ab (04.09.2013, 16:46): Bruckner schrieb ein Requiem in d-Moll. Entstanden ist es in den Jahren 1848 und 1849 und ist damit seine erste größere Komposition und zugleich seine erste Partitur mit Orchester. Bruckner revidierte das Requiem Wiki zufolge zweimal, 1854 und 1894, und laut der verlinkten Seite unten bloß einmal, nämlich 1892. Soviel zur Verunsicherung durch das www . Komponiert ist es für Soli, vierstimmiger gemischter Chor, Horn, 3 Posaunen, Streicher u. Orgel.
Es gäbe, heißt es an dieser Stelle, nur eine Fassung - aber diverse Partituren. Zwischen den Ausgaben von Haas, Nowak und Bornhöft gäbe es keine substantiellen Abweichungen: Da Bruckner sehr sparsam mit dynamischen Zeichen ist, habe Haas sie ergänzt, ignorierte aber einige Änderungen Bruckners, die dann von Nowak in seiner Ausgabe wohl berücksichtigt worden seien; Bornhöft modernisierte die Notenschlüssel. Der Klavierauszug von Berberich (Breitkopf und Härtel) bringe eine andere Verteilung der Partien der Solisten und des Chores, die in manchen Einspielungen übernommen worden ist.
Seltsamerweise liegen kaum Einspielungen vor, Ausnahmen sind etwa die Corydon Singers mit dem English Chamber Orchestera unter Matthew Best (Hyperion), das Laudantes Consort unter Benoit Mernier (Cypres), der Philharmonischer Chor Siegen mit der Bonner Bachgemeinschaft und der Philharmonie Südwestfalen unter Herbert Ermert (Aulos) oder aus Österreich die St. Florianer Sängerknaben mit dem Instrumentalensemble St. Florian unter Farnberger.
Hier werden noch weitere aufgelistet und da ergänzt, die mir aber nie untergekommen sind.
Ich habe dieses Werk in der österreichischen Aufnahme kennen gelernt, gut hat es mir da gefalle, wohingegen die englische Aufnahme mir zu steril vorkam, zu "anglikanisch", wie es im verlinkten Text trefflich genannt wird. Die des Laudantes Consort kenne ich nicht, weil mir der Verkäufer im Laden sie mir nicht aus der Verschweißung nehmen wollte...
Meine Frage an Euch: Kennt ihr dieses Werk, warum denkt ihr, wird es nicht öfter aufgeführt oder aufgenommen? :hello
Viola (09.09.2013, 10:00): Hallo ab, kann mich - obzwar als Chormusik-Liebhaber auch seltener aufgeführte Stücke verfolgend, jene Bruckners ohnehin - nicht entsinnen, dieses Werk je gehört bzw. gesehen zu haben. Weil ich aber gerade eine Bruckner-Biografie (Mathias Hansen, Reclam) lese, ist es mir gestern abend begegnet, in dem Sinne, dass es wohl doch recht schlicht in der Durcharbeitung ist:
"Für das Requiem in d-Moll ... wird immer wieder das Mozartsche Requiem (1791) als Vorbild genannt. Dies trifft insoweit zu, als Mozarts Werk zum Prototyp des liturgischen Genres erhoben worden war, der allen nachfolgenden, für den katholischen Ritus bestimmten Kompositionen die gestalterischen Bahnen vorzeichnete. Doch Bruckner bleibt, über ein halbes Jahrhundert nach Mozart, weit und in jeder Hinsicht unter der kanonisierten Norm.
Die strukturelle, formale, klangliche und auch die dynamische Durcharbeitung ist äußerst einfach gehalten, der Chor agiert entweder im schlichten vierstimmig-homophoben Satz oder im behutsam gehandhabten sukzessiven Stimmeneinsatz, wobei selbst eine Doppelfuge ("Quam olim Abrahae") den schulmäßigen Zuschnitt nicht übersteigt. Die Textvertonung erfolgt in der Regel syllabisch, wiederholte Worte erhalten gleiche Rhythmisierung, sodass der Rhyrhmus noch nicht zur Motiv- und Variantenbildung herangezogen wird. Eine aufschlussreiche Passage erhält das "Dies Irae" (Takt 43-101). Es ist eine Folge von Soloeinsätzen, die jeweils eine doppeltaktige Struktur aufweisen. Die Doppeltakte ergeben sich aus der Aneinanderreihung von minimalen Vorder- und Nachsätzen, zwischen denen sich narrative Bezüge ausprägen. Der mosaikartige Aufbau gründet offensichtlich nicht im Text. Vielmehr resultiert er sowohl aus gewissenhaft befolgten Beschränkungen, welche "offizieller" Kirchenmusik auferlegt waren, als auch aus den Beschränkungen des subjektiven Gestaltungsvermögens.
Beide Ebenen, die sich kaum auseinanderhalten lassen, sind der Nährboden für jene sensitive Disposition, in der kompositionstechnische Verfahrensweisen der späteren Werke haranreifen. Auf eine Formel gebracht: die schöpferischen Nöte, die objektive Beschränkung und subjektiver Mangel aufzwingen, werden von Bruckner, der sich niemals restlos von ihnen befreien kann, in Tugenden eigenartig-selbstbewusster Gestaltung verwandelt. Aus dem ursprünglichen Defizit erwachsen die undabdingbaren Voraussetzungen des eigenen Stils."
Das bedeutendste Werk jener St-Florians-Stifts-Lehrer-Zeit soll die Missa solemnis b-Moll (WAB 29) für Solostimmen, Chor und Orchester gewesen sein - freilich mit etwa der gleichen Wertung, was ihren Rang in der Musikliteratur allgemein betrifft.
Das d-Moll-Requiem übrigens hat Bruckner dem Stiftsschreiber und Gerichtsangestellten (!! - vielleicht erhoffte er sich "nebenbei" immer noch eine diesbezügliche Stellung) Franz Seiler gewidmet, der ihm testamentarisch einen Bösendorfer Flügel vermacht hatte.