Carl Orff - -Nicht nur Carmina Burana

Rolf Scheiwiller (12.04.2006, 11:57):
Guten Tag zusammen.

Der Münchner Offizierssohn Carl Orff ( 1895 - 1982 ), unsterblich geworden durch seinen Geniewurf " Carmina Burana " schrieb jedoch auch noch weit mehr als diesen Megahit. Nur hört man sehr selten etwas davon. Ob zu Recht, bleibe dahingestellt.

Meiner unmassgeblichen Meinung nach gehören seine zwei Opern " Die Kluge " und " Der Mond " zu seinen genialsten Schöpfungen. Wunderbares Textbuch, mit stimmungsvollen Szenen, auch derberer Natur. Hoch inspirierte Musik.

Ich hab die beiden Aufnahmen, die W. Sawallisch 1956 und 57 in London herstellte. ( Stereo ) E. Schwarzkopf, H. Prey u. a. mit dem Philharmonia O.
Sowie die Kurt Eichhorn Aufnahmen, die vielleicht auch jemand von Euch kennt.

Sicher wissen wenige, dass zu der Carmina noch zwei weitere Teile gehören. " Catulli Carmina, und " Il Trionfo di Aphrodite ". Diesen Zyklus " TRIONFI " hab ich 1975 in Salzburg im Grossen Festspielhaus, konzertant aufgeführt, erlebt. Carl Orff war persönlich anwesend. Und er war überaus zufrieden mit der 3 Stunden währenden Aufführung !

Auch in den beiden wenig bekannten Teilen wird enorm viel Aufwand betrieben. Das Orchester hat sehr anspruchsvolle Aufgaben. Aber populär wurde einzig die" Carmina Burana ".

Als Orff die Carmina komponiert hatte, schrieb er seinem Verleger, dass er alles was er bis anhin komponiert habe, und er (der Verleger) leider
gedruckt hätte,einstampfen könne. Denn mit diesem Werk beginne sein Werkverzeichnis. Sehr bekannt wurde sein " Schulwerk " Ist auch heute aktuell.Damit werden die Kinder schon frühzeitig zur Musik herangeführt.
Neben vielem andern verfasste er noch spezielle Musiken zu Weihnachten und Ostern. In Bayern weden diese immer gerne aufgeführt.


Seine andern Bühnenwerke kamen nie richtig ins Gedächtnis der Musikhörer.
Sie konnten sich nicht durchsetzen.Seinen bittersten Flop erlebte er mit seinem letzten Bühnenwerk. " De Temporum... " Kein Geringerer als Herbert von Karajan leitete die Welturaufführung im Grossen Festspielhaus in Salzburg. Ein Riesenspektakel ! Aber keine Inspiration mehr ?


Diese Aufführung blieb auch die einzige. Was Karajan bewog, sich für dieses Werk einzusetzen, darf man sich schon fragen. Er, der ja nicht mal eine Carmina Burana aufnahm !
Es wurde dann auch, wie üblich bei ihm, eine Aufnahme der " De Temporum " hergestellt. Aber sie blieb ohne Nachfolge.


Von der " Carmina Burana " gibt es viele Spitzenaufnahmen. Die bedeutendsten Dirigenten haben sich für dieses grandiose Chorwerk eingesetzt. Chailly, E. Jochum, Ormandy J. Levine, Muti, Previn,und und und ...
Orff war immer sehr an den Arbeiten zu den Einspielungen interessiert. Die Dirigenten warteten geradezu ,auf dass er sein Plazet erteile.
Was meistens auch auf der CD oder im Booklet natürlich gross herausgestellt wurde.



Im kommenden Juli wird bei uns auf dem Klosterplatz vor der Kathedrale ( mit der weltberühmten Stiftsbibliothek ! ) seine " Carmina Burana " aufgeführt. Mit den besten Interpreten. Jetzt schon ein Riesenansturm im Vorverkauf.



Was ist Eure Meinung zu diesem Münchner Original ( im besten Sinn des Wortes ) ?
Besitzt Ihr auch Aufnahmen von einigen seiner Schöpfungen ? Und wie gefallen Sie Euch ?

Gruss.

