Rolf Scheiwiller (28.03.2006, 10:18): Liebe Forumsmitglieder. Eine Frechheit sowas zu behaupten ? Warum besitzen die sogenannten Tenöre des Charakterfachs so selten schönes Stimmaterial ? Denken wir an grosse Interpreten dieser Gattung, dann kommen uns Namen wie Gerhard Stolze, Martin Vantin, Gerhard Unger oder Heinz Zednik in den Sinn.
Opern die für dieses Fach Rollen liefern sind z. B. Hänsel u. Gretel (Hexe ). Zauberflöte ( Monostatos ) In Wagners Ring oder im Wozzeck.
Charaktertenöre sind unverzichtbar! Ihre Darstellung der Rolle im Werk kann das Manko an Stimmschönheit vergessen machen.
Was meint Ihr zu dem Thema ?
Rolf.
sune_manninen (28.03.2006, 13:26): Original von Rolf Scheiwiller Warum besitzen die sogenannten Tenöre des Charakterfachs so selten schönes Stimmaterial ? Charaktertenöre sind unverzichtbar! Ihre Darstellung der Rolle im Werk kann das Manko an Stimmschönheit vergessen machen.
Ein interessantes Thema! Wann wird man Charaktertenor? Ich vermute, kein Tenor kommt als Charaktertenor auf die Welt (von den von Rolf genannten Sängern habe ich bis auf Vantin alle live gehört, und das teilweise zu einem frühen Zeitpunkt, als noch nichts von einem Charaktertenor zu sehen war.)
Gerhard Stolze hörte ich erstmals 1960 in Bayreuth, und zwar als David (Buffo) und als Loge (Charaktertenor). Kurze Zeit später war er in Hamburg als Belmonte (lyrischer Tenor) und Freischütz-Max (Zwischenfach) zu hören. Dann haben zwei einschneidende Ereignisse sein Leben verändert : eine Kinderlähmung, nach der er zeitweilig in Bayreuth auch Mini-Partien annahm) und der Mauerbau 1961. Wäre er im abgeschotteten Raum der damaligen DDR geblieben, hätte er vielleicht mehr Partien des lyrischen Fachs zu singen bekommen (er sang dort u.a. auch Ottavio!). Fazit : keine schöne Stimme, aber ein genialer Darsteller! Also : Charaktertenor.
Unger und Vantin überspringend, die ich mehr als Buffo einordnen würde, trifft vieles von dem, was ich über Stolze sagte, auch auf Heinz Zednik zu. Als ich ihn Mitte der 60er Jahre erstmals in Wien im "Don Carlos" hörte (Lerma), erschrak ich über die Häßlichkeit dieser Stimme. Auch sein David in Bayreuth (oder war es einer der Meister?) veranlaßte mich nicht, meine Meinung zu ändern. Erst als er im Chéreau-Ring ein faszinierender Loge und Mime war, wurde er zu dem, was wir heute unter Zednik verstehen - ein herausragender Menschendarsteller, bei dem die Stimme nicht Mittelpunkt, sondern Mittel zum Zweck ist.
Die Liste könnte noch endlos lange fortgesetzt werden. Wer sich - wie ich - mit Valery Gergiev und seinem Mariinsky-Theater beschäftigt, stößt in vielen Aufnahmen auf den Namen Konstantin Pluzhnikov und wird ihn wohl - wie auch ich es tat - unter Charaktertenor einordnen : Herodes, Schuisky, Schreiber in "Chowanschtschina", das sind doch typische Chraktertenorpartien. Doch Pluzhnikov sang auch "Traviata"-Alfredo und Lohengrin (Anfang der 90er Jahre in Essen auch Manrico!), und wenn man - wie ich gerade - seine frühen Aufnahmen hört, muß man zum Urteil kommen, daß er (im Gegensatz zu Stolze und Zednik) eine schöne, sogar italienisch geschulte Stimme besaß. Ihn hat seine von Persönlichkeit geprägte Darstellung, nicht eine unschöne Stimme zum Charaktertenor gemacht.
Aber ansonsten : unschöne bzw. farblose Stimme + besonders darstellungsbegabt = Charaktertenor!
