Brahms - Klarinettentrio a-Moll op. 114

ab (15.05.2012, 17:40):
Johannes Brahms - op. 114: Trio (a-moll) für Pianoforte, Clarinette und Violoncell (1891)
UA: 12. Dezember 1891 in Berlin (zusammen mit dem Klarinettenquintett) durch Richard Mühlfeld, Robert Hausmann und Johannes Brahms höchstselbst.
I. Allegro
II. Adagio
III. Andante grazioso
IV. Allegro

Die Werke von Brahms für Klarinette sind alles in später Zeit entstanden, und zwar auf Inspiration des Klarinettisten Richard Mühlfeld, der ein begnadeter Kammervirtuose an der Meininger Hofkapelle gewesen sein soll. Das erste Werk war das Klarinettentrio, gefolgt vom deutlich beliebteren Klarinettenquintett, sowie zwei Klarinettensonaten, die drei Jahre später folgten. Das Trio scheint mir eines der kantabelsten Werk Brahms zu sein, obwohl es eigentlich aus bloß dem Hauptthema zweier aufsteigender Terzen aufbaut ist, zusammen mit einem Drehmotiv aus einer kleinen und einer großen Sekund. Daraus bastelt dann Brahms thematisch das ganze Werk durch Umkehrungsintervalle und rhythmischen Verschiebungen.
Brahms hat unmittelbar auch eine Bratschenfassung folgen lassen. Ich vermute, diese ist im Konzert öfter zu hören.

Aufnahmengeschichtlich ist auffallend, dass die Tempi (bis auf eine exzentrische Aufnahme) alle sehr nah beisammen liegen. Mir ist noch aufgefallen, dass die Aufnahmen jüngeren Datums vermehrt zu einer Nivellierung neigen: Hier scheint ein Trend eines „lyrisierenden“ Brahmsbildes deutlich zu werden, wo das Gleichgewicht Brahms’ zwischen Einfachheit und Virtuosität dem ersten Aspekt geopfert wird.

(Leider, so muss ich sagen, reicht meine Zeit nicht für mehr, als rein subjektive Eindrücke zu folgenden Aufnahmen zu schildern. Auch muss ich sagen, dass ich alle Aufnahmen bloß als Livestream aus dem Internet hören konnte und damit das Urteil wesentlich geprägt sein kann von der Datenreduktion sowie dem mäßigen Wandler und bescheidenen Kopfhörer. Ich muss gestehen, vor dieser Hör-Session habe ich das Werk nicht gekannt und habe auch keine einzige Aufnahme zuhause.)

Meine Empfehlungen:

George Pieterson, Bernard Greenhouse, Menahem Pressler (Beaux Arts Trio) - Philips / Decca 1979 (7:44; 8:18; 5:13; 4:16)
In für dieses Trio typischer Virtuosität mit spätromantischem Melos. Ich finde, Presslers Klavierklang passt viel besser zur Klarinette als zur Violine. In sein differenziertes, abwechslungsreiches Klavierspiel ist der romantisierende Klang der anderen Instrumente gut eingebettet: sozusagen mehr ein Trio für Piano mit Klarinette und Violine als ein Klarinettentrio, brahms’isch vom Klavier her gedacht. Großartige Balance zwischen Cello und Klarinette, sehr überzeugende Phrasierungen. Dem fülligen Klang zum Trotz wirkt das auf mich lebendig. Eine tolle Aufnahme! Kann es sein, dass vom Aufnahmekonzept das Klavier etwas überpräsent ist?

Antonio Tinelli, Giorgio Casati, Giuliano Mazzoccante - Phoenix , 2009 (7:43; 7:16; 4:26; 4:34)
Hier erkling das Konzept eines Schönklangs, gepaart mit einem zupackenden, kräftigen, italienisch-leuchtenden Ton. Dynamisch vorzüglich durchgearbeitet und atmend, abwechslungsreich und mit exquisiter Klangbalance. Schnelle Läufe werden wie eher Verzierungen oder verbindendes Glied zwischen den kantilenenhaften Abschnitten interpretiert. Wer dunkel-trübsinnigen Brahms liebt, darf sich hier stattdessen an etwas Pastoralem erfreuen. Schön dialogisch! Ganz zurecht mit einem Rom-Preis ausgezeichnet!

