letzten Jahren intelligente Sänger wie Rolando Villazón, Piotr Beczala und Jonas Kaufmann. Herr Polanzani bewies nur, dass er die Konsonanten schön knallen lassen kann....
Elena Maximova setzte die Reihe der Debutanten fort. Als Maddalena zeigte sie allerdings mehr körperliche als stimmliche Reize, auf Details verzichte ich lieber.
Kurt Rydl als Sparafucile erwischte wieder einmal einen weniger guten Tag, aber damit befand er sich ja in bester Gesellschaft, denn das galt beinahe für jeden an diesem Abend. Leider hörte sich sein einst so imposanter Bass also wie so oft in den letzten Jahren ziemlich brüchig an.
Wirklich imposant trat hingegen Sorin Coliban als gedemütigter Conte di Monterone auf, zumindest stimmlich lehrte er einen als Einziger das Fürchten.
Gar nicht mittelmäßig war die Lautstärke, die Jesús López-Cobos im Graben entfachte, er ließ es nicht nur beim Gewitter ordentlich krachen, sondern auch dort, wo eigentlich ein bisschen Feinarbeit angemessen gewesen wäre.
Mein Fazit: Es lebe das Mittelmaß - ein Wiener Opernfan muss sich neuerdings in Bescheidenheit üben......
lg Severina :hello
Allegra (12.04.2013, 22:46): Ich hoffe doch sehr, dass die liebe Severina heute abend in der WSO war ... Jedenfalls hätte ich über den Eugen Onegin zu gern einen Bericht. :wink
Severina (12.04.2013, 23:22): Liebe Allegra, da musst Du Dich leider noch bis zum 22. April gedulden, vorher habe ich leider keine Karte! (Und ich bin sehr glücklich, dass ich wenigstens für diesen Termin eine ergattern konnte, denn diese Serie ist heiß umkämpft :wink!)
lg Severina :hello
Billy Budd (12.04.2013, 23:58): Viel kann man nicht berichten: Es handelte sich um eine recht gute Vorstellung, aber keineswegs um eine, die Anstellen seit 14:00 (Beginn: 19:00) gerechtfertigt hätte - sich für so was stundenlang anzustellen und sich dann noch mit irgendwelchen Russen um die markierten Plätze zu streiten, war - im Nachhinein betrachtet - totaler Schwachsinn. Anna Netrebko (reizvolles Timbre, aber sonst erschreckend ungenau und vor allem ohne Gefühl, obendrein ein paar Kieckser), Dmitri Hvorostovsky (miserable Atemtechnik) und Dmitry Korchak (zu leise) machten zuverlässige Arbeit, ohne zu überzeugen. Konstantin Gorny war ein Totalausfall - die an sich wunderschöne Arie des Gremin hätte man heute problemlos streichen können. Recht ordentlich agierten Alisa Kolosova (Olga) und Aura Twarowska (Filipjewna), über Zoryana Kushpler (Larina) braucht man nicht mehr viel schreiben (die nicht schmerzhaften Töne muss man da regelmäßig mit der Lupe suchen!) und was Mihail Dogotari an der Staatsoper zu suchen hat, verstehe ich nicht. Traurig ist, wenn man den besten Sänger eines Abends - Norbert Ernst - in einer Nebenrolle (Triquet) findet. Andris Nelsons wachelte viel herum, ließ sich aber dennoch viel Zeit (wenn mans wie einen Kaugummi dehnt, wirds öd). Die Inszenierung ist überhaupt zum Wegschmeißen. Billy :hello
Allegra (13.04.2013, 11:15): Original von Severina Liebe Allegra, da musst Du Dich leider noch bis zum 22. April gedulden, vorher habe ich leider keine Karte! (Und ich bin sehr glücklich, dass ich wenigstens für diesen Termin eine ergattern konnte, denn diese Serie ist heiß umkämpft :wink!)
lg Severina :hello
Wem sagst du das - ich bin leer ausgegangen ... :(
Aber fein, dann freu ich mich auf deinen Bericht - Billy hat ja schon "vorgetastet". Ui, da hätte ich mehr erwartet von der Vorstellung mit fast rein russischer Besetzung. War Hvorostovsky nicht mal für seine exzellente Atemtechnik bekannt? :wink
Billy Budd (13.04.2013, 11:16): Original von Allegra Ui, da hätte ich mehr erwartet von der Vorstellung mit fast rein russischer Besetzung. Naja, es war die erste; vielleicht wirds bis zum 22. besser. Billy :hello
Hyacinth (17.04.2013, 23:48): Im Großen und Ganzen galten die Eindrücke vom letzten Mal - Petean und Krasteva wurden angesagt, beiden hörte man nichts an - im Gegenteil: Krasteva orgelte (in Maßen!) mit ihrer imposanten Bruststimme, da hätte sich die Vorjahrsbesetzung eine Scheibe abschneiden können.
Einige Pannen passierten: Die Flöten versemmelten erneut dieselbe Stelle wie am Dienstag in der Ballett-Musik - peinlich. Dietmar Gabriel - 1. Oboist - drehte sich mehrmals während des Spielens halb beschwörend halb irritiert zu seinen Holzbläser-Kameraden, es war aber zum Glück kein gröberer Unfall zu hören. Außerdem zerbrach das Bild des Infanten nicht, worauf Eboli sich mit einer unsichtbaren Glasscherbe das Auge ausstechen musste. Unglücklicherweise fiel ihr davor die Blutkapsel auf den Boden, die dann im entscheidenden Moment hinter ihr lag, sodass sie sie nicht sehen konnte und kein Blutvergießen stattfand. Nadia Krasteva starb diesmal mit einem markerschütternden Schrei, der mir augenblicklich die Tränen in die Wangen trieb - jedes Mal aufs Neue danke ich Konwitschny für seine genialen Ideen.
Heute war übrigens die Buh-Fraktion im Parterre - harmlos allerdings: Nach 3 maligem Antworten mit lautem Bravo meinerseits auf das Gebuhe nach der Pantomime waren sie still :wink
lg, Hyacinth :hello
Severina (20.04.2013, 00:24): "La Bohème" zählt wie die "Traviata", "Rigoletto" oder ähnliche abgenudelte Hitparadenopern zu den Werken, wo mich nur der Besetzungszettel interessiert. Auf diesem stand heute Piotr Beczala als Rodolfo, also ein triftiger Grund, mir diese Schmonzette wieder einmal anzutun.
Dass "La Bohème" ganz und gar keine Schmonzette sein muss, hat Damiano Michielletto im letzten Sommer in Salzburg bewiesen, leider scheint an der WSO nicht sein Name als Regisseur auf, sondern der von Franco Zeffirelli. Muss ich mehr sagen? Wohl kaum, und schon gar nicht, wenn ich hinzufüge, dass wir heute zum 399. Mal vorgeführt bekamen, wie romantisch doch das Hungern und Sterben in einer malerisch verkommenen Künstler-WG ist.
Ich komme also gleich zum einzig Erwähnenswerten in einer Zeffirelli-Produktion, nämlich zum musikalischen Teil. Der erste Auftritt des Abends erfolgte allerdings nicht durch einen Sänger, sondern durch eine Dame, die sich bemüßigt fühlte, dem Dirigenten Andris Nelsons, der gerade sein Staberl heben wollte, ihre offensichtliche Verehrung in Form dreier roter Rosen darzubringen. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als diesen Liebesbeweis auf dem Pult zu platzieren, worauf besagte Dame befriedigt zu ihrem Platz schritt. Leute gibt es....
Bleiben wir gleich beim Dirigenten: Andris Nelsons brachte die Partitur zwar sehr gefühlvoll, aber nie sentimental zum Erklingen, ziselierte speziell Holz und Blech sehr sorgfältig heraus. Allerdings hätte er an einigen Stellen das Orchester zu Gunsten der Sänger etwas zurücknehmen können, denn da geriet Kristine Opolais doch ein wenig in Bedrängnis.
Piotr Beczala präsentierte sich heute in blendender Verfassung. Hatte mir bei meinen letzten Live-Begegnungen mit ihm das letzte Quäntchen zur ganz großen tenoralen Seligkeit gefehlt, so gibt es heute nicht das geringste an seiner Leistung auszusetzen. Beczalas farbenreiches, pastoses Timbre kam in jeder Lage bestens zur Geltung, und wenn auch seine Höhen nicht sehr breit sind, so empfinde ich sie doch nicht als gepresst oder unschön. Als sympathischer Draufgänger präsentierte er sich Mimi bei seiner vokalen Visitenkarte (Son un poeta...), um dann beim "Soave fanciulla" in verführerisch innigen Tönen um das Mädchen zu werben. War das erste ein kraftvolles Porträt in leuchtenden Öl(ton-)farben, so erinnerte das zweite an ein hauchzart hingetupftes Aquarell. Bei Beczala ist zwar der Schmachtfaktor sehr hoch, er fällt aber nie in den Schmalztopf, davor bewahrt ihn schon sein untrügliches Stilempfinden. Das hindert ihn auch daran, so wie etliche seiner Tenorkollegen beim Tod Mimis eine peinliche Schmiere abzuliefern, sich hemmungslos schluchzend auf sie zu werfen und damit die wunderbaren Schlussklänge zu zerstören. (Das erledigte dafür das unmögliche Publikum, das wirklich in jeden Aktschluss hineinklatchte....) Was mich aber heute wirklich positiv überraschte, war der Schauspieler Piotr Beczala, der erstmals hinter dem Sänger nicht zurückstehen musste. Er agierte heute so unverkrampft, so spontan, so ganz ohne einstudierte Gänge und Gesten, wie ich es bei ihm noch nie erlebt habe. Auch das Zusammenspiel mit seinen Bühnenpartnern funktionierte bestens, als handelte es sich nicht um die erste, sondern schon die letzte Aufführung dieser Serie.
Kristine Opolais erlebte ich zum ersten Mal als Mimi, und als Gesamtpaket gefiel sie mir sehr gut. Überzeugend im Spiel, ganz besonders im letzten Akt, wo sie mit vielen kleinen Gesten und Zwischentönen, aber ganz ohne aufgesetzte Theatralik, wirklich zu berühren vermochte - da verstummten sogar die paar Dauerhuster im Parkett - , stimmlich tadellos, technisch sicher, ABER, und das ist jetzt ein selbstverständlich völlig subjektiver Eindruck: Mir fehlte die Wärme in Frau Opolais Stimme, die Sehnsucht der kleinen Stickerin nach der großen Liebe, also das, was eine Stoyanova oder Netrebko so zu Herzen gehend vermitteln können.
Positiv überrascht war ich von Anita Hartig, die mir noch nie so gut gefallen hat wie heute als Musetta. Klar haben wir an der WSO in dieser Partie schon größere, speziellere Stimmen gehört, aber das heute war trotzdem schwer in Ordnung. Es ist mir schon länger nicht mehr passiert, dass ich bei der Musetta-Arie im 2. Akt kein einziges Mal zusammenzucken musste.
Marco Caria als Marcello steigerte sich nach einem schwachen ersten Akt, wo sein Bariton ziemlich angekratzt klang, kontinuierlich, bis er ihn dann zum Schluss im Duett mit Rodolfo frei und schön strömen lassen konnte.
Mit Dan Paul Dumitrescu wurde ein Colline aufgeboten, der seinen "vecchio zimorra" sehr wohltönend verabschiedete. Diesmal passte auch der Ausdruck, was bei Herrn Dumitrescu nicht immer der Fall ist. Oft sieht er nämlich seine Aufgabe mit der Produktion schöner Töne schon erfüllt und empfindet die Vermittlung von Emotionen als überflüssige Fleißaufgabe.
Der Schwachpunkt war wie so oft Eijiro Kai, der als Schaunard keine vokalen Glanzpunkte beisteuerte, aber wenigstens sehr engagiert spielte.
In der Doppelrolle des Benoit und Alcindor zog das WSO-Urgestein Alfred Sramek wieder einmal seine bewährte Nummer ab.
Mein Fazit: Eine musikalisch rundum gelungene "Bohème", mit meinem dringenden Wunsch nach einer neuen Inszenierung bin ich in Wien wohl nicht mehrheitsfähig......
lg Severina :hello
Maurice inaktiv (20.04.2013, 00:53): Hallo,Severina!!
Ich habe von Opern absolut keine Ahnung,deshalb entschuldige ich mich schon mal gleich am Anfang,dass ich hier überhaupt was mich zu posten getraue.
Deine wunderbare Art hier eine Oper zu präsentieren,die ich natürlich dem Namen her kenne,macht es mir unmöglich,es mir NICHT immer gut durchzulesen.Ich finde es absolut erstklassig!!WOW!!!!
Jetzt möchte ich aber trotzdem mal zu gerne wissen,was an einem so bekannten Regisseur wie Zeffirelli ist,dass er Dir nicht zusagt?Ist er in seinen Ansichten zu "kitschig"?
Wenn man mal von den Frauenstimmen absieht,die mir leider einen Opernbesuch unmöglich machen (Tinitus im Ohr mit einem sehr unangenhmen hohen Ton),habe ich,als Ahnungsloser,immer das seltsame Gefühl,dass eine konertante Aufführung dem Werk oftmals mehr entgegenkommen dürfte als ein Regisseur mit merkwürdigen Ansichten.
Eine Neuinszenierung muss dann aber nicht unbebdingt besser sein,wenn Du doch im Grunde einen gelungenen Opernabend hattest....
Da Du hier alles so schön erklärt hast,würde ich es sehr schätzen,einem Ahnungslosen jetzt ein wenig behilflich zu sein.Vielen Dank,auch wenn Du gerade mit den Augen gerollt haben solltest....
GGLG,Maurice :thanks
Severina (20.04.2013, 15:41): Lieber Maurice,
zunächst einmal danke für die Blumen, aber ich bin natürlich auch keine Expertin, sondern schreibe meine Berichte rein aus dem Bauchgefühl heraus. Und vielleicht wecke ich damit ja doch auch einmal Deine Neugierde, es mit der Oper zu versuchen :wink! Aber keine Angst, Missionierungsversuche liegen mir gar nicht, jeder soll die Musik hören, die ihn am meisten anspricht, erfüllt, denn genau darum geht es doch.
Zu Deiner Frage, was mich an Zeffirelli stört, wirst Du meine Position vielleicht nicht wirklich verstehen, weil mir nach Deinen wenigen Bemerkungen zum Thema Inszenierungen klar ist, dass wir wohl völlig unterschiedliche Stile bevorzugen. Ich mag moderne Inszenierungen, mag es, wenn ein Libretto gegen den Strich gekämmt wird, neue Bedeutungsebenen eingezogen werden, kurz: wenn der Regisseur mir etwas zum Nachdenken mitgibt. Mich interessieren also gerade "die merkwürdigen Ansichten", die Dich abschrecken, abstoßen. (Und das ist auch sehr legtim, viele Opernfans empfinden das ganz ähnlich wie Du!)
Zeffirelli langweilt mich einfach, dazu kommt, dass er seine schönheitstrunkene Ästhetik jedem Werk überstülpt, es ihm also in erster Linie um die Verpackung und erst in zweiter um den Inhalt geht. Im Falle der "Bohème" stört mich die verlogene Sozialromantik, die ach so malerische Armut, wo selbst der abblätternde Verputz in der Künstler-WG noch pittoresk ist und nicht als das empfunden wird, was er eigentlich sein sollte, nämlich trostlos hässlich und deprimierend. Denn worum geht es in dieser Oper? Dass vier Künstler zu wenig zum Leben und zu viel zum Verhungern haben, die meiste Zeit nicht wissen, womit sie Miete und Nahrungsmittel bezahlen sollen, dass sich eine kleine Stickerin prostituieren muss, um überleben zu können, und schließlich an Lungentuberkolose elendiglich zugrunde geht. Das ist kein bisschen "romantisch", das ist schonungslos brutal, und genau DAS will ich auf der Bühne sehen und spüren, nicht den Zeffirelli-Kitsch, der einem zu suggerieren versucht, dass das alles doch gar nicht so schlimm ist.
Außderdem gehe ich jetzt seit rund 40 Jahren in die Oper und sehe seit 40 Jahren immer die gleiche "Bohème" (ebenso wie die gleiche "Tosca", den gleichen "Barbiere", die gleiche "Butterfly", usw. usw.) - und sorry: Ich ertrage diesen verstaubten Krempel einfach nicht mehr!
Wenn wie gestern ein Ensemble auf der Bühne steht, das die Tragödie vokal ergreifend und "richtig" stattfinden lässt, tröstet mich das über die völlig belanglose Inszenierung hinweg, aber trotzdem bleibt der Wermutstropfen: Was wäre das heute für ein tolle Aufführung, gäbe es auch eine mitreißende Inszenierung!
lg Severina :hello
PS: Du kannst übrigens versichert sein, dass ich kein bisschen mit den Augen gerollt habe, denn ich bin auf Deinem musikalischen Spezialgebiet womöglich noch viel ahnungsloser als Du auf meinem. Und schließlich ist es u.a. ja auch Sinn und Zweck eines Forums, voneinander zu lernen :D.
Maurice inaktiv (20.04.2013, 16:50): Du kannst übrigens versichert sein, dass ich kein bisschen mit den Augen gerollt habe, denn ich bin auf Deinem musikalischen Spezialgebiet womöglich noch viel ahnungsloser als Du auf meinem. Und schließlich ist es u.a. ja auch Sinn und Zweck eines Forums, voneinander zu lernen
Jetzt muss ich doch mal herzlich lachen.....Traumhaft!!!
Vielen Dank für die erneut sehr liebevollen Hilfestellungen,die mich zwar nicht zum Gang in die Oper bewegen werden,aber es hilft ungemein zum besseren Verstehen.
Wir sind vielleicht meilenweit entfernt,was die Auffassungen von Regiearbeiten angeht,aber mir geht das "Heile-Welt-Getue" ebenfalls gealtig auf den Senkel,darin sind wir also durchaus einer Meinung.
Es kommt jetzt nur auf die Umsetzung an sich darauf an.Etwas der Zeit anzupassen,kommt meinem Ansatz durchaus ebenfalls entgegen.Ich denke beim Jazz durchaus ähnlich.
Ich stoße hier immer wieder mit den sogenannten "Puristen" zusammen,die mir erzählen wollen,wie z.B. "New Oreans-Musik" zu klingen hat.Dabei spielt man heute in New Orleans auch eine durchaus entstaubte,modernere Fassung der Tradition,daruaf aufbauend,aber eben zeitgemäßer.
Allerdings denke ich oftmals,es gibt nur zwei Möglichkeiten : Einmal die hausbackene Art,oder eben das ultra-moderne,zeitgemäße Regieprogramm....
Ich "tanze" ja schon auf vielen Hochzeiten,aber die Oper hat mich noch nie wirklich gereizt.Da ich aber,gemessen am Altersdurchschnitt des herkömmlichen Klassikgängers,zur jungen Garde gehöre,besteht ja noch eine gewisse Chance für mich.... :D
VG,Maurice
palestrina (20.04.2013, 18:03): Es ist nie zu spät !
Und ich bin ja im Moment auf dem Sinfonischen Trip!!! Aber morgen doch , IDOMENEO !
LG palestrina
Allegra (20.04.2013, 20:56): Danke, Severina, für diesen schönen Bericht - und die interessanten Überlegungen zu Inszenierungen, die mir doch sehr entgegenkommen. Eingedenk des Fadens über Kultur weiter oben denke ich, dass es mal wieder eine Frage der Massen ist. Ich höre reichlich oft, dass man doch bitte "klassische" (eben Zeffirelli-) Inszenierungen bevorzuge und nicht diesen "neumodischen Kram", den ohnehin nur der Regisseur versteht ... :(
Maurice inaktiv (20.04.2013, 22:38): Allegra,aber genau DAS ist doch das Problem,dass die Leute der Oper davon laufen!!
Es ist meiner ganz bescheidenen Meinung nach wichtig,nicht von einem Extremen in das andere zu fallen.
Musik ist letztendlich für ALLE da,also sollte die Musik auch für ALLE gemacht werden,ohne dabei das Wesentliche,nämlich die Musik in den Schatten zu stellen.
Wenn es zu "modern" wird,sind doch die meisten Besucher hoffnungslos überfordert.Stelle Dir mal vor,ich,als völlig Ahnungsloser,würde zufällig bei einer solchen modernen Inszenierung meine Opernpremiere feiern.Man würde mich vermutlich nie wieder in einer Oper wiedersehen....
Um es nicht falsch zu verstehen : Ich bin nicht dafür,Opern aufzuführen,wie vor 200 Jahren,aber es muss auch nicht gleich Avantgarde sein.
Man kann natürlich ein Stück "zeitgemäß" machen,aber würde das auch der Musik gerecht werden?
Möchte man eigentlich in der Oper Sänger,oder schauspielernde Sänger,singemde Schauspieler oder slebstdarstellerische Opernregisseure,die völlig an der Musik vorbei inszenieren?
Ich weiß,ich treibe es wieder mal gerne auf die Spitze,aber wenn ich mir das Konzertpublikum anschaue,verstehe ich durchaus,warum man sich kaum traut,über die Spätromantik hinaus Werke zu spielen....
Am Donnerstag Abend sind sie in Frankfurt schon bei Carl Nielsen nach der Pause gegangen.....Zum Glück nicht wirklich viele,aber genug,um mir die Laune zu verderben,da dessen 4.Sinfonie wirklich ausgezeichnet gespielt wurde....
VG,Maurice
Allegra (21.04.2013, 19:02): Das findest du aber immer und in jedem Bereich. Ich habe hier reichlich Kammermusik-Konzerte, die von hervorragender Qualität sind. Und wie häufig gehen die Leute schon nach der Pause ... Theater, Konzerte, Oper ... überall das Gleiche. Aber deswegen immer nur herkömmlich inszenieren, immer nur Mozarts Nachtmusik spielen, immer nur dasselbe Stück? Oder vorsichtig, um keinen zu brüskieren bei - um beim Beispiel zu bleiben - Zeffirelli bleiben? Moderne Inszenierungen, die ein Hineindenken fordern, sind m.E. hin und wieder notwendig. Auch hier gibt es schwarze Schafe, sicher. Aber gerade Häuser wie Wien, weil wir hier im Wiener Faden sind, können sich den ewig gleichen Leierkram genauso wenig leisten wie nur das total Moderne und Abgefahrene wie so oft derzeit in Hamburg.
Weißt du, was bei uns in der niedersächsischen Provinz IMMER voll ist? Immer? Volksmusikkonzerte mit diesem kleinen dicken Weißnichtwieerheißt und Musical-Rundumschlag-Potpourries mit schlechten Sängern und gruseliger Bühnenshow.
Tja, das wollen die Leute so ... damit finanziert sich Kultur, denn Kultur ist teuer.
Maurice inaktiv (21.04.2013, 19:28): Weißt du, was bei uns in der niedersächsischen Provinz IMMER voll ist? Immer? Volksmusikkonzerte mit diesem kleinen dicken Weißnichtwieerheißt und Musical-Rundumschlag-Potpourries mit schlechten Sängern und gruseliger Bühnenshow.
:J :rofl
Das sind meine absoluten "Lieblings-Veranstaltungen",vor allem,wenn man im Orchester sitzt und da mitspielen muss,aber oftmals besser bezahlt wird als beim "Traum-Auftritt" unter Jazzern,was zwar viel Spaß macht,aber finanziell ein Desaster ist.....
Noch schlimmer ist das,was NACH solchen "Shows" passiert : Dann kommen Besucher im gesegneten Alter auf Dich zu,gratulieren Dir zu dem "tollen Orchester" und sage,wie glücklich sie doch nach einem solchen Abend sind....
Früher hätte ich die alten Leute dumm angeschaut und wäre mit einer bissigen Bemerkung gegangen.Heute sage ich mir,dass ICH dabei zwar nicht glücklich bin,aber wenn man DIESEN Leuten mit so etwas eine Freude gemacht hat,soll es mir recht sein.
Um den Übergang zum eigentlichen Thema zu finden : Lieber Herrn Z. ertragen,aber viele Menschen glücklich gemacht,als nur unzufriedene Zuschauer,die nicht mehr wiederkommen!!!
Als aktiver Künstler ist leider DAS der Moment,wo man aufpassen muss,nicht zum Alkoholiker zu verkommen....
Ich hoffe,ihr könnt nachvollziehen,wie hier eine innerere Zerreißprobe bei mir stattfindet.Einerseits ist Musik für das Volk,andererseits gehören auch die anspruchsvollen Besucher zu diesem Volk dazu....
Wenn man sich für den Jazz entschieden hat,kommt man sowieso nicht drumherum,andere Musik zu spielen,um wirtschaftlich überleben zu können.
Alleine wegen DIESEN hier aufgeführten Gründen bin ich froh,NICHT als Profi durchs Land tingeln zu müssen....
VG,Maurice
Billy Budd (21.04.2013, 23:14): Das war er also, der letzte "Don Carlos" auf geraume Zeit und ich bekenne, dass ich diese geniale Produktion vermissen werde; nicht nur, weil ich mit der italienischen nichts anfangen kann. Yonghoon Lee sagte bedauerlicherweise ab, wodurch ein gewisser Jean-Pierre Furlan kurzfristig zu Einspringerehren kam. Er, dessen Stimme an Shicoffs erinnert (bitte das nicht unbedingt negativ zu verstehen!), begann offensichtlich mit starker Nervosität, fand aber bald zu einer soliden Form. Am Ende sorgte er allerdings für Erheiterung, indem er kurz vor Fallen des Vorhangs, nachdem er von Mönch in den Hintergrund gezogen worden war, völlig unnötigerweise von links nach rechts sprintete. Bezüglich der anderen Sänger verweise ich auf meinen letzten Bericht. Auch diesmal fand sich nach dem Ballett wieder ein angrennter Buhschreier ein, der glaubte, lautstark artikulieren zu müssen, dass er mit dieser großartigen Inszenierung überfordert war, aber solche Typen sterben leider nicht aus. Billy :hello
Severina (23.04.2013, 00:59): Wenn Anna Netrebko ihr WSO-Debut als Tatjana gibt, hält mich auch die missglückte Inszenierung von Falk Richter nicht von einem Besuch des "Eugen Onegin" ab. Ich habe mich schon anno 2011 detailiert über diese Regiearbeit ausgelassen und bitte alle unter Euch, die's genau wissen wollen, dort nachzulesen. Allerdings erlebte ich diese Produktion heute zum ersten Mal von der Galerie aus, und da fiel mein Urteil über das Bühnenbild nicht ganz so harsch aus. Einige Szenen wirken von hoch oben dank der geschickten Beleuchtung wirklich nicht übel, aber insgesamt bleibt es natürlich eine verfahrene Sache. Vor allem deshalb, weil keine sinnvolle Personenführung stattfindet und das gute alte Rampensingen fröhliche Auferstehung feiert.
Aber kommen wir zum durchaus erfreulichen Teil des heutigen Abends, nämlich dem musikalischen!
Anna Netrebko ist wie erwartet eine wunderbare Tatjana. Ihr fülliger, glutvoller, in satten Farben leuchtender Sopran stößt nirgendwo an Grenzen, er kann leichtfüßig dahintänzeln oder dramatisch auftrumpfen, ohne dass der pure Hörgenuss durch ein Vibrato oder grelle Beimischungen getrübt wird. Wie man Netrebkos Singen als seelenlos empfinden kann, verstehe ich nicht, mich jedenfalls erreicht sie auch emotional hundertprozentig. Die Singschauspielerin ist in dieser Produktion nicht gefordert, außer herumstehen und je nach Bedarf verträumte, melancholische oder verzweifelte Blicke aufzusetzen wird von der Tatjana nicht viel verlangt.
Neu ist auch Alisa Kolosova als Olga, die bei mir weder einen besonders positiven noch negativen Eindruck hinterlassen hat. Ein wenig aufregendes Timbre, alles recht brav gesungen, aber ohne Glanzpunkte, und als Bühnenpersönlichkeit eher blass. Das überschäumende Temperament Olgas, ihre Lebenslust und der Übermut, der sie mit dem Feuer spielen lässt, all das kam bei Frau Kolosova nur sehr rudimentär über die Rampe.
Das lag vielleicht auch an Dmitri Hvorostovsky, von dem reichlich wenig Impulse zu einem animierteren Zusammenspiel ausgingen. Eugen Onegin langweilt sich, dass er auch das Publikum langweilen soll, ist sicher nicht im Sinne von Komponist und Librettist. Blasiert dreinschauen, die weißen Haare schütteln und dazu ständig und ziemlich unmotiviert die ebenso weißen Zähne zu blecken, sodass man sie hoch oben auf der Galerie noch leuchten sieht, ist ein bisschen wenig an CHarakterisierungskunst. Vielleicht war Hvorostovsky auch nur um den Sitz seiner Frisur besorgt - sein Markenzeichen, die weiße, inzwischen noch längere Mähne, lag perfekt drapiert wie ein Umhang auf seinen Schultern - und bewegte sich deshalb möglichst wenig :ignore. Erotik geht von diesem Dandy jedenfalls keine aus, warum er also Tatjana wie der ihren Büchern entstiegene Märchenprinz erscheint, bleibt ebenso rätselhaft wie der Reiz, den er auf Olga ausübt. Der Flirt mit ihr ist derart harmlos, der Tanz so korrekt und keusch, dass keine Anstandsdame der Welt irgendetwas daran auszusetzen hätte, sodass Lenskis rasende Eifersucht wirklich kindisch wirkt. Und vielleicht kann einmal ein Abendspielleiter dem guten Mann verklickern, dass er in der Duellszene exakt in dem Moment schießen muss, wenn Lenski die Pistole weglegt, nicht ein paar Sekunden danach, denn das wäre dann kaltblütiger Mord an einem Unbewaffneten. (Und vergeigt damit wieder den einzigen wirklich guten Regieeinfall...) Vom Schauspieler Dmitri Hvorostovsky erwarte ich mir also schon lange nichts mehr, der Sänger hingegen schnitt heute deutlich besser, um nicht zu sagen sehr gut ab. Von allen seinen Auftritten, die ich bisher miterlebt habe, war dieser eindeutig der beste. Über weite Strecken schmeichelte sich sein weicher Bariton angenehm ins Ohr, die lästige Schnappatmung, die mich so oft genervt hatte, machte sich erst im letzten Bild bemerkbar. Leider verließen ihn bei seinen letzten Tönen sowohl die Puste als auch die Kraft, um einen effektvollen Schlusspunkt setzen zu können. Bis dahin konnte er mit dem Klangvolumen der Netrebko gut mithalten, was offensichtlich bei den ersten Vorstellungen nicht der Fall gewesen ist, glaubt man diversen Rezensenten. (Und ich ziehe ihr Urteil nicht in Zweifel!)
Gäbe es zwischen Onegin und Lenski auch ein Duell der Stimmen, so wäre heute der junge Dichter knapp, aber doch als Sieger hervorgegangen. Dmitry Korchak, der mich als Don Ramiro so enttäuscht hat, ist dafür ein hervorragender Lenski - der beste, den ich in dieser Produktion bisher erleben durfte. (Und schlecht waren auch die anderen nicht!) In dieser Partie kommt die Strahlkraft seines Tenors erst richtig zur Geltung, er vermag aber auch im mezza voce-Bereich zu überzeugen. So wunderbar zart, voll verhangener Melancholie, aber auch kraftvoll-verzweifelt gegen das Schicksal aufbegehrend, habe ich das "Kuda, kuda..." schon sehr lange nicht mehr gehört. Eine ganz wunderbare Interpretation, technisch makellos dargeboten!
Zum ersten Mal präsentierte sich heute Sorin Coliban dem Publikum der WSO als Fürst Gremin, und ich kann auf eine Wiederholung gerne verzichten.... So schlecht habe ich diesen Bassisten wahrlich noch nie erlebt, er tremolierte sich gruselig durch seine Arie, bekam auch die Dynamik nicht richtig in den Griff und kassierte prompt ein paar Buhs vom Stehplatz, die nicht ganz unberechtigt waren. Ich kann nur hoffen, dass Sorin Coliban heute einfach einen rabenschwarzen Tag erwischt hat und er es auch besser kann, viel besser!
Norbert Ernst holte aus seinem Kurzauftritt als Triquet das Maximum heraus, sowohl vokal wie auch darstellerisch, denn dass er hier als exzentrischer, von den Damen umschwärmter Popstar auftritt, finde ich ganz witzig. Wenigstens tut sich in dieser Szene etwas, kommt ein bisschen Bewegung in die lahme Stehpartie.
Sehr gut machte auch Aura Twarowska ihre Sache als Filipjewna, ihre Stimme ist ein Versprechen für die Zukunft.
Zorjana Kushpler bot eine solide Leistung, gottlob liegt die Partie der Larina nicht so hoch, dass sie mich mit ihren schrillen Spitzentönen erschrecken konnte.
Bleibt noch der Herr über das Orchester, Andris Nelsons, der zu meinen Lieblingsdirigenten zählt und daher auch heute ein "Sehr gut" von mir erhält.
Der Jubel am Schluss war groß, am größten natürlich beim Solovorhang der Netrebko, aber nur wenige Dezibel darunter lagen Korchak und Hvorostovsky.
Mein Fazit: Ein Fest der schönen Stimmen in einer leider gar nicht schönen Inszenierung!
lg Severina :hello
Severina (23.04.2013, 01:40): Original von Billy Budd Das war er also, der letzte "Don Carlos" auf geraume Zeit und ich bekenne, dass ich diese geniale Produktion vermissen werde; nicht nur, weil ich mit der italienischen nichts anfangen kann. Billy :hello
Ja, ich auch, man kann nur hofen, dass er nicht für immer in der Versenkung verschwindet. Ich mag die franz. Fassung schon wegen des Fontainebleau-Akts viel lieber, der bei der italienischen meist weggelassen wird. So leider auch bei unsererm aktuellen "Don Carlo", obwohl der wenigstens vom Bühnenbild her eine klare Verbesserung zum Vorgänger ist.
Aber die Konwitschny-Regie ist einfach nicht zu toppen, schon gar nicht von einem der Regisseure, die Monsieur in seiner Unbedarftheit an Land zieht....
lg Severina :hello
Allegra (23.04.2013, 22:20): Bezugnehmend auf Severinas Onegin-Bericht fand ich just dieses Video sehr passend - vor allem die Aussagen Hvorostovskys ... :tongue:
Severina (24.04.2013, 15:03): Original von Allegra Bezugnehmend auf Severinas Onegin-Bericht fand ich just dieses Video sehr passend - vor allem die Aussagen Hvorostovskys ... :tongue:
Liebe Allegra,
danke für diesen link! Ja, diesen Verdacht habe ich schon lange, dass sich Herr Hvorostovsky als Onegin nicht allzu sehr verstellen muss :ignore Gestern kam ich in der Pause der "Bohème" mit meiner Logennachbarin ins Gespräch, die mir erzählte, sie hätte sich nach dem "Eugen Onegin" noch um Autogramme angestellt. Die Netrebko sei sehr freundlich und herzlich gewesen, hätte bereitwillig alle Wünsche erfüllt, aber "Er war soooooo arrogant, er hat schon so grantig dreingeschaut, dass ich mich fast nicht getraut hab, um ein Autogramm zu bitten." Wie gesagt, nicht aus eigenem Erleben, sondern nur aus zweiter Hand, aber vorstellen kann ich mir das gut.
lg Severina :hello
Severina (24.04.2013, 15:36): Diesmal kann ich's kurz machen, denn meine Eindrücke von der ersten Vorstellung haben sich im Großen und Ganzen bestätigt, Beczala war vielleicht einen Hauch schwächer, aber das reichte natürlich immer noch für eine überzeugende Leistung.
Neu im Ensemble waren gestern Adam Plachetka als Schaunard (Eine klare Verbesserung!) und Wolfgang Bankl als Benoit/Alcindoro, da ging das "Match" gegen die Erstbesetzung Alfred Sramek unentschieden aus.
Da ich gestern einen schlechteren Platz und außerdem einen Longinus als Vordermann hatte, konzentrierte ich mich fast ausschließlich auf die Musik, und da fiel mir noch mehr als beim ersten Mal das großartige Dirigat von Andris Nelsons auf. Was er alles an noch nie in dieser Intensität wahrgenommenen Subtilitäten aus der Partitur herauskitzelte, war außerordentlich. Speziell der letzte Akt geht in meine Annalen dirigistischer Sternstunden ein. Noch nie hat diese Musik so beseelt und ohne jenes Pathos geklungen, in welchem manche Dirigenten ihr einziges Bohème-Heil finden und damit dem Vorurteil Vorschub leisten, Puccini hätte nur für die Tränendrüsen sentimentaler, überspannter Frauenzimmer komponiert. Nelsons vermeidet jeden vordergründigen Effekt, nimmt das Orchester zurück auf einen stellenweise beinahe kammermusikalischen Ton, lässt die Streicher weinen, aber nicht schluchzen und begleitet das in traumhaften Piani gesungene Duett Mimi -Rodolfo mit Sphärenklängen, die schon nicht mehr von dieser Welt sind. Wenn er das Orchester dann zum Schluss mächtig aufrauschen lässt, trifft er damit das Publikum ebenso mitten ins Herz wie Rodolfo die Erkenntnis von Mimis Tod (Und wieder ein großes Dankeschön an Piotr Beczala, der seinen ganzen Schmerz in das verzweifelte "Mimi! Mimi!" legt, ohne diese zu Herzen gehende Phrase zu zerschluchzen. DAS ist Stil, DAS ist Klasse!! :down :down :down). Und diesmal ereignete sich das Wunder, dass die letzten Takte unendlich zart, wie entrückt, ausschwingen durften, bevor der Beifall einsetzte. :down :down :down ganz speziell für Andris Nelsons!!
Mein Fazit: Ein Lorbeerkranz für den Dirigenten, Rosen für die Sänger!
lg Severina :hello
Allegra (25.04.2013, 19:00): Original von Severina ... aber "Er war soooooo arrogant, er hat schon so grantig dreingeschaut, dass ich mich fast nicht getraut hab, um ein Autogramm zu bitten." Wie gesagt, nicht aus eigenem Erleben, sondern nur aus zweiter Hand, aber vorstellen kann ich mir das gut.
Liebe Severina,
Tja, solche Aussagen häufen sich leider, und auch wenn es mich schmerzt (irgendwann bin ich dem Mann mal völlig verfallen, muss aber leider zugeben, daß ich immer weiter "abkühle" ... :wink ), aber das scheint bei ihm mittlerweile Usus zu sein. "Ich bin der Größte, aber lasst mich ja in Ruhe." Wobei ich ihn in einem Interview von, ich glaube 2011, überaus sympathisch und so gänzlich ohne diese Allüren fand.
Nun ja, dafür freuen mich andere umso mehr! Demnächst kann ich auch wieder berichten - Lübeck ruft. :)
Billy Budd (29.04.2013, 22:20): Obgleich diese Vorstellung unter "solides Repertoire" einzuordnen ist, hielt sie nicht das, was ich mir erwartet habe: Piotr Beczala hatte nicht seinen Tag (damit meine ich nicht den Frosch im Hals in seiner ersten Arie), aber nach der Pause konnte er sich steigern. Kristine Opolais bot, obwohl man sie kaum verstanden hat, eine recht gute Mimì (in der Höhe klang sie ein kleines bissl ausgeleiert), aber Anita Hartig kreischte sich durch die Musetta. Das restliche Ensemble vermochte teils mehr (Marco Caria, Wolfgang Bankl), teils weniger (Eijiro Kai, Janusz Monarcha) zu erfreuen. Andris Nelsons dehnte die Aufführung leider wie einen Kaugummi (so gut, dass man sich da so lang Zeit lassen darf, ist diese Oper nämlich nicht), was mitunter Langeweile (besonders im dritten Akt) verursachte - da graut einem schon vor der Salome. Billy :hello
Billy Budd (09.05.2013, 19:38): Zu meiner großen Überraschung war diese Aufführung nicht nur schwach besucht (auch wenn die letzten beiden bummvoll waren: Eine Nachmittagsvorstellung bei schönem Wetter reizt kaum wen), sondern entsprach im Großen und Ganzen auch dem Niveau der Staatsoper, obgleich die einzig herausragende Leistung von Stephen Gould kam, der heute wieder unter Beweis gestellt hat, dass er derzeit wahrscheinlich der beste Vertreter der ungünstig gelegenen Partie des Erik ist, da sein baritonal timbrierter Tenor sowohl zu zartem Piano („Senta, leugnest Du?“), als auch zu Lautstärke fähig ist. Gespannt blickte ich der Rückkehr von Juha Uusitalo entgegen, die sich – auch wenn andere Stehplatzbesucher das anders sehen – als so übel nicht erwies. Gut, man merkt, dass seine Stimme länger außer Betrieb war (hin und wieder war es für ihn merkbar schwierig, sie richtig zu fokussieren), aber sie ist bestimmt nicht beschädigt und wird sich wieder aufbauen lassen (und ich habe von ihm bis jetzt nur schlechte Leistungen gehört). So wie bei ihm waren auch bei Daniel Harding die Buhrufe (nicht nur bei den Vorhängen, sondern auch während der Aufführung) nicht nachvollziehbar (Wollen die wie im Vorjahr einen Dohmen und Graeme Jenkins dort stehen haben?). Stephen Milling sang mit seiner eigenartigen Stimme, die an Kurt Rydls erinnert, sehr ungenau einen zu grobschlächtigen Daland und Anja Kampe erfällte als Senta ihre Aufgabe zufriedenstellend, ohne zu glänzen. Benjamin Bruns gab einen sehr guten Steuermann, Monika Bohinec eine gute Mary. Billy :hello
Ingrid (10.05.2013, 00:43): Habe mich zuerst riesig gefreut, dass Juha Uusitalo wieder den Holländer singt und es offensichtlich auch nicht schlecht gemacht hat, aber, dass er ausgebuht wurde, erschüttert mich total. Hoffentlich läßt er sich dadurch nicht verunsichern. Er war ja unser Premieren-Holländer und ich mochte ihn in dieser Rolle total gern. Wünsche ihm so sehr, dass er bald wieder an die Leistungen vor seiner Erkrankung anknüpfen kann und er vorallem gesund bleibt.
Billy Budd (10.05.2013, 08:31): Naja, ich habe von mehreren vertrauenswürdigen Leuten gehört, dass Uusitalo in den ersten beiden Vorstellungen total unterirdisch gewesen sein soll. Offensichtlich hat er ja gestern erst gezeigt, was er kann.
Allerdings besitze ich eine Aufnahme seines Wiener Debüts (auch als Holländer; 2004, glaub ich), in die ich nach der Aufführung wieder hineingehört habe, und da liegen natürlich schon Welten dazwischen.
Ich hoffe für ihn auch, dass er gesund bleibt, aber ich würde ihm raten, jetzt noch nicht so Rollen wie Wotan zu singen, sonst kann das böse enden.
Und ein Wort zu den Buhrufen: Nach der Oper soll jeder so laut buhen, wie er mag, aber nach dem Auftrittsmonolog ist das eine Gemeinheit (hat ja dann auch zu mehreren Bravorufen zwischen Holländers "Ewge Vernichtung, nimm mich auf!" und dem "Ewge Vernichtung, nimm uns auf!" des Chores geführt, die da ja ganz und gar unüblich sind). Billy :hello
Severina (10.05.2013, 09:33): Seh ich genauso! Beim Solovorhang sind Missfallenskundgebungen völig legitim, einen Sänger aber während der Vorstellung durch Buhs zu verunsichern, ist letztklasssig. Schließlich soll auch die Gesamtleistung beurteilt werden. Oft ist die Tagesverfassung eben so, dass ein Sänger einen Akt lang braucht, bis er in die Gänge kommt, dann aber dieses Manko mehr als wettmacht.
lg Severina :hello
Billy Budd (21.05.2013, 09:25): Eigentlich wollte ich in (mindestens) eine Carmen-Vorstellung gehen, aber da - von zwei glaubwürdigen Rezensenten stammende - Merker-Kritiken die gestrige Aufführung recht kritisch beurteilen, übelege ich mir das noch, weil ich keine Lust habe, mich für etwas Schlechtes stundenlang anzustellen.
Link 1: Georg Freund
Ein paar Zitate: Mich hat die Garanca als Zigeunerin schon in München nicht überzeugt In Wien blieb die sonst so hervorragende Künstlerin als Carmen merkwürdig blass, kühl und distanziert, wozu leider auch ihre gesangliche Leistung beitrug. Für eine überzeugende Verkörperung von Bizets dämonischer Zigeunerin fehlt es ihrer hellen Mezzostimme an Volumen und an satter Tiefe. Im Duett mit Micaela flüchtete er (Alagna, Anm.) sich zwar einmal ins Falsett, und „à subir la destinée“ verlangte ihm große Kraftanstrengung ab, aber das Schickal war ihm hold, diese gesangliche Klippe wurde bezwungen und Blumenarie und Schlussduett gelangen ohne besonderes Forcieren. Ihr (Hartigs, Anm.) Gesang klang nicht so mädchenhaft süß wie man es von dieser makellosen Lichtgestalt erwarten würde, sondern etwas herb, aber sie bot eine runde, eindrucksvolle Leistung. An der tückischen Rolle des Escamillo scheiterte wie so viele seiner Kollegen im Bariton-Fach Massimo Cavalletti, von dem ich schon einen ausgezeichneten Marcello gehört habe. Cavalletti verfügt über gutes Material, aber leider nur über eine unzureichende Stimmtechnik, was ihn zum Brüllen veranlasste Mit unschöner, greller Stimme produzierte sich Nikolay Borchev als Morales und die keineswegs unwichtige Rolle des Zuniga war mit Janusz Monarcha erschreckend unterbesetzt. Tae-Joong Yang gelang es als Dancairo unangenehm aufzufallen, Dimitrios Flemotomos blieb als Remendado unauffällig. Am Pult versuchte Bertrand de Billy am Beginn des Vorspiels zum ersten Akt eine neuen Geschwindigkeitsrekord aufzustellen, bot aber in der Folge eine routinierte Leistung und unterstützte die Garanca durch Dämpfung des Orchesters.
Link 2: Renate Wagner
Wer nicht Elina Garanca als Carmen, sondern Carmen als Elina Garanca erleben wollte, wurde mit einem persönlichkeitsfunkelnden Weltstar bedient und hat ihn umjubelt, wie das Operngesetz es befiehlt. Anita Hartig sang ihre erste Micaela und ist gerade auf dem Weg zu dieser lyrischen Rolle, der sie stimmlich zu viel Nachdruck und damit auch zu viel Schärfe gab. Der Escamillo kam in Gestalt von Massimo Cavalletti grobschlächtig auf die Bühne, mit ebensolcher Gesangslinie eines nicht hochqualitativen Baritons. Bei den Nebenrollen hielten sich Ileana Tonca und Juliette Mars (wirklich als Zigeunerinnen „verkleidet“) am tapfersten, während man über die restlichen Herren den gnädigen Schleier des Vergessens breiten will (was in einigen Fällen geradezu nobel ist angesichts dessen, was sie hören ließen).
Severina, gehst Du irgendwann? Billy :hello
Severina (21.05.2013, 10:41): Natürlich gehe ich (am Sonntag), weil ich mir prinzipiell einen eigenen Eindruck verschaffe und mich eine schlechte Kritik (egal ob von Profi oder Laie) noch nie davon abgehalten hat, eine Vorstellung, die mich interessiert, zu besuchen. (Und eigentlich ist auch dieser Thread dazu gedacht, eigene Eindrücke wiederzugeben....)
An Garanca scheiden sich genau wie bei Netrebko seit jeher die Geister: Beiden wird immer wieder "seelenloses" Singen vorgeworfen, bei Garanca kommt noch "artifiziell" in abwertendem Sinn dazu, ich höre bei beiden ganz etwas anderes. Auf DVD (MET) hat mich ihre Carmen begeistert, obwohl sie nicht das übliche Klischée bedient, aber das ist ja auch kein in Stein gehauenes Gesetz. Die Baltsa war als Carmen natürlich ein Naturereignis, und da sah man immer gerne über stimmliche Defizite hinweg, denn technisch ist ihr die Garanca haushoch überlegen. (Aber klar, bei einer Carmen ist Bühnenpersönlichkeit wichtiger als technische Raffinesse, also mal sehen!) Dass ich Alagna nicht mag, ist kein Geheimnis, ich werde ihn (hoffentlich!) tapfer ertragen. (Auf der Met-DVD nervt er mich weniger als sonst, ich bin also vorsichtig optimistisch, dass es nicht ganz so schlimm wird...)
Bei Cavaletti habe ich auch ein bisschen die Befürchtung, dass ihm unser Kasten zu groß ist und er forcieren muss. Aber ehrlich gesagt habe ich seit Raimondi und Ramey keinen überzeugenden Escamillo mehr erlebt, diese Rolle hat's wirklich in sich. Was ich nicht verstehe, dass Cavaletti ein unschönes Timbre attestiert wird, denn mir gefällt es sehr gut. Aber das ist natürlich Geschmackssache.
lg Severina :hello
Billy Budd (21.05.2013, 11:55): Der Unterschied ist der, dass Dich die Vorstellung interessiert und mich eher nicht. Aufgrund von Zeitmangel - ich habe jetzt sogar auf den Ring verzichtet - will ich nur in Vorstellungen gehen, die sich auch wirklich auszahlen.
Und seelenloses Singen kann ich der Netrebko übrigens stark bestätigen. Billy :hello
Allegra (21.05.2013, 17:31): Original von Severina Natürlich gehe ich (am Sonntag), weil ich mir prinzipiell einen eigenen Eindruck verschaffe und mich eine schlechte Kritik (egal ob von Profi oder Laie) noch nie davon abgehalten hat, eine Vorstellung, die mich interessiert, zu besuchen. (Und eigentlich ist auch dieser Thread dazu gedacht, eigene Eindrücke wiederzugeben....)
Dazu kommt sicher noch, daß jeder eine Stimme meist anders empfindet als der Nachbar. Was per se ja nicht falsch sein muss, eben nur anders. Wie am Bespiel von Maria Callas sich immer wieder beeindruckend zeigt. :wink
Auf jeden Fall werden deine Berichte, liebe Severina, immer gern gelesen. :hello
Hyacinth (23.05.2013, 23:28): Anscheinend bin ich wohl die Erste, die dieses Forum mit einer Rezension beglückt! :cool
Genauso wie Severina hat auch mich Elina Garanca (die übrigens morgen um 13:00 im Teesalon zur Österreichischen Kammersängerin ernannt wird http://www.klassikakzente.de/aktuell/klassik-news/artikel/article:222350/verleihung-des-titels-oesterreichische-kammersaengerin-an-elina-garanca ) auf der Met-DVD sehr beeindruckt. Auch in Wien ist es ein Vorteil, wenn man die Nahperspektive hat und jedes kleinste Detail Garancas Mimik - die immer hundert Prozent in der Rolle ist - mitbekommt (Einen Operngucker mitzunehmen empfehle ich!). Wie immer bei dieser sehr überlegt und klug interpretierenden Sängerin ist auch diese Carmen eine Charakterstudie, die sicher nicht jedermanns Sache ist. In einer Kritik (weiß nicht mehr, in welcher), wurde ihr vorgeworfen, keine klare Linie zu ziehen und einen uneinheitlichen Charakter darzustellen. Ich dagegen finde, dass Garanca wie keine zweite (die ich erlebt habe), die verschiedenen Facetten der vermeintlichen "femme fatale" darzustellen weiß und sie in jedem Moment und jeder Gemütsschwankung absolut glaubwürdig verkörpert. Man nimmt ihr die aufrichtige Liebe zu Escarmillo ab; die Zärtlichkeit zwischen den beiden - ganz im Gegensatz zur rauen, wankelmütigen Beziehung zu José - lässt fast auf ein Happy End schließen. Diese Carmen ist keine Dämonin, sie ist einfach eine Frau, die die wahre Liebe sucht und von José enttäuscht wird, weil er sie einerseits drängt, andererseits in den wichtigen Momenten abhauen will. Sie läuft nicht freiwillig ins offene Messer, Don José ist ihr lästig, aber sie wird nie beleidigend oder sadistisch, wie das bei manch anderen Interpretationen der Fall ist.
Stimmlich ist Garanca, wie Severina erwähnt hat, "perfekt", aber ohne artifiziell zu sein. Sie setzt ihre Stimme bedacht und gefühlvoll ein, säuselt manche Stellen und bleibt trotzdem immer gut hörbar, oder verleiht ihrer Höhe geradezu ekstatischen Schwung. Naturgewalten wie Callas oder Baltsa sind absolut nicht mein Fall, ich bevorzuge bei Opern wie "Carmen" den Schöngesang - wenn er wie bei Garanca einen Sinn dahinter hat. Wenn sie will, kann sie natürlich auch roh werden, aber in Maßen. Ihren leeren Blick beim Sterben habe ich immer noch vor mir. Sie fällt nicht einfach wie ein Klotz auf die Bühne, sondern stirbt langsam, mit einem unfassbar wehmütigen Blick, der einem die Tränen in die Augen treibt (Operngucker!).
Völlig wider Erwarten hat mir der José von Roberto Alagna sogar ausgezeichnet gefallen. Nach einiger Eingewöhnung ,meinerseits an die manchmal eingesetzten Schluchzer und das ungewohnt hinten gerollte R ließ er stimmlich keine Wünsche offen. Darstellerisch war auch er ein Gesamtpaket. Er und Garancas Carmen passen zwar nicht recht zueinander - was gerade die Spannung ausmacht - weil er schon im zweiten Akt sehr roh, aggressiv und unsensibel ist. Ein Ungustl ist er nicht, dieser Don José, einfach ein armes Schwein, das aus seiner Haut nicht raus kann und ein gehöriges Aggressionsproblem hat. Den Schluss meisterte er eindrucksvoll verwildert mit ins Gesicht hängendem Haaren, offenem Hemd und zerissener Verzweiflung. Eine wirklich tolle Leistung!
Warum man Anita Hartig die Micaela singen ließ, ist mir ein kleines Rätsel. Nein, ich habe nichts an ihr auszusetzen, sie bekam den meisten Applaus des Abends und hatte sich den Jubel auch wirklich verdient mit ihrer wunderschön, für mich italienisch klingenden Stimme, den aufblühenden Höhen und genau dem richtigen Zugang an die Partie (wie Netrebko trotzig an Steine kickte, ist mir heute noch in sehr negativer Erinnerung). Hartig verkörperte einfach genau das, was Micaela sein soll: Ein naives, schüchternes Mädchen vom Land, dem die Liebe Flügel verleiht, ein etwas mutigeres Mauerblümchen eben, nicht mehr und nicht weniger. Das berühmte "Aber": Mir persönlich ist ihre Stimme einfach zu dramatisch (und vermutlich auch zu groß) für eine Micaela. Sie füllte die Partie sehr gut aus, zu schwer sang sie nicht, aber ein wenig habe ich jugendlich-unschuldigere Töne vermisst. Hartig, die ja mittlerweile international Mimi singt, sollte für andere Rollen besetzt werden, die für sie passender sind.
Das sonstige Ensemble (einschließlich des Herrn Escarmillo - Massimo Cavalletti) schlug sich wacker bis sehr gut, auch der Chor agierte zufriedenstellend (die Diktion ließ allerdings sehr zu Wünschen übrig). Bertrand de Billy hatte bis auf wenige Unstimmigkeiten die Zügel fest in der Hand. Seine Tempi waren abwechslungsreich und durchdacht, ich habe schon lange nicht mehr so ein gelungenes Carmen-Dirigat gehört!
Ob jetzt dank meiner Lobhudelei mehr Forianer hingehen? :D Naja, ich kann nur so viel zu meiner Verteidigung sagen, dass ich glaube, dass die Carmen eine der wenigen Partien ist, die so komplett unterschiedliche Ansichtsweisen hat. Geschmäcker sind verschieden. Ich persönlich finde Garancas Stimme allein alles andere als kühl (ich assoziiere mit ihr dunkelroten Samt) und mich fasziniert ihre Ausstrahlung, die mich nur aufgrund von wenigen Gesten oder Blicken in den Bann zieht (für mich hängt Sexappeal weder von der Haarfarbe - was ist gegen eine blonde Carmen einzuwenden? - noch von großen Gesten und möglichst viel Herumgehopse im zweiten Akt ab.) Aber Gusto und Watsch und so weiter... :J
lg, Hyacinth :hello
Severina (23.05.2013, 23:46): Liebe Hyazinth,
vielen Dank für diese ausführliche Darstellung Deiner Eindrücke, das steigert meine Vorfreude natürlich gewaltig. Aber mich haben die negativen Bemerkungen zu Elina Garanca ohnehin nicht irritiert, erstens sind Gusto und Ohrfeigen bekanntlich veschieden, deshalb liegt mir auch jedes Missionieen fern, und zweitens sehe ich es genau wie Du, dass Carmen mehr als nur eine Interpretation zulässt. Ich habe die Baltsa als Carmen geliebt, aber sie hat mich nicht verdorben für alle anderen Auffassungen dieser Partie, und ich habe schon eine ganze Menge erlebt.
Kühl habe ich Elina Garanca noch nie empfunden, ebenso wenig wie Anna Netrebko. Die hat mir als Micaela zwar gefallen, aber ich würde sie trotzdem nicht als Idealbesetzung bezeichnen. Ich glaube, das ist für uns beide Genia Kühmeier! (Auch die MIcaela kann übrigens sehr verschieden interpretiert werden, ich habe da schon sehr interessante Varianten fern vom unbedarften Landei erlebt!)
lg Severina :hello
Hyacinth (24.05.2013, 09:20): Hallo Severina, das freut mich aber, dass ich deine Vorfreude steigern konnte :D Irritiert haben mich die Kritiken auch nicht, weil ich die Met-DVD gesehen habe und sowieso den Vorwurf nie verstanden habe, Garanca sei ausdruckslos und kühl. Ich halte ebenfalls nichts von "Missionieren", gerade bei Carmen, die eine enorme Geschmackssache ist. So hat es mich auch nicht gestört, dass sich bei meinen frenetischen Bravo-Rufen auf der Galerie einige Köpfe nach mir umdrehten. Baltsa als Carmen habe ich nicht gekannt, vermute aber, was ich so an Aufzeichnungen gehört habe, dass sie eben nicht so meins gewesen wäre..
Micaela ist eine Figur, die in Wahrheit von der Carmen abhängt, sie sollte ja das absolute Gegenteil darstellen. Einerseits steckt viel in ihr, was bei den gekürzten Dialogfassungen in Wien überhaupt nicht mehr herauskommt - vor allem der Dialog mit dem Bergführer vor ihrer Arie bietet einiges an Überraschung. In Wien allerdings, wo Carmen ja schon eher zahm ist (was sicher auch am Kostüm liegt) und die Dialoge gekürzt sind, kann Micaela keine Powerfrau sein, das passt nicht in die Inszenierung und ist kein Kontrast zu Carmen - meiner Meinung nach. In Salzburg 2012 wurde sie schon anders dargestellt: Älter und auch schon mal Soldaten aus dem Weg schubsend, wenn sie ihr lästig wurden.
lg, Hyacinth :hello
Allegra (24.05.2013, 18:09): Original von Hyacinth Ob jetzt dank meiner Lobhudelei mehr Forianer hingehen? :D
Gern!! Sobald Beamen oder Apparieren salonfähig ist, bin ich sicher wöchentlich dort unten im schönen Wien. :wink
Aber Danke für eine sehr aussagekräftige Rezension, die auch auf die Entfernung und ohne "Hörbeispiel" sehr gut nachvollziehbar ist. :hello
Severina (27.05.2013, 01:06): Auch diese Produktion hat mittlerweile 35 Jahre auf dem Buckel. Ich erinnere mich noch gut an die eiskalte Dezembernacht anno 1978, als wir bibbernd und frierend unter den Arkaden der WSO ausharrten, um uns unseren Stehplatz für die PR zu sichern. Der Regisseur war uns damals nicht so wichtig, Hauptsache, ER sang – Placido Domingo! (Mit einer grotesken blonden Perücke, wie leider auch auf dem inzwischen als DVD erhältlichen Mitschnitt dokumentiert ist!)
Placido Domingo ist inzwischen als Bariton auf den Bühnen der Welt unterwegs, Franco Zeffirelli steht immer noch als Regisseur auf dem geduldigen Papier. Ich glaube, ich kann damit das Thema „Inszenierung“ abhaken, wohl jeder kennt den Stil dieses Meisters der Opulenz. Obwohl ich sagen muss, dass das Carmen-Bühnenbild für seine Verhältnisse beinahe dezent (vor allem in den Farben) ausgefallen ist, aber natürlich trotzdem kein Spanien-Klischée auslässt und die bei ihm übliche verlogene Sozialromantik bietet. Was die Personenführung betrifft, so war heute einiges verblüffend anders als gewohnt, was wahrscheinlich an Elina Garanca und Roberto Alagna lag, die wohl ihre gemeinsamen Erfahrungen in anderen Inszenierungen in Wien eingebracht haben.
Endlich sollte ich also heute Elina Garanca als Carmen erleben. An der WSO war Agnes Baltsa jahrelang auf diese Rolle quasi abonniert (Leider noch nicht bei der PR, wo die eher temperament- und farblose Elena Obrazcowa aufgeboten wurde) und prägte die Hör- und vor allem Sehgewohnheiten einer ganzen Generation von Opernbesuchern. Auch für mich war sie immer DIE Carmen schlechthin, mit ihrem überschäumenden Temperament und ihrem umwerfenden Sexappeal. Elina Garanca ist ein völlig anderer Typ als die Baltsa, nicht nur optisch, sondern auch vom Spielcharakter her. Dass ihre Carmen trotzdem funktioniert, konnte ich schon auf der DVD aus der MET feststellen, wo sie mich von Anfang an in ihren Bann zog. Die Frage war nur, ob sich diese Faszination auch live einstellen würde, wo es anders als auf dem Bildschirm schon aufgrund der Distanz zur Bühne unmöglich ist, im Gesicht einer Sängerin wie in einem offenen Buch zu lesen. Und Elina Garanca setzt nun einmal nicht auf große (und bühnenwirksame) Gestik, sondern auf feine Nuancen und subtile Zwischentöne. Hat man also die Baltsa vor Augen (oder die ähnlich eruptive Carmen von Anna-Catarina Antonacci), mag die Garanca auf den ersten Blick ein wenig schaumgebremst wirken, aber das ist sie ganz und gar nicht. Auch in ihr brodelt es, nur äußerst sich das nicht in ungezügelter Wildheit, sondern wohl dosiert, weil durch den Dauergebrauch jede Waffe stumpf wird. Diese Carmen hält die Fäden in der Hand, an deren Enden die Männer wie Marionetten zappeln, genießt ihre Macht, einmal gewährend, dann wieder verweigernd, und macht unmissverständlich klar, dass sie es ist, welche die Spielregeln festlegt. An José reizt sie, dass er zunächst ihr Spiel verweigert, sich entzieht, sie einfach ignoriert. Das ist nicht nur neu, sondern natürlich auch ein Angriff auf ihr Selbstbewusstsein – dieser Widerstand muss gebrochen werden! Um nichts anderes geht es ihr, daher ist Don José für sie nur ein brauchbares Werkzeug, das sie für ihre Zwecke einsetzt, zunächst als Fluchthelfer, später als nützlicher Komplize für ihre Schmugglerpartie, denn als Soldat weiß er natürlich, wo und wie die Razzien durchgeführt werden. Es ist also von Anfang an mehr Kalkül als Leidenschaft, was hinter Carmens Liebesbeteuerungen steckt. Echte Liebe? Liebe macht schwach und abhängig, und diese Carmen will frei sein, sich an keinen Mann binden, der ihr womöglich Vorschriften macht. Als José das versucht, sie mit seiner Eifersucht verfolgt und nervt, schlägt ihre Sympathie schnell in Hass um, wird aus ihrer eher strategisch motivierten Zuwendung offen zur Schau getragene Verachtung. All diese Facetten, die natürlich in der Figur angelegt sind, bringt Elina Garanca auf den Punkt. Ziemlich ungewohnt und zumindest beim ersten Mal etwas befremdend ist ihr Verhalten in der Schlussszene, wo sie für mein Carmen-Verständnis etwas zu fatalistisch agiert. Denn Karten hin, Karten her – Carmen liebt das Leben, und dass sie heute beinahe gleichgültig in den Tod ging, keinen Versuch machte, Josés Messer zu entkommen, das er schon die längste Zeit einsatzbereit in der Hand hielt, kann ich in dieser Konsequenz nicht ganz nachvollziehen. Glaubt sie, er würde letztlich nicht davon Gebrauch machen, weil er sie so sehr liebt? Bisher war es ja immer so, dass José Carmen noch einmal verzweifelt an sich zieht und ihr dabei das erst jetzt gezückte Messer in den Bauch rammt, heute setzte er ihr die Waffe an die Kehle und schneidet sie durch.
Stimmlich war Elina Garanca eine Wucht, wenn natürlich auch mir nicht verborgen blieb, dass es ihr in der Kartenszene am nötigen Volumen bei den tiefen Tönen fehlt, da geht sie im Ensemble völlig unter. Aber was soll’s, wenn der Rest derart hinreißend gesungen wird, mit so einer glockenhellen, reinen Stimme, so herrlich aufblühenden Höhen und vor allem so nuanciert im Ausdruck, wie ich es schon lange von keiner Carmen mehr gehört habe. Die Garanca spielt nicht nur mit den Männern, sondern auch mit ihrer Stimme, sie lockt und schmeichelt, gurrt und flirtet. Alleine was sie aus dem „Tralala“ alles herausholt an feinsten Schattierungen ist ein Kabinettstückerl. Einmal mehr ist mir völlig unverständlich, wie man Elina Garanca als kühl und distanziert empfinden kann, das ist sie weder vom Spiel und schon gar nicht von der Stimme her, in der es doch so spürbar lodert. Wer natürlich meint, Carmen müsse lasziv oder sogar ein bisschen vulgär sein (So wie z.B. Julia Migenes in Rosis Verfilmung), kommt bei Elina Garanca nicht auf seine Rechnung. Sie ist nichts von beidem, dafür aber umso sinnlicher.
Wie befürchtet, konnte Roberto Alagna seiner Partnerin vokal nicht das Wasser reichen, und die doch sehr positiven Kritiken rundherum kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen. Zwar habe ich ihn schon katastrophaler als heute erlebt, trotzdem kann ich ihm nicht mehr als eine mittelmäßige Leistung attestieren. Alagnas einst so strahlender Tenor klingt inzwischen leider spröde und stumpf, die Höhen werden mit großem Druck produziert und nicht aus der Gesangslinie heraus entwickelt, machen aber zugegeben einigen Effekt. Die Fähigkeit zum Legatosingen hat ebenso gelitten wie seine Piani, wo ihm heute nur ein einziges wirklich schön gelang, nämlich das abschließende im Duett mit Micaela. Dieser Ton versöhnte mich etwas mit meiner Enttäuschung, dass Alagna es zuvor überhaupt nicht geschafft hatte, die Grundstimmung dieses Duetts zu vermitteln. Da muss die Sehnsucht nach der Mutter und der Heimat mitschwingen, eine gewisse Rührung über Micaelas scheue Zuwendung, seine zärtlichen Gefühle für das Mädchen, da darf man doch nicht in einem beinahe emotionslosen (und unschönen) Einheitston drüberfahren. Ich muss allerdings einräumen, dass sich Alagna nach diesem schwachen Beginn etwas erfing, zumindest ein paar Farben hervorholte, ein bisschen mehr Ausdruck in sein Singen legte und eine überraschend passable Blumenarie hinkriegte. (Gewisse Vergleiche durfte man allerdings nicht anstellen…) Was bei Alagna immer auf der Habenseite steht, ist sein engagiertes Spiel. Er begeht nicht den Fehler, krampfhaft auf jung und naiv zu machen, denn das nimmt man ihm bei seiner Optik, die nun einmal einen zwar gut aussehenden, aber schon reiferen Herrn zeigt, nicht ab. Sein Don José ist also keiner, der dem erotischen Frontalangriff einer Carmen hilflos ausgeliefert wäre. Im Gegenteil, er weiß recht genau, welche Nummer dieses kleine Luder da abzieht und beobachtet sie zunächst mit einer Art spöttischen Überlegenheit. Aber nicht lange, dann verstrickt auch er sich in ihren erotischen Fallstricken, und danach ist für José nichts mehr wie zuvor. Wie er dann im 2. Akt quasi in sein Verhängnis hineinschlittert, spielt Alagna ebenso überzeugend wie seine rasende Eifersucht im 3. und die ausweglose Verzweiflung im 4. Nur das penetrante Geschluchze über Carmens Leiche hätte er sich sparen können….. Als Schauspieler kann Alagna also punkten, aber irgendwie fände ich es halt nett, wenn ein Don José auch schön gesungen wird.....
Ziemlich enttäuscht war ich von Massimo Cavaletti, der mir in Zürich so gut gefallen hatte. Nun ist der Escamillo zwar eine vertrackte Partie, aber das alleine entschuldigt nicht, dass Cavaletti mehr als einmal neben der Spur lief und auch als Darsteller so ziemlich alles schuldig blieb. Es konnte wohl nur am Zauber der Montur liegen, dass die holde Weiblichkeit ihm derart zu Füßen lag, denn dieser Toreador ließ nicht nur jeden Sexappeal vermissen, sondern bewegte sich auch derart ungraziös, dass sein langes Überleben in diesem gefährlichen Metier nur erklärlich ist, wenn man die Stiere vor dem Kampf sediert. So wie sich Cavaletti nämlich im Zweikampf mit José anstellt, müsste ihn jeder Stier binnen Sekunden aufgespießt haben. Völlig rätselhaft bleibt auch, bei welcher Gelegenheit sich der heutige Escamillo so rasend in Carmen verliebt, dass er ihr bis ins Lager der Schmuggler folgt, denn bei Lillas Pastia kann es nicht sein: Er beschränkt seinen Kontakt mir ihr auf das vom Libretto vorgegebene Minimum, wirkt alles andere als beeindruckt, wendet sich sofort den anderen Schönen zu, mit denen er heftig flirtet, und verlässt den Schauplatz, ohne Carmen auch nur eines einzigen Blickes zu würdigen. Sie reagiert auch entsprechend frustriert auf diese ungewohnte Ignoranz, womit sie die Szene zwar rettet, aber eben ein paar Fragezeichen im Raum stehen lässt.
Was Anita Hartig betrifft, so bin ich völlig einer Meinung mit Hyanzinth: Eigentlich kann man ihr nichts vorwerfen, sie singt tadellos, trifft jeden Ton, verfügt insgesamt über eine angenehme Stimme, aber sie klingt für die Micaela bereits zu reif. Wenn man das mädchenhaft-süße Timbre von Genia Kühmeier im Ohr hat, die eine Verletzlichkeit und rührende Unschuld ausstrahlte, wird man mit Anita Hartig nicht restlos glücklich. Das Publikum sah es offensichtlich anders, denn der Szenenapplaus nach Micaelas großer Arie übertraf den für ihre Sängerkollegen ganz deutlich, sie bekam auch viele Bravi dafür. (Alagna durfte sich nach seiner Blumenarie nur über einen nicht sonderlich enthusiastischen Beifall und ein paar einsame Bravorufe freuen.)
Von den übrigen Mitwirkenden stach keiner positiv hervor, am ehesten noch Ileana Tonca als Frasquita, keinesfalls aber Juliette Mars als sehr scharf klingende Mercedes. Auch Nikolay Borchev (Morales), Dimitrios Flemotomos (Remendado) und Tae-Joong Yang (Dancairo) entsprachen nicht dem Niveau, das man sich an der WSO erwartet, beinahe schon eine Zumutung war Janusz Monarcha als Zuniga. (Wo sind die Zeiten, als diese Rollen von einem Kurt Rydl, Heinz Holecek, Alfred Sramek und anderen dieses Kalibers gesungen wurden????)
Einen guten Job machte hingegen Bertrand de Billy im Graben. Er fegte zwar mit einem Affentempo durch die Ouvertüre, stieg dann aber gottlob auf die Bremse, um die Schönheiten von Bizets Musik schwelgerisch auszuloten. Allerdings stand ihm nach dem Ring-Marathon der letzten Tage wohl nicht die erste Garnitur des Orchesters zur Verfügung, denn es gab so manchen Patzer, und zwar quer durch alle Instrumentengruppen. (Apropos Instrumente: Dass Carmens Tanz heute von Castagnetten im Orchester begleitet wurde, halte ich für keine so gute Idee, es wirkt irgendwie merkwürdig durch die deutlich empfundene Distanz zum Bühnengeschehen.)
Leider musste ich hinterher sofort weg und kann daher nichts über die Publikumsreaktionen beim Schlussapplaus sagen, aber da die Sänger schon bei den Aktschlüssen begeistert akklamiert wurden, wird es wohl am großen Jubel hinterher nicht gefehlt haben.
Mein Fazit: Eine großartige Elina Garanca überstrahlt viel Mittelmäßiges – sie hätte sich bessere Partner verdient!
lg Severina :hello
Ingrid (27.05.2013, 09:52): Liebe Severina,
den richtigen Partner durfte ich ja einige Male mit ihr in München erleben und das waren wirklich Sternstunden, die ich nie mehr vergessen werde. Da ging es mir wie Dir mit Agnes Baltsa. Wer waren damals eigentlich die Don Josés? Danke für diesen wunderbaren Bericht, der mich gleich wieder voll und ganz an meine eigenen Erlebnisse mit Elina Garanca als Carmen erinnerte, die genau so beschrieben werden konnten.
Herzliche Grüße nach Wien (auch immer noch verregnet?) Ingrid
PS. Mich macht nur traurig, dass unser geliebter Nicolay Borchev in Wien offensichtlich immer noch nicht richtig Fuß fassen konnte
Severina (27.05.2013, 11:55): Liebe Ingrid,
ja, Garanca und Kaufmann, das wäre natürlich die ultimative Carmen! (aber auch mit Antonacci würde ich ihn nur zu gerne einmal live erleben!)
Unser Don José war sehr oft Carreras, unerklärlicherweise ein Lieblingspartner der Baltsa, aber sie schaffte es dann auch tatsächlich immer, das Maximum an schauspielerischer Begabung (die bei ihm sehr unterentwickelt war) aus ihm herauszukitzeln. Mein Traumpaar war allerdings immer Baltsa - Lima, das war ein offener Schlagabtasch auf Augenhöhe, da ging die Post ab. Lima, der sich ja immer ohne Rücksicht auf Verluste in seine jeweilige Partie hineinwarf (Villazón erinert mich in dieser Hinsicht sehr an ihn), bot zwar im letzten Akt oft nur mehr Sprechgesang, aber bei der Intensität seiner Darstellung störte das niemanden.
Was Borchev betrifft, so wäre es für seine Entwicklung wahrscheinlich besser gewesen, in München zu bleiben. In der unseligen Ära Meyer werden Sänger zwar engagiert, dann aber sich selbst überlassen. Eine verantwortungsvolle Begleitung, eine Beratung, was die Karriere betrifft, eine Betreuung scheint es nicht zu geben. Es heißt heute "Friss Vogel, oder stirb!", wer nicht taugt, wird halt wieder aussortiert. Holender hat mit jedem Ensemblesänger einen Plan erstellt, wie er sich die nächsten Jahre mit ihm vorstellt, welche Partien er ihm zutraut, was besser noch warten sollte, da konnte sich jeder geborgen und gut aufgehoben fühlen. (Was natürlich nicht heißt, dass Holender nicht auch willkürliche und ungerechte Entscheidungen traf, ein Heiliger war er ja bei Gott nicht!) Meyer hingegen holt die Leute an die WSO, aber völlig ohne Plan für die Zukunft. Wenn er hausintern gefragt wird, welche Rollen er sich denn für X und Y in den nächsten Jahren vorstellt, erntet man nur erstaune Blicke. Da er sowieso nur wenig von Stimmen versteht, sind das Ergebnis dann Besetzungen, über die man nur den Kopf schütteln und die armen Sänger von Herzen bedauern kann, weil man von vornherein weiß, dass das nur schief gehen kann.
Vielleicht würde also auch Borchev einfach eine Hand brauchen, die ihn führt, vielleicht ist ihm auch unser Haus einfach zu groß. (Obwohl München ja auch nicht klein ist!) Ehrlich gesagt hat mich aber auch sein Timbre nicht umgehauen, aber das traf gestern zu meiner Verwunderung auch auf Cavaletti zu, den ich doch aus Zürich in so guter Erinnerung hatte.
lg Severina :hello
Manni (27.05.2013, 13:02): Ich sag nur eins: Die nächste Baltsa ist die Kulman! Die Seguidilla bei der Life Ball Gala im Burgtheater letzten Freitag war ne Wucht! Sie hat alles: Feuer, Erotik, Raffinesse, die wuchtigen Tiefen, brillante Höhen, Gefährlichkeit ... Kann ihre Hamburger Carmen nicht mehr erwarten! Völlig schleierhaft ist mir, warum Meyer sie nicht längst in Wien angesetzt hat. Aber seine Besetzungspolitik gibt mir ohnehin Rätsel auf ...
Severina (27.05.2013, 13:07): Nicht nur Dir ist sie ein Rätsel X(! Ich hoffe, Du berichtest dann ausführlich aus Hamburg, denn Kulmann als Carmen - ja, das müsste funktionieren! (Wer ist denn der glückliche José, der von ihr umgarnt wird?)
lg Severina :hello
Manni (27.05.2013, 13:20): Nikolai Schukoff, mit dem sie schon ihre erste Carmen an der Volksoper 2005 gesungen hat. Ich hoffe, er ist in gutem stimmlichen Zustand.
Severina (10.06.2013, 23:36): Die letzte PR dieser Saison gilt Richard Wagners "Tristan und Isolde", und diesmal hält zumindest die Besetzung der Hauptrollen das, was die Papierform verspricht. Vorausgesetzt, diese Sänger präsentieren sich am Donnerstag in einer ebenso tollen Form wie bei der heutigen GP!
Die Regie liegt in den Händen von David McVicar und seinem Ausstatter Robert Jones, die noch nie in Wien tätig waren, allerdings kenne ich einige ihrer Arbeiten von DVDs, die ganz unterschiedliche Eindrücke hinterließen, von Zustimmung für "Les Troyens" bis zum Ärger über "Manon".
Während der Ouvertüre geht auf der Hinterbühne der Mond auf – eine riesige Scheibe, die sanft nach oben schwebt und allmählich eine orangerote Farbe annimmt. Von rechts triftet der Bug eines skelettierten Schiffsrumpfes herein und dreht sich langsam längsseits, was nicht ohne störendes Knarren von statten geht (Vielleicht findet bis zur PR jemand die Ölkanne!). Eine einsame, in ein blaugraues, weich fließendes Gewand gehüllte Frauengestalt kauert am Rand – Isolde. Ein Wellenkamm in gleicher Farbe wie der Mond legt sich wie eine Zierleiste im Halbrund um die ganze Szenerie.
Im 2. Aufzug beherrscht eine bogenförmige, nach links ansteigende Rampe die Bühne, davor schieben sich flache, verschieden große Steinplatten so übereinander, dass man sie als Stufen und Sitzgelegenheit verwenden kann. Eine sich nach oben verjüngende, mächtige Säule verliert sich im Schnürboden, im oberen Drittel umschwebt sie ein Kranz aus locker ineinander gefügten Metallreifen, die von innen beleuchtet werden können. Am schwarzen Hintergrund funkelt die Milchstraße. Auch den "Wellenkamm" aus dem ersten Aufzug gibt es noch, allerdings sendet er nun blaues Licht aus und könnte als Wolkenband gedeutet werden. Am höchsten Punkt der Rampe lodert in einer langen Halterungsstange die verhängnisvolle Fackel, deren Erlöschen Tristan zum verbotenen Rendevouz locken soll. Zwar ist mir die Bedeutung des seltsamen Reifengebildes nicht ganz klar – ich interpretierte es für mich als eine Art Dingsymbol für das drohende Fatum, das über den Liebenden schwebt - aber mit der düsteren, meist ins Bläuliche changierenden Beleuchtung und dezent eingesetzten Nebelschwaden ist die Szenerie nicht ohne ästhetischen Reiz. In der LIebesnacht geht das Licht zunächst nur vom "Strahlenkranz" – nennen wir ihn einmal so – aus, wenn dann der König und seinen Mannen, von Melot geführt, das Tete-à- tete stören, wird die Bühne plötzlich in helles Licht getaucht. Marke befehligt scheinbar nicht nur seine Untertanen, sondern auch Sonne und Mond……
Im 3. Aufzug türmen sich auf der linken Bühnenhälfte ähnliche Steinplatten wie schon zuvor auf, nur viel höher, die mich die ganze Zeit an einen Küstenabschnitt der Bretagne erinnerten. Von hier tritt der Hirt auf, hält Kurnewal Ausschau nach Isoldes Schiff. Ansonsten gibt es nur ein grob gezimmertes Mittelding zwischen Sessel und Bank, auf dem sich der tödlich verwundete Tristan seinem Tod entgegen fantasiert. Insgesamt kann ich mit diesem stilisierten, überwiegend auf leeren Raum und Beleuchtungseffekte setzenden Bühnenbild sehr gut leben. Es vermittelt Atmosphäre und ist ganz bestimmt nicht unästhetisch (Für das WSO-Publikum ein wesentlicher Aspekt!).
Auch die schlichten Kostüme - ganz einfach geschnittene, weich fließende Gewänder für Isolde, Brangäne und Tristan gefallen mir sehr gut. (Allerdings verheddern sich die Sänger immer wieder in den Schleppen …) Weniger gelungen finde ich König Markes Aufzug mit einer schäbigen mausgrauen Pelzstola, die aussieht, als ob Generationen von Motten darin ihr Unwesen getrieben hätten, und die seltsame Adjustierung der Ritter, die ein wenig wie Außerirdische wirken. Ausstatter Robert Jones setzt ganz auf die Farben Schwarz, Grau und gedämpftes Blau, nur im 3. Aufzug erscheint Isolde in einem flammend roten Kleid mit langer Schleppe. Bei McVicar stirbt sie nicht den Liebestod, sondern schreitet unter den Schlussklängen gemessen hinaus, wobei sich die Bühne verdunkelt und nur mehr ein einsamer Scheinwerfer die rote Gestalt verfolgt und im wahrsten Sinn des Wortes verglühen lässt. (Beim Hinausgehen hörte ich einige empörte Kommentare über diesen "falschen" Schluss. Aber für mich steht gar nicht fest, dass Isolde wirklich überlebt, denn sie geht Richtung fiktives Meer, sucht also vielleicht den Tod in den Wellen, was ich nicht unpassend finde.)
Wie gesagt, die Optik von „Tristan und Isolde“ halte ich durchaus für gelungen. Leider kann ich das von der Inszenierung nicht behaupten, die eigentlich selbst nicht mehr als eine Behauptung ist: Der Besetzungszettel behauptet nämlich, es gäbe eine Regie von David McVicar, nur worin diese besteht, wurde mir im Laufe dieser fast 5 Stunden dauernden Aufführung nicht klar. Zwar werden keine Hände gerungen, aber ansonsten erlebt man Rampensingen in Reinkultur, und gäbe es beim erst unlängst ins Leben gerufenen "Schikaneder Award" einen Preis in dieser Kategorie, ginge "Tristan und Isolde" als haushoher Favorit ins Rennen. Wer steht wo und hinter wem?, - damit wären die konzeptionellen Überlegungen des Regisseurs auch schon erschöpfend dargelegt. Nun ist natürlich diese Oper kein Reißer, in dem wahnsinnig viel an Außenhandlung passiert, sondern ein Seelendrama, in dem die inneren Konflikte von Tristan und Isolde abgehandelt werden, aber auch das kann man mimisch und gestisch zum Ausdruck bringen, man muss dabei nicht wie versteinert an der Rampe kleben und den Eindruck erwecken, dass man in Wahrheit in den Dirigenten verliebt ist. Schon die Szene, in der Tristan und Isolde den verhängnisvollen Trank schlürfen, verschenkt der Regisseur in meinen Augen, denn entweder muss der Blitz der Liebe sichtbar in beide fahren oder eben die Verwirrung der Gefühle, die sie erfasst, en detail herausgearbeitet werden. Hier fallen sie sich zwar schon in die Arme, während der Trank noch auf dem Weg durch die Speiseröhre ist, aber es ist die keusche Umarmung von Brüderlein und Schwesterlein, und während es im Orchester glüht und lodert und höchste Leidenschaften entfacht werden, stehen die beiden da wie zwei KLammeräffchen und scheinen als Einzige davon ziemlich unberührt zu bleiben. "O sink hernieder Nacht der Liebe" singen Tristan und Isolde, dabei steht er hinter ihr und legt ihr in einer fürsorglichen Geste die Hände auf die Schultern, ganz wie ein Vormund, der seinem Mündel ein paar gute Ratschläge für ihren weiteren Lebensweg erteilt. So hätte zumindest ich diese Szene interpretiert, handelte es sich um eine mir unbekannte Oper in einer mir unbekannten Sprache. Dass hier zwei einander rettungslos Verfallene, in höchster Leidenschaft füreinander Glühende sich im wahrsten Sinn des Wortes um Kopf und Kragen singen, für ihre Liebe in den Tod gehen wollen, verrät zwar der liebestrunkene Text, nicht aber die Körpersprache von Peter Seiffert und Nina Stemme. Das ist kein Liebespaar, sondern ein Ehepaar an seinem 40. Hochzeitstag, das sich sentimentalen Erinnerungen hingibt. Da aber beide schon oft genug bewiesen haben, dass sie auch ausgezeichnet spielen können, muss sie wohl McVicars statische Regie daran gehindert haben, ihre Rollen nicht nur großartig zu singen, sondern auch mit Leben zu füllen.
