Chopin: Die Balladen

Zelenka (16.08.2006, 16:51):
http://inkpot.com/classical/people/chopin5.jpg


Für Cosima

Nachdem Cosima kürzlich einen Faden zu Brahms' Opus 10 eröffnet hat, liegt es doch einigermaßen nahe, sich dem "Erfinder" des musikalischen Genres zuzuwenden und Chopins jeweils einzeln veröffentlichte Balladen und ihre Einspielungen hier zu behandeln. (Zum anderen sollte wohl in diesem Forum ohnehin endlich etwas mehr über Chopin geschrieben werden …) So formal frei und unbeschwert wie ursprünglich Chopin haben allerdings die späteren Komponisten von Balladen (nach Brahms z.B. Liszt, Grieg, Fauré und Franck) in der Regel nicht mehr gearbeitet, Brahms und andere bedienten sich z.B. einer dreiteiligen Liedform.

Die Ballade ist zur Zeit Chopins natürlich erst einmal ein literarisches Genre gewesen (das letztlich über viele Stationen aus dem mittelalterlichen Tanzlied herstammt). In der Musik gab es ausschließlich Vertonungen von Balladen für Stimme und Begleitung. Chopin neuerte, indem er eben nur auf dem Klavier eine Geschichte zu erzählen versuchte. Inwieweit er dabei im einzelnen von den "Litauischen Balladen" seines Landsmanns Mickiewicz inspiriert wurde, ist besonders in neuerer Zeit ein stark umstrittenes Thema, das auch schon kurz anderswo hier im Forum angesprochen worden ist anläßlich der Vorstellung der Box mit Aufnahmen von Cortots Meisterklassen (Sony BMG). (Cortot zieht zusätzlich auch noch Begebenheiten aus Chopins Leben wie z.B. eine prospektive Verlobung in Betracht.) Chopin selbst hat keinerlei Hinweise hinterlassen, welche Balladen von Mickiewicz ihn konkret inspiriert haben könnten. Die Zuweisungen, die noch heute im Umlauf sind, stammen wohl aus Chopins Freundeskreis. Gegenüber Schumann soll der Komponist geäußert haben, daß Mickiewicz ihn angeregt habe. Spezifische Hinweise auf bestimmte Balladen des Dichters gab es auch gegenüber Schumann nicht. Der Musikologe Charles Rosen lehnt dann auch diese Tradition eines konkret-programmatischen Verständnisses der Balladen ab. Die lyrischen, epischen und virtuos-dramatischen Passagen blieben folgerichtig ohne außermusikalische Verknüpfungen mit literarischen Vorlagen. Trotzdem sei hier kurz auf die Balladen hingewiesen, an die Chopin gedacht haben soll:

Ballade op. 23: "Konrad Wallenrod" (eigentlich keine Ballade bei Mickiewicz): Wallenrod erzählt von Rache, die die Mauren an den Spaniern genommen hätten, die sie unterdrückten, indem sie mit falscher Freundlichkeit sich näherten und sie dann mit Pest und Lepra ansteckten. Wallenrod droht Gästen bei einem Fest an, daß er mit den Feinden Polens ähnlich verfahren würde.

op. 38: "Switez": Hier verwandeln sich Jungfern in Wasserlilien, um anrückenden "russischen Horden" zu entgehen.

op. 47: Diese Ballade wird traditionell mit "Undine" in Verbindung gebracht, obwohl es ein Gedicht mit diesem Titel von Mickiewicz nicht gibt. Möglich wäre eher "Switezianka", das auch ein wässriges Thema hat mit einer Art von Undine.

op. 52: "Die drei Budrys": Drei litauische Brüder, die von ihrem Vater auf Beutezug geschickt werden und nicht mit Gold etc. zurückkehren, sondern mit (den begehrenswerten) polnischen Bräuten.

Ich habe diesen Faden nicht eröffnet, weil ich eine besonders große Auswahl an Einspielungen habe, denn ich habe peinlichwerweise nur drei Gesamtaufnahmen und einige Einzelstücke:

Katsaris Teldec Digital Experience 9031747812
Perahia Sony SK64399
Vladar Harmonia Mundi HMC905260
op. 23: Backhaus Artone 222362354
op. 23: Rubinstein RCA Red Seal 2 CD Twofer 74321341752
op. 23: Vásáry DG Compact Classics 4131462
op. 23: Horowitz RCA Red Seal Artists of the Century 74321634712
op. 38: Gavrilov Philips Great Pianists of the 20th Century 4567872
op. 47: Rachmaninov Philips Great Pianists of the 20th Century 4569432
op. 47: Katchen Philips Great Pianists of the 20th Century 4568562
op. 47: Kempff Decca The Classic Sound 4523082
op. 47: Moiseiwitsch Philips Great Pianists of the 20th Century 4569072
op. 47: Richter RCA Red Seal 09026638442
op. 52: Solomon Philips Great Pianists of the 20th Century 4569732
op. 52: Moiseiwitsch Philips Great Pianists of the 20th Century 4569072
op. 52: Moravec Philips Great Pianists of the 20th Century 4569102

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/7208071.jpg

Ich halte Perahias Aufnahme (1994) für nahezu ideal: poetisch und klar im Detail zur gleichen Zeit. An die neuere Aufnahme von Vladar (1994) habe ich mich immer noch nicht ganz gewöhnen können. Er ist insgesamt langsamer und betont Details zuweilen auf Kosten einer erzählerischen Gesamtsicht. Katsaris (1984) ist technisch erwartungsgemäß brilliant, vielleicht ein wenig auf Kosten einer wirklich poetischen Gesamtsicht. Von den Aufnahmen von einzelnen Balladen schätze ich besonders Rubinstein, Rachmaninov und Moravec. Und damit gebe ich das Wort erst einmal ab.

