DVD - Oper aus der Flimmerkiste

Severina (28.08.2010, 16:43):
Nie hätte ich gedacht, dass eine DVD ein ebensolches Gefühl reinen Glücks bei mir auslösen könnte wie ein Opernbesuch, doch die Aufzeichnung von Rossinis "Il Barbiere di Siviglia" aus London hat es geschafft. In 35 Opernjahren habe ich schon viele Barbieres erlebt, trotzdem kam es mir jetzt bei einigen Szenen so vor, als sähe ich sie zum ersten Mal, zumindest mit ganz anderen Augen.
Ich habe selten so gelacht und gleichzeitig so tief mitempfunden mit den einzelnen Charakteren.
Dieses Kunststück brachten Moshe Leiser und Patrice Caurier mit einer ungemein personenzentrierten, subtilen und witzigen Inszenierung zu Stande, die aber nie auch nur in die Nähe von oberflächlichem Klamauk abdriftete. Alleine was die beiden aus der meist bis zum Überdruss vergagten Don-Alonso-Szene zu Beginn des 2. Aktes an subtilen Zwischentönen und feinem Humor herausholen, ist fabelhaft. Denn Leiser&Caurier nehmen ihre Figuren ernst, erliegen nicht der Versuchung, aus Don Bartolo und Don Basilio vertrottelte Witzfiguren zu machen, wie man es leider oft vorgeführt bekommt. Jeder bewahrt auf seine Art seine Würde, und dadurch entsteht plötzlich eine ungewohnt tragische Komponente. Natürlich nicht zu tragisch, das wäre weit verfehlt, aber doch ein Mitgefühl mit Figuren, für die man sonst eigentlich eher Schadenfreude empfindet.
Was mich besonders berührt, ist die sorgfältig inszenierte Liebesgeschichte, die speziell in der erwähnten Szene ja meist völlig im Slapstick untergeht. Leiser gönnt Rosina und Almaviva viele ruhige Momente, in denen sie ihre Gefühle füreinander vertiefen und zeigen können, viel Zeit für zärtliche Gesten und Blicke jenseits von aller Komik, sodass sich plötzlich Schmetterlinge einstellen, die zumindest ich nur von den großen Liebesdramen eines Verdi etc. kenne.
Diese Inszenierung kann man wohl viele Male mit Gewinn und Vergnügen sehen und wird jedesmal neue Details entdecken.

Natürlich funktioniert kein Regiekonzept, wenn es nicht vom Ensemble umgesetzt wird, und auch das gelingt hier perfekt. Es gibt keine einzige Schwachstelle, jeder identifiziert sich 100%ig mit seiner Rolle und die Spielfreude wirkt sogar über den Umweg der DVD ansteckend auf den Betrachter. Ich wurde jedesmal kribbelig, wenn die Kamera zu lange auf einer einzelnen Person verharrte, weil ich nicht die beziehungsreichen Blicke und Gesten der anderen verpassen wollte.
Ebenso hoch ist das musikalische Niveau, und es passiert mir höchst selten, dass ich mir bei einer DVD für keine einzige Partie eine andere Besetzung wünsche. Aber ich wüsste nicht, was man hier besser machen könnte.
Das beginnt im Graben, wo Antonio Pappano einmal mehr beweist, dass er momentan zu den besten Rossini-Dirigenten zählt und ein wahres Feuerwerk spritzigen und schwungvollen Musizierens entfacht.
Joyce di Donato lässt ihren prachtvollen Mezzo leuchten, dass es eine wahre Freude ist, auch die aberwitzigsten Koloraten klingen bei ihr wie die leichteste Sache der Welt, nie hat man das Gefühl, dass sie stimmlich an eine Grenze gehen müsste. Für mich die momentan beste Rosina, und das sagt ein Garanca-Fan!!
Eigentlich hätte alles ein Fiasko werden müssen, denn di Donato brach sich vor der PR den Fuß und spielte die gesamte Partie - im Rollstuhl!! Spätestens nach 20 Minuten kommt einem das wie die natürlichste Sache der Welt vor und man fragt sich unwillkürlich, ob das nicht vielleicht eh so im Libretto steht. Joyce di Donato bewegt sich mit dem Rollstuhl, als hätte sie nie etwas anderes getan, und der fahrbare Untersatz wird geschickt in die Inszenierung eingebaut. Aber nie wird er zu primitiven oder peinlichen Gags missbraucht, auch hier wahrt Leiser immer genau die Balance. Köstlich, wenn Rosina in der Schlussszene mit zunehmender Verzweiflung Almaviva durch Blicke und Gebärden klarmachen will, wie sie die Leiter hinunterkommen soll - über diese Nebensächlichkeit hat sich der Conte in seinem Liebesrausch noch keine Gedanken gemacht. Gottlob löst sich das Problem mit der verschwindenden Leiter von selbst.

Der Conte: Dass Juan Diego Flórez den Almaviva mit gewohnter Brillianz singt - gibt es eigentlich Grenzen für diesen Ausnahmetenor?? - war zu erwarten, nicht jedoch die verblüffende Metamorphose von seiner sterbenslangweiligen Stehpartie in Barcelona zu einem Singschauspieler, der vor Temperament und Spielwitz förmlich platzte. Ich rieb mir mehr als einmal verwundert die Augen: War das wirklich Flórez?? Er war es, und alleine für seinen scheinheiligen Blick als Don Alfonso müsste man ihn abbusseln. Dass die Chemie zwischen ihm und Joyce di Donato 100%ig stimmte, war nicht zu übersehen. Eine wahre Freude, das Zusammenspiel der beiden, und auch rein optisch ein Traumpaar. (Und das Schöne: Weder Joyce di Donato noch Juan Diego Flórez geraten wohl in den Verdacht, nur wegen ihres vorteilhaften Äußeren Karriere gemacht zu haben. Beide sind unbestritten Spitze in ihrem Fach.)

Der Rossini-Haudegen Alessandro Corbelli sang den Doctor Bartolo und riss das Publikum schon alleine mit seinem atemberaubenden Parlando zu Begeisterungsstürmen hin. Aber auch er schuf ein eindringliches Rollenporträt fern der üblichen Klischées, und wenn er am Ende völlig vernichtet am Boden hockt, empfindet man ehrlich Mitleid mit ihm.

Pietro Spagnoli ist ein sehr viriler Figaro, vielleicht ein wenig weniger schlitzohrig als gewohnt, aber äußerst präsent. Das gilt auch für seine vokale Performance - einen besseren Figaro kenne ich gegenwärtig nicht, nur einen ebenbürtigen. (Adrian Eröd)

Ferruccio Furlanetto, in jeder Partie ein großartiger Singschauspieler, durfte als Don Basilio wieder einmal sein komödiantisches Talent unter Beweis stellen. Wenn man ihn nur in den großen Verdipartien oder als Boris kennt, traut man ihm diesen Witz gar nicht zu, dabei liebt er komische Rollen, und das merkt man auch auf dieser DVD. Alleine sein Mienenspiel, das wirklich jede kleinste Gefühlsregung nachzeichnet, verdiente einen Preis.

Für mich steht fest: Ich habe meine ultimative Barbiere-DVD gefunden, diese Einspielung ist nicht zu toppen, und das kann ich von kaum einer meiner vielen DVDs sagen. Jetzt kann ich die langweilige Barcelona-Produktion getrost in die hinterste Reihe verbannen, sie ist nur mehr von archivarischem Interesse für mich.

lg Severina :hello
Solitaire (24.10.2010, 11:41):
Okay, auch wenn der thread noch keinen neuen Titel hat, hier mal meine 50 Cents zum Don Giovanni den ich gestern gesehen habe:
http://ecx.images-amazon.com/images/I/51%2BJ-d5-jwL.jpgBesetzung:
Don Giovanni: Bryn Terfel
Leporello: Ferruccio Furlanetto
Don Ottavio: Paul Groves
Commendatore: Sergei Kotchak
Donna Anna: Renee Fleming
Donna Elvira: Solveig Kringelborn
Zerlina: Hei-Kyung Hong
Massetto: John Relyea
Dirigent: James Levine
Regie: Franco Zeffirelli

Es handelt sich um eine Aufführung aus dem Jahr 2000 aus der MET. Die MET und Franco Zeffirelli bedeuten: große Ausstattungsoper, traditionelle Regie ohne einen Hauch von Regietheater. Das kann man mögen oder nicht, ich fand es wie gestern schon erwähnt nach all den modernen Giovannis der letzten Jahre überaus angenehm.
Wenn Künstler wie Terfel und Furlanetto am Werke sind, hat die Langeweile ohnehin keine Chance, und die Höllenfarht selber war trotz sehr traditioneller Umsetzung um ein vielfaches nervenzerfetzender als bei so manchem Skandalregisseur.
Das Beiheft zur DVD verrät mir, daß sich die amerikanische Presse seinerzeit offenbar vor Begeisterung geradezu überschlagen und alle Beteiligten mit Lob überhäuft hat.
Allen voran den Titelhelden, Terfel habe gesungen "wie ein Engel" und wurde von manchen gar als bester Giovanni seit Cesare Siepi bezeichnet. Ob er das wirklich war kann ich nicht sagen, denn immerhin gab und gibt es eine ganze Reihe ausgezeichneter Interpreten dieser Rolle (außerdem kann ich Terfel ohnehin nicht fair beurteilen, da ich ihm, wie der geneigte Leser vermutlich schon bemerkt hat, sehr ergeben bin...).
Er ist aber ganz ohne Zweifel der dämonischste, ruchloseste Don den ich je erlebt habe. Er mordet mit einem Lächeln auf dem Gesicht, er hält den sterbenden Komtur im Arm und beobachtet dessen Todeskampf mit geradezu obszöner Neugier, er tut die um ein Haar gelungene Vergewaltigung Zerlinas mit einem zynischen Grinsen ab, er ist absolut unfähig zum Mitgefühl mit anderen Menschen, und wer bis dahin nicht begriffen hat was diesen Mann umtreibt, dem geht spätestens bei der Champagner-Arie ein schauerliches Licht auf: Terfels Don steigert sich in eine geradezu manische Raserei, die nichts, aber auch gar nichts mit Lebensfreude und Genuß zu tun hat. Selten habe ich mich aus anderen als musikalischen Gründen derart auf eine Höllenfahrt gefreut... :engel
Daß er optisch nicht wirklich dem Idealbild des angeblich größten Liebhabers aller Zeiten entspricht, stört bei soviel dämonischer Ausstrahlung und sinistrer Sinnlichkeit nicht im Geringsten, ganz im Gegenteil: wir haben es hier mit einem Don zu tun, dem man sein ausschweifendes Leben und seine Maßlosigkeit seit geraumer Zeit ansieht. Von dem eleganten Edelmann der er einst war ist nicht mehr viel übrig geblieben.
Terfel zur Seite Ferruccio Furlanatto in einer seiner Paraderollen: dieser Leporello ist nicht nur der geknechtete Diener seines Herrn, sondern macht sich mit ihm auf durchaus unsympathische Weise gemein und ist im Grunde keinen Deut besser als er. Endlich einmal wirkt die Verkleidungsszene nicht völlig albern: dank der gleichen (grauenvollen :cool) Haartracht, einer ähnlichen Figur und dem geschickten hantieren mit Umhängen und Hüten, kommt die Verwechslung zwischen Giovanni und Leporello einigermaßen glaubhaft daher, zumal auf der Bühne tatsächlich das von Mozart vorgeschriebene Halbdunkel herrscht, was ja heutzutage auch keine Selbstverständlichkeit mehr ist...
Nur einmal wird diesem Leporello ganz kurz die Schau gestohlen, und das von Donna Elvira: während der Registerarie reagiert sie so tragisch-komisch, daß es ein bißchen schwer fällt, sich so auf Leporellos Gesang zu konzentrieren wie er es verdient hätte.
Solveig Kringelborn ist eine tolle Elvira, die ständig zwischen hysterischer Wut, schadenfrohem Rachedurst und aufrichtiger Sorge und Liebe hin-und hergerissen scheint.
Der Wandel geschieht, als sie begreift, daß Giovanni einen Mord auf dem Gewissen hat: jetzt geht es um mehr, als darum, daß ein Mann mit ihr geschlafen und sie dann wie ein Spielzeug weggeworfen hat. Das ist kein schöner Zug vom Don, aber wenn man dafür in die Hölle käme, hätten sie dort bald ein räumliches Problem... :ignore
Nein, sie sorgt sich um seine Seele, alle Hysterie ist von der Sängerin abgefallen, und aus irgendeinem Grund den nur er allein kennt, kann Giovanni ein solches echtes menschliches Gefühl das ihm entgegengebracht wird offenbar nicht ertragen. Er verliert nicht erst die Fassung als der Komtur auftaucht, er verliert sie bereits als Elvira ihn zur Umkehr auffordert. Mir hat diese Donna Elvira sehr gut gefallen, da sie m.E. die richtige Mischung aus Tragik und Komik in die Rolle bringt.
Renee Flemings Donna Anna ist ganz große Dame: edel in ihrer Trauer und ihrem Wunsch nach Gerechtigkeit, fällt sie, anders als Elvira, nie aus der Rolle, sie singt wunderschön und es ist klar, daß sie eines Tages eine friedliche Ehe mit Don Ottavio führen wird. Die immer wieder gern diskutierte Frage, ob da was war zwischen ihr und Don Giovanni oder ob sie sich erotisch von ihm angezogen fühlt, kann hier mit einem ganz deutlichen "definitiv nicht!" beantwortet werden.
Ihr Don Ottavio ist Paul Groves, der mir gefallen hat, den ich aber nicht außergewöhlnich fand. Er ist treu, ergeben, edel aber gegen die geballte Bühnenpräsenz eines Giovanni, gegen Leporellos gerissene Hinterhältigkeit und auch gegen den zu cholerischen Ausbrüchen neigenden Masetto schon ein bisserl fad. Ein Tenor eben... :D
Es gehört ein großer Sänger dazu, aus dieser Rolle mehr herauszuholen, mein Favorit ist derzeit imer noch Michael Schade
In den Ensembleszenen mit Elvira und Anna hat er mir allerdings sehr, sehr gut gefallen.
Hei-Kyung Hong und John Relyea als Bauernpaar Zerlina und Massetto versprühen Lebensfreude und singen toll. Hei-Kyung Hong ist eine kokette, neugierige Zerlina, die von Giovanni sehr fasziniert ist und mit dem Feuer spielt, umso eindrucksvoller ihr spürbares Entsetzen, als sie sich auf Giovannis Fest mit zerissenen Kleidern, gefesselt und knapp der Vergewaltigung entkommen, weinend in Masettos Arme flüchtet. Massetto ist für einen armen Bauern entschieden zu elegant gekleidet, selbst wenn man bedenkt, daß es sich um seinen Hochzeitstag handelt, ist es schon etwas komisch, daß er stilvoller daher kommt als der Edelmann dessen Gast er ist.

Fazit: mich hat dieser Opernabend vor dem Fernseher gepackt wie lange nichts mehr. Regietheater muß nicht schlecht sein, und traditionelles Theater muß nicht langweilig sein, wichtig ist, daß die Geschichte gut und glaubhaft erzählt wird, und das war hier der Fall.
Die Höllenfahrt will ich nicht beschreiben.
Seht selbst:

http://www.youtube.com/watch?v=Ue72gvJvpi8

So, und zum Schluß und um der Wahrheit die Ehre zu geben: mir ist natürlich klar, daß bei einer derart traditionellen Inszenierung Künstler auf der Bühne stehen müssen die in der Lage sind, sie zum Leben zu erwecken, sonst wird es zum Konzert im Kostüm, und das kann bei einer solchen Oper niemand wollen.
Severina (24.10.2010, 12:05):
Liebe Mina,
obwohl ich bei Zeffirelli eher "Igitt!" und "Hände weg!" sage, dieser Giovanni, so wie Du ihn schilderst, reizt mich doch sehr! Vielleicht springe ich ja über meinen Schatten :wink :D!
lg Sevi :hello
Severina (24.10.2010, 13:13):

Ich dachte ja immer, eine langweiligere Inszenierung als unsere in Wien gäbe es nicht, aber Bologna übertrifft sie noch bei Weitem. Speziell die ersten beiden Akte sind rekordverdächtig punkto Rampensingen, man gewinnt beinahe den Eindruck, die Sänger unterliegen einem strikten Verbot, sich anzuschauen oder allzu nahe zu kommen.
Erst der 3. Akt gewinnt dank des Zusammenspiels von Flórez und Machaidze etwas an Dramatik, und wenn man weiß, dass der Tenorino nicht eben zu den begnadetsten Schauspielern zählt, kann man sich die Stehpartie davor lebhaft vorstellen.

Pier Alli siedelt seine Puritani in einem stilisiert-historisierenden Niemandsland an, wo die Soldaten mit modern anmutenden Gewehren ausgestattet sind, während Arturo & Co bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ihre Schwerter zücken. Das Bühnenbild gefällt mir eigentlich ganz gut, es ist auf wenige Elemente reduziert - ein monumentalr Turm auf der Hinterbühne im ersten Bild, zwei im Tiffanystil gestaltete Glasparavants für Elviras Gemach, riesenhafte, bis in den Schnürboden hinaufreichende Schwerter als "Säulen" des Waffensaals, ein Prospekt mit diffus-verschlungenem Muster, das einen Wald suggeriert, als Hintergrund des letzten Aktes. Die Farbpalette beschränkt sich auf sämtliche Abstufungen von Graublau. Natürlch müsste man dieses Vakuum mit Leben füllen, und genau dazu ist Pier Alli leider nicht im Stande.
Zum Chor, der in dieser Oper sehr präsent ist, fällt ihm absolut nichts ein und greift zur Standardlösung, wie wir sie von ähnlich uninspirierten Inszenierungen zur Genüge kennen: Er lässt ihn streng symmetrisch Aufstellung nehmen, was bei der Armee ja noch Sinn machen würde, nicht aber beim weiblichen Teil der Hofgesellschaft, und verordnet ihm ein stereoptypes Bewegungsritual. Besonders die Damen müssen ihre Hände völlig synchron in immer neue Positionen bringen, was manchmal unfreiwillig komisch wirkt - Aerobic am Königshof??
Der Chor bildet somit ein nach vorne offenes Karree, quasi den Rahmen für die Protagonisten, innerhalb dessen sie sich bewegen - sollten. Genau das tun sie aber eben nicht, sondern stehen wie bestellt und nicht abgeholt herum und singen ihre Parts herunter. Besonders ärgerlich ist das bei den hochdramatischen Duetten, wo die Kontrahenten in Respektabstand neben- oder hintereinander förmlich am Bühnenboden angenagelt zu sein scheinen und ihren ganzen Frust frontal ins Publikum schleudern. Besonders putzig ist das Ganze aus der Perspektive der Kamera auf der Hinterbühne, wenn man dann weit vorne die Rücken zweier breitbeinig dastehender Männlein sieht, die offensichtlich gerade überlegen, ob sie in den Orchestergraben springen sollen. (Die Kameraführung ist überhaupt ein Kapitel für sich....)
Wie schon erwähnt, der 3. Akt macht dann einiges wieder gut, denn da kommt dank Machaidze und Flórez wirklich Dramatik auf, aber das kann die insgesamt verkorkste Inszenierung nicht mehr retten.

Stimmlich ist Juan Diego Flórez sehr gut (Wann ist er das nicht?), aber ohne die Über-Drüber-Brillianz, die man von ihm gewohnt ist. Es wird wohl einen Grund haben, dass er diese Partie vor Bologna erst einmal auf einer Bühne gesungen hat, und zwar bei uns in Wien. Aber ehrlich gesagt kann ich mich an keinen Live-Arturo erinnern, der diese Mörderpartie ganz ohne Ermüdungserscheinungen gepackt hätte, insofern ist Flórez Leistung ohnehin toll.

Wenn man Edita Gruberova vergisst, ist Nino Machaidze eine ausgezeichnete Elvira, die besonders bei "O rendetemi la speme" zu berührendem Ausdruck findet.

Ildebrando D'Arcangelo, hier in der ungewohnten Vaterrolle des Sir Giorgio Valton, setzt seinen virilen Bassbariton sehr eindrucksvoll ein und kann einige starke Momente für sich verbuchen. Als ausgezeichneter Singschauspieler muss er unter dieser Stehpartie besonders gelitten haben.

Gabriele Viviani verfügt über eine geschmeidige, schön gefärbte Stimme, musste aber als Sir Riccardo auch hörbar an seine Grenzen gehen.

Lieber vergessen möchte ich das unangenehm quäkende Organ von Ugo Guagliardo als Lord Gualtiero Valton.

Mein Fazit: Diese DVD ist nur für Hardcorefans von Juan Diego Flórez und Nino Machaidze ein Muss!!!

lg Sevi
Solitaire (24.10.2010, 13:25):
Danke für diese Schilderung!
Ich mag Nino Machaidze recht gern, als Umbesetzung (es wäre unfair, sie "Ersatz" zu nennen) für die damals schwangere Anna Netrebko als Julia in Salzburg hat sie mir richtig gut gefallen. Und wenn Anna die Elvira singen darf, dann darf Nino das auch.
Stehtheater ist immer doof, da kann man dann nur noch hoffen, daß die musikalichen Leistungen gut sind. D'Arcangelo mag ich sehr, sehr gern, obwohl ich ihn mir so gar nicht als Vater vorstellen kann - so ein fesches Mannsbild! :engel

Was deine Neugier auf den New Yorker Giovanni angeht, so kann sie gestillt werden: ich würde ja nie sowas verbotenes tun wie eine DVD kopieren (und bin außerdem zu doof dazu :D) aber wenn du magst schicke ich dir in den nächsten Tagen leihweise mein Exemplar, da kannst du in aller Ruhe Fernsehen.
Fairy Queen (24.10.2010, 15:54):
Mein Fazit: Diese DVD ist nur für Hardcorefans von Juan Diego Flórez und Nino Machaidze ein Muss!!!



Und Was ist mit Hardcore Bellini Fans????
Eigentlich sammel ich bellinimâssig ja alles, was ich kriegen kann, aber das klingt wirklich abschreckend...... :I

F.Q.
Severina (24.10.2010, 16:19):
Liebe Fairy,

für Hardcore-Bellinifans natürlich auch, und überhaupt muss ich gestehen, dass mir die DVD beim 2. Anschauen eben jetzt nicht mehr ganz zu furchtbar vorkommt. Man gewöhnt sich eben an alles! (Und ich habe mir geschworen, in Zukunft keine Rezension mehr zu schreiben, ohne den Ersteindruck überprüft zu haben :engel )
Das Bühnenbild hat mir ja gestern schon sehr gut gefallen, ich fürchte allerdings, Dir wird es zu dürftig sein.

Wer mich immer mehr für sich einnimmt, ist der Bariton Gabriele Viviani, der hat echt eine schöne Stimme. Was mich stört, ist der unorganische Registerwechsel bzw. dass er manche hohen Töne so merkwürdig anquetscht (Ich kann's leider nicht fachfraulicher erklären :S) - wenn er dann einmal unterwegs nach oben ist, klingt es wieder gut. Auch die tiefen Töne könnten fundierter sein, aber wenn er in der Mittellage unterwegs ist, schwingt etwas mit, was wirklich zu Herzen geht. Also zumindest meines berührt es! Allerdings wird Vivianis Stimme mit Fortdauer der Aufführung härter, verliert deutlich an Glanz, vielleicht ein Zeichen, dass er hier über seine Grenzen hinaussingt. Er ist wohl ein genuiner lyrischer Bariton.
lg Sevi :hello

lg Sevi :hello
Severina (24.10.2010, 17:08):
Original von Solitaire
Danke für diese Schilderung!
Ich mag Nino Machaidze recht gern, als Umbesetzung (es wäre unfair, sie "Ersatz" zu nennen) für die damals schwangere Anna Netrebko als Julia in Salzburg hat sie mir richtig gut gefallen. Und wenn Anna die Elvira singen darf, dann darf Nino das auch.

Liebe Mina,

ich habe Anjuschka noch nie als Elvira gehört, kenne auch die DVD nicht, wage aber trotzdem die Prognose, dass Nino Machaidze besser ist: Im Unterschied zu der von mir sehr geschätzten Netrebko - aber in anderen Partien - hat ihre Stimme nämlich die nötige Leichtigkeit und Beweglichkeit für Koloraturen. Und vom Spiel, von der Mimik her ist Nino Machaidze schlicht großartig, da gibt es nichts daran auszusetzen.
lg Sevi :hello
Dulcamara (01.11.2010, 20:39):
Als Hardcore-Bellini-Fan habe ich mir diese DVD dann dennoch zugelegt. ;-)

Da ich auch die DVD mit Anna N. besitze, möchte ich kurz Severinas Ausführungen (vielen Dank dafür!) ergänzen.

Wenn man ein Hardcore Belcanto-Fan ist, ist Anna N. sicher keine ideale Elvira. Mir persönlich gefällt sie aber deutlich besser als Nino Machaidze. Während bei Machaidze die Koleraturen deutlich exakter gesungen werden und sie technisch die Rolle weitaus besser beherrscht, finde ich sie doch eher farblos. Sie packt mich an nahezu keiner Stelle. Anna Netrebko hingegen scheint Elvira als Person viel ernster zu nehmen (so schwierig das aufgrund des katastrophalen Librettos ist). Was ihr an Technik fehlt, gibt sie an Spannung (und Tonschönheit!!!) zurück.

Man nehme zum Beispiel die Stelle, an der Elvira ungläubig fragt: "Nur drei Monate bist Du weg gewesen? Nein, drei Jahrhunderte!" im dritten Akt. Bei Anna Netrebko ist das Erstaunen und die Verzweiflung greifbar, Machaidze singt fast darüber hinweg.

Für alle anderen Sänger lohnt sich die Met-Aufnahme hingegen überhaupt nicht! Der Tenor (Eric Cutler) ist der Rolle überhaupt nicht gewachsen, die tieferen Männerstimmen singen passabel aber es gelingt ihnen nicht, sich von den technischen Anforderungen der Rollen freizusingen und zu gestalten. Auch bei der Met-Aufnahme handelt es sich regietechnisch um reines Rampensingen, zudem in uralten Kulissen und einem schon fast skuril antiquierten Bühnenbild. Es wirkt mitunter so, als sei eine lebendige Frau (Anna N.) in ein Wachsfigurenkabinett geraten und singe nun mit aller Kraft gegen die Trostlosigkeit der Situation an.

Also, wer die Oper liebt, braucht vermutlich beide DVD's, die Bologna-Aufnahme für Florez, die New Yorker Aufnahme für Anna Netrebko. Wer kein Bild braucht, den möchte ich dann aber doch (und ich bin wahrlich kein Hardcore-Fan) auf die Callas-Aufnahme mit di Stefano, geleitet von Tutto Serafin verweisen. Die Aufnahmequalität ist durchweg akzeptabel und das Paar ist komplett besetzt. Gruberova und Sutherland fehlt beiden im Vergleich doch deutlich die dramatische Qualität (und Gruberova auch ein Tenor). (Dramatisch finde ich auch die Netrebko stärker als diese beiden Belcanto-Damen, technisch sind alle drei genannten CD-Sängerinnen natürlich eine andere Liga.)

Allerdings singt Anna Netrebko anders als die Callas auch live die anspruchsvolle (und wunderschöne) Schluss-Cabaletta "Ah senti, o mio bell'angelo" zum Abschluss der Oper (wie auch die Gruberova und Sutherland in Studio-CD-Aufnahmen). Das liegt allerdings auch daran, dass diese wohl erst 1960 wiederentdeckt wurde.

Interessanterweise wird diese Cabaletta in Bolgona von Florez gesungen (Machaidze singt mit, allerdings deutlich nach unten transponiert). Ich denke das war ein Zugeständnis an den Star des Abends. Dennoch, das Finale der Oper ist so in der Met-Version noch einmal deutlich strahlender als in der Bologna-Version. Das kann man sich aber auch auf Youtube ansehen.