Besonders drastisch wirkt sich dieses Anti-Bewegungskonzept bei der einzigen Szene aus, wo wirklich "Action" herrscht, als nämlich die beiden Liebenden auf frischer Tat ertappt werden. Da zumindest müsste es doch rund gehen, müsste endlich Interaktion, Spannung herrschen, aber nein: Alle stehen brav wie festgenagelt auf ihrem Platz, Tristan lässt scheinbar völlig emotionslos des Königs Anklage über sich ergehen – zumindest verzieht er keine Miene – alle wirken sehr beherrscht und nur darauf bedacht, ihre Contenance zu wahren. Von den gefühlsmäßigen Turbulenzen, die eigentlich alle aufwühlen müssten, merkt man zumindest szenisch gar nichts. Eine einzige kleine, aber feine Geste gibt es, als nämlich König Marke den sich ihm liebedienerisch nähernden Verräter Melot angewidert zurückstößt. "Bitte mehr davon!", möchte man da rufen, aber leider bleibt es bei ein paar kläglichen Brosamen, die dem nach DARSTELLUNG Lechzenden hingeworfen werden. Viel zu wenige, um davon satt zu werden….. Ein glattes Nicht genügend also für die Regie!
Gottlob gibt es noch die Musik und die Sänger, und wenn man die Augen schließt und sich ganz auf die Ohren konzentriert, hört man all das, was einem die Szene verweigert. Normalerweise klammere ich bei einem GP-Bericht die Sänger aus, weil ich ihnen zugestehe, vielleicht nicht das letzte gegeben zu haben, also noch Steigerungspotential vorhanden ist. Aber ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen, dass Nina Stemme und Peter Seiffert noch besser singen können, als sie es heute getan haben, ganz im Gegenteil hoffe ich, dass ihnen bei der PR am Donnerstag eine Wiederholung der Top-Leistung von heute gelingt. Das war schlicht und einfach perfekt, großartig.
Nina Stemmes silbriges, klares Timbre, mit dem sie mich im italienischen Fach nie so wirklich überzeugt, passt wie angegossen zur Isolde. Auch das manchmal störende Vibrato war wie weggeblasen, zurück blieb nur die natürliche Schwingung der Stimme. Schier überwältigend war die Stimmgewalt, mit der sie die Herausforderung der von Welser-Möst entfesselten Orchesterfluten annahm und siegreich obenauf schwamm. Faszinierend dabei die scheinbare Leichtigkeit, mit der sie ihren Sopran in strahlende Höhen katapultiert, ihn oben dann wunderbar zur Entfaltung bringt. Aber Nina Stemme ist keine Power-Sängerin, die nur mit einem spektakulären Forte protzt, die leisen, innigen Töne stehen ihr mit gleicher Souveränität zur Verfügung. Selten kann ich von einem Sopran sagen: „Da war kein einziger Ton dabei, der unschön geklungen hat!“ – Nina Stemme hat dieses Kunststück heute zuwege gebracht. Diese Isolde war ein Ereignis!
Peter Seiffert war ihr ein in jeder Hinsicht ebenbürtiger Partner. Auch er bewältigte seine Partie ohne Ermüdungserscheinungen, konnte mit kräftigen, strahlenden Höhen ebenso auftrumpfen wie mit eleganten Phrasierungen und tenoralem Wohlklang begeistern. Wenn er auch darstellerisch heute fast alles schuldig blieb, so verpasste er seinem Tristan wenigstens ein vokales Profil, das fast keine Wünsche offen ließ. Auch Peter Seiffert konnte sich jederzeit gegen das Orchester behaupten, und das wurde ihm vom Maestro nicht gerade leicht gemacht.
Von den übrigen Mitwirkenden gefiel mir Jochen Schmeckenbecher am besten, auch weil er als Einziger nicht nur seine Stimme, sondern auch seinen Körper sprechen ließ und inmitten der allgemeinen Statik einen erfrischend natürlichen Kurwenal spielte. Sein recht markiges Timbre gefällt mir überdies.
Stephen Milling lieh dem König Marke eine zwar angenehme Stimme, nur muss er sich bis Donnerstag noch steigern, denn heute wirkte er in den Forte-Passagen noch nicht sehr souverän.
Bei Janina Baechle hatte ich den Eindruck, dass sie heute noch ziemlich auf Sparflamme unterwegs war – zumindest hoffe ich das für sie – leider muss ich aber auch konstatieren, dass ihre Brangaene mit Abstand am textundeutlichsten war.
Eijiro Kai übte sich als Melot in furchteinflößenden Blicken und in den üblichen vokalen Unarten, aber unterm Strich war seine Leistung OK.
Das kann man von Carlos Osuna (Hirt) leider nicht sagen, und ich fürchte nur, da wird bis Donnerstag nicht viel zu retten sein.
Wie schon mehrfach erwähnt, steigerte Franz Welser-Möst sich und die bestens disponierten Philis in einen wahren Klangrausch hinein, der eine unglaubliche Sogwirkung erzeugte. Manchmal war es aber fast ein bisschen zu viel des Guten und brachte die Sänger in Bedrängnis. Ein Liebespaar mit weniger Stimmpotenz als Seiffert und Stemme wäre hoffnungslos untergegangen. Natürlich gab es dazwischen auch perfekt austarierte Passagen, wo die Balance zwischen Orchester und Sängern stimmte, Welser-Mösts Hang zum Analytischen deutlich wurde, aber hin und wieder war es mir einfach wirklich zu laut.
Großer Jubel brandete schon heute für Stemme und Seiffert auf, auch das restliche Ensemble durfte sich über starken Applaus freuen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass am Donnerstag auch das Regieteam freundlich empfangen werden wird, denn McVicars geschmäcklerische Inszenierung wird bestimmt Gefallen finden, und Rampensingen ist an der WSO seit jeher eine lässliche Sünde. (Fade herumstehen verzeiht der durchschnittliche WSO-Besucher gerne, aber um Gottes willen kein "Aktionismus", der nicht durch das Libretto abgesegnet ist!!!)
Mein Fazit: Topleistungen von Stemme und Seiffert, die sich allerdings eine ideenreichere Regie verdient hätten!
Lg Severina :hello
Billy Budd (10.06.2013, 23:40): Freut mich, dass der Seiffert (mit 59!) so gut in Form sein soll! Danke für den Bericht! Billy :hello
Severina (11.06.2013, 17:59): Original von Billy Budd Freut mich, dass der Seiffert (mit 59!) so gut in Form sein soll! Danke für den Bericht! Billy :hello
Ich bin ja, im Unterschied zu Dir, nicht so der große Seiffert-Fan, aber vor seinem gestrigen Tristan muss man wirklich den Hut ziehen. Hoffentlich (für ihn und das Publikum!) kann er diese Leistung am Donnerstag wiederholen, obwohl die PR bekanntlich selten die beste Vorstellung der Serie ist.
lg Severina :hello
Severina (22.06.2013, 02:23): Mit "Roméo et Juliette" will ich die heurige Saison an der WSO beschließen. Nach dem musikalisch so großartigen Tristan kehrte heute wieder der Alltag ins Haus am Ring ein, denn rund um das gute Titelpaar tummelte sich ein Ensemble, das teilweise nicht einmal einer Provinzbühne zur Ehre gereichen würde.
Die Inszenierung, die heute zum 51. Mal zu bewundern war, erledigte Jürgen Flimm, wobei er seine Gage aber gerechterweise Patrick Woodroffe hätte überweisen müssen, dessen Lichtregie das Um und Auf dieser Produktion ist. Seine Bühne kommt völlig ohne Kulissen und Requisiten aus, Räume werden allein durch mehr oder weniger raffinierte Lichteffekte erzeugt. Eine von unten beleuchtete halbkreisförmige Scheibe, die auch in Schräglage gebracht werden kann, fungiert als Balkon, Brautbett und Totenlager, und zumindest ich kann dieser minimalistischen Lösung sehr viel abgewinnen. Das Spiel mit dem Licht gelingt hingegen unterschiedlich gut. Einige Szenen sind von großer Poesie und Suggestivkraft, z.B. die Brautnacht, wenn vor dem Prospekt eines Sternenhimmels der leuchtende Halbkreis wie eine einsame Insel auf der ansonsten völlig dunklen Bühne schwimmt und Roméo und Juliette, völlig losgelöst von jeder Realität, ihre Liebe zelebrieren.
Jürgen Flimms Regie besteht eigentlich nur aus der zündenden (?) Idee, die Handlung ins späte 20.Jhdt. zu verlegen. Papa Capulet hat seine Geschäftsfreunde zum Geburtstag seiner Tochter geladen, die er wie einen Popstar vorführt und die ihr Auftrittslied denn auch in ein Mikro schmettert. Natürlich wird bei dieser Party nicht Menuett getanzt, sondern im Freistil rhythmisch die Glieder verrenkt, und die Straßengangs der Capulets und Montagues kreuzen später nicht elegant die Klingen, sondern springen hundsordinär mit Messern aufeinander los. Flimms Konzept ist in der Vergangenheit ein einziges Mal wirklich aufgegangen, als nämlich Anna Netrebko und Rolando Villazón hinreißend zwei hormonell verwirrte Discokids verkörperten, die inmitten der oberflächlichen Spaßgesellschaft plötzlich die wahre Liebe entdecken. Man muss einfach so jung wirken wie die beiden, so glaubhaft sein in der rasenden Besessenheit aufeinander, dass es in diesem Ambiente funktioniert, sonst wird leicht eine große Peinlichkeit daraus. (Ich sage nur Shicoff…)
Nun, peinlich waren Sonya Yoncheva und Piotr Beczala zwar absolut nicht, aber die große Verzauberung wollte sich bei mir trotzdem nicht einstellen. Dazu wirkten beide nicht unschuldig genug, fehlte vor allem der magische Moment, als Amors Pfeil ins Schwarze traf. Ich vermisste auch viele Details, die das Zusammenspiel von Netrebko und Villazón so einzigartig machte, das erotische Prickeln zwischen den beiden, das sich auch dem Zuschauer mitteilte. Ja, ich weiß, man soll nicht vergleichen, und normalerweise vermeide ich das auch, aber in diesem ganz speziellen Fall kann ich einfach nicht anders. Manchmal findet man eben seine Traumbesetzung, die nie wieder getoppt werden kann. Aber zurück in die Gegenwart, die so triste nun auch wieder nicht war, zumindest was das Liebespaar betraf.
Sonya Yoncheva kam zu ihrem Staatsoperndebut, weil die ursprünglich vorgesehene Nino Machaidze Mutterfreuden entgegensieht, und zwar schon in einem so fortgeschrittenen Stadium, dass die Juliette nun wirklich nicht gegangen wäre. Von der Optik und Spielfreude her ein absolut gleichwertiger Ersatz, konnte Frau Yoncheva das WSO-Publikum auch stimmlich im Sturm erobern. Ich sehe ihre Leistung ein wenig differenzierter als die enthusiastischen Jubler am Schluss. Eine angenehme Stimme, sehr höhensicher, auch mit der nötigen Fülle für die dramatischen Passagen, aber doch mit einem sehr deutlichen Vibrato behaftet, das Anlass zur Sorge gibt, was die nächsten Jahre betrifft. Schauspielerisch gefiel mir Sonya Yoncheva in der ersten Szene gar nicht, da wirkte sie mehr wie ein durchtriebenes Partyluder denn als unschuldiges und in Liebesdingen unerfahrenes Mädchen. Allerdings fand sie dann immer mehr in ihre Rolle hinein und gestaltete ihre große Arie "Amour ranime mon courage" mit großer Intensität, ebenso wie die Sterbeszene.
Piotr Beczala gab sein Hausdebut als Roméo und hatte leider nicht seinen besten Tag. Das ergibt aber bei der herausragenden Qualität dieses Sängers immer noch eine Leistung, von der viele seiner Tenorkollegen nur träumen können. Beczalas prachtvolle Stimme wies heute etliche Schwankungen auf, so als würden gelegentlich durchziehende Wolken die Strahlkraft trüben. Von einer Sekunde zur anderen klang dann sein so farbenreiches Timbre ein wenig ausgebleicht. Auch die Höhen gelangen dem Sänger heute unterschiedlich gut, einmal ziemlich verwackelt wie gleich am Anfang von "Ah, léve toi soleil" , die nächsten Spitzentöne dafür wieder ganz souverän. Aber das ist meckern auf hohem Niveau, denn wir erlebten heute zwar nicht den besten Piotr Beczala, aber immer noch einen ziemlich guten. Darstellerisch nahm ich Beczala den rasend verliebten Roméo nicht so ganz ab, aber ich habe ihn schon wesentlich unbeholfener erlebt als heute. Im Prinzip machte er es nicht schlecht, bloß ging er eben nie wirklich in der Rolle auf, spürte man immer deutlich das Bemühen, gut zu spielen. Außerdem hätte er sich nichts vergeben, wenn er uns ein bisschen mehr von seinem ja ganz und gar nicht schlecht gebauten Körper gezeigt hätte, denn ein beinahe vollständig bekleideter Roméo in der Hochzeitsnacht wirkt zumindest auf mich ein bisschen komisch. Nun ist sicher nicht jeder so exhibitionistisch veranlagt wie ein Rolando Villazón, der nach eigenem Bekunden diese Szene am liebsten nackt gespielt hätte, aber zumindest das Hemd könnte doch ein jeder ablegen. (Also, fast jeder – ein Johan Botha oben ohne muss z.B. nicht sein ….)
Über die restliche Besetzung gibt es leider nicht viel Gutes zu vermelden. Wirklich positiv kann ich nur Dan Paul Dumitrescu bewerten, der den Frère Laurent mit seinem weich strömenden Bass ausstattete und diesmal auch eine Rolle hatte, die zu seinem Phlegma passt.
Sein Debut an der WSO feierte auch Gabriel Bermúdez als Mercutio, aber ein Anlass zum Feiern bestand nach dieser mediokren Leistung ganz und gar nicht. Über weite Strecken hörte man entweder eine Art Sprechgesang oder gar nichts, der Rest war derart, dass man ihn lieber auch nicht gehört hätte. Wäre es eine GP gewesen, würde ich jetzt schreiben: "Gabriel Bermúdez hat ganz offensichtlich nur markiert und fällt daher aus der Bewertung," aber leider war es eben keine GP…..
Il Hong ließ als Capulet stimmlich und darstellerisch jede Autorität vermissen – von einem solchen Vater lässt sich keine Juliette zwangsverheiraten - , Dimitrios Flemotomos tat dem Tybalt vokale Gewalt an, Alexandru Moisiuc lieh dem Edelmann Duc seine ganz und gar nicht edle Stimme, und Juliette Mars konnte heute besser Radfahren als singen. (Ja, in dieser Inszenierung geht Stéphano unter die Pedalritter!) Sie war zwar nicht ganz so schwach wie ihre Kollegen, aber unter Blinden ist der Einäugige bekanntlich König.
Mit stürmischem Auftrittsapplaus wurde der Mann am Pult begrüßt, und auch zum Schluss schlug die Begeisterung für ihn ebenso hohe Wogen wie für Yoncheva und Beczala. Das galt aber nicht seiner Leistung, sondern seinem Namen: Placido Domingo versuchte sich wieder einmal als Dirigent….. Man erspare mir bitte eine detailliertere Kritik. Domingo war ein großer Tenor, einer der größten seiner Zeit, und es ist ein Jammer, dass ihm das nicht genügt.
Großer Jubel inklusive Blumensträuße wie gesagt für Sonya Yoncheva, Piotr Beczala und völlig unverdient auch für Placido Domingo, der Rest wurde mit Höflichkeitsapplaus bedacht, der bei Dumitrescu zu Recht kräftiger ausfiel, bei Bermúdez ebenfalls zu Recht am schwächsten war. In früheren Zeiten wäre er wohl mit einem Buhorkan abgefertigt worden.
Mein Fazit: Wieder einmal huldigt man an der WSO dem Irrglauben, zwei gute Sänger reichen für eine gute Aufführung!
Lg Severina :hello
Billy Budd (23.06.2013, 22:50): Heute war ich nach einer halben Ewigkeit wieder einmal in einer Walküre und erlebte eine gute Aufführung: Johan Botha zeigte trotz nicht optimaler Verfassung, dass er wohl der beste Interpret des Siegmund ist (einen Textaussetzer haben wir freundlicherweise überhört), Katerina Dalayman überraschte uns mit einer durchaus guten Leistung (ich erinnere daran, dass sie bei ihrem eher missglückten Debüt – vermutlich nach Vorschrift Thielemanns – noch am Tag der Aufführung proben musste), Tomasz Konieczny stellte einen „anderen“, aber dennoch imposanten Wotan auf die Bühne, wenngleich ihm beim Abschied die Kräfte auszugehen schienen, Anja Kampe setzte bei ihrer wichtigsten Stelle (dem „Hehresten Wunder“) bedauerlicherweise ziemlich aus, bot aber ansonsten eine solide Einspringerleistung (statt Martina Serafin), Ain Anger wächst immer mehr in den Hunding hinein und dank Mihoko Fujimura waren die Fricka-Stellen so, als ob es sie gar nicht gegeben hätte. Riesig habe ich mich auf Peter Schneider, der nächste Saison skandalöserweise nicht bei uns dirigiert, gefreut, doch was ist heute in ihn gefahren? Die Walküre ist an sich keine besonders aufregende Oper, die muss man nicht viel langsamer als notwendig dirigieren. Dennoch galt ihm stärkerer Applaus als den Sängern. Billy :hello
Jürgen (24.06.2013, 00:18): Original von Billy Budd Die Walküre ist an sich keine besonders aufregende Oper, ... Da kann man sicherlich unterschiedlicher Meinung sein.
Original von Billy Budd Die Walküre ist an sich keine besonders aufregende Oper, die muss man nicht viel langsamer als notwendig dirigieren Da verstehe ich den Zusammenhang nicht. Darf man nur aufregende Opern langsam dirigieren?
Grüße Jürgen
palestrina (24.06.2013, 07:14): "dass er wohl der beste Interpret des Siegmund ist " Du meinst doch das , hoffentlich nur auf die WSTO bezogen !?!?!?!?!?
LG palestrina
Billy Budd (24.06.2013, 13:41): Original von Jürgen Original von Billy Budd Die Walküre ist an sich keine besonders aufregende Oper, ... Da kann man sicherlich unterschiedlicher Meinung sein. Die Walküre hat wunderbare Stellen, aber beispielsweise die endlose Konversation zwischen Wotan und Fricka ist doch ziemlich öd.
Original von Jürgen Original von Billy Budd Die Walküre ist an sich keine besonders aufregende Oper, die muss man nicht viel langsamer als notwendig dirigieren Da verstehe ich den Zusammenhang nicht. Darf man nur aufregende Opern langsam dirigieren? Das war von mir unglücklich formuliert; ich habe gemeint, dass man eine Oper, die auch mehrere langweilige Stellen hat, nicht so in die Länge ziehen muss. Billy :hello
Billy Budd (24.06.2013, 13:42): Original von palestrina "dass er wohl der beste Interpret des Siegmund ist " Du meinst doch das , hoffentlich nur auf die WSTO bezogen !?!?!?!?!?
LG palestrina Nein. Ich wüsste keinen, der das besser singt. Billy :hello
Billy Budd (24.06.2013, 23:33): Renée Fleming war nicht zum Aushalten (warum gerade sie die Gräfin gepachtet hat und nicht wenigstens einmal die Isokoski, die hier das Maß aller Dinge sein müsste, zu hören ist, bleibt wahrscheinlich ein wohlgehütetes Geheimnis der Direktion), Bo Skovhus wird zwar nicht jünger, machte als Graf aber brauchbare Arbeit, Michael Schade trübte den Genuss mit seiner hohlen Art der Tonbildung und seiner Angewohnheit, Silben zu verschlucken (und in dieser Oper ist der Text sehr wichtig!), Markus Eiche war mit Abstand der beste Sänger, Kurt Rydl war sowohl durch sein Gewaber und Gebelle, als auch durch seine Schlampigkeit eine Zumutung und zu Angelika Kirchschlager fällt mir nur das Zitat Flamands „Könnte sie auch singen, wäre sie unwiderstehlich“ ein. In den Nebenrollen erfüllten Michael Roider (Monsieur Taupe), Clemens Unterreiner (Haushofmeister), Íride Martínez (Sängerin) und Benjamin Bruns (Tenor) ihre Aufgaben zufriedenstellend. Christoph Eschenbach hingegen sorgte dafür, dass die Vorstellung dieses in Wahrheit vor Humor und Tiefsinnigkeit sprühenden Werkes doch ziemlich langweilig wurde. Billy :hello
Billy Budd (26.06.2013, 23:16): „Einmal Tristan reicht“, habe ich beschlossen, was ich seit heute gewaltig bereue, zumal in dieser Serie eine herausragende Besetzung (nebst einer wunderbaren Inszenierung) aufgeboten wird und ich dieses mir vorher unbekannte Werk zu meiner liebsten Wagner-Oper erkoren habe. Nina Stemme und Peter Seiffert sind das Maß aller Dinge (ich kann mir nicht vorstellen, dass diese mörderischen Rollen besser gesungen werden können), Jochen Schmeckenbecher war ein ausgezeichneter Kurnewal, Stephen Milling ein Marke, der die Rolle sang, anstatt sie im Rydl-Stil zu brüllen (über die paar nicht erreichten hohen Töne kann man hinwegsehen) und Janina Baechle eine sehr gute Brangäne. Marcus Pelz (Steuermann) und Jinxu Xiahou (Seemann) waren für die beiden kleinen Rollen Luxusbesetzungen, nur Eijiro Kai (Melot) und Carlos Osuna (Hirt) waren zwar schlecht, trübten den überwältigenden Gesamteindruck nicht. Franz Welser-Möst wurde in etwa gleichermaßen mit Bravo- und Buh-Rufen bedacht, wobei letztere angemessener waren. Auf diese Neuproduktion kann das Opernhaus stolz sein! Billy :hello
Billy Budd (27.06.2013, 23:33): Gestern tat ein Freund kund, er betrachte diesen Tristan als würdigen Saisonabschluss und ... auf das Capriccio - hätte ich es nur auch so gemacht, aber so gescheit war ich leider nicht. Eine schlechte Aufführung wird nicht besser, indem man sie zweimal hört (Ausnahme: Kurt Rydl, der sich in einer deutlich besseren Verfassung präsentierte). Billy :hello
Billy Budd (28.06.2013, 16:43): Wen es interessiert: Eine Aufnahme (ich nehme an, es ist ein Zusammenschnitt aus allen drei Vorstellung, die bei allen gefilmt wurde) ist hier noch sechs Tage anhörbar.
Dieser Text ist aber ein absoluter Blödsinn: Auch die Besetzung verspricht ein fulminantes Erlebnis der Extraklasse: Renée Fleming als Gräfin, Bo Skovhus, ihr Bruder; Michael Schade als Musiker Flamand und Angelika Kirchschlager als Schauspielerin Clairon. Weiters mit dabei: Kurt Rydl, Michael Roider und Daniela Fally. Fally hat nämlich gar nicht gesungen, der mit Abstand beste Sänger (Eiche) wird da nicht genannt - wohl aber die grauenhafte Fleming -, aber von der "Qualität" dieser Serie kann sich ja jeder einen Eindruck verschaffen. Billy :hello
Billy Budd (30.06.2013, 12:07): Was Thomas Moser aber abgeliefert hat, war dermaßen unter jeder Sau (um drei Klassen schlechter als im Vorjahr, und da wars nicht gut) - darunter litt die Vorstellung ordentlich. (Bericht zur Salome am 11. Feb. 2013) Thomas Moser, der mittlerweile 68 ist, hat seine Karriere beendet. Gut so!
Ab Herbst sollen "luxuriös besetzte Vorstellungen" "international via Internet in HD-Qualität abrufbar sein". Quelle.
Übrigens kommt angeblich 2014 ein neuer Rigoletto (total unnötig!!); im April 2014 wird die alte Inszenierung nochmals gespielt.
Thielemann wird im Herbst 2014 die Ariadne vergewaltigen - leider singen da Isokoski und wahrscheinlich auch Smith, ich sollte also doch hingehen. Billy :hello
Billy Budd (30.06.2013, 22:53): Hätte man nicht gerade Franz Welser-Möst herumfuhrwerken lassen, wäre es ein würdiger Abschluss dieser sehr durchwachsenenen Saison geworden: Linda Watson sprang für Katarina Dalayman ein und kam so zum längst überfälligen Wiendebüt ihrer erklärten Lieblingsrolle. Wiewohl sie nicht mehr die Jüngste ist (ich weiß es nicht, vermute aber, dass sie schon auf die Sechzig zugeht) und mancher Spitzenton ein bisschen leiert, verfügt sie nach wie vor über genügend vokale Kraft, um die Irische Maid hervorragend zu interpretieren. Peter Seiffert war ihr ein ebenbürtiger Partner – auch bei ihm war gelegentlich ein Leiern zu bemerken, über das aber angesichts einer ansonsten vollkommen überzeugenden Leistung ohneweiters hinweggesehen werden kann. Stephen Milling gab auch heute einen bemerkenswerten Marke, aber Janina Baechle erfällte die in sie gesetzten Erwartungen nicht vollständig. Diese vier Sänger werden auch im September in diesen Rollen zu hören sein. Ferner war Jochen Schmeckenbecher ein sehr guter Kurwenal und die Interpreten der kleinen Rollen (Eijiro Kai, Jinxu Xiahou, Carlos Osuna und Marcus Pelz) vermochten teils mehr, teils weniger zu überzeugen. Den Künstlern ward sehr langer Applaus beschieden – sie zeigten sich auch nach dem Fallen des Eisernen Vorhanges von der Seite, bis auch der letzte Besucher das Klatschen einstellte. Billy :hello
Billy Budd (04.09.2013, 23:27): Eigentlich war ich heute nur in der Oper, um nach langer Zeit endlich wieder mit Hyacinth reden zu können, denn die Besetzungsliste ließ keine hörenswerte Vorstellung erwarten, wo ich mich aber gewaltig getäuscht habe: Für die größte Überraschung sorgte Roberto Alagna, der trotz des Einspringens (für Lance Ryan) einen bemerkenswerten José gab. Obgleich er nicht mehr der Jüngste ist, bot er eine sehr gute gesangliche Leistung und eine beeindruckende Gestaltung (abgesehen davon, dass er seinen letzten Ton im 2. Akt viel zu lang aushielt). Für diese Rolle ist er gewiss eine Idealbesetzung. Eine gewisse Rinat Shaham stellte sich heute dem Wiener Publikum in der Titelrolle vor. Ihre Stimme klingt zwar in den verschiedenen Lagen ziemlich unterschiedlich, aber sie erfüllte ansonsten die Anforderungen der Rolle. Was die schauspielerische Leistung betrifft, ist ihr Prüderie nicht vorzuwerfen. Weniger überraschend, aber nicht minder erfreulich war die Darbietung von Laurent Naouri als Escamillo, der heute sein längst überfälliges Hausdebüt nachgeholt hat. Anita Hartig passte in der relativ unproblematischen Rolle der Michaela (einen viel zu scharf gekreischten Ton haben wir überhört). In den kleinen Rollen fielen Jongmin Park (Zuniga) und Ileana Tonca (Frasquita) positiv auf, was den restlichen Sängern (Juliette Mars, Gabriel Bermúdez, Sebastian Kohlhepp und Mihail Dogotari) nicht zu attestieren ist. Der Kinderchor machte seine Sache ausnahmsweise sogar gut, allerdings wurde wohl auf zumindest eine Probe verzichtet (im 2. Akt gabs ein peinliches Tohuwabohu). Dan Ettinger ließ es ordentlich krachen. Billy :hello
Severina (12.09.2013, 01:18): Mit der "Tosca" startete ich heute in die neue Opernsaison, und dieser Auftakt verlief durchaus erfreulich. Wollen wir hoffen, dass das ein gutes Omen ist!
Zum 565. Mal wurde heute die Wallmann-Produktion auf die Bühne gehievt, da erübrigen sich wirklich alle Bermerkungen zu einer Regie, die nicht einmal mehr in Ansätzen vorhanden ist. Aber auch wenn das, was heute in den inzwischen von vielen als Kult betrachteten Kulissen stattfand, vermutlich kaum mehr etwas mit den ursprünglichen Intentionen zu tun hat, so muss man immerhin lobend erwähnen, dass überhaupt etwas stattfand - das ist nämlich nicht immer so. Wie viele öde Stehpartien musste ich in den letzten Jahren in dieser Nicht-Inszenierung über mich ergehen lassen! Heute wurde hingegen nicht nur miteinander gesungen, sondern auch miteinander gespielt, und die Sorgfalt, die auch auf kleine Szenen gelegt wurde, lässt auf eine intensivere Probenarbeit schließen, als das bei Repertoireaufführungen üblich ist.
Als Beispiel möchte ich die Stelle anführen, in der Cavaradossi den Schließer mit seinem Ring besticht, damit ihn der entgegen der Vorschrift einen Abschiedsbrief an Tosca schreiben lässt. Normalerweise passiert da nicht viel, die beiden liefern ihre Noten ab, der Maler händigt den Ring aus, basta! Wie fein herausgearbeitet war das hingegen heute: Cavaradossis Bitte wird vom Schließer zunächst energisch und dann immer laxer zurückgewiesen, der Gewissenskonflikt, ob er sich nun bestechen lassen soll oder nicht, findet in kleinen Gesten und der entsprechenden Mimik seinen Ausdruck - Alexandru Moisiuc macht das wirklich ganz prima - dann die ängstlichen Blicke beider, ob der Wächter auf der Mauer etwas mitbekommen hat und schließlich die Ringübergabe: Sie rücken unmerklich immer näher zusammen, und dann wandert das corpus delicti ganz verstohlen von Hand zu Hand. Und da gab es viele ähnliche Momente, wo ich ganz erstaunt dachte. "Hoppla, was machen die denn heute?"
Auch die Tosca der Angela Gheorghiu überraschte mit vielen sinnfälligen Details, die sie möglicherweise von anderen Produktionen mitgebracht hat. Selbst mit den mimisch nicht übermäßig begabten Herren Marcelo Alvarez und Zeljko Lucic konnte man zufrieden sein, von Letzterem war ich diesbezüglich wirklich positiv überrascht. Das war von allen dreien ein wirklich spannendes und stimmiges Zusammenspiel.
Nicht ganz so ungetrübt war mein Vergnügen an den vokalen Leistungen, obwohl auch die deutlich über dem lagen, was ich in der letzten Saison zumeist erdulden musste. Aber die Sternstunde, als welche diese "Tosca" von den meisten Kritikern bejubelt worden ist, war sie für mich nicht. Sehr gut, das ja, aber nicht das Non-plus-Ultra!
Angela Gheoghiu und Marcelo Àlvarez wurden als "Heimkehrer" bejubelt, denn beide hatten sich mit Holender verkracht und daher seit vielen Jahren nicht mehr an der WSO gesungen.
Bei Marcelo Àlvarez bedauerte ich das sehr, denn er hinterließ speziell im Verdifach eine große Lücke. Wie er mit heldischem Aplomb die Spitzentöne attackiert, wobei er sich in der Höhe erst so richtig wohlzufühlen scheint - kein Anzeichen, dass die da Stimme eng und scharf wird - macht ihm keiner seiner aktuellen Tenorkollegen so schnell nach. Daher kann er beim "Vittoria!" natürlich so richtig schön auftrumpfen, das ist Stimmritzenprotzerei in Reinkultur! Trotzdem gehört Àlvarez nicht in die von mir verhasste Liga der Brüllaffen - er dreht auf, wo es die Rolle erfordert, aber es stehen ihm auch ähnlich eindrucksvolle Legati und Piani zur Verfügung. (Dass Letztere heute nicht immer so rund und voll klangen, wie man es von ihm gewohnt ist, lag vielleicht an der Allergie, wegen der er sich anfangs entschuldigen ließ.)
Auf die Heimkehr von Angela Gheorghiu hätte ich im Vorfeld gerne verzichtet, ich muss aber gestehen, dass sie mich heute als Gesamtpaket überzeugt hat. Zählte sie für mich früher zu den seelenlosen Singautomaten - technisch perfekt, aber ohne Emotionen - überraschte sie mich mit ihrem nuancierten, ausdrucksstarken Singen und vor allem einer wirklich mitreißenden Rolleninterpretation. Ihr Timbre mochte ich schon immer, nur litt der Wohlklang unter dem Eispanzer, unter dem alle Gefühle begraben lagen. Der scheint auf wunderbare Weise geschmolzen zu sein, denn heute bot Frau Gheorghiu alles auf, was eine Tosca ausmacht: Die eifersüchtige Diva ebenso wie die verzweifelt um das Leben ihres Mario kämpfende Liebende. Woran es ihr nach wie vor mangelt, ist die nötige Durchschlagskraft. Ihre Stimme ist für ein Haus wie die WSO schlicht zu klein, und obwohl mit Marco Armiliato einer der einfühlsamsten Sängerbegleiter am Pult stand, ging sie mehr als einmal im Orchester unter. So verpuffte z.B. der exaltierte Ausbruch im ersten Akt, als Tosca in den Zügen der Maddalena eine vermeintliche Nebenbuhlerin entdeckt, ziemlich wirkungslos, denn man hörte nur die ersten Silben "D'Atta.......", "...vanti" musste man sich dazu denken. Damit fehlt aber eine wesentliche Facette im Charakter der Floria Tosca. Wo die Gheorghiu fast a cappella singen kann, gelingen ihr ganz wunderbare Phrasen, so auch im "Vissi d'arte", bei dem allerdings der Gesamteindruck durch ein völlig überflüssiges Schluchzen getrübt wurde. (Ihr wisst schon, ich hasse so etwas!) Außerdem sprach sie das berühmte "Avanti a lui tremava tutta Roma!" so seltsam abgehackt und indifferent wie noch keine Tosca vor ihr. Welche Gefühle sie damit zum Ausdruck bringen wollte - falls überhaupt - teilte sich zumindest mir nicht mit. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass Frau Gheorghiu mit dieser Stimme eine große Verdi-Partie singen könnte, wo das Orchester nicht nur zarte Klangteppiche malt wie bei Puccini, sondern ordentlich los legt und selbst gewaltige Röhren hin und wieder in Bedrängnis bringt.
Sehr skeptisch war ich auch bezüglich des Dritten im Bunde, Zeljko Lucic. Ich liebe Lucics weiche, einschmeichelnde Stimme, ich schätze seinen stets kultivierten Vortrag ohne jede Kraftmeierei, doch sind dies Vorzüge, die in meinen Augen nicht wirklich zum Scarpia passen. Den wünsche ich mir mit mehr Schwärze und vor allem eindrucksvollen Attacken, der muss es speziell im ersten Akt so richtig knallen lassen können. Das kann Lucic nicht, und klugerweise versuchte er es auch gar nicht. Er zwingt seine Stimme nicht zu Ausbrüchen, die sie nicht hergibt, er legt den Scarpia daher nicht als den üblichen Brutalo mit Stentortönen an, sondern als Tyrann mit der feinen Klinge: Zynismus heißt seine Waffe, die er meisterlich einsetzt. Herrlich etwa, wie viel scheinheilige Entrüstung er in die zwei Worte"In chiesa!" legen kann - das kommt ganz leise, beinahe verhalten, aber mit welchem Ausdruck! Lucics gelingt es, mit vielen Zwischentönen und sinnreichen Betonungen ein zwar anderes, ungewohntes, aber in sich schlüssiges Bild der gefürchteten Polizeichefs zu zeichnen. Während ein Raimondi, Ramey, Milnes - die großen Scarpias der Vergangenheit - wie tollwütige Hunde auf ihre Opfer losfuhren, hat Lucic etwas von einer lauernden Katze, die sogar schmeicheln kann, bevor sie die Krallen ausfährt und zubeißt. Nun gibt es in der "Tosca" eine Szene, in welcher der Scarpia stimmliche Potenz demonstrieren muss. Beim "Te deum" nützt ihm alle Nuancierungskunst nichts, da muss er zumindest mit den Orchesterfluten mithalten können - übertrumpfen können es die wenigsten Sänger. (Selbst ein Raimondi musste da hart kämpfen!) Und hier stößt Lucic wirklich an seine Grenzen, dafür reicht sein Stimmvolumen ganz klar nicht. Er versucht es zwar tapfer, aber vergeblich. Da kann auch der Dirigent nicht helfen, denn beim Te deum MUSS das Orchester einfach gewaltig aufrauschen, sonst ist der ganze Effekt im Eimer. (Deshalb fand ich den Zwischenrufer, der Armiliato nach der Pause mit einem "Nicht so laut!" empfing, ziemlich daneben. Er hat wirklich das Menschenmöglichste getan, um die Philis so im Zaum zu halten, dass Lucic und vor allem Gheorghiu nicht untergingen.)
Köstlich wie immer Alfred Srameks Mesner. Der stimmliche Zustand dieses WSO-Pensionisten könnte manchen jüngeren Kollegen vor Neid erblassen lassen, denn erstens ist sein schönes Timbre noch völlig intakt und zweitens bringt er es ohne jedes Vibrato zum Klingen. Eine derart ruhige Stimmführung ist bei einem Sänger dieses Alters wirklich bemerkenswert.
Alexandru Moisiuc verzeihe ich für die oben gerühmte Ringszene alles, was stimmlich vielleicht nicht so topp war, Janusz Monarcha hörte man die Strapazen der Kerkerhaft deutlich an, Benedikt Kobel nervte mich als Spoletta weniger als sonst und Marcus Pelz fiel mir als Sciarrone weder positiv noch negativ auf.
Über Marco Armiliatos Dirigat habe ich mich schon geäußert, er wob genau den Klangteppich, auf dem die Stimmen und Stimmchen bestens zur Geltung kamen. Er zählt zu den Maestri, die nicht ihre Profilierungsneurosen pflegen, sondern in erster Linie optimale Bedingungen für die Sänger schaffen wollen und dafür gebührt ihm ein lautes Bravo!!!!
Mein Fazit: Auf dem Niveau dieser "Tosca" sollte es weiter gehen!
lg Severina :hello
Mime (21.09.2013, 16:17): Vielen Dank Severina für deinen hervorragenden und sachkundigen Bericht. Ich sollte auch mal wieder nach Wien fahren...
:hello
Severina (28.09.2013, 01:06): Wenn meine liebste Verdioper mit meinen liebsten Interpreten für die Titelpartie und seinen Gegenspieler Fiesco auf dem Programm steht, muss ich natürlich schon bei der ersten Vorstellung der Serie dabei sein, auch wenn ich das normalerweise vermeide, weil da manchmal noch nicht alles so rund läuft. Auch heute gab es kleinere und größere Pannen: So vergaß Fiesco im Prolog die Türe seines Palastes hinter sich zu schließen, was zu der nicht ganz komikfreien Situation führte, dass Simone das Portal erst zuwarf (ziemlich unwirsch, wie mir schien), dann heftig daran pochte, um schließlich festzustellen, dass es offen ist. Wäre Hampson ein wenig geistesgegenwärtiger gewesen, hätte er sich dem Palast eben langsamer als sonst genähert, auf das Klopfen verzichtet und wäre bei "Dischiuse son le porte!" schlicht und einfach eingetreten.
Der Rollendebütant Calleja suchte bei seinem zweiten Auftritt seinen Duettpartner Fiesco zunächst auf der rechten Seite, der stand aber links, und Pietro/Dumitrescu musste wenig später einen Spurt über die halbe Bühne hinlegen, um noch rechtzeitig vor den sich schließenden Vorhang zu gelangen, wo seine Unterredung mit Paolo stattfand. In der Ratsszene schließlich geriet das harmonische Zusammenwirken von Chor, Solisten und Orchester kurzfristig in eine bedrohliche Schieflage, sodass der Souffleur mit beiden Händen für Ordnung sorgen musste, die dann auch heftig flatternd über dem Rand seines Kabäuschens sichtbar wurden. Intensiv geprobt wurde für diese Serie wohl nicht…
Andererseits müssen sich die Beteiligten auch nicht allzu viel merken in dieser recht statischen Inszenierung von Peter Stein. Besonders die einfallslose Chorführung ärgert mich von Mal zu Mal mehr, denn außer dass ein Teil von links nach rechts rennt und der andere in die Gegenrichtung, wobei Kollisionen nicht ganz auszuschließen sind, passiert nichts. Kommen die Damen und Herren dann zum Stillstand, stecken sie mit zwei symmetrischen Blöcken quasi den Aktionsrahmen für die Solisten ab.
Aber ich überspringe weitere Regiepeinlichkeiten und widme mich dem Wichtigsten, nämlich den Sängern. Die ersten Minuten verliefen etwas enttäuschend, denn Rollendebutant Adam Plachetka begann extrem nervös und fand erst im Laufe des Abends zu einer ruhigeren Stimmführung. Dass der ansonsten engagierte Darsteller mit dem Paolo offensichtlich nur wenig anfangen kann, erstaunte mich besonders. Ich belasse es jetzt dabei, denn ich werde mir sicher noch eine Vorstellung dieser Serie anschauen und kann danach beurteilen, was heute Lampenfieber wegen des Debuts oder schlichtes Unvermögen gewesen ist.
Aber Ferruccio Furlanetto ließ mich den schwachen Auftakt rasch vergessen, denn sein Fiesco war wieder eine Klasse für sich. Nun verfügt der Italiener sicher nicht über die profundeste Tiefe und den schwärzesten Bass, aber die Stimmungsmalerei, die er mit den reichlich vorhandenen "Restfarben" betreibt, berührt mich immer wieder. Keiner legt so viel abgrundtiefe Verzweiflung in sein "A te l‘ estremo addio" – das geht mir jedesmal durch und durch – und diese Verzweiflung prägt auch noch seinen wütenden Zusammenstoß mit dem Verführer seiner Tochter. Und wie viel Verachtung spricht aus seinen Worten an Paolo! Furlanetto braucht beim "Piango!" im 3. Akt nicht schluchzen, er kann die Tränen quasi mitsingen, und von dieser Kunst können sich seine Kollegen, die sich bei solchen Szenen in melodramatischer Flennerei suhlen, eine dicke Scheibe abschneiden.
Wie immer war die Szene zwischen Fiesco und Simone im Prolog der erste Höhepunkt des Abends. Mit Furlanetto und Hampson prallen da zwei Singschauspieler aufeinander, die in offenem Schlagabtausch ihre Kräfte messen, durchaus auch in vokaler Hinsicht, und wen das nicht mitreißt, dem ist nicht zu helfen.
Thomas Hampson ist für mich zur Zeit die Idealbesetzung für den Simone, ich wüsste keinen, der mich als Gesamtpaket mehr überzeugt. Lucic kann zwar mit einer weicheren und intakteren Stimme punkten, doch fehlt es ihm an Persönlichkeit, Nucci ist über seinen Zenit längst hinaus und über Domingos Ausflüge ins Baritonfach will ich mich hier lieber nicht auslassen :ignore. Klar lassen sich die Gebrauchsspuren an Hampsons Stimme nicht völlig ausblenden, aber das machte sich in der Vergangenheit viel störender bemerkbar. Er scheint die kritische Phase überwunden zu haben, in der er sein Heil im Forcieren suchte und jede Partie auf Teufel komm raus über den gleichen veristischen Kamm schor, er singt wieder anstatt zu schreien, und siehe da, plötzlich klingt die Stimme wieder anstatt zu scheppern. Was dieses Wunder bewirkt hat, vermag ich nicht zu sagen, aber ich registriere es mit großer Freude. Freude konnte man auch mit Hampsons heutiger Leistung haben, auch wenn ihn im 3. Akt etwas die Kräfte verließen und sich allmählich ein Grauschleier über seinen bis dahin so farbenreichen Bariton legte. Aber ich mache es jetzt wie die Berufskritikaster, die bei einer solchen Sachlage immer zu schreiben pflegen, dass zu einem Sterbenden auch eine sterbende Stimme passt. Und vor der Intensität, mit der Hampson Simones langen Kampf gegen das schleichende Gift in seinem Körper gestaltet, verstummt sowieso jeder Einwand. Er spielt das so schlicht, so einfach, ohne konvulsische Zuckungen (Ich habe schon Simone erlebt, deren 3. Akt ein einziger Veitstanz gewesen ist…), ganz von Innen heraus, und rührt mich damit jedesmal zu Tränen.
Joseph Calleja gab sein WSO-Debut als Gabriele Adorno. Dass ich mit diesem maltesischen Tenor nichts anfangen kann, weiß inzwischen wohl jeder hier. Ich gehe ihm deshalb nach Möglichkeit aus dem Weg und habe ihn heute daher nach längerer Zeit wieder gehört. Die Stimme ist inzwischen kerniger geworden, metallischer, trotzdem muss man neidlos anerkennen, dass auch die Piani noch bestens funktionieren. Es hilft aber alles nichts, der Zauber von Callejas Timbre, das seine Fans so entzückt, versagt bei mir und evoziert gemeinsam mit diesem nervigen Meckervibrato das ziemliche Gegenteil von Entzücken. Es gibt Stimmen, an die ich mich im Laufe einer Aufführung gewöhne, sodass ich sie am Ende gar nicht mehr so schlimm finde wie am Anfang, bei Calleja trifft das nicht zu. Je länger ich ihm zuhören muss, umso größer werden meine Aversionen gegen ihn. Als darstellerische Nullnummer kann er mich auch mit seinem Spiel nicht versöhnlicher stimmen. (Soll ich jetzt ganz boshaft sein und sagen, er hätte das Geld für seine Haartransplantation lieber in einen Schauspiellehrer investieren sollen??? :ignore) Das Publikum reagierte eher verhalten auf seine Arie "Cielo pietoso…", in den Höflichkeitsapplaus mischten sich nur zwei drei einsame Bravos, bei seinem Solovorhang erntete er aber doch großen Jubel. (Nicht so großen allerdings wie seine Kollegen von der tieferen Zunft!)
Es heißt zwar „Ladies first“, aber als die Schwächste im Bunde bildet Tamar Iveri das Schlusslicht. Im Unterschied zu Calleja, dessen Stimme mir schlicht nicht gefällt, dem ich aber seine gute Technik nicht abspreche, scheint es bei Frau Iveri gerade daran zu kranken. Sie plagt sich in den Höhen, die sich dann dementsprechend unangenehm in die Gehörgänge bohren, und verkrampft teilweise schon vor den Spitzentönen, sodass man deutlich fühlt, das kann nicht gut gehen. So geschah es auch bei ihrer Auftrittsarie, nach der zunächst niemand applaudierte. Da der Dirigent aber damit gerechnet hatte und das Orchester anhielt, breitete sich peinliche Stille aus, erst in die anhebende Musik hinein regten sich ein paar mitleidige Hände. Ich muss gestehen, dass mich Frau Iveri ähnlich wie Calleja mit der Dauer der Aufführung immer mehr nervte. Ganz alleine dürfte ich mit meiner negativen Einschätzung aber nicht stehen, denn während am Schluss die männlichen Solisten mit Bravos überschüttet wurden (Sogar Plachetka erfuhr große Zustimmung, was mich doch etwas erstaunte!) , reichte es für Frau Iveri nur zu starkem Applaus.
Bleibt noch der Dirigent, Alain Altinoglu. Ich habe schon etliche sehr schöne Dirigate von ihm erlebt, das heutige zähle ich nicht unbedingt dazu. Einmal irritierten mich etliche Zäsuren, in denen aber die Spannung nicht gehalten wurde, noch mehr störte mich aber die plakative musikalische Untermalung zu Amelias Auftrittsarie, die so penetrant leierkastenartig daherkam, wie es dieses Meisterwerk von Verdi wahrlich nicht verdient.
Mein Fazit: Ein klarer 2:0 Kantersieg von Bass und Bariton gegen Sopran und Tenor!!!
Lg Severina :hello
stiffelio (28.09.2013, 12:30): Liebe Severina, vielen Dank für diesen Bericht über eine Aufführung, die sicher auch für mich ein Highlight gewesen wäre. Furlanetto ist tatsächlich der expressivste aller Fiescos, die ich kenne. Da kann nicht einmal Scandiuzzi mithalten, der mich wie im anderen Thread beschrieben, momentan mit seinem noch tieferen Timbre bezaubert. Wie schön, dass der Ausnahmeschauspieler Hampson dir nun auch stimmlich wieder besser gefällt. Wie würdest du ihn im Vergleich mit der TV-Ausstrahlung vom Don Carlo stimmlich beurteilen? Hat er in Wien noch zulegen können?
VG, stiffelio
Severina (29.09.2013, 10:26): Liebe Stiffelio,
bis zum letzten Akt gab es an Hampson absolut nichts auszusetzen, dann machten sich, wie schon gesagt, Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Posa ist natürlich eine kürzere Partie, der darf schon einen Akt früher sterben :wink, während beim Simone wesentlich mehr Durchhaltevermögen erforderlich ist.
Von der Parma-Serie habe ich bisher nur "Rigoletto" und gestern den "Don Carlos" ganz gesehen (leider waren just die letzten beiden Wochenenden sehr turbulent, und auch heute Nachmittag bin ich unterwegs :(). Der "Rigoletto" war OK, DC hingegen fand ich stebenslangweilig inszeniert und auch von der Besetzung her nicht so toll. Malagnini ein schon sehr alt wirkender Carlo, dem man den jungen Heißsporn absolut nicht abnahm, und die große Szene mit Elisabetta ließ daher jedes Prickeln vermissen. Heute freue ich mich um 22 Uhr 30 auf den "Trovatore" mit Marcel Alvarez! Aber das ist hier sehr OT, vielleicht schreibe ich dann im TV-THread etwas darüber!
lg Severina :hello
Giovanna (29.09.2013, 18:17): Hallo Severina,
ich lese Deine Berichte über die verschiedensten Opernaufführungen immer mit großem Interesse, vor allem, da ich bei den Sängern einen sehr ähnlichen Geschmack habe (auch bei Calleja :ignore). Daher bin ich auch auf die Beurteilungen immer recht gespannt, zumal ich eher selten die Gelegenheit habe, eine Oper "live" zu sehen / hören.
Viele Grüße Giovanna :hello
Billy Budd (29.09.2013, 23:57): Peter Seiffert hat bekanntlich bessere und schlechtere Abende. Letzten Mittwoch hatte er, wie ich aus sicherer Quelle erfuhr, einen der letzteren, aber heute demonstrierte er, dass seine besseren Tage auch fulminante Leistungen zufolge haben können. Laudationes zu schreiben, liegt mir nicht, weshalb ich mich beschränke mitzuteilen, dass heute wirklich alles passte. Die schwierige Partie wurde mit riesiger Intensität wortdeutlich gestaltet, sodass kein Wunsch offen blieb. Trotz des lauten Dirigenten schaffte er es, die Partie durchgehend zu s i n g e n, anstatt sie zu brüllen. Für die heutige Darbietung gebührt ihm größte Hochachtung, was das Publikum auch entsprechend zu honorieren wusste. Mit Linda Watson, die sich ebenfalls im Vergleich zum Juni noch verbessern konnte, wurde ihm eine beinahe ebenbürtige Isolde zur Seite gestellt. Es wäre schön, diese „echte“ Wagner-Heroine öfters hören zu können. Freilich ist bei einem grandiosen Hauptrollenpaar der Abend mehr oder weniger gelaufen, doch wollen wir die kleineren Partien nicht außer Acht lassen: Stephen Milling schmiss leider mehrere hohe Töne, bot aber ansonsten durch bedachte Gestaltung (er verzichtete darauf, den Marke im Rydl’schen Stil zu brüllen, sondern bot ein eindrucksvolles Charakterportrait eines verletzten Mannes – das laute „Verrat“ hob sich nachdrücklich vom restlichen Gesang ab) ein passendes Rollenportrait. Janina Baechle schien als Brangäne noch ein wenig angeschlagen und Markus Eiche, der im Ensemble unbegreiflicherweise nicht mehr gebraucht wird, sang einen exzellenten Kurwenal (dass er kein Schauspieler ist und deshalb übertrieb, kann man außer Acht lassen). Marcus Pelz passte als Steuermann, während Pavel Kolgatin (Seemann) und James Kryshak (Hirt) schwer hörbar waren. In keiner Weise war Gabriel Bermúdez als Melot akzeptabel – er scheint sich als ein weiterer sinnloser (weil im Ensemble Alternativen zuhauf vorhanden) Import zu entpuppen. Dank Franz Welser-Möst wurde alles recht laut, aber wenigstens nicht kaputt. Ziemlich peinlich agierte der Solo-Trompeter im dritten Akt.
P.S.: Nach guter, alter Tradition wurden die jeweils aktuellen Hochrechnungen von den Billetteuren ausgehängt. Billy :hello
Severina (01.10.2013, 23:31): Der berüchtigte rosa Zettel grinste mir entgegen, als ich mich dem Portal der Oper näherte, und das bedeutete eine Umbesetzung :B "Bitte lass es nicht Hampson oder Furlanetto sein!" betete ich zum Musensohn Apollo. Er hatte ein Einsehen und mein noch eben bange klopfendes Herz machte einen Freudensprung: Joseph Calleja hatte wieder einmal das Handtuch geworfen (Gibt's eigentlich EINE Serie an der WSO, in der er nicht zumindest eine Vorstellung abgesagt hat???), und natürlich wäre mir (fast) jeder Ersatz lieber als er gewesen, aber Stefano Secco zählte sogar zum brauchbaren.
Ansonsten will ich mich heute kurz fassen:
Furlanetto war Spitze wie schon bei der ersten Vorstellung, Hampson in der Schlussszene besser, aber davor einige Male für meinen Geschmack ein bisschen zu laut. (Die alte Krankheit...) Aber die Ratsszene erzeugte wieder Gänsehaut pur, da findet er immer exakt die richtige Dosis zwischen autoritärem Poltern und emotionalen Appellen für seinen Friedenskurs.
Nicht so nervig empfand ich diesmal Tamar Iveri, sie hatte ihren Sopran besser im Griff, die Spitzentöne klangen weniger angestrengt und schrill.
Einspringer Stefano Secco gab mit dem Gabriele Adorno sein Rollendebut an der WSO. Vor einigen Jahren hat er mir in einer SB-Übertragung aus Paris in dieser Partie sehr gut gefallen, inzwischen hat sein Timbre doch sehr an Glanz verloren. Es klingt - nomen est omen - etwas trocken. Was Secco beherrscht, sind kraftvolle Höhen, Piani liegen ihm dafür weniger. "Cielo pietoso" hätte mich ohne einige angeschluchzte Töne mehr beeindruckt, das Publikum spendete ihm aber lebhaften, mit Bravi durchsetzten Beifall dafür. "Un assassin son io!" kam aus Seccos Mund gottlob nicht so beiläufig wie bei Calleja, der es überhaupt nicht hervorgehoben hatte, sondern war wirklich eine verzweifelte Selbstanklage.
Adam Plachetka, konnte sich zwar auch ein bisschen steigern, aber in letzter Zeit macht sich bei ihm ein für einen so jungen Sänger bedenkliches Vibrato bemerkbar. Aber die Gefühlseruptionen des Paolo gelangen ihm heute wesentlich überzeugender.
In einem etwas milderen Licht betrachtete ich heute auch das Dirigat von Alain Altinoglu, aber zu meinen Favoriten zählt er beim "Simon Boccanegra" noch lange nicht.
Im Übrigen verlief die heutige Vorstellung pannenfrei, und Ferruccio Furlanetto muss ich Abbitte leisten :S: Nicht er hat am Freitag das Tor offen gelassen, sondern einer seiner Gefolgsleute, die nach ihm den Palazzo verlassen.
Mein Fazit: Ein leichter Aufwärtstrend an der WSO?? Noch wage ich nicht daran zu glauben..... (Die "Fanciulla del West" wird's zeigen - morgen ist GP!! :D)
lg Severina :hello
Severina (02.10.2013, 20:33): Es gibt Opern, um die ich mich in meiner schon beinahe 40 Jahre währenden Begeisterung für dieses Genre immer herumgedrückt habe, und dazu zählt Puccinis "La Fanciulla del West". Eine Oper im Westernmilieu – unter diesem Etikett wird sie ja meistens verkauft – war schlicht und einfach nicht meines. Nicht zuletzt deshalb, weil ich auch mit den Filmwestern meiner Jugend , die in ihrer penetranten Schwarzweißmalerei (blutrünstige Indianer gegen brave Siedler) übelste Hollywoodklischees bedienten, nichts anfangen konnte. Daher schwänzte ich auch die Fanciulla-Produktion der 90erjahre an der WSO, und meine erste Begegnung mit Minnie und dem geläuterten Banditen Dick Johnson fand daher wenig später in Zürich statt. Sie beeindruckte mich aber so wenig, dass ich heute nicht mehr sagen könnte, wer damals gesungen hat, dazu müsste ich meine Aufführungsstatistik befragen.
Wenn aber natürlich Nina Stemme, Jonas Kaufmann und Tomasz Konieczny als PR-Besetzung aufgeboten werden, verstummen alle meine Vorbehalte gegen ein Werk, und entschlossen, meine Vorurteile über Bord zu werfen, besuchte ich heute die Generalprobe. Ich wurde nicht enttäuscht, und beinahe könnte ich jetzt hier schreiben, dass der WSO endlich einmal ein großer Wurf gelungen ist. Aber eben nur beinahe, denn für den Einfall, mit dem sich Regisseur Marco Arturo Marelli zwei Minuten vor Schluss alles ruiniert, was vorher so überzeugend funktioniert hat, würde ich ihm am liebsten einen Kübel mit eiskaltem Wasser über den Kopf gießen – dann wüsste er nämlich, wie ich mich gefühlt habe, als plötzlich…… Aber ich will nichts vorwegnehmen!
Wer sich eine Fanciulla in einem pittoreske Goldgräberlager und Wildwestromantik erwartet, wird von dieser Produktion enttäuscht sein, ich atmete hingegen erleichtert auf, als sich der Vorhang hob. Marco Arturo Marellis Zugang zu diesem Werk ermöglichte auch mir, dass ich ihn endlich fand. Er verordnete der Handlung einen Zeitsprung von ca. 100 Jahren, seine Goldgräber sind Minenarbeiter, die in einem Containerdorf wohnen oder besser gesagt hausen. In drei Etagen stapeln sich die Wellblechschachteln übereinander, aber nicht in Reih und Glied, sondern vor- und zurückversetzt, Leitern und Eisentreppen verbinden die so entstandenen Flächen, sodass sich bei mir die Assoziation mit einem Pueblo einstellte. Zwischen zwei Containern zeichnet sich ein fernes Bergpanorama ab, aber der Stacheldraht davor relativiert das Gefühl von Freiheit, das es vermittelt. Minnies Schenke ist bei Marelli eine fahrbare Imbissbude, während der Ouvertüre klappt Nick Vorder- und Seitenteile herunter und bereitet alles für den erwarteten Ansturm nach Feierabend vor. Auf einer Kiste hockt Kumpel Larkens und stiert auf einige Blätter Papier, wohl ein Brief von seiner Familie. Sheriff Jack Rance lässt sich an einem einfachen Tisch nieder, von wo er das Geschehen beobachtet, denn mit großem Hallo füllt sich nun das Lager. Sofort zeigt sich eine der Stärken der Regie, denn sie liegt endlich einmal in Händen, die mit Chormassen und Statisten etwas anfangen können. Es geht sehr turbulent zu, aber ohne dass je sinnloser Aktionismus daraus wird, jeder Gang, jede Interaktion ist durchdacht und bildet ein Puzzlesteinchen im stimmigen Gesamtbild. Da steht niemand nur herum und singt, jeder ist ins Spiel eingebunden und bewegt sich natürlich und situativ richtig. Die Solisten wollen nicht um jeden Preis hervorstechen (nicht einmal der diesbezüglich anfällige Clemens Unterreiner), sondern agieren als Teile des Ganzen, wobei sie aber vom Regisseur natürlich sehr geschickt von der Masse isoliert werden, wenn dies erforderlich ist. Für die Chorführung gebührt Marelli also eine römische Eins!
Minnie sticht mit ihrem roten Haarschopf, der blauen Latzhose und dem karierten Holzfällerhemd aus den Erdfarben, die Bühnenbild und Kostüme der Kumpels dominieren, heraus. Marelli zeichnet sie nicht als kesse Biene, die das Blut der Männer mit ihrem Aussehen in Wallungen versetzt, sondern eher als Kumpel unter Kumpeln, er betont die soziale Ader Minnies, die für alle Sorgen ein offenes Ohr hat und sich nicht nur um das leibliche, sondern auch das seelische Wohl der Männer kümmert. Auf meiner DVD spielt Mara Zampieri die Fanciulla, mit aufreizendem Dekolleté und noch aufreizenderen Blicken, und da finde ich die Szene, in der sie den Kumpels aus der Bibel vorliest, schlicht albern. Dass Männer, die wahrscheinlich monatelang keine andere Frau zu Gesicht bekommen, von diesem Rasseweib andächtig Bibelkunde über sich ergehen lassen, ist einfach nur zum Lachen. Nina Stemme betont ihre Weiblichkeit nicht nur nicht, sie scheint sie sogar unter Latzhose und Karohemd zu verstecken, was in dieser Situation – die einzige Frau inmitten von Männern, die mehr oder weniger unter sexuellem Notstand leiden - nur vernünftig ist. Wenn sie sich um einzelne Männer sorgt, geht etwas Mütterliches von ihr aus. Aber die Stemme ist beileibe kein asexuelles Muttchen, falls das jetzt so klingen sollte, gerade diese Balance zwischen der verständnisvollen Kameradin und der unter der unscheinbaren Hülle schlummernden Frau, die sich nach der großen, romantischen Liebe sehnt, macht ihre Minnie so faszinierend. Sie hält die Männer auf Distanz, weil sie auf ihren Mr. Right wartet, aber in keiner Situation reizt sie sie, um sie dann zurückzustoßen. Die schüchterne Verehrung von Sonora rührt sie in gewisser Weise, aber auch ihm gibt sie deutlich zu verstehen, dass er sich keine Hoffnungen machen darf. Gegen die Zudringlichkeiten von Jack Rance wehrt sie sich recht handfest, denn zimperlich ist Minnie nicht.
Dann betritt Dick Johnson alias Ramerrez, der Bandit, die Szene, und von dem Moment an, wo sie in Reminiszenzen an ihre erste Begegnung schwelgen, sprühen die erotischen Funken zwischen ihm und Minnie. Der Sheriff wittert sofort den Rivalen und es ist also nicht nur das Misstrauen gegenüber dem Fremden, das ihn auf Konfrontationskurs gehen lässt. Dick bleibt anfangs noch bei seinem Vorhaben, das Lager auszurauben, und während die Minenarbeiter der falschen Fährte folgen, die sein Bandenbruder Castro gelegt hat, durchsucht er die Imbissbude nach Geld. Aber als Minnie zurückkommt, bewegt ihn die Entschlossenheit, mit der sie das hart verdiente Gold der Kumpels gegen Ramerrez (Von dem sie ja noch nicht ahnt, dass er mit Dick identisch ist) verteidigen will, und er hilft ihr persönlich, die mobile Schenke mit Vorhangschlössern abzusichern.
Der 2. Akt spielt bekanntlich in Minnies Behausung, bei Marelli eine längliche, nach vorne offene Holzbaracke mit schlichter Möblierung. Sie steht auf Stelzen, sodass man später die sich auf der Jagd nach Ramerrez befindlichen Minenarbeiter unter der Führung von Jack Rance heranschleichen sieht. Minnie hat sich für den bevorstehenden Besuch Dicks in Schale geworfen, Latzhose und Holzfällerhemd gegen ein hübsches Kleid und ungewohnte Stöckelschuhe getauscht. Ihm will sie eben nicht als Kumpel, sondern als Frau begegnen, und natürlich will sie als Frau begehrt werden. Man spürt die Schmetterlinge, die in Minnies Bauch flattern, und Jonas Kaufmann alias Dick umgarnt sie auch nach allen Regeln der Kunst. Leider kann auch er mir die Absurdität dieser Bühnenfigur nicht plausibler machen, aber das wäre auch die Quadratur des Kreises: Dass jemand von seinem Vater eine Räuberbande erbt und sich dann, obwohl er absolut kein "Verbrechergen" in sich trägt, quasi verpflichtet fühlt, fortan ein Leben als Bandit zu führen – wenn auch als einer mit Robin-Hood-Syndrom – ist mir doch zu starker Tobak. Der Einwand, dass andere Libretti noch absurder sind, lasse ich hier insofern nicht gelten, als der späte Puccini doch dem Verismo zugeordnet wird, für den realistische oder zumindest realistischere Sujets kennzeichnend sind. Und ja, Jonas Kaufmann spielt gut wie immer, nur ist mir nicht ganz klar, WEN er eigentlich spielt. Irgendwie kriege ich seinen Dick/Ramerrez nicht ganz zu fassen, vor allem spüre ich diesen entscheidenden Moment (noch) nicht, in dem er seiner Verbrecherlaufbahn entsagt und auf die richtige Seite wechselt. Wahrscheinlich auch deshalb, weil Kaufmann in keiner Sekunde wie ein zu allem entschlossener Halunke wirkt, nicht einmal, als er Minnies Schank durchsucht. Er ist ein charmanter Gentlemangauner, aber damit in diesem Milieu doch etwas deplatziert.
Im 3. Akt führt uns Marelli an den Rand des Lagers: Links sieht man noch einige Container, dicht davor enden die Geleise zum Abtransport des geschürften Goldes, von rechts hat sich ein Güterwaggon auf die Bühne geschoben. Zwischen diesen Rahmenelementen spannt sich im Hintergrund ein malerisches Bergpanorama, aber auch hier konterkariert der Stacheldrahtzaun die Schönheit der Gebirgswelt. Die turbulente Jagd auf Ramerezz findet hier ein Ende, Jack Rance will sich seines Nebenbuhlers entledigen, obwohl Minnie mit ihm um dessen Leben gepokert und gewonnen hat. Jetzt findet Jonas Kaufmann endlich voll und ganz zu der darstellerischen Intensität, die ich von ihm gewohnt bin. Vielleicht empfinde ich das aber auch nur so, weil ihm das Libretto im 3. Akt ein wesentlich plausibleres Verhalten gestattet als zuvor. Die Gefasstheit, mit der er seinem scheinbar unmittelbar bevorstehenden Tod ins Auge blickt, gepaart mit Verachtung für Jack Rance, dessen unlauteres Motiv er durchschaut, die Verzweiflung, die ihn bei seinen Gedanken an Minnie innerlich erbeben lässt, all das findet in Kaufmanns Singen zu Herzen gehenden Ausdruck. Ebenso eindringlich und berührend appelliert Minnie, die in letzter Sekunde zur Rettung Dicks herbeigeeilt ist, an die Minenarbeiter, sein Leben zu verschonen und sie beide ziehen zu lassen. Leider erreicht Marellis Chorführung im 3. Akt nicht ganz die Qualität des 1., aber man kann auch damit zufrieden sein.
Dann aber kommt der Knaller: Dick ist begnadigt, Jack Rance muss seine Rachegelüste anderweitig kompensieren, Minnie kann also nun mit ihrem Mr. Right irgendwo ein neues Leben beginnen. Man erwartet, dass sie gemeinsam auf das prächtige Bergpanorama zuschreiten. Aber Marelli will seinem Liebespaar den mühsamen Fußmarsch ersparen und lässt einen qietschbunten Heißluftballon vom Schnürboden herabsteigen, in welchem Minnie und Dick während ihres finalen Duetts mit verklärten Blicken himmelwärts schweben. Parallel dazu versinken Container, Eisenbahnwaggon und Chor, sodass zum Schluss der Korb des Ballons vor einer die gesamte Bühne einnehmenden prächtigen Bergkulisse hängt, die von der Scheinwerfersonne freundlich beschienen wird. Die Fassungslosigkeit im Zuschauerraum ob dieser Entgleisung war groß. "Da haben nur mehr die Engelsflügel gefehlt!" lautete ein Kommentar, und meine Sitznachbarin meinte treffend: "Sich in zwei Minuten eine bis dahin super Inszenierung zu versauen, ist auch eine Kunst!"
Klar kann man das als ironische Brechung deuten, weil die Story vom geläuterten Banditen, der am Schluss mit seiner Minnie glücklich von dannen zieht (beinahe hätte ich geschrieben; …in den Sonnenuntergang reitet!), eine amerikanische Heimatschnulze ist, die Hollywood vorwegnimmt, aber auf mich wirkte das Ganze eben wie die anfangs erwähnte eiskalte Dusche. (Auch die klugen Worte des Herrn GMD im Pro:log, dass Puccini den Schluss als Apotheose komponiert hat, erklären für mich nicht, dass sich diese zwingend in einem Heißluftballon manifestieren muss!) Schade, denn ohne diese finale Entgleisung wäre das die erste Inszenierung in der Ära Meyer, an der ich nichts auszusetzen hätte!
Gesungen, und das ist in der Oper bekanntlich die Hauptsache, wurde schon heute bei der GP ganz fabelhaft. Kein einziger Sänger des großen Ensembles - 18 Rollen gilt es zu besetzen - fiel wirklich negativ auf, einige (Clemens Unterreiner, Alessio Arduini, Hans Peter Kammerer, Il Hong) konnte sich auch mit ihren kleinen Partien profilieren. Über schwächere Leistungen bei einer GP zu schreiben, fände ich unfair, obwohl ich glaube, dass schon heute jeder zumindest 90% gegeben hat. 100%igen Stimmeinsatz erbrachten in meinen Ohren die Interpreten der Hauptrollen.
Nina Stemme wird als Minnie einiges abverlangt, zarte Lyrismen ebenso wie dramatische Ausbrüche, in die sie sich ohne Rücksicht auf Verluste hineinwirft und damit riskiert, dass der Schönklang mitunter leidet.
Jonas Kaufmann, der mich bei der TV-Übertragung aus Salzburg nicht restlos glücklich gemacht hat, hat mit dem Dick Johnson eine Rolle gefunden, für die seine Stimme maßgeschneidert ist. Da passte heute alles, sein Tenor entfaltete sich prächtig in der hohen Lage, er gewann die meisten Duelle gegen das von Welser-Möst gnadenlos ins Fortissimo gepeitschte Orchester, fand aber auch zu innigen Herzenstönen im Duett mit Minnie und in seiner Arie im letzten Akt, die Piani wirkten nicht so anämisch-falsettiert wie unlängst als Carlo, sondern hatten bei aller Zartheit Biss und Körper. Möge Jonas Kaufmann diese Form bis zur PR am Samstag konservieren können!
Tomasz Konieczny verwechselte Puccini gottlob nicht mit Wagner, mit dem man ihn in erster Linie in Verbindung bringt. Als er Minnie zunächst auf die sanfte Tour umgarnte, zähmte er seine imposante Stimme und bewies Belcantoqualitäten, aber als dann die Pferde mit ihm durchgingen, fand das auch seinen vokalen Niederschlag und klang wirklich furchterregend.
Norbert Ernst bewies als Nick einmal mehr, dass er die in meinen Ohren schönste Tenorstimme in unserem Ensemble besitzt und sie auch sehr gekonnt einsetzt. Es ist immer wieder das pure Vergnügen ihm zuzuhören.
Erfreulich hörte sich auch Boaz Daniels Sonora an, so gut fokussiert wie schon lange nicht mehr.
Franz Welser-Möst ließ es im Graben ordentlich krachen, und zwar wie so oft ohne Rücksicht auf die Sänger. Klar machte es Effekt, und es war ja auch keineswegs nur ein lauter Einheitsbrei, sondern sehr wohl eine um Nuancen und Differenzierung bemühte Interpretation, aber eine Oper ist kein Orchesterkonzert. Wenn selbst so stimmgewaltige Sänger wie Stemme, Kaufmann und Konieczny an ihre Grenzen gehen müssen, um sich zu behaupten, stimmt für mich die Balance nicht mehr.
Mein Fazit: So kann es weiter gehen an der WSO! Möge bei der PR am Samstag alles so gut gelingen wie heute.
Lg Severina :hello
PS: Für alle, die ORF II empfangen können: Die PR wird am 5. Oktober um 20 Uhr 15 zeitversetzt übertragen! Vielleicht ergibt sich dann ja wieder einmal eine Diskussion!
Billy Budd (02.10.2013, 23:53): Danke für den Bericht! Ich kenne dieses Werk überhaupt nicht und bin schon gespannt. Billy :hello
Billy Budd (04.10.2013, 23:22): Diese Repertoire-Vorstellung geriet zu meiner nicht geringen Überraschung ganz hervorragend. In den letzten Jahren werden wir mit homogenen Besetzungen - womit ich jetzt nicht "alle gleich schlecht" meine - nicht gerade verwöhnt, und in Anbetracht dessen war es umso erfreulicher, einmal eine vom Fiesco bis zum Hauptmann exzellent besetzte Aufführung, die mir lange im Gedächtnis bleiben wird, zu hören. Thomas Hampson, Ferruccio Furlanetto, Adam Plachetka, Dan Paul Dumitrescu, Joseph Calleja, Tamar Iveri, Jinxi Xiahou, Juliette Mars und Alain Altinoglu zeichneten dafür verantwortlich. Auch das Bühnenbild (Stefan Meyer, Regie: Peter Stein) gefällt mir ausgezeichnet. Billy :hello
Severina (04.10.2013, 23:27): Ja, die neue Saison beginnt wesentlich erfreulicher als die letzte, hoffen wir, dass es so bleibt! Calleja hat also wieder gesungen? (Mir war Secco natürlich zehnmal lieber :ignore)
Bin neugierig, wie Dir die Fanciulla gefällt, obwohl ich mir DEinen KOmmentar schon fast denken kann :wink
lg Severina :hello
Billy Budd (04.10.2013, 23:29): Ja, Calleja hat heute doch gesungen (er hat sich aber ansagen lassen). Die Fanciulla schwänze ich morgen; ich geh erst in eine spätere Vorstellung. Billy :hello
Schweizer (05.10.2013, 18:15): Liebe Severina, ganz herzlichen Dank für Deinen plastischen Bericht von der GP; ich vergebe das Prädikat wertvoll, da Du nicht nur Deine persönlichen Eindrücke/Ansichten schilderst/vertrittst, sondern für all diejenigen, die das Werk kaum kennen, viel generell gültige Information und psychologische Hintergründe zu den Figuren mitlieferst, super! Da ich die Oper gut und auch schon sehr lange kenne, versuche ich zwei von Dir aufgeworfene Fragen zu beantworten.
Zu Deinem Zweifel: "Leider kann auch er mir die Absurdität dieser Bühnenfigur nicht plausibler machen, aber das wäre auch die Quadratur des Kreises: Dass jemand von seinem Vater eine Räuberbande erbt und sich dann, obwohl er absolut kein "Verbrechergen" in sich trägt, quasi verpflichtet fühlt, fortan ein Leben als Bandit zu führen – wenn auch als einer mit Robin-Hood-Syndrom – ist mir doch zu starker Tobak." ... Deine Reaktion erstaunt mich sehr, denn was Dick da von sich gibt, hat ja mit der Handlung schlicht nichts zu tun, es ist eine Art Einblende um a) das Duett mit Minnie zu verlängern und ihr und ihm mehr Zeit zu geben sich näher zu kommen ... und b) damit er etwas mehr zum Zug kommt. Ich kann das völlig ausblenden, das beisst mich überhaupt nicht. Hingegen verstehe ich Deinen Einwand "Wahrscheinlich auch deshalb, weil Kaufmann in keiner Sekunde wie ein zu allem entschlossener Halunke wirkt" .... schon jetzt bestens, ein Ion Buzea oder ein José Cura entsprachen dem Halunken-Typus bestimmt weit besser.
zu Deiner Frage: "vor allem spüre ich diesen entscheidenden Moment (noch) nicht, in dem er seiner Verbrecherlaufbahn entsagt und auf die richtige Seite wechselt" ... Ich weiss ja noch nicht wie diese Szene gestaltet/gearbeitet ist, aber das geschieht kontinuierlich ab "vieni fuori, vieni fuori, vieni fuor (!!!) in den 5-6 Minuten nachdem Minnie Jack Rance mit Gefolge losgeworden ist und sie die Wahrheit über ihren Schwarm erfahren musste. In ihrer grenzenlosen Enttäuschung (über sich selbst und über ihn) und Zorn verliert sie die Kontrolle, weigert sich, seinem Versuch sich zu verteidigen, zuzuhören, schmeisst ihn raus, verbannt ihn aus ihrem Leben. Angeschossen und verwundet lässt sie ihn zwei Minuten später wieder ein, verarztet und versteckt ihn (das Helfer-Syndrom, das sie auch all den Western-Boys oder Minen-Männern gegenüber hat, bricht durch). Wer so emotional wie Minnie reagiert, hat klar tiefe Gefühle ... die sind so offensichtlich, das da seine Entscheidung zum Wechsel fällt.
Noch eine Anmerkung zu "Nina Stemme wird als Minnie einiges abverlangt, zarte Lyrismen ebenso wie dramatische Ausbrüche" ... das ist ein Understatement, vermittelt meines Erachtens einen falschen Eindruck. Ich paste deshalb aus meinem Beitrag aus dem *tiefe Opern*-Thread "Minnie ist nicht nur dominierende, zentrale Titelfigur, sondern hat mit riesigem Abstand am meisten zu singen, alles dreht sich um sie und ihre Gefühle. Es handelt sich wie in TOSCA um eine Dreiecksgeschichte mit Tenor und Bariton jedoch hat sie notenmässig (ich habe die Takte nicht gezählt) soviel wie die beiden Herren zusammen oder gar mehr abzuliefern. Und die stimmlichen Anforderungen an die Minnie sind horrend, reichen von zarten Mimi-Phrasen bis zu dramatischen Tosca- oder Turandot-Raketen!" Vom Umfang her sind die vorgenannten zwei Partien im Vergleich zur ungemein schwierigeren Minnie nur eine Vorspeise, in der Länge allenfalls mit der Cio-cio-san zu vergleichen.
Mit Vorfreude warte ich nach Deinem positiven Urteil auf die heutige Übertragung und freue mich in den folgenden Tagen auf einen lebendigen Meinungsaustausch. Gruss vom Schweizer
Schweizer (05.10.2013, 19:32): Liebe Severina, "meine erste Begegnung mit Minnie und dem geläuterten Banditen Dick Johnson fand daher wenig später in Zürich statt. Sie beeindruckte mich aber so wenig, dass ich heute nicht mehr sagen könnte, wer damals gesungen hat, dazu müsste ich meine Aufführungsstatistik befragen" ...
Das wundert mich sehr (warst Du vielleicht indisponiert/grins?), denn diese Inszenierung hatte unglaublichen Erfolg, sie wurde als Festspielpremière in der Saison 1997/98 aus der Taufe gehoben und als "Nicht-Repertoire-Werk" viermal wieder hervorgeholt.
Dirigent: Riccardo Chailly Inszenierung: David Pountney Bühnenbild: Stefanos Lazaridis Kostüme: Marie-Jeanne Lecca Minnie: Stefanie Friede Dick Johnson: Kristjan Johansson Jack Rance: Renato Bruson
Wiederaufnahme, zum letzten Mal 2011/12 Carlo Rizzi/Magee/Cura/Raimondi
Vorschau: zum Ende der soeben begonnen Spielzeit 2013/14 gibt es im kommenden Juni auch in Zürch eine neue Produktion der Fanciulla: Dirigent: Marco Armiliato Regie: Barry Kosky Bühnenbild: Rufus Didwiszus Kostüme: Klaus Bruns Minnie: Catherine Naglestad Dick Johnson: Zoran Todorovich Jack Rance: Scott Hendricks
Gruss vom Schweizer
Severina (05.10.2013, 21:41): Lieber Schweizer,
bevor wir in die Diskussion zur TV-Übertragung einsteigen, auf die ich mich sehr freue (Aber besser im Thread "Oper im TV"!), möchte ich kurz Dein vorletztes Posting beantworten!
ad 1) Für mich ist das schon mehr als nur eine "Art Einblende", schließlich begründet Dick mit seiner Erzählung seine Karriere als Bandit und wirbt bei Minnie um Verständnis. Wäre es Puccini und seinem Librettisten nur darum gegangen, das Duett zu verlängern, hätten sie ja einfach nur mehr Liebesgesäusel komponieren/texten müssen. Also, für mich hat diese Aussage sehr wohl Bedeutung, sie soll ja quasi die Banditenlaufbahn von Dick entschuldigen ("Eigentlich bin ich ja gar kein Gauner, ich bin nur ein Opfer der Umstände!"), allerdings eben sehr fadenscheinig und unglaubwürdig für mich.
ad 2) Vom Libretto/der Musik her ist mir völlig klar, wo der Umschwung stattfindet, nur habe ich ihn bei Kaufmann eben nicht/zu wenig gespürt. Aber vielleicht empfinde ich das heute bei der Überrtragung in Großaufnahme anders.
ad 3) Völlige Zustimmung! Die Minnie ist eine Mörderpartie, "einiges abverlangt" drückt das wahrscheinlich wirklich nur unzulässig aus.
Was Dein letztes Posting betrifft: Klar war ich damals "indisponiert", ich konnte mit diesem Sujet nichts anfangen, ging mit einer geballten Ladung Vorurteile in die Aufführung und suchte eine Bestätigung dafür. Ich war damals ja auch nicht wegen der Fanciulla in Zürich, aber dann bekam ich eine Regiekarte und dachte "Na, meinetwegen, ich werd's schon überleben!" Also nicht eben die optimale Einstellung für einen Opernbesuch! Aber bei der GP am Mittwoch hat es gefunkt, und ich freue mich schon auf die Vorstellung am Dienstag, für die ich eine Karte habe. (Außerdem will ich unbedingt versuchen, auch am 17. noch einmal hineinzukommen, vielleicht gibt jemand eine Karte zurück.)
lg Severina :hello
Schweizer (05.10.2013, 23:44): Liebe Severina, nochmals herzliche Gratulation zum GP-Bericht: ich kann mich voll damit identifizieren. Positiva: 1) Regie ausser diesem Schluss mit dem Heissluftballon: Kitsch im Quadrat! Zum Glück war ich vorgewarnt und so hat das bei mir einen Lachanfall ausgelöst. Ganz speziell ist die Führung des Männerchors und der vielen Solisten im 1. Akt durch Marelli zu loben; wie mancher Regisseur ist in dieser Hinsicht eine Null. 2) Gesanglich waren Nina Stemme und Jonas Kaufmann Spitze. 3) Dirigat von Welser-Möst souverän, auch wenn er es ab und an (wieder einmal mehr) sehr krachen liess. 4) Insgesamt eine schöne, runde Aufführung.
Negativa: 1) der schon erwähnte Schluss. 2) mit Tomasz Konieczny, den ich das erste Mal höre, habe ich stimmlich grosse Mühe: für mich eine Fehlbesetzung, die Stimme ist über weite Strecken hässlich. Da ist nicht ein Yota Belcanto vorhanden. Na gut, man kann mir damit kommen, dass seine Bösewicht-Partie eine Verismo-Stimme, keinen Schönklang erfordert. Klar hat er die nötige Durch-schlagskraft und die hohen Töne der Partie bereiten ihm nicht die geringste Mühe, aber sein Timbre ist derart gerade und unitalienisch ... nein, diese Stimme ist nun wahrlich nicht mein Fall. Darstellerisch ist er mir zu jung aber rollenadäquat-gut.
Meckern auf hohem Niveau: 1) Stemme ist eine "sehr reife, herbe Minnie", hat mir im ersten Akt, so wie von Dir beschrieben, am besten gefallen. Auch im 3. Akt souverän wenn sie die Männer daran erinnert was sie alles für sie getan hat. Im mittleren Akt, der gesanglichen Tour-de-Force ohne Ermüdungs- erscheinungen grandios gewachsen, war sie mir einige Male zu hektisch, die finale Schummelei in der Kartenszene hat mich nicht überzeugt. 2) Ja und nun das Problem Kaufmann als Ganove Ramerrez: ihn, der sich jede Mutter mit Tochter im heiratsfähigen Alter als Schwiegersohn wünscht, war zu adrett, zu nett hergerichtet. Klar hat er sich wie immer in die Rolle eingegeben, aber - Du hast es in Deinem Bericht der GP angesprochen - er passt typmässig nicht so recht zur Figur/Partie.
