Christian Gerhaher

Heike (03.07.2012, 13:05):
Als "besten Lied-Bariton seiner Generation" hat ihn unlängst der Kulturradio-Kritiker Kai Luehrs-Kaiser bezeichnet:

"Gesünder klingend als Matthias Goerne,
klangschöner als Dietrich Henschel und Roman Trekel,
ausgeglichener als Bo Skovhus und Hanno Müller-Brachmann.
Und idiomatischer als Bryn Terfel."

Christian Gerhaher (* 1969 in Straubing, Niederbayern) ist ein deutscher Sänger (Bariton) und examinierter Arzt. Er hat eine Professur für Gesang und Oratorium an der Hochschule für Musik und Theater München.
Neben seiner umfangreichen Arbeit im Konzert- und Liedbereich ist er in ausgewählten Opernproduktionen zu erleben.
Sein fester Klavierpartner ist Gerold Huber. (Quelle Wiki)

Mich hat er zuerst mit dieser Schumann- CD begeistert:



Ganz besonders mag ich auch diese CDS:





Besonders die "Kindertotenlieder", nur mit Klavier begleitet, gehen mir ans Herz.

Nennen muss man natürlich auch noch die großartigen Schubert-CDs, die er aufgenommen hat.
Unlängst habe ich diese CD mit mir zum Teil völlig unbekannten Liedern von Haydn und Alban Berg gekauft und dachte mir, nun wird es aber Zeit für einen Gerhaher-Thread:



Live habe ich ihn 2009 als phantastischen Jesus in der Rattle- Matthäuspassion und in diesem Frühjahr als Wolfram in Janowskis konzertantem Tannhäuser gehört. Beides hat Maßstäbe gesetzt. Ich hätte nicht erwartet, dass er auch vom Volumen her den Saal so ausfüllen kann. Von den Ausdrucksqualitäten ganz zu schweigen, sein Jesus war eine absolute Sternstunde und das "Lied an den Abendstern" ein Wagner-Genuss, wie man ihn selten erlebt.

Ich freue mich, dass er im Dezember an der DOB nochmal den Wolfram singen wird.
Und ich warte sehnsüchtig drauf, dass er mal in Berlin mit einem Liedprogramm auftritt.

Heike
Severina (03.07.2012, 13:20):
Liebe Heike,

deine Begeisterung für Christian Gerhaher teile ich voll und ganz! Auch für mich ist er als Liedsänger derzeit das Maß aller Dinge, ich liebe nicht nur sein wunderschönes Timbre, seine Stilsicherheit, sondern vor allem seine uneitle, unpathetische Interpretation. In so manchem "Gassenhauer" enteckte ich durch Gerhahers Interpretation neue Bedeutungsebenen.

Dass er auch ein intensiver Darsteller auf der Opernbühne ist, durfte ich bei seiner beeindruckenden Charakterstudie des Prinzen von Homburg in Henzes Oper erfahren.

Da Gerhaher nicht an die Öffentlichkeit drängt (Manchmal habe ich den Eindruck, er scheut sie geradezu), nur über seine Kunst wahrgenommen werden will, genießt er leider nicht den Bekanntheitsgrad, der ihm aufgrund seiner Extraklasse eigentlich zustünde. Obwohl - seine LAs in Wien sind immer ausverkauft, "sein" Publikum erreicht er also offensichtlich, und mehr will dieser bescheidene Künstler wahrscheinlich gar nicht.

lg Sevi :hello
Solitaire (04.07.2012, 14:20):
Ich habe gesternd aufgrund dieses Threads ein bißchen bei j... und a... gestöbert und in Aufnahmen dieses Sängers gehört, der ja ein wahres Wundertier zu sein scheint :D
Was ich gehört habe, hat mir gefallen. Kennt jemand den Freischütz mit ihm?
Klick.
Für die paar Euro überlege ich, ihn zu kaufen. Bin ohnehin schon länger auf der Suche nach einer guten Aufnahme, da ich Rudolf Schock doch nicht immerhören mag. :)
Außerdem finde ich das Konzept dieser Aufnahme spannend: keine Dialoge, sondern Samiel der als Erzähler durch die Geschichte führt.
Severina (04.07.2012, 16:12):
Liebe Mina,

ja, diese Aufnahme besitze ich natürlich als Gerhaherfan, auch die restliche Besetzung ist absolut empfehlenswert, nur diese pseudophilosophischen Zwschentexte, die nicht einfach nur durch die Handlung führen, sondern offensichtlich den Anspruch erheben, etwas der Musik Gleichwertiges zu sein, stören mich persönlich sehr.

