Carl Nielsen - Ein erstklassiger Sinfoniker

Maurice inaktiv (25.03.2013, 13:23):
Carl August Nielsen (* 9. Juni 1865 in Sortelung bei Nørre Lyndelse auf Fünen; † 3. Oktober 1931 in Kopenhagen) war ein dänischer Komponist und Dirigent.

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/f/f7/Carl_Nielsen.jpg/150px-Carl_Nielsen.jpg

Carl Nielsen gehört nicht du den Komponisten,deren Werke jemanden sofort vom Sitz reißt und dessen Werke leicht ins Ohr gehen.

Er stammt aus einer armen Familie mit zwölf Kindern,und er war das siebente Kind.Mit acht Jahren bekam er von seinem Vater den ersten Unterricht.Mit schon vierzehn Jahren wurde er dann bereits Militärmusiker in Odense.

1883 wurde ihm dann endlich ein Studium ermöglicht.Er studierte Violine,andere Fächer u.a. bei keinen geringeren Persönlichkeiten als Niels Gade und Johann Peter Emilius Hartmann.

1890 wurde er Violinist am Königlichen Theater Kopenhagen,konnte aber bereits Dank eines Stipendiums seine Studien in Deutschland fortsetzen.

1891 lernte er in Paris seine zukünftige Frau Anne Marie Brodersen kennen,mit der er bis zum Tode verheiratet war,aber so manche Krise zu überstehen hatte.

1905 kündigte er seine Stellung als Violinist,wirkte aber noch von 1906-1914 als Dirigent am gleichen Theater,anschließend beim Königlichen Musikverein.

1912 gelang ihm der interantionale Durchbruch mit seiner Dritten Sinfonie und dem Violinkonzert,was heute zur Standard-Literatur der großen Violinisten gilt.

Während des Ersten Weltkrieges musste er persönliche und berufliche Probleme lösen,was ihm mit der Fünften Sinfonie und der Kantate "Frühling auf Fünen" auch gelang.Letzteres wurde ein sehr beliebtes Werk in seiner Heimat.

1925, zu seinem 60. Geburtstag, wurde Carl Nielsen wie ein Volksheld gefeiert. Seine Auftritte als Dirigent im Ausland nahmen zu. In seinen späten Werken, wie den beiden Bläserkonzerten, der eigenwilligen Sechsten Sinfonie (1925) wurde Nielsens Tonsprache immer moderner.

Sein letztes großes Werk war Commotio (1931), seine einzige größere Orgelkomposition.

Am 3. Oktober 1931 starb der bedeutende dänische Komponist an Herzversagen.


Nach Nielsen wurde die Carl-Nielsen-Musikakademie in Odense benannt.

Hier einen kleinen Überblick über seine Werke :

Seine 6 Sinfonien :

Sinfonie Nr.1 g-moll op.7 (1890–92); Uraufführung: 1894; Dauer: 30 Minuten.

Sinfonie Nr.2 De fire Temperamenter (Die vier Temperamente) op.16 (1901–02)Die Symphonie wurde 1902 in Kopenhagen uraufgeführt.

Sinfonie Nr.3 Sinfonia espansiva op.27 (1910–11)

Sinfonie Nr.4 Det Uudslukkelige (Das Unauslöschliche) op.29 (1914–16)

Sinfonie Nr.5 op.50 (1921–22)

Sinfonie Nr.6 Sinfonia semplice (1924–25),Uraufführung : 1925

Der Titel Sinfonia semplice täuscht, denn die Einfachheit der Sechsten ist ebenso reflektiert wie komplex. So schlicht, fast kindlich naiv das Material etwa des Kopfsatzes Tempo giusto anmutet, seine Verarbeitung in Kanon oder Fugato ist äußerst kunstvoll, die Harmonik mit ihren Ausflügen in bi- und polytonale Gefilde höchst avanciert.

Seine Konzerte :

Violinkonzert op.33 (1911)
Flötenkonzert (1926-27)
Klarinettenkonzert op.57 (1928)

Weitere Orchesterwerke :

Lille Suite/Kleine Suite für Streicher, a-Moll op.1 (1887-88)
Helios. Ouvertüre op.17 (1903)
Saga-Drøm (Sagatraum) op.39 (1907–08)
Pan og Syrinx (Pan und Syrinx) op.49 (1917–18)
En Fantasirejse til Færøerne (Eine Fantasiereise zu den Färöern). Rhapsodische Ouvertüre (1927)
Bøhmisk-dansk Folketone (Böhmisch-dänische Volksweise). Paraphrase für Streicher (1928)

Mir persönlich sind dieser drei GA der Sinfonien bekannt.Alle drei gehören zu den hervorragenden Produktionen,die man immer empfehlen kann.Das sind jene von Herbert Blomstedt (der 2 GA vorgelegt hat),Paavp Berglund und Michael Schönwandt.

Weitere hevorragende Nielsen-Dirigenten waren oder sind auch Leonard Bernstein,der meines Wissens nach als erster Dirigent eine Gesamteinspielung vorgelegt hat,Esa-Pekka Salonen (auch mit einer sehr guten GA vertreten),Jukka.Pekka Saraste (auch er spielte alle Sinfonien auf CD in sehr guter Qualität ein),Bryden Thomsen und Neeme Järvi.

Weitere GA spielten auch Adrian Leaper,Ole Schmidt,Gennadij Roshdestvenskij,Douglas Bostock und Theodore Kuchar ein.Wie gut die aber gelungen sind,kann ich nur erahnen.Immerhin werden Leapers Aufnahmen im Gramophone Good CD Guide positiv erwähnt.

Hier sind meine Favoriten :

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41%2B7ntzAYGL._SL500_AA300_.jpg

Schonwandt ist für MICH auch deshalb der Favorit,weil sich die Fachpresse allesamt äußerst positiv darüber ausgelassen hat,aber auch die Aufnahmetechnik mustergültig alle Sinfonien eingefangen hat.

Hier die Bewertungen der Fachpresse :

Sinfonien Nr. 1 & 6 :

Klassik heute,07/2001 : Interpretation+Klang hervorragend

Fono-Forum,05/2001 : Interpretation+Klang hervorragend

"Die Aufnahme darf ...Referenzcharakter für sich beanspruchen!"

Sinfonien Nr. 2 & 3 :

Fono-Forum,04/2000 : Interpretation+Klnag hervorragend

"Stern des Monats!"

Sinfonien Nr. 4 & 5 :

Fono-Forum,11/2000 : Interpretation+Klang sehr gut

"Auch die zweite Folge von Michael Schönwandts ambitionierem Nielsen-Zyklus besticht durch eine gleichermaßen kompakte wie durchsichtige und dynamisch differenzierte Realsierung der Partituren.Vorzügliches Orchester!"

