angeregt durch verschiedene Bemerkungen und Überlegungen allenthalben möchte ich eine Diskussion, die sehr weitläufig werden könnte, zunächst der heutigen Interpretation und Rezeption romantischer Klaviermusik und insbesondere Chopins, anregen und an Bemerkungen aufhängen, die im „Höre gerade“-Faden gemacht worden sind. Der Übersichtlichkeit halber zitiere ich sie hier nicht, aber wer möchte, kann folgende Stellen aufsuchen:
Daneben möchte ich ein Zitat des mir ansonsten (fast) unbekannten Pianisten Friedrich Höricke stellen, der in der Sendung Prisma Musik des NDR am vergangenen Sonnabend historische Aufnahmen von Chopin-Interpretationen kommentierte. (Da ich die Sendung aufgenommen habe, konnte ich wortgetreu transkribieren; zu erwähnen wäre, daß es sich um ein Gespräch im Interview-Stil handelte, nicht um einen Vortrag.)
„Ein guter Chopin-Interpret muß in der Lage sein, die Empfindungswelt eines Chopin zumindest in seiner eigenen Empfindungswelt spiegeln zu können. Das heißt, er muß fähig sein, Liebe zu empfinden; er muß fähig sein, die Natur und ihre Schönheit wahrnehmen zu können; er muß ein patriotisches Gefühl entwickelt haben – das ist bei Chopin sehr, sehr wichtig: Also wer sowas nicht kennt, wird ihm auch nicht nahe kommen können. Er wird zumindest ein pantheistisches religiöses Gefühl haben müssen – es zumindest kennen oder nachvollziehen können; er muß das Gefühl der Verantwortung kennen; er muß sich freuen können, er muß lieben können, er muß seine Freunde und seine Geliebten schätzen können; und wenn er das kann, dann kann er sich auch Chopin nähern. Wenn er das aber nicht kann, dann wird auch immer etwas fremd bleiben in der Musik Chopins, und ein Gefühl, das sich mir immer wieder aufdrängt, ist, daß sehr häufig – und besonders bei Chopin spielt das eine Rolle, bei anderen Komponisten allerdings auch – heute Musik als Sprache lautmalerisch wiederholt wird, also so, wie jemand versucht, den Klang einer fremden Sprache, die er nicht wirklich versteht, lautmalerisch lallend zu imitieren, so wird heute die Musik des 19. Jahrhunderts wiedergegeben, ohne daß der tatsächliche Inhalt dieser Musik verstanden wird. Also wir sprechen in einer toten Sprache, die wir nicht mehr wirklich verstehen.“
Das paßt zu einer Einwendung, die ich Menahem Pressler während eines Meisterkurses einem jungen Geiger gegenüber äußern hörte: „Du sagst das Wort, aber du verstehst seine Bedeutung nicht – es ist eine fremde Sprache.“
Ohne die vorangehenden Bemerkungen zum Evangelium machen zu wollen, so halte ich sie doch zumindest für bedenkenswert und frage mich, wieviele der sich laufend vermehrenden Chopin- oder Schumann-Interpreten in unserer Zeit, die nichts weniger ist als romantisch, die Forderungen Hörickes erfüllen ? Und wenn es einer tut, nehmen wir es dann überhaupt wahr ? Und wenn wir es wahrnehmen, sagt es uns etwas ? Müssen wir den „tatsächlichen Inhalt dieser Musik“ verstehen ?
Wenn dies alles nicht der Fall ist, warum brauchen wir dann Interpreten, wie sie Höricke vorschweben ? Ist das nicht eher etwas für die Antiquare unter uns, eine andere Form von „HIP“ ? Nein, denn letztere Aufführungspraxis läßt sich relativ einfach etikettieren und an Äußerlichkeiten festmachen. Aber warum brauchen wir etwas, was wir nicht verstehen, was wir nicht zu schätzen wissen ? Wozu, wenn wir doch Chopin-Interpreten wie Lang Lang und hundert andere haben, die das Idiom unserer Zeit sprechen ? Macht sich nicht jede Zeit ihre eigenen Interpretationen der Klassiker – seien es Bach, Mozart und Beethoven oder Homer, Shakespeare und Goethe ? Kleiden wir letztere nicht auch in neue Kleider und geben ihnen neue Worte, um sie zu uns sprechen zu lassen ? Ist es nicht gerade das, was einen Klassiker ausmacht, daß er in jeder Zeit in neuer Gewandung ersteht und jeder Generation etwas zu sagen hat ?
Warum um alles in der Welt müssen wir also den vermeintlichen „tatsächlichen Inhalt“ von (z.B.) Chopins Musik verstehen, wenn eine Show mit flinken Fingern, wohltönendem Klang und ansprechenden Ohrwürmern so offenbar das unterhaltungsbegierige Publikum soviel mehr anpricht ? Ist das nicht ein bißchen so, als würde man sagen, Homer dürfe man nur im Original lesen, wenn man ihn verstehen will ?
