ein Klassik-Forum ohne die Brandenburgischen Konzerte (BWV 1046-1051) wäre nicht komplett, deshalb:
Im Jahre 1721 erhielt J.S. Bach eine Aufforderung des Markgrafen Christian Ludwig von Brandenburg, ihm einige Werke für sein Hof-Ensemble zu übersenden. Bach kam dieser Aufforderung nach und schickte sechs, in ihrer Instrumentation recht unterschiedliche Konzerte, die er wahrscheinlich zwischen 1718 und 1721 komponiert hatte. Der Name „Brandenburgische Konzerte“ stammt nicht von Bach – ursprünglich betitelt waren sie mit „Six Concerts avec plusieurs instruments“.
Ich denke, jeder kennt diese Konzerte, viel mehr muss deshalb nicht gesagt werden.
Hört Ihr diese Konzerte überhaupt noch gerne? Welchen Stellenwert haben sie für Euch innerhalb des Bach’schen Kompositionsschaffens? Welche der sechs Konzerte bevorzugt Ihr? Und natürlich: Welche Interpretationen liebt Ihr besonders und warum?
Gruß, Cosima :)
Carola (05.06.2006, 13:29): Es stimmt schon, früher habe ich die Brandenburgischen Konzerte häufiger aufgelegt - ich hatte einfach noch nicht so viel Auswahl. :D
Ein bisschen leid gehört hatte ich sie mir wohl auch, aber inzwischen klingen sie wieder frisch.
Was die Aufnahme angeht, so habe ich zwei, die sehr weit voneinander entfernt liegen. Ich wähle nach Lust und Laune mal die eine aus, mal die andere. Gefallen tun sie mir beide.
Wenn mir nach Prunk und Festlichkeit ist, nehme ich die diese Aufnahme mit Marriner und der Academy of St Martin in the Fields
martin (05.06.2006, 14:17): Ich habe die Brandenburgischen Konzerte lange nicht mehr gehört. Vermutlich habe ich auch keine besonders gute Einspielung, das war irgendeine billige CD. Insgesamt liegt mir Händel mehr als Bach. Ich habe inzwischen wohl 4, in einigen Werken 5 Einspielungen der Händelschen Concerto Grossi Opus 3, 6. Hier war der Drang nach besserem bei mir immer sehr groß, das Gefühl: da muß es doch noch was besseres geben sehr prägend. Und da werde ich mir vermutlich auch noch mal die 6. Einspielung holen, wenn ich sie günstig bekomme.
Bei Bach bin ich mit dem einfachen zufrieden. Manchmal höre ich ihn auch ganz gerne und vielleicht sollte ich mir wirklich noch mal eine bessere Einspielung der Brandenburgischen holen. Trotzdem: Es führt wohl kein Weg daran vorbei, daß ich eher ein "Händeltyp" als ein "Bachtyp" bin.
Zelenka (05.06.2006, 14:39): Doch, ich höre die Brandenburgischen Konzerte immer noch sehr gerne, aber vielleicht doch seltener im Moment, was Schuld des Forums sein mag :D. Meine Hörgewohnheiten haben sich seit Ende März deutlich verändert. Weniger Barock derzeit.
Zu meinen Aufnahmen:
Mein Herz gehört wohl immer noch meiner ersten Aufnahme überhaupt (ich hatte schon die LPs). Aufgenommen 1964. Trotz mancher Unsauberkeit im einzelnen insgesamt ein schlüssiges Ganzes.
Die Einspielung von Goebel ist schon von Carola genannt worden. Hier wird schnell und mit erheblichem Risiko gespielt, aber MAK konnte sich das erlauben. Im Personal u.a. ein junger, sehr lebhafter Andreas Staier.
ich bin überzeugt , liebe Cosima , dass diese Werke einen ungebrochen Stellenwert , eine wirklich echte Anziehungskraft besitzen .
Es gibt viele Aufnahmen , die mich immer aufs Neue reizen , sie zu hören .
Jedes der einzelen Konzerte hat wohl einen ganz besonderen Stellen wert für sich und innerhalb des Ganzen .
Die polarisierensten Aufnahmemn dürften wohl die klangübersättigste von Karkjan und die modernischtiste durch Fritz Reiner sein .