Gruß,

Zelenka
AcomA (16.08.2006, 22:28):
lieber Jan Dismas,

herzlichen dank für diesen schönen thread ! ja, chopins balladen liebe ich auch sehr. als schüler machte ich natürlich zügig bekanntschaft mit der ersten. die interpretationen arthur rubinsteins, vladimir horowitz' und ABM's haben sich engrammiert. danach folgten die übrigen balladen. meine lieblingsballade ist die vierte mit der langen pause vor der coda ! f-moll.

hier meine empfehlungen:

nr.1: ABM, pollini, ivan moravec

nr.2: ivo pogorelich, jorge bolet

nr.3: arthur rubinstein

nr.4: claudio arrau, josef bulva, ivan moravec

live hörte ich den gesamten zyklus mit f.r. duchable, spitze !

gruß, siamak :engel
Jeremias (16.08.2006, 23:06):
@ Siamak: Wann hast Du mit Duchable live den ganzen Zyklus gehört? In Wuppertal? Kann nicht sein, wir haben den ersten Teil verpasst :haha

Ich habe den Zyklus 2x live gehört: Das erste Mal mit Michael Ponti, der eine beachtsame Leistung ablieferte und einmal mit Pollini. Ich erinnere mich, dass die Diskussionen danach sehr lebhaft waren. Meine Lehrerin und ihre Familie konnten mit der Interpretation nichts anfangen (die akzeptieren sowieso nur Kissin), ich war selber etwas befremdet, aber andererseits doch wieder sehr beeindruckt. Die 1. Ballade spielte er im vergangenen Jahr als Zugabe, reif und doch frisch wie in seiner EMI-Einspielung. Die 1. Hörte ich mit ihm zusammen mit der 4. auch bei meinem ersten Konzert des Maestros im März 97, ich war begeistert! Weitere wunderbare Balladen-Erlebnisse hatte ich u.a. mit Krystian Zimerman, den ich mit der 3. und der 4. live hören durfte. Einst sagte er mir in einem Gespräch, die zweite sei die schwerste. Dies war sehr interessant, da ich damals gerade an ihr arbeitete. Sie ist wirklich sehr schwer, denn sie ist sehr unpianistisch geschrieben, sie verlangt immens große Hände und dennoch immer noch Treffsicherheit, auch die Intervalltrille sind "sauschwer" (wie gut, dass man das durch das Pedal etwas kaschieren kann!) und auch das Finale verlangt vom Pianisten einiges. Die 1. Ballade ist ein "Klassiker", diese erlernte ich im Gegensatz zur 2. Ballade auch recht schnell nach dem Abitur. Gut, ich hatte ja auch Zeit :D Diese Ballade verlangt doch einiges mehr an Musikalität als die erste. Technisch anspruchsvoll wird es v.a. im Mittelteil, wenn man perlende läufe in der rechten und doch recht unbequeme Akkordsprünge in der linken Hand hat. Am besten lag mir bisher die 3. Ballade in As-Dur. Hieran reizt vor allem, dass man gerade in der linken Hand immer wieder unbekannte Melodien oder Melodiefragmente entdeckt. Auch nach Jahren verbirgt diese Ballade noch Geheimnisse. Zudem hat sie ein wunderbares Finale, in welchem man auch ruhig einmal das Volumen des Flügels ausnutzen darf. Die 4. habe ich noch nicht ganz bearbeitet, sie verlangt einen immensen Zeitaufwand. Interessanterweise beinhaltet sie einige Elemente der Etüden, so aus op. 25 Nr.12. Zudem ist sie die einzige der Balladen, die das Anfangsthema variiert. Auch hier lässt sich gestalterisch sehr viel machen. Zu meinen Lieblingsaufnahmen werde ich mich noch äußern. Soviel vorab: Perahia ist sehr sehr gut, Zimerman ist göttlich! Da können nicht einmal Pollini oder Rubinstein konkurrieren. Zimerman holt in puncto Klangfarbe am meisten aus den einzelnen Balladen heraus. Alles in allem spiele und höre ich sie immer wieder gerne. Momentan frische ich die 1. Ballade wieder auf.
AcomA (17.08.2006, 10:14):
lieber Jeremias,

an dem abend spielte duchable in wuppertal beide klavierkonzerte, die balladen und scherzi komplett ! es stimmt, den ersten teil verpassten wir. dann haben wir halt alle scherzi gehört. jedenfalls war es weltklasse !

gruß, siamak :)
Rachmaninov (17.08.2006, 10:20):
@Zelenka,

danke für die schöne Eröffnung des Themas. Nicht nur weil Du, wie zurecht von Dir angemerkt, es Zeit wurde hier mehr auf das Schaffen von Chopin hinzuweisen.

Sehr interessant finde ich auch die "Hintergrundinformationen", die mir bisher nicht bekannt waren, da ich (Schande auf meine Haupt), mich bisher eher wenig mit Chopin befasst habe. Sicherlich ein Fehler.

Was Aufnahmen angeht so fällt mir momentan nur eine einizige Aufnahme ein die ich besitze und auf der die Balladen drauf sind.

Es ist die helios Aufnahme mit Demidenko.
(Jeremias wird bestimmt die Hände über den Kopf schlagen!!!!)
Rachmaninov (17.08.2006, 10:21):
@Jeremias,

Du hast Zimerman getroffen und konntest Dich mit ihm über die Balladen austauschen? :cool
Jeremias (17.08.2006, 10:28):
@ Siamak: Nein, Du irrst Dich! Auf dem Programm standen die beiden Konzerte sowie die 4 Balladen. Wollen wir um eine CD unserer Wahl wetten? Und wir hörten dann das 1. Konzert mit der Kammerakademie Neuss sowie 2 Balladen. Wir haben uns doch damals in W'tal verfahren und nach dem Weg gefragt und waren völlig erstaunt, als dieser Herr plötzlich angefangen hat Dich zu duzen :cool

@ Admin: Ja, ich habe Zimerman nach einem Konzert in Wuppertal getroffen. An dem Abend wurde er mein personal favourite. Er spielte Pathétique und Waldstein sowie Chopins Ballade As-Dur und die 3. Sonate und als Zugabe die Etüde cis-moll op.2 Nr.1 von Skrijabin. Anschließend ging ich mit einer Sandkastenfreundin nach oben in seine Garderobe (hier sollte ich ein Jahr später auch Igor Oistrakh kennenlernen dürfen....) und er nahm sich für jeden einzelnen "Fan" ein paar Minuten Zeit. Ein unglaubliches Erlebnis! :engel
Cosima (17.08.2006, 19:55):
Lieber Zelenka,

habe herzlichen Dank für den schönen Eröffnungsbeitrag zu den Balladen. Und auch für die Widmung – ich war ganz gerührt, sie zu lesen. :engel

Heute war also Balladen-Tag. Quergehört habe ich mich durch Einspielungen dieser Pianisten:

Nr. 1: Horowitz, Michelangeli und Bulva
Nr. 2: Ashkenazy und Richter
Nr. 3: Askenase, Katchen und Richter
Nr. 4: Moravec (2002), Horowitz und Cziffra

An Gesamtaufnahmen hörte ich Moravec (Supraphon, 1965) und Pollini (DG).

