Charles-Marie Widor - der Schöpfer der Orgelsinfonie
Tranquillo (02.05.2008, 22:19): Hallo zusammen,
heute möchte ich Euch einen Komponisten näherbringen, der zu Unrecht kaum bekannt ist: Charles-Marie Widor, Begründer der sogenannten "französischen Orgelschule" und Schöpfer der Orgelsinfonie.
Widor wurde 1844 in Lyon geboren. Sein Grossvater war Orgelbauer, sein Vater Organist an der Kirche Saint-François de Sales in Lyon. Widor begann seine Orgelstudien bei seinem Vater und studierte danach in Brüssel bei dem berühmten Organisten Jacques Nicolas Lemmens (1823-1881), dessen Spieltechnik über Adolf Hesse, J. N. Forkel und C. P. E. Bach bis auf Johann Sebastian Bach zurückging.
1870 wurde Widor Organist an der Pfarrkirche Saint-Sulpice in Paris, wo der Orgelbauer Aristide Cavaillé-Coll 1862 eine grosse Orgel erbaut hatte. Nachdem César Franck an den Folgen eines Unfalls gestorben war, wurde Widor 1890 sein Nachfolger als Professor für Orgelspiel am Pariser Konservatorium, später erhielt er dort auch eine Professur für Komposition. Zahlreiche bekannte Komponisten und Organisten waren seine Schüler, u. a. Louis Vierne, Arthur Honegger, Darius Milhaud, Marcel Dupré, Edgar Varèse und Albert Schweitzer. Wegen seiner Kompositions- und Lehrtätigkeit gilt Widor als Begründer der "französischen Orgelschule".
Widor komponierte zahlreiche Werke für Orgel und Klavier, Kammermusik, sinfonische und geistliche Werke, heute werden jedoch fast ausschliesslich seine zehn Orgelsinfonien gespielt, eine neue Form, die er selbst geschaffen hatte. Am bekanntesten ist der Finalsatz der Sinfonie Nr. 5, eine virtuos-effektvolle Toccata, die sich wohl auf fast jeder "Organ Spectacular"-CD findet.
Bei den Orgelsinfonien ging es Widor nicht darum, den Klang eines Sinfonieorchesters mit der Orgel nachzuahmen (ein weit verbreitetes Missverständnis), sondern eine sinfonische Grossform für die Orgel zu schaffen und sie so als ein dem Orchester ebenbürtiges Instrument mit eigenen Charakteristika zu etablieren. Hierbei kamen ihm die Eigenschaften der grossen Orgeln von Cavaillé-Coll besonders entgegen, und Widors Sinfonien wären wohl kaum ohne diese Instrumente denkbar gewesen.
Die zehn Sinfonien lassen sich in drei Gruppen einteilen:
- Nr. 1 - 4 (op. 13 Nr. 1 - 4), 1872 herausgegeben und Cavaillé-Coll gewidmet - Nr. 5 - 8 (op. 42 Nr. 1 - 4), 1887 herausgegeben - Nr. 9 "Gothique" (op. 70, 1895) und Nr. 10 "Romane" (op. 73, 1900) über gregorianische Themen
Die erste Gruppe beinhaltet Frühwerke, die wohl eher als Suiten denn als Sinfonien zu bezeichnen wären (sie wurden später teilweise umfangreich von Widor überarbeitet). Die Werke der zweiten Gruppe zeigen Widor auf der Höhe seiner kompositorischen Meisterschaft, sowohl in der Kontrapunktik als auch in der Ausnutzung der klanglichen Möglichkeiten der Orgel. Die Werke der dritten Gruppe haben einen eher introvertierten, spirituellen Charakter und einen freieren Stil; hier verwendete Widor Themen aus gregorianischen Gesängen.
Erst 1934, im Alter von 90 Jahren, legte Widor sein Amt als Organist an Saint-Sulpice nieder. Im gleichen Jahr komponierte er sein letztes Werk, die Trois Nouvelles Pièces op. 87 für Orgel. Drei Jahre später starb er.
Cavaillé-Coll-Orgel der Pfarrkirche Saint-Sulpice in Paris - hier war Widor 64 Jahre lang Organist
Viele Grüsse Andreas
HenningKolf (04.05.2008, 08:52): Vielen Dank für die Fadeneröffnung!
Leider muss ich gestehen, dass ich zwar den Namen des Komponisten schon gehört habe, Kompositionen von ihm aber noch nie. Ich bin allerdings auch kein Liebhaber der Orgelmusik.
Falls dennoch mal ein Kennenlernen geplant sein sollte:
Welche Aufnahme kannst Du zum "Einstieg" empfehlen?