Viele Grüsse , Frank
nikolaus (05.06.2006, 22:17): Hallo,
auch ich höre die Brandenburgische Konzerte gerne. Sie erzeugen bei mir immer eine leichte, erhebende, freudige Stimmung. Der Anlass, mir eine Aufnahme zuzulegen, war übrigens eine Choreographie von Amanda Miller, die zur Zeit das Tanzensemble in Köln leitet. Sie und ihre Tänzer haben darin die oben beschriebene (es passt übrigens auch "luftig") ganz großartig transportiert, so daß ich total begeistert war. Nach mehrfachem Vergleichshören habe ich mich für die Aufnahme mit Il Giardino Armonico entschieden. Goebel war mir doch ein bißchen zu rasant.
Gruß, Nikolaus.
Rachmaninov (04.07.2006, 10:50): Original von Cosima Hört Ihr diese Konzerte überhaupt noch gerne? Welchen Stellenwert haben sie für Euch innerhalb des Bach’schen Kompositionsschaffens? Welche der sechs Konzerte bevorzugt Ihr? Und natürlich: Welche Interpretationen liebt Ihr besonders und warum?
@Cosima,
die Brandenburgischen Konzerte höre ich relativ selten.
Mein Augenmerk auf Bach's Schaffen richtet sich viel mehr auf die Violinenkonzerte und die Werke für Soloinstrumente wie Cello, Violine und 'Klavier'.
Daher besitze ich auch nur die recht neue Aufnahme von Rinaldo Allesandrini und dem Concerto Italiano auf Naive.
Soweit ich das beurteilen kann eine vorzügliche Aufnahme, die wohl zurecht in den einschlägigen Magazinen und im Web hoch gehandelt wurde.
:hello
Jürgen (04.07.2006, 14:45): Ich habe und kenne nur folgende Aufnahmen:
Pinnock ist von 1982. Er gefällt mir besser, weil transparenter musiziert. Naja und klanglich halt besser, weil Menuhin von 1958 ein knappes viertel Jahrhundert älter ist.
Diese Aufnahmen brillieren durch das sanfte angehen! Fein und harmonisch, habe zudem das gefühl, dass das Orchester aus weit weniger Musikkern besteht, was mich erst abschreckte, da ich gern große Laute Orchester bevorzuge! Aber dadurch gewinnt diese Aufnahme ungemein an Wärme! Klein aber Fein! Eine wahre Freude! Fein und Harmonisch im kleinen Kreise musiziert und dadurch von mir bevorzugt!
Diese Aufnahme gibt es auch zu einem Guten Preis (11,99 € bei JPC)! Inbegriffen sind die Orchestersuiten 1-4! Eine besondere Empfehlung von mir!
Kenne auch viele andere Aufnahmen(Karajan, Richter usw., welche sich aber kaum untereinander unterscheiden, da springt die Aufnahme oben aus der Reihe, für mich mit Erfolg!
Kennt jemand ebenfalls diese Aufnahme?
Gruß Daniel
Amadé (20.10.2007, 21:08): Daniel5993 Kenne auch viele andere Aufnahmen(Karajan, Richter usw., welche sich aber kaum untereinander unterscheiden, da springt die Aufnahme oben aus der Reihe, für mich mit Erfolg!
Hallo Daniel :D
Gruß Amadé
daniel5993 (20.10.2007, 21:33): Original von Amadé Daniel5993 Kenne auch viele andere Aufnahmen(Karajan, Richter usw., welche sich aber kaum untereinander unterscheiden, da springt die Aufnahme oben aus der Reihe, für mich mit Erfolg!