Aber wenn Du diese Scheiben billig bekommst, dann greif zu, denn die Sänger lohnen allemal!

lg Sevi :hello
Karolus Minus (04.07.2012, 20:25):
Original von Solitaire
Kennt jemand den Freischütz mit ihm?
Klick.
Für die paar Euro überlege ich, ihn zu kaufen. Bin ohnehin schon länger auf der Suche nach einer guten Aufnahme, da ich Rudolf Schock doch nicht immerhören mag. :)
Außerdem finde ich das Konzept dieser Aufnahme spannend: keine Dialoge, sondern Samiel der als Erzähler durch die Geschichte führt.

Da bekommst Du ihn aber nur als Ottokar, nicht gerade abendfüllend...

Gerhaher hat sich ja, jedenfalls seitdem er auf dem Konzertsektor mehr als gefragt ist, auf der Opernbühne rar gemacht; Papageno hier und da, Wolfram, in Frankfurt merwürdigerweise Eisenstein - und dort wird im November auch der Pelleas folgen.

Kennen tue ich ihn seit 2005, als mich eine Freundin auf die Radio-Übertragung einer "Schönen Müllerin" aus Schwarzenberg aufmerksam machte. Seitdem hab ich die Entwicklung einigermaßen verfolgt per Übertragungen und ihn auch ein paarmal live gehört, einen Abend Schubert, einen mit Mahler und im War-Requiem.
Bei seinen Liedprogrammen steht er für mich in der Nachfolge von Fischer-Dieskau und Hampson, immer eine exquisit zusammengestellte Reihenfolge, die häufig literarischen Gesichtspunkten entspringt. Bei der Müllerin ist er ja inzwischen sogar dazu übergegangen, die drei von Schubert nicht vertonten Gedichte des Müllerschen Zyklus zwischendrin zu rezitieren.
Und für die Schöne Magelone, die er wohl nicht ohne die Lesung des Märchens (also ohne den sinnstiftenden Zusammenhang) machen wollte, bei der ihm aber das Tieksche Original zu überholt erschien, hat ihm Martin Walser eine Neufassung geschrieben, die sprachlich moderner ist, ohne vom Inhalt abzuweichen.
Und auch vom musikalischen her ist das immer erstklassig, da singt einer nicht nur schön sondern er denkt sich auch eindeutig was dabei - und bringt es rüber!
Insofern für mich einer der beiden führenden Liedersänger zur Zeit. Der andere ist Gerald Finley.
LG
Karolus Minus
Solitaire (04.07.2012, 20:47):
Danke euch beiden!
Ich habe mich schon gefragt, wen er im Frischütz singt. Dann ist der Zeppenfeld wohl der Kaspar, oder? Naja, auch schön, er hat mir als Sparafucile ausnehmend gut gefallen. Ich habe die CD jetzt einfach mal bestellt.

Gerald Finley kenne ich als Figaro-Grafen, als Liedersänger habe ich ihn noch nicht gehört.
Ingrid (04.07.2012, 21:28):
Alle Welt schwärmt von Gerhaher und mich berührt er leider immer noch nicht. Er ist mir einfach zu perfekt und zu überdeutlich sprechend, was ja eigentlich ein Vorteil ist.... aber offensichtlich nicht für mich. Bei mir öffnet mit seiner Müllerin halt Kaufmann alle Schleusen.