Rolf

PS.Aber das nur nebenbei: Carl Orff war auch eine Zeitlang mit einer berühmten Schriftstellerin verheiratet. Wer es weiss, darf es hier schreiben.
satie (21.04.2006, 22:22):
Hmm...
Man kann zumindest sagen, dass Orff weitreichende Folgen hatte. Heute hört man dauernd irgendwelche O Fortuna-Verschnitte in jedem zweiten Hollywoodfilm. Ich mag Orff immer weniger, wenn ich ehrlich sein darf, respektiere ihn aber als wichtigen Lehrer für viele Komponisten. In dieser Rolle ist er vergleichbar mit Boris Blacher, dessen Werke man auch nicht so oft und ganz sicher nicht in ihrer ganzen Vielfalt im Konzertbetrieb erleben kann. Eine dritte solche Lehrerfigur war Wolfgang Fortner, der den anderen Zwölftönern halt auch nicht so recht das Wasser zu reichen vermochte. Doch ich schweife ab. Orff ist mir als Pädagoge eine wichtigere Figur (auch mit seinem Schulwerk für Kinder) als er es als Komponist ist. Mir sind die Sachen einfach zu platt, aber das ist wahrscheinlich gerade das, was die meisten Leute begeistert, denn dadurch ist die Musik in der Regel gut fassbar.
Rolf Scheiwiller (22.04.2006, 10:18):
Original von Cosima
Hallo Rolf,

damit dieser Thread nicht einfach so im Nirwana verschwindet, will ich kurz meinen Senf dazu geben.

Die „Carmina“ kenne ich natürlich auch, die Aufnahme unter Kegel finde ich sehr gut. Ich habe sie vor etlichen Jahren sogar 2-mal live gesehen und gehört; war schon irgendwie schön, auch wenn ich das Gefühl habe, dass dies eher Klassik ist für Leute, die ansonsten nie Klassik hören (zu dieser Kategorie zähle ich mich natürlich nicht, aber es schien mir so :D ).

„Der Mond“ und „Die Kluge“ (auch unter Kegel) habe ich seit Monaten hier im Regal stehen, beide Aufnahmen habe ich nur quergehört – sie sind jetzt zum Verkauf freigegeben, weil ich nichts rechtes damit anfangen kann.

Gruß, Cosima :)

Guten Tag Cosima.

Weisst, das stört mich gar nicht, und ich bin auch nie und in keinster Weise beleidigt, wenn auf meine laienhaften Anmerkungen keiner sofort antwortet. Oder auch später nicht. Für mich ist das Entspannung pur !

In diesem Forum stossen immer neue Mitglieder dazu.

Und nur in einem Forum, das für jeden Geschmack etwas bietet, bleiben die Mitglieder auch lange Zeit.

Deshalb meine Devise " Wer vieles bringt, wir manchem etwas bringen ".


Viele Grüsse und ein schönes Wochenende.
Rolf.
Zelenka (22.04.2006, 11:41):
Original von Cosima
Lieber Rolf,

ich meine, dass Du hier sehr untertreibst! Ich lese Deine Beiträge, die überhaupt nicht laienhaft sind, mit Freude und Gewinn und finde Dein Engagement ganz bewundernswert!

Gruß, Cosima :)

Ich schließe mich hier an!

Gruß,

Zelenka
Rolf Scheiwiller (12.04.2006, 11:57):
Guten Tag zusammen.

Der Münchner Offizierssohn Carl Orff ( 1895 - 1982 ), unsterblich geworden durch seinen Geniewurf " Carmina Burana " schrieb jedoch auch noch weit mehr als diesen Megahit. Nur hört man sehr selten etwas davon. Ob zu Recht, bleibe dahingestellt.

Meiner unmassgeblichen Meinung nach gehören seine zwei Opern " Die Kluge " und " Der Mond " zu seinen genialsten Schöpfungen. Wunderbares Textbuch, mit stimmungsvollen Szenen, auch derberer Natur. Hoch inspirierte Musik.