Nachtrag: Habe mich in Philip Gossett's wunderbarem Buch "Divas and Scholars: Performing Italian Opera" noch einmal über die Schluss-Cabaletta schlau gemacht. Offenbar hat Bellini ursprünglich die Cabaletta für Tenor und Sopran komponiert. In einer "Malibran-Version" für Mezzosopran hat er dann den Tenor 'rausgestrichen. Für Paris hat er ein Chorfinale komponiert. Offenbar hat man für die Callas-Aufnahme diese Pariser Version zugrunde gelegt, da die Cabaletta verschollen war. Sutherland hat eingeführt, dass die Mezzo-Solo-Cabaletta nach oben transponiert ohne Tenor auch von Sopranistinnen gesungen wird. Offenbar hat man für Bologna Bellinis Erstversion MIT Tenor gewählt. (Das hat jetzt aber vermutlich auch wirklich nur noch mich interessiert, sorry.)
Severina (01.11.2010, 21:58):
Lieber Dulcamara,

Einspruch: Das hat keineswegs nur Dich interessiert, danke für diese Recherche, ich habe wieder etwas dazugelernt :down

Ohne die NY-DVD zu kennen, glaube ich Dir gerne, dass Anna die seelenvollere Elvira ist, aber so unbeteiligt wie Dir ist mir Nino Machaidze nicht vorgekommen, ihr Mienenspiel war doch sehr berührend. Ich finde sie jedenfalls als Elvira um vieles überzeugender denn als Juliette, da konnte ich mich mit ihr überhaupt nicht anfreunden.

lg Severina :hello
Fairy Queen (02.11.2010, 07:14):
Lieber Dulcamara, nee, mich interessiert das auch, denn ich bin ebenfalls ein "Hardcore" Bellini Fan. Ausserdem habe ich mich mal sehr intensiv mit Maria Malibrans Leben und Laufbahn befasst. Leider ist die Fassung die Bellini eigens für sie transponiert hatte (er war nciht nur in ihre Stimme verleibt, wie einige Briefe beweisen) niemals aufgeführt werden. Bellini starb über den Planungen und Maria Malibran starb am selben tag wie er, allerdings ein Jahr spâter. Opernstoff....
Die Malibranfassung der Puritani wurde bis in die zweite Hälfte des 20 Jh nie aufgeführt undnqchdem Callas und Sutherland dne Belcanto für die Soprane wieder ausgegraben haben und natürlich mit der Höhe glänzen wollten, musste erst eine Bartoli sich als wiedergeborene Malibran stilisieren; um diese Fassung salonfähig zu machen.

Für mich ist die Mezzoversion keine echte Alternative- die puritanische Jungfrau Elvira, demLiebes-Verzweiflungs- Wahn verfallen, ist als Figur eien echte femme fragile, zu der ein überirdisches ätherisches Singen gehört, wie zu den meisten Bellini-Rollen. von Norma natürlich abgesehen. Dass die Callas die Fähigkeit hatte, ihre Stimme den Rollen anzupassen, macht sie so einzigartig. Netrebko kann das nicht, sie ist und bleibt ein grosser lyrischer Sopran udn klingt viel zu unverwüstlcih und "gesund" für Bellini-Rollen.
Mir hat die junge Freni in der Rolle ganz wunderbar gefallen, zumal sie mit Pavarotti auch einen phantastischen Arturo an ihrer Seite hatte.
Von der folgenden Generation ist Eva Mei eien ideale Besetzung, Sie hat die Oper aber meiens Wissens leider nicht auf DVD eingespielt.

F.Q.
Dulcamara (02.11.2010, 08:41):
Liebe Fairy, mal eine kurze Nachfrage (allerdings etwas weg vom DVD-Thema): Wie ist die Aufnahme mit Freni und Pavarotti denn klangtechnisch? Die würde mich nämlich auch reizen. (Ich vermute, Du beziehst dich auf die Liveaufnahme aus Rom mit Muti am Pult?) Kannst Du da ein bestimmtes Remastering empfehlen?

Von Eva Mei finde ich gar keine Aufnahme der Elvira. Ich vermute Du verfügst über einen Radiomitschnitt, oder?

Stimme Dir eigentlich voll zu, dass Elvira besser zu einem Sopran passt als zu einem Mezzo. Auf der anderen Seite habe ich vorletztes Jahr die Sonnambula mit der Bartoli in einer konzertanten Aufführung erlebt und das hat mir außerordentlich gut gefallen, obwohl auch hier das Ätherische des Schlafwandelns weit weg ist, von dem was man klassischerweise mit Mezzos assoziiert.
Solitaire (02.11.2010, 09:58):
Ich habe bis gerade eben die Sutherland/Pavarotti Aufnahme gehört und bin hingrerissen. Auch wenn das Libretto natürlich in der Tat eine Katastrophe ist.
Jetzt suche ich nach einer passenden DVD. Gibt es die Puritani eigentlich mit Natalie Dessay?

Zu Anna: ich finde ihre Stimme wirklich wunderschön, aber sie hat mich schon als Lucia nicht wirklich überzeugen können. Natürlich "kann" sie das singen, sie ist ja nunmal ausgebildete Sängerin und sie hat sich, ich habe es schon an anderer Stelle erwähnt, in der Wahnsinns-Szene weit besser geschlagen, als ich vermutet hätte, aber eine femme fragile ist sie nicht. Allerdings teile ich Dulcamaras Einschätzung, daß sie eine gute Darstellerin ist, und daher manches spielen kann, was sie vokal ab und zu schuldig bleibt, aber Dessay kann beides :down :down :down
Dulcamara (02.11.2010, 12:23):
Ich glaube es gibt nur drei Elviras auf DVD: Gruberova, Netrebko und Machaidze. Die Gruberova-Aufnahme kenne ich aber nicht, da kenne ich nur die CD-Version. Natalie Dessay hat auf einer ihrer Recital-CD's ("Italian Opera Arias") aber die Wahnsinnszene aus dem 2. Akt aufgenommen.

Persönlich finde ich Anna Netrebko als Elivra deutlich überzeugender als als Lucia, wobei da meine Favoritin Christiane Schäfer ist, die ich einmal in Frankfurt live erlebt habe (was natürlich dann eigentlich gar nicht mit DVD's vergleichbar sein kann). Mir gefällt Anna Netrebko auch als Giulietta in der Aufnahme von I Capuletti. Auf ihre Anna Bolena bin ich gespannt - da habe ich aber keine großen Hoffnungen.
Fairy Queen (02.11.2010, 12:31):
Lieber Dulcamara, Freni/ Pavarotti habe ich "nur" auf Cd, unter Muti. hätte die Freni doch nur in diesem Fach weitergemacht anstatt sich mit zu dramatishcen Rollen die Stimme zu "versauen"!!!! Die Klangqualitât ist nciht schlechter als man es als Belcanto-Hardcore Fan auch mit Callas zu akzeptieren bereit ist. Ich bin da Brot essen gewohnt und kein High Tech Purist. :wink Ich kenne leider kein weiteres Remastering, in solchen Dingen kann evtl Rideamus besser helfen.
Was Eva Mei angeht, habe ich sie nur mit der grossen (Ensemble-) Arie "O rendetemi la speme" gehört, sie ist auf ihrer herrlichen Cd "Belcanto" . Da ich sie aber als Sonnambula und Giulietta kenne, sind für mich ihre Elvira-Qualitâten schon a priori sicher.
Nicht zu verachten ist auch Beverly Sills! Sie hat zwar nciht die schönste aller stimmen, was ein echtes Manko ist, aber im Gegensatz zu Sutherland, deren Ur-Stimme auch nciht sonderlich schôn ist, kann Sills wirklich zaubern. angesichts ihrer Interpretationen in rein vokaler hinsciht, habe ich einige Vorurteile wg Schönklang (eben BEL-Canto) abgebaut.
Aber Freni ist neben Callas derzeit wirklich erste Wahl, es sei denn Natalie Dessay singt die Elvira noch..... :engel
F.Q.
Rideamus (02.11.2010, 12:36):
Die PURITANI gibt es leider nicht mit Dessay, soweit ich weiß, aber es gibt immerhin eine schöne SONNAMBULA aus der MET mit Dessay und Florez.


Die Inszenierung von Mary Zimmermann ist auch nicht gerade Regietheater, aber ich fand sie durchaus einleuchtend, soweit das Libretto das überhaupt ermöglicht, und definitiv nicht schlechter als die Florentiner Aufnahme mit Eva Mei. Ich müsste mir die DVD noch einmal ansehen, denn ich weiß nicht mehr, ob es diese Aufnahme war oder die aus der Pariser Bastille-Oper, in der Nathalie Dessay Stimmprobleme hatte, aber Evelino Pido leitete in beiden Fällen sehr gut, wenn ich richtig erinnere. Ich fürchte fast, die Pariser Aufnahme war ihre bessere, obwohl da mit Javier Camarena ein deutlich schwächerer Tenor an ihrer Seite stand.

Ich melde mich also in Sachen Schlafwandel besser nach der Überprüfung zurück, bevor mein Gedächtnis mir einen größeren Streich spielt.

:hello Rideamus

PS @ Dulcamara: die Tonqualität der PURITANI mit Freni und Pavarotti ist zwar lange nicht die einer offiziellen Studioaufnahme, für einen Live-Mitschnitt aber absolut akzeptabel, d. h. besser als viele Piratenmitschnitte.
Fairy Queen (02.11.2010, 20:31):
Lieber rideamus, die Aufführung habe ich gesehen und obschon Dessay nicht in Bestform war, ihre Arie "Ah non credea" war ein Wunderwerk an Authentizitât dieser Bellini-Amina :down :down :down
In Paris musste sie eine Vorstellung absagen und einen Radiomitschnitt live aus Paris fand ich so schrecklich dass ich fast geheult hâtte- sie hatte zu dieser Zeit einmal mehr echte Stimmprobleme. Die Inszenierung hat mir sehr gut gefallen- was man aus dem Libretto machen kann wurde jedenfalls ausgereizt. Wenn das kein Regietheater ist, was denn sonst?????
Florez ist natürlich der ideale Elvino! Da reicht derzeit niemand ran. Er und Dessay in den Puritani- das wärs für mich, dafür würde ich auch mal in ein weitentferntes Opernhaus reisen. Dann noch Christian Gerhaher als Ricciardo und Pape als Giorgio- dafür fahre ich an den Nordpol! :engel
Rideamus (02.11.2010, 22:13):
Original von Fairy Queen
Die Inszenierung hat mir sehr gut gefallen- was man aus dem Libretto machen kann wurde jedenfalls ausgereizt. Wenn das kein Regietheater ist, was denn sonst?????

Jetzt meinst Du aber die Pariser Inszenierung von Marco Arturo Marelli, oder? Die war in der Tat Regietheater, aber in der Regel ganz gut gelöstes. Für Details müsste ich aber wirklich erst einmal wieder hineinsehen, denn es ist eine Weile her, dass ich die Mitschnitte angesehen habe.

:hello Rideamus
Fairy Queen (03.11.2010, 05:56):
Guten Morgen, lieber Rideamus, nein ich meine die Inszenierung an der MET von Mary Zymerman. Dort ist die Grundidee, das die Soinnambula von einer Truppe gegeben wird und der Zuschauer nimmt quasi an den Proben teil und bekommt die Querelen der Darsteller, Divenallüren etc pp mitgeliefert. Die Sänger haben glechzeitig auch Rollen in diesem Team- von der Regieassistenz bis zum Skriptgirl, die Kulissen und Kostüme sind modern- für mich ist das Regietheater.
Natalie Dessay ist dafür bekannt, prinzipiell nciht bei "Staubi" Aufführungen mitzusingen . Wenn sie vom Regiekonzept nciht überzeugt ist, lehnt sie ab und kann sich das mittlerweile sogar an der MET leisten.

F.Q.
Severina (03.11.2010, 17:44):
Original von Rideamus
Original von Fairy Queen
Die Inszenierung hat mir sehr gut gefallen- was man aus dem Libretto machen kann wurde jedenfalls ausgereizt. Wenn das kein Regietheater ist, was denn sonst?????

Jetzt meinst Du aber die Pariser Inszenierung von Marco Arturo Marelli, oder? Die war in der Tat Regietheater, aber in der Regel ganz gut gelöstes. Für Details müsste ich aber wirklich erst einmal wieder hineinsehen, denn es ist eine Weile her, dass ich die Mitschnitte angesehen habe.

:hello Rideamus

Lieber Rideamus.
ich glaube auch, dass Du da etwas verwechselst, denn Marelli ist einer unserer Hausregisseure, aber ich habe (leider!) von ihm noch nie etwas gesehen, was auch nur in die Nähe von Regietheater gekommen wäre. Das ist alles immer sehr, sehr konventionell, allerdings auch ästhetisch, das muss man ihm zugestehen. (Nur ist das für mich nicht unbedingt ein Kriterium......)

lg Sevi :hello
Fairy Queen (03.11.2010, 20:33):
Ich habe mir heute in der Mediathek vier OpernDVDS geliehen und werde gleich loslegen:

Massenet: Cherubin
Händel: Agrippina
Monteverdi: Il ritorno di Ulisse in patria
Gluck: Alceste

Alles Opern, die ich noch nie gesehen habe! Freu! :leb :leb :leb
Solitaire (09.11.2010, 07:52):
Das Folgende habe ich gestern Abend geschrieben, aber vor dem abschicken hat es mein Internet zerlegt, ich habe die Oper also nicht heute morgen um sechs gesehen, sondern gestern Abend um sechs.

Begegnung mit dem Terfel...

http://3.bp.blogspot.com/_PuhznYzkK8o/TJOXqRmY0zI/AAAAAAAAAEk/s37prwTeA9c/s1600/faust+terfel.jpg

Ein professioneller Kritiker würde sich vermutlich davor hüten, unmittelbar nach einer Vorstellung sofort seine Eindrücke niederzuschreiben. Ich nehme an, Freud oder Leid, Gefallen oder Nichtgefallen sind noch zu frisch, als daß er zu einer objektiven Schilderung fähig wäre. Ich muß ja zum Glück nicht objektiv sien, und werfe mich sofort in das Vergnügen, eine DVD anzupreisen, die ich vor wenigen Minuten gesehen habe, und die mich fassungslos vor Begeisterung zurückgelassen hat.
"Faust" von Charles Gounod.
Ich habe die Oper heute zum erstenmal gesehen, kannte sie bisher nur in Auszügen und kenne ich mich im französischen Stil ohnehin nicht so gut aus als das ich beurteilen könnte, ob Sänger und Musiker diesen Stil nun immer getroffen haben oder nicht. Da ist Fairy sicherlich wesentlich kompetenter als ich, ich schildere die Vorstellung also so, wie ich sie erlebt habe, und so wie ich sie erlebt habe, war sie phänomenal. Und ich hätte nicht gedacht, daß ich das mal von einer Oper sage, bei der Roberto Alagna mitgewirkt hat. :ignore
Ein netter Mensch der meine Begeisterung für einen gewissen Sänger teilt, hat dafür gesorgt, daß ich in den Genuß dieser DVD kam, da ich weiß, daß er hier mitliest (wenn auch nicht schreibt, was er aber schleunigst tun sollte!!!) an dieser Stelle: ganz lieben Dank!!!


Nun also zur DVD:


Hier die Besetzung:
Faust: Roberto Alagna
Marguerite: Angela Gheorghiu
Mephisto: Bryn Terfel (und ja: er war der Grund)
Valentin: Simon Keenlyside
Siebel: Sophie Koch
Dirigent: Antonio Pappano
Regie: David McVicar
Royal Opera House Covent Garden, 2004

Die Handlung wurde in die Zeit um 1914 verlegt, also in die Zeit zu Beginn des ersten Weltkriegs, als Tod und Teufel reiche Ernte einfuhren,
und als es, wie im Deutschland Goethes, einer Katastrophe gleichkommen konnte,
wenn ein braves Bürgerstöchterlein unehelich schwanger wurde.
Nach der Ouvertüre befinden wir uns (ausgerechnet) in einer Kirche,
in der Faust seinen Lebensüberdruß besingt, sich von Gott abwendet weil der ihm die ersehnte Jugend nicht wiedergibt,
und den Teufel um Hilfe anruft.
Es gehört schon eine gehörige Portion Mut und Frechheit dazu,
heutzutage einen Opern-Mephisto wirklich und wahrhaftig mit Rauch, Feuer und Theaterdonner
aus der Tiefe an die Oberfläche steigen zu lassen,
und ihn noch dazu mit Federhut, Umhang, Degen und bleichem Gesicht auzustatten.
Das kann ganz schnell in die Parodie abgleiten und funktioniert nur,
wenn man einen Teufel zu Verfügung hat, der die Szene mit der nötigen Ironie spielen kann.
Ich muß wohl nicht erwähnen, daß Terfel die Prüfüng glänzend besteht:
ein Teufel, der sich mit dem Taschentuch den Rauch aus dem gelangweilten Gesicht fächelt,
und es eigentlich jetzt schon satt hat, den immer gleichen Idioten die immer gleichen Wünsche zu erfüllen:
Ruhm, Geld, Macht oder, wie in diesem Fall, Jugend und Frauen.
Einer der ganz wenigen Momente in denen so etwas wie Humor aufblitzt,
denn hier ist Terfel böse. Nicht Don-Giovanni-böse, nicht Scarpia-böse, sondern wirklich RICHTIG böse.
So abgrundtief böse, daß ein bestimmten Regieeinfall im Walpurgisnacht-Bild,
der ganz fürchterlich hätte schief gehen und lächerlich wirken können,
überhaupt erst möglich war. Ich verrate ihn hier nicht, aber was bei JEDEM anderen
Kollegen albern gewesen wäre,wirkt bei ihm erschreckend und kein einziger im Publikum hat sich getraut zu lachen.
Ich glaube, wir hatten alle Angst, daß wir geradewegs zu Hölle fahren,
wenn wir auch nur grinsen. Selbst Jahre später vor dem Fernseher...
Bryn Terfel ist ein Operngott, und er steckt alle Kollegen die jünger, schlanker und schöner sind als er
spielend in die Tasche. Der Satz "Tausend Künste kennt der Teufel, aber singen kann er nicht..."
trifft hier nicht zu. Dieser Teufel kann. Und wie.
Wo war ich?
Ja: Idioten die sich idiotische Dinge wünschen. Roberto Alagna verkörpert ihn perfekt.
Ich bin kein großer Fan von ihm, selbst in seinen besten Zeiten habe ich seine Stimme nie übermäßig gemocht,
da mir sein Timbre einfach nicht gefällt, und die besten Zeiten liegen ja nun leider
auch schon eine Weile zurück. Aber hier schlägt er sich mehr als achtbar.
Er singt und spielt wirklich gut, auch wenn ich "Salut demeure..." schon sehnsuchtsvoller und musikalischer gehört habe,
und er mir manchmal ein bißchen zu deutlich zeigt wie toll es mit den Spitzentönen gerade funktioniert,
aber sei's drum.
Dieser Faust glaubt fast bis zum Schluß wirklich und wahrhaftig,
daß Mephisto in seinen Diensten steht, während er (wie alle anderen)
schon längst dessen Marionette ist. Ein kleines Kabinettstückchen vollbringt er,
als er sich auf offener Bühne vom alten Faust in den jungen verwandelt,
und unmittelbar danach ein Rad schlägt. Dagegen sind Rolandos Nemorino-Äpfel gar nix...
Also: dafür daß ich ihn nicht wirklich mag, hat er mir richtig gut gefallen!

Wirklich hingerissen bin ich dagegen von (noch) Gattin Angela Gheorghiu als Marguerite (Gretchen).
Optisch wirkt sie, vor allem in den strengen Kostümen der vorletzten Jahrhundertwende,
schon ein bißchen zu alt für die Rolle, singt und spielt aber darüber hinweg.
Im späteren Verlauf, mit offenem ( dann geschorenem) Haar und dem Wahnsinn nahe
wirkt sie auch optisch sehr jung und verletzlich.
Ich mag ihre Stimme sehr, kenne sie bisher aber fast nur von der CD und aus Konzerten,
und habe sie bisher erst einmal in einer Liveübertragung gesehen: als Magda in "La rondine".
Sie und Terfel haben einen besonders starken Moment in der Szene
in der Gretchen in der Kirche beten will und Mephisto als ihr Versucher auftritt,
sie in den Wahnsinn treiben will und verflucht.
Sein donnernder Bass-Bariton, ihr zarter Sopran dazu der optische Gegensatz zwischen dem
riesenhaften Hünen und der zierlichen Sängerin: das war schon ganz, ganz großes Theater,
und hätte ich es nicht besser gewußt, hätte ich vermutet, daß hier mit Filmtricks gearbeitet wurde.
Glücklich der Regisseur, der solche Künstler zur Verfügung hat.

Mit Simon Keenlyside war ein wahrer Luxus-Valentin am Werk:
ein etwas spröder Soldat, dem die "Ehre" seiner Schwester
(was immer dieser viel mißbrauchte Begriff auch bedeuten mag) über alles geht,
der sie erbarmungs- und lieblos verflucht, und der dabei so unglaublich gut singt,
daß es mir völlig gleichgültig ist, ob er den französischen Stil trifft.
Ich trage mich zur Zeit mit dem Gedanken, einen Don Giovanni anzuschaffen bei dem er die Titelrolle singt,
weiß aber nicht, ob ich es tun soll, denn irgendwie kann ich ihn mir als
Verführer nicht wirklich vorstellen. Als Soldat,der ohne Illusionen in den Krieg zieht,
und noch desillusionierter aus selbigem zurückkehrt hat er mir aber sehr, sehr gut gefallen.
Er und seine Kameraden ziehen in den ersten Weltkrieg, und wenn man sie in ihren Uniformen sieht, kommt man nicht umhin, an die Hölle von Ypern zu denken, der sie anheim fallen werden...

Der einzige Mann in dieser Oper der zu wahrer Liebe fähig ist
(denn über Mephistos Liebesfähigkeit müssen wir uns wohl nicht unterhalten, und was Faust für Liebe hält ...nun ja...)
ist Siebel, der junge Anbeter Gretchens.
Es singt Sophie Koch, die ich bisher nur in Hosenrollen erlebt habe (Octavian) und die mir wieder sehr gefallen hat.
Hier hat Siebel ein steifes Bein und hinkt, was erklärt. warum er nicht in den Krieg zieht.

Die Inszenierung kommt im Großen und Ganzen traditionell daher wenn man mal davon absieht,
daß die Handlung in eine andere Zeit versetzt wurde, ist aber m.E. alles andere als langweilig,
auch wenn es für mich ein paar Ungereimtheiten gibt:
so tanzt man den Faust-Walzer in einem Cabaret mit dem sinnigen Namen
"Cabaret L'Enfer" in dem es wüst zugeht und bei dem man sich fragt,
was die brave Margarete dort verloren hat..
Sehr passend dagegen Margaretes Schicksal in einer Zeit in der ein einziger Fehltritt,
oder was man dafür hielt, ausreichte, einer jungen Frau das Leben zu zerstören.

Das in der französischen Oper ja wohl unvermeidliche Ballett in der Walpurgisnacht erleben wir als zunächst amüsante,dann immer grausamere Parodie auf das romantische ballet blanc im allgemeinen und "Giselle" im Besonderen: in seinen Morphium-Fantasien durchlebt Faust
noch einmal die jüngsten Ereignisse: die schwangere, verzweifelte Margarete die er verlassen hat,
den scheinbar von den Toten zurückgekehrten Valentin den er getötet hat.
Ich werde den Endruck nicht los, daß es auch den Tänzerinnen des
Corps de Balletts Freude gemacht hat, die Spitzenschuhe in die Ecke pfeffern und in ihren schönen "Giselle"-Kostümen mal so richtig fies sein zu dürfen...


Am Ende, wir wissen es, siegt der Himmel: "Gerichtet!" "Gerettet!",
Faust bleibt verzweifelt (und erneut gealtert) zurück, Mephisto fährt,
ein bißchen frustiert wie es scheint, zurück in die Hölle.
Bis der nächste Idiot kommt und sich was wünscht...



Und by the way: heute wird er 45, der Herr Terfel. Wie heißt es bei Schubert? "Kränze ihm und Saitenklang..." :D
Fairy Queen (09.11.2010, 14:08):
Liebe Solitaire, ich mag Gounods Opern gerne und kenne natürlich den Faust, allerdings nicht in dieser phänomenalen Besetzung!
Das ist ja mehr als der reinste Luxus, Keenlyside und Koch in Nebenrollen zu haben, aber 2004 waren sie halt noch nicht so berühmt wie heute. Ich hoffe, diese Aufnahme in meiner Mediathek zu finden, sie kommt sofort auf die Liste! Ich bin nun nicht eben der Alagna und Gheorghiu Fan, aber medienwirksam waren die beiden schon- als Tosca und Cavaradossi haben sie mich auch überrascht!
Wie Alagna sich 2004 stimmlich aus der Affâre gezogen hat, muss ich selbst hören. die frz. Tenorrollen liegen fast alle mörderisch hoch und gewisse Zweifel an Alagna kann ich da nciht unterdrücken. Aber er war zeitweise richtig gut, daher kommt es immer ganz auf seine jeweilige Form an. Gheorghiu als Margarethe ist für meinen Gusto zu schwer besetzt, als "zarten Sopran" kann ich sie beim besten Willen nciht empfinden, für mich ist das eine jungendlich-dramatische Stimme, eben Tosca. Aber auch das ist in eienr Besetzungspolitik Geschmackssache. Wenn sie die Koloraturen in der Juwelenarie hinbekommt- warum nicht! Terfel ist sicher voll in seinem Element!
ich fidne ja persönlch den Faust von Berlioz spannender und " goethenäher" als den von Gounod, aber das ändert ncihts daran, dass auch dieser Faust (der eigentlich "Margarethe" heisst) eine schöne Oper ist. Danke für den Bericht.

F.Q.
Solitaire (09.11.2010, 15:30):
Hallo Fairy!
Nun es stimmt schon: manchmal zieht sich Alagna wirklich einfach „nur“ aus der Affaire, aber immerhin: er scheint mit den hohen Tönen keine unüberwindlichen Probleme zu haben. Mein Problem mit ihm ist eher, daß ich seine Stimme wie gesagt nicht besonders schön finde, aber das ist Geschmackssache und nicht seine Schuld, also will ich fair bleiben.
Sein Faust wirkt zu Beginn als er Gretchen umwirbt sehr siegessicher, manchmal geradezu gockelhaft, und ehrlich gesagt bin ich mir nicht ganz sicher, ob das wirklich die Rolle ist oder... :ignore
Aber ich soll nicht immer so böse sein.
Ab und zu wenn ich eine Oper sehe geht es mir so, daß ich von dem Spektakel, der Musik, den Sängern geradezu überrumpelt bin und manches was mich bei nüchterner Betrachtung vielleicht stören würde, im Rausch der Begeisterung untergeht. Das war gestern definitv so.
Die Berliozoper kenne ich bisher leider nicht. Lieber Himmel, es gibt soviel tolle Musik auf der Welt, und sowenig Zeit sie zu hören... :I
Dulcamara (15.11.2010, 09:00):
Liebe Fairy, laut der (inoffiziellen) Met Futures-Seite von Brad Wilber, ist übrigens für die Spielzeit 2013/2014 an der Met eine Neuproduktion von I Puritani mit Dessay/Florez geplant. Das schreit doch nach HD Broadcast und anschließender DVD!

Hoffen wir mal, dass Natalie Dessay bis dahin auch ihre stimmlichen Probleme überwunden hat.
Fairy Queen (15.11.2010, 12:22):
Das klingt ja superb! :leb
Und wenn Natalie Nationale dabei mitmacht, dann kann man damit rechnen, dass auch die Inszenierung sich sehen lassen kann, zumindest nciht total verstaubt sein wird.
Hoffen wir, dass die Stimmen der beiden Protagonisten bis dahin durchhalten, denn die Partien der Elvira und des Arturo sind nun alles Andere als ein Spaziergang!
In hoffnungsvoller Vorfreude

F.Q.
Solitaire (15.11.2010, 14:44):
Das wäre aber überaus genial!!!
Was die Stimmen angeht, mußman um Dessay vielleicht mehr fürchten als um Florez, bei dem habe ich das Gefühl, er ist unkaputtbar! :down
Severina (15.11.2010, 14:51):
Original von Solitaire
Das wäre aber überaus genial!!!
Was die Stimmen angeht, mußman um Dessay vielleicht mehr fürchten als um Florez, bei dem habe ich das Gefühl, er ist unkaputtbar! :down

Verschrei's bloß nicht! :D Aber einer Puritani-Aufnahme mit dem Dreamteam Dessay&Flórez giere ich natürlich auch entgegen!!! :leb :leb :leb

lg Sevi :hello
Severina (23.11.2010, 01:41):
Ein unerwartetes Adventgeschenk flatterte mir heute ins Haus, nämlich der "Don Carlo" von der ROH in einer Inszenierung von Nicholas Hytner.
Vorweg die Besetzung:

Don Carlo - Rolando Villazón
Elisabetta - Marina Poplavskaya
Marquis Posa - Simon Keenlyside
Prinzesson Eboli - Sonia Ganassi
Philip II - Ferruccio Furlanetto
Großinquisitor - Eric Halfvarson
Karl V - Robert Lloyd

Dirigat: Antonio Pappano

Regisseur Nicholas Hytner hällt sich nicht mit einer tiefschürfenden Analyse oder gar einer Neudeutung des "Don Carlo" auf, er inszeniert die Geschichte brav vom Blatt und verlässt sich voll und ganz auf das schauspielerische Potenzial und die Bühnenpräsenz seines Ensembles, und darauf kann er sich auch Gott sei Dank verlassen, sodass trotz seiner schwächlichen Inspiration das Drama wirklich stattfindet.