Lauter Fragen, auf die ich vermutlich keine Antworten weiß, die irgend jemanden überzeugen würden ... Vielleicht weiß jemand mehr ? Oder Besseres ? Oder überhaupt etwas ?
Darauf in banger Erwartung hoffend, Gamaheh
Wooster (20.03.2010, 12:14): Ich finde die zitierten Anmerkungen problematisch, um nicht zu sagen unsinnig. Mal von der grundsätzlich fragwürdigen und ziemlich naiven Idee, man müsse sich in den Komponisten hineinversetzen, abgesehen. Man könnte dann auch so weit gehen und sagen, dass ein "patriotisches Gefühl" nicht auslangt. Denn eine Fahne bei der "Sommermärchen-WM" rauszuhängen, dürfte wohl etwas anderes sein als als eine Art Emigrant den gescheiterten Freiheitskampf des Heimatlandes mitzuerleben. Ein Deutscher kriegt das heutzutage gar nicht hin, wir müssten uns also an afghanische, kongolesische o.ä. Pianisten wenden. Oder wenigstens IRA- oder ETA-Sympathisanten ?(
Wo die Natur bei Chopin solch eine besondere Rolle spielen soll (im Gegensatz zu vielleicht bei Schumann oder Mahler) ist mir auch überhaupt nicht klar (der Pantheismus noch weniger).
Die Forderung ist also entweder unerfülbar oder ohnehin leer. (Denn ein "Gefühl von Verantwortung" (woe zeigt sich das bei Chopin) oder Zuneigung, Liebe, Freundschaft dürften wohl die meisten Menschen heute ebenso kennen wie vor 150 Jahren, egal ob sie Klavier spielen.) Er scheint überhaupt Schumann mit Chopin zu verwechseln. Letzter konnte zum einen mit Schumanns Musik nicht viel anfangen (während Schumann ihn als imaginären Davidsbündler verehrte), zum anderen vermied er persönliche und biographische Anspielungen wie sie bei Schumann ständig vorkommen.
Ich bin kein großer Sammler von Pianisten, daher wage ich nicht zu beurteilen, ob Chopin heute weniger angemessen gespielt wird als vor 30, 60 oder 80 Jahren.
Was es vielleicht schwierig macht, ist, dass Chopin, obgleich sicher der Romantik zugehörig, ein wenig außerhalb der dominanten deutsch-östereichischen Tradition steht. Seine Einflüsse waren Bach, Belcanto-Oper und polnische Volksmusik, dazu ein wenig Hummel und Mozart. Beethovens Musik schätzte er wenig usw. Seine Werke haben ja auch, anders als oft bei Schumann und Liszt, keine poetischen Titel o.ä. Dennoch hat man, besonders deutlich sicher bei den Balladen, aber auch anderswo, durchaus den Eindruck einer "Tondichtung", keiner abstrakt-absoluten Musik. Es läßt sich aber eben kein Programm angeben (auch wenn man die Balladen mit konkreten Gedichten zusammengebracht hat). Diese Balance zwischen einer gewissen Strenge und romantischem Ausdruck ist vielleicht? besonders schwierig.
Wooster
nikolaus (21.03.2010, 22:20): Schwierig, schwierig.... Das ist jetzt mein dritter Anlauf, irgendetwas sinnvolles auf diese an sich interessanten Gedanken zu erwidern.
Ich greife mal diesen Block heraus: Macht sich nicht jede Zeit ihre eigenen Interpretationen der Klassiker – seien es Bach, Mozart und Beethoven oder Homer, Shakespeare und Goethe ? Kleiden wir letztere nicht auch in neue Kleider und geben ihnen neue Worte, um sie zu uns sprechen zu lassen ? Ist es nicht gerade das, was einen Klassiker ausmacht, daß er in jeder Zeit in neuer Gewandung ersteht und jeder Generation etwas zu sagen hat ?
Ja, ja und nochmals ja. Ich glaube, dass genau das die sogenannten grossen Klassiker ausmacht. Die Kernaussagen/elementagen Dinge in diesen Werken sind doch oft ohne weiteres übertragbar in jede Zeit, nur sind die Umstände anders, ist das Umfeld ein anderes, und sowohl Künstler als auch "Kunstkonsumenten" reagieren entsprechend anders.
Man kann nur versuchen, sich der Gefühlswelt Chopins (oder auch jeden anderen Künstlers zu jeder Epoche) anzunähern, ganz nachempfinden kann es wohl keiner.
Ob sich jemand überhaupt diese Mühe macht, ist eine andere Frage...
Nikolaus ?(
Gamaheh (23.03.2010, 00:25): Lieber Bertie (if I may),
ich kann Dir in vielen Punkten kaum widersprechen, unsinnig finde ich die Anmerkungen von Höricke allerdings nicht unbedingt, wenn man seine Begriffe etwas kulant interpretiert (deshalb hatte ich auf die Situation hingewiesen). Wenn Du z.B. "Liebe" durch Eros ("im platonischen Sinne" hätte ich fast gesagt - ich meine "im Sinne Platons") ersetzt, "Patriotismus" durch "Stolz" (im übrigen bräuchte man da nur einen polnischen Pianisten), d.h. nicht unbedingt in unserem heutigen semantischen Verständnis siehst, ist es - jedenfalls für mich - nicht mehr ganz so exaltiert.