Ich hab die beiden Aufnahmen, die W. Sawallisch 1956 und 57 in London herstellte. ( Stereo ) E. Schwarzkopf, H. Prey u. a. mit dem Philharmonia O.
Sowie die Kurt Eichhorn Aufnahmen, die vielleicht auch jemand von Euch kennt.

Sicher wissen wenige, dass zu der Carmina noch zwei weitere Teile gehören. " Catulli Carmina, und " Il Trionfo di Aphrodite ". Diesen Zyklus " TRIONFI " hab ich 1975 in Salzburg im Grossen Festspielhaus, konzertant aufgeführt, erlebt. Carl Orff war persönlich anwesend. Und er war überaus zufrieden mit der 3 Stunden währenden Aufführung !

Auch in den beiden wenig bekannten Teilen wird enorm viel Aufwand betrieben. Das Orchester hat sehr anspruchsvolle Aufgaben. Aber populär wurde einzig die" Carmina Burana ".

Als Orff die Carmina komponiert hatte, schrieb er seinem Verleger, dass er alles was er bis anhin komponiert habe, und er (der Verleger) leider
gedruckt hätte,einstampfen könne. Denn mit diesem Werk beginne sein Werkverzeichnis. Sehr bekannt wurde sein " Schulwerk " Ist auch heute aktuell.Damit werden die Kinder schon frühzeitig zur Musik herangeführt.
Neben vielem andern verfasste er noch spezielle Musiken zu Weihnachten und Ostern. In Bayern weden diese immer gerne aufgeführt.


Seine andern Bühnenwerke kamen nie richtig ins Gedächtnis der Musikhörer.
Sie konnten sich nicht durchsetzen.Seinen bittersten Flop erlebte er mit seinem letzten Bühnenwerk. " De Temporum... " Kein Geringerer als Herbert von Karajan leitete die Welturaufführung im Grossen Festspielhaus in Salzburg. Ein Riesenspektakel ! Aber keine Inspiration mehr ?


Diese Aufführung blieb auch die einzige. Was Karajan bewog, sich für dieses Werk einzusetzen, darf man sich schon fragen. Er, der ja nicht mal eine Carmina Burana aufnahm !
Es wurde dann auch, wie üblich bei ihm, eine Aufnahme der " De Temporum " hergestellt. Aber sie blieb ohne Nachfolge.


Von der " Carmina Burana " gibt es viele Spitzenaufnahmen. Die bedeutendsten Dirigenten haben sich für dieses grandiose Chorwerk eingesetzt. Chailly, E. Jochum, Ormandy J. Levine, Muti, Previn,und und und ...
Orff war immer sehr an den Arbeiten zu den Einspielungen interessiert. Die Dirigenten warteten geradezu ,auf dass er sein Plazet erteile.
Was meistens auch auf der CD oder im Booklet natürlich gross herausgestellt wurde.



Im kommenden Juli wird bei uns auf dem Klosterplatz vor der Kathedrale ( mit der weltberühmten Stiftsbibliothek ! ) seine " Carmina Burana " aufgeführt. Mit den besten Interpreten. Jetzt schon ein Riesenansturm im Vorverkauf.



Was ist Eure Meinung zu diesem Münchner Original ( im besten Sinn des Wortes ) ?
Besitzt Ihr auch Aufnahmen von einigen seiner Schöpfungen ? Und wie gefallen Sie Euch ?

Gruss.

Rolf

PS.Aber das nur nebenbei: Carl Orff war auch eine Zeitlang mit einer berühmten Schriftstellerin verheiratet. Wer es weiss, darf es hier schreiben.
Cosima (21.04.2006, 21:24):
Hallo Rolf,

damit dieser Thread nicht einfach so im Nirwana verschwindet, will ich kurz meinen Senf dazu geben.

Die „Carmina“ kenne ich natürlich auch, die Aufnahme unter Kegel finde ich sehr gut. Ich habe sie vor etlichen Jahren sogar 2-mal live gesehen und gehört; war schon irgendwie schön, auch wenn ich das Gefühl habe, dass dies eher Klassik ist für Leute, die ansonsten nie Klassik hören (zu dieser Kategorie zähle ich mich natürlich nicht, aber es schien mir so :D ).