Das Bühnenbild ist sehr abstrahiert und kommt mit nur wenigen Requisiten aus, also eigentlich so, wie ich es liebe, leider schwankt Bob Crowley zwischen sehr ästhetischen, auf wenige Grundfarben reduzierten Bildern und grellen, kitschigen Farborgien. Letzteres gilt vor allem für die 2. Bilder des 2. und 3. Aktes, die in einem Rot-Orange ertrinken, das ich nur schwer aushalte. So spielt die Gartenszene vor einer knallroten, kassetierten und in Stufen abfallenden Wand, in deren Mitte ein Kreuz ausgespart ist, das auch als Eingang dient. Spanien ertrinkt in Blut, na schön. (Natürlich ist das nicht schön, aber bei diesem Sujet weder eine neue Erkenntnis noch sonderlich originell.) Den rechten Bühnenrand begrenzt hingegen eine schwarze Wand, in der in regelmäßigen Abständen quadratische Öffnungen klaffen, sodass man das ganze auch als abstrahiertes Gitter deuten kann. Diese Wand taucht fast in jedem Bild auf, oft auch in zweifacher Ausführung, einmal als Abschluss zur Hinterbühne, einmal als Vorhang, und fehlt nur im ersten, denn im Wald von Fontainebleau darf sich Elisabettas und Carlos Liebe frei entfalten, wenn auch nur kurz. Danach ähnelt ihr Leben immer mehr dem in einem Käfig. Einige Bilder enden mit dem einsam vor dem "Gittervorhang" am Boden kauernden Prinzen. Sehr eindrucksvoll auch, wenn diese Wand bei der drohenden Revolte in der Gefängnisszene nach oben entweicht und einen schmalen Streifen blauen Himmels frei gibt - eine kurze Illusion von Freiheit.
Völlig missglückt ist hingegen in meinen Augen das Autodafèbild, das in Kitsch untergeht: Das beginnt mit der goldglänzenden Fassade eine Kathedrale im Hintergrund, findet einen weiteren unrühmlichen Höhepunkt in einem riesigen Prospekt mit dem blutüberströmten Gesicht des Schmerzensmannes, das die gesamte linke Bühnenhälfte einnimmt, und endet mit dem knallrot gewandeten Königspaar. Besonders lächerlich wirken die Ketzer in weißen Gewändern und Spitzhüten, die mit roten Flammen bemalt sind. Auch szenisch befriedigt mich dieses Bild am wenigsten.

Soviel also zum Szenischen. Was diese Produktion sehenswert und phasenweise wirklich zum Erlebnis macht, ist die Interaktion zwischen den Sängern, denn sie formen aus den papierenen Figuren des Librettos lebendige Menschen, deren Lieben und Leiden, Hass und Verzweiflung uns unmittelbar angehen und berühren. Also, zumindest ich habe das so empfunden. Deshalb sehe ich gerne darüber hinweg, dass es stimmlich sicher optimalere Besetzungen für Carlo und Elisabetta gibt als Rolando Villazón und Marina Poplavskaya, aber das wird durch die unglaubliche Intensität ihres Ausdrucks wettgemacht.

Rolando Villazón befand sich zum Zeitpunkt der Aufzeichnung im Juni 2008 in einer erstaunlich guten stimmlichen Verfassung, wenn man bedenkt, dass der Carlo immer eine Grenzpartie für ihn war und sich außerdem Krise II bereits abzeichnete. Aber sein "süffiges" Timbre ist hier noch völlig intakt und vermittelt das ganze Spektrum an Emotionen, das der unglückliche Prinz durchlebt.
Und Rolando Villazón spielt hinreißend. Schon für den verzweifelten Blick, als er im Wald von Fontainebleau erkennen muss, dass sein Liebesglück, kaum erwacht, schon wieder vorbei ist, könnte man ihn knuddeln, und auch sein Aufbegehren gegen Philip in der Autodafészene, der Argwohn gegen Posa (Die Verachtung, die er in die Worte "Il favorito del Re" legt!), der wilde Schmerz bei Posas Tod gelingen ihm absolut glaubhaft.
Ganz wunderbar gestaltet Villazón die Schlusszene, wo er zunächst in stiller Resignation die unvermeidliche Trennung von Elisabetta akzeptiert, dann noch einmal in einer verzweifelten Aufwallung das verlorene Liebesglück beschwören will, sich wieder fasst und schließlich in eine Art Ekstase über seine künftige Mission hineinsteigert, aus der er jäh gerissen wird, als der König die Liebenden trennt. (Übrigens wird Carlo in dieser Inszeniering in einem Degengefecht tödlich verwundet und stirbt in Elisabettas Armen. Eigentlich gefällt mir das besser als diese merkwürdige "Entrückung" durch Karl V, die meist ein bisschen peinlich wirkt.)

Auch in Marina Poplavskays Gesicht spiegeln sich alle Emotionen wider, die Elisabetta durchleiden muss. Dabei ist sie aber kein passives Opferlamm, sondern eine sehr willensstarke Frau, die speziell in der Kabinettszene Philip wirkungsvoll Paroli bietet.
Eigentlich gefällt mir Frau Poplavskaya auch stimmlich in den meisten Szenen ausgezeichnet, besonders die stille Traurigkeit und Verweiflung der Königin kann sie wirkungsvoll in Töne kleiden, aber in ihrer großen Schlusszene machen sich doch Ermüdungserscheinungen bemerkbar, gerät sie an ihre Grenzen.

Ferruccio Furlanetto ist eigentlich immer ein eindrucksvoller Philip II, so unter die Haut gegangen wie auf dieser DVD ist er mir aber schon lange nicht mehr. Was für ein großartiger Singschauspieler!! Ungewohnt ist die Betonung des Menschen Philip, und zwar nicht nur beim "Ella gammai m'amavi...", für mich der einzig sichtbare Fußabdruck des Regisseurs. Schon in der Szene mit Posa reagiert Philip äußerst emotional, nicht empört, sondern im Innersten aufgewühlt durch den Vergleich mit Nero. So unfruchtbar ist der Boden gar nicht, in den Posas Worte fallen, scheint es. Ein König, der gerne Mensch sein möchte, es aus seinem Selbstverständnis heraus aber nicht sein darf. Das zeigt sich auch in der Szene mit Elisabetta, als er die Ohnmächtige zärtlich in seinen Armen wiegt und plötzlich gar nicht mehr der Despot ist. Spannend wie ein Krimi dann die Szene mit dem Inqisitorgeneral, gegen den Philip sogar kurz das Messer zückt in ohnmächtiger Wut, weil er sich der Inquisition beugen muss.
Auch stimmlich ist Furlanetto souverän, keine Spur von der Brüchigkeit, die in den letzten Jahren leider manchmal zu bemerken ist. In einem wunderbaren Legato und ergreifend im Ausdruck gelingt ihm seine große Arie.

Eric Halfvarson spielt einen Großinquisitor zum Fürchten, leider passt seine Stimme nicht ganz dazu, die so gar nicht nach Höllenschlund klingt, wie ich es bei dieser Partie liebe.

Großartig ganz ohne Abstriche ist Simon Keenlyside als Marquis Posa. Ich bin zwar der Überzeugung, dass Keenlyside nicht geboren wurde, um Verdi zu singen - zumindest in meinen Ohren ist das nicht wirklich sein Fach - aber diese Partie liegt ihm ausgezeichnet in der Kehle. Das ist auch ein Sänger, von dem ich nie genug bekommen kann, nicht von seinem samtigen Timbre, nicht von der kultivierten, geschmeidigen Stimmführung, nicht von der intelligenten Interpretation. Der Schauspieler Keenlyside steht dem Sänger um nichts nach, und die Sterbeszene ist einfach zum Mitsterben ergreifend gestaltet. Alleine der entrückte Blick bei den letzten Worten, der schon in eine andere, bessere Welt gerichtet ist.... Es ist mir völlig unverständlich, wie man da nach dem "Morro per te!" hineinklatschen und den Spannungsbogen dieser Szene zerreißen kann!!!!

Bleibt noch Sonia Ganassi als Prinzessin Eboli, die eine gute Leistung erbringt, ohne mich aber wirklich mitzureißen. Ihr ewig freundlicher,etwas puppenhafter Gesichtsausdruck straft oft den Text lügen, den sie zu singen hat, und besonders beim "O don fatale" fehlt es ihr in meinen Augen an Feuer und Entschlossenheit.

Dafür sorgt Antonio Pappano im Graben für Feuer, er lässt Verdi aufleuchten und aufrauschen, dass es eine Freude ist.

Zusammenfassend würde ich sagen, dass diese DVD sicher den einen oder anderen Wunsch offen lässt, wem aber eine stimmige und spannende Darstellung wichtiger ist als perfekter Schöngesang und sich nicht daran stört, dass der Regisseur nicht viel mehr als ein Posten auf dem Besetzungszettel ist, wird damit gut bedient.

lg Severina :hello
Rideamus (23.11.2010, 11:01):
Liebe Sevi,

ich danke Dir für diesen ausführlichen Bericht, der meine positive Erinnerung an diese vor einiger Zeit gesehene DVD bestätigt. Ich würde zwar mit dem Regisseur Nicholas Hytner nicht so hart ins Gericht gehen wie Du, aber wegen seiner Regie würde ich die DVD auch nicht empfehlen. Sie gehört für mich in die große Schar der "Stört nicht" - Inszenierungen, die immerhin den Vorteil haben, das Werk für sich selbst sprechen zu lassen. Auch bin ich nicht so sicher, ob manchen darstellerischen Leistungen nicht doch von dem Regisseur aufgeholfen wurde, denn es ist sicher kein purer Zufall, dass fast sämtliche darstellerischen Leistungen in dieser Einspielungen besser sind, als man sie von den jeweiligen Sängern in der Regel gewohnt ist. Natürlich muss(te?) man einen Villazon eher bremsen als mit Einfällen überfüttern, aber das gilt nicht für jeden. So scheint mir Dein berechtigtes Lob für Furlanetto, der fraglos ein guter Sängerdarsteller ist, auch ein wenig von Hytner verdient zu sein

Diese Leistungen haben aber sicher auch mit dem Dirigat Pappanos zu tun, den ich hier wie in der Pariser Aufnahme mit Alagna noch besser finde als De Billy in Wien, wobei ich in allen Fällen "nur" die DVD bewerten kann, während Du den Wiener Don Carlos ja live erlebt hast. Leider haben diese Aufzeichnungen, die für mich derzeit die Spitzengruppe der DVD-Carlosse bilden, ihre Schwachstelle ausgerecnet im Autodafé-Akt, wenn auch aus sehr verschiedenen Gründen. Hier hat Luc Bondys Pariser Inszenierung, die endlich mal illustriert, warum Rodrigo erst so spät eingreift, ihre besondere Stärke, und hier kann auch John Dexters prunkvolle Inszenierung an der MET punkten, die mit Domingo, Freni, Quilico und Bumbry auch nicht schlecht besetzt ist.

Aber dazu lieber mehr, wenn ich mich je einmal dazu aufraffen kann, alle vier Einspielungen direkt miteinander zu vergleichen (und möglichst auch noch Chaillys Amsterdamer Carlos mit Villazon, Roocroft und Urmana, Haitinks Londoner mit Lima und Cotrubas und Zancanaro, Muti/Zeffirellis Mailänder Produktion mit Pavarotti, Ramey und Dessi und last, but not least Karajans Wiener Darbietung mit Carreras, D'Amico, Baltsa und Furlanetto aus Wien daneben abzuspielen). der DON CARLOS ist nämlich, ebenso wie der FALSTAFF, vielleicht die Oper Verdis, die auf DVD bislang am besten bedient wurde, zumal ja auch noch zwei verschiedene Sprachfassungen als Kriterium hinzu kommen. Ein Kriterium übrigens, das ich ausweislich der hier genannten Aufführungen weniger relevant finde als die unbedingt vorzuziehende vollständige Fassung mit dem ersten, dem Fontainebleau-Akt. Dass er den notorisch weggelassen hat, disqualifiziert für mich die Einspielungen Karajans, so sehr sie ansonsten ihre Meriten haben.

Aber vielleicht lässt sich ja hier die Diskussion dieser Fassungen wieder aufnehmen, die wir einst in einem anderen Forum geführt und nie abgeschlossen haben.

:hello Rideamus
Solitaire (23.11.2010, 11:07):
Hallo Severina!
Vielen Dank für diese Besprechung! Ich habe die DVD ja auch, und habe im Großen und Ganzen den gleichen Eindruck wie du.
Was das Autodafé-Bild angeht, so ist es m.E. kaum jemals erschütternder inszeniert worden als 2004 in Amsterdam von Willie Decker. Auch damals hieß der Infant von Spanien Rolando Villazón, und er lieferte ein brennendes, hochneurotisches Rollenportrait gegen das der Londoner Carlos ein ausgeglichener, heiterer junger Mann war...die Aufführung litt unter einer hörbar indisponierten Elisabetta (Amanda Roocroft), bot jedoch mit Violeta Urmana eine wahre Luxus-Eboli. Der Rest der Besetzung war musikalisch gutes Mittelmaß, bis auf RV, der wohl schon damals (vor allem in dieser Rolle) hochgefährdet war, darauf keinerlei Rücksicht nimmt und mir immer unvergesslich bleiben wird, Grenzpartie hin oder her :down
Decker hat die beste Carlos-Inszenierung auf die Bretter gebracht die ich je gesehen habe, und wenn man bereit ist, neben einer großartigen Eboli und einem sich am psychischen Abgrund bewegenden, eindrucksvollen Carlos anonsten Mittelmäßige bis problematische gesangliche Leistungen zu akzeptieren, sollte man es um der Inszenierung willen wirklich tun!
Soviel dazu.
Deinen Eindruck der Londoner Aufführung teile ich wie gesagt weitgehend. Von allen beteiligten hat mich Ferrucio Furlanetto am meisten beeindruckt, ich habe ihn in einer Aufführung als Salzburg unter Karajan (Osterfestspiele um 1983) in der gleichen Rolle gesehen, und er hat mir bereits dort sehr gefallen, obwohl er da noch reichlich jung für die Rolle war, hier aber ist er wahrhaft erschütternd und das Duett zwischen ihm und Posa ist ein wahrer Höhepunkt der Oper.
In der Karajan-Aufführung wurde der Großinquisitor übrigens von Matti Salminen gesungen, schwärzer geht es ja nun kaum noch und er klang in der Tat wie Satan persönlich...

Keenlyside ist auch für mich grandios, wie schon an anderer Stelle angemerkt: er bildet m.E. einen sehr glaubhaften Gegenpol zu dem sehr schwärmerischen Carlos von Villazón. Singen tut er ohnehin zum niederknien, und ein sewhr guter Darsteller ist er auch. Ich habe ihn mir gestern nochmal als Valentin angesehen und es ist großartig, was er aus dieser kleinen Rolle macht. Eine schöne „Vorsingarie“ und die Sterbeszene, mehr braucht er nicht um den Zuschauer zum nachdenken über den Krieg und das, was er mit Menschen anrichtet zu bringen...

Ich bin ja oberflächlich genug zuzugeben, daß mir an der Londoner Inszenierung auch das gefallen hat, was die Franzosen „Le Physique du Rôle“ nennen, denn die hatte hier nun wirklichfast jeder Beteiligte. Endlich einmal eine junge, schöne Elisabetta, endlich ein Carlos und ein Posa die in der strengen Mode jener Zeit nicht völlig albern aussehen (und das will was heißen bei den Hosen...), endlich ein Filippo, der tatsächlich um viele Jahre älter wikrt als seine Frau. Das mag oberflächlich sein, aber mir hat es gefallen, ich gebe es zu.
Danke nochmal für deine Schilderungen, vielleicht krame ich die DVd auch noch mal raus, aber zur Zeit bin ich sehr im Banne von Berlioz und werde heute Abend wohl erstmal „La damnation de Faust“ hören. Das wäre dann das drittemal innerhal einer guten Woche, aber was will man machen. Comes love, nothing can be done... :D

EDIT
Ich sehe gerade, daß Rideamus ebenfalls Willie Decker und Karajan erwähnt, so daneben kann ich mit meiner Meinung also nicht liegen. :beer
Severina (23.11.2010, 12:24):
Liebe Mina,

ich teile Deine Begeisterung für die Willy-Decker-Inszenierung voll und ganz und haderte gestern die ganze Zeit mit dem Schicksal des Opernfans, dem es doch so selten vergönnt ist, eine in allen Teilaspekten beglückende Aufführung (oder eben Konserve) zu erleben: Die Inszenierung von Amsterdam mit der Besetzung von London (bis auf den Tausch Ganassi gegen Urmana) - das wäre eine Sternstunde auf DVD!
Interessant die von Dir erwähnte Entwicklung, die Rolandos Carlo inzwischen durchlaufen hat: Während in Amsterdam irgenwie noch die Eierschalen an ihm klebten, ist er ein London erwachsen geworden - zumindest so erwachsen, wie ein Rolando Villazón halt sein kann :wink :D

Ich werde mir heute gleich die Amsterdamer Produktion noch einmal anschauen, vielleicht können wir danach noch den einen oder anderen Eindruck austauschen. (Leider bin ich ab morgen wieder eine Woche offline und muss aus der Carlo(s)- Diskussion, für die ich bekanntlich IMMER zu haben bin, vorübergehend aussteigen :( )

lg Sevi :hello

PS: Ich habe gestern überall gesucht, wo Du die Londoner DVD besprochen hast, aber nichts gefunden.
Severina (23.11.2010, 12:33):
Original von Rideamus
Liebe Sevi,

Auch bin ich nicht so sicher, ob manchen darstellerischen Leistungen nicht doch von dem Regisseur aufgeholfen wurde, denn es ist sicher kein purer Zufall, dass fast sämtliche darstellerischen Leistungen in dieser Einspielungen besser sind, als man sie von den jeweiligen Sängern in der Regel gewohnt ist. Natürlich muss(te?) man einen Villazon eher bremsen als mit Einfällen überfüttern, aber das gilt nicht für jeden. So scheint mir Dein berechtigtes Lob für Furlanetto, der fraglos ein guter Sängerdarsteller ist, auch ein wenig von Hytner verdient zu sein
:hello Rideamus

Lieber Rideamus,

was die Betonung der menschlichen Seite von Philip betrifft, hast Du sicher Recht, dass das auf Hytners Mist gewachsen ist, denn ich habe Furlanetto schon oft in dieser Rolle erlebt, aber noch nie so eindringlich.
Keenlyside ist immer ein ausgezeichneter Posa, nur profitiert er hier natürlich von seinen Partnern, die ihm darstellerisch ebenbürtig sind, sodass sie sich gegenseitig befruchten und in eine Art Trancezustand hineinsteigern, zumindest wirkt Posas Tod so auf mich. Das ist einer der seltenen Momente, wo Sänger und Rolle völlig eins scheinen.

lg Sevi :hello
Solitaire (23.11.2010, 14:30):
Original von Severina
Während in Amsterdam irgenwie noch die Eierschalen an ihm klebten, ist er ein London erwachsen geworden - zumindest so erwachsen, wie ein Rolando Villazón halt sein kann :wink :D


Das führt uns dann doch direkt zu dem Umstand, daß RV auf der Bühne immer wieder junge Männer verkörpert hat, die mit dem Erwachsenwerden so ihre Probleme haben: Alfredo der immer noch von seinem Vater gegängelt wird, Rodolfo, der Gedichte über die Liebe schreibt aber seine todkranke Freundin zu einem anderen schickt, weil er Angst vor ihrem Sterben hat und die Verantwortung fürchtet, Nemorino, der entzückend und zum knuddeln, aber mehr großer Junge als erwachsener Mann ist, Werther, der sich in Lotte verliebt als er sie in der MUTTERrolle erlebt (Hallo???), Don Carlos trotz allem auch immer nach der Anerkennung seines Vaters strebt. Vielleicht hat auch das einen Teil seines Erfolges ausgemacht: man glaubt es ihm einfach...

Den Londoner Carlos habe ich noch nicht besprochen, und das ist ja auch nicht nötig, da du es so zutreffend getan hast!
Aber ich freue mich schon sehr auf einen Austausch über Deckers Interpretation, die ich wie gesagt grandios finde.
Dir einen schönen Urlaub, wenn es denn einer ist!
Fairy Queen (23.11.2010, 15:22):
Leider kenne ich die tollen Don Carli von denen ihr hier so schwärmt nicht. :I
Was Villazons glaubwürdige Charakterdarstellungen unreifer schwärmerischer Jungmänner/ Söhne angeht(hier wäre auch noch der des Grieux aus der Manon zu nennen): da habt ihr m.E. eine sehr gute Analyse abgegeben. Vielleicht sollte auch in realiter eine Mutter oder ein Vater den Knaben regelmâssig an die Brust nehmen und auf den richtigen Weg bringen.
Ich habe irgendwo vor längerer Zeit mal geschrieben, dass er m.E. unter dem Peter Pan Syndrom leidet: bloss nciht erwachsen werden.
Sich selbst kann er augenscheinlich am besten spielen.
Was den Don Carlo angeht: wenn Sevi zurück ist (gute Reise!) mach ich da gerne auch im Rahmen meienr Möglichkeiten mit. Die tragischste Oper die ich kenne und immer wieder neu und spannend zu inszenieren. Ich fand Luis Lima und Ileana Cotrubas mit Robert Lloyd auch sehr überzeugend- leider war die Eboli eine komplett unglaubwürdige Matrone........
Man kann wohl niemals alles haben!

F.Q.
Severina (23.11.2010, 16:02):
Ich besitze insgesamt 6 DVDs von "Don Carlo(s)", ist er doch nach dem Simone meine liebste Verdi-Oper mit ganz hohem Suchtfaktor! Dazu kommt auch noch meine Vorliebe für das Schiller'sche Drama, das mir die Oper doppelt interessant macht, also für Diskussionsstoff dürfte gesorgt sein!! :D (Wobei wir das Verhältnis Drama-Libretto bei Capriccio ja schon ausführlich diskutiert haben, speziell die "Dreicksbeziehung" :wink Carlos-Elisabeth-Posa!)

lg Sevi :hello
Solitaire (23.11.2010, 17:17):
Okay, dann will ich mich mal des Amsterdamer Don Carlos annehmen, so wie ich ihn in Erinnerung habe, denn zufälligerweise habe ich gerade etwas Zeit.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41Vtm8YeNTL.jpg

Die Besetzung:
Filippo: Robert Lloyd
Don Carlo: Rolando Villazón
Posa: Dwayne Croft
Elisabetta: Amanda Roocroft
Eboli: Violeta Urmana
Großinquisitor: Jaakob Ryhänen

In Amsterdam wurde seinerzeit die vieraktige italienische Fassung gespielt, was dem Tenor zwar eine Arie schenkt („Io l’ho perduta“ kommt glaube ich in der fünfaktigen Version nicht vor, oder?), dem Liebespaar aber die einzig glücklichen Augenblicke und uns viel schöne Musik nimmt.
Das Bühnenbild ist sehr spartanisch, und wird im Bühnenhintergrund von einer unüberwindbaren Mauer beherrscht die bei näherem Hinsehen aus vielen (Grab-?)Steinen besteht, die die Namen früherer Könige und Königinnen von Spanien tragen.
Die Oper beginnt hier mit der Vermählung von Filippo und Elisabetta und Carlos’ Verzweiflung darüber, bereits hier wird die zerstörte Vater-Sohn Beziehung und was dahinter steckt thematisiert: Filippo zwingt seinen widerstrebenden und offensichtlich panischen Sohn, das Kreuzzeichen zu schlagen, Elisabetta schreckt davor zurück, ihrem jetzigen Stiefsohn die Hand zu reichen, als fürchte sie, daß die kleinste Berührung des Mannes den sie liebt ihre Selbstbeherrschung und Tapferkeit ins Wanken bringt.
Das grandiose an dieser Inszenierung sind weniger spektakuläre Bilder, die gibt es kaum, als vielmehr eine wirklich durchdachte und stimmige Personenführung. Willie Decker hat sich ganz offensichtlich nicht nur intensiv mit Verdi, sondern ebenso intensiv mit Schiller befasst und darüber hinaus einen Blick auf die historischen Tatsachen geworfen.
Szenisch gibt es nur ein oder zwei wirkliche Ausrutscher, in Erinnerung geblieben ist mir vor allem das Schlußbild der Autodafé-Szene das Carlos in der Haltung des Gekreuzigten zeigt, das war mir persönlich dann doch ein bisschen too much, aber auch ein Willie Decker hat ab und zu einen schwächeren Moment.

Posa (Dwayne Croft) ist buchstäblich und metaphorisch der Mann hinter Carlos, er führt und leitet ihn, er ist es, der nach „Dio che nell’alma...“ eine Tür in der unüberwindbaren Mauer öffnet und Carlos ein Stück leuchtend blauen Himmel zeigt, eine Tür, durch die Carlos nur gehen müsste...
Es ist Posa, der den zögernden Carlos ermutigt, zu Beginn des Autodafé-Bildes auf die ihm (nicht Filippo!) zujubelnde Volksmenge zuzugehen, es ist Posa, der den ungläubigen und (für dieses eine Mal) freudestrahlenden Carlos mit einem „ich-hab’s-dir-doch-gleich-gesagt-Blick“ ansieht als das Volk den Infanten auf den Schultern trägt. Es ist Posa, der Carlos ermutigt, zu tun, was er kurz darauf tut: als der Klerus in prächtigen Gewändern und ein großes Kreuz vor sich hertragend die Szene betritt, schreitet die Volksmenge mit Carlos an ihrer Spitze auf die Geistlichkeit zu, Carlos nimmt den Fassungslosen das Kreuz aus den Händen um es da aufzustellen, wo es hingehört: mitten unter die Geknechteten und Gedemütigten. Angesichts dessen, was auch heute noch überall auf der Welt im Namen welchen Glaubens auch immer geschieht, ein zutiefst bewegendes Bild.
Auch Dwayne Croft klingt leicht indisponiert und irgendwo habe ich gelesen, daß er mit schwerer Erkältung gesungen haben soll und sich hat ansagen lassen. Vor diesem Hintergrund fand ich seine Leistung beachtlich, und ohne Experte zu sein, glaube ich schon, daß er ohne Erkältung ein beeindruckender Posa ist, er hat mir aber auch so, mit gewissen Einschränkungen im Musikalischen wirklich gut gefallen.
Im Duett mit Filippo gibt er alles, und müht sich nach Kräften, Robert Lloyd auf Touren zu bringen, der aber für meinen Geschmack etwas blaß bleibt. Allerdings bin ich da vermutlich etwas unfair, da „mein“ Filippo tatsächlich Ferrucio Furlanetto ist, und mit dem ist er, zumindest an diesem Abend, nicht zu vergleichen.
Die musikalischen Schwächen vor allem der Sopranistin wurden ja schon erwähnt, und müssen nicht näher besprochen werden, darstellerisch macht Amanda Roocroft als Elisabetta ihre Sache jedoch gut, auch wenn sie definitiv und wesentlich älter ist als Carlos, was den Eindruck des idealistischen, nobel gesonnenen aber unreifen Jüngling noch erheblich verstärkt.
Darstellerisch ist sie in der Auseinsandersetzung Carlos-Elisabetta wirklich gut, sie schreit ihm ins Gesicht „Bring es zuende, ermorde deinen Vater und führe mit blutigen Händen deine Mutter zum Altar“. Wenn man Oper als MusikTHEATER sieht, packt die Szene schon sehr, auch wenn ihr Part musikalisch nicht immer ein Genuß ist, aber ich habe sie vorher und nachher nie gehört und will annehmen, daß sie entweder einen ganz unglücklichen Abend erwischt, oder zum Zeitpunkt der Aufführung eine akute und heftige Krise durchlitten hat, und in beiden Fällen soll man gnädig mit Künstlern umgehen...

