Boris Blacher: Sinfonische Werke

teleton (21.05.2008, 11:01):
Hallo Boris Blacher-Freunde,

Boris Blacher (1903 - 1975) ist Deutsch-Balte. Er studierte Musikwissenschaft in Berlin (1922-26). Wurde dann Lehrer am Dresdener Konservatorium und übernahm 1948 eine Kompositionsklasse an der berliner Musikhochschule, deren Direktor 1953 der Kopmonist Werner Egk war.

Blacher ist ein schöpferischer Musiker von unverwechselbarer Eigenart, der in vorderster Linie derer steht, die wesentliches in der Musik zu sagen haben. Seine Musik wirkt kühl, frisch, unsentimental verspielt wie hingestrichelte Skizzen, in denen mit einem minimum an Mitteln, mit feinen Linien ein Gedanke, eine regung eine Foirm andeutend festgehalten ist.

Eine Vorstellung eines Komponisten kann auch im Threadverlauf interessant werden, wenn man nur wenige Werke dieses Komponisten kennengelernt hat, wie in meinem Fall.

So kenne und schätze ich seit Jahren eines seiner bekanntesten Werke , die Paganini-Variationen von 1947.

Die Blacher: Paganini-Variationen habe ich schon vor Jahrzehnten in einer ansprechenden Rundfunkaufmahme mit dem Kölner RSO kennengelernt und war begeistert.
Meine Decca - CD mit Solti / WPO (Decca) ist TOP eingespielt, sodaß man kaum glauben könnte wo man hier noch eine Verbesserung erzielen könnte.
Meine Überraschung bei meiner neuen Blacher-CD mit Kegel war umso größer, als erstens die Tontechnik (analog) voll präsent rüberkommt und zweitens am laufenden Band Strukturen präzisie hörbar gemacht werden, die das Werk auseinandernehmen und vollkommen hörbar machen. Dabei interpretiert Kegel mit der Dresdener PH das Werk mit Hochspannung und läßt keine Stelle aus es mit Saft und Kraft darzubieten - einfach Meisterhaft.
Sehr schön auch, dass die 16 Variationen bei Kegel in einzelne Tracks eingeteilt sind.
Die Variation 15 ( auf die man schon wartet), ist der Ausschnitt, den Eshpai in seiner Sinf.Nr.5 zitiert. Kegel auch hier Superklasse und die Var.16 fetzt zum Schluß, dass es eine Wonne ist.

Auch die beiden anderen Werke mit Blacher auf der CD - und mit Kegel - sind famos:
Concertante Musik für Orchester op.10 (1937)
Zweites Klavierkonzert op.42 (1952)

Eine äußerst lohnende CD mit Musik des 20.Jhd., die es mal wirklich in sich hat ! Leider ist auch bei Blacher die Anzahl der angebotenen CD´s sehr klein, sodaß ich im Laufe der Jahre wenig Berührungspunkte mit Blacher hatte.
Das soll sich durch weitere Hinweise und Empfehlungen in diesem Thread eventuell ändern.

:thanks Blacher liefert wirklich echte Musik des 20.Jahrhd.... und keinen romatischen Abklatsch mit Blick auf das vorige Jahrhundert.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41K15N4D8HL._SL500_AA240_.jpg
Berlin Classics, 1982, ADD


Weitere bekannte Werke von Blacher sind:
Sinfonie (1938)
Partita für Streicher und Schlagzeug
Konzert für Jazz-Orchester
Viola-Konzert
Violinkonzert (1948)
Poem (1974)
Dialog für Flöte, Violine, Klavier und Streichorchester
Erstes Klavierkonzert (1947)
Orchester - Ornament (1953)
Nocturno "Studie im Pianissimo" op.45 (1954),
wo er Reihenprinzipien der Zwölftontechnik mit seinen variablen Metren verbindet.
Oratorium "Der Großinquisitor"
6 Opern
3 Streichquartette
Amadé (21.05.2008, 20:37):
Hallo teleton,

in meiner Sammlung befinden sich:

Concertante Musik op.10 in gleich 2 Interpretationen a) mit Furtwängler und den BPh, sowie mit Jochum und seinem SO des BR

Die Paganini-Variationen op.26 mit a) Ferenc Fricsay und dem RSO Berlin, sowie b) mit Celibidache und dem SO des NdR

das Oratorium Der Großinquisitor in einer Aufnahme mit Siegmund Nimsgern unter Leitung von Herbert Kegel

und gespielt von den 12 philharmonischen Solisten Berlin auf ihrer Debut-Platte Blues-Espagnola-Rumba philharmonica.

Grüße Amadé
ab (22.05.2008, 20:44):
Ja, Blacher ist wie Hartmann einer der viel zu sehr vernachlässigten deutschen Komponisten, leider. Das Label Thorofon und der Pianist Horst Göbel hat sich ja recht solide um ihn verdient gemacht.
Leif Erikson (05.06.2008, 17:51):
Ja warum wird die recht eingängige, schöne und humorvolle Musik von Blacher ignoriert ? Irgendwo habe ich gelesen, daß er nach dem II Weltkrieg wegen des herrschenden seriellen Stils schon zu gestrig geklungen haben soll. Nun ist aber diese serielle Musik (noch ?) nicht gerade ein Publikumsrenner. Warum hatte er dann nicht als "gemäßigt Moderner" gerade deshalb Erfolg ?
Der jetzt ziemlich populäre Schnittke würde in einem Konzertprogramm sehr gut zu Blacher passen finde ich. Vielleicht war er ja eher seiner Zeit voraus (postmodern) als hinterher.
satie (05.06.2008, 20:19):
Original von Leif Erikson
Ja warum wird die recht eingängige, schöne und humorvolle Musik von Blacher ignoriert ? Irgendwo habe ich gelesen, daß er nach dem II Weltkrieg wegen des herrschenden seriellen Stils schon zu gestrig geklungen haben soll. Nun ist aber diese serielle Musik (noch ?) nicht gerade ein Publikumsrenner. Warum hatte er dann nicht als "gemäßigt Moderner" gerade deshalb Erfolg ?
Der jetzt ziemlich populäre Schnittke würde in einem Konzertprogramm sehr gut zu Blacher passen finde ich. Vielleicht war er ja eher seiner Zeit voraus (postmodern) als hinterher.

Blacher wird aber vor allem als sehr wichtige Lehrerfigur gesehen, was ihn in eine Reihe mit Orff und Fortner stellt. Orff ist durch seinen Carmina-Burana-Gassenhauer bekannt, ansonsten nimmt man von ihm eigentlich auch nicht viel wahr (in diesem Fall bin ich eher zufrieden damit :ignore). Fortner hingegen ist ebenfalls ein sehr interessanter Komponist, und Blacher auch. Blachers rhythmische Technik ist mitunter auch sehr witzig (additive/subtraktive Rhythmen/Taktarten).
Ein Werk, welches mir immer wieder Eindruck machte, obwohl ich solcherlei anklagende Aufschreimusiken sonst nicht ausstehen kann, ist die "Jüdische Chronik", an der mehrere Komponisten mitgearbeitet haben. Neben Blacher waren auch Wagner-Regenyi, Henze, Hartmann, Dessau daran beteiligt, und die Komposition ist eine gelungene Gemeinschaftsarbeit. Paul Dessau wäre auch so einer, den man mal näher unter die Lupe nehmen sollte...

Herzlich,
S A T I E