„Der Mond“ und „Die Kluge“ (auch unter Kegel) habe ich seit Monaten hier im Regal stehen, beide Aufnahmen habe ich nur quergehört – sie sind jetzt zum Verkauf freigegeben, weil ich nichts rechtes damit anfangen kann.

Gruß, Cosima :)
ab (11.02.2010, 23:57):
Von der Oper Die Kluge scheint es drei Aufnahmen gegeben zu haben, einmal von Wolfgang Sawallisch, einmal von Herbert Kegel und die von Kurt Eichhorn.

Welche ist die empfehlenswerteste?

Danke! :hello
Rideamus (12.02.2010, 05:32):
Ich kann und will nichts gegen die Aufnahmen von Kegel und Eichhorn sagen, weil es viel zu lange her ist, dass ich die mal gehört habe, aber ich kann mich rückhaltlos zu der Prägung von der Sawallisch-Aufnahme bekennen, die nachgerade ideal besetzt und dirigiert ist. Schon der Anfang, wenn Gottlob Frick mit seiner schwarzen Stimme zu dem rasant pulsierenden Orchester klagt: "Oh, hätt' ich meiner Tochter nur geglaubt" (das Beispiel kann man bei JPC sampeln und mit den beiden anderen Aufnahmen vergleichen), ist umwerfend, und auch die übrige Besetzung dieses Kunstmärchens mit einer höchst artifiziellen, hier aber sehr richtig eingesetzten Elisabeth Schwarzkopf ist mustergültig.

Nicht von ungefähr hat Orff diese Einspielung autorisiert. Hinzu kommt, dass man derzeit für einen Spottpreis auch noch Orffs herrliches Pendant DER MOND in einer ebenfalls vorbildlichen Einspielung von Sawallisch und dem Philharmonia Orchestra bekommt, wie ich gerade feststelle:


Beide Aufnahmen bestätigen den legendären Ruf von Walter Legge als Produzent maßstäblicher Aufnahmen von zeitlosem Wert. Da kann ich nur empfehlen zuzugreifen, zumal auch der Preis, wenn auch bei Kegel nur geringfügig, für diese Kombination spricht.

:hello Rideamus
Armin70 (12.02.2010, 05:51):
Ich kann Rideamus nurr zustimmen, da ich Sawallischs Aufnahmen der beiden Werke besitze. Alles erscheint wie aus einem Guss und die brilliante Besetzung lässt wirklich keine Wünsche offen. Auch der z. T. derbe Humor wird trefflich getroffen und umgesetzt.
In Anbetracht des Alters beider Aufnahmen (1956: Der Mond und 1957: Die Kluge) ist der Klangqualität, beide Werke in Stereo, wirklich erstaunlich. Lediglich ein leichtes Grundrauschen muss man in Kauf nehmen aber das ist zu verschmerzen. Auch Verzerrungen in den Fortissimo-Passagen halten sich in Grenzen.
Die Aufnahmen von Kegel und Eichhorn kenne ich nicht und kann demzufolge nichts gegen oder für sie sagen.
ab (12.02.2010, 11:34):
Original von Rideamus
aber ich kann mich rückhaltlos zu der Prägung von der Sawallisch-Aufnahme bekennen, die nachgerade ideal besetzt und dirigiert ist.

Ebensolches wollte ich von Einchhorn sagen. Savallisch kommt mir etwas sehr flott vor. Und weil ich eine Aufnahme für Kinder suche, scheint es mir so, dass Eichhorn geeigneter, weil noch textverständlicher, sein könnte, insbesondere auch die Räuber ganz vorzüglich gesprochen sind.
:hello
edwin (16.11.2010, 23:24):
Vor allem freut es mich als Neueinsteiger, daß Carl Orff, den ich für einen der bedeutendsten Komponisten der ganzen Musikgeschichte halte (ich erkläre später, weshalb) hier bereits Wurzeln geschlagen hat.

Ich möchte mit ein paar kleinen Klarstellungen und Hintergründen beginnen.

