Heike (19.06.2009, 08:55): Hallo, bei diversen Radiosendern oder Musikzeitschriften gibt es ja CDs der Woche oder des Monats. Ich nehme das oft zur Kenntnis, höre auch öfter mal rein, habe mich aber so manches Mal schon über die Auswahl gewundert.
Zwei Fragen: 1. Weiß jemand, wie die Auswahl zustandekommt? Schicken die Labels diverse CDs an die Sender und der Redakteur wählt dann nach persönlichem Geschmack eine als "Preisträger" aus? Oder wie geht das? 2. Inwieweit berücksichtigt ihr sowas oder ist so eine öffentliche Herausstellung einer CD eurer Meinung nach mehr als Werbung als als ernsthafte Bewertung zu verstehen? Heike
Gamaheh (19.06.2009, 13:53): Hallo Heike,
ja - wen hätte das wohl nicht schon gewundert ! Ich fürchte auch, daß es sich da um ein gut gehütetes Geheimnis handelt bzw. daß in diesen Fragen die Entscheidungen nach genauso wenig nachvollziehbaren (oder eben doch) Kriterien getroffen werden wie anderswo.
Was ich weiß, ist daß frische CDs gleich als allererstes an alle einschlägigen Zeitschriften, Radiosender, Webportale und Musikjournalisten/Kritiker geschickt werden, also an alle, die sich mit sowas befassen. Das geschieht meist schon, bevor eine CD auf den Markt kommt und wird meistens - soweit ich weiß - von der Produktionsfirma gemacht.
Ich vermute, daß dann die einzelnen Aufnahmen (bzw. eine Auswahl davon, denn es werden ja längst nicht alle besprochen) von der Redaktion an Mitarbeiter (häufig freie) verteilt werden, und diese vergeben dann je nach eigenem Geschmack ihre Sternchen, Stimmgabeln oder Punkte.
Von einigen Webportalen weiß ich, daß sie einen Tarif für Besprechungen wie für alles andere haben - ich vermute, daß die anderen auch nicht anders sind; bei Radiosendern und Zeitschriften glaube ich nicht, daß das so ist.
Was die CD der Woche/des Monats/des Jahres betrifft, so vermute ich, daß das in der Redaktionskonferenz entschieden wird, daß hier aus den mit Höchstnoten versehenen CDs mehr oder weniger in Absprache eine ausgewählt wird. Die Kriterien ? - Ich glaube, da kann man seiner galoppierenden Fantasie freien Lauf lassen, aber wenn man das über eine gewisse Zeit näher beobachten würde, bin ich mir ziemlich sicher, daß man auch einige interessante - aber vermutlich wenig überraschende - Beobachtungen machen könnte.
Viele Grüße, Gamaheh
Cetay (inaktiv) (20.08.2009, 11:15): Original von Gamaheh Was ich weiß, ist daß frische CDs gleich als allererstes an alle einschlägigen Zeitschriften, Radiosender, Webportale und Musikjournalisten/Kritiker geschickt werden, also an alle, die sich mit sowas befassen. Das geschieht meist schon, bevor eine CD auf den Markt kommt und wird meistens - soweit ich weiß - von der Produktionsfirma gemacht.
Ein Insider, der freilich für ein anderes musikalisches Genre schreibt, hat mir erzählt, dass es neuerdings -vermutlich kann man das wie alles Böse reflexartig mit der "Krise" erklären- immer seltener vorkommt, dass Rezensionsexemplare vorab versendet werden, sondern erst nach der Veröffentlichung. Der Grund ist eine unglückliche Paarung zweier Sachverhalte: 1) Es gibt Kritiker, die Aufnahmen als schlecht bewerten; 2) Es gibt Hörer, die ihre Käufe von der Bewertung von Kritikern abhängig machen. Da der Großteil der Verkäufe unmittelbar nach der Veröffentlichung einer Neuheit läuft, will man sich diese Zeit wahrscheinlich möglichst lange von negativen Rezensionen frei halten.
Über die Auswahl der CD des Monats berichtet der Insider, dass zwar jeder einen Vorschlag machen darf, aber am Ende allein die "Großen Drei" entscheiden, welche CD es wird. Das Argument: Wenn man unerfahrene Kritiker entscheiden läßt, kommt möglicherweise etwas auf die Liste, was das Magazin nachher als unglaubwürdig erscheinen lassen und Leser kosten könnte. Um ein paar Ecken herum schleichen sich halt immer irgendwelche Sachzwänge ein.
Gamaheh (20.08.2009, 12:18): Original von Dox Orkh vermutlich kann man das wie alles Böse reflexartig mit der "Krise" erklären- immer seltener vorkommt, dass Rezensionsexemplare vorab versendet werden, sondern erst nach der Veröffentlichung.
"Böse" finde ich das nicht, sondern überaus begrüßenswert. Aber was hat das mit der "Krise" zu tun? Da würde ich eher erwarten, daß sie gar nicht verschickt werden.
Der Grund ist eine unglückliche Paarung zweier Sachverhalte: 1) Es gibt Kritiker, die Aufnahmen als schlecht bewerten; 2) Es gibt Hörer, die ihre Käufe von der Bewertung von Kritikern abhängig machen.
Das ist aber ein schönes Exemplar von feinsinniger Ironie! Ja, das kann man wohl "unglücklich" nennen. Viele Leute (auch solche, von denen man es eigentlich nicht erwarten würde) brauchen anscheinend die Bestätigung durch eine vermeintliche Autorität, auf die sie sich berufen können, auch wenn es um Fragen des Geschmacks geht. Die Masse macht da auch viel aus, allein eine massive Erwähnung eines Namens - egal, in welchem Zusammenhang - reicht schon. Massenmanipulation ist ein interessantes Phänomen.
Glücklicherweise wissen wir ja in diesem Forum, daß jeder kritikfähig ist, und daß jeder seine Meinung haben kann/darf.
Grüße, Gamaheh
Cetay (inaktiv) (20.08.2009, 14:00): Original von Gamaheh Original von Dox Orkh vermutlich kann man das wie alles Böse reflexartig mit der "Krise" erklären- immer seltener vorkommt, dass Rezensionsexemplare vorab versendet werden, sondern erst nach der Veröffentlichung.
"Böse" finde ich das nicht, sondern überaus begrüßenswert. Aber was hat das mit der "Krise" zu tun? Da würde ich eher erwarten, daß sie gar nicht verschickt werden.
Eben! Das war dann wohl zuviel des Feinsinns. :P
Die Masse macht da auch viel aus, allein eine massive Erwähnung eines Namens - egal, in welchem Zusammenhang - reicht schon.
Wobei im Falle von bislang völlig unbekannten Künstlern, die durchweg gute Kritiken bekommen, schon der Verdacht naheliegt, dass etwas daran sein kann. Allerdings hält das in der Regel nicht lange vor, denn spätestens nach x guten Kritiken, wird sich der (x+1)te schon aus Prinzip dazu berufen fühlen, die Menschheit zu belehren, dass die anderen irren und bald haben wir die sattsam bekannte Lagerbildung. Letzlich bleibt uns auch in diesem Fall wieder nichts anderes übrig als selbst hinzuhören und uns eine eigene Meinung zu bilden.