Nach Riccardo Chailly bringt nun ein weiterer Weltstar der Klassik alle 6 Brandenburgischen Konzerte auf den Schallplattenmarkt: Claudio Abbado bei der DGG. Es handelt sich um Mitschnitte zweier Konzerte, die auch parallel auf DVD veröffentlicht wurden, der Musikfreund kann also wählen, ob er Augen oder Ohren den Vorzug geben möchte. Das Mozart Orchester Bologna ist ein kleinbesetztes Orchester, wie es vielleicht Bach in Köthen vorgefunden hatte, alles klingt durchsichtig, die schnellen Sätze werden sehr schnell durchgeführt, für die langsamen nimmt man sich mehr Zeit. Die Musiker sind engagiert und immer hellwach bei der Sache, so dass der Hörer zumindest teilweise überzeugende Interpretationen erwarten kann. Die Solisten spielen auf Originalinstrumenten oder Nachbauten, bezüglich des Ripienos schweigt sich das Booklet allerdings aus. Die Beschäftigung mit den Konzerten 1, 2 und 4 hinterlässt bei mir jedoch einen zwiespältigen Eindruck. Beim 1.Konzert ermüdet mich Abbados Auffassung, da er die Musik in kleine Phrasen/Abschnitte zergliedert, wirkt sie auf mich kurzatmig (1.Satz). Nach dem 3.Satz (Allegro) sollte der folgende Menuett–Beginn eine andere Farbe annehmen, zumal beide Sätze in der selben Tonart stehen! Instrumentaliter ist alles auf höchstem Niveau, die engmensurierten Hörner klingen allerdings etwas mickrig. In den Ecksätzen des 2.Konzerts herrscht eine motorische Unruhe, die Musik ist immer in Bewegung, es bleibt kaum Zeit zum Atmen, dazwischen kann man den langsamen Satz als Ruhepunkt genießen. Das Klangbild scheint mir hier trotz der Bläser etwas grau. Das 4.Konzert bestätigt den gewonnenen Eindruck. Hier stört mich im 1.Satz, dass Abbado trotz schnellen Tempos akribisch Note für Note absetzen lässt, abgesehen an den Stellen, an denen Bach ausdrücklich Bindebögen vorgezeichnet hat. Dadurch wirkt die Musik etwas maschinenhaft starr. Im 3.Satz überwiegt non-legato-Spiel. Abbados Interpretationshaltung kann ich respektieren, ob sich bei mir daraus eine Liebe entwickelt, bleibt vorerst fraglich.
Grüße Amadé
Kalli (21.04.2011, 16:38): hallo,
ich besitze mehrere aufnahmen - bisher war pinnock mein favourit, aber jetzt höre ich die konzerte wieder öfter : http://www.amazon.de/Brandenburgische-Konzerte-Gardiner/dp/B002NCUEZY/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=music&qid=1303396227&sr=8-1
soo habe ich das noch nie gehört - und das booklet ist auch sehr informativ. eine kritik als beispiel - leider kann ich es nicht so sagen : http://meinhardo.wordpress.com/2009/10/25/rezension-gardiner-sdg-707-brandenburgische-konzerte-1-6/
zum anschauen und anhören : http://www.youtube.com/watch?v=FYWB4R25Gs8
gruss
kalli
Cantus Arcticus (25.04.2011, 13:20): Hallo Forianer Aus den 8 Einspielungen der 6 "Brandenburgischen" sind zwei Aufnahmen darunter, die zu meinen Lieblingen zählen:
Christopher Hogwood: http://ecx.images-amazon.com/images/I/61K7829T1HL._SL500_AA300_.gif
Karl Richter: http://www.deutschegrammophon.com/imgs/s300x300/4271432.jpg
Richters Aufnahmen aus den Jahren 1964/1968 und 1981 klingen sehr modern, obschon eine gewisse Üppigkeit auffällt. Mir gefallen die doch raschen Tempi vor allem im 1. Satz von BWV1046, doch passt dies für mich nicht immer. Hogwoods Aufnahmen aus den Jahren 1985/1989 und 1991 sind schlanker gehalten, die Bläser treten viel mehr in den Vordergrund und die Durchhörbarkeit ist besser. Beide Aufnahmen haben ihren Reiz, wobei ich mehr zu Hogwood tendiere.
Was ich sonst noch habe:
a) I Musici (1961/1964) Philips b) Kammerorchester Berlin (1972/1974) edel classics c) Orchestra of the age of enlightenment (1989-1996) Virgin Classics d) Musica Amphion (2006) Brilliant Classics e) Le Concert des Nations (1991) AliaVox f) Kammerensemble des Lucerne Festival Orchestra (2003) Lucerne Festival
Gerade die letztaufgeführte Aufnahme liest sich wie das Who is Who der aktuellen Künstlerszene, wobei die obigen Posts von Amadé und Armin70 meinen Eindruck bestätigen, dass mehrheitlich die gleichen Künstler sowohl an der DG-Einspielung mit Carmignola als auch am Lucerne Festival teilgenommen haben:
Claudio Abbado - Leitung Rainer Kussmaul - Violine, Violino Piccolo Wolfram Christ - Viola Diemut Poppen - Viola Georg Faust - Violoncello Alois Posch - Violone Michele Barchi - Cembalo Michala Petri - Blockflöte Emmanuel Pahud - Flöte Albrecht Meyer - Oboe Reinhard Friedrich - Trompete Stefan Dohr - Horn Jonathan Williams - Horn
Nun, diese Aufnahme ist sauber, auf höchstem Niveau wird hier musiziert, aber, ein bisschen wie aus dem Kühlschrank genommen...