Zuerst: Was hat Karajan bewogen, "De temporum finde comedia" uraufzuführen (die Aufnahme war eine direkte Folge), nicht aber "Carmina burana" einzuspielen. Nun, ganz einfach: Weil Orff und Karajan einander haßten. Der Grund war die Uraufführung der "Trionfi" ("Carmina burana"+"Catulli carmina"+"Trionfo di Afrodite") in Mailand. Obwohl Orff für eine Trennung von Dirigent und Regisseur plädierte, wollte Karajan beides machen. Dann hatte er durch andere Verpflichtungen zuwenig Zeit, sich mit den Werken zu befassen und wußte nicht recht, wie er die Werke in Szene setzen sollte. Noch schlimmer: Er kam mit der Musik nicht zurecht. Daher strich er gegen den Ausdrücklichen Willen des Komponisten, der einen anderen Dirigenten vorschlug, die instrumentalen Teile der "Catulli carmina" und kürzte Wiederholungen des "Trionfo di Afrodite" heraus. Damit zerstörte er die Struktur des Werks. Orff reiste wutentbrannt ab, und Karajan wollte mit den Werken, deren Aufführung Orff nicht müde wurde als gänzlich misslungen zu bezeichnen, nichts mehr zu tun haben.

"De temporum fine comedia" war dann als Versöhnung der beiden großen deutschsprachigen Musiker gedacht, aber Orff und Karajan schafften es nicht, auf einander zuzugehen. Karajan nämlich konnte mit dem Werk abermals nichts anfangen und überließ die Proben weitgehend Heinz Mende. Orff meinte sodann, es wäre wohl besser, wenn gleich Mende die Aufführung dirigieren würde. Das Ergebnis des neuerlichen, von der Salzburger Administration nur mühsam unterdrückten Konflikts kann man auf der Aufnahme hören: Sie ist einfach nicht gut, weil zu langsam und zu poliert. Was in dem Werk an Kraft steckt, zeigte etwa im heurigen Jahr Conrad Trinks in Darmstadt.

War Orff ausgeschrieben? - Ich meine: Nein. Die musikalische Grammatik, damit meine ich die Grundidee, auf der Repetition aufzubauen, bleibt gleich Lediglich das Vokabular hat sich gewandelt. Schon in "Antigonae" weicht das saftige Bajuwarentum einer strengen Kargheit, die nur an Affekt-Höhepunkten etwas wie ariose Formung zuläßt. Gleichzeitig wird die Harmonik komplexer: Die Harmonik entfernt sich zunehmend vom Dur-Moll-System zugunsten einer auf Zentraltöne fixierten Modalität. Die Akkorde werden dissonanter, Reibungen von kleinen Sekunden und dichte Akkordtrauben gehören immer öfter zum Klangbild.
Diese Idee treibt Orff in "Oedipus der Tyrann" und "Prometheus" zum Höhepunkt. "De temporum fine comedia" summiert diese Elemente, um die Apokalypse aus der Sicht der Sibyllen, der Anachoreten, des Menschen und zuletzt des Antichrist darzustellen. Der berührendste Moment ist, wenn Satan dreimal Gott anruft und sagt: "Pater, peccavi". Jedes Mal fällt ein Teil der satanischen Insignien von ihm ab, und am Schluß ist er wieder der lichttragende Engel: Gott hat die Schuld nicht nur vergeben, er hat sie vergessen.

Was besonders in Zusammenhang auf Orffs Biografie von Interesse ist, denn Orff war keineswegs der kerngesunde Bayer, sondern ein in seinen Träumen von dämonischen Visionen getriebener Mensch, der Zeit seines Lebens unter Gefühlen von Schuld litt.