Violeta Urmanas Eboli ist, ich habe es schon erwähnt, der pure Luxus, sie singt wunderschön, allerdings wird der positive musikalische Eindruck leider ganz erheblich durch den einzigen wirklichen Schwachpunkt der Regie gestört, zu dem ich jetzt kommen muß: die Kostüme. Sie sind fürchterlich und sorgen für manch unfreiwillig komische Situation.
Villazon und Urmana hat es in dieser Hinsicht besonders übel erwischt: er in Weiß mit Beinkleidern die ein Spötter einmal böse aber zutreffend als „Windelhosen“ bezeichnet hat, sie in furchterregendes Schwarz geschnürt, den Busen hochgezurrt. Da ein Bild mehr sagt als tausend Worte:


http://4.bp.blogspot.com/_Jl9ylLWOGVw/SrpMS2F0H9I/AAAAAAAAEFo/RidfAZ8HTtc/s400/dc7+m.jpg
Wie mein Gatte seinerzeit vor dem Fernseher sagte: „Kein Wunder daß er nicht will, die verfrühstückt ihn ja ohne mit der Wimper zu zucken! Da hätte ich auch Angst...“
Das muntere junge Mädchen das Schiller uns schildert ist diese Eboli nicht, und das ist nicht ihre Schuld. Für die Kostüme gibt es wirklich Punktabzug...

Zum Schluß der Titelheld: jeder weiß es, die Rolle war für RV schon immer gefährlich, dennoch bin ich froh, daß er sie in zwei Produktionen gesungen hat. Dieser Amsterdamer Carlos hat m.E. sehr, sehr viel mit Schillers Vorlage zu tun, die ich hier in zwei Auszügen zitieren möchte:

Ich hasse meinen Vater nicht - Doch Schauer
Und Missethäters-Bangigkeit ergreifen
Bei diesem fürchterlichen Namen mich.
Kann ich dafür, wenn eine knechtische
Erziehung schon in meinem jungen Herzen
Der Liebe zarten Keim zertrat? Sechs Jahre
Hatt' ich gelebt, als mir zum ersten Mal
Der Fürchterliche, der wie sie mir sagten,
Mein Vater war, vor Augen kam. Es war
An einem Morgen, wo er stehnden Fußes
Vier Bluturtheile unterschrieb. Nach diesem
Sah ich ihn nur, wenn mir für ein Vergehn
Bestrafung angekündigt ward. - O Gott!
Hier fühl' ich, daß ich bitter werde - Weg -
Weg, weg von dieser Stelle!


Warum von tausend Vätern
Just eben diesen Vater mir? Und ihm
Just diesen Sohn von tausend bessern Söhnen?
Zwei unverträglichere Gegentheile
Fand die Natur in ihrem Umkreis nicht.
Wie mochte sie die beiden letzten Enden
Des menschlichen Geschlechtes - mich und ihn -
Durch ein so heilig Band zusammen zwingen?
Furchtbares Loos! Warum mußt' es geschehn?
Warum zwei Menschen, die sich ewig meiden,
In einem Wunsche schrecklich sich begegnen?
Hier, Roderich, siehst du zwei feindliche
Gestirne, die im ganzen Lauf der Zeiten
Ein einzig Mal in scheitelrechter Bahn
Zerschmetternd sich berühren, dann auf immer
Und ewig aus einander fliehn.


Und mehr muß man eigentlich auch gar nicht sagen, denn genau so ist dieser Carlos: ein schwer traumatisierter junger Mann, der nach wie vor in Angst vor seinem Vater lebt, sich dennoch schmerzhaft nach seiner Liebe oder zumindest Anerkennung sehnt und für den die unglückliche Liebe zu Elisabetta nur ein Teilaspekt seiner Tragödie (und vermutlich nicht einmal der wichtigste) ist.
Wie sehr die Angst und das Entsetzen Carlos’ Leben beherrschen, wird in Posas Sterbeszene deutlich: als Posa tödlich getroffen zu Boden sinkt, verkriecht sich Carlos wie ein entsetztes Kind in eine Ecke seiner Zelle und einige unerträgliche Momente lang fürchtet man, er ließe seinen Freund alleine sterben. Dieser Carlos leidet an soviel mehr als nur daran, daß er das Mädchen nicht bekommt. Das hat Decker grandios herausgearbeitet, das hat Villazón musikalisch und szenisch kongenial umgesetzt und das lasse ich mir auch von keinem Stimmenexperten und Schlaumeier dieser Welt ausreden, Stimmkrise hin, selber schuld her.


Zu Filippo ist für mich leider nicht mehr zu sagen, als daß er gut aber nicht spektakulär singt und mich weder zu Begeisterungsstürmen hingerissen noch auf voller Linie enttäuscht hätte.
Severina (23.11.2010, 20:50):
Liebe Mina,

ich bin auch gerade dabei, einige Szenen der Amsterdamer und Londoner Produktion zu vergleichen, eben gerade das Gartenbild.
Zunächst kurz zu Deiner Bemerkung zum Bühnenbild: Willie Decker hat sich hierbei wohl an den Königsgräbern des Escorial orientiert, die auf mich ebenso einschüchternd und erdrückend wirkten wie diese Wand aus Grabsteinen, der es nachempfunden ist. Immer wenn ich dieses marmorne Mausoleum sehe, denke ich mit leisem Schauder an jenen Februartag 1989 zurück, als ich mutterseelenalleine durch die verwinkelten Gänge und Räume des Panteon de los infantes wanderte und mich nicht gewundert hätte, plötzlich die furchteinflößende Stimme von Carlo quinto zu hören.
Das düstere Bühnenbild gibt die bedrückende Atmosphäre des Escorial perfekt wieder, der auf mich eher wie ein Gefängnis gewirkt hat denn als Kloster oder gar Palast. (Das ist in der Hochsaison wahrscheinlich anders, wenn Heerscharen bunt gekleideter, schnatternder und knipsender Touristen einfallen.)
Die Kostüme von Carlos, Posa und Elisabetta sind farblich übrigens genau auf diese Marmorstruktur abgestimmt, sodass die Personen oft mit den Wänden zu verschmelzen scheinen. Das kann man natürlich ganz verschieden deuten: Die Macht des Königtums, das alles Menschliche absorbiert, oder so in diese Richtung.
Was meinst Du, Mina?

Aber zurück zum DVD-Vergleich: Ich muss gestehen, dass mir der reifere Carlo der Londoner Version, der sich resigniert in sein Schicksal ergibt und in stiller Verzweiflung leidet, zumindest in der ersten Szene besser gefällt als der neurotische, an der Kippe zum Wahnsinn stehende in Amsterdam. Das liegt aber auch an den so unterschiedlichen Elisabettas, denn Amanda Roocroft wirkt nicht nur optisch wie Villazóns Mutter, sie benimmt sich auch wie eine Mutter, die ihren unbotmäßigen Lieblingssohn zur Ordnung ruft. Tut mir Leid, aber erotisches Knistern orte ich in dieser Szene gar keines.
Wie anders hingegen Villazón und Poplavskaya: Abgesehen von der optischen Übereinstimmung, die ein Liebespaar glaubhaft macht, spürt man bei ihr auch die enorme Beherrschung, die es sie kostet, Carlos Werben nicht nachzugeben, die Kraftanstrengung, Contenance zu wahren und ihm nicht einfach in die Arme zu sinken, sich seinen stürmischen Küssen hinzugeben. Bei Roocroft habe ich eher den Eindruck, ihr ist der hysterische Auftritt ihres Stiefsohns ein bisschen peinlich und sie gibt Posa innerlich Recht, dass man diesen Hitzkopf schleunigst auf andere Gedanken bringen muss.

Eindeutig die Nase vorne hat Willy Decker in der Autodafészene, die Solitaire schon eindrucksvoll beschrieben hat. Vor allem die Idee, Carlos als Hoffnungsträger des ganzen Volkes zu zeigen, vom dem ihm gehuldigt wird, gibt diesem Bild einen ganz neuen Drive, der aber Sinn macht. Dafür erspart einem Decker die abgedroschenen Bilder von brennenden Scheiterhaufen o.ä.

Bei den restlichen Bildern ist es einfach Geschmachssache, welchem man den Vorzug gibt. Willy Deckers Inszenierung ist härter, brutaler, lässt einen oft frieren, er betont den politischen Aspekt stärker und treibt den Vater-Sohn-Konflikt auf die Spitze.

Hytner scheint die Liebsgeschichte mehr als das politische Drama zu interessieren, er zeigt Carlos in erster Linie als unglücklich Verliebten. Aber auch die anderen Charaktere sind viel weicher gezeichnet, Philip ist nicht so sehr Despot aus Überzeugung wie bei Decker, er darf auch menschliche Seiten zeigen, auch Posa ist nicht nur Realpolitiker, der Carlos als Werkzeug einsetzt, um seine politischen Utopien zu verwirklichen, sondern eher ein Idealist, der an die Überzeugungskraft des Wortes glaubt und diesen Irrtum zu spät erkennt.

Schauspielerisch stehen einander die Posas, Philips und Großinquisitoren um nichts nach, stimmlich allerdings sind Keenlyside und Furlanetto um Klassen besser. Beim Großinquisitor ist es umgekehrt, da entfacht Jaakko Ryhänen einen wesentlich indrucksvolleren vokalen Terror als der recht zahme Eric Halfvarson.

Leider habe ich momentan zu wenig Zeit, um wirklich jede Szene genau zu vergleichen, aber vielleicht holen wir das einmal nach oder Du, liebe Mina, beginnst gleich damit :D. In einer Woche bin ich dann wieder mit von der Partie!!
lg Sevi :hello
Fairy Queen (05.12.2010, 23:00):
Ich habe dank Severina den Londoner Don Carlo ansehen können und bin - abgesehen von der Inszenierung- ziemlich begeistert. :down :down :down
Villazon singt und spielt wie immer sich selbst, aber diese rolle ist ihm derartig auf den Leib geschneidert, dass man als Publikum mittendrin steckt und genauso soll es sein. Ich habe schon viele Don Carli gesehen, dieser war mit Abstand der Glaubwürdigste. Und das nciht nur im Hinblick auf die Titelrolle sondern auch was die Besetzung der Elisabetta angeht- da konnte nur Ileana Cortrubas mithalten, nur war sie leider stimmlcih nciht ganz so souverän wie Marina Poplavskaja. Zu oft wird diese Rolle iener serh jungen Frau mit Matronen besetzt, die wirklich wie Carlos Mutter wirken und genau das darf einfach nicht passieren. Auch Furlanetto hat die Rolle 100% überzeugend gestaltet und seine grosse Arie ist und bleibt einer der grössten Leistungen, die Verdi je komponiert hat- allein das Vorspiel sagt schon Alles und was Pappano hier daraus macht :down :down :down
Zu Keenlyside muss man nichts mehr sagen, der ist fast schon zu gut für die Rolle, zu Sonia Ganassi gibt es sicherlich Alternativen, aber schlecht war sie wahrlich auch nciht. Der Grande Inquisitore hat mich nciht überzeugt- der war nicht dämonisch genug und zu un-finster.(siehe Sevi)
Aber alles in allem von der musikalischen Seite eine heutige Referenzeinspielung, da muss die MET sich gehörig anstrengen!
Ich hoffe allerdings, dass sie eine bessere Inszenierung hinbekommen. Die Ketzerszene war durch die albernen Kostïume der Hâretiker geradezu lächerlich und das hat mich dann wirklich geärgert, denn das ist eine der tragischsten Szenen der Operngeschichte. Von der Engelsstimme hat man kaum was gehört und das Bühnrenbild fand ich unter alle Kanone!

Wie hervorragend dagegen Konwitschny mit seiner Inszenierung! Aber man kann halt nciht alles haben..... X(

F.Q.
Dulcamara (05.12.2010, 23:36):
Fairy, soweit ich weiß ist die Inszenierung der Met eine Koproduktion mit Covent Garden. Will sagen, es ist die gleiche Inszenierung. Zumindest ist es der gleiche Regisseur.

Ich kenne die Inszenierung nicht, aber eine sehr lesenswerte positive Kritik von einem Regie-Jünger in den USA hat mich sehr neugierig gemacht. Das Autodafe gefällt ihm aber auch nicht. Hier klicken. Der Autor vergleicht die Inszenierung auch mit Konwitschnys Hamburger/Wiener-Inszenierung, für mich auch DIE Inszenierung dieses Werkes.
Fairy Queen (06.12.2010, 09:30):
Lieber Dulcamara, danke für diese Hinweise, ich hätte mich mal besser vorher über den MET Don Carlos informiert, denn ich diesem Fall hâtte ich die Karten gar nicht gekauft. Aber ich lasse mich halt immer lieber unvoreingenommen überraschen...... sei's drum!
Die Argumente des Rezensenten kann man zwar nachvollziehen, aber ich teile seine positive Einschätzung der Inszenierung trotzdem nicht. Was ich gut fand, sind die sehr steifen Kostüme der Hauptdarsteller, an der Grenze zur Lächerlichkeit und das monumentale Grabmal Karls des V. Sowie insbesondere die Personenregie zwischen don Carlo und Elisabetta.

Die Darstellung der erstickenden Atmosphäre am Escorial ist dem Bühnenbild m.E. misslungen, im Fontainebleau -Akt mangelt es an Phantasie- was man daraus machen kann hat Konwitschny unglaublich eindrucksvoll gezeigt!
Hier fällt dagegen der Kleiderwechsel der Elisabetta kaum auf, so harmlos ist das gemacht. Wenn Villazon und Poplavskaja nciht so grossartige Rollendarsteller wären, wäre dieser Akt fast verzichtbar gewesen, das ist er aber keinesfalls!
Zur so interessanten Figur der Eboli fällt der Regie gerade mal gar ncihts ein. Ihre Affâre mit dem König bleibt total unmotiviert und überhaupt wird das Beziehungsgeflecht viel zu wenig ausgelotet. Er konzentriert sich nur auf Don Carlo und Elisabetta- der Rest kann sehen, wo er bleibt.

Und dann die miserable Autodafé-Szene, die für mich ein Schlüsselpunkt der Oper ist. :S

Nein, für mcih war selbst McVicar in Frankfurt besser und der war mit dem Don Carlo auch nciht gerade in seinem besten Element.
Aber dank der herausragenden Besetzung ist es dann trotzdem eine Referenz. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, wie Alagna die Intensität bzw Authentizität von Villazon erreichen soll, das wird ein vollkommen anderes Rollenporträt werden. Ich nehme mal an , dass die Regie mit Alagna noch stärker die drängenden erotischen Avancen herausarbeiten kann- die Unreife des Don Carlos im Vergleich zur Elisabetta und sein rücksichtsloses Verhalten dieser schmerzgeplagten Frau gegenüber deutlich zu machen, ist der grosse Pluspunkt dieser Inszenierung. Bei Villazon ist das noch sehr gebrochen durch seinen hilflosen und entwaffnenden Jungen-Charme, der dann wiederum Eilisabettas halb frauliche halb mütterliche Verliebtheit serh gut motiviert. Mit Alagna wird das Erotische ungebrochener rüberkommen und vielleicht dann auch der Vater Sohn Konflikt noch anders motiviert?
Bin gespannt, was andere dazu sagen werden.
F.Q.
Severina (06.12.2010, 11:01):
Liebe Fairy,
freut mich, dass Du unsere Begeisterung über diesen Carlos teilst! :D Was die erstickende Atmosphäre des Escorial betrifft, so ist wohl Willie Deckers Inszenierung unübertroffen - da frierst Du teilweise wirklich beim Zuschauen.
Was den Artikel betrifft, so verstehe ich nicht ganz, wo der Rezensent in diesem Bühnenbild 16.Jhdt. ortet????? Nicht einmal das Grabmal passt da stilistisch hinein. Wobei mich DAS natürlich nicht gestört hat, weil ich auf historierende Bombastik nicht den geringsten Wert lege, sondern in erster Linie die grässlichen Farben. Und natürlich die absolut lächerlichen "Flammennachthemdchen" der Häretiker - dieses Bild so zu vergeigen, ist auch chon wieder eine Kunst.
Was also die Inszenierung betrifft, so steht Mister Hytner an vierter Stelle meiner gesammelten Don Carli, hinter Decker, Konwitschny und Bondy. (Wobei 1 und 2 durchaus ihre Position wechseln können, je nachdem, welche DVD ich mir gerade anschaue. Ich finde beide wunderbar.)
Personenführung orte ich eigentlich in erster Linie bei Furlanetto, desen Philipp wirklich Nuancen zeigt, die ich bei ihm noch nie gesehen habe, und ich habe ihn wahrlich schon oft in dieser Partie erlebt. Das dürfte also die Handschrift des Regisseurs sein, während Villazón und Keenlyside das auch ohne ihn so hingekriegt hätten. Dringend einer führenden Händ hätte Sonia Ganassi bedurft, eine derart harm- und profillose Eboli habe ich gottlob nur selten erlebt.

Alagna gefällt mir übrigens in der Luc-Bondy-Inszenierung sehr gut, aber damals befand er sich erst am Anfang seines stimmlichen Abstiegs. Aktuell möchte ich ihn als Carlos lieber nicht hören müssen, und so jungenhaft wie einst wirkt er natürlich auch nicht mehr. Im Gegenteil, ich erschrecke immer wieder, wie alt er inzwischen ausieht, älter als er in Wirklichkeit ist. Finde ich zumindest.
lg Sevi :hello
Solitaire (08.12.2010, 17:59):
Ich habe Roberto Alagna in der Französischen Fassung als Carlos in durchaus guter Erinnerung – stimmlich, nicht darstellerisch und da es mit der Stimme ja seit geraumer Zeit hapert frage ich mich schon, wie er sich heute als Carlos durchschlagen will. Villazón ist zur Zeit weiß Gott gut beraten, den Carlos bleiben zu lassen, könnte sich aber immer noch mit seiner Darstellung über Wasser halten, auch wenn es stimmlich zur Zeit wohl ein Fiasko wäre, und das schreibe ich wahrlich nicht gerne...
. Mit Alagna wird das Erotische ungebrochener rüberkommen und vielleicht dann auch der Vater Sohn Konflikt noch anders motiviert?

Also ich weiß nicht...Alagna und erotisch? :coolWas Alagna m.E. darstellen und glaubhaft machen könnte wäre Lust auf Sex mit Elisabetta, nicht erotische Spannung, falls mit diese deutlichen Worte und diese Unterscheidung erlaubt sind. :ignore
Sex kriegt er hin, für Erotik und den daraus entstehenden Konflikt ist er m.E. nicht sensibel, feinsinnig genug. Okay, ich bin gemein, aber Alagna (den manche auch „Rocco“ nennen, was ich sehr passend finde... :D) gehört für mich zu den Sängern, die verloren haben wenn es mit der Stimme nicht mehr klappt, da sie außer einen schönen Stimme nichts zu bieten haben. Zumindest nicht für mich, die seelischen Abgründe eines Villazón-Carlos wird er nie ausloten können und das m.E. schon ein erhebliches Manko.
Einig sind wir uns wohl alle, daß Furlanetto als Filippo phänomenal war und wohl DER Interpret dieser Rolle derzeit.
Ich bin jedenfalls auf die Berichte von der Übertragung gespannt!
Fairy Queen (09.12.2010, 08:46):
Liebe Solitaire, ich bin, was Alagnas Ausstrahlung angeht, 100%ig deiner Meinung. Pardon für die falsche Wortwahl meinerseitsl, denn du hast es mit Sex statt Erotik genau getroffen.
Raffinesse oder Mehrdeutigkeit habe ich bei diesem Tenor eher selten erlebt- er hatte halt eine schöne Stimme und ansonsten ist er mit zunehmenden Stimmproblemen immer mehr die Karikatur eines Tenors. Rocco oder Rambo (siehe Aida...) passt jedenfalls hervorragend.
Ich suche derzeit einen Abnehmer für die Met Karten, denn meine Lust, mir das anzusehen, ist am Nullpunkt. Nach Rolando kann es einfach keinen anderen Carlo in DIESER für mich sehr mittelmässigen Inszenierung geben. :I
F.Q.
Zefira (09.12.2010, 11:09):
Wir werden trotzdem hingehen und uns überraschen lassen ...
oder auch nicht ... :rofl

lG Zefira
Solitaire (09.12.2010, 12:20):
Naja, immerhin ist ja die übrige Besetzung wirklich gut, und wer weiß, vielleicht wächst Alagna ja über sich hinaus. Immerhin hat er mich neulich als Faust sehr positiv überrascht...
@Fairy
Wenn der arme Rocco wüßte, was Frauen wirklich von ihm denken... :D :ignore
Fairy Queen (09.12.2010, 13:16):
Liebe Zefira, lasst euch bloss nciht von meinen subjektiven Geschmack irgendetwas vermiesen!!!! Wegen Furlanetto, Poplavskaja und Keenlyside lohnt es bereits die Karte, für Ersthörer. :hello
Severina (11.01.2011, 03:01):
Wer spannendes Musiktheater und eine nahezu ideale Besetzung der beiden Hauptpartien erleben will, dem sei diese DVD vom ROH ans Herz gelegt! Das ist wirklich Werbung für die Oper!

Verglichen mit Martin Kusejs aufregender Carmendeutung in Berlin kommt Francesca Zambellos Regie zwar ziemlich bieder daher, aber das stört mich ausnahmsweise gar nicht, weil bis zum letzten Choristen und Statisten so großartig gespielt wird, dass das Rundherum zur Nebensache wird.
Das Bühnenbild ist schlicht und praktikabel: Vier rostrote, hoch aufragende und perspektivisch aus dem Lot geratene Wände mit zwei Türöffnungen und einigen kleinen, viereckigen Luken, die in jedem Akt ein wenig anders ausgerichtet sind, reichen aus, um mit einigen wenigen mobilen Ausstattungsstücken - Orangenbaum und Wasserrrinne im 1. Bild, Tische und Bänke in Lillas Pastias Schenke, Sonnensegel in der Schmugglerschlucht - den Schauplatz zu charakterisieren. Die Kostüme entsprechen dem romantischen Carmen-Klischée, ohne aber kitschig zu wirken.

Die Meriten dieser Regie liegen in der Personenführung, die wie schon erwähnt ausnahmslos alle Protagonisten umfasst. Selten erlebt man einen Chor, der sich so natürlich und der Situation angemessen bewegt, wo jeder Einzelne ein individuelles Profil aufweist, wirklich agiert und reagiert wird. Selbst wenn der Chor gerade nur die stumme Rolle des Zuschauers einnimmt (z.B. in der Schmugglerschlucht), sieht man kein unbeteiligtes Gesicht, jeder ist völlig in der Handlung drin, drückt mimisch und gestisch Verwunderung/Entsetzen etc. über das aus, was sich gerade vor seinen Augen abspielt.

Das schafft einen ungemein authentischen Rahmen für das Drama, das sich zwischen den Hauptakteuren abspielt.

Anna Caterina Antonacci ist endlich wieder einmal eine Carmen, der man abnimmt, dass sie alle Männer verrückt macht. Sie geizt nicht mit ihren körperlichen Reizen, heizt den Männern ein, ohne aber oridinär zu wirken, genießt ihre Macht, die Puppen tanzen zu lassen und ganz nach Belieben Zuckerbrot oder Peische einzusetzen. Stimmlich versprüht Frau Antonacci nicht ganz so viel Erotik , ist sie mir manchmal etwas zu leichtgewichtig, aber im Großen und Ganzen erbringt sie eine zufriedenstellende Leistung. (Wenn man halt bei jedem Ton Agnes Baltsa im Ohr hat, ist das ein ziemliches Handicap bei der objektiven Beurteilung jeder anderen Carmen....)

Frasquita und Mercedes werden von Elena Xanthoudakis und Viktoria Vizin nicht nur hervorragend gespielt, sondern auch auf einem Niveau gesungen, wie es bei diesen Partien nicht selbstverständlich ist.

Der einzige weibliche Schwachpunkt ist Norah Amsellem, die mich als Micaela verfolgt, denn sie ist nicht nur auch auf der DVD aus Berlin zu hören, sondern beglückt uns leider auch immer wieder live auf der Bühne der WSO. Ihre Stimme ist ebenso farblos wie ihre Persönlichkeit, auch fehlt ihr jede Innigkeit, die sie bei ihrer großen Arie zum Ausdruck bringen müsste, von Mädchenhaftigkeit ganz zu schweigen. Aber als unbedarftes Landei geht sie durch, und bei ihr als Alternative muss man auch nicht lange überlegen, ob Don José die richtige Wahl getroffen hat.....

Wobei wir bei der männlichen Hauptperson angelangt wären! Jonas Kaufmann ist eine in jeder Hinsicht ideale Besetzung des Don José, wobei ich es besonders interessant finde, dass er diese Partie innerhalb eines Jahres in zwei völlig unterschiedlichen Regiekonzepten realisiert hat. Zwischen dem Don José, den er in Zürich unter Matthias Hartmann gespielt hat, und dem in London liegen Welten, und ich warte sehnsüchtig, dass endlich beide auf DVD vorliegen und man wirklich en detail vergleichen kann.
Bei Zambella ist er kein verklemmtes Muttersöhnchen, sondern ein gestandenes Mannsbild, das durchaus Erfahrungen mit Frauen gesammelt hat, aber mit seiner Gesamtsituation als eher unfreiwilliger Soldat unzufrieden und zunächst nicht zum Flirten aufgelegt ist. Aber Carmen schafft es im Handumdrehen, die schlummernden Hormone zu wecken......
Bei Lillas Pastias geht dann im wahrsten Sinn des Wortes die Post ab, wobei Kaufmann den Konflikt zwischen Pflichtbewusstsein und Begehren mitreißend gestaltet. Und wie er die Blumenarie interpretiert, ist schlicht großartig - so als wüsste er bereits jetzt, dass diese Liebe sein Verhängnis werden wird, das ja schon einige Minuten später seinen Lauf nimmt, gekrönt von einem herzergreifenden "Je t'aime" in einem Piano zum Niederknien :down :down Als er unmittelbar darauf begreift, dass sein Seelenstriptease bei Carmen eher Belustigung auslöst, geht das Temperament mit ihm durch und es kommt zum erotischen Infight, der nur durch den zweiten Zapfenstreich gestoppt wird.

In der Schmugglerschlucht stehen sich Antonacci und Kaufmann wie zwei Raubkatzen gegenüber, die einander im nächsten Augenblick an die Gurgel springen wollen. Hier bedauere ich besonders, dass die Kamera so oft auf nur einem der beiden ruht, weil ihre Mimik so großartig ist, dass man keinen Augenblick verpassen will. Die Mischung aus Eifersucht, unterdrücktem Zorn bis hin zu blanker Mordlust, die aus Kaufmanns Augen blitzt, ist wirklich oskarreif.
Das kommt natürlich besonders gut im Zweikampf mit Escamillo zum Ausdruck, in dem sich beide nichts schenken und ohne Rücksicht auf Verluste (und blaue Flecken) aufeinander los gehen.
Ildebrando D'Arcangelo ist ein Toreador wie aus dem Bilderbuch und damit eine absolut glaubwürdige Alternative zu Don José. Wie Carmen betrachtet er die Liebe in erster Linie als Spiel und ist damit nicht so anstrengend wie der eifersüchtige José, der Exclusivansprüche auf seine temperamentvolle Geliebte zu besitzen glaubt.
Auch vokal schlägt sich D'Arcangelo sehr gut, einen 100%ig überzeugenden Escamillo habe ich seit Ruggero Raimondi und Samuel Ramey nicht mehr gehört.

Ja, und dann der Schluss.... Ich könnte diese Szene in Endlosschleife laufen lassen, weil ich mich am intensiven Spiel von Antonacci und Kaufmann einfach nicht satt sehen kann. Don José tritt auf, mit zerrissenem Hemd und brennenden Augen, wie einer, der tagelang ohne Schlaf umhergeirrt ist und nun weiß, dass er in jeder Beziehung am Ende seiner Wanderung angelangt ist. Er befindet sich in einem psychischen Ausnahmezustand, sein Blick leer, ausgebrannt, beinahe abwesend, er weiß, dass es auf alles oder nichts hinausläuft. Trotzdem blitzt phasenweise auch so etwas wie Hoffnung auf - Carmen MUSS doch verstehen, dass sie ihm alles bedeutet, sein Leben ist, es MUSS doch noch eine Chance geben. Aber nein, es gibt keine mehr, und diese Erkenntnis lässt die anfangs stille Verzweiflung in rasende Wut umschlagen.
Auf der anderen Seite steht eine Carmen, die sich des Alles oder Nichts genauso bewusst ist, die weiß, dass es hier und jetzt eine Entscheidung geben muss, dass es um Freiheit oder Unterwerfung geht, und sie unterwirft sich nicht, selbst um den Preis des Lebens nicht.