Arthur Campbell, Daniel Raclot , Jean-Pascal Meyer - Audite , 2005 (7:16; 7:35; 4:10; 4:37)
Eine Spur dunkler timbrierter Brahms als bei Tinelli/ Casati/Mazzoccante. Etwas rascher der erste Satz und dadurch eine Spur dramatischer, stets in einem Vorwärtsfließen genommen, aber doch ganz in Ruhe. Hier fast mit symphonischem Melos, etwas weniger atmend, wodurch es auch etwas romantischer auf mich anmutet.


Die ich gerne gehört habe:

Julian Milkis, Alexander Kniazev, Valery Afanassiev - Warner , 2008 (10:23; 9:49; 5:25; 5:59)
Der Exzentriker unter den Aufnahmen: Immer wieder kommt die Musik fast zum Stillstand, um sich dann wieder wie heroisch aufzubäumen. Alle drei erzeugen vielfach Spannung durch Bremsen. Kniazev spielt leider immer wieder mit pathetischem Ton, was der Aufnahme in diesen Abschnitten doch etwas Abbruch verleiht, wie ich finde. Milkis aber schafft es, sich grandios dem Afanassiev-Konzept anzupassen und gelegentlich seinen Klarinettenton mit dem des Klaviers geradezu zu verschmelzen. Einzelne Töne sind von einer solchen Schönheit, dass es zu Herzen geht. Eine richtig unerhörte Aufnahme!

Karl-Heinz Steffens, Michal Friedlander, Ludwig Quandt - Tudor , 2002 (8:00; 8:05; 5:00; 4:38)
Ich mag deren einfühlsame Musikalität, die deutlich einem Streben nach Perfektion vorgezogen ist. Sehr schön wird dialogisch zwischen Klarinette und Cello musiziert. Ein eher trauriger, lyrischer Brahms, etwas langsamer.

Sabine Meyer, Heinrich Schiff, Rudolf Buchbinder - EMI 1983 (7:46; 7:59; 4:42; 4:25; 8:06)
Schwer, breit, hochdramatisch leidenschaftlich, mit drei (über)präsenten Solisten. Sehr impulshaft gestaltend, weite Linien gezogen und dynamisch sehr durchgearbeitet, mit einer verhohlenen fast drängenden Unruhe. Mir kommt die Assoziation: Irgendwie typisch 80er-Jahre: Alle drei mit einem geschliffenen irgendwie „überfülligen“ Ton (in Kontrast dazu dann die luftigen HIP-Interpretationen der Alten Musik eine Gegenbewegung bilden musste). Präsent hält mich die Aufnahme da beim Zuhören; aber berühren kann mich es nicht, womöglich weil die Liniengestaltung nicht dem natürlichen Atem entspricht, sondern, fast wie schunkelnd, immer weiter romantisierend nach hinten gezogen wird. Bestes Zusammenspiel, höchste Perfektion: ein echtes Trio!

Michel Portal, Boris Pergamenschikow, Mikhail Rudy – Emi , ??? (7:32; 7:57; 4:29; 4:45)
Eine morgenhelle, wache Interpretation mit einem vorzüglich, präsenten Cellisten und beseeltem Klarinettenspiel. Sozusagen die Mitte.

Ulrich Mehlhart, Victor Yoran, Irina Edelstein - Denon , 198? (8:06; 9:44; 4:48; 4:47)
Ein fast alters-aufbäumender Brahms. Hier wird viel mit Klangfarbe gearbeitet. Das Klavier ist schön präsent. Tempowechsel machen die Musik interessant, dennoch fällt nichts auseinander. Wer die virtuosen Interpretationen der 70er-Jahre liebt, wird hier von Herzen bedient.


Nicht so recht zugesagt haben mir:

Florent Pujuila, Yovan Markovitch, Romain Descharmes - Saphir , 2009 (7:51; 7:32; 4:25; 4:31)
Hier mischt sich mir der Klavierklang zu wenig mit den der beiden anderen. Überhaupt wird mir hier viel zu wenig mit den Möglichkeiten unterschiedlicher Klangfülle gearbeitet. Ein schöner Klarinettenklang, aber etwas monochrom, das Cello klingt herrlich. Die Klangbalance sagt mir wenig zu.