Im übrigen glaube ich, daß Höricke eher die Musik des 19. Jahrhunderts und nicht speziell Chopin meinte (die Sendung war eben Chopin gewidmet, das war der Anlaß), also die Romantik. Und hier glaube ich, daß gerade diese für uns in ihrem Sentiment sehr schwer verständlich ist - daß wir ihr Idiom nicht verstehen: weder wir noch die meisten Interpreten. Das war mein eigentliches Anliegen, und ich bedaure, das nicht genügend deutlich gemacht zu haben. Und eben deshalb ist es auch schwierig, hier die richtigen Worte zu finden, weil diese womöglich auch nicht verständlich sind ...
Ja, Chopin ist sicher ein bißchen Außenseiter in der Romantik - richtig reinpassen tut er nicht; allerdings auch ein Mensch vieler Widersprüche: Er beharrte darauf, ganz konventionell zu sein, und war doch sehr originell, wenn nicht sogar avantgardistisch (ein bißchen wie Brahms) - doch wenn man es ihm sagte, war er durchaus gekränkt ...
Allerdings finde ich es nicht unsinnig oder naiv, wenn sich ein Interpret in den Komponisten hineinversetzt (oder in den Geist seiner Musik), sondern ein ernsthaftes und löbliches Ansinnen - vielleicht kommt er so zu einer Interpretation, die überzeugt.
Beste Grüße, Gamaheh
Gamaheh (23.03.2010, 00:33): Original von nikolaus
Macht sich nicht jede Zeit ihre eigenen Interpretationen der Klassiker – seien es Bach, Mozart und Beethoven oder Homer, Shakespeare und Goethe ? Kleiden wir letztere nicht auch in neue Kleider und geben ihnen neue Worte, um sie zu uns sprechen zu lassen ? Ist es nicht gerade das, was einen Klassiker ausmacht, daß er in jeder Zeit in neuer Gewandung ersteht und jeder Generation etwas zu sagen hat ?
Ja, ja und nochmals ja. Ich glaube, dass genau das die sogenannten grossen Klassiker ausmacht. Die Kernaussagen/elementagen Dinge in diesen Werken sind doch oft ohne weiteres übertragbar in jede Zeit, nur sind die Umstände anders, ist das Umfeld ein anderes, und sowohl Künstler als auch "Kunstkonsumenten" reagieren entsprechend anders.
Das war gewissermaßen und ganz vage in Anlehnung an T.S. Eliott, wenn ich mich nicht irre.
Man kann nur versuchen, sich der Gefühlswelt Chopins (oder auch jeden anderen Künstlers zu jeder Epoche) anzunähern, ganz nachempfinden kann es wohl keiner.
Ja, ich denke, das muß man schon, selbst wenn man das Werk in neuem Gewande darstellt und in die eigene Welt überträgt, denn mutatis mutandis ändern sich die Menschen und ihre Grundbdürfnisse und Grundempfindungen erfahrungsgemäß nicht.
Ob sich jemand überhaupt diese Mühe macht, ist eine andere Frage...
Das will ich stark hoffen ...
Viele Grüße, Gamaheh
Wooster (23.03.2010, 11:58): Was mich störte, waren drei Dinge: Die unmögliche Forderung, sich 170 Jahre zurückzuversetzen, dann wieder triviale Anforderungen, wie Liebe, Freundschaft, Verantwortung zu kennen (was man ja von jedem Menschen erhoffen würde) und das Ignorieren der Unterschiede innerhalb der Romantiker. Gewiß ist Chopin ein Vollromantiker. Aber dennoch gibt es neben Gemeinsamkeiten auch ganz zentrale Unterschiede zu Mendelssohn, Liszt, Berlioz, Schumann. Bestehen nun bei Chopin besondere Interpretations- oder Hineinversetzungsschwierigkeiten? Oder ist seine Musik verglichen mit Berlioz oder Schumann sogar relativ "unpersönlich", "zeitlos" oder jedenfalls flexibler, was unterschiedliche Zugänge betrifft?
Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, ob wir die Romantik heute besonders schlecht verstehen. Verstehen wir denn die Musik/Zeitgeist der Wiener Klassik oder des Barock besser? Ist es nicht noch viel schwieriger, sich in den Zeitgeist von 1670 oder 1780 hineinzuversetzen als den von 1840? Wir haben ja Tonaufnahmen von Schülern von Schülern Chopins aus den 1920er und 1930er Jahren (soviel ich weiß zB Paderewski, Rosenthal u.a.). Die haben aber auch in einer ziemlich anderen Zeit gelebt, selbst wenn sie nur 50 oder 60 Jahre nach Chopin geboren wurden. War 1900 noch ähnlich genug 1840, oder herrschte zum fin de siecle nicht auch ein völlig anderer Zeitgeist als im mittleren Drittel des Jahrhunderts?