Grüsse Stefan
Jürgen (25.08.2011, 16:01): Ich zitiere mal aus dem Thread Diskothek im Zwei - was bringt die Sendung dem Klassikfreund?
Original von Armin70 Im Archiv von DRS 2 hörte ich mir eben die Sendung über Bachs 2. Brandenburgisches Konzert an. Das war wieder eine hochinteressante und spannende Sendung.
Vorgestellt wurden 6 Aufnahmen, die zwischen 2005 und 2009 entstanden sind. Die Übersicht dieser Aufnahmen kann man hier einsehen.
An diesen verschiedenen Aufnahmen wurde sehr anschaulich verdeutlicht, was eigentlich in diesem Werk drin steckt, vor allem, dass es kein Trompetenkonzert ist, was man in vielen Aufnahmen leider hört, da die Trompete sehr oft in den Vordergrund gestellt wird, was entweder an der Aufnahmequalität und/oder am Trompeter. Die anderen Soloinstrumente (Violine, Blockflöte und Oboe) sind gleichberechtigte Partner der Trompete und das muss in einer Aufnahme deutlich werden.
Eher enttäuschend waren die Aufnahmen der Academy-of-Ancient Music, Richard Egarr, weil die Trompete zu sehr im Vordergund steht und die übrigen Soloinstrumente und das Orchester zu diffus im Hintergrund geraten ist. Die Aufnahme mit dem Concerto Italiano und Rinaldo Alessandrini ist zwar klarer strukturiert, weil auch neben der Trompete auch die übrigen Soloinstrumente deutlicher hörbar sind aber letztlich wird hier zu hart und spitz artikuliert. Die schnellen Sätze "rattern" fast Maschinenhaft herunter.
Die enttäuschenste Aufnahme ist die mit dem Bach-Collegium Japan mit Masaako Suzuki. Das liegt an den sehr langsamen Tempi, vor allem in den schnellen Sätzen. Des weiteren überraschten spieltechnische Unsauberkeiten, fast so, als gerieten die Musiker/innen an ihre Grenzen. Es gab zwar einige schöne Details aber in der Summe war das zu wenig. Besser geriet die Aufnahme mit dem Cafe Zimmermann, vor allem in klanglicher Hinsicht. Die Soloinstrumente sind auch gleichberechtigt nebeneinander. Allerdings wurde etwas zu "glatt" gespielt, vor allem im 2. Satz, der sehr empfindsam ist, wurde die Musik zu sehr buchstabiert, ohne Gefühl.
Recht forsch war dagegen die Aufnahme des Ensembles "I Barocchisti" mit Diego Fasolis. Vor allem im 1. Satz wurde sehr lustvoll gespielt aber im Verlauf dieser Aufnahme hatte man etwas das Gefühl, als würde den Musikern die Kondition ausgehen und beim Schlussakkord entstand der Eindruck vom einem 100m-Läufer, der sich mit einem Sprung ins Ziel rettet. Das trübte etwas den durchaus positiven Eindruck von Fasolis Aufnahme.
Die brillianteste Aufnahme gelang den English Baroque Soloists mit John Eliot Gardiner. Hier stimmte alles: Die Balance zwischen den Soloinstrumenten war schön transparent. Der Bass "rockte" richtig, da wurde federnd und peppig in der Continou-Gruppe gespielt. Diese Aufnahme hat Drive, Puls und vor allem wird hier der Schluss des Konzerts endlich einmal richtig gespielt, nämlich ohne Ritartando, so dass das Konzert wirklich effektvoll abrupt endet.
Eine der Expertin im Studio gebrauchte einen schönen Vergleich mit dem Hochsprung im Sport:
Bei fast allen in der Sendung vorgestellten Aufnahmen hatte sie den Eindruck, dass ein Stabhochspringer beim Überqueren der Latte diese berührt und die z. T. nur mit viel Glück liegen bleibt. Im Gegensatz dazu hatte sie bei der Gardiner-Aufnahme den Eindruck, dass zwischen Springer und Latte noch mind. 10 cm Luft sind.