Das ist eine weitere sehr gelungene GA mit dem Dirigenten Paavo Berglund :

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51MOVAp6G1L._SL500_AA300_.jpg

"Berglund liefert hörbar Detailarbeit,vergisst dabei aber nicht den übergeordneten sinfonischen Bogen.E bietet eine Synthese aus Expressivität und Spielfreude,eine Kombination,die Nielsen sehr gerecht werden würde. (Fono-Forum;leider habe ich das Datum dazu nicht mehr greifbar)

Das hier ist natürlich DIE GA schlechthin,ebenfalls mit viel Lob bedacht in der Fachpresse.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/210JHN69BJL._AA160_.jpg

http://ecx.images-amazon.com/images/I/4167XGS0GDL._AA160_.jpg

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41X7EN0KTGL._AA160_.jpg

Auch hier einige Zitate aus der Fachpresse :

"Blomstedt bleibt dem draufgängerischen Vitalismus dieser Symphonik so wenig schuldig wie ihrer melodischen Sinnfälligkeit.Der Dank einer glänzenden Aufnahmetechnik genau aushörbare Perfektionismus der San Francisco Symphony tut das Seine dazu.
(Aus : Fono Forum 10/1988,03/1990+11/1990)

"Höchste Bewertungen für Interpretation,Klangqualität und Repertoirewert!"
(Stereoplay,03/1990)

So,jetzt hoffe ich,dass sich weitere Nielsen.Freunde hier outen....

VG,Maurice

PS: Die Quellenangabe für die Biographie und das Portraitfoto stammen aus Wikipedia,aber wurde von mir umformuliert.
Andréjo (25.03.2013, 14:44):
Dank an Maurice André für die Einführung!

Nielsen habe ich in den letzten Jahren immer besser kennengelernt, in erster Linie die Sinfonien. Besonders die drei letzten sind in ihrer stilistischen Unverwechselbarkeit und Modernität beachtlich. So finden sich in Nielsens sechster Sinfonie Anklänge an einen atonalen Minimalismus beinahe Webern'scher Prägung und Collage-Elemente, die herbe und archaische Fünfte arbeitet mit polytonalen Wirkungen und ist von extremer atmosphärischer Heterogenität.

Erstaunliches bieten auch die Streichquartette; weiterhin kann man das Bläserquintett sehr empfehlen. Von den drei Solokonzerten erklingt das Violinkonzert etwas konventioneller, das Klarinettenkonzert erscheint mir ein wenig spröde, während das sehr häufig zu hörende Flötenkonzert alle Vorzüge des Komponisten vereint: nordische Frische, Originalität, eine gewisse Sprunghaftigkeit, Witz und durchaus Eingängigkeit.

Hier - neben den Tipps des Threaderstellers, die ich teilweise kenne und schätze - noch einige Ergänzungen mit aus meiner Sicht überzeugenden Einspielungen:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51f0I-j9Y9L._SL500_AA300_.jpg http://ecx.images-amazon.com/images/I/51xJknhzrnL._SL500_AA300_.jpg http://ecx.images-amazon.com/images/I/51HeHjqd1oL._SL500_AA300_.jpg http://ecx.images-amazon.com/images/I/51rhzHeQnFL._SL500_AA300_.jpg

Die gemischte BIS-Integrale kenne ich nur zum Teil; die gesondert aufgeführte CD mit dem Violinkonzert und der Fünften halte ich aber für hervorragend.

Von den Gesamtaufnahmen, die Maurice André aufführt, genießt Paavo Berglund nicht durchwegs großes Ansehen. Es war meine erste Gesamteinspielung der Sinfonien und ich finde sie vor allem klanglich nach wie vor nicht schlecht.

:helloWolfgang
Andréjo (25.03.2013, 14:52):
Ich sehe gerade, dass die Schönwandt-Serie der Orchesterwerke als 6 SACDs veröffentlicht wurde, noch dazu preisgünstig. Ja dann - dann muss das auch noch her! :D

Besten Gruß!
Wolfgang
Maurice inaktiv (25.03.2013, 15:48):
Ich kann die Schönwandt-Aufnahmen nur wärmstens empfehlen...

Ebenfalls sehr schön ist diese Einspielung mit den Solo-Konzerten :

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51sl8O9fIcL._SL500_AA300_.jpg

Auch recht schön finde ich diese Einspielung :

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51578EZT9VL._SL500_AA300_.jpg

Und hier die besagte Box mit den Hybrid SACDs :

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41Q%2B6JWGcnL._SL500_AA300_.jpg

Diese Veröffentlichung war mir neu....
Andréjo (25.03.2013, 19:44):
@ Schönwandt:

Ich freue mich nach wie vor auf die angeführte Box, auch wenn ich mich nach dem Studium der an-Fußnoten leicht über das Ohr gehauen fühle.

Aus den schon vorher erhältlichen CDs mit den Sinfonien sind nun nicht plötzlich SACDs geworden - man hätte es sich denken können. Nur eine der weiteren Scheiben (mit anderen Orchesterwerken) ist tatsächlich eine Hybrid-Platte. Außerdem - ich habe mich schon gewundert, dass es gleich sechs Platten geworden sich - sind zwei DVDs mit Live-Mitschnitten der Sinfonien enthalten.

Also alles nicht so tragisch - insbesondere nach dem unmissverständlichen Lob von Maurice André, das ich mittlerweile in anderen Kontexten bestätigt gefunden habe.

:coolWolfgang
Maurice inaktiv (25.03.2013, 19:56):
Ich habe ja extra auch die mir zur Verfügung stehenden Fachzeitschriften mit angeführt,die ebenfalls ihre Bewertungen abgegeben haben.

Eigentlich gehöre ich ja weniger zu den Klassikern,auch wenn ich mich seit vielen Jahren mit gewissen Pausen immer mit beschäftigt habe.

Ich werde im April die Vierte von Nielsen mit Paavo Järvi live hören.Mal schauen,wie er sich der Sinfonie nähern wird.Für mich ist Järvi in den letzten Jahren an die Spitze der Dirigentenzunft gestoßen,dementsprechend reif,den Posten in Berlin nach Rattles Abgang zu ergattern...

VG,Maurice
Maurice inaktiv (22.06.2013, 22:34):
Ich habe mich nun auch durch die Leaper-GA gehört,aber schreibe erst heute wieder was dazu.

Adrian Leaper kennt man vor allem durch seine Zusammenarbeit mit dem Label Naxos und Marco Polo,denen er doch über einige Jahre eng verbunden war.

Für Arte Nova unternahm er einmal den Versuch,die Sibelius-Sinfonien einzuspielen.Das Projekt wurde aber,wenn ich es richtig in Erinnerung habe,nie zuende geführt.