Wirklich negativ fiel mir einzig Bulvas Interpretation auf, alle anderen sind m.E. mehr oder minder schön anzuhören. Meine Favoriten sind übrigens die 1. und 4. Ballade. (Im Moment höre ich jedoch lieber die Brahms-Balladen, vielleicht weil Brahms mir derzeit emotional näher steht.)

Als Gesamtzyklus ziehe ich eindeutig Moravecs Aufnahme der von Pollini vor. Sie gefällt mir so gut, dass ich danach nie wieder nach einer Alternative suchte.

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/4947365.jpg

Gruß, Cosima
Rachmaninov (17.08.2006, 21:58):
Original von Jeremias
Interessanterweise beinhaltet sie einige Elemente der Etüden, so aus op. 25 Nr.12. Zudem ist sie die einzige der Balladen, die das Anfangsthema variiert. Auch hier lässt sich gestalterisch sehr viel machen.

Eben habe ich mir erstmal intensiv die Balladen angehört. Spontan gefällt mir eben diese 4. Ballade mit der Variation des Anfangsthemas ausgesprochen gut.

Ob Demidenko, den ich ja sehr schätze, der ideale Pianist ist werde ich sicherlich bald anhand von Vergleichsaufnahmen für mich bewerten können :engel
fohlenfanatiker (17.08.2006, 22:44):
So ein Zufall, ich hatte vor kurzem zufällig von Jeremias bei ebay die Präludien und die Balladen von Vladar ersteigert, gestern kamen sie an und gestern eröffnete Zelenka diesen Thread. Das war übrigens das zweite mal, dass ich von Jeremias über ebay etwas ersteigert habe.
Nun, Vladar von Harmonia mundi ist wie Zelenka so schön beschrieben hat:
Er ist insgesamt langsamer und betont Details zuweilen auf Kosten einer erzählerischen Gesamtsicht. So empfinde ich es auch, ist mir einfach manchmal zu langsam.
Als Gesamteinspielung besitze ich noch Zimerman und der sagt mir noch etwas mehr zu.
Ballade Nr. 1 hab ich dann noch von Horowitz (in London) und von ABM (DG + aura)
Ballade Nr. 4 auch von Horowitz (At the Met)
Mit den Horowitzaufnahmen lernte ich die Balladen erst kennen und kannte lange keine anderen Aufnahmen. Eigentlich finde ich alle durchaus gelungen und kann von keiner wirklich abraten.
Jeremias (18.08.2006, 00:19):
Ich habe heute morgen die Gunst der Stunde genutzt und bei meinen eltern einmal 2 Stunden intensiv an der 1. Ballade gefeilt unter Ausnutzung des großen Flügels. Ich muss sagen, erst da kommt der ganze Klang zur Entfaltung, es hat mir unglaublichen Spaß gemacht. Mir fällt zudem auf, dass ich gerade diese Ballade jedes Mal anders spiele. es gibt so viele Möglichkeiten der Interpretation. Allerdings sieht das "Grundgerüst" jedes Mal gleich aus. Aber wie heisst es in der Werbung ansonsten? "Entdecke die Möglichkeiten"
Zelenka (27.08.2006, 15:26):
Ich habe mich weiter oben in meiner Einführung für Murray Perahia ausgesprochen. Er bleibt meine Spitzenempfehlung, nachdem ich heute morgen zwei weitere ganz exzellente Neuerwerbungen gehört habe:

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/5056466.jpg

und

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/4947365.jpg

Die beiden Herren Zimerman und Moravec lassen sich deutlich mehr Zeit als Murray Perahia für ihre Durchgänge, marginal werden Details bei beiden stärker beleuchtet und betont, letztlich dann aber auf Kosten eines völlig überzeugenden Vorwärtsimpulses. Was die Farbigkeit des Spiels und die Dynamik angeht, befinden sich alle drei Aufnahmen auf demselben hohen und höchsten Niveau. Oben fand Jeremias Perahia "sehr sehr gut" und Zimerman "göttlich", ich ordne die Attribute umgekehrt zu.

Gruß,

Zelenka
Ganong (27.08.2006, 18:22):
Aus meiner Hörweise und meinem Werkzugang folgende Empfehlungen :

Samson Francois (EMI )

u n d

Vladimir Horowitz mit der ersten Ballade .

Pogorelich, von dem wir ja wohl nichts mehr erwarten dürfen, ist von den "modernen" Aufnahmen sicherlich die in jeder Beziehung aufregendste und/aber aufreizendste .

Moravec, der viel zu spät hier und viel zu langsam bekannt(er) wird, ist ein grosser Meister des tiefsinnigen Schönklanges.

Grüsse ,

Frank
Jeremias (29.08.2006, 11:58):
@ Zelenka: Ich denke, es ist Geschmackssache. Die Perahia-Aufnahme habe ich nicht zu Hause, mein Vater hat sie jedoch. Im FonoForum bekam er damals beste Kritiken. Ansonsten wähle ich meist doch eher spontan aus, wen ich höre, es muss nicht immer Zimerman sein. Auch Pollini ist sehr interessant, moravec ist nicht zu vergessen oder die Einspielung Kissin's bei RCA.
Zelenka (29.08.2006, 16:27):
Original von Jeremias
@ Zelenka: Ich denke, es ist Geschmackssache. Die Perahia-Aufnahme habe ich nicht zu Hause, mein Vater hat sie jedoch. Im FonoForum bekam er damals beste Kritiken. Ansonsten wähle ich meist doch eher spontan aus, wen ich höre, es muss nicht immer Zimerman sein. Auch Pollini ist sehr interessant, moravec ist nicht zu vergessen oder die Einspielung Kissin's bei RCA.

Ja, wie immer ist es natürlich auch Geschmackssache. Perahia, Zimerman und Moravec, ich hoffe, das war klargeworden, stehen für mich auf gleichhohem Niveau.

Gruß,

Zelenka
Gamaheh (25.10.2006, 12:40):
Original von Jeremias
Am besten lag mir bisher die 3. Ballade in As-Dur. Hieran reizt vor allem, dass man gerade in der linken Hand immer wieder unbekannte Melodien oder Melodiefragmente entdeckt. Auch nach Jahren verbirgt diese Ballade noch Geheimnisse.

