Nikolaus (02.08.2020, 20:58): Auch der renommierte Cleveland Piano Competition, zu dessen Sieger auch Sergey Babayan (Lehrer von Daniil Trifonov) gehört - um nur einen zu nennen, hat natürlich unter dem derzeitigen Chaos in der Welt zu leiden.
So kann der diesjährige Wettbewerb nicht wie geplant sonder "nur" virtuell unter dem Motto "virtu(al)loso" stattfinden.
Zugegebenermaßen hatte ich mich zunächst nicht richtig informiert und angenommen, der komplette Wettbewerb würde so stattfinden. Irrtum: der eigentliche Wettbewerb wird auf 2021 verschoben, stattdessen hat man quasi Ersatz organisiert, vorwiegend um die jungen Künstler auch finanziell zu unterstützen. So kann man für einzelne der Künstler gezielt oder in einen Fond Geld spenden.
Der Wettbewerb besteht aus einer Vorrunde, in der ein Programm von 20 Minuten von den Teilnehmern selbst zusammengestellt wird, sowie einer Finalrunde. Es nehmen 30 Pianisten/Pianistinnen aus aller Welt teil, die von einer 4köpfigen Jury bewertet werden.
In der Vorrunde gibt es sessions zu je 5 Teilnehmern, die live gestreamt werden. Ich hatte natürlich die ersten live sessions verpasst und auf der nicht ganz übersichtlichen Homepage zunächst nichts gefunden, wo man sie als replay sehen könnte. Doch es gibt einen link zum YouTube-Kanal von Steinway, dem Hauptsponsor, der seine Zentren in London, Cleveland, Peking und Hamburg für die Aufnahmen zur Verfügung stellt. So ist auch für eine gewisse akustisch Qualität gesorgt.
Hier die links zur homepage bzw. zu Steinway/youtube.
Zuerst war ich skeptisch, ob es überhaupt Spaß macht, sich das anzuschauen, aber mir gefällt es nach einer gewissen Gewöhungsphase sehr gut. Die Pianisten/Pianistinnen stellen sich in einem selbst aufgenommenen clip kurz vor und sagen auch etwas zu ihrer Programmauswahl. So gewinnt das ganze etwas persönliches und ist sehr kurzweilig. Das Niveau ist bisher durchaus beeindruckend., Gespannt bin ich vor allem auf Julian Trevelyan aus England, den ich bereits in Hamburg 2017 bei einem Beethoven-Marathon, veranstaltet vom kleinen aber feinen Verein ProPiano Hamburg, erlebt und sehr positiv in Erinnerung habe.
Also: wer Lust hat, schaue einfach mal rein... :)
Nikolaus (06.08.2020, 21:27): Die Vorrunde ist vorbei. Insgesamt war sie wegen der Vielseitigkeit wirklich interessant und manche Programme fand ich richtig spannend in ihrer kurzen Form. Mein erster Eindruck zum Niveau bestätigte sich bis auf wenige Ausnahmen.
Sechs Finalisten wurden ausgewählt, und wie immer liege ich mit meiner Auswahl fast vollkommen daneben: nur einer meiner Favoriten ist im Finale, aber wenigstens ist es auch mein Topfavorit: Arsens Gusev aus Russland.
Gamaheh (07.08.2020, 13:01): Danke, Nikolaus ! Insbesondere für den Steinway-Link, den ich sonst wahrscheinlich nicht gefunden hätte. Leider bin ich noch nicht dazu gekommen, mehr als nur in die Vorrunde reinzuhören, da ich unterwegs war (und im übrigen nicht einmal daran gedacht hatte, daß es schon so weit war ...). Dann will ich mal versuchen, das eine oder andere zu hören, bevor das Finale kommt (oder habe ich das auch schon verpaßt ?).
Gamaheh (07.08.2020, 13:18): Sasha Ghindin gehört übrigens auch zu den früheren Gewinnern.