Leaper scheint für beide Komponisten ein glückliches Händchen zu haben,denn er kann durchaus überzeugen,obwohl er nicht gerade ein Orchester zur Seite hatte,dass mit dieser Musik vertraut gewesen ist.

VG,Maurice
teleton (29.06.2013, 12:47):
Hallo Maurice,

ich bin auch grosser Nielsen -Fan seit vielen Jahren. Inzwischen haben sich bei mir auch einige GA der Sinfonien und Orchesterwerke angesammelt:
Dazu gehören Bernstein / Ormandy (SONY), Roshdestwensky (Chandos), Blomstedt (Decca und EMI - Beide !), N.Järvi (DG).

Weitere hevorragende Nielsen-Dirigenten waren oder sind auch Leonard Bernstein,der meines Wissens nach als erster Dirigent eine Gesamteinspielung vorgelegt hat
Bernstein hat sich diese GA mit Ormandy geteilt - Ormandy dirigiert die Sinfonien Nr. 1 und 6.

Bisher ist diese Bernstein / Ormandy-GA mein FAvorit, weil ich keine andere mit mehr Emotion kenne - die Sinfonie Nr.4 auch hier der emotionale Wahnsinn !
Die von Dir favorisierte Schönwand-GA soll dahingehend, zwar TOP im Klang sein, aber doch sehr ausgewogen sachlich in der Interpretation. Ob das was für mich ist und mir reichen würde wage ich zu bezweifeln. :wink Ich brauchs härter :cool :J

Meine ältere Bernstein-GA (SONY) beinhaltet auch alle Solokonzerte/Ouvertüren (ausser dem VC - das ich in der von Dir gezeigten NAXOS-Aufnahme habe) in famosen Aufnahmen. Die neue GA bei SONY hat nur noch die Sinfonien zu bieten.


*** In diesem Monat (JUNI 13) habe ich beide Sibelius-Sinfonien _ GA mit Paavo Berglund klennengelernt. Besonders von der ersten GA mit dem Bournemouth SO (EMI) bin ich absolut begeistert.
### Berglund ist ja auch bei Nielsen dein Favorit - was ich nachvollziehen jetzt nachvollziehn könnte.
Frage : Wie würdest Du die Berglund -GA charaktierisieren ? Hat die etliches an Emotion zu bieten, oder ist die eher auf Detailarbeit und guite Durchhörbakeit hin interpreteiert, wie sein Sibelius-Helsinki-GA ?
Ganz deutlich was ich wissen will: Ist da richtig "was gebacken"; auch bei der Sinfonie Nr.4 ? Geht da richtig die Post ab ? Wie sind die Pauken - Detailreich oder nur im Orchesterklang integriert ?
Die Berglund _GA ist verdammt teuer - deshalb meine intensive Frage ob das lohnt.

:times10 Meine Favoriten für die Sinfonie Nr.4 sind übrigens neben Bernstein auch Martinon / Chicago SO (RCA) und Barbirolli / Halle SO (EMI). Was die einen "Druck" machen ist allererste Sahne. Traumhafte Pauken ! Kann Berglund an diese Grossereignisse anknüpfen ?
Cetay (inaktiv) (30.06.2013, 08:10):
Original von teleton
In diesem Monat (JUNI 13) habe ich beide Sibelius-Sinfonien _ GA mit Paavo Berglund klennengelernt. Besonders von der ersten GA mit dem Bournemouth SO (EMI) bin ich absolut begeistert.
:beer Ich glaube, das dürfte das erste Mal in mehr als 5 Jahren Forengeschichte sein, dass ich deiner Begeisterung für eine Aufnahme folgen kann. :)

*

Wenn ich schon im Nielsen-Thread bin, ein paar Worte zum Sinfoniker. Ich habe zu ihm ein eher gespaltenes Verhältnis. Ganz besonders mag ich seine Erste, mit der Kombination aus jugendlichem Drive -um den hörbar zu machen, brauchte es einen Salonen- und klassizistischer Formvollendung. Dagegen mache ich um die Zweite und die Dritte ein großen Bogen; das ist die Art von deskriptiver (und in meinen Ohren plakativ-lärmender) Spätromantik, mit der ich mich wohl nie anfreunden werde. Ganz anders ist die Vierte, bei der schwülstige Auswüchse von einer strengen Architekur verhindert werden und insbesondere die Fünfte, die ich zu den Höhepunkten der abendländischen Sinfonik rechne. Da lärmt es zwar auch - in die Fünfte bezieht Nielsen bewußt bruitistische Elemente ein, aber das ist abstahiert genug, um nicht mehr als Begleitmusik für Leinwanddramen zu taugen. Zur 6. finde ich überhaupt keinen Zugang; ich mag sie nicht, ohne zu wissen warum.

Die weiter oben gezeigte 5. mit Myung-Whun Chung war lange Zeit mein Favorit, bis ich Horenstein gehört habe:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51QggHrXRZL._SL500_AA240_.jpg
Nielsen; Sinfonie Nr. 5; Horenstein

Das ist zwar von Horenstein leicht abgemildert interpretiert -beispielsweise wird die bruitistische Komponete des ersten Satzes nicht so sehr hervorgehoben wie bei Chung, der auf dem Höhepunkt im ersten Satz mit dem Orchesterapparat regelrechte Druckwellen erzeugt, wodurch die auf das Ermatten folgende exotische Soloklarinettenmelodie viel eindringlicher wirkt. Aber genau das ganz leicht Zurückgenommene macht besonders den zweiten Satz bei Horenstein so gelungen. Chung ist mir da teilweise zu anstrengend und es gibt bei ihm gewisse Längen, die von Horenstein souverän über-musiziert werden. Aber es ist vor allem die -die Fünfte als musikgeschichtlichen Meilenstein zementierende- Vereinheitlichung von Melodie, Harmonie und Rhythmus, die von Horenstein zum Ende des zweiten Satzes ungemein plastisch herausgearbeitet wird. Wo bei Chung das ganze Orchester zum überdimensionalen Rhythmusapparat wird, spielt es bei Horenstein gleichzeitig noch. Das ist einer dieser ganz großen Momente, der mir jenes innere Lächeln in die Seele zaubert, um dessentwillen ich letztendlich Musik höre.
:engel :down :engel
Andréjo (30.06.2013, 11:39):
Deine bewusst subjektiv geprägte Wertung der einzelnen Sinfonien Nielsens fand ich höchst interessant, werter Cetay!

Längst habe ich meinerseits gleichermaßen Zugang zu allen gefunden und besitze eine für meinen Geschmack - als weitaus eher Breiten- denn Tiefensammler - große Auswahl an Gesamt- nebst wenigen einzelnen Paralleleinspielungen. Mittlerweile ist ja auch der Schönwandt dazugekommen.