Hallo Jeremias,

das, was Du über die Möglichkeiten der linken Hand sagst, habe ich mal sehr eindrucksvoll in einer Konzertaufnahme von Philippe Bianconi (auf einem Hammerklavier der Fa. Erard von 1859 oder so) gehört: Ich war vollkommen hingerissen, fast klang sie wie ein ganz neues Stück (nachdem man sie so häufig gehört hatte) - ungeheuer kraftvoll und sehr überzeugend! (Leider kommt man an diese Aufnahme partout nicht heran.)
Gerade habe ich mir die Aufnahmen, die ich zur Hand habe (allerdings unter extremer Lärmbelästigung von außen) noch einmal angehört (Pollini, Hough, Kissin, Martin Stadtfeld), die mir - obwohl recht unterschiedlich - doch nur noch konventionell klingen.

Grüße,
Gamaheh
Ganong (25.10.2006, 18:52):
Lieber Zelenk a,

auf jeden Fall empfehle ich Dir die Einspielung durch Samson Francois ( EMI ) .

Francois bietet als geradezu Idealinterpret des Chopinschenballadenwerkes eigentlich alles , was wir aus den Balladen von Chopin heraushören können .

Dank an Dich , weil Du die Aufnahme einer Ballade durch Solomon hingewiesen hast . Solomon war , ich stimme hier den vielen Rezensionen dazu völlig bei , ein ungewöhnlich begnadeter Chopin 8 und auch Schubert -) - Interpret gewesen .

Dein Beitrag stellt in Kürze vieles im übrigen klar , was wir sonst nicht zu lesen bekommen .

Das Thema "Balladen" ( also auch die von Johannes Brahms ) ist wohl sehr schwer in Worte zu fassen .

Beste Grüsse ,

Frank
Gamaheh (13.12.2006, 19:56):
Liebe Chopin-Freunde,

gerade habe ich mich mal mehr oder weniger blind und durcheinander durch das durchgehört, was mein PC zu Chopins Balladen so hergibt:

Pollini 1-4
Demidenko 1-4
Kissin 1-4
Perahia 1-4
Zimerman 1-4
Tchetuev 2
Cziffra 3
Hough 3.

Dabei habe ich festgestellt, daß es sich jedesmal, wenn ich dachte "Nein, das mag ich so nicht" entweder um Zimerman (außer bei der 2.) oder Perahia handelte (oder auch Hough bei der 3.). Sie sind mir zu zahm, zu gekünstelt oder zu unzusammenhängend. (Die 4. habe ich von Perahia vor einigen Monaten im Konzert gehört, das hatte für mich etwas ostentativ Kraftmeierisches, obwohl man sagen muß, daß er ja immerhin mit Leidenschaft bei der Sache ist.)

Meine Favoriten sind eindeutig Pollini und Demidenko (letzterer besonders in der 1.), auch Kissin, der mir allerdings gelegentlich gar zu maßlos übertreibt. In der 3. ist für mich Bianconi in einer wenig zugänglichen Aufnahme, die ich vor einigen Monaten (in der Mediathek der Cité de la musique in Paris) gehört habe, unübertroffen: Er bringt da etwa nach 3/4 (wenn mich meine Erinnerung nicht trügt) im Baß etwas ganz Beunruhigendes heraus (das ferne Grollen der "Kanonen unter den Blumen"), das ich von keiner anderen Aufnahme kenne.

Bin ich jetzt eine Banausin?

Grüße,
Gamaheh
AcomA (14.12.2006, 13:32):
liebe Gamaheh,

ich würde dir empfehlen, die alten aufnahmen von a. rubinstein, horowitz, ABM oder claudio arrau (4.). es sind wahre interpretations und pianistische wunder. gerade wenn du mehr mit dem PC hörst, fallen die vorteile der DDD-aufnahmetechnik sowieso weg.

gruß, siamak :)
Rachmaninov (03.01.2007, 20:07):
http://www.jpc.de/image/cover/front/0/7962046.jpg

Diese Aufnahme hatte ich bereits vor Weihnachten ersteigert und gehört.

Eben dann die Balladen 3 und 4 nochmals gehört.

Irgendwie kann ich mir nicht helfen. Stellenweise spielt Cedric Tiberghien feinfühlig aber hier und da klingt es mir einfach zu "holprig"!
Rachmaninov (05.02.2007, 07:06):
Original von Gamaheh

Meine Favoriten sind eindeutig Pollini und Demidenko (letzterer besonders in der 1.),

@Gamaheh,

sicherlich nicht.

Gestern hörte ich Demidenko mit der 2. und 3. Sonate und ich war ebenfalls sehr angetan.
Diese pianistischen Fähigkeiten und dazu diese Gefühl für die Musik und die Stimmungswechsel sidn einfach spitze IMO.

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/3567506.jpg
AcomA (05.02.2007, 13:28):
lieber Sergejewitsch,

ich habe auch die platte der balladen/3.sonate mit demidenko. sie ist sehr gut, pianistisch betrachtet. aber wie so häufig bei den russischen pianisten IMO anzutreffen, klingt der chopin teilweise zu gewaltig bis kompakt. es fehlt eine prise charme und eleganz !

gruß, siamak :)
Rachmaninov (05.02.2007, 14:00):
Original von AcomA
lieber Sergejewitsch,

ich habe auch die platte der balladen/3.sonate mit demidenko. sie ist sehr gut, pianistisch betrachtet. aber wie so häufig bei den russischen pianisten IMO anzutreffen, klingt der chopin teilweise zu gewaltig bis kompakt. es fehlt eine prise charme und eleganz !

gruß, siamak :)

@Siamak,

ich verstehe was Du da meinst!
Demidenko hat, trotz seines fantastischen Spiels, eine gewisse Tendenz zur "Härte". Dennoch gefällt mir sein Chopin :D
Ganong (05.02.2007, 15:05):
Die FAZ hat die neueste Demidenkeo - Chopin - CD über alle Masen mit Lob überschüttet . Ich habe in der FAZ selten so eine ausgewogen positive Rezension gelesen . Zmal das Programm der CD gewiss nicht spektakulär ist .

