Bernard Haitink

Rachmaninov (21.06.2007, 09:57):
Hallo Forianer,

ich bin ein großer Freund der Kunst von Bernard Haitink. (Lebenslauf)

Oft hört man dem Orchester richtig an, dass der Dirigent noch während der Aufnahme mit ihm Arbeitet. Bei Haitink ist dies anders. Eigentlich hört man seine Arbeit auf den Aufnahmen nicht. Hier wurde vorher gut gearbeitet und dadurch wirken die Aufnahme und das Zusammenspiel sehr natürlich und nicht so geleitet.
Zudem neigt Haitink nicht zu übertriebenen Attacken und dies tut vielen Sinfonien durchaus gut. Das heisst allerdings nicht, dass hier breiig oder gar dröge dirigiert wird.
Hier stimmt einfach die Balance! Und dadurch entstehen grandiose Aufnahmen IMO.

Paradebeispiel sind hier für mich die Sinfonien von D. Schostakowitsch. Während einige der russischen Vertreter seiner Zunft viele Sinfonien wie im Rausch voller Attacken dirigieren, so wie es teilweise Kondrashin bevorzugt, entwickelt Haitink die Sinfonien eher aus einer inneren kraftvollen Aussage heraus. Dies passt IMO sehr gut zu den Sinfonien Schostakowitsch’s und ebenfalls zu der Person Schostakowitsch.
Für mich sind Haitink’s Gesamtaufnahmen der Sinfonien Schostakowitsch ohne Zweifel der beste Zyklus eines nicht russischen Dirigenten, eventuell sogar die beste Überhaupt.




Kürzlich kaufte ich mir, günstig dank dem Tipp von Uhlmann, die Bruckner-Sinfonien (Philips) mit ihm. Mein erster Eindruck, wenn auch flüchtig, war ebenfalls sehr positiv.

Ebenso positiv habe ich seine Zauberflöten-Aufnahme in Erinnerung. Vor allem allerdings wegen E. Gruberova.

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/5109087.jpg

Gleiches gilt auch für die Rachmaninov-Klavierkonzerte, die ich aber wegen Ashkenazy nicht empfehlen würde, aber das Dirigat dennoch sehr gut finde!

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/5145104.jpg

Reizen würde mich auch sein Beethoven Zyklus. Allerdings weiß ich noch nicht ob den alten Philips oder den neuen mit dem LSO!
Vielleicht kann einer Berichten.

Was haltet ihr von Haitink und kann einer was zu seinen Brahms und Vaughan Williams Aufnahmen berichten?
Welche großen Aufnahmen fallen euch beim Namen Haitink ein?
Amadé (22.06.2007, 20:43):
Hallo Richard,

Haitinks Chance kam nach dem Tode des bedeutenden Orchestererziehers und Dirigenten Eduard van Beinum. Zunächst noch gemeinsam mit Eugen Jochum übernahm er 1961 die Leitung des Concertgebouworchesters, einige Jahre später war alleinverantwortlich für das Amsterdamer Eliteorchester, das zu Zeiten von Mengelberg immerhin auch von Mahler und Richard Strauss dirigiert wurde. Haitink hat das hohe Niveau nicht nur gehalten, sondern auch weiterentwickelt. Jedes Werk wurde bestens vorbereitet, alles sehr solide, es gab keine unvorhergesehenen Überraschungen, sein Musizieren war unspektukulär. Vielleicht darf man, trotz der andersgearteten Persönlichkeiten der beiden, Haitink mit Karl Böhm vergleichen. In den 60er und 70er Jahren sind eine Menge Plattenaufnahmen getätigt worden, die vom Weltklasseniveau des Ensembles zeugen. Später machte Haitink auch Aufnahmen mit dem London Philharmonic Orchestra, dessen Leiter er zeitweise war, sowie mit dem Boston SO, den Wiener und den Berliner Philharmonikern und der Sächsischen Staatskapelle.
Ich persönlich schätze seine Aufnahmen der Bruckner und Mahler-Sinfonien, bei Brahms gefallen mir die beiden Serenaden gut. Die Interpretationen der Sinfonien, sei es aus Amsterdam, Boston oder mit dem LSO sind gut, aber es gibt bessere, z.B. Dohnanyi/Cleveland, Wand/NdR, Walter. die von Dir genannte Aufnahme der Schostakowitsch-Sinfonien halte auch ich für gelungen, ich besitze daraus einige Sinfonien.
Zuletzt möchte ich noch darauf hinweisen, dass Haitink ein vorzüglicher Begleiter war und noch ist. Viele Stars haben sich bei Konzerteinspielungen seiner Mitwirkung versichert: Arrau, Brendel, Perahia,
A.Schiff, Grumiaux, Ashkenazy...