Franklin Cohen, Stephen Geber, Vladimir Ashkenazy - Decca , 1989 (7:32; 8:06; 4:22; 4:35)
Tja, da haben sich drei zusammengefunden um zusammen zu musizieren, sozusagen prima vista.

Martin Fröst, Torleif Thedeen, Roland Pöntinen - BIS , 2004 (7:48; 7:39; 4:24; 4:25)
Ein Brahms träumerisch und leidenschaftlich, vom Cello in Richtung typischer Thedeen-Weinerlichkeit, etwas mit Pathos. Alles wirkt extrem geschliffen auf mich und auf die Dauer gemacht und – der exerzierten Dramatik zum Trotz – fast langweilig. Der Klarinettenklang musikalisch irgendwie mir zu gleichförmig. Das Cello wirkt auf mich in pucto Klangfülle seltsam dünn gegenüber Fröst. Toll aber, wie Fröst etwas fast Sonores dem Blasinstrument abringt! Aber fast ist eine dieser Aufnahmen, zu denen ich immer sage: „Mehr Noten als Musik“, (frei nach Carlos Kleiber, der in einer Probe einmal sagte: „Fleisch meine Herren, nicht Noten!“)

John Bradbury, Adrian Bradbury, Amy Siegel (Trio Gemelli) - DivineArt , 1998 (8:13; 8:27; 4:19; 4:14)
Die eineiigen Zwillingsbrüder spielen schön zusammen, irgendwie aber mag ich das Klavier hier nicht und mir ist alles zu wenig abwechslungsreich, so dass ich auch nicht bei Konzentration gehalten werde.

Yona Ettlinger, Uzi Wiesel, Pnina Salzman - Doremi , 1975 (7:09; 7:07; 4:38; 4:31)
Eine tolle Pianistin, scheints, aber irgendwie ein zusammengewürfeltes Ensemble bildet noch kein Trio. Wer Jacquelin-du-Pré-Dramatik liebt, oder einen Schumann wie bei Richter/Gutman/Kagan, liegt hier genau richtig.

Karl Leister, Matthias Moosdorf, Gerald Fauth - Genuin , 2007 (7:26; 6:55; 4:33; 4:49)
Ein Traum; wäre da nur nicht dieser unsägliche Cellist vom Leipziger Streichquartett und diese Härte des Anschlags des Pianisten!

Michel Portal, Pierre Amoyal, Michel Dalberto - Apex , 1978 (7:09; 8:22; 4:00; 4:41)
Schwermütig kann einem da werden! Aufgelockert wird das durch fast frühromatische Impulsgebung. Den dritten Satz finde ich ungewöhnlich schön schwingend. Etwas gleichförmig finde ich aber sonst die Phrasierungen, die mir zu gleichmäßig dahinwalgen. Auch farblich wird mir hier zu wenig gearbeitet. Das Timing des Pianisten nervt mich hier immer wieder.

Jost Michels, Klaus Storck, Detlef Kraus - Musicaphon , 1963 (7:37; 7:25; 5:04; 4:26)
So sehr ich Kraus als Brahms-Interpreten schätze, diese dumpfe Aufnahme wirkt auf mich nur schwerfällig. Die seltsamen Linieführung des Cellisten tut ein Übriges, das nicht weiter zu vertiefen.


Mein Favorit:

Karl Leister, Georg Donderer, Christoph Eschenbach - DGG - 1967 (7:31; 8:15; 5:25; 4:33)
Hier habe ich alles, was mir gefällt: Traumhaft schönes differenzerstes, abwechslungsreiches Klarinettenspiel, präsentes Klavier, mitreißende Dramatik, ohne die Lyrik oder atmende Ruhe zu vernachlässigen, tolle Durchgestaltung, auch viel Farbgestaltung, große stimmige, dynamische Kontraste und zu Herzen gehende Musikalität bei viel Lebendigkeit. Schon lange keinen Interpretationsvergleich gehört, wo ich so völlig eindeutig und weit vor den anderen einen Favoriten ausfindig machen konnte!

http://fischer.hosting.paran.com/music/dgg-lps/dgg-images/24878082_305x300.jpg

Derzeit leider nicht am Markt außer in dieser 5-CD-Box:
http://www.jpc.de/image/w220/front/0/0028947435822.jpg
Amadé (15.05.2012, 20:21):
Lieber ab,
Gratulation für Deine gute Übersicht incl. Statements.
:times10

Es freut mich, dass Du die DGG Leister-Aufnahme nach oben stellst, die spätere mit Leister-Boettcher-Bognar bei Brilliant kommt da nicht mit.