Die Solisten bei Gardiner sind schlicht und einfach die besten in dem Teilnehmerfeld, vor allem der Trompeter gestaltete seinen Part am differenziertesten, denn er spielte auch mal mit Legato und konnte sich auch zurücknehmen, wenn der Trompetenpart wirklich mal nur Begleitfunktion hat.
Gardiner, der bei dieser Neuaufnahme der Brandenburgischen Konzerte nur bei den Konzerten Nr. 1 und 2 dirigierte und die übrigen Konzerte wurden von den Musikern alleine gestaltet (wobei Gardiner sicherlich die Gesamtleitung hatte) hat letztlich das in sich stimmigste Konzept bei der Interpretation.
Das Resultat dieser Sendung kann man hier nachlesen.
Gardiners Aufnahme hat mich sehr überzeugt und ich bin durchaus am Überlegen, ob ich mir diese zulege.
Gestern war ich in der glücklichen Situation, die Gardiner-Aufnahme (den damaligen Testsieger) kennenzulernen. Heute vormittag hörte ich ihn noch einmal komplett (alle 6) und möchte das Testurteil auf die anderen Konzerte (insbesondere Nr5) ausweiten. Hier wird, obwohl mit recht hohem Tempo, sehr nuanciert, ausbalanciert und mit viel Spielfreude musiziert.
Original von Gardiners Booklet Und dann sollten wir nie vergessen, dass diese Musik, bei all ihrer Genialität, Eleganz und Kunstfertigkeit, im eigentlichen Sinne Tanzmusik ist. Gelegentlich ist sie das barocke Äquivalent zum Jazz oder Rock ‘n’ Roll.
Den kompletten Text, den ich ausnahmsweise (gemessen am durchschnittlichen Booklet) mal sehr interessant finde, kann man auch hier nachlesen.
Grüße Jürgen
Armin70 (27.08.2011, 20:01): In den letzten Tagen hatte ich die Aufnahme mit La Petite Bande unter der Leitung von Sigiswald Kuijken gehört, die im Jahr 2009 entstand:
Diese Aufnahme unterscheidet sich in drei Punkten zu anderen HIP-Aufnahmen:
1. Der Trompetenpart im 2. Brandenburgischen Konzert:
Sigiswald Kuijken läßt den Trompetenpart auf einer echten Naturtrompete spielen, d. h. dieses Instrument hat im Gegensatz zu anderen heute verwendeten Naturtrompeten keine sog. Intonationslöcher, die das Spielen ungemein erleichtern. Nach neuesten Erkenntnissen hatten in der Barockzeit die Trompeten nicht diese Intonationslöcher. Auch wird heutzutage bei den Naturtrompeten meistens ein modernes Mundstück verwendet, was auch nicht der HIP-Praxis entspricht.
Kuijken war bei seiner 1993/94 entstandenen Aufnahme der Brandenburgischen Konzerte der Ansicht, dass kein Trompeter in der Lage ist, mit einer echten Naturtrompete, so wie sie in der Barockzeit gespielt wurde, den Part im 2. Konzert zu spielen, so dass er diesen auf dem Horn spielen ließ, weil er kein Interesse an einer "Pseudo-Naturtrompete" hatte.
Erst in den letzten Jahren fingen einige Trompeter an, das Spielen auf einer echten Naturtrompete zu erlernen und beherrschbar zu machen. Zu diesen Trompetern gehört auch Jean-Francois Madeuf, der in der vorliegenden Aufnahme dann auch zu hören ist.
2. Der vermeintliche Concerto Grosso-Charakter:
Bei den ersten beiden Konzerten war bzw. ist man vielleicht heute noch der Ansicht, dass diese aufgrund ihrer größeren Besetzungen im Vergleich zu den übrigen Konzerten Concerti Grossi sind. Daher wurden in diesen Konzerten mit einer kleinen Concertino-Gruppe und einem größer besetzten Ripieno-Ensemble aufgeführt.
Kuijken geht aber davon aus, dass jede Stimme nur einfach besetzt ist, d. auch in den "Tutti-Stellen". So wird das mittlerweile auch zumindest in den kleiner besetzten Konzerten auch von anderen Interpreten gehandhabt.
3. Das Violoncello da Spalla:
Neuste Erkenntnisse gehen inzwischen davon aus, dass in Bachs Werken mit dem Begriff "Violoncello" das sog. Schultercello ("Violoncello da Spalla") gemeint ist. Zu Bachs Zeit war dieses Instrument sehr verbreitet und wurde oft gespielt. Originale dieser Instrumente finden sich heute in Instrumentenmuseen in Brüssel und Leipzig.
