Peter Brixius (11.12.2010, 16:05):
Die Komposition von Orff ist genial, sie nimmt den originalen Vertonungen nichts und kennt doch ihr Idiom. Ein wenig schwerer ist es, zu dem Original vorzudringen, denn da hat man neben den Melodien (so vorhanden) nichts an Instrumentation und ist seiner (möglichst konkreten Fantasie) ausgeliefert und einer Vielzahl von Vermutungen.
Deshalb hat jede der Rekonstruktionen ihr eigenes Recht - höufig lernt man dabei mehr die aktuelle Sicht aufs Mittelalter kennen, als dass man die Chance hat, die Scheuklappen zu verlieren, die heutige Menschen hindern, einen unverstellteren Blick auf eine ohnedies weithin verkannte Zeit zu werfen.
Ich werde in lockerer Folge, zunächst an der vorliegenden Box orientiert, einzelne Lieder vorstellen. Da in der Brilliant-Box die Texte (und Übersetzungen) fehlen, werde ich sie hier einstellen und bei Bedarf durch eine Übersetzung ergänzen.
Carmina burana: Ich was ein chint so wolgetan CB 185
Die Box Secular Songs & Dances from the Middle Ages, die bei Brilliant erschienen ist
http://ecx.images-amazon.com/images/I/513HhxhWWML._SS400_.jpg
bringt mit Modo Antiquo unter Bettina Hoffmann in der ersten Abteilung Stücke aus den Carmina Burana - gleich am Anfang ein Stück des Anstoßes:
Ich was ein chint so wolgetan
Ich was ein chint so wolgetan,
virgo dum florebam
do brist mich div werlt al,
omnibus placebam.
Hoy et oe
maledicantur thylie
iuxta viam posite.
Da wolde ih an die wisen gan,
flores adunare,
do wolde mich ein ungetan
ibi deflorare.
Hoy et oe
maledicantur thylie
iuxta viam posite.
Er nam mich bi der wizen hant,
sed non indecenter,
er wist mich div wise lanch
valde fraudulenter.
Hoy et oe
maledicantur thylie
iuxta viam posite.
Er grait mir an daz wize gewant
valde indecenter
er fûrte mih bi der hant
multum violenter.
Hoy et oe
maledicantur thylie
iuxta viam posite.
Er sprach: „vrowe ge wir baz!
nemus est remotum"
dirre wech der habe haz!
planxi et hoc totum.
Hoy et oe
maledicantur thylie
iuxta viam posite.
„Iz stat ein linde wolgetan
non procul a via
da hab ich mine herphe lan,
timpanum cum Iyra.
Hoy et oe
maledicantur thylie
iuxta viam posite.
Do er zu der linden chom,
dixit: „sedeamus,"
- div minne twanch sêre den man -
„ludum faciamus!"
Hoy et oe
maledicantur thylie
iuxta viam posite.
Er graif mir an den wizen lip,
non absque timore
er sprah:„ich mache dich ein wip,
dulcis es cum ore!"
Hoy et oe
maledicantur thylie
iuxta viam posite.
Er warf mir uof daz hemdelin
corpore detecta
er rante mir in daz purgelin
cuspide erecta.
Hoy et oe
maledicantur thylie
iuxta viam posite.
Er nam den chocher unde den bogen
bene venabatur
der selbe hete mich betrogen
ludus compleatur.
Hoy et oe
maledicantur thylie
iuxta viam posite.
Die Aufnahme ist entsprechend aufgeregt - lebendiges Mittelalter, das man wohl philologisch penibler, kaum noch authentischer, aber auf keinen Fall preiswerter finden kann. Für einen Einsteiger eine feine Sache - auch wenn die Texte fehlen.
Wer übrigens die Übersetzung dieses an...züglichen Textes finden will, dem spendiere ich gleich noch einen Link.
hier
Das Strophenlied hat einen (mittelhoch)deutsch-lateinischen Text, wobei die erotischen Texte eher im Lateinischen vorkommen. Die stürmische Liebe findet sich auch in dem vorwärtstreibenden Rhythmus wieder. Mir selbst ist die Interpretation von Hoffmann ein wenig zu lärmig, als könne man der Gewalt der Liebe nur durch derben Schreigesang begegnen.
Liebe Grüße Peter
(von wegen finsteres Mittelalter - was danach kam, wurde duster)