Nicht viele Komponisten der ersten Kategorie - behaupte ich ganz kühn - vereinen einen unverwechselbaren Personalstil mit derart unterschiedlichen Charakteren, wie dies meines Erachtens bei den sechs Sinfonien Nielsens der Fall ist.

Ich setze wie Du die Fünfte an die erste Stelle. Mich beeindruckt die frappierende Modernität und Einzigartigkeit dieser Musik bei relativ einfachen Mitteln, aber auch die denkbar großen dynamischen und atmosphärischen Kontraste. So wenige Noten in den ersten fünf bis zehn Minuten und so viel Bildhaftigkeit hinter den Bläsersoli, der Perkussion, der Bitonalität.

Am konventionellsten erscheint mir die Erste - nichtsdestoweniger konnte nur Nielsen sie geschrieben haben. Bei der Zweiten schätze ich die Programmatik durchaus - verstehe aber Deine Bedenken. Doch allein, wie das sonderbar schlaffe Terzmotiv im Phlegmatiker-Satz so gestaltet wird, dass man nie so recht weiß, wo eigentlich die Betonung liegt, ist doch genial.

Vielleicht noch zur Sechsten, die Dir fremd zu sein scheint. Ich höre sie quasi ironisch, autoreflexiv, wie eine Collage, beinahe dadaistisch. Man hat das merkwürdige Gefühl, dass Nielsen hier - am ehesten noch Charles Ives vergleichbar - Zukünftiges vorwegnehmend dieses bereits karikiert. Das absonderliche Scherzo scheint sich über Webern lustig zu machen. Der Schlusssatz stellt das nordeuropäische Pendant zum genannten Ives in etlichen von dessen Werken dar.

Wenn wir schon so schön beieinander sind :cool, eine eher banale Beobachtung: Teilt noch jemand meine Meinung, dass die letzten Takte der Fünften auch von Janacek hätten geschrieben sein können? Das mag wahrlich nichts Besonderes sein, es springt mir nur jedesmal in die Ohren!
:beerWolfgang
Andréjo (30.06.2013, 11:41):
Jetzt kommt der auch noch mit Horenstein!

Her damit!

X( :P :D

Wolfgang
Jürgen (11.07.2013, 11:49):
Die Sinfonien, eingespielt von Kuchar, sind momentan für 2.49€ zu haben:

http://media.zweitausendeins.de/bild/artikel/69/02/690237/cover/690237_view.jpg


Das Cover ist der Link.

Grüße
Jürgen
palestrina (11.07.2013, 13:26):
Und vor 3 Wochen noch im bestehenden Laden -20% !!!!
Und die sind wirklich gut. :W

LG palestrina
Maurice inaktiv (20.06.2015, 22:06):
Nach langer Zeit bin ich mal wieder hier, und schreibe gleich was zu Nielsen. Inzwischen habe ich viele Gesamteinspielungen dazu bekommen, drunter Neeme Järvi/DG, Saraste, Leaper, Kuchar, Roshdestvensky und Sir Colin Davis' Live-Einspielung.

Wirklich erstaunlich dabei ist, dass keine GE davon schlecht ist, sondern alle ein erstaunliches Niveau besitzen, selbst die "Billig-Variante" des Hauses Brilliant Classics unter Theodore Kuchar.

Besonders gut gefällt mir dabei die Live-Einspielung des Altmeisters Sir Colin Davis. Sie hat keine Schwächen, auch am Live-Klang hat man nichts zu meckern.

Ich kann übrigens, Kollege Andréjo, Janacek nicht ausmachen, aber beim Hörner-Tutti der Vierten im ersten Satz meine ich immer, Dvorak wäre mal kurz da gewesen und hätte das komponiert.

Teleton, Du wolltest wissen, wie sich Berglund in der Vierten mit den Pauken schlägt (im wahresten Sinne des Wortes). Nun, ich empfinde sie nicht so brutal rausgeschlagen wie sie Bernstein spielen ließ, aber auch nicht so soft, dass man von "flauschig" sprechen kann.

Inzwischen ist die Box erheblich günstiger geworden, so dass man dabei nichts riskieren kann. Ich habe auch schon Stimmen gehört, die Berglund bei Nielsen als "langweilig" bezeichnet haben, aber dem kann ich nicht folgen, und viele Andere auch nicht.

Auch ein Wort zu den beiden preisgünstigen Einspielungen von Adrian Leaper bei Naxos und Theodore Kuchar bei Brilliant Classics:

Leaper kann man durchaus als sehr fähigen Dirigenten bezeichnen, was die Musik Finnlands angeht. So legte er bereits 2 GE der Sibelius-Sinfonien vor (Arte Nova & Naxos), als auch jeweils das Violinkonzert.

Ihn zu unterschätzen halte ich demnach für einen Fehler. Und ich bin mir sicher, dass man bei einem "Blindford-Test" niemals seine Einspielungen schlecht beschreiben würde, im Gegenteil.

Auch bei Theodore Kuchar und der Janacek-Philharmonie muss man wirklich nur unwesentliche Abstriche machen, auch wenn hier ein Orchester spielt, was wohl eher selten mit Carl Nielsen konfrontiert wird.

Fazit: Wir können uns glücklich schätzen, dass es eine solche Auswahl eines eher wenig im Musiksaal zu hörenden Komponisten an GE gibt. Dadurch, dass sie idR auf drei CDs passen, kann man sich auch problemlos mal eine davon kaufen.
Sfantu (02.01.2023, 02:31):
Wir hatten es ja kürzlich andernorts vom "Idealen" Nielsen-Sinfonien-Zyklus.

Nochmal zur Erklärung: Dave Hurwitz erstellt gern "Ideal cycles" von Werkgruppen eines Komponisten. Es wird also pro Gattungsbeitrag die beste Aufnahme gekürt. Mir gefällt dieses Konzept, denn es wird dem einzelnen Werk eher gerecht als wenn man sich auf Gesamtaufnahmen versteifte. Und Hand aufs Herz: welche plausiblen Gründe sprechen überhaupt für Gesamtaufnahmen? Sie dienen vielleicht als eine Art Visitenkarte fürs Orchester. Als Prestigeobjekt für Dirigenten. Aber für Sammler? Da verschieben sich die Gründe, wie ich meine, schnell vom Rationalen ins Emotionale: man hat gern schicke dicke Boxen fürs Auge. Wenn es uns aber um die Musik geht: Ensemble X spielt mit Dirigentin Y eine exzellente Vierte Schumann ein. Wer sagt mir, ob dieses Gespann eine ebenso formidable Rheinische realisieren wird?
Bei Haydn liegt das Prinzip des "idealen" Zyklus wohl deutlich auf der Hand. Aber selbst bei Elgar finde ich den Impuls, beide Werke von denselben Ausführenden haben zu wollen, grundsätzlich für verfehlt.