Das Violoncello da Spalla gab es in verschiedenen Größen, von der Bratschengröße bis hin zur Größe eines heutigen Violoncello. Dennoch wurden auch die großen Instrumente beim Spielen quer über die Brust gelegt wobei bei den größeren Instrumenten ein Trageriemen das Spielen erleichterte. Des weiteren gab es Instrumente mit vier und fünf Saiten.
Entsprechend der verschiedenen Größen hatten die Instrumente dann auch verschiedene Stimmlagen, die von der Alt- über die Tenor- bis hin zur Bariton-Lage reichte.
Sigiswald Kuijlen ist der Ansicht, dass Bach seine Werke für Solo-Violoncello für das Violoncello da Spalla komponierte und konsequenterweise spielte er inzwischen diese Werke dann auch auf diesem Werk ein.
Weiter verdichten sich inzwischen Erkenntnisse, dass zu Bachs Zeit kein Kontrabass, also ein 16-Fuß-Instrument eingesetzt wurde. Zu lesen ist immer die Bezeichnung "Violone". Man geht davon aus, dass stattdessen eine sog. "Basse de Violon" verwendet wurde. Dabei handelt es sich im Prinzip um ein übergroßes Violoncello und wird dann auch so gespielt, wie man üblicherweise ein Violoncello spielt. Dieses Instrument ist aber in der 8-Fuß-Lage gestimmt.
Dadurch entsteht ein helleres transparentes Klangbild und Kuijken verfährt in seinen neuen Aufnahmen von Bachs Kantaten und der Matthäus-Passion genauso.
Man kann jetzt vielleicht den Eindruck haben, dass aufgrund der vielen wissenschaftlichen Forschungen, die Sigiswald Kuijken im Vorfeld der Aufnahme anstellte, eine eher akademisch-trocken nüchterne Aufnahme entstanden ist. Das ist aber überhaupt nicht der Fall. Auch höre ich keinen "erhobenen Zeigefinger" heraus, so nach dem Motto: "So und nicht anders muss das klingen".
Im Gegenteil: Kuijken und sein bewährtes Ensemble wählen in den schnellen Sätzen nie überhetzt wirkende Tempi. Zwar sind diese schon etwas langsamer als bei Gardiners neuer Aufnahme aber dennoch wirken sie bei Kuijken sehr entspannt und natürlich. Man könnte es fast als einen lässigen "Groove" nennen, der sich da einstellt.
Die langsamen Sätze werden sehr empfindsam, mit einer Art "Affetuoso", also leidenschaftlich gespielt, fast schon lyrisch.
Der heikle Trompetenpart wird von Jean-Francois Madeuf auf der echten Naturtrompete bewundernswert gespielt. Zwar klingt das nicht so elegant wie das beispielsweise Neil Brough in Gardiners Aufnahme macht, wobei dieser vermutlich noch ein Instument mit Intonationslöchern spielt. Auch die Hörner im ersten Konzert schmettern lustvoll, dass es großen Spass macht, zuzuhören. Das klingt herrlich rau-urig und strahlt eine enorme Energie und Vitalität aus.
Insgesamt eine mehr als interessante Aufnahme, die aufgrund ihres sehr transparenten Klangs fast so etwas wie die kammermusikalische Version unter den Aufnahmen der Brandenburgischen Konzerte darstellt. Mich hat Sigiswald Kuijkens Aufnahme jedenfalls überzeugt, so dass ich diese noch öfter hören werde.
