Bizet vs Schtschedrin: Carmen-Suiten

teleton (22.10.2007, 12:10):
Hallo Bizet-Freunde,

der russische Komponist Rodin Schtschedrin (geb.1932) hat nach Bizets´s Carmen eine Orchestersuite für Streicher und Schlagzeug komponiert. Ein Werk, das mir schon immer sehr gut gefallen hat und in seiner Ausdrucksvielfalt nach meinem Geschmack über Bizet´s eigenen Suiten steht.
Die hochmusikalischen Themen der Carnen-Oper werden kompositorisch kunstvoll, vom Höreindruck eindrucksvoll und orchestral effektvoll in Szene gesetzt.
Bizet hat für den Konzertgebauch 2 Orchestersuiten aus der Oper zusammmengestellt - ebenfalls schöne Musik, aber nicht so beeindrucknd wie Schtschedrin´s Musik, die auch oft als Ballettmusik aufgeführt wird.

:D Ich hatte als Jugendlicher ein lustiges Erlebnis:
Ich hörte in meinem Zimmer die Schtschedrin-Carmen-Suite mit Roshdestwenky (eine der besten Interpretationen des Werkes). Mein Stiefvater schimpfte später mit mir, wie man so eine,die Oper Carmen vernichtende Musik hören kann!

Ich finde man kann nur Bizet´s Orchestersuiten mit der Schtschedrin-Suite vergleichen. Die Oper ist etwas ganz anderes, das für sich selbst steht.
Nun kommt es auf den Musikgeschmack jedes einzelnen an:
Wenn ich für die Mitnahme auf eine Insel wählen müßte, würde ich die Schtschedrin-Suite vorziehen - ich finde diese Musik genial gemacht, die natürlich von den schönen Bizet-Themen lebt !

:hello Was haltet ihr von den Carmen-Suiten ?

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/7197563.jpgSchtschedrin
http://www.jpc.de/image/cover/front/0/6067371.jpgBizet-Original

:) Die wesentlich bessere Aufnahme der Schtschedrin-Carmen-Suite mit Gennadi Roshdestwensky/Orchester des Bolshoi Theater Moskau auf Eurodisc, trotz ADD und etwas Rauschen, ist zur Zeit gestrichen. Aber diese Aufnahme ist es, die wirkliche fastzination ausübt, während die Naxos-CD mehr "auf dem Teppich" bleibt.
Die Roishdestwensky-Aufnahme wirde in den 90er-Jahren auf für eine WDR-Schulfunksendung über Bizet verwendet.

Es gibt beim Marketplace noch eine Melodiya-Ausgabe der Roshdestwensky-Aufnahmen:
http://ecx.images-amazon.com/images/I/61C2WC3RTPL._AA240_.gif
Melodyia, ADD

Eine neuere DG-Hochpreis-CD mit Russian National Orchestra, Pletnev ist jetzt auch zu haben. Diese kenne ich aber nicht.
http://ecx.images-amazon.com/images/I/41MWAGYD6ZL._AA240_.jpg
DG, DDD
Zelenka (22.10.2007, 16:53):
Lieber Teleton:

ich habe Shchedrins Carmen-Suite, seit ich sie kenne und das ist noch nicht sehr lange her, eher als einen etwas überlangen (in meiner wohltönenden Pletnev-Version) 43-minütigen Scherz empfunden, so ist das Stück wohl auch gemeint. Allzu oft kann ich es nicht hören. Von Bizets eigenen Suiten habe ich nur eine Aufnahme mit Dutoit und seinen damaligen Montrealern (Decca). Eigentlich höre ich dann die Oper schon lieber ...

Gruß, Zelenka
teleton (23.10.2007, 07:54):
Hallo zelenka,

da muß ich Dir aber wiedersprechen, dass diese fantastische Musik ein Scherz sein sollte.

Schtschedrin liebte Bizets Musik und hat deshalb seine brillante Fassung für Streichorchester und Schlaginstrumente geschaffen.
Aber ich kann Deine Meinung schon nachvollziehen. Ein totaler Bizet-Fan, wie auch mein Stiefvater, schätzt solche Bearbeitungen seiner geliebten Werke weniger und empfindet so etwas als "blasphemie".

Auch der deutsche Schulfunk im WDR III bedinte sich der Thematik Bizet-Carmen und hat dazu die Roshdestwensky-Aufnahme der Schtschedrin-Carmen-Suite herangezogen.