Grüsse ,

FRank
Zelenka (16.08.2006, 16:51):
http://inkpot.com/classical/people/chopin5.jpg


Für Cosima

Nachdem Cosima kürzlich einen Faden zu Brahms' Opus 10 eröffnet hat, liegt es doch einigermaßen nahe, sich dem "Erfinder" des musikalischen Genres zuzuwenden und Chopins jeweils einzeln veröffentlichte Balladen und ihre Einspielungen hier zu behandeln. (Zum anderen sollte wohl in diesem Forum ohnehin endlich etwas mehr über Chopin geschrieben werden …) So formal frei und unbeschwert wie ursprünglich Chopin haben allerdings die späteren Komponisten von Balladen (nach Brahms z.B. Liszt, Grieg, Fauré und Franck) in der Regel nicht mehr gearbeitet, Brahms und andere bedienten sich z.B. einer dreiteiligen Liedform.

Die Ballade ist zur Zeit Chopins natürlich erst einmal ein literarisches Genre gewesen (das letztlich über viele Stationen aus dem mittelalterlichen Tanzlied herstammt). In der Musik gab es ausschließlich Vertonungen von Balladen für Stimme und Begleitung. Chopin neuerte, indem er eben nur auf dem Klavier eine Geschichte zu erzählen versuchte. Inwieweit er dabei im einzelnen von den "Litauischen Balladen" seines Landsmanns Mickiewicz inspiriert wurde, ist besonders in neuerer Zeit ein stark umstrittenes Thema, das auch schon kurz anderswo hier im Forum angesprochen worden ist anläßlich der Vorstellung der Box mit Aufnahmen von Cortots Meisterklassen (Sony BMG). (Cortot zieht zusätzlich auch noch Begebenheiten aus Chopins Leben wie z.B. eine prospektive Verlobung in Betracht.) Chopin selbst hat keinerlei Hinweise hinterlassen, welche Balladen von Mickiewicz ihn konkret inspiriert haben könnten. Die Zuweisungen, die noch heute im Umlauf sind, stammen wohl aus Chopins Freundeskreis. Gegenüber Schumann soll der Komponist geäußert haben, daß Mickiewicz ihn angeregt habe. Spezifische Hinweise auf bestimmte Balladen des Dichters gab es auch gegenüber Schumann nicht. Der Musikologe Charles Rosen lehnt dann auch diese Tradition eines konkret-programmatischen Verständnisses der Balladen ab. Die lyrischen, epischen und virtuos-dramatischen Passagen blieben folgerichtig ohne außermusikalische Verknüpfungen mit literarischen Vorlagen. Trotzdem sei hier kurz auf die Balladen hingewiesen, an die Chopin gedacht haben soll:

Ballade op. 23: "Konrad Wallenrod" (eigentlich keine Ballade bei Mickiewicz): Wallenrod erzählt von Rache, die die Mauren an den Spaniern genommen hätten, die sie unterdrückten, indem sie mit falscher Freundlichkeit sich näherten und sie dann mit Pest und Lepra ansteckten. Wallenrod droht Gästen bei einem Fest an, daß er mit den Feinden Polens ähnlich verfahren würde.

op. 38: "Switez": Hier verwandeln sich Jungfern in Wasserlilien, um anrückenden "russischen Horden" zu entgehen.

op. 47: Diese Ballade wird traditionell mit "Undine" in Verbindung gebracht, obwohl es ein Gedicht mit diesem Titel von Mickiewicz nicht gibt. Möglich wäre eher "Switezianka", das auch ein wässriges Thema hat mit einer Art von Undine.

op. 52: "Die drei Budrys": Drei litauische Brüder, die von ihrem Vater auf Beutezug geschickt werden und nicht mit Gold etc. zurückkehren, sondern mit (den begehrenswerten) polnischen Bräuten.

Ich habe diesen Faden nicht eröffnet, weil ich eine besonders große Auswahl an Einspielungen habe, denn ich habe peinlichwerweise nur drei Gesamtaufnahmen und einige Einzelstücke:

Katsaris Teldec Digital Experience 9031747812
Perahia Sony SK64399
Vladar Harmonia Mundi HMC905260
op. 23: Backhaus Artone 222362354
op. 23: Rubinstein RCA Red Seal 2 CD Twofer 74321341752
op. 23: Vásáry DG Compact Classics 4131462
op. 23: Horowitz RCA Red Seal Artists of the Century 74321634712
op. 38: Gavrilov Philips Great Pianists of the 20th Century 4567872
op. 47: Rachmaninov Philips Great Pianists of the 20th Century 4569432
op. 47: Katchen Philips Great Pianists of the 20th Century 4568562
op. 47: Kempff Decca The Classic Sound 4523082
op. 47: Moiseiwitsch Philips Great Pianists of the 20th Century 4569072
op. 47: Richter RCA Red Seal 09026638442
op. 52: Solomon Philips Great Pianists of the 20th Century 4569732
op. 52: Moiseiwitsch Philips Great Pianists of the 20th Century 4569072
op. 52: Moravec Philips Great Pianists of the 20th Century 4569102

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/7208071.jpg

Ich halte Perahias Aufnahme (1994) für nahezu ideal: poetisch und klar im Detail zur gleichen Zeit. An die neuere Aufnahme von Vladar (1994) habe ich mich immer noch nicht ganz gewöhnen können. Er ist insgesamt langsamer und betont Details zuweilen auf Kosten einer erzählerischen Gesamtsicht. Katsaris (1984) ist technisch erwartungsgemäß brilliant, vielleicht ein wenig auf Kosten einer wirklich poetischen Gesamtsicht. Von den Aufnahmen von einzelnen Balladen schätze ich besonders Rubinstein, Rachmaninov und Moravec. Und damit gebe ich das Wort erst einmal ab.