Nun: Was macht Orff für mich zu einem dermaßen wichtigen Komponisten? Ganz einfach: Seine Einzigartigkeit. Nachdem die Oper im 20. Jahrhundert entweder immer mehr zur Psychologie tendierte (Strauss und die Expressionisten) oder sich in einer Reaktion darauf zur bewußt vom Drama nahezu unabhängigen Musizieroper (Hindemith und die Neoklassizisten) entwickelte, ging Orff einen völlig neuen Weg: Den der Musikalisierung der Sprache. Orff ist der Komponist des Wortklangs, er schafft dem Wort einen Klangraum, indem es seine magische Kraft im Sinne des griechischen Logos entfalten kann. Die Begleitung besteht aus Zeichensetzungen, nicht aus symphonischen Verarbeitungen.
Gleichzeitig führt Orff die Musik auf die elementare Kraft der Steigerung durch Wiederholung zurück. Seine Repetitionen sind nicht Manier, sondern Intensivierung. Seine formalen Konstruktionen setzen sich aus ineinandergeschachtelten Blöcken zusammen, strophische Formen überwiegen - wobei abermals bestimmte melodische Gesten Klangzeichen setzen.
Durch diese Verbindung von Sprache und Klang wird Orff zu einem Komponisten, der nirgends herkommt und dessen Nachfolger eigene Wege finden müssen, wollen sie nicht in Kopien verfallen - was Wilhelm Killmayer etwas besser verstanden hat als Wilfried Hiller.

+++

Nun noch ganz kurz zu den "Mond"-Aufnahmen: Eichhorn dirigiert als einziger die letzte Fassung - und das meiner Meinung nach beispielhaft, nämlich deftig und, wenn es drauf ankommt, mit sehr viel Zärtlichkeit. Eichhorn hat auch den großen Vorteil von Franz Crass als bodenständiger Petrus, dem man diese Rolle in der Orff'schen Vorstellung eines mythisch überhöhten Nachtwächters eher glaubt als Hans Hotter, der die Rolle wotan-ähnlich singt, sich damit aber von Orffs volksmythischer Idee weit entfernt. Eine in allen Musikteilen schöne, allerdings etwas gekürzte Einspielung hat auch Herbert Kegel gemacht - nur die Sprache ist mir persönlich nicht bayerisch genug.
:hello
EinTon (17.11.2010, 19:43):
Hallo, Edwin!

Würdest Du meiner Meinung zustimmen, dass der Anfang von "De Temporum Fine Comoedia" auffällig an den Anfang des "Sanctus" aus dem "War Requiem" von Britten erinnert?

(Wobei der "Sanctus"-Anfang von Britten wiederum allgemein Orff-beeinflusst anmutet :D (Wahl der (sämtlich perkussiven) Instrumente, Gesangsstil...)...)
ab (17.11.2010, 21:36):
Herzlich willkommen in diesem Forum, Edwin, wo wir uns über Deine fundierten Berichte sehr freuen!
:hello
Peter Brixius (17.11.2010, 22:09):
Auch ich freue mich sehr, dass Edwin in dieses Forum gekommen ist.

Lieber Edwin, ein herzliches Willkommen - und viele gemeinsame Erkundungsfahrten quer durch die Musikgeschichte.

Liebe Grüße Peter
EinTon (17.11.2010, 22:20):
Auch von mir hier nochmal ein herzliches Willkommen! http://www.smiliemania.de/smilie132/00000460.gif
edwin (17.11.2010, 22:30):
Zitat EinTon
Würdest Du meiner Meinung zustimmen, dass der Anfang von "De Temporum Fine Comoedia" auffällig an den Anfang des "Sanctus" aus dem "War Requiem" von Britten erinnert?

Ja, unbedingt. Es gibt auch interessante Parallelen zwischen Orff und Brittens "Children's Crusade". Aber ich halte das weitgehend für Zufall. Orff hat diese Klanggesten in dem Moment zu verwenden begonnen, als er altgriechische Texte im Original vertont hat, also in "Trionfo di Afrodite". Bei Britten wiederum kann man diese Klanglichkeit sehr einfach von der Gamelan-Musik ableiten, die er in seinen amerikanischen Jahren, also schon um 1940, durch Colin McPhee kennenlernte.
Ich glaube, es gibt einen anderen Grund für die Ähnlichkeiten: Orff suchte nach den elementarsten Klanggesten; der Gamelan bedient sich, trotz aller Verfeinerungen, solcher Klanggesten. Womit die gemeinsame Basis die elementare Musik ist.