:beer Mir gefällt Schtschedrin besser, als Bizets Original-Suiten und auch besser als seine Oper (ich bin kein Opernfan).
Ich höre es oft und gerne.

Deine Pletnev-Interpretation würde mich auch noch interessieren.
Jeremias (23.10.2007, 10:15):
Nein, einen Scherz stellt diese Suite nicht dar! Vielmehr hat Schtschedrin diese für seine Frau geschrieben, die Priamaballeringa Maria Plisetskaja (oder wie man sie schreibt). Man muss die Musik aus diesem Gesichtspunkt hören!
Zelenka (23.10.2007, 15:48):
Original von Jeremias
Nein, einen Scherz stellt diese Suite nicht dar! Vielmehr hat Schtschedrin diese für seine Frau geschrieben, die Priamaballeringa Maria Plisetskaja (oder wie man sie schreibt). Man muss die Musik aus diesem Gesichtspunkt hören!

Gut, ich nehme alles zurück! Das alles ist kein Scherz! Hier werden nicht die Ideen eines toten Komponisten im wahrsten Sinne des Wortes "verjazzt". Schostakowitsch fand die Pilsetskaja ganz toll in der Carmen-Suite, da schweige ich dann wohl endgültig besser!

Gruß, Zelenka
satie (23.10.2007, 16:08):
Nein, lieber Zelenka, nicht aufhören und nchts zurücknehmen!!
Ich habe es mir eben angehört, wenn auch nur in Ausschnitten. Ich werde es vermeiden, hier von einem Scherz zu sprechen, denn gerade der russische Humor erschließt sich mir mitunter gar zu schlecht... Das Argument, es könne nicht ironisch-scherzhaft sein, weil es seiner Frau gewidmet ist, lasse ich nicht gelten, denn das eine schließt das andere überhaupt nicht aus. Warum sollte es nicht ein süffiges Stück sein, mit dem eine Tänzerin brillieren kann ohne sich um die Frage zu kümmern, was man damit Bizet antut? Ich sehe hier keine zwingende Verbindung. Ich persönlich halte alles, was aus den Melodien der Carmen gemacht wurde (also auch die Zirkusstücke von Sarasate und Wchsman) für vollkommen überflüssig insofern, als sie dem musikalischen Material nichts, aber auch gar nichts an Wert hinzufügen können. Bizet hat gut orchestriert und gerade in der Carmen sehr geschmackvoll und passend. Man kann sich streiten, inwiefern Carmen überhaupt ein "gutes" Werk ist, denn die Hispanisierungs-Manie der damaligen Zeit ging genau so vielen Leuten mächtig auf den Sack, wie sie Anhänger hatte. Trotzdem ist Carmen heute noch eine äußerst beliebte Oper und in ihrer Gestalt zumindest schlüssig (wenn auch gar nicht alles von Bizet stammt, wie ich gelesen hatte, aber das klammern wir jetzt mal aus). Ich sehe bei Schtschedrin keinen Sinn in einer solchen Bearbeitung. Warum musste es Carmen sein? Wieso nicht ein originärer Wurf, zu dem die Streicher und das Schlagzeug passen und nicht nur eine Kastration der ursprünglichen, reicheren Instrumentation zugunsten einiger Knalleffekte? Hier finde ich durchaus, dass man diskutieren darf und nicht einfach annehmen muss, es sei dies etwas poetisch-sentimentales, nur weil er es für seine Frau geschrieben hat. Glaubt mir, ich weiss, wie das oft genug aussieht: "Schatz, ich brauch jetzt mal was fetziges und Du weißt ja, dass ich die Carmen so schön finde. Das machst Du doch für mich, nicht wahr?" "(Grummel) Aber gerne, Liebling (jetzt kann ich meine Symphonie wieder für drei Wochen in die Schublade legen, verdammt...)..."
Glaubt einem Komponisten, der mit einer Sängerin verheiratet war!

Aber ich schweife ab. Hatten wir nicht einen Thread zum Thema Original und Bearbeitung? Hatten wir dort schon gestritten? Ansonsten: nichts wie los!

Herzlich,
S A T I E
Rachmaninov (23.10.2007, 17:40):
Original von Zelenka
Original von Jeremias
Nein, einen Scherz stellt diese Suite nicht dar! Vielmehr hat Schtschedrin diese für seine Frau geschrieben, die Priamaballeringa Maria Plisetskaja (oder wie man sie schreibt). Man muss die Musik aus diesem Gesichtspunkt hören!