Das die ersten Eindrücke des Schweizers
Severina (08.10.2013, 23:52): Exakt um 21 Uhr 40 hoben Minnie und Dick zum zweiten Mal in den kalifornischen Himmel ab - ob ich wohl je mit diesem dämlichen Ballon leben lerne???
Ansonsten verliebe ich mich immer mehr in diese Musik und kann gar nicht verstehen, dass sie mich bisher so kalt gelassen hat. (Gut, allzu viele Chancen habe ich der Fanciulla ja nie gegeben, sich in meine Gehörgänge zu schmeicheln!) Natürlich ist es keine Nummernoper mit Wunschkonzertarien, aber nach zweimal live und drei Komplettdurchgängen des TV-Mitschnitts entdecke ich immer mehr Passagen mit absoluter Ohrwurmqualität. Auf jeden Fall haben Minnie und Dick Maestro Puccini in meinem Komponisten-Ranking ein Stück nach oben katapultiert!
Auch die heutige Vorstellung war ganz wunderbar. Wenn man das große Ganze bereits kennt, kann man sich viel besser auf Details konzentrieren, und davon gibt es in dieser Inszenierung wirklich eine Menge zu entdecken. Ich fürchte nur, dass in einigen Jahren und mit anderen Besetzungen viel davon verloren gegangen sein wird, denn speziell im 1. Akt ist das Zusammenspiel der vielen Protagonisten so ausgeklügelt, dass es schwer sein wird, nichts davon verschlampen zu lassen. Aber jetzt im PR-Block schnurrt die Inszenierung natürlich perfekt ab, greift ein Rädchen präzise ins andere.
Nina Stemme - ich sehe in ihrer Minnie weder Pippi Langstrumpf, noch Pumuckl, wie das mancher Rezensent suggeriert - war stimmlich nicht ganz so souverän wie bei GP und PR, aber das ist Meckern auf hohem Niveau. (Die Produktion der hohen Töne gelang heute nicht immer ohne Schärfe.)
Tomasz Konieczny gefiel mir wie schon bei der GP live wesentlich besser als bei der TV-Übertragung. Kann es sein, dass diese Stimme schlicht nicht mikrotauglich ist? Klar ist er kein Belcantist, aber das muss ein Jack Rance auch nicht sein. In einer Verdipartie möchte ich Konieczny nicht hören, denn da erwarte ich mir schon ein schöneres Timbre als dieser polnische Sänger vorweisen kann, aber in der Fanciulla empfinde ich ihn in jeder Hinsicht (auch darstellerisch) als rollendeckend.
Jonas Kaufmann bekommt wieder ein Sehr gut für seine vokale Leistung - da blieb kein Wunsch offen - der Schurke des 1. Aktes ist er immer noch nicht. Aber wie er Minnie nach allen Regeln der (Minne-)kunst umgarnt, geht dann schon unter die Haut. Nach der Vorstellung hörte ich ein paar pikierte Kommentare, weil Minnie und Dick beim "primo bacio" so ungestüm übereinander herfallen. Dazu kann ich nur sagen: "Schon einmal auf die Musik gehört?" Puccini hat nämlich alles andere als ein keusches Küsschen komponiert, ganz im Gegenteil, und Stemme und Kaufmann tun nichts anderes, als diesen wilden Klangwogen zu folgen. (Und die Frage ist naheliegend, ob es beim Plaudern von Bett zu Bett geblieben wäre, hätte nicht Jack Rance das Tete-à-tete gestört.......)
Von den vielen Sängern der Klein- und Kleinstrollen möchte ich wieder Norbert Ernst (Nick) und Boaz Daniel (Sonora) hervorheben, nicht nur, weil ihnen Puccini ein wenig mehr Gelegenheit gegeben hat, sich zu profilieren, sondern weil sie durch wirklich schöne Stimmen auffallen. Daniel scheint seine Krise überwunden zu haben, worüber ich mich ehrlich freue.
Dirigent Franz Welser-Möst stürzt mich in einen Zwiespalt: Einerseits finde ich seinen entfesselten Puccini-Sound faszinierend, andererseits deckt er speziell im ersten Akt die Sänger oft gnadenlos zu.
Großer Jubel am Schluss für alle, ganz besonders natürlich für Stemme, Kaufmann, Konieczny und Welser-Möst. Eine solche Begeisterung hat im Haus am Ring schon lange nicht mehr geherrscht, nach 15 Minuten tosendem Applaus und Bravi senkte sich unbarmherzig der Eiserne herunter, aber wir klatschten unverdrossen weiter, sodass sich das umjubelte Quartett noch einmal durch das kleine Seitentürl herausquetschte. Die Freude über den Erfolg stand den Sängern ins Gesicht geschrieben und animierte sie zu einigen Späßchen. So wollten Kaufmann und Konieczny beim Abgang dem jeweils anderen unbedingt den Vortritt lassen, bis es Jonas nach einigem Hin und Her zu bunt wurde und er den Revolver zückte, worauf der Sheriff mit erhobenen Händen hinter dem Vorhang verschwand.
Mein Fazit: So soll es weiter gehen im Haus am Ring! Leider versäume ich die nächsten beiden Vorstellungen, weil ich nicht in Wien bin, möchte aber unbedingt versuchen, in die letzte hineinzukommen. Leicht wird es nicht werden, denn natürlich sind sämtliche Fanciullas ausverkauft. Ich kann nur hoffen, dass jemand vor der Vorstellung eine Karte anbietet.
lg Severina :hello
Severina (27.10.2013, 01:46): Mit großer Vorfreude blickte ich der neuen Serie von Donizettis eher selten gespielten "La Fille du Regiment" entgegen, denn die PR-Serie mit Juan Diego Flórez und Natalie Dessay wird wohl immer einen besonderen Platz in meinem Opernolymp einnehmen. Sternstunden kann man selten prolongieren, das ist mir völlig klar, und deshalb beging ich auch nicht den Fehler, mir in den letzten Tagen die Aufzeichnung von 2007 anzuschauen.
Immerhin würde wenigstens Flórez wieder mit von der Partie sein, Natalie Dessay hat die Marie inzwischen zurückgelegt und sich überhaupt eine Auszeit von der Opernbühne genommen. Ursprünglich sollte Daniela Fally die Regimentstochter singen, aber sie musste krankheitshalber absagen, was ich sehr bedauerte, weil ich sie vor drei Jahren in Klosterneuburg in dieser Partie erlebt und ausgezeichnet gefunden hatte. Aber auch ihr Ersatz warf vorzeitig das Handtuch, sodass schlussendlich das Ensemblemitglied Iride Martínez aufgeboten wurde.
Die witzige Inszenierung von Laurent Pelly, die den Militarismus so gekonnt aufs Korn nimmt, wird wahrscheinlich vielen von der DVD aus London oder der TV-Übertragung aus Wien bekannt sein. Daher nur ein paar kurze Anmerkungen zum Bühnenbild: Eine überdimensionale Landkarte von "Tyrol" faltet sich sich im ersten Akt zu einer Art Vorgebirge auf, ergießt sich über die ganze Bühne bis in den Orchestergraben hinunter. Wenn sich die verängstigten Tiroler gegen das herannahende französische Heer verschanzen, tun sie das hinter einer Barriere aus bunt zusammengewürfelten Möbelstücken und bewaffnen sich mit diversen Küchenutensilien. Gottlob bleibt den zu Helmen umfunktionierten Nudelsieben und Kochtöpfen eine Bewährungsprobe erspart, denn der Feind zieht sich zurück. Im zweiten Akt bilden riesige Papierrollen das Fundament, auf welches diagonal der Salon derer von Berkenfield auf die Bühne gewuchtet wird. Allerdings in sehr reduzierter Form, denn nur eine holzgetäfelte Schmalseite mit Kamin ist als kompakte Wand ausgeführt, die zur Hinterbühne zeigende Längsseite besteht nur aus dem "Skelett", selbst die im Nichts baumelnden Bilderrahmen sind leer und gestatten Durchblicke auf das Landkartengebirge dahinter.
Die große Frage für mich war, wie viel von Pellys einfallsreicher und detailverliebter Inszenierung überlebt hat, denn von der PR-Besetzung waren heute neben Flórez nur mehr Carlos Álvarez als Sulpice dabei. Und natürlich der Chor, der in dieser Oper eine nicht unwesentliche Rolle spielt und auch heute mit sichtlichem Spaß agierte. Da funktionierte alles noch wie am Schnürchen.
Besonders gespannt war ich auf Iride Martínez als Marie. Nun, sie hat ganz offensichtlich die Aufzeichnung genau studiert und imitiert das Spiel von Natalie Dessay bis ins Detail. Nur ist sie eben eine ganz andere Persönlichkeit, und was für die Dessay maßgeschneidert war, passt nur bedingt zu Frau Martínez. Manchmal hatte ich das unbestimmte Gefühl, sie weiß nicht wirklich, was sie mit ihrem brav einstudierten Gängen und Gesten eigentlich ausdrücken sollte. War hinter dem burschikosen und betont ruppigen Auftreten der Dessay noch immer das sensible Menschenkind spürbar, so wirkte Martínez zumindest am Anfang eher wie ein ordinäres Flintenweib. Besonders augenfällig war die Diskrepanz zwischen Außenhandlung und Innenleben im 2. Akt, wenn Marie zwar wie eine aufgezogene Puppe agiert, aber trotzdem ganz deutlich sein muss, dass ihre Persönlichkeit keineswegs gebrochen ist, in der scheinbar Angepassten immer noch ein ungestümes, rebellisches Herz schlägt. Die Martínez lässt diese Doppelbödigkeit völlig vermissen, sie ist nichts weiter als ein gut dressierter Pudel. Auch stimmlich überzeugte mich Iride Martínez nur bedingt. Ja, das war alles sehr brav gesungen, technisch hat sie die Partie zweifellos drauf, aber mir fehlte auch hier der Ausdruck. Bei Maries großer Arie im 2. Akt musste ich mich sehr am Riemen reißen, damit meine Gedanken nicht abdrifteten, so wenig zu Herzen ging mir diese in einem Einheitspiano gesäuselte Interpretation. Dass ich das Timbre der Sängerin als eher reizlos empfinde, ist sicher Geschmackssache. Ein Geschmack, den das Publikum nicht zu teilen schien, wie ich der Fairness halber zugeben muss, denn das "Applausometer" schlug bei Frau Martínez fast genauso heftig aus wie bei Flórez.
Uneingeschränkt glücklich machte mich hingegen Juan Diego Flórez in seiner Paraderolle als Tonio. Wenn ich einen meine Lieblinge längere Zeit nicht live gehört habe, sehe ich dem ersten Auftritt immer ein wenig bange entgegen. Hat sich die Stimme verändert? Und wenn ja, zum Positiven oder zum Negativen? Leider muss ich oft zweiteres konstatieren…. Nun, solche Sorgen sind bei diesem Ausnahmetenor überflüssig, Flórez zählt zu den wenigen Sängern, die ihr Niveau nicht nur halten, sondern konstant steigern können. Natürlich ist die Stimme insgesamt schwerer geworden – besonders gut kann man das an den beiden Einspielungen der "Matilda di Shabran" verifizieren: Bei der CD von 2006 stand Flórez am Beginn seiner Karriere, die DVD von 2012 zeigt ihn im Vollbesitz seiner stimmlichen Mittel, wobei er meiner Meinung nach den Zenit noch nicht erreicht hat. Er hat in diesen sechs Jahren nicht nur an Volumen dazugewonnen, ist technisch perfekter geworden, auch seine Ausdruckspalette ist gewachsen. Heute fiel mir zum ersten Mal auf, dass Flórez Stimme kerniger klingt, fast schon ein bisschen metallisch, ohne dass aber die Flexibilität und das delikate Timbre darunter leiden würden. Auch die Spitzentöne gelingen strahlend und sicher wie eh und je, allerdings nicht mehr mit dieser traumtänzerischen Leichtigkeit. Das heißt aber um Gottes willen nicht, dass Flórez‘ Höhen angestrengt klingen, keine Spur davon, aber früher hatte ich immer das Gefühl, er ist noch lange nicht am Ende der Fahnenstange angelangt und könnte spielend noch höher hinauf, wenn er denn wollte. Es ist einfach eine Wohltat, eine absolut intakte, ausgeruhte und in allen Lagen zuverlässig funktionierende Stimme zu hören, wo man nicht bei jeder heiklen Passage mitzittern muss. Natürlich versetzte Flórez das Publikum mit "A mes amis" in einen Begeisterungstaumel, der erst abebbte, als er dem Dirigenten das Zeichen zur Wiederholung gab. Dass er seine C’s ebenso souverän hinknallte wie beim ersten Mal, ist bei diesem Tenor schon selbstverständlich, wahrscheinlich würde ihm auch ein drittes Mal keine Probleme bereiten. So sehr ich diesen artistischen Hochseilakt bewundere, die zweite Arie "Pour me rapprocher de Marie" liebe ich persönlich wesentlich mehr, weil hier die Nuancierungskunst eines Sängers viel mehr zum Tragen kommt. Flórez sang sie zum Niederknien schön, mit herrlich gesponnenen Piani (Und zwar gesungen, nicht falsettiert!) und viel Gefühl, ohne ins Sentimentale abzudriften. Könnte ich es mir aussuchen, würde ich mir hier ein Dacapo wünschen!!
Gespielt hat Flórez den Tonio schon überzeugender als heute, mit weniger theatralisch gerungenen Händen und nicht so aufgesetzt lustig. Einige Gags sind neu, so z.B., dass er sich im Rückwärtsgang in einen von Maries Wäschekörbe plumpsen lässt oder Sulpice mit Kartoffeln bewirft, aber leider gefährdet er damit die von Pelly so sorgfältig konstruierte Balance zwischen Humor und Klamauk.
In altbewährter Qualität sang und spielte Carlos Álvarez den Haudegen mit Herz, Sulpice. Mit Latexglatze und grotesk ausgestopften Hüften beweist der in natura sehr attraktive Bariton nicht nur Selbstverleugnung, sondern vor allem Humor. Das merkt man speziell in den Szenen mit der Marquise de Berkenfield, wo er sein ganzes komödiantisches Talent ausspielen kann. Aber besonders erfreulich ist natürlich die Tatsache, dass Álvarez klangvoller Bariton durch die Stimmbandoperation und daraus resultierende lange Zwangspause nicht gelitten hat.
Aura Twarowska bewies ebenfalls komödiantisches Talent, das ich höher einschätze als ihr stimmliches. Zu einem ziemlich spröden Timbre gesellten sich noch Schwächen in den tiefen Lagen.
Eine klare Verbesserung gegenüber der PR-Serie mit der hemmungslos outrierenden und stimmlich eher jenseitigen Montserrat Caballé bedeutete Kiri Te Kanawa als Duchesse de Crakentorp. Im Spiel wesentlich dezenter als die Spanierin, verfügt sie auch noch über eine viel intaktere Stimme, an der die Jahre zwar nicht spurlos vorübergegangen sind, die aber trotzdem noch vermitteln kann, warum die Te Kanawa einmal zu den Ersten ihres Fachs gezählt hat.
Der Schwächste an diesem Abend stand für mich im Graben, denn Bruno Campanella konnte die Philis zu nicht mehr als Dienst nach Vorschrift animieren. Schon die Ouvertüre ließ jeden Schwung vermissen und schleppte sich müde dahin, und in dieser Gangart ging es leider weiter. Flórez Begehren nach einem Dacapo verwirrte den Maestro derart, dass er erst eine längere Konferenz mit dem Konzertmeister abhalten musste. Tonio verfolgte diese Szene halb erstaunt, halb belustigt und hob schließlich in einer hilflosen Geste die Hände Richtung Publikum, so im Sinne von "Keine Ahnung, ob das heute noch etwas wird!"
Das Publikum, das übrigens sehr lebhaft auf die Bühnengeschehnisse reagierte – so viel gelacht wie heute wurde schon lange nicht mehr - brachte hinterher mit tosendem Applaus und Bravogebrüll das Haus am Ring zum Kochen. Flórez bekam einen Blumenstrauß zugeworfen, den er galant an Kiri Te Kanawa weiterreichte, was wohl nicht ganz im Sinne der Spenderin gewesen sein dürfte……
Mein Fazit: Ein überragender Juan Diego Flórez versöhnt mit viel Mittelmaß um ihn herum!
Lg Severina :hello
Severina (29.10.2013, 23:35): Das tut er nämlich in Laurent Pellys Inszenierung: Am Schluss senkt sich eine kitschige Postkarte mit dem gallischen Hahn über das Schlusstableau und relativiert mit lautem "Kikeriki!" augenzwinkernd den Vive-la-France-Patriotismus.
Die Begeisterung des Publikums war heute nicht ganz so groß wie bei der ersten Vorstellung, vielleicht war man in Gedanken schon beim reservierten Tisch im Restaurant. Dafür schafften es die nicht sonderlich kundigen Leutchen, das Duett des ersten und das Terzett des zweiten Aktes zu zerklatschen, letzteres im Ansatz gleich dreimal.
Verzeiht, dass ich das Pferd beim Schwanz aufzäume und mit dem Schlussapplaus beginne, aber großartige Neuigkeiten kann ich von der zweiten Aufführung der Fille-Serie natürlich nicht berichten. Außer dass ich heute die große Begeisterung für Iride Martinez noch weniger verstehe als am Samstag, denn meine Marie ist sie definitiv nicht. Ihre qietschige Tonproduktion stört mich gewaltig, und ich wüsste wirklich gerne, wie sie mit diesem Stimmchen eine Königin der Nacht stemmt. (Die hat sie angeblich an der WSO schon gesungen, allerdings war ich da nicht dabei.) Der zweite Teil liegt Frau Martinez stimmlich besser, weil sie da weitgehend ohne dramatische Ausbrüche auskommt, dafür bleibt sie als Persönlichkeit blasser als im ersten.
Juan Diego Flórez schien mir heute leicht verkühlt zu sein, aber dank seiner stupenden Technik konnte er das gut kaschieren und trotzdem einen wunderbaren Tonio präsentieren. Wieso ich dann diesen Verdacht äußere? Nun, er musste ein paarmal Passagen, die er normal auf einem Atem durchsingt, auf zwei Etappen nehmen und dazwischen kräftig schlucken, wohl um den Hals frei zu bekommen, beim Dacapo riss ihm das vorletzte C ab, was er aber mit einem fulminanten Schlusston wieder ausbügelte.(Bevor er dazu ansetzte, grinste er breit ins Publikum, als wollte er sagen: "Keine Bange, ich kann's schon noch!") Das Encore gab Flórez nämlich trotzdem, obwohl er sich heute länger bitten ließ als unlängst, vielleicht in der vegeblichen Hoffnung, der Applaus würde vorher abebben. Und wie schon am Samstag stürzte er den Dirigenten mit seinem Begehren um eine Wiederholung von "A mes amis" in komplette Verwirrung, denn Bruno Campanella blätterte hektisch in der Partitur und konnte ganz offensichtlich - man glaubt es ja nicht! - den richtigen Takt nicht finden. Diesmal gab es kein Schulterzucken vom Tenor, dafür schaute er zum Amusement des Publikums ostentativ auf seine natürlich nicht vorhandene Armbanduhr. Vielleicht könnte man dem Maestro für die nächste Vorstellung ein Post-it an die bewusste Stelle kleben......
Etwas steigern konnte sich heute Aura Twarowska, obwohl sie an ihre Rollenvorgängerin Janina Baechle immer noch nicht herankommt. Das Zusammenspiel mit Sulpice/Carlos Alvarez funktionierte hingegen bestens!
Bruno Campanella dirigierte wieder eine Ouvertüre zum Einschlafen, die einzelnen Motive versanken in einem Einheitsbrei, da kam es auf einen kräftigen Patzer beim Holz auch nicht mehr an. Ich versuchte danach, das Orchester so gut es ging auszublenden und mich auf die Stimmen zu konzentrieren.
Mein Fazit: Ein Guter-Laune-Abend, aber Tenor und Bariton alleine sind für eine Sternstunde zu wenig!
lg Severina :hello
Severina (01.11.2013, 20:38): Zum dritten Mal litt und lachte ich heute mit Marie und Tonio, und wer mich nun für leicht verrückt hält, der sei gleich vorgewarnt, denn am Montag folgt noch ein viertes Mal :D :D :D :D!
Es ist ein Vergnügen zu beobachten, wie das Ensemble immer mehr zusammenwächst und die gegenseitige Vertrautheit so manche Spontanität im Spiel evoziert. Allerdings besteht dadurch auch die verstärkte Gefahr, dem Affen zu viel Zucker zu geben, denn als Klamauk hat Laurent Pelly seine Inszenierung ganz und gar nicht angelegt. Leider geraten einige Szenen inzwischen in gefährliche Nähe dazu... So erfreulich es z.B. ist, dass Juan Diego Flórez nicht wie in seinen Anfangsjahren nur als Versatzstück in den Kulissen herumsteht, neigt er fallweise zum Overacting - weniger wäre dann mehr. Aber was soll's, das Publikum hatte seinen Spaß und ich ja auch, wenn ich ehrlich bin.
Iride Martinez gefiel mir heute eine Spur besser (Vielleicht bin ich inzwischen auch mit ihrer Stimme "zusammengewachsen"??), eine Optimalbesetzung ist sie für mich immer noch nicht. Aber sie scheint sich allmählich etwas von der Vorlage zu lösen, fegt nicht mehr als Dessay-Kopie über die Bühne, was die Glaubwürdigkeit ihrer Rollengestaltung doch etwas erhöht.
Köstlich wie immer Carlos Alvaréz als Sulpice, der sein weiches Herz hinter betont martialischem Auftreten verbirgt. Heute strömte sein sonorer Bariton besonders eindrucksvoll.
Ja, und Juan Diego Flórez - was soll ich über diesen König des Belcanto schreiben, was ich nicht schon x-mal geschrieben habe? Superlative langweilen mit der Zeit, aber wie kann man seinen Leistungen sonst gerecht werden? Hatte ich beim letzten Mal das Gefühl, "nur" 95% Flórez zu hören, so waren es heute 120%, und wäre ich ein Tenor, würde ich vielleicht ähnlich reagieren wie Marcel Hirscher, der nach einem 3-Sekundenrückstand auf den überragenden RTL-Sieger Ted Ligety resigniert gemeint hat: "Eigentlich müsste ich mich erschießen!" Bei Ligety wie bei Flórez geht es eigentlich immer nur darum, wer hinter ihnen Zweiter ist. Aber zurück zum Hochleistungssport Singen :D! Flórez katapultierte seine 9Cs mit einer Leuchtkraft ins Opernrund, dass einem wirklich der Mund offen blieb. Natürlich erzwang das frenetisch jubelnde Publikum wieder ein Dacapo, und beim dritten Mal hat nun auch Maestro Campanella geschnallt, wie das funktioniert, denn er hob ohne jede Verzögerung sein Stöckchen. Diesmal gelang auch die 2. C-Serie lupenrein, aus dem Schlusston machte Flórez wieder eine kleine Showeinlage: Lange Kunstpause, schelmisches Grinsen, und dann zündete er die Vokalrakete! Aber vielleicht war "A mes amis" von Donizetti genauso gemeint - als "Zirkusnummer" für einen Ausnahmetenor!
Wie ich schon unlängst betont habe, bevorzuge ich die zweite Arie "Pour me rapprocher a Marie", und mit ihr demonstrierte Flórez einmal mehr die hohe Kunst des Belcanto. So traumhafte Piani gelingen aber auch ihm nicht alle Tage, das war heute Extraklasse! Sogar die hartnäckigsten Huster verstummten, man konnte die berühmte Stecknadel fallen hören. Ich finde es unfair, dass der Beifall für diese im Grunde wesentlich schwierigere Arie immer viel matter ausfällt. (Flórez selbst hat einmal gemeint, "A mes amis" sei eigentlich kein Problem, man müsste halt "nur" über ein sicheres C verfügen, die zweite Arie hingegen viel vertrackter von der Tessitura her.)
Heute gab es Blumengebinde für alle, der edle Spender saß in der Eckloge im 1. Rang. Flórez warf seinen Strauß ins Publikum, die glückliche Fängerin zog freudestrahlend damit von dannen.
Mein Fazit: :down :down :down :down :down :down :down :down :down :down :down :down :down :down für Juan Diego Flórez!
lg Severina :hello
Ingrid (02.11.2013, 07:53): Mein Fazit nach drei Vorstellungen:
:down :down :down :down :down :down :down :down :down :down :down :down :down :down für die wunderbare Berichterstattung von Severina
Severina (05.11.2013, 00:04): So ein nettes Kompliment :thanks animiert mich natürlich, meine Begeisterung zum vierten Mal in Worte zu fassen! :D
Heute Nacht dürften etliche Affen mit verdorbenen Mägen im Bett liegen, zumindest die von Aura Twarowska und Juan Diego Flórez. Während SIE mit Outrage von ihrer schwachen vokalen Darbietung abzulenken wusste, hat ER doch solche Mätzchen wahrlich nicht nötig. Es begann schon mit Flórez Auftritt, eher eine "Aufpurzeln", denn er stolperte erst (absichtlich) über Maries Wäscheberg und ließ sich dann gleich noch einmal hinplumpsen. Laut Regiekonzept ist Tonio ein etwas unbeholfenes, treuherziges Landei, das nicht so recht weiß, wie es sich im Militärlager verhalten soll, die heutige Version ähnelte eher einem hyperaktiven Kind bzw. einem durchgeknallten Duracellmännchen. Und in dieser Tour ging es leider weiter, Flórez drehte immer eine Spur zu heftig an der Humorschraube. Leider reagierte das Publikum heute sehr bereitwillig auf jede Art von Klamauk, sodass sich die Übeltäter in ihrem Tun bestätigt fanden – Auditorium und Bühne schaukelten sich gegenseitig hoch. Da hatte es sogar Sulpice Carlos Alvarez nicht leicht, die geschmackliche Balance zu halten. Auch er extemporierte einige Male, aber doch immer im Rahmen.
Nun gut, es war die letzte Aufführung dieser Serie, da darf man ein bisschen übermütiger sein als sonst, besonders bei einem so dankbaren Publikum wie heute. Aber in Zukunft möchte ich dann bitte wieder einmal eine "Fille du Régiment" sehen, die dem Regiebuch entspricht!!
Musikalisch war der Abend durchwachsen, ich brauchte wieder eine gute halbe Stunde, um mich an Iride Martínez‘ Timbre zu gewöhnen, das mir so gar nicht ins Ohr geht. Ich habe immer das Gefühl, als sänge sie permanent eine Spur zu hoch, offensichtlich eine Sinnestäuschung meinerseits, herrschte doch einhellige Begeisterung über diese Sopranistin. Hatte ich bei der 3. Vorstellung den Eindruck, Frau Martínez fände allmählich zu einer eigenen Rollenauffassung, bot sie heute wieder ein Abziehbild der Dessay, nur dass sie halt keine Dessay ist.
Zu Juan Diego Flórez kann ich nur sagen: Siehe Fille I,II,III , ich schwebte wieder auf Wolke 7 aus der Oper. Da natürlich auch ein Ausnahmekünstler keine identen Leistungen bieten kann, würde ich die heutige als die zweitbeste einstufen, es war nicht ganz so phänomenal wie am Freitag, aber immer noch großartig genug. Das Publikum, wie schon erwähnt ein besonders gut disponiertes, verwandelte nach "A mes amis" die Oper minutenlang in einen Hexenkessel. Flórez badete in den Ovationen, zunächst stramm salutierend, dann strahlend und Küsschen ins Auditorium werfend. Um die Wiederholung mussten wir heute lange bitten, erst als die "Bis!" und "Dacapo!"-Rufe nicht abebbten, sondern an Intensität zunahmen, kam das ersehnte Handzeichen an den Maestro und in der Folge 9 weitere Adrenalinkicks. Ja, und heute wurde auch Tonios zweite Arie mit großem Jubel honoriert.
Carlos Alvarez gebührt mein Dank, weil er sich als Einziger nicht am Lustig-lustiger- am lustigsten-Wettbewerb beteiligt hat, sondern innerhalb des von der Regie gesteckten Rahmens geblieben ist. Das heißt jetzt nicht, dass er stur einem eingelernten Schema gefolgt wäre, er fand genügend Platz für Spontanität , aber eben immer im Dienst seiner Figur. Stimmlich war es heute seine beste Vorstellung.
Keinen guten Tag erwischte leider Dame Kiri te Kanawa als Duchesse de Crakentorp.
Ich gestehe, dass ich die Sänger der Klein- und Kleinstrollen oft unter den Tisch fallen lasse, daher möchte ich heute Markus Pelz eine virtuelle Rose für seinen köstlichen Hortensius überreichen.
Bruno Campanella wirkte heute ein bisschen weniger sediert, zumindest der zweite Teil der Ouvertüre hatte den nötigen Drive, aber an die Leistung von Yves Abel kam er bei Weitem nicht heran.
Mit einem lachenden und einem weinenden Auge trabte ich zur Straßenbahn, denn für diese Saison musste ich mich von Juan Diego Flórez verabschieden. Jaaaa, ich besitze fast alle CDs und DVDs mit ihm, aber ein Live-Erlebnis können Konserven nie ersetzen. Aber ein Sänger, der seine Karriere so sorgfältig plant wie der Peruaner, seinen Terminkalender nicht bis zum Rand vollstopft wie so mancher Kollege, um den sich umgekehrt alle namhaften Opernhäuser reißen, wird einem halt nur in homöopathischen Dosen serviert.
Mein Fazit: Bei allen Abstrichen hat das Positive überwogen, daher danke für diese vier wunderbaren Abende in meinem zweiten Wohnzimmer!
Lg Severina :hello
stiffelio (05.11.2013, 22:16): Liebe Severina,
ich gebe Ingrid recht: von dir könnte ich auch vierzig FILLE-Aufführungsberichte lesen, ohne mich gelangweilt zu fühlen. Für morgen wünsche ich dir eine gute Reise, wohin auch immer und hoffe, dass wir hier bald wieder von dir lesen können.
VG, stiffelio
Billy Budd (23.11.2013, 23:51): Heute fand die heißersehnte (seit 2006 hatte es keine Aufführung gegeben) Wiederaufnahme dieser genialen Oper in der ebenso genialen Mielitz-Inszenierung statt. Ben Heppner war ursprünglich für die Titelrolle angesetzt, und wenn man den Gerüchten Glauben schenken darf, erfolgte seine Absage schon vor längerer Zeit und der als Zweitbesetzung organisierte Neil Shicoff schmiss nach einer/mehreren Probe/-n das Handtuch, weshalb Herbert Lippert zum Zug kam. Kurz gesagt: Seine Darbietung wurde zur absoluten Katastrophe, denn sie kann mit „in jeder Hinsicht überfordert“ beschrieben werden. Die Interpreten der beiden mittelgroßen Rollen (Gun-Brit Barkmin/Ellen, Iain Paterson/Balstrolde) machten ihre Sache sehr gut. Ansonsten stachen Norbert Ernst (Bob Boles) und auch Wolfgang Bankl (Swallow) am positivsten hervor; Simina Ivan, Hyuna Ko (Nichten), Donna Ellen (Mrs. Sedley) und Janusz Monarcha (Hobson) passten; Monika Bohinec (Auntie) stand mit dem richtigen Tempo auf Kriegsfuß und Gabriel Bermúdez (Apotheker) und Carlos Osuna (Pfarrer) waren inakzeptabel. Graeme Jenkins leitete das Orchtester sehr gut, leider fiel der Chor durch einen besonders auffallenden falschen Einsatz auf. Billy :hello
Fairy Queen (24.11.2013, 14:40): Fü potentielle Nachfolger zu Severinas Opern-Berichterstattungen gilt eigentlich dasselbe wie für die Tenöre, die nach Florez noch singen müssen: "eigentlich kônnte ich mich erschiessen" . Man glaubt immer wieder, selbst dabei gewesen zu sein wenn man diese lebendigen Schilderungen liest.. :down :down :down Dass nach der Fille mit Dessay und Florez eigentlich nichts mehr kommen kann, glaube ich sofort. Eine sprühendere und lebendigere Version dieser Oper habe ich auch noch nicht gesehen und mag mir in solchen Fällen die entsprechende Oper jahrelang gar nicht mehr ansehen. Das gilt auch z.B. für die Manon mit Dessay/Villazon. Ich bin da wohl aus anderem Holz als Severina, die sich nicht entmutigen lâsst in ihrer Opernleidenschaft. Ich bin morgen in Paris in Bellinis Puritani und habe gottseidank keinerlei Live-Vergleich. Es ist schwer genug, mit meiner Freni, Gencer, Callas-Elvira im Ohr und ich versuche davon Abstand zu nehmen. Liebe Sonntagsgrüsse F.Q.
Hyacinth (17.12.2013, 23:29): Meinen ersten Tristan habe ich hinter mich gebracht! Insofern liefere ich hier auch lediglich meine Eindrücke ab, weil mir natürlich die Erfahrung fehlt.
Die Inszenierung ist teilweise ganz schön, ich frage mich, ob man denn nun in dieser streckenweise dramaturgisch langgezogenen Oper eine von vorne bis hinten spannende Regie machen kann. Was sollten den Tristan und Isolde in der Liebesnacht zwanzig Minuten machen, außer sich um den Hals fallen, ans andere Ende der Bühne gehen, an der Rampe singen, sich mehr oder weniger innig anschauen und verliebt aufeinander zueilen. Einprägsame, einfache Bilder gibt es allemal - vor allem durch Licht werden Seelenzustände gut beschrieben. So ist zum Beispiel der Kontrast von Tag und Nacht im 2. Akt sehr deutlich, wenn plötzlich aus blauem, intimem Dunkel weiß-graue Kälte wird. Der Schluss ist einzig und allein wenig effektvoll, wo es wirklich nötig gewesen wäre. Die Idee, dass Isolde ins Wasser geht ist rein imaginativ - für den Zuschauer schaut es so aus, als würde sie einfach abgehen - wenn sie es denn wenigstens mit ausgebreiteten Armen oder auf die Mitte zu tun würde!
Positiv überraschte mich Violeta Urmana, die im ersten Akt zwar teilweise etwas scharfe Höhen hören ließ, was man aber bei den vokalen Anforderungen verzeihen kann. Der Liebestod gelang ihr wunderbar lyrisch, sie schaffte es gut, ihr Vibrato zu kontrollieren und ihre Stimme frei strömen zu lassen. Darstellerisch war sie durchaus solide - so richtig was abgewinnen kann ich dieser Figur generell aber bis jetzt nicht, das kommt wahrscheinlich noch.
Tapfer kämpfte auch Robert Dean Smith gegen die Wogen des Orchesters. Auch er ließ in den ruhigen, lyrischen Passagen aufhorchen, war aber am Ende des 3. Aktes ein wenig am Ende seiner Kräfte. Insgesamt meisterte er seine Partie gekonnt und holte schauspielerisch im 3. Akt seine Reserven heraus, sodass man ihm den Fieberwahn sofort abnahm.
Vor allem wegen Elisabeth Kulmans Debüt als Brangäne bin ich traurig, dass ich nur an diesem einen Termin Zeit hatte hinzugehen. Vokal - ich kenne zwar keinen Vergleich, gehe jetzt einmal von meinen unvoreingenommenen Ohren aus - ließ sie keine Wünsche offen. Da wurde jedem Wort, jedem Ton ein Sinn, ein Gefühl verliehen. Obendrein punktete Kulman mit ihren wunderschön strahlenden, klaren Höhen - nach den vielen Alt-Partien, die sie in letzter Zeit gesungen hat war es spannend und machte Freude, sie wieder einmal in einer höher gelegenen Partie zu hören. Darstellerisch und optisch eine auf schlichte, unaufdringliche Weise beeindruckende Bühnengestalt - auch im Hintergrund blieb sie stets präsent, bis auf einmal, wo ich schwören könnte, dass Kulman sich das Lachen (aus welchem Grund auch immer) verkneifen musste, weil sie sich verdächtig oft zur Säule drehte - und man nahm ihrer Brangäne bei jedem Wort ihre aufopfernde Liebe für Isolde ab. Sie bewies damit, dass es nicht unbedingt einen Typ "alte Jungfer" braucht, um so eine Rolle glaubhaft zu machen.
Genauso sympathisch agierte Matthias Goerne als Kurwenal, den ich bis jetzt nur als Liedsänger kannte. Seine warme, runde, samtige Stimme passt hervorragend zu diesem durch und durch positiven Charakter, den er durch sein simples, natürliches Spiel homogen gestaltete. Beeindruckend war der Ausbruch im 3. Akt, wo Goerne auch dramatischere Fähigkeiten unter Beweis stellen konnte.
Der König Marke war durch Albert Dohmen passend besetzt, bis auf manche etwas geknödelte Vokale gestaltete er die Partie plausibel und rollendeckend.
Die restlichen Partien waren gut besetzt. Wie den jetzt das Dirigat war wage ich nicht zu urteilen. Ob das Orchester streckenweise - jeder Sänger wurde mindestens einmal übertönt - wirklich zu laut war, oder ob das an meinem Platz lag (Balkon Seite), kann ich nicht sagen. Das Englischhorn-Solo im 3. Akt erklang auf jeden Fall elegisch und ließ keine Wünsche offen - diese Stelle ist sauschwer, wie es so schön heißt, weil sehr lang und im absoluten Nichts!
Teilweise leider nicht ganz genießen konnte ich die Vorstellung wegen einer Gruppe Schüler in meiner Nähe, die anscheinend vergattert waren sich den ganzen Tristan bis zum Ende anzuschauen. Nachdem sie zwei Akte geredet, auf Smartphones getippt, geschlafen und geraschelt hatten, gaben sie endlich Ruhe, nachdem - nach mehreren Versuchen der Umsitzenden sie zur Ruhe zu bringen - eine Billeteurin mit Argusaugen den ganzen letzten Akt nicht von ihrer Seite wich. Wieso werden frankophone Schulklassen, die anscheinend nichts mit Oper am Hut haben, in einen Tristan geschleppt? Um die anderen zu sekieren?
Insgesamt hat mir der Tristan sehr gut gefallen - die Liebesnacht begeistert mich so gar nicht, aber vielleicht kommt das ja irgendwann - von den fünf Stunden war nichts zu spüren.
Lg, Hyacinth :hello
Billy Budd (19.12.2013, 22:43): Diese Vorstellung blieb leider deutlich unter meinen Erwartungen, obgleich Peter Seiffert einen sehr guten Florestan sang, wiewohl er sich in keiner so exzellenten Verfassung wie beim letzten Tristan befand (aber ein leichtes Leiern, das heute nur ganz am Ende auftrat, stört mich in dieser Rolle nicht). Ihm zur Seite wurde leider Ricarda Merbeth gestellt, die ihm in keiner Weise das Wasser reichen konnte (kaum verständlich, nicht berührend). Tomasz Konieczny machte seine Sache im großen und ganzen gut, ohne an Falk Stuckmann heranzureichen. Matti Salminen verfügt nur mehr über Stimmreste, die für den Rocco aber gerade noch ausreichen. Ildikó Raimondi war eine zufriedenstellende Einspringerin, obwohl sie mittlerweile über die Marzelline hinausgewachsen ist. Sebastian Kohlhepp machte seine Sache als Jaquino gut, aber Boaz Daniel vermochte in der dankbaren Rolle des Ministers kaum Eindruck zu hinterlassen. Peinlich war das Solo des ersten Gefangenen (Wolfram Igor Derntl); das des zweiten Gefangenen (Johannes Gisser) geriet besser. Dass die Vorstellung stellenweise vor sich hin plätscherte, ist gewiss auch dem Dirigat von Franz Welser-Möst anzulasten.
Einer verlässlichen Quelle zufolge werden nächste Saison Elektra, Carmen und Rigoletto neu inszeniert. Wieso werden auch weiterhin (man denke an Ariadne, Traviata und Nozze) alle brauchbaren Inszenierungen entsorgt??? Billy :hello
Billy Budd (21.12.2013, 23:20): Robert Dean Smith passten sie sehr großen Schuhe seines Rollenvorgängers nicht, als Tristan ist er fehlbesetzt, lediglich der 2. Akt kommt seiner lyrischen, leisen Stimme entgegen; die angesagte Indisposition von Violeta Urmana machte sich deutlich zu bemerken, die gekreischten hohen Töne machte sie mit Genauigkeit teilweise wett; Albert Dohmen (Marke) war heute im Vergleich zu seinen sonstigen Auftritten gerade noch erträglich; Matthias Goerne hat mir überhaupt nicht gefallen; Elisabeth Kulman ließ eine ausgezeichnete Brangäne hören; Clemens Unterreiner war ein recht ulkiger Melot; Carlos Osuna (Hirt) war so schlecht wie immer; Marcus Pelz tat als Steuermann seine Plficht und Wolfram Igor Derntl war als junger Seeman etwas besser als üblich. Dass Peter Schneider – auf den Meyer diese Saison unverständlicherweise zu verzichten glaubte – für Myung-Whun Chung (dessen Dirigat allerdings auch interessant gewesen wäre) eingesprungen ist, hat mich irrsinnig gefreut. Seinem hervorragenden Dirigat ist es zu verdanken, dass diese großteils sehr durchwachsen besetzte Vorstellung doch einen guten Eindruck hinterließ. Der Schlussapplaus dauerte überdurchschnittlich lange.
Erfreulich ist, dass neuerdings ein vor dem Aufgang von der U-Bahn zur Oper aufgestelltes Schild großes Schild vor illegalen Kartenkäufen warnt. Billy :hello
Billy Budd (22.12.2013, 20:21): Original von Hyacinth Insgesamt hat mir der Tristan sehr gut gefallen - die Liebesnacht begeistert mich so gar nicht, aber vielleicht kommt das ja irgendwann - von den fünf Stunden war nichts zu spüren. Freut mich, dass es Dir gefallen hat! :)
Hyacinth (22.12.2013, 23:48): Obwohl, das ist so eine "Zweimal-im-Jahr-Oper" für mich. Sehr schön teilweise, aber es gibt schon ordentliche Längen und die Hauptgeschichte (Tristan und Isolde) hat mich beim ersten Mal nicht sonderlich berührt/interessiert/was auch immer... Aber vielleicht fehlt mir da Lebenserfahrung oder Altersweisheit :wink
lg, Hyacinth :hello
Billy Budd (22.12.2013, 23:51): Ja, die Handlung dauert an sich ja rund eine Viertelstunde. ... :cool Ich finde auch, dass der 1. Akt ein paar Längen hat, aber Isoldes Liebestod ist doch atemberaubend! :leb Ist übrigens meine Wagner-Lieblingsoper! (Die anderen, die ich sehr mag, sind Holländer, Tannhäuser, Lohengrin und Meistersinger.) Billy :hello
Billy Budd (26.12.2013, 22:49): wurde zu einer sehr guten (auch wirklich berührenden) Vorstellung, was nicht zuletzt an der Absage Ricarda Merbeths lag, da Anja Kampe eine wirklich gute Leonore bot. Abgesehen von dem ausgesungenen (lediglich die Höhe funktioniert noch einigermaßen) Matti Salminen und Dritan Luca (erster Gefangener) boten die anderen Sänger (Peter Seiffert/Florestan, Tomasz Konieczny/Pizarro, Ildikó Raimondi/Marzelline, Sebastian Kohlhepp/Jaquino (endlich ein erfreulicher Neuzugang!) und Boaz Daniel/Fernando) sehr gute Leistungen und Johannes Gisser passte als zweiter Gefangener. Franz Welser-Möst "erfreute" uns mit einem seiner besseren Dirigate - immerhin. Billy :hello
Billy Budd (29.12.2013, 23:03): Diese Vorstellung – es handelte sich übrigens um die 225. in dieser Inszenierung – reiht sich bedauerlicherweise in die Reihe jener, die man rasch wieder aus dem Gedächtnis streichen möchte, ein, derer es unter Meyer zahlreiche gibt. Beethovens Oper funktioniert nämlich nur, wenn erstklassige Sänger aufgeboten werden, wovon heute jedoch nicht die Rede sein konnte. Doch wir wollen nicht ungerecht sein: Sebastian Kohlhepp sang einen guten Jaquino und Ildikó Raimondi (einspringend für Valentina Nafornita) gab eine passende Marzelline (ich verstehe nicht, weshalb Meyer diese Sängerin fast nur mehr in Nebenrollen einsetzt). Ricarda Merbeth wäre aber mit der Marzelline besser beraten gewesen, denn in der Titelrolle ist diese Möchtegern-Hochdramatische völlig fehl am Platz. Abgesehen davon, dass sie es im 1. Akt nicht ansatzweise schaffte, den Charakter dieser Rolle halbwegs glaubhaft zu vermitteln (beispielsweise klang das „Zwei Jahre???“ vollkommen unbeteiligt), konnten ein paar hinausgeschriene Höhen nicht verhehlen, dass sie diese Partie von vorne bis hinten überfordert. Bemerkenswert ist hingegen, dass sie, die schon seit geraumer Zeit in einem zu schweren Fach unterwegs ist, eine nicht ruinierte Stimme verwaltet. Peter Seiffert gelang das anschwellende „Gott!“ zwar besser als in den anderen Vorstellungen dieser Serie, dennoch machten sich heute stimmliche Abnützungserscheinungen deutlich bemerkbar. Dass er im September einen grandiosen Tristan gesungen hat, erscheint angesichts der heutigen Darbietung kaum wahrscheinlich. Ferner bot Tomasz Konieczny einen nur mäßig überzeugenden Pizarro, und es bleibt zu hoffen, dass sich das Gerücht, demnach Matti Salminen heute seine letzte Vorstellung in Wien hinter sich gebracht hat, bewahrheitet. Auch Boaz Daniel (Minister) haben wir schon besser gehört. Franz Welser-Möst, der stärker als die Sänger beklatscht wurde, war der Kapellmeister. Billy :hello
Billy Budd (01.01.2014, 00:18): In der heurigen Silvester-Fledermaus stellte sich Edith Haller mit einer für ihr Repertoire eher untypischen Rolle vor und machte ihre Sache – abgesehen von kleineren Höhenschwierigkeiten im Czárdás – ausgesprochen gut. Herbert Lippert dagegen ist nicht einmal als Notlösung tolerabel: Vier Textfehler in einer Aufführung sind zuviel, er schummelte sich irgendwie durch die Partie. Mit Daniela Fally wurden wir wider Erwarten nicht glücklich. Sie traf alle Töne, was aber heute mit ihrer Stimme, die heute ganz anders als üblich klang (was aber keine Verbesserung darstellte) los war, lässt sich schwer beschreiben. Warten wir einmal ihre nächsten Auftritte ab. Adrian Eröd hingegen war ein ausgezeichneter Falke und Alfred Šramek erwischte stimmlich einen bemerkenswert guten Abend (dass er darstellerisch eine Klasse für sich ist, versteht sich von selbst). Zoryana Kushpler entsprach jedoch in keiner Weise dem zu erwartenden Niveau: Die hohen, gekreischten Töne schmerzten und auch die Charakterisierung des Prinzen ließ zu wünschen übrig. Hier handelte es sich um keinen Ausrutscher; diese Frau hat an einem ersten Haus nichts verloren. Norbert Ernst war mit dem Alfred etwas überfordert und Thomas Ebenstein und Lydia Rathkolb überzeugten in ihren kleinen Rollen. Der Überraschungsgast dieses Jahres war Peter Seiffert, der mit „Nessun dorma“ weniger (in Anbetracht dessen, dass er am 4. Jänner 60 Jahre wird, war diese Leistung dennoch beachtlich!), mit "Ich sing mein Lied heut nur für Dich" hingegen umso mehr überzeugte (vielleicht hätte er besser den Eisenstein übernehmen sollen). Peter Simonischek bin ich sehr dankbar, da er den Frosch nicht in die Länge zog, aber dafür bekannten Pointen neue (unter anderem über diverse Politiker) hinzufügte. Bertrand de Billy leitete die Aufführung schwungvoll. Billy :hello
Billy Budd (01.01.2014, 22:22): Es ist keine gute Idee, sich an zwei aufeinanderfolgenden Tagen dieselbe Operette anzuhören, denn dann wirkt dieses Stück noch alberner und langweiliger. Heute habe ich die Vorstellung nach dem zweiten Akt verlassen, da ich es nicht länger ausgehalten hätte. Olga Bezsmertna sang erstmals die Rosalinde und zeigte, dass sie sich in diesem Fach nicht heimisch fühlt. Abgesehen von den auswendig aufgesagten Dialogen ist Operette ihre Sache nicht (unter anderem überforderte sie der Czárdás). Clemens Unterreiner stellte sich an der Staatsoper erstmals als Falke vor, und hätte er weniger übertrieben, könnte man dieses Debüt als Erfolg bezeichnen. Ileana Tonca war der Besetzung von Silvester gesanglich überlegen, in den Dialogen jedoch nicht. Herbert Lippert war heute ein wenig verbessert (freilich, eine Aufführung ohne Textfehler schafft er nicht), die Leistung von Zoryana Kushpler fiel heute marginal besser – aber noch immer schlecht genug – aus, Alfred Šramek passte als Frank und Norbert Ernst hat mir heute besser gefallen. Peter Jelosits und Lydia Rathkolb ergänzten. Bertrand de Billy dirigierte ein wenig langweilig. Billy :hello
Billy Budd (19.01.2014, 22:24): Die heutige „Tosca“ hätte „Scarpia“ heißen sollen, da Bryn Terfel den Abend beherrschte. Seinetwegen lohnt ein Besuch, obgleich die Leistungen der restlichen Sänger sehr zu wünschen übrig ließen. Mit seiner enorm facettenreichen und ausdrucksstarken Stimme bot er einen idealen Polizeichef. Auf seinen Holländer (übrigens mit Ernst als Erik!) kann man sich schon gewaltig freuen. Aber eine Schwalbe macht bekanntlich keinen Sommer, und dass ihm nur Walter Fink, der die kleine Rolle des Schließers hervorragend sang, das Wasser reichen konnte, stimmt traurig. Massimo Giordano war als Cavaradossi eine Zumutung: Mit seiner Gesangstechnik ist es nicht weit her, die Höhen versuchte er durch Brüllen zu erreichen (das gelang aber nicht) und Ausdruck war nicht vorhanden (so beiläufig darf das „bigotto satiro“ nicht klingen!), und darüber hinaus verhielt er sich beim Schlussapplaus unpassend clownesk. Martina Serafin bot eine recht schrille, aber gerade noch akzeptable Tosca. Alfred Šramek verblödelte leider den Mesner, machte aber davon abgesehen gute Arbeit; Janusz Monarcha (Angelotti) war besser als üblich bei Stimme; Mihail Dogotari (Sciarrone) fiel nicht auf und Benedikt Kobel (Spoletta) bewies wieder einmal sehr eindrucksvoll, dass er für das Staatsopernensemble eine Schande ist. Paolo Carignani, der einen Buhruf kassierte, leitete die Aufführung sehr rücksichtsvoll. Fazit: Wer einen grandiosen Scarpia erleben möchte und gewillt ist, dessentwegen eine schlechte Cavaradossi-Karikatur in Kauf zu nehmen, möge sich am Mittwoch ins Haus am Ring begeben. Wem jedoch eine homogene Ensembleleistung am Herzen liegt, ist von einem Besuch abzuraten. Billy :hello
Billy Budd (23.01.2014, 22:29): Den Tag, an dem diese herrliche Oper in einer anständigen Besetzung – sprich: ohne Kurt Rydl (Pimen) und Marian Talaba (Grigori) – gespielt wird, werde ich feiern. Doch dazu gab es heute keinen Grund, obwohl die Vorstellung Claudio Abbado gewidmet war. Ferruccio Furlanetto, der die Titelrolle gepachtet hat, ist noch immer ein sehr guter Interpret derselben. Das Rollendebüt von Norbert Ernst als Schuiskij ist geglückt (abgesehen davon, dass er stellenweise etwas zu leise war), aber in den kleinen Rollen bot nur Wolfgang Bankl (Hauptmann) eine ausgezeichnete Leistung. Pavel Kolgatin (Gottesnarr), aber auch Margarita Gritskova (, deren Stimme heute aber anders als üblich klang; vielleicht handelte es sich um die im Internet angekündigte Alisa Kolosova; Fjodor), Ileana Tonca (Xenia) und James Kryshak (Missail) machten nichts falsch. Mit dabei waren auch noch Janusz Monarcha (Warlaam), Marcus Pelz (Mitjuch), Clemens Unterreiner (Schtschelkalow), Alexandru Moisiuc (Nikititsch), Zoryana Kushpler (Amme) und Aura Twarowska (Schenkenwirtin). Michael Güttler dirigierte besser als befürchtet. Billy :hello
Severina (24.01.2014, 23:37): 1987 trat die Nixe Rusalka in mein Opernleben, in einer typischen Inszenierung von Otto Schenk, für die er den Spott des Feuilletons einstecken musste. Damals stieg der Wassermann Algen behangen aus seinem Teich, pirschte der Prinz mit Pfeil und Bogen durch den von Schneider-Siemssens Gnaden üppig wuchernden Zauberwald, der bei Rusalkas Lied an den Mond in magischem Silberglanz schimmerte. Für Schenk war Antonín Dvoráks "Rusalka" ein Märchen und sonst gar nichts, einen doppelten (psychoanalythischen) Boden konnte oder vielmehr wollte er nicht entdecken. (Daher denke ich mit leisem Grauen an seine uns noch heuer bevorstehende Inszenierung des "Schlauen Füchsleins"…….)
2014 ist es allgemeiner Konsens, dass Märchen eben weit mehr als nur Märchen sind, mehr als bloßen Unterhaltungswert besitzen, sondern viel über Verdrängtes, Unausgelebtes, Unterdrücktes im weiten Land der menschlichen Seele verraten. Längst hat sich die Psychoanalayse dieser "Kindergeschichten" angenommen und in vielen klugen, oft aber auch abstrus überspitzten Abhandlungen die Vielschichtigkeit mancher Sujets bloß gelegt. Sven-Eric Bechtolf, mit der Regie für die Neuproduktion der "Rusalka" beauftragt, hat schon in vielen Inszenierungen seinen Hang für psychoanalythische Herangehensweisen demonstriert, insofern schien er der richtige Mann für dieses Projekt zu sein. Wäre da nicht seine in meinen Augen völlig misslungene "Cenerentola", die er nicht interpretierte, sondern peinlich niveaulos verblödelte. Mit nicht allzu hoch geschraubten Erwartungen machte ich mich daher heute auf den Weg in die Generalprobe.
Als ich in der ersten Pause (Es gibt überflüssigerweise deren zwei…) im Pro:log ein Interview mit KS Krassimira Stoyanova – die Rusalka dieser Produktion – las, staunte ich nicht schlecht, denn sie schwärmt da in den höchsten Tönen von Sven-Eric Bechtolf, weil er, im Unterschied zu der modernen Hartmann-Inszenierung in Zürich (Die mir sehr gut gefallen hat!) , dem Märchen vertraut und das und nichts anderes zeigen will. Nanu?? Das deckte sich aber so gar nicht mit dem, was ich im ersten Akt gesehen, gefühlt und für mich gedeutet hatte! Aber es wäre ja nicht das erste Mal, dass ich einem Regisseur Überlegungen andichte, an die er nicht im Traum gedacht hat – was mich aber überhaupt nicht stört, so lange es für mich einen Sinn ergibt. Dies nur zur Warnung, denn was ich jetzt schreibe, sind meine Empfindungen, Gedanken, Interpretationen - wie weit sie mit Herrn Bechtolfs Intentionen übereinstimmen, weiß ich nicht. (Und da ich weder über eine Pressemappe verfüge noch zur Einführungsmatinee gehe, werde ich’s vermutlich auch nie erfahren!)
Diejenigen, die noch immer von Schneider-Siemssens Zauberwald träumen, werden heute nach dem Hochgehen des Vorhangs wohl einen veritablen Schock erlitten haben. Bei Bühnenbildner Rolf Glittenberg gibt es keinen mondbeschienenen See, sondern sechs Zellen, in zwei Reihen übereinander angeordnet und durch uniforme rechteckige Öffnungen miteinander verbunden. Die völlig schmucklosen Wände sind in einem kalten Eisblau mit Stich ins Graue gehalten, nur die Rückwand der mittleren oberen Kammer besteht aus einem halb durchsichtigen Strukturglas. Immer wieder tauchen Gestalten dahinter auf, schemenhaft, oft stereotypen Bewegungsmustern unterworfen – sie symbolisieren Wünsche, Ängste, Vorstellungen, werden manchmal wahrgenommen, manchmal auch wieder nicht. Für mich ist diese Wand eine Art Seelenfenster, ein Tor ins Unterbewusstsein – man ahnt die Erscheinungen mehr, als man sie wirklich sieht, sie entgleiten einem, bevor man sie fassen kann. Den Wald reduziert Glittenberg auf drei bizarr geformte "Baumgebilde" in der Art, wie man sie von Giovanni Segantinis mystischen Bildern kennt (Die "Windsbraut" ging mir die ganze Zeit nicht aus dem Kopf!). Sie wurzeln vor der Zellenwand und recken ihre kahlen, mit Eis verkrusteten Äste hoch empor. Schnee bedeckt auch den Bühnenboden – es ist eine kalte, erstarrte Welt, der nichts Idyllisches anhaftet und in der Rusalkas Sehnsucht nach Liebe umso verständlicher wirkt. Kalte, sterile Farben dominieren auch bei den Kostümen. Bei den Bewohnern der Wasserwelt ist glattes, langes Haar angesagt – es bedeckt sogar noch den Allerwertesten – und schon hier zeigt sich Rusalkas Andersartigkeit, denn während Wassermann und Nixen sich mit schlohweißen Mähnen schmücken, ist ihre braun. Erst am Schluss tritt auch Rusalka mit weißem Haar auf, für mich ein sichtbares Zeichen, dass sie nun ihre Identität gefunden hat und akzeptiert, nicht länger ihre wahre Natur als Nixe verleugnet. Bechtolf findet für diese Identitätskrise ein noch viel stärkeres Bild: Während die drei Nixen sich völlig normal bewegen, empfindet Rusalka, die ja von der Menschwerdung träumt, ihren Nixenkörper als Hemmnis, als etwas, das jede freie, fließende Bewegung erschwert bzw. unmöglich macht. Sie taumelt und schleppt sich durch die Gegend, immer wieder Halt suchend und trotzdem strauchelnd. Nein, natürlich hat man ihr keinen Fischschwanz verpasst, aber ein blaues Samtkleid mit endlos langer und schwer zu manövrierenden Schleppe, die sie an den Boden zu heften scheint, ein sichtbares Symbol ihrer seelischen Bedrückung. Es ist eine berührende Szene, als Rusalka nach ihrer Verwandlung ihre neu gewonnene Fähigkeit entdeckt, sich ohne das gewohnte Handicap zu bewegen und übermütig durch den Schnee tanzt. Nach dem Verrat des Prinzen verliert sie sukzessive wieder die Gewalt über ihre Gehwerkzeuge, sie beginnt erneut zu taumeln und nur mühsam ihr Gleichgewicht (das physische und das psychische gleichermaßen) zu bewahren. Erst als sie mit sich im Reinen ist, gewinnt sie die Beherrschung über ihren Körper zurück und kann im Schlussbild ihre Rache(?) am Prinzen vollziehen.
Der 2. Akt spielt bekanntlich im Schloss des Prinzen. Auch dafür hat Rolf Glittenberg eine minimalistische Lösung gefunden: Zwei rote Wände – die offene Seite des imaginären Dreiecks weist zum Orchestergraben - in der linken eine horizontal verlaufende Öffnung, hinter der man sich einen Gang denken kann, in der rechten ein riesiges, vorerst durch die bekannte halbtransparente Glasscheibe verschlossenes Bühnenportal. Wenn es sich später auftut, erblickt man ein Dickicht aus silbrigen Ästen und Sträuchern, das Reich des Wassermanns. Zunächst steht ein riesiges Doppelbett davor, mit schwarzem Leintuch und weißen Blumengirlanden, der einzige Hinweis auf die bevorstehende Hochzeit Rusalkas mit dem Prinzen. Da es Bechtolf nicht um die Außenhandlung geht, sondern ihn nur das Seelenleben seiner Protagonisten interessiert, verzichtet er auf die Festgäste, reduziert das Geschehen auf die fremde Fürstin, den Prinzen und Rusalka. Er findet auch hier starke Bilder, etwa Rusalkas Spiel mit dem Brautkleid, das dann vom Wassermann in einer Mischung aus Hilflosigkeit und Wut zerfetzt wird, oder die Choreographie zur Balletmusik, wo auch sein humoristischer Hang zum Zug kommt. Ein Liebespaar - er mit groteskem Bauch - demonstriert (Sehr dezent!) den fleischlichen Aspekt der Liebe, von Rusalka erschrocken beobachtet, denn das ist nicht die zärtliche, "unschuldige" Liebe, von der sie träumt. Es ist ihr Unterbewusstsein, das ihr diesen Streich spielt und das sie nun korrigieren will (Dass es in dieser Oper u.a. um verdrängte Sexualität geht, ist in die meisten Inszenierungen der letzten Zeit mehr oder weniger deutlich eingeflossen!) : Als wären es Gliederpuppen, bringt sie das Pärchen in die richtigen Positionen – Er sie zärtlich umfangend, sie ihren Kopf an seine Schulter gelehnt, die Hände verschränkt usw. - wobei sie aber mit keiner Lösung zufrieden ist und schließlich völlig verzweifelt von ihren Bemühungen ablässt - sexuelles Verlangen lässt sich nicht so einfach sublimieren!
Ich springe nun in den 3. Akt, der sich wohl am weitesten von der üblichen Lesart entfernt, wobei ich aber bekenne, sie nach dem ersten Mal nicht wirklich dechiffrieren zu können. Am rätselhaftesten ist mir die Jezibaba-Szene, die als Humoreske beginnt und ins Grauen überschlägt. Der Heger und der Küchenjunge sollen der Hexe eine Botschaft des Prinzen überbringen, fürchten sich aber zu Tode vor ihr – wie sie nun zitternd hinter Bäumen in Deckung gehen, einer den anderen vorschiebt usw. ist wirklich witzig und völlig synchron zur Musik inszeniert. Aber dann schlägt Jezibaba ihren Zaubermantel (Ein Monstrum aus schwarzen Krähenfedern) um den Küchenjungen und schneidet ihm die Kehle durch. Als ob das noch nicht genug wäre, trinkt sie sein Blut und beobachtet dann mit entrücktem Lächeln, wie sich die Nixen über den Leichnam hermachen und sich ihrerseits an dem roten Körpersaft aufgeilen. Was das soll – keine Ahnung!
Wirklich unter die Haut ging mir der Schluss, wobei mir aber auch da nicht ganz klar ist, ob nun Rusalka den Prinzen ermordet, also sich ganz profan ihm ihm rächt für seinen Verrat, oder ob es eine Art Tötung auf Verlangen ist. Auf jeden Fall befinden wir uns im gleichen Bühnenbild wie im 1. Akt, der Prinz irrt auf der Suche nach Rusalka verzweifelt umher und lehnt sich schließlich an einen der Baumstämme. Als Rusalka erscheint – wie schon erwähnt mit weißem Haar und sicherem Gang, also ganz eins mit sich – zieht sie zunächst ein langes, schwarzes Seidenband aus dem Boden. Langsam umkreist sie den Prinzen, zieht die Kreise immer enger und fesselt ihn allmählich an den Baum. Erst als er völlig bewegungsunfähig ist, gibt sie ihm den Todeskuss und zieht ihm ein Stück des schwarzen Schleiers über das Gesicht. All das geschieht mit ruhigen, traumwandlerisch sicheren Bewegungen, aus denen eine deutlich spürbare Stärke und Entschlossenheit spricht. Die Art, wie Rusalka den Prinzen umkreist, hat etwas von einer Katze, die ihre Beute in der Falle weiß. Also eigentlich Empfindungen, die man üblicherweise nicht hat am Ende dieser Oper. Rusalka entfernt sich langsam vom toten Prinzen und sinkt entseelt zu Boden. Sekundenlang herrschte wirklich Stille nach dem letzten Ton, offensichtlich hat dieser Schluss nicht nur mich so berührt.
Es gäbe noch viel zu schreiben über diese Inszenierung, die wie so oft bei Bechtolf von den vielen kleinen Gesten lebt, von beziehungsreichen Blicken und Bewegungen, und damit wären wir auch schon beim Hauptproblem: Mit dieser Kleinteiligkeit erreicht er die vorderen Reihen und diejenigen Besucher, die es nicht zu mühsam finden, drei Stunden am Opernglas zu kleben. Für den Rest bleiben ein "hässliches Bühnenbild", "unpassende Kostüme" und halt so gar kein romantisches Märchen, das die "Rusalka" doch nun einmal ist. (So gehört heute in der Pause!) Und ich frage mich, was in einem Jahr selbst für die privilegierten Menschen in den ersten Reihen geblieben ist, denn für ein feinsinnig gesponnenes Psychogramm reicht keine schnelle Durchlaufprobe, das müssen die Sänger verinnerlichen. Also genießen wir den PR-Block, wo alles exakt so abläuft, wie es in den gemeinsamen Probenwochen erarbeitet worden ist!
Es ist jetzt keineswegs so, dass mich diese Inszenierung hellauf begeistern würde, aber sie ist insgesamt solide gearbeitet und wartet mit einigen guten Einfällen auf. Dass man wesentlich mehr aus der "Rusalka" herausholen könnte, steht auf einem anderen Blatt. Aber verglichen mit der verunglückten "Cenerentola" hat Bechtolf hier eine brauchbare Arbeit abgeliefert.
Bechtolf ist das Kunststück gelungen, bei Krassimira Stoyanova den Knopf zu entdecken, mit dem ihr gesamtes darstellerisches Potential aktiviert werden kann. Ich muss gestehen, dass ich ihr diese Leistung nicht zugetraut hätte, denn als Schauspielerin empfand ich sie bis dato immer als zwar bemüht, aber eher unbedarft. Ich habe sie ja auch in Zürich in dieser Rolle erlebt, wo sie mich aber nur mit ihrer untadeligen gesanglichen Leistung überzeugen konnte, nicht als Figur. Die Rusalka von Bechtolfs Gnaden hat sie hingegen 100%ig verinnerlicht, da stimmt jede Geste, da spiegeln sich alle Seelenqualen zu Herzen gehend in ihrem Gesicht. Selbst das sehr komplizierte Bewegungsmuster, das Rusalka in ihrem ungeliebten Nixenkörper auferlegt ist, meistert Frau Stoyanova perfekt. Da ich mir nicht vorstellen kann, dass Krassimira Stoyanova die Rusalka am Samstag noch schöner, beseelter und technisch perfekter als heute singen kann, möchte ich ihr schon für der GP die Bestnote geben. Das war einfach nur zum Dahinschmelzen, ein Baden im Wohlklang!
Sehr gut präsentierte sich auch Günther Groissböck als Wassermann – auch ihn habe ich schon in Zürich in dieser Partie erlebt! In unserer Inszenierung ist er nicht nur der väterliche Freund und Beschützer von Rusalka, auch nicht der gemütliche Tattergreis jenseits von Gut und Böse, sondern ein gestandener Mann, der die Nixe auch aus recht eigensüchtigen Gründen nicht gern an die Menschenwelt verlieren möchte. Ich mag Groissböcks warme, satte, einschmeichelnde Stimme, die aber auch auftrumpfen kann, wo es nötig ist. Es wäre schön, wenn er künftig öfter an der WSO zu hören sein würde.
In der kleinen Partie des Hegers ließ Gabriel Bermúdez aufhorchen – zum ersten Mal ist mir dieses junge Ensemblemitglied wirklich positiv aufgefallen.
Bei den übrigen Sängern ( Michael Schade, Janina Baechle, Monika Bohinec….) hatte ich das Gefühl, dass sie bei der GP noch den Schongang eingelegt hatten, sodass ich es unfair fände, ihre heutige Leistung zu beurteilen.
Sehr wohl beurteilen kann ich hingegen die Leistung des Mannes am Dirigentenpult, und die war untadelig. Jiri Belohlavek schwelgte in Dvoraks Melodienreichtum, ohne sich in Gefühlsduselei zu verlieren, entfachte im Graben die poetische Naturstimmung, die sich auf der Bühne nicht entfalten durfte, gestaltete liebevoll jedes Detail, ohne das große Ganze aus den Augen zu verlieren. Wie rauschhaft schön diese Musik ist – ich hatte es beinahe vergessen!
Ich gehe einmal davon aus, dass es bei der PR einhelligen Jubel für Dirigent und Ensemble geben wird und kräftige Buhs für das Leading-team…..
Mein Fazit: Es hätte szenisch schlimmer kommen können, und die Freude, dass "Rusalka" endlich wieder auf dem Spielplan steht, macht alles andere ohnehin wett!
lg Severina :hello
Billy Budd (25.01.2014, 11:26): :thanks für die Eindrücke!
Severina (25.01.2014, 14:20): Hast Du vor, Dir eine Vorstellung anzuschauen? Musikalisch lohnt es sich wirklich, obwohl ich nicht glaube, dass die "Rusalka" so ganz Deine Richtung ist - aber manchmal kann man ja auch fremdgehen :wink!
lg Severina :hello
Billy Budd (25.01.2014, 14:22): Ja, natürlich bin ich drinnen! (Morgen aber eher nicht, aber ganz sicher am 3. Feb.)
Übrigens liebe ich die Rusalka (hab ich an der Volksoper öfters gehört)! :D Billy :hello
Severina (25.01.2014, 14:49): Na dann viel Vergnügen, ich bin schon gespannt auf Deinen Bericht! (In die PR würde ich auch nicht gehen, die ist oft die schwächste Vorstellung des ganzen Blocks!)
lg Severina :hello
Billy Budd (25.01.2014, 14:51): Danke. :) Ich freue mich schon drauf, da die Musik sehr zauberhaft ist und die Sänger gar nicht mal sooo schlecht sind. :wink Auch die Inszenierung wirkt Deinem Bericht nach zu schließen sehr interessant! Billy :hello
Severina (25.01.2014, 15:21): Na ja, Michael Schade ist nicht mein Traumprinz, aber vielleicht steigert er sich noch, obwohl ich gestern nicht den Eindruck hatte, dass er markiert. Aber bei einer GP schreibe ich nur von positiven Sängereindrücken. Vielleicht habe ich auch nur ein unbewusstes Vorurteil, weil ich in Zürich von Beczala so begeistert war. (Auch die dortige Inszenierung von Hartmann hat mir besser gefallen, ganz im Unterschied offensichtlich zu Frau Stoanova!)
lg Severina :hello
Billy Budd (25.01.2014, 23:40): In den drei Hauptrollen neu besetzt war diese Cavalleria, doch mit diesen Sängern wurde wieder einmal kräftig daneben gegriffen. Der 1956 geborene Fabio Armiliato ist mittlerweile völlig ausgesungen, sogar eine so kurze Partie wie der Turiddu ist ihm zu lang. Seine Stimme hat ein starkes Tremolo, ist nur durch Forcieren hörbar und Pianokultur ist ihrem Besitzer ein Fremdwort. Alle Höhen wurden entweder gestemmt oder geschmissen. Nach dem Intermezzo zeigte sie deutliche Ermüdungserscheinungen, um dann beim Abschied von der Mutter fast gänzlich den Dienst zu versagen Das war einfach nur peinlich, sonst nichts. Als wäre dies noch nicht genug, zeigte er schauspielerisch nun ja, seltsame Ambitionen. Das Zuprosten mit einem leeren Trinkbecher (er hatte vergessen, den Wein einzuschenken) kann man vielleicht noch durchgehen lassen (ebenso, wie das Verschwinden aus Lolas Blickfeld, als ihn diese wahrgenommen haben soll, und den verunglückten Messerwurf), aber, dass er die Bühne betrat und, ohne in die Richtung Santuzzas zu sehen, „Tu qui, Santuzza“ sang, war schon merkwürdig genug. Dass er, als es zum Duell kommen sollte, von der Bühne abmarschierte, erschien mehr als seltsam. Der Alfio erschien wenig später, stand dann geraume Zeit untätig herum, und als Armiliato endlich erschien, um sich ruck-zuck abmurksen zu lassen, wurde schon Turiddus Ableben verkündet, was einer gewissen Komik nicht entbehrte. Wenn Meyer auch nur einen Funken Anstand im Leibe hat, setzt er am Mittwoch und Sonntag jemand anderen an, denn ein zweites Mal kann man dem zahlenden Publikum eine solche Katastrophe nicht zumuten. Michaela Schuster kreischte die Höhen ein einer schmerzvollen Weise, bot aber insgesamt eine passable Leistung. George Gagnidze, der im September den Scarpia singen wird, brüllte als Alfio viel herum, nahm es aber mit den genauen Tonhöhen nicht allzu genau. Zoryana Kushpler war nicht so schlecht wie üblich (die Lola ist aber auch sehr unproblematisch) und Aura Twarowska war eine passende Lucia. Die Cavalleria ist also mit ungenügend zu beurteilen; wie war es um den Bajazzo bestellt? Nun ja ... Der 1949 (!) geborene Neil Shicoff gab ein spätes, aber nicht zu spätes Rollendebüt. Dem Vernehmen nach soll er seine Karriere im nächsten Jahr nach einem Eléazar beenden – eine Entscheidung, die wahrscheinlich zur rechten Zeit kommt. Seine Stimme wies ein deutliches Vibrato auf, und, um die Höhen zu erreichen, musste er kräftig stemmen. Positiv ist seine Ausdruckskraft (besonders beim doppeldeutigen „La commedia è finita!“) anzumerken. Inva Mula passte als Nedda, Ambrogio Maestri war der mit Abstand beste Sänger des Abends, der Beppo von Carlos Osuna war schlecht und recht, Tae-Joong Yang gab einen mangelhaften Beppo und Martin Müller sorgte in der winzigen Rolle des Zweiten Bauern für Unterhaltung, wenn man „sich ärgern“ als eine Form der Unterhaltung bezeichnet. Das Orchester wirkte unter der Stabführung von Paolo Carignani recht unkonzentriert. Résumé: Eine Schwalbe (Maestri) macht noch keinen Sommer. Billy :hello
EDIT: Nicht Michael Wilder sondern Martin Müller sang den Zweiten Bauern (da habe ich mich gestern geirrt).
Billy Budd (31.01.2014, 23:53): Juhu, ein rydlfreier Boris! Dan Paul Dumitrescu sang einer mit winzigen Einschränkung (etwas zu wenig Schwärze in der Stimme) einen sehr guten Pimen, Michael Güttler dirigierte viel zu langweilig, ansonsten gibt es nichts Neues zu vermelden. Billy :hello
EDIT: Korrektur eines Rechtschreibfehlers ("Stime" statt "Stimme").
Billy Budd (01.02.2014, 23:56): Das Hausdebtüt von David Portillo gelang von zwei gekrächzten abgesehen Höhen ziemlich gut, Levente Molnár überzeugte als Figaro auch heute nicht wirklich, Anna Bonitatibus war eine durchschnittliche Rosina, Alfred Šramek, dessen Bartolo quasi zum Inventar gehört, hatte einen guten Abend, Adam Plachetka sorgte für eine große Überraschung, da er offenbar, seit ich ihn zum letztenmal gehört habe, fleißig an seiner Stimme gearbeitet hat, Manuel Walser, Simina Ivan, Oleg Zalytskiy und Michael Kuchar ergänzten verlässlich; Michael Güttler ist ein Garant für langweilige Dirigate. Billy :hello
Billy Budd (02.02.2014, 20:24): Die heutige Vorstellung gelang deutlich besser. Fabio Armiliato ging zwar auch heute am Ende ein, was mehrere Zusammenzucker der Galeriebesucher und bei den Vorhängen einige Buhrufe zur Folge hatte, ließ aber eine passable Siziliana hören, Michaela Schuster hat in die Santuzza besser hineingefunden, George Gagnidze kann in der Partie des Alfio von seinen Mängel (hauptsächlich Unfähigkeit zu differenzierter Gestaltung) recht gut ablenken, Zoryana Kushpler war als Lola schlecht wie immer und Aura Twarowska passte als Lucia. Neil Shicoff, der einen sehr guten Tag erwischte, hat mir zu meiner großen Überraschung sehr gut gefallen, Inva Mula war eine durchschnittliche Nedda, Ambrogio Maestri gab einen ausgezeichneten Tonio, der Beppo von Carlos Osuna ging gerade noch durch, auffallend schlecht war Tae-Joong Yang als Silvio und Martin Müller erinnerte als Zweiter Bauer frappant an Benedikt Kobel. Das Dirigat von Paolo Carignani gereichte der Vorstellung nicht zum Vorteil; die Inszenierung von Jean Pierre Ponnelle ist für mich der größte Schatz der Staatsoper. Billy :hello
Billy Budd (03.02.2014, 23:25): Es war Zeit, dass dieses wunderbare Werk wieder auf dem Spielplan der Staatsoper landet. Dass die Regie schon wieder auf dem Mist Bechtolfs gewachsen ist, ist bedauerlich, da eine szenisch langweilige Produktion herausgekommen ist. Die skandalös schlechte Platzierung Ježibabas im ersten Akt und die des Wassermanns im dritten brachte den Sängern keine Vorteile. Krassimira Stoyanova sang aber eine ausgezeichnete Rusalka, Günther Groissböck klang besonders im dritten Akt zu wenig bedrohlich, bot aber dennoch eine sehr gute Leistung, Michael Schade hat mir gar nicht gefallen, Janina Baechle war eine recht gute Ježibaba und Monika Bohinec, die mir nie aufgefallen ist, hat mich als Fremde Fürstin positiv überrascht. Gabriel Bermúdez (Heger), Stephanie Houtzeel (Küchenjunge) und Mihail Dogotari (Jäger) waren solide; die Elfen (Valentina Nafornita, Lena Belkina und Ilseyar Khayrullova) klangen ein bisschen seltsam. Jirí Belohlávek machte seine Sache ganz ausgezeichnet. Billy :hello
Billy Budd (03.02.2014, 23:31): Ich habe eine Frage an alle, die diese Inszenierung schon länger kennen: Schreibt die Regie vor, dass Canio im Finale (vor den Morden) aus einer am Lastwagen platzierten Flasche einen kräftigen Schluck zu nehmen hat, wodurch suggeriert wird, dass er sich in einem nicht mehr ganz nüchtenen Zustand befindet? Billy :hello
Billy Budd (07.02.2014, 23:50): Die heutige Vorstellung der Salome ließ mich hauptsächlich mit Langeweile zurück, wiewohl Begeisterung bei diesem Meisterwerk ein Selbstläufer sein sollte. Das war zu einem Gutteil Andris Nelsons zu verdanken, der das von Peter Schneider gewohnte Niveau nicht einmal ansatzweise erreichte. Dass er das Orchester fast permanent zu leise spielen ließ, wäre noch kein Problem gewesen, wenn nicht die ganze Vorstellung vor sich hin geplätschert hätte (alles klang viel zu zahm). Er hat einfach kein Gespür für Dynamik und Spannung, aber immerhin rief es einige Heiterkeit hervor, ihm von der Galerie beim Dirigieren zuzuschauen, da er die Arme schön spiegelbildlich einsetzte (wenn er nicht den linken zum Umblättern benutzte). Herwig Pecoraro ist von einem sehr guten Ersten Juden zu einem passablen Herodes avanciert. Er setzte jeden (!) Ton dorthin, wo er hingehört, schien sich in der Partie aber nicht wohlzufühlen, was auch dem Rollendebüt geschuldet sein könnte (dass er darüber hinaus aus dem „jungen Syrier“ einen „jungen Syrer“ machte, haben wir stirnrunzelnd registriert). Gun-Brit Barkmin hatte zu Beginn mit starker Nervosität zu kämpfen, bot aber eine sehr gute Leistung. Falk Struckmann konnte mit seiner leider schon ziemlich ramponierten Stimme Wirkung erzielen. Iris Vermillion sang die Herodias zwar gut, aber ein bisschen zu schön. Ein Totalausfall war Carlos Osuna als Narraboth, Ulrike Helzel gab einen schrillen Pagen. Mit Ausnahme von dem einwandfreien Walter Fink war das Judenquintett mit Norbert Ernst (spitze), Michael Roider (dessen Karriere am Ende angekommen ist; kaum zu glauben, was für ein toller Aegisth er einst war), James Kryshak (passabel) und Thomas Ebenstein (gut) neu besetzt, Adam Plachetka und Marcus Pelz waren zwei mäßige Nazarener, Dan Paul Dumitrescu sang einen sehr guten Ersten Soldaten, aber Il Hong gab einen unterdurchschnittlichen Zweiten Soldaten. Mit dabei waren auch noch Johannes Gisser und Gerhard Reiterer. Es bleibt, auf eine Steigerung der Sänger zu hoffen; beim Dirigenten wird sich eine solche nicht einstellen. Billy :hello
Billy Budd (09.02.2014, 22:59): Leider war Michael Schade ein Totalausfall (immerhin, im dritten Akt sorgte er für regelrechte Lacheinlagen), denn die restliche Besetzung der Hauptrollen (Krassimira Stoyanova, Günther Groissböck, Janina Baechle und Monika Bohinec) machte ausgezeichnete Arbeit. Die Sänger der kleineren Rollen (Gabriel Bermúdez, Stephanie Houtzeel, Valentina Nafornita, Lena Belkina, Ilseyar Khayrullova und Mihail Dogotari) überzeugten teils mehr, teils weniger. Es ist zu hoffen, dass Jirí Belohlávek noch oft in Wien dirigiert, denn was er heute aus bzw. mit dem Orchester zauberte, war traumhaft. Billy :hello
Billy Budd (10.02.2014, 23:25): Falk Struckmann war – das muss leider so formuliert werden – grottenschlecht. Dass er heute nur im Sparbetrieb unterwegs war, ließen unter anderem mehrere Falschbetonungen (statt „wo IST sie“, „wo ist SIE“, weils so leichter zu singen ist) erkennen, aber, dass ihm dreimal (bei „daß er Dir Deine Sünden vergebe“, bei „es kommt ein Tag“, sowie beim letzten „Sei verflucht!“) die Stimme komplett den Dienst versagte – zu hören war dann entweder ein mickriges Krächzen oder gar nichts – sorgte für Schrecksekunden. Dieses Missvergnügen war umso ärgerlicher, da – abgesehen von Andris Nelsons, der auch keine Anstalten machte, Struckmann möglichst unfallfrei durch die Vorstellung zu bringen, und Carlos Osuna – eine hörenswerte Besetzung aufgeboten wurde: Gun-Brit Barkmin hatte offenbar ihre Debütnervosität abgelegt und gab eine ausgezeichnete Salome, Herwig Pecoraro ist noch besser in den Herodes hineingewachsen (freilich, sein „junger Syrer“ war nach wie vor ärgerlich, aber da er das „Man töte dieses Weib!“ (samt hohem b anstelle des als Alternativversion notierten es) so herrlich hinauskleschte, überhören wir gern die eine oder andere Kleinigkeit, wie ein recht dünnes Jubelgeschrei nach dem Schleiertanz) und Iris Vermillion ist als Herodias zwar nicht optimal eingesetzt, bot aber eine gute Leistung. Unter den kleinen Rollen stach wie am Freitag Norbert Ernst positiv hervor, James Kryshak genügte als Dritter Jude nicht, ansonsten hat sich nichts geändert. Billy :hello
Billy Budd (13.02.2014, 23:19): Die heutige Vorstellung ist im untersten Viertel aller Wiener Salomes der letzten Jahre einzuordnen. Herwig Pecoraro ging nach dem Schleiertanz ziemlich ein (und noch einmal: Es handelt sich um einen „jungen Syrier“, nicht um einen „jungen Syrer“!), Gun-Brit Barkmin war schlampig unterwegs und sang besonders im Schlussmonolog (aber davor auch schon) um etwa einen Viertelton zu hoch, Falk Struckmann begann gut, erbrachte aber insgesamt nur eine marginal bessere Leistung als am Montag, Iris Vermillion war spitze, über Carlos Osuna bereitet man besser den Mantel des Schweigens und Andris Nelsons sorgte auch heute für Ärgernisse (eine Salome DARF nicht 1 ¾ Stunden dauern – das ist viel zu lang – und der Schleiertanz hat Musik, die zu schön ist, dass man wie ein Rindvieh hineindreschen dürfte!). Die einzige Umbesetzung betraf die Rolle des Fünften Juden, die Andreas Hörl einigermaßen passabel gab (freilich nicht so gut wie Fink, auch wenn er einen schlechten Tag hat). Die Vorstellung wird mit aufgrund des herrlichen Textfehlers von Norbert Ernst als Erster Jude dennoch im Gedächtnis bleiben („Seit den Tagen des Proleten Elias hat niemand Gott gesehn!“). Billy :hello
Billy Budd (21.02.2014, 23:24): Inva Mula und Ho-yoon Chung (eingesprungen für Ramón Vargas) waren inakzeptable Besetzungen der Hauptrollen, nur Markus Eiche bot eine sehr gute Leistung. Dan Paul Dumitrescu und Thomas Ebenstein sangen annehmbar, Clemens Unterreiner, Hila Fahima, Lena Belkina und Juliette Mars waren auch noch mit dabei. Dass die Aufführung so langweilig wurde, ist nicht (nur) Frédéric Chaslin, sondern (auch) dem Komponisten anzulasten. Am Galeriestehplatz befanden sich nach der Pause rund 25 Leute. Billy :hello
Severina (22.02.2014, 00:28): Dass Inva Mula keine ideale Manon ist, glaube ich aufs Wort, aber, lieber Billy, nur weil Dir eine Oper nicht gefällt, ist sie noch lange nicht langweilig. Ich habe mich bei "Manon" auch schon gelangweilt, wenn sie unterbesetzt war, aber nicht, weil ich Massenet für einen langweiligen Komponisten halte. Ich behaupte ja auch nicht, dass Strauss "schreckliche Musik" geschrieben hat, weil mir seine Tonsprache nur wenig zu sagen hat..... Ich fände es nett, wenn Du aus Deinem persönlichen Geschmack nicht so oft sofort ein unumstößliches Gesetz machen würdest. (Siehe auch Andris Nelsons...)
lg Severina :hello
Billy Budd (22.02.2014, 00:30): Liebe Severina, dass meine Berichte nur meine persönliche Sicht wiedergeben, liegt ja auf der Hand, oder? Billy :hello
Billy Budd (22.02.2014, 23:57): Na supa ... jetzt wurde schon wieder eine Neuproduktion verhaut: Man nehme ein völlig unlogisches und musikalisch extrem schwaches Stück, das noch nie bei uns zu hören war, was natürlich seine Gründe hat, engagiere eine „Diva“ (Angela Gheorghiu, die zwar sehr leise unterwegs war, aber eine achtbare Leistung bot), stelle einen peinlichen Tenor, der aber immerhin für Erheiterung sorgte, dazu (Massimo Giordano), bringe eine recht langweilige Inszenierung auf die Bühne (sie schaut im ersten Akt sehr unserer alten – und schmerzlich vermissten – Ariadne ähnlich) – und fertig ist die Premierenproduktion eines „ersten“ Hauses. Elena Zhidkova hat es aber sehr gut gemacht und Roberto Frontali schlug sich wacker. Alexandru Moisiuc fiel negativ auf (wann nicht?), die Sänger der restlichen Rollen (Raúl Giménez, Jongmin Park, Jinxu Xiahou, Bryony Dwyer und Juliette Mars) passten. Das Dirigat von Evelino Pidò kann ich nicht beurteilen. Billy :hello
P.S.: Bei der letzten von mir besuchten Rusalka handelte es sich um die Vorstellung vom 9. Februar (nicht, wie angegeben, um die vom 3.).