Sune
Mime (28.03.2006, 17:13): Hallo miteinander,
Gerhard Unger,der unter meinem Namen schon zahlreiche Erfolge gefeiert hat,soll hier auch erwähnt sein.Sune hat ihn mit Recht als Buffo erwähnt,doch er sang auch im lyrischen Fach,den Baron Kronthal z.B.oder auch den komödiantischen Pedrillo.
Als Mime war er aber unzweifelhaft der Charaktertenor mit scharfer Stimme und zischend-geifernder Diktion,als er Siegfried nach dem Leben trachtete und dann natürlich den Kürzeren ziehen mußte.Ein Schwarzalbe eben.
Rolf Scheiwiller (29.03.2006, 09:09): Guten Tag mime.
Dein Interesse freut mich sehr! Wir von der Opernliga müssen zusammenhalten! Die Klavierfraktion ist übermächtig ! ( nur ein kleiner Scherz )
Ich behaupte mal, dass Gerhard Unger auf Tonträger ausschliesslich als Buffotenor eingesetzt ist.
Kann mich momentan einzig an seinen Pedrillo in der grandiosen Krips Einspielung mit Gedda u. Rothenberger erinnern. DER Pedrillo meiner Meinung nach!
Gruss. Rolf.
sune_manninen (29.03.2006, 10:37): Original von Mime Gerhard Unger,der unter meinem Namen schon zahlreiche Erfolge gefeiert hat,soll hier auch erwähnt sein.Sune hat ihn mit Recht als Buffo erwähnt,doch er sang auch im lyrischen Fach,den Baron Kronthal z.B.oder auch den komödiantischen Pedrillo.
Bei Gerhard Unger würde ich behaupten, wäre er ein paar Zentimeter größer gewesen, wäre er vorwiegend im lyrischen Fach eingesetzt worden. Nach Gerhard Stolzes Krankheit übernahm Unger in Hamburg von ihm den Oberon in Brittens Sommernachtstraum, eine Partie, die häufig von Countertenören gesungen wird. Die hohen Töne, die Stolze falsettiert hatte, nahm Unger imposant mit voller Bruststimme.
Manchmal sind es Zufälle, in welches Fach man eingeordnet wird. Ein gutes Beispiel ist für mich Manfred Jung, ein Sänger mit einem (wie ich finde) äußerst unschönen Organ, der aber aus Mangel an Heldentenören einige Jahre in Bayreuth und auch an der Met Partien des Heldentenorfachs sang, bis er dann dort landete, wohin er nach Meinung hingehört hatte : bei Partien wie Mime oder Hexe. Ein ähnlicher Fall ist Wolfgang Schmidt, auch er aus Mangel an "Helden" ein Tannhäuser und Siegfried, dabei als Herodes doch viel passender eingesetzt.
Wer erinnert sich noch an Wolfgang Fassler? Auch er ein Tenor mit eher unschönem Timbre. Als was wurde er eingesetzt? Nicht als Schuisky, Ägisth oder Herodes, sondern als Tristan (u.a.).
Eine Partie läßt sich schwer einem Fach zuordnen, das ist der Loge im Rheingold. Wer hat diese Partie nicht alles gesungen? Ludwig Suthaus (schwerer Held), Wolfgang Windgassen (lyrischer Held), Siegfried Jerusalem (leichter lyrischer Held), Peter Hofmann (siehe Jerusalem), Richard Holm (Mozart-Tenor), Stolze, Zednik, Clark usw. Hier kommt es wohl eher darauf an, wie persönlichskeitsstark der Sänger ist, diese Partie als Drahtzieher der Handlung zu formen.
Beste Grüße
Sune
Mime (30.03.2006, 09:19): Hallo Rolf,hallo Sune,
bei Wikipedia wird Unger als Charaktertenor geführt,was sicher angemessen ist.Er hat auch den Jaquino und den Steuermann auf Platte gesungen,er scheint mir außerdem der David schlechthin zu sein.
Fassler,leider schon lange tot durch Autounfall,war so ein Zwischenfachtenor.Im Verdi-Requiem hörte ich ihn mal die Tenorrolle singen und auch als Bacchus war er überzeugend.Das wäre aber auch die Grenze der Stimmbelastung gewesen(mit Rudolf Schock vergleichbar).Doch es mußte auch der tristan sein.Da sind schon andere Sänger daran gestorben,Jerusalem zB.
Zu Jung und Schmidt teile ich das Gesagte ohne Einschränkung.