Stimmlich läuft Kaufmann in dieser Schlussszene, wo andere Tenöre bereits am letzten Loch pfeifen, noch einmal zu absoluter Hochform auf. Scheinbar mühelos gestaltet er die dramatischen Ausbrüche, jeder Ton kommt absolut kontrolliert, voll und ohne Schärfe, an keiner Stelle muss er auf Sparflamme herunterschalten. Am Ende, mit der toten Carmen im Arm, läst Kaufmann seine ganze Verzweiflung in einen herrlichen Schwellton ausströmen, in dem man das Schluchzen mithört, das er sich als vordergründigen Effekt gottlob versagt.

Mein Fazit: Ich würde diese DVD jetzt nicht als Jahrhunderteinspielung bezeichnen, aber im Moment kenne ich keine, die dieser die Numer-1-Position bei mir streitig machen könnte.

lg Severina :hello
Solitaire (18.01.2011, 09:17):
Hallo Severina!
Ich muß gestehen., daß diese DVD seit geraumer Zeit bei mir liegt, ich es aber bisher immer noch nicht geschafft habe, sie in Ruhe anzusehen und nur mal kurz reingeschaut habe.
Nach deiner begeisterten Schilderung sollte ich mir endlich mal die Zeit nehmen und die DVD in Ruhe und am Stück ansehen.
Danke für den virtuellen Tritt in den Allerwertesten! :cool
An Norah Ansellem kommt man wohl wirklich nicht vorbei, ich habe sie nicht live erlebt, aber auch mir rennt sie via DVD hinterher... :I
Solitaire (24.01.2011, 19:47):
Das Christkind hat mir diese DVD gebracht, die hier ja schon Thema war:
http://ecx.images-amazon.com/images/I/51F8IlZl5jL._SL500_AA300_.jpg

Gestern habe ich sie mir endlich angesehen und möchte nun auch meine 50 Cents dazu loswerden.
Musikalisch muß ich wohl nicht viel sagen, La Dessay und JDF - besser konnte man die Oper wohl nicht besetzen. Auch den Chor und die Nebenrollen fand ich sehr gut, besonders auch Michele Pertusi als Graf. Ist es eine Schande wenn ich gestehe, daß ich seinen Namen vorher nie gehört habe?
Wie auch immer, musikalisch fand ich die Aufführung wirklich toll. Ich kannte die Oper bisher nur dem Namen nach, leidglich "Ah non credea..." habe ich natürlich gehört, als Callas-Fan kommt man daran ohnehin nicht vorbei, und das größte Kompliment daß ich Dessay machen kann ist, daß sie die einzige ist, die ich in Belcantorollen nicht ständig mit Callas vergleiche. :down :down :down


Die Handlung der Oper ist m.E. ja schon ein etwas dünnes Brett: verliebt -, sich böse- und wieder verliebt sein im ersten und ständig sich böse und am Schluß wieder verliebt sein am Schluß, mehr Bühnenhandlung passiert ja eigentlich nicht. Vielleicht ist das der Grund, warum mich die Oper nicht ganz so gepackt hat wie die fulminante, phänomenale und ganz grandiose "Fille du regiment" in der gleichen Besetzung.
Vielleicht war ich aber auch einfach nicht in der rechten Stimmung für ein weiteres femme-fragile-Drama, das nur zufällig gut ausgeht, und auch das nicht wirklich...
Bei der ersten Begegnung mit einer für mich neuen Oper sehe ich sie eigentlich gerne in einer traditionellen Inszenierung, umso spannender (im besten Fall) sind dann eventuelle spätere modernere Auslegungen, aber in diesem Fall kann ich mir ziemlich gut vorstellen, wie eine traditionelle Sonnambula schlafwandelt. Da wird es wohl viele bunte Bauernkostüme im ersten und mächtig viel Mondlicht sowie wehende Tüllschleier und Haare im zweiten Teil geben. Naja, hübsch anzuschauen ist das bestimmt und ich möchte die Oper gerne mal so sehen.

Die auch im Booklet erwähnte Doppelbödigkeit der Inszenierung hat mir sehr gut gefallen, wie für Amina Traumerleben und Wachzustand ineinander verschwimmen, so verschwimmen für ihre Interpretin Bühnengeschehen und Alltagsleben. Daß bei einer sensiblen Künstlerin die Rollenidentifikation so weit geht, daß sie selber beginnt zu schlafwandeln und sich bei einem ersten eher alttäglichen Krach mit ihrem Freund wie die Heldin einer Belcantooper benimmt finde ich spannend, auch wenn das in dieser Form in der Realität sicher nicht vorkommt. (Auf der anderen Seite habe ich neulich ein Interview mit einer Schauspielerin gesehen die ein schwer magersüchtiges Mädchen gespielt und gesagt hat, daß es gefährlich sei, sich ZU sehr in eine so fragile Persönlichkeit einzufühlen, das Phänomen scheint es also bis zu einem gewissen Punkt zu geben.)

Also: diesen Teil der Inszenierung fand ich sehr gelungen. Auch Michele Pertusis Graf hat mir gefallen, ich weiß ja nicht, ob ich die Regisseurin richtig verstanden habe, aber für mich war dieser "Graf" ein weltberühmter Bariton auf dem Höhepunkt seiner Kunst (jeder mag sich da seinen persönlichen Liebling denken, meiner dürfte wohl klar sein... :cool), der aus irgendwelchen Gründen einer nicht ganz so berühmten Opernkompanie zu vokalem Glanz verhilft und ein bißchen mit der aufstrebenden jungen Kollegin flirtet. Daß das dem Tenor nicht passt ist fern der Bühne ebenso Realität wie auf den Brettern, also stimmig. Witzig fand ich den Gedanken, daß eine Kompanie die soeben eine Oper einstudiert in der es um das Phänomen des Schlafwandelns geht nicht daran glaubt, daß es das "in Wirklichkeit" tatsächlich gibt, und es für eine ganz besonders dämliche Ausrede hält.
Unstimmig waren für mich lediglich zwei Momente: das Liebesduett zwischen Amina und Elvino gegen Ende des ersten Aktes. Eigentlich ist das ein sehr erotischer Moment: die beiden haben sich gezankt und wieder vertragen, sie werden morgen heiraten, dürfen aber, in der Zeit in der das Stück eigentlich spielt, vermutlich nicht mal ohne Anstandswauwau spazieren gehen. Jetzt sind sie voller Vorfreude auf die morgige Hochzeit und das darauf folgende Alleinsein. Prophetisch singt Amina davon, daß sie im Schlaf bei ihm sein wird, weil es anders (noch) nicht sein darf.
In dieser Inszenierung jedoch habe ich mich gefragt, warum sie nach der Probe, dem Krach und der Versöhnung nicht einfach erstmal essen gehen, wie es jeder normale Mensch tun würde...daß es dann doch noch ein poetischer Moment wurde lag m.E. einzig an den beiden Hauptdarstellern, vor allem an Frau Kammersängerin.

Der zweite Aspekt in dem die Inszenierung für mich unstimmig war, war die Reaktion der "Dorfbewohner" (hier also: Opernchor, Kostümbildner etc.). Ich will ja nicht behaupten, daß es unter Künstlern zugeht wie in Sodom und Gomorrah, aber wenn die Primadonna des Hauses kurz vor der Hochzeit mit dem Tenor im Bett des Baritons erwischt wird, wird das vermutlich Gelächter, Schadenfreude, Häme und vielleicht auch klammheimliche Bewunderung für soviel Frechheit auslösen, aber moralische Entrüstung?
Nehmen wir mal kurz an, daß eine gewisse Russin einen gewissen Mexikaner umgarnt und ihn dann für einen gewissen Kerl aus Uruguay verlässt und niemand nix genaues weiß, dann hechelt man sowas bei Gelegenheit und entsprechender Stimmung gerne mal durch und fragt sich, ob es wohl stimmt oder nicht, aber moralische Empörung löst das wohl heute kaum noch aus, oder? :engel :D
Wie gesagt, hier fand ich die Inszenierung nicht stimmig. Das jemand auch (und vor allem) im 21. Jahrhundert erst geliebt, dann verachtet und dann wieder geliebt wird, glaube ich sofort, aber wohl kaum wegen eventueller sexueller Eskapaden. Vielleicht bin ich ja aber auch nur ein verdorbenes Luder ohne Moral... :cool
Gut gefallen hat mir dann wieder der Schluß: nach Ende aller Leiden und dem Happy End kann die Kompanie endlich eine herrlich kitschige Staubi-Sonnambula geben. Und Mary Zimmermann sich liebevoll ironisch über derartige Veranstaltungen mokieren.

Im Übrigen frage ich mich ja schon, ob unsere Primadonna auf lange Sicht mit dem Bariton nicht besser fahren würde...
Um es mit meinem Gatten zu sagen: "Der Mistkerl quält sie so mit seiner Eifersucht, daß sie selbst im Schlaf davon verfolgt wird!"
Wenn die Männer recht haben soll man ihnen nicht widersprechen... :)
Fairy Queen (25.01.2011, 07:10):
Liebe Solitaire, ich habe die Sonnambula in dieser Besetzung und Inszenierung im Met Kino gesehen und kann deshalb deiner Kritik gut folgen. Leider hat Bellini oft sehr schwache Libretti vertont, bzw veredelt und ich habe mal eine serh interessante Analyse zu all den ohnmächtigen schlafwandelnden, halbbewussten Frauen gelesen. Angeblich symbolisieren all diese Frauen Siziilen, seine geliebte Heimat. Sizilien wurde seit Jahrtausenden immer wieder von fremden Eroberern besetzt, überfallen, eingenommen- mal gewaltsam, mal in friedlicher Weise.
Mal wurde die Insel nur als Kornkammer ausgebeutet(z.B. von den Spaniern und leider auch vom geeinten Italien), mal ist sie durch die Besatzung/Neubesidelung zu grosser Blûte gekommen (z.B. durch die Araber oder Friedrich den Staufer). Die Sizilianer haben sich mehr oder weniger melancholiisch resignierend in ihre Schicksale ergeben udn ihre Devise lautet bekanntlch "nicht sehen, ncihts hôren, ncihts sagen". Dem Wahnsinn zu verfallen oder schlafzuwandeln, in halb bewussten Zuständen zu sein, hilft da beim Ertragen doch serh weiter... oder aber man emigiriert.....
Mich hat diese Deutung ziemlich fasziniert, zumal Bellini, wie so viele Sizilianer, seiner Heimat in unauflöslicher Hassliebe zeitlebens engstens verbunden blieb und seine sterblchen Überreste dann ja gottseidank auch wieder von Paris nach Catania überführt worden.

Wenn man also ein wenig vom Wortlaut der Texte abstrahiert und das ganze metaphorisch liest, wurd es ein bisschen weniger abstrus. Die Tenöre bei Bellini sind vielleicht auch deshalb so unsympathisch, weil sie fûr die Eroberer, Besatzer stehen...... langfristig kann man mit Besatzern eh nicht glücklich werden- oder? :D

Sängerisch war ich genauso begeistert wie du und mir hat auch die Inszenierung weitestgehend gut gefallen. Angesichts der Schwierigkeit diese Opern zu inszenieren nochmal mehr. Natalie Dessay ist die ideale Bellini-Heroine, ihre einsame Szene auf den Brett mit "Ah non credea mirarti" werde ch mein Lebtag nciht vergessen. Ich warte sehnsüchtig auf ihre Elvira!!!!!
F.Q.

P.S. ich plane gerade meine erste Sizilien Pilgerreise.... und dabei ist mein Vater beinahe Sizilianer, eine Schande, dass ich noch nciht dort war!
Solitaire (25.01.2011, 09:06):
Hallo Fairy!

Danke für den Hinweis auf Sizilien, das ist wirklich sehr interessant, und es ist ja auch wirklich auffällig, daß bei Bellini der Tenor in manchen Fällen den Besatzer nicht nur symbolisiert, sondern tatsächlich einer ist (Norma) bzw. zu den politischen und religiösen Gegnern der Heldin gehört (I Puritani). Die Situation ihrer Heimat mehr oder weniger verbrämt in Musik setzen haben italienische Komponistinnen offenbar gerne getan, wenn ich da an Verdi und seine frühen Opern denke.

Ja, die Szene auf dem Dielenbrett war großartig, das war Regietheater wie es in seinen besten Augenblicken sein kann, und natürlich ist Dessay allein schon rein optisch die ideale Vertreterin all dieser zarten Frauengestalten.
Auch wenn es rein stimmlich vermutlich nicht in jeder Sekunde ideal war und sie an ihre Grenzen gekommen sein dürfte: ich hätte was drum gegeben ihre erste (und vermutlich einzige) Violetta zu erleben.
Ihre Elvir würde ich auch gerne erleben, ich kenne nur Auszüge daraus und habe die ganze oper bisher "nur" mit Sutherland und Pavarotti auf CD erlebt. Wenn allerdings Big P. "A te o cara" singt ist es um mich geschehen und ich schmelze dahin. 150 Kilo hin oder her :D
Severina (25.01.2011, 11:56):
Original von Solitaire

Auch wenn es rein stimmlich vermutlich nicht in jeder Sekunde ideal war und sie an ihre Grenzen gekommen sein dürfte: ich hätte was drum gegeben ihre erste (und vermutlich einzige) Violetta zu erleben.
Liebe Mina,
dann musst Du 2013 nach Wien kommen, da soll sie nämlich die Violetta in unserer Neuinszenierung sein! Obwohl ich ehrlich gesagt nicht wirklich daran glaube, denn zwei Jahre sind viel im Leben einer Sängerin, und wie Du richtig sagst, wäre sie schon jetzt stimlich ziemlich an der Grenze des Machbaren, wenn nicht schon drüber.

Im Übrigen hast Du natürlich Recht mit Deinen "antilogischen" Einwänden gegen die Inszenierung, bloß ist diese Story wirklich so verquast, dass ich auch noch nie eine logische konventionelle Aufführung gesehen habe. Bei uns z.B. wandelt Amina barfuß und im dünnen Nachthemdchen über einen Lawinenkegel(!!!!), der zuvor das Panoramafenster des Kurhotels zerdeppert hat, herein, und jeder vernünftige Mensch weiß, dass sie schon längst erfroren sein müsste, denn sie kommt eindeutig von draußen...

Da verzeihe ich Mary Zimmermann gerne die beiden Hoppalas, denn ansonsten finde ich ihr Konzept sehr überzeugend und auch witzig, was eben der Absurdidität der Geschichte ein wenig die Spitze nimmt.
Außerdem habe ich Flórez noch nie so locker, natürlich und überzeugend SPIELEN gesehen, und alleine das geschafft zu haben, ist eine Meisterleistung der Regisseurin.

lg Sevi
Solitaire (26.01.2011, 18:01):
Hallo Severina!
Du wirst lachen, aber für 2013 haben mein Mann und ich tatsächlich einen wien-Besuch ins Auge gefasst! Das wär ja was, wenn es klappen würde1
Aber es wudnert mich schon, daß Dessay an der Traviata festhält, immerhin hat sie ja die Amina, die ihr ja scheinbar in die Kehle geschrieben wurde aufgegeben, und dann diese Rolle...
Freuen würde ich mich jedenfalls. Mich persönlich stört es z.B. auch nicht, wenn die Violetta mit einer „zu“ leichten Stimme besetzt wird (was man Dessay und ähnlich veranlagten Kolleginnen ja immer mal wieder vorhält), da es sich bei aller Erfahrenheit in den Lasterhöhlen dieser Welt ja immer noch um eine sehr junge und überdies krankeFrau handelt von deren Schicksal da erzählt wird. Ein Koloratursopran der in den dramatischen Momenten ein paar Abstriche machen muß stört mich persönlich da weit weniger als eine zu dramatische, zu üppige und zu „gesunde“ Stimme. Daher ist z.B.
auch Netrebko für mich rein stimmlich keine ideale Violetta, so sehr ihre Darstellung in Salzburg auch nach wie vor schätze.

Zum Thema:
Auch wenn die Logik in „La Sonnambula“ wirklich keine große Rolle spielt, wunderschöne Musik ist es allemal, und wenn es schon nicht logisch ist, daß Amina eine Gletscherwanderung unbeschadet übersteht, so ist immerhin der Gletscher selbst logisch.
Spielt ja schließlich in der Schweiz.
Im Übrigen ist es doch erstaunlich, wie häufig der Peruaner Florez auf der Bühne die Krachledernen anziehen muß: „La fille“, „La Sonnambula“. :rofl
Und ja: er hat klasse gespielt. Dessay hat im Interview übrigens erzählt, daß die schwarzen Klamotten die sie unter den Probekostümen trägt aus ihrem eigenen Kleiderschrank stammen. So gehe sie meist selber zur Probe.
Solitaire (02.02.2011, 16:19):
Ist ein bisschen OT, aber ich denke, es passt dennoch hierher:
Mir läßt die Frage keine Ruhe, warum so viele Frauen in so vielen Belcantoopern vorübergehend oder dauerhaft wahnsinnig werden, schlafwandeln oder sich sonst wie in einem Zwischenreich befinden.
Neben der nachtwandelnden Amina haben wir da Lucia di Lammermoor, Linda di Chamonix, Elvira, Ophélie, Dinorah um mal nur die zu nennen, die mir spontan einfallen, vermutlich gibt noch die eine oder andere die ich nicht kenne, das KANN nicht nur mit Sizilien zu tun haben. :wink

Als ich im Internet ein bisschen nachgeforscht habe bin ich auf ein Buch gestoßen, das vor kurzem erschienen ist, es handelt sich offenbar um eine Dissertation mit dem Titel
„Heiliger Wahnsinn auf der Bühne: Die Figur der Hysterika in der Belcanto-Oper“ von Bernhard Loges.
Hier kann man sich ein bisschen einlesen:
Klick

hier kann man das Buch bestellen.
Ich habe in der Mittagspause ein bisschen geschmökert, da ich in der medizinischen Materie nicht bewandert bin, brauche ich wohl etwas Ruhe zum lesen, aber der erste Eindruck war ein durchaus spannender, ich werde es wohl bei Gelegenheit bestellen.
Vielleicht hat ja noch jemand Interesse.
Severina (17.03.2011, 00:29):
Live-Mitschnitt vom Gran Teatro del Liceu (Barcelona) vom Juni 2005:

Adina ............ Maria Bayo
Nemorino........ Rolando Villazón
Dulcamara....... Bruno Praticò
Belcore........... Jean-Luc Chaignaud
Gainetta......... Cristina Obregón

Dirigat: Daniele Callegari
Regie: Mario Gas

Ich habe ja schon bei diversen Gelegenheiten erwähnt, dass mich mein sonst so "geliebter" Rolando Villazón als Nemorino immer ein bisschen nervt, weil er ihn irgendwo zwischen Dorftrottel und Clown ansiedelt, deshalb lag die DVD von der Produktion aus Barcelona - ein Weihnachtsgeschenk - ziemlich lange herum, bevor ich ihr eine Chance gab.
Und um es gleich vorwegzunehmen: Villazón hat sich mit dieser Einspielung in meinen Augen voll und ganz rehabilitiert! Kaum zu glauben, dass nur zwei Monate zwischen der Wiener Aufnahme und der aus dem Liceu liegen, denn hier präsentiert sich ein völlig anderer Nemorino. Natürlich liegt das an der Inszenierung, denn im Unterschied zur Wiener Blödelpartie, für die Otto Schenk verantwortlich zeichnet, nimmt Regisseur Mario Gas die Personen der Handlung ernst, er zeigt keine Slapstickkomödie, sondern die Geschichte einer unglücklichen, weil über weite Strecken einseitigen Liebe mit Happyend. Was mich viel mehr erstaunt, dass Villazón in diesem kurzen zeitlichen Abstand das Umschalten von der einen zu einer völlig konträren Interpretation so überzeugend und problemlos hinkriegt. Ich habe nämlich schon oft erlebt, dass ein Sänger von einer Inszenierung in die nächste etwas mitnimmt, mal mehr, mal weniger. Villazón hingegen hat den Schalter wirklich umgelegt und in Barcelona eine völlig neue Sicht auf seine Rolle
geboten.

Mario Gas verlegt die Handlung ins Italien um 1950, auf die Piazza einer Kleinstadt. Rotbraune, malerisch verwitterte Hausfassaden bilden den Rahmen, zwei Treppen links und rechts führen auf eine Galerie, von der man die einzelnen Wohnungen betritt. Ebenerdig sind einige Lokale untergebracht, eine Bar, eine Tabaktrafik und ein Zeitschriftenkiosk, den Nemorino betreibt. Dort kauft Adina auch die Illustrierte, in der sie die Geschichte der Regina Isotta und ihrem L'Elisir entdeckt.
Dementsprechend besteht der Chor auch nicht aus Bauern, sondern aus Handwerkern, Arbeitern und Hausfrauen.
Adina ist wohl die Wirtin, eine elegante junge Frau mit vielen Verehrern. Einer davon ist Nemorino, zunächst allerdings ohne Erfolg. Aber er ist in dieser Inszenierung kein naiver Tölpel, auch kein überdrehter Clown wie in Wien, sondern ein netter junger Mann, der von Anfang an durchaus eine Option sein könnte. Er hat halt nur das Pech, dass seine Liebe nicht auf Gegenliebe stößt, was ja vorzukommen pflegt. Villazóns Nemorino ist auch kein unreifer und in Liebesdingen unerfahrener Jüngling, er weiß schon, wie's geht, nur verfängt seine Methode bei Adina nicht. Aber auch sie setzt etwas andere Akzente als man es üblicherweise sieht: Sie macht sich über Nemorino nicht lustig, man hat im Gegenteil von Anfang an das Gefühl, dass er ihr nicht ganz gleichgültig ist. Deshalb erscheint die Eifersuchtskomödie, die sie mit Hilfe des ahnungslosen Belcore inszeniert, auch plausibler als sonst, wo man sich den plötzlichen Gesinnungswandel oft nicht erklären kann.
Bei der Inszenierung von Mario Gas gibt es zwar weniger zu lachen als gewöhnlich, ich finde sie aber in sich stimmiger und auch berührender.

Auch die Besetzung ist sehr gut.
Maria Bayo ist nicht unbedingt meine erste Wahl als Adina, aber das ist ein reines Geschmacksurteil von mir, sie macht ihre Sache ausgezeichnet.
Bruno Practico gibt einen etwas schmierigen Dulcamara, der nicht ganz so liebenswürdig-schlitzohrig daher kommt wie die meisten seiner Kollegen, aber er beherrscht das Parlando perfekt.
Jean-Luc Chaignaud ist ein schneidiger Belcore, stimmlich solide und wesentlich besser als die ziemlich schaurigen Live-Erfahrungen in letzter Zeit.

Rolando Villazón spielt wie schon gesagt einen ungewohnt ernsthaften, beinahe melancholischen Nemorino, verfällt nie in hektischen Aktivismus (Dazu neigt er leider!) und wahrt auch in den komischen Szenen die Balance. Stimmlich präsentiert er sich in ausgezeichneter Form (2005 befand er sich auf dem Zenit seiner Karriere), obwohl mir "Una furtiva lagrima" auf der Wiener DVD noch besser gefällt. Aber das liegt eben an der Tagesverfassung. Mir kommt vor, dass er es da noch nuancierter, subtiler singt, noch mehr Gefühl hineinlegt, aber auch das ist wohl Geschmackssache.

Insgesamt ist das eine DVD, die mir wesentlich besser gefällt als die Wiener Klamaukpartie, die allerdings in Anna Netrebko die für mich bessere Adina aufbietet.

lg Severina :hello
Solitaire (17.03.2011, 07:13):
Hallo Severina!
Nur ganz kurz ehe ich zur Arbeit muß: ich mag diese Inszenierung auch sehr, und du hast recht: es ist erstaunlich, die schnell und gut RV den Schalter umgelegt hat.
Ich finde Nemorinos Entschluß zum Militär zu gehen hier um ein vielfaches bedrohlicher und tragischer als in der Wiener Inszenierung, denn hier ist eine echte Armee in der man echt totgeschossen werden kann, im Gegensatz zu Otto Schenks Operettensoldaten. Auch Belcore wirkt um einges beunruhigender, ich möchte z.B. nicht wissen, auf welcher Seite der während des italienischen Faschismus stand...
Allerdings höre und sehe ich zur Zeit kaum CDs oder DVDs mit RV. Es macht mich einfach zu traurig...
Schön blöd ich weiß. :cool
Severina (17.03.2011, 18:55):
Original von Solitaire
Hallo Severina!
Allerdings höre und sehe ich zur Zeit kaum CDs oder DVDs mit RV. Es macht mich einfach zu traurig...
Schön blöd ich weiß. :cool

Liebe Mina,
gar nicht blöd, diese Phase hatte ich auch. Andererseits bin ich süchtig nach dieser Stimme, aber ein Schuss Masochismus ist bei jeder Rolando-Session dabei, weil ich natürlich auch um den Gedanken nicht herum komme, wie jammerschade es um ihn ist :I :I :I.

lg Sevi :hello
Solitaire (21.03.2011, 14:02):
Vor einigen Tagen ist mir noch ein verspätetes Geburtstagsgeschenk von meinen lieben Kollegen ins Haus geflattert: Igor Stravinskys "Le Rossignol":

http://www.dvdnear.com/images/Igor-Stravinsky-Le-Rossignol-The-Nightingale-Dessay-McLaughlin-Urmana-Grivnov-Schagidullin-Naouri-Mikhailov-Conlon-B0007RO54I-L.jpg
Besetzung:
Die Nachtigall: Natalie Dessay
Das Kind: Hugo Simcic
Die Köchin: Marie Mc Laughlin
Der Tod: Violeta Urmana
Der Fischer: Vsevolod Grivnov
Der Kaiser: Albert Schagidullin
Der Kammerherr: Laurent Naouri
Der Oberpriester: Maxime Mikhailov
Chor & Orchester Opera National de Paris
James Conlon


Man kann diese Produktion nicht wirklich als Opernfilm oder Filmoper bezeichnen, es handelt sich wohl eher um Videokunst, denn die bekannte Geschichte vom chinesischen Kaiser und der Nachtigall spielt hier in einer Art virtueller Realität und ist stark computeranimiert. Daß diese virtuelle Realität keine Kalte, Seelenlose ist, sondern im Gegenteil poetisch nud manchmal auch erschreckend aktuell, ist das große Verdienst des Regisseurs, der hier m.E. ein kleines, kostbares Meisterwerk geschaffen hat.
Die filmischen Elemente die er verwendet hat erinnern mich ein bißchen an Walt Disneys Klassiker "Fantasia" und vielleicht kann man "Le Rossignol" tatsächlich als eine Art Fantasia für Opernfreunde bezeichnen.
Die Handlung beginnt in der Werkstatt eines chinesichen Töpfers. Ein kleiner Junge beobachtet heimlich seinen Großvater wie er auf der Töpferscheibe eine Vase herstellt und in den Brennofen stellt. Als der Großvater die Töpferei verläßt bleibt der Junge allein zurück und betrachtet die anderen, bereits fertig bemalten Vasen die sich dort befinden. Er wird müde, und plötzlich scheint die Malerei auf einer Vase lebendig zu werden:
ein Fischer fährt über einen nächtlichen See auf der Suche nach der Nachtigall. Der Junge beobachtet die Szene fasziniert und wird nach und nach als, mal neugieriger, mal erschreckter, Beobachter Teil der Handlung.
Die Nachtigall erscheint schließlich: ein kleiner, brauner, unscheinbarer Vogel der bald hierhin bald dorthin flattert und dem niemand die Magie ansieht, die ihm Innewohnt.
Hinter ihm erscheint Natalie Dessay, auch sie klein, zierlich, in ein kurzes graues Hemd gehüllt und fast erschreckend zerbrechlich. Die Nachtigall beginnt zu singen und Dessay wandelt, träumerisch und nahezu schwerelos durch ein Kaleidoskop all der Dinge und Motive, die man im Westen im Allgemeinen mit China und der asiatischen Welt verbindet: Fächer, Sonnenschirme, bemalte Teller und Vasen.