Gruß Henning
Tranquillo (04.05.2008, 12:36): Original von HenningKolf Leider muss ich gestehen, dass ich zwar den Namen des Komponisten schon gehört habe, Kompositionen von ihm aber noch nie. Ich bin allerdings auch kein Liebhaber der Orgelmusik. Hallo Henning,
wie bereits erwähnt: Widor hat auch Kammermusik und Orchesterwerke komponiert, leider gibt es davon aber nur sehr wenige Aufnahmen. Hier wäre sicher noch einiges wiederzuentdecken.
Welche Aufnahme kannst Du zum "Einstieg" empfehlen?
Sehr empfehlenswert (wenn auch leider nicht ganz preiswert) ist die Aufnahme von Widors Orgelwerken auf 7 CD's beim Label MDG mit dem Organisten Ben van Oosten. Er ist ein Spezialist für diese Musik, hat beim gleichen Label u. a. auch die Orgelwerke von Guilmant und Vierne eingespielt und verwendet für die Aufnahmen Cavaillé-Coll-Orgeln, von deren klanglichen Möglichkeiten Widor ausging und die - im Vergleich zu modernen Orgeln - einen sehr charakteristischen Klang haben. Für den Einstieg gut geeignet ist Vol. 3 mit den Sinfonien Nr. 5 und 6:
zunächst mal meinen Dank für diese vergangene Threaderöffnung, welche mich persönlich sehr gefreut hat, als ich sie entdeckte und mit ein Grund war mich hier registrieren zu lassen. :thanks
Widor ist zwar kein Unbekannter, aber den meisten sind wahrscheinlich nur ein paar Brocken aus seinen Orgelwerken geläufig. Es lohnt daher sicher nicht sein Schaffen in Werkgruppen aufzuspalten und weitere Threads zu eröffnen. Ich möchte an einer Feststellung von Dir aus dem Mai dieses Jahres anknüpfen und gleichzeitig Deiner Aussage voll und ganz zustimmen:
Widor hat auch Kammermusik und Orchesterwerke komponiert, leider gibt es davon aber nur sehr wenige Aufnahmen. Hier wäre sicher noch einiges wiederzuentdecken.
Mein Eigen ist so manche Gesamtaufnahmen der 10 Orgelsymphonien, aber irgendwann möchte man von Widor dann doch mehr kennenlernen. Ich möchte versuchen in der nächsten Zeit hier einige Aufnahmen von selten gespielten Werken Widors vorzustellen. Dabei wird es sich sowohl um Orchesterstücke als auch Kammermusikwerke handeln. (Es würde mich freuen, wenn einige von Euch etwas davon kennen und Ihre Meinungen oder Ergänzungen dazu äußern.)
Am seltensten finden sich Klavierwerke von Widor auf dem Markt. Genauer gesagt kenne ich nur eine einzige(!) CD bei der etwa die Hälfte der Spielzeit mit Stücken für Klavier belegt ist. Mit dieser möchte ich auch beginnen:
Inhalt: -) 6 Duos pour orgue et piano -) 3 Valses charactéristiques pour piano, op. 26 -) Conte d’Automne pour piano, op. 42/22 -) Suite polonaise pour piano, op. 51 -) Kermesse carillonnante pour piano, op. 71/3
Bestellbar ist die CD eigentlich nur beim Label selbst unter http://www.edition-lade.at . In der Zeitschrift „Organ – Journal für die Orgel“ gab es einmal in der Ausgabe Nr. 03/2002 eine Rezension, die ich Euch nicht vorenthalten möchte:
Die auf dieser CD der Edition Lade erstmals eingespielten Werke Charles-Marie Widors für die extravagante Duo-Kombination Klavier und Orgel waren – wie nicht selten in der Spätromantik – originär für die Besetzung Klavier und Harmonium gedacht und changieren gattungsmäßig zwischen Salon- und Kammermusik. Dabei haben sich die Ausführenden, Irmtraud und Felix Friedrich, für eine nicht-historisierende Besetzungslösung entschieden: Die romantische Schwarz-Orgel (II/16) der Immanuel-Kapelle in Bremen-Walle steht dem modernen Bösendorfer-Konzertflügel „Imperial“ gegenüber.