:hello Ingrid
Fairy Queen (04.07.2012, 21:58):
Ich habe es sicher schon mehrfach geschrieben, aber wiederhole es gerne in diesem Thread nochmal: ich hatte das grosse Glück Gerhaher und Huber hier in unserer Oper vor ienigen Jahren mit ienem Schubertprogramm live zu hören. Ich bin nun in diesem meinem Lieblingsrepertoire mehr als wählerisch aber das war sensationell! :down :down :down
Schon beim ersten Lied kamen mir die Tränen und sein wunderbares Timbre hat genau meinen innersten Schubert-Resonanz-Nerv getroffen. Ich finde überhaupt nicht, dass er zu perfekt ist, er hat sogar etlcihe stimmliche Fragilitäten gezeigt, die mir das Erlebnis nur noch intensiver machten. Und am genialsten fand ich das kammermusikalische Zusammenspiel der beiden Partner- das war allerdings wirklich perfekt- ein Duo gleichweirtiger Musiker und kein Gesang mit Begleitung. Ich kannte Gerhaher zu diesem Zeitpunkt noch gar nciht, und war so begeistert, dass ich mir nciht nur mehrere Cds bestellt habe sondern nach dem Konzert die Intendanz gebeten habe, mich in seine Garderobe zu lassen, ich sei eine Landsmännin etc... die Nummer hat gewirkt und ich durfte den Beiden sagen, wie wunderbar ich diesen Schubert fand und was mir das "In der Fremde" gegeben hat. Sympathisch und serh natürlich sind die beiden nämlich auch noch. Der Erfolg, den Geraher inzwischen hat, ist hochverdient, das ist nicht nur ein Sänger sondern ein echter Musiker und er vertritt das deutsche Lied im allerbesten Sinne. Meinetwegen braucht er keine Oper singen, das was er für das Liedrepertoire tun kann, soll er bitte weiter tun. Opernschmetterer gibt es genug.
Als Pelleas stelle ich ihn mir allerdings wunderbar vor. :down

F.Q.
Severina (04.07.2012, 22:14):
Liebe Fairy,
ich bin sicher, dass Gerhaher die typischen Schmetterpartien gar nicht interessieren. Er wird sicher nie einen Rigoletto singen, dafür Partien wie eben den Pelleas, wo er seine musikalische Intelligenz und Sensibilität einbringen kann. Eben Rollen, die völlig von Innen heraus gestaltet werden müssen, wo man sich nicht in äußerliche Effekte retten kann.

lg Sevi :hello
Karolus Minus (04.07.2012, 23:17):
Original von Severina
Liebe Fairy,
ich bin sicher, dass Gerhaher die typischen Schmetterpartien gar nicht interessieren. Er wird sicher nie einen Rigoletto singen, dafür Partien wie eben den Pelleas, wo er seine musikalische Intelligenz und Sensibilität einbringen kann. Eben Rollen, die völlig von Innen heraus gestaltet werden müssen, wo man sich nicht in äußerliche Effekte retten kann.

lg Sevi :hello

ich hoff allein schon deswegen, daß er nie Rigoletto singen möge, weil er ein lyrischer deutscher Bariton ist (mit entsprechender Tessitura) und kein dramatischer Italiener, der eben auch ein ausgeprägteres tieferes Register braucht.
Beim Pelleas bin ich echt gespannt. Der ist ja für einen sogenannten "baryton Martin" komponiert, ein nur in Frankreich existierendes Fach zwischen Tenor und Bariton (die Rolle wird ja sowohl als auch besetzt).
Lg
Karolus Minus
Heike (05.12.2012, 17:27):
Die neue CD:
Wagner: 2 Arien aus Tannhäuser
Schubert: Arien aus Der Graf von Gleichen & Alfonso und Estrella
Schumann: Recitativ, Lied & Duett "Ja, wart' du bis zum jüngsten Tag" aus Genoveva op. 81
Nicolai: Szene & Arie des Edmund aus Die Heimkehr des Verbannten
Weber: Recitativ & Arie des Lysiart aus Euryanthe op. 81