Rolf Scheiwiller (28.03.2006, 10:18): Liebe Forumsmitglieder. Eine Frechheit sowas zu behaupten ? Warum besitzen die sogenannten Tenöre des Charakterfachs so selten schönes Stimmaterial ? Denken wir an grosse Interpreten dieser Gattung, dann kommen uns Namen wie Gerhard Stolze, Martin Vantin, Gerhard Unger oder Heinz Zednik in den Sinn.
Opern die für dieses Fach Rollen liefern sind z. B. Hänsel u. Gretel (Hexe ). Zauberflöte ( Monostatos ) In Wagners Ring oder im Wozzeck.
Charaktertenöre sind unverzichtbar! Ihre Darstellung der Rolle im Werk kann das Manko an Stimmschönheit vergessen machen.
Was meint Ihr zu dem Thema ?
Rolf.
sune_manninen (28.03.2006, 13:26): Original von Rolf Scheiwiller Warum besitzen die sogenannten Tenöre des Charakterfachs so selten schönes Stimmaterial ? Charaktertenöre sind unverzichtbar! Ihre Darstellung der Rolle im Werk kann das Manko an Stimmschönheit vergessen machen.
Ein interessantes Thema! Wann wird man Charaktertenor? Ich vermute, kein Tenor kommt als Charaktertenor auf die Welt (von den von Rolf genannten Sängern habe ich bis auf Vantin alle live gehört, und das teilweise zu einem frühen Zeitpunkt, als noch nichts von einem Charaktertenor zu sehen war.)
Gerhard Stolze hörte ich erstmals 1960 in Bayreuth, und zwar als David (Buffo) und als Loge (Charaktertenor). Kurze Zeit später war er in Hamburg als Belmonte (lyrischer Tenor) und Freischütz-Max (Zwischenfach) zu hören. Dann haben zwei einschneidende Ereignisse sein Leben verändert : eine Kinderlähmung, nach der er zeitweilig in Bayreuth auch Mini-Partien annahm) und der Mauerbau 1961. Wäre er im abgeschotteten Raum der damaligen DDR geblieben, hätte er vielleicht mehr Partien des lyrischen Fachs zu singen bekommen (er sang dort u.a. auch Ottavio!). Fazit : keine schöne Stimme, aber ein genialer Darsteller! Also : Charaktertenor.
Unger und Vantin überspringend, die ich mehr als Buffo einordnen würde, trifft vieles von dem, was ich über Stolze sagte, auch auf Heinz Zednik zu. Als ich ihn Mitte der 60er Jahre erstmals in Wien im "Don Carlos" hörte (Lerma), erschrak ich über die Häßlichkeit dieser Stimme. Auch sein David in Bayreuth (oder war es einer der Meister?) veranlaßte mich nicht, meine Meinung zu ändern. Erst als er im Chéreau-Ring ein faszinierender Loge und Mime war, wurde er zu dem, was wir heute unter Zednik verstehen - ein herausragender Menschendarsteller, bei dem die Stimme nicht Mittelpunkt, sondern Mittel zum Zweck ist.
Die Liste könnte noch endlos lange fortgesetzt werden. Wer sich - wie ich - mit Valery Gergiev und seinem Mariinsky-Theater beschäftigt, stößt in vielen Aufnahmen auf den Namen Konstantin Pluzhnikov und wird ihn wohl - wie auch ich es tat - unter Charaktertenor einordnen : Herodes, Schuisky, Schreiber in "Chowanschtschina", das sind doch typische Chraktertenorpartien. Doch Pluzhnikov sang auch "Traviata"-Alfredo und Lohengrin (Anfang der 90er Jahre in Essen auch Manrico!), und wenn man - wie ich gerade - seine frühen Aufnahmen hört, muß man zum Urteil kommen, daß er (im Gegensatz zu Stolze und Zednik) eine schöne, sogar italienisch geschulte Stimme besaß. Ihn hat seine von Persönlichkeit geprägte Darstellung, nicht eine unschöne Stimme zum Charaktertenor gemacht.
Aber ansonsten : unschöne bzw. farblose Stimme + besonders darstellungsbegabt = Charaktertenor!