Lieber Peter, lieber ab, lieber EinTon,
danke für das freundliche Willkommen, da fühlt man sich gleich noch ein wenig mehr zu Hause. Ganz fremd kam ich mir ja sowieso nicht vor bei all den interessanten Gesprächspartnern früherer Tage, denen man hier wiederbegegnet...
:hello
Maurice inaktiv (10.04.2013, 03:17):
Ich bin sehr überrascht,dass das Thema "Carl Orff" doch total eingeschlafen ist.Auch User "Edwin" hat nicht viele Dinge mehr aufgegriffen,was ich sehr bedauerlich finde,da seine Informationen doch sehr fundiert gewesen sind.

Nun,ich halte das Werk "Carmina Burana" für eines der wichtigsten Stücke für großes Orchester,Chor und Solisten des 20.Jahrhunderts,denn es ist auf der einen Seite geradezu gigantisch,dann wieder äußerst lyrisch,um dann wieder vor Kraft und beeindruckenden Blech-Stellen wie ein zeitgemäßer Bruckner einen Sog entwickelt,was ich antemberaubend finde.

Hinzu kommt eine Rhythmik,die absolut fesselnd ist,wenn denn der Dirigent und das Orchester mitspielen.Hier zeigt es sich sehr schnell,welcher Dirigent und welches Orchester an ihre Grenzen geraten.

Nicht umsonst sind gerade die Interpretationen führend,die einen herausragenden Dirigenten mit einem ebenso hervorragenden Orchester haben.

Mir gefällt die Verbindung von der alten Musik der Renaissance mit modernem Orchester,Chor und Solisten sehr gut.Es ist keine langatmige Oper,die durch einen Regisseur zusätzlich verunstaltet werden kann,erfordert aber doch sehr viel Können von allen Beteiligten ab.

Ich besitze einige Aufnahmen,darunter die alte Mono-Fassung von Eugen Jochum,natürlich seine "berühmte" Aufnahme bei der DG,die heute noch immer Vorbild ist für alle anderen Einspielungen.

Dazu kommen Einspielungen von Antal Dorati,Ormandy,Riccardo Muti (bestimmt eine der besten Produktionen von ihm überhaupt),Herbert Blomstedt,Zubin Metha (die mir ebenfalls sehr gut gefällt) und natürlich die unglaublich federnde Aufnahme von Sir Simon Rattle.

Vermutlich werden da bald noch die ein oder andere Aufnahme hinzu kommen,aber das weiß ich noch nicht.Eichhorn habe ich schon lange wieder abgegeben,mit seiner Auffassung kam ich nicht wirklich klar.Auch Muti habe ich weggegeben,an meine beste Freundin,die sich das gerne mal anhören wollte.

Die Story über das Vehältnis von von Karajan und Orff wurde bereits ausführlich beschrieben,und zeigt auf,dass man durch die falsche Wahl eines Dirigenten ein ganzes Werk versauen kann.

Der Schönklang-Fetischist Karajan und der mehr "hemdsärmelige" Orff konnten nie zusammenfinden.Selbst,wenn beide Seiten es gewollt hätten,waren die interpretatorischen Ansätze völlig entgegen dem jeweiligen Menschen gegenüber.

Es gibt leider von der Triologie kaum Einspielungen.Mir sind gerade ZWEI beim großen A aufgefallen.Eine wird von Ferdinand Leitner dirigiert,dem ich hier durchaus zutrauen würde,eine gute Einspielung abgeliefert zu haben,und die Andere von Herbert Kegel.Ihm seine Einspielung werde ich mir holen,denn er gilt als der beste Dirigent für zeitgenössische Musik in der ehemaligen DDR.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/512KPxX7hRL._SL500_AA300_.jpg

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51KXU8aCJNL._AA300_.jpg

Diese Einspielung meine ich...

Eugen Jochum soll es eingespielt haben,aber gefunden habe ich die Einspielung nicht.

Zu den anderen Werken von Orff kann ich nichts sagen,sie kenne ich nur vom Titel her,mehr aber auch nicht.

VG,Maurice
Hörbert (11.04.2013, 00:12):
Hallo!

Zweifellos sind Orffs Trifonie und seine zwei derb-komischen "Bauernopern" "Der Mond" und "Die Kluge" seine bekanntesten und beliebtesten Werke, allerdings sind mir persönlich die "Antigonae" und ihre beiden Nachfolger "Ödipus" und "Prometheus" die ich allerdings nur als zwei Seitenwerke zur "Antigone" sehen kann.