Cetay (inaktiv) (12.03.2017, 10:44): Meine momentane Bach-Phase hat auch das Interesse an den Brandenburgern wiederaufleben lassen. Ich habe mir seinerzeit (müsste so Anfang der 90'er gewesen sein) pflichtbewusst die best-informierte Aufnahme mit dem Concentus Musicus gekauft, aber selten mit Freude gehört. Seither muss es eine wahre Informationsexplosion gegeben haben. Aufnahmen, die ein völlig neues Licht auf die Konzerte werfen, sie wie erstmals gehört erscheinen lassen, eine nie dagewesene Hörerfahrung bieten, bisher total unbekannte Aspekte der Werke aufzeigen und den letzten Staub der Interpretationsgeschichte wegfegen, sind in den letzten Jahren inflationär auf den Markt geworfen worden. Dabei fällt vor allem auf, dass die Tempi immer halsbrecherischer werden. Harnoncourt ließ sich für den ersten Satz des ersten Konzertes noch 4 Minuten Zeit, während Marek Strycl seine Musica Florea in rekordverdächtigen 3:15 ins Ziel treibt. Klar, Bach war der Jazzer und Rock'n' Roller des Barock, aber seine Werke haben durchaus auch spirituellen Gehalt - nehme ich an. Und davon kommt bei mir nicht mehr viel an, wenn ich im Kreis herum springend Headbanging (dt. die Ausführung von heftigen rhythmischen Kopfbewegungen zur Musik) betreibe. Das Dumme dabei: der Versuch, auf etwas gemäßigtere Tempi und weniger harte und kantige Darstellungen auszuweichen, funktioniert nicht mehr. Hat man sich erst mal an die Kampfsport-Sprinter gewöhnt, erscheinen anfangs stimmiger und ausgewogener wirkende Aufnahmen wie die des Orchestra of the Age of Enlightenment mit Catherine Mackintosh auf einmal lahm.
Wer sich heute mit dieser Sammlung dem Marktwettbewerb stellt, muss nicht nur noch einen Ticken schneller und innovativer sein, sondern weitere Alleinstellungsmerkmale bieten, damit man überhaupt erst mal Gehör findet. Matthias Maute und das Analekta-Label waren bei mir erfolgreich, indem sie Orchester-Bearbeitungen von Präludien und einer Fuge aus Shostakovichs Opus 87 zwischen und um die Konzerte herum drapiert haben. Die sind beeindruckend gemacht und passen so gut in den Fluss, dass ich den Sechser-Pack am Stück hören muss. Mautes Ensemble Caprice ist zwar auch permanent auf der Überholspur, geht aber nicht so ungehobelt zur Sache wie Strycls Team, das wiederum mit satt-bunten Klangfarben punktet. Dagegen erscheint Maute beim Wiederumstieg fast etwas blass, aber das legt sich schnell. Es ist ein wenig so, dass mir von den beiden immer diejenige, die ich gerade höre, etwas besser gefällt.
Ensemble Caprice, Matthias Maute
Musica Florea, Marek Strycl
Orchestra of the Age of Enlightenment, Catherine Mackintosh
Cetay (inaktiv) (18.08.2018, 07:08): Sehr viel Freude bereitet mir gerade die Leseart der Cambridge Baroque Camerata. Selbstredend historisch informiert, aber ohne die harten Akzentuierungen und rasenden Tempi, die andere Forschungen als damalige Aufführungspraxis gefunden haben wollen. Das hier ist eher organisch fließend und wirkt trotz der immer noch straffen Tempi nie gehetzt. Besonders klangschön (für eine historische Kapelle sehr voll und warm) und äußerst homogen ist das auch; da wird nicht auf Teufel komm raus röntgenographische Durchhörbarkeit angestrebt. Die höchst engagiert bis hingebungsvoll und virtuos agierenden Solisten schälen sich bei ihren Spots vor einem Hintergrund heraus, was der ohnehin schon reichhaltigen Vielfalt an Texturen noch einen Aspekt hinzufügt, der den meisten HIP-Aufnahmen fehlt. Ich finde hier sind die Vorzüge von geschichtlich korrekter Spielweise und althergebrachten traditionellen Spielweisen vereint, ohne dass das im Entferntesten nach Kompromiss riecht. Meine neue Lieblingsaufnahme!
satie (18.08.2018, 09:07): Lieber Cetay, danke für den Tipp! Was mir sofort ins Auge sticht: da steht 1-7! Sind es nicht eigentlich nur 6 der Konzerte? Was hat es damit auf sich?
Gespannte Grüße Satie
EinTon (18.08.2018, 12:18): Das 7. Konzert ist eine Bearbeitung der Gambensonate BWV 1029.
satie (18.08.2018, 13:03): Danke für den Hinweis. Aber ist die Bearbeitung von Bach oder ist sie neu? Finde die Deklaration als Brandenburgisches Konzert etwas gewagt...
Cetay (inaktiv) (18.08.2018, 14:02): Da bist du nicht der einzige. Hier wird geschimpft und es gibt Hintergründe, was es mit dieser Bearbeitung auf sich hat. Nichtsdestotrotz ist das "7." ein Mehrwert. Und die Einschätzung, dass Pinnock unübertroffen ist, teile ich nicht.
