Coverband oder Original? Wofür steht der Name einer Gruppe?

Hosenrolle1 (05.07.2015, 16:49):
Ich möchte diesen Beitrag mit einer Girlgroup beginnen.

Sicher habt ihr schon mal von der Gruppe "Sugababes" gehört. Es geht jetzt nicht um geschmackliche Fragen, auch nicht um einen Vergleich E-Musik und U-Musik und dergleichen, sondern um etwas anderes, nämlich die eigenartige Geschichte der Besetzung.


Als die Sugababes begannen, waren es drei Sängerinnen.

Nach einiger Zeit stieg eine davon aus und wurde ersetzt. Sie hießen immer noch Sugababes.

Später stieg ein zweites Originalmitglied aus, wurde ebenfalls ersetzt, und nun war nur noch ein Originalmitglied übrig. Immer noch der Name Sugababes.

Zu guter Letzt stieg auch das dritte Originalmitglied aus, und wurde ihrerseits ersetzt - nun waren es also drei völlig andere Sängerinnen. Und: trotzdem hießen sie Sugababes, obwohl es, wie gesagt, eine völlig andere Gruppe war.


Meine Frage an dieser Stelle: gesetzt den Fall, ihr wärt ein Fan der Originalgruppe gewesen - wären die drei völlig neuen Sängerinnen für euch immer noch die Sugababes? Oder fändet ihr, dass sie den Namen gar nicht tragen sollten?


Auf dieses Thema bin ich gekommen, weil AC/DC gerade eine Tour macht, und bekanntlich fehlen ja mittlerweile gleich 3 Originalmitglieder. Einer hat Ärger mit der Justiz, der zweite ist an Demenz erkrankt, der dritte starb 1980 und ist jetzt tot.
Trotzdem nennt sich die Band aber immer noch AC/DC, und ich finde, ehrlich gesagt, dass das nicht mehr AC/DC ist.

Von Dingen wie einer völlig anderen Bühnenshow, dem anderen Sound, dem viel höheren Alter der Band etc. einmal abgesehen finde ich, dass AC/DC eine bestimmte Gruppe von bestimmten Menschen waren. In einer Zeitungskritik im Standard wurden AC/DC gar als Coverband bezeichnet.


Das bringt mich noch zu Monty Python. In der Autobiografie sagte Michael Palin einmal, dass man ohne den verstorbenen Graham Chapman nicht mehr Monty Python ist, es kann nur Variationen davon geben.

Und ich finde, dass er da absolut recht hat. Steht der Name einer Gruppe (egal ob Rockband, Jazz-Combo, Popmusik, whatever, ...) nicht auch für eine bestimmte Zusammenstellung von Personen? Und wenn nur eine davon fehlt, ist man nicht mehr vollständig und der Name der Gruppe passt nicht mehr?

Seht ihr das nicht so streng?

In der Klassik ist das natürlich etwas anderes. Keiner würde auf die Idee kommen zu sagen, dass die Wiener Philharmoniker heute nicht die Wiener Philharmoniker sind, weil es ganz andere Musiker sind als bei ihrer Gründung. Gar keine Frage.





LG,
Hosenrolle1
Zefira (05.07.2015, 23:16):
Mir fällt da in erster Linie Genesis ein; nachdem Gabriel weg war, ist das eine komplett andere Band geworden - aber wie sie sich entwickelt hätte, wäre Gabriel geblieben, weiß ja auch keiner. Man kann da lange Geschmacksdiskussionen führen. In der Praxis geht es aber immer nur darum, wer die Rechte am Namen hat.

Verschwitzte Grüße von Zefira
Hosenrolle1 (05.07.2015, 23:23):
Ich finde es immer befremdlich, wenn ich die aktuellen Konzertvideos von AC/DC sehe, und sehe, wie die Fans da immer "AC/DC" rufen, weil ich mir dann denke: "Das sind nicht AC/DC. Davon abgesehen sind die alle alt, und die Auftritte sind völlig anders".