Währenddessen ist man am Hofe des Kaisers auf der Suche nach einer Nachtigall: der Kaiser begehrt, sie singen zu hören. Allerdings weiß niemand, wie das Wundertier aussehen, wie sein Gesang klingen könnte. Das Muhen einer Kuh und das Quacken eines Frosches kommen in die engere Auswahl. Zum großen Amüsement der Köchin, die als einzige weiß, wie eine Nachtigall aussieht und wie sie anzulocken ist. Auf einem Handy zeigt sie ein Bild einer Nachtigall.
Während dieser Szene sieht immer wieder unzählige Computerbildschirme, auf denen Suchmaschinen nach Bild- und Tondateien der Nachtigall suchen. Die Mitglieder des Hofstaates, die in rote Lampenschirme wie in seltsame Kokons eingesponnen und nicht wirklich zu erkennen sind, beauftragen die Köchin über den Kammerherren die Nachtigall zu bringen. Der Vogel erscheint schließlich, und ist bereit, für den Kaiser zu singen.

Ein großes, lärmendes Fest am Hofe des Kaisers: es wird fast völlig ohne Menschen dargestellt, Gegenstände, Musikinstrumente, Ornamente etc. übernehmen die Aufgabe, die auf der Bühne CChor und Statisterie hätten: sie stellen daß bunte Treiben am kaiserlichen Hof da. Mikrophone recken sich der Köchin entgegen, sie soll Antwort geben: wie sieht die Nachtigall aus? Wie singt sie? Wo hat sie sie gefunden?
Der Kaiser erscheint, er wird in einer Art großen, gläsernen, blumengefüllten Monstranz hereingetragen, ohne wirklichen Kontakt zur Außenwelt.
Als er die Nachtigall bittet für ihn zu singen, flattert sie herbei und läßt sich auf einem Stab nieder. Hintr ihr steht Natalie Dessay und beginnt zu singen.
Die Nachtigall singt, und der Hofstaat bricht ihn begeisterten, hysterischen und sehr oberflächlichen Beifall aus.
Spätestens hier fragt sich der geneigte Zuschauer, ob nicht auch ein sensibler Künstler in unseren Tagen manchmal eine Nachtigall ist, die ihre Seele klingen läßt ohne daß irgendjemand im hysterischen Opernzirkus wirklich begreift, welch ein Wunder sich gerade offenbart hat...
Der einzige der der Nachtigall wirklich zugehört hat ist der Kaiser: er hat Tränen in den Augen und will der Nachtigall ein kostbares Geschenk machen. Sie antwortet, daß sie bereits das Kostbarste bekommen hätte, was der Kaiser ihr schenken könnte: seine Tränen.
Dies wird von Hofleuten kommentiert mit "Welch charmante Koketterie!"...
Der Kaiser will die Nachtigall zur ersten Sängerin seines Hofes machen, aber in einem unbeobachteten Moment flattert sie davon: sie kann nicht in Gefangenschaft leben.
Hände erscheinen aus dem Nichts, Hände die mit Etikettierern bewaffnet sind wie wir sie aus dem Warenhaus kennen: Sonnenschirme, Fächer, Porzellan, ja Mitglieder des Hoftaates werden mit Barcodes beklebt. Alles und Jeder in dieser Welt ist käuflich und verkäuflich. Da erscheint die Delegation des japanischen Kaisers, in ihrer Mitte ein kleiner Mann im knallbunten Bühnenshow-Outift. Ein Mann, dessen Jacketkronen noch bis in die letzten Winkel Chinas funkeln, der sich permanent in den Schritt greift, und der von weitem fatal an Silvio Berlusconi erinnert. Als die Kamera näher fährt sehen wir: es IST Berlusconi, der Anno 2002 (als der Film entstand) zwar noch nicht italienischer Ministerpräsident, aber ein internationaler Medienmogul und Multimillionär und bereits so zwielichtig wie ein Zuhälter auf St. Pauli war.
Er passt perfekt in diese Welt des künstlerischen und seelischen Sommerschlußverkaufs.

Die Jahre sind vergangen, die Dinge haben sich verändert: die bunte, quirlige Welt ist still und kalt. In einer Ecke sitzt der Tod an einem Verkaufstresen: die Krone des Kaisers auf dem Haupt, sein Schwert und Zepter neben sich.
Der Kaiser liegt in seiner gläserenen Monstranz, die Blumen sind leicht verwelkt und feucht, das Ganze erinnert an einen Sarg. Er muß sich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzten, angstvoll ruft er nach Musikern, seine Seelenpein zu lindern.
Die Nachtigall flattert herbei und singt für den Kaiser, dessen Gesicht und Gemüt sich merklich entspannt.
Sie bittet den Tod,noch vom Kaiser abzulassen. Der Tod verlangt als Gegenleistung, daß die Nachtigall für ihn singt. Sie tut es, der Tod ist bewegt, gibt dem Kaiser die Insignien seiner Macht wieder und zieht sich schließloch still zurück.
Der genesene Kaiser bittet die Nachtigall, für immer bei ihm zu bleiben. Sie lehnt ab: ein Vogel kann eben nicht in Gefangenschaft leben. sie sagt dem Kaiser, daß sie niemals seine Tränen vergessen wird und verspricht ihm, jede Nacht zu ihm zu kommen und bis zum Morgengrauen für ihn zu singen.
Natalie hängt ein Handy an den Rahmen der Monstranz. Als die Nachtigall davonfliegt zertrümmert der Kaiser mit der Hand die Glasscheibe und tritt heraus. Er ist frei.
Der kleine Junge läuft auf ihn zu, der Kaiser schließt ihn freudestrahlend in die Arme.

Der Morgen ist da: der kleine Jnuge erwacht in den Armen seines Großvaters, der ihn fragt, ob er schön geträumt habe.


Die Tonspur der DVD kann man übrigens mit und ohne Effekte abspielen, wenn man nur der der Produktion zugrinde liegenden CD-Aufnahme von 1999 lauschen will.

Klick

Klick


Klick
Severina (26.03.2011, 19:35):
liebe Mina,

diese DVD war eine der ersten, die ich mir zulegte, nachdem ich endlich einen DVD-Player bekommen hatte. Ich finde diese Aufnahme in jeder Hinsicht zauberhaft, sie entführt einen wahrhaftig in ein Fantasia und Natalie Dessay ist mit ihrer fragilen Physis, den sprechenden Augen und der glockenhellen Stimme die Idealbesetzung für die Nachtigall.
Leider habe ich diese DVD in den letzten Jahren in der Fülle etwas aus den Augen verloren - danke, dass Du sie mir wieder in Erinnerung gerufen hast! Sie wird demnächst auf dem Drehteller landen!

lg Sevi :hello
Solitaire (29.03.2011, 19:04):
Viel Spaß beim wieder mal ansehen!
Ich kannte die Musik bisher nicht und fand sie wunderschön!!!
Severina (30.04.2011, 23:33):
Giacomo PUCCINI, TOSCA

Tosca ...............Emila Magee
Cavaradossi ...... Jonas Kaufmann
Scarpia ............. Thomas Hampson
Angelotti .......... Valeriy Murga
Sacristano ......... Giuseppe Scorsin

Chor und Orchester des Opernhauses Zürich unter Paolo Carignani

Regie: Robert Carsen

Sehnsüchtig wartete ich auf die DVD dieser Züricher "Tosca", die ich zweimal live sehen durfte und mich rundum begeistert hatte. Nun endlich ist es so weit und ich war gespannt, ob sich mein so positiver Live-Eindruck bestätigen würde.
Überwiegend ja, aber ich muss gestehen, dass das Bühnenbild auf der DVD nicht ganz so überzeugend wirkt wie in der Oper, was auch an der diesmal überraschend konventionellen Bildregie von Felix Breisach liegen mag, der schon so oft mit spektakulären Kameraeinstellungen eine schwache Inszenierung aufgewertet hat. Diesmal ist es eher umgekehrt, aber das bemerkt gottlob nur jemand, der auch die Aufführung gesehen hat.

Was mich an Carsens Regie nach wie vor verblüfft, ist seine apolitische Herangehensweise an "Tosca", denn nach seiner so hochpoltisch
orientierten Züricher Lucia dachte ich natürlich, er würde diesen
Aspekt in einer Oper, wo dies doch weit naheliegender ist, ebenfalls
ins Zentrum seiner Regiearbeit stellen. Aber weit gefehlt, der
historische Hintergrund interessiert Carsen ebenso wenig wie eine
konkrete Diktaturkritik, ihm geht es diesmal um das Theater im Sinne
von Schnitzlers "Wir spielen immer, wer es weiß, ist klug." Das heißt,
für Carsen ist Tosca in erster Linie die große Diva, erst in zweiter
die liebende Frau, und für die Legitimation dieser Sicht gibt es im
Libretto genügend Belegstellen.
Daher zeigt auch das Bühnenbild nicht die üblichen Schauplätze (Kirche,
Palazzo Farnese, Engelsburg), sondern die drei "Aspekte" eines
Theaters: Zuschauerraum, Hinterbühne, Bühne, wobei Ausstatter Anthony
Ward eine sehr einfache, aber raffinierte Lösung gefunden hat, mit
praktisch einem einzigen Bühnenbild auszukommen, das nur geringfügig
modifiziert wird. Die Spielfläche wird von einem rechtwinkeligen
Dreieck gebildet, dessen Basis die Abgrenzung zum Orchestergraben ist.
Die linke, kürzere Seite besteht aus einer Mauer, die im ersten Akt als
Hintergrund für ein beinahe fertig gestelltes Fresko - die HL.
Maddalena - dient, die rechte, lange wird von einem Vorhang begrenzt,
der entweder die imaginäre Bühne (im 1. und 2. Akt) oder den imaginären Zuschauerraum (im 3. Akt) verhüllt. Im Scheitelpunkt des Dreiecks ragen zwei mächtige, golden kannellierte Säulen auf hohem Sockel bis in den Schnürboden hinauf.

Im 1. Akt ist der Vohang aus rotem Samt mit Goldbordüren, davor stehen ebenfalls rot gepolsterte Stühle in einer Anordnung, die unschwer den Ort als Zuschauerraum eines Theaters definieren. Ein hohes Gerüst stehtvor dem Fresko, darunter führt eine kleine Türe in ein Nebengemach -die "Kapelle", in welcher Angelotti verschwindet, nachdem er den Schlüssel auf dem Sockel des Säulenpaares gefunden hat. Die Zuschauerder letzten Vorstellung haben allerhand Müll hinterlassen, u.a. auch Programmhefte, die ebenso wie die der echten Aufführung das Bild Toscas auf dem Titelblatt zeigen. Der Sagrestano, hier logischerweise einTheaterdiener, beseitigt schimpfend das Chaos, rückt Sessel gerade und lässt das Publikum nicht im Unklaren darüber, was er von seinem Job hält. Beim "Angelus domini" ist er nicht so ganz bei der Sache, denn erhält dabei ein Programmheft in Händen und scheint die schöne Diva mit recht unfrommen Gedanken zu betrachten. Daher mischt sich in des Sagrestano Abscheu vor dem Freidenker Cavaradossi ein gehöriger Schuss Eifersucht, weil der besitzt, was er wohl auch gern hätte, nämlich Herz und Körper der vergötterten Sängerin. Giuseppe Scorsin macht aus dieser kleinen Rolle eine gelungene Charakterstudie, die sich mit vielen feinen Details einprägt.

Jonas Kaufmann, mit Jeans und weißem, locker über die Hose hängendem Hemd, beides mit Farbspritzern verunziert, ist ein
Bilderbuchcavaradossi und bewegt sich auf der Bühne mit einer
Natürlichkeit, die mich immer aufs Neue begeistert. Nie ertappt man ihn
bei einer pathetischen, falschen Geste, der Dirigent scheint für ihn
nicht zu existieren, denn kaum einmal schaut er bewusst in diese
Richtung, und trotzdem verpasst er keinen Einsatz. Wie ein großer Junge wirkt dieser Cavaradossi, unbeschwert, verspielt und natürlich seeeehr verliebt in seine Floria, deren Eitelkeit und Hang zur
Selbstdarstellung er zwar erkennt, aber als liebenswerte Schwäche
betrachtet. Mit Politik hat der Maler in Carsens Lesart nicht viel am
Hut, er hasst Scarpia nicht so sehr wegen seiner politischen Funktion,
sondern weil er ihn als Mensch verabscheut - noch nie hörte ich so viel
Verachtung beim "Bigotto satiro".

Dann tritt Tosca auf, und sie tut es bei Carsen in doppeltem Sinn, denn
in (fast) allem was sie macht und sagt, ist sie die große, vergötterte
Diva, die nie auf ihre Außenwirkung vergisst. Selbst in den intimen
Momenten der Zweisamkeit kann sie ihre Rolle nicht ganz ablegen, und so tritt sie während des "Non la sospiri la nostra cassetta" vor an die
Rampe, als stünde sie auf der Bühne und berauscht sich an der Kunst
ihres Vortrags. Belustigt und nachsichtig lächelnd verfolgt Cavaradossi
diesen "Auftritt" seiner Geliebten. Ist Toscas rasende Eifersucht echt
oder gespielt? Man weiß es nicht so genau, und exakt dieser
Schwebezustand zwischen Spiel und Realität ist es, das diese
Inszenierung so spannend macht. Für Tosca ist die ganze Welt ihre
Bühne, alle Menschen ihr Publikum, dessen Bewunderung sie um jeden
Preis erringen will, selbst wenn es sich um Scarpia handelt, den sie
als Charakter natürlich durchschaut und verabscheut. Trotzdem fühlt sie
sich durch sein Interesse an ihr geschmeichelt, und als beinahe
instinktive Reaktion auf sein Auftauchen im Theater (Kirche) zückt sie
ihre Puderdose und korrigiert ihr Makeup, ihn dabei verstohlen im
Spiegel betrachtend.

Schon im 1. Akt erkennt man, was im 2. dann natürlich offensichtlich
ist, dass hier zwei starke Persönlichkeiten aufeinandertreffen und die
Herausforderung des jeweils anderen nicht nur annehmen, sondern in
einer gewissen Weise auch genießen. Und wieder "spielt" Tosca ihr
Spiel, denn eben rast sie noch vor Eifersucht, um im nächsten Moment
huldvoll lächelnd zwei Bewunderern ihre Programmhefte zu signieren,
bevor sie, ganz im Stil der großen Diva, abrauscht.

Während Scarpia sein "Va Tosca...." anstimmt, füllt sich der Raum mit
Zuschauern, die von Billeteuren auf ihre Plätze gewiesen werden, und am Ende des Tedeums hebt sich der Vorhang und gibt den Blick frei auf eine im goldenen Strahlenkranz thronende Tosca (Madonna), zwei goldene Posaunenengel schweben über ihr und kirchliche Würdenträger beugen ehrerbietig Köpfe und Knie - die Kirche als farbenprächtige
Inszenierung, die jedes Theaterstück in den Schatten stellt!

Der 2. Akt spielt auf der Hinterbühne, statt des Vorhangs erblickt man
eine graue Stahlwand mit der Aufschrift "Vietato fumare!", wo im ersten
Akt das Fresko hing, lehnt nun ein überdimensionales Poster von Tosca.
Ein prächtiger Barocktisch mit passendem Stuhl - ein Requisit, wie es
in jedem Theater zu finden ist - und links vorne einige achtlos
deponierte Scheinwerfer charakterisieren die Lokalität. Scarpia
betrachtet rauchend das Bild mit dem Ziel seiner Begierde. (Naja, auch
ohne diesen flachen Gag wüsste man: "Für diesen Mann gelten weder
Gesetze noch Verbote!", aber bitte...) Dann öffnet er eine Reihe von
Briefen, und mit diesem Brieföffner wird er später ermordet werden.
Cavaradossi ist so irritiert vom Bild Toscas in Scarpias Gemach, dass
er zunächst wie geistesabwesend auf die Fragen antwortet, dann aber
umso wütender wird, besonders, als seine Floria nun auch ad personam
auftaucht. Sie rauscht herein, wieder ganz große Diva, im Arm einen
Strauß roter Rosen, und scheint kein bisschen pikiert über die
Einladung des Polizeichefs. Das ist sie erst, als sie ihren Geliebten
vorfindet.... Nach dessen unfreiwilligem Abgang beginnt ein Verbalduell
zwischen Tosca und Scarpia, das an Spannung nichts zu wünschen übrig
lässt. Es sind zwei ebenbürtige Partner, die einander nichts schenken,
und bei Tosca verhärtet sich der Verdacht, dass sie wieder einmal
Realität und Bühne verwechselt. Das empfindet offensichtlich auch
Scarpia so, denn bei den Worten "Mai Tosca alla scena piu tragica fu!"
wirft er ihr höhnisch lachend das Programmheft mit ihrem Coverfoto vor
die Füße. (Es lag auf seinem Schreibtisch) Dann zerfetzt er mit dem
Brieföffner Toscas Bild an der Wand und wirft ihn achtlos auf den Boden.

Selbst der halb bewusstlose Cavaradossi erschrickt über die sichtbaren
Spuren dieser Raserei. Als er aber Toscas Verrat erkennt, wirft er den
Rahmen mit dem zerstörten Bild auf den Boden.

Tosca erwacht nun kurz aus ihrer Theaterscheinwelt und erkennt, dass
dies alles kein Spiel mehr ist, dass es nicht mehr um Bewunderung und
Ruhm, sondern um das nackte Leben und ihre Ehre geht. Carsen
verdeutlicht dies auf berührende Art und Weise, indem er Tosca ihr
"Vissi d'arte" beinahe im Dunklen beginnen lässt, während der
Scheinwerfer auf Scarpia ruht, der höhnisch lächelnd an der nun nackten
Ziegelwand lehnt. Sie ist nun nicht mehr die große Diva, sondern nur
mehr Frau und Liebende, schutzlos und verletzlich. Allerdings dauert
diese Phase der Reduktion auf den Menschen Floria Tosca nur kurz, denn im Laufe der Arie gewinnt sie immer mehr an Selbstsicherheit und bei "e diedi il canto agli astri" ist sie wieder ganz die berühmte Tosca,
die mit theatralisch erhobenen Armen - und auch wieder im vollen
Scheinwerferlicht - auf den Applaus des Publikums wartet. Dieser
erfolgt natürlich reichlich, und als es im Zuschauerraum wieder still
ist, applaudiert Scarpia, langsam, begleitet von hämischem Grinsen. Das
ist eine der Momente dieser Inszenierung, die wirklich Gänsehaut
erzeugt.

Als dann der "Deal" geschlossen ist, benimmt sich Tosca keinesfalls wie
ein Opferlamm, sondern will Scarpia diesen Triumph, sie erniedrigt und
womöglich panisch zu sehen, auf keinen Fall gönnen. Im Gegenteil,
während er den Geleitbrief schreibt, tritt sie an seinen Tisch und legt
langsam, beinahe ein wenig lasziv, ihre Ohrringe ab und zieht die
langen Handschuhe aus. Scarpia beobachtet sie dabei mit einem Blick,
der alleine Thomas Hampson schon den Schauspieloscar sichern würde, und löst mit saradanischem Grinsen seine Fliege (Dieser Polizeichef trägt
natürlich Anzug und Gilet.) Hastig schreibt er weiter, während Tosca
ihr Kleid ablegt. Dabei fällt ihr Blick auf den noch immer am Boden
liegenden Brieföffner. Herausfordernd legt sie sich auf ihr zerfetztes
Bild und stößt ihn Scarpia, der sich mit dem "Finalmente mia!" auf sie
stürzt, ins Herz, rollt ihn von sich herunter, kniet sich auf ihn und
singt ein "Muori!!", das einem durch Mark und Bein geht. Dafür klingt
das "Davanti a lui tremava tutta Roma! beinahe ein wenig spöttisch. Der
tote Scarpia wird nicht wie üblich mit Kreuz und Kandelaber aufgebahrt,
Tosca legt ihm das Programmheft mit ihrem Bild, das er ihr zuvor vor
die Füße geworfen hat, auf die Brust, gemeinsam mit einer Rose, die sie
aus ihrem Strauß zupft. Sie rennt auch keineswegs panisch davon, zieht
sich in aller Ruhe an, vergisst auch besagten Rosenstrauß nicht und
verlässt den Raum, wie sie ihn betreten hat: Im Stil einer großen Diva.

Im 3. Akt befinden wir uns nun auf der völlig leeren Bühne, deren
Vorhang (die graue Rückseite) zugleich mit dem echten hoch geht.
Cavaradossi steht mit dem Rücken zum Publikum und blickt in den
imaginären Zuschauerraum, der als große Dunkelheit vor ihm liegt.
Während der Hirtenknabe sein Lied singt, sinkt er langsam in die Knie und krümmt sich am Bühnenboden. Dann kommt das einzige Element dieser Inszenierung, das ich nicht verstehe: Anstatt des Briefes an Tosca malt Cavaradossi mit Kreide ein riesiges Auge an die Ziegelmauer.
(Bezugnehmend auf die Occhi neri?????) Sonst passiert nichts
Spektakuläres in diesem Akt, sieht man vom wieder äußerst intensiven
Spiel von Jonas Kaufmann und Emily Magee ab. Und wie stirbt Tosca bei
Robert Carsen? Wie sie gelebt hat, als große Diva! Feierlich schreitet
sie vor an die Rampe (die Verfolger treten nicht in Erscheinung, man
hört sie nur aus dem Off), im Lichtkegel auf der ansonsten völlig
finsteren Bühne, und springt in den imaginären Zuschauerraum.

Wenn sich dann der Vorhang zum ersten Mal zum Schlussapplaus öffnet,
steht Tosca alleine im Rampenlicht, zwei riesige Rosensträuße im Arm,
und spielt noch einmal die große Diva, bevor die "richtigen" Vorhänge
beginnen.

Fans des extremen Regietheaters werden dieser Inszenierung nicht allzu
viel abgewinnen können, denn eine spektakuläre Neudeutung nimmt Robert Carsen auf keinen Fall vor. Er konzentriert sich auf die
Personenführung und setzt auf das intensive Spiel seiner Protagonisten,
und diese Rechnung geht mit Emily Magee, Jonas Kaufmann und Thomas Hampson 100%ig auf.
Aber schauspielerisch gebührt allen Sängern eine Auszeichnung,
selbst kleinen und kleinsten Rollen verleiht Carsen ein
unverwechselbares Profil.

Emily Magee wirkt leider auf der DVD (Nahaufnahmen können grausam sein...) wesentlich "reifer" als aus der sicheren Entfernung des Zuschauerraumes, und ihre von Carsen bewusste Stilisierung zur großen Diva manchmal zu übertrieben. Aber mit ihrem runden, warmen Sopran, der auch in den Höhenlagen nie unangenehm klingt, kann sie voll punkten.
Jonas Kaufmann ist sowohl stimmlich wie auch schauspielerisch für den Cavaradossi prädestiniert und für mich endlich ein würdiger
Aragallnachfolger, auf den ich bis zum 27. April vergeblich gewartet
habe. Wie der Spanier verfügt sein Tenor einerseits über die
Durchschlagskraft, ein fulminantes, endlos gehaltenes "Vittoria!" zu
schmettern, bei dem der Kronleuchter klirrt, andererseits über genügend Atem, die typischen "Puccinibögen" schwelgerisch und auf einer bruchlosen Linie auszusingen und vor allem über eine perfekte
Pianokultur. So innig, schwebend und dennoch körperhaft kamen die
"Dolci mani" bisher eben nur von Aragall.

Thomas Hampson gab sein Debut als Scarpia und überraschte mich dabei positiv. Dass er schauspielerisch einen herrlich fiesen Polizeichef abgeben würde, hatte ich vorausgesetzt, bei seinen letzten Auftritten in Wien hatte er mich stimmlich aber ziemlich enttäuscht. Hier nun klingt er ausgeruht, sein warmer, eher hell timbrierte Bariton wartet mit mehr Farbnuancen auf als zuletzt, doch ist leider nicht überhören, dass Thomas Hampson den stimmlichen Zenit wohl überschritten hat. Die souveräne, strahlende Höhe von einst ist dahin, und leider versucht der Sänger dies mit Lautstärke zu kompensieren, was man beim Scarpia aber als rollendeckend durchgehen lassen kann. Paolo Carignani war sehr kurzfristig für Christoph von Dohnany
eingesprungen, der nach Differenzen mit dem Ensemble wenige Tage vor der PR das Handtuch geworfen hatte. Er hatte also kaum Zeit, das
Orchester, das die ganze Zeit mit Dohnany geprobt hatte, auf seine
Lesart einzustellen. Ich habe an seinem Dirigat eigentlich nichts
auszusetzen, außer vielleicht, das er speziell im 3. Akt etwas langsam unterwegs ist. Da Jonas Kaufmann über einen langen Atem
verfügt, macht sich das nicht negativ bemerkbar. Dankbar bin ich
Carignani, dass er nach ""E lucevan le stelle" nicht die übliche
Klatschpause macht, sondern zügig weiter dirigiert, sodass der
Spannungsbogen nicht verloren geht.

Insgesamt kann ich sagen, dass sich das Warten auf diese DVD gelohnt hat - für Kaufmann- und Hampsonfans ist sie auf jeden Fall ein Muss!

lg Severina :hello

PS: Tut mir Leid, dass der Zeilenumbruch so merkwürdig ist, ich spiele mich schon Ewigkeiten herum, aber es wird nicht besser.
Solitaire (02.05.2011, 13:38):
Hallo Severina!
Danke für diese Schilderung einer ja wohl doch recht spannenden "Tosca". Die Idee die Handlung in ein Theater zu verlegen finde ich gar nicht dumm. Ich glaube, daß Tosca eine Person ist mit der ich vermutlich nicht besonders gut auskäme: sie kreist m.E. doch sehr um sich selbst, ihre Kunst, ihren Erfolg. Sie sagt es ja im Gebet auch ziemlich naiv: "Ich habe doch niemals etwas Böses getan, warum bestrafst du mich so schwer?" Die politischen Zustände in ihrem Land interessieren sie erst und nur als und soweit sie sie selbst betreffen. Sie singt auf Siegesfeiern für die sie gebucht wird, egal wer da nun gerade welchen Waffengang gewonnen hat. Ich glaube nicht, daß sie mit Cavaradossi jemals über seine politischen Ansichten gesprochen hat.
Ich fand schon immer, daß Scarpia ihr dunkler Spiegel ist: er ist ebenso rücksichtslos und Ich-bezogen wie sie, zieht sein Ding nur noch ein ganzes Stück konsequenter und egoistischer durch als sie weil seine Charaktereigenschaften nicht durch die Liebe zu einem anderen Menschen gemildert werden wie bei Tosca. Ich glaube, was Tosca an ihm entsetzt ist gar nicht mal so sehr das unmoralische Angebot. Ehrlich gesagt denke ich, daß sie mit der erzwungenen Nacht halbwegs klarkäme. Sie ist, im Original, eine ehrgeizige Künstlerin Anno 1800, damals war in vielen Fällen eine gewisse "Protektion" für solche Frauen nicht unüblich und es wäre vermutlich nicht das erstemal daß sie einen solchen Deal eingeht. Was sie nicht ertragen kann ist m.E. daß ihr klar wird, wie ähnlich sie Scarpia im Grunde genommen ist. Ich finde, die beiden sind wie zwei Gestirne die sich immer wieder gegendeitig anziehen und abstoßen. Man stelle sich nur ganz vor, aus ihnen würde tatsächlich ein Paar...ein Paar, daß nicht durch Liebe sondern durch Macht und Faszination zueinander findet.
Wenn Hampson seinen stimmlichen Zenit hinter sich hat, ist es dann wirklich klug, Scarpia zu singen? Daß er das darstellerisch hinkriegt glaube ich sofort und unbesehen, aber etwas Bammel habe ich ja nun schon, daß er sich damit Schaden zufügt. Auch Terfel (für mich ein ganz, ganz großartiger Baron!) sagen ja manche nach, daß ihm der Polizeichef stimmlich nicht gut getan habe.
Mit Kaufmann kann ich mich aus Gründen die ich selbst nicht verstehe nicht immer anfreunden, aber was auch immer ioch von ihm halte: Eyecandy ist er defintiv. :ignore :D :times10
Severina (02.05.2011, 15:29):
Liebe Mina,

da denken wir ganz ähnlich, und in dieser Inszenierung kommt das auch sehr gut heraus. Es gibt einen ganz spannenden Moment, wenn im 2. Akt Scarpia Tosca einmal an sich reißt und man einen winzigen Moment lang glaubt, sie würde seine Umarmung erwidern. Da spürt man beinahe so etwas wie eine Hin-zu-ihm-Bewegung, eine unglaubliche Spannung liegt zwischen den beiden, und gerade wenn die Zuschauer glauben "Jetzt!", stößt sie ihn doch zurück.
Dazu passt auch gut, dass Jonas Kaufmann auf der DVD (live war das nicht so deutlich) jünger wirkt als Tosca, eine gewisse Naivität ausstrahlt und eindeutig der Schwächste in diesem Beziehungsdreieck ist. Er glaubt noch an die große Liebe, während Tosca das schon viel pragmatischer sieht, mehr Lebenserfahrung besitzt. Normalerweise verhalten sich die Toscas nach dem Einverständnis zu dem Deal mit Scarpia doch verzweifelt, panisch, reflektieren das Grauen vor dem, was ihnen jetzt gleich bevorsteht, nicht jedoch diese Tosca. Die streift derart lasziv die Handschuhe ab, wirft Scarpia, der vor ihr am Schreibtisch sitzt und den Passierschein ausstellt, einen derart herausfordernden Blick zu, als wolle sie ihn nun erst so richtig heiß machen. Da ist nichts von der unterlegenen Frau, sie ist kein Opferlamm, sondern immer noch im Spiel. Schon bei ihrem Auftritt zu Beginn des 2. Aktes zeigt Tosca keine Spur von Abneigung gegen Scarpias Einladung, dass der mächtigste Mann Roms sie, die große Diva, zum Souper bittet, scheint für sie die normalste Sache der Welt zu sein. Wofür der Polizeichef politisch steht, interessiert sie nicht, sie lebt bekanntlich nur für die Kunst.
Allerdings handelt bei Carsen auch Cavaradossi nicht politisch motiviert, er verabscheut Scarpia aus rein menschlichen Gründen. Auch der Maler lebt mehr im Elfenbeinturm der Kunst und im 7. Himmel der Liebe als in der politischen Realität.