Billy Budd (15.03.2014, 23:24): So bedauerlich die Absage Falk Struckmanns war, fast so groß war die Freude über eine sehr gute Einspringerleistung: Tomasz Konieczny - im italienischen Fach ein eher seltener Gast - bot einen sehr guten Scarpia (freilich, ein Terfel ist er nicht, aber seine Stimmt passt perfekt (im Te Deum übertönte er deutlich Chor und Orchester) und schauspielerisch ließ er keinen Wunsch offen). Yonghoon Lee konnte ihm als Cavaradossi das Wasser reichen (er benutzte seine schön timbrierte Stimme mit guter Technik und sang keineswegs zu leise) und Norma Fantini gab eine tadellose Tosca. Abgesehen von Walter Fink (Schließer) und Clemens Unterreiner (Angelotti) stellte die Besetzung der Nebenrollen dem Ensemble der Staatsoper kein gutes Zeugnis aus: Il Hong (Mesner), James Kryshak (Spoletta) und Hans Peter Kammerer (Sciarrone) haben an einem ersten Haus nichts verloren. Stefan Soltesz machte am Dirigentenpult brauchbare Arbeit, über das Kind der Opernschule breitet man besser den Mantel des Schweigens. Die heutige Vorstellung soll übrigens in allen Belangen besser als die am 13. März verlaufen sein.
Der zur freien Entnahme aufliegende "Prolog" (= das Magazin der Staatsoper) ist mit diesem Monat zu einem Hochglanzmagazin avanciert, was laut Hauspersonal nur die Spitze des Eisberges ist (ich will hier im Internet nicht konkreter werden). In Anbetracht der Tatsache, dass der Direktor in diversen Zeitungsinterviews über Geldsorgen jammert, wundert einen schon, dass für solch unnötige Dinge doch Geld zuhauf da ist. Billy :hello
Billy Budd (27.03.2014, 22:09): Wieso um Himmels willen musste sich Matthias Goerne, dessen Name glücklicherweise wie der Villazóns, Kaufmanns und Flemings in der im Großen und Ganzen erfreulichen Spielzeitvorschau für nächste Saison fehlt, an der Titelrolle, mit der in dieser Oper bekanntlich alles steht und fällt, versuchen? Es ist wirklich unbegreiflich, dass der Wozzeck so dermaßen schlecht gesungen werden kann. Herbert Lippert war als Tambourmajor zwar mickrig, wenn auch nicht so schlecht wie befürchtet (genaues Singen ist ja da wurscht), aber Evelyn Herlitzius war eine wirklich gute Marie, wie auch Wolfgang Bankl als Doktor das Seine überdurchschnittlich gut erledigte. Herwig Pecoraro war ein guter, wenn stellenweise etwas zu leiser Hauptmann. Die Besetzung der Nebenrollen (Norbert Ernst/Andres, Monika Bohinec/Margret, Peter Jelosits/Narr und Andreas Hörl und Clemens Unterreiner/Handwerksburschen) machte ihre Sache sehr gut, und das Orechster spielte unter Dennis Russell Davies erstaunlich gut (naja, es hat den Wozzeck auf seiner Tournée oft genug gespielt, sodass es ihn mittlerweile kann). Der Andrang war wie im Vorjahr überraschend stark. Billy :hello
Billy Budd (29.03.2014, 23:49): Ramón Vargas war einmal ein sehr guter Rodolfo, derzeit ist er nur mehr ein passabler, der von seiner Mimì (Maija Kovalevska) teilweise an die Wand gesungen wurde. Auch Adrian Eröd hatte keinen besonders guten Tag, wie auch Marcus Pelz (einspringend) in der Doppelrolle in keiner Hinsicht an Alfred Šramek oder Wolfgang Bankl heranreichte. Jongmin Park war als Colline der beste Sänger des Abends, aber auch von von Alessio Arduini hörte man eine sehr gute Leistung und Ildikó Raimondi bot (schon wieder einspringend) eine mehr als solide Musetta. Extrem negativ fiel Martin Müller in der winzigen Rolle des Parpignol auf. Mikko Franck dirigierte sehr gut und erweckte Vorfreude auf den kommenden Lohengrin. Billy :hello
ar (30.03.2014, 15:59): Lieber Billy
Kannst du bitte beschreiben, was dich an Goernes Gesang gestört hat? Die ein bisschen zu dunkel geführte Mittellage? Er ist ja einer der führenden seines Faches. :hello
Billy Budd (30.03.2014, 19:03): Bei Evelyn Herlitzius war eine Verbesserung auszumachen; ansonsten hat sich nichts geändert. Billy :hello
Billy Budd (30.03.2014, 19:07): Original von ar Lieber Billy
Kannst du bitte beschreiben, was dich an Goernes Gesang gestört hat? Die ein bisschen zu dunkel geführte Mittellage? Er ist ja einer der führenden seines Faches. :hello Lieber Arion! Meiner Meinung nach klingt er in der tiefen Lage wie ein Bass und in der hohen fast wie ein Tenor; in der Mitte hat er nur heiße Luft. Entweder er säuselt oder er schreit (zum Beispiel bei "Wenn wir in den Himmel kämen, so müßten wir donnern helfen!"), und bezüglich Ausdruck darf man gar nicht versuchen, ihn mit Grundheber oder auch zum Beispiel Alan Held zu vergleichen. Billy :hello
ar (01.04.2014, 18:42): Danke vielmal! Mir gefällt Goerne sehr, ich habe aber keine Ahnung wie er live tönt.
Billy Budd (01.04.2014, 23:16): Mit dieser Serie heißt es Abschied nehmen von unserer wunderbaren Rigoletto-Produktion, denn im Dezember wird sie schwachsinnigerweise (es gibt so viele interessante Stücke, die es verdienten, gespielt zu werden!!) ersetzt. Daher hätte dieser Abend eine bessere Gilda verdient, denn die Leistung von Valentina Nafornita (sie schepperte in der Höhe, daß es wehtat, Tiefe war keine vorhanden und Technik hat sie ohnehin keine) wäre als Aprilscherz zu bezeichnen gewesen. Hauptsache, man schaut attraktiv aus, denn dann sind die Anforderungen einer Verdi-Sängerin offensichtlich schon erfüllt. Ich habe sie bei den Vorhängen ausgebuht, was wir nur bei wirklich schlimmen Wiederholungstätern zu machen pflegen, aber es muß kommuniziert werden, daß es grob fahrlässig ist, dieser überforderte Wettbewerbssängerin eine Hauptrolle nach der anderen anzuvertrauen. Dieses Mißvergnügen war umso ärgerlicher, zumal abgesehen von dem unverkennbaren (und das ist negativ gemeint) Alexandru Moisiuc (Monterone) und Juliette Mars (Giovanna), die sich auch nicht so recht weiterentwickelt, eine mehr als hörenswerte Besetzung aufgeboten wurde: Der 1942 (!) geborene Leo Nucci brachte laut Prolog seinen 499. Rigoletto hinter sich und machte es heute wirklich ausgezeichnet (die Stimme zeigte kaum Abnützungserscheinungen und ihr Besitzer verzichtete auf Brüllerei). Auch der Duca von Piero Pretti sorgte für eine sehr positive Überraschung (nur im Quartett hätte er sich ein wenig zurücknehmen können, aber ansonsten paßte alles). Mit Dan Paul Dumitrescu und Nadia Krasteva waren die beiden mittleren Rollen auch wunderbar besetzt, und ansonsten störte zumindest niemand (Manuel Walser/Marullo, James Kryshak/Borsa, Mihail Dogotari/Graf von Ceprano, Lydia Rathkolb/Gräfin von Ceprano, Michael Wilder/Hussier und Hila Fahima/Page). Leider sorgte Jesús López-Cobos besonders im vierten Akt für keinen reibungslosen Ablauf. Fazit: Genießen wir trotz dieser unmöglichen Gilda die noch verbleibenden Vorstellungen in dieser Inszenierung, eher wir dem Rigoletto für eine Weile fernbleiben (Keenlyside+Nafornita+Möst: Da kann nix Gscheits herauskommen, da nutzt auch der Beczala nix). Billy :hello
palestrina (02.04.2014, 13:07): Lieber Billy, ich muss es dir mal sagen, ich lese deine Beiträge über das Wiener Operngeschehen immer mit Begeisterung, denn du trägst das Herz auf der Zunge ! Danke ! :beer
LG palestrina
Billy Budd (02.04.2014, 17:32): Danke! :) :)
Billy Budd (08.04.2014, 23:03): Leo Nucci kam heute an seine wunderbare Leistung der Vorwoche nicht heran, bot aber dennoch einen sehr guten Rigoletto; Piero Pretti war ein ausgezeichneter Duca; Valentina Nafornita sang schlecht, wenn auch nicht ganz so miserabel wie letzte Woche; an Dan Paul Dumitrescu und Nadia Krasteva gibt es nichts auszusetzen; auffallend schwach war Hila Fahima (schon wieder so ein unnötiges Engagement) in der sehr kleinen Rolle des Pagen; Jesús López-Cobos hatte es auch heute eilig. Billy :hello
Severina (10.04.2014, 13:57): Als Koproduktion mit dem Opernhaus Zürich beglückte uns der dortige Intendant Andreas Homoki höchstpersönlich mit einem neuen "Lohengrin". Da ich mit unserer bisherigen Inszenierung von Barrie Kosky nicht sonderlich glücklich war, sah ich der neuen mit freudiger Erwartung entgegen. Nach der heutigen GP weiß ich allerdings nicht so recht, ob ich mich wirklich freuen soll….
Schon im Vorfeld gab es Turbulenzen, weil sich Direktor Dominique Meyer in der Grundsatzfrage "Prima la musica o prima la regia" auf die Seite des Regisseurs schlug. Konkret ging es um einen Strich im letzten Aufzug, und Monsieur le Directeur befand, die paar Minuten Musik seien bei einer so langen Oper leicht zu verschmerzen (!) und Bertrand de Billy solle sich nicht so haben. Nun stehe ich ja eher im Lager des so genannten "Regietheaters", aber in musikalischen Belangen muss meiner bescheidenen Meinung nach immer noch der Dirigent das letzte Wort haben. Der umgekehrte Fall, dass nämlich der Mann am Pult in das Inszenierungskonzept eingreift, wird ja auch als völlig absurd empfunden.
Nun denn, ich betrat heute also ziemlich gespannt den Zuschauerraum. Der Zwischenvorhang zeigt ein Bild, das an naive Glasmalereien erinnert: Vor einer idyllischen Gebirgslandschaft schweben zwei einander zärtlich zugeneigte Flammenherzen, darunter verheißt eine altdeutsche Schrift "Es gibt ein Glück" Bebildert ist dann auch die Ouvertüre: Zunächst trauern Elsa und Gottlieb – er bereits mit einem Schwan unter dem Arm – am Sarg der Mutter (?) und weichen entsetzt zurück, als sich Telramund ihnen nähert, später führt Gottlieb – immer noch mit dem Schwan – die Schwester als Braut dem Vormund zu. Im letzten Moment wirft sie ihm das Blumengebinde vor die Füße und flieht. Ich kann mir vorstellen, dass das aparte Stakkato der Nagelschuhe, das beim Abtreten der Hochzeitsgäste die zarten Orchesterklänge der Ouvertüre begleitet, den Maestro noch ein bisschen mehr irritiert hat als der ominöse Strich im letzten Aufzug….
Zu Beginn des 1. Aufzugs stürzt Elsa in einer Art weißem Unterhemd herein – nun umklammert sie den Schwan – verfolgt von einer Meute Dörfler in Alpinuniform, also Tracht, und wird in einem Nebengemach eingesperrt. Nagelschuhe? Tracht? Spielt diese Oper nicht im Brabant des 10.Jhdts.? Nicht bei Andreas Homoki, er beamt die ganze Hofgesellschaft in ein Gebirgsdorf Anfang des 20.jhdts. und steckt sie in Lederhosen, Trachtenjanker (graue für die königlichen Gefolgsleute, moosgrüne für die Edlen von Brabant, Telramund hebt sich in einem braunen davon ab) und natürlich Filzhüte mit Gamsbärten. Elsa, vorerst ja ausgestoßen aus der Gemeinschaft, muss sich mit besagtem Unterhemd begnügen, erst nach der Rehabilitierung durch Lohengrin darf sie ein gelbes Dirndl tragen. Das von Ortrud ist in sündhaftem Dunkelrot gehalten (Merke: Sie ist die Böse!), die Haartracht beider Damen entspricht ihrem folkloristischen Outfit: Dicke Zöpfe winden sich um die edlen Häupter.
Noch schneller lässt sich das Einheitsbühnenbild beschreiben: Man stelle sich eine riesige Kiste vor, aus breiten, grob gemaserten Latten gezimmert, mit je einer Aussparung in den Seitenwänden, um die Auf- und Abtritte zu gewährleisten. Das Vorhangbild hängt nun in einer Miniaturversion, dafür schön gerahmt, an der Rückwand. Dazu gibt es eine Reihe dieser typischen Bauernstubensessel (geschwungene Rücklehne mit Herzchenloch) und ganz einfache Holztische, die stilistisch nicht dazu passen, sich aber blitzschnell gruppieren lassen, so z.B. zu einem Podium für das Gottesurteil, zu der Hochzeitstafel, hochkant gestellt aber auch als Versteck für die Lauscher. Der prächtige Hof zu Antwerpen ist also an der WSO auf ein Dorfgasthaus zusammengeschrumpft. Nun, warum nicht. Welchen Mehrwert bringen aber nun Lederhosen statt Ritterrüstungen? Diese Antwort bleibt Regisseur Andreas Homoki leider schuldig. Sicher gibt es im "Beipackzettel" dazu viele kluge Worte, aber ich lese schon lange keine Programmhefte mehr, weil ich der Meinung bin, der rote Faden einer Inszenierung muss auch ohne Gebrauchsanweisung sichtbar sein. Außerdem nützt es mir wenig, wenn ich dann daheim nach der Lektüre schlauer bin, während der Vorstellung aber nur ratlos. Natürlich könnte dieses Ambiente die Deutschtümelei des Librettos treffend persiflieren, aber dieser Faden muss dann weitergesponnen werden, ansonsten bleibt es bei der leeren Behauptung. Kostüme alleine sind für ein Statement reichlich wenig. In einem Interview im Pro:log steht etwas von der Enge einer hinterwäldlerischen Dorfgemeinschaft, in der man noch an Wunder wie die Erscheinung des Schwanenritters glaubt. Na ja, für ein Konzept klingt das ein bisschen dürftig.
Unter der Enge leidet der ausgezeichnet singende Chor tatsächlich, denn das Kistenbühnenbild drängt ihn auf so kleinem Raum zusammen, dass ein natürliches Agieren kaum möglich ist. Schon die Auf- und Abtritte durch die zwei relativ schmalen Türöffnungen haben etwas unfreiwillig Komisches. So zucken die Damen und Herren des Chores also rhythmisch mit ihren Gliedern, üben sich in Betroffenheits- oder Empörungspathos (Da schnellen dann kollektiv die geballten Fäuste in die Höhe) oder verdoppeln gestisch den Text , was mich immer ein bisschen nervt. (So nickt der Chor nach Telramunds "Ja!" zum Gottesurteil unisono mit den Köpfen…) Meist zwängen sich die Chorschaften in die linke und rechte Ecke, um den Protagonisten in der Mitte ein wenig freiem Spielraum zu gewähren, der aber auch nur zu langweiligem Rampensingen genutzt wird.
Die Nagelprobe einer Lohengrininszenierung ist für mich immer der Auftritt des Schwanenritters. Die Zeiten, als ein Leo Slezak auf einem vom Schwan gezogenen Nachen feierlichen Einzug hielt, sind wohl endgültig vorbei, aber wie löst man anno 2014 diese verzwickte Szene, ohne unfreiwillige Heiterkeit zu erregen? Bei Homoki wird Elsa von den empörten Dorfbewohnern umringt, über den emporgereckten Händen schwebt der Schwan, den sie ja immer bei sich hat. Er löst sich dann scheinbar in dem Händegewimmel auf, die Menge weicht zurück und auf dem Boden liegt ein zuckendes, zusammengekrümmtes Bündel Mensch in langem weißem Hemd. Das erinnert sehr an Claus Guths Inszenierung an der Scala, nur dass bei ihm diese Szene in ein faszinierendes psychologisches Konzept eingebunden war. Kraftlos ist dieser Lohengrin zunächst, auch mental noch völlig weggetreten, die ersten Worte singt er in den Bühnenboden hinein. Wie ein getretener Wurm liegt er da, kriecht fast hilfesuchend auf Elsa zu und bohrt seinen Kopf in ihren Schoß wie ein Embryo, der in den schützenden Mutterleib zurück möchte. Immer noch gibt es keinen Blickkontakt zwischen ihnen, selbst bei seiner Liebeserklärung nicht, erst als Elsa ihn (!) küsst, kehrt Leben in diesen schwachen, apathischen Körper ein, findet er die Kraft, sich zu erheben und Telramund trotzig die Stirn zu bieten. Elsa führt ihn dann in den Hintergrund, ent- und bekleidet ihn, und in der moosgrünen Joppe ist er nun einer der Ihren. Es scheint fast so, dass Elsa ihn erlöst anstatt umgekehrt. Lohengrin als totaler Antiheld – bravo, aber WAS ihn derart traumatisiert hat, erfährt man leider nicht. Im "Nie sollst du mich befragen!" schwingt leise Panik mit, so als hätte er Angst, in die Gralsburg zurückkehren zu müssen.
Die fast mütterliche Geste, mit der Elsa ihn anfangs umarmt und dann küsst, blieb für mich leider bestimmend, ich konnte ihnen das Liebespaar einfach nicht mehr abnehmen. Wenn sie dann händchenhaltend vor dem König stehen, hat etwas von Bruder und Schwester, keineswegs von zwei füreinander entflammten Menschen. Das Gottesurteil verläuft reichlich banal: Wie einen Boxring umdrängen die Dörfler das aus Tischen gefügte Podium, Telramund fuchtelt ein wenig mit seinem Hirschfänger herum, Lohengrin packt ihn am Handgelenk, er sinkt zu Boden – basta. Die Meute stürzt sich auf ihn und Ortrud und reißt ihnen die Tracht vom Leib – nun sind sie die Outcasts, die nicht mehr dazugehören. Begeistert werden die Gamsbarthüte in die Höhe geworfen, und ich wartete unwillkürlich auf ein paar Jodler. Statt dessen senkte sich aber gottlob der Vorhang .
Zu Beginn des zweiten Aufzugs sitzen Telramund und Ortrud in ihrem Untergewand auf der Bühne, was der "Genossin meiner Schmach" eine zusätzliche Dimension verleiht. Nach ihren versöhnlichen Worten bringt Elsa der Widersacherin ihr Dirndl zurück und legt quasi das Kuckucksei zurück ins Nest. Diesen Regieeinfall finde ich wirklich gut. Aber dann verläuft alles in höchst konventionellen Bahnen weiter, ohne ein einziges Aha-Erlebnis meinerseits.
Der 3. Aufzug leidet besonders eklatant unter der seltsam anämischen Beziehung zwischen Elsa und Lohengrin. Die Brautnacht findet ebenfalls in der Dorfschenke statt, inmitten der teilweise umgestürzten Tische und Sessel. Lohengrin und Elsa sitzen, durch eine Tischplatte getrennt, da und benehmen sich höchst seltsam für ein Brautpaar in der Hochzeitsnacht. Man gewinnt eher den Eindruck, die beiden wären schon jahrelang verheiratet und hätten sich nicht mehr viel zu sagen. Flammende Leidenschaft, zärtlicher Körperkontakt – Fehlanzeige! Und als es dann doch endlich zu einer Berührung kommt, haftet ihr wieder etwas ausgesprochen Geschwisterliches an. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob das nun am Regiekonzept liegt, am fehlenden Charisma der Sänger oder ob einfach die Chemie zwischen Camilla Nylund und Klaus Florian Vogt nicht stimmt. Auf jeden Fall habe ich noch nie eine unerotischere Brautnacht erlebt, ein Paar zwischen dem es nicht ein bisschen knistert. Lakonischer Kommentar meiner Sitznachbarin: "Also den würde ich auch fragen, wer er eigentlich ist, der ist doch eine Mogelpackung als Mann!"
Der Schluss bleibt ähnlich rätselhaft wie der Beginn: Der Schwan sitzt plötzlich auf einem Tisch (zumindest habe ich nicht bemerkt, wie/wann er dorthin gelangt ist), Lohengrin schreitet auf ihn zu, die Menge umringt ihn, und dann liegt wieder unter epileptischen Zuckungen ein weißes Menschenbündel auf dem Boden, diesmal ist es der Knabe Gottlieb. Auch er muss von Elsa quasi zum Leben erweckt werden. Dann gibt’s noch allerhand Hintergründiges, etwa dass Ortrud die Herrscherinsignien, die ihr Elsa anbietet, entsetzt zurückweist, aber auch das beantwortet für mich nichts und rettet vor allem eine Inszenierung nicht, die mich über weite Strecken nur gelangweilt hat.
Gerettet wurde die Vorstellung für mich von den weitgehend sehr guten Sängerleistungen, die ich allerdings wie immer bei einer GP nur streife.
Am besten gefiel mir Wolfgang Koch als Telramund, der nicht nur mit imposantem Stimmmaterial, sondern auch mit eindringlicher Gestaltung überzeugte.
Das gleiche gilt für Günther Groissböck. Sein exquisites Timbre vereint balsamischen Wohlklang mit Virilität, sodass sein König Heinrich vokal und darstellerisch mit der nötigen Autorität ausgestattet ist. Allerdings hoffe ich, dass die tieferen Lagen am Samstag besser ansprechen, da war heute noch Luft nach unten. Vielleicht hat sich der Sänger aber auch nur schlicht und einfach für die PR geschont.
Klaus Florian Vogt, der neben Jonas Kaufmann im Moment wohl weltweit gefragteste Lohengrin, polarisiert ebenso wie sein Kollege. Beide werden entweder in den Himmel gehoben oder man lässt kein gutes Haar an ihrem Singen. Ich neige keiner der beiden Gruppierungen zu, war daher einfach nur neugierig auf meine erste Live-Begegnung mit Vogt als Schwanenritter. Begeistern konnte er mich mit seinen wirklich schönen Piani – herrlich schwebend, aber trotzdem mit Volumen, also alles andere als nur "heiße Luft" – mit seiner Mittellage war ich nicht ganz so glücklich. Da hatte die Stimme für meine Ohren manchmal einen merkwürdigen Beiklang, den ich ad hoc nicht wirklich definieren kann. Aber das bewegt sich auf der reinen Gefühlsebene und ist wohl einfach Geschmackssache. Die Gralserzählung glückte schon bei der GP sehr gut. Was ich nicht nachvollziehen kann ist der schon oft gelesene Vorwurf an den Sänger, er verfüge nur über ein "Stimmchen", denn das war ganz und gar nicht der Fall. Enttäuscht war ich von Klaus Florian Vogt als Darsteller, denn nur das äußerliche Clichée des Lohengrin zu erfüllen, ist mir ein bisschen zu wenig.
Detlef Roth tremolierte sich durch den Heerrufen – diese Leistung wäre doch sicher auch von einem Ensemblemitglied zu erzielen gewesen, wozu also dieses Engagement?
Nun Camilla Nylund als Elsa. Ehrlich gesagt tu ich mir da schwer mit einer Beurteilung, denn sie machte sicher alles richtig, aber ich kann mit dieser Stimme einfach nichts anfangen. Das klingt mir alles zu glatt, zu eintönig, zu gefällig – eben ohne besonderen Charakter. Vielleicht lag es aber auch an dem seltsam emotionslosen Zusammenspiel mit Klaus Florian Vogt, dass mich Frau Nylunds Elsa so gar nicht berührte.
Über Michaela Martens Ortrud will ich mich erst nach der nächsten Live-Begegnung äußern, das war heute sicher noch nicht alles. GP eben!
Mikko Franck kam erst durch die Absage von Bertrand de Billy zu Premierenehren. Die Vorschusslorbeeren, die ihm vorauseilten, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Er erbrachte eine solide Leistung, vermochte es aber kaum, Akzente zu setzen und setzte eher auf plakative Dramatik denn auf subtile Zwischentöne.
Mein Fazit: Szenisch bedeutet der neue "Lohengrin" keine Verbesserung, aber das gilt eigentlich für alle Neuinszenierungen in der Ära Meyer, musikalisch ist es eine gute Produktion, aber wahrscheinlich auch am Sonntag keine Sternstunde, die man sich bei einer PR-Besetzung ja insgeheim immer erwartet!
Lg Severina :hello
Billy Budd (10.04.2014, 15:54): Danke für diesen Bericht! :) Die Kosky-Inszenierung hat mir eigentlich überwiegend gefallen, und deren Ruf war unterm Stammpublikum nicht auch so schlecht, wie oft behauptet. Der Meyer-Sager, es handle sich "nur um zwei Minuten Musik", ist ja völlig daneben - man muß schon klarstellen, um welche zwei Minuten es sich handelt. :S Ich bin jedenfalls am Samstag drinnen, und, wenns mir gefällt, werde ich noch öfters gehen.
Aja, Michaela Martens (nicht Michaela Schuster) singt die Ortrud. :wink Billy :hello
Severina (10.04.2014, 16:03): Lieber Billy,
danke für Deinen Hinweis, hab's schon korrigiert, ebenso wie die falsche Schreibweise von Kosky. (Peinlich, peinlich....) Nun, mit der blinden Elsa konnte ich mich nie wirklich anfreunden, ansonsten hatte die Inszenierung durchaus ihre Meriten und war insgesamt wesentlich spannender als die neue (Und ich werde nie wieder sagen, dass Botha ein unerotischer Lohengrin gewesen ist....). Bin schon neugierig auf deine Eindrücke! Die PR werde ich wie immer schwänzen. Der Applaus startete schon nach der GP sehr heftig, allerdings musste ich rasch weg und konnte den weiteren Verlauf von ZUstimmung/Ablehnung nicht mehr mitverfolgen!
lg Severina :hello
Billy Budd (10.04.2014, 16:07): Liebe Severina! Gerade die Idee mit der blinden Elsa finde ich genial, weil damit vermieden wird, Elsa - wie üblich - als schwache, fast schon bescheuerte Frau zu zeigen; sie ist stark, aber durch ihre Blindheit irgendwie gehandicapt - ich find das super. :)
Und da ja unter Meyer Inszenierungen nicht besser werden, begebe ich mich heute in den letzten Rigoletto ... :I :( Billy :hello
Severina (10.04.2014, 16:22): Lieber Billy,
dann gefällt Dir ja vielleicht die neue Inszenierung auch, denn schwach und bescheuert ist Elsa darin keineswegs. Im Gegenteil, wie ich schon sagte, hat man phasenweise eher das Gefühl, Lohengrin braucht sie anstatt umgekehrt.
Viel Spaß heute!
lg Severina :hello
Billy Budd (10.04.2014, 16:24): Original von Severina dann gefällt Dir ja vielleicht die neue Inszenierung auch, denn schwach und bescheuert ist Elsa darin keineswegs. Im Gegenteil, wie ich schon sagte, hat man phasenweise eher das Gefühl, Lohengrin braucht sie anstatt umgekehrt. Ich lasse mich überraschen! :W Original von Severina Viel Spaß heute! Werde ich haben - hoffentlich! :cool :) Billy :hello
stiffelio (10.04.2014, 20:13): Liebe Severina,
puh, ich habe das Gefühl, das wäre eher kein Lohengrin für mich gewesen, obwohl ich eigentlich sowohl Lohengrin- als auch Vogt-Fan bin. Bin gespannt, ob ich noch jemals in meinem Leben einen Lohengrin sehen werde, der mich szenisch voll überzeugt... Du hattest mal geschrieben, dass von der WSO vermehrt Online-Übertragungen (gegen Bezahlung) geplant seien. Wird in diesem Rahmen auch dieser Lohengrin gesendet?
VG, stiffelio
Severina (10.04.2014, 23:42): Original von stiffelio Liebe Severina,
puh, ich habe das Gefühl, das wäre eher kein Lohengrin für mich gewesen, obwohl ich eigentlich sowohl Lohengrin- als auch Vogt-Fan bin. Bin gespannt, ob ich noch jemals in meinem Leben einen Lohengrin sehen werde, der mich szenisch voll überzeugt... Du hattest mal geschrieben, dass von der WSO vermehrt Online-Übertragungen (gegen Bezahlung) geplant seien. Wird in diesem Rahmen auch dieser Lohengrin gesendet?
VG, stiffelio
Liebe Stiffelio,
leider nein, der "Lohengrin" wird nicht via livestream übertragen! Ich gäbe viel darum, die Mailänder Produktion einmal live zu sehen. Aber Claus Guth zählt leider nicht zu den Regisseuren, die an der WSO en vogue sind :I.
lg Severina :hello
Billy Budd (10.04.2014, 23:46): Das war sie also, die „106. und letzte Aufführung in dieser Inszenierung“ (so war es auf dem Abendzettel zu lesen), und daß es doch ein würdiger – viel zu früher!!! – Abschied wurde, ist einer Umbesetzung zu verdanken. Kurz vor 19:00 erfuhren wir von den Billeteuren, daß sich der Beginn der Aufführung um mindestens eine Viertelstunde verzögern werde. Diese Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, und es wurden schon mehrere Hypothesen, weswegen diese Verzögerung wohl notwendig sei, formuliert, bis Meyer mit einer Ansage Licht ins Dunkel brachte: Valentina Nafornita sei außer Stande zu singen, aber, um die Vorstellung zu retten, sänge Iride Martínez statt ihrer die Gilda, obgleich diese am heutigen Tag die Zerbinetta geprobt habe. Nachdem sich also rund eine Viertelstunde später der Vorhang gehoben hatte, erlebte man eine durch und durch sehr gute Vorstellung, deren Genuß nur durch zwei unzureichende Besetzungen von Nebenrollen (Alexandru Moisiuc/Monterone und Hila Fahima/Page) getrübt wurde. Zu behaupten, daß Leo Nucci einer der bedeutendsten Rigoletto-Interpreten der Aufnahmegeschichte sei, hieße Eulen nach Athen tragen. Heute nahm er wohl für Wien Abschied von seiner (neben dem Barbiere-Figaro) Paraderolle, und obzwar er das hohe a nicht mehr draufhat, gelang ihm eine beeindruckende Interpretation, die jedoch an seine grandiose Darbietung von letzter Woche knapp nicht herankam, seine dennoch sehr gute Leistung von vorgestern allerdings bei weitem übertraf. Wenn er diese Rolle tatsächlich nach der heutigen Vorstellung zurückgelegt hat, kann man reinen Gewissens sagen: „Eine Legende ist zu Ende gegangen.“. Iride Martínez ist zwar vom Nonplusultra der Gilda weit entfernt, im Vergleich mit der überforderten Wettbewerbssängern ist sie geradezu eine Offenbarung. Wie abgrundtief mies Nafornita das gesäuselt/geschrieen/geseufzt hat, wurde erst heute mit Hilfe des Live-Vergleiches deutlich: Die Stimme Martínez’ ist zwar eindeutig zu klein, ansonsten bot sie eine sehr gute Gilda (ihre Technik erlaubt ihr tragfähiges Piano und saubere Koloraturen; im Vergleich zu Nafornita, die außer ein paar Standardgesten nichts zu bieten hatte und im zweiten Akt im Sessel saß, während Rigoletto vor ihr auf den Knien herumrutschte – das muß andersherum sein! –, machte sie schauspielerisch tolle Arbeit). Mit Piero Pretti, der sich im Laufe der Serie steigern konnte, wurde auch ein ausgezeichneter Duca aufgeboten, und Dan Paul Dumitrescu und Nadia Krasteva erfüllten ihre Aufgaben in den beiden mittleren Rollen auffallend gut. Leider hetzte Jesús López-Cobos auch heute durch die Vorstellung. Billy :hello
EDIT: Hohes a (nicht h).
Billy Budd (10.04.2014, 23:49): Original von Severina Original von stiffelio Liebe Severina,
puh, ich habe das Gefühl, das wäre eher kein Lohengrin für mich gewesen, obwohl ich eigentlich sowohl Lohengrin- als auch Vogt-Fan bin. Bin gespannt, ob ich noch jemals in meinem Leben einen Lohengrin sehen werde, der mich szenisch voll überzeugt... Du hattest mal geschrieben, dass von der WSO vermehrt Online-Übertragungen (gegen Bezahlung) geplant seien. Wird in diesem Rahmen auch dieser Lohengrin gesendet?
VG, stiffelio
Liebe Stiffelio,
leider nein, der "Lohengrin" wird nicht via livestream übertragen! Ich gäbe viel darum, die Mailänder Produktion einmal live zu sehen. Aber Claus Guth zählt leider nicht zu den Regisseuren, die an der WSO en vogue sind :I.
lg Severina :hello Doch, der Lohengrin vom 25. April wird übertragen.
Diese Links werden Dir weiterhelfen: http://www.staatsoperlive.com/de/ http://www.wiener-staatsoper.at/Content.Node/home/aktuelles/Naechster_Livestream.de.php Ich hab mir schon gedacht, daß das was für Dich sein muß! :wink Billy :hello
Severina (11.04.2014, 00:04): Original von Billy Budd Original von Severina Original von stiffelio Liebe Severina,
puh, ich habe das Gefühl, das wäre eher kein Lohengrin für mich gewesen, obwohl ich eigentlich sowohl Lohengrin- als auch Vogt-Fan bin. Bin gespannt, ob ich noch jemals in meinem Leben einen Lohengrin sehen werde, der mich szenisch voll überzeugt... Du hattest mal geschrieben, dass von der WSO vermehrt Online-Übertragungen (gegen Bezahlung) geplant seien. Wird in diesem Rahmen auch dieser Lohengrin gesendet?
VG, stiffelio
Liebe Stiffelio,
leider nein, der "Lohengrin" wird nicht via livestream übertragen! Ich gäbe viel darum, die Mailänder Produktion einmal live zu sehen. Aber Claus Guth zählt leider nicht zu den Regisseuren, die an der WSO en vogue sind :I.
lg Severina :hello Doch, der Lohengrin vom 25. April wird übertragen.
Diese Links werden Dir weiterhelfen: http://www.staatsoperlive.com/de/ http://www.wiener-staatsoper.at/Content.Node/home/aktuelles/Naechster_Livestream.de.php Ich hab mir schon gedacht, daß das was für Dich sein muß! :wink Billy :hello
Ja, klar - ich Dödel habe im Jahresprogramm 2014/15 nachgeschaut :S Ist heute wohl nicht mein Tag....
lg Severina :hello
Billy Budd (11.04.2014, 00:05): Ist doch kein Problem ... das kann passieren. :wink
Severina (11.04.2014, 00:06): Ja, danke! Ich Dödel habe im falschen Jahresprogramm nachgeschaut (2014/15) - ist heute wohl nicht mein Tag :S
lg Severina :hello
Billy Budd (12.04.2014, 23:58): Eine wirklich enttäuschende Angelegenheit war das heute, diese Lohengrin-Premiere: Klaus Florian Vogt polarisiert stark; mir persönlich gefällt seine knabenhafte Stimme nicht, auch wenn sie für manche Rollen (etwa Bacchus und Parsifal) paßt. Daß ihm heute bei seinen (am Boden zusammengekauert liegend gesungenen) Auftrittsworten ein deulich hörbarer Kieckser passierte, kann der schwachsinnigen Inszenierung zuzuschreiben sein, daß sich jedoch gegen Ende leichte Stimmprobleme bemerkbar machten, nicht. Negativ auffallend war, daß er den im Klavierauszug enthaltenen Fehler („wenn ihn er ersieht“ statt „wenn ihn er sieht“) übernahm und in seinen Schlußworten den „Führer“ zum „Schützer“ machte (ich hoffe, daß es sich um einen Textfehler und keine Absicht handelte; ich bin nicht rechts eingestellt, aber es heißt hier einfach „Führer“, Punkt). Für Camilla Nylund ist die Elsa nicht optimal, aber sie bot trotz Wabern eine alles in allem passable Leistung. Wolfgang Koch hatte einen ganz tollen Beginn, fiel aber schon im Laufe des ersten Aktes deutlich ab, war aber dennoch der beste Sänger des Abends. Michaela Martens war eine Zumutung, denn sie schaffte es nicht einmal, Töne auszuhalten. Von genauen Tonhöhen konnte bei dieser Provinz-Ortrud nicht die Rede sein; ihr „Gesang“ bestand aus unkontrolliertem Gekreisch. Günter Groißböck enttäuschte als König Heinrich gewaltig (es scheint sich um einen sich im Baßfach herumtreibenden lyrischen Bariton zu handeln). Ganz unverständlich ist die Besetzung der unproblematischen Partie des Heerrufers mit einem gewissen Detlef Roth, der sich auf Kobelschem Niveau bewegte. Es ist eine Schnapsidee, hierfür einen so miserablen Gast, der von manchen Ensemblemitgliedern, wie dem sträflich vernachlässigten Eiche, um Hochhäuser übertroffen wird, zu engagieren. Wäre da nicht das wunderbare Dirigat von Mikko Franck (Chor und Orchester machten sehr gute Arbeit) gewesen, hätte man den Abend vollständig vergessen können. Die Publikumsreaktionen wurde mit Ausnahme bei Vogt zu meiner Freude sehr gerecht verteilt: Starker Applaus für Koch und Nylund, sehr deutliche Ablehnung Martens’ und Roths, ein paar mit Mißfallen durchsetzte Klatscher für Groißböck, Jubel für den Dirigenten und ein dem Regieteam geltender Buhorkan. Des weiteren ist einmal mehr bewiesen, daß Meyer entweder völlig inkompetent ist oder schamlos lügt: Die Striche beschränkten sich nämlich nicht auf – wie von ihm behauptet – zwei Minuten; ganze zehn Minuten (inklusive des zweiten Teils der Gralserzählung, dessen Weglassen aber akzeptabel ist) fehlten!
So, und jetzt hör ich mir eine Lohengrin-Aufnahme Seifferts an, um das heute zu überschreiben. Billy :hello
Severina (13.04.2014, 00:24): Lieber Billy,
bei einer PR spielt halt das Nervenkostüm eine große Rolle, deshalb gehe ich viel lieber in eine der letzten Aufführungen des PR-Blocks. Kiekser passierten Vogt bei der GP keine, auch waren keine Ermüdungserscheinungen feststellbar, trotzdem ist er nicht mein Fall und bleibt vor allem als Persönlichkeit blass. Blonde Locken alleine machen noch keinen Lohengrin.
Unter einem lyrischen Bariton stelle ich mir allerdings etwas anderes vor als Groissböck, obwohl er an seiner Tiefe sicher noch arbeiten muss. Aber abgesehen davon finde ich ihn wirklich fabelhaft und freue mich schon auf weitere Auftritte von ihm.
Und dann musste ich lachen, weil ich ursprünglich eigentlich schreiben wollte: Wozu man einen zweiten Benedikt Kobel engagieren musste, weiß der Himmel.
lg Severina :hello
Billy Budd (13.04.2014, 00:29): Liebe Severina! Ja, es ist schon klar, daß die Premiere nicht das Gelbe vom Ei ist ... dennoch hätten solche Engagements wie die dieser Ortrud und dieses Heerrufers nicht passieren dürfen. Ich bin jedenfalls sicher noch in Folgevorstellungen drinnen, da ich dieser Oper liebe. Groißböck ist wirklich ein guter Sänger, nur singt er meines Erachtens nach im falschen Fach; es klingt einfach nicht nach Baß. Aber er ist ja noch jung; wir werden sehen, wie er sich weiterentwickelt. :) Haha, es ist schon schlimm, wie viele Kobels sich in der Opernwelt herumtreiben. :S :wink Da gibts ja auch diesen Martin Müller ... :D Die Inszenierung hat mir nicht gefallen; besonders geärgert hat sie mich allerdings auch nicht. Billy :hello
P.S.: Schade, daß Botha in diese Inszenierung gar nicht paßt. :(
Billy Budd (16.04.2014, 23:34): Klaus Florian Vogt war heute – trotz seiner beiden Textfehler – ein bißchen besser in Form, aber von Wolfgang Koch (am Ende des ersten Aktes hat man ihn kaum vernommen und auch sonst war er so lala) und Günther Groißböck (keine Tiefe, mühevolle Höhe, überfordert) ist das Gegenteil zu sagen. Camilla Nylund enttäuschte, ihre Elsa war nicht mehr als schlecht (Grundbedeutung!) und recht. In jeder Hinsicht völlig inakzeptabel waren Michaela Martens (sie ist ab dem zweiten Solovorhang nicht mehr erschienen, was am heutigen Buhen beim ersten gelegen haben wird) und Detlef Roth (er traute sich bei den Vorhängen gar nicht mehr hinaus; angeblich ist er ein Besetzungsrelikt Thielemanns, was Meyers Entscheidung, ihn singen zu lassen, aber nicht rechtfertigen soll). Mikko Franck machte es auch heute sehr gut. Fazit: Eine schlechte Aufführung wird durch mehrmaliges Anhören nicht erträglicher. Billy :hello
Billy Budd (17.04.2014, 23:30): Peter Rose war ein sehr guter Gurnemanz, was auch von Johan Botha als Parsifal zu sagen ist, nur hat letzterer Steigungspotential; die Kundry von Waltraud Meier ist legendär und noch immer mitreißend; Matthias Goerne war als Amfortas nicht ganz so schlecht wie üblich, aber dennoch unzureichend; Boaz Daniel überraschte als Klingsor sehr positiv (an Bankl kommt er nicht heran, aber varatio delectat, wie es so schön heißt); Andreas Hörl paßte als Titurel; die Blumenmädchen (Regine Hangler, Lydia Rathkolb, Stephanie Houtzeel (auch Erster Knappe), Hila Fahima, Caroline Wenborne und Ulrike Helzel) waren unterbesetzt; Monika Bohinec (Stimme von oben) und Sebastian Kohlhepp (Dritter Knappe) fielen positiv, Benedikt Kobel und Janusz Monarcha (Gralsritter) negativ auf; Hyuna Ko (Zweiter Knappe) und Peter Jelosits (Vierter Knappe) waren auch noch mit dabei; Franz Welser-Möst dirigierte besser als befüchtet. Billy :hello
Billy Budd (19.04.2014, 22:44): Diese Serie bringt die sehnlich erwartete Rückkehr von Michael Boder ans Pult der Wiener Staatsoper, und dank ihm hat sich der Besuch gelohnt, denn eine so fabelhaft dirigierte Ariadne hört man wahrlich nicht alle Tage. Meyer täte gut daran, diesen wunderbaren Dirigenten, dem heute viel zu wenig Applaus zuteil wurde, öfter zu engagieren, anstatt den Generalmusikdirektor so oft herumfuhrwerken zu lassen. Die Ariadne von Meagan Miller ist allerdings als bestenfalls durchschnittlich zu beurteilen. Mit ihrer Stimme, der auch die Tiefe des „Totenreichs“ völlig fehlt, kann sie keine langen Bögen aushalten (störend bei „Ein Schönes war“), ihr starkes Vibrato hingegen hat mich kaum gestört. Íride Martínez ist eine gute Miniatur-Zerbinetta, für die Staatsoper reicht ihre Zwergelstimme allerdings nicht. Stephen Gould präsentierte sich in einer weit besseren Verfassung als in der Premierenserie; heute gab er einen sehr guten Bacchus, auch wenn sich gegen Ende dieser kurzen Partie leichte Ermüdungserscheinungen bemerkbar machten (zum Vergleich habe ich mir heute vormittag Aufnahmen der Bacchus-Szene mit Lotric und Botha angehört; ersterer ist einsame Spitze, aber Gould kann letzterem durchaus das Wasser reichen). Sophie Koch gab einen ziemlich guten Komponisten. Clemens Unterreiner paßte als Musiklehrer sehr gut, was auch über Peter Matic als Haushofmeister zu sagen ist. Ein Ausfall war Thomas Ebenstein als ein für Lacheinlagen sorgender Tanzmeister (einem Tenor, der beim hohen b gar nichts singt (den Ton nicht einmal falsettiert, sondern ausläßt), diese gar nicht unwichtige Partie anzuvertrauen, ist grob fahrlässig). James Kryshak (Scaramuccio), Pavel Kolgatin (Brighella), Hila Fahima (Najade), Juliette Mars (Dryade), Gerhard Reiterer (Perückenmacher) und Oleg Zalytskiy (Offizier) wurden von Marcus Pelz (Lakai), Adam Plachetka (Harlekin), Andreas Hörl (Truffaldin) und Olga Bezsmertna (Echo) übertroffen. Die Inszenierung gefällt mir nach wie vor nicht, obwohl so manche Dummheit verschwunden ist (die Komödianten zerstören mit ihren Rollern bei Ariadnes „Es gibt ein Reich“ die Stimmung nicht mehr). Billy :hello
Billy Budd (20.04.2014, 21:58): Irgendwer muß Michaela Martens den Kopf gewaschen haben, denn heute klang sie wie ausgewechselt. Freilich, gut ist was anderes, aber sie gab (mit deutlich weniger Stimmeinsatz) eine zumindest zufriedenstellende Ortrud. Wolfgang Koch war (teilweise sehr) gut bei Stimme, wie auch Klaus Florian Vogt (dessen Textfehler nerven aber nach wie vor) und Camilla Nylund einen guten Tag hatten. Günther Groißböck ist allerdings nach wie vor fehlbesetzt, und über Detlef Roth, der aber heute zugegebenermaßen ein sehr kleines bißchen besser (aber noch immer inakzeptabel) war, breitet man überhaupt am besten den Mantel des Schweigens. Das Einspringen von Mikko Franck ist ein Glücksfall, aber daß der Chor in der zweiten Aufführung nach der Premiere wieder zu schlampen angefangen hat, spricht nicht für ihn. Billy :hello
Billy Budd (21.04.2014, 13:53): 1) Hyacinth hat mich darauf aufmerksam gemacht, daß Ebenstein am Samstag das hohe b falsettiert (also nicht ausgelassen) hat. Dennoch ist ein Tanzmeister ohne am Galeriestehplatz hörbares hohes b fehl am Platz.
2) Mir tut es mittlerweile leid, daß ich zu denen gehöre, die Homoki bei der Lohengrin-Premiere ausgebuht haben, denn mit mehrmaligem Anschauen wird mir klar, daß es sich hier um eine in sich absolut schlüssige und ordentlich gearbeitete Inszenierung, die alle Bechtolfschen, die uns im Übermaß zugemutet werden, weit übertrifft, handelt. Besonders gut gefällt mir die menschliche Zeichnung Telramunds (in dieser Inszenierung ist er kein (wie sonst auch durchaus üblich) schwarz bekleideter Bösewicht, sondern ein in seiner altmodischen Art zu denken verhafteter Unsympathler, dem es halt gehörig gegen den Strich geht, daß die ihm versprochene Elsa von einem jungen, schönen Ritter träumt und ihn zurückweist) und die deutlich gezeigte Liebesbeziehung zwischen Lohengrin und Elsa (auch im zweiten Bild des dritten Aktes umarmen sie sich oft richtig liebevoll). Billy :hello
Billy Budd (22.04.2014, 23:30): Sophie Koch war heute in Hochform und bot einen wahrhaft phantastischen Komponisten. Auf ihr morgiges Octavian-Einspringen freue ich mich schon sehr. Dafür fiel der Bacchus im Vergleich zur letzten Vorstellung ab: Stephen Gould ist zweifelsohne ein sehr guter Sänger (als Siegfried ist er unbezahlbar), aber seine Höhe ist begrenzt. Insofern fällt sein Bacchus in die Kategorie „Fehlbesetzung“, auch wenn er seine Sache im großen und ganzen gut machte und sich gewaltig anstrengte, und wenn wir bedenken, daß wir in näherer Vergangenheit auch schon Ian Storey und Lance Ryan ertragen mußten, sollten wir mit Gould zufrieden sein. Bemerkenswert schlecht war der Tanzmeister des Thomas Ebenstein, denn ein verpaßter Einsatz und ein Textfehler gehen in dieser kurzen Rolle wirklich nicht. Immerhin hat er heute das b getroffen (auch wenns ein eher mickriges Tönchen war), aber seine tuntige Darstellung war peinlich. Ansonsten hat sich nichts Nennenswertes geändert: Michael Boder war zwar recht langsam unterwegs, dirigierte aber ausgezeichnet, Meagan Miller schepperte zu viel, Íride Martínez versuchte, ihre kleine Stimme größer zu machen als sie ist (kein einziger Bravoruf und rasch verebbender Applaus nach der „Großmächtigen Prinzessin“ sprechen auch für sich), Clemens Unterreiner demonstrierte seine sehr erfreuliche Entwicklung, Peter Matic machte seine Sache gut, Marcus Pelz fiel als Lakai positiv auf, und die restlichen Sänger sind mit Ausnahme der sehr schlechten Hila Fahima als Najade nicht erwähnenswert. Die Inszenierung ist nach wie vor ärgerlich (die Roller sind doch wieder aufgetaucht). Billy :hello
Billy Budd (24.04.2014, 00:15): Großer Schwachpunkt dieser sehr guten Vorstellung war die mittelmäßige Marschallin, denn Anne Schwanewilms hauchte zu viel und war zu leise und schlampig unterwegs. Sie kann es besser. Wolfgang Bankl war wieder als Ochs zu hören und kann als perfekte Besetzung bezeichnet werden. Obgleich er Besitzer einer helleren Baßstimme ist, gelang ihm eine – abgesehen von an wenigen Stellen zu geringer Lautstärke – ausgezeichnete Leistung (er verzichtete darauf, in dieser Rolle im Rydlschen Stil brüllend zu outrieren). Sophie Koch brachte ein Musterbeispiel eines tollen Octavian dar (am Vortrag war sie als Komponist ein ganz klein wenig besser), aber Daniela Fally klang heute (wie besorgniserregenderweise in letzter Zeit öfters) etwas dürr und zerbrechlich, auch wenn sie insgesamt eine sehr gute Sophie bot. Markus Eiche war ein ganz wunderbarer Faninal. Thomas Ebenstein gab einen sehr guten Valzacchi, Ulrike Helzel paßte als Annina, Alfred Šramek war als Notar und Polizeikommissar im Einsatz, wobei er in ersterer Rolle mehr überzeugte, Norbert Ernst war als Sänger ein Ausfall (er irrte sich auch mehr, als es hier vorgesehen ist, im Text), James Kryshak (Wirt) hatte zu Beginn mit starker Nervosität zu kämpfen, die sich aber dann legte, Regine Hangler war eine gute Leitmetzerin, Benedikt Kobel fiel als Haushofmeister der Marschallin gar nicht negativ auf und Bryony Dwyer war als Modistin zu leise. Es wäre nicht Franz Welser-Möst gewesen, wenn er den Abend nicht doch einigermaßen ruiniert hätte: Ausgerechnet beim Schlußterzett und beim darauffolgenden Duett – und beides bringst normalerweise nicht um – erhöhte er deutlich das Tempo. Das Orchester spielte ordentlich; man hat gemerkt, daß besonders das Vorspiel, in dem die falschen Hörner zum Einsatz kamen, geprobt wurde. Billy :hello
Billy Budd (25.04.2014, 00:35): Großteils verweise ich auf meinen letzten Bericht, denn die Sänger erbrachten heute im Wesentlichen gleiche Leistungen wie am Gründonnerstag und über die einzige Umbesetzung würde ich am liebsten schweigen (Michael Roider als Vierter Knabe statt Peter Jelosits: es ist traurig, was aus diesem Sänger geworden ist; naja, mit 60 darf man als Tenor (in diesem Fall: als raufgeschraubter Bariton) am Ende sein): Peter Rose war ein toller Gurnemanz (der beste seit langem), Johan Botha war ein sehr guter (im ersten Akt nur: "guter") Parsifal, hätte es aber besser gekonnt, Waltraud Meier war in Anbetracht ihrer 58 Jahre ausgezeichnet, aber daß ihre Stimme (unter anderem durch ihr schwachsinniges Lied-Jahr) gelitten hat, war nicht unüberhörbar, Matthias Goerne hat im Amfortas seine bisher beste Wiener Rolle gefunden, was aber kein großes Kompliment ist, Boaz Daniel paßte, die Blumenmädchen (Regine Hangler, Lydia Rathkolb, Stephanie Houtzeel, Hila Fahima, Caroline Wenborne und Ulrike Helzel) rissen uns nicht vom Hocker, unter den kleinen Rollen fielen Stephanie Houtzeel (Erster Knappe) und Monika Bohinec (Stimme von oben) positiv, Michael Roider und Benedikt Kobel (Erster Gralsritter) negativ auf, Andreas Hörl (Titurel), Hyuna Ko (Zweiter Knappe), Sebastian Kohlhepp (Dritter Knappe) und Janusz Monarcha (Zweiter Gralsritter) waren rollendeckend, dank Franz Welser-Möst wurde es sehr langweilig. Billy :hello
Hyacinth (25.04.2014, 16:35): Inwiefern hat sich Meiers "Lied-Jahr" ausgezeichnet und wieso sollte sie sich damit die Stimme ruiniert haben?
LG, Hyacinth :hello
Billy Budd (25.04.2014, 22:58): Original von Hyacinth Inwiefern hat sich Meiers "Lied-Jahr" ausgezeichnet und wieso sollte sie sich damit die Stimme ruiniert haben?
LG, Hyacinth :hello Wenn man ab einem gewissen Alter seine Stimme nicht regelmäßig verwendet, verliert sie an Qualität. Live hab ich sie, die ja eine meiner Lieblingssängerinnen ist, leider erst nach dem Lied-Jahr kennengelernt, aber wenn man Aufnahmen und glaubwürdigen Berichten von Freunden trauen darf :wink, war sie davor viel besser. Billy :hello
Billy Budd (25.04.2014, 22:59): Dieser Lohengrin war in allen Belangen der bisher beste dieser Serie (die Besetzung hat sich nicht geändert). Billy :hello
stiffelio (25.04.2014, 23:09): Original von Billy Budd Original von Severina Original von stiffelio Liebe Severina,
puh, ich habe das Gefühl, das wäre eher kein Lohengrin für mich gewesen, obwohl ich eigentlich sowohl Lohengrin- als auch Vogt-Fan bin. Bin gespannt, ob ich noch jemals in meinem Leben einen Lohengrin sehen werde, der mich szenisch voll überzeugt... Du hattest mal geschrieben, dass von der WSO vermehrt Online-Übertragungen (gegen Bezahlung) geplant seien. Wird in diesem Rahmen auch dieser Lohengrin gesendet?
VG, stiffelio
Liebe Stiffelio,
leider nein, der "Lohengrin" wird nicht via livestream übertragen! Ich gäbe viel darum, die Mailänder Produktion einmal live zu sehen. Aber Claus Guth zählt leider nicht zu den Regisseuren, die an der WSO en vogue sind :I.
lg Severina :hello Doch, der Lohengrin vom 25. April wird übertragen.
Diese Links werden Dir weiterhelfen: http://www.staatsoperlive.com/de/ http://www.wiener-staatsoper.at/Content.Node/home/aktuelles/Naechster_Livestream.de.php Ich hab mir schon gedacht, daß das was für Dich sein muß! :wink Billy :hello
Liebe Severina, lieber Billy,
nachträglich noch Danke für die Links, Billy, so war ich heute beim "alpinen Lohengrin" via Livestream mit dabei. 100% glücklich war ich mit der Inszenierung nicht, aber mit der Zeit hat sich doch manches entschlüsselt und ich war am Schluss mit ihr zufriedener als nach dem 1. Akt. Richtig glücklich war ich dafür einmal mehr mit Klaus-Florian Vogt als Lohengrin - ich respektiere jede andere Meinung über ihn, aber für mich persönlich gibt es derzeit keinen besseren Lohengrin. Allein für ihn haben sich die 14 € bereits gelohnt! Auch Camilla Nylund als Elsa hat mir gefallen. Ich hab es allerdings nicht geschafft, mir auch Untertitel auf den Laptop zu holen (laut Beschreibung scheint es eine entsprechende App nur für Smartphone oder Tablet zu geben??) Hat jemand noch Interesse an einer Diskussion über die Inszenierung? Dann würde ich damit lieber in den Lohengrin-Thread umziehen.
VG, stiffelio
Billy Budd (25.04.2014, 23:17): Ah, super, daß es Dir gefallen hat!
Was sagst Du denn über die restlichen Sänger?
Ich habe schon Interesse (auch wenn ich vermutlich da aktiv nicht mitmachen kann, weil von Inszenierungen generell wenig Ahnung hab); mir ist eigentlich egal, wo wir das diskutieren. :) Billy :hello
stiffelio (26.04.2014, 11:46): Original von Billy Budd auch wenn ich vermutlich da aktiv nicht mitmachen kann, weil von Inszenierungen generell wenig Ahnung hab
Lieber Billy,
und ich habe generell wenig Ahnung in der Beurteilung von Gesang, deshalb habe ich mich bei den Sängern so zurückgehalten :wink. Ich schlage dir einen Deal vor: ich schreibe hier trotz mangelnder Ahnung "frei Schnauze" wie mir die Sänger gefallen haben und du schreibst dann dafür im Lohengrin-Thread bei der Inszenierung mit, okay? Also: Klaus Florin Vogt: diese helle, klare Stimme ohne jedes Stemmen passt mir für den Lohnengrin einfach perfekt. Einen massiver Schnitzer (außer dem "Schützer" am Schluss) habe ich bemerkt: Beim "Weh, nun ist all unser Glück dahin" hat er zu spät eingesetzt, so dass Elsas "Allewiger, erbarm dich mein" ihm ins Wort gefallen ist. Aber das verzeihe ich ihm gern (oder war es gar ein Fehler des Dirigenten?). Camilla Nylund: da war alles da, ohne jeden Schnitzer. Ich habe keinerlei Kritikpunkte, aber eben auch nichts, was mich ganz herausragend begeistert hätte. Sie gehörte auf jeden Fall in die obere Klasse der Elsas, die ich kenne. Wolfgang Koch: hat mir als Telramund ein bisschen zu sehr outriert (sagt man das so?). An sich mag ich es, wenn Telramund bei seinen Anklagen aus sich herausgeht, aber bei Koch war das teilweise nur noch geschrieen. Freilich immer noch besser als ein zu unbeteiligter Telramund. Michaela Martens: im Vergleich zu den meisten anderen Ortruds, die ich gehört habe (Herlitzius, Lang...) war das auf keinen Fall gekreischt, sie hat sich im Gegenteil auffallend (fast schon zu sehr) zurückgehalten. Das kann natürlich heißen, dass da gar nicht mehr Stimmkraft für eine dramatischere Ortrud war. Günter Groißböck: eine sehr angenehme Stimme, sicher nicht mit maximalem Fundament in der Tiefe, aber das hat mich nicht nachhaltig gestört. Detlef Roth: mehr Durchschlagskraft wäre mir lieber gewesen. Und die Stimme kam mir auch etwas farblos vor, passte aber ganz gut zu dem "farblosen Bürotyp". Wie gewollt das von der Regie war, kann ich mangels Vergleich nicht beurteilen. Am Applaus ist mir aufgefallen, dass KFV überraschend deutlich die Nase vorn hatte. Es entspricht zwar meiner Wertung, die ich aber für sehr subjektiv halte. Zumindest für Nylund hätte ich eigentlich mehr Applaus erwartet.
VG, stiffelio
Schweizer (28.04.2014, 21:59): Liebe Severina, endlich komm ich dazu Dir für Deinen ausführlichen Bericht der GP Lohengrin in Wien zu danken: selbstverständlich haben mich vor allem die Eindrücke zur Regie interessiert, da wir in Zürich als erste Neuinszenierung der Spielzeit 14/15 ja dieses von unserm Hausherrn Homoki produzierte Werk nachgereicht bekommen. Nachdem was ich bei Dir, in der Presse und in diversen Foren gelesen habe, sehe ich der Aufführung trotz allem mit einem gewissen Interesse entgegen; ich bin neugierig wie ich danach den Lodengrün alpin im Vergleich mit der Münchner Häuslebauer-, der kopflastigen Scala-Version und dem Bayreuther Rattengrin einordnen werde. Ausser KFV in der Titelrolle werden die wichtigen Partien bei uns mit Christof Fischesser/Heinrich der Vogler, Elsa van den Heever/Elsa, Martin Gantner/ Telramund, Petra Lang/Ortrud und Michael Kraus/Heerrufer verschieden, jedoch durchaus interessant, besetzt sein. Gruss vom Schweizer
Billy Budd (28.04.2014, 23:58): Verbessert haben sich Wolfgang Bankl (wirklich alles paßte), Anne Schwanewilms (trotzdem von der Leistung mancher Rollenvorgängerin weit entfernt) und Norbert Ernst. Zwar immer noch sehr gut, aber nicht ganz so toll wie am Mittwoch war Sophie Koch; Chen Reiss überraschte als Sophie positiv (an Fally kommt sie durchaus heran); Markus Eiche war nach wie vor toll. Unter den kleinen Rollen fiel der Valzacchi von Thomas Ebenstein (positiv) auf. Franz Welser-Möst hats zumindest nicht hingemacht. Billy :hello
Billy Budd (28.04.2014, 23:59): Original von stiffelio Original von Billy Budd auch wenn ich vermutlich da aktiv nicht mitmachen kann, weil von Inszenierungen generell wenig Ahnung hab
Lieber Billy,
und ich habe generell wenig Ahnung in der Beurteilung von Gesang, deshalb habe ich mich bei den Sängern so zurückgehalten :wink. Ich schlage dir einen Deal vor: ich schreibe hier trotz mangelnder Ahnung "frei Schnauze" wie mir die Sänger gefallen haben und du schreibst dann dafür im Lohengrin-Thread bei der Inszenierung mit, okay?
Ok! :wink
Billy Budd (04.05.2014, 00:04): Ein Besuch dieser Oper reizt mich nur bei einer mindestens hervorragenden Besetzung, und obwohl diese heute nur in der Titelrolle vorhanden war, machte ich mich in die Staatsoper auf (was nimmt man nicht alles in Kauf, um einen seiner Lieblingssänger zu hören). Johan Botha singt diese Partie wohl zur Stimmhygiene, und seit seinem letzen Wiener Auftritt darin (2012) hat seine wunderbare Stimme an Schmelz verloren und klingt nun deutlicher nach dem Einsatz in Wagnerschen Partien. Dennoch bot er eine ausgezeichnete Leistung, was von dem Großteil der restlichen Besetzung nicht zu sagen ist: Der mittlerweile 57jährige Anthony Michaels-Moore kehrte heute nach Wien zurück, was er besser nicht getan hätte, denn seine Stimme klang besonders am Anfang ausgesungen und waberte. Maria José Siri sprang (für Norma Fantini) kurzfristig ein und machte ihre Sache gut. Boaz Daniel war ein sehr guter Roucher, Monika Bohinec eine gute Madelon und Alisa Kolosova paßte als Bersi. Unter den kleinen Rollen fiel nur Norbert Ernst (Incroyable) positiv auf, Alfred Šramek (Mathieu) und Peter Jelosits (Abbé) waren in Ordnung, Marcus Pelz (Haushofmeister) und Mihail Dogotari (Pietro Fléville) fielen nicht auf, Alexandru Moisiuc (Fouquier Tinville) war gerade noch passabel, Aura Twarowska (Contessa di Coigny), Janusz Monarcha (Schmidt) und Il Hong (Dumas) waren schlecht; letzterer schafft das Kunststück, in wirklich jeder Rolle – sei sie auch noch so klein – negativ aufzufallen. Paolo Carignani dirigierte nicht bemerkenswert. Nach der Vorstellung gab es eine Überraschung, denn als sich der Vorhang hob, waren Meyer, Josef Ostermayer, Georg Springer, Herwig Pecoraro, Hans Peter Kammerer und eine mir nicht bekannte Frau versammelt, und in deren Mitte befand sich Alfred Šramek. Meyer teilte mit, daß dieser heute die 2492. seiner Vorstellungen an der Wiener Oper hinter sich gebracht habe, wobei er 90 Rollen (am häufigsten den Rossini-Bartolo mit 169 Auftritten) 29 verschiedener Komponisten verkörpert habe, und, was Meyer als Herausforderung bezeichnete, acht Direktoren „überstanden“ habe, weswegen ihm heute die Ernennung zum Ehrenmitglied der Wiener Staatsoper zuteil wurde. In einer wenig berauschenden Rede erwähnte der Direktor unter anderem, daß Šramek, der dreimal pro Woche am Nachmittag zur Dialyse müsse („am Abend singt er“) und nie über irgend etwas klage und für das hohe Niveau auch in kleinen Rollen garantiere, und lobte auch zwischen den Zeilen seine herausragende Fähigkeit, jede Rolle optimal zu besetzen. Hernach blamierte sich Ostermayer nach Kräften, denn er bezeichnete den Laudandus zweimal als „Karl Šramek“ und redete viel Unsinn. Šramek äußerte darauf einige kurzweilige, aber auch berührende Worte (er stehe nicht gerne im Mittelpunkt, könne aber gar nicht sagen, wie glücklich er jetzt sei, auch wenn er damit eine Floskel verwende) und erzählte, daß er vor zehn Jahren zwei alten Frauen begegnet sei, die meinten: „Des is da gånz oite Šramek, åba er is no imma gånz lustig.“, ehe er mit „Es is so schad, dåß des meine Frau nicht mehr erleben darf; zu ihr schicke ich jetzt meine Gedanken.“ schloß. Billy :hello
Severina (05.05.2014, 11:27): Lieber Billy,
finde ich ja etwas schräg, dass Sramek für die 2492. Vorstellung geehrt worden ist - die 8 bis zur 2500. hätte man auch noch abwarten können! Aber es freut mich für dieses Urgestein der Wiener Oper, das eindrucksvoll beweist, über welche stimmlichen Qualitäten auch ein "Nur"-Ensemblesänger verfügen kann. Sramek wäre sicher auch eine internationale Karriere gelungen, aber als begeisterter Wiener und Familienmensch wollte er eben nie ein "Reisesänger" sein. Zum Glück für uns und die WSO!!
Was ich mir einmal wünschen würde, wäre ein Soloabend (Oder eine Matinée) mit Sramek, aber nicht nur als Sänger, sondern auch als köstlicher Anekdotenerzähler. Wenn er einmal loslegt, bleibt nämlich kein Auge trocken!
Schade, wenn ich von der Ehrung gewusst hätte, wäre ich vielleicht auch gekommen. Aber im Unterschied zu Dir bin ich nicht so der große Botha-Fan. Ja, eine herrliche Stimme, aber was er damit ausdrückt oder vielmehr nicht ausdrückt, überzeugt mich nie so recht.
lg Severina :hello
Billy Budd (10.05.2014, 00:55): Johan Botha war heute wirklich ganz super, denn die in letzter Zeit konstant schlechtere Tagesform blieb aus, Anthony Michaels-Moore machte es deutlich besser, Norma Fantini war eine recht gute Maddalena, und ansonsten hat sich wenig Nennenswertes geändert (Aura Twarowska war diesmal anhörbar). Billy :hello
Billy Budd (26.05.2014, 23:43): Über Yosep Kang hatte ich im vornhinein schon viel Euphorisches gehört, und meine darauf basierenden Erwartungshaltungen wurden nicht enttäuscht: Er ist tatsächlich ein ganz ausgezeichneter Sänger, der schon längst regulär angesetzt gehört, anstatt den Einspringer vom Dienst spielen zu müssen. Sein Gegenspieler stand ihm kaum etwas nach: Ildar Abdrazakov bot bis zum Ende des Antonia-Aktes eine tolle Leistung (die Konversation zwischen Miracel und Crespel kam in puncto Intensität beinah an das Duett Philipp-Großinqusitor heran), nur schien ihm im Giuletta-Akt die Kraft auszugehen. Alle vier Frauen (Daniela Fally, Marina Rebeka, Nadia Krasteva und Stephanie Houtzeel) boten (Fally: recht) gute Leistungen, die mich aber nicht vom Hocker rissen. Thomas Ebenstein war eine gute, wenn auch höhenunsichere (Einsatz des Falsettes) Besetzung der Dienerrollen. Walter Fink gab einen hervorragenden Crespel, Michael Roider war als Spalanzani in Ordnung (besser als immer in letzter Zeit), aber die schlechten Leistungen von Donna Ellen (Stimme der Mutter; besonders mies), Carlos Osuna (Nathanael), Janusz Monarcha (Luther), Mihail Dogotari (Hermann) und Tae-Joong Yang (Schlémil) bedüfen keines weiteren Kommentars - die Namen sprechen für sich. Marko Letonja machte am Dirigentenpult nichts falsch. Die Serban-Inszenierung, von der ich recht angetan bin, war 1993 wohl sehr modern, heute wird sie kaum jemanden erschrecken. Billy :hello
Billy Budd (29.05.2014, 21:01): Zu unserer Überraschung wurde es eine durchaus gute Vorstellung, obwohl der in wenigen Tagen 65jährige Neil Shicoff in der Hauptpartie aufgeboten wurde: Mit den Höhen hatte er freilich seine liebe Not, was aber eine packende Gestaltung, womit nicht die schauspielerische Leistung gemeint ist, großteils wettmachte. Nicht nur bei den Schlußvorhängen, sondern auch während der Vorstellung ernete er sowohl Zustimmung als auch Ablehnung. Ansonsten verweise ich auf meinen Bericht von Montag, mit der Anmerkung, daß Daniela Fally und Marina Rebeka heute besser waren, Nadia Krasteva jedoch abfiel. Des weiteren haben sich Walter Fink und Janusz Monarcha ganz leicht verbessert. Die Inszenierung ist wunderbar. Billy :hello
Billy Budd (30.05.2014, 23:21): Das war ein wahrhaft tolles Rheingold! Jeffrey Tate dirigierte zwar ein wenig langsamer als fast alle anderen, aber nichtsdestotrotz gelang ihm ein hervorragendes Dirigat, wenn auch das Orchester patzte. Jochen Schmeckenbecher (Alberich) war ganz toll, Norbert Ernst (Loge) große Klasse, Sorin Coliban (Fasolt) phantastisch und Elisabeth Kulman (Fricka) sowieso großartig. Leicht abfallend, aber trotzdem gute Besetzungen waren Tomasz Konieczny (wohl des morgigen Walküren-Wotans wegen im Sparbetrieb unterwegs, was verständlich ist), Herwig Pecoraro (ich fürchte, für den Mime wird er zu alt, heute schlichen sich ein paar Schlampigkeiten ein), Caroline Wenborne (Freia), Janina Baechle (Erda) und Ain Anger (Fafner). Mit Boaz Daniel und Sebastian Kohlhepp waren auch die beiden kleinen Rollen sehr gut besetzt. Nicht staatsopernwürdig waren indes die Rheintöchter (Simina Ivan, Ulrike Helzel und Alisa Kolosova). Billy :hello
Billy Budd (31.05.2014, 23:19): Für den Siegmund war ursprünglich Lance Ryan angesetzt, aber zu unser aller Freude fand man Peter Seiffert, der heute ein spätes – eigentlich schon zu spätes – Wiener Rollendebüt gab, ab Anfang Februar auf der Besetzungsliste. Die 22 Sekunden dauernden Wälserufe konnten sich hören lassen, aber ansonsten wechselten sich wunderbare Momente mit eher grenzwertigen ab (die Stimme wabert besonders in der Höhe schon zu stark und hat keine Tiefe mehr). (Das war eine möglichst objektive Beurteilung, denn ich als Seiffert-Fan habe seine heutige Darbietung trotzdem genossen.) Die besten Sänger des Abends waren Ain Anger (jedesmal wird er als Hunding besser) und Elisabeth Kulman (Fricka). Tomasz Konieczny verbessert sich als Wotan mit jeder Vorstellung, und wenn er auch in Hinkunft fließig an sich feilt, wird das einst richtig gut werden. Linda Watson sprang zwischen zwei Götterdämmerungs-Brünnhilden für Nina Stemme, die gerüchtehalber alle Vorstellungen des ersten Ringes abgesagt hat, ein und war deutlich mehr als eine Notlösung. Gun-Brit Barkmin war mit der Sieglinde leicht überfordert. Mit Regine Hangler, Olga Bezsmertna, Hyuna Ko, Stephanie Houtzeel, Ulrike Helzel, Zsuzsanna Szabó, Zoryana Kushpler (besonders schlecht) und Juliette Mars waren die kleinen Partien nicht überzeugend besetzt. Jeffrey Tate war im ersten Akt ein wenig zu langsam unterwegs, machte es aber im großen und ganzen sehr gut. Billy :hello
Billy Budd (01.06.2014, 21:54): war die bis jetzt beste Vorstellung dieser Serie (und wenn Shicoff für Mittwoch nicht absagt, wird es wohl auch so bleiben): Yosep Kang müßte sich nur abgewöhnen, manche Töne in übertriebener Lautstärke hinauszukleschen (auf Dauer geht das nicht gut), ansonsten wäre er ein fabelhafter Hoffmann (im Giuletta-Akt waren allerdings Ermüdungserscheinungen bemerkbar); Ildar Abdrazakov war als Lindorf und Coppélius ganz toll, als Miracel und Dapertutto „nur“ sehr gut; Daniela Fally war nach ihren zahlreichen Aussetzern der letzten Monate wiederhergestellt, Marina Rebeka sang die Antonia eher leichtgewichtig, aber sehr gut; Nadia Krasteva war wieder anhörbar; Stephanie Houtzeel ist als Muse/Nicklausse falsch eingesetzt; Thomas Ebenstein war für die Dienerrollen eine gute Besetzung; Michael Roider war ein wenig schlechter als in den letzten Aufführungen, Walter Fink befand sich knapp in keiner so guten Verfassung wie am Donnerstag (der Crespel liegt ihm aber trotzdem sehr gut); Janusz Monarcha war besser als üblich, was über Carlos Osuna, Mihail Dogotari, Donna Ellen und Tae-Joong Yang nicht zu sagen ist. Marko Letonja dirigierte (daß der Chor im Olympia-Akt einmal danebenhaute, ist wohl diesem zuzuschreiben). Billy :hello
Billy Budd (05.06.2014, 01:24): Neil Shicoff war im Prolog und im ersten Akt ziemlich schlecht, im zweiten recht gut und im dritten und im Epilog wieder eher schlecht; Ildar Abdrazakov fiel im Vergleich mit den letzten drei Vorstellungen deutlich ab; Daniela Fally machte ihre Sache ordentlich, was auch für Stephanie Houtzeel gilt; Marina Rebeka war ausgezeichnet, Nadia Krasteva dagegen fast unerträglich; Thomas Ebenstein war in den Dienerrollen ausgezeichnet (letzte Woche hab ich einen großen Schwachsinn verzapft; das gehört ja teilweise mit dem Falsett gesungen); Walter Fink hatte einen sehr guten Abend; Michael Roider war noch ein wenig schlechter, und was sich sonst noch auf der Staatsopernbühne tummelte (Janusz Monarcha, Carlos Osuna, Mihail Dogotari, Donna Ellen und Tae-Joong Yang), gereichte der Vorstellung nicht zum Vorteil. Marko Letonja dirigierte zuverlässig. Billy :hello
Billy Budd (06.06.2014, 00:21): Wären die sehr schwache Stimme des Vogels von Íride Martínez und die mittelmäßige Erda von Janina Baechle, deren bedauerlicherweise miserable Gesangstechnik sich immer deutlicher bemerkbar macht, nicht gewesen, wäre es eine ausgezeichnete Vorstellung geworden: Stephen Gould war in der Titelpartie hervorragend (jeder andere undenkbar!), Tomasz Konieczny hat mich als Wanderer vollkommen überzeugt, Herwig Pecoraro war als Mime sehr gut, aber nicht ganz so gut wie üblich, Nina Stemme war eine etwas zuviel wabernde, aber dennoch überzeugende Brünnhilde, Jochen Schmeckenbecher sang den Alberich ausgezeichnet, und Ain Anger paßte als Fafner sehr gut. Jeffrey Tate dirigierte traumhaft. Billy :hello
Billy Budd (07.06.2014, 23:17): Der beste Sänger war in einer Nebenrolle zu finden, und damit ist bereits einiges gesagt. Adrian Eröd war für den Sprecher eine Luxusbesetzung, wie auch Benjamin Bruns (Tamino), Thomas Ebenstein (Monostatos) und Peter Jelosits (Priester) sehr gut sangen, aber was sich Valentina Nafornita (Pamina) eingebildet hat, abliefern zu können, spottet jeder Beschreibung (sie aus der Staatsoper hinauszubuhen, wird ein schweres Stück Arbeit). Nikolay Borchev machte den Papageno besser als Hans Peter Kammerer, aber das ist kein großes Lob, Íride Martínez gab eine recht gute Miniatur-Königin, für die Staatsopernbühne war das zu wenig (die erste Arie gelang ihr besser als die zweite), Brindley Sherratt war ein unspektakulärer Sarastro (die Ensemblemitglieder Fink, Dumitrescu, Coliban und Anger wären bessere Besetzungen!), die drei Damen (Ildikó Raimondi , Christina Carvin und Zoryana Kushpler; erstere am besten, letztere am schlechtesten) waren sehr grenzwertig, Bryony Dwyer überzeugte als Papageno nicht wirklich, die Sängerknaben waren so lala, Wolfram Igor Derntl und Dan Paul Dumitrescu waren als geharnischte Männer in Ordnung, und der Hausdebütant Constantin Trinks machte nichts falsch. Fazit: Schwamm drüber (die Inszenierung ist sehr schräg). Billy :hello
pavel (08.06.2014, 00:46): Lieber Billy, wenn du buhst, dann solltest du das mit Stütze tun, sonst geht das total unter.
Billy Budd (08.06.2014, 23:02): Von dieser tollen Götterdämmerung bin ich jetzt noch begeistert: Nina Stemme, mittlerweile genesen, sang eine traumhafte Brünnhilde, an der wirklich nichts (!) auszusetzen war; Markus Eiche habe ich so extrem gut noch nie gehört, sein Gunther war phantastisch; Stephen Gould hatte (wie immer) seine Problemchen, war aber dennoch sehr gut und ist die bestmögliche denkbare Besetzung; Attila Jun (Hagen) war der Schwachpunkt der Vorstellung, nur wenn er, was er gottlob oft tat, brüllte, klang er gut; Jochen Schmeckenbecher hatte als Alberich einen kurzen, aber hervorragend gesungenen Auftritt; Janina Baechle (Waltraute) war endlich wieder in einer sehr guten Form; Caroline Wenborne war eine solide Gutrune; unter den Nebenrollen erbrachte Stephanie Houtzeel (2. Norn) eine sehr gute, Ildikó Raimondi (3. Norn) eine gute, Zoryana Kushpler (1. Norn) eine schlechte Leistung, die Rheintöchter (Simina Ivan, Ulrike Helzel und Alisa Kolosova) waren so lala. Daß der Abend zu einem Ereignis wurde, ist nicht nur Stemme und Eiche, sondern auch dem Mann am Pult und dem Orchester zu verdanken: Jeffrey Tate dirigierte entgegen unser aller Erwartung sehr zügig (112+58+70 min), machte es aber, von zu schnellen Tempi bei Brünnhildes Eid und beim Beginn des Orchesternachspiels abgesehen, ganz ausgezeichnet. Die Schlußsekunden des ersten Aktes sind auch danebengegangen, was aber daran lag, daß Tate zu dieser Zeit zusammenbrach (nichtsdestotrotz dirigierte er nach der Pause weiter, als wäre nichts gewesen) und das Orchester allein weiterspielten mußte. Zu hoffen bleibt, daß auch die Vorstellung am 29. Juni dieses Niveau erreichen wird. Billy :hello
palestrina (08.06.2014, 23:15): Hallo Billy Budd, ich finde es immer interessant deine Rezensionen mit denen im " Merker" zuvergleichen ! :D
LG palestrina
Billy Budd (08.06.2014, 23:18): Hallo Palestrina! Das kann ich mir vorstellen! :D (Wobei die Wagner-Kritik zur gestrigen Zauberflöte eh sehr in Ordnung ist.) Billy :hello
Billy Budd (12.06.2014, 00:40): Anläßlich des 150. Geburtstages von Richard Strauss. Auf diese Serie haben wir uns besonders gefreut, da wir vermeinten, mit Klaus Florian Vogt endlich (!) wieder einen guten Bacchus genießen zu dürfen – das haben wir zumindest gedacht, doch wie so oft bildete der Bacchus den Schwachpunkt der Vorstellung. Vogts Bacchus war nämlich (von den ersten beiden Einwürfen im Vorspiel abgesehen) eine einzige Witzfigur, und wenigstens haben wir dank ihm viel gelacht: Vogt derbläßt die Partie nicht, denn es fehlt hinten und vorne. Darüber hinaus konnte er den Text nicht und setzte einmal (bei „Balsam“) viel zu früh ein, worauf er nicht mehr hineinfand und eine Zeitlang gar nicht mehr sang. Jede Strophe begann er laut, um dann immer leiser zu werden. Dieses Mißvergnügen war, zumal ansonsten eine hörenswerte Besetzung aufgeboten wurde, um so ärgerlicher. Daniela Fally präsentierte sich (wie auch schon zuletzt als Olympia) wieder in einer sehr guten Form (vielleicht hat sich an ihrer Technik etwas geändert, was den Schongang der letzten Monate erforderlich machte); Emily Magee ist als Ariadne zwar fehlbesetzt (sie kann eine noch so gute Arabella sein, aber die Ariadne liegt ihr zu tief), erbrachte aber dennoch eine gute Leistung; Kate Lindsey legte als Komponist das Schulbeispiel eines gelungenen Hausdebüts hin, weniger überraschend, aber nicht minder erfreulich war die ausgezeichnete Leistung von Jochen Schmeckenbecher als Musiklehrer; Norbert Ernst sang den Tanzmeister sehr gut; Peter Matic war ein guter Haushofmeister (man müßte ihm mitteilen, daß er regelmäßig das „sublimen“ vergißt); Marcus Pelz hat den Lakai gepachtet und erledigte auch heute seine Aufgabe gut; Clemens Unterreiner (Harlekin), Pavel Kolgatin (Brighella) und Olga Bezsmertna (Echo) erbrachten passable Leistungen; Jongmin Park (Truffaldin), Carlos Osuna (Scaramuccio), Hila Fahima (Najade) und Juliette Mars (Dryade) fielen nicht positiv auf; Wolfram Igor Derntl (Perückenmacher) paßte, schlecht war Daniel Lökös (Offizier). Franz Welser-Möst hats immerhin nicht hingemacht, obgleich er sängerunfreundlich agierte und gegen Ende des Vorspiels für Irritationen sorgte. Die Bechtolf-Inszenierung ist und bleibt Mist. Billy :hello
Billy Budd (15.06.2014, 20:55): Wäre ich nicht dabeigewesen, würd ichs ja nicht glauben, aber Klaus Florian Vogt hat heute einen durchaus guten Bacchus abgeliefert! Die erste Strophe hat er zwar gequäkt und auch den ganzen Abend die hohen bs viel zu leise gesungen, aber davon abgesehen war seine Leistung wirklich gut (er hat auch nicht jede Strophe laut begonnen, um dann leiser zu werden, sondern hat alles in einer zwar nicht überlauten, aber gut hörbaren Lautstärke gesungen). Sonst wars wie am Mittwoch (Andreas Hörl hat den Trufaldin gesungen), außer daß mir Peter Matic nicht gefallen hat: Einmal (bei „Die Tanzmaskerade wird weder als Nachspiel noch als Vorspiel aufgeführt“) ist er rausgeflogen, ferner hat er - wie immer - das „sublimen“ weggelassen und keine einzige Pointe herausgearbeitet. Billy :hello
Severina (16.06.2014, 18:21): Als letzte Produktion in dieser Saison ging heute im Haus am Ring die GP zu Leos Janáceks "Schlauem Füchslein" über die Bühne. Obwohl Janácek längst zu den etablierten Komponisten zählt, soll er wohl unserem an Fantasielosigkeit kaum zu überbietenden Spielplan das Feigenblatt des "Exotischen" umhängen. Dieser enorme "Wagemut" von Monsieur wurde allerdings sofort relativiert, indem man Altmeister Otto Schenk mit der Regie betraute, was meiner Vorfreude auf das Füchslein natürlich einen gewaltigen Dämpfer versetzte. Otti und das Füchslein – mir schwante Kitschiges, und leider wurden meine ärgsten Befürchtungen noch übertroffen. Nun ist Kitsch nicht gleich Kitsch, man kann ihn durchaus pfiffig als ironische Brechung anwenden, leider zählt Ironie nicht zum Instrumentarium des Regisseurs Schenk. Klamauk ist sein Metier, andere Spielarten des Humors, die einen intellektuellen Zugang voraussetzen, seine Sache nicht.