FReundliche Grüße
Amádé
Jan Van Karajan (22.10.2021, 10:55):
Gerade höre ich mit großem Entsetzen, dass Maestro Bernard Haitink im Alter von 92 Jahren verstorben ist :I . Er gehörte zu meinen Türöffnern bei Liszt und Tschaikowsky, bei seinem letzten Konzert mit den Wienern hatte ich Gänsehaut, als ich es online hörte.
Es ist so furchtbar. Viele große Künstler sind in den letzten zwei Jahren von uns gegangen (Mariss Jansons, James Levine, Edita Gruberova, Christa Ludwig, Bernard Haitink).
Mögen sie alle in Frieden ruhen
Maurice inaktiv (22.10.2021, 11:21):
Gerade höre ich mit großem Entsetzen, dass Maestro Bernard Haitink im Alter von 92 Jahren verstorben ist
Ja, immerhin war er lange aktiv und hat zahlreiche hochklassige Einspielungen hinterlassen. Ich hatte mal die GE der Sinfonien von Brahms, Bruckner, Beethoven, Mahler, Schostakowitsch und Tschaikowsky da, aber alle abgegeben, weil ich später für mich persönlich "bessere" Einspielungen gefunden hatte. Dafür gehe ich bei Liszt mit Dir überein und später habe ich mir die Live-GE der Brahms-Sinfonien mit dem London SO gekauft, die ich nicht missen möchte.



Heute sündhaft teuer, hatte ich mal 5,21 € gezahlt (04/2017 war das gewesen)
Leonardo (22.10.2021, 11:43):
Haitink.
Wenigstens konnte ich Ihn ein paar mal live hören (alle Brahms-Sinfonien mit dem Chamber Orchestra of Europe und die Dritte Mahler mit dem Bayerischen Rundfunk).
Die Nachricht von seinem Tod hat mir auch einen Schock versetzt und mich traurig gemacht.
Eigentlich kann man Ihn gar nicht hoch genug einschätzen.
bei seinem letzten Konzert mit den Wienern hatte ich Gänsehaut, als ich es online hörte.
Das ging mir auch so. Du meinst die Siebte Bruckner mit den Wienern in Salzburg, oder?

L.
Jan Van Karajan (22.10.2021, 12:08):
Schostakowitsch
Ja, auch diese Aufnahmen stehen hier im Schrank. Wunderbar :down .

Eigentlich kann man Ihn gar nicht hoch genug einschätzen.
Ach, es ist so traurig. Die Großen gehen und werden nicht mehr zurückkommen :I .

Das ging mir auch so. Du meinst die Siebte Bruckner mit den Wienern in Salzburg, oder?
Genau die. Am schluss des Konzerts herrschte eine Stille, die ich vorher so noch nie bei einem Konzert gehört habe. Einfach einmalig
Leonardo (22.10.2021, 14:15):
Ach, es ist so traurig. Die Großen gehen und werden nicht mehr zurückkommen .
Nein, da kommt nichts mehr zurück. Es ist aus und vorbei mit den großen Dirigentenpersönlichkeiten.
Ich habe Günter Wand oft live gehört. So etwas habe ich dann eigentlich nie wieder erlebt.