EinTon (18.08.2018, 14:11): Danke für den Hinweis. Aber ist die Bearbeitung von Bach oder ist sie neu? Keine Ahnung - hatte nur mal schnell bei amazon in der Trackliste nachgecheckt....
Auf der Website des Ensembles oder des Plattenlabels ist vielleicht mehr zu erfahren.
Amadé (19.08.2018, 10:12):
Bei mir gerade gelaufen: BBK Nr. 2 F-dur, hier lässt Kuijken statt einer Clarintrompete ein Horn mitspielen. Bach war schon zu Lebzeiten für wechselnde Instrumentationen bekannt.
Gruß Amadé
Cetay (inaktiv) (15.12.2019, 16:13):
English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner
Manchmal übersieht man das naheliegende. Gardiner wäre eigentlich eine sichere Bank für Bach, wenn er nicht die Auffassung hätte, dessen Vokalwerke seien verkappte Operndramen und seine Sänger*innen entsprechend agieren ließe. Aus diesem Grund mache ich bei Bach einen großen Bogen um ihn. Aber hier haben wir es mit Instrumentalmusik zu tun - und da macht er alles richtig. Nicht umsonst wurde er weiter oben als "Testsieger" präsentiert. Diese Brandenburger sind einfach die am besten gespielten, die mir je zu Ohren gekommen sind. Da können die von mir gelobhudelten zeitgeistigen Ensembles schon rein spieltechnisch einpacken. Dazu wird das so transparent und leichtfüßig-tänzerisch dargeboten ohne die tiefgründige Ernsthaftigkeit zu untergraben, dass es mir schier die Freudentränen in die Augen treibt. Selbst die ausgelutschtesten Sätze werden wie erstmalig gehört dargeboten, wobei niemals das Gefühl aufkommt, hier wird mit Gewalt etwas anderes gemacht - sondern hier wird es "richtig" gemacht, so und nicht anders gehört es gehört. Überragend!
Joe Dvorak (25.11.2022, 02:50):
Mal wieder ein Projekt. Die Idee, bekannte alte Werke mit neuen Kompositionen (hier von Mark-Anthony Turnage, Steven Mackey, Anders Hillborg, Olga Neuwirth, Uri Caine & Brett Dean) zu koppeln, ist nicht neu. Ein alter Lumpen ist auch, dass die neuen (Auftrags-)Werke explizit auf die alten referenzieren sollen. Hartlinier wird das eh nicht kuemmern, sie programmieren den modernen Kram einfach weg und hoeren sich den Rest an, um sich dann in gewohnter Manier ueber Dausgaard zu echauffieren: "hier zu schnell, dort zu langsam, da zu laut, an dieser Stelle zu leise." Aber so einfach geht das nicht, denn da fehlt dann auf einmal der letzte Takt des 2. Konzerts, weil das Kommentar-Stueck (Mackeys Triceros) davor gespielt wird und der letzte Takt dessen Ende bildet. Und vom dritten Konzert fehlen ganze Teile, weil Hillborg die ersetzt! Nein, nein, so was darf nicht sein, das geht einfach gar nicht... Zum Himmel, das ist nicht Vivaldi oder Holst oder sonstwer, das ist BACH. Hoert ihr? BACH! Lasst gefaelligst eure Kulturbanausengriffel da weg. Ernst beiseite, das sind Brandenburger, die man gut hoeren kann, wenn auch nicht so gut wie Gardiner. Die sechs anderen Konzerte kann man auch gut hoeren, wenn auch das eine oder andere etwas Straffung vertragen koennte. Wo da jetzt der Bezug ist, wird mir nicht immer klar, ach was, fast nie - ausser wo es ganz offensichtlich ist, etwa bei der identischen Besetzung von Bachs 2. und Triceros. Dafuer wartet Olga Neuwirths Aello mit Synthesizer und Schreibmaschine auf (hier sind dafuer Spuren des verhackstueckten Originals klar auszumachen) und Uri Canes Hamsa ist ein viel zu langes Klavierkonzert, aber waehrend Bach 5. auf dem Cembalo gespielt wird, klimpert bei Cane ein moderner Fluegel. Bezug geht immer auch durch Kontrast, Oppositon oder gar Negation. Mit Claire Chase, Tabea Zimmermann, Antje Weithaas und Håkan Hardenberger tragen grosse Namen zu diesem morgenfuellenden Spass bei.