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51dwGeTgzpL._SL500_AA300_.jpg

hier im Kulturradio hoch gelobt:
Zitat:
"...Das schöngeistige Drängertum, den beseelten Griff ins Unendliche verkörpert Gerhaher hier kongenial. Er ist einer der wenigen Sänger der Gegenwart, vor denen man sich ständig verbeugen kann."
(Kai Luehrs-Kaiser)

Hat die schon jemand gehört?
Fairy Queen (05.12.2012, 18:12):
Nein, leider ncht..... aber dem Verbeugen schliesse ich mich a priori an :down :down :down
palestrina (05.12.2012, 22:29):
Hallo Heike.

Oh ja,ich finde sie ganz wunderbar gesungen, er hat eben das was den meisten
Sängern in diesem Genre abgeht.
Nämlich , nicht gleich mit der Türe in die Arie zu fallen.
Er beginnt ganz verhalten und begibt sich allmählich auf die romantische Grosstat ,
drückt nicht es kommt wie von selbst.
Ich war ganz begeistert . Sehr zu empfehlen .

LG
palestrina
palestrina (23.02.2015, 14:21):
Ein sehr lesenswertes Buch , in Gesprächen mit Vera Baur ...

http://ecx.images-amazon.com/images/I/518TNmfk4yL._SY400_.jpg

mit hat besonder viel Freude gemacht , was er über heutige Regiearbeiten denkt !

LG palestrina
Severina (23.02.2015, 15:36):
Lieber Palestrina,

na, dieser Teil wird mir vermutlich wenige Freude bereiten :haha, trotzdem habe ich das Buch gleich vorgemerkt.
Als Liedsänger ist Christian Gerhaher im Moment für mich das Maß aller Dinge, und da ich ihn für einen äußerst intelligenten und vor allem reflektierenden Sänger halte, erwarte ich mir einen großen Gewinn von seinen diesbezüglichen Ausführungen.

Was darf ich mir denn alles erwarten - außer die Schelte auf böses Regietheater? :D

lg Severina :hello
palestrina (23.02.2015, 15:55):
Hallo Severina , nein KEINE Schelte auf das Regietheater, im Prinzip das Gegenteil .
Er berichtet unter anderem, sehr schön über seine Rolle als Don Giovanni hier in Frankfurt in der Regie von Chr.Loy ! Über einen Tannhäuser u.s.w. ?
Also ich habe es mit großem Genuss gelesen !

LG palestrina
Severina (23.02.2015, 17:36):
O, da habe ich Dich missverstanden, umso besser! Ich habe in Gerhaher-Interviews schon so viel Kluges gelesen, dass ich nun auf das Buch umso neugieriger bin!

lg Severina :hello
palestrina (23.02.2015, 17:46):
Er ist ein sehr kluger Mensch, liebe Severina , das liest sich aus den Zeilen und sehr wohl überlegt was er sagt !
Viel Feude beim Schmökern !
LG palestrina
Rotkäppchen (28.09.2016, 23:12):
Im September diesen Jahres hatte ich zweimal die Gelegenheit, Christian Gerhaher, den ich, da er ja eher selten Opernpartien singt, bisher eher am Rande wahrgenommen hatte, live zu erleben. Zunächst (3.9.16) nur ziemlich kurz mit J. S. Bachs Solokantate BWV 82 "Ich habe genug" in der Dresdner Semperper, die sicher keine ideale Location für dieses Werk ist. Dazu muss man sagen, dass Gerhaher für die diesjährige Sommertour des Gustav-Mahler-Jugendorchesters unter Philippe Jordan als Gastsolist engangiert war und in diversen Konzerten entweder mit BWV 82 oder mit dem aus Mahlers Lied von der Erde herausgelösten "Abschied" (hätte ich lieber gehört) sozusagen als Vorprogramm zu einem jeweils folgenden längeren sinfonischen Werk auftrat. BWV 82 wurde mit sehr hohem Tempo (ca. 20 min) gegeben, so dass Gerhaher vor allem in der letzten Arie seine scheinbar mühelose Koloraturfähigkeit unter Beweis stellen konnte. Sein Vortrag war schlicht im besten Sinne, fast würde ich von Understatement sprechen, und sein Bariton wirkte sanft, leicht und schlank. Die Rezitative wurden spannend gestaltet, genau so, wie man es von einem genuien Liedsänger erwartet. Einzige Einschränkung bzgl. BWV 82: Einige tiefe Passagen der Kantate waren jenseits des Komfortbereichs und nicht mehr so gut hörbar. Jedenfalls dachte ich dann, dass ich Gerhaher unbedingt mit einer ausführlicheren Darbietung hören möchte und siehe da, er gab sich tatsächlich im selben Monat nochmal die Ehre an einem von mir gut erreichbaren Ort und zwar mit einem harten und umfangreichen (brutto: 2 Std.) Lied-Programm, selbstverständlich mit seinem langjährigen Klavierpartner Gerold Huber, im Leipziger Gewandhaus (27.9.16). Zu hören bekam man folgende Werke:

A. Dvorak ... Biblische Lieder op. 99
R. Schumann ... Sechs Gedichte von Nikolaus Lenau und Requiem op. 90
R. Schumann ... Drei Gesänge op. 83
R. Schumann ... Zwölf Gedichte von Justinus Kerner op. 35
--
R. Schumann ... "Mein schöner Stern" op. 101, Nr. 4 (Zugabe)

Dvoraks zehn Biblische Lieder sind meist in der später entsandenen Orchesterfassung zu hören, die hier gebotene intimere Pianofassung hat allerdings auch ihre Meriten, letztlich erlauben sie eine stärkere Konzentration auf die Singstimme. Als besonders schön habe ich diejenigen Passagen empfunden, die, fast unbegleitet, an mittelalterlich Gesänge erinnern und und einen ganz ungestört im Timbre des Vortragenden baden lassen. Die leicht hallige Akustik des Saales kam dem entgegen. Insgesamt war ich zunächst verblüfft, da Gerhahers Stimme um einges schwergewichtiger wirkte als bei seinem BWV82-Kurzauftritt drei Wochen vorher, viel viriler mit einer Prise Metall, Bronze, würde ich sagen, und zu beeindruckendem Forte fähig. Überhaupt, das dynamische Spekrum war extrem, vom ersterbenden Pianissimo bis zu riesigem gut fokussiertem Schalldruck an diversen exponiert schmerzvollen Stellen gerade in einigen der Schumann-Lieder, bekam man alles zu Gehör, zelebriert mit großer technischer Sicherheit. Schloss man die Augen, hörte sich alles mühelos an, betrachtete man die Mimik, konnte man erahnen, was gerade die luftigsten Passagen, die sanftesten Höhenpiani für eine Anstrengung bedeuten. Gerhahers Fähigkeit, verschiedenste Stimmfarben herzustellen wird ja immer wieder herausgestellt und ich kann das nur bestätigen und zwar auch in der Hinsicht, dass die Vielfalt live viel größer ist als auf Aufnahmen. Aber das ist ja bekannt, dass es Sänger gibt, die sich weniger gut auf Konserve bannen lassen. In diesem Zusammenhang sind die sieben Schumannlieder op. 90 interessant, da hier der Vergleich zu Gerhahers CD-Einspielung von 2004(?) naheliegt. Diese und einige weitere Lieder sind damals sozusagen als Auffüllung einer "Dichterliebe"-Aufnahme verewigt worden. Selbst für einen Gelgenheitsliedhörer wie mich ist der Unterschied bzgl. Ausdruck und Gestaltung mehr als deutlich. Dominierte vor 12 Jahren eher Schöngesang gepaart mit dezentem Ausdruck, fand ich die Live-Darbietung richtig mitreißend, wenn man das angesichts der tiefromantisch-todessehnsüchtigen Inhalte überhaupt so sagen kann. Überhaupt, in seinem Buch, von dem ja weiter oben im Thread die Rede ist, philosophiert Gerhaher ja ausführlich über die emotionale Distanz zu den Inhalten seiner Lieddarbietungen, was aber in diesem Liederabend überhaupt nicht erkennbar war, am wenigsten während der abschließenden "Kerner-Lieder", denen er eine der Schubertschen Winterreise ebenbürtige Bedeutung zumisst, bei denen er ganz mittendrin und am Ende sichtlich gealtert zu sein schien ... na, wie auch immer. Bei künstlerischen Darbietungen der Extraklasse vergesse ich die Applauszeit zu messen und das war hier der Fall. Das Publikum, das ich bis auf zwei, drei Unverbesserliche als überdurchschnittlich aufmerksam bezeichnen würde, erkämpfte eine Zugabe, die ich nicht kannte, aber dank der auch vielgelobten Textverständlichkeit des Vortragenden identifizieren konnte (s.o.). Abschließend sei noch angemerkt, dass Gerhaher hier im Sachsenland nicht übermäßig bekannt zu sein scheint – beide Veranstaltungen, von denen ich berichte, waren keineswegs ausverkauft, nicht einmal ansatzweise.