L.
Jan Van Karajan (22.10.2021, 14:34):
Die letzten Großen, die mir einfallen, sind eigentlich Riccardo Muti und Daniel Barenboim. Nicht falsch verstehen, es gibt auch andere Dirigenten, die ich gerne mag, aber ich weiß nicht, ob jemals Persönlichkeiten wie Wand, Haitink oder Karajan in unserer Welt auftauchen werden.
Leonardo (22.10.2021, 15:26):
Ja, bei Riccardo Muti stimme ich Dir auf jeden Fall zu.
Riccardo Chailly ist zum Glück noch nicht so alt.
Mit Abstrichen würde ich Herbert Blomstedt zu den "großen Alten" zählen.

Aber ich finde doch, daß Bernard Haitink eine ziemliche Sonderstellung hatte. Er war wohl der bedeutendste lebende Mahler-Dirigent, und bei Bruckner hatte er gegen Ende seines Lebens diesen Status auch erreicht. Daneben war er exzellent in Shostakovich, Vaughan Williams, Richard Strauss, Debussy, Ravel, Brahms sowie in zahlreichen Werken des 20. Jahrhunderts. Er hatte ein wirklich großes Repertoire.

L.
Leonardo (22.10.2021, 16:05):
"Marcie, Du darfst heute erste Reihe Mitte als alleiniger Ehrengast kostenlos und mit Limousinenservice einem Konzert mit D.Barenboim am Pult beiwohnen", da würde ich viel lieber zuhause bleiben.
Ich auch.

L.
Jan Van Karajan (22.10.2021, 16:11):
eine Geschmacksfrage
Natürlich, das verstehe ich ja auch vollkommen. :)

Dass heute solche Egomanen/übertrieben stilisierten Götterdirigenten wie Karajan aussterben, ist ja doch sehr begrüßenswert.
Naja, auch das ist ja wohl eine Geschmacksfrage. Als begrüßenswert würde ich das nicht bezeichnen.

"Marcie, Du darfst heute Abend ein Konzert besuchen mit entweder Bernhard Haitink am Pult ODER mit Grazintyé-Tyla",
Beide haben was für sich. Das würde bei mir auf das Programm ankommen. :D

"Marcie, Du darfst heute Abend ein Konzert besuchen mit entweder Günther Wand am Pult oder mit Paavo Järvi,
Hier muss ich doch glatt zugeben, dass ich Wand bevorzugen würde :D . Auch wenn ich Järvi an sich gerne mag.

"Marcie, Du darfst heute erste Reihe Mitte als alleiniger Ehrengast kostenlos und mit Limousinenservice einem Konzert mit D.Barenboim am Pult beiwohnen", da würde ich viel lieber zuhause bleiben.
Ich weiß :beer . Steht dir ja auch zu. Ich bin mir da tatsächlich eher unsicher.
Maurice inaktiv (22.10.2021, 21:45):
Ja, auch diese Aufnahmen stehen hier im Schrank. Wunderbar
Ich habe sie wieder abgegeben, nachdem ich die GE unter Rostropowitsch und dann Barschai hatte. Da habe ich auch Rostropowitsch abgegeben.


Die letzten Großen, die mir einfallen, sind eigentlich Riccardo Muti und Daniel Barenboim.
Ich tue mir mit beiden Dirigenten schwer. Muti ist sicher von den beiden der mir persönlich näher stehende Dirigent. Bei Barenboim ist mir zu oft mehr das "Machen" sein Hauptmotiv, nicht das "Können". Ausnahmen bestätigen diese Regel. Barenboim hatte weder Bruckner noch Mahler durchgehend auf hohem Niveau parat. Sein Brahms aus Chicago liegt mir nicht. Er hat dort viele Jahre von der Arbeit Soltis profitiert. In Berlin hat er großartige Arbeit geleistet, aber seine Art und Weise gegenüber diversen Personen ist auf wenig Gegenliebe gestoßen.

Muti ist einer der alten "Pult-Titanen", die man in die Reihe von Karajan, Solti und Co stellen kann.


Riccardo Chailly ist zum Glück noch nicht so alt.
Inzwischen auch schon 68 Jahre.