Schon auf dem Zwischenvorhang funkeln neckisch die Sternlein, dahinter erwartet das Publikum ein tschechischer Märchenwald, der zunächst sprachlos macht. Sprachlos vor Entzücken die einen, sprachlos vor Das-darf-doch-nicht-wahr-sein die anderen. Woher ich so sicher weiß, dass es sich um einen tschechischen Wald handelt? Nun, die gemalten Bäume im Hintergrund tragen ganz deutlich Markierungen in den Nationalfarben! Solche Kulissen kenne ich eigentlich nur mehr von den Bühnenbildmodellen im Theatermuseum... Zum gepinselten Kulissenwald gesellen sich drei riesenhafte Baumstämme, die bei Bedarf umgelegt werden können, sodass sie z.B. eine Abgrenzung für die intimeren Szenen im Forsthaus oder der Schenke bilden. Diese muss man sich auf einem schmalen Streifen der Vorderbühne denken – nur wenige Requisiten definieren die Schauplätze - , während dahinter der Wald ansteigt und das ganze Stück hindurch allgegenwärtig bleibt. Felsblöcke, Sträucher, dazwischen üppige Vegetation bedecken den Boden, unter mächtigen Wurzelstöcken öffnen sich die Höhlen für den Dachs und anderes Waldgetier. Und das gibt es reichlich, denn neben den im Librotto erwähnten Vertretern der Fauna tummeln sich in Otto Schenks Wald Hasen, Igel, Hirsch- und Mistkäfer und vor allem ein ganzer Schwarm Libellen mit prachtvoll irisierenden Flügeln. Dass sich die wohl kaum in einen so düsteren Tann verirren, steht auf einem anderen Blatt. (Ganz bestimmt aber in keinem Biologiebuch!) Die possierlichen Viecherl treten alle paarweise auf, sodass ich anfangs die Assoziation nicht verdrängen konnte, hier sammeln sich gerade alle Waldbewohner zum Marsch in die Arche Noah.
Schön während der Ouvertüre ist des Hopsens, Flügelschlagens und Kriechens kein Ende, und ich wäre neugierig, ob die Puristen, die gegen moderne Regisseure und ihre "bebilderten Ouvertüren" wahre Hasstiraden vom Stapel lassen, Ottis Flatterzirkus ähnlich gehässig kommentieren. Wahrscheinlich nicht, denn der Altmeister ist natürlich längst die Ikone aller Traditionalisten unter den Opernbesuchern und sein Tun daher sakrosankt.
Was sich dann auf der Bühne ereignet, ist eigentlich keiner besonderen Erwähnung wert. Der Förster schleicht durch den Tann, das gefangene Füchslein wird vom Hofhund und den Hennen sekkiert, meuchelt den Hahn und kann entkommen, Schulmeister, Pfarrer und Förster begießen in der Schenke das Elend der Welt und taumeln dann leicht illuminiert durch den Tann, die Sternlein funkeln am Nachthimmel und die Glühwürmchen im Gesträuch, der Wilddieb Harasta schwafelt von der Hochzeit mit Terynka, die durch die feuchten Träume aller Mannsbilder geistert, erschießt das Füchslein, das zuvor seine Jungen vor dem heimtückischen Schlageisen bewahrt hat, und am Ende sind trotzdem alle happy. Der Förster umarmt ein Kindlein der Füchsin, der Waldprospekt im Hintergrund teilt sich, ein gleißend heller Lichtstrahl trifft auf dieses rührende Gruppenbild und über so viel Idylle senkt sich (endlich) der Vorhang. Erstaunlich, wie lang 90 Minuten trotz großartiger Musik sein können…..
Ach so, Janáceks Oper ist mehr als ein plattes Märchen? Es geht um Freiheit, um Selbstbestimmung, um die Aussöhnung von Zivilisation und Natur, um unterdrückten Eros, um….? Nicht bei Otto Schenk, bei dem geht’s um einen Mummenschanz im Wald und sonst gar nichts.
Nun gibt es ja Gott sei Dank noch die Musik, und tatsächlich schloss ich zwischendurch immer wieder die Augen, um mich von den Klängen verzaubern zu lassen, ohne von dem albernen Geschehen auf der Bühne abgelenkt zu werden. Franz Welser-Möst und die Philis loteten den Reichtum der Partitur bis auf den Grund aus, boten Stimmungsmalerei vom Feinsten. Im Graben tappte man im Unterschied zur Bühne nicht in die Kitschfalle, hier brodelte es unter der idyllischen Oberfläche, wurde hinter dem romantischen Waldesrauschen die Doppelbödigkeit spürbar, die der Regisseur dem Werk verweigert hatte.
Die Sängerleistungen sind wie immer bei einer GP nur mit Vorbehalt zu bewerten.
Gerald Finley sang mit angenehmem, wenn auch nicht besonders aufregendem Bariton einen tadellosen Förster, konnte aber weder vokal noch darstellerisch der Figur wirklich Profil verleihen. Was das Füchslein ihm bedeutet, was er in ihm sieht – who knows? Da es der Regisseur offensichtlich auch nicht wusste oder vielleicht auch gar nicht darüber nachgedacht hatte (ein Fuchs ist ein Fuchs ist ein Fuchs…), blieb der solcherart auf sich gestellte Sänger bei einer mehr als biederen Rollengestaltung.
Chen Reiss im putzigen Fuchspelz musste viel herumspringen und sich ständig kratzen (Die Flohplage im tschechischen Forst muss wirklich enorm sein, denn auch alle anderen Viecherl leiden sichtbar darunter ), hörte sich auch recht nett an, ohne aber besondere vokale Glanzlichter zu setzen, Vielleicht kommt das dann ja noch bei der PR.
Nicht überzeugen konnte mich Hyuna Ko als Fuchs. Zwar kam sie jederzeit problemlos über das Orchester, doch hatte ihre Stimme einen oft messerscharfen Beiklang und tremolierte mir auch etwas zu sehr. Das Zusammenspiel mit dem Füchslein funktionierte hingegen sehr gut, die beiden gaben ein putziges Paar ganz im Sinne des Regisseurs. (Wer sich am inflationären Einsatz von „putzig“ stört – ich finde leider kein treffenderes Adjektiv für Ottis Märchenkitsch!)
Wenig Persönlichkeit brachten auch James Kryshak (Schulmeister/Mücke) und Andreas Hörl (Pfarrer/Dachs) ein, denn dass man auch aus Minipartien ein Maximum an Wirkung herausholen kann, beweist z.B. immer wieder Clemens Unterreiner. Stimmlich fand ich beide OK, aber auch nicht mehr, und da es sich immerhin um eine Neuproduktion handelt, ist das nicht viel.
Eigentlich stach für mich nur einer aus der Einheitssuppe heraus, und das war einmal mehr Wolfgang Bankl. Zwar hat auch er als Harasta nur eine große Szene, trotzdem spürte ich da genau das, was ich bei seinen Kollegen so schmerzlich vermisste, nämlich Charisma. Da stand plötzlich ein wirklicher Typ auf der Bühne, der zu interessieren und zu fesseln vermochte. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass sich Bankl im Tschechischen wohler fühlte als die anderen, denn er konnte z.B. seinen Text mit deutlicher Ironie unterfüttern, war nicht nur darauf konzentriert, alles halbwegs richtig zu singen. (Wobei ich natürlich über die idiomatische Richtigkeit keine Aussagen treffen kann, weil ich der Sprache nicht mächtig bin!)
Heinz Zednik als grotesk kostümierter und flügelschlagender Hahn (noch lächerlicher sein Hennenharem) bot heute nur Sprechgesang, ob auf Weisung des Regisseurs oder weil mehr nicht mehr drin ist, vermag ich nicht zu sagen.
Das übrige Getier fiel mir weder durch besonders positive noch extrem negative Gesangsleistungen auf, Donna Ellens Förstersfrau klingt bei der PR hoffentlich besser.
Ehrlich gesagt wirkte das putzige (Zum letzten Mal, versprochen!) Bühnengeschehen auf mich so lähmend, dass mir die 90 Minuten länger erschienen als so manches 4-Stunden-Werk. Aber ich bin sicher, dass die PR ein rauschender Erfolg werden wird, weil die Sehnsucht der Traditionalisten nach "schönen Bühnenbildern" diesmal voll und ganz erfüllt wird. Nun, ich gönne ihnen ihren Spaß von Herzen, würde mir nur wünschen, dass endlich einmal auch eine wirklich gute moderne Inszenierung geboten wird. Aber darauf müssen wir an der WSO wohl bis zum St-Nimmerleinstag warten…..
Mein Fazit: Manchmal werden Erwartungen noch übertroffen, diesmal leider im negativen Sinn!
lg Severina :hello
pavel (16.06.2014, 20:30): Liebe Severina, ich weiß, dass Otti für dich ein rotes Tuch ist, aber deswegen muß man ihm nicht vorwerfen, dass er eine Ouverture bebildert hat, denn ein Blick in den Klavierauszug zeigt, dass bereits beim ersten Takt "Vorhang auf" notiert ist und dann der Auftritt des Dachses und das Ballett der kleinen Fliegen und der blauen Libelle explizit notiert sind. (Ich weiß, das kann man hinterfragen, aber muß man es hinterfragen ?)
pavel
Severina (16.06.2014, 20:55): Gelbe Karte zur Kenntnis genommen! Ich gebe zu, dass ich den Klavierauszug nicht kenne. Wenn das Geflattere also vom Komponisten gewollt ist, soll's halt so sein, für mich ist es trotzdem mehr als entbehrlich. Außerdem kann ich mir kaum vorstellen, dass uns Janacek mit dem "Schlauen Füchslein" nicht wenigstens ein klitzekleines bisschen mehr sagen wollte, als Schenk herausliest. Denn der buchstabiert eigentlich nur WALD. Den hat Janacek natürlich komponiert, aber wesentlich geheimnisvoller, vielschichtiger als diese platte Inszenierung glauben macht. Aber ich bin schon sehr neugierig auf Deinen Kommentar!
lg Severina :hello
Billy Budd (16.06.2014, 21:05): Vielen Dank für die Eindrücke! Schön, von Dir wieder einen Bericht zu lesen! Ich hab mirs eigentlich besser vorgestellt ... naja, am besten, ich hör mirs selbst an. :) (Am Mittwoch bin ich aber in der Volksoper.) Billy :hello
Severina (16.06.2014, 21:55): Tu das, vielleicht findest Du ja auch das Szenische nicht so schlimm, denn Pavel hat nicht ganz Unrecht mit seiner Behauptung, dass Schenk für mich ein rotes Tuch ist. Ich bin einfach durch jahrelange Negativ-Erfahrungen extrem Otti-geschädigt, was mein Urteilsvermögen möglicherweise trübt. Daher bin ich natürlich auch auf Deinen Bericht sehr neugierig! Ich freue mich jedenfalls auf die Radioübertragung, wo ich mich ohne den szenischen Firlefanz ganz auf die Musik konzentrieren kann!
lg Severina :hello
Billy Budd (16.06.2014, 22:57): Ich kann Dich eh verstehen, was Schenk betrifft ... Was? :wink Du hörst am Mittwoch lieber Radio, anstatt was Interessantes in der Volksoper zu erleben? :P Billy :hello
Severina (16.06.2014, 23:07): Bekenne mich schuldig :D! Aber auch ohne Füchslein wäre ich nicht in der VO, weil ich spät abends einen unaufschiebbaren Termin habe und es wahrscheinlich auch zur Radioübertragung nicht pünktlich schaffe.
Gerade brachten sie am Kulturmontag, dass Ottis Märchenwald die Steuerzahler 700 000€ kostet!! Und das für eine Produktion, die nur alle heiligen Zeiten auf dem Spielplan stehen wird, weil man dazu ja ein Ensemble braucht, das die Partien auf Tschechisch drauf hat! Angeblich ist das Füchslein seine letzte Opernregie. Hoffentlich....
lg Severina :hello
Billy Budd (16.06.2014, 23:12): Gut, einen letzten Termin hast Du am Sonntag noch! :D (Aja, ich hau am Sonntag wahrscheinlich nach dem 1. Akt der Walküre ab, um in die VOP zu fahren ...) Keinen Streß mit der Radioübertragung, denn diesmal wird nicht die Premiere, sondern die Vorstellung am Samstag übertragen ... und wenn man die verpaßt, ists auch keine Tragödie, da man sie, wenn man Internet hat, kostenlos für sieben Tage auf der Ö1-Homepage nachhören kann.
Ja, das ist unglaublich ... ich hab ja nix gegen konservative Inszenierungen, sofern sie gut gemacht sind, aber es drängt sich die Frage auf, obs für dieses Geld nicht bessere Investitionen gäbe ... Ist das mehr als bei der Anna Bolena? Billy :hello
Billy Budd (20.06.2014, 23:10): Nicht nur ich habe mich heute ausschließlich zum Lippert-Auslachen in die Oper begeben, aber dazu kam es nicht im erwarteten Maße: Herbert Lippert sorgte nur an den Stellen, bei denen er falsch einsetzte (das passiert ihm in der Regel nicht, aber heute ist er ohne Probe ins kalte Wasser gesprungen) und im Text danebenlag („Nun hebe erst das Leben an für Dich und mich!“ etc.), für Lacheinlagen, denn teilweise sang er sehr schön (und auch laut genug); insgesamt bot er eine passable Leistung. Die Oper hätte aber „Zerbinetta“ heißen sollen, denn Daniela Fally war so gut wie schon lange nicht mehr, Emily Magee dagegen ist als Ariadne nach wie vor eine glatte Fehlbesetzung. Jochen Schmeckenbecher und Kate Lindsay boten im Vorspiel ausgezeichnete Leistungen; Peter Matic war heute überzeugend; Thomas Ebenstein hat sich im Vergleich zum April verbessert, brachte aber den Text durcheinander („Sie ist mit einem gewissen Theseus entflohen, der ihr vorher das Leben gerettet hat.“). Unter den kleinen Rollen überzeugten Benjamin Bruns (er hat die beiden hohen cs des Brighella falsettiert, aber was solls), Clemens Unterreiner (Harlekin), Olga Bezsmertna (Echo) und Marcus Pelz (Lakai); Carlos Osuna (Scaramuccio), Jongmin Park (Truffaldin) und Daniel Lökös (Offizier) waren schlecht; Hila Fahima (Najade), Juliette Mars (Dryade) und Wolfram Igor Derntl (Perückenmacher) sangen auch mit. Franz Welser-Möst dirigierte annehmbar. Billy :hello
Billy Budd (21.06.2014, 21:37): Mit großer Vorfreude blickte ich der heutigen Aufführung des Schlauen Füchsleins entgegen, wurde aber schwer enttäuscht: Nur Wolfgang Bankl (Harašta) bot eine für Wiener Premierenmaßstäbe ausreichende Leistung, denn was Gerald Finley und Chen Reiss in den beiden Hauptrollen ablieferten, ist als bestenfalls (!) durchschnittlich zu bewerten. Die Sänger der restlichen Viecher und Menschen agierten mit Ausnahme von Andreas Hörl (als Dachs passabel, als Pfarrer nicht) nicht überzeugend (am unnötigsten war der Auftritt von Heinz Zednik als Hahn). Grundsätzlich ist es ein löbliches Unterfangen von Franz Welser-Möst, der Reihe nach alle Opern Janáceks zu bringen, und da muß man halt auch die wohl mit Abstand schwächste in Kauf nehmen. Ein gewaltiges Ärgernis aber war die alberne und dem Werk nicht gerechtwerdende Inszenierung Otto Schenks, die besser ins Kinderopernzelt paßt. Schade, daß schon wieder eine Neuproduktion gewaltig zu wünschen übrig ließ. Billy :hello
uhlmann (22.06.2014, 08:56): Original von Billy Budd Ein gewaltiges Ärgernis aber war die alberne und dem Werk nicht gerechtwerdende Inszenierung Otto Schenks, die besser ins Kinderopernzelt paßt.
in einem anderen forum wird diese inszenierung als letzte rettung der "richtigen" oper gefeiert. da ist von "librettogemäß prächtigem wald" und "herrlichen tierkostümen" die rede. dass es heute sowas auf opernbühnen noch gibt... (sniff)
Severina (22.06.2014, 10:37): Na, das war nicht anders zu erwarten! Wahrscheinlich schreibt sich dieses "andere Forum" den Sieg des Wahren, Schönen und Guten auf der Opernbühne sogar auf seine Fahnen, weil es ja seit Jahren unermüdlich gegen den Untergang des (Opern-)abendlandes in Form des bösen Regietheaters ins Feld zieht.
Ja, dass "es heute sowas auf der opernbühne noch gibt" ist in der Tat nicht zu fassen. Aber Otti macht's möglich und verbannt die Sänger wie weiland in seiner "Rusalka" in einen tschechischen Märchenkitsch. Janacek hat das ebenso wenig verdient wie damals Dvorak, aber den Leuten gefällt's und den von Monsieur hofierten Journalisten selbstverständlich auch.
Wenn wenigstens die musikalische Seite den szenischen Müll wettmachen würde, aber auch die ist bestenfalls OK, was für eine PR an der WSO ziemlich bescheiden ist.
lg Severina :hello
palestrina (22.06.2014, 15:02): Original von Severina Na, das war nicht anders zu erwarten! Wahrscheinlich schreibt sich dieses "andere Forum" den Sieg des Wahren, Schönen und Guten auf der Opernbühne sogar auf seine Fahnen, weil es ja seit Jahren unermüdlich gegen den Untergang des (Opern-)abendlandes in Form des bösen Regietheaters ins Feld zieht. lg Severina :hello
Mir macht es immer ein besonderes VERGNÜGEN :D zu lesen was dort so alles über das sog.RT verzapft wird, ich denke, die sind alle in den 50zig u.60zigern stehen geblieben . :J
LG palestrina
Severina (22.06.2014, 15:07): Das kannst Du laut sagen! Das Witzige an diesem Feldzug ist ja, dass sie ernsthaft glauben ihn gewinnen zu können.
lg Severina :hello
palestrina (22.06.2014, 16:13): Original von Severina Das kannst Du laut sagen! Das Witzige an diesem Feldzug ist ja, dass sie ernsthaft glauben ihn gewinnen zu können. lg Severina :hello
Nicht nur glauben, die sind davon überzeugt ! :rofl
LG palestrina
Billy Budd (22.06.2014, 22:12): Jo, so ist es ... allerdings wird das Stück wahrscheinlich eh nach der Serie im Herbst in der Versenkung verschwinden (schade wärs nicht drum). Billy :hello
Billy Budd (23.06.2014, 23:54): Nur durch eine interessante Besetzung lasse ich mich zu einem Besuch dieses meiner Meinung nach saublöden Stückes hinreißen, und heute war es Thomas Hampson, der mich in die Vorstellung trieb, da ich auf seinen ersten Wiener Scarpia neugierig war. Hampson ist und bleibt ein Gentleman, und deshalb ist er hier fehl am Platze, da helfen alle Bemühungen (böse Blicke, hämisches Gelächter, bedrohliche Gesten etc.) nichts. Dennoch ist es erfreulich, daß er mittlerweile wieder ein stimmlich ziemlich gutes Niveau erreicht hat. Marcello Giordani sang auf altmodische Art (wenige Phrasierungen, dafür Vollgas an den Stellen, an denen man Vollgas geben muß; diese Art zu singen mag nicht jedem zusagen, mir gefällt sie um Häuser besser als irgendein Gesäusel) einen sehr guten Cavaradossi, und Barbara Haveman war eine ihm ebenbürtige Interpretin der Titelrolle. Paolo Rumetz ließ als Mesner positiv aufhorchen; Marcus Pelz lieh dem Angelotti eine hellere Stimme, als sie die anderen Interpreten der letzten Zeit besitzen, machte es aber gut; Walter Fink war ein ausgezeichneter Schließer (beim Hinsetzen hätte er nicht so laut keuchen sollen); von James Kryshak und Mihail Dogotari ist nichts Positives zu vermelden; Philippe Auguin dirgierte eher schlecht. Nach der gestrigen, in tenoraler Hinsicht desaströsen, Walküre gab es heute wieder eine sehr anständige Aufführung zu erleben. Billy :hello
P.S.: Ich hab grad gelesen, daß Hampson am Samstag 59 wird (ich habe ihn jünger geschätzt). Für das Alter wars eh sehr gut.
Severina (24.06.2014, 09:51): Lieber Billy,
verglichen mit anderen Libretti finde ich das der "Tosca" eigentlich ziemlich logisch, auf jeden Fall ist sie musikalisch meine liebste Puccini-Oper. Trotzdem treibt mich in unsere Wallmann-Inszenierung nur eine in jeder Position erstklassig besetzte Vorstellung.
Interessant, Hampsons Scarpia habe ich in Zürich genau umgekehrt erlebt: Stimmlich schon etwas fragwürdig, aber dafür darstellerisch die großartige Studie eines sadistisch veranlagten Psychopathen. Ein bisschen Gentlemen darf der Scarpia ruhig sein, schließlich ist er kein Prolet, sondern Baron. In der natürlich um Klassen besseren Carsen-Inszenierung war es auch so, dass Floria anfangs nicht ganz unbeeindruckt war von der Aura des Polizeichefs.
Leider schaffe ich es in keine Vorstellung, aber Giordani ist auch nicht meine erste Wahl als Cavaradossi. (Im Unterschied zu Dir sind mir Phrasierungen und Piani wichtiger als "Vollgas", also meine Messlatte bei "Tosca" sind die "dolci baci" und "dolci mani", nicht das "Vittoria!" Obwohl ich natürlich nichts dagegen habe, wenn dabei der Kronleuchter wackelt :D!)
lg Severina :hello
Billy Budd (24.06.2014, 15:56): Liebe Severina! Mir ist die Charakterzeichnung in der Tosca viel zu eindimensional (böser Polizeichef, guter Maler, eifersüchtige Diva etc.; nur der Mesner ist interessant, sofern man ihn nicht als Blödelnummer anlegt), und auch von der Musik gefällt mir die Turandot beispielsweise besser. :) Natürlich spielt sich Scarpia vornehm auf, aber hinter dieser Fassade muß ein wahrhaftiger Ungustl erkennbar sein, was bei Hampson nicht der Fall war (wohl aber bei Terfel, Konieczny und Struckmann, um ein paar Beispiele der letzten Zeit zu nennen). Stimmlich klingt er seit einiger Zeit (z.B. auch in der Simon-Serie im vergangegen Herbst) wieder deutlich besser. Billy :hello
Billy Budd (24.06.2014, 23:05): In Werke, die beim ersten Anhören zu Tode langweiligen, muß man sich manchmal erst einhören, um sich ihrer Qualitäten bewußt zu werden (ich erinnere mich noch sehr gut an das total ermüdende Gefühl während meiner ersten Ariadnen, und da ich mir mittlerweile diese großartige Oper erarbeitet habe, amüsiere ich mich regelmäßig über die zahlreichen gelangweilten Gesichter von Opernbesuchern, die noch nicht herausgefunden haben, daß es hier keine einzige ernste Note gibt). Und so habe ich mich auf eine langweilige Vorstellung eingestellt, doch Musik und Handlung zogen mich in ihren Bann, sodaß ich nach Möglichkeit nun kein „Füchslein“ mehr versäumen will. Die Aufführung geriet im großen und ganzen wie die am Samstag (Gerald Finley war ganz leicht verbessert, und Franz Welser-Möst wurde fünf Minuten früher fertig). Das lächerliche und im Kitsch ertrinkende Schenk-Machwerk war aber noch ärgerlicher. Billy :hello
Billy Budd (26.06.2014, 00:12): Die beste Leistung des Abends kam von Herwig Pecoraro, dessen Mime vom ersten bis zum letzten Ton ein reines Vergnügen war. So gut habe ich diesen Sänger schon sehr lange nicht mehr gehört. Stephen Gould, der, wenn die Gerüchte stimmen, den Siegfried nur bis 2015 singt, wird mit jedem Jahr ein Euzerl schlechter, ist aber nichtsdestotrotz wohl der derzeit beste Interpret dieser Rolle. Leider wählte der Einspringer Adam Fischer, der es davon abgesehen ausgezeichnet machte, im Schlußduett zu langsame Tempi, die Gould ordentliche Schwierigkeiten verschafften. Nina Stemme war eine tolle Brünnhilde (mittlerweile freue ich mich auf ihre Elektra sehr); Tomasz Konieczny, dessen Timbre freilich Geschmackssache ist, gab einen sehr guten Wanderer; Jochen Schmeckenbecher stieß mit dem Alberich an seine Grenzen, machte es aber dennoch gut; Janina Baechle war eine passable Erda (besser als zuletzt), Ain Anger ein sehr guter Fafner. Nur das kaum hörbare Waldvöglein von Íride Martínez war weit vom erforderlichen Niveau entfernt und trübte somit den Gesamteindruck. Billy :hello
Billy Budd (26.06.2014, 21:22): Je öfter ich dieses GRANDIOSE Werk höre, desto mehr bin ich von ihm fasziniert, aber auch desto mehr ärgere ich mich über das primitive und kitschige Schenk-Zeug, aufgrund dessen viele Leute dieses Meisterwerk als eine herzige Kinderoper fehlinterpretieren. Musikalisch übertraf die heutige Vorstellung die letzte ein bißchen, denn James Kryshak war weniger nervös und auch Gerald Finley hat sich verbessert. Billy :hello
Billy Budd (28.06.2014, 00:23): Thomas Hampson hat sich von einem passablen Scarpia zu einem grottenschlechten entwickelt, und Philippe Auguin dirigierte blamabel (selten waren die Stimmen mit dem Orchester synchron); ansonsten wars wie am Montag, außer daß Marcello Giordani ein kleines bißchen schwächer unterwegs war. Billy :hello
Severina (29.06.2014, 10:54): Lieber Billy,
freut mich sehr, dass sich Dir die Schönheiten dieser Musik doch noch erschlossen haben! Es juckte mich ja in den Fingern, auf Deinen ersten Eindruck (ein schwaches Wwerk, nicht schade, wenn es bald in der Versenkung verschwindet...) zu erwidern, aber dann dachte ich mir "Lass es ihn noch ein paarmal hören, wer weiß...." Recht hatte ich :D! Über die Inszenierung sind wir uns ja einig....
lg Severina :hello
Billy Budd (29.06.2014, 23:50): Auch heute wurde eine sehr gute Götterdämmerung gegeben: Nina Stemme ist derzeit als Brünnhilde das Maß aller Dinge, was auch für Markus Eiche als Gunther gilt. Die dritte phantastische Leistung kam von Adam Fischer (solch ein tolles Wagner-Dirigat erlebt man selten), der aber von ein paar Idioten ausgebuht wurde. Stephen Gould ist der zur Zeit wohl beste Siegfried, gemessen an seinen früheren Leistungen war seine heutige aber nur zufriedenstellend. Attila Jun war neben den großteils mickrigen Nornen (Zoryana Kushpler, Stephanie Houtzeel, Ildikó Raimondi) und Rheintöchtern (Simina Ivan, Ulrike Helzel, Alisa Kolosova) der Schwachpunkt der Vorstellung (im zweiten Akt war er am erträglichsten), auch wenn ich mir schwer tu, besserer Hagen-Interpreten unserer Zeit zu nennen. Janina Baechle war eine gute Waltraute, Jochen Schmeckenbecher ein sehr guter Alberich, Caroline Wenborne eine solide Gutrune. Der Schlußapplaus währte nur 18 Minuten. Billy :hello
P.S.: Fischer im Vergleich mit Tate (112+58+70 min): 123+67+80 min.
Billy Budd (29.06.2014, 23:57): Tja, da hast Du recht! :D Interessant ist übrigens, daß es allen, mit denen ich gesprochen hab, so wie mir geht. :) Jetzt bin ich aber auf Deinen, nach mehrmaligem Anhören verfaßten, Kommentar zur Elektra gespannt! :P ^^ Billy :hello
Billy Budd (01.07.2014, 01:03): Wolfgang Bankl sang sehr gut, Gerald Finley gut, Chen Reiss und Andreas Hörl ok, ansonsten wurde Mittelmaß aufgeboten (Hyuna Ko finde ich nicht so schlimm wie die meisten anderen, Heinz Zednik war besser als in den vergangenen Vorstellungen); Franz Welser-Möst ruinierte den traumhaften Schluß. Die Inszenierung ist nach wie vor sehr ärgerlich. Billy :hello
Billy Budd (18.07.2014, 01:06): Wegen Kaufmann habe ich die Premierenserie der Fanciulla im Herbst 2013 geschwänzt, aber heute habe ich mir mit Freunden die Aufzeichnung davon auf dem Rathausplatz angeschaut, was natürlich nicht für eine seriöse Beurteilung reicht, aber ein paar Anmerkungen möchte ich dennoch loswerden: Jonas Kaufmann kann man nicht einmal vorwerfen, daß er ein schlechter Sänger ist, aber ich halte seine Stimme einfach nicht aus, höre ich sie, tun mir meine Stimmbänder weh. Deswegen bleiben Live-Begegnungen mit ihm nach wie vor aus, sehr gut, daß er nächste Saison nicht angesetzt ist. Mit Nina Stemme und Tomasz Konieczny waren die beiden anderen Hauptrollen aber sehr gut besetzt, nur braucht diese Oper drei wirklich gute Sänger (schad, daß im September Cura neben Stemme+Konieczny singt). Boaz Daniel und Norbert Ernst machten ihre Sache ausgezeichnet, und aus dem restlichen Ensemble fielen nur Hans Peter Kammerer und Il Hong negativ auf, Alessio Arduini, Clemens Unterreiner und Peter Jelosits aber positiv. Das Dirigat von Franz Welser-Möst kann ich nicht beurteilen; die Regie ist eine typisch Marellische (ein paar nette Details, handwerklich recht gut, aber nicht völlig überzeugend). Die Oper ist gar nicht schlecht, und dafür, daß sie von Puccini ist, sogar hörenswert. Billy :hello
stiffelio (10.08.2014, 18:54): Lieber Billy, ich hoffe, es ist o.k., dass ich diesen Beitrag von dir wieder hierher zurück beame, um im Lohengrin-Thread nicht OT zu werden
Original von Billy Budd Liebe Stiffelio! Ok, verschieben wir die Diskussion auf dann, wenn die Inszenierung in Wien wieder gezeigt wird (angeblich 2015/16 mit Botha), wahrscheinlich gibts dann eh wieder einen Livestream. Hast Du keine Möglichkeit, die Streams aufzunehmen? Ich hab den Radiomitschnitt der Lohengrin-Premiere, aber der nützt Dir, fürchte ich, nix. Auf Youtube hab ich das (Rosenkavalier, 1. Akt) gefunden, es könnte der Ausschnitt eines Livestreams sein, aber auch sonst irgendwie aufgezeichnet worden sein. Es ist schade, daß die Beiträge, die Du einstellst, oft auf keine Resonanz stoßen, obwohl Du Dir damit viel Mühe machst ... ich weiß, wie das ist ... naja, in einem Monat hat die Saison 2014/15 schon begonnen, und in ihr gibt es über 40 Live-Übertragungen, also kannst Du Dich gerne unseren Diskussionen im Staatsopernthread anschließen. Billy ich denke nicht, dass man diese Livestreams herunterladen kann ohne Computergenie zu sein, sonst wäre davon viel mehr auf YT zu sehen. Über 40 Livestreams nächste Saison? Wo hast du diese Info her? Auf der staatsoperlive-Seite finde ich nur sieben. Wenn ich keine Möglichkeit finde, auf dem Laptop Untertitel zu bekommen, werde ich mich auch auf die mir gut bekannten Opern beschränken müssen. Am ehesten reizt mich davon der Don Carlo. Evtl. noch der Fliegende Holländer, aber mit Terfel war ich in Zürich zuletzt nicht so glücklich.
Du hast schon recht, dass mich die fehlende Resonanz in letzter Zeit auf meine Beiträge etwas traurig macht. Aber ich weiß ja, dass ich mit meiner speziellen Fixierung auf DVDs und Inszenierungen ein ungewöhnlicher Vertreter der Opernfreunde bin (sagt Bescheid, wenn meine Beiträge nur noch nerven sollten). In letzter Zeit sind halt fast nur noch du, palestrina und Amonasro hier im Opernforum aktiv und ihr seid alle an Inszenierungskonzepten weniger interessiert. Mit dem Verlust von Rideamus, der immer wieder Diskussionen neu anstoßen konnte, scheinen die Inszenierungsfreunde keine "kritische Masse" mehr zusammen zu bekommen. Heike, Karolus und Fairy scheinen ganz weg zu sein, selbst Severina und Schweizer haben seit Wochen bzw. Monaten nichts mehr geschrieben (hoffentlich nur Sommerferien). Giovanna liest viel und ist ein Lichtblick, aber sie schreibt offenbar nicht so gerne. Ich will aber die Hoffnung noch nicht aufgeben, dass sich das wieder einmal ändert. Vielleicht bekommen ja auch Allegra, Florestan und andere mal wieder Lust, mehr hier im Opernforum zu schreiben.
VG, stiffelio
Billy Budd (10.08.2014, 21:44): Liebe Stiffelio! Zuallererst: Deine Beiträge nerven mich überhaupt nicht, und ich kann mir auch nicht vorstellen, daß es irgendjemandem anders gehen sollte. (Vielmehr könnte ich es verstehen, wenn wer durch den Stil meiner Opernberichte genervt sein könnte. :J ) Außerdem wäre ich nicht in der Position, irgendwem zu sagen, daß er hier nervt. :wink
Hier sind tatsächlich nur sieben Übertragungen verzeichnet, aber das liegt daran, daß man hier nur das Programm bis Ende Oktober findet. Wenn Du hier hinunterscrollst, kommst Du zur vollständigen Liste. Die Besetzungen stehen auf der Staatsopern-Homepage. Angeblich kann man sich Untertitel einblenden lassen, aber wie das genau geht, weiß ich nicht (ich hab noch nie einen Livestream angeschaut).
Bis jetzt hab ich die Livestreams der Staatsoper ja beharrlich ignoriert (viel zu teuer etc.), aber ich denk mir mittlerweile, daß die doch nicht so blöd sind, da es fein wäre, wenn man von bestimmten Vorstellungen Aufnahmen in sehr guter Qualität hätte ... ich hab in meinem Freundeskreis ein bißchen herumgefragt, obs eine Möglichkeigt gibt, die Streams auch mit Bild (nur mit Ton könnte ichs ja) mitzuschneiden, aber diesbezüglich will ich öffentlich nicht konkreter werden (ob mein Vorhaben zu 100 Prozent legal ist, weiß ich nicht).
Ja, derzeit ist hier wirklich nicht viel los (und ich will das mit der Aussage, daß wir hier ein kleines, aber nettes Forum sind, in dem sich halt weniger als in anderen tut, auch gar nicht schönreden)... Rideamus geht wirklich sehr ab ... Meiner Lebenserfahrung nach ist es so, daß es Phasen gibt, in denen sich die Schwerpunkte einfach ändern. Beispielsweise hab ich mich vor einem Jahr mehrere Monate lang kaum für Oper interessiert, aber ca. seit dem Beginn von 2014 ist es wieder wie früher (dementsprechend ist die Anzahl meiner Beiträge wieder gestiegen). Aber ich habe keine Ahnung, warum sich die von Dir erwähnten Mitglieder in letzter Zeit (sehr) rar machen, zumal ich ja den Großteil der hier Angemeldeten nicht persönlich kenne. Selbstverständlich kostet das Verfassen eines langen Beitrages einiges an Zeit und Aufwand, aber man hat fast immer Zeit, kurz hier hereinzuschauen und seinen Senf zu aktuellen Diskussionen abzugeben. Als ich in der Saison 2011/12 elendslange Opernberichte (mit viel Schwachsinn, zum Beispiel mit der Beurteilung des Chores in der Frau ohne Schatten, in der es keinen Chor gibt) verfaßt hab, hab ich mich immer sehr über Rückmeldungen gefreut und war auch oft enttäuscht, wenn ich mir viel Mühe gegeben hab und niemand zurückgeschrieben hat (darauf hab ich mein "Es ist schade, daß die Beiträge, die Du einstellst, oft auf keine Resonanz stoßen, obwohl Du Dir damit viel Mühe machst ... ich weiß, wie das ist ..." bezogen) ... seitdem ich nur mehr im Telegrammstil das Wesentliche festhalte, ist es mir beinahe gleichgültig, wie die Reaktionen ausfallen ... wenn wer zurückschreibt, freue ich mich, wenn das aber nicht passiert, störts mich auch nicht. Ich denke, eine solche Einstellung sollte man bei den meisten Dingen im Leben haben - aber das soll bitte gar nicht (!) oberlehrerhaft klingen, und damit will ich auch niemanden motivieren, weniger Aufwand in Beiträge zu investieren!! :wink Natürlich will ich Dir nicht raten, auf andere Foren auszuweichen, um an mehr Diskussionspartner zu kommen, denn damit würde sich hier noch weniger tun ... ein Problem ist, daß wir beide einen ganz anderen Zugang zu Opern (Du über die Optik, ich über die Akustik) und auch unterschiedliche Schwerpunkte innerhalb des Genres Oper (für meine siehe hier) haben ... naja, hin und wieder "begegnen" wir uns eh. :D "Wie machen wir das Forum attraktiver?" sollte aber besser im internen Bereich diskutiert werden. Billy :hello
es nervt überhaupt nicht , auch wenn ich mir keine Opern auf DVD anschaue heißt das nicht das ich die Post's nicht lese ! Auch über deine Rezensionen , lieber Billy freue ich mich immer ! :) Gehe leider nicht mehr soviel in die Oper wie früher , aber hin und wieder schon ! Als ich in dem Alter von dir war , lieber Billy habe ich das genauso gemacht wie du !!
Und ja, wie machen wir das Forum attraktiver ? Gute Frage ?! Vielleicht sollten wir das wirklich mal im Internen diskutieren !
LG palestrina
Billy Budd (10.08.2014, 23:36): Original von palestrina Auch über deine Rezensionen , lieber Billy freue ich mich immer ! :) Das freut mich! :)
Original von palestrina Und ja, wie machen wir das Forum attraktiver ? Gute Frage ?! Vielleicht sollten wir das wirklich mal im Internen diskutieren ! Ja, das sollten wir wirklich tun (vielleicht aber erst, wenn das Sommerloch zu Ende ist) ... hier ginge es unter und würde von allen, die diesen Thread nicht lesen, gar nicht wahrgenommen werden. Billy :hello
Billy Budd (11.08.2014, 10:32): Ich hab mir noch einmal meinen gestrigen langen Beitrag durchgelesen und möchte festhalten, daß ich wirklich nichts in die Richtung "Tja, kann man nix machen, wenn da wenig los ist. Also kränk Dich nicht und schreib einfach weniger, und die Sache hat sich!" schreiben wollte. Leider liest man das zwischen den Zeilen.
Selbstverständlich ist mir ein Forum wie das unsrige, in dem eine nette Atmosphäre herrscht und jeder nach Lust und Laune Beiträge einstellt, viel lieber als eines, in dem Schreibzwang etc. herrschen (ja, auch das gibts), in einem solchen würde ich gar nicht Mitglied sein wollen.
Naja, am besten ist, wir verschwenden hier nicht unsere Zeit mit Diskussionen, wie wir das Forum attraktiver machen könnten, sondern wir machen es attraktiver. Konkret heißt das: Ich werde mir in den nächsten Tagen mindestens eine der von Stiffelio unlängst besprochenen Fidelio-Aufnahmen (auf Youtube) anhören und danach was dazu schreiben. Ist ja zumindest etwas. :wink Vorschläge sind selbstverständlich äußerst willkommen. :D Schön wäre, wenn sich auch mal die bis jetzt reinen Mitleser, derer es ja zahlreiche gibt, zu Wort meldeten. :hello Ich wollte auch unlängst einen Thread zu Janáceks Füchslein (eine ganz wunderbare, aber nicht leicht faßliche Oper) eröffnen, aber um eine vernünftige Inhaltsangabe hinzukriegen, brauche ich ein Libretto, und da ich noch keines habe, dauert das noch. Billy :hello
stiffelio (11.08.2014, 20:41): Lieber Billy.
Original von Billy Budd Ich hab mir noch einmal meinen gestrigen langen Beitrag durchgelesen und möchte festhalten, daß ich wirklich nichts in die Richtung "Tja, kann man nix machen, wenn da wenig los ist. Also kränk Dich nicht und schreib einfach weniger, und die Sache hat sich!" schreiben wollte. Leider liest man das zwischen den Zeilen. nö, mach dir mal keine Sorgen :wink. Ich hatte deinen Beitrag schon richtig verstanden, nämlich einfach nur als kleinen Trost und keineswegs als eine Aufforderung weniger zu schreiben. Davon wird ein Forum schließlich in den seltensten Fällen attraktiver. :beer Deine Fidelio-Pläne finde ich natürlich ganz toll. Ich schick dir gleich noch eine PN mit "willkommenen Vorschlägen" :P.
VG, stiffelio
Billy Budd (11.08.2014, 20:44): Alles klar! :beer
Billy Budd (03.09.2014, 23:01): Juhu, die Staatsoper hat wieder geöffnet! Hoffen wir aber, daß der heutige Abend nicht symptomatisch für diese Saison ist, denn es wurde eine sehr inhomogen besetzte Vorstellung: Bryn Terfel war aber natürlich ein ganz, ganz, ganz grandioser Holländer – für mich (der ich hier nur Dohmen und Uusitalo gehört habe) eine wahre Offenbarung, aber auch Peter Rose gab einen sehr guten Daland. Ricarda Merbeth war keine Katastrophe (teilweise sogar erträglich), sang aber stellenweise furchtbar. Norbert Ernst war vor zwei Jahren ein sehr guter Steuermann, ist als Erik aber nur als Notlösung tolerabel (am Ende hat er dauernd Luft geholt). Benjamin Bruns (der einzige, der heute weder Rollen- noch Hausdebüt gab) sang einen guten Steuermann, das neue Ensemblemitglied Carole Wilson besitzt ein interessantes (positiv gemeint) Timbre, klingt aber etwas ausgesungen. Yannick Nézet-Séguin empfahl sich an seinem Debütabend ziemlich mies (seltsame Tempowahl, langweilig und teilweise auch sängerunfreundlich). Billy :hello
Billy Budd (04.09.2014, 23:41): Adrianne Pieczonka war heute nach viiiel zu langer Zeit wieder in Wien zu hören. Im ersten Akt fand ich sie zwar ausgezeichnet (no na ned ...), aber nicht so phantastisch wie üblich, ab dem zweiten jedoch war sie ganz, ganz toll, das Vissi d'arte geriet traumhaft. Leider wurden ihr keine wenigstens annähernd gleichwertige Partner zur Seite gestellt (Tosca mit ihr, Botha/Y. Lee und Terfel/Struckmann/Grundheber/Konieczny wär fein!), denn Marcello Giordani war hörbar indisponiert (die erste Hälfte des Recondita armonia war auf Massimo-Giordano-Niveau, danach kämpfte er sich sehr tapfer durch) und George Gagnidze war wie immer (weder schlecht noch gut, sondern etwas grölend und brüllend, jedenfalls sehr undifferenziert). Als Angelotti hörte man das neue Ensemblemitglied Ryan Speedo Green, das einen sehr guten Eindruck hinterließ. Naja, manchmal findet auch eine blinde Henne (Meyer ist gemeint) ein Korn. Als Mesner war wieder einmal Alfred Šramek eingesetzt, der heute einen stimmlich guten Abend hatte; Alexandru Moisiuc war ein guter (sic!) Schließer. Als Spoletta+Sciarrone war das Dreamteam Benedikt Kobel+Hans Peter Kammerer im Einsatz, jeder weitere Kommentar überflüssig. Paolo Carignani dirigierte passabel. Das den Hirten singende Kind der Opernschule wird seit heute übrigens namentlich am Plakat genannt. Billy :hello
Billy Budd (05.09.2014, 13:31): Franz Welser-Möst ist heute als Generalmusikdirektor zurückgetreten und legt alle Dirigate dieser Saison (34 sinds) zurück!
Link.
P.S.: Und hier eine komplett zutreffende Analyse.
Billy Budd (06.09.2014, 00:45): Falls ichs noch nicht festgestellt hab: Dvoráks Rusalka ist eine unbeschreiblich tolle Oper!! (Daß sie in meiner Top-10-Liste nur den 7. Platz belegt, liegt an ihren paar mühsamen Stellen , aber manche Passagen sind SOWAS von genial – viel bessere Musik kann man einfach nicht komponieren!!!) Ich kann mich an keinen Opernabend erinnern, der mich so dermaßen wie der heutige berührt hat. (Da stellt sich die Frage, was für ein Prolet man sein muß, um in diesen himmlischen Schluß hineinzuklatschen!) Dem Regisseur Bechtolf ist zu danken, daß er aus diesem (psychologisch betrachtet beängstigend schlimmen!!) Meisterwerk keinen Schenkschen Kitsch gemacht hat (mit Grauen denke ich an das Füchslein: SO eine geniale Oper, aber in Wien durch diesen kitschigen Bullshit auf der Bühne völlig verhunzt), aber das wars auch schon mit den Danksagungen. Schwamm drüber ... die Musik ist eh wichtiger: Das bis dato eher unauffällige Ensemblemitglied Olga Bezsmertna sprang in der Titelrolle ein und konnte einen sehr schönen Erfolg für sich verbuchen (Stoyanova ist sie keine, was aber eh jeder erwartet hat); Piotr Beczala enttäuschte, denn seine Stimme wird immer schlechter (freilich wars noch immer gut, aber die Höhen verengen sich immer mehr; ändert sich an seiner Technik nix, wird das ein böses Ende nehmen, was wirklich schade wäre); von Günther Groißböck sind viele begeistert, ich bins nicht, obwohl er den Wassermann deutlich besser als den König Heinrich macht; Janina Baechle und Monika Bohinec waren als Ježibaba und Fremde Fürstin sehr gute Besetzungen; die Nebenrollen paßten im großen und ganzen. Der noch nicht einmal 40jährige Tomáš Netopil gab am Dirigentenpult ein beeindruckendes Hausdebüt. Wir freuen uns auf weitere Begegnungen mit ihm!
P.S.: Hier Vincent Schirrmacher (Ensemblemitglied in der Volksoper) als Prinz – so gehört das gesungen!
P.P.S.: Wie ich heute erfahren hab, war der Rücktritt Welser-Mösts seit Mai beschlossene Sache, wurde aber – aus welchen Gründen auch immer – nicht bekanntgegeben. Genauere Informationen möchte ich nicht im Internet preisgeben. Billy :hello
Billy Budd (06.09.2014, 23:15): Gemischte Gefühle hinterließ der heutige Holländer bei mir: Bryn Terfel hat mir persönlich auch heute extrem gut gefallen (beeindruckend zum Beispiel sein Piano bei „Wird sie mein Engel sein?“), auch wenn er bei seinem „den Fliegenden Holländer nennt man mich!“ einen Kieckser hatte; spitze war Peter Rose als Daland; Ricarda Merbeth war wie immer (nicht wirklich schlecht, aber auch gar nicht gut); eine große Katastrophe war Norbert Ernst als Erik (wir lieben ihn in den für ihn geeigneten Rollen, aber Erik geht GAR net; auf Dauer ruiniert er sich damit die Stimme. Lippert war in dieser Rolle besser, und damit ist eh schon alles gesagt. Er wurde ausgebuht, und da kann man wirklich nicht widersprechen); sehr anständig war der Steuermann von Benjamin Bruns, sehr gut die Mary von Carole Wilson. Die größte Überraschung war das unter dem einwandfreien Yannick Nézet-Séguin sehr gut spielende Orchester (kaum ist Welser-Möst weg, sind sie besser). Billy :hello
Severina (07.09.2014, 17:37): Wer mich kennt, dürfte leicht verwundert reagieren, dass ich just mit Wagner in meine neue Opernsaison starte, wo mir doch die Italiener und Franzosen wesentlich näher liegen. Aber einerseits hat sich mein Verhältnis zum Bayreuther Meister in letzter Zeit erheblich verbessert – zumindest zum Komponisten, der Mensch RW ist mir immer noch herzlich unsympathisch! - , andererseits versprach die Besetzung einen großen Abend. Diese Erwartung wurde zwar nicht ganz, aber doch in einem erheblich höheren Maß als leider nur allzu oft an der WSO erfüllt.
Die Inszenierung unseres „Fliegenden Holländers“ ist ein Werk von Christine Mielitz und inzwischen auch schon in die Jahre gekommen. Da ich sie zu ihren Entstehungszeiten nie gesehen habe, kann ich nicht beurteilen, ob sie inzwischen nur verschlampt oder die Personenführung so nichtssagend intendiert gewesen ist. Wenig Spannung erzeugt auch das Bühnenbild, eine merkwürdige Symbiose aus Wohnraum und Schiff : Der Bretterboden geht in einen skelettierten Schiffsrumpf über, ungleich lange Planken fingern an den holzgetäfelten Seitenwänden empor, Bullaugen in den zahlreichen Türen sollen offensichtlich auch dem Dümmsten einhämmern, dass wir uns im Heim eines Seefahrers befinden. Über der Rückwand türmen sich verschieden große Glasvitrinen, deren Inhalt aber ohne Opernglas rätselhaft bleibt: Devotionalien? Dalands auf diversen Reisen angehäufte Schätze? Darunter blicken gerahmte Revolutionäre (Lenin, Che Guevara...) finster auf das kapitalistische Treiben Dalands. Merke: Senta will offensichtlich nicht nur den Holländer, sondern gleich die ganze Welt erlösen! Nicht wirklich originell, wenn die Sozialisation der Regisseurin derart platt durchschlägt....
Nun sieht das Libretto bekanntlich auch zwei Schiffe vor, die in dieser Inszenierung nur in sehr abstrahierter Form auftauchen. Bei Bedarf gleiten zwei mächtige, von einer Reeling bekrönte Stahlkolosse auf die Bühne. Immerhin hat man inzwischen wenigstens die Ölkanne gefunden, denn im Unterschied zur letzten von mir besuchten Vorstellung hielt sich das damit verbundene Qietschen und Knarren diesmal in Grenzen. Damit auch der Romantik genüge getan wird, darf hin und wieder das Spukschiff des Holländers als Hintergrundprojektion auf wild bewegtem Meer schaukeln. Ansonsten wird das Unheimliche des Geschehens mit einmal mehr, einmal weniger geglückter Lichtregie zumindest angedeutet. Dass Senta am Schluss den Freitod nicht im Meer sucht, sondern sich und das Schiff abfackelt, ist offensichtlich die logische Folge ihres „revolutionären backgrounds“. Also logisch in den Augen von Christine Mielitz, wahrscheinlich weniger logisch in denen der Zuschauer. Das Ärgerliche an dieser Inszenierung ist ja, dass wie so oft eine Behauptung aufgestellt wird, ohne sie aber im Laufe des Abends zu entwickeln, geschweige denn zu motivieren. Sieht Senta im Holländer eine Art Che Guevara? Wenn ja, warum? Und wie äußert sich das? Bei Christine Mielitz äußert es sich gar nicht, da hängen halt ein paar Revolutionäre an der Wand , und damit hat sich's. Nein, damit hat es sich NICHT, denn damit das Sinn macht, muss man genau diesen Sinn herausarbeiten, Frau Regisseurin!!!
Aber kommen wir zur musikalischen Seite, von der wesentlich Erfreulicheres zu berichten ist als von der szenischen! Es passiert leider nicht immer, dass die Erwartungen, die man an einen Sänger knüpft, erfüllt werden, dass sie aber noch übertroffen werden, ist höchst selten der Fall. Genau das erlebte ich aber gestern bei Bryn Terfel Rollendebut an der WSO: Was für ein umwerfender Holländer! Terfel verfügt nicht nur über eine Prachtstimme, er kann sie aufgrund seiner perfekten Technik auch äußerst effektvoll einsetzen, ihr alles an Emotionen abverlangen, was eine Rolle erfordert. Die Sehnsucht des zu ewigem Umherirren Verdammten nach Liebe, Heim, Erlösung schwang ebenso mit wie Enttäuschung und Wut über Sentas vermeintlichen Treuebruch. Verblüffend, wie Terfel sein mächtiges Organ auf ein Piano reduzieren kann, das samtweich und unendlich zart im Raum schwebt und nicht nur Senta verzauberte. Dass er obendrein mit einer perfekten deutschen Diktion aufwarten konnte, jeder Satz glasklar verständlich war, bildete das Tüpfelchen auf dem I dieser makellosen Gesangsleistung. Aber auch die Bühnenpräsenz des Walisers machte die gestrige Aufführung zum Erlebnis. Er zählt zu der raren Spezies von Sängern, die einen bereits in ihren Bann schlagen, bevor sie noch den ersten Ton gesungen haben.
Eine ebenso großartige Leistung erbrachte Peter Rose als Daland. Auch ihm bereitete die Partie nicht die geringsten Schwierigkeiten, mit Leichtigkeit katapultierte er seinen schön timbrierten Bariton über die Orchesterwogen und konnte auch die Skrupellosigkeit dieses Mannes, der seine Tochter ohne Zögern an einen Fremden verschachert, überzeugend verkörpern.
Ricarda Merbeth nimmt man das schwärmerische Mädchen, das sich in ihren Träumen verliert und für ihr Idol sogar in den Tod geht, optisch leider nicht ab, sie wirkt einfach viel zu reif, viel zu geerdet. Stimmlich gefiel sie mir über weite Strecken überraschend gut (Ich hatte sie in schlechterer Erinnerung!), da blühte ihr heller Sopran in den Höhen sehr schön auf und klang völlig unverkrampft. Leider zeigten sich später doch Ermüdungserscheinungen, was sich in einer gewissen Schärfe bei Spitzentönen äußerte. Aber insgesamt war das gestern eine wirklich gute Leistung von Frau Merbeth.
Gut in Form präsentierte sich auch Benjamin Bruns als Steuermann. Er sehnte sich mit viel tenoralem Schmelz nach seinem Mädchen, setzte die Spitzentöne sauber und mit Leichtigkeit und ließ mich seine schwache Leistung in der „Zauberflöte“ wieder vergessen.
Wäre Norbert Ernst doch beim Steuermann geblieben, für dessen Lyrismen seine Stimme momentan maßgeschneidert ist! Leider ritt ihn der Teufel, sich am Erik zu vergreifen, der ihm hörbar noch einige Nummern zu groß ist. Ehrlich gesagt tat mir beim Zuhören der Hals weh, so gequält, mit so viel Druck erzeugt klang manche Phrase, und ich kann nur hoffen, dass diese Tour de force der wirklich qualitätvollen Stimme von Herrn Ernst nicht schadet. Diese Qualität zeigte sich in den Piani sehr schön, aber ein Erik muss leider wesentlich mehr drauf haben. Die vehementen Buhs beim Solovorhang von Herrn Ernst hätten eigentlich Dominique Meyer gelten sollen, der mit dieser absurden Besetzung wieder einmal eindrücklich bewiesen hat, dass er von Stimmen leider überhaupt nichts versteht. Die Rechnung zahlen dann die Sänger, und ich kann nur hoffen, dass sie im aktuellen Fall nicht allzu hoch ausfällt.
Unser neues Ensemblemitglied Carole Wilson debutierte als Mary und fiel mir zumindest nicht negativ auf, was bei den meisten Engagements unseres Direktors leicht anders liegt.....
Nichts Negatives kann ich auch über Yannick Nézet-Séguins Dirigat vermelden. Er leitete das Orchester mit viel Umsicht und Temperament, nahm aber auch jederzeit Rücksicht auf die Sänger.
Mein Fazit: Ein musikalisch erfreulicher Auftakt der neuen Saison, mögen viele Abende in dieser Qualität folgen!
Lg Severina
PS: Sorry, dass ganze Passagen im Fettdruck stehen, aber mein neues Windows 8 macht mich fertig! Ich kann bei Texten im Forum plötzlich nichts mehr wie früher fett markieren, ohne komplizierte Transaktionen. (Man muss den Begriff in ein Fenster eingeben, dann erscheint es im Text aber ganz am Schluss, also nach "lg Severina". Von dort muss ich es dann an die richtige Stelle schieben und den ursprünglichen Text löschen. Warum plötzlich fast alles fett gedruckt ist, weiß ich nicht, und ich hab auch nicht den Nerv, mich da noch endlos rumzuspielen X( X( X( X(
Cetay (inaktiv) (07.09.2014, 19:29): Original von Severina Wer mich kennt, dürfte leicht verwundert reagieren, dass ich just mit Wagner in meine neue Opernsaison starte, wo mir doch die Italiener und Franzosen wesentlich näher liegen. Aber einerseits hat sich mein Verhältnis zum Bayreuther Meister in letzter Zeit erheblich verbessert – zumindest zum Komponisten, der Mensch RW ist mir immer noch herzlich unsympathisch! - , andererseits versprach die Besetzung einen großen Abend. Diese Erwartung wurde zwar nicht ganz, aber doch in einem erheblich höheren Maß als leider nur allzu oft an der WSO erfüllt.
Die Inszenierung unseres „Fliegenden Holländers“ ist ein Werk von Christine Mielitz und inzwischen auch schon in die Jahre gekommen. Da ich sie zu ihren Entstehungszeiten nie gesehen habe, kann ich nicht beurteilen, ob sie inzwischen nur verschlampt oder die Personenführung so nichtssagend intendiert gewesen ist. Wenig Spannung erzeugt auch das Bühnenbild, eine merkwürdige Symbiose aus Wohnraum und Schiff : Der Bretterboden geht in einen skelettierten Schiffsrumpf über, ungleich lange Planken fingern an den holzgetäfelten Seitenwänden empor, Bullaugen in den zahlreichen Türen sollen offensichtlich auch dem Dümmsten einhämmern, dass wir uns im Heim eines Seefahrers befinden. Über der Rückwand türmen sich verschieden große Glasvitrinen, deren Inhalt aber ohne Opernglas rätselhaft bleibt: Devotionalien? Dalands auf diversen Reisen angehäufte Schätze? Darunter blicken gerahmte Revolutionäre (Lenin, Che Guevara...) finster auf das kapitalistische Treiben Dalands. Merke: Senta will offensichtlich nicht nur den Holländer, sondern gleich die ganze Welt erlösen! Nicht wirklich originell, wenn die Sozialisation der Regisseurin derart platt durchschlägt....
Nun sieht das Libretto bekanntlich auch zwei Schiffe vor, die in dieser Inszenierung nur in sehr abstrahierter Form auftauchen. Bei Bedarf gleiten zwei mächtige, von einer Reeling bekrönte Stahlkolosse auf die Bühne. Immerhin hat man inzwischen wenigstens die Ölkanne gefunden, denn im Unterschied zur letzten von mir besuchten Vorstellung hielt sich das damit verbundene Qietschen und Knarren diesmal in Grenzen. Damit auch der Romantik genüge getan wird, darf hin und wieder das Spukschiff des Holländers als Hintergrundprojektion auf wild bewegtem Meer schaukeln. Ansonsten wird das Unheimliche des Geschehens mit einmal mehr, einmal weniger geglückter Lichtregie zumindest angedeutet. Dass Senta am Schluss den Freitod nicht im Meer sucht, sondern sich und das Schiff abfackelt, ist offensichtlich die logische Folge ihres „revolutionären backgrounds“. Also logisch in den Augen von Christine Mielitz, wahrscheinlich weniger logisch in denen der Zuschauer. Das Ärgerliche an dieser Inszenierung ist ja, dass wie so oft eine Behauptung aufgestellt wird, ohne sie aber im Laufe des Abends zu entwickeln, geschweige denn zu motivieren. Sieht Senta im Holländer eine Art Che Guevara? Wenn ja, warum? Und wie äußert sich das? Bei Christine Mielitz äußert es sich gar nicht, da hängen halt ein paar Revolutionäre an der Wand , und damit hat sich's. Nein, damit hat es sich NICHT, denn damit das Sinn macht, muss man genau diesen Sinn herausarbeiten, Frau Regisseurin!!!
Aber kommen wir zur musikalischen Seite, von der wesentlich Erfreulicheres zu berichten ist als von der szenischen! Es passiert leider nicht immer, dass die Erwartungen, die man an einen Sänger knüpft, erfüllt werden, dass sie aber noch übertroffen werden, ist höchst selten der Fall. Genau das erlebte ich aber gestern bei Bryn Terfel Rollendebut an der WSO: Was für ein umwerfender Holländer! Terfel verfügt nicht nur über eine Prachtstimme, er kann sie aufgrund seiner perfekten Technik auch äußerst effektvoll einsetzen, ihr alles an Emotionen abverlangen, was eine Rolle erfordert. Die Sehnsucht des zu ewigem Umherirren Verdammten nach Liebe, Heim, Erlösung schwang ebenso mit wie Enttäuschung und Wut über Sentas vermeintlichen Treuebruch. Verblüffend, wie Terfel sein mächtiges Organ auf ein Piano reduzieren kann, das samtweich und unendlich zart im Raum schwebt und nicht nur Senta verzauberte. Dass er obendrein mit einer perfekten deutschen Diktion aufwarten konnte, jeder Satz glasklar verständlich war, bildete das Tüpfelchen auf dem I dieser makellosen Gesangsleistung. Aber auch die Bühnenpräsenz des Walisers machte die gestrige Aufführung zum Erlebnis. Er zählt zu der raren Spezies von Sängern, die einen bereits in ihren Bann schlagen, bevor sie noch den ersten Ton gesungen haben.
Eine ebenso großartige Leistung erbrachte Peter Rose als Daland. Auch ihm bereitete die Partie nicht die geringsten Schwierigkeiten, mit Leichtigkeit katapultierte er seinen schön timbrierten Bariton über die Orchesterwogen und konnte auch die Skrupellosigkeit dieses Mannes, der seine Tochter ohne Zögern an einen Fremden verschachert, überzeugend verkörpern.
Ricarda Merbeth nimmt man das schwärmerische Mädchen, das sich in ihren Träumen verliert und für ihr Idol sogar in den Tod geht, optisch leider nicht ab, sie wirkt einfach viel zu reif, viel zu geerdet. Stimmlich gefiel sie mir über weite Strecken überraschend gut (Ich hatte sie in schlechterer Erinnerung!), da blühte ihr heller Sopran in den Höhen sehr schön auf und klang völlig unverkrampft. Leider zeigten sich später doch Ermüdungserscheinungen, was sich in einer gewissen Schärfe bei Spitzentönen äußerte. Aber insgesamt war das gestern eine wirklich gute Leistung von Frau Merbeth.
Gut in Form präsentierte sich auch Benjamin Bruns als Steuermann. Er sehnte sich mit viel tenoralem Schmelz nach seinem Mädchen, setzte die Spitzentöne sauber und mit Leichtigkeit und ließ mich seine schwache Leistung in der „Zauberflöte“ wieder vergessen.
Wäre Norbert Ernst doch beim Steuermann geblieben, für dessen Lyrismen seine Stimme momentan maßgeschneidert ist! Leider ritt ihn der Teufel, sich am Erik zu vergreifen, der ihm hörbar noch einige Nummern zu groß ist. Ehrlich gesagt tat mir beim Zuhören der Hals weh, so gequält, mit so viel Druck erzeugt klang manche Phrase, und ich kann nur hoffen, dass diese Tour de force der wirklich qualitätvollen Stimme von Herrn Ernst nicht schadet. Diese Qualität zeigte sich in den Piani sehr schön, aber ein Erik muss leider wesentlich mehr drauf haben. Die vehementen Buhs beim Solovorhang von Herrn Ernst hätten eigentlich Dominique Meyer gelten sollen, der mit dieser absurden Besetzung wieder einmal eindrücklich bewiesen hat, dass er von Stimmen leider überhaupt nichts versteht. Die Rechnung zahlen dann die Sänger, und ich kann nur hoffen, dass sie im aktuellen Fall nicht allzu hoch ausfällt.
Unser neues Ensemblemitglied Carole Wilson debutierte als Mary und fiel mir zumindest nicht negativ auf, was bei den meisten Engagements unseres Direktors leicht anders liegt.....
Nichts Negatives kann ich auch über Yannick Nézet-Séguins Dirigat vermelden. Er leitete das Orchester mit viel Umsicht und Temperament, nahm aber auch jederzeit Rücksicht auf die Sänger.
Mein Fazit: Ein musikalisch erfreulicher Auftakt der neuen Saison, mögen viele Abende in dieser Qualität folgen!
Lg Severina
PS: Sorry, dass ganze Passagen im Fettdruck stehen, aber mein neues Windows 8 macht mich fertig! Ich kann bei Texten im Forum plötzlich nichts mehr wie früher fett markieren, ohne komplizierte Transaktionen. (Man muss den Begriff in ein Fenster eingeben, dann erscheint es im Text aber ganz am Schluss, also nach "lg Severina". Von dort muss ich es dann an die richtige Stelle schieben und den ursprünglichen Text löschen. Warum plötzlich fast alles fett gedruckt ist, weiß ich nicht, und ich hab auch nicht den Nerv, mich da noch endlos rumzuspielen X( X( X( X(
Da kann das Windows 8 nix für, es fehlte einfach nur die eckige Klammer beim Steuerzeichen hinter Frau Melitz.
:)
stiffelio (07.09.2014, 19:35): Hallo Severina und Billy,
hm, wenn ihr beide so begeistert über Terfels Holländer berichtet, dann muss ich meinen Entschluss, den Livestream am 12.9. auszulassen, wohl doch nochmal überdenken. Ich konnte halt bisher mit Terfel noch nie so richtig etwas anfangen (um es vorsichtig zu formulieren :ignore) und sein Züricher Holländer im Mai 2013 hat mir definitiv nicht gefallen. Er hatte da neben einem starken Vibrato eine Art, die Töne zu verschleifen, die mich massiv gestört hat. Man kann es in diesem YT-Link "https://www.youtube.com/watch?v=S4B1MXOBn1A" nachhören, ganz extrem z.B. bei 29:30 min (wann brichst du an in meine Nacht?), aber auch schon bei 22:30 (euch, des Weltmeeres Fluten bleib ich getreu). War das an der WSO anders?
VG, stiffelio
OT: Severina, der Text wird deshalb über einen ganzen Abschnitt fett gedruckt, weil dir beim "" verloren gegangen ist. Wenn du die wieder einfügst, müsste es funktionieren.
Severina (07.09.2014, 19:38): Lieber Cetay,
danke für Deine Hilfe, aber die eckigen Klammern habe ich ursprünglich gesetzt. Kannst Du mir erklären, warum ich nicht einfach wie früher Wörter markieren und dann auf F klicken kann? Warum muss ich plötzlich den Text in ein Fenster oben links einsetzen, warum erscheint dieser Text dann fett gedruckt NACH dem letzten Wort im Gesamttext, warum muss ich ihn dann nach oben verschieben, warum muss ich dann den ursprünglichen Text löschen??? Dass dabei dann ein [ verloren geht, ist fast logisch. Ich hatte dann nicht den Nerv, diese Spielchen für die restlichen Sängernamen zu wiederholen....
lg Severina :hello
Severina (07.09.2014, 19:46): Original von stiffelio Hallo Severina und Billy,
hm, wenn ihr beide so begeistert über Terfels Holländer berichtet, dann muss ich meinen Entschluss, den Livestream am 12.9. auszulassen, wohl doch nochmal überdenken. Ich konnte halt bisher mit Terfel noch nie so richtig etwas anfangen (um es vorsichtig zu formulieren :ignore) und sein Züricher Holländer im Mai 2013 hat mir definitiv nicht gefallen. Er hatte da neben einem starken Vibrato eine Art, die Töne zu verschleifen, die mich massiv gestört hat. Man kann es in diesem YT-Link "https://www.youtube.com/watch?v=S4B1MXOBn1A" nachhören, ganz extrem z.B. bei 29:30 min (wann brichst du an in meine Nacht?), aber auch schon bei 22:30 (euch, des Weltmeeres Fluten bleib ich getreu). War das an der WSO anders?
VG, stiffelio
OT: Severina, der Text wird deshalb über einen ganzen Abschnitt fett gedruckt, weil dir beim "" verloren gegangen ist. Wenn du die wieder einfügst, müsste es funktionieren.
Liebe Stiffelio,
stimmt, dieses Vibrato hat mich anfangs auch gestört, aber seltsamerweise - obwohl ich doch dagegen so allergisch bin - ist es mir nach spätestens 10 Minuten gar nicht mehr aufgefallen. Wahrscheinlich das Faszinosum des Gesamtpakets Terfel! Man kann aber natürlich auf Konserve das Live-Erlebnis nicht nachvollziehen, wenn diese Wahnsinnsstimme das riesige Opernrund flutet, das ist einfach :down :down :down :D!
Danke auch für Deine Hilfe, ich konnte damit den "Fettgehalt" reduzieren, aber das Grundproblem (Siehe meine Antwort an Cetay!) bleibt!
lg SEverina :hello
Billy Budd (07.09.2014, 21:15): Liebe Severina! Ich habe die Inszenierung zwar erst 2010 zum erstenmal gesehen, mir wurde aber aus zuverlässigen Quellen verischert, daß sie früher ausgezeichnete Personenführung mittlerweile komplett verschlampt ist (das zur Ehrenrettung dieser Produktion, die mir ausgezeichnet gefällt :D ).
Das Feuer ist hier das Element des Holländes (u.a. rotes Licht bei seinem Auftritt!), und so ist es auch total konsequent (ich mag es gar nicht, wenn nur ein paar Ideen eingearbeitet werden, aber der rote Faden fehlt, was beispielsweise in unserer Rusalka und Ariadne wohl der Fall ist, aber nicht bei diesem Holländer), daß sich Senta, anstatt sich in die Fluten zu stürzen, märtyrerhaft mit Benzin übergießt und ins Feuer springt, was auf den "Märtyrertod" derjenigen, die überzeugt sind, mit ihrem Selbstmord würden sie etwas ganz Großes in Gang setzen - und am nächsten Tag geht die Welt wieder so weiter wie davor. Da in der hier gespielten Fassung der (von Wagner später eingefügte) Erlösungsschluß fehlt, ist es nicht nur aufgrund der Inszenierung, sondern auch aufgrund der Musik ("Gegen die Musik inszeniert" ... blablabla) mehr als zweifelhaft, ob Senta den Holländer wirklich erlöst - eine tolle Idee! (Wobei für mich der Holländer bei seinem "Du aber sollst gerettet sein!" ohnehin schon erlöst ist, da er wieder in der Lage ist, Gefühle zu verspüren und zu zeigen.)
Viele Details sind leider - so weiß ich es von Freunden - schon verschwunden, z.B. Dalands Pelzmantel und Goldketten (um das, was Du geschrieben hast , zu unterstreichen) und die meisterhafte Lichtregie während des Gespensterchores, die aber nur bei der allerersten Aufführung funktioniert haben soll, etc. Nur in der Premiere ist auch eine die rußbeschmierte Senta darstellende Statistin am Ende wieder an die Oberfläche gekommen.
Ich hab übrigens noch Windows XP :A :J , aber wenn Du unmittelbar vor den Passage, die fett gedruckt werden sollen, ein "" einfügst und unmittelbar danach ein "" (aber ohne Leerzeichen), müßte es hinhauen (so sparst Du Dir das Markieren der Wörter, das bei Dir offenbar nicht funktioniert).
Und morgen bist Du ebenso wie ich in der Oper, um die (wohl :wink ) beste Tosca-Interpretin zu hören, oder? :D Billy :hello
Liebe Stiffelio! Stimmt, Severina und ich haben Terfel ausgezeichnet gefunden, aber ein Freund von mir, der wirklich viel Ahnung von Oper hat und ebenfalls Terfel-Fan ist, hat die Vorstellung betrübt verlassen, da er findet, daß sich Terfel wohl durch zu schwierige Rollen (Wotan etc.) gepaart mit langen Phasen, in denen die Stimme nicht belastet wird (keine gute Kombination ...), keinen guten Dienst erwiesen hat und seine Stimme den ganzen Abend über rauh und angestrengt geklungen hat (der Kieckser ganz am Ende ist aber wirklich allen aufgefallen, und es ist anzunehmen, daß Terfel, um eine Wiederholung zu vermeiden, am Dienstag eher sparen wird ...).
Also keinesfalls nur Begeisterte! :D (An Severina: Aber jetzt gibts den Beweis, daß sich in unserem Hausfrauen-Häkelforum tatsächlich nur unbedarfte und gehörlose Idioten tummeln!! :rofl :rofl :rofl :rofl :rofl )
Ganz taub dafür, daß er in den letzten Jahren abgebaut hat, bin ich natürlich nicht (mit Hilfe von Youtube kann man ja vergleichen), aber meiner Meinung nach ist er trotzdem noch immer ein ganz, ganz toller Sänger.
Danke für den Link, ich hab da hineingehört, ja, ungefähr so klingts auch live. Ich kann kaum nachvollziehen, warum Dich das stört, aber das ist ja auch gar kein Problem - Geschmäcker und Tachtln sind ja bekanntlich verschieden. :D Billy :hello
stiffelio (07.09.2014, 21:51): so, jetzt hab ich mich dazu durchgerungen und den Livestream bestellt. Ob es eine gute Idee war, bin ich zwar noch unsicher und eure Kommentare bestärken mich eher in meinen Zweifel, aber wenigstens bin ich dann nicht mehr auf Mutmaßungen angewiesen und kann mir einen eigenen Eindruck verschaffen.
VG, stiffelio P.S.: Ich kann kaum nachvollziehen, warum Dich das stört, aber das ist ja auch gar kein Problem ich habe auch kein Problem damit, über eine Stimme anderer Meinung zu sein, aber kannst du mir erklären, warum Terfel das macht? Es klingt für mich absolut unschön (und um einen Ausdruck von jemand anderem zu klauen: unkultiviert) und er könnte es doch sicher auch anders.
Severina (07.09.2014, 21:58): Lieber Billy, klar klingt ein Sänger mit beinahe 50 nicht mehr so taufrisch wie mit 30, aber die Abnützungserscheinungen an Terfels Stimme sehe ich noch nicht sooo dramatisch. Dass Sängerkarrieren heutzutage ein kürzeres Ablaufdatum haben als früher, liegt mE auch am ungleich größeren Stress. Man soll bitte nicht unterschätzen, welche Auswirkungen alleine das ständige Pendeln zwischen den Zeitzonen auf den Organismus haben, und die Stimmbänder sind ein Teil davon.
Den Kiekser am Schluss habe ich natürlich auch gehört, aber angesichts der ausgezeichneten Gesamtleistung hat er mich nicht gestört.
Nein, eine "Tosca" geht sich leider nicht aus, mein nächster Opernbesuch ist die "Rusalka" am Mittwoch. Bin schon neugierig, ob ich Deine Einwände gegen Beczala teilen kann. Zumindest vor einigen Jahren in Zürich war er ein Prinz zum Niederknien, allerdings klingen seine Höhen auch in meinen Ohren in letzter Zeit nicht mehr so frei wie früher. So richtig 100%ig glücklich ohne Wenn und Aber bin ich mit Beczala leider nicht mehr, schade.
lg Severina :hello
Billy Budd (08.09.2014, 15:58): Original von stiffelio so, jetzt hab ich mich dazu durchgerungen und den Livestream bestellt. Ob es eine gute Idee war, bin ich zwar noch unsicher und eure Kommentare bestärken mich eher in meinen Zweifel, aber wenigstens bin ich dann nicht mehr auf Mutmaßungen angewiesen und kann mir einen eigenen Eindruck verschaffen.
VG, stiffelio P.S.: Ich kann kaum nachvollziehen, warum Dich das stört, aber das ist ja auch gar kein Problem ich habe auch kein Problem damit, über eine Stimme anderer Meinung zu sein, aber kannst du mir erklären, warum Terfel das macht? Es klingt für mich absolut unschön (und um einen Ausdruck von jemand anderem zu klauen: unkultiviert) und er könnte es doch sicher auch anders. Ja, vermutlich ist das reine Schlampigkeit. "Stars" haben ja das Problem, daß sich keiner mehr Kritik üben traut. :S Billy :hello
Billy Budd (08.09.2014, 16:01): Original von Severina Lieber Billy, klar klingt ein Sänger mit beinahe 50 nicht mehr so taufrisch wie mit 30, aber die Abnützungserscheinungen an Terfels Stimme sehe ich noch nicht sooo dramatisch. Dass Sängerkarrieren heutzutage ein kürzeres Ablaufdatum haben als früher, liegt mE auch am ungleich größeren Stress. Man soll bitte nicht unterschätzen, welche Auswirkungen alleine das ständige Pendeln zwischen den Zeitzonen auf den Organismus haben, und die Stimmbänder sind ein Teil davon.
Den Kiekser am Schluss habe ich natürlich auch gehört, aber angesichts der ausgezeichneten Gesamtleistung hat er mich nicht gestört.
Nein, eine "Tosca" geht sich leider nicht aus, mein nächster Opernbesuch ist die "Rusalka" am Mittwoch. Bin schon neugierig, ob ich Deine Einwände gegen Beczala teilen kann. Zumindest vor einigen Jahren in Zürich war er ein Prinz zum Niederknien, allerdings klingen seine Höhen auch in meinen Ohren in letzter Zeit nicht mehr so frei wie früher. So richtig 100%ig glücklich ohne Wenn und Aber bin ich mit Beczala leider nicht mehr, schade.
lg Severina :hello Ich habe Beczala wirklich sehr gemocht, aber die Entwicklung seiner Stimme der letzten Jahre gefällt mir nicht ... natürlich singt er den Prinzen immer noch gut und deutlich besser als gewisse andere, aber bei weitem nicht mehr so toll, wie eben früher ... (jetzt werde auch ich schon nostalgisch! :rofl :rofl ) Trotzdem viel Spaß bei dieser wunderbaren Oper! Billy :hello
Billy Budd (08.09.2014, 23:47): Diesmal können wirs kurz machen, denn im wesentlichen wars wie am Donnerstag: Adrianne Pieczonka war auch heute großartig, aber Marcello Giordani war indisponiert und sang manche Stellen furchtbar, auch wenn das Vittoria sehr fetzig war, George Gagnidze schummelte sich durch den Scarpia (in der ersten Hälfte des zweiten Aktes sparte er überhaupt, beim Te Deum hielt er sich zwecks Hörbarkeit nicht an die Einsätze des Dirigenten und eigentlich klang er nur gut, wenn er brüllte), und Alexandru Moisiuc sang heute wieder in der gewohnt-schlechten Qualität. Naja, wegen Pieczonka hat sichs ausgezahlt. Billy :hello
Billy Budd (09.09.2014, 23:15): Oha, heute war das ja eine wirklich gute Vorstellung! Bryn Terfel war in Hochform (diesmal bin ich aber ausnahmsweise auf der linken Seite gestanden, und da er sich sowohl in den letzten beiden Vorstellungen als auch heute öfter nach links als nach rechts drehte, kann die „Hochform“-Beurteilung auch der Wahl meines Stehplatzes geschuldet sein) und somit NOCH besser als in der letzten Woche (auch diejenigen, denen er am Samstag eher nicht gefallen hat, waren begeistert), aber mit der größten Überraschung wartete Norbert Ernst auf, der heute kräftigen Applaus anstatt deutlicher Mißfallenskundgebungen kassierte, was berechtigt war, da er heute einen durchaus guten Erik bot (eine Theorie lautet, daß er letzte Woche wie Terfel krank war, aber beide nicht angesagt wurden, weil sich vorne hinzustellen und zu verlautbaren, daß die meisten Sänger indisponiert sind, ja beinahe an eine Bankrotterklärung grenzt), Thomas Ebenstein sprang heute als Steuermann ein und kämpfte im ersten Akt offenbar mit großer Nervosität (die lyrischen Stellen gelangen ihm gut), steigerte sich aber im dritten, Ricarda Merbeth, Peter Rose und Carole Wilson waren wie zuletzt, und Yannick Nézet-Séguin machte heute sehr gute Arbeit. Leider wars das schon wieder mit dieser Serie, die mir wohl besonders im Gedächtnis bleiben wird (die Aufnahme von 2004 mit Grundheber, Stemme, Fink und Kerl ist besser, aber was solls ...); gerüchtehalber wird Terfel übrigens auch als Wotan in Wien zu hören sein! Billy :hello
stiffelio (10.09.2014, 17:18): Original von Billy Budd Leider wars das schon wieder mit dieser Serie,... Morgen ist doch noch der Livestream. Stammt der nicht von einer Live-Aufführung?
VG, stiffelio
Billy Budd (10.09.2014, 17:42): Original von stiffelio Original von Billy Budd Leider wars das schon wieder mit dieser Serie,... Morgen ist doch noch der Livestream. Stammt der nicht von einer Live-Aufführung?
VG, stiffelio Du hast recht, ich hab da von mir auf andere geschlossen, da ich übermorgen etwas anderes vorhab und somit nicht im Holländer sein kann. :) Billy :hello
Severina (11.09.2014, 00:25): Wahrscheinlich zähle ich zu den wenigen, die Sven-Erik Bechtolfs Rusalka-Inszenierung nicht in Bausch und Bogen verdammen, aber obwohl ich bei Gott kein Fan dieses Hausregisseurs der WSO bin, finde ich das, was ihm zu Dvoraks Meisterwerk eingefallen ist, gar nicht so daneben. Da ich mich schon in der letzten Saison ausführlich dazu geäußert habe, verweise ich auf meinen GP-Bericht und erspare Euch ermüdende Wiederholungen.
Von der PR-Besetzung der Hauptpartien sind nur mehr Günther Groissböck als Wassermann und Janina Baechle als Jezibaba übrig geblieben.