Der Beobachtung, daß es bei Nielsen kaum wirklich schlechte Einspielungen gibt (Maurice), schließe ich mich an.
Cetays Hadern mit den Nummern 2, 3 und 6 finde ich nur allzu menschlich. Ich sehe für mich trotz der teils begründbaren Vorbehalte aber den ganzen Sechser als einen organisch kompletten Zyklus - mit verschiedenen Gesichtern zwar, doch am Ende immer echter Nielsen. Ähnlich wie Andréjo weiß ich diese Vielfalt in der Einheit zu schätzen.

Wie auch immer - nachdem ich in der zurückliegenden Woche etliche Aufnahmen im Vergleich hörte, erstelle ich heute einmal meinen "Idealen Nielsen-Zyklus". Vielleicht habt ihr Lust, es mir gleich zu tun.

1.) Zu jedem Werk jeweils die Auflistung der Konkurrenzeinspielungen in meiner Sammlung.
2.) Dann die Favoritin.
3.) Schließlich eine kurze Begründung für meine Wahl.

Nicht gesondert genannt werden die beiden Gesamtaufnahmen, die ich habe, nämlich die mit Herbert Blomstedt:



Danskes Radios Symfoniorkestret København
(8 LPs, EMI, 1975)




San Francisco Symphony
(3 CDs, Decca, 1988-90)

Beide siedeln bereits nah am Optimum. Dennoch gibt es Einzeldarstellungen, die mit ihrem jeweils speziellen Charakter in besonderer Weise überzeugen:


Nr. 1 g-moll op. 7

Keine Konkurrenzaufnahmen außer Blomstedt

Meine Favoritin:



Sveriges Radios Symfoniorkester Stockholm - Esa-Pekka Salonen
(CD, CBS, 1987)

Pure Energie - ein so draufgängerisches Musizieren, lustvoll und punktgenau. Ein Ereignis!


Nr. 2 op. 16

Konkurrenzaufnahmen:

Det Kongelige Kapel København - Paavo Berglund (CD, RCA, 1989)
Royal Liverpool Philharmonic Orchestra - Douglas Bostock (CD, Scandinavian Classics, 2002)

Meine Favoritin:



Tivolis Koncertsal Symfoniorkester København - Carl von Garaguly
(LP, turnabout, 1967)

Eigentlich müßte ich mich bei den vier Temperamenten für eine Doppelspitze entscheiden, nämlich zusammen mit der Einspielung aus dem ersten Blomstedt-Zyklus. Denn beide, Blomstedt wie Garaguly, setzen auf schlanken Klang, auf Ecken, Kanten und messerscharfe Akzente. Und sie zählen die Pausen im Schlußsatz korrekt aus. Nichts (oder wenig) Schlimmeres, wenn im Eifer der Emotionen die Paukenschläge nach den Generalpausen zu früh kommen (eine Versuchung, der Blomstedt später in San Francisco leider erlag). Hier aber sitzt alles.


Nr. 3 op. 27

Konkurrenzeinspielung:

Royal Liverpool Philharmonic Orchestra - Douglas Bostock (CD, Scandinavian Classics, 2002)

Meine Favoritin:



Ruth Guldbaek, Sopran
Niels Møller, Tenor
Det Kongelige Kapel København - Leonard Bernstein
(LP, CBS, 1969)

Den Stimmungsgehalt des Werks treffen die Kopenhagener mit Bernstein auf das Schönste.
Detailverliebtheit, Emotion und Klangpracht beglücken gleichermaßen.


Nr. 4 0p. 29

Konkurrenzversionen:

Royal Liverpool Philharmonic Orchestra - Douglas Bostock (CD, Scandinavian Classics, 2002)
Sveriges Radios Symfoniorkester Stockholm - Esa-Pekka Salonen (CD, CBS, 1986)
Berliner Philharmonisches Orchester - Herbert von Karajan (LP, DG, 1982)

Meine Favoritin:



City of Birmingham Symphony Orchestra - Simon Rattle
(LP, EMI, 1985)

Die Platte war mein erster Tonträger mit Musik von Nielsen. Den Erstkontaktierern verleihen wir ja oftmals eine Art Unantastbarkeits-Nimbus. Ich bilde mir ein, mich über die Jahre aus dieser Umklammerung befreit zu haben. Weshalb diese Version dennoch auch nach aktuellem Vergleichshören weiterhin die Palme gebührt, läßt für mich nur einen Schluß zu: sie ist einfach richtig gut.
Gegen Ende des Finalsatzes verlangsamt der Paukist sein Solo dergestalt, daß die Grandezza dieser Apotheose wirkungsvoll unterstrichen wird. Das ist so sinnfällig wie überzeugend. Und ich hörte das bisher in keiner anderen Version. Vermutlich kein Zufall, daß der Dirigent auch ausgebildeter Schlagzeuger ist. Möglich, daß der Notentext das nicht hergibt. Es vermittelt sich mir jedoch mit einem unbedingten "So-und-nicht-anders"-Impetus.
Salonens Einspielung beschrieb Joe Dvorak letzthin sinngemäß als zu leicht für dieses Werk. Mir gefällt die schlanke Linie bei ihm dagegen sehr. Und ich finde, sie steht der Unauslöschlichen gut zu Gesichte. Hätte er ebenfalls den Mut zum beschriebenen Ritardando in der Pauke, Simon Rattle bekäme hier ernste Konkurrenz.
Ein veritables Gegengift stellt Salonen im Vergleich zur Herbert von Karajan-Aufnahme dar.
Es verwundert kaum, daß Karajan mit großer Kelle anrührt und pastosen Streichern den schwersamtenen roten Teppich ausrollt. Das ist mancherorten befremdend. Und doch wird bei ihm das ein oder andere Detail zu Tage gefördert, das aufhorchen läßt. Als Korrelat ist das allemal interessant.


Nr. 5 op. 50

Konkurrenzen:

Royal Liverpool Philharmonic Orchestra - Douglas Bosstock (CD, Scandinavian Classics, 2002)
Det Kongelige Kapel København - Paavo Berglund (CD, RCA, 1989)
New York Philharmonic Orchestra - Leonard Bernstein (LP, CBS, 1963)

Meine Favoritin:



New Philharmonia Orchestra - Jascha Horenstein
(LP, Unicorn, 1969)

Als ich heute als letzte Vergleichsversion Bernstein mit dem NYPO aufgelegt hatte, war ich bald an dem Punkt, zu sagen: die isses!
Im Kopfsatz wird derart einnehmend und detailliert gestaltet: die Holz-Soli werden allesamt so sorgsam abphrasiert, das Schlagwerk tritt als Protagonist so staunenmachend wie plakativ auf den Plan. Es kommt allerdings auch der Punkt, an dem Bernstein klar macht, die Zügel fortan nicht mehr locker lassen zu wollen. Emotionaler Hochdruck bleibt konstant bestehen. Ich gelange beizeiten an einen Overkill, der anstrengt. Aufnahmetechnisch werden zudem abschnittweise die hohen Streicher leicht verzerrt abgebildet.