Ich denke mal, auf dieser DVD würde Dir Kaufmann gefallen. (Als Cavaradossi muss er auch nicht gegen caro Rolando antreten, was die Sache erleichtert :wink)

lg Sevi :hello
Solitaire (06.05.2011, 18:22):
Ich habe jetzt entdeckt, daß es auf Youtube eine ganze Reihe Ausschnitte aus dieser Inszenierung gibt und werde sie mir mal ansehen sobald ich ein bißchen Zeit habe.
Severina (10.08.2011, 14:21):
Vincenzo Bellini, LA SONNAMBULA

Amina - Natalie Dessay
Elvino - Juan Diego Flórez
Conte Rodolfo - Michele Pertusi
Lisa - Jennifer Black
Teresa - Jane Bunnell
Alessio - Jeremy Galyon

Dirigent - Evelino Pidò
Regie: Mary Zimmermann

Auch auf diese DVD habe ich sehnsüchtig gewartet, in der Hoffnung, dass man die tontechnischen Mängel bei der Kinoübertragung inzwischen behoben hat, und tatsächlich klingen die Passagen, bei denen man ursprünglich den Eindruck hatte, sie wären ein bisschen übersteuert, nun tadellos.

Das Inszenierungskonzept von Mary Zimmermann dürfte inzwischen allgemein bekannt sein: eine Operntruppe probt Bellinis "Sonnambula", wobei die private Liebesgeschichte zwischen Primadonna und Startenor sich immer wieder mit der Spielebene vermengt. Nun ist das natürlich alles andere als originell, und normalerweise reagiere ich auf dergleichen mit einem entnervten "Nicht schon wieder!", aber ich muss gestehen, dass es gerade bei diesem Libretto, das dem Publikum ja allerhand abverlangt punkto Plausibilität, den Plot um einiges erträglicher macht.
Denn besonders der 1. Akt, wo in der Regel nur schön gesungen wird und den meisten Regisseuren nicht mehr einfällt, als wer wo zu stehen hat, entwickelt in dieser Inszenierung einen ungewohnten Drive, sprüht nahezu vor Lebendigkeit und auch Humor.
Wir befinden uns in einem Probenraum, hinter hohen, bis zum Boden reichenden Fenstern zeichnen sich die Fassaden der Häuser auf der anderen Straßenseite ab, ein großer Ventilator in dieser Außenwand sorgt für Frischluft. Der Eingang liegt links auf einer erhöhten Estrade, ein Treppe führt herunter und gestattet den Stars der Truppe ihre akklamierten Auftritte.
Am Anfang herrscht hektisches Treiben vor Probenbeginn, jeder ist noch mit irgendwelchen Arbeiten beschäftigt, Noten werden verteilt, Requisiten herbeigeschafft, Amina lässt eher genervt letzte Kostümproben über sich ergehen und hat Mühe, ein passendes Paar Schuhe zu finden. Ich finde diesen Beginn wirklich genial, weil damit der normalerweise statisch agierende Chor in ein zwar hektisch herumwuselndes, aber mimisch und gestisch sich völlig natürlich gebärdendes Künstlervölkchen übergeführt wird. Und besonders hier sind Mary Zimmermann viele witzige Details eingefallen, die zum Schmunzeln anregen. Vor allem verleiht sie jedem Choristen ein eigenständiges Profil, jeder ist voll in das Spiel integriert. Köstlich auch die eifersüchtigen Blicke, die Lisa - hier eine Art Regieassistentin - auf ihre Rivalin abschleudert, wobei man den Eindruck gewinnt, dass sie ihr nicht nur Elvino, sondern auch ihre Starposition neidet. Wenn sie Amina abschätzig beobachtet, die gerade bei der Schuhanprobe herumzickt und zwischendurch hektisch am Handy telefoniert, könnte man ihren Gesichtsausdruck so ein bisschen in die Richtung interpretieren: "Ich wäre genauso gut wie die, aber ich leg mich halt nicht vor jedem Produzenten flach!" Denn dass sie Amina für ein raffiniertes Luder hält, macht sie schon in dieser ersten Szene deutlich.
Geschickt mischt Mary Zimmermann hier die zwei Spielebenen - die Probe der Oper "La Sonnambula" und die "reale" Liebesgeschichte zwischen Amina und Elvino, und in den ersten Szenen geht das wirklich perfekt auf. Später leider nicht mehr so ganz.
Elvino, ein lässiger Typ in Jeans und Lederjacke, auf den nicht nur die Sopranistin steht, wie die allseits enthusiastischen Reaktionen auf sein verspätetes Erscheinen zeigen, verrät durch einige wenige intime Gesten, wie er in Wahrheit zu seiner Partnerin steht. Das alles kommt völlig natürlich und selbstverständlich rüber, und von der ersten Sekunde an spürt man, wie es zwischen den beiden prickelt.
Die Notarszene ist zunächst echtes Theater, aber dann unterbricht Elvino vor "Prendi l'anello ti dono" mit einer kurzen Handbewegung die Probe, scheucht die anderen ein wenig zurück und macht Amina seinen Antrag nun als Privatmann. Nun wird so mancher vielleicht einwenden, dass das doch völlig unglaubwürdig ist - wer verlobt sich während einer Probe in Anwesenheit des gesamten Ensembles, so etwas ist doch ein höchst intimer Akt. Nun ja, sicher, aber: Wenn ich bedenke, dass es auch im realen Leben passiert, dass jemand während einer Talkshow oder Unterhaltungssendung seiner Angebeteten vor einem Millionenpublikum einen Heiratsantrag macht, erscheint mir Elvinos Vorgehen nicht ganz so abwegig. Er ist ein Divo, er braucht und liebt die große Bühne, also inszeniert er auch seine eigene Liebesgeschichte quasi vor Publikum.
Und Natalie Dessay und Juan Diego Flórez machen es absolut glaubwürdig, dass in diesem Moment des Glücks alles rund um sie versinkt.
Klar ist es Lisa, die diese rührselige Szene rüde unterbricht und alle wieder zur Arbeit ruft. Aber für Amina und Elvino hat der Text plötzlich eine andere Bedeutung, immer wieder mischen sich "private" Zärtlichkeiten ins Spiel, was ihre Kollegen teils belustigt, teils aber auch gerührt verfolgen. Dessay&Flórez spielen das ganz reizend, man merkt einfach, dass die Chemie zwischen den beiden 100%ig stimmt.
Auch der Conte Rodolfo tritt zunächst als Privatmann auf, als neuer Kollege, auf den alle dementsprechend gespannt reagieren, und Amina weiß sichtlich nicht so recht, was sie von seiner Anmache halten soll, sie schwankt zwischen Amüsement und Pikiertheit. Elvinos Reaktion ist allerdings von Anfang an eindeutig....

Ich erspare Euch jetzt eine weitere detailierte Schilderung des Handlungsablaufs, denn wie ich schon erwähnte, geht in den späteren Szenen das Konzept nicht mehr so perfekt auf, fügen sich die beiden Spielebenen nicht mehr so nahtlos ineinander. Aber bei diesem Libretto geht von vornherein so manches nicht auf, sodass ich es auch der Regisseurin gerne verzeihe.
Sehr gelungen finde ich den Schluss, als Amina zunächst auf einer Rampe kauert, die sich von der Bühne über den Orchestergraben geschoben hat, was ihre innere Verlorenheit wunderbar illustriert. Und natürlich ist Natalie Dessay genau die Singschauspielerin, die den fragilen Seelenzustand der Heldin vokal und mimisch zu Herzen gehend gestalten kann.
Als dann Elvino seinen Irrtum eingesehen hat und Amina wieder als Braut in die Arme schließt, scheint die Bühne plötzlich zu explodieren, denn wo noch eben diffuses Licht und gedeckte Farben dominiert haben, herrscht nun kunterbunte Fröhlichkeit: Der Chor steckt in knalligen Pseudotrachten, auch Elvino und Amina werden flink welche übergezogen, alle tanzen fröhlich den schon in der ersten Szene geprobten Reigen, das Liebespaar wird auf die Schultern gehoben und alles endet somit als herrliche Persiflage auf das tatsächliche Ende der "Sonnambula", das mir mit seiner aufgesetzten Happyend-Seligkeit immer ein bisschen auf die Nerven geht. (Ich wünsche mir eigentlich immer, dass nach dem Duett der Vorhang fallen und mir das kitschige Schlusstableau erspart bleiben würde, das mich immer ein wenig aus der Stimmung reißt.) Aber hier passt es einfach, da nimmt sich eine Oper quasi selbst auf die Schaufel.

Für mich ist Mary Zimmermann die bisher überzeugendste szenische Umsetzung der "Sonnambula" gelungen.
Aber selbst wenn ich die Regie misslungen fände, würde ich diese DVD lieben, denn die Besetzung ist wohl nur schwer zu toppen.

Für Natalie Dessay kam diese Produktion gerade noch rechtzeitig, denn kurze Zeit später zeigte sich bei der Aufführungsserie in Wien, dass ihre große Zeit als Amina vorbei ist. (Sie legte danach diese Rolle auch zurück.) Hier in NY meistert sie die Anforderungen der Partie beinahe mühelos, beinahe, denn am Schluss hört man ihr die Anstrengungen schon ein wenig an, da werden die Spitzentöne mit letzter Kraft herausgeschleudert und verhungern dann ein bisschen. Aber das wird durch Natalie Dessays großartige Leistung zuvor mehr als wettgemacht, wo sie scheinbar mühelos durch die Koloraturen tänzelt, herrliche Piani spinnt und in jeder Phrase die Seele mitschwingen lässt.

Juan Diego Flórez ist ihr ein kongenialer Partner. Ich habe meiner Begeisterung über seine stimmlichen Fähigkeiten schon so oft Ausdruck verliehen, dass ich hier nicht schon wieder in Schwärmerei ausbrechen will (Ich verweise auf meine Rezensionen zu z.B. "L'Elisir" an der WSO), für mich ist er einfach der im Moment konkurrenzlose König des Belcanto. Wurde ihm früher nicht ganz zu Unrecht sterile Perfektion vorgeworfen, hat er inzwischen gelernt, die Balance zwischen technischer Brillianz und Ausdruck zu finden, kann er mit dynamischen Schattierungen eine ganze Gefühlspalette abrufen. Flórez bietet nicht nur Schöngesang, sondern beseelten Schöngesang. (So, finto, bevor es noch schmalziger wird, aber bei meinen Lieblingen gehen mir eben die Gäule durch, mi dispiace :S)
Auch schauspielerisch, bekanntlich seine Achillesferse, kann Flórez diesmal überzeugen, besonders als cooler Lederjackentyp in der ersten Szene.

Die Stimmen von Dessay und Flórez harmonieren ganz wunderbar miteinander, weil beide eine perfekte Pianokultur besitzen, aufeinander hören und Sopran und Tenor spätestens beim "Ah, costante nel tuo, nel tuo seno" so innig wie selten miteinander verschmelzen. Wie viel Zartheit, wie viel erotisches Prickeln allein in dieser Szene liegt!

Aber auch der dritte im Bunde, Michele Pertusi, liefert eine erstklassige Leistung. Sein weicher, warmer Bariton ist ein echter "Gehörgangschmeichler", den er sehr nuancenreich einsetzt. Den Gewissenskonflikt, in den ihn die sich ihm schlafwandlerisch anbietende Amina stürzt, spielt er sehr überzeugend.

Auch Jennifer Black bringt ein starke Bühnenpräsenz ein und stattet ihre Lisa mit vielen interessanten Details, auch sie speziell in der ersten Szene, aus. Stimmlich fällt sie ebenso wie Jane Bunell als Teresa ein wenig ab, aber die Latte liegt für sie auch sehr hoch.

Bleibt noch der Dirigent der Produktion, Evelino Pidò, der gottlob nicht in die Kitschfalle tappt und einen frischen, lebendigen Bellini ertönen lässt fern aller Humtataklischees.

Mein Fazit: Diese DVD hat schon jetzt einen Fixplatz in meiner Favoritenliste. Sie punktet mit einer wirklich anregenden Inszenierung und einem Ensemble, das zumindest in den drei Hauptpartien zur Zeit kaum zu toppen ist.

lg Severina :hello
Solitaire (11.08.2011, 10:49):
Hallo Severina!
Wenn ich gewusst hätte, daß du so sehnsüchtig auf die DVD gewartet hast...ich habe sie schon länger und auch mir hat sie sehr gut gefallen, ich habe mich hier ja auch schon dazu geäußert. Meine Eindrücke decken sich nahezu hundertprozentig mit deinen. Ich finde die Aufführung szenisch in den meisten Situationen sehr gelungen und musikalisch z.Zt. unschlagbar.
Allerdings kenne ich auch keine traditionelle Umsetzung der Oper, habe also keine Vergleichsmöglichkeit zu einer „klassischen“ Sonnambula . Aber vielleicht muß das auch nicht unbedingt sein.

Und wo treibt sich eigentlich die Feenkönigin rum? Urlaub?
Severina (11.08.2011, 12:33):
Liebe Mina,
das ist lieb, aber ich hatte schon einen Mitschnitt dieser Produktion, allerdings keinen optimalen. Da klang Flórez tatsächlich ein wenig schrill, was wohl nur an der Tonmischung gelegen haben kann.
In Wien haben wir eine stinklangweilige "Sonnambula", die nicht einmal eine Natalie Dessay retten konnte, denn auch sie beschränkte sich weitgehend aufs Singen und Herumstehen. Flórez tut das sowieso gern, wenn ihn nicht sein Umfeld zu mehr Körpereinsatz animiert.
lg Sevi :hello

PS: Langsam frage ich mich auch, wo Fairy steckt. Sie hat sich zwar Anfang Juli für ca. 3 Wochen abgemeldet, aber die müssten längst um sein.
Fairy Queen (13.08.2011, 00:46):
Liebe Mina und liebe Sevi, ich treibe mich derzeit in ganz Frankreich und Ende August dann noch in Bayern herum, bin heute seit Wochen mal wieder online und soeben aus der Auvergne zurück, wo ich zwar nicht Bellinis Sonnambula und auch nicht die Chants d'Auvergne dafür aber Auszüge aus Lakmé und Romeo und Juliette gesungen habe. Über Mary Zymermanns Inszenierung hab ich irgendwo gazn sicher berichtet- mich hat das Konzept jedenfalls aus überzeugt- es ist ja nciht eben einfach, eine Bellini Oper zu inszenieren. Ich bin meinerseits schon froh, wenn sie überhaupt gut gesungen wird und Natalie Dessay kann meintwegen auch an der Rampe rumstehen. Was ihr aber sicherlich total gegen den strich bzw die natur geht.. Heute auf einer 8-stündigen Autofahrt habe ich u.A. ihre Lakmé nochmal ganz gehört- einfach ein Traum! (auch die Oper an sich ist wunderschön und leider total verkannt- wer kennt shcon was anders als Blumenduett und Glôckchenarie?)

Ihre Amina ist für mich aber ebenso eine Referenz wie die Lakmé, so wie natürlich auch der Elvino von Florez. Als Vergleichs-DVD habe ich nur Eva Mei aus Zürich. Die ist auch recht ansehnlich- und vor allem an-hörlich, wobei mir die New Yorker Produktion aber deutlich besser gefällt.

Liebe Feengrüsse an Alle- im Vorüberfliegen :engel
Billy Budd (09.02.2012, 12:23):
Ich merke gerade, dass ich eine DVD im falschen Thread besprochen habe, verlinke ich den Bericht.
Billy :hello
Severina (14.02.2012, 22:28):
Carmen .... Elina garanca
Don José .. Roberto Alagna
Micaela...... Barbara Frittoli
Escamillo ... Teddy Tahu Rhodes
Frasquita.... Elizabeth Caballero
Mercedes... Sandra Piques Eddy
Zuniga....... Keith Miller

Dirigat: Yannick Nézet-Seguin
Regie: Richard Eyre

Mit dieser DVD liebäugle ich schon lange, bin ich doch ein großer Fan von Elina Garanca, nur der Tenor hat mich bislang vom Kauf abgehalten :ignore. Nun bekam ich sie von einem lieben Menschen geschenkt und habe eben den ersten Durchlauf hinter mir.

Die Inszenierung tut niemandem weh, wie man sich das an der MET erwarten darf, wo ein eher konservativer Publikumsgeschmack bedient werden muss, vermeidet aber gottlob auch allzu Klischéehaftes, das einem bei "Carmen" leider immer wieder begegnet. Also keine oberflächliche, bunte "Zigeunerromantik", sondern reduzierte Bühnenbilder und schlichte Kostüme, bei denen Erdfarben dominieren und die auf das 20. Jhdt. als Zeit der Handlung verweisen. Nur Carmen, Mercedes und Frasquita heben sich durch raffiniertere Garderobe von der Masse ab, Elina Garanca wird berückend schön in Szene gesetzt.

Das Bühnenbild verweist symbolisch auf eine Welt/Gesellschaft, die brüchig geworden, aus dem Gleichgewicht geraten ist. Das beginnt schon beim Vorhang, durch den sich ein Riss zieht. Wenn er sich bei der Ouvertüre öffnet, sieht man dahinter einen zweiten mit einem nun breiter klaffenden Spalt, in dem Balletttänzer einen leidenschaftlichen Pas-de-deux darbieten. (Das gleiche passiert beim Vorspiel zum letzten Akt.)
Drei ineinander verzahnte halbrunde Mauerreste - zwar noch hoch aufragend und mit Rundbogen versehen, aber mit deutlichen Abbruchkanten - werden von einem hohen Gitter umschlossen, durch das ein Tor Einlass gewährt, nur dass nicht so ganz klar wird, wer nun draußen und wer drinnen ist, wer vor wem geschützt werden will - die Soldaten, die vor diesem Gitter, also auf der Zuschauerseite, ihren Stützpunkt haben (Tische, ein paar Sessel), oder die Gaffer, die sich innerhalb des durchbrochenen Mauerkreises bewegen und durch die Abzäunung die Uniformträger verhöhnen. Vielleicht ist diese Assoziation ja hirnrissig, aber ich musste immer wieder an die Magritte-Ausstellung denken, die ich unlängst besucht habe, denn vieles an diesem Bühnenbild wirkte äußerst surrealistisch auf mich, besonders das letzte: Da wird die Arena durch eine Reihe konzentrischer Ringe angedeutet, die von oben nach unten immer enger werden, sich aber nicht berühren, also quasi um den zylindrischen Kern zu schweben scheinen, was durch die indirekte bläuliche Beleuchtung noch verstärkt wird, während das Ganze noch einmal von einem ähnlich ruinösen Mauerwerk wie im 1. Akt eingerahmt wird, nur dass diese Mauern wie abgebrochene Zähne von der Decke hängen. Auch die Schmugglerschlucht ist realistisch und doch auch wieder nicht.

Merkwürdig auch, dass die Zigarettenfabrik offensichtlich unterirdisch angelegt ist, denn im 2. Bild, das nun durch eine Drehung das Innere des Mauerkreises zeigt, wird von den Soldaten eine Falltüre geöffnet, durch welche die Arbeiterinnen ans Tageslicht klettern. Daher ist es auch keine fröhliche Schar bunt gekleideter Zigeunerinnen, die sich in der Mittagspause mit den Soldaten amusieren, wie man es z.B. von unserer Zeffirelli-Inszenierung her kennt, sondern erschöpfte, verhärmte Frauen, die wie Lemuren ans Tageslicht kriechen und vorerst nur eines im Sinn haben, ihre müden Glieder auszustrecken und mit Wasser zu kühlen. Einige werden von ihren Männern/Freunden erwartet, eine junge Frau stillt ihr Kind, das sie offensichtlich während der Arbeit bei sich hat.
Die logische Frage, warum Carmen dann relativ frisch und kegel aus diesem Fabriksverließ heraufsteigt, in ihrem raffiniert geschnittenen Ensemble einfach hinreißend aussieht und nach kurzer Regeneration sofort beginnt, die Männerwelt aufzumischen, darf man sich natürlich nicht stellen. Ich stufe es einfach als weiteres surreales Element dieser Inszenierung ein :D!

Eine der Stärken der Regie von Richard Eyre zeigt sich schon jetzt, nämlich eine exzellente Personenführung. Für ihn ist auch der Chor nicht bloß Staffage wie für so viele seiner Kollegen, sondern ein ganz wesentliches Element der Inszenierung. Alle sind in Bewegung, gehen einer plausiblen Beschäftigung nach, kommunizieren miteinander, und auch wenn ein Statist scheinbar nur herumsteht, reagiert er zumindest mimisch auf seine Umgebung, ist voll im Spiel drinnen. Das ist handwerklich wirklich ausgezeichnet gemacht und schafft eine sehr dichte Atmosphäre und natürlich den perfekten Rahmen für das intensive Spiel der Hauptakteure.

Elina Garancas Carmen - und das habe ich ihr ehrlich gesagt in dieser Form nicht zugetraut - ist ein Ereignis. Wer immer von dieser Sängerin bisher behauptet hat, sie könne keine Emotionen zeigen, agiere immer unterkühlt bis gar nicht, möge sich bitte diese DVD anschauen!!
Auch in der ungewohnten schwarzen Löckchenperücke sieht sie hinreißend aus, aber das alleine macht noch keine Carmen. Aber Elina Garanca deckt auch sämtliche Facetten dieser vielschichtigen Bühnenfigur ab, ist lockende Verheißung in ihrem Spiel mit den Männern, ein Schuss Laszivität inclusive, ohne aber ins Ordinäre abzugleiten, ein brodelnder Vulkan in der Auseinandersetzung mit José im 2. Akt - in ihrem Tanz bewegt sich sich mit dem Anmut einer Katze, die aber jederzeit die Krallen ausfahren kann - , vermittelt absolut glaubhaft den Überdruss einer erkalteten Liebe (Wie nervt sie dieser José mit seiner Anhänglichkeit und Eifersucht!) und die Bereitschaft, den Preis für ihre Freiheit zu zahlen, und sei es auch der Tod. Ja, und der Schluss ist dann einfach unglaublich - so präzise auf den emotionalen Punkt gebracht hat das für mich seit Agnes Baltsa keine Darstellerin der Carmen, wobei ich der Meinung bin, dass Elina Garanca auch da die feinere Klinge führt, unglaublich viele Nuancen einbringt, ohne auch nur eine einzige falsche Geste zu setzen. Da stimmt einfach alles - jeder Blick (Waffenscheinpflichtig!), jede Bewegung, und vor allem jeder Tonfall: Alleine wie sie das "Laisset-moi-passer" hervorstößt, ist Gänsehaut pur.
Aber natürlich singt Elina Garanca auch zum Niederknien, technisch absolut perfekt, aber ohne deshalb nur sterile Virtuosität zu bieten. Betörend ihr Timbre, wunderbar differenziert im Ausdruck - noch selten habe ich ihre Stimme emotional so aufgeladen empfunden wie als Carmen. Und dazu diese strahlenden Höhen, das herrliche Aufblühen der Stimme! Aber ich gerate ins Schwärmen, bitte um Verzeihung :D!

Neben dieser Ausnahmeleistung hätte es wohl keine Micaela leicht, und schon gar nicht Barabara Frittoli, deren Stimme speziell in der Höhe schon etwas ausgeleiert und vor allem spitz klingt. Mit ihrem warmen Timbre vermag sie allerdings immer noch für sich einzunehmen. Natürlich wirkt sie auch nicht mehr wie ein junges unschuldiges Mädchen und verfällt gottlob nicht in den Fehler, so zu tun als ob. Frau Frittoli legt ihre Micaela als "spätes Mädchen" an, das schon viel zu lange darauf wartet, dass sich José endlich erklärt. Sie ist auch nicht gänzlich unerfahren im Umgang mit Männern, das beweist sie gleich im ersten Bild mit den Soldaten, signalisiert auch José sehr deutlich, dass sie sich mehr von ihm wünscht als ein keusches Bussi auf die Wange und erwidert schließlich seinen Abschiedskuss durchaus leidenschaftlich. Das mag ungewohnt sein, ist in der Rolle aber sicher drin.

Sehr engagiert im Spiel und ansprechend im Gesang Elizabeth Caballero und Sandra Eddy als Frasquita und Mercedes.

Wie befürchtet, ist Roberto Alagna der Schwachpunkt dieser Aufführung, und die durchwegs euphorischen Rezensionen, die er bei amazon bekommen hat, kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen. Sein einst so strahlender Tenor klingt inzwischen leider spröde und angestrengt, obwohl er sich im Laufe der Vorstellung ein wenig steigert und die dramtischen Ausbrüche im Schlussbild recht gut meistert. Vor allem kann Alagna halt so überhaupt keine Finesse in sein Singen legen, die Fähigkeit zum Legatosingen hat ebenso gelitten wie seine Piani, die meist nur heiße Luft sind anstatt zu klingen oder wie in der Blumenarie falsettiert werden (Immerhin....).
Dafür gelingt Roberto Alagna ein überzeugendes Rollenporträt. Auch er begeht nicht den Fehler, krampfhaft auf jung und naiv zu machen, denn das nimmt man ihm bei seiner Optik, die nun einmal einen zwar gut aussehenden, aber schon reiferen Herrn zeigt, nicht ab. Sein Don José ist also nicht das unbedarfte Landei, das dem erotischen Frontalangriff einer Carmen hilflos ausgeliefert wäre. Im Gegenteil, er weiß recht genau, welche Nummer dieses kleine Luder da abzieht und beobachtet sie zunächst in einer Art spöttischen Überlegenheit. Es amüsiert ihn zu beobachten, wie ihr die Männer auf den Leim gehen, er selbst fühlt sich gefeit gegen ihre Tricks. Denkste, die Rose trifft ihn wie ein Blitzschlag. (Diese Szene ist sehr hübsch inszeniert!), und danach ist für José nichts mehr wie zuvor.
Wie er dann im 2. Akt quasi in sein Verhängnis hineinschlittert, spielt Alagna ebenso überzeugend wie seine rasende Eifersucht im 2. und die ausweglose Verzweiflung im 3.
Als Schauspieler kann Alagna also punkten, aber irgendwie fände ich es halt nett, wenn ein Don José auch schön gesungen wird.....

Teddy Tahu Rhodes ist angeblich erst drei Stunden vor der PR eingesprungen, was bei dieser Inszenierung nicht so schwer ist, denn vom Escamillo wird szenisch nicht mehr als das Übliche verlangt. Den schneidigen Torero glaubt man dem schlanken und hoch gewachsenen Sänger so halbwegs, ein wenig mehr Schneid in der Stimme fände ich allerdings wünschenswert. Tiefe und Mittellage sind zwar vorhanden und klingen auch recht gut, aber die Höhe bröckelte etwas. Vielleicht war das aber auch wirklich die Nervosität wegen des kurzfristigen Einspringens.

Als Carmen wäre ich in dieser Produktion mit dem Zuniga Keith Miller auf und davon, der verfügt nämlich nicht nur über eine runde, sehr einschmeichelnde Stimme, sondern auch über wesentlich mehr Sexappeal als Escamillo.