Gut, ich nehme alles zurück! Das alles ist kein Scherz! Hier werden nicht die Ideen eines toten Komponisten im wahrsten Sinne des Wortes "verjazzt". Schostakowitsch fand die Pilsetskaja ganz toll in der Carmen-Suite, da schweige ich dann wohl endgültig besser!

Gruß, Zelenka

Ich schließe mich Satie an, schweigen ist grundsätzlich falsch! :hello
teleton (24.10.2007, 07:42):
Hallo Satie, Zelenka, Rachmaninov, Jeremias,

ich selber mag in der Regel Bearbeitungen von Original-Werken überhaupt nicht, da das Material durch den Bearbeiter quasi geklaut wird.
X( Schlimm finde ich wenn große Werke der Klassik "verjazzt" werden, wie es bei zahlreichen Ohrtwürmern oder bekannten Klassikwerken gerne in der Pop-Musik gemacht wird.
So sind Mussorgsky´s Bilder oder auch Beethoven´s Fünfte schon oft in verzerrter verjazzter Form zu hören gewesen.
X( Ganz schlimm finde ich was Andre Rieu macht, der z.Bsp den Ravel-Bolero auf 5Minuten verkürzt.

:W Bei Schtschedrin sehe ich die Sache anders.
Ein moderner Komponist des 20.Jahrhunderts bedient sich der bizetschen Carmenmusik und erstellt ein komplett neues Werk darauss, dass Biss und Schmiss hat.
Mir gefällt es sehr gut. Natürlich hat Satie Recht, wenn er schreibt, dass Schtschedrin sehr Effektvoll komponiert hat - warum nicht - das Ergebnis ist für meinen Geschmack berauschend.

Auch die mögliche Kompositionsentscheidung für die Carmen-Suite von Schteschedrin (von Satie) finde ich lustig:
Hier finde ich durchaus, dass man diskutieren darf und nicht einfach annehmen muss, es sei dies etwas poetisch-sentimentales, nur weil er es für seine Frau geschrieben hat. Glaubt mir, ich weiss, wie das oft genug aussieht: "Schatz, ich brauch jetzt mal was fetziges und Du weißt ja, dass ich die Carmen so schön finde. Das machst Du doch für mich, nicht wahr?" "(Grummel) Aber gerne, Liebling (jetzt kann ich meine Symphonie wieder für drei Wochen in die Schublade legen, verdammt...)..."
So könnte es gewesen sein - finde ich voll OK, ohne etwas negatives dabei zu sehen ! Kann aber auch Schtschedrins eigene Entscheidung gewesen sein.

:) Mir gefallen auch die Carmen-Variationen von Sarasate, weil auch er ein komplett neues Werk für Violine und Orchester geschaffen hat, dass ebenfalls "Hand und Fuß" hat. Durch diese Werke werden die Bizeit-Carmen-Originale in keinster Weise beschädigt, sondern nur ergänzt.
:times10 Überflüssig finde ich dieses schöne Werk keineswegs und Schtschedrins tolle Carmen-Suite sowieso nicht..
Rachmaninov (24.10.2007, 08:40):
Original von teleton
X( Schlimm finde ich wenn große Werke der Klassik "verjazzt" werden, wie es bei zahlreichen Ohrtwürmern oder bekannten Klassikwerken gerne in der Pop-Musik gemacht wird.

Na, da finde ich aber eine jazzige Version eine Klaviersonate alla Gulda durchaus ebenso grausig!
Zelenka (24.10.2007, 12:51):
Original von teleton

:W Bei Schtschedrin sehe ich die Sache anders.
Ein moderner Komponist des 20.Jahrhunderts bedient sich der bizetschen Carmenmusik und erstellt ein komplett neues Werk darauss, dass Biss und Schmiss hat.
Mir gefällt es sehr gut. Natürlich hat Satie Recht, wenn er schreibt, dass Schtschedrin sehr Effektvoll komponiert hat - warum nicht - das Ergebnis ist für meinen Geschmack berauschend.



Lieber Teleton:

Das Beiheft zu meiner Shchedrin-Version deutet, wenn ich mich recht erinnere an, daß der Komponist zuerst tatsächlich Merimées Stoff völlig neu als Auftragsarbeit für einen kubanischen Choreographen vertonen wollte, dann aber meinte, an Bizet einfach nicht vorbeizukönnen. Oder vielleicht mit anderen Worten: Es fiel ihm nichts ein ...