Trotzdem tun alle so, als wäre das die gleiche Band wie vor 40 Jahren. Man geht zu diesen Konzerten, weil man halt das nimmt, was da ist.

Ich würde mir beispielsweise kein Chuck Berry Konzert ansehen, weil der Mann über 90 ist und - wie man auf verschiedenen Videos sieht - ziemlich gebrechlich. Er kann LANGE nicht mehr so spielen wie früher und gesundheitlich siehts auch nicht mehr gut aus.

Ich käme nicht auf den Gedanken zu sagen "Da geh ich hin, egal ob er alt ist, er rockt immer noch so wie vor 50 Jahren".

Nein, ich verzichte da lieber drauf und schaue mir alte Mitschnitte aus besseren Zeiten an, statt zu sagen "Den sehe ich mir an, ich kann die Zeit nicht zurückdrehen, deswegen nehme ich das was halt da ist".




LG,
Hosenrolle1
Zefira (05.07.2015, 23:27):
Du musst schon unterscheiden, ob der Mann bzw. die Band noch die gleiche ist, also berechtigt, den Namen zu führen, oder ob es Dr bloß nicht gefällt, was da abgeht an musikalischem Gehalt.

Chuck Berry ist mit Sicherheit noch derselbe; auch wenn er tattrig ist und nicht mehr das bringt wie früher, kann ihm niemand verwehren, unter diesem Namen aufzutreten.

Ich mag z.B. Jethro Tull nicht mehr sehen - zu denen bin ich früher ständig gepilgert. Erstens mag ich Rockkonzerte allgemein nicht mehr so und zweitens ist es nicht mehr das gleiche, ich behalte lieber meine schönen Erinnerungen an frühere Konzerte, als Ian Anderson noch auf einem Bein stehend flötete und am Ende des Konzerts drei Riesenballons auf dem Kopf reintrug. (Oder macht er das immer noch?)
Nicolas_Aine (06.07.2015, 00:31):
In der Klassikszene ist das nicht unbedingt anders; bei Kammermusikformationen hat man genau das gleiche Phänomen.

Evtl. könnte man argumentieren, dass sich am Namen dann eine bestimme Interpretationstradition ablesen lässt, weil diese immer weiter gegeben wird.
Hosenrolle1 (06.07.2015, 00:34):
Ich gebe dir recht, nur bei Chuck Berry hast du mich ein wenig missverstanden.

Natürlich kann Berry als Chuck Berry auftreten, weil er alleine ja keine Band ist, bzw. auch früher keine Band hatte mit einem bestimmten Namen.

Bei ihm gings mir speziell darum, dass manche Fans sich auch qualitativ schlechte Shows ansehen, ihre Idole glorifizieren und kontrafaktisch argumentieren, dass er immer noch so spielt wie früher.

Und wenn dann doch gesagt wird "Er ist 90, was erwartest du? Sei froh dass er überhaupt noch auftritt", dann zeigt das, dass manche Leute sich mit allem begnügen, statt lieber schöne Erinnerungen an frühe Konzerte zu haben oder sich lieber alte Mitschnitte aus besseren Zeiten anzusehen.




LG,
Hosenrolle1
Hosenrolle1 (08.07.2015, 04:35):
Ich habe gerade einen Ohrgasmus (engl.: eargasm), weil ich gerade die Nummer "High Voltage" höre, live von 1977: https://www.youtube.com/watch?v=LwF0fDhwpaE


Das ist der Wahnsinn!! Der Sound, der knorrige Bass, die beiden angezerrten, trotzdem wuchtig drückenden Gitarren, und Bon Scott als Sänger!

Und dann sieht man diese Band heute auf ihrer blöden Tour, wie sie matschigen Lärm produzieren - und die Leute jubeln denen auch noch zu, als wäre DAS ein Wahnsinn.
Wie kann man ernsthaft denken, dass die High Voltage-Versionen von heute genauso gut sind wie die Version in dem Video?

Es ist ein Jammer, es ist ein Jammer ... :( :(





LG,
Hosenrolle1