Spätestens seit diesem Lied-Programm habe ich Christian Gerhaher in meinen persönlichen Sängerolymp aufgenommen und dort haben Baritone normalerweise nur schwer Zutritt.
palestrina (29.09.2016, 00:09):
Original von Rotkäppchen

Spätestens seit diesem Lied-Programm habe ich Christian Gerhaher in meinen persönlichen Sängerolymp aufgenommen und dort haben Baritone normalerweise nur schwer Zutritt.

Liebes Rotkäppchen, das freut mich sehr das Gerhaher Zutritt und einen ihm gebührenden Platz in deinem Olymp bekommen hat, besser spät als nie! :wink
Jetzt können ja die diversen Lied CDs anrollen, und der Postbote ist in Vollbeschäftigung! :D

LG palestrina
Rotkäppchen (29.09.2016, 08:54):
Jaja, ich weiß, lieber palestrina, Du hast's schon immer gesagt, dass der Gerhaher gut ist :D. Ganz so schlecht bin ich CD-mäßig gar nicht aufgestellt, hab' das LvdE unter Nagano, Mahler-Orchesterlieder auch unter Nagano, Wunderhorn-Lieder unter Boulez – etwas Mahler-lastig halt. Sonst nur die Dichterliebe und ein bisschen etwas opernmäßiges, Königskinder z.B. Alles in allem werde ich wohl aufrüsten müssen, Gerhaher mit Schubert fehlt mir noch völlig, das geht ja gar nicht :P.........
nikolaus (29.09.2016, 09:46):
Christian Gerhaher hat auch bei der Saison-Eröffnung in der Philharmonie Paris gesungen.

Gegeben wurden die Szenen aus Goethes Faust von Robert Schumann

Hanna-Elisabeth Müller soprano
Mari Eriksmoen soprano
Bernarda Fink mezzo-soprano
Andrew Staples tenor
Christian Gerhaher baritone
Franz-Josef Selig bass
Tareq Nazmi bass

Orchestre de Paris
Daniel Harding conductor

Nicht nur wegen Gerhaher war es ein grossartiges Konzert.

Hier kann man es noch nachhören und -sehen.

Nikolaus.
Rotkäppchen (29.09.2016, 10:09):
Danke, lieber nikolaus, jetzt bist Du mir zuvorgekommen, ich wollte den Link zu den Faust-Szenen gerade einstellen. Gut, dann weise ich auf eine andere aktuelle Aufnahme (9.9.2016) hin, die momentan bei concert.arte.tv zu sehen/hören ist:

Gustav Mahler – Lieder eines fahrenden Gesellen

mit dem Royal Concertgebouw Orchestra unter Daniele Gatti

Link

Der Clou: Gerhaher sang zur Belustigung des Publikums noch zwei offenbar nicht im Programm angegebene Überraschungsarien, nämlich DGs "Deh, vieni alla finestra" und Figaros "Non più andrai, farfallone amoroso".

:hello Rk