Viele von Dir aufgeführten neueren Interpretationen kenne ich nicht, habe dafür aber noch andere hier stehen:

Reginald Kell - Miller - Horszowski
Leopold Wlach - Kwarda - Holetschek
Alfred Prinz - Skocic - Demus
Peter Schmidl - Dolezal - Andras Schiff
Dieter Klöcker - Ostertag - Genuit
Robert Stoltzman - Ma - Ax

Ich muss gestehen, dass das Klarinettentrio auch bei mir nicht den Rang einnimmt wie das Klarinettenquintett, das mich immer wieder süchtig macht. Trotzdem sollte man jenes immer wieder hören.

Gruß Amadé
abendroth (09.11.2012, 01:15):
Gerne möchte ich hier auf eine Bratschenfassung des Trios op 114 hinweisen. Bei Onyx ist unter dem Titel "Brahms Viola" eine Doppel CD erschienen, auf der Maxim Rysanow die Bratschenfassungen diverser Brahmswerke spielt, u.a. auch das op 114. (Inzwischen gibt es auch "Brahms Viola 2")

Nie in meinem Leben, in dem ich schon sehr viel Brahms gehört habe, habe ich schöneren und ergreifenderen Brahms gehört, als auf diesen beiden Scheiben.
Den Klavierpart im op 114 spielt Jacob Katsnelson, das Cello Kristine Blaumane.

Freundliche Grüsse
abendroth

(Leider habe ich mich noch nicht damit beschäftigt, wie man auf diesem Forum die passenden Abbildungen hinzuzaubert)
Amonasro (24.07.2014, 14:04):
Das Klarinettentrio zählt zu meinen liebsten Werken von Brahms. Eine Aufnahme, die ich davon auf YT hörte, war für mich vor kurzem der Auslöser, mich erstmals überhaupt mit Kammermusik zu beschäftigen. Was mich an dem Werk genau fasziniert weiß ich selbst nicht, aber ich könnte es ständig hören. Bislang besitze ich nur eine Aufnahme mit Tamás Vásáry (Klavier), Karl Leister (Klarinette) und Ottomar Borwitzky (Violoncello) von 1981 und bin sehr zufrieden damit.

Gruß Amonasro :hello
Tangua (24.07.2014, 14:51):
Wow, lieber ab, das nenne ich mal eine umfassende "Werkschau", die macht Lust darauf, sich weiter mit dem Werk zu befassen.
Ich habe bisher als einzige Aufnahme die mit Balogh, Jando und Onczay auf Naxos, die ich mir damals - ich meine auf Empfehlung bei Rondo hin - wegen des Quintetts gekauft habe und die mir eigentlich sehr gut gefällt. Aber das schließt ja nicht aus...
Vielen Dank!

P.S. Habe mich nicht geirrt - hier für Interessierte der Link zur Rondo-Rezension:

http://www.rondomagazin.de/kritiken.php?kritiken_id=5384
Amadé (24.07.2014, 15:06):
Es sind sehr viele schöne Aufnahmen auf dem Markt, empfehlenswert in erster Linie sind die in Kopplung mit dem Klarinettenquintett h-moll op.115 oder der beiden wünderschönen Klarintetten-Sonaten op. 120, wie z. B.:

https:///www.jpc.de/image/w220/front/0/4022143916624.jpg https://www.jpc.de/image/w220/front/0/7318599913537.jpg https://www.jpc.de/image/w220/front/0/0782124163822.jpg https://www.jpc.de/image/w220/front/0/4260036251272.jpg

Die Liste lässt sich noch verlängern.

Viel Spaß beim Hören wünscht
Amadé