Gruß,

Zelenka
AcomA (16.08.2006, 22:28):
lieber Jan Dismas,

herzlichen dank für diesen schönen thread ! ja, chopins balladen liebe ich auch sehr. als schüler machte ich natürlich zügig bekanntschaft mit der ersten. die interpretationen arthur rubinsteins, vladimir horowitz' und ABM's haben sich engrammiert. danach folgten die übrigen balladen. meine lieblingsballade ist die vierte mit der langen pause vor der coda ! f-moll.

hier meine empfehlungen:

nr.1: ABM, pollini, ivan moravec

nr.2: ivo pogorelich, jorge bolet

nr.3: arthur rubinstein

nr.4: claudio arrau, josef bulva, ivan moravec

live hörte ich den gesamten zyklus mit f.r. duchable, spitze !

gruß, siamak :engel
Jeremias (16.08.2006, 23:06):
@ Siamak: Wann hast Du mit Duchable live den ganzen Zyklus gehört? In Wuppertal? Kann nicht sein, wir haben den ersten Teil verpasst :haha

Ich habe den Zyklus 2x live gehört: Das erste Mal mit Michael Ponti, der eine beachtsame Leistung ablieferte und einmal mit Pollini. Ich erinnere mich, dass die Diskussionen danach sehr lebhaft waren. Meine Lehrerin und ihre Familie konnten mit der Interpretation nichts anfangen (die akzeptieren sowieso nur Kissin), ich war selber etwas befremdet, aber andererseits doch wieder sehr beeindruckt. Die 1. Ballade spielte er im vergangenen Jahr als Zugabe, reif und doch frisch wie in seiner EMI-Einspielung. Die 1. Hörte ich mit ihm zusammen mit der 4. auch bei meinem ersten Konzert des Maestros im März 97, ich war begeistert! Weitere wunderbare Balladen-Erlebnisse hatte ich u.a. mit Krystian Zimerman, den ich mit der 3. und der 4. live hören durfte. Einst sagte er mir in einem Gespräch, die zweite sei die schwerste. Dies war sehr interessant, da ich damals gerade an ihr arbeitete. Sie ist wirklich sehr schwer, denn sie ist sehr unpianistisch geschrieben, sie verlangt immens große Hände und dennoch immer noch Treffsicherheit, auch die Intervalltrille sind "sauschwer" (wie gut, dass man das durch das Pedal etwas kaschieren kann!) und auch das Finale verlangt vom Pianisten einiges. Die 1. Ballade ist ein "Klassiker", diese erlernte ich im Gegensatz zur 2. Ballade auch recht schnell nach dem Abitur. Gut, ich hatte ja auch Zeit :D Diese Ballade verlangt doch einiges mehr an Musikalität als die erste. Technisch anspruchsvoll wird es v.a. im Mittelteil, wenn man perlende läufe in der rechten und doch recht unbequeme Akkordsprünge in der linken Hand hat. Am besten lag mir bisher die 3. Ballade in As-Dur. Hieran reizt vor allem, dass man gerade in der linken Hand immer wieder unbekannte Melodien oder Melodiefragmente entdeckt. Auch nach Jahren verbirgt diese Ballade noch Geheimnisse. Zudem hat sie ein wunderbares Finale, in welchem man auch ruhig einmal das Volumen des Flügels ausnutzen darf. Die 4. habe ich noch nicht ganz bearbeitet, sie verlangt einen immensen Zeitaufwand. Interessanterweise beinhaltet sie einige Elemente der Etüden, so aus op. 25 Nr.12. Zudem ist sie die einzige der Balladen, die das Anfangsthema variiert. Auch hier lässt sich gestalterisch sehr viel machen. Zu meinen Lieblingsaufnahmen werde ich mich noch äußern. Soviel vorab: Perahia ist sehr sehr gut, Zimerman ist göttlich! Da können nicht einmal Pollini oder Rubinstein konkurrieren. Zimerman holt in puncto Klangfarbe am meisten aus den einzelnen Balladen heraus. Alles in allem spiele und höre ich sie immer wieder gerne. Momentan frische ich die 1. Ballade wieder auf.
AcomA (17.08.2006, 10:14):
lieber Jeremias,

an dem abend spielte duchable in wuppertal beide klavierkonzerte, die balladen und scherzi komplett ! es stimmt, den ersten teil verpassten wir. dann haben wir halt alle scherzi gehört. jedenfalls war es weltklasse !

gruß, siamak :)
Rachmaninov (17.08.2006, 10:20):
@Zelenka,

danke für die schöne Eröffnung des Themas. Nicht nur weil Du, wie zurecht von Dir angemerkt, es Zeit wurde hier mehr auf das Schaffen von Chopin hinzuweisen.

Sehr interessant finde ich auch die "Hintergrundinformationen", die mir bisher nicht bekannt waren, da ich (Schande auf meine Haupt), mich bisher eher wenig mit Chopin befasst habe. Sicherlich ein Fehler.

Was Aufnahmen angeht so fällt mir momentan nur eine einizige Aufnahme ein die ich besitze und auf der die Balladen drauf sind.

Es ist die helios Aufnahme mit Demidenko.
(Jeremias wird bestimmt die Hände über den Kopf schlagen!!!!)
Rachmaninov (17.08.2006, 10:21):
@Jeremias,

Du hast Zimerman getroffen und konntest Dich mit ihm über die Balladen austauschen? :cool
Jeremias (17.08.2006, 10:28):
@ Siamak: Nein, Du irrst Dich! Auf dem Programm standen die beiden Konzerte sowie die 4 Balladen. Wollen wir um eine CD unserer Wahl wetten? Und wir hörten dann das 1. Konzert mit der Kammerakademie Neuss sowie 2 Balladen. Wir haben uns doch damals in W'tal verfahren und nach dem Weg gefragt und waren völlig erstaunt, als dieser Herr plötzlich angefangen hat Dich zu duzen :cool

@ Admin: Ja, ich habe Zimerman nach einem Konzert in Wuppertal getroffen. An dem Abend wurde er mein personal favourite. Er spielte Pathétique und Waldstein sowie Chopins Ballade As-Dur und die 3. Sonate und als Zugabe die Etüde cis-moll op.2 Nr.1 von Skrijabin. Anschließend ging ich mit einer Sandkastenfreundin nach oben in seine Garderobe (hier sollte ich ein Jahr später auch Igor Oistrakh kennenlernen dürfen....) und er nahm sich für jeden einzelnen "Fan" ein paar Minuten Zeit. Ein unglaubliches Erlebnis! :engel
Cosima (17.08.2006, 19:55):
Lieber Zelenka,

habe herzlichen Dank für den schönen Eröffnungsbeitrag zu den Balladen. Und auch für die Widmung – ich war ganz gerührt, sie zu lesen. :engel

Heute war also Balladen-Tag. Quergehört habe ich mich durch Einspielungen dieser Pianisten:

Nr. 1: Horowitz, Michelangeli und Bulva
Nr. 2: Ashkenazy und Richter
Nr. 3: Askenase, Katchen und Richter
Nr. 4: Moravec (2002), Horowitz und Cziffra

An Gesamtaufnahmen hörte ich Moravec (Supraphon, 1965) und Pollini (DG).