Mit Abstrichen würde ich Herbert Blomstedt zu den "großen Alten" zählen.
Unterschätze den Herbert Blomstedt nicht. Was er im Osten teilweise eingespielt hat, ist allererste Sahne. Etwa mit der Staatskapelle Dresden. Ganz zu schweigen von seinen Einspielungen der Komponisten aus Nordeuropa. Nielsen, Sibelius, Berwald, etc. Später auch Bruckner. Er hat auch eine sehr anständige GE der Schubert-Sinfonien eingespielt.


Bernard Haitink war mir immer genauso unsympathisch wie Lorin Maazel, und ich habe auch noch KEINE Mahler-Aufnahme von ihm gehört, die mich umgehauen hat, egal, ob er solch ein Etikett hat.
Ich tue mir mit Haitink auch sehr schwer. Seine späteren Bruckner-Einspielungen gefallen mir sehr gut, sein Brahms fand ich ebenfalls sehr gut. Beim Rest muss ich sagen, habe ich mich nicht so daran erfreut. Bei Bruckner steht bei mir Wand einfach ganz Oben auf dem Treppchen. Allerdings gibt es auch andere Dirigenten, die bei Bruckner überzeugende Einspielungen hinterlassen haben (Dennis Russell Davies, Mario Venzago, Karajan natürlich, Abbado, Harnoncourt).

Unsympathisch finde ich Haitink wirklich nicht, bei Maazel sind wir einer Meinung. Maazels Beliebtheit hielt sich bei einigen Orchestern sehr in Grenzen. Es gibt eine schöne Anekdote zu Maazel. Als er am Ende einer Probe bei einem bekannten Orchester war, meinte er, er käme die nächsten Jahre leider nicht wieder zurück, da er ausgebucht sei. Dabei muss ein Orchestermitglied hinter der Hand ironisch getuschelt haben "Haben wir aber ein Pech", und war heilfroh, ihn nicht wieder sehen zu müssen bis zu seiner Pensionierung. :D


"Marcie, Du darfst heute erste Reihe Mitte als alleiniger Ehrengast kostenlos und mit Limousinenservice einem Konzert mit D.Barenboim am Pult beiwohnen", da würde ich viel lieber zuhause bleiben.
Ja, das wäre auch meine Wahl gewesen. Ich könnte völlig locker auf ihn verzichten.


Wow, ich weiss grad nicht mehr genau, wer von Euch hier mal Emilie Mayer empfohlen hatte

Tapeesa war das gewesen, als sie geschrieben hat, sie wolle mehr weibliche Komponisten anhören.
Jan Van Karajan (22.10.2021, 22:45):
a, bei Riccardo Muti stimme ich Dir auf jeden Fall zu.
Riccardo Chailly ist zum Glück noch nicht so alt.
Mit Abstrichen würde ich Herbert Blomstedt zu den "großen Alten" zählen.
Oh ja. Diese drei Maestri mag ich alle drei sehr :) . Blomstedt hat zum Beispiel auch mit Sabine Meyer die Klarinettenkonzerte von Weber eingespielt, diese Aufnahme ist wunderbar. Bei Chailly schätze ich vor allem Schönberg und Respighi, aber auch seinen "Rigoletto" mit Pavarotti habe ich in positiver Erinnerung. Muti hat auch am Pult eine tolle Aura, irgendwie unverwechselbar :) .
Er hatte ein wirklich großes Repertoire.
Ja, wirklich bewundernswert :down . Zu seinem Gedenken läuft hier gerade seine Aufnahme von Tschaikowskys Sechster mit dem Concertgebouw Orchester.

