Boris Christoff

Falstaff (21.09.2017, 23:04):
Boris Christoff wurde am 18. Mai 1914 in Bulgarien geboren, sang sehr früh schon im Chor der Alexander-Newsky-Kathedrale von Sofia, verlegte sich dann zunächst auf ein Jura-Studium. In seiner freien Zeit sang er aber weiterhin in verschiedenen Chören, bis er 1940 nach Italien wechselte, um dort bei Riccardo Stracciari Gesangsunterricht zu nehmen.

1946 debütierte er dann auf der Opernbühne als Colline in 'La Bohème' in Reggio Calabria. In den folgenden Jahrzehnten wirkte er v.a. in Italien, obwohl er schon sehr schnell Engagements an die großen Bühnen der Welt erhielt. 1950 sollte er an der MET debütieren, ein Gesetz verhinderte aber seine Einreise als ein Bürger osteuropäisch kommunistischer Staaten. Erst 1956 konnte er erstmals in San Francisco singen. Die MET hingegen mied er aber Zeit seines Lebens.

In den 70iger Jahren zog er sich langsam von der Opernbühne zurück, gab 1986 sein letztes Konzert in Rom, wo er auch am 28. Juni 1993 starb.

Boris Christoff gilt als einer der bedeutendsten Bässe des letzten Jahrhunderts und als legitimer Nachfolger eines Chaliapin oder Kipnis. Sein Repertoire umfasste die großen Bass-Partien des russischen, italienischen oder französischen Repertoires. Legendär sind die entsprechenden Partien im 'Carlos', 'Boris', 'Barbier', 'Nabucco', 'Faust', 'Mefistofele', 'Leben des Zaren', 'Khovanshchina', Prinz Igor', 'Attila', 'Ernani' usw.

In's deutsche Fach hat er sich nur selten 'verirrt' und dann auch nur, so weit ich weiß, in italienischer Sprache. Pogner in den 'Meistesinger von Nürnberg' zum Beispiel und natürlich der Gurnemanz aus dem 'Parsifal', von dem ein Live-Mittschnitt vorliegt.

Neben seiner Operntätigkeit war Christoff auch ein ausgesprochener Liedsänger (v.a. mit russischen Liedern) und sang auch immer wieder in Oratorien und Messen. Ich erinnere mich, dass er in den 80iger Jahren noch einmal für das 'Deutsche Requiem' in Hamburg angekündigt war. Leider kam es, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr zu diesem Auftritt.

Christoff verfügte über ein unverkennbares Timbre, über eine in allen Lagen sichere, prägnante und farbenreiche Stimme von großer Autorität und Ausdrucksfähigkeit. Sie besitzt vielleicht nicht die samtige, einschmeichelnde Qualität eines Kipnis, klingt durchaus auch härter und zupackender. Aber sie zeichnet sich immer (neben all den technischen Qualitäten) durch eine überragende Präsenz und Dramatik aus. Sie packt einen eigentlich immer und ich kenne eigentlich keine Aufnahme, auf der mich enttäuschen würde. Das ist immer rollengerecht und gerade als Philipp oder Boris von erschütternder Intensität.

:hello Falstaff
Falstaff (21.09.2017, 23:08):
Eine meiner liebsten Aufnahmen mit ihm ist der Don Carlo:



Nicht nur die Arie, das Duett mit dem Großinquisitor, sondern v.a. auch das mit dem noblen Posa Bastianinis sind ein Beleg für seine überwältigende Menschendarstellung.

:hello Falstaff
Falstaff (21.09.2017, 23:12):
Ein Muss ist auch diese Aufnahme:



Christoff singt den Boris, Pimen und Varlaam. Das ist durchaus problematisch, weil sein Timbre einfach unverkennbar ist. Aber, was er aus den jeweiligen Rollen macht, ist schon grandios.

:hello Falstaff
Falstaff (21.09.2017, 23:13):
Einen sehr guten Überblick über sein russisches Repertoire bietet diese Zusammenstellung:



:hello Falstaff
Falstaff (21.09.2017, 23:14):
Und hier Entsprechendes von der italienischen Oper:



:hello Falstaff
Falstaff (21.09.2017, 23:16):
Nicht zu vergessen sein französisches Repertoire. (Den 'Faust' hat er übrigens 2x aufgenommen.)



:hello Falstaff
Falstaff (21.09.2017, 23:18):
Nicht vergessen sollte man den Liedersänger:



:hello Falstaff
Falstaff (21.09.2017, 23:21):
Oder den Oratoriensänger:



:hello Falstaff
Amonasro (22.09.2017, 10:56):
Ja, Boris Christoff - ein Sänger, den ich auch immer wieder gerne höre.

Die beiden Aufnahmen, die ich am stärksten mit ihm verbinde, hast du bereits genannt: Don Carlo und Faust. Wobei er mit seiner "rabenschwarzen" Stimme als Mephisto vielleicht etwas zu dick aufträgt, der elegante Verführer bleibt da etwas auf der Strecke.

Neben dem von dir genannten Don Carlo gibt es noch eine Aufnahme mit Christoff, ebenfalls mit Stella und Santini, die ich mir allein schon wegen Gobbis Posa wohl früher oder später zulegen muss:



Sehr empfehlen kann ich seinen hervorragenden Fiesco:



Außerdem singt er den Padre Guardiano in diesem technisch allerdings sehr schlechten Mitschnitt aus Neapel mit Tebaldi, Corelli, Bastianini:



Gruß Amonasro :hello
Falstaff (24.09.2017, 21:27):
Die beiden Aufnahmen, die ich am stärksten mit ihm verbinde, hast du bereits genannt: Don Carlo und Faust. Wobei er mit seiner "rabenschwarzen" Stimme als Mephisto vielleicht etwas zu dick aufträgt, der elegante Verführer bleibt da etwas auf der Strecke.
Das ist durchaus richtig, lieber Amonasro. Ein Tick zu wenig Gründgens ( :) ) und dadurch ein Tick zu viel richtiger Teufel. Aber beeindruckend ist es allemal.
Neben dem von dir genannten Don Carlo gibt es noch eine Aufnahme mit Christoff, ebenfalls mit Stella und Santini, die ich mir allein schon wegen Gobbis Posa wohl früher oder später zulegen muss:
Solltest du. Auch eine faszinierende Aufnahme. Mir gefällt allerdings die spätere Aufnahme mehr (so sehr ich Gobbi liebe), weil Labo einen wirklich ausdrucksvollen Carlos singt und Bastianini einen so edlen Posa.

:hello Falstaff
Falstaff (24.09.2017, 21:33):
Hier noch einmal die Aufnahme des Gurnemanz mit Boris Christoff:



Hier kann man bei Christoff wieder einmal hören, wie Größe in einer Interpretation klingt. Größe oder auch Pathos - das mag nicht unbedingt modern sein, aber es packt einen doch ganze Zeit.

:hello Falstaff