Horenstein dagegen findet das passende Maß an kühlem Understatement, das wohl tut. Auch hier nicht weniger auffahrende Geste bei den Perkussionisten. Die Gesamtkonzeption aber überzeugt mehr. Bernstein steht schwitzend inmitten des Getöses. Horenstein bewahrt ein gesundes Maß Abstand.


Nr. 6

Keine Konkurrenzversionen außer Blomstedt

Meine Favoritin:



London Symphony Orchestra - Ole Schmidt
(LP, Unicorn, 1974)

Wie auch im Falle der Vorgängerinnen liefert Blomstedt mit seinen beiden Totalen immer eine mindestens gute, oft sehr gute oder ebenbürtige Deutung. Die Sechste läßt er das San Francisco Symphony nachgerade luxuriös gestalten. Jedes Detail ist sorgsam herausgearbeitet, kein Effekt wird dem Zufall oder auch nur der Routine überlassen. Trotzdem spielt das LSO mit Ole Schmidt die schalkhafte, augenzwinkernde und doch doppelbödige "Semplice" eine Spur abgebrühter, nüchterner. In eben genau der richtigen Nähe-Distanz-Abwägung, nach welcher das Werk verlangt.

Die Bostock-Aufnahmen sind ebenfalls mehr als ordentlich, erzeugen aber nur selten Gänsehaut.
Berglunds Zweite ist phasenweise etwas mau und mit einer etwas schläfrigen Pauke wenig aufstellend. Seine Einspielung leidet aber vor allem unter der problematischen Aufnahmequalität. Auch, wenn das Ohr sich mit der Zeit dran gewöhnt - es klingt ein wenig so als drücke jemand ein Kissen gegen die Lautsprecher. Bleibt zu hoffen, daß dies in späteren Remasterings korrigiert werden konnte. In dieser Erstausgabe klingt es jedoch leider wie beschrieben:
Sfantu (02.01.2023, 16:52):
Apropos Hörwitz -
habe mir heute ein paar seiner Beiträge zu den Nielsen-Sinfonien gegeben. Fazit > wir gehen beileibe nicht oft d`accord, was Favorisierungen angeht. Und doch - es ist wie immer interessant und bringt Erkenntnis-Gewinne.
Andréjo (02.01.2023, 17:31):
Die Sinfonien von Carl Nielsen finde ich im Regal allenthalben - mehrere Integralen und einige Einzelaufnahmen. Mit einer gezielten Reihenfolge im Ganzen oder im Einzelnen hätte ich spontan gewisse Probleme und müsste mich dann auch gezielt über einen längeren Zeitraum mit den Werken auseinandersetzen. Das habe ich jetzt aktuell eigentlich nicht vor. :)

Wobei Sfantus fleißiger und anschaulicher Beitrag den Faden ja nicht eröffnet und ich auch schon dabei war.

Ein paar klare Favoriten aus meiner Sicht lassen sich auf jeden Fall anführen. Mit dieser Vierten will ich beginnen:



Es ist eine ungemein straffe Aufnahme, klar strukturiert und farbenreich. Da es bei Nielsens Vierter schon auch wesentlich auf die Pauken ankommt - ansonsten überlasse ich dieses Kriterium lieber anderen Klassikbegeisterten , wenn es an die erste Stelle gerückt wird -, möchte ich auch in dieser Hinsicht die Produktion ganz besonders loben.

:) Wolfgang
Sfantu (02.01.2023, 17:44):
Diese Vierte mit Martinon wird vom Krächz-Onkel ebenfalls hoch gelobt.

Allerdings weist er auf einen technischen Fehler hin, der bei der Erstveröffentlichung auf CD unterlaufen sei: zwischen den attacca verbundenen Sätzen 3 und 4 entstand demnach genau das, was keinesfalls entstehen darf: eine Pause! Bei der späteren Wiederveröffentlichung in der Martinon-Chicago-Box sei dieser Lapsus (wie Hurwitz betont, aufgrund seiner Intervention beim Label) wieder korrigiert worden.
Maurice inaktiv (13.01.2023, 13:49):
Diese Vierte mit Martinon wird vom Krächz-Onkel ebenfalls hoch gelobt.
https://smile.amazon.de/Sinfonien-1-4-Saul-David/dp/B000026GJ7/ref=sr_1_4_mod_primary_new?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&crid=3GD0SOFICGLXN&keywords=nielsen+martinon&qid=1673613879&s=music&sbo=RZvfv%2F%2FHxDF%2BO5021pAnSA%3D%3D&sprefix=nielsen+martinon%2Cpopular%2C83&sr=1-4

Wer die Vierte unter Martinon zu einem vernünftigen Preis erwerben möchte, kann sich über den Link Oben informieren. Man bekommt die Erste unter André Previn mitgeliefert, sowie das Vorspiel zu "Saul and David". Alles mit dem London SO aus dem Jahre 1967.


Allerdings weist er auf einen technischen Fehler hin, der bei der Erstveröffentlichung auf CD unterlaufen sei: zwischen den attacca verbundenen Sätzen 3 und 4 entstand demnach genau das, was keinesfalls entstehen darf: eine Pause!
Mein Link dürfte die Erstveröffentlichung auf CD sein, also vermutlich mit dem Schnittfehler.

Ich kenne die Einspielung nicht, habe aber genug erstklassige Alternativen hier, daher für mich keine "Must-Have-CD".
Andréjo (13.01.2023, 14:43):
Jetzt habe ich mir - spaßeshalber ;) - alle Vierten angehört, die ich bei mir finden konnte. Sieben Posten waren es - schlecht finde ich eigentlich keine. Am wenigsten habe ich mir von der damaligen Billigproduktion mit Royal Liverpool/ Douglas Bostock erwartet, völlig zu Unrecht allerdings, wie ich meine (und mich offenbar nicht erinnern konnte). Nicht ganz so begeistert war ich von Sir Yehudi Menuhin, dem Geiger. Diese Aufnahme scheint mir keineswegs erbarmungswürdig, aber doch arg ebenmäßig. Nielsen ist indes nicht Gade, da fehlen beim Vornamen die letzten beiden Buchstaben. :ignore

Ordentlich kommen ansonsten weg: Blomstedt und die Dänen - die mit San Francisco kenne ich nicht, Schönwandt, Berglund und Alan Gilbert.