Groissböck besitzt vielleicht nicht die ideale Stimmfärbung für den Wassermann - den stellen sich viele wahrscheinlich dunkler, grollender vor - ich hingegen habe ein Faible für sein edles Timbre und vor allem seinen kultivierten Stil. Notfalls kann er natürlich auch aufdrehen, aber einen polternden Wassermann sieht schon das Regiekonzept gar nicht vor. (In Zürich z.B. hat Herr Groissböck diese Partie wesentlich aggressiver angelegt!)
In letzter Zeit stimmen mich die Auftritte von Janina Baechle immer ein wenig traurig. Sie zählt leider zu den Sängerinnen, die nach einem vielversprechenden Anfang die in sie gesetzten Erwartungen nur teilweise erfüllt, sich ab einem gewissen Punkt nicht mehr weiterentwickelt haben. Darunter leidet vor allem die tiefe Lage, die schon einmal beeindruckender geklungen hat als gegenwärtig. Natürlich ist Frau Baechle keine schlechte Jezibaba, aber von ihr erwarte ich mir halt mehr als die anständige Bewältigung einer Partie.
Dem Prinzen lieh wie schon in Zürich Piotr Beczala seine exquisite Stimme. Leider konnte er heute an seine fulminante Leistung von damals nicht ganz anknüpfen. Noch immer verfügt der Pole über eine der schönsten Tenorstimmen der Gegenwart, aber die Leichtigkeit, mit der er früher strahlende Spitzentöne produziert hat, ist ihm - hoffentlich nur vorübergehend! - abhanden gekommen. Im ersten Akt hörte sich alles noch sehr gut an, da entfaltete Beczalas Tenor auch in der Höhe die gewohnte Leuchtkraft, ohne an Volumen einzubüßen, aber mit Fortdauer des Abends wurde die Stimme im oberen Register immer enger, gepresster. Erst gegen Schluss konnte er sich wieder ein wenig freisingen.
Olga Bezsmertna, ein junges Ensemblemitglied seit 2012, fiel nach der Absage von Kristina Opolais die Rusalka quasi in den Schoß. Ich vermute aber, dass sie schon im Vorjahr als Cover die Proben mitgemacht hat, so perfekt setzte sie heute die Regieanweisungen um. Ich konnte absolut keinen Unterschied zur PR-Besetzung Krassimira Stoyanova feststellen. Stimmlich natürlich schon, obwohl mich Frau Bezsmertna auch da positiv überraschte. Sie bewältigte die Partie ohne Probleme, die Spitzentöne saßen tadellos, leider trübte ein schon in diesem frühen Stadium ihrer Karriere unüberhörbares Vibrato meine Freude an ihrer Darbietung. Das Lied an den Mond interpretierte Frau Bezsmertna sehr gefühlvoll, aber (noch) etwas eindimensional. Da wäre mehr Raffinesse gefragt!
Wie schon im PR-Block war die Fremde Fürstin wieder mit Monika Bohinec besetzt. Sie kam für meinen Geschmack viel zu harmlos rüber, den verführerischen Zauber, mit dem sie den Prinzen umgarnt, strahlte sie leider nur in homöopathischen Dosen aus. Ebenso kalt ließ mich die vokale Leistung von Frau Bohinec, ihr Timbre sagt mir schlicht nicht zu.
Sehr gut gefiel mir wieder Gabriel Bermúdez, der den Heger nicht nur sehr stimmschön sang, sondern auch durch seine Spielfreude bestach. Letzteres galt auch für Stephanie Houtzeels Küchenjunge, der sehr gekonnt vor Jezibaba zitterte. In dieser Inszenierung hat er auch allen Grund dazu, wird er doch von der Hexe geschlachtet und danach von den drei Vampir-Elfen ausgesaugt! Die Vorahnung dieses grausamen Schicksals schlug sich offensichtlich auf die Stimmbänder der Sängerin, denn nicht alle produzierten Töne waren meinen Ohren angenehm...
Ordentliche Leistungen attestiere ich den Elfen Valentina Nafornita, Ulrike Helzel und Ilseyar Khayrullova.
Im Graben sorgte Tomas Netopil nicht nur für einen reibungslosen Ablauf, sondern bewies auch viel Gespür für Dvoraks wunderbare Musik. Er steigerte sich mit den präcjhtig disponierten Philis in einen wahren Klangrausch hinein, ohne dass die vielen kostbaren Details der Partitur auf der Strecke blieben.
Mein Fazit: Ein solide besetzter Repertoireabend, das erwartete Tenorfeuerwerk blieb leider aus!
lg Severina :hello
stiffelio (13.09.2014, 13:54): Manchmal ist es vermutlich gut, wenn man einen Livestream nicht mit hoch gespannten Erwartungen anschaltet. So wurde der FLIEGENDE HOLLÄNDER gestern ein mild positive Überraschung. Terfel gefiel mir wirklich gut, viel besser als ich ihn von Zürich in Erinnerung habe. Er gestaltete stimmlich viel intensiver, konnte sich gegen Merbeths oft scharfe Stimme gut behaupten (was erfahrungsgemäß schwierig ist, siehe Bayreuth 2013) und hatte sehr schöne Piani dazwischen. Das Verschleifen der Töne war zwar immer noch vorhanden, aber im Vergleich zu Zürich deutlich reduziert. Seine glasklare Diktion ist mir ebenso aufgefallen wie die von Peter Rose als Daland. Das waren die beiden, für die sich der Stream gelohnt hat. Ebenstein als Steuermann und Ernst als Erik haben mich beide nicht vom Hocker gerissen, ohne wirklich schlecht zu sein. Aber z.B. am Ende von Eriks Trauerzählung war Ernst gegen das Orchester und Merbeth definitiv nicht mehr zu hören, da hätte er genausogut stumm die Lippen bewegen können. Eine Senta, die mir stimmlich 100%ig überzeugt, habe ich bisher noch nicht erlebt. Merbeth spielt aber trotz ihrer oft scharfen Stimme klar in der oberen Liga der Sentas mit.
Die Inszenierung hat mir grundsätzlich nicht schlecht gefallen, sie hat einige interessante Aspekte. (Severina, meine spontane Assoziation war, dass in den Glasblöcken über der Tür jeweils ein Vogel zu sehen ist. Also eine Art Vogelkäfige? Eine überzeugende Deutung dazu habe ich aber leider nicht.) Was ich aber gar nicht ausstehen konnte war, dass Senta mit dem Holländer praktisch keinen Kontakt aufnimmt, sie schaut ständig auf ein imaginäres Bild Richtung Zuschauerraum. Ganz extrem war das, als der Holländer hinter ihrem Rücken den Raum betrat, da erschrak sie offenbar vor etwas, was sie in der entgegengesetzten Richtung sah, ohne auch nur die leisteste Kopfwendung in die Richtung des Holländers zu machen. Ich habe mir gerade nochmal die Aufzeichnung von 2004 mit Grundheber/Stemme angesehen, da war das in dieser Szene klar anders - Senta erschrank, als sie den Holländer anblickte und wandte sich erst danach ab. Man kann vermutlich sogar eine einigermaßen sinnvolle Interpretation für das fehlende Anschauen finden (Senta nimmt den Holländer nicht als Menschen wahr, sondern nur ihre Idee von ihm...), aber es zerstört für mich eine der schönsten Szenen in dieser Oper.
In der Summe ein HOLLÄNDER, der sich wider Erwarten gelohnt hat, ich verspüre allerdings kein großes Verlangen nach einer DVD dieser Aufzeichnung.
VG, stiffelio
Billy Budd (13.09.2014, 15:54): Es freut mich für Dich, daß es sich doch gelohnt hat. :)
Original von stiffelio Was ich aber gar nicht ausstehen konnte war, dass Senta mit dem Holländer praktisch keinen Kontakt aufnimmt, sie schaut ständig auf ein imaginäres Bild Richtung Zuschauerraum. Ganz extrem war das, als der Holländer hinter ihrem Rücken den Raum betrat, da erschrak sie offenbar vor etwas, was sie in der entgegengesetzten Richtung sah, ohne auch nur die leisteste Kopfwendung in die Richtung des Holländers zu machen. Ich habe mir gerade nochmal die Aufzeichnung von 2004 mit Grundheber/Stemme angesehen, da war das in dieser Szene klar anders - Senta erschrank, als sie den Holländer anblickte und wandte sich erst danach ab. Man kann vermutlich sogar eine einigermaßen sinnvolle Interpretation für das fehlende Anschauen finden (Senta nimmt den Holländer nicht als Menschen wahr, sondern nur ihre Idee von ihm...), aber es zerstört für mich eine der schönsten Szenen in dieser Oper. Ich kann vollkommen verstehen, daß Dich das stört, aber das ist nicht auf dem Mist der Regisseurin gewachsen, sondern ist typisch Merbeth. :S (Auch als Fidelio-Leonore wirkte sie die ganze Vorstellung unbeteiligt.) Billy :hello
Billy Budd (13.09.2014, 23:49): war eine solide Repertoirevorstellung: Olga Bezmertna war deutlich mehr als eine Notlösung; Günther Groißböck begann wirklich gut, aber ab der zweiten Hälfte der wunderbaren Arie im zweiten Akt wars aus und vorbei, ab da hörte man fast nur mehr Überforderung; Piotr Beczala war einst ein großartiger Sänger, mittlerweile ist er nur mehr ein guter, was den Großteil der Opernbesucher noch immer zufriedenstellt, aber mich in Anbetracht seiner früheren Qualität betrübt (bei den Vorhängen strahlte er wie ein frisch lackiertes Hutschpferd, wiewohl es dazu keinen Grund gab); Janina Baechle hatte einen schwachen Abend; Monika Bohinec war der beste Sänger der Vorstellung; die kleinen Rollen waren mit Gabriel Bermúdez, Stephanie Houtzeel, Valentina Nafornita, Ulrike Helzel, Ilseyar Khayrullova und Mihail Dogotari schlecht und recht besetzt; Tomáš Netopil dirigierte ausgezeichnet. Billy :hello
Allegra (14.09.2014, 14:02): Eins verstehe ich überhaupt nicht: Daß die Rezensionen hier zu "Rusalka" eher verhalten bis sogar negativ daher kommen, als die Kommentare, die sich in der Presse finden lassen oder was das Publikum von sich gibt. (Die Wiener "Rusalka" habe ich leider nicht gesehen, dafür aber die New Yorker.) Warum ist das so? Und, ehrlich gesagt, tu ich mich schwer mit der Aussage, Beczala sei "mittlerweile nur mehr ein guter Sänger". Das sehe ich anders, nach dem, was ich von ihm höre. Versteht mich nicht falsch - jedem seine Meinung, seine Ansichten. Und ich spreche niemandem sein Wissen oder Beurteilungsvermögen ab - um Himmels Willen. Ich bin einfach nur seit geraumer Zeit irritiert hier: Liegt es an mir? Bin ich plötzlich nicht mehr in der Lage, zu hören, zu vergleichen, zu verstehen? Oder haben wir schlicht eine so unterschiedliche Herangehensweise bei einem Opernbesuch, dass die Erlebnisse sich einfach nicht decken wollen? So nämlich auch zu dem TV-Troubadour aus Salzburg ... :( ?(
stiffelio (14.09.2014, 16:48): Liebe Allegra,
schön, wieder von dir zu hören! Und schade, dass du zum Salzburger Trovatore nichts geschrieben hast, oder habe ich etwas übersehen? Ich persönlich denke, Irritation lohnt sich nicht. Dass unser Billy in seinen Beurteilungen oftmals recht harsch rüberkommt, ist ja nichts Neues und meiner Erfahrung nach nicht böse gemeint. Und Severina hat Beczala "immer noch eine der schönsten Tenorstimmen der Gegenwart" bescheinigt. Nach einem Verriß hört sich das für mich nicht an. Wenn man selbst einen so anderen Eindruck hat, dass man das, was hier geschrieben wurde, nicht so stehen lassen möchte, kann ich nur empfehlen: freundlich zurückschreiben. Oft finden sich dann auch Mitstreiter ein, die das genauso sehen. Und selbst falls nicht, sind Kontroversen (solange sie nicht unter die Gürtellinie zielen) für ein Forum meist sogar fruchtbarer, als wenn alle einer Meinung sind. Das gilt auch für die Herangehensweise an einen Opernabend, die ich tatsächlich bei dir und Billy recht unterschiedlich vermute :wink. Dass du nicht mehr in der Lage wärest, zu hören, zu vergleichen und zu verstehen, denke ich nämlich nicht. Lass uns doch lieber an deinen Eindrücken wieder öfter teilhaben! Ich warte immer noch auf jemanden, der mir zum TV-Trovatore mal ein paar erhellende Gedanken mitteilen kann.
VG, stiffelio
Allegra (14.09.2014, 19:14): Liebe stiffelio,
ich denke, wir alle haben eine unterschiedliche Herangehensweise. :wink Einerseits macht das ja auch die Vielfalt der Kommentare und Berichte hier aus. Andererseits irritiert es mich doch ab und zu, wie gründlich die Meinungen auseinandergehen. Bös gemeint war das nicht, lediglich als Frage und en Raum geworfen. :P
Ja, doch , ich hatte vor, meine Eindrücke zum Trovatore niederzuschreiben, aber mir fehlt laufend die Ruhe dazu - ich brauche einfach etwas Zeit dafür. *haarerauf* Es reicht dann meist gerade für angeregte Debatten im Bekanntenkreis ... und schon hat mich der Alltag wieder. Aber da ein spannendes Programm in Braunschweig auf uns wartet diese Saison, hoffe ich doch auf etwas mehr Muße zum berichten!
Billy Budd (19.09.2014, 19:14): Liebe Allegra! Da ich ein paar Tage nicht in Wien gewesen bin, kann ich Dir erst jetzt antworten: Die Antwort auf Deine Frage, warum es so ist, daß die Beurteilungen in den hier zu findenden Berichten im Vergleich zu den Pressekritiken (die ich nicht gelesen habe) und der Reaktion des Publikums stark differieren, ist grundsätzlich amal einfach und bedarf keiner langen Erklärungen: Weil persönlicher Geschmack einfach unterschiedlich ist! Ich schreibe hier ja meine persönliche Meinung zu den Aufführungen - und die muß sich natürlich nicht mit der anderer decken. Allerdings sind mir Beczalas (Höhen-)Probleme sehr deutlich aufgefallen, und ich versteh nicht, wie man sie überhören kann. Wie schon geschrieben: Nach wie vor ist er ein guter Sänger, aber (für mich) ist es unüberhörbar, daß seine Stimme in den letzten Jahren gelitten hat. Billy :hello
Severina (20.09.2014, 00:52): Zum 213. Mal wurde heute an der WSO Donizettis „L'Elisir d'amore“ eingeschenkt, wie immer in den rudimentären Resten der alten Schenk-Inszenierung. Dies gereicht den Aufführungen aber inzwischen zum Vorteil, weil sich offensichtlich und zum Glück niemand mehr wirklich an das ursprüngliche Konzept erinnert (oder erinnern will) und in den letzten Jahren vieles vom einstigen platten und derben Holzhammerhumor moderater Komik gewichen ist. Wenn dann ein Ensemble auf der Bühne steht, zwischen dem die Chemie stimmt, kommt unter dem Strich eine Aufführung zu Stande, die auch szenisch nicht ganz so peinlich ist wie in den Zeiten, wo Otto Schenk noch als Regisseur auf dem Besetzungszettel aufschien. „Nach der Regie von Otto Schenk“, also Otti light, verdaut sich doch deutlich besser, auch wenn die Zuckerwerte nach wie vor bedrohlich ansteigen.
Daher tu ich mir diese Schmonzette a la Schenk aktuell nur an, wenn der Nemorino Juan Diego Flórez heißt, wie dies heute der Fall war. Wie immer nach längerer Absenz des Peruaners an der WSO bangte ich den ersten Tönen entgegen: Vermag mich seine Stimme immer noch zu begeistern, oder werde ich enttäuscht registrieren müssen, dass sie inzwischen Abnützungserscheinungen aufweist? Aber nach „Quant' è bella, quant' è cara“ konnte ich mich entspannt zurücklehnen, denn Flórez' qualitätvoller Tenor funktioniert immer noch in allen Lagen nahezu perfekt. Klar hat sich sein Timbre seit seinen Anfängen 1999 verändert, aber was an Helligkeit verloren gegangen ist, konnte er an Volumen dazugewinnen. Seine Stimme ist mit ihm gereift, klingt nun viel viriler, und das gefällt mir nicht schlecht. Natürlich brandete nach „Una fuirtiva lagrima“ großer Jubel auf, der erst abebbte, als der Sänger das ersehnte Zeichen zum da capo gab. Wie immer nahm er sich dabei die Freiheit für Verzierungen, die so nicht in der Partitur notiert sind. Nicht verschweigen will ich auch, dass ein Ton ein bisschen verrutschte, aber das kann auch einem Perfektionisten wie JDF passieren! Eine absolut positive Entwicklung hat der Darsteller Juan Diego Flórez durchlaufen. Hat man noch den stocksteifen, beinahe gehemmt wirkenden Rampensänger der Anfangsjahre vor Augen, kann man sich nicht genug wundern, wie locker und souverän er sich nun auf der Bühne bewegt. Vorbei sind auch die Zeiten, wo er sich stur an sein (offenbar mühsam) einstudiertes Aktionsmuster hielt, man mit geschlossenen Augen genau wusste, wo er gerade stand und welche Gestik, Mimik er ausführte. Jetzt improvisiert Flórez munter drauf los, kann spontan auf seine Bühnenpartner reagieren, fühlt sich absolut sicher in allem, was er tut. Eine wirklich erfreuliche Entwicklung!
Heute kam ich aus dem Staunen überhaupt nicht heraus, so völlig anders legte er die meisten Szenen an. Von Schenk's Blödelnemorino hat er sich gottlob völlig gelöst, er mimte keinen Dorftrottel mehr, bei dem es wirklich eines reichen Erbonkels bedarf, um aus ihm einen akzeptablen Heiratskandidaten zu machen, sondern einen im Umgang mit Frauen nicht sonderlich erfahrenen Burschen, der einfach nicht weiß, wie er mit dieser selbstbewussten Adina umgehen soll. Er legt sein Herz auf die Zunge, aber dieses Liebesgesäusel imponiert seiner Angebeteten natürlich gar nicht. Auch die Szenen mit dem Liebestrank spielte Flórez sehr gekonnt, und zwar so, dass hinter aller Komik – die da auch sein darf, schließlich handelt es sich um eine opera buffa – doch immer die Tragik des scheinbar hoffnungslos Liebenden durchschimmert.
Auch Belcore war in der Interpretation durch David Pershall, der mit dieser Partie an der WSO debutierte, erfreulich entschärft punkto Holzhammerhumor. Zwar muss er sich bei seinem Auftritt immer noch einen Gewehrkolben auf den Fuß donnern lassen, aber danach agierte er nicht als vertrottelter Militarist, sondern als Sergente, der auf den Zauber der Montur setzt und von seiner Unwiderstehlichkeit auf die Weiblichkeit überzeugt ist. Auf jeden Fall verstand man heute, warum Adina von ihm so angetan ist und sogar eine engere Verbindung ins Auge fasst. Auch stimmlich hob sich David Pershall erfreulich von seinen zum Teil indiskutablen Rollenvorgängern in der Ära Meyer ab. Mir gefiel sein Timbre wirklich gut – ich mag einfach die eher hellen, weichen Baritonstimmen – und sein kultivierter Stil trug ihm ein zusätzliches Plus bei mir ein. Nicht verhehlen will ich allerdings, dass meine positive Einschätzung von Herrn Pershall nicht von allen geteilt wurde, meine Logennachbarn z.B. äußerten sich sehr negativ über ihn. Bei seinem Solovorhang erntete er starken Applaus, garniert mit vereinzelten Bravi.
Mit Adam Plachetka erging es mir genau umgekehrt: Da konnte wiederum ich die große Begeisterung, die er beim Publikum auslöste, nicht wirklich nachvollziehen. Tut mir Leid, aber für mich ist er weder stimmlich noch als Persönlichkeit ein idealer Dulcamara. Erstens klingt sein Italienisch viel zu hart in meinen Ohren, zweitens fehlt ihm die nötige Geschmeidigkeit für die Parlandi, worunter natürlich speziell seine Auftrittsarie gelitten hat. Das „Udite!“ kam außerdem so zahm, so bar jeder Autorität, dass er damit wohl kaum eine ganze Dorfgemeinschaft in seinen Bann ziehen kann. Vielleicht ist Herr Plachetka in etlichen Jahren ein überzeugender Quacksalber, noch fehlt ihm dazu aber einiges.
Adriana Kucerova lieh der Adina ihren glockenhellen Sopran, der mir für die WSO aber nicht ausreichend tragfähig zu sein scheint. So ging sie gleich bei ihrer Auftrittsarie ziemlich unter und litt wohl am meisten unter dem unsensiblen Dirigat von GG Calvo. Ehrlich gesagt fällt es mir schwer, Frau Kucerovas Leistung einzuordnen, weil ich ständig zwischen Wonnegefühlen und Schaudern hin und her schwankte. Vielleicht liegt's aber auch nur an meinem Gehör, denn der Jubel für die Sopranistin war beinahe ebenso stürmisch wie der für den Tenor. Ebenso wie Flórez stattete auch sie ihre Partie mit vielen noch nie gesehenen Details aus, sodass die Adina heute wesentlich vielschichtiger erschien, vor allem der Wandel ihrer Gefühle für Nemorino glaubhafter als üblich über die Rampe kam.
Im Graben agierte Guillermo Garcia Calvo ganz im Sinne von Otto Schenk: Er setzte dessen Holzhammerhumor ein Holzhammerdirigat entgegen, mit dem er alle Feinheiten der Donizetti'schen Musik platt walzte.
Mein Fazit: Eine Aufführung, die durch die Spielfreude und gelungenen Interaktionen des gesamten Ensembles mehr bestach als durch die sängerischen Leistungen, die eher inhomogen ausfielen!
lg Severina :hello
Billy Budd (20.09.2014, 00:59): Liebe Severina! Ich wollt ja heute auch gehen, mich hats aber dann gar net gfreut. Also dann halt nicht. :D Danke für die Infos - es stellt sich für mich nur die Frage, wie man auf die Idee kommen kann, einem Weltklassesänger wie Flórez, der ja wirklich immer besser (!) wird, einen drittklassigen Dulcamara und derart miesen Dirigenten zur Seite zu stellen ... Kucerová hat mir als Adina sehr gefallen (das war eine wunderbare Serie mit Vargas und Maestri), schön, daß ein neues Ensemblemitglied positiv aufgefallen ist. Billy :hello
Severina (20.09.2014, 01:09): Lieber Billy, ich glaube, die Antwort ist einfach: Weil für Monsieur Quote wichtiger ist als Qualität! Für eine volle Bude, also die Quote, sorgt Flórez im Alleingang, wozu dann also noch viel Geld ausgeben für adäquate (und damit teure!) Partner???
lg Severina :hello
Billy Budd (20.09.2014, 01:12): Ja, Du hast eh völlig recht! Ein Alfred Šramek ist aber nicht teurer als ein Adam Plachetka, nur ist ersterer ein deutlich besserer Dulcamara ... und überhaupt ists eine Schnapsidee, einen sehr jungen Sänger diese Rolle singen zu lassen. Billy :hello
Billy Budd (21.09.2014, 23:20): Die Neuproduktion des italienischen, vieraktigen Don Carlo war ein völlig sinnloses Unterfangen, zumal sowohl eine Produktion im Repertoire vorhanden war, als auch die neue sehr patschert ist (auch abgesehen davon, daß Konwitschy die Latte sehr hoch gelegt hat). Nichtsdestotrotz konnte man sich über die Sängerleistungen freuen: Roberto Alagna war unvermutet ein sehr guter Carlo (im ersten Bild brüllte er, was das Zeug hielt, aber danach wurde es deutlich besser); Adrianne Pieczonka sang eine ausgezeichnete Elisabetta; die Beurteilung „sehr gut“ gebührt auch Monika Bohinec, die kurzfristig als Eboli einsprang, George Petean (Rodrigo) und Ain Anger (Großinquisitor); Giacomo Prestia ließ sich ansagen, begann dennoch sehr gut, verschlechterte sich aber bis zur Pause zusehends, nach der er w. o. gab, worauf Sorin Coliban vom Bühnenrand recht gut fortsetzte (leichte Schwierigkeiten in der Höhe und Tiefe, aber sehr gute Mittellage; wunderbares Material, aber wenig Ausdruck); Jongmin Park drehte als Mönch zu sehr auf; Ileana Tonca, Jinxu Xiahou und Valentina Nafornita ergänzten; Alain Altinoglu machte seine Arbeit sehr gut. Billy :hello
stiffelio (22.09.2014, 20:58): Hallo Billy,
am 2.10. bin ich voraussichtlich per Liverstream beim Don Carlo mit dabei. Ich wusste gar nicht, dass es sich bei der Inszenierung um eine Neuproduktion handelt. Kannst du noch ein paar Worte dazu sagen? Ich wüsste gerne, was mich inszenatorisch so erwartet.
VG, stiffelio
Billy Budd (22.09.2014, 21:30): Liebe Stiffelio! Nein, es ist keine Neuproduktion ("war" ist ja Präteritum :D :wink; die alte Inszenierung ist bis 2009 gespielt worden, die jetzige 2012 hat Premiere gehabt). Schön, daß auch Du dabeibist! Aber bitte erwarte Dir von der Inszenierung nix - aus meiner Sicht ist sie völlig mißlungen (eine Beschreibung gibts hier): Am blödesten sind der Schluß, als Philipp und co. langsam irgendwie hereinschleichen, und das von der Galerie besonders lächerlich wirkende Autodafé ... Billy :hello
Severina (23.09.2014, 23:27): Auch der zweite Aufguss von Dulcamaras Liebeselixier schmeckte kein bisschen schal und mundete dem bereitwillig mitgehenden Publikum wie beim ersten Mal. Das große Plus dieser Serie ist weniger der musikalische Part - da konnte man auch heute nur mit Juan Diego Flórez 100%ig zufrieden sein - sondern das engagierte Spiel des gesamten Ensembles. Jeder nimmt seine Figur ernst und gestaltet einen plausiblen Charakter, mit dem man mitfühlen und im Falle von Nemorino auch mitleiden kann, keiner tappt in Otto Schenks Klamaukfalle und nervt als durchgeknallter Kasperl. Der Humor wurde trotzdem nicht von der Bühne verbannt, er führt nur eine wesentlich feinere Klinge. Ich würde sagen, so fern vom ursprünglichen Regiekonzept ging noch kein "L'Elisir" über die Bühne, in dieser Fassung kann ihn sogar ich genießen, ohne Sodbrennen zu bekommen.
Musikalisch ereignete sich rund um einen überragenden Juan Diego Flórez leider wieder nur Mittelmaß.
Adriana Kucerova überzeugte mich auch heute nur als Darstellerin, stimmlich ist sie mir zu leichtgewichtig. Außerdem neigt ihr Sopran zum Flattern, das künftige Vibrato zeichnet sich schon am Horizont ab. Das Timbre von Frau Kucerova fesselt mich auch nicht wirklich, und an ihrem Italienisch sollte sie noch ein bisschen feilen. Aber ihr kluges und differenziertes Rollenporträt gleicht diese Mankos aus, sodass ich mich trotz meiner Einwände auf ihre dritte Adina am Freitag freue.
David Pershall gefiel mir heute vokal nicht ganz so gut wie beim ersten Mal, trotzdem steht sein Belcore nochimmer himmelhoch über dem unsäglichen Levente Molnar in der letzten von mir besuchten Serie.
Bei Adam Plachetka komme ich zu keinem anderen Urteil als unlängst - er ist sicher kein schlechter Sänger, aber das macht ihn nicht zwangsläufig zu einem guten Dulcamara. Was man sich an der WSO bei so manchen Besetzungen denkt, wüsste ich wirklich nur zu gerne....
Die Vorzüge von Juan Diego Flórez zum xten Mal zu rühmen, hieße wirklich Eulen nach Athen tragen. Dabei dürfte er heute nicht vollfit angetreten sein, weil er in seiner Hosentasche einen kleinen Spray versteckt hatte und heimlich anwendete, so z.B. vor dem da capo von "Una furtiva lagrima", das er seinem Wiener Publikum trotzdem nicht verweigerte. (Da ich sein Räuspern und auch den Sprayeinsatz hautnah (Zweierloge Parterre) mitbekam, war ich mir nicht sicher, ob er seiner Stimme die Wiederholung zumuten würde!) Auch heute überraschte er mich wieder mit ein paar ganz neuen Einfällen sein Spiel betreffend. Übrigens ist Nemorino obsttechnisch inzwischen vom ursprünglichen Apfel (Der in einem Zug geschält werden musste, was am Stehplatz oft Wettfieber auslöste: Reißt die Spirale oder reißt sie nicht?!) über Orangen auf die Banane gekommen.
Aus dem Graben tönte wieder ein ähnlicher fader Einheitsbrei wie unlängst. Dem Publikum hat's gefallen, denn Maestro Calvo wurde heftig akklamiert, meine Klangvorstellungen vom "L'Elisir" sind allerdings andere.
Mein Fazit: Ein vergnüglicher Opernabend, wenn auch weit von einer musikalischen Sternstunde entfernt!
lg Severina
:hello
Severina (26.09.2014, 23:43): Da alle guten Dinge bekanntlich drei sind, ließ ich mir heute zum dritten Mal Dulcamaras Liebestrank servieren und hatte am Ende auch "Una furtiva lagrima" im Auge, weil es leider schon wieder der letzte gewesen ist.
Kurz und bündig, denn Wiederholungen langweilen und zu einer gänzlich anderen Beurteilung gelangte ich nach der heutigen Vorstellung erwartungsgemäß nicht:
Juan Diego Flórez kam heute ohne Sprayeinsatz über die Runden, feuerte seine Acuti mit einer Brillanz ins Opernrund, wie sie auch ihm nicht jedes Mal gelingen, und betörte mit seinen Piani. Wirklich zu Herzen gehend wieder sein Zusammenspiel mit Adina, zwischen ihm und Frau Kucerova stimmt die Chemie wirklich.
Adriana Kucerova führte ihren Sopran heute ebenmäßiger, was aber nichts daran ändert, dass sie mir immer noch zu soubrettig klingt. Schauspielerisch allerdings übertrifft sie sämtliche Adinas, die ich in den letzten Jahren erlebt habe, Anna Netrebko eingeschlossen.
Adam Plachetka platzte heute beinahe vor Spielfreude, sodass ich ihn zumindest als Darsteller in etwas milderem Licht betrachte. Die große Szene mit Adina geriet wirklich entzückend. (Nein, gar nicht kitschig, es passte alles!) Nicht verhehlen möchte ich aber, dass mir Adam Plachetkas Timbre immer weniger gefällt, je öfter ich ihn höre. Da ist etwas in seiner Stimme, das mich irritiert, ohne dass ich es im Moment konkret benennen könnte.
David Pershall bot heute leider die schlechteste Leistung seiner drei Auftritte.
Falls sich schon jemand gewundert haben sollte, warum ich die Gianetta bisher mit keinem Wort erwähnt habe: Annika Gerhards tu ich damit wahrscheinlich einen Gefallen.....
Mein Fazit: Trotz aller Einwände die seit langer Zeit beste "L'Elisir"-Serie, denn dass Juan Diego Flórez einmal Partner auf Augenhöhe bekommt, darauf warten wir unter Monsieurs Regentschaft mit Sicherheit vergeblich!
Giacomo Prestia | Philipp II. Roberto Alagna | Don Carlo George Petean | Rodrigo Adrianne Pieczonka | Elisabeth von Valois Elena Maximova | Prinzessin Eboli Ain Anger | Großinquisitor Jongmin Park | Mönch Ileana Tonca | Tebaldo Jinxu Xiahou | Letma/Herold Valentina Nafornita | Stimme vom Himmel
Vollständig kann ich mich zum gestrigen Don Carlo leider nicht äußern, weil mir aufgrund einer technischen Panne (hat die auch noch jemand anders erlebt?) der Livestream beim "O don fatale" der Eboli wegbrach. Meine vorläufigen Eindrücke bis dahin: Für die Inszenierung gebe ich Severina recht: sie stört nicht, funktioniert aber auch nur mit Sängern, die bereit sind, sich darstellerisch mit Eigeninitiative einzubringen. Den meisten gelang das gestern recht gut, am besten m.E. Alagna, wenn man von ein paar kleinen Schnitzern im Zusammenspiel absieht (er stürzte bei der ersten Szene mit Pieczonka zu Boden, bevor diese ihn wegstieß; ein ähnlicher Abstimmungsschnitzer passierte zwischen Pieczonka und Prestia in der Kabinettsszene: er warf sie so spät zu Boden, dass er fast gleichzeitig schon um Hilfe für die Königin rufen musste). Alagna klang sowohl in der Höhe als auch in der Tiefe etwas angestrengt, glich das aber durch seine engagierte Darstellung mehr als aus. Pieczonka klang sehr schön, passte als jugendliche Königin optisch zwar nicht so recht, spielte dafür aber eine mit natürlicher Würde gesegnete und dennoch warmherzige Königin von untadeliger Haltung und großer innerer Beherrschung, die für mich dem Schillerschen Vorbild sehr nahe kam. Prestia hat keine Donnerstimme (mehr?), konnte den alternden Tyrannen mit menschlichen Momenten aber überzeugender verkörpern, als es vielen jüngeren Darstellern mit kräftigerem Bass gelingt. Anders in der Tutto Verdi-Reihe spielte er auch engagiert und mit "Körperspannung". Maximova hat mir überdurchschnittlich gut gefallen, sowohl stimmlich als auch darstellerisch kam die kokette Seite der Eboli gut heraus und kontrastierte überzeugend mit Pieczonka. "O don fatale" habe ich ja leider nur halb erlebt, aber bis dahin kam die Verzweifelung gut rüber. Anger war ein stimmlich ungewöhnlich junger GI (seine Maske und Darstellung zeigte zwar keinen 90jährigen Greis, machte ihn aber alt genug), ich muss aber zugeben, dass ich von den ganz alten GIs mit Tremor und Flatterstimme ehrlich gesagt die Nase voll habe :ignore. Der GI gefällt mir besser als geistig prinzipiell zurechnungsfähiger Fanatiker, denn als verknöcherter, altersstarrsinniger und mehr oder weniger verkalkter Greis, der einfach nur die Vergangenheit konservieren will. Optisch und auch darstellerisch das größte Manko war für mich leider meine heimliche Hauptperson der Oper: Petean als Marquis de Posa. Sein Habitus erinnerte mich in fataler Weise an den Schankwirt Lutter in Hoffmanns Erzählungen und und sein Gangbild an Daland auf hoher See :A. Als er behäbig-breitbeinig zum Freundschaftduett hereinspaziert kam, überlief mich ein Schauer nach dem anderen und meine Stimmung sank auf den Nullpunkt :(. Das Kostüm war daran freilich nicht unschuldig: in dieser grauseligen Kittelschürze schafft es vermutlich höchstens Keenlyside, noch wie ein spanischer Grande mit revolutionären Ambitionen auszusehen. Bei der Audienz mit Elisabeth versöhnte er mich dann beinahe mit einer wirklich wunderschön einschmeichelnden Stimme, aber energische Töne gelangen ihm weder im ersten noch im zweiten Akt. Die große Szene mit dem König begann (regiebedingt?) sogar unfreiwillig komisch, denn der Hofstaat war schon in der Türöffnungen verschwunden und nur Posa musste noch scheinbar absichtslos herumlungern, bevor endlich das "Restate" sein Bleiben legitimierte. Seine Todesszene habe ich dann leider nicht mehr miterlebt.
Heute vormittag habe ich dann in Wien angerufen und wenn die Absprache klappt, kann ich heute abend hoffentlich noch das Ende miterleben.
VG, stiffelio
stiffelio (04.10.2014, 19:42): so, heute nachmittag hat es mit dem Nachholen des 3. und 4. Aktes endlich geklappt. An dieser Stelle ein ganz herzliches Dankeschön an den Kundenbetreuer von Culturall, der sich bewundernswert engagiert darum gekümmert hat, dass ich einen zweiten Übertragungstermin bekomme. :thanks Petean hat sich zwar in seiner Todesszene darstellerisch gesteigert, war aber immer noch am besten, wenn er in weichen Tönen schwelgen konnte. Er hat zweifellos eine sehr schöne Stimme mit der er auch die riesige WSO offenbar mühelos zu füllen vermag (das war sicherlich nicht von der Tontechnik geschummelt, da auch das Publikum vor Ort ihm beim Schlussapplaus tosenden Beifall spendete), aber beim Marquis de Posa bin ich nicht nicht nur stimmlich besonders anspruchsvoll. Da möchte ich auch darstellerisch eine Spitzenleistung und diesbezüglich kam Petean über gefühlten Durchschnitt nicht hinaus. Alagna und Pieczonka setzten ihre Leistungen im 4. Akt im Wesentlichen unverändert fort, Pieczonka gelangen noch einige sehr eindrucksvolle Piani. In der Summe hatte die Lichtregie einige beeindruckende Momente, freilich um den Preis, dass es ziemlich oft ziemlich dämmrig war, weil Lichtregie ja nur dann funktioniert, wenn es auch Dunkel gibt. Am besten gefielen mir die stimmungsvolle Gartenbeleuchtung zu Beginn des zweiten Aktes (da fiel bläuliches Licht aus verschiedenen Winkeln durch blätterförmige Aussparungen der Bühnenrückwand) und Anfang+Ende des 4. Aktes, wo am Anfang eine Menschengruppe, die Elisabeth im Dunkeln zurücklässt, und am Ende der Mönch und Carlos in ein helles Licht hineingehen.
VG, stiffelio
Billy Budd (05.10.2014, 04:02): Heute hab ich die bisher schlechteste und langweiligste Salome meines Lebens gehört: Der Hausdebütant Wolfgang Ablinger-Sperrhacke war als Herodes eine völlig inakzeptable Besetzung, da er sowohl vom ersten bis zum letzten Ton um ein Vielfaches zu leise klang als auch es gar nicht schaffte, ein Charakterportrait zu liefern. An der Volksoper geht das vielleicht noch, für die Staatsoper jedoch war das viel zu mickrig. Auch der von Alan Held gesungene Jochanaan war ein Totalausfall, da seine Stimme mittlerweile völlig ramponiert ist. So schlimm wie bei Struckmann wars nicht, aber viel zu leises Gebrüll wechselte sich mit Passagen ab, die man akustisch kaum vernommen hat. Ebenfalls schlecht war es um Salome (Lise Lindstrom sang dauernd – besonders am Ende – zu hoch, und wenn man die Rolle kennt, tut das im Ohr weh) und Narraboth (Carlos Osuna ist noch immer gleich schlecht) bestellt. Besonders gefreut habe ich mich auf die Rückkehr von Jane Henschel, doch mit Vermillion, Schuster und Kulman waren in den letzten Serien bessere Herodias-Sängerinnen aufgeboten; Henschel kann als solide Besetzung klassifiziert werden. Ulrike Helzel war ein passable Page, das Judenquintett gelang mit Benjamin Bruns, Peter Jelosits, Benedikt Kobel, Thomas Ebenstein und Dan Paul Dumitrescu ziemlich ordentlich, David Pershall sang mit einer hellen Stimme den ersten Nazarener solide, Il Hong (zweiter Soldat) und Hans Peter Kammerer (zweiter Nazarener) waren schlecht wie immer, Alfred Šramek gab heute einen grauenhaften ersten Soldaten. Besondere Erwähnung verdient Roman Lauder, der den einzigen Satz des Sklaven nicht ohne gravierende Textfehler schaffte. Alain Altinoglu dirigierte solide, hatte aber ein unkonzentriert und schlampig spielendes Orchester vor sich (sie haben davor das Philharmonische gespielt, das sagt eh alles). Ob es ihm oder dem betreffenden Schlagzeuger anzulasten ist, daß der Wirbel, als Jochanaans Kopf herausgereicht wird, viel zu spät einsetzte, sodaß für etwa eine Sekunde totale Stille herrschte, weiß ich nicht. Eine solche Vorstellung will ich maximal einmal in 20 Jahren hören – fast die gesamte Truppe war ausbuhreif. Billy :hello
Billy Budd (12.10.2014, 22:58): Naja. Das war eine wirklich langweilige Aufführung: Johan Botha hat heute den Bacchus endlich auch an der Staatsoper gesungen, und nach Janez Lotric (von ihm hat sich Botha das herrliche „Ist dieser reiche Herr besessennnn???“ abgeschaut) hat ihn in Wien keiner besser gemacht, auch wenn Botha heute wie immer in der ersten Aufführung im Sparbetrieb unterwegs war. Ebenfalls neu besetzt war die Titelpartie: Soile Isokoski ist zweifelsohne eine wunderbare Sängerin, aber die Ariadne liegt ihr nicht. (Um so mehr freuen wir uns daher auf ihre Marschallin und Rachel!) Sowohl Daniela Fally und Sophie Koch boten nicht ihre gewohnt tollen Leistungen, aber Jochen Schmeckenbecher war ein sehr guter Musiklehrer. Norbert Ernst verschluckte als Tanzmeister so manche Töne und erfreute deshalb nur bedingt; Marcus Pelz war ein guter Lakai, unter den Komödianten fielen Benjamin Bruns und Adam Plachetka positiv, Jongmin Park und Carlos Osuna aber negativ auf. Die Nymphen (Valentina Nafornita, Rachel Frenkel und Olga Bezsmertna) klangen recht seltsam. Ein Ausfall war der Haushofmeister, denn Peter Matic hat zwar eine schöne Stimme, was aber nix nützt, wenn er so ziemlich alles falsch betont, jede einzige Pointe verschenkt (da gibts soviel, was würdig wäre, herausgearbeitet zu werden!!) und darüber hinaus das „sublimen“ wegläßt. Das echte Problem stellte aber der Mann am Pult („Dirigent“ wäre zu hoch geriffen) dar: Die Thielemann-Fans waren gar nicht amal so zahlreich versammelt (dafür haben sie sehr fleißig herumgebrüllt), haben aber wahrscheinlich noch immer nicht kapiert, warum der völlig überschätzte Christian Thielemann nicht funktioniert (bei Strauss noch weniger als bei Wagner, weils da mehr Kaputtzumachendes gibt): Hin und wieder gibts „Gestaltung“, die aber völlig willkürlich kommt und nur aus irgendwelchen Sinnlosigkeiten (da hört man die Geigen ein bissl lauter, dort furzen die Hörner mit Vollgas hinein) besteht, und dazwischen gibts, wenns gut geht, Langeweile, und wenns schlecht geht, Ärgernisse wie überflüssige Wechsel der Tempi (das Komödiantenquartett und das Nymphenterzett waren viel langsamer als das andere) oder fehlende Einsätze (dadurch flog Fally einmal komplett raus). Was solls ... Die Bechtolf-Inszenierung ist noch immer ein großer Dreck. Billy :hello
Billy Budd (19.10.2014, 23:18): Donizettis Liebestrank zählt zwar keineswegs zu meinen Lieblingsopern, wohl aber zu denjenigen, die ich mir ab und zu recht gern anhöre, was ich unter anderem aufgrund den meist schlechten Besetzungen seit knappen zwei Jahren erst heute wieder amal gemacht hab: Ileana Tonca hat sich von der Gianetta zur Adina hinaufgearbeitet und war abgesehen davon, daß sie andauernd a wengal zu leise sag, eine solide Besetzung. Ebenfalls als „halbwegs solide“ beurteile ich Antonino Siragusa, der von ein paar gequetschten Tönen abgesehen einen brauchbaren Nemorino sang. Marco Caria war ein durchschnittlicher Belcore; das neue Ensemblemitglied Aida Garifullina machte bei seinem Hausdebüt nichts falsch. Die Besetzung des Dulcamara (eine Rolle, in der auch ältere Sänger reüssieren können) stellte den Schwachpunkt dar: Alfred Šramek bot wie auch schon vor zwei Wochen in der Salome eine bedauerlicherweise nicht staatsopernreife Leistung: Ja, zu tun haben wir es hier mit einem alten, kranken Mann, der ohne „seine“ Bühne, auf der er seit knappen 40 Jahren beinahe andauernd steht, wahrscheinlich nicht leben kann, aber er verschafft sich, wenn seine derzeitige Verfassung anhält, einen aus Zuhörersicht unrühmlichen Herbst seiner Karriere. Stimmlich machten ihm hauptsächlich im ersten Akt (nach der Pause wars deutlich besser) die wirklich nicht hohen Höhen zu schaffen, und seine Stimme wackelte gewaltig und klang sehr brüchig, darüber hinaus wirkte er schauspielerisch ziemlich unbeteiligt. Guillermo García Calvo dirigierte so wie immer, und das ist negativ gemeint (irgendwer hat ihn eh ausgebuht). Das Bühnenbild ist wirklich sehr schön, was aber nix nützt, wenn darin albernes Herumgeblödel stattfindet (Otto Schenk war der Regisseur, das sagt eh schon alles). Billy :hello
Billy Budd (23.10.2014, 23:04): Ich habs eh gewußt: Wo Thielemann drauf steht, ist Mist drinnen – also warum war ich heute nochmals in der Ariadne? Zum einen, weil die Ariadne eine geniale Oper ist, und zum zweiten, weil ich noch amal Johan Botha als Bacchus hören wollte, und dieser war der einzige, der eine herausragende Leistung bot (auch wenn er an zwei Stellen seine üblichen Probleme gehabt hat), denn Soile Isokoski hatte offenbar mit einer schlechten Tagesverfassung zu kämpfen, ein paar ihrer Töne waren erschreckend (heute war sie schlechter als in der ersten Aufführung). Daniela Fally war auch heute wieder eine tadellose Zerbinetta, nur habe ich sie in dieser Rolle schon deutlich besser gehört, Sophie Koch war ein guter Komponist, nur hat auch sie in der letzten Saison eine bessere Leistung geboten, Jochen Schmeckenbecher war ein solider Musiklehrer und Norbert Ernst ein mittelmäßiger Tanzmeister, und Peter Matic war heute besser, da er ein paar Pointen wenigstens ein bissl herausarbeitete, aber gut ist was anderes. Unter den Nebenrollen hinterließ Benjamin Bruns (Brighella) einen guten, Olga Bezmertna (Echo) einen neutralen und Adam Plachtka (Harlekin) einen zweifelhaften Eindruck, Jongmin Park (Truffaldin) und Carlos Osuna (Scaramuccio) waren immerhin noch besser als die grauenhaften restlichen Nymphen (Valentina Nafornita und Rachel Frenkl). Das wahre Problem war aber auch heute die in jeder Hinsicht unzureichende musikalische Leitung von Christian Thielemann: Es war noch (!) schlimmer als letztesmal, denn unter anderem waren die andauernden (!) VÖLLIG hirnrissigen Wechsel der Tempi eine reine Zumutung, sorgten aber immerhin für zweifelhafte Unterhaltung. Am Schluß haben ein paar Fans lauthals herumgebrüllt, während die Mehrzahl des Publikums gelangweilten oder gar keinen Applaus produzierte. Er kann einfach nicht dirigieren, der Thielemann, und wenn man nicht dirigieren kann, kommt halt dieser Thielemann-Tschatsch heraus. Über das Bechtolf-Machwerk hab ich schon alles gesagt, was zu sagen ist. Billy :hello
Billy Budd (26.10.2014, 23:11): Christian Gerhaher ist ein Wahnsinn!! Ich hab ihn noch nie zuvor gehört und bin total begeistert. Der Wolfram ist zwar eine leicht zu singende Partie, aber um sie so dermaßen toll hinzukriegen, bedarf es auch einiges. Die andere phantastische Sängerleistung kam von Stephen Gould, der für Robert Dean Smith, der sich am Mittwoch völlig blamiert hat (und infolgedessen ausgebuht wurde), vor seinem Dresdner Tannhäuser eingesprungen (!) ist. Ich kann verstehen, wenn man seinem etwas rauchigen Timbre nichts abgewinnen kann, ich hingegen liebe seine kräftige Stimme, die in der Höhe einen wunderbar weichen Klang hat (nur nach dem b ist aus, und zwar sowas von aus) und mit einer Mörderpartie wie dem Tannhäuser sehr gut zu Rande kommt. Beide durften sich über starken Jubel freuen. Die dritte hervorragende Leistung vollbrachte der Mann am Pult: Dank Peter Schneider (der schon das zweitemal in Folge Myung-Whun Chung ersetzt hat) war endlich wieder Wagner so zu hören, wie ich ihn am liebsten habe: Weder diese kleinteilige, hektische Art Mösts, noch diese mit bombastischen Klang vermischte extrem patscherte Gestalterei Thielemanns, sondern eine langsame (die Vorstellung dauerte eine Viertelstunde länger als üblich), behutsame Herangehensweise, um auch die Musik an den richtigen Stellen blühen und strömen zu lassen, ohne jedoch auf die Sänger nicht Rücksicht zu nehmen. Diese Saison wird er noch Tristan, Parsifal, Elektra und Salome dirigieren – ich hoffe, daß er uns trotz seines hohen Alters (geb. 1939) noch lange so erhalten bleibt. Camilla Nylund ist ja eine wunderbare Sängerin, nur hat ihre heutige Elisabeth einen ähnlich gemischten Eindruck wie ihre Elsa im April hinterlassen: Die Stimme läßt öfters ein viel zu starkes Vibrato hören, aber ansonsten paßt alles. Kwangchul Youn überzeugte auch heute als Hermann nicht (bei ihm gehts schon in Richtung Tremolo), und Iréne Theorin hab ich noch furchtbarer in Erinnerung gehabt, was aber nichts daran ändert, daß ihre heutige Venus ziemlich mies war. Norbert Ernst hörte sich im ersten Akt nach Überforderung an, war aber im zweiten ein solider Walther; nicht gut klang heute Sorin Coliban als Biterolf. Eine wahre Verschwendung war Dan Paul Dumitrescu in der Pimperlrolle des Reinmar; James Kryshak und Annika Gerhards waren als Heinrich und Hirte auch noch mit dabei. Trotz des langweiligen Werkes hat sich der Besuch Gerhahers, Goulds und Schneiders wegen gelohnt. Ich bin schon gespannt, wer in den beiden verbleibenden Aufführungen als Tannhäuser auf der Bühne stehen wird. Billy :hello
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Am Donnerstag hab ich mich beim Namen von Rachel Frenkel verschrieben. War unabsichtlich.
Billy Budd (29.10.2014, 22:02): Der junge Dmytro Popov debütierte am Haus, und nachsichtigerweise verbuchen wir seine zwar höhensichere, aber dennoch sehr seltsam (irgendwie bedeckt) klingende Stimme und das schnelle Vibrato als Auswirkungen von Nervosität. Wie er sich in den weiteren Vorstellungen schlägt, werde ich aber nicht beurteilen können, da ich keine mehr besuchen werde. Seine Mimì, Krassimira Stoyanova, war aus ganz anderem Holz geschnitzt, denn sie erfreute mit einer sehr guten Leistung. Alessio Arduini (heute als Marcello, nicht als Schaunard) und Jongmin Park schlugen sich gut, Adam Plachetka tat dies recht gut. Eine Qual für die Ohren war Valentina Nafornita als Musetta aufgrund ihrer furchtbar scheppernden Höhen; Alfred Šramek paßte als Benoit+Alcindor. Dan Ettinger peitschte das Orchester viel zu schnell durch die insgesamt langweilige Vorstellung. Billy :hello
Billy Budd (30.10.2014, 23:22): Heute stand wieder Robert Dean Smith auf der Bühne, und es wurde gar nicht die erwartete Katastrophe, wiewohl er eine Fehlbesetzung darstellt: Im ersten Akt sang er passabel (nur störte ein recht starkes Vibrato in der hohen Lage), den zweiten absolvierte er zwar nicht wirklich schlecht, aber dennoch unterdurchschnittlich, und im dritten legte er eine halbwegs brauchbare Romerzählung hin, aber die ist ja das ziemlich Leichteste dieser beinahe unsingbaren Partie. Bestimmt hätte er aber einen deutlich schlechteren Eindruck hinterlassen, wäre nicht ein so rücksichtsvoller und einfühlsamer Dirigent wie Peter Schneider am Pult gestanden. Ansonsten hat sich nix geändert, außer das Norbert Ernst und Kwangchul Youn ein bissl besser unterwegs waren. Billy :hello
Severina (13.11.2014, 21:50): Chowanschtschina im Lift
Man schrieb das Jahr 1989, als das Wiener Opernpublikum knapp 100 Jahre nach der Uraufführung in St. Petersburg mit Modest Mussorgskis „Volksdrama in 5 Akten – Chowanschtschina“ Bekanntschaft schließen durfte. Zu verdanken hatten wir diese Erweiterung unseres musikalischen Horizonts unserem GMD Claudio Abbado, der in seiner viel zu kurzen Amtszeit so manche Rarität in das träge Repertoire schmuggelte. Leider machten ihm viele genau das zum Vorwurf, und ich erinnere mich noch gut an die wütenden Attacken gegen den Maestro. Unter anderem warf man ihm die zusätzlichen Kosten für den Opernchor Bratislava vor, der den hauseigenen verstärken musste, um Mussorgskis Volksmassen auf die Bühne zu wuchten.
Gottlob haben sich die Zeiten geändert, heute begrüßt ein Großteil der Opernbesucher eine Erweiterung des Spielplans abseits des Mainstreams, so auch ich. In den letzten Tagen lief die CD mit dem Mitschnitt von 1989 in Dauerschleife und steigerte meine Vorfreude auf dieses musikalisch so großartige Werk. Dementsprechend animiert begab ich mich also heute zur GP.
Der in dieser Saison noch unverhüllte Eisenmenger Vorhang glitt schon während der ersten Takte der Ouvertüre nach oben. Eine kahle Holzwand mit zwei winzigen Öffnungen und einem sehr schmalen Brett, das über den oberen Rand hinausragt, hob sich vom dunklen Hintergrund ab. Sie wird durch ein nach links gekipptes Kreuz zusammengehalten - Bunker, Festung, Reaktor?? Davor grenzten rotweiß gestreifte Plastikbänder eine rechteckige Fläche ab. Bevor ich mir noch einen Reim auf diese Anordnung machen konnte, schien die Holzwand von unten Blut aufzusaugen und färbte sich rot, gleichzeitig richtete sich ein bisher verborgenes Gerüst langsam auf. Der Kreml als Baustelle?? Nein, um ein Baugerüst handelte es sich nicht, denn als es seine endgültige Position erreicht hatte, sah man, dass es aus scheinbar völlig willkürlich zusammengefügten Pfosten verschiedener Stärke und Länge bestand. (Die Oberfläche hatte etwas von verbranntem Holz oder korrodiertem Metall an sich.) Ein Käfig, assoziierte ich im ersten Moment, aber da war noch etwas: Viele dieser Streben waren so miteinander verbunden, dass sie Kreuzarme bildeten. Die Unterdrückungsmechanismen von Staat und Kirche verschmolzen quasi ineinander – dieser Gedanke hatte etwas. Leider blieb es der einzige Gedanke von Lev Dodin, und auch der manifestierte sich nur im Bühnenbild, szenisch fand er keine Entsprechung.
Als die Handlung einsetzte, wuchsen hinter diesem ersten noch zwei weitere ähnliche Gerüste aus dem Boden, aber nun mit Plattformen und Stegen versehen, sodass auf drei Ebenen der gesamte riesige Chor darauf Platz fand. Oder vielmehr verstaut werden konnte, denn darauf kam es dem Regisseur in erster Linie an. Bei Bedarf fuhr der ganze Apparat mit den Volksmassen nach oben, hatten sie ihren Part erledigt, verschwanden sie wieder in der Versenkung. Manchmal kehrte er wieder leer zurück, manchmal auch nicht. Auch die Solisten agierten vorwiegend auf dem Gerüst, für sie waren drei übereinander liegende Plattformen in der ersten Reihe reserviert, und zwar bekam nun auch die Vertikale Bedeutung, denn derjenige, der gerade Oberhand hatte, durfte auch von oben herab handeln. Wobei „Handeln“ der Euphemismus des Tages ist, denn gehandelt wurde in dieser merkwürdigen Versuchsanordnung natürlich kaum. Wie auch, wenn jeder auf seine Plattform gebannt ist und den Kontrahenten überwiegend akustisch wahrnimmt! Da ergibt es sich von selbst, dass frontal ins Publikum gesungen wird. Der Chor kann schon aus Platzgründen nichts anderes bieten, und irgendwie kann ich mich des Verdachts nicht erwehren, dass sich der Regisseur mit diesem Bühnenbild der Notwendigkeit enthoben hat, ein sinnvolles Bewegungskonzept für Volksmassen und Solisten zu entwickeln.
Was sich statt dessen ununterbrochen bewegt, sind die drei in die Tiefe gestaffelten Gerüste. Ständig fährt eines ganz oder partiell nach oben oder unten, wobei sich die Sinnhaftigkeit nicht immer erschließt, weil sie das oft auch unbemannt tun. Auftritte und Abtritte erfolgen prinzipiell per „Lift“, was so manche unfreiwillige Komik in sich birgt. Als z.B. Golizyn von seinem Diener einen Brief ausgehändigt bekommen soll, kann der nicht so einfach eintreten, denn Treppen zwischen den drei Spielebenen gibt es keine. Also schwebt Golizyns Plattform himmelwärts, gerade so hoch, dass darunter die zweite sichtbar wird, auf welcher der Diener mit dem Brief steht. Er wendet sich aber nicht etwa seinem Herrn zu, nein, er verharrt in frontaler Ausrichtung zum Publikum und reckt nur die Hand empor, aus welcher Golizyn das Schriftstück entgegennimmt. Dann setzt sich der Pater noster wieder in Bewegung, bis die „Kabine“ mit dem Diener im Untergrund verschwunden ist. Ich musste sehr an mich halten, nicht lauthals zu lachen, denn das war wirklich slapstick. Noch absurder gestaltet sich der Auftritt der ultrareligiösen Gruppe um den Priester Dossifei, denn sie hat ihren eigenen „Lift“ in Form versenkbarer Elemente im Bühnenboden vor der Gerüstfront. Dossifei wächst also im wahrsten Sinn des Wortes aus dem Boden, aber nicht immer zu voller Körpergröße, denn oft bleibt er unterhalb des Nabels unsichtbar. Der Rückweg erinnerte mich jedes Mal fatal an Don Giovannis Höllenfahrt. Ist wirklich niemandem aufgefallen, wie albern das wirkt???? (Nein, es gibt in dieser Produktion in der Tat keinen einzigen normalen Auftritt, also z.B. von der Seite! Sicher gibt es dafür einen ungeheuer tiefsinnigen Grund, bloß wartet mein beschränkter Verstand noch auf die Erleuchtung....)
Ich habe schon erwähnt, dass Interaktionen eine seltene Ausnahme bilden. So verpufft die Schlüsselszene des 3. Aktes, als mit Iwan Chowanski, Golizyn und Dossifei drei Weltanschauungen aufeinanderprallen, völlig wirkungslos, denn wie soll Spannung entstehen, wenn die drei übereinander auf ihren Plattformen stehen und ins Publikum schleudern, was sie einander in direkter Konfrontation an den Kopf werfen sollten?
Dafür dürfen einander Dossifei und Marfa so nahe kommen, wie es das Libretto nicht vorsieht, denn bei Lev Dodin verbinden die beiden sehr unheilige Gelüste. Das verfälscht vor allem Marfas Charakter, denn wenn sie ohnehin in den Armen des Priesters Trost gefunden hat, dürfte sie unter der Zurückweisung durch Andrei Chowanski nicht mehr allzu sehr zu leiden. Aber gerade diese unerfüllte Liebe treibt Marfa in religiösen Fanatismus und in letzter Konsequenz in den Freitod! Auch dass sie die Lutheranerin Emma vor Andreis Nachstellungen rettet, erhält dadurch eine ganz andere Wertigkeit. Also wieso plötzlich dort Aktionismus, wo er eigentlich nichts verloren hat? Das fragte ich mich auch in der Schlussszene, als Marfa, Andrei Chowanski, Dossifei und seine Anhänger den Freitod wählen, um nicht den Truppen des Zaren in die Hände zu fallen. Wieso müssen vorher alle einen striptease bis auf die Unterwäsche hinlegen? Dossifei hält Andrei und Marfa an der Hand – endlich dürfen alle drei auf einer Plattform stehen, aber ohne sich anzuschauen – und fahren gemeinsam zur Hölle, in Unterhosen bzw. Unterhemdchen. Falls es Dodins Absicht gewesen sein sollte, so genannte Helden der Lächerlichkeit preiszugeben, so ist ihm zumindest das gelungen! (Natürlich fahren sie nicht zur Hölle, aber der gesamte dreiteilige Aufbau mit Chor und Solisten verschwindet diesmal endgültig unter der Bühne. Finden die Sektierer librettogemäß den Feuertod? Das bleibt bei diesem Schluss offen. Vielleicht erfrieren sie statt dessen in ihrer textilarmen Adjustierung......)
Ihr seht schon, die Inszenierung kommt bei mir wie so oft an der WSO äußerst schlecht weg. Aber gottlob gibt es die geniale Musik von Mussorgski, die von keinem noch so albernen Regiekonzept umgebracht werden kann. (Wobei das Konzept für mich nur aus einer Reihe von ??????? besteht!)
Anders als seinerzeit Claudio Abbado verwendet Semyon Bychkov nicht die Instrumentation Rimski-Korsakows, sondern die von Schostakowitsch. (Mussorgski hinterließ die „Chowanschtschina“ unvollendet und ohne Instrumentierung!) Nun bin ich als Laie nicht in der Lage, die beiden Fassungen in allen ihren Abweichungen analysieren zu können. Aber mit der Abbado-CD im Ohr, die eher gebändigte Leidenschaft verströmt, entfachte Bychov im Vergleich dazu heute einen Sturm im Graben, der mich so mitriss, wie ich es schon lange nicht mehr erlebt habe. Und nicht nur mich, denn auch die Philis standen unter Strom und erfüllten ihrem Dirigenten jeden Wunsch. Mussorgskis aufwühlende Musik glühte und loderte in den herrlichsten Farben, aber auch die leisen Stellen verfehlten nicht ihre Wirkung. Es gibt in der „Chowanschtschina“ Chorpassagen von so überirdischer Schönheit, dass es mir regelmäßig die Tränen in die Augen treibt, vor allem wenn sie von unserem wunderbaren Staatsopernchor interpretiert werden. Er ist ja immer ausgezeichnet, aber heute hat er sich selbst übertroffen, das war einfach zum Niederknien! Aber auch die männlichen Solisten boten heute Leistungen, mit denen man zumindest zufrieden sein konnte, mit einigen sogar mehr als nur zufrieden.
Ferruccio Furlanetto scheint der Iwan Chowanski in die Kehle komponiert worden zu sein. Schon lange habe ich ihn nicht mehr so souverän erlebt. Alle Probleme der vergangenen Jahre scheinen sich in Luft aufgelöst zu haben, die Stimme sitzt ausgezeichnet, wirkt kompakt, strömt leicht und ohne störendes Vibrato dahin. Auch die dramatischen Attacken gelangen Furlanetto eindrucksvoll. Vor allem aber, und das zeichnete seine heutige Leistung besonders aus, konnte er mit vokalen Mitteln dem Machtmenschen Chowanski das Profil verleihen, das szenisch zu entfalten ihm der Regisseur nicht gestattet hatte. Was schwang da alles an Emotionen mit, wie viel Wut, Verachtung, Hohn, aber auch Verzweiflung! Ich wünsche Herrn Furlanetto, dass er die heutige Form bis zur PR am Samstag konservieren kann, dann ist ihm ein rauschender Erfolg sicher!
Seinem Sohn Andrei lieh Christopher Ventris seinen markanten Tenor. Er kraftmeierte mir ein bisschen zu viel, die feinen Nuancen scheinen seine Sache nicht zu sein, aber das ist jetzt meckern auf hohem Niveau. Andererseits ist dieser Andrei auch kein Schöngeist, also passt das Polternde gar nicht so schlecht.
Ich bin kein Fan von Herbert Lippert, aber seine Leistung als Golizyn, der anders als Chowanski und Dossifei für westeuropäische Werte eintritt, war in Ordnung. Dass ich das Besondere in seiner Stimme nicht höre, das so viele Kenner preisen, liegt wohl an mir.
Es ist auch nicht Ain Angers Schuld, dass ich mir als Dossifei einen tiefschwarzen Bass wünsche. Das Gefährliche dieses Sektierers kam für mich nicht so richtig rüber, obwohl er durchaus eindrucks- und ausdrucksvoll intonierte. Ich bin überzeugt, dass er in einer anderen Regie besser zur Geltung gekommen wäre.
In der kleinen, aber effektvollen Partie des Schaklowity beeindruckte Andrzey Dobber durch vokale und physische Präsenz. Er verfügt über ein wirklich angenehmes und sehr individuelles Timbre.
Nobert Ernst, der Schreiber, gefiel mir bei seinem ersten Auftritt sehr gut. Als einzigem gestattete ihm der Regisseur eine richtige Spielszene, was er weidlich nützte. Im 3. Akt darf auch er leider nur ohne Unterleib agieren, und das schlug ihm offensichtlich auf die Stimmbänder, denn plötzlich klang sein Tenor etwas angestrengt. Aber heute war ja erst die GP!
Marian Talaba, der mir schon so manche italienische Oper vermiest hat, ist im slawischen Fach hörbar besser aufgehoben, denn als Kuska bot er eine gute Leistung.
Mehr oder weniger OK erledigten auch die Herren Pelz, Derntl, Kammerer, Hong und Kobel ihre vokalen Aufgaben.
Marfa, so behauptet Elena Maximova in einem Interview, sei eine Traumrolle für jeden Mezzo. Die nötige Traumstimme kann sie dafür leider nicht aufbieten. Zwar gelangen ihr heute die lyrischen Passagen sehr gut und anrührend, in höheren Lagen und vor allem wenn sie Druck geben muss, mischt sich in den Wohlklang ein blecherner Nebenton, fast eine Art Klirren. Dass sie mit wasserstoffblonder Mähne und neckischem Hängerchen eher wie ein Paris-Hilton-Verschnitt denn als religiöse Fanatikerin rüber kommt, ist nicht ihre Schuld.
Zu Caroline Wenborne, als Emma das Ziel der erotischen Gelüste von Andrei Chowanski, fällt mir ad hoc gar nichts ein, da muss ich am Samstag genauer hinhören!
Mein Fazit: Drei Atouts – Orchester, Chor und Ferruccio Furlanetto - und dazu die geniale Musik Mussorgskis stechen die (wieder einmal....) misslungene Regie!
lg Severina :hello
Billy Budd (13.11.2014, 23:52): Ich hab mich sehr auf die Chowantschtschina gefreut, aber Deinem Bericht nach zu schließen, wird das wieder nix, das wirklich toll ist... naja, bevor ich urteile, geh ich selber mal hinein. :D Danke aber für die Informationen, was einen so ungefähr erwartet... :)
Gefällt Dir eigentlich der Boris oder die Chowantschtschina besser?
(Diejenigen "Kenner", die Lipperts Stimme für besonders halten, würd ich gern sehen :ignore ... es sei denn, besonders im Ungenau-Singen - sein Peter Grimes läßt grüßen... :A ) Billy :hello
Severina (14.11.2014, 00:14): Lieber Billy,
schließe einfach die Augen, so wie ich es heute einige Male getan habe, wenn mich diese ewig auf und ab wandernden Kulissenteile zu sehr genervt haben, denn ich bin sicher, die Musik wird Dich in ihren Bann ziehen.
Ich mag "Chowanschtschina" lieber als den Boris, und zwar in erster Linie wegen der großartigen Chorszenen, die mich immer abheben lassen. Inhaltlich hat dafür der Boris mehr zu bieten, vor allem die plausiblere Story. In der "Chonwanschtschina" wollte Mussorgsky zu viel, die Liebesgeschichte wirkt auf mich aufgepropft und stört eigentlich mehr als sie zum Gesamtbild beiträgt. Angeblich war sie auch nur ein Zugeständnis an das Publikum, das eine Oper ohne Liebespaar nur schwer akzeptiert hätte.
Ich bin jedenfalls neugierig auf Deine Eindrücke! Die PR höre ich mir im Radio an, da kann ich ganz ohne störende Optik in der Musik schwelgen, dann gehe ich sicher noch in eine Vorstellung.
lg Severina :hello
Billy Budd (14.11.2014, 15:41): Liebe Severina! Da ich den Boris schon total super finde, wird mir die Chowantschtschina mindestens so gut gefallen! :leb (Vielleicht werde ich ja in absehbarer Zeit meine Top-10-Opernliste wieder amal erneuern. :D )
Die Augen werde ich auch heute schließen... Billy :hello
Billy Budd (14.11.2014, 22:33): Dieses Schenk-Machwerk halte ich für die schlechteste Inszenierung, die wir derzeit haben – und das sagt was. Wie in der Juni-Ausgabe des Staatsopernmagazins nachlesbar ist, hat sich Otto Schenk damals entblödet, die Bedeutungsebenen der Handlung zu negieren – und wenn der Regisseur den Fuchs für einen Fuchs und sonst nix hält, wird offenbar, daß nix Gscheits herauskommen kann. Die Aussagen an der Produktion beteiligter Leute haben sich damals an Ahnungslosigkeit übertroffen – es handelt sich nämlich auch um kein Märchen, sondern um eine Parabel um den Kreislauf des Lebens, in die aber auch andere Themen, wie beispielsweise das Bedürfnis nach Selbstbestimmung, der Wunsch nach Freiheit und der Drang nach Libido, eingearbeitet wurden, auch Autobiographisches ist eingeflossen. In Anbetracht dessen liegt es auf der Hand, daß dieses Werk in welcher Weise auch immer interpretiert gehört, was natürlich keine leichte Aufgabe darstellt. Ich halte es sogar auch für legitim, dem Zuschauer die Interpretation zu überlassen, aber um Himmels willen darf man nicht machen, was Otto Schenk getan hat: Während des Zuschauens wähnt man sich in einer Kinderaufführung, denn allerhand Viecher wuseln auf der Bühne herum, und daß es sich um eine ernsthafte Parabel handelt, ist an Hand dieses lächerlichen Mummenschanzes nicht einmal zu erahnen. Als einer, der die Aussage dieses Stückes kapiert hat, kommt mir dieses Schenk-Zeug wie eine Verarschung dieser Oper vor. Wenn mir auch noch beim Heruntergehen von der Galerie Aussagen des gesellschaftlichen Plusquamperfekts, das bestimmt zumindest teilweise gar nicht überrissen hat, worum es in diesem Werk geht, in die Ohren flattern, wie liab und herzig und putzig und entzückend der Frosch sei, der dem Förster ganz am Ende begegnet, widert mich das nur mehr an. Und genau die, die nicht gegneißt haben, daß es sich hier um eine todernste Parabel handelt, zahrn ihre Gschroppn mit, die sich logischerweise langweilen und folglich nerven... Was solls... immerhin ist dieses grandiose Werk endlich ins Repertoire gekommen (eine andere Frage ist freilich, wie lang es sich dort hält), auch wenn angeblich allein für die Ausstattung 700 000 Euronen verklescht worden sind. – Nicht nur hinsichtlich der „Inszenierung“ habe ich ähnliche Eindrücke wie im Juni heimgenommen, denn von Gerald Finley, Chen Reiss, Hyuna Ko und Ilseyar Khayrullova wird auf passablem Niveau gesungen, Wolfgang Bankl fällt sehr positiv auf, aber viel zu leise ist James Kryshak, und Heinz Zednik blamiert sich als Hahn nach wie vor. Neu besetzt war die Doppelrolle Dachs/Pfarrer, der sich Janusz Monarcha besser entledigte, als er es üblicherweise tut. Eine Verbesserung brachte das Dirigat von Tomáš Netopil (feiner, detaillierter und natürlich leiser als der Premierendirigent). Billy :hello
Severina (14.11.2014, 22:52): Meine Bewunderung, dass Du Dir diesen Kitsch noch einmal angetan hast, ich halte diese Janacek-Verhunzung kein weiteres Mal mehr aus! (Vielleicht einmal mit einer wirklich großartigen Besetzung, die man mit geschlossenen Augen genießen kann, aber nicht einmal die gibt es im Moment!)
lg Severina :hello
Billy Budd (15.11.2014, 01:50): Hinweis an alle Nicht-Wiener: Ich hab eben gesehen, daß heute ab 11:00 die Boheme-Vorstellung vom 7. Dezember als Livestream kostenlos angeboten wird. Wenn man bei den Zeitzonen irgendwas einstellt, kann man den Stream auch später sehen. Billy :hello
Billy Budd (16.11.2014, 00:26): Man glaubts ja kaum, aber das war eine gelungene Premiere dieses traumhaften Stückes! Um die Leistungen kompetent beurteilen zu können, hab ich leider viel zu wenig Ahnung - mit diesem Werk habe ich mich zuvor gar nicht beschäftigt (so konnte ich unvoreingenommen bleiben), und so liest sich das folgende recht patschert: Die musikalischen Leistungen des Orchesters unter Semyon Bychkov, des Chores, die von Ferruccio Furlanetto, Christopher Ventris und Andrzej Dobber habe ich wunderbar gefunden, die von Elena Maximova war nicht ganz so großartig, aber dennoch sehr gut; etwas mehr fiel Ain Anger ab. Norbert Ernst sang heute sehr gut. Herbert Lippert hats an ein paar Stellen zerlegt, aber wirklich schlecht war nur Benedikt Kobel in der Wurznrolle des Vertrauten des Golizyn. Die Inszenierung durchschaue ich nicht (sofern es überhaupt etwas zu durchschauen gibt). Billy :hello
Severina (16.11.2014, 01:29): Das dachte ich mir, dass Dir die Musik gefällt!!! Sind die Chöre nicht traumhaft? Zerbrich Dir nicht den Kopf wegen der Inszenierung, ich tu's auch nicht mehr. Ich frag mich nur, wann dieses Werkl zum ersten Mal streikt.....
Wie war eigentlich die Publikumsreaktion auf das Regieteam? In Ö1 hat man wie immer vorher ausgeblendet......
lg Severina :hello
Billy Budd (16.11.2014, 02:20): In der Tat - nicht nur die Chöre, sondern die gesamte Oper ist absolut traumhaft! :down :down Leider ist dieses Werk sehr lang... dennoch war das sicher nicht mein letzter Besuch dieser Serie. :cool
Haha, auf diesen Moment freu ich mich auch schon! :J
Das war recht ulkig: Zunächst hat sich das Regieteam gar nicht gezeigt... und erst nachdem sich der Vorhang schon gesenkt hatte, ist der Regisseur alleine erschienen und wurde mit einigen Buhrufen empfangen. Schließlich ist er von der Mitte bis zum linken Bühnenrand gegangen und danach wieder zurückmarschiert, während er mehr Buhs als Bravos kassiert hat. Nach dieser Aktion ist er wieder verschwunden (und wenn ich nichts übersehen hab, hat er sich auch nicht mehr verbeugt), und die restlichen Künstler haben sich wieder gezeigt. Das war ziemlich schräg... auch war der Rest des Regieteams gar zu sehen... Billy :hello
Billy Budd (17.11.2014, 21:41): Um mich von dem Tschatsch auf der Bühne etwas abzulenken, hab ich heute fast durchgehend den Text der Displays mitgelesen, wodurch ich auch so nebenbei wieder amal gemerkt hab, daß in der Staatsoper Leute sitzen, die mit Orthographie und Beistrichsetzung auf Kriegsfuß stehen, aber so ist mir auch bewußt geworden, daß dieses grandiose Werk noch vielschichtiger, prägnanter und komplexer ist, als ich gedacht hab (ein Regisseur, der das nit amal ansatzweise überreißt und somit völlig am Werk vorbeiinszeniert, gehört abgewatscht). Naja, die Inszenierung ist wirklich ein Tinnef (besonders lächerlich ist der krächzende Hahn samt seiner albernen Hennenweiber). Um die Leistungen der Sänger war es wie am Freitag bestellt, außer daß Wolfgang Bankl, der dennoch der beste der Vorstellung war, Hyuna Ko und Janusz Monarcha ein bissl schwächer waren. Tomáš Netopil dirigierte auch heute hervorragend. Billy :hello
Billy Budd (01.12.2014, 00:10): Ungünstigerweise wird eine Reihe interessanter Stücke genau dann gespielt, wenn ich so viel Arbeit habe, daß ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll (deshalb auch heute nur ein sehr kurzer Bericht), und so ist sich bedauerlicherweise kein Rosenkavalier ausgegangen, auch ins Füchslein und in die Chowantschtschina hab ich es nur je zweimal geschafft. - Heute sangen Ain Anger, Andrzej Dobber und Christopher Ventris extrem gut, Elena Maximova und Herbert Lippert (!) waren gute Besetzungen, und Norbert Ernst fiel sehr positiv auf. Leider war Ferruccio Furlanetto merklich noch nicht genesen (am 24. Nov. hat er ja abgesagt), und so war er der deutliche Schwachpunkt des Abends. Semyon Bychkov dirigierte ausgezeichnet. Billy :hello
Billy Budd (14.12.2014, 00:12): Die Entwicklung von Tomasz Konieczny ist wahrlich sehr erfreulich, denn stetig sind Verbesserungen auszumachen. Sein Brunnenvergiftertimbre mag zwar für den Mandryka nicht jeder für optimal halten (ich finde es aber durchaus passend, Mandryka ist ja ein Bauer), aber stimmlich war alles beinahe erstklassig (auch sein Akzent verschwindet immer mehr). Die beste Leistung des Abends kam aber von Wolfgang Bankl, der einen exzellenten Waldner gab. Anne Schwanewilms hatte gemischte Momente, überzeugte da ein bissl mehr und dort ein bissl weniger. Herbert Lippert überraschte sehr positiv (den Matteo halte ich für seine bisher beste Rolle), wirklich bemerkenswert war das (allerdings sängerfreundlich komponierte) perfekte hohe h (bei „geschwoooooren“), Ileana Tonca als Zdenka allerdings sehr negativ (was war heute los mit ihr?). Norbert Ernst machte den Elemér gut, Gabriel Bermudez und Clemens Unterreiner waren auch noch mit dabei. Carole Wilson paßte als Adelaide. Daniela Fally war eine sehr gute Fiakermilli, Ulrike Helzel hingegen eine ziemlich jenseitige Kartenaufschlägerin. Ulf Schirmer dirigierte sehr gut (deutlich besser als Franz Welser-Möst). Am Stehplatz war so gut wie nix los. Billy :hello
Rotkäppchen (14.12.2014, 01:08): Hallo Billy,
kannst Du erklären, was ein Brunnenvergiftertimbre ist? Wikipedia findet 3(!) Treffer für diese Vokabel immerhin, aber aus keinem bin ich schlau geworden :P.
LG, Rk
Billy Budd (14.12.2014, 01:23): Liebes Rotkäppchen! Ich gebs zu: Die Bezeichnung stammt leider nicht von mir :I , aber ich finde sie total treffend für Koniecznys Stimme! :W Bitte das nicht negativ zu verstehen: Ich mag den Konieczny wirklich! Seine Stimme klingt nur ziemlich seltsam... sehr gequetscht... insgesamt eben nach "Brunnenvergifter". :wink Am besten, Du hörst sie Dir mal selber an! :) Auf Youtube bin ich nicht wirklich fündig geworden (naja, ein bissl was gibts schon dort, z.B. das oder das), aber auf seiner Homepage sind mehrere Hörproben abrufbar. In Wien ist er jedenfalls öfters zu hören (grandios war er als Alberich und Scarpia!). Bin gespannt, wie Du seine Stimme beurteilst! :P :) Billy :hello
Rotkäppchen (14.12.2014, 11:04): Hallo Billy, danke für die Links! Das ist wirklich eine interessante Stimme mit ziemlichem Wiedererkennungswert, würde ich sagen. Nachdem ich die Beispiele angehört habe, muss ich Dir Recht geben: Brunnenvergifter passt dazu wie die Faust auf's Auge :D. Für schurkige und zwiespältige Charaktere sehr gut geeignet... LG, Rk
Severina (18.12.2014, 22:54): Eine Antwort auf diese Frage gibt die Neuproduktion in der Regie von Pierre Audi leider nicht. Nun bin ich zwar die Letzte, die unserem verkitschten Uralt-Rigoletto eine Träne nachweint, wenn aber der neue auch nicht wirklich überzeugt, stellt sich in ökonomisch schwierigen Zeiten wie diesen die Sinnfrage natürlich doppelt. Aber nun ist das Kind einmal geboren und wir müssen wohl eine geraume Zeit damit leben – und froh sein, dass es zumindest nicht eine so krasse Missgeburt wie vor zwei Jahren die „Traviata“ ist. Mit der lebt sich's nämlich wesentlich ungemütlicher...
Die GP begann mit einem Auftritt von Monsieur le Directeur: Er verkündete, was Insider längst wussten und der Rest der Besucher spätestens nach dem Erwerb des Besetzungszettels, dass nämlich Simon Keenlyside erkrankt sei und zumindest die GP nicht singen könne. Der Ersatz, Paolo Rumetz, hätte die Partie zwar studiert, aber noch nie auf der Bühne gesungen. Nun, dafür machte er seine Sache ausgezeichnet, das kann ich schon an dieser Stelle verraten.
Der Zwischenvorhang während der Ouvertüre suggeriert mit seinen verwischten schmutzig-weiß bis grauen Streifen wohl eine Winterlandschaft, dazu passt auch das dürre Bäumchen, das in der linken Ecke kauert. Rigoletto erklimmt den Souffleurkasten und erstarrt darauf in einer Pose, die verrät, dass Regisseur PIERRE AUDI sich nicht mit dezenten Andeutungen begnügen würde, was des Hofnarren körperliche Defizite betrifft. Der Zwischenvorhang hebt sich und gibt ein Kreissegment frei, das sich ihm farblich anpasst, der vordem einsame Baum bekommt nun Gesellschaft von ebenso kahlen Artgenossen. Ging's bei der „Chowanschtschina“ ständig rauf und runter, so im „Rigoletto“ rundherum, denn Ausstatter CHRISTOF HETZER hat sich wohl in unsere Drehbühne verliebt und lässt sie fleißig kreisen. Vom unwirtlichen, jedes freundliche Gefühl erstickenden Winterwald humpelt Rigoletto ein Segment weiter in den herzoglichen Palast bzw. das, was uns Herr Audi statt dessen zeigt: Eine schmucklose Treppe führt zu einer Flügeltüre hinauf, die aus lauter Kassetten (Soll das ein Renaissance-Zitat sein??) besteht, die aber so verschoben und teilweise windschief angeordnet sind, als würde das ganze Teil demnächst kollabieren. Dahinter öffnet sich ein bis auf eine stilisierte Bank in der Mitte völlig leerer Raum. Während der Duca in erhöhter Position die Freuden des Bäumchen-wechsle-Dich besingt, amüsiert sich zu ebener Erde seine Hofgesellschaft. „Was tun mit diesem verd.....n Chor?“ dieser Stoßseufzer vieler Regisseure dürfte auch Monsieur Audi entwischt sein, ohne dass ihm aber etwas Überzeugendes dazu eingefallen wäre. Dabei ist es doch gerade in dieser Szene wahrlich nicht schwer, die Mann- und Frauschaften halbwegs natürlich zu gruppieren und zu bewegen – sollte man meinen. Wahrscheinlich ist dem Regisseur das Natürliche zu banal, deshalb verfremdet er die Höflinge zu Halbautomaten, die in einer starren Choreografie stereotype Bewegungsabläufe exerzieren müssen, fallweise in einem Tempo, dass es an eine Herde durchgeknallter Duracell-Männchen erinnert. Das lenkt natürlich ziemlich von dem ab, worum es in dieser Szene hauptsächlich geht, die Verhöhnung Monterones und sein verhängnisvoller Fluch.
Wieder dreht sich die Bühne ein Stück, und unter den Pfosten, auf denen der „Palast“ ruht, lauert Sparafucile seinen Opfern auf. In diesem gemütlichen und vor allem sehr elegant gekleideten Herrn einen Auftragskiller zu vermuten, hat wohl nicht nur meine Fantasie überstrapaziert, vor allem, wenn er dann auch noch mit Dan Paul Dumitrescus einschmeichelnder Stimme sein mörderisches Gewerbe anpreist. Lockvogel Maddalena ist auch schon zur Stelle und lässt unter braver Nonnen(?) tracht sündhaftes Rot hervorblitzen. Wie originell....