Bei Barenboim ist mir zu oft mehr das "Machen" sein Hauptmotiv, nicht das "Können". Ausnahmen bestätigen diese Regel. Barenboim hatte weder Bruckner noch Mahler durchgehend auf hohem Niveau parat. Sein Brahms aus Chicago liegt mir nicht. Er hat dort viele Jahre von der Arbeit Soltis profitiert. In Berlin hat er großartige Arbeit geleistet, aber seine Art und Weise gegenüber diversen Personen ist auf wenig Gegenliebe gestoßen.
Ich weiß tatsächlich nicht, ob ich den Pianisten oder Dirigenten Barenboim mehr schätze. Die Aufnahmen mit seiner ersten Frau, die ich kenne, sind einfach toll. (Schumann, Beethoven und Haydn). Ich besitze auch Elgars Symphonie Nr. 2 von ihm. Habe ihn auch schon öfter am Fernseher erlebt, vor allem aus Berlin mit den Philharmonikern (zum Beispiel Silvester 2018 mit Mozart, Ravel und Bizet). Und seine frühe Gesamteinspielung der Klaviersonaten von Mozart ist eine von meinen Boxen für die einsame Insel :down . Sein soziales Verhalten muss natürlich scharf kritisiert werden, das ist völlig klar. Aber dennoch würde ich diese CDs nicht hergeben wollen :D .
Muti ist einer der alten "Pult-Titanen", die man in die Reihe von Karajan, Solti und Co stellen kann.
Manchmal wünsche ich mir glatt, ich wäre ungefähr 30 Jahre früher geboren worden, damit ich sie noch hätte erleben können ;) .

Nielsen, Sibelius, Berwald, etc.
Nielsen und Berwald könnte ich auch mal auf den Wunschzettel setzen, danke für den Hinweis :thumbsup: .

Unsympathisch finde ich Haitink wirklich nicht, bei Maazel sind wir einer Meinung.
Auf mich wirkte Haitink irgendwie immer wie der nette alte Herr von nebenan, Maazel finde ich auch nicht wirklich unsymphatisch. Wusstet ihr, dass er mal in Bioleks Kochshow aufgetreten ist? Ich war ganz überrascht, als ich die Folge zufällig auf YouTube fand.

https://www.youtube.com/watch?v=n-smnQSCfyo
Tapeesa war das gewesen, als sie geschrieben hat, sie wolle mehr weibliche Komponisten anhören.
Irgendwie denke ich da an Clara Schumann. Muss mich mal mit ihr befassen.
Grüße
Jan :hello
Leonardo (22.10.2021, 23:15):
Bernard Haitink war mir immer genauso unsympathisch wie Lorin Maazel, und ich habe auch noch KEINE Mahler-Aufnahme von ihm gehört, die mich umgehauen hat, egal, ob er solch ein Etikett hat.
Naja, Marcie, mit diesem "umhauen" ist es immer so eine Sache. Es ist ja schön und gut, wenn es passiert, aber eigentlich ist es nicht die Aufgabe eines Dirigenten, den Hörer "umzuhauen", sondern ein Werk überzeugend zum Klingen zu bringen, um es mal zurückhaltend auszudrücken.
Und Haitink wollte nun auch wirklich nie "umhauen", sondern es ging Ihm in gewisser Weise um eine Versachlichung der Musik, um absolute Ernsthaftigkeit und Tiefgründigkeit; jede Effekthascherei oder Sensationsgier waren Ihm fremd und zuwider. Dasselbe lässt sich übrigens auch von Günter Wand sagen.
Nun wurde Haitink ja immer wieder mal als "Langweiler" tituliert. Sicher, er konnte auch mal dröge und uninspiriert sein. Das konnten alle bedeutenden Dirigenten. Aber er ist eben kein Langweiler. Und "unsympathisch" kann ich Ihn nun wirklich nicht finden, nein. Vielleicht etwas trocken, aber ich finde das sehr gut. Er ist unaufgeregt und souverän. Und was das Publikum von Ihm denkt, scheint Ihm ziemlich egal zu sein. Er dirigiert auch nicht fürs Publikum. Er weiß, was er kann und hat eine Show nicht nötig.
Du solltest Dich mit Haitink nochmal eingehender beschäftigen. Man könnte hier ja auch mal einen Haitink-Thread eröffnen.

L.
Andréjo (23.10.2021, 11:54):
Kurz zu Eurer Dirigenten-Debatte oben.

Haitink ist mir nur selten so richtig aufgefallen. Aber immerhin schätze ich seine Schostakowitsch-Sinfonien-Integrale. Als Mensch i.w.S. soll er sympathisch gewesen sein - oder sind das denn doch nur die Nekrolog-Übertreibungen?