Gruß, Zelenka
teleton (22.10.2007, 12:10):
Hallo Bizet-Freunde,

der russische Komponist Rodin Schtschedrin (geb.1932) hat nach Bizets´s Carmen eine Orchestersuite für Streicher und Schlagzeug komponiert. Ein Werk, das mir schon immer sehr gut gefallen hat und in seiner Ausdrucksvielfalt nach meinem Geschmack über Bizet´s eigenen Suiten steht.
Die hochmusikalischen Themen der Carnen-Oper werden kompositorisch kunstvoll, vom Höreindruck eindrucksvoll und orchestral effektvoll in Szene gesetzt.
Bizet hat für den Konzertgebauch 2 Orchestersuiten aus der Oper zusammmengestellt - ebenfalls schöne Musik, aber nicht so beeindrucknd wie Schtschedrin´s Musik, die auch oft als Ballettmusik aufgeführt wird.

:D Ich hatte als Jugendlicher ein lustiges Erlebnis:
Ich hörte in meinem Zimmer die Schtschedrin-Carmen-Suite mit Roshdestwenky (eine der besten Interpretationen des Werkes). Mein Stiefvater schimpfte später mit mir, wie man so eine,die Oper Carmen vernichtende Musik hören kann!

Ich finde man kann nur Bizet´s Orchestersuiten mit der Schtschedrin-Suite vergleichen. Die Oper ist etwas ganz anderes, das für sich selbst steht.
Nun kommt es auf den Musikgeschmack jedes einzelnen an:
Wenn ich für die Mitnahme auf eine Insel wählen müßte, würde ich die Schtschedrin-Suite vorziehen - ich finde diese Musik genial gemacht, die natürlich von den schönen Bizet-Themen lebt !

:hello Was haltet ihr von den Carmen-Suiten ?

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/7197563.jpgSchtschedrin
http://www.jpc.de/image/cover/front/0/6067371.jpgBizet-Original

:) Die wesentlich bessere Aufnahme der Schtschedrin-Carmen-Suite mit Gennadi Roshdestwensky/Orchester des Bolshoi Theater Moskau auf Eurodisc, trotz ADD und etwas Rauschen, ist zur Zeit gestrichen. Aber diese Aufnahme ist es, die wirkliche fastzination ausübt, während die Naxos-CD mehr "auf dem Teppich" bleibt.
Die Roishdestwensky-Aufnahme wirde in den 90er-Jahren auf für eine WDR-Schulfunksendung über Bizet verwendet.

Es gibt beim Marketplace noch eine Melodiya-Ausgabe der Roshdestwensky-Aufnahmen:
http://ecx.images-amazon.com/images/I/61C2WC3RTPL._AA240_.gif
Melodyia, ADD

Eine neuere DG-Hochpreis-CD mit Russian National Orchestra, Pletnev ist jetzt auch zu haben. Diese kenne ich aber nicht.
http://ecx.images-amazon.com/images/I/41MWAGYD6ZL._AA240_.jpg
DG, DDD
Zelenka (22.10.2007, 16:53):
Lieber Teleton:

ich habe Shchedrins Carmen-Suite, seit ich sie kenne und das ist noch nicht sehr lange her, eher als einen etwas überlangen (in meiner wohltönenden Pletnev-Version) 43-minütigen Scherz empfunden, so ist das Stück wohl auch gemeint. Allzu oft kann ich es nicht hören. Von Bizets eigenen Suiten habe ich nur eine Aufnahme mit Dutoit und seinen damaligen Montrealern (Decca). Eigentlich höre ich dann die Oper schon lieber ...

Gruß, Zelenka
teleton (23.10.2007, 07:54):
Hallo zelenka,

da muß ich Dir aber wiedersprechen, dass diese fantastische Musik ein Scherz sein sollte.

Schtschedrin liebte Bizets Musik und hat deshalb seine brillante Fassung für Streichorchester und Schlaginstrumente geschaffen.
Aber ich kann Deine Meinung schon nachvollziehen. Ein totaler Bizet-Fan, wie auch mein Stiefvater, schätzt solche Bearbeitungen seiner geliebten Werke weniger und empfindet so etwas als "blasphemie".

Auch der deutsche Schulfunk im WDR III bedinte sich der Thematik Bizet-Carmen und hat dazu die Roshdestwensky-Aufnahme der Schtschedrin-Carmen-Suite herangezogen.