Im nächsten Kreissegment erwartet uns Rigolettos trautes Heim, zumindest sollte es das laut Libretto sein. Bekanntlich hält der Hofnarr seine geliebte Tochter streng unter Verschluss – warum sie also dann nicht gleich in einen Käfig sperren? Der sinkt wie ein Heißluftballon vom Schnürboden herab, nur dass statt des Ballons eine Wolke über dem „Korb“ schwebt. Würde Gilda womöglich statt des „Caro nome“ dann „Über den Wolken wird die Freiheit grenzenlos sein“ anstimmen? Nein, so weit ging Herr Audi dann doch nicht, albern fand ich dieses Bild trotzdem. Wenn ich Käfig schreibe, dann muss man sich auch den sehr stilisiert vorstellen: Ein Eisengestell, die Zwischenräume mit Holzplatten ausgefüllt, nach vorne zu mit einigen Planken in unregelmäßiger Anordnung abgesichert. (Bei der Entführungsszene entfernen die Höflinge die Holzfüllungen, sodass das verbleibende Stahlskelett nun wirklich an ein Gefängnis erinnert.) Gut gelöst ist der Auftritt des Duca, das Geplänkel mit Giovanna, seine Ungeduld, als Rigoletto nicht und nicht gehen will. Sonderlich originell ist das zwar alles nicht, aber immerhin stimmig, und als ein in Regiedingen nicht eben verwöhnter WSO-Besucher freut man sich schon über Brosamen. Die Entführungsszene ist selten frei von unfreiwilliger Komik, bei Audi hält sie sich sehr in Grenzen, und dass es den Höflingen um mehr geht, als dem verhassten Hofnarren nur einen Streich zu spielen, beweist die Brutalität, mit der sie die Zeugin Giovanna ermorden.
Am besten gefiel mir der zweite Akt, weil da zumindest hin und wieder eine Idee aufblitzte, die über eine bloße 1:1-Umsetzung des Librettos hinausging. Schon den Einfall, dass der Duca „Ella mi fu rapita“ vor dem nunmehr leeren Gilda“käfig“ singt, finde ich sehr gelungen, weil es seine Verzweiflung glaubhafter macht, man ihm wirklich abnimmt, dass er ehrlich bestürzt über ihr Verschwinden und in diesem Moment selbst davon überzeugt ist, das Mädchen zu lieben. Während des „Parmni veder le lagrime“ kehrt er zu seiner „Palast“hütte zurück und erfährt vom Streich der Höflinge. Dass erst in diesem Moment hinter seinem Rücken Gilda die Treppe hinaufgeschafft und auf die schmale Bank gelegt wird, wie eine Mumie in ihre Decke gehüllt, während ihre Entführer in der Haltung von Pleurants um sie herum knien, schmälert allerdings den positiven Gesamteindruck dieser Szene. Auch dass das Mädchen mit einem Schlag erwacht, als der Duca die Decke lüpft, ist eher komisch als plausibel. Psychologisch stimmig geht es dann aber weiter, als Gilda nach anfänglichem Entsetzen ihre widerstreitenden Gefühle zunächst nicht in den Griff bekommt, dann aber doch den Verführungskünsten des Duca erliegt und sich willig von ihm ins Schlafgemach führen lässt. Während dann Rigoletto unten mit den Höflingen um seine Tochter feilscht, taucht diese wieder oben auf der Treppe auf, in ein kostbares Gewand gehüllt, in dem sie sich sichtbar gefällt. Sie dreht sich um die eigene Achse, bemerkt ihren Vater überhaupt nicht, hängt sich verliebt an den Duca, der sie aber – und das finde ich ganz stark! - von sich weg schiebt und hinunter zu Rigoletto schickt: Er hat bekommen, was er wollte, nun hat er keine weitere Verwendung mehr für sie. Erst jetzt dreht sich der Hofnarr um und entdeckt seine Tochter, und in diesem Moment schließt der Duca das Tor. (Er hat das schon einmal gemacht, nach dem ersten Bild, und Rigoletto damit deutlich zu verstehen gegeben, wo sein Platz ist, nämlich nicht an unter den Höflingen, sondern draußen vor der Tür!)
Rigoletto führt seine Tochter weg, die Bühne dreht sich wieder und beide landen in jenem winterlichen Waldstück der Anfangsszene. Er reißt Gilda den Preis für ihre Schande, das Kleid herunter, sie selbst wirft den Schmuck dazu, als durchzucke sie plötzlich die Erkenntnis, dass sie sich hat bezahlen lassen wie eine gewöhnliche Dirne. Trotzdem liebt sie den Duca, daran ändert auch die folgende Szene nichts: Monterone wird von den Schergen an die Wand gestellt und mit der Hellebarde durchbohrt. Rigoletto packt Gilda im Nacken und zwingt sie, den blutigen Leichnam anzuschauen, in der Hoffnung, sie würde erkennen, an welches Monster sie ihr Herz gehängt hat.
Als sich nach der Pause der Eiserne hebt, verharren Rigoletto und Gilda vor dem Zwischenvorhang in einer ähnlichen Pose wie am Ende des zweiten Aktes. Auch der Winterwald hat sich nicht von der Stelle gerührt, bloß dass sich nun in seiner Mitte Sparafuciles Spelunke befindet. Was sich der Bühnenbildner zu dieser merkwürdigen Behausung gedacht hat, wüsste ich nur zu gerne. Beschreiben lässt es sich schwer: Ein pilzförmiges Gebilde, das ebenerdig eigentlich nur aus einem Raum in Doppeltürbreite besteht, darüber – wie aufgepfropft – eine etwas größere Kammer mit Holzjalousien. Das steil aufragende Dach ist ein Flickwerk aus verschiedenen Eisen- und Wellblechteilen, die ohne jede logische Anordnung (und wider die Gesetze der Schwerkraft) zusammengenietet worden sind. Ein futuristisches Lebkuchenhaus? Eine Anleihe bei den Hobbits? Völlig absurd , dass dieser so gediegen gekleidete und äußerst gepflegt wirkende Desperado in einer derartigen Bruchbude haust! An dieser Stelle möchte ich einen großen Schwachpunkt dieser Produktion ansprechen, nämlich die Diskrepanz zwischen Bühnenbild und Kostümen. Der extreme Minimalismus der Szenerie findet nämlich keine adäquate Entsprechung in der Bekleidung der Protagonisten, ganz im Gegenteil: Der Duca taucht zu Beginn in einem Outfit auf, der jeder antiqierten Met-Aufführung zur Ehre gereichen würde, in Rüschenhemd und neckischem Pluderhöschen. (In dem meiner Meinung nach 90% aller Tenöre albern aussehen, selbst wenn sie so wohl geformte Waden ihr eigen nennen wie Herr Beczala!). Später tauscht er das Spielhöschen gegen eine längere Pluderhose, das Rüschenhemd bleibt. Rigoletto läuft die ganze Zeit in einem schlammfarbenen, verschlissen und schlampig wirkenden Ensemble herum, nur eine schmutzig weiße Halskrause deutet auf seine Funktion als Hofnarr hin. Alles zusammen hat keinen einheitlichen Stil und passt wie gesagt überhaupt nicht zum Bühnenbild. Angeblich wollte Pierre Audi ganz andere Kostüme, aber Direktor Meyer bestand auf „schönen“. Nun, wenn die aktuellen tatsächlich seinem Schönheitsbegriff entsprechen, wundert mich nichts mehr......
Aber zurück zum 3. Akt! Die hoffnungsvollen Ansätze des 2. finden hier leider keine Fortsetzung, alles verläuft in völlig konventionellen Bahnen mit einer Extraportion an Absurdität, denn Gilda und Rigoletto bemühen sich die längste Zeit überhaupt nicht, ihre Anwesenheit vor dem Duca zu verbergen. Zeitweise ducken sie sich hinter einem der Bäumchen, was bei einem Stammdurchmesser von 5cm eine Lachnummer sondergleichen abgibt, oder sie stehen ganz ungeniert und ohne jede Tarnung in einigen Metern Entfernung neben ihnen. Auch dass Gilda stehend stirbt – gegen die Begrenzungswand gelehnt – bringt keinen Mehrwert, dafür die Schlussszene aber um einiges ihrer berührender Wirkung.
Alles in allem kann ich mit dieser Inszenierung leben, aber eine Liebesbeziehung wird es keine werden. Aber mehr darf man sich an der WSO auch nicht erwarten, leider......
Auf die musikalische Seite kann bei einer GP seriöser Weise nur unter Vorbehalt eingegangen werden.
Wie schon erwähnt, stand PAOLO RUMETZ zum ersten Mal als Rigoletto auf der Bühne und schlug sich wirklich sehr gut. Dem Regisseur fehlte es offensichtlich am nötigen Können und/oder Einfühlungsvermögen, die seelischen Deformationen des Hofnarren sichtbar zu machen, daher konzentrierte er sich auf die physischen Defekte. So jämmerlich humpelte schon lange kein Rigoletto über unsere Bühne, und dass Herr Rumetz diese gequälte Körpersprache drei Stunden lang perfekt durchhielt, ist bewundernswert. Natürlich darf man sich von einem Sänger, der seinen ersten Rigoletto singt, keine fertige Interpretation dieser komplexen Figur erwarten, aber die Ansätze sind schon einmal vielversprechend. Auch stimmlich ließ Herr Rumetz mit gutem Material aufhorchen, dass heute noch nicht alles perfekt gelang – siehe oben. Früher war es Usus, dass der Sänger der GP auch die PR singen durfte, aber davon ist unser lieber Direktor schon bei „Anna Bolena“ abgerückt, als der attraktivere D'Arcangelo bei der TV-Übertragung zum Zug kam. Eine solche gibt es auch am Samstag, noch dazu weltweit von insgesamt 60 Kinos übernommen– also schlechte Karten für den wackeren Ersatz für Simon Keenlyside, sollte dieser bis dahin genesen. (Was ich mir als Keenlyside-Fan natürlich wünsche und mich jetzt in einen Zwiespalt stürzt, wem ich die PR gönnen sollte....)
Als Duca fuhr PIOTR BECZALA bei der GP alles andere als einen Schonkurs, er pfefferte seine Spitzentöne ins Opernrund, dass es eine Freude war, spann herrliche Kantilenen, nur bei abschwellenden Tönen büßte sein Tenor phasenweise etwas an Leuchtkraft ein. Aber das ist jetzt meckern auf hohem Niveau! Sein engagiertes Spiel rundete eine ausgezeichnete Leistung ab. Erstaunlich, wie ungestüm er in der Maddalenaszene zur Sache ging, das hätte ich ihm in dieser Intensität gar nicht zugetraut!
ERIN MORLEY gab eine bezaubernd mädchenhafte Gilda, die allerdings wesentlich selbstbewusster auftrat, als man es gewohnt ist. Sie rebelliert gegen die restriktive Erziehung Rigolettos, der sie – aus gutem Grund - vom Leben fern halten will, daher hält sich auch ihr schlechtes Gewissen in Grenzen, dass sie ihm die Begegnung mit dem schönen Jüngling verschweigt. Sie kapiert auch überraschend schnell, was sie dem Duca bedeutet, nämlich nichts als ein Spielzeug, dessen er bald überdrüssig wird, und die Entschlossenheit, mit der sie trotzdem für ihn in den Tod geht, entspringt meiner Meinung nach weniger einer zu romantischen Idee von Liebe als der Einsicht, dass ihr Leben so oder so vorbei ist: Ihr Vater wird sie weiter einsperren, nun mit noch mehr Grund, als gefallenes Mädchen ist sie keine ehrbare Heiratskandidatin mehr, also stellt sich ihr die Frage, ob lebendig begraben so viel besser ist als gleich tot sein. Erin Morleys Sopran ist hell und apart timbriert, verfügt über leichte Höhen, aber ein so deutliches Vibrato bei einer noch jungen Sängerin stimmt doch bedenklich. Ich will mir nicht vorstellen, wie ausgeleiert sie womöglich in ein paar Jahren klingt.
Gar nicht gefallen hat mir ELENA MAXIMOVA als Maddalena, aber ich konnte schon bei der „Chowanschtschina“ die Begeisterung für sie nicht nachvollziehen. Zu Verdi passt ihre spröde, trockene Stimme nun gar nicht, auf verführerische Sirenentöne, wie man sie von der Maddalena gewohnt ist, wartete ich heute vergeblich. (Und ich fürchte, dieses grundlegende Manko wird sich bei der PR nicht in Luft auflösen!)
SORIN COLIBAN orgelte einen imposanten Monterone, großes Profilierungspotential bietet diese Rolle leider nicht. Das gilt auch für die restlichen Partien, wobei ich bei zumindest zwei Sängern ein „Gott sei Dank!“ hinzufügen möchte. Nein, die Namen nenne ich bei der GP nicht!
Mit vielen Vorschusslorbeeren wurde der Mann am Pult, MYUNG-WHUN CHUNG bedacht, die er für mich aber nicht ganz verdient. Vor allem seine ungewohnten Tempi irritierten mich, denn zumindest einmal dachte ich, das Orchester käme jetzt gleich völlig zum Stillstand.
Heute ging der Vorhang wieder hoch, was bei einer GP nur selten der Fall ist, und die Künstler durften sich schon einmal einen „Testapplaus“ abholen. Über die enthusiastischste Zustimmung durfte sich der wackere Einspringer Paolo Rumetz freuen, aber auch Erin Morley und Piotr Beczala ernteten Bravi und heftigen Applaus.
MEIN FAZIT: Weder Flop noch Top, drei sehr gute Sänger machten das Beste aus einer im Grunde belanglosen Inszenierung.
Lg Severina :hello
Billy Budd (18.12.2014, 23:33): Im Leben gibt es Momente, bei denen man am liebsten eine Zeitaufhaltemaschine verwenden möchte, da sie so wunderbar sind, daß man gar nie davon loskommen will (um ein bissl klugzuscheiißen: das Faust-Zitat „Werd ich zum Augenblicke sagen: „Verweile doch, Du bist so schön!““ trifft den Nagel auf den Kopf)... aber das sind GANZ andere Dinge als Opernaufführungen – auch die seit Menschengedenken allerbeste Vorstellung kann punkto Konservierungs- und Fortsetzungwunsch nicht einmal ansatzweise an die WIRKLICH wichtigen und schönen Dinge im Leben heranreichen. Aber dennoch erleb(t)e ich als fleißiger Opernbesucher nur seeehr selten eine Aufführung, die mich tief berührt und die ich gerne nochmals genau so erleben möchte (ist völlig unrealistisch, ich weiß...) – und obwohl die Arabella ja ein eher zaches Stück ist, war heute eine solche (naja, eigentlich nur im ersten Akt, denn nach der Pause hab ich öfters auf die Uhr geschaut, was ich bei dieser Oper aber eh zu machen pflege...). Hauptsächlich zu verdanken ist dies Genia Kühmeier, die einspringend (!) eine wahrhaft fabelhafte Zdenka gab – sie ist hier das Maß aller Dinge, und es ist unvorstellbar, daß das jemand besser als sie hinkriegen kann. Aber auch in der Titelpartie gab es eine deutliche Verbesserung, wiewohl dieselbe Sängerin wie am Freitag im Einsatz war: Anne Schwanewilms, die in letzter Zeit stets ziemlich mittelprächtig unterwegs war und auch die letzte Arabella so lala sang, hat heute gezeigt, was sie an einem guten Tag draufhat – dann klingt sie ja wirklich hervorragend gut (vom Feinsten war das Duett der beiden Schwestern)! Die dritte grandiose Leistung kam von Wolfgang Bankl, der sich heute in Topform befand. Dafür war Tomasz Konieczny ein bissl schwächer als zuletzt, im ersten Akt hat er einen kurzen Hänger gehabt, und mir schien er im Sparbetrieb unterwegs zu sein – wird also an der Tagesverfassung gelegen haben, Schwamm drüber. Herbert Lippert ist als Matteo überraschenderweise eine Wucht, diese Rolle bringt er wirklich sehr gut (trotzdem macht das aus ihm keinen guten Sänger), auch wenn er heute ein ganz extrem kleines bissl schwächer als am Samstag sang. Norbert Ernst gab einen guten Elemér, aber das restliche Personal ist außer der Fiakermilli von Daniela Fally keiner Erwähnung wert, Ulf Schirmer dirigierte sehr gut. Billy :hello
Billy Budd (18.12.2014, 23:40): Original von Severina PS: Habe jetzt eine halbe Stunde versucht, die Namen in Fettdruck zu setzen, aber trotz klappt's nicht X( X( X(! Mit "img" kanns auch nicht funktionieren :wink ... nimm "B" stattdessen!
Danke übrigens für den Bericht, aber war der Sänger des Sparafucile wirklich Dumitrescu? :wink Billy :hello
Severina (19.12.2014, 00:08): Original von Billy Budd Original von Severina PS: Habe jetzt eine halbe Stunde versucht, die Namen in Fettdruck zu setzen, aber trotz klappt's nicht X( X( X(! Mit "img" kanns auch nicht funktionieren :wink ... nimm "B" stattdessen!
Danke übrigens für den Bericht, aber war der Sänger des Sparafucile wirklich Dumitrescu? :wink Billy :hello
Ha! Gelungen" Tausend Dank!!!! Und ja, den Sparafucile sang in der Tat Dumitrescu, offensichtlich hatte das Virus nicht nur Keenlyside, sondern auch den ursprünglich vorgesehenen Ryan XY außer Gefecht gesetzt!
Kühmeier als Zdenka hätte ich auch gerne gehört, aber zweimal WSO an einem Tag war mir doch zu heftig. Aber das nennt man eine erfreuliche Umbesetzung!
lg Severina :hello
Billy Budd (19.12.2014, 00:40): Das hab ich nicht gewußt :) ... Dumitrescu wird ja anscheinend der Einspringer vom Dienst... wird Zeit, daß er öfters regulär angesetzt wird! :)
Glaub ich Dir nicht :haha : Das liegt hauptsächlich an Deinem (unzutreffenden) Arabella-Vorurteil, nicht am Tag der Aufführung. :haha :wink
Severina (19.12.2014, 01:28): Original von Billy Budd Das hab ich nicht gewußt :) ... Dumitrescu wird ja anscheinend der Einspringer vom Dienst... wird Zeit, daß er öfters regulär angesetzt wird! :)
Glaub ich Dir nicht :haha : Das liegt hauptsächlich an Deinem (unzutreffenden) Arabella-Vorurteil, nicht am Tag der Aufführung. :haha :wink
Ertappt :D :D :D :D :D!!!!
lg Severina :engel
Billy Budd (21.12.2014, 23:30): Juliane Banse wurde die undankbare Aufgabe zuteil, Genia Kühmeier zu ersetzen, und der Vergleich mit jener konnte nur zu ihren Ungunsten ausgehen. Dazu kommt, daß Frau Banse schon längst über die Zdenka hinaus ist (diese Rolle hat sie in den 90ern in Wien gesungen, zwischenzeitlich hat sie auch die Arabella in ihr Repertoire aufgenommen), und dementsprechend klingt ihre Stimme. Zwar hat sie alles richtig gesungen, sich also besonders in Anbetracht des kurzfristigen Einspringens gut aus der Affäre gezogen, aber schön (bzw. für die Zdenka passend) waren die von ihr produzierten Töne nicht. Was die anderen Sänger betrifft, wiederhole ich mich im wesentlichen: Anne Schwanewilms hat auch heute einen guten Tag derwischt, allerdings nicht einen ganz so guten wie am Donnerstag, Tomasz Konieczny und Wolfgang Bankl waren auch heute wieder spitze, Herbert Lippert sang wieder sehr gut. In den kleinen Rollen erfreute Clemens Unterreiner als Lamoral am meisten, Norbert Ernst und Daniela Fally fielen ebenfalls positiv auf, Carole Wilson hinterließ einen neutralen, Ulrike Helzel einen mittelmäßigen, Gabriel Bermudez einen schlechten Eindruck. Ulf Schirmer hat sich, wie er auch heute unter Beweis stellte, in letzter Zeit sehr positiv entwickelt. Billy :hello
Billy Budd (01.01.2015, 04:45): „Ich sterbe vor Langeweile, jedes Jahr die gleichen Witze!“, beschwerte sich der von Elisabeth Kulman verkörperte Orlofsky, und das war mir wahrlich aus der Seele gesprochen. Die Fledermaus halte ich ohnehin nur dann aus, wenn die gesanglichen Leistungen durchgehend viel Freude machen und die üblichen Frosch-Witze nicht zum xtenmal wiedergekäut werden – heute war leider weder das eine, noch das andere der Fall. Aber immerhin, Elisabeth Kulman war ein fabelhafter Orlofsky, der auch Russischkenntnisse unter Beweis stellte (ich erinnere mich nicht daran, diese Rolle jemals irgendwo besser gehört zu haben), und auch Adrian Eröd, der heute vom Falke zum Eisenstein avanciert ist, machte es ganz hervorragend. Ferner waren Frank und Alfred mit Alfred Šramek und Norbert Ernst wirklich gut besetzt, was auch für den Falke von Clemens Unterreiner gelten könnte, wenn jener es ließe, so penetrant zu übertreiben. Katastrophal schlecht war die Rosalinde der Juliane Banse (die Höhen klangen allesamt gequält, und, was im Vergleich dazu das kleinere Übel war, keine Spur einer österreichischen Stimmfärbung war zu hören). Daniela Fally war als Adele heute so lala. Eher mickrig fiel der Frosch des Peter Simonischek aus, denn die eh schon wohlbekannten Pointen brachte er mehr oder weniger gelangweilt (nur eine einzige Anspielung – übers Rauchverbot – war neu), außerdem sprach er kein Wienerisch („zerscht“ sagt man in Wien nicht für „zuerst“), sondern mehr oder weniger Einheits-Österreichisch. Peter Jelosits fiel in einer kleinen Rolle positiv auf, Annika Gerhards aber negativ. Als heuriger Stargast brachte Piotr Beczala die Maskenball-Arie „Di tu se fedele“ und das Lehársche „Dein ist mein ganzes Herz“ – beides leider mit einer mit Druck in die hohe Lage geschraubten Stimme, das tat schon beim Zuhören weh (gestern im Rigoletto solls nicht anders gewesen sein). Patrick Lange dirigierte tadellos. Fazit: Da hats schon bessere Fledermäuse gegeben (z.B. im September an der Volksoper). Billy :hello
pavel (01.01.2015, 13:55): "Zerscht kumt da Weana, dann kommt da Behm"
Billy Budd (15.01.2015, 23:12): Insgesamt wars ok, aber Funke ist keiner übergesprungen, was hauptsächlich Simone Young zuzuschreiben ist, die aufgrund sehr eigenwilliger Tempovorstellungen (zu Beginn des Schleiertanzes zu schnell, aber insgesamt viel zu langsam) und fehlender Dynamik für Langeweile sorgte. Herwig Pecoraro hat mir aber sehr gut gefallen, mittlerweile singt er den Herodias besser als im Vorjahr. Catherine Naglestad machte in der Titelpartie alles richtig, klang aber – das ist nur eine kleine Einschränkung – stellenweise sehr scharf. Tomasz Konieczny gab statt Juha Uusitalos den Jochanaan. Zwar dünkt mich, daß ihm diese Rolle zu hoch liegt, aber nichtsdestotrotz hinterließ er einen sehr guten Eindruck, wenngleich er vermutlich aufgrund der parallelen Tristan-Serie nicht alles gab. Elisabeth Kulman ist ein Garant für eine tolle Herodias (Iris Vermillion hat mir noch besser gefallen!). Mit Norbert Ernst war der nach viel zu vielen Osunas und Talabas der hundige Narraboth wirklich gut besetzt, Ulrike Helzel klang jedoch als Page zu schrill. Eine Katastrophe waren die fünf Juden (Jason Bridges, Michael Roider, James Kryshak, Benedikt Kobel und Ryan Speedo Green), aus dieser Truppe stach niemand anderer Kobel positiv hervor, und das sagt eh schon alles; Dan Paul Dumitrescu und Clemens Unterreiner waren deutlich bessere Nazarener-Besetzungen als üblich zu hören sind; Alfred Šramek war als Erster Soldat gerade noch in Ordnung, Il Hong war als Zweiter Soldat – wie konnte es anders sein – stark unterdurchschnittlich. Naja, besser als im Herbst wars schon, aber das ist kein Qualitätsmerkmal... Billy :hello
Billy Budd (16.01.2015, 23:21): Tschaikowskis Pique Dame hab ich erst einmal erlebt, und das liegt schon über vier Jahre zurück, insofern kann ich keine kompetenten Eindrücke abliefern, aber dennoch schreib ich ein bissl was: Marjana Lipovšek is back, und ihr Wiener Rollendebüt als Gräfin erzeugte Vorfreude. Im Gegensatz zu anderen Interpretinnen dieser Rolle verwaltet sie noch eine brauchbare Stimme, was sich aber als kein Hindernis beim Erzeugen von Stimmung erwies (und darauf kommts ja schließlich in dieser Rolle an). Aleksandrs Antonenko, dessen Stimme in der Höhe eher kehlig klingt, was aber kein Nachteil war, denn Höhen hinauskleschen konnte er auch so, brauchte ein paar Minuten zum Warmwerden, bot aber danach einen sehr guten Hermann. Barbara Haveman hat mir als Lisa sehr gefallen, aber die beste Leistung erbrachte Markus Eiche als Jeletzki. Schwach fiel hingegen der Tomski des Tómas Tómasson aus. In den kleinen Rollen machten Thomas Ebenstein, Clemens Unterreiner, Elena Maximova und Caroline Wenborne eine bessere Figur als Sorin Coliban (was er aus seiner wunderbaren Stimme NICHT macht, ist skandalös) und Janusz Monarcha; schlecht zogen sich Benedikt Kobel und Aura Twarowska aus der Affäre. Marko Letonja stand am Pult und sorgte nicht durchgehend für einen reibungslosen Ablauf (auch auf der Bühne gabs keinen solchen, den Statisten wäre beinahe die Bahre mit der Gräfin heruntergefallen). Billy :hello
Rotkäppchen (17.01.2015, 09:00): Hallo Billy,
sag' mal, wie ist das denn mit eurer Pique-Dame-Inszenierung -- ist die aus der "Neuzeit" :wink ??
LG, Rk
Severina (17.01.2015, 10:39): Liebes Rotkäppchen,
ich bin zwar nicht Billy :wink, aber trotzdem eine kurze (Bin auf dem Sprung zum Bahnhof) Antwort: Ja, die Inszenierung ist modern! Vera Nemirova verlegt die Handlung ins postkommunistische Russland: Die Gräfin kehrt aus dem EXil zurück, ihr ziemlich heruntergekommener Palast wurde restituiert, aber es herrscht Aufbruchsstimmung. Sie erscheint mit einem Architektenteam mit Jeletzki an der Spitze, das sofort daran geht, alles zu vermessen und Umbauten zu planen. Zuvor müssen aber die Waisenkinder, die in der kommunistischen Ära in dem enteigneten Gebäude untergebracht gewesen sind, ihre Koffer packen und traurig abziehen. (Auch zuvor hatten sie es nicht lustig, denn ihre Aufseherinnen führen ein militärisch-zackiges Kommando.) Dieses Konzept geht zum Großteil sehr gut auf, nur der Schluss gefällt mir nicht. Allerdings hat diese Inszenierung inzwischen auch schon etliche Jährchen auf dem Buckel und ich weiß daher nicht, wie viel von Frau Nemirovas Regie in der aktuellen Serie noch sichtbar ist. Da kann Dir dann Billy genauere Auskunft geben!
lg Severina :hello
Rotkäppchen (17.01.2015, 17:11): Liebe Severina,
vielen Dank für deine Erklärungen! Ich finde die Idee, die Gräfin aus dem Exil zurückkehren zu lassen, ziemlich raffiniert -- so eine Inszenierung könnte mir gefallen ... das Ende der Oper ist doch so oder so nicht gerade spaßig :wink.
LG, Rk
Billy Budd (18.01.2015, 01:01): Liebes Rotkäppchen! Severina hat mit die Arbeit abgenommen. :wink Da ich nicht weiß, wie die Inszenierung früher beisammen war, kann ich nicht beurteilen, inwieweit sie mittlerweile verschlampt ist (die Regisseurin soll sich am Freitag bei den Vorhängen gezeigt haben, vielleicht hat sie diese "Wiederaufnahme" mitbetreut)... Mir gefällt sie jedenfalls. :) Billy :hello
Rotkäppchen (18.01.2015, 01:48): Lieber Billy,
vielen Dank für die Infos. Hab' gerade den Trailer gefunden, da sind ja wirklich schön aufreizende Szenen zusammengeschnitten, gefällt mir ganz super -- naja, du kriegst vielleicht die Krise, da schreit dir gleich am Anfang eins deiner Lieblings-Feindbilder TRI KARTI ins Ohr. :haha
LG, Rk :hello
Billy Budd (18.01.2015, 02:03): Hehehe, war das ein Versuch, mich zu foltern?! :haha :haha Aber sofern er nicht was wie "Recondita armonia" singt, hab ich eh nix gegen seine Stimme. :)
Da wir grad bei den Videos sind :wink : Diese Inszenierung vom Tristan steht derzeit am Spielplan (morgen - na, eigentlich schon heute - bin ich drinnen). Billy :hello
Rotkäppchen (18.01.2015, 10:09): Lieber Billy, ja klar, ich wollte dich foltern! Das war meine Rache für deinen frechen Kommentar kürzlich nach meinem Tosca-Posting. :haha
Den heutigen Tristan habe ich als Livestream gebucht, nachdem mich die stiffelio, die sich das auch anschaut, dazu angestiftet hat :). Bin gespannt. Dir wünsche ich natürlich einen tollen Abend in der Oper.
Ciao, Rk :hello
Billy Budd (18.01.2015, 14:27): Hehe, na wenn Du mich weiterhin foltern willst, kriegst Du viiiiiiel furchtbarere Links! :haha :haha (auf Youtube gibts ein paar von Benedikt Kobel... :cool )
Danke! Bin gespannt, wer dann was im Forum schreibt! :)
Billy Budd (18.01.2015, 23:52): Den heutigen Abend werde ich besonders in Erinnerung behalten, aber nur deswegen, weil ich aus nächster Nähe und als teilweise Involvierter erlebt hab, wie schnell ein harmlos beginnender Stehplatzstreit zu Handgreiflichkeiten, Herumgebrülle und einer langen Sitzung im Polizeizimmer ausarten kann... Die Aufführung hat mich aber nicht vom Hocker gerissen: Peter Seiffert hatte einen sehr guten Start, begann aber im zweiten Akt zu krächzen und brachte den dritten dank guter Technik und vollem Einsatz solide zu Ende. In Anbetracht seines hohen Alters gelang ihm eine sehr achtbare Leistung, aber einen guten Tag hatte er heute nicht (im Gegensatz zum Samstag, da wars laut einer bombensicheren Quelle extrem gut). Iréne Theorin hingegen überraschte nach ihrer abenteuerlich schlechten Venus als Isolde positiv, obgleich sie zu Beginn sparte, sich aber auch später zurückhielt. Ihre Stärken lagen im Piano-Bereich, viele laute Töne klangen unschön. Die beste Leistung bot Tomasz Konieczny als Kurwenal, auch wenn seine Stimme ein bissl erschöpft klang (angesichts den Parallelauftritten als Jochanaan kein Wunder). Petra Lang sang ihre angeblich letzte Brangäne, und sie schien noch nicht vollständig genesen (die anderen beiden Aufführungen hat sie abgesagt), denn sie produzierte eine Reihe falscher Töne, garniert mit viel zu starkem Vibrato (ansonsten ist sie eine sehr verläßliche Sängerin). Ein Totalausfall war der Marke von Albert Dohmen (ein Buhrufer war hörbar, und ihm kann man nicht widersprechen), denn er leierte diese Rolle leise und fahl herunter und erweckte nicht den geringsten Eindruck, an der Geschichte irgendwie beteiligt und dadurch tief verletzt zu sein. Gabriel Bermudez (Melot) und Carlos Osuna (Hirt) fielen in den Nebenrollen negativ auf, noch negativer tat dies Jason Bridges (Seemann). Il Hong ist das Kunststück gelungen, in der winzigen Rolle des Steuermanns einen extrem negativen Eindruck zu hinterlassen (wer auch immer diesen total unfähigen Bassisten engagiert hat, gehört sofort einer Ohrenuntersuchung unterzogen). Peter Schneider dirigierte hervorragend (endlich wieder einmal ein richtiger Dirigent bei Wagner und nicht diese Minderleister wie Thielemann oder Welser-Möst), auch wenn das Orchester nicht recht auf Zack war. Billy :hello
Rotkäppchen (19.01.2015, 14:18): Hallo Billy,
das ist jetzt nicht Dein Ernst, dass Ihr in der Oper eine Prügelei hattet?
Den Livestream kann man wohl kaum mit dem, was Du so berichtest, vergleichen. Ich hatte den Eindruck, dass die Lautstärkenbalance zwischen Stimmen und Orchester technisch korrigiert wurde, denn ich konnte beim besten Willen nicht heraushören, wer besonders leise oder zurückhaltend und wer "normal" gesungen hätte.
Die Inszenierung hat mir ästhetisch sehr gut gefallen, die Figuren blieben für mein Empfinden eher stilisiert. Koniecznys Kurwenal war da eine Ausnahme, der kam doch schön menschlich rüber und die Stimme ist echt interessant.
Ein richtiger Tristan-Fan bin ich nach wie vor nicht, aber die WSO-Version ist doch ein ganzes Stück spannender als der sterbenslangweilige Tristan, den ich hier in Dresden einmal und nie wieder gesehen habe.
hier nun auch noch mein unmaßgeblicher Senf zur gestrigen Übertragung. Vorab zur Erklärung: meine Tristan-Prägung erfolgte durch Rene Kollo und Johanna Meier in der Bayreuth-Aufnahme von 1983. Insofern war es eine Wohltat, mit Seiffert einen Tristan zu erleben, bei dem man jederzeit das Gefühl hatte, dass er mühelos über das Orchester kommt. Das ist in dieser mörderischen Partie wirklich eine Leistung! Allerdings hatte Kollo im darstellerischen Vergleich tatsächlich an einigen Stellen die Nase vorn, was auch (aber nicht nur!) an der Inszenierung gelegen haben kann. Ich stimme euch beiden zu, dass Konieczny die interessanteste Leistung des Abends bot. Sein Bösewicht-Timbre passte überraschend gut zu dieser Kurwenal-Gestaltung, die Kurwenal nicht auf den farblos-treuen Diener reduzierte, sondern ihm ein eigenes, auch zwiespältiges Profil verlieh. Seine Provokation im 1.Akt war überzeugend und seine Verzweiflung im 3. Akt berührend. Da Severina hier bereits Schmeckenbecher für seine Kurwenal-Darstellung gelobt hat, halte ich es aber auch für möglich, dass McVicar zur Rolle des Kurwenal tatsächlich am meisten eingefallen ist - und zu Marke möglicherweise am wenigsten. Mir fehlen aufgrund eines Computer-Absturzes (u.a.) einige Minuten von Marke im 2. Akt, aber ich kann nicht sagen, dass mir Dohmen extrem negativ aufgefallen wäre. Ich muss aber sagen, dass weder Salminen auf der Bayreuth-DVD noch irgendein andere Marke auf DVD mich bisher vollständig überzeugt, bzw. auch darstellerisch mitgerissen hätte. Falls also jemand da ein (YT?)Beispiel hat, das diesen Zustand ändern könnte, bin ich für Hinweise dankbar. Bei Frauenstimmen fühle ich nach wie vor noch inkompetenter in der Beurteilung als bei Männerstimmen und so will ich es damit bewenden lassen, dass ich bis auf ein paar etwas schrille Höhen im 3. Akt an Theorin nichts auszusetzen hatte und stimmlich auch nichts an Lang als Brangäne.
Die bereits von Severina angemahnte mangelne Personenregie kann ich noch insofern ergänzen, dass mir das auch im 3. Akt beim Eintreffen von Marke, das eigentlich alle Voraussetzungen für eine der wenigen aktionsreichen Szenen mitbringt, besonders schmerzlich aufgefallen ist: außer ein bisschen unmotiviert wirkendes Herumlaufen kam da nichts. Das Bühnenbild und die Kostüme fand ich wie Rotkäppchen sehr ästhetisch (was ja nicht selbstverständlich ist), der Hammer waren die Sternenglitzer-Umhänge von Isolde und Tristan im 2. Akt. Eine geniale Idee, denn in diesem extrem langen Liebesduett kam wenigstens durch den Glitzer bereits bei sparsamer Gestik Bewegung in die Optik. Mir hätte auch im 3. Akt dieses Kostüm bei Isolde viel besser gefallen als dieses rote Kleid mit der blödsinnig langen Schleppe, die sie fast bewegungslos machte und insbesondere ihren Auftritt durch das erzwungene Schneckentempo völlig kaputt machte. So kommt doch keine Liebende zu ihrem todwunden Geliebten herangeschlichen! Oder kann mir jemand eine einleuchtende Erklärung für die Notwendigkeit dieser Schleppe geben?
na, dann gebe ich auch nochmal ein paar ebenfalls unmaßgebliche :P Kommentare ab:
* Isoldes Riesen-Schleppe im 3. Akt hat mich auch irritiert und ich habe sie am ehesten als Schleppe eines Hochzeitskleides gedeutet. Isoldes Verklärung oder wie auch immer man es ausdrücken will, stellt ja auch so etwas wie eine Hoch-Zeit im Wortsinn dar. Naja, wer weiß, wie es wirklich gemeint war.
* Zu Iréne Theorin möchte ich Billy insofern beipflichten, als dass ich ihre Venus (den Tannhäuser-Livestream habe ich einst auch gesehen) ebenfalls schwächer (wenn auch nicht sooo schrecklich schlecht :)) fand. Ihre Mittellage klang da irgendwie ungesund hohl, so dass mir schon beim Zuhören der Hals schmerzte. Das war jetzt bei der Isolde gar nicht so, ich fand ihr Timbre für eine (hoch-)dramatische Sopranistin sogar recht schön.
* Albert Dohmen ist mir auch negativ aufgefallen. Das hatte aber weniger mit seinem Gesang zu tun, obwohl ich ihn sehr unschön timbriert fand, womit ich allerdings hätte leben können. Er hat sich (das geht jetzt ein bisschen OT, war aber sehr ärgerlich) in einem Pauseninterview, das eigentlich ein Monolog war, ziemlich disqualifiziert, auch wenn vermutlich nicht alles, was er sagte, falsch ist. In einem grauenvoll oberlehrerhaften Ton gab er dort Statements zum Regietheater, Type-Casting, zu Sängerkarrieren etc. ab, dass man den Eindruck hatte, man wäre unfreiwillig auf eine Wahlkampfveranstaltung geraten -- eine sehr unangenehme Begegnung! Ich habe ja schon einige Pauseninterviews bei solchen WSO-Livestreams gesehen, so etwas Kurioses war da noch nie dabei und wird es hoffentlich auch nicht wieder sein, da ich eigentlich keine Lust habe, mich in einem recht stattlich bezahlten Stream so belehren zu lassen X(.
LG, Rk
Billy Budd (20.01.2015, 00:13): Hallo Ihr beiden! :) Schön, daß sich hier eine Diskussion entwickelt hat! :beer
Oh ja, das mit der Prügerlei ist tatsächlich passiert... Auslöser war, daß eine Stehplatzbesucherin, die bei allen sehr unbeliebt ist, permanent mitgesungen (!) hat und nicht zu bewegen war, damit aufzuhören... dann ists halt eskaliert. :D
Die Inszenierung gefällt auch mir, von dem Matrosenballett, dessen Sinn mir nicht erschließt, abgesehen... die Figur sind eher stilisiert, das sehe ich auch so. Was mir extrem gefällt, ist das Untergehen der Sonne am Ende... kitschig, ich weiß, aber ich steh trotzdem drauf! :engel :J
Der Tristan ist (wie der Tannhäuser) eine Mörderpartie, insofern sind wir dem Seiffert eh alle sehr dankbar, es so geschafft zu haben... (nur war er im Sept. 2013 besser!) Danke für den Hinweis mit Kollo+Meier, hab da eben auf Youtube hineingehört, gefällt mir ausgezeichnet! (ich dachte anfangs, es handle sich um Waltraud Meier :J )
Schmeckenbecher hat auch mir als Kurwenal sehr gut gefallen.
Überzeugender Marke: Ich "nominiere" Stephen Milling! (hab leider auf die Schnelle kein Youtube-Beispiel gefunden) Er war unsere Premierenbesetzung, hat zwar ein paar hohe Töne geschmissen, aber ansonsten alles wunderbar gemacht. Beeindruckend war, daß er seinen Monolog ziemlich leise gesungen hat, aber das "Verrat" durch viel mehr Lautstärke hervorhob. Das war wirklich packend, denn damit hat er den Charakter dieses tief verletzten Mannes gut vermittelt.
Die Streams sind viel zu teuer ("stattlich bezahlt" ist untertrieben :wink ), das finde ich nicht in Ordnung...
@ Stiffelio: Bitte hör auf, Dich selber herunterzumachen ("unmaßgeblich")! Deine Meinung zählt genauso viel wie meine oder die eines anderen! Wir haben nur andere Zugänge, die aber nicht unterschiedlich viel wert sind. :) Billy :hello
Billy Budd (20.01.2015, 00:34): Eine wirklich erfreuliche Sache war die heutige Salome! Sehr positiv überrascht hat mich das Dirigat von Simone Young, das um einiges besser als am Donnerstag ausgefallen ist: Zwar gerieten manche Stellen schlampig (das Orchester hat aber auch teilweise einen Schmarrn zammgspielt), aber gewisse Passagen wurden so herausgearbeitet, wie ich sie noch nie gehört habe (z.B. die Geigen bei „Er ist in einem Nachen...“). Insofern verbuche ich Youngs Leistung als interessante Abwechslung, freue mich aber schon auf Peter Schneider im Juni. Ein weiteres Mal wurde offenbar, daß die Qualität der Salome-Interpretin in Wahrheit für das Gelingen einer Aufführung kaum relevant ist, denn wiewohl es Catherine Naglestad schlechter als beim letztenmal machte (sie hat zwar alles richtig gesungen, aber die Stimme klingt total unschön), war der Gesamteindruck positiv. Herwig Pecoraro hat einen sehr guten Tag derwischt, er hat sich kontinuierlich gesteigert und bot heute einen wirklich tollen Herodes (daß es ein junger „Syrier“ und kein „Syrer“ ist, hat er aber noch immer nicht überrissen, was solls...). Mein Highlight war aber der Jochanaan von Tomasz Konieczny, denn obwohl ihm ein paar kleine Probleme zu schaffen machten (beispielsweise das Ü bei „daß er Dir Deine Sünden vergebe“), lieferte er eine packende Darbietung (nach den ausgesungen Jochanaans der letzen Zeit eine Offenbarung). Mit seiner sehr interessant klingenden Stimme konnte er sowohl an den gewissen Stellen ganz gewaltig losdonnern, aber auch die wunderschöne Passage vom See von Galiläa sanft gestalten. Konieczny ist wahrhaft ein toller Sänger, denn er hat in den letzten Jahren fleißig an sich gefeilt und zählt mittlerweile zur absoluten Weltklasse. Herodias und Narraboth sind ja zwei sehr undankbare Partien; um so erfreulicher, daß sie in Elisabeth Kulman einen ausgezeichneten und in Norbert Ernst einen sehr guten Interpreten fanden. Die Schwachpunkte lagen aber, von der Titelrollensängerin abgesehen, in den Nebenrollen: Ich liebe die kurze Stelle der Nazarener, und heute waren mit Dan Paul Dumitrescu und Clemens Unterreiner zwei Ensemblemitglieder aufgeboten, die Potential hätten, sie wunderbar hinzukriegen, aber sie lieferten sich anscheinend einen Wettkampf im Brüllen („Jawohl, er erweckt die Toten!“ klang nach einem mißglückten Mannenruf aus der Götterdämmerung). Ulrike Helzel machte als Page keine Freude. Die fünf Juden waren alles in allem ungenügend: Zwar bot Jason Bridges eine einigermaßen passable – dennoch die schlechteste, an die ich mich erinnern kann – Leistung, Michael Roider war zum Schämen (er kann mittlerweile ja gar nicht mehr singen), James Kryshak war viel zu unscheinbar, Benedikt Kobel war Benedikt Kobel (das kommentiert sich selbst), und Ryan Speedo Green reichte an Walter Fink (der diese Rolle im Abonnement sang) nicht im Geringsten heran. Alfred Šramek (erster Soldat) war vergleichsweise gut bei Stimme, Il Hong setzte den zweiten Soldaten auch heute in den Sand. Ingesamt wars also eine sehr erfreuliche Vorstellung. Da freu ich mich doch schon glatt auf die am 27. Jänner! Billy :hello
stiffelio (20.01.2015, 20:13): Original von Billy Budd @ Stiffelio: Bitte hör auf, Dich selber herunterzumachen ("unmaßgeblich")! Deine Meinung zählt genauso viel wie meine oder die eines anderen! Wir haben nur andere Zugänge, die aber nicht unterschiedlich viel wert sind. :)
Lieber Billy,
keine Sorge, ich habe kein Interesse daran, mich generell herunterzumachen oder meinen Zugang für weniger wert zu halten. Aber ich möchte schon unterscheiden, ob ich meine Meinung in einem fundierten Kontext äußere (z.B. wenn ich mich mit einer bestimmten Oper oder ihrer Inszenierung lange gedanklich auseinandergesetzt habe) oder einfach nur einen unqualifizierten Eindruck wiedergebe. Ich kann gerade mal erkennen, ob ein Sänger eine bestimmte Tonhöhe trifft und ob mir seine Stimme ganz subjektiv gefällt, aber ich kann weder z.B. seine Technik beurteilen noch seine Singstimme fachlich beschreiben. Meist noch nicht einmal sein "echtes" Volumen, da ich ja fast nur tontechnisch bearbeitete Stimmen höre. Insofern hätte ich noch deutlicher machen können, dass sich das "unmaßgeblich" vor allem auf die Beschreibung der sängerischen Leistungen bezog. Allerdings kenne ich Tristan und Isolde bei weitem noch nicht gut genug, um meine Meinung zu dieser Oper an sich für maßgeblich zu halten (immer auf den Rahmen dieses Forums bezogen). Z. B. zum Fidelio wirst du aber eine solche Äußerung von mir nicht lesen. :wink
VG, stiffelio
Billy Budd (20.01.2015, 22:37): Verstehe, dann ist alles klar! :beer
Billy Budd (23.01.2015, 23:00): Daß die Interpretin der Titelrolle auf das Gelingen einer Salome-Aufführung sehr wenig Einfluß hat, wurde auch heute offenbar: Catherine Naglestad ist eigentlich nichts vorwerfbar (die Töne waren dort, wo sie hingehören), aber trotzdem hat sie mir nicht gefallen, da ihre Stimme eher häßlich klingt. Deutlich bessere Eindrücke hinterließen die Sänger der anderen Hauptrollen: Tomasz Konieczny war heute großartig (alle Stellen, bei denens am Montag noch gehapert hat, hat er heute sehr gut hinter sich gebracht); Herwig Pecoraro war bis zum heiklen "Steh nicht auf, mein Weib, meine Königin" echt grandios (bis dahin hab ich ihn in dieser Rolle noch nie besser gehört), aber nach dem Tanz sind ihm offenbar die Kräfte ausgegangen, also hat er gespart und konnte dadurch die Vorstellung noch solide zu Ende bringen; Norbert Ernst war noch besser als zuletzt; Elisabeth Kulman war exzellent (auch schauspielerisch!). Stark positiv überrascht hat mich das Dirigat von Simone Young, heute wars super! Die Nebenrollen hingegen waren auch heute der Staatsoper fast ausnahmslos nicht würdig besetzt. Insgesamt also eine tolle Aufführung (ich hab kein einziges Mal auf die Uhr geschaut!)! Billy :hello
Billy Budd (27.01.2015, 23:06): Ja, normal ist es nicht, sich dieselbe Oper zum viertenmal in unmittelbarer Folge anzuhören... immerhin hab ich eine ziemlich gute Aufführung erlebt: Herwig Pecoraro hat sich heute seine Kräfte gut eingeteilt und ist mittlerweile eine sehr gute Besetzung (wenn mich nicht alles täuscht, hat er heute korrekterweise von einem "Syrier" gesungen; das ist zwar nur eine Kleinigkeit, gibt aber Auskunft, ob ein Sänger an sich arbeitet), über einen kurzen Textaussetzer kann man hinwegsehen. Ein solcher kam auch Catherine Naglestad unter, aber entweder hab ich mich bereits an ihre Stimme gewöhnt (das halt ich für wahrscheinlicher) oder hat sich tatsächlich verbessert. Ihre Stimme klingt zwar wirklich nicht schön, weist aber ein extrem schwaches Vibrato auf (sie kommt ja vom Barockfach) und ihre Besitzerin singt alles richtig. Tomasz Konieczny klang ein bissl erschöpft, war aber dennoch ein sehr guter Jochanaan; Elisabeth Kulman gab eine tolle Herodias, Norbert Ernst einen überdurchschnittlich guten Narraboth. Unter den Nebenrollen sind Dan Paul Dumitrescu (oh Wunder, heute hat er gesungen und nicht gebrüllt und dadurch der Nazarener-Stelle den ihr gebührenden Glanz verliehen) und Alfred Šramek (heute besser als üblich) positiv aufgefallen, der Rest war großteils gleich mies wie in den letzten Vorstellungen. Simone Young dirigierte sehr interessant (das ist positiv gemeint); irgendwer hat sie sehr vehement ausgebuht, also haben andere und ich noch lauter Bravo gebrüllt, Frau Young stand unten und schien den Wirbel um ihre Person zu genießen. Billy :hello
Rotkäppchen (27.01.2015, 23:52): Hallo Billy,
mir war Catherine Naglestad lange Zeit ausschließlich durch ihre sensationelle Alcina-Interpretation, die es auf DVD gibt, bekannt. Ich fand ihre Stimme für diese Rolle sehr schön*: http://youtu.be/ueMAOcTiu74?t=1h29m42s
Ist allerdings von 1999 ... alles sehr lang her, seufz.
LG, Rk
* ganz zu schweigen vom Kostüm :D.
Severina (27.01.2015, 23:54): Lieber Billy,
warte, bis der "Don Pasquale" startet, da toppe ich Deine Viererserie locker :D :D :D :D :D :D :haha! lg Severina :hello
Billy Budd (27.01.2015, 23:54): Ja, mittlerweile singt sie ein sehr breitgefächertes Repertoire (inkl. Brünnhilde!) :down Danke für den Link! Billy :hello
Billy Budd (27.01.2015, 23:55): Original von Severina Lieber Billy,
warte, bis der "Don Pasquale" startet, da toppe ich Deine Viererserie locker :D :D :D :D :D :D :haha! lg Severina :hello Hahahaha :J :J :J Wetten wir? :D
Billy Budd (29.01.2015, 22:52): Bekanntlich bin ich ja gar kein Verdi-Fan, aber Trovatore und Simon Boccanegra mag ich; insofern war Grund genug, um heute in die Oper zu gehen. Die angekündigte Besetzung (Nucci, Furlanetto, Frittoli und Vargas) liest sich wie ein Who-is-who vergangener Opernzeiten... und alles in allem klang sie auch dementsprechend. Letzterer hat allerdings abgesagt, und der eingesprungene Stefano Secco machte seine Sache passabel; er hat eine tadellose Allerweltsstimme, die in der Höhe eher unangenehm klingt. Leo Nucci hat fertn einen wunderbaren Rigoletto gesungen, aber seine heutige Darbietung war deutlich schlechter. Der Boccanegra liegt ihm grundsätzlich nicht, denn in dieser Rolle kommt es auf Gestaltung an, und daran scheiterte er. Wieviele Gefühle hat beispielsweise Hampson vermittelt! Bei Nucci hingegen klang alles gleich (sei es, daß er des Todes Marias gewahr wird, sei es, daß er seine Tochter wiederfindet, sei es, daß er vom Meer phantasiert, sei es, daß etc.). Außerdem ist seine Stimme ausgesungen, und die Gesangstechnik hat sich über die Jahre natürlich auch nicht gebessert (das Hinaufziehen der Töne klingt nach wie vor ziemlich eklig). Insgesamt wars zwar keine Katastrophe, aber gut ist was ganz anderes. Bedauerlicherweise war auch Ferruccio Furlanetto nicht auf der Höhe, heute hatte er einen schwachen Abend. Positiv überrascht hingegen war ich von Barbara Frittoli: Auch sie hat ihre besten Zeiten hinter sich, was aber nur ein starkes Vibrato verriet; ansonsten hat alles gepaßt. Gut zogen sich die Ensemblemitglieder (Marco Caria/Paolo, Dan Paul Dumitrescu/Pietro und Jinxu Xiahou/Hauptmann) aus der Affäre. Philippe Auguin dirigierte wie üblich eher schlecht. Definitiv keine Aufführung, die man miterlebt haben muß. Billy :hello
Severina (29.01.2015, 23:16): Das beruhigt mich, denn so ähnlich habe ich es mir vorgestellt. Eigentlich hätte mich von dieser Besetzung nur Furlanetto gereizt, aber wenn der auch keinen guten Tag erwischt hat, habe ich wahrlich nichts verpasst. Denn bei meiner liebsten Verdioper bin ich heikel, die lasse ich mir nicht gerne verhunzen :cool!
lg Severina :hello
Billy Budd (30.01.2015, 00:42): Liebe Severina! Ich muß mich bei Dir entschuldigen, denn ich hab vorher ganz absichtlich einen Blödsinn geschrieben: Die heutige Aufführung war wunderbar: Nucci wie 30 Jahre jünger, Furlanetto traumhaft (das mit dem "schwachen Abend" war ein Schmäh), Secco ein zweiter Kaufmann :haha :D :haha, und die Sopranistin so wie Genia Kühmeier. Darüber hinaus hat der zufällig anwesende Otto Schenk der Stein-Inszenierung eine so richtig packende Personenführung verpaßt - das war atemberaubend! Darüber hinaus hat er diese todlangweilige Oper auch musikalisch auf Vordermann gebracht (Fiescos furchtbares "Prega, Maria, per me" wurde ausgespart, damit die Vorstellung früher aus is). Und das Allerbeste: Benedikt Kobel war in der kleinen Rolle des Hauptmanns auch noch mit dabei und hat damit dem Abend besonderen Glanz verliehen! Du hast also wirklich was versäumt!!!!! Tut mir echt leid! Billy :times10
PS: Secco klingt für mich genauso, wie er heißt, nämlich trocken.
Billy Budd (30.01.2015, 00:54): Jo, nomen est omen... :wink
Rotkäppchen (31.01.2015, 11:22): Nachdem Ihr mich ja neugierig auf diese Inszenierung gemacht hattet, habe ich mal wieder tief in die Tasche gegriffen und mir den Pique-Dame-Livestream gegönnt, allerdings nicht wirklich live, sondern zeitversetzt, nämlich letzte Nacht -- hier nur ganz kurz ein paar Eindrücke (weder Rezension, noch Kritik :wink):
Dass ich nicht mal ansatzweise eingeschlafen bin (im Gegensatz zum Tristan), ist schonmal ein gutes Zeichen: ich fand es äußerst spannend und das ganze ist sicher, wie von Euch vermutet, vor der Serie sorgfältig neu einstudiert worden, denn bezüglich Personenregie plus schauspielerischer Umsetzung durch die Sänger blieben bei mir wirklich keine Wünsche offen. Die Besetzung war genauso wie von Billy für den 16.01. beschrieben und sängerisch war das für meine nicht ganz so gehobenen Ansprüche sehr in Ordnung. Die Tanzszenen waren unterhaltsam, grenzten manchmal etwas an Klamauk, was der Plot vielleicht gar nicht so hergibt, aber erfrischend wirkte. Aber wirklich total überrascht hat mich die nicht unwesentliche Szene, in der Hermann der Gräfin das Geheimnis entlocken will: Dass die Gräfin dafür Sex will, ist eine interessante Idee (oder habe ich das falsch interpretiert??). Allerdings wirkt Marjana Lipovšek weder körperlich noch stimmlich besonders hinfällig sondern im Gegenteil sehr rüstig, wie eine Art Senior-Vamp, der nochmal richtig Spaß will, so dass der plötzliche Tod der Gräfin beim Sexualakt nicht 100%ig überzeugend ist :D -- eher witzig, was es vermutlich nicht sein sollte. Die Szene Hermann-Lisa kurz vor Lisas Selbstmord war für mich der emotionale Höhepunkt und die Idee, Lisa in einem Meer schwarzer Regenschirme untergehen zu lassen, schön raffiniert!
Live sicher noch ein ganz anderes Erlebnis, u.a. wegen der ambitionierten Lichtregie, deren Wirkung man am PC nur erahnen kann, nehme ich an...
Ciao, Rk
Billy Budd (31.01.2015, 15:52): Hey! :) Es freut mich, daß es Dir gefallen hat! So genau hab ich diese Inszenierung noch nie unter die Lupe genommen :wink , aber sind tatsächlich sehr interessante Ideen! Billy :hello
P.S.: Ist die Gräfin auch diesmal beinahe heruntergepurzelt? :D
Rotkäppchen (31.01.2015, 16:36): Hallo Billy,
also, mit der Bahre ging alles gut. Habe natürlich nach Deiner Beschreibung in dieser Szene ganz genau aufgepasst und muss schon sagen, dass das etwas heikel ist. Ich hatte das Gefühl, dass die Statisten extra vorsichtig und langsam agiert haben :tongue:
LG, Rk
Billy Budd (31.01.2015, 23:43): wurde eine sehr gute Repertoirevorstellung: Martina Serafin sang die Titelrolle heute deutlich besser, als ich sie darin in Erinnerung gehabt hab, war also eine mehr als akzeptable Besetzung. Aleksandrs Antonenko ist sehr deutlich hörbar kein Italiener, was mich aber nicht stört; schlimmer ist die ungesunde Art, imposante Höhen hinauszukleschen. Ich fürchte, lange wird das nicht gutgehen, was schade wäre, denn dieser Sänger verfügt über sehr gutes Stimmaterial. Von Ambrogio Maestri hab ich mehr erwartet: Meist ist er bei uns als Dulcamara und Falstaff zu hören, und weil er stets immenses Stimmvolumen mit intelligenter Gestaltung verbindet, müßte er einen grandiosen Scarpia hinkriegen... heute war er an den Stellen, an denen er ordentlich Stimme geben kann (z.B. bei „Mario Cavaradossi, qual testimone il giudice vi aspetta!“), ausgezeichnet, auch die leisen gelangen ihm sehr gut, aber alle dazwischen hat er irgendwie seltsam herausgequetscht. Wolfgang Bankl war für den Mesner eine Über-drüber-Luxusbesetzung (kaum zu glauben, daß man das auch noch andere singen läßt...). Ryan Speedo Green sang einen brauchbaren, aber ungeschliffenen Angelotti; schlecht war James Kryshak (Spoletta), noch schlechter Il Hong (Schließer). Ein gewisser Yevheniy Kapitula debütierte als Sciarrone, der sich, wenn seine heutige Form anhält, als ein weiterer völlig unnötiger Neuzugang entpuppen wird. Mit Marco Armiliato stand endlich wieder amal ein richtiger Dirigent am Pult – ich hab schon vergessen ghabt, wie die Tosca klingt, wenn sie wer dirigiert, der sein Handwerk versteht. Billy :hello
Billy Budd (04.02.2015, 22:53): Als inoffizieller Höhepunkt der Saison wird endlich wieder Strauss’ Josephslegende gegeben, und als „Vorspann“ zu diesem grandiosen Werk gibt es die (wesentlich uninteressanteren) Verklungenen Feste (Sarabande+Allemande). Besonders bei den Verklungenen Festen ist mir sehr bald die Herumhupferei auf den Wecker gegangen, und so hab ich die Augen geschlossen und mich ganz der herrlichen Musik gewidmet. Mikko Frank hat dirigiert, und vor der Pause hat er seine Sache ausgezeichnet gemacht; bei der Josephslegende hätte er ein bissl mehr Gas geben können (wir sind hier nicht in der Oper, wo man auf Sänger Rücksicht nehmen muß!). Das Bühnenbild von John Neumeier gefällt mir; über seine Choreographie+Inszenierung kann ich nichts sagen. Unbedingt hingehen, wer Gelegenheit hat!! Billy :hello
palestrina (05.02.2015, 04:12): Original von Billy Budd Besonders bei den Verklungenen Festen ist mir sehr bald die Herumhupferei auf den Wecker gegangen, und so hab ich die Augen geschlossen Billy :hello
:J :leb :J
Aller liebste Grüße palestrina
Rotkäppchen (05.02.2015, 08:36): Original von palestrina Original von Billy Budd Besonders bei den Verklungenen Festen ist mir sehr bald die Herumhupferei auf den Wecker gegangen, und so hab ich die Augen geschlossen Billy :hello
:J :leb :J
Aller liebste Grüße palestrina
...hmm, scheint wenig Ballettfreunde hier zu geben, gell?
Viele Grüße, Rk
Billy Budd (05.02.2015, 10:01): Klar, wir sind ja auch in einem Opernforum! :haha :J
(Auch wenn ich heute nach Linz fahre, um ein Schostakowitsch-Konzert im Brucknerhaus zu hören... keine Oper! :cool :D)
Billy Budd (05.02.2015, 14:38): Zum Tristan Mitte Jänner: Original von Billy Budd Den heutigen Abend werde ich besonders in Erinnerung behalten, aber nur deswegen, weil ich aus nächster Nähe und als teilweise Involvierter erlebt hab, wie schnell ein harmlos beginnender Stehplatzstreit zu Handgreiflichkeiten, Herumgebrülle und einer langen Sitzung im Polizeizimmer ausarten kann... Original von Rotkäppchen Hallo Billy,
das ist jetzt nicht Dein Ernst, dass Ihr in der Oper eine Prügelei hattet? Link: Operngast ging auf Polizisten los :J
Tja, in der Wiener Staatsoper ist das offenbar nix Ungewöhnliches... aber zur Ehrenrettung von meinem Freundeskreis und mir: Gestern war niemand, den ich kenne, beteiligt (nur einen Sturmtrupp von Polizisten hinter dem Oberbilleteur haben wir nach der Vorstellung nachm Heruntergehen von der Galerie in den Zuschauerraum rennen gesehen). Billy :hello
Rotkäppchen (05.02.2015, 20:55): Original von Billy Budd Link: Operngast ging auf Polizisten los :J Tja, in der Wiener Staatsoper ist das offenbar nix Ungewöhnliches... Könnte gut sein, dass dieses Herumgehupfe den Mann so ganz arg aggressiv gemacht hat :rofl.
:hello Ciao, Rk
Billy Budd (06.02.2015, 00:39): ...ooooder er war so sauer, daß etwas von R. Strauss gespielt wurde, denn er hat dacht, er würde was von J. Strauß erleiden müssen... äh: zu hören bekommen... Billy :hello
Billy Budd (08.02.2015, 23:12): Heute war ich nochmals drinnen, und die Verklungenen Feste sind beim zweiten Hören schon reichlich langweilig, die Josephslegende ist aber wahnsinnig gut! Musikalisch wars heute (noch) besser als bei der Premiere. Billy :hello
Billy Budd (08.04.2015, 22:22): Das war sie also, die Wiener Abschiedsvorstellung von Neil Shicoff (im Mai folgt noch die Gala, aber reguläre Auftritte sind nicht mehr geplant), der ja ein verdienter und langgedienter Sänger ist, aber irgendwann muß Schluß sein, und meiner Einschätzung ist jetzt genau dieser Zeitpunkt gekommen. Freilich könnte er sich noch ein paar Jahrln (womöglich an kleineren Häusern) durchschummeln, doch muß man wissen, was man lieber haben will: Zum richtigen Moment würdevoll abtreten oder sich noch länger mit denselben Rollen quer durch die Welt gurkend durchlavieren, sodaß sich eh schon jeder denkt, jetzt langsam werde es Zeit für den Abschied... Shicoff hat den ersten Weg gewählt. Auch wenn man nicht wirklich behaupten kann, er habe Rollen zum rechten Zeitpunkt zurückgelegt (ich, der ich erst seit ein paar Jahren in die Oper gehe, durfte ihn noch als Cavaradossi und Ricardo/Gustavo erleiden), aber erst für 2014 hat er sich die Rollendebüts von Canio und Calaf (beide besser als erwartet) aufgespart. Für seinen heutigen Bühnenabschied hat er sich aber klugerweise SEINE Rolle aufgehoben - und die ist trotz Vere, Hermann und Peter Grimes der abgesehen von der letzten Szene nicht schwierig zu seingende Eléazar. Nun, Shicoff ist noch immer ein packender Gestalter, aber heute war deutlich bemerkbar, daß es stimmlich langsam aber sicher zu Ende geht, er hat sich vom ersten bis zum letzten Ton geplagt; dank guter Technik und stimmlicher Ausdruckskraft hat er die Vorstellung halbwegs anständig hinter sich gebracht. Olga Bezsmertna (Ersatz für Soile Isokoski) und Dan Paul Dumitrescu waren ausgezeichnete Hausbesetzungen, Hila Fahima eine mittlemäßige Eudoxie und Jason Bridges ein ziemlich mickriger Léopold (er hat sich aber klug durchgeschummelt). In kleinen Rollen fiel Marcus Pelz positiv, Gabriel Bermudez aber negativ auf. Frédéric Chaslin dirigierte nicht besonders spannend. Naja, historische Vorstellung. Billy :hello
Billy Budd (08.04.2015, 22:23): ENDLICH hat es dieses grandiose Werk - ich verstehe nicht, wie andere es langweilig empfinden - wieder auf die Staatsopernbühne geschafft! Die Premiere war 2009, und in den Hauptrollen war auch heute dieselbe Besetzung zu hören, auch derselbe Dirigent stand am Pult. Man glaubts ja kaum, aber Kurt Rydl hinterließ den besten Eindruck: Die Partie des Boris Ismailow kommt seinem ramponierten, aber dennoch impostanten Baß sehr entgegen, denn hier hat er (im Unterschied zu Sarastro, König Heinrich etc.) keine langen Linien auszuhalten, sondern eher kurze Noten zu singen. Bei den lauten Stellen kann er gewaltig aufdrehen, und überhaupt liefert er eine hervorragende Darstellung dieses Sadisten. Leider eher enttäuschend war der Eindruck der Hauptprotagonistin: Angela Denoke ist ja zweifelsfrei eine sehr gute Sängerin, der man auch so manches nachsieht, aber drei Töne brachen ihr überhaupt ganz ab, und auch sonst hatte sie mit dem einen oder anderen Problemchen zu kämpfen (z.B. Verfehlen von Spitzentönen). Über Misha Didyk ist hauptsächlich zu sagen, daß er den Charakter des Sergej (einer der Antwärter für "Größter Tenor-Ungustl") wirklich gut vermittelte; stimmlich klang er ziemlich verbraucht. Der Sinowi wurde von Marian Talaba zwar auf die Talaba-Art gesungen, aber für diese Rolle paßt das sogar sehr gut. Unter den Nebenrollen fiel Herwig Pecoraro (Schäbiger) positiv auf; Il Hong (Alter Zwangsarbeiter) war zum erstenmal nicht ganz furchtbar. Ingo Metzmacher dirigierte nicht besonders interessant. Die Inszenierung von Matthias Hartmann gefällt mir sehr.
(Laut einer zuverlässigen Quelle: Am 14. März Denoke ein bissl besser, Rydl ein bissl schlechter.) Billy :hello
Billy Budd (08.04.2015, 22:25): ELEKTRA – das ist ein Werk, das mir heilig ist. Für mich ist die Elektra die allerbeste Oper überhaupt (wenns gut ist, gehst da mit zitternden Knien raus!), und dementsprechend vorfreudig hab ich den heutigen Tag erwartet, denn seit September 2012 hat es in Wien keine Aufführung gegeben. Erwartet hab ich mir nicht allzuviel, denn wenn der Meyer eine Inszenierung ersetzt, dann wirds bekanntlich nicht besser... die alte Kupfer-Produktion, die über die Jahre immer mehr verschlampt ist, hab ich geliebt, und daß die neue (von Uwe Eric Laufenberg) ein solcher Pfusch ist, tut doch irgendwie weh. Natürlich hab ich beschlossen, mich deswegen weder zu kränken noch zu ärgern, nein: Ich danke einfach unserem unfähigen Staatsoperndirektor, denn dank seines Dilettantismus verbringe ich immer wenige Abende in seiner heruntergewirtschafteten Bude und hab mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Um es kurz zu machen: Die neue Elektra ist ungefähr auf dem Niveau der neuen Traviata, und das sagt eh scho alles. Es ist mir ein völliges Rätsel, was in den sechs Wochen Probezeit passiert ist, diese „Inszenierung“ kann man drei Tagen auf die Bühne bringen. Ich würde wirklich gern wissen, was das so Schwierige an dieser Oper sein soll – im Gegensatz zum Schlauen Füchslein (beispielsweise) ist die Elektra leicht zu inszenieren; da ist doch eh alles klar, oder?? Nein, man kanns auch VÖLLIG verpfuschen: Wenn sich der Vorhang hebt, sieht man einen trostlosen Platz, und da beginnen schon die Blödheiten: Links stehen 5 nackte Frauen, und das ergibt überhaupt keinen Sinn!! Ich hab gar nix dagegen, Nacktheit einzusetzen, aber dann bitte mit System, nicht einfach so aus Jux und Tollerei, so nach dem Motto „Mir stell ma eana die Nackerten hin, dann samma a bissl modern und fallen auf.“. Die nackten Frauen gehen kurz darauf wieder ab, und was der Sinn dieser Aktion sein soll, hätt ich gern erklärt. Ähnlich sinnfrei geht es weiter, und überhaupt herrschen entweder totale Langweile (die Akteure stehen auf der Bühne herum und singen halt irgendwas...) oder blödsinnige Gags: Die Klytämnestra sitzt im Rollstuhl, und ihre Szene – eine der packendsten der gesamten Opernliteratur!!!! – ist ungefähr so spannungsgeladen wie eine siebenstündige Busfahrt. Irgendwann kommt der Orest hinein, singt ein bissl was (wobei es völlig unklar ist, wen er mit „die Hunde auf dem Hof erkennen mich“ meint, denn keiner tritt auf!); nachdem er seine Schwester erkannt hat, umarmen sie sich halt a bissl, und dann ziehen sie sich in einen Winkel zurück, um dort – wenn ichs richtig gesehen hab – heftig herumzumachen. Wofür bitte?? Besonders mies ist die Schlußszene: Elektra und Chrysothemis befinden sich hier in einem unglaublichen Wahnsinnsdialog – die eine ist im totalen Glück mit ihren beiden Geschwistern („Nun ist der Bruder da, und Liebe fließt über uns wie Öl und Myrrhen. Liebe ist alles; wer kann leben ohne Liebe?“) und die andere hat mit dem Leben abgeschlossen. Beide singen sie in höchster Spannung und Erregung gegeneinander an – jedoch hier bei Laufenberg keine Spur von Ekstase oder Wahnsinn!! Auf einmal – in dieser total dramatischen Musik!! – erscheinen verliebte, händchenhaltende, artige, herteronormative Pärchen (das paßt so was von überhaupt nicht!!), die dann wie in der Tanzschule zu Tanzen beginnen!!! UND ganz am Schluß fangen die auf einmal einen Striptanz an. Der Effekt dieser blödsinnigen Aktion: Die ganze Galerie lacht und die Stimmung is im Eimer. Zwischendurch wird fleißig in einem Paternoster gefahren... Aegisth wird dort auch ermordet (aber vom Pfleger des Orest)... daß die Akustik teilweise eine große Katastrophe ist, ist ebenfalls ein großes Ärgernis. Die Kostüme sind ebenfalls a großer Dreck: Elektra in schwarz, Chrysothemis in weiß – plakativer gehts ja echt nimma, das ist ungefähr so deppat, wie wenn im Hintergrund „tötet“ steht... Wirklich: Ich glaube kaum, daß man dieses Werk SCHLECHTER inszenieren kann, denn weder Konzept und Personenführung ist vorhanden – alles ist totale Langeweile, garniert mit peinlichen Lacheinlagen. Szenisch also ein ganz großer Krempel – wie wars musikalisch? Nun ja...: Nina Stemme ist zweifelsfrei eine große Sängerin, und heute gab sie ihr Rolledebüt als Elektra, weswegen wir über mehrere Unsicherheiten hinwegsehen und ihre Leistung großzügig als „gelungen“ beschreiben. Anna Larsson war als Klytämnestra ein Bomben-Totalausfall, da waren die Töne zwar richtig, aber sonst alles (!!) mies. Das ist viel zu wenig! Ausbuhreif! Norbert Ernst war ein halbwegs mittelmäßiger Aegisth, bedingt durch die skandalös schlechte Plazierung. Traurig war die Darbietung von Falk Struckmann, dem man selbst an einer so kurzen Rolle wie dem Orest die stimmlichen Abnützungserscheinungen deutlich anmerkt. Wer hätte gedacht, daß die für Anne Schwanewilms einspringende Ricarda Merbeth die beste Leistung abliefern wird?? Ihre Chrysothemis (und das ist eine verdammt schwierig zu singende Partie) war tadellos... ohne Glanzlichter, aber durchwegs sehr solide gesungen. Den kleinen Rollen verlieh lediglich Wolfgang Bankl (Pfleger des Orest) Profil, Thomas Ebenstein (junger Diener) war ok. Wieso die fünfte Magd („ganz jung, mit zitternd erregter Stimme“) mit Ildikó Raimondi – einer der ältesten Sängerinnen des Hauses – besetzt wurde, ist völlig unverständlich (hat nämlich grauenvoll geklungen). Das nächste Problem: Mikko Franck am Pult: Was ist heute in ihn gefahren? Alles war viel zu langsam (Spieldauer fast 2 Stunden), und dem Ende zu ists ziemlich auseinander gefallen. Also kurz zusammengefaßt: Eine Schande für die Wiener Staatsoper! Billy :hello
Rotkäppchen (09.04.2015, 23:23): Lieber Billy,
vermutlich wäre es besser, Dein Posting mit buddhistischer Gelassenheit unkommentiert zu lassen. Allerdings habe ich mich doch ziemlich darüber geärgert, so dass ich genau das nicht tue. Ich habe mir eben diese Vorstellung angesehen, da ich mir als Shicoff-Fan dieses Event nicht entgehen lassen wollte. Zu schreiben, dass es stimmlich langsam aber sicher dem Ende zugeht, finde ich ganz schön despektierlich. Selbst wenn es der (bei jemanden, der 40 Jahre lang professionell singt, nicht verwunderlichen) Wahrheit entspricht, sind solche Formulierungen irgendwie entbehrlich. Ebenso die ganze Passage Freilich könnte er sich noch ein paar Jahrln (womöglich an kleineren Häusern) durchschummeln, doch muß man wissen, was man lieber haben will: Zum richtigen Moment würdevoll abtreten oder sich noch länger mit denselben Rollen quer durch die Welt gurkend durchlavieren, sodaß sich eh schon jeder denkt, jetzt langsam werde es Zeit für den Abschied... ... auf wen soll das Bezug nehmen? Wer soll jetzt damit in Misskredit gebracht werden?
Mir hat die Vorstellung im Übrigen insgesamt gut gefallen. Die stimmliche Qual gehört bei Shicoffs Eléazar einfach dazu (die Fans sind genau diesem singing-in-the-pain verfallen, andere mag es abstoßen -- zu denen gehörst Du vermutlich), in gewissem Maße schon immmer, inzwischen ist die Not halt eine Tugend. Sicher war es nicht sein bester Eléazar, das hat wohl auch niemand ernsthaft erwartet, zumal, das sollte vielleicht fairerweise noch erwähnt werden, er die beiden ersten Vorstellungen der Serie abgesagt hat und die dritte (der besprochenen Aufführung vorangegangene Vorstellung) indisponiert gesungen hat. Sein spezielles Timbre war an diesem Abend jedenfalls sehr gut erkennbar, das war mir persönlich das Wichtigste und daher hat es sich für mich gelohnt zu dieser Veranstaltung zu kommen.
Viele Grüße, Rk
Billy Budd (10.04.2015, 14:17): Liebes Rotkäppchen! Mit Shicoff geht es tatsächlich langsam, aber sicher dem Ende zu (schau Dir mal seinen Auftrittskalender an!), das ist eine Tatsache und keine Meinung. Ich finde das kein bißchen despektierlich. Die von Dir zitierte Passage bezieht sich auf gewisse Sänger, die ihre Karriere nicht und nicht beenden, obwohl sie nur mehr ein Schatten ihrer selbst sind. Daß Shicoff Vorstellungen absagt, ist nix Außergewöhnliches, daher braucht mans auch nicht extra erwähnen. Ist ja schön, wenns Dir gefallen hat (ja, mein ich nicht ironisch!), aber in meinem Bericht steht meine Meinung. :wink Billy :hello
Rotkäppchen (10.04.2015, 21:09): Lieber Billy,
ich glaube, wir zwei stammen von unterschiedlichen Planeten und lesen daher wohl in den Texten des anderen jeweils Dinge, die dieser nicht gemeint hat. Oder ich habe mich tatsächlich nicht klar genug ausgedrückt. Also, ich habe weder in Frage gestellt, dass Dein Posting nicht Deine persönliche Meinung reflektiert (was sonst) noch an irgendwelchen Tatsachen gezweifelt (natürlich kenne ich den Auftrittskalender etc.). Ich wollte nur sagen, dass ich Deine Ausdrucksweise als despektierlich und ganz allgemein negativ empfunden habe und dafür zwei Passagen angeführt, zwischen den Zeilen habe ich noch wesentlichmehr in dieser Richtung gelesen. Darüber habe ich mich geärgert, das ist alles.
:hello Rk
PS: Herzliches Beileid zur Elektra (nicht ironisch gemeint) :I.
uhlmann (10.04.2015, 21:29): lieber billy, solche emotionalen rezensionen erinnern mich an meine stehplatzzeit (lang ist's her, leider). da gabs gefühlt auch nur "super" oder "scheixxe". habe deine "berichte aus der wiener staatsoper" jedenfalls vermisst. freut mich sehr, dass du wieder an bord bist. :beer
Billy Budd (10.04.2015, 22:17): Liebes Rotkäppchen! Ja, das scheint wirklich so :B ... meine Interpretation Deines ersten Posts war: "Das Lebenswerk Shicoffs ist bewundernswert, daher gehört es sich nicht, die Wahrheit zu schreiben, nämlich daß sich seine Karriere dem Ende zuneigt. Darüber hinaus hat er heute sein spezielles Timbre hören lassen, und schon deshalb war die Vorstellung gelungen". Tut mir leid, wenn ich Dich da mißverstanden hab; ich hab nicht gewußt, was ich anderes entgegnen sollte als "Shicoff ist aber tatsächlich schon im Spätherbst seiner Karriere. Freut mich, wenn Du den Livestream (oder warst Du persönlich hier? Dann hätten wir uns treffen können!) genossen hast, aber ich schreib nach wie vor gemäß meiner eigenen Wahrnehmung"... So ganz hab ich aber noch nicht kapiert, worüber Du Dich geärgert hast... ich hab meinen Bericht nochmals durchgelesen und dabei nur zwei Passagen entdeckt, die man als abschätzig interpretieren kann: Die eine: "oder sich noch länger mit denselben Rollen quer durch die Welt gurkend durchlavieren, sodaß sich eh schon jeder denkt, jetzt langsam werde es Zeit für den Abschied...": Diese Passage war aber eindeutig nicht auf Shicoff bezogen (das hab ich eh gleich im Anschluß erklärt), sondern auf Sänger in der Kategorie Domingo, Gruberova, Rydl, Villazon etc. Und die andere: "Auch wenn man nicht wirklich behaupten kann, er habe Rollen zum rechten Zeitpunkt zurückgelegt": Das bezieht sich nun konkret auf Shicoff und ist meiner Ansicht nach auch mehr als gerechtfertigt, denn in Wien ist er als Mittsechziger noch als Pinkerton und Cavaradossi aufgetreten. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Shicoff war einmal ein so richtig guter Sänger! Nur hat er es verpaßt, sich rechtzeitig von gewissen Rollen zu verabschieden... wenn er die "richtigen" (z.B. Peter Grimes) singt, war er bis vor kurzem noch packend! Im Herbst hab ich ihm noch zugejubelt, als er den Calaf gesungen hat. Naja, wie auch immer... über meiner Berichte solltest Du Dich aber nicht ärgern, dazu sind sie wirklich zu unbedeutend! :beer
Lieber Uhlmann! Danke, das freut mich sehr! :) In den nächsten Tagen gibts wieder zwei Berichte hier. :wink Billy :hello
Rotkäppchen (10.04.2015, 22:53): Lieber Billy,
gut, dann sind wir uns ja in wesentlichen Punkten eigentlich einig. Ich meine nur, dass Du schon dazu neigst, eher respektlos über Sänger zu schreiben (man kann es auch frech-witzig finden, je nach Stimmungslage). So impliziert z.B. die Bezeichnung "Hausbesetzung", um mal auf die anderen Sänger überzugehen, irgendwie so etwas wie Zweitklassigkeit, aber vielleicht habe ich das auch missverstanden. Ja, wir hätten uns tatsächlich treffen können, ich war in Wien*. Der Livestream wurde abgesagt. Da hätte ich schön in den Mond gucken können, hätte ich mich auf letzteren verlassen.
Deinen Turandot-Bericht kenne ich und hatte mich gewundert, was plötzlich in Dich gefahren zu sein schien :P. Ich habe auch eine dieser Vorstellungen im Herbst gesehen, aber am 18.10., da haben wir uns sozusagen knapp verpasst.
:hello Ciao, Rk
* Ich war ein bisschen schockiert über das Publikum: neben mir und hinter mir saßen Leute, die haben wirklich die ganzen 5 Akte lang immer wieder gequatscht, sogar während der großen Arie im 4. Akt! Das hatte ich so nicht erwartet, aber es war vermutlich Pech und nicht repräsentativ...
palestrina (10.04.2015, 22:58): Original von uhlmann lieber billy, solche emotionalen rezensionen erinnern mich an meine stehplatzzeit (lang ist's her, leider). da gabs gefühlt auch nur "super" oder "scheixxe". habe deine "berichte aus der wiener staatsoper" jedenfalls vermisst. freut mich sehr, dass du wieder an bord bist. :beer
So geht es mir auch , hat mich immer an jene Zeit erinnert als ich noch mindestens 4xdie Woche in der Oper war und da hieß es auch HOP ODER TOP . Wo ich Billy in gewisser Weise Recht gebe , ist das was ich schon immer sage , es gibt Sängerinnen und Sänger die nicht wissen wann Schluss ist, oder wann sie gewisse Rollen nicht mehr singen sollten . Für mich pers. z.B. Gruberova und Caballé , da habe und hatte ich dann für mich beschlossen nicht mehr hinzugehen ,und das GUTE in Erinnerung zu behalten !
LG palestrina
Billy Budd (11.04.2015, 00:11): Liebes Rotkäppchen! Ich meine meine Texte nie respektlos, sondern eher frech-witzig, daß es beim Lesenden gelegentlich/oft/immer anders ankommt, läßt sich halt nicht vermeiden :wink... "Hausbesetzung" meine ich aber ganz neutral, soll einfach die Sänger bezeichnen, die durchs Ensemble ans Haus gebunden sind, nicht mehr und nicht weniger. Ah freut mich, na wenn Du das nächstemal hier bist, meld Dich einfach, dann holen wir das nach! Das Publikum ist in Wien nicht auffallend ruhig... in diesen Fällen empfehle ich jedem die blanke Unhöflichkeit, denn die ist hier am wirkungsvollsten (und hier auch voll gerechtfertigt). (Ist außerdem ein gutes Training, wie man seinen Standpunkt durchsetzen kann, weil man ja wirklich im Recht ist, wenns darum geht, störende Opernbesucher ruhig zu stellen. :cool )
Ja, lieber Palestrina, volle Zustimmung! Billy :hello
Rotkäppchen (11.04.2015, 16:48): Original von Billy Budd Liebes Rotkäppchen! Ich meine meine Texte nie respektlos, sondern eher frech-witzig, daß es beim Lesenden gelegentlich/oft/immer anders ankommt, läßt sich halt nicht vermeiden :wink... Lieber Billy, dann bin ich ja beruhigt, das klingt schon fast salomonisch und wäre eine gute Signatur für Deine Opernberichte :D (... nein, Deine bisherige Signatur ist auch schön). Nur dieses "es geht langsam aber sicher dem Ende zu" .. also ich weiß nicht, damit assoziier(t)e ich irgendwie, dass der Betreffende bald unter der Erde ist. Aber ich sehe ein, dass es wohl einfach eine spezielle Art dunkelschwarzer wienerischer Humor ist :haha. Ich werde mich auch daran noch gewöhnen :beer.