Hier (in der "Antigonae") findet Orff m.E. erst seine eigentliche Musiksprache die zudem zu dem beklemmenden Sujet passt, leider findet für meine Begriffe bei Orff nach der "Antigonae" keine Weiterentwicklung seiner Musiksprache mehr statt, zwar weitet er seine Stilmittel noch geringfügig aus aber er erweitert seine Ausdruckspalette nicht mehr durch neue nicht abgeleitete Stilelemente.

MFG Günther
Cetay (inaktiv) (12.04.2013, 18:12):
Original von HörbertZweifellos sind Orffs Trifonie und seine zwei derb-komischen "Bauernopern" "Der Mond" und "Die Kluge" seine bekanntesten und beliebtesten Werke, allerdings sind mir persönlich die "Antigonae" und ihre beiden Nachfolger "Ödipus" und "Prometheus" die ich allerdings nur als zwei Seitenwerke zur "Antigone" sehen kann.

Hier (in der "Antigonae") findet Orff m.E. erst seine eigentliche Musiksprache die zudem zu dem beklemmenden Sujet passt, leider findet für meine Begriffe bei Orff nach der "Antigonae" keine Weiterentwicklung seiner Musiksprache mehr statt, zwar weitet er seine Stilmittel noch geringfügig aus aber er erweitert seine Ausdruckspalette nicht mehr durch neue nicht abgeleitete Stilelemente.

Ich bin nun alles andere als ein Orff-Kenner, wage aber dennoch den Vorschlag, die "Blockbildung" beim Orff'schen Werk etwas zu verfeinern. Ich finde, man sollte den lezten Teil der Trifonie-Trilogie, das szenische Konzert Trionfo di Afrodite herausheben. Es ist ebenso so weit von der Carmina Burana weg wie von der Antigonae. Hemdsärmelig-geschmäcklerisch gesagt: Wer mit der Carmina Burana nichts anfängt, den werden auch die anderen bekannt-beliebten Werke kalt lassen. Und wer Antigonae nicht mag, wird auch das, was danach kam, nicht mit Begeisterung aufnehmen. Aber es ist durchaus möglich, dass jemand der zu beiden Gruppen gehört, Trionfo di Afrodite mit heruntergeklappter Kinnlade auf den Knien konsumiert.
Es handelt sich hier um -nur minimalistisch instrumental begleitete- ritualisierte Gesänge, die wiederholt, variiert und über Dynamikänderungen arrangiert werden - in wogenden Blöcken, die von unwirklich-tranceartigen Klangflächen über Liegetönen bis hin zu euphorisch-exaltierten Jubelgesängen über ostinaten Rhythmen reichen. Sicher gibt es diese Elemente hier und da auch schon bei der Carmina Burana, aber aus der Trionfo di Afrodite ist alles tänzerisch-folkloristische verschwunden, lineare Melodiösität ist selten geworden und die Tonalität aufgehoben.
Ich habe nur eine Aufnahme gehört, die mir das Werk so intensiv und begeisternd nahe gebracht hat, dass sie gut sein muss:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/61L1sbLDXKL._SL500_AA240_.jpg
Maurice inaktiv (17.04.2013, 14:34):
Ich habe mir die Sawallisch-Aufnahme gekauft und angehört,und muss sagen,sie hat auch mir sehr gut gefallen.Der Klang ist für das frühe Aufnahmejahr 1956 und in Mono erstaunlich gut geraten.

Schade finde ich es allerdings schon,dass man bei EMI nicht den Mut zu Stereo-Einspieliung hatte damals.Wären hier jetzt die legendären RCA-Pioniere am Werk gewesen,könnte man vermutlich von einer Jahrhundert-Einspielung sprechen.

Ehrlich gesagt,bevorzuge ich auch wegen des Stereo-Klanges,aber auch der vergleichbaren Qualität der Aufnahme,nach wie vor Eugen Jochums Einspielung von 1968.

Ich warte immer noch auf die Kegel-Einspielungen.Die Post ist echt langsam geworden die letzte Zeit....grummel..... X(

VG,Maurice