Nennen und verlinken will ich aber noch eine weitere, quasi die Nummer zwei nach Martinon:



Es dirigiert Neeme Järvi und die sechste Sinfonie ist auf meiner Einzel-CD noch enthalten. Das Cover habe ich jetzt nicht gleich gefunden.

Vermutlich wird man sich über meine Sicht der Dinge allenthalben streiten können und natürlich haben ich mir einige ältere und einige neuere Einspielungen entgehen lassen. Aber irgendwann muss Schluss sein.

:) Wolfgang
Sfantu (14.01.2023, 02:56):
Dank an Andréjo für die Beteiligung am Vergleichshören.
Menuhin mit Nielsen war mir gedanklich garnicht präsent.
Die Järvi-Chung-Totale wird häufig gelobt. Aber ja:

Aber irgendwann muss Schluss sein.
Nimmst Du den Klang bei Berglund ähnlich nebulös wahr wie ich es beschrieb?
Joe Dvorak (14.01.2023, 04:07):
Ich habe es heute nochmal mit der Sechten versucht. Die gehoert(e) so glasklar wie kaum etwas anderes in die Kategorie: Das sollte mir eigentlich gefallen, tut es aber nicht und ich weiss nicht warum. Seit heute faellt sie in die Kategoie: Gefiel mit aus unerfindlichen Gruenden lange nicht, bevor ich sie mit Storgards gehoert habe. Das lag wohl nicht am Dirigat, sondern daran, dass die Zeit dafuer reif war. Aber es wirft die Frage auf, ob wirklich Schluss sein muss oder Schluss sein darf, bevor man Storgards gehoert hat...




Gillian Keith (Sopran, op.16), Mark Stone (Bariton, op. 16), BBC Philharmonic, John Storgårds

... und mindestens Osmo Vänskä, Sakari Oramo, Bryden Thomson, die -neben anderen noch nicht genannten- allesamt alle Schechse vorgelegt haben? Und Ole Schmidt, der mit der 6. genannt wurde, aber auch alle im Kasten hat...
Maurice inaktiv (14.01.2023, 11:12):
Ich persönlich finde Paavo Järvi auch noch sehr bemerkenswert. Seine Vierte habe ich damals live mit seinem Frankfurter Orchester gehört und war begeistert gewesen vom damaligen Live-Hörerlebnis. Auch klangtechnisch sind diese Aufnahmen ganz hervorragend gelungen.

Und Sir Colin Davis' Live-Zyklus ist auch absolut empfehlenswert.

Bei der Vierten alleine sehe ich Bernstein und Karajan ganz vorne. Schade, dass Karajan nie auf die Idee gekommen ist, bei Nielsen weiterzumachen. Gerade, weil er Sibelius so hervorragend drauf hatte. An Stelle eines vierten Beethoven-Zyklus einen von Nielsen wäre vermutlich interessanter gewesen.

Berglund hat mir das Tor zu Nielsen geöffnet damals, als man bei "2001" noch günstig einkaufen konnte. Durch diesen Laden wurde ich auf Nielsen und Vaughan-Williams aufmerksam. Aus heutiger Sicht mag Berglunds Nielsen (der Zylus stammt aus den 1980-er Jahren, ist also schon fast "historisch" inzwischen) nicht die Klasse haben, die sein Sibelius hatte, aber er war wohl mit Blomstedt der Erste, der die Sinfonien im Digital-Zeitalter aufgenommen hatte. Adrian Leaper war dann wohl der Dritte gewesen (für Naxos damals). Dann müsste Salonen kommen. Doch so genau weiß ich das auch nicht.
Andréjo (14.01.2023, 11:29):
Nimmst Du den Klang bei Berglund ähnlich nebulös wahr wie ich es beschrieb?
So eklatant ist es mir nicht aufgefallen. Als klanglich exquisit habe ich die Aufnahme aber auch nicht in Erinnerung. Und im Netz wird sie wohl recht unterschiedlich beurteilt.

Dem Urteil von Maurice über die anderen Einspielungen, die er nennt, wird man sich anschließen können. Das lehrt die Erfahrung. :D :)

Bei Karajan gehöre ich möglicherweise zu den Prinzip-Skeptikern :ignore . Zumindest - und das ist auch nicht alles, was ich mit ihm als Dirigenten kenne und durchaus wertschätze - im Falle von Sibelius oder den Holst-Planeten darf man denn schon von Referenzen sprechen.

Auch über die Anschaffung von Storgard habe ich einst nachgedacht. Doch wie gesagt ...

:hello Wolfgang
Sfantu (14.01.2023, 16:36):
So eklatant ist es mir nicht aufgefallen. Als klanglich exquisit habe ich die Aufnahme aber auch nicht in Erinnerung.
Merci für die Rückmeldung.



Bei der Vierten alleine sehe ich Bernstein und Karajan ganz vorne. Schade, dass Karajan nie auf die Idee gekommen ist, bei Nielsen weiterzumachen. Gerade, weil er Sibelius so hervorragend drauf hatte. An Stelle eines vierten Beethoven-Zyklus einen von Nielsen wäre vermutlich interessanter gewesen.
Volle Zustimmung, was Beethoven betrifft.
Für meinen Geschmack reicht seine Mono-Totale mit dem Philharmonia vollkommen aus. Besser wurde er in der Folge meines Erachtens jedenfalls nicht mehr. Aber ja - die Vermarktungs-Maschinerie des selbsterklärten LvB-Spezialisten Karajan mußte freilich in schöner Regelmäßigkeit am Brummen gehalten werden.
Ob aber mehr Nielsen mit ihm wirklich so lohnend geworden wäre? Inwiefern sollte ihn sein Sibelius für Nielsen prädestinieren?
Was haben die beiden Komponisten miteinander gemein?
Andréjo (14.01.2023, 17:26):
Was haben die beiden Komponisten miteinander gemein?

Irgendwie - das muss ich gestehen - schien mir der implizite Vergleich zunächst beinahe trivial. Aber wenn ich so nachdenke ... :D
Maurice inaktiv (14.01.2023, 21:48):
Ob aber mehr Nielsen mit ihm wirklich so lohnend geworden wäre? Inwiefern sollte ihn sein Sibelius für Nielsen prädestinieren?
Schaue mal nach. Fast alle Dirigenten, die Sibelius "konnten", haben sich auch mit Nielsen beschäftigt und auch entsprechend gut bewältigt: Salonen, Sir Colin Davis, Roshdestensky, Bernstein, selbst Leaper fehlt da nicht, Järvi, Segerstam, Berglund, Blomstedt, Paavo Järvi etwa.