Beide MusikerInnen präsentieren sich als kammermusikalisch aufeinander eingespieltes Team, das sich der Partitur gewachsen zeigt – wobei der Klavierpart technisch wesentlich anspruchsvoller als der Orgelpart ist. Irmtraud Friedrich spielt ferner vereinzelte Solostücke Widors für Klavier, die - neben ihrer Nähe zur gefälligen Salonmusik – eine Affinität zum Klavierstil Robert Schumanns aufweisen. Eine organophile Rarität bietet die Adaption des zweiten Satzes der bekannten fünften Orgelsinfonie op. 42.2 für Klavier solo unter dem Titel „Conte d’Automne“ („Herbsterzählung“) – im Tempo leider etwas sehr zaghaft interpretiert. Unter den Händen der technisch versierten Pianistin klingt der Bösendorfer-Flügel indes häufig unangenehm, untypisch hart; der Hörer vermisst ein romantisches Ausloten der zarten dynamischen Binnenbereiche im Piano bis Pianissimo.
Zum Manko dieser Aufnahme wird dieser Umstand bei den hier recht akademisch musizierten Sechs Duos: der überlange Konzertflügel (mit Aliquotseitenbespannung im erweiterten Bass) erscheint oft zu dominant im Vergleich zu der diskret musizierenden, klanglich gleichwohl passend ausgewählten Orgel; in der Klavierbegleitung zur melodisch führenden Orgel stört dieses Missverhältnis empfindlich und wäre u.U. auch ein wenig besser abzumischen gewesen. Dann würden möglicherweise auch die klanglichen Vorzüge der Orgel auf dieser Aufnahme besser zu hören gewesen sein.
Dennoch bleibt diese Aufnahme des gleichwohl hohen Repertoirewerts mit Blick auf die verdienstvolle Ersteinspielung des lohnenden Repertoires jedem Orgelfreund und Liebhaber Widor’scher Musik wärmstens zu empfehlen. Im gut bebilderten Booklet gibt der Interpret interessante Informationen zum Repertoire und zur instrumentellen Realisierung dieser Aufnahme. (Jean-Claude Kaegi: 2 von 5 Orgelpfeifen (befriedigend))
IMO lohnt es sich auf alle Fälle diese sehr selten gespielten Werke von Widor für Klavier zu hören. Jedes Stück zeichnet sich durch eine solch‘ wunderschöne Melodik aus, dass diese gleich im Ohr bleibt. Sicherlich nichts für jeden Tag, aber manchmal ist mir einfach danach in leichten französischen Melodien zu schwelgen.
Welche Klavierwerke Widors schlummern noch um entdeckt zu werden? Eine sehr gute Werkliste findet sich hier: http://fr.wikipedia.org/wiki/Widor
Leider scheint in der Musikindustrie kein Interesse vorhanden zu sein, diese vergessenen Stücke aus dem Dornröschenschlaf zu wecken. Vielleicht kann man ja für das Jahr 2037 beim 100. Todestag oder das Jahr 2044 beim 200. Geburtstag des Komponisten auf derartige Einspielungen hoffen… :ignore
Servas, Thomas
P.S.: Wer sich zu sehr an der Instrumentenwahl bei den „Six duos“ stört (Bösendorfer-Imperial + Orgel), dem sei diese Einspielung empfohlen (Kawai-Klavier + Mustel-Harmonium), die ich persönlich auch bevorzuge:
Saint-Saens + Franck + Widor „L’orchestre dans le salon“ Johannes Michel + Ernst Breidenbach 1997 Christophorus 2007
Sie enthält weiters die „Six duos op. 8“ von Saint-Saens und „Prélude, fugue et variation op. 18“ von Franck – alles in vorzüglicher Harmonie der beiden Duopartner.
(Ich hoffe mein 1. Posting haut hin, wie ich es mir vorstelle!) :hello
Jürgen (22.10.2008, 11:18): Original von Tranquillo Am bekanntesten ist der Finalsatz der Sinfonie Nr. 5, eine virtuos-effektvolle Toccata, die sich wohl auf fast jeder "Organ Spectacular"-CD findet.
Ich habe diese Toccata zwar nicht auf einem Orgel-Sampler, aber als Zugabe für die Orgel-Bilder auf dieser CD (schönes Cover übrigens, wie ich finde) kennengelernt: http://www.geocities.jp/qqbjj485/XPX/image/Asselin.jpg
Sehr hübsch mit ordentlich drive, möchte ich jedoch nicht jeden Tag hören.