Sune
Mime (28.03.2006, 17:13): Hallo miteinander,
Gerhard Unger,der unter meinem Namen schon zahlreiche Erfolge gefeiert hat,soll hier auch erwähnt sein.Sune hat ihn mit Recht als Buffo erwähnt,doch er sang auch im lyrischen Fach,den Baron Kronthal z.B.oder auch den komödiantischen Pedrillo.
Als Mime war er aber unzweifelhaft der Charaktertenor mit scharfer Stimme und zischend-geifernder Diktion,als er Siegfried nach dem Leben trachtete und dann natürlich den Kürzeren ziehen mußte.Ein Schwarzalbe eben.
Rolf Scheiwiller (29.03.2006, 09:09): Guten Tag mime.
Dein Interesse freut mich sehr! Wir von der Opernliga müssen zusammenhalten! Die Klavierfraktion ist übermächtig ! ( nur ein kleiner Scherz )
Ich behaupte mal, dass Gerhard Unger auf Tonträger ausschliesslich als Buffotenor eingesetzt ist.
Kann mich momentan einzig an seinen Pedrillo in der grandiosen Krips Einspielung mit Gedda u. Rothenberger erinnern. DER Pedrillo meiner Meinung nach!
Gruss. Rolf.
sune_manninen (29.03.2006, 10:37): Original von Mime Gerhard Unger,der unter meinem Namen schon zahlreiche Erfolge gefeiert hat,soll hier auch erwähnt sein.Sune hat ihn mit Recht als Buffo erwähnt,doch er sang auch im lyrischen Fach,den Baron Kronthal z.B.oder auch den komödiantischen Pedrillo.
Bei Gerhard Unger würde ich behaupten, wäre er ein paar Zentimeter größer gewesen, wäre er vorwiegend im lyrischen Fach eingesetzt worden. Nach Gerhard Stolzes Krankheit übernahm Unger in Hamburg von ihm den Oberon in Brittens Sommernachtstraum, eine Partie, die häufig von Countertenören gesungen wird. Die hohen Töne, die Stolze falsettiert hatte, nahm Unger imposant mit voller Bruststimme.
Manchmal sind es Zufälle, in welches Fach man eingeordnet wird. Ein gutes Beispiel ist für mich Manfred Jung, ein Sänger mit einem (wie ich finde) äußerst unschönen Organ, der aber aus Mangel an Heldentenören einige Jahre in Bayreuth und auch an der Met Partien des Heldentenorfachs sang, bis er dann dort landete, wohin er nach Meinung hingehört hatte : bei Partien wie Mime oder Hexe. Ein ähnlicher Fall ist Wolfgang Schmidt, auch er aus Mangel an "Helden" ein Tannhäuser und Siegfried, dabei als Herodes doch viel passender eingesetzt.
Wer erinnert sich noch an Wolfgang Fassler? Auch er ein Tenor mit eher unschönem Timbre. Als was wurde er eingesetzt? Nicht als Schuisky, Ägisth oder Herodes, sondern als Tristan (u.a.).
Eine Partie läßt sich schwer einem Fach zuordnen, das ist der Loge im Rheingold. Wer hat diese Partie nicht alles gesungen? Ludwig Suthaus (schwerer Held), Wolfgang Windgassen (lyrischer Held), Siegfried Jerusalem (leichter lyrischer Held), Peter Hofmann (siehe Jerusalem), Richard Holm (Mozart-Tenor), Stolze, Zednik, Clark usw. Hier kommt es wohl eher darauf an, wie persönlichskeitsstark der Sänger ist, diese Partie als Drahtzieher der Handlung zu formen.
Beste Grüße
Sune
Mime (30.03.2006, 09:19): Hallo Rolf,hallo Sune,
bei Wikipedia wird Unger als Charaktertenor geführt,was sicher angemessen ist.Er hat auch den Jaquino und den Steuermann auf Platte gesungen,er scheint mir außerdem der David schlechthin zu sein.
Fassler,leider schon lange tot durch Autounfall,war so ein Zwischenfachtenor.Im Verdi-Requiem hörte ich ihn mal die Tenorrolle singen und auch als Bacchus war er überzeugend.Das wäre aber auch die Grenze der Stimmbelastung gewesen(mit Rudolf Schock vergleichbar).Doch es mußte auch der tristan sein.Da sind schon andere Sänger daran gestorben,Jerusalem zB.
Zu Jung und Schmidt teile ich das Gesagte ohne Einschränkung.