Auf den Musiker und auf den Menschen Herbert Blomstedt lasse ich seit einigen Jahren nichts mehr kommen. Das liegt an mehreren Live-Erfahrungen im Konzert und auch per gehörten Interviews. Über das nun in der Tat nicht unbegrenzt verfügbare Standardrepertoire hinaus hat er lange vor seiner Alterskarriere das folgende geniale Werk erstaufgenommen - ob uraufgeführt, bin ich mir nicht ganz sicher:



Um es zu goutieren, muss man zugegebenermaßen, die richtige Einstellung haben. Die Musik ist schon ein wenig anstrengend, aber für mich hat sich das längst auf faszinierende Art gelohnt, so dass ich mittlerweile das Gesamtwerk kenne. Vielleicht mal an anderem Ort - in anderen Foren habe ich mich mittlerweile ausgelebt diesbezüglich. (Hier habe ich, glaube ich, auch schon mal was geschrieben zu Allan Pettersson.)

Ansonsten dürfte Blomstedt einer der ältesten, vielleicht der älteste sein unter den lebenden Orchesterleitern. Er ist unverändert aktiv. Es möge noch ein wenig so bleiben ...

:) Wolfgang
Maurice inaktiv (23.10.2021, 15:57):
Auf den Musiker und auf den Menschen Herbert Blomstedt lasse ich seit einigen Jahren nichts mehr kommen. Das liegt an mehreren Live-Erfahrungen im Konzert und auch per gehörten Interviews.
Nun, ich kenne ja nicht den Mann persönlich, aber er macht auf mich einen durchaus sympathischen Eindruck. Allerdings gibt es auch aus langer Vergangenheit immer mal "Geknirsche" bei der Annahme von Engagements, die er dann wieder abgesagt hat. Was daran wahr ist, ist nach so langer Zeit auch egal. Seine Einspielungen, die ich habe, schätze ich sehr. Der Rest kann mir dann erst einmal egal sein.
Andréjo (23.10.2021, 18:08):
Auf den Musiker und auf den Menschen Herbert Blomstedt lasse ich seit einigen Jahren nichts mehr kommen. Das liegt an mehreren Live-Erfahrungen im Konzert und auch per gehörten Interviews.
Nun, ich kenne ja nicht den Mann persönlich, aber er macht auf mich einen durchaus sympathischen Eindruck. Allerdings gibt es auch aus langer Vergangenheit immer mal "Geknirsche" bei der Annahme von Engagements, die er dann wieder abgesagt hat. Was daran wahr ist, ist nach so langer Zeit auch egal. Seine Einspielungen, die ich habe, schätze ich sehr. Der Rest kann mir dann erst einmal egal sein.
Da bist Du wahrscheinlich ein wenig besser informiert als ich. Aber mir wäre es dann auch egal. :D

Es gibt ja auch Einspielungen der ganz großen Klassiker von ihm. So dringend benötige ich diese dann indes nicht angesichts der unübersehbaren Konkurrenz.

Im Konzert habe ich ihn neben Sibelius oder Nielsen auch zweimal mit Bruckner gehört. Das war schon eindrucksvoll - mag aber per se an der Materie liegen. Nicht so weltbewegend und ebenso wenig aber schwach waren, meiner Erinnerung nach, Mozart oder Beethoven mit den Bamberger Sinfonikern.

:hello Wolfgang
Maurice inaktiv (24.10.2021, 05:05):
Da bist Du wahrscheinlich ein wenig besser informiert als ich. Aber mir wäre es dann auch egal.
Ich habe das auch nur gelesen. Frage mich bitte nicht wo es stand.


Es gibt ja auch Einspielungen der ganz großen Klassiker von ihm. So dringend benötige ich diese dann indes nicht angesichts der unübersehbaren Konkurrenz.
Es kommt darauf an, was man persönlich darunter versteht. Wenn Du die weiter Unten bei Dir erwähnten Mozart und Beethoven meinen solltest, würde ich Dir recht geben. Ich habe seinen Schubert mit der Staatskapelle Dresden, daran gibt es mMn nichts auszusetzen. Doch auch da gibt es große Konkurrenz, und zwar auch mit der Staatskapelle, aber einige Jahre später unter Sir Colin Davis.