:hello Ciao, Rk
Billy Budd (11.04.2015, 16:53): Oh nein, um Gottes willen, so war das "es geht dem Ende zu" ÜBERHAUPT nicht gemeint; ich hab beim Schreiben nicht mal gedacht, irgendjemandem dem Gwigwi zu wünschen (so, das war jz ein dunkelschwarzer wienerischer Ausdruck :haha :haha ) und das mit einer prägnenten Formulierung anzudeuten. Danke jedenfalls, daß Du aufgezeigt hast, welche Bedeutungsebenen in meinen Texten auch noch enthalten sein können... darauf sollte ich besser achten. :W Billy :hello
Billy Budd (11.04.2015, 22:06): Weil ich mir die vermutlich allerblödeste Elektra-Inszenierung seit Menschengedenken nicht noch einmal anschauen wollte, hab ich mich nicht wie sonst immer in die Mitte, sondern auf die Ganzseite gestellt, wo man fast nichts von der Bühne sieht. Naja, besonders intelligent war das nicht, denn das Orchester hört man von dort um ein Vielfaches lauter als in der Mitte, und daher kann ich die Sänger nicht seriös beurteilen. Im wesentlichen war mein Eindruck aber wie beim letztenmal: Nina Stemme war an manchen Stellen sehr imposant (ihr „jauchzt und kann sich seines Lebens freun!“ war wahrhaft nicht von schlechten Eltern!), wird aber noch besser in die Partie hineinwachsen. Anna Larsson bringt nichts mit, eine Klytämnestra braucht, ist daher nach wie vor ein ganz großer Totalausfall; Norbert Ernst ist für den Aegisth nicht optimal; Falk Struckmann hinterläßt nach wie vor Eindruck, verwaltet aber eine ramponierte Stimme (obs richtig ist, jetzt ins Baßfach zu wechseln ...?!?); Thomas Ebenstein war ok; Ildikó Raimondi war eine ganz schlechte 5. Magd. Sehr gefallen hat mir die einspringende Gun-Brit Barkmin als Chrysothemis, hier freue ich mich auf ein Wiederhören. Was sich noch auf der Bühne tummelte, ist mit Ausnahme von Wolfgang Bankl (Pfleger des Orest) nicht erwähnenswert. Mikko Franck dirigierte zwar besser als in der Premiere, war aber nach wie vor zu langsam und langweilig unterwegs. Billy :hello
Severina (24.04.2015, 09:56): Eigentlich hätte Javier Camarena dem Lindoro seine schöne Stimme leihen sollen, aber wie schon vor zwei Wochen im Barbiere sagte er auch für die „L'Italiana“ ab. Meine anfängliche Enttäuschung wandelte sich aber in pures Entzücken, als sein Ersatz publik wurde: Juan Diego Flórez!!! Ehrlich gesagt wollte ich meinem Glück nicht so recht trauen, dass tatsächlich dieser Superstar als Einspringer engagiert werden konnte. Obwohl er die „L'Italiana“ des 18. April bald auf dem Terminkalender seiner homepage stehen hatte, glaubte ich es erst wirklich, als mir sein Name schwarz auf gelb vom abendlichen Besetzungszettel entgegen leuchtete. Außerdem war es wohl Vorsehung, dass ich mir für diese Vorstellung eine Karte in der ersten Reihe der Zweierloge gegönnt habe, denn normalerweise investiere ich in Camarena maximal 60 Euronen. Aber die Kombination mit Ildar Abdrazakov schien den tiefen Griff in die Geldbörse zu rechtfertigen – wie sehr, konnte ich vor einem Jahr natürlich nicht ahnen.
Obwohl ich an sich dem verpönten Regietheater zugeneigt bin, liebe ich diese herrlich altmodische Inszenierung von Jean-Pierre Ponnelle, seine letzte überhaupt, bevor er viel zu früh von der irdischen Bühne abberufen wurde. Das Bühnenbild weckt immer Erinnerungen an die Alhambra in mir, auch wenn ich natürlich weiß, dass es die kesse Italienerin nicht ins maurische Spanien, sondern zu den algerischen Muselmanen verschlägt. Und auch beim x-ten Mal amüsiert mich die slapstickartige Versenkung des Schiffes am fernen Bühnenhorizont noch immer. Realistischer Weise vermerkt der Besetzungszettel „NACH einer Regie von Jean-Pierre Ponnelle“, denn natürlich ist die ursprüngliche Inszenierung nach beinahe 30 Jahren nur mehr schemenhaft vorhanden. Aber wenn wie gestern drei Vollblutkomödianten auf der Bühne stehen, verselbstständigt sich sowieso jedes Regiekonzept. Herrlich, wie Ildar Abdrazakov (Mustafa), Juan Diego Flórez (Lindoro) und Paolo Rumetz (Taddeo) aufeinander reagierten, einander die Bälle zuwarfen und sich gegenseitig hoch schaukelten bis zum totalen Bühnenirrsinn. Flórez musste einmal über einen spontanen Gag von Abdrazakov so lachen, dass er total den Faden verlor und erst bei der nächsten Phrase wieder die Textkurve kriegte. Mit ihrem „Alla vita!“-Terzett brachten sie das Publikum zum Rasen und zeigten sich einer Wiederholung nicht abgeneigt, leider stieg Maestro López Cobos nicht darauf ein. (Ich nehme an, weil die Vorstellung damit erst nach 22 Uhr geendet hätte und somit für eine weitere Stunde Gagen/Lohn hätten ausbezahlt werden müssen!)
Ildar Abdrazakov war besonders überdreht, er genoss es sichtlich, nach seinen üblichen Schurkenrollen einmal nach Herzenslust blödeln zu dürfen. Wie dieser Bär von Mann leichtfüßig über die Bühne tänzelte, sorgte alleine schon für Lacher, aber auch seine Mimik war zum Schießen. Verflucht werden ihn vermutlich die Bühnenarbeiter haben, denn bei seinem Fressgelage als Pappataci begann er plötzlich mit den Spaghetti um sich zu werfen, sodass am Ende auf diversen Kulissenteilen Nudeln mit Ketchup klebten. Abdrazakov hat ja schon vor drei Jahren den Mustafa gesungen, damals aber ohne Spaghettischlacht. Lindoro/Flórez betrachtete diese Sauerei mit der indignierten Miene des dem Barbaren überlegenen Kulturmenschen, und auch dieser Blick war zum Piepen. Aber ich liebe Abdrazakov ja nicht nur wegen seiner Bühnenpräsenz, mit der er jede seiner Partien zum Erlebnis macht, sondern auch wegen seiner so sinnlich grundierten Prachtstimme, in der je nach Bedarf jede Emotion intensiven vokalen Ausdruck findet. Zärtlichkeit liegt da genauso drin wie der brutale Zynismus eines Enrico, und genau das fasziniert mich an diesem wunderbaren Sänger. Als Mustafa waren natürlich in erster Linie Temperament und Komödiantik gefragt, beides kein Problem für Abdrazakov. Das bereiteten ihm auch weder die Koloraturen noch das zungenbrecherische Parlando, das Rossini seinen Sängern abverlangt. Es machte ihm Spaß, sich mit Flórez um den am längsten gehaltenen Ton zu matchen, dabei schraubte er seinen Bass auch in beachtliche Höhen.
Tja, und dann natürlich Juan Diego Flórez, bei dem man den ganzen Abend das Gefühl hatte, dass nicht er der Direktion mit diesem Einspringen einen großen Gefallen erwiesen hatte, sondern umgekehrt diese ihm, mit einem solchen Verve warf er sich in den Lindoro. Wenn ich mich an seine erste „L'Italiana“ zurückerinnere, wo er steif wie ein Haubenstock in den Kulissen stand und sich kaum vom Fleck bewegte, so kann der Unterschied zu gestern kaum größer sein. Wie ein irrwitziger Derwisch fegte und tänzelte er zeitweise über die Bühne, seine Balletteinlagen beim „Alla-vita“-Terzett gehören mittlerweile zum vom Stammpublikum erwarteten und stürmisch akklamierten Höhepunkt. Dass Flórez stimmlich immer noch der ungekrönte König des Belcanto ist und seine Konkurrenten im direkten Vergleich alt aussehen lässt, stellte er auch gestern wieder eindrucksvoll unter Beweis. Obwohl er sich laut eigener Aussage bereits im problematischen Alter für das Rossinifach befindet, hat sein Tenor noch nichts von seiner Flexibilität und Höhensicherheit eingebüßt. Noch immer gelingen ihm perfekte Läufe und Koloraturen, werden die Spitzentöne organisch aus der Gesangslinie entwickelt. Insgesamt hat seine Stimme an Breite gewonnen, ohne aber im oberen Register einzubüßen, ganz im Gegenteil: Seine accuti haben nun wesentlich mehr Substanz als früher, klingen weniger sphärisch, dafür viriler. Das lässt mich für seinen Duca im Jänner hoffen!
Der Dritte im Bunde der Blödlerbande war Paolo Rumetz als ständig um seine Männlichkeit fürchten müssender Taddeo. Er wirkt schon rein optisch wie ein tollpatschiger Teddybär und brachte das gestern gekonnt ins Spiel ein. Auch vokal machte er alles richtig und konnte mit seinem jetzt zwar nicht spektakulären, aber angenehm timbrierten Bariton das Publikum für sich einnehmen.
Weniger überzeugend klang der etwas spröde Mihail Dogotari als Haly, aber sein herzerfrischendes Spiel glich so manche vokale Unebenheit aus.
Weniger gut war es leider um die Besetzung der Titelrolle bestellt. Anna Bonitatibus ließ sich als indisponiert ansagen – tatsächlich musste sie immer wieder gegen Schleim und Hustenreiz ankämpfen – weshalb ich ihre stimmliche Leistung jetzt einmal unkommentiert lasse. Was aber viel schwerer wiegt, war ihr fehlendes Temperament. Dass diese Italienerin die männlichen Puppen tanzen lässt und gekonnt um den Finger wickelt, nahm man ihr in keiner Szene ab. Als einzige verfiel sie immer wieder in Rampensingen, interagierte viel zu wenig mit ihren Partnern. An Agnes Baltsa, unsere jahrelange Isabella vom Dienst, durfte man da wirklich nicht denken. Alleine wie die Baltsa das „Che muso!“ bei jeder Wiederholung anders betonte – von Amusement bis Abscheu – war ein vom Publikum bejubeltes Kabinettstückerl. Bei Anna Bonitatibus klang es immer gleich und zwar leider gleich uninteressant. Da nützte es nichts, dass sie mit ihrer zierlichen Figur und den dunklen Haaren entzückend aussah, eine Isabella muss man nicht nur singen können, sondern auch überzeugend darstellen, und das vermochte die Sängerin leider gar nicht. Trotzdem bekam sie viel Applaus und auch Bravi, aber ich denke, das war eher die Anerkennung für ihr tapferes Durchhalten.
Wesentlich besser war es um Mustafas verschmähte Gattin bestellt, denn Aida Garifullina bot als Elvira wirklich eine ausgezeichnete Leistung. Da bedauerte ich zum ersten Mal, dass der Komponist ihr nicht wenigstens eine Arie gegönnt hat, denn von ihr hätte ich gerne mehr gehört.
Der alte Haudegen Jesus López Cobos animierte die Philis zu einem beschwingten Rossini, sodass auch aus dem Graben gestern nur eitle Wonne ins Publikum schwappte, das zum Schluss auch Dirigent und Orchester in den allgemeinen Jubel mit einschloss. Dieser Jubel erreichte bei den Solovorhängen für Flórez und Abdrazakov eine Phonstärke, dass beinahe das Dach vom ehrwürdigen Haus am Ring geflogen wäre. Was tatsächlich flog, war ein Blumenstrauß für den Russen, der über die überwältigende Begeisterung des Wiener Publikums sichtlich bewegt war. Ob Meyer die Botschaft verstanden hat und Abdrazakov in Zukunft öfter an die WSO holt? Ich fürchte nein, denn zumindest in der nächsten Saison gibt es keine einzige Rolle für ihn. Dabei gäbe es so viele......
Mein Fazit: Nicht nur eine (Männliche) Sternstunde des Gesangs, sondern auch eine Sternstunde des Humors!
lg Severina :hello
Rotkäppchen (24.04.2015, 13:38): Holla, Severina, Du bist wieder da! Das ist ja ganz ausgezeichnet -- und gleich mit so einem erfreulichen und überbordendem Bericht :beer.
:hello LG, Rk
Giovanna (24.04.2015, 17:19): Hallo Severina,
auch ich freue mich sehr, wieder von dir zu lesen!
Viele Grüße Giovanna :hello
Severina (25.04.2015, 00:07): Wenn man das Medieninteresse als Maßstab heranzieht - was ich nie und nimmer tue - müsste diese vorletzte PR ein Saisonhöhepunkt werden, denn vor allem Juan Diego Flórez war in den letzten Tagen interviewtechnisch im Dauereinsatz. Aber auch die Papierform gestattete vorsichtigen Optimismus, wobei die Vorsicht durchaus angebracht war....
Irina Brook müsste eigentlich mit vorzüglichen Regiegenen gesegnet sein, denn ihrem Vater, dem großen Peter Brook, verdankt Wien viele unvergessliche Theaterabende, vor allem kongeniale Inszenierungen der Stücke seines Landsmanns Tom Stoppard. Aber manchmal fällt der Apfel halt doch weiter vom Stamm, als es wünschenswert wäre. Leider mangelt es der Tochter nämlich am sicheren Geschmack, wo Humor endet und primitiver Klamauk beginnt, und auf solche Grenzüberschreitungen reagiere ich bekanntlich leicht allergisch.
Dabei stimmte mich der 1. Akt noch durchaus zuversichtlich. Noch während das Publikum in den Zuschauerraum strömte, hob sich der Vorhang und gewährte uns Einblicke in ein Nachtlokal im Stil der 50erjahre. Ein ziemlich in die Tiefe gezogenes Bühnenportal, in dessen schräge Seitenteile zwei Türen eingelassen sind, die offensichtlich zu Separées führen - zumindest lässt das der luftig flatternde grüne Vorhang ahnen - eine Bar zur Rechten, und davor die üblichen runden Kaffehaustische und Stühle. Im Hintergrund, ebenfalls vor einem grünen Vorhang, der die Rückwand ersetzt, erkennt man im schummrigen Licht niedrige Hocker und Beistelltischchen, auf denen Lampen stehen, ebenfalls in der Leitfarbe Grün. Die Gäste dieses Lokals haben offensichtlich eine lange und alkoholgeschwängerte Nacht hinter sich, denn ihre Lebensgeister brennen nur mehr auf Sparflamme, einige geben sich überhaupt schon dem Schlummer hin. Mit dem knalligen Auftakt der Ouvertüre erhellt sich nicht nur schlagartig die Bühne, sondern auch ein hektischer Aktionismus hebt an: Geschäftsführer und Barkeeper versuchen mehr oder weniger erfolgreich, die Nachtschwärmer hinauszukomplimentieren, bei manchen hilft nur energischer Körpereinsatz, dazwischen wuselt das Reinigungspersonal umher. Der Geschäftsführer gerät sichtlich immer mehr in Panik, es noch rechtzeitig vor dem Eintreffen des Lokalbesitzers Don Pasquale zu schaffen, den Raum in einen vorzeigewürdigen Zustand zu versetzen, er legt also selbst mit Hand an, leert Aschenbecher, entfernt Gläser etc. Das alles ist perfekt choreografiert, folgt exakt dem Rhythmus der Musik und steigert sich mit dieser zu einem schier wahnwitzigen Tempo. Wenn der arme Barkeeper schließlich beim letzten Takt der Ouvertüre beinahe zusammenbricht, glaubt man dem guten Mann seine Erschöpfung aufs Wort. (Leider nennt der Besetzungszettel die wirklich ausgezeichneten Komparsen nicht!) Ganz gegen das Libretto kommt das Liebespaar schon jetzt zu einem stummen Auftritt: Ernesto, seine Norina am Händchen haltend, lugt vorsichtig in die Bar, ob die Luft rein bzw. sein Onkel noch nicht da ist. Positiv! Daher kann er seiner Liebsten schnell einen Cocktail mixen und ein bisschen mit ihr schäkern, bevor beide in ein Separée (?) entschwinden.
9 Uhr, der Chef betritt sein Lokal und wird diensteifrig begrüßt. Michele Pertusi ist ein Don Pasquale, wie man ihn wohl noch nie erlebt hat: Kein tattriger Alter jenseits von Gut und Böse, sondern ein erfolgreicher Geschäftsmann, trotz Glatze durchaus vorzeigenswert. Dass er schon weit in den "settanta" sein soll, nimmt man ihm einfach nicht ab, und dass Ernesto bei der Ankündigung, sich vermählen zu wollen, einen Lachkrampf bekommt, ist schlicht eine jugendliche Unverschämtheit. Denn warum sollte sich dieser stattliche Mann keine Frau nehmen? Man wundert sich eher, dass er nicht schon längst eine hat. Sein selbstbewusstes Auftreten wirft noch eine weitere Frage auf: Wieso hat es dieser Erfolgstyp nötig, sich der Kupplerdienste des windigen Malatesta zu bedienen? Der ist übrigens in dieser Inszenierung kein gewöhnliche Arzt, sondern eine Mischung aus personal trainer und Guru, der Don Pasquale mit Akkupunktur und Schröpfköpfen die jugendliche Spannkraft zurückbringen soll. Dass dieser bei der Aussicht, eine jungfräuliche Novizin als Braut zugeführt zu bekommen, in völlige Verzückung gerät, kann man immerhin damit erklären, dass er in seinem Gewerbe vielleicht kein so positives Bild von der holden Weiblichkeit gewonnen hat.
Ernesto, in Jeanslook und mit einem Coffee-to-go-Becher in der einen und einem Papiersackerl in der anderen Hand, will sich am Onkel vorbeidrücken, wird aber von ihm zurückgepfiffen. In dieser Inszenierung versteht man fast Don Pasquales Entschluss, den Neffen zu enterben und vor die Tür zu setzen, denn dieser lebt offensichtlich recht gut vom Geld des Onkels und zeigt sich statt dankbar auch noch aufmüpfig und unverschämt. Zum Piepen, mit welchem Unterton des Genervtseins Flórez den Vorhaltungen Don Pasquales sein "è vero" entgegensetzt - und dazwischen noch sein Croissant verzehrt, ohne sich zu verschlucken! Wenn er dann allerdings ganz geknickt mit seinem Koffer das Haus verlässt, bekommt man doch wieder Mitleid mit ihm. Das Trompetensolo vor Ernestos Arie kommt hier nicht aus dem Graben, Irina Brook hatte die nette (wenn auch nicht neue) Idee, den Bläser als Barmusiker auf die Bühne zu holen. (Wahrscheinlich hat diese ungewohnte exponierte Position den armen Mann einmal kieksen lassen...) Ernesto lädt ihn noch zu einem Abschiedstrunk ein, bevor er mit seinem Koffer von dannen zieht.
Die Verwandlung zum zweiten Bild, das eigentlich in Norinas Haus spielt, wird recht geschickt gelöst: Ein wallender roter Samtvorhang schiebt sich hinter das Bühnenportal, und dieser Rahmen bietet gerade genügend Platz für ein Podest, das von links hereingerollt wird. Ein Kleiderständer mit diversen Kostümen und ein Schminktisch mit Spiegel definieren den Schauplatz als Künstlergarderobe. Norina ist in dieser Inszenierung also keine arme Kirchenmaus, sondern Sängerin (oder Schauspielerin) und zwar scheinbar eine erfolgreiche. Noch in historischem Kostüm und Perücke rauscht sie herein, im Arm ein prächtiges Blumengebinde, und verwandelt sich erst im Dialog mit Malatesta in eine bildhübsche, moderne junge Frau. Das Spinnen der Intrige folgt dem üblichen Muster, bloß dass mich Alessio Arduini mit seinem nahe an Outrage angelegten Malatesta schon jetzt zu nerven begann.
ABER: Bis hierher fand ich Irina Brooks Regiekonzept zwar ungewöhnlich, was die Figur Don Pasquales betraf, aber trotzdem plausibel und vor allem interessant. Ich war daher sehr neugierig, wie sie die Eheanbahnung- und Katastrophe lösen würde, denn auch da müsste sie natürlich neue Wege als die üblichen beschreiten. Zumindest nach meiner Logik, nicht aber nach der von Frau Brooks. Denn im 2. Akt mutiert der im 1. so überlegen agierende Don Pasquale völlig übergangslos zu einem geistig retardierten und testosterongesteuerten Kasperl. Tut mir Leid, aber das passt für mich nun überhaupt nicht mehr. Dazu kommt, dass die bis dahin so geschmackssichere Inszenierung nun immer mehr in die seichten Gefilde dümmlicher Gags abtriftete, die zumindest meinem Verständnis von Humor völlig zuwiderliefen. Wenn Don Pasquale einmal seine Perücke verliert, kann man darüber vielleicht noch lachen (obwohl....), läuft dieser Gag aber in Endlosschleife, nur mehr enerviert die Augen schließen, und wenn dann dem Notar selbiges passiert, überschreitet das meine humoristische Toleranzgrenze definitiv. (Ich sag's ungern, aber im Vergleich zu dieser schwachsinnigen Verblödelung wirkt der 2. Akt in Otto Schenks MET- Inszenierung, über die ich so gelästert habe, beinahe dezent, vor allem aber in sich stimmig.) Ich halte mich durchaus nicht für humorlos und lache auch in der Oper gerne, nur kann ich eben nicht über ALLES lachen. Zur Ehre des GP-Publikums muss ich sagen, dass sich auch dessen Amusement in Grenzen hielt, denn man hörte zwar vereinzelte Lacher, aber kein saalumfassendes, wie zum Beispiel unlängst bei der "L'Italiana" (Bei der wurde auch hemmungslos geblödelt, aber die imaginäre Grenze zur nur mehr peinlichen Outrage nie überschritten.)
Gelungen fand ich hingegen den Aktschluss, wenn Don Pasquale und Malatesta bei ihrem irrwitzigen Parlando-Duett im Stil von Kabarettkünstlern vor dem geschlossenen roten Vorhang paradieren. Das hat wirklich Pepp.
Etwas unschlüssig bin ich noch bei der Bewertung des 3. Aktes, der mir zwar insgesamt besser gefiel als der 2., mich aber trotzdem lange nicht so überzeugte wie der 1. Aber ich habe ja noch fünfmal die Gelegenheit, mir ein endgültiges Urteil zu bilden :D! Das Stelldichein zwischen Norina und Ernesto, das dem scheinbar gehörnten Don Pasquale erst den Höhepunkt seiner Schmach und dann die Erlösung bescheren sollte, ereignet sich laut Libretto im Garten. Ein solcher findet sich selten bei einem Etablissement der Art, wie es Don Pasquale in dieser Inszenierung betreibt, weshalb sich auch jetzt alles in der Bar abspielt, die allerdings mit künstlichen Palmen bestückt ist, die im ansonsten abgedunkelten Raum in grellem Neonrosa leuchten. (Rosa ist als Folge von Norinas Renovierungswut die neue Leitfarbe der Innenarchitektur!) Das klingt nicht nur kitschig, sondern ist es auch, aber ich muss zugeben, dass mich dieser pinke Albtraum mehr erheitert hat als der gesamte 2. Akt. Ernesto singt sein Ständchen "Come gentil..." als Parodie auf einen Latin lover im schneeweißen Anzug und Hut, auf der Gitarre begleitet von zwei Mexikanern mit Sombreros. Warum allerdings Don Pasquale und Malatesta schwarze Zylinder mit rosa Straußenfedern tragen und ersterer obendrein mit einem Schmetterlingsnetz seinen Nebenbuhler jagen muss, was ihn vollends zur Witzfigur degradiert, wissen die Götter.
Was mich eben an dieser Inszenierung so stört, ist der aprupte Bruch zwischen der sehr realistischen und schlüssigen Personenführung im 1. Akt und der dann immer mehr ins Klischeehafte und Klamaukige abgleitenden Weiterführung der Handlung, ohne dass dieser Paradigmenwechsel irgendwie motiviert wäre. Ich bedaure es wirklich sehr, dass Irina Brook den originellen Anfangsfaden nicht weitergesponnen hat (Ob aus Unvermögen oder Angst vor der eigenen Courage, kann ich natürlich nicht beurteilen!), sondern plötzlich wieder den abgedroschenen konventionellen Strickmustern gefolgt ist.
Schade auch, dass sie den Hauptfiguren offensichtlich nicht die gleiche Sorgfalt angedeihen ließ, mit der sie aus den Komparsen köstliche Charakterstudien formte. Die mimischen und gestischen "Kommentare" der beiden Barkeeper auf die Narreteien ihres Chefs verraten das große handwerkliche Können der Regisseurin, deshalb frustriert es mich umso mehr, dass ihr zu Don Pasquale nur die üblichen 0815-Schmähs eingefallen sind. Und warum muss Doktor Maletesta, dieser schlitzohrige, aber charmante Drahtzieher des Intrigenspiels wie ein durchgeknalltes Duracellmännchen agieren, ständig überdreht und übertrieben in allem, was er tut? Das ist nicht lustig, das NERVT!! Also zumindest mich, vielleicht erweist sich diese Art von Holzhammerhumor bei der PR ja als mehrheitsfähig. Bei der GP heute waren die Meinungen, die ich in der Pause aufschnappen konnte, sehr gemischt.
Über die sängerischen Leistungen äußere ich mich bei einer GP nicht gerne, weil man da immer davon ausgehen muss, dass die Künstler nicht das Letzte geben, noch dazu wenn wie diesmal nur ein Tag zwischen ihr und der PR liegt. Flórez z.B. hält in der Regel seine Spitzentöne wesentlich länger als heute, da ist also noch Luft nach oben. Eben aus dieser Erfahrung heraus konzentriere ich mich bei der GP in erster Linie auf die Inszenierung.
Ich liefere daher die Bewertungen der Sänger bei einer der nächsten Vorstellungen nach, denn selbstverständlich will ich mir keinen Auftritt meines Lieblingssängers entgehen lassen! (Außer den bei der PR, die interessiert mich nicht!)
lg Severina :hello
Rotkäppchen (25.04.2015, 10:00): Liebe Severina, das ist ja schön, dass Du gleich den nächsten detaillierten Bericht nachreichst :D. Aus genau diesem Grund: Ich halte mich durchaus nicht für humorlos und lache auch in der Oper gerne, nur kann ich eben nicht über ALLES lachen. den Du hier beschreibst, meide ich seit Jahren komische Opern fast ausnahmslos. Der Grat zwischen intelligentem Spaß und plattem Klamauk ist einfach furchtbar schmal :P. LG, Rk :hello
Billy Budd (26.04.2015, 22:45): Liebe Severina! Danke für die beiden Berichte! Schad, daß jz scho wieder eine Komische Oper verblödelt worden is - ich hasse das!! Wie beschreibst Du Rumetz in dieser Rolle im Vergleich mit Šramek (kann mir da kaum einen andern vorstellen...)? Billy :hello
Severina (26.04.2015, 23:28): Original von Rotkäppchen Liebe Severina, das ist ja schön, dass Du gleich den nächsten detaillierten Bericht nachreichst :D. Aus genau diesem Grund: Ich halte mich durchaus nicht für humorlos und lache auch in der Oper gerne, nur kann ich eben nicht über ALLES lachen. den Du hier beschreibst, meide ich seit Jahren komische Opern fast ausnahmslos. Der Grat zwischen intelligentem Spaß und plattem Klamauk ist einfach furchtbar schmal :P. LG, Rk :hello
Liebes Rotkäppchen, wie recht Du hast! Dabei gibt es sehr wohl Regisseure, die nicht in die Klamaukfalle tappen, Laurent Pelly z.B. oder das Duo Leiser/Caurier. Nun hat unser "lieber" Herr Direktor zwar eine Vorliebe für seine Landsleute, aber leider für die falschen....
lg Severina :hello
Severina (26.04.2015, 23:37): Original von Billy Budd Liebe Severina! Danke für die beiden Berichte! Schad, daß jz scho wieder eine Komische Oper verblödelt worden is - ich hasse das!! Wie beschreibst Du Rumetz in dieser Rolle im Vergleich mit Šramek (kann mir da kaum einen andern vorstellen...)? Billy :hello
Lieber Billy,
nun, an Sramek reicht Rumetz noch nicht heran, der hat natürlich aus langjähriger Erfahrung das bessere G'spür für Tempo und Pointen. Außerdem litt Rumetz' Spiel besonders in der ersten Szene unter der Passivität seiner Isabella. Wenn da fast nichts zurückkommt, läuft er natürlich Gefahr, dass man ihn als hyperaktiv wahrnimmt. Aber in die Ensembleszenen fügte er sich sehr gut ein und ich denke, dass er mit der Zeit ein vorzüglicher Taddeo werden könnte.
lg Severina :hello
Billy Budd (27.04.2015, 01:07): Alles klar, danke für die Erklärung!
pavel (27.04.2015, 10:43): Original von Severina wie recht Du hast! Dabei gibt es sehr wohl Regisseure, die nicht in die Klamaukfalle tappen, Laurent Pelly z.B. oder das Duo Leiser/Caurier. Nun hat unser "lieber" Herr Direktor zwar eine Vorliebe für seine Landsleute, aber leider für die falschen....
Das Duo Leiser/Caurier hat sehr wohl schon eine Premiere unter Meyer gehabt und zwar die wenig geglückte Zauberflöte. (Das Polizistenballett im Tutu war überhaupt kein Klamauk :cool )
Severina (30.04.2015, 00:30): Heute erlebte ich also die erste reguläre Aufführung der Neuproduktion des „Don Pasquale“, und natürlich war ich in erster Linie neugierig, ob sich aus der Distanz von 5 Tagen meine Meinung über die Inszenierung bestätigen oder ich sie heute vielleicht in einem milderen Licht sehen würde. Leider nein, ganz im Gegenteil, denn da ich schon wusste, was auf mich zukam, stellten sich relativ rasch Ermüdung und Langeweile ein, denn – und das ist in meinen Augen die größte Sünde, die ein Regisseur (in diesem Fall eine Regisseurin) begehen kann – es gibt in dieser Inszenierung absolut nichts Neues zu entdecken, nichts, worüber es sich lohnen würde, auch nur eine Sekunde über den bloßen Sehreiz hinaus nachzudenken. Alles liegt sonnenklar vor dem Betrachter – sonnenklar platt und banal.
Aber mein heutiger Bericht sollte sich ja in erster Linie mit der musikalischen Seite beschäftigen, den ich Euch bei der GP noch vorenthalten habe, und auch da kann ich nur mit gedämpfter Begeisterung aufwarten. Beginnen wir mit dem Titelhelden! Schon bei der Bekanntgabe der PR-Besetzung kamen mir Bedenken, konnte ich mir doch den von mir überaus geschätzten Michele Pertusi so gar nicht als Don Pasquale vorstellen. Diesem eleganten Sänger, der seinen cremigen, mit einem hohen Schmeichelfaktor ausgestatteten Bassbariton so kultiviert führt, traute ich diese Buffopartie nicht wirklich zu. Hier ist nicht in erster Linie Schöngesang gefragt, sondern speziell im 2. Akt auch vokale Temperamentsausbrüche mit Ecken und Kanten. Ein Pasquale muss Poltern und so richtig bassmäßig grollen können, und da hapert es bei Signor Pertusi. Man hört in seinem Singen keine Empörung, keine Fassungslosigkeit ob des plötzlichen Sinneswandels seiner Angetrauten, man spürt keine Verzweiflung, als er sich unversehens zum wehrlosen Pantoffelhelden degradiert sieht, vor allem aber vermisst man schmerzlich das Buffoneske, das einen Don Pasquale nun einmal ausmacht. Er muss ein echtes Original sein, schrullig, eitel, krankhaft geizig, meinetwegen auch ein sabbernder Lustgreis wie an der MET, aber eben IRGENDETWAS, nur nicht ein derart uninteressanter Durchschnittstyp, wie ihn Pertusi verkörpert. Selbst wenn Jesús López Cobos ein wenig sensibler seines Dirigentenamtes gewaltet hätte, wären die sporadischen emotionalen Aufwallungen des Sängers zu zahn- und harmlos geblieben. Alles klang sehr schön, aber leider auch schön langweilig. Dass Pertusi der buffone innerlich fremd ist, merkte man auch seiner Darstellung an. Er setzte brav alle Vorgaben der Regie um, aber zumindest ich glaubte zu spüren, wie wenig überzeugt er im Grunde von all dem war, was ihm da abverlangt wurde. Vielleicht liegt genau hier die Begründung für die von mir so tief empfundene Diskrepanz zwischen dem ersten und den Folgeakten: Im noch ziemlich realistisch inszenierten 1. konnte Pertusi sich noch mit seiner Figur identifizieren, während sie ihm danach scheinbar zunehmend fremder wurde. So lieferte er sich mit Haut und Haar - im wahrsten Sinn des Wortes – Irina Brooks seltsamem Verständnis von Komik aus, ohne aber genuin komisch zu sein, und das musste zwangsläufig ein schiefes Bild ergeben.
Dass das permanente overacting Alessio Arduinis als Malatesta mein Nervenkostüm über Gebühr strapaziert, habe ich schon nach der GP angemerkt. Das empfanden auch diverse Rezensenten so, die sich allerdings von der stimmlichen Leistung des Sängers sehr angetan zeigten. Das nun kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, auch wenn ich mit meiner Kritik offensichtlich nicht mehrheitsfähig bin, wie die vielen Bravi bei seinem Solovorhang demonstrierten. Bei der Salzburger „Bohéme“ 2012 bewertete auch ich Arduinis Timbre als sehr wohltönend und freute mich, dass dieser junge, aufstrebende Bariton für das Ensemble der WSO gewonnen werden konnte. Seither muss aber etwas mit dieser Stimme passiert sein, denn in meinen Ohren klingt sie – man möge mir den Vergleich verzeihen! - als hätte ihr Besitzer mit rostigem Stacheldraht gegurgelt. Als „imposant rau“ charakterisiert ein Rezensent Arduinis gegenwärtigen Vokalstatus, nun ja......
Aber der Grund, warum ich mir diesen „Don Pasquale“ ungeachtet der misslungenen Regie wahrscheinlich trotzdem fünfmal geben werde, heißt Juan Diego Flórez, unser peruanischer Wahlwiener. Eigentlich könnte ich es mir einfach machen und auf meinen Bericht zur „L'Italiana in Algeri“ verweisen, denn was ich dort über seinen Lindoro geschrieben habe, gilt auch für den Ernesto, aber ich will mich meiner (angenehmen) Pflicht nicht entziehen. Gespannt war ich ja, ob Flórez an seine fulminante Darbietung von Zürich 2006, wo ich ihn zum ersten Mal live in dieser Partie erlebt hatte, anschließen kann. Neun Jahre sind eine lange Zeit für einen Tenor, speziell im Belcantofach, wo die Agilität der Stimme genauso wichtig ist wie die Verfügbarkeit exponierter Spitzentöne. Beides funktioniert immer noch einwandfrei, bloß dass der scheinbar unbegrenzte Atem, mit dem Flórez seine Höhenflüge endlos lang fortspinnen konnte, zumindest heute doch limitiert war. Das merkte man z.B. deutlich beim „Povero Ernesto...“, dessen abschließendes „fedeeeeeel ich in Zürich noch mit etlichen e's mehr schreiben konnte. Aber das ist jetzt wirklich Meckern auf allerhöchstem Niveau, und spätestens beim „Come gentil“ verstummte jeder Einwand. Da zog Flórez alle Register seines Könnens und bestätigte seinen Anspruch auf den Belcanto-Thron in beeindruckender Manier. Wie schön, wenn ein Tenor perfekt gestützte Piani singen kann und nicht nur im Falsett dahinsäuselt!
Es heißt zwar „Ladies first“, aber ich gestatte mir trotzdem die Unhöflichkeit, die Interpretin der Norina an den Schluss meiner Betrachtungen zu setzen. Die Moldawierin Valentina Nafornita ist eine der vielen jungen und vor allem attraktiven Sängerinnen, die seit Amtsantritt von Monsieur Meyer das Ensemble der WSO bereichern. Beide Attribute sind keine Nachteile, sofern sie nicht stellvertretend für stimmliche Qualität stehen, was leider bei einigen aus unserem Soubretterlgeschwader der Fall ist. Dazu zählt Frau Nafornita sicher nicht, Sängerin verfügt zweifellos über gute Anlagen und eine schön timbrierte Stimme, der man allerdings mehr Zeit zum Wachsen und Reifen zugestehen müsste als das in unserer schnelllebigen und immer auf neue „Sensationen“ erpichten Opernwelt der Fall ist. Ich fürchte also, auch diese talentierte Sopranistin wird als Sternschnuppe verglühen, bevor sie so weit ist, dass ihr Stern wirklich aufgehen könnte. Schon einige Male musste sich Valentina Nafornita in Rollen präsentieren, denen sie noch nicht ganz gewachsen war. Auch ihre Norina ist aktuell eher ein Versprechen für die Zukunft, noch hört man deutlich, dass sie mit dieser Partie an ihre stimmlichen Grenzen stößt. Das äußert sich nicht nur in einem gelegentlichen nervösen Vibrato, sondern vor allem in der Kraftanstrengung, die es sie kostet, mit ihrem noch fragilen Sopran gegen das Orchester anzusingen. Kein Wunder, dass sich in so manchen Spitzenton eine kleine Schärfe mengt. Auch darstellerisch muss Frau Nafornita noch besser in diese Rolle hineinwachsen, aber das bringt die Zeit mit sich. Zwar spielt sie die verklemmte Novizin ganz allerliebst, die Verwandlung in die Furie gelingt ihr hingegen nicht ganz so glaubwürdig, was sicher auch an der Regie liegt. Aber die meisten Zuschauer, zumindest der männliche Teil, werden ohnehin nur Augen für die unzweifelhaften körperlichen Vorzüge der Sängerin haben und wesentlich weniger auf ihre darstellerischen Qualitäten achten. Ich fürchte, dass so manche Rollennachfolgerin mit den Kostümen hadern wird, denn während die knallig pinken Strümpfe unter einem kessen Miniröckchen bei Frau Nafornitas Wespentaille und wohl geformten schlanken Beinen wirklich tolle eyecatcher sind, könnten sie eine Sängerin mit einer nicht so sensationellen Figur leicht der Lächerlichkeit preisgeben.
Bleibt noch der Herr mit dem Taktstock. Jesús López Cobos' Dirigat wurde leider der feinsinnigen Komposition nicht gerecht, er ließ es ordentlich krachen und brachte damit die Sänger immer wieder an ihre Grenzen.
Mein Fazit: Wieder eine szenisch nur wenig überzeugende Produktion, abgefedert durch einen überragenden Tenor und ansonsten zumindest ansprechende Leistungen.
lg Severina :hello
Billy Budd (03.05.2015, 23:53): Zwischen einem großen Haufen für mich uninteressanter Stücke hat sich die Shicoff-Abschiedsgala versteckt, und der mußte ich natürlich beiwohnen! 1979 debütierte Neil Shicoff als Duca an der Wiener Staatsoper, und da er seitdem als Vere, José, Carlo, Ernani, Lenski, Idomeneo, Rodolfo, Eléazar (30x!), Hoffmann, Edgardo, Pinkerton, Des Grieux, Canio, Peter Grimes, Hermann, Roméo, Cavaradossi, Gustavo und Werther auf unserer Bühne gestanden ist und sich zu einem sehr wichtigen Künstler für Wien entwickelt hat, organisierte Meyer eine anständige Abschiedsgala (in Hauszeitschrift der Oper und Programmheft eine solch peinliche Lobhudelei wie die des Andreas Láng abzudrucken, wär aba echt net nötig gewesen), in der der Prolog aus Les Contes d’Hoffmann, das zweite Bild des zweiten Aktes der Pique Dame, der vierte Akt der Jüdin und das zweite Bild des dritten Carmen-Aktes sozusagen halbszenisch dargeboten wurden. Lobenswerterweise hat man sich bemüht, für entsprechende Partner zu sorgen, und, was mir persönlich leid tut, hat Agnes Baltsa kurzfristig abgesagt, denn es wär ziemlich ulkig gewesen, ein früheres Dreamteam anno 2015 noch amal gemeinsam in diesen Rollen zu erleben. Seis drum, ausgezahlt hat sich der Besuch auf jeden Fall. Für gewöhnlich bin ich wahrlich kein Freund von willkürlichen Zusammenstellungen aus diversen Opern, aber die heutige Zusammenschau von vier großen Erfolgen Shicoffs war eine gelungene Aktion. Die jeweiligen Bühnenbilder bestanden aus Teilen der entsprechenden Inszenierungen, wenn auch stark reduziert (im Hoffmann zum Beispiel waren links Bühnenbildteile aus Pique Dame zu sehen, und es ist auch nur ein einziger Maxl aufgetaucht, um Punsch an die Studenten auszuschenken), doch das hat dennoch eine passende Stimmung erzeugt, diese Lösung kann ich wirklich als gelungen bezeichnen. Zu Beginn verdingte sich Stephanie Houtzeel als gute Besetzung der Doppelrolle Muse/Niklausse, und hernach sang Paolo Rumetz einen sehr soliden Lindorf (freilich, Terfel, Abdrazakov und R. Raimondi, die ich auf meinen Aufnahmen dauernd höre, sind deutlich besser, aber Rumetz, den wir im Ensemble haben, machte seine Sache wirklich gut). Shicoff zeigte gleich, daß er bei seinem aller Vermutung nach letzten Wiener Auftritt in sehr guter stimmlicher Verfassung war. Ich persönlich habe sein Timbre extrem gerne, mag auch seine spezielle Art, und daß die Stimme hin und wieder ein bissl brüchig klingt und Töne gestemmt werden – was solls, Schwamm drüber! Im Hoffmann waren auch noch Thomas Ebenstein, Marcus Pelz und Carlos Osuna (dieser deutlich besser als vor einem Jahr) zu hören, und dann gab es einen weiteren, der sehr annehmbar sang, aber peinlich übertrieb. Nachschauen ergab später, daß es sich um Clemens Unterreiner handelte... man sollte ihm klarmachen, daß der Hermann nicht die Hauptrolle dieser Oper ist, dann wirds was werden mit ihm. Ich hätte mir gewünscht, daß es mit dem Hoffmann, den ich heiß und innig liebe, weitergeht... Krassimira Stoyanova sang aber eine phantastische Lisa, und Anja Silja, die NEUNZEHNNEUNUNDFÜNFZIG an der Wiener Staatsoper debütiert hat, ließ als Gräfin nur mehr Stimmreste hören, brachte aber eine packende Darstellung, und darauf kommts hier ja schließlich an. Hyuna Ko war auch noch mit dabei. Nach der Pause gab Krassimira Stoyanova eine nicht minder schlechtere Rachel, Ferruccio Furlanetto, der mir heute nicht so gut wie sonst gefallen hat, übernahm den Brogni, und Simina Ivan sang den Part der Eudoxie. In der Carmen war Elena Maximova eine gute, wenn auch nicht außergewöhnliche Titelbesetzung (ja, die Baltsa wär eine Hetz gwesn!), als Escamillo genoß Clemens Unterreiner sichtlich die Remassuri um ihn, Simina Ivan und Juliette Mars steuerten Frasquita und Mercédes bei. Frédéric Chaslin stand am Pult und leitete den Abend halbwegs passabel. Nach dem Ende der musikalischen Darbietungen waren eine Menge Leute auf der Bühne versammelt (ich hab mir nicht alle Namen gemerkt, Shicoffs zweite Ehefrau, deren Namen ich nicht weiß, war auch darunter): Jürgen Flimm lieferte mit einem anderen Herrn eine total blödsinnige und peinliche Kostprobe des – wie er gsagt hat – Rheinischen Humors ab und verstummte erst auf Zu- und Buhrufe aus dem Publikum, doch dann hielt Ioan Holender eine sehr launige Rede, in der er auch an die geplante Bestellung Shicoffs zum Staatsoperdirektor erinnerte und den fast 66jährigen Jubilar („40 Jahre Bühne“!!) mahnte, sich ob der Nicht-Bestellung zum Operndirektor nicht zu grämen (sonst wären Shicoffs Haare noch weißer als die Holenders...), Dominique Meyer schenkte ihm das Jüdin-Kostüm, und auch Shicoff sprach einige sehr dankbare Worte. – Das wars also mit Shicoffs Staatsopernkarriere... wir haben oft fest über ihn geschimpft, doch ich bin überzeugt, daß er eine Lücke hinterlassen wird – wer sollte sonst den Eléazar singen?! (na gut, auf diese Oper kann ich eh verzichten) Es ist natürlich immer traurig, wenn etwas Schönes endet, doch ich bin froh, daß „Neil Shicoff an der Staatsoper“ mit einem Eléazar (im März) und einer Gala geendet hat, anstatt still und heimlich auszulaufen (wie zum Beispiel bei dem vollkommen unterschätzten Walter Fink). Danke für alle mitreißenden Opernabende! Billy :hello
Severina (04.05.2015, 17:58): Lieber Billy,
danke für Deinen Bericht! Ich habe lange überlegt, ob ich mir das geben soll, denn der ganz große Shici-Fan war ich nie. In einigen Partien (Natürlich Eleazar, dann Britten, Hoffmann..) mochte ich ihn sehr, in anderen überhaupt nicht. Außerdem fand ich ihn bei meinen letzten Live-Begegnungen auch in "seinen" Rollen nicht mehr soooo toll, also fiel mir das Daheimbleiben dann nicht schwer.
Umso mehr freut es mich, dass Shicoff, der uns natürlich viele Sternstunden an der WSO beschert hat, ein würdiger Abschied gelungen ist, also keiner von der Sorte "Gott sei Dank, dass er endlich aufhört!"
lg Severina :hello
Billy Budd (04.05.2015, 18:24): Ja, bei Shicoff ists stark auf die Tagesform angekommen, insofern wars auch Glück, daß er gestern gut drauf war... In seiner gestrigen Verfassung würd ich ihn noch gern einige Jahre hören, aber ich versteh natürlich, daß es für ihn körperlich zu anstrengend wird und es sich nicht auszahlt, seine Stimme für die paar wenigen Auftritte, die er noch hat, instandzuhalten. Wenn ich gestern richtig aufgepaßt hab, hat Meyer etwas von gemeinsamen zukünftigen Projekten geredet, Shicoff hat aber abgewinkt... Derzeit höre ich ihn grad als Hoffmann in einer 2003-Aufnahme... bin sogar ein bissl sentimental... :I :engel Billy :hello
Rotkäppchen (04.05.2015, 18:50): Lieber Billy,
ja, da haben wir uns wohl wieder verpasst. Ich hätte ja nie im Leben gedacht, dass Du zu diesem Event gehen würdest. Ich habe es mir selbstverständlich auch nicht entgehen lassen, weil ich ja nun ein ganz doller Shici-Fan bin, und hätte mir auch gewünscht, dass es mit dem Hoffmann weitergegangen wäre, am besten hätte man die Olympia übersprungen und gleich mit Krassimira Stoyanova als Antonia weitergemacht, das hätte dann auch eine Art legendäre Konstellation ergeben (wie eben beim Salzburger Hoffmann von 2003). Allerdings hat es mir beim Kleinzach doch ziemlich den Angstschweiß ausgetrieben, den fand ich ganz schön hakelig, zumindest wenn man frühere Performances kennt. Naja, das Publikum ist ja danach trotzdem das erste Mal ausgeflippt und es schien, als ob danach der Knoten geplatzt war. Der Hermann lag wesentlich besser in der Kehle und der Eleazar sowieso. Den Don Jose fand ich dann richtig fetzig. Hatte mich auch auf Madame Baltsa gefreut, aber Elena Maximova war ein guter Ersatz -- sehr sehens- und hörenswert.
Habe mir noch zeitversetzt den Stream auf heute Abend gebucht und werde es mir nochmal ganz in Ruhe ansehen und natürlich auch ganz schrecklich sentimental sein...
Das Fremdschämenmüssen bei Flimms Auftritt habe ich auch als unangenehm und höchst entbehrlich empfunden, null Punkte!
Ciao, Rk :hello
Billy Budd (04.05.2015, 18:57): Liebes Rotkäppchen! Schau Dir den Spielplan an: Da gibts ja derzeit NICHTS für mich Interessantes - also muß ein opernsüchtiger Musikjunkie wie ich zum gerade noch Erträglichen greifen... Nein, im Ernst: Shicoff schätze ich in den richtigen Rollen wirklich sehr! (nur was wie Cavaradossi geht halt nicht mehr). Schön, daß wir fast durchgehend einer Meinung sind! (nur der Hoffmann hat mir auch gefallen, hab aber schon von mehreren Leuten gehört, daß der nicht gut gewesen sein soll, vielleicht liegts an mir...) Viel Spaß heute abend - und lass' mich bitte wissen, wieviele Taschentücher Du gebraucht hast! :D Billy :hello
Rotkäppchen (05.05.2015, 15:51): Original von Billy Budd - und lass' mich bitte wissen, wieviele Taschentücher Du gebraucht hast! :D Billy :hello Hallo Billy, also, ich habe mindestens eine halbe Packung, also fünf Taschentücher gebraucht, und vielleicht waren das auch nicht die letzten. Bin auf jeden Fall froh, den Stream gesehen zu haben, es war nochmal sehr ergreifend :engel (die Auswahl gerade dieser vier Szenen war schon ziemlich geschickt, auch die Reihenfolge) und manche vokalen Unebenheiten beim Hoffmann kamen auch etwas gedämpfter rüber als beim Liveerlebnis. Ansonsten trifft Severinas Statement von weiter oben wohl den Nagel auf den Kopf: lieber ein Abschied mit so einer tollen Performance, der die Fans einen Verlust spüren lässt, als dass sich irgendwann alle wünschen, dass Schluss ist. Das wäre wesentlich schmerzlicher.
LG, Rk :hello
EDIT: Na, zur Hölle, gerade gefunden -- was für ein Elan...: http://slippedisc.com/2015/05/just-in-us-singer-to-head-russian-opera-house/ bzw. http://www.mikhailovsky.ru/en/press/news/neil_shicoff_will_become_the_head_of_the_mikhailovsky_opera/
Severina (05.05.2015, 23:23): Original von Billy Budd Liebes Rotkäppchen! Schau Dir den Spielplan an: Da gibts ja derzeit NICHTS für mich Interessantes - also muß ein opernsüchtiger Musikjunkie wie ich zum gerade noch Erträglichen greifen... Billy :hello
Armer Billy! So geht's mir auch oft, meist dann, wenn DU opernmäßig im 7. Himmel schwebst! :haha
Normalerweise müsste ich heute auch schweben, denn "Don Pasquale" Nr. 4 ging über die Bühne, aber der erhoffte Gewöhnungseffekt an die Klamaukinszenierung stellte sich leider nicht ein. Im Gegenteil, das Nervige nervt mich mit jedem Mal mehr, Alessio Arduini halt ich einfach nicht mehr aus. Das Ärgerliche ist ja, dass Irina Brook durchaus weiß, wie's geht, das zeigen die beiden stummen Bediensteten Don Pasquales, die sie ganz wunderbar geführt hat und die ich witziger finde als alle Sänger zusammen. Warum der gute Geschmack sie dann verlassen hat und sie aus Don Pasquale und Malatesta solche Knallchargen machen musste, weiß der Himmel.
Auf jeden Fall habe ich heute meine Karte für Freitag zurückgegeben, und ob ich in die letzte Vorstellung gehe, muss ich mir noch gut überlegen. Das ist mir noch nie passiert, dass ich auf einen Flórez-Auftritt pfeife, aber... Seine Serenade, wo er sich bzw. das Tenorklischée so köstlich auf die Schaufel nimmt, war auch heute wieder der umjubelte Höhepunkt. Auch das anschließende Duett mit Norina wäre von beiden ganz zauberhaft, müsste da nicht im Hintergrund Don Pasquale mit seinem dämlichen Schmetterlingsnetz seinen imaginären Nebenbuhler jagen.....
lg Severina :hello :haha :haha
Billy Budd (09.05.2015, 11:57): Original von Rotkäppchen EDIT: Na, zur Hölle, gerade gefunden -- was für ein Elan...: http://slippedisc.com/2015/05/just-in-us-singer-to-head-russian-opera-house/ bzw. http://www.mikhailovsky.ru/en/press/news/neil_shicoff_will_become_the_head_of_the_mikhailovsky_opera/ Waas?? ^^ Shicoff jetzt doch als Operndirektor? Irgendwie glaube ich doch an einen verspäteten Aprilscherz...
Rotkäppchen (09.05.2015, 12:46): Original von Billy Budd Waas?? ^^ Shicoff jetzt doch als Operndirektor? Irgendwie glaube ich doch an einen verspäteten Aprilscherz... Leider scheint das ernst zu sein! Hoffentlich hat er da nicht seine Seele an den Teufel verkauft. Schockierend.
Billy Budd (09.05.2015, 14:29): Aber was soll das bringen? Ich meine, ich versteh nicht, wieso sich Shicoff jetzt (mit knapp 66) die Leitung eines Opernhauses noch antut. (Hoffentlich entwickelt er sich auf diese Art nicht zum zweiten Domingo) Ich vermute, er reißt dort eh kein Leiberl und schmeißt bald das Handtuch... Billy :hello
Rotkäppchen (09.05.2015, 21:46): In diesem Clip (russische Nachrichten) https://youtu.be/oSBL_LQvVGA (speziell ab ca. 1:12) sieht es so aus, als ob Shicoff und Wladimir Kechman, der "Besitzer" des Mikhailovsky Theaters, Kumpels wären und wer weiß, was sich Kechman davon strategisch verspricht :cool ...
nikolaus (09.05.2015, 22:18): ... und es wird auch um viel Geld gehen :ignore
Billy Budd (26.05.2015, 00:23): Ich hab mir ja vorgenommen, meine Lebenszeit nur mehr sehr reduziert in der Oper zu verbringen, und der heutige Tag hat mir wieder amal deutlich vor Augen geführt, daß bei so einer Götterdämmerung (inklusive Anstellzeit) mehr als ein halber Tag futsch ist. Wie auch immer, heute war ich dort, weil mich das Rollendebüt von Falk Struckmann als Hagen sehr gereizt hat, doch leider ist es in die Hosn gegangen. Es schaut so aus, als würde Struckmann durch Umsatteln auf Baßrollen (nächstes Jahr kommt der Gurnemanz!!) Karriere-Verlängerung betreiben wollen (die Stimme ist nicht mehr intakt), doch das Ergebnis ist sehr dürftig. Gut, heute hat er einen guten Tag derwischt ghabt, doch während der ganzen Vorstellung war überdeutlich, daß er mit einer Bariton-Stimme eine Rolle singt, für die ein Baß vorgesehen ist. Ich wollte ihm zurufen: „Schuster, bleib bei Deinen Leisten und lass’ die Finger vom Hagen!“, denn auch eine optisch perfekte Rollengestaltung (ja, er hat gewirkt wie ein Parade-Ungustl) kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß er hier völlig falsch eingesetzt wird – da helfen auch verschlagene Blicke, bedrohliche Gesten und hinterhältiges Lachen (zum Beispiel als Gunther von Gutrune der Ermordung Siegfrieds bezichtigt wird) nix. Evelyn Herlitzius singt derzeit ihre erste Wiener Brünnhilde, und das Ergebnis gefällt mir ziemlich gut. Wenn sie leise gesungen hat, hat es recht seltsam gewirkt, aber da sie meistens mit Vollgas unterwegs war, gelang ihr eine wirkungsvolle Rollengestaltung. Stephen Gould ist unser Siegfried vom Dienst, und obwohl er früher ein kleines bissl besser war (damit mein ich nicht, daß er heute das hohe c wieder versucht hat und es ihm kläglich verreckt ist), ist er noch immer eine ausgezeichnete Besetzung für diese herausfordernde Rolle. Anne Sofie von Otter sang erstmals in Wien die Waltraute und hat mir gar nicht gefallen, da sie um ein Vielfaches zu leise sang und ihre Stimme verbraucht klang. Boaz Daniel und Caroline Wenborne waren als Gunther+Gutrune gute Hausbesetzungen; Richard Paul Fink huschte als Alberich kurz über die Bühne, wobei er keinen bleibenden Eindruck hinterließ (eher leise war er). Die Nornen (Monika Bohinec, Stephanie Houtzeel und Ildikó Raimondi) haben mir besser als die Rheintöchter (Ileana Tonca, Ulrike Helzel und Juliette Mars) gefallen. Der Held des Abends stand aber am Dirigentenpult: Simon Rattle, den ich zum erstenmal erlebt habe, hat zwar eher sängerunfreundlich dirigiert, aber aus der eher langweiligen (wobei die Götterdämmerung eh die beste Ring-Oper ist) Partitur ein Maximum herausgeholt. Billy :hello
palestrina (26.05.2015, 10:51): Hallo lieber Billy, das man den Herrn Struckmann immer noch beschäftigt ist mir ein Rätsel, der war vor 5Jahren schon abgesungen als Borromeo hier in FFM !
LG palestrina
Billy Budd (06.06.2015, 00:52): Wirklich schlecht wars nicht, aber gut ist was ganz anderes: Die Vorstellung begann mit einer an Peter Schneider gerichteten Laudatio des Direktors anläßlich dessen 400. Vorstellung an der Wiener Staatsoper (auch am Abendzettel ausgewiesen). So sehr ich Herrn Schneider ansonsten schätze, aber seine heutige Salome geriet zu breit, zu symphonisch, zu episch... das muß einfach schroffer klingen! Andreas Conrad hat an der Volksoper einen ausgezeichneten Herodes hingekriegt, für die Staatsoper reichen seine stimmlichen Mitteln leider nicht, obwohl er sehr pointiert gestaltete und sich gewaltig anstrengte (teils haben mir die Stimmbänder wehtan, und nachm Tanz war er heiser). Darüber hinaus sollte er der Genauigkeit mehr Aufmerksamkeit widmen. Gun-Brit Barkmin war besser als letztes Jahr, aber viel zu viele Notenwerte lagen im Nirvana (immer zu hoch!), das schmerzte in den Ohren gewaltig! Wolfgang Koch hat mich ein bissl enttäuscht, denn von ihm hab ich eine ausgezeichnete Leistung erwartet. In der Höhe hatte er leichte Probleme, und die Stimme zeigt bereits ganz geringe Verschleißerscheinungen (er ist Raucher und singt viel, da verwundert das nicht). Janina Baechle war der beste Sänger von heute; Carlos Osuna hingegen wird als Narraboth immer schlimmer; Ilseyar Khayrullova paßte als Page. Unter den Nebenrollen lieferten Wolfgang Bankl (1. Soldat) eine ausgezeichnete Leistung, Peter Jelosits (2. Jude) eine gute, Jason Bridges (1. Jude) eine recht passable; den Rest (James Kryshak, Benedikt Kobel, Jongmin Park, Alexandru Moisiuc, Yevheniy Kapitula und Il Hong) darf man getrost als „ziemlich lächerlich“ einstufen. Naja, Schwamm drüber.
Billy :hello Hab mir übrigens grad den Struckmann als Jochanaan anghört und dacht: "Heeerst, wie verdammt gut hat der amal singen können und wieso um Himmels willen glaubt er, daß er als Baß besser ist??"...
Billy Budd (30.06.2015, 01:29): Gegen Saisonschluß war diesmal eine Serie von Hindemiths Cardillac angesetzt, der bei uns sogar in einer guten (obwohl Bechtolfschen) Inszenierung vorhanden ist. Herbert Lippert sagte den Offizier glücklicherweise ab, und vom Bühnenrand empfahl sich der Hausdebütant Junghwan Choi sehr ordentlich. Mit Ausnahme des gruselig klingenden Alexandru Moisiuc (Führer der Prévoté) hörte man nur gute bis ausgezeichnete Leistungen: Tomasz Konieczny (bis vor kurzem noch der Goldhändler) stellte einen sehr hörenswerten Cardillac auf die Bühne, Angela Denoke (Tochter) und Olga Bezsmertna (Dame) klangen wie immer (positiv gemeint), Matthias Klink gab einen sehr ordentlichen Kavalier, am besten hat mir Wolfgang Bankl als Goldhändler gefallen. Michael Boder dirigierte bemerkenswert gut. Das wars mit 2014/15. Billy :hello
Viola (13.09.2015, 14:54): Original von Severina Diesmal kann ich's kurz machen, denn meine Eindrücke von der ersten Vorstellung haben sich im Großen und Ganzen bestätigt, Beczala war vielleicht einen Hauch schwächer, aber das reichte natürlich immer noch für eine überzeugende Leistung.
Neu im Ensemble waren gestern Adam Plachetka als Schaunard (Eine klare Verbesserung!) und Wolfgang Bankl als Benoit/Alcindoro, da ging das "Match" gegen die Erstbesetzung Alfred Sramek unentschieden aus.
Da ich gestern einen schlechteren Platz und außerdem einen Longinus als Vordermann hatte, konzentrierte ich mich fast ausschließlich auf die Musik, und da fiel mir noch mehr als beim ersten Mal das großartige Dirigat von Andris Nelsons auf. Was er alles an noch nie in dieser Intensität wahrgenommenen Subtilitäten aus der Partitur herauskitzelte, war außerordentlich. Speziell der letzte Akt geht in meine Annalen dirigistischer Sternstunden ein. Noch nie hat diese Musik so beseelt und ohne jenes Pathos geklungen, in welchem manche Dirigenten ihr einziges Bohème-Heil finden und damit dem Vorurteil Vorschub leisten, Puccini hätte nur für die Tränendrüsen sentimentaler, überspannter Frauenzimmer komponiert. Nelsons vermeidet jeden vordergründigen Effekt, nimmt das Orchester zurück auf einen stellenweise beinahe kammermusikalischen Ton, lässt die Streicher weinen, aber nicht schluchzen und begleitet das in traumhaften Piani gesungene Duett Mimi -Rodolfo mit Sphärenklängen, die schon nicht mehr von dieser Welt sind. Wenn er das Orchester dann zum Schluss mächtig aufrauschen lässt, trifft er damit das Publikum ebenso mitten ins Herz wie Rodolfo die Erkenntnis von Mimis Tod (Und wieder ein großes Dankeschön an Piotr Beczala, der seinen ganzen Schmerz in das verzweifelte "Mimi! Mimi!" legt, ohne diese zu Herzen gehende Phrase zu zerschluchzen. DAS ist Stil, DAS ist Klasse!! :down :down :down). Und diesmal ereignete sich das Wunder, dass die letzten Takte unendlich zart, wie entrückt, ausschwingen durften, bevor der Beifall einsetzte. :down :down :down ganz speziell für Andris Nelsons!!
Mein Fazit: Ein Lorbeerkranz für den Dirigenten, Rosen für die Sänger!
lg Severina :hello
Diesen Lorbeerkranz haben ihm inzwischen auch die Musiker des Gewandhausorchesters Leipzig überreicht - er wird der Nachfolger Chaillys. :leb
Liebe Severina, falls Du je noch hier hereinschaust: ich habe mich eben sehr gefreut, diesen wunderbar lebendigen Bericht zu lesen - und für's Dankeschön kehre ich gerne noch mal kurz in dieses Forum zurück.
Leider bleibt diese Seite aus Wien nun verwaist. Aber zum Glück findet man sie sofort, wenn man etwas Bestimmtes sucht.
Herzliche Grüße aus Leipzigs Nähe nach Wien
Viola :hello
Hosenrolle1 (17.11.2015, 23:10): Kein direkter Bericht aus der Staatsoper, aber ich habe gerade im "Online Merker" ein Bild der HUG-Inszenierung gesehen, das ich nicht vorenthalten möchte.
Ein "kleines graues Männchen", wie es geschrieben steht.
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (18.11.2015, 00:21): Sorry, dass ich jetzt mitten in das HuG-Fieber hereinplatze!
Ich hatte mir den Stream der Werther-Aufführung vom 16.11. auf heute Abend bestellt und es hat mir super gut gefallen, dass ich ein paar Worte darüber verlieren möchte. Elina Garanca alias Charlotte und Matthew Polenzani in der Titelpartie waren beide in Topform und zwar beides: sängerisch und auch darstellerisch, da blieben – bei mir zumindest – keine Wünsche offen (und kein Taschentuch trocken). Markus Eiche als Albert und Hila Fahima als Sophie holten auch viel aus ihren vergleichsweise kurzen Rollen heraus. . Die Inszenierung von Andrei Serban macht bis auf einige Details, die ich nicht verstehe, Sinn und das Hauptobjekt, eine riesiger verwachsener Baum, ist sehr originell. Zur technischen Realisierung von diesem ausgefallenen Bühnenbild wurde in der Pause viel erläutert, auch ziemlich interessant.
:hello Rk
Hosenrolle1 (18.11.2015, 00:31): "Fieber" ist das eh keines, eher Frust :D
Ich kann nur hoffen, dass Thielemann sie gut dirigiert, weil das ist das Einzige, was noch zu retten wäre.
LG, Hosenrolle1
Hosenrolle1 (18.11.2015, 17:58): Auf der Seite des BR gibt es ein Interview mit C. Thielemann, wo er über HUG redet. Ich möchte es gerne ein bisschen kommentieren.
Gleich am Anfang schon schreibt der BR:
Eigentlich ist es eine Kinderoper. Auf der anderen Seite erinnert Humperdincks "Hänsel und Gretel"auch an Wagners Orchesterklang.
Es ist KEINE Kinderoper!!!
Zu Beginn folgen die üblichen Fragen, "Haben Sie die Oper selbst als Kind gesehen, wurde dadurch die Liebe zur Klassik erweckt" usw.
Dann das hier:
BR-KLASSIK: Das Interessante ist ja, dass dieses Grausame die Kinder auf der einen Seite fasziniert, und man als Erwachsener denkt, man muss sie davor beschützen. Wie deutlich darf man das zeigen, dass die Hexe schon viele Kinder aufgefressen hat?
Christian Thielemann: Naja, das ist sowieso so eine Frage. Die Hexe macht ja aus den Kindern Lebkuchen. Und die sind ja eigentlich eine sehr nette Angelegenheit, schmecken gut und so weiter. Ich glaube, als Kind wird einem gar nicht klar, wie grausam das ist. Und am Ende kommen die Kinder ja auch wieder. Sie sind 'erlöst, befreit'. Die Hexe wird komischerweise zum Lebkuchen, und die Kinder sind alle wieder frei. Ich glaube, das wiegt das dann wieder auf.
Wie deutlich darf man zeigen, dass die Hexe schon viele Kinder aufgefressen hat? Ja gar nicht, denn davon steht nichts in der Partitur. Nur der Vater erzählt in der Hexenballade, was die Hexe macht.
"Und die Lebkuchenkinder?" "Die werden gefressen!" "Von der Hexe?" "Von der Hexe!"
(Das ist übrigens eine große Schwäche der Oper, wie ich finde. Wieso frisst die Hexe die Lebkuchenkinder nicht gleich, sondern macht sich einen Zaun daraus - hat aber offenbar Eile, Gretel zu verspeisen, und schickt sie schonmal ins Haus zum Tisch decken?)
BR-KLASSIK: Interessant ist ja auch die musikalische Spannung. Auf der einen Seite sind da die Kinderlieder, auf der anderen Seite natürlich Humperdinck, der große Wagner-Jünger, der sich auch beim Orchester so einiges vom Meister abgeschaut hat.
Christian Thielemann: Das macht den Reiz des Stückes aus, dass es einerseits ganz populär und eingängig ist, fast ein bisschen naiv, und dann auf der anderen Seite einem diesen Orchesterklang unterjubelt. Ich kann mich daran erinnern: Wenn ich mir das ganz genau überlege, bin ich eigentlich durch 'Hänsel und Gretel' zu meiner großen Liebe, zu diesem romantischen Orchesterklang gekommen.
BR-KLASSIK: War diese Oper quasi der Anlass, dass Sie Ihren Beruf ergriffen haben?
Christian Thielemann: Mehr oder minder. Wahrscheinlich ist das mit ein Anschlagspunkt gewesen. Irgendwann findet man da so einen Klang einfach toll. Und ich glaube, dass ich mich sogar daran erinnern kann, dass ich mich später gewundert habe: 'Ein Männlein steht im Walde', das kennst du doch irgendwie. Ach ja, das ist ja diese Oper. Das ist wie wenn man den 'Faust' liest und dann mit einem Mal 'Das ist des Pudels Kern'; oder bei Schiller 'Ich kenne meine Pappenheimer'. Man ist oft ganz erstaunt, dass sich Dinge so verselbstständigt haben. Und das ist auch bei 'Hänsel und Gretel' so.
Hier ist ein kleiner Fehler, denn "Ein Männlein steht im Walde" ist nicht von Humperdinck, auch wenn er es verwendet hat. Das gab´s schon vorher. Ich kannte das Lied beispielsweise nicht aus der Oper, sondern aus Liederbüchern.
BR-KLASSIK: Was ist das jetzt für eine Herausforderung für Sie als Dirigent nach diesem großen Abstand und der Weltkarriere, die Sie gemacht haben, in Wien zu dirigieren. Was ist die Schwierigkeit an diesem Stück - und der Reiz?
Christian Thielemann: Die Schwierigkeit bei dem Stück ist natürlich, dass die Wagnersche Orchesterbehandlung oder die Humperdinck-Wagnersche Orchesterbehandlung für lyrische Stimmen, die man dafür braucht, manchmal problematisch sein kann. Aber wenn Sie 'Die Meistersinger' dirigiert haben oder an den ersten Akt von 'Siegfried' denken oder an einige Passagen im 'Rheingold', dann kennt man so ein bisschen das Terrain, das man da befahren muss. Und mit den Wiener Philharmonikern ist es natürlich sowie etwas ganz Besonderes, zumal die das letzte Mal 'Hänsel und Gretel' mit Solti 1987 in einer Aufnahme gespielt haben. Von dem jetzt bestehenden Orchester sind zwei Kollegen zu mir gekommen und haben gesagt, sie hätten damals mitgespielt. Und ansonsten ist das eigentlich neu für die. Das finde ich auch völlig verrückt.
1987 unter Solti? Mir sind nur 1978 sowie 1981 in dieser Kombination bekannt. Ich tippe hier darauf, dass man die Zahlen bei 1978 vertauscht hat.
BR-KLASSIK: Das ist ja auch ein Stück, das eigentlich viel an der Volksoper gespielt wird. Gehört es auch ins Große Haus, in die Wiener Staatsoper?
Christian Thielemann: Ja klar. Es war übrigens auch bis Kriegsende dort. Zum letzten Mal wurde es 1944 in der Staatsoper gespielt. Dann wurden die Theater im Krieg geschlossen. Und aus unerfindlichen Gründen hat man nach dem Krieg 'Hänsel und Gretel' nicht mehr hier an das Haus geholt. Nun wurde es höchste Zeit.
Hätte mir auch nie gedacht, dass HUG es mal an die Staatsoper schaffen würde. :)
Aber wo er Recht hat hat er Recht.
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (18.11.2015, 21:35): Hallo Hosenrolle, gehst du eigentlich live hin?
:hello Rk
Hosenrolle1 (18.11.2015, 22:42): Nein, zum einen wirds terminlich schwierig, zum anderen gehen mir diese Vorverkaufs-Optionen auf die Nerven.
Bei der Volksoper war es ganz einfach: 20 Minuten vor Vorstellungsbeginn hin und sich eine Restkarte kaufen. Eventuell vorher noch schauen, welche Plätze noch frei sind und sich das notieren, um dann gezielt danach zu fragen.
Bei der Staatsoper aber gibts unterschiedliche Kassen mit unterschiedlichen Möglichkeiten Karten zu kaufen, das ist mir zu verwirrend, deswegen lass ich es lieber.
Nur die Salome-Produktion dort würde ich gerne mal live sehen und vor allem hören, aber damals hat mich das mit dem Vorverkauf schon abgeschreckt.
EDIT: schlussendlich ist mir HUG auch nicht mehr SO wichtig wie noch vor 10 Jahren, die Salome hat es abgelöst. Heute begnüge ich mich eher mit CDs und anderen Einspielungen, die ich dann auch in Ruhe auseinandernehmen kann. Außerdem würde ich ungern eine solche Produktion unterstützen, wenn ich eine vergleichsweise besser (wenn auch nicht perfekte!) Inszenierung in der Volksoper sehen kann.
LG, Hosenrolle1
Hosenrolle1 (19.11.2015, 00:45): Ein neues Bild dieser Produktion, wieder vom Online-Merker.
Hosenrolle1 (19.11.2015, 14:17): Und wieder ein Interview im Online-Merker, diesmal mit der Sängerin der Mutter.
Schon die Fragestellung ist völlig verkehrt:
Zur Frage nach der Mutterrolle in Hänsel und Gretel, in welcher sie ihre Kinder ganz bewusst in den Tod schicken will, bzw. diesen zumindest in Kauf nimmt, fallen Frau Baechle ihre persönlichen Überlegungen ein, die auch in die Rollengestaltung einfließen werden:
Was? Die Mutter möchte, dass die Kinder Beeren sammeln. Später, als sie erfährt, dass die Kinder sich verirren könnten und dort eine Hexe lebt, erschrickt sie und läuft hinaus, um sie zu suchen.
Es ist die Mutter bzw. Stiefmutter der Grimm-Version, die die Kinder bewusst aussetzt um sie sterben zu lassen.
„Ich glaube dass das eine Überreaktion der Mutter war, sie kommt sehr müde und kaputt nach Hause. Man weiß ja gar nicht von wo sie gerade herkommt. Ich habe mir da so eine Geschichte überlegt, dass sie da bei der Nachbarin war, die ein krankes Kind hat und sie nun geholfen hat und nun müde und kaputt nach Hause kommt
Was?
Und die Kinder sind übermütig und in dem ganzen Durcheinander geht auch noch das einzig schöne Objekt, das sie noch im Hause hat – wahrscheinlich ein Erbstück von ihrer Mutter – zugrunde.
Was??
Das kommt also dabei raus, wenn man sich irgendwelche Dinge überlegt, wo es nichts zu überlegen gibt.
Die Mutter haut einen Milchkrug um und verschüttet das erste gute Essen seit Wochen, weil die alle HUNGER haben. Was hat das mit Erbstücken zu tun??
Es gibt da ja eine Stelle, bei der man merkt, dass der Vater sie schon auch schlägt. Als sie ihm gesteht, die Kinder zum Ilsenstein geschickt zu haben, holt er mit den Worten „Ei, juckt dich das Fell!“ den Besen hervor…
1.) Das stimmt nicht. Sie sagt, auf die Frage, wo die Kinder sein mögen, konkret "Meinethalben am Ilsenstein". Sie hat sie NICHT zum Ilsenstein geschickt!
2.) Das ist in der Tat eine schwierige Stelle, ich habe es immer so aufgefasst, dass er so schockiert ist darüber, dass die Mutter einfach so sagt "Meinethalben am Ilsenstein", dass er es also so auffasst, dass sie meint "Von mir aus können die auch in die Fänge der Hexe geraten, ist mir auch egal".
Von der Hexe weiß sie ja bis dahin nichts, und er fragt dann auch "Kennst du nicht den schauerlich düstern Ort, weißt nicht dass die Böse dort wohnt?"
Die Mutter sagt ja auch nur verächtlich zu ihm "Den Besen, den lass nur an seiner Stell" und er lässt ihn fallen. Ich glaube eher dass SIE die Hosen da anhat.
LG, Hosenrolle1
Hosenrolle1 (23.11.2015, 13:52): So, ich habe mir gerade den ganzen ersten Akt dieser HUG-Aufzeichnung angehört, einschließlich Ouvertüre und Vorspiel zum zweiten Akt.
Basis war eine mp3 Aufnahme, was natürlich heißt, dass die Musik nicht so gut klingt. Aber dazu gleich etwas.
Ich sage es mal so: es ist traurig, dass eine kleine spanische Opernschule für Nachwuchssänger, die nicht mal Deutsch können bessere SängerInnen auf die Bühne stellen und die den Text auch (von manchen Ausspracheproblemen abgesehen) auch beherrschen, als die weltberühmte Wiener Staatsoper bei einer Premiere.
Ständig hörte man laut den Souffleur, der die Einsätze vorgab, und zwar für ALLE SängerInnen. Das hat mich extrem gestört und irritiert, und lenkte mich von der Musik ab. Ich hatte zwar natürlich die Partitur bei der Hand, aber dennoch, wenn man dieses laute "Dazwischengerede" permanent hört, dann lenkt das ab. Sollte diese Inszenierung tatsächlich einmal auf DVD/Blu-ray erscheinen, ich wette, dass sie DIESE Aufführung nicht nehmen werden, da unbrauchbar.
Bitte nicht falsch verstehen, ich habe Verständnis, wenn es krankheitsbedingte Probleme gibt, und wenn SängerInnen in letzter Sekunde für jemanden einspringen. Gar kein Thema. Aber dennoch, hier sollte man doch ein bisschen vorausschauender agieren, meiner Meinung nach. Es geht ja, wie gesagt, um die Wr. Staatsoper, die ja auch ordentliche Preise verlangt, nicht um ein kleines Provinztheater.
Aber die Sängerinnen mag ich alle nicht, sie sind für mich eine Enttäuschung. Die Gretel klingt zu schwer und zu alt, und der Hänsel VIEL zu tief und unbeweglich. Die Mutter ebenfalls sehr tief, der Vater war ok, aber wurde sehr zurückhaltend gesungen, wohl wegen der Unsicherheiten im Text, und um den Souffleur zu verstehen.
Es ist aber auch unfair, eine Premiere mitzuschneiden, meiner Meinung nach, denn da ist alles noch neu ... besser wäre es, eine Aufführung zu nehmen, wo die Beteiligten den Text drauf haben, es keine Ausfälle gibt und sie schon halbwegs eingespielt und sicher sind, die Nervosität bei der Premiere nicht mehr da ist.
Aber ok, zum musikalischen: wie ich schon erwähnte, war es eine MP3-Datei, die ich gehört habe, und außerdem werde ich das Ganze in meinem HUG-Thread rezensieren (und dann hoffentlich eine Version ohne Souffleur!). Insgesamt gefiel mir das Dirigat bis jetzt sehr gut, das Orchester klingt tatsächlich "transparent" und kontrolliert, ich habe an ein paar Stellen, wo mal nicht gesungen wurde, neue Details entdeckt, auf die ich mich schon freue.
Bei einem Live-Mitschnitt darf man, was Fehler angeht, nicht so streng sein, denn es handelt sich ja nicht um eine Aufnahme, die in CD-Form im Laden steht. Drei kleine Timingprobleme sind mir aufgefallen.
Einmal bei "Doch halt, wo bleiben die Kinder", so das Orchester schon auf "Kin" statt auf "der" anfängt zu spielen.
Einmal an einer meiner Lieblingsstellen, nachdem die Mutter singt "Die Knusperhexe!" und Fagotte und Bässe das Hexenritt-Motiv intonieren.
Und einmal bei "Den Besen, den lass nur an seiner Stell", wo die Pauke nicht exakt auf der Silbe "ner" anfing zu spielen.
Aber das sind Dinge, die nur für diese Version gelten, deswegen stören sie mich auch nicht wirklich.
Trotz der schlechten MP3 Qualität fand ich besonders beeindruckend, wie wuchtig und brutal Thielemann den Anfang des Hexenritts nimmt, besonders die Bässe hört man hier schön heraus! Das habe ich SO noch nicht gehört, da bekommt man echt Angst. Ob es an der Aufnahmetechnik oder an Thielemanns Anweisungen lag kann ich nicht beurteilen, aber auch die große Trommel und die Pauke hört man sehr gut, ebenfalls ein Pluspunkt.
Während dem Orchestergetöse ab Richtziffer 63 hört man auch bei hohen Lautstärken die 16tel Triolenketten der Streicher heraus, was ich ebenfalls positiv fand, und unheimlich wabernd und eindrucksvoll gelang Takt 9 nach RZ 64 - wie die Violinen hier wabern und für Unruhe Sorgen, das hat etwas!
Ich bin schon gespannt, das Ganze mal unkomprimiert zu hören, idealerweise natürlich in einer späteren Aufführung ohne die o.g. Schwächen.
Nur der Horneinsatz bei RZ 67 hat mich enttäuscht, das war definitiv KEIN fortissimo. Das hat mich doch gewundert, denn wenn man den 1. Akt mit der Partitur mitliest, stellt man fest, dass sich Thielemann sehr genau an Humperdincks Dynamikvorschriften hält, auch hier gab es Stellen, die ich so noch nicht gehört habe, und die mein Interesse geweckt haben.
Den für mich viel zu leisen Horneinsatz machen dafür die gruseligen Celli ab RZ 67 wieder wett, die so schön hörbar sind, und trotzdem in den perfekt abgestimmten Gesamtklang einfügen.
Hätten jetzt auch noch die SängerInnen gepasst ...
Das war jetzt nur ein kurzer Bericht, ich werde mir das noch fertig anhören und noch etwas dazu schreiben; eine ausführliche Rezension dann in meinem Thread (was aber bitte nicht heißen soll, dass jemand anderer dort keine schreiben soll! Ich bin sehr froh, wenn jemand auch eine Aufnahme oder einen Mitschnitt rezensiert!).
LG, Hosenrolle1
Hosenrolle1 (23.11.2015, 16:04): Achso, eine Ergänzung: in einer Kritik hieß es, dass sich das Publikum künftig zwischen zwei HUG-Produktionen entscheiden können wird: Volksoper und Staatsoper. Heißt das, dass HUG an der Staatsoper jetzt fix bleibt und dort jedes Jahr gespielt wird?
LG, Hosenrolle1
Hosenrolle1 (24.11.2015, 14:06): So, nun habe ich auch die beiden letzten Akte gehört.
Thielemanns Dirigat gefiel mir auch hier sehr gut. Ein paar Stellen hätte ich mir vielleicht etwas dramatischer gewünscht, aber ansonsten war es ein für mich absolut hörenswertes Dirigat, dafür, dass es Live war, und keine Studio-Aufnahme.
Was nicht toll war waren die Sängerinnen. Abgesehen von Hänsel und Gretel (letztere schert sich irgendwie überhaupt nicht um Humperdincks Dynamikanweisungen und singt ein piano oder ein "zart" immer noch sehr laut und mit heftigem Vibrato) ist die Hexe fürchterlich. Ein ständiges, eintöniges Geplärre, viel Vibrato, Textverständlichkeit null.
Die Sänger verschandeln hier die schöne Musik - fürchterlich! Besser wäre es, die Oper hier instrumental aufzuführen, die Musik erzählt die Geschichte (ähnlich wie ein Stummfilm) auch ohne Text perfekt und nachvollziehbar.
Einzig der Kinderchor war in Ordnung. Er klang ausgewogen, hell, und zu keiner Zeit quitschig oder schief, auch die Einsätze haben alle genau gepasst. Auch da habe ich in Studioaufnahmen zwar besseres gehört, aber wie gesagt, für eine Live-Aufnahme absolut in Ordnung!
Was mir auffiel, beim Kinderchor ließ Thielemann (so habe ich es zumindest wahrgenommen) die Blechbläser etwas zurücktreten und dafür besonders die rhythmische Abteilung, also tiefe Streicher und Schlagwerk spielen, um die Taktschwerpunkte zu betonen, den Chor aber nicht ständig zu übertönen.
Alles in allem kann ich die Kritiken nachvollziehen, die meinten, dass der Star des Abends die Philharmoniker waren.
LG, Hosenrolle1
Hosenrolle1 (24.11.2015, 20:52): Ich habe mir gedacht, ich mache ein kleines Klangbeispiel. Hier habe ich gerade ein Video erstellt, wo man den Höhepunkt der Traumpantomime (Richtziffer 101) hört.
https://youtu.be/JvLYPhUgtdY
LG, Hosenrolle1
Hosenrolle1 (27.11.2015, 14:55): Habe mir grade den HUG-Trailer der Staatsoper angesehen, und da fiel mir dieses Bild hier auf:
Rotkäppchen (16.04.2016, 23:13): Die Wiener Tosca, die gerade gestreamt wurde, war ja herrlich schräg! Jonas Kaufmann wurde nach der Sternenarie gefühlte drei Minuten vom hysterischen Publikum genötigt, das Stück zu wiederholen, was er dann auch getan hat. Nur erschien nach der Wiederholung einfach niemand auf der Bühne, keine Tosca, nix, was ziemliches Gelächter nach sich zog. JK war supercool und plauderte ein wenig mit dem Publikum: er sei jetzt auch überrascht, entschuldige sich, na, jetzt probieren wir es nochmal ... so in dem Stil, bis die Bühnenkollegen dann doch das Treppchen raufkamen :rofl :rofl :rofl.
:hello Rk
Rotkäppchen (17.04.2016, 00:25): Original von Rotkäppchen gefühlte drei Minuten vom hysterischen Publikum genötigt, das Stück zu wiederholen ...
So kann man sich täuschen! Habe gerade nachgemessen: es waren sechs Minuten Hysterie :D.