Gamaheh (07.08.2020, 13:38): Haha - Zsolt Bognár war mal Mitglied von DASDC ! Kann man sich kaum noch vorstellen, er erinnert mich an George aus Men Behaving Badly. Große Gefahr, den niedlichen Italiener zu verpassen, manch einer war an dem Punkt wahrscheinlich schon eingeschlafen ... Die Aufnahmen, die die Pianisten von sich gemacht haben, sind z.T. echt schräg : Manchmal habe ich das Gefühl, sie springen gleich aus dem Bildschirm, um mir die Nase abzubeißen !
Nikolaus (10.08.2020, 22:34): Liebe Gamaheh,
herzlichen Dank für den (oder sagt man: das ?) like!
Ich muss gestehe, dass ich den Vorteil des Vorspulens beim replay ziemlich ausgenutzt habe und mich nur auf die Musik und nicht auf die Worte konzentriert habe.
Wie auch immer, das Finale ist vorbei, die Preisträger stehen fest.
Für mich nicht überraschend hat einer gewonnen, den ich nicht einmal im Finale hatte, von dem ich aber wusste, dass die Jury das anders sehen würde: Martin James Bartlett. Ohne Zweifel ein sehr guter Pianist, wenn auch nicht my cup of tea (wie passend!). Warum er allerdings in der "virtuellen" Award Ceremony Gershwins "The man I love" in einer Kirche spielt, weiß ich nicht zu deuten...
By the way: ich hätte meinen ersten Favoriten Arseny Gusev gewinnen lassen, der mich auch im Finale nicht zuletzt wegen seines Programms abseits des üblichen überzeugt hat. Alternativ wäre noch der Amerikaner Michael Davidman für mich ein Anwärter auf den Sieg gewesen, wenn er denn ins Finale gekommen wäre. Wie ich Dich kenne, wäre er sicher auch unter Deinen Favoriten gewesen?
Gamaheh (11.08.2020, 16:25): Lieber Nikolaus,
ich würde sagen "das". Aber sollte ich sagen "Ich habe Deinen Beitrag geliked", "geliket" oder "gelaikt" ? Gelaicht hast Du ihn ja.
Wie Du weißt, war Davidman auch ein heißer Favorit von mir. Leider ist er rausgeflogen, genau wie Trevelyan. Von meinen anderen drei für's Finale (zu einem 6. konnte ich mich nicht entscheiden) waren zwei unter den ersten drei; und ja : Bart war darunter, und nicht nur, weil er mir zu ungetrübter Heiterkeit verholfen hat, sondern er kann ja auch noch Klavier spielen (wenngleich mich sein Granados nicht überzeugen konnte). Ob es Zufall war, daß im Finale drei Jungs und drei Mädchen waren ?
Daß Steinway sich nicht zu einer einheitlichen Hygiene-Regelung entschließen konnte, finde ich schade. Anscheinend mußten die Kandidaten, die ihre Beiträge in NY aufgenommen haben, einen Mundschutz tragen; in Cleveland haben - ich glaube - zwei offenbar freiwillig einen getragen - oder waren sie potentiell infiziert ? Ich weiß, daß sie in Hamburg mit Fieberthermometer kommen mußten und nicht reingelassen wurden, wenn sie nicht eine normale Körpertemperatur vorweisen konnten.
Ich bin überzeugt, daß die Kandidaten, die einen Mundschutz tragen mußten, benachteiligt waren. Nicht nur, weil es vermutlich für die Pianisten lästig ist, sondern auch, weil sich sicher sowohl das Publikum als auch die Mitglieder der Jury nur einen unvollständigen Eindruck von ihnen machen konnte. Dem hirsuten Davidman hätte man auch gleich eine Tüte über den Kopf stülpen können. Es ist übrigens auch kein mundschutztragender Kandidat in das Finale gekommen.
So wie es sich am Ende darstellte, hätte ich übrigens auch eher für den gentleman cambrioleur votiert.
Später vielleicht noch ein bißchen weiter !