Bleibt noch Yannick Nézet- Seguin, der am Pult des MET-Orchesters einen guten Job machte und sehr sängerfreundlich dirigierte. (Zumindest klingt es danach, bei einer Aufzeichnung weiß man natürlich nie so genau, ob und wie der Tonmeister in die Balance zwischen Bühne und Graben eingegriffen hat.)

Mein Fazit: Für alle Garancafans ist diese DVD ein Muss, zu einer Referenzaufnahme fehlt leider ein adäquater Don José. Wer aber einfach nur eine spannende "Carmen" sucht, ist mit dieser Aufnahme bestens bedient!

lg Severina :hello
stiffelio (15.02.2012, 18:34):
Liebe Severina,

Carmen zählt zwar (bisher) nicht zu meinen Lieblingsopern, aber jetzt hast du mich mit deiner wunderbar plastischen Beschreibung neugierig gemacht.
Ich berichte mal, wenn ich sie auch gesehen habe.

VG, stiffelio
Solitaire (20.03.2012, 15:48):
Leos Janacek:
Das schlaue Füchslein


Füchlsein: Irmgard Arnold
Fuchs: Manfred Hopp
Dachs: Josef Burgwinkel
Hund: Werner Enders
Henne: Christa Oehlmann
Libelle: Karin Vetter

Förster: Rudolf Asmus
Seine Frau: Ruth Schob-Lipka
Pfarrer: Josef Burgwinkel
Harasta: Herbert Rössler
Terynka: - Helga Naujoks
Chor und Orchester der Komischen Oper Berlin
Vaclav Neumann

Regie: Walter Felsenstein
Fernsehfasung von 1965

Ich habe in der Plauderecke kurz erwähnt, daß meine Freunde zusammengelegt und mir zum Geburtstag die Felsenstein-Edition geschenkt haben, die ich schon so lange habe wollte.

Gestern hatte ich nun endlich Zeit, mich zum erstenmal näher damit zu befassen, daher lief im Teatro Solitaire „Das schlaue Füchslein“.
Ich habe diese wunderschöne Oper bisher nur einmal gesehen, das aber gleich in einer geradezu hinreißenden Aufführung in unserem Stadttheater. Diese Aufführung machte dem Wort vom „tschechischen Sommernachtstraum“ alle Ehre und war von bezaubernder Poesie und Anmut. Die Musik hat mich ohnehin gleich vom ersten Takt an in ihren Bann gezogen...
Ich war also gespannt, auf die Felsenstein-Version. Nun denn: das Einzige was ich an dieser Fassung bedauere ist, das man sie leider nicht in Farbe sondern „nur“ in schwarz-weiß zu sehen bekommt und daß die Bildqualität vergleichsweise schlecht ist, selbst wenn man keine heutigen Maßstäbe anlegt. Mehr gibt es dann aber auch wirklich nicht zu meckern. Irmgard Arnold in der Titelrolle ist ein hinreißendes, wunderbares, listiges, koboldhaftes und, wo es passt, auch sinnliches schlaues Füchslein. Sie war natürlich der Star des Films, obwohl auch alle anderen Partien gut besetzt waren, und die Sänger nicht nur gut gesungen, sondern auch großartig gespielt haben und darüber hinaus in den meisten Fällen sehr textverständlich singen. Besonders gefallen hat mir der Schulmeister den Walter Felsenstein in seiner Neuübersetzung in einer Szene sagen lässt er benutze seinen Stock zur Stütze und „als Ersatz für den Charakter“.
Szenisch wimmelt es nur so von kleinem und großem Waldgetier, dargestellt zum Teil von Mitgliedern des Kinderballetts, da macht es dann auch gar nichts aus, daß der Frosch ebenso groß ist wie das Füchslein, und Jenes so groß wie die Sonnenblume die der verliebte Schulmeister für das Zigeunermädchen Terynka hält.
Wie gesagt: ich wünschte, es gäbe dieses Gewimmel in Farbe zu erleben.
Musikalisch ist diese Oper m.E. eine der Schönsten die es gibt und ich sehe mich gerade nach einer Gesamtaufnahme um.
Das Bonusmaterial enthält unter anderem ein Radiointerview mit Walter Felsenstein, der darüber berichtet wie er mit seinem Füchslein und einem Tross von über 200 Mitwirkenden und Tcchnikern nach Paris gereist ist um die Oprt dort auf die Bühne zu bringen. Außerdem erfahren wir, daß Felsensteins Inszenierung es zu ihrer Zeit zu mehr Aufführungen der Oper gebracht hat, als in allen Theater der damaligen Tschechoslowakei zusammen zu erleben waren.

Ich werde in den nächsten Wochen und Monaten auch die übrigen Opern der Felsenstein-Edition ansehen, und bin schon sehr gespannt.
Rideamus (20.03.2012, 16:28):
Original von Solitaire
Leos Janacek:
Das schlaue Füchslein

Musikalisch ist diese Oper m.E. eine der Schönsten die es gibt und ich sehe mich gerade nach einer Gesamtaufnahme um.


Liebe Solitaire,

Du kannst Deine Suche als erfolgreich beendet betrachten, denn es gibt keine schönere und musikalisch (Mackerras!!! Allen!) wie sprachlich authentischere Version als diese Inszenierung von Nicholas Hytner in Paris, die fpür meine Begriffe keinen Wunsch offen lässt:


Am Amazonas gibt es die derzeit gebraucht für einen durchaus vernünftigen Preis. Viel Glück und viel Spaß damit.

:hello Rideamus
Solitaire (20.03.2012, 16:48):
Danke für den Hinweis! :)
stiffelio (20.03.2012, 19:51):
Hallo Solitaire :hello,

ich habe von der Felsenstein-Edition nur den "Don Giovanni" und bin schon sehr gespannt, wie dir der gefallen wird. Es ist sicher nicht meine Lieblingsaufnahme dieser Oper, aber z.B. das "Deh vieni alla finestra" (ich weiss nicht mehr, wie die deutsche Übersetzung lautete) hat mir sehr gut gefallen.

VG, stiffelio
Severina (01.10.2012, 19:28):
Zelmira........ Kate Aldrich
Emma......... Marianne Pizzolata
Ilo.............. Juan Diego Flórez
Polidoro...... Alex Esposito
Antenore ... Gregory Kunde
Leucippo..... Mirco Palazzi

Orchestra e coro del Teatro Communale di Bologna unter Roberto Abbado

Regie: Giorgio Barberio Corsetti



Noch selten habe ich mir sehnlicher gewünscht, an Stelle der DVD wäre bloß eine CD produziert worden wie bei dieser „Zelmira“ aus Pesaro. Da läuft ein wunderbares Ensemble musikalisch zur Höchstform auf, aber wenn man ihm über drei Stunden beim Herumstehen und Händeringen zuschauen muss, stellt sich bei allen belcantesken Wonnen irgendwann Langeweile ein.
So geschah es zumindest mir, als ich gestern erstmals die schon ungeduldig erwarteten Scheiben in den Player schob.

Die Story der „Zelmira“ ist eine ziemliche Räuberpistole. Schon die lange Vorgeschichte, ohne die der Hauptplot überhaupt unverständlich bleibt, ist womöglich noch komplizierter als das Libretto selbst. Da gibt es zwei gemeuchelte Könige von Lesbos, wobei aber der erste, Polidoro, gar nicht wirklich tot ist, sondern von seiner Tochter Zelmira versteckt wird. Um eine falsche Fährte zu legen, verrät sie scheinbar das Versteck, das vom Usurpator prompt abgefackelt wird. Praktisch für Antenore und seinen Handlanger Leucippo, der nun seinerseits den widerrechtlichen König killen lässt, aber nun immer noch Tochter und Enkel des rechtmäßigen am Hals hat. Die muss also auch irgendwie weg, und da ist es sehr praktisch, dass deren Gatte Ilo gerade das tut, was antike Prinzen so zu tun pflegten, nämlich auf Kriegszug zu sein.
Also kommt Antenore auf die geniale Idee, Zelmira als Mörderin der beiden Könige anzuklagen, was offensichtlich problemlos geglaubt wird. Irgendwie motiviert ist dieser Glaube allerdings nicht. (Damit beginnt die eigentliche Handlung!) Da tritt Ilo auf den Plan und freut sich tierisch, zur Abwechslung wieder einmal ein bisschen in Familie machen zu können, umso mehr bestürzt ihn der eher wirre Auftritt seiner holden Gattin, denn anstatt ihm einfach zu sagen, was Sache ist, ergeht sie sich in diffusen Andeutungen. (Wie schon bei „Tancredi“ fragt man sich auch hier, warum die dumme Gans nicht im richtigen Moment Klartext redet!) Der verunsicherte Ilo tappt also bereitwillig in die Intrigenfalle und glaubt nicht nur an eine Untreue Zelmiras, sondern auch an die ihr zur Last gelegten Anschuldigungen. So einen Gatten wünscht man sich….. Aber Ilo muss natürlich auch beseitigt werden (Den Sohn und Kronprätendenten hat Zelmira schon vorher von ihrer Vertrauten Emma in ein sicheres Versteck bringen lassen), schließlich könnte auch er Anspruch auf den Thron erheben. Als Ilo, der für einen tapferen Krieger recht schwache Nerven hat, wegen seiner Ehekrise ohnmächtig (!) zu Boden sinkt, nähert sich Leucippo mit dem Dolch in der Hand. Im letzten Moment wirft sich Zelmira dazwischen und entwindet ihm das Mordwerkzeug. Ilo kommt zu sich, sieht seine Holde mit dem Dolch vor sich stehen und glaubt sofort Leucippos Version, dass nämlich sie auf Gattenmord aus sei. Alles klar?? Ich erspare Euch den Rest, es geht bis zum Happy end ähnlich obstrus weiter.

Nein, diese Oper muss man wirklich nicht SEHEN, es genügt völlig, sich auf Rossinis spritzige Musik zu konzentrieren. WENN man sie aber schon sieht, dann möchte man auch wirklich etwas sehen, und zwar ein bisschen mehr als das, was Regisseur Giorgio Barberio Corsetti dazu eingefallen ist – wobei „eingefallen“ ziemlich euphemistisch formuliert ist.

Anfangs umringt eine moderne Armee mit Sturmgewehren den blutigen Leichnam des Königs, Sand bedeckte Torsi antiker Statuen verweisen auf den Schauplatz Lesbos. Diese Statuen werden wenig später in die Höhe gezogen und schweben tänzelnd über den Akteuren. Irgendeinen Sinn ergibt das keinen.
In der zweiten Szene fährt hinten eine Spiegelwand hoch – irritierender Weise sieht man das Orchester eine Weile hinter den Sängern- und wird dann im letzten Drittel leicht nach vorne gekippt, sodass man die Akteure einerseits auf der Bühne und dann noch einmal aus der Vogelperspektive über ihren Köpfen schweben sieht. Die Szene ist meist völlig dunkel, nur die Sänger und ihre somit ihre Spiegelbilder sind ausgeleuchtet. Wer nun vielleicht glaubt, dass das optisch sicher toll aussieht, den muss ich enttäuschen, es sieht nur albern aus. Denn in Verbindung mit einer katastrophal schlechten Kameraführung, die meist die ganze Bühne in der Totale zeigt, sieht man nur, dass die Sänger von merkwürdig hellen Flecken hoch über ihren Köpfen verfolgt werden. Außerdem rechtfertigt es natürlich ein völlig statisches Rampentheater, denn um eine gleichmäßige Verteilung der „Lichtpunkte“ oben und unten zu gewährleisten, müssen die Sänger natürlich immer großen Abstand zueinander halten und auch hübsch symmetrisch Aufstellung nehmen.

Dass man dem Publikum nicht drei Stunden lang Glühwürmchen in stockfinsterer Nacht zumuten kann, dürfte auch Signore Corsetti gedämmert zu haben, weshalb die Spiegelwand fallweise mit seltsamem Aktionismus belebt wird, wobei mir nicht ganz klar ist, wie das technisch gemacht wird (Einiges ist projiziert, aber nicht alles.). Aber egal. Auf jeden Fall sieht man dann plötzlich blutige Körper, die sich in einem Wassertümpel winden, halb nackte Menschen, die einen steinigen Abhang hinauf kriechen und wieder zurückrutschen, sich in Zeitlupentempo bewegende und offensichtlich gefolterte Männer. Manche Bilder wecken Assoziationen an biblische Szenen, z.B. die Kreuzabnahme. In irgendeinem Zusammenhang mit der Handlung oder dem Libretto steht das alles nicht, ganz im Gegenteil:
Ilo wird zwar als erfolgreicher und hoch dekorierter Soldat gezeigt, aber er hat den Krieg physisch und psychisch unversehrt überstanden, leidet also keineswegs an traumatischen Erinnerungen. Dass also gerade da, während er in zärtlichen Kantilenen sein Liebesglück besingt und sich auf das Wiedersehen mit Frau und Sohn freut, hinter ihm blutverschmierte und halb tote Körper gezeigt werden, ist einfach absurd. Denn falls der Regisseur die Sinnlosigkeit und Grausamkeit von Krieg anprangern will, so muss er sich dazu eine Oper suchen, in der Krieg thematisiert wird, „Zelmira“ gibt das einfach nicht her. Sämtliche Mord- und Totschlagszenarien dieses Werkes gewinnen nie politische Dimensionen, bleiben rein auf der privaten Ebene.

So ärgerlich also die szenische Umsetzung (oder besser „In-den-Sand-Setzung“) „Zelmiras“ gescheitert ist, umso beglückender gelingt die musikalische Seite. Selten, dass ein Ensemble so auf Augenhöhe agiert und es einfach keine Schwachstelle gibt.

Kate Aldrich ist eine fabelhafte Zelmira, ein nicht sehr hell getönter Sopran, aber mit großer Leuchtkraft und technischer Brillianz ausgestattet. Schade, dass diese auch sehr attraktive Sängerin szenisch in Pesaro nicht mehr gefordert wurde, denn schon ihre Mimik beweist, dass sie sie sich nicht damit begnügt, ihren Figuren nur vokal profil zu verleihen.

Der warme, erdige Mezzo von Marianna Pizzolata harmoniert vorzüglich mir Aldrichs Timbre, auch ihr bereitet die Partie der Emma technisch keinerlei Probleme.

Juan Diego Flórez tänzelt mit einer Leichtigkeit durch die teilweise verflixt hohe Tessitura, die so manchen Tenorkollegen verzweifeln lassen wird, setzt seine Spitzentöne effektvoll und ohne jede Anstrengung und begeistert in seiner Auftrittsarie auch mit unendlich zart gesponnenen Kantilenen.
Von Signore Corsetti durch keinerlei Regieanweisungen belästigt, tut Flórez, was er in solchen Fällen immer tut: Er verlässt sich auf sein gutes Aussehen und ringt theatralisch die Hände. Diesmal ringt er besonders ausgiebig, sodass der Ilo für mich so ziemlich den Tiefpunkt in Flórez Karriere als Singschauspieler markiert. Dass er sehr wohl auch ein überzeugender Darsteller sein kann, hat er in letzter Zeit immer wieder bewiesen, aber man muss es ihm offensichtlich abverlangen!

Eine großartige Leistung erbringt auch Gregory Kunde als der über Leichen gehende Antenore. Er verfügt zwar nicht (mehr) ganz über die Virtuosität eines Flórez, aber immer noch über die solide Technik eines ausgezeichneten Rossini-Tenors und über wirklich ausgezeichnete Höhen. (Vielleicht war also der nicht ganz so positive Eindruck, den ich vor wenigen Wochen in der „Donna del Lago“ von ihm gewann, tatsächlich nur der Tagesform geschuldet!)

Ebenfalls einen ausgezeichneten Eindruck hinterlassen Alex Esposito als greiser Polidoro und Mirco Palazzi als Leucippo, beide bewältigen ihre Partien stimmschön und fehlerlos. (Soweit das jemand wie ich, der keine Partitur lesen kann, überhaupt beurteilen kann!)

Roberto Abbado kam mit dem Orchester des Teatro Communale di Bologna nicht ganz an das Niveau der Sänger heran, aber das ist in Pesaro eigentlich immer der Fall. Man investiert dort eindeutig in die Sänger und nicht ins Orchester.

Mein Fazit: Für Flórezfans ist diese „Zelmira“ natürlich ein Muss, für Belcantofans eine Empfehlung, allen anderen würde ich raten, zunächst einmal ihre Wunschlisten abzuarbeiten!

Lg Severina
Severina (25.10.2012, 01:43):
Königssohn ....... Jonas Kaufmann
Gänsemagd ....... Isabel Rey
Hexe ................ Liliana Nikiteanu
Spielmann ......... Oliver Widmer
Holzhacker ........ Reinhard Mayr
Besenbinder....... Boguslav Bidzinsky
Wirt.................. Tomasz Slawinski
Wirtstochter...... Anja Schlosser

Dirigent: Ingo Metzmacher
Regie: Jens-Daniel Herzog

Ziemlich genau vor 5 Jahren erlebte ich in Zürich eine Aufführung von Engelbert Humperdincks „Königskindern“, seither warte ich sehnsüchtig auf das Erscheinen der DVD, die nun nach langen Geburtswehen endlich auf dem Markt ist.

Von einer Regie Jens -Daniel Herzogs darf man sich natürlich keinen romantischen Märchenwald und eine schnatternde Gänseschar erwarten, Gänsemagd und Königssohn sind bei ihm moderne junge Menschen, die mit dem der Jugend eigenen Idealismus ihren Weg und Platz in der Gesellschaft suchen. Aber in einer Welt, die von Geld und Habgier beherrscht wird, ist kein Platz für Utopien.
Herzogs Hexe hat offensichtlich eine ehemalige Turnhalle (auf dem Parkettboden sieht man die für diverse Spielfelder angebrachten Markierungen) für ihre Zwecke adaptiert. Große, beinahe bis zum Boden reichende Fenster öffnen sich auf der rechten Seite, im Hintergrund führt ein großes Tor hinaus in den "Wald". Dieser ist nur als botanisches Schaubild einer Linde präsent, in der Art, wie es früher im Biologieunterricht Verwendung fand. Von der Decke baumelt eine ganze Reihe Wärmelampen, denn die Hexe singt zwar von "Würzlein, grauen Schnecken und Bilsenwürmern", hat ihr Gewerbe aber längst auf eine Gewinn bringende Hanfplantage umgestellt. (Der Spielmann wird dann auch bei seinem Auftritt gleich mit Stoff versorgt!) Die Töpfe mit den Hanfpflanzen stehen in Reih und Glied auf Rollwagen, wie sie auch in einem Spital/Labor in Gebrauch sind und den klinischen, sterilen Charakter des Raumes noch unterstreichen. Hinter einem solchen Rollwagen sitzt am Beginn auch die Gänsemagd und schreibt eifrig in ein Schulheft, ängstlich darauf bedacht, keine Fehler zu machen und ihre gestrenge Großmutter/Lehrerin, deren Stimme zunächst unheilverkündend aus dem Off dringt, zufrieden zu stellen. Eine ziemlich mickrige Pflanze (Die Lilie des Librettos) steht auf dem Tisch und wird von dem Mädchen liebevoll gepflegt, aber in dieser kalten Atmosphäre verkümmert jedes echte Leben. Die Gänsemagd flüchtet in eine Fantasiewelt, symbolisiert durch eine Gänseschar aus Papier, die sie wie Pflanzenstecker in den Hanftöpfen arrangiert und spielerisch umsorgt. Zornig reißt sie die Hexe, die wie eine eiskalte Karrierefrau (mit einem Schuss Domina) auftritt, wieder heraus: Für Träumereien ist hier kein Platz, ihr Lebenselixier ist der Hass, nicht die Liebe. Daher ist die Natur, welche die Sehnsüchte der Gänsemagd symbolisiert, nur als Surrogat (Bild von der Linde) oder in missbrauchter Form (Haschisch) vorhanden. Nichts kann sie der "Goßmutter" recht machen, weder die Hausaufgabe, in der die Hälfte durchgestrichen wird, noch das widerwillig gebackene Hexenbrot. Ganz im Dienste dieser "schwarzen Pädagogik", die auf Gewalt und Einschüchterung beruht, steht auch die Drohung mit dem verzauberten Wald.
In diese kalte, leblose Laborwelt bricht der charismatische Königssohn (ein moderner Tramp mit Rucksack, an dem wie ein Eispickel das Schwert befestigt ist) tatsächlich wie ein Wesen von einem anderen Stern herein, sodass die bange Frage der Gänsemagd "Bist du ein Mensch?" nicht ganz so absurd erscheint. Die sozialen Defizite des Mädchens - Folge ihrer jahrelangen Isolation in dieser lebensfeindlichen Umgebung - treten nun deutlich zutage, sie steht der Charmeoffensive des Königssohnes völlig hilflos gegenüber. Beide spielen das ganz großartig: Isabel Rey das schüchterne Mädchen mit beinahe autistischen Zügen, das überhaupt nicht weiß, wie man mit Fremden und schon gar nicht mit Männern umgeht, und Jonas Kaufmann den romantisch veranlagten, extrovertierten Jüngling, der das Leben als große Herausforderung betrachtet und ihre Angst vor dem, was vor der Türe lauert, nicht verstehen kann. Wie er einen Gang zurückschaltet, als er merkt, dass er bei diesem merkwürdigen Mädchen nicht sofort aufs Ganze gehen darf, sie zärtlich umwirbt, dabei aber seine Ungeduld spürbar bleibt, wie sie im Gegenzug sich allmählich öffnet, Vertrauen fasst, seinem Werben schließlich nachgibt - das ist ganz großes Schauspiel, damit könnten sie auf jeder Sprechbühne reüssieren. (Alleine JKs köstlich verdutzter Blick auf ihre Frage, ob er ein Mensch sei, ist oscarreif.)
Das Bühnenbild ändert sich auch im 2. Akt nicht: Das Labor der Hexe wird den Bürgern von Hellabrunn als Veranstaltungshalle adaptiert, die Hanfproduktion ist offensichtlich nach der Flucht der Gänsemagd in Schwierigkeiten geraten, denn die Pflanzen werden im Hintergrund als Sonderangebote verschleudert. Auch die Schautafel mit der Linde findet eine neue Verwendung: "Königsburger 3 Euro 50" schreibt der findige Wirt auf die Rückseite,. der aus der erwarteten Ankunft des neuen Königs ebenso Kapital schlägt wie der Besenbinder mit seinen "Königsbesen". Auf den Turnbänken sitzen die Hellabrunner in freudiger Erwartung des Spektakels, die Kinder in ihren Schuluniformen tragen Kronen vom Burgerking „Hellasnack“ und mampfen Pommes und Burger. Ein solcher wird auch dem Königssohn angeboten, und zur Freude der modernen Ernährungswissenschaft behauptet er, dass ihm davon übel wird. Nach der kulinarischen scheitert auch der sehr körperbetonte Verführungsversuch der Wirtstochter. Der Königssohn träumt von der Gänsemagd und ist immun gegen andere erotische Reize, auch wenn sie ihm noch so bereitwillig angeboten werden. Wenig später setzt er sich aber trotzdem eine Papierkrone auf, weil er einen Aushilfsjob beim Burgerking angenommen hat. Dieser besteht darin, die Abfälle einzusammeln, welche die Festgäste ungeniert im ganzen Saal fallen lassen - insofern eine geniale Umsetzung des "Schweinehirten", wie es das Libretto vorschreibt. Sehr flott und witzig hat Jens-Daniel Herzog diesen Akt inszeniert, mit etlichen wirklich gelungenen Gags. Umso beklemmender wirkt dann der Schluss, wenn die fröhliche Stimmung jäh kippt, die erst so biederen und scheinbar harmlosen Hellabrunner ihre Masken fallen lassen und die vermeintlichen "Asozialen" aus der Stadt jagen.
Auch der 3. Akt spielt in der nun leeren, durch eine Zwischenwand verkürzte Turnhalle: Durch die geborstenen Fenster stiebt Schnee herein, die Welt scheint innerlich wie äußerlich vereist. Leider hängt die Inszenierung nun ein wenig durch, überzeugt mich nicht mehr so 100%ig wie in den ersten beiden Akten. Herzog ist nicht mehr viel eingefallen, außer dass der Spielmann plötzlich blind ist (Eine Folge von Folter im Kerker??), was aber meiner Meinung nach keinen wirklichen Mehrwert bringt.
Ansonsten verlässt er sich ganz auf das intensive Zusammenspiel von Isabel Rey und Jonas Kaufmann, und diese Rechnung geht natürlich auf. Beide bieten Schauspielkunst auf höchstem Level, eine aufwühlende emotionale Berg- und Talfahrt, ohne eine einzige falsche oder übertriebene Geste.
Als ich 2007 in der Aufführung war, störte es mich sehr, dass Herzog dem Liebespaar den Trost eines gemeinsamen Todes verwehrt: Nach dem Genuss des vergifteten Brotes geraten sie zunächst in eine Euphorie, die sie in verschiedene Richtungen treibt, und wenn sie dann zusammenbrechen, reichen Zeit und Kräfte nicht mehr aus, um wieder zusammenzukommen. Sie kriechen aufeinander zu, versuchen verzweifelt, sich mit den Händen zu erreichen, aber der unbarmherzige Tod ist schneller. Wie gesagt, „vor Ort“ fand ich diesen Schluss falsch und gegen die Musik inszeniert, die eine letzte Umarmung ahnen lässt, aber jetzt beim Betrachten der DVD hat mich gerade dieses einsame Sterben bis ins Innerste aufgewühlt.

Auch musikalisch ist diese Produktion wirklich gelungen.

Ingo Metzmachers sehr dynamisches Dirigat bringt die Schönheit der Musik wirklich zur Geltung – er gibt an den richtigen Stellen Gas und drosselt Tempo und Lautstärke, wo es innezuhalten gilt, einzelne Instrumentengruppen sind sorgfältig herausmodelliert.

Jonas Kaufmann ist nicht nur aktuell die beste Besetzung für den Königssohn, ich denke, er kann auch jedem historischen Vergleich standhalten. Diese Partie ist wirklich wie maßgeschneidert für seine Stimme, da passt einfach alles.

Isabel Rey war 2007 schon über ihren Zenit hinaus, ihre an sich schön timbrierte Stimme wirkt manchmal unruhig und in der Höhe unangenehm scharf. Aber dieses Manko macht ihre 100%ige Identifikation mit der Rolle mehr als wett, denn Schöngesang alleine wäre für die Gänsemagd eindeutig zu wenig.

Ganz ausgezeichnet gefällt mir Liliana Nikiteanu als von der Regie ziemlich ungewöhnlich gezeichnete Hexe. Aber sie setzt nicht nur diese Vorgabe perfekt um, sondern überzeugt auch mit ihrer sicher geführten und sehr ausdrucksstarken Stimme.

Oliver Widmer verfügt über eine durchschlagskräftige, nicht unbedingt schöne Stimme, aber für den Spielmann finde ich sie sehr passend. Außerdem besticht auch er durch sein engagiertes Spiel, was bei ihm nicht immer der Fall ist.

Auch alle anderen Rollen sind zufrieden stellend besetzt, besonders erwähnen möchte ich Reinhard Mayr (Holzhacker) und Boguslaw Bidzinski (Besenbinder)

Mein Fazit: Diese DVD ist nicht nur für Jonas-Kaufmann-Fans empfehlenswert, sondern bietet eine rundum gelungene Produktion der nicht eben häufig eingespielten „Königskinder“. Voraussetzung für den Genuss ist allerdings, dass man sich nicht vor einer modernen Lesart dieser Oper fürchtet. Wer auf Märchenwald und Hexenhaus besteht, wird mit dieser Aufnahme wahrscheinlich weniger Freude haben.




lg Severina :hello
stiffelio (01.11.2013, 17:25):
Original von Severina im Onegin-Thread
momentan bin ich im Belcantofieber und mein Sinn steht mir gar nicht nach Tschaikovsky. Nach der Fille-Serie (2 Vorstellungen habe ich noch vor mir!) habe ich dann die Ohren hoffentlich wieder frei für eine andere Musiksprache!
Liebe Severina,
oh, wir können auch durchaus erstmal mit Belcanto weitermachen :D. Von Mattei als Onegin bin ich nämlich auf Mattei als Figaro im BARBIERE gekommen (wobei es einfach eine Schande ist, wie wenige offizielle DVDs es bisher mit diesem Ausnahmesänger gibt! X().
Du hast diesen Thread ja mit der BARBIERE-DVD aus London mit Florez und DiDonato begonnen und das war auch die Besetzung für Almaviva und Rosina 2007 an der MET mit Mattei als Figaro. (Für mitlesende YT-