Ich habe von ihm vor allem Sibelius und Nielsen. Seine Berwald-Einspielung habe ich bestellt, die dürfte auch hervorragend sein. Bruckner kenne ich nicht von ihm, da bin ich aber so gut aufgestellt, dass ich mir nicht unbedingt was kaufen muss mehr.
Andréjo (24.10.2021, 10:49):
Stimmt, auch Berwald - die dritte Sinfonie wahrscheinlich - habe ich mit den Bamberger Sinfonikern und Blomstedt gehört. Er tritt öfter mit ihnen auf, ist ihr Ehrendirigent.
Leonardo (24.10.2021, 12:55):
Haitink war ja auch ca. zwei Jahre Chefdirigent der Staatskapelle Dresden - leider nicht länger. Stattdessen hat man lieber auf den drei Klassen unter Haitink stehenden Fabio Luisi gesetzt, was Haitink völlig zu Recht mit vorzeitiger Vertragsbeendigung quittierte.

Wie auch immer, es gibt einige herausragende Konzertmitschnitte mit Haitink und der Staatskapelle:

Eine Top-Mahler Zweite:



Eine Sechste Bruckner mit dem gewissen Etwas:



Und noch einige andere Mitschnitte, die ich aber nicht ganz so hoch einschätzen würde.

L.
Maurice inaktiv (24.10.2021, 15:54):
Haitink war ja auch ca. zwei Jahre Chefdirigent der Staatskapelle Dresden - leider nicht länger. Stattdessen hat man lieber auf den drei Klassen unter Haitink stehenden Fabio Luisi gesetzt, was Haitink völlig zu Recht mit vorzeitiger Vertragsbeendigung quittierte.
Lach.....Ja, manchmal kann man Entscheidungen nicht nachvollziehen. Immerhin hat Luisi nicht lange wirken dürfen/können/wollen, so dass er keinen großen Schaden hat hinterlassen können. Mal schauen, was nach Thielemann kommen wird. Er hat dort vermutlich besser hingepasst, auch wenn ich mit ihm nicht warm geworden bin.
Leonardo (24.10.2021, 18:49):
Von Thielemann halte ich auch nicht viel. Meines Wissens nach hört er zum Glück als Chefdirigent der Staatskapelle auf. Es reicht auch wirklich. Bruckner ist eine Zumutung mit Ihm und bei Richard Strauss und Wagner muss man schon Glück haben.

Die großen Zeiten der Staatskapelle mit Rudolf Kempe, Giuseppe Sinopoli, Colin Davis und von mir aus auch Herbert Blomstedt sind sowieso vorbei.

L.
Leonardo (24.10.2021, 19:17):
Bernard Haitink hätte das Orchester nach dem furchtbaren und unerwarteten Tod von Giuseppe Sinopoli jedenfalls wieder zu alter Größe führen können, wenn man Ihn gelassen hätte. Aber man hat Ihn nicht gelassen.

Denn Haitink war insbesondere ein Ausnahme-Bruckner-Dirigent.

Und ich möchte hier einmal auf seine späteren Aufnahmen der Sinfonien Nr. 7, 8, 9 mit dem Concertgebouw Orchestra hinweisen, die in den Jahren 1978 und 1981 entstanden sind, die also nicht Teil der früher entstandenen Gesamtaufnahme sind:



Das ist eine 4-CD-Japan-Ausgabe, die ich jedem Bruckner- und/oder Haitink-Verehrer nur ans Herz legen kann. Ich ziehe sie den älteren Aufnahmen vor. Sie klingen besser und sie sind interpretatorisch gereifter.

L.
Cetay (25.10.2021, 03:16):
Irgendwie und -wann ist Haitink bei mir auf der schwarzen Liste gelandet. Ich weiss nicht mehr, welche Mahler- und Bruckner-Aufnahmen es waren, aber die wirkten auf mich fast klinisch-steril - das war mir trotz meines generellen Befuerwortens von zurueckhaltenden Interpretationen zu viel (bzw. zu wenig). Sehr gut gefallen hat mir seine Einspielung der 3. "Pastoral"-Sinfonie von RVW. Als ich noch systematisches Vergleichshoeren betrieben haben, ging er als Sieger aus Sieben hervor: (...) alles fügt sich fließend-organisch zusammen- bleibt immer zurückhaltend und zieht mich dennoch total in den Bann mit seiner atemberaubenden, wenn auch vagen Spannung, die bis zum letzten Takt aufrechterhalten wird.
Leonardo (27.10.2021, 19:14):
Könnte man diesen Thread bitte mal einfach nur in "Bernard Haitink" umbennen?