Wirklich negativ fiel mir einzig Bulvas Interpretation auf, alle anderen sind m.E. mehr oder minder schön anzuhören. Meine Favoriten sind übrigens die 1. und 4. Ballade. (Im Moment höre ich jedoch lieber die Brahms-Balladen, vielleicht weil Brahms mir derzeit emotional näher steht.)

Als Gesamtzyklus ziehe ich eindeutig Moravecs Aufnahme der von Pollini vor. Sie gefällt mir so gut, dass ich danach nie wieder nach einer Alternative suchte.

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/4947365.jpg

Gruß, Cosima
Rachmaninov (17.08.2006, 21:58):
Original von Jeremias
Interessanterweise beinhaltet sie einige Elemente der Etüden, so aus op. 25 Nr.12. Zudem ist sie die einzige der Balladen, die das Anfangsthema variiert. Auch hier lässt sich gestalterisch sehr viel machen.

Eben habe ich mir erstmal intensiv die Balladen angehört. Spontan gefällt mir eben diese 4. Ballade mit der Variation des Anfangsthemas ausgesprochen gut.

Ob Demidenko, den ich ja sehr schätze, der ideale Pianist ist werde ich sicherlich bald anhand von Vergleichsaufnahmen für mich bewerten können :engel
fohlenfanatiker (17.08.2006, 22:44):
So ein Zufall, ich hatte vor kurzem zufällig von Jeremias bei ebay die Präludien und die Balladen von Vladar ersteigert, gestern kamen sie an und gestern eröffnete Zelenka diesen Thread. Das war übrigens das zweite mal, dass ich von Jeremias über ebay etwas ersteigert habe.
Nun, Vladar von Harmonia mundi ist wie Zelenka so schön beschrieben hat:
Er ist insgesamt langsamer und betont Details zuweilen auf Kosten einer erzählerischen Gesamtsicht. So empfinde ich es auch, ist mir einfach manchmal zu langsam.
Als Gesamteinspielung besitze ich noch Zimerman und der sagt mir noch etwas mehr zu.
Ballade Nr. 1 hab ich dann noch von Horowitz (in London) und von ABM (DG + aura)
Ballade Nr. 4 auch von Horowitz (At the Met)
Mit den Horowitzaufnahmen lernte ich die Balladen erst kennen und kannte lange keine anderen Aufnahmen. Eigentlich finde ich alle durchaus gelungen und kann von keiner wirklich abraten.
Jeremias (18.08.2006, 00:19):
Ich habe heute morgen die Gunst der Stunde genutzt und bei meinen eltern einmal 2 Stunden intensiv an der 1. Ballade gefeilt unter Ausnutzung des großen Flügels. Ich muss sagen, erst da kommt der ganze Klang zur Entfaltung, es hat mir unglaublichen Spaß gemacht. Mir fällt zudem auf, dass ich gerade diese Ballade jedes Mal anders spiele. es gibt so viele Möglichkeiten der Interpretation. Allerdings sieht das "Grundgerüst" jedes Mal gleich aus. Aber wie heisst es in der Werbung ansonsten? "Entdecke die Möglichkeiten"
Zelenka (27.08.2006, 15:26):
Ich habe mich weiter oben in meiner Einführung für Murray Perahia ausgesprochen. Er bleibt meine Spitzenempfehlung, nachdem ich heute morgen zwei weitere ganz exzellente Neuerwerbungen gehört habe:

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/5056466.jpg

und

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/4947365.jpg

Die beiden Herren Zimerman und Moravec lassen sich deutlich mehr Zeit als Murray Perahia für ihre Durchgänge, marginal werden Details bei beiden stärker beleuchtet und betont, letztlich dann aber auf Kosten eines völlig überzeugenden Vorwärtsimpulses. Was die Farbigkeit des Spiels und die Dynamik angeht, befinden sich alle drei Aufnahmen auf demselben hohen und höchsten Niveau. Oben fand Jeremias Perahia "sehr sehr gut" und Zimerman "göttlich", ich ordne die Attribute umgekehrt zu.

Gruß,

Zelenka
Ganong (27.08.2006, 18:22):
Aus meiner Hörweise und meinem Werkzugang folgende Empfehlungen :

Samson Francois (EMI )

u n d

Vladimir Horowitz mit der ersten Ballade .

Pogorelich, von dem wir ja wohl nichts mehr erwarten dürfen, ist von den "modernen" Aufnahmen sicherlich die in jeder Beziehung aufregendste und/aber aufreizendste .

Moravec, der viel zu spät hier und viel zu langsam bekannt(er) wird, ist ein grosser Meister des tiefsinnigen Schönklanges.

Grüsse ,

Frank
Jeremias (29.08.2006, 11:58):
@ Zelenka: Ich denke, es ist Geschmackssache. Die Perahia-Aufnahme habe ich nicht zu Hause, mein Vater hat sie jedoch. Im FonoForum bekam er damals beste Kritiken. Ansonsten wähle ich meist doch eher spontan aus, wen ich höre, es muss nicht immer Zimerman sein. Auch Pollini ist sehr interessant, moravec ist nicht zu vergessen oder die Einspielung Kissin's bei RCA.
Zelenka (29.08.2006, 16:27):
Original von Jeremias
@ Zelenka: Ich denke, es ist Geschmackssache. Die Perahia-Aufnahme habe ich nicht zu Hause, mein Vater hat sie jedoch. Im FonoForum bekam er damals beste Kritiken. Ansonsten wähle ich meist doch eher spontan aus, wen ich höre, es muss nicht immer Zimerman sein. Auch Pollini ist sehr interessant, moravec ist nicht zu vergessen oder die Einspielung Kissin's bei RCA.

Ja, wie immer ist es natürlich auch Geschmackssache. Perahia, Zimerman und Moravec, ich hoffe, das war klargeworden, stehen für mich auf gleichhohem Niveau.

Gruß,

Zelenka
Gamaheh (25.10.2006, 12:40):
Original von Jeremias
Am besten lag mir bisher die 3. Ballade in As-Dur. Hieran reizt vor allem, dass man gerade in der linken Hand immer wieder unbekannte Melodien oder Melodiefragmente entdeckt. Auch nach Jahren verbirgt diese Ballade noch Geheimnisse.