Darüber hinaus kenne ich von Widor nichts. :B
Grüße Jürgen
thwinter12 (22.10.2008, 20:45): Hallo allen,
als Nachtrag noch die Daten der gestern vorgestellten CD aus der Edition Lade (vergaß ich unter das Bild zu setzen ?( ):
Charles-Marie Widor „Six duos pour harmonium et piano & Oeuvres de piano“ Irmtraut und Felix Friedrich 1997 Edition Lade 1999
Servas, Thomas
thwinter12 (20.12.2008, 12:29): Lieber Andreas,
hier in Deinem zweiten Posting hast Du ja bereits die MDG-Einspielung sämtlicher Orgelwerke von Charles-Marie Widor durch Ben van Oosten erwähnt. Nicht umsonst gilt er als "eingefleischter" Widor-Experte, denn er hat auch eine umfangreiche Monographie über den Komponisten verfasst: :down :down :down :down
Ben van Oosten "Charles-Marie Widor - Vater der Orgelsymphonie" Verlag Peter Ewers Paderborn 1997 ISBN 3-928243-04-7 688 Seiten :down :down :down :down (Mehr Infos gibt's unter http://www.vpe-web.de)
Leider ist diese „Widor-Bibel“ schon ziemlich lange vergriffen und es wird auch schon ziemlich lange eine Neuauflage in Aussicht gestellt, die bis dato aber nicht erfolgt ist! :S :I
Hast Du ev. diesen Schmöker und könntest ein paar Worte darüber schreiben? (Oder besitzt ihn ein anderes Forenmitglied und kann sich dazu äußern?) Ich habe eigentlich nur Gutes über die Arbeit gehört, konnte sie aber leider noch nirgends auftreiben und muss mich daher mit den (auch guten!) MDG-Booklettexten von Van Oosten begnügen... :I
Servas, Thomas
Peter Brixius (23.11.2010, 14:20): http://ecx.images-amazon.com/images/I/518541s5NOL._SS500_.jpg
Dank der Empfehlung von Armin70 dringe ich vorsichtig und nicht ohne Widerstände in die Klangwelt von Widor ein. Eine Hilfe ist mir auch die DRS2-Sendung über die "Orgelsinfonie".
Widerstände zu überwinden, hat mir schon immer besondere Freude verschafft, auch und nicht zuletzt, wenn es meine eigenen inneren Widerstände sind. Zum einen bin ich Orgelmusik (außer barocker) eher aus dem Weg gegangen, zum anderen habe ich meine Probleme französischer Musik nach Berlioz und vor Debussy/Ravel. Dass ich nun beides angehe - und gar in Kombination - zeigt, dass da der Widerstand schon mehrfach unterlaufen wurde und ich beginne, nun Schlussfolgerungen zu ziehen
Was Widor angeht, so finde ich Einiges an Anhaltspunkten meiner Reserven in dem, was ich bei DRS gehört habe. Da fällt in einem Nebensatz das Wort vom "Kunsthandwerk", anderswo der Hinweis auf "Geselligkeit", "Salon" u.ä, dann wieder vom "Schulmeisterhaften". Dagegen werden Komponisten gehalten, bei denen man mehr Persönlichkeit im Werk finden kann.
Ich halte all diese Anspielungen mindestens unfair, wenn nicht überhaupt falsch. Ein wenig werde ich an die Darlegungen im Kitsch-Thread hinsichtlich einer geforderten "Authentizität" erinnert, eine Musikauffassung, die einer Musik übergestülpt wird, die nicht dafür gemacht worden ist.
Abgesehen davon fand ich die DRS-Sendung für mich sehr informativ (auch wenn ich hin und wieder anderes denke). Vor allem die Paradoxien der Aufzeichnung eines Orgelkonzertes - die Schwierigkeiten, die zwischen Nähe am Instrument, die ja dem Erlebnis wiederspricht, und Raumgefühl, das wieder die Linien verwischt, der Unterschied des Hörens, das bei Organist und Publikum von der Hörposition entsteht - diese Bemerkungen haben mein Hören bewusster gemacht.
Ich gewinne immer mehr Freude an dem Werk, gewöhne mich immer weiter an den Orgelklang. Vielen Dank an Achim70, der den letzten Anstoß gegeben hat, dass ich mich nun um Widor bemühe.
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (23.11.2010, 19:35): Inzwischen habe ich die fünfte Orgelsinfonie mit Kaunzinger gehört. Die DRS-Sendung hat mir auch insofern geholfen, dass ich hinter die Kulissen von Werk und Interpretation schauen konnte.
Da war Armin70s Rat für mich goldrichtig, mit Orgel und Interpretation kam ich gut zurecht, viele der Punkte, die in der Sendung angesprochen wurden, waren beispielhaft gelöst. Auch wenn ich bestimmt noch zwei-, dreimal die Orgelsinfonie hören muss, um mehr von den Feinheiten zu hören, ist sie mir Satz für Satz vertraut geworden. Denn bei aller Brillanz des Schlusssatzes, die anderen haben Spannendes zu bieten.