:beer Mir gefällt Schtschedrin besser, als Bizets Original-Suiten und auch besser als seine Oper (ich bin kein Opernfan).
Ich höre es oft und gerne.

Deine Pletnev-Interpretation würde mich auch noch interessieren.
Jeremias (23.10.2007, 10:15):
Nein, einen Scherz stellt diese Suite nicht dar! Vielmehr hat Schtschedrin diese für seine Frau geschrieben, die Priamaballeringa Maria Plisetskaja (oder wie man sie schreibt). Man muss die Musik aus diesem Gesichtspunkt hören!
Zelenka (23.10.2007, 15:48):
Original von Jeremias
Nein, einen Scherz stellt diese Suite nicht dar! Vielmehr hat Schtschedrin diese für seine Frau geschrieben, die Priamaballeringa Maria Plisetskaja (oder wie man sie schreibt). Man muss die Musik aus diesem Gesichtspunkt hören!

Gut, ich nehme alles zurück! Das alles ist kein Scherz! Hier werden nicht die Ideen eines toten Komponisten im wahrsten Sinne des Wortes "verjazzt". Schostakowitsch fand die Pilsetskaja ganz toll in der Carmen-Suite, da schweige ich dann wohl endgültig besser!

Gruß, Zelenka
satie (23.10.2007, 16:08):
Nein, lieber Zelenka, nicht aufhören und nchts zurücknehmen!!
Ich habe es mir eben angehört, wenn auch nur in Ausschnitten. Ich werde es vermeiden, hier von einem Scherz zu sprechen, denn gerade der russische Humor erschließt sich mir mitunter gar zu schlecht... Das Argument, es könne nicht ironisch-scherzhaft sein, weil es seiner Frau gewidmet ist, lasse ich nicht gelten, denn das eine schließt das andere überhaupt nicht aus. Warum sollte es nicht ein süffiges Stück sein, mit dem eine Tänzerin brillieren kann ohne sich um die Frage zu kümmern, was man damit Bizet antut? Ich sehe hier keine zwingende Verbindung. Ich persönlich halte alles, was aus den Melodien der Carmen gemacht wurde (also auch die Zirkusstücke von Sarasate und Wchsman) für vollkommen überflüssig insofern, als sie dem musikalischen Material nichts, aber auch gar nichts an Wert hinzufügen können. Bizet hat gut orchestriert und gerade in der Carmen sehr geschmackvoll und passend. Man kann sich streiten, inwiefern Carmen überhaupt ein "gutes" Werk ist, denn die Hispanisierungs-Manie der damaligen Zeit ging genau so vielen Leuten mächtig auf den Sack, wie sie Anhänger hatte. Trotzdem ist Carmen heute noch eine äußerst beliebte Oper und in ihrer Gestalt zumindest schlüssig (wenn auch gar nicht alles von Bizet stammt, wie ich gelesen hatte, aber das klammern wir jetzt mal aus). Ich sehe bei Schtschedrin keinen Sinn in einer solchen Bearbeitung. Warum musste es Carmen sein? Wieso nicht ein originärer Wurf, zu dem die Streicher und das Schlagzeug passen und nicht nur eine Kastration der ursprünglichen, reicheren Instrumentation zugunsten einiger Knalleffekte? Hier finde ich durchaus, dass man diskutieren darf und nicht einfach annehmen muss, es sei dies etwas poetisch-sentimentales, nur weil er es für seine Frau geschrieben hat. Glaubt mir, ich weiss, wie das oft genug aussieht: "Schatz, ich brauch jetzt mal was fetziges und Du weißt ja, dass ich die Carmen so schön finde. Das machst Du doch für mich, nicht wahr?" "(Grummel) Aber gerne, Liebling (jetzt kann ich meine Symphonie wieder für drei Wochen in die Schublade legen, verdammt...)..."
Glaubt einem Komponisten, der mit einer Sängerin verheiratet war!

Aber ich schweife ab. Hatten wir nicht einen Thread zum Thema Original und Bearbeitung? Hatten wir dort schon gestritten? Ansonsten: nichts wie los!

Herzlich,
S A T I E
Rachmaninov (23.10.2007, 17:40):
Original von Zelenka
Original von Jeremias
Nein, einen Scherz stellt diese Suite nicht dar! Vielmehr hat Schtschedrin diese für seine Frau geschrieben, die Priamaballeringa Maria Plisetskaja (oder wie man sie schreibt). Man muss die Musik aus diesem Gesichtspunkt hören!