Gamaheh (13.08.2020, 03:25):
Warum er allerdings in der "virtuellen" Award Ceremony Gershwins "The man I love" in einer Kirche spielt, weiß ich nicht zu deuten... Ein Heiratsantrag ?
Gamaheh (13.08.2020, 03:31): Ist Dir übrigens aufgefallen, daß Bart in der Kirche auf einem sichtbar gekennzeichneten Blüthner spielt ? Und das im Steinway-Kanal mit dem Steinway-Logo unten rechts im Bild !
Gamaheh (13.08.2020, 05:27): Nun möchte ich doch noch was zu den kurzen Clips am Anfang jedes Beitrags sagen, in dem sich die Pianisten in 2 bis 3 Minuten vorstellen (Nikolaus hatte sie oben erwähnt), denn diese tragen auch zum Eindruck bei - keiner wird behaupten wollen, daß bei der Beurteilung eines (z.B.) Pianisten lediglich dessen musikalische Leistung (möglichst hoher Anteil an richtigen Noten usw.) ausschlaggebend ist.
Offenbar ist das aber vielen Kandidaten nicht bewußt, denn die meisten haben einfach in eine Kamera hineingeredet, ohne auch nur zu proben - im Zweifelsfall die Kamera ihres Laptops oder wie immer man das macht. Viele in einem mehr oder weniger unaufgeräumten Raum mit Klavier oder Flügel, manche nur vor einer weißen Wand - im Konservatorium oder zuhause. Die, die hängen bleiben, sind die sorgfältig inszenierten und die völlig schrägen.
Zu letzteren gehört sicher die Eigenaufnahme einer Pianistin, die wohl gerne ihre Heimatstadt vorzeigen möchte und sich daher auf die offenkundig meistbefahrene Straße derselben stellt, das Mikrofon in gebührender Entfernung. Diese Aufnahme erinnert an einen Peter Sellers-Sketch, der in Glasgows Sauchiehall Street angesiedelt ist und in dem ein völlig unmusikalischer und keinesfalls nüchterner Straßenmusiker eine schottische Ballade singt, was in einem lauten Knall, ebensolchem Schrei und der Sirene eines Rettungswagens endet.
Es ist klar, daß allen dieselben phantasielosen Fragen gestellt worden waren, wie "wann und warum haben Sie angefangen, Klavier zu spielen" oder "was ist Ihr Lieblingsstück" ? Die haben alle mit 5-7 Jahren angefangen, alles außerhalb dieses Bereichs ist untypisch (kommt aber nicht vor). Der Rest ist frei inszeniert, und am besten macht das meiner Meinung nach Arsen Gusev, der offenbar eine esoterische Ader hat. Der erste Clip ist anscheinend auf einem Friedhof aufgenommen, aber bei gewollt unscharfem Fokus, so daß der Engel des Grabmals im Nebel über ihm schwebend seine Flügel auszubreiten scheint (wie bei Uhland). Als Finalist hatte er eine zweite Chance, und diesmal war ein fröhlich plätschernder Bach in der Darstellung eines locus amoenus im Hintergrund zu sehen, während er uns erzählte, wie ihn einst der Gedanke an die Johannis-Passion vor dem Ertrinken gerettet hat.
Martin James Bartlett nun hat sich als Gesamtwerk inszeniert, wobei anscheinend John Steed als kultivierter Engländer sein Rollenmodell ist : stets im Sakko mit schräg aufgesetzten Taschen, zwei kurze Falten hinten; im Clip leger mit offenem Hemdkragen, im Konzert mit Windsor-Knoten, Kavalierstaschentuch, Manschettenknöpfen und Wildlederschuhen. Glücklicherweise spricht er nicht stark markiert im Stil der 60er Jahre (diesen kann man, wenn es interessiert, z.B. in den Filmen von Christopher Nupen hören), jedoch konventionell-konservatives Standard-Englisch mit einer Stimmqualität, die ich am ehesten mit einem Church-of-England Pfarrer assoziieren würde. Er lächelt stets und kommuniziert, daß das Leben schön ist (oder zumindest unterhaltsam).