Hallo Jeremias,

das, was Du über die Möglichkeiten der linken Hand sagst, habe ich mal sehr eindrucksvoll in einer Konzertaufnahme von Philippe Bianconi (auf einem Hammerklavier der Fa. Erard von 1859 oder so) gehört: Ich war vollkommen hingerissen, fast klang sie wie ein ganz neues Stück (nachdem man sie so häufig gehört hatte) - ungeheuer kraftvoll und sehr überzeugend! (Leider kommt man an diese Aufnahme partout nicht heran.)
Gerade habe ich mir die Aufnahmen, die ich zur Hand habe (allerdings unter extremer Lärmbelästigung von außen) noch einmal angehört (Pollini, Hough, Kissin, Martin Stadtfeld), die mir - obwohl recht unterschiedlich - doch nur noch konventionell klingen.

Grüße,
Gamaheh
Ganong (25.10.2006, 18:52):
Lieber Zelenk a,

auf jeden Fall empfehle ich Dir die Einspielung durch Samson Francois ( EMI ) .

Francois bietet als geradezu Idealinterpret des Chopinschenballadenwerkes eigentlich alles , was wir aus den Balladen von Chopin heraushören können .

Dank an Dich , weil Du die Aufnahme einer Ballade durch Solomon hingewiesen hast . Solomon war , ich stimme hier den vielen Rezensionen dazu völlig bei , ein ungewöhnlich begnadeter Chopin 8 und auch Schubert -) - Interpret gewesen .

Dein Beitrag stellt in Kürze vieles im übrigen klar , was wir sonst nicht zu lesen bekommen .

Das Thema "Balladen" ( also auch die von Johannes Brahms ) ist wohl sehr schwer in Worte zu fassen .

Beste Grüsse ,

Frank
Gamaheh (13.12.2006, 19:56):
Liebe Chopin-Freunde,

gerade habe ich mich mal mehr oder weniger blind und durcheinander durch das durchgehört, was mein PC zu Chopins Balladen so hergibt:

Pollini 1-4
Demidenko 1-4
Kissin 1-4
Perahia 1-4
Zimerman 1-4
Tchetuev 2
Cziffra 3
Hough 3.

Dabei habe ich festgestellt, daß es sich jedesmal, wenn ich dachte "Nein, das mag ich so nicht" entweder um Zimerman (außer bei der 2.) oder Perahia handelte (oder auch Hough bei der 3.). Sie sind mir zu zahm, zu gekünstelt oder zu unzusammenhängend. (Die 4. habe ich von Perahia vor einigen Monaten im Konzert gehört, das hatte für mich etwas ostentativ Kraftmeierisches, obwohl man sagen muß, daß er ja immerhin mit Leidenschaft bei der Sache ist.)

Meine Favoriten sind eindeutig Pollini und Demidenko (letzterer besonders in der 1.), auch Kissin, der mir allerdings gelegentlich gar zu maßlos übertreibt. In der 3. ist für mich Bianconi in einer wenig zugänglichen Aufnahme, die ich vor einigen Monaten (in der Mediathek der Cité de la musique in Paris) gehört habe, unübertroffen: Er bringt da etwa nach 3/4 (wenn mich meine Erinnerung nicht trügt) im Baß etwas ganz Beunruhigendes heraus (das ferne Grollen der "Kanonen unter den Blumen"), das ich von keiner anderen Aufnahme kenne.

Bin ich jetzt eine Banausin?

Grüße,
Gamaheh
AcomA (14.12.2006, 13:32):
liebe Gamaheh,

ich würde dir empfehlen, die alten aufnahmen von a. rubinstein, horowitz, ABM oder claudio arrau (4.). es sind wahre interpretations und pianistische wunder. gerade wenn du mehr mit dem PC hörst, fallen die vorteile der DDD-aufnahmetechnik sowieso weg.

gruß, siamak :)
Rachmaninov (03.01.2007, 20:07):
http://www.jpc.de/image/cover/front/0/7962046.jpg

Diese Aufnahme hatte ich bereits vor Weihnachten ersteigert und gehört.

Eben dann die Balladen 3 und 4 nochmals gehört.

Irgendwie kann ich mir nicht helfen. Stellenweise spielt Cedric Tiberghien feinfühlig aber hier und da klingt es mir einfach zu "holprig"!
Rachmaninov (05.02.2007, 07:06):
Original von Gamaheh

Meine Favoriten sind eindeutig Pollini und Demidenko (letzterer besonders in der 1.),

@Gamaheh,

sicherlich nicht.

Gestern hörte ich Demidenko mit der 2. und 3. Sonate und ich war ebenfalls sehr angetan.
Diese pianistischen Fähigkeiten und dazu diese Gefühl für die Musik und die Stimmungswechsel sidn einfach spitze IMO.

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/3567506.jpg
AcomA (05.02.2007, 13:28):
lieber Sergejewitsch,

ich habe auch die platte der balladen/3.sonate mit demidenko. sie ist sehr gut, pianistisch betrachtet. aber wie so häufig bei den russischen pianisten IMO anzutreffen, klingt der chopin teilweise zu gewaltig bis kompakt. es fehlt eine prise charme und eleganz !

gruß, siamak :)
Rachmaninov (05.02.2007, 14:00):
Original von AcomA
lieber Sergejewitsch,

ich habe auch die platte der balladen/3.sonate mit demidenko. sie ist sehr gut, pianistisch betrachtet. aber wie so häufig bei den russischen pianisten IMO anzutreffen, klingt der chopin teilweise zu gewaltig bis kompakt. es fehlt eine prise charme und eleganz !

gruß, siamak :)

@Siamak,

ich verstehe was Du da meinst!
Demidenko hat, trotz seines fantastischen Spiels, eine gewisse Tendenz zur "Härte". Dennoch gefällt mir sein Chopin :D
Ganong (05.02.2007, 15:05):
Die FAZ hat die neueste Demidenkeo - Chopin - CD über alle Masen mit Lob überschüttet . Ich habe in der FAZ selten so eine ausgewogen positive Rezension gelesen . Zmal das Programm der CD gewiss nicht spektakulär ist .

Grüsse ,

FRank
Rachmaninov (15.10.2011, 12:39):
Auch wenn die alten Aufnahmen von Rachmaninov klanglich nur eranhmen lassen was der großartige Pianist seinerzeit zum Betsen gegeben hat so ist es doch sehr interessant einmal seine Aufnahmen zu hören.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51VUZP2oQAL._SS500_.jpg

Wo viele heutige Aufnahmen eher tänzerisch verträumt die 3. Ballade darstellen klingt Rachmaninov eher virtuos und kraftvoll.

Erfrischend anders!