Was haben die beiden Komponisten miteinander gemein?
Frage doch die Dirigenten, die beide entsprechend drauf hatten. Offenbar gibt es Dirigenten, die eine große Affinität zur nordischen Musik haben/hatten.
Sfantu (14.01.2023, 22:10):
Frage doch die Dirigenten, die beide entsprechend drauf hatten. Offenbar gibt es Dirigenten, die eine große Affinität zur nordischen Musik haben/hatten.
Da wären wir wieder beim Phantom "Nordische Musik". Gerade in den Beispielen Nielsen und Sibelius besteht dieses Charakteristikum exakt so lange, wie man seine Existenz herbeiredet. Gegenbehauptung: Die Dirigenten, die es entsprechend "drauf hatten", widmeten sich dieser Musik, weil sie groß, bedeutend und Zeiten übergreifend gültig bleibt.
Mit Geographie hat das nichts zu tun.
Andréjo (15.01.2023, 00:22):
Vielleicht gibt es so etwas wie einen Kompromiss. Die Hälfte der von Maurice genannten Dirigenten sind ja nun Skandinavier respektive Nordeuropäer - der Begriff Skandinavien scheint selbst problematisch, wie ich mir habe sagen lassen - und es werden sich gewiss weitere jüngere Dirigenten aus dem Norden finden, die auch schon beide Komponisten auf ihrer Agenda haben. Beide Komponisten sind richtungsweisend gewesen in der Übergangsära zwischen Romantik und Moderne oder einfacher gesagt: Beide sind hoch bedeutende Namen mittlerweile.

Der Begriff einer "Nordischen Musik" ist mir nicht unsympathisch, aber ich gestehe gerne zu, dass es schwierig werden könnte, mit ihm zu arbeiten, ihn auch nur zu erklären. Man wird vage Klischees bedienen müssen. An eine Diskussion hier im Forum glaube ich mich zu erinnern - ob ich da mitgemischt habe, weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr auswendig.

Ich halte Nielsen für so bedeutend wie Sibelius. Mag sein, dass Sibelius für wichtiger gehalten wird oder wurde und vor allem bekannter war vor zwanzig, dreißig, fünfzig Jahren - aber auch das weiß ich nicht wirklich und es interessiert mich nicht gar so sehr.

Doch um so größere Probleme hätte ich, die beiden so zu vergleichen, dass sich interessante Berührungspunkte jenseits von eher Banalem finden. Offen gestanden, fallen mir nur interessante Unterschiede ein. Vielleicht fehlt mir zum Erkennen subtilerer Gemeinsamkeiten dann doch schlicht die Ausbildung.

:) Wolfgang
Maurice inaktiv (15.01.2023, 10:14):
Es hat eine ganze Menge damit zu tun, dass es einen großen Anteil nordischer Dirigenten gibt, die mit Sibelius, Nielsen, aber auch anderen nordischen Komponisten sehr gut zurecht kommen, denn sie wurden von Jorma Panula, dem großen finnischen Dirigenten, der auch ein ebenso großartiger Lehrer war, ausgebildet: Saraste, Salonen, Vänskä, Oramo, Mikko Franck, Klaus Mäkälä, Terje Mikkelsen, Ari Rasilainen.....

Nur mal so erwähnt.
Sfantu (15.01.2023, 10:56):
Soweit so bekannt.
Ergo - die Tatsache, daß jemand bei Panula in die Schule ging, befähigt ihn/sie dazu, Nielsen und Sibelius "drauf" zu haben? Astor Piazzolla und Philip Glass waren beide Schüler Nadia Boulangers. Befähigt sie das, französische Valses-Musettes zu schreiben?
Das ist mir zu kurz gedacht und zu schubladesk. Eher nachvollziehen könnte ich das Bestreben, daß jemand aus dem Norden Interesse daran hat, Repertoire aus dem Norden zu pflegen. Und bekannter zu machen, falls es unterrepräsentiert ist.
Doch musikalisch gesehen die Frage noch einmal gestellt: Nielsen und Sibelius - was verbindet sie? Was haben sie miteinander gemein?
Zurück zum Ausgangspunkt: Karajan (auch ein Panula-Schüler?) "konnte" Sibelius - der Meinung bin ich ebenfalls. Ich käme nicht auf die Idee, ihn deshalb automatisch für Nielsen-affin zu halten.
Maurice inaktiv (15.01.2023, 11:23):
Zurück zum Ausgangspunkt: Karajan (auch ein Panula-Schüler?) "konnte" Sibelius - der Meinung bin ich ebenfalls. Ich käme nicht auf die Idee, ihn deshalb automatisch für Nielsen-affin zu halten.
Lieber Sfantu, Du kannst noch so sehr Deiner Ironie freien Lauf lassen, aber es gibt nun mal die großen Dirigenten-Schmieden um etwa Svarowsky in Wien, Panula in Finnland, Monteux in Frankreich oder Arvid Jansonss In Russland, das kannst Du weder ignorieren, noch leugnen. Es wird auch immer Ausnahmen geben, die damit nichts zu tun hatten, das weiß wohl jeder selbst.

Auf welche "Ideen" Du kommst, überlasse ich ganz Dir. Karajan hat auch 1949 Balakirev eingespielt, und das verdammt gut, aber man hat ihn leider anschließend nie wieder damit erleben dürfen. Ähnlich verhält es sich mit Nielsen. Natürlich würde niemand Karajan mit Nielsen in Verbindung bringen, aber diese eine Einspielung ist ihm nun mal sehr gut gelungen. Warum er sie überhaupt je eingespielt hat, ist mir nicht bekannt, auch nicht, ob er sie jemals im Konzert dirigiert hat nicht, aber diese eine Aufnahme lässt zumindest die Überlegung zu, dass er vielleicht auch die anderen fünf Sinfonien hätte so grandios umsetzen können. Das wäre mir weitaus lieber gewesen als den fünften oder sechsten Brahms-Zyklus.

Übrigens hätte ich Karajan etwa Fartein Valen zugetraut, der ja die Zwölftonmusik eines Schönberg in eigener Art und Weise in seine Werke hat einfließen lassen, und der auch seine Musik aus der Spätromantik heraus geschrieben hat. Es wäre bestimmt interessant gewesen, wie er darüber gedacht hätte, wenn er denn je damit konfrontiert worden wäre (mir ist zumindest nicht bekannt, dass er sich je damit beschäftigt hätte).

Vielleicht ist Sibelius die Basis, um dann weiter bei den nordischen Komponisten zu schauen und entsprechend sich damit zu beschäftigen. Dass der Komponist Nielsen natürlich auch ein herausragender Komponist ist, mit dem man sich als Dirigent beschäftigen sollte, steht wohl außer Frage.