Der jetzige Titel klingt einfach nur bescheuert und umständlich. Das sollte ja wohl klar sein. Da wollte es mal Jemand ganz genau machen und hat alle Vornamen aufgezählt - toll, wirklich ganz toll.
Und "Mehr als 5 Dekaden mit dem Taktstock" - Ach Gottchen, da weiß Jemand, was eine "Dekade" ist. Weg damit.

Einfach nur "Bernard Haitink" - damit ist alles gesagt.

L.
Leonardo (28.10.2021, 11:33):
Vielen Dank.

Ich habe in meinen Beständen noch diese Bruckner Achte mit Haitink gefunden und höre sie mir gerade an:



Es handelt sich um eine Liveaufnahme vom Februar 2005 aus dem Concertgebouw.

Wenn man eins sagen kann, dann das: Haitink versteht Bruckner.
Ich wäre glücklich, wenn ich heutzutage eine solche Bruckner 8 live hören könnte.

Man kann man mit dieser Aufnahme absolut zufrieden sein. Der Liveklang ist völlig störungsfrei, sehr präsent und voll. Es hätte etwas mehr auf Transparenz geachtet werden können, besonders in den massiven Tutti-Stellen.

Ich muss mir demnächst nochmal in aller Ruhe Haitinks Wiener-Bruckner-Aufnahmen zu Gemüte führen.

L.
Maurice inaktiv (28.10.2021, 13:14):
Wenn man eins sagen kann, dann das: Haitink versteht Bruckner.
Ich wäre glücklich, wenn ich heutzutage eine solche Bruckner 8 live hören könnte.
Ich muss mir demnächst nochmal in aller Ruhe Haitinks Wiener-Bruckner-Aufnahmen zu Gemüte führen.
Tue das mal. Die Achte mit den Wienern ist mMn traumhaft gelungen.
Leonardo (29.10.2021, 13:05):


Diese Live-Aufnahme der Siebten Sinfonie von Bruckner von 2007 ist doch selbst für Haitinks Verhältnisse sehr ungewöhnlich.
Es sind wirklich ziemlich langsame und getragene Tempi, die Haitink hier wählt und daran muss man sich als Hörer erstmal gewöhnen. Ich bin eigentlich kein Freund davon, denn bei Bruckner kann es schnell zum Zerfallen der Architektur führen. Das ist hier aber nicht der Fall, denn Haitink nutzt diese langsamen Tempi, um mit dem Orchester genauestens zu arbeiten. Das CSO folgt Haitink auf diesem Weg mit voller Hingabe und Konzentration.
Das Klangbild ist wie so oft bei csoresound-Aufnahmen ziemlich trocken. Das halte ich für nicht ideal. Die Streicher des CSO haben keine wirkliche Strahlkraft und vermögen keine Faszination auszulösen.
Insgesamt fremdele ich mit dieser Aufnahme doch sehr. Es widerspricht einfach meiner Vorstellung von diesem Werk.
Ganz anders ist da wirklich Haitinks-Goldstandard-Bruckner 7 von 1978 mit dem Concertgebouw-Orchester. Die hat Haitink nie mehr übertroffen.
Diese Aufnahme hier ist halt auch 29 Jahre später entstanden, und das hört man dann halt doch. Haitink war ein alter Mann und mit dem CSO wohl auch nicht so vertraut wie mit "seinem" Concertgebouw.
Nun gut, es ist halt eine Alternative und vielleicht gefällt sie mir mit der Zeit auch besser. Die Höhepunkte sind auf jeden Fall perfekt und massiv ausgespielt. Alles andere hätte mich beim CSO auch gewundert.

L.