Gut, ich nehme alles zurück! Das alles ist kein Scherz! Hier werden nicht die Ideen eines toten Komponisten im wahrsten Sinne des Wortes "verjazzt". Schostakowitsch fand die Pilsetskaja ganz toll in der Carmen-Suite, da schweige ich dann wohl endgültig besser!

Gruß, Zelenka

Ich schließe mich Satie an, schweigen ist grundsätzlich falsch! :hello
teleton (24.10.2007, 07:42):
Hallo Satie, Zelenka, Rachmaninov, Jeremias,

ich selber mag in der Regel Bearbeitungen von Original-Werken überhaupt nicht, da das Material durch den Bearbeiter quasi geklaut wird.
X( Schlimm finde ich wenn große Werke der Klassik "verjazzt" werden, wie es bei zahlreichen Ohrtwürmern oder bekannten Klassikwerken gerne in der Pop-Musik gemacht wird.
So sind Mussorgsky´s Bilder oder auch Beethoven´s Fünfte schon oft in verzerrter verjazzter Form zu hören gewesen.
X( Ganz schlimm finde ich was Andre Rieu macht, der z.Bsp den Ravel-Bolero auf 5Minuten verkürzt.

:W Bei Schtschedrin sehe ich die Sache anders.
Ein moderner Komponist des 20.Jahrhunderts bedient sich der bizetschen Carmenmusik und erstellt ein komplett neues Werk darauss, dass Biss und Schmiss hat.
Mir gefällt es sehr gut. Natürlich hat Satie Recht, wenn er schreibt, dass Schtschedrin sehr Effektvoll komponiert hat - warum nicht - das Ergebnis ist für meinen Geschmack berauschend.

Auch die mögliche Kompositionsentscheidung für die Carmen-Suite von Schteschedrin (von Satie) finde ich lustig:
Hier finde ich durchaus, dass man diskutieren darf und nicht einfach annehmen muss, es sei dies etwas poetisch-sentimentales, nur weil er es für seine Frau geschrieben hat. Glaubt mir, ich weiss, wie das oft genug aussieht: "Schatz, ich brauch jetzt mal was fetziges und Du weißt ja, dass ich die Carmen so schön finde. Das machst Du doch für mich, nicht wahr?" "(Grummel) Aber gerne, Liebling (jetzt kann ich meine Symphonie wieder für drei Wochen in die Schublade legen, verdammt...)..."
So könnte es gewesen sein - finde ich voll OK, ohne etwas negatives dabei zu sehen ! Kann aber auch Schtschedrins eigene Entscheidung gewesen sein.

:) Mir gefallen auch die Carmen-Variationen von Sarasate, weil auch er ein komplett neues Werk für Violine und Orchester geschaffen hat, dass ebenfalls "Hand und Fuß" hat. Durch diese Werke werden die Bizeit-Carmen-Originale in keinster Weise beschädigt, sondern nur ergänzt.
:times10 Überflüssig finde ich dieses schöne Werk keineswegs und Schtschedrins tolle Carmen-Suite sowieso nicht..
Rachmaninov (24.10.2007, 08:40):
Original von teleton
X( Schlimm finde ich wenn große Werke der Klassik "verjazzt" werden, wie es bei zahlreichen Ohrtwürmern oder bekannten Klassikwerken gerne in der Pop-Musik gemacht wird.

Na, da finde ich aber eine jazzige Version eine Klaviersonate alla Gulda durchaus ebenso grausig!
Zelenka (24.10.2007, 12:51):
Original von teleton

:W Bei Schtschedrin sehe ich die Sache anders.
Ein moderner Komponist des 20.Jahrhunderts bedient sich der bizetschen Carmenmusik und erstellt ein komplett neues Werk darauss, dass Biss und Schmiss hat.
Mir gefällt es sehr gut. Natürlich hat Satie Recht, wenn er schreibt, dass Schtschedrin sehr Effektvoll komponiert hat - warum nicht - das Ergebnis ist für meinen Geschmack berauschend.



Lieber Teleton:

Das Beiheft zu meiner Shchedrin-Version deutet, wenn ich mich recht erinnere an, daß der Komponist zuerst tatsächlich Merimées Stoff völlig neu als Auftragsarbeit für einen kubanischen Choreographen vertonen wollte, dann aber meinte, an Bizet einfach nicht vorbeizukönnen. Oder vielleicht mit anderen Worten: Es fiel ihm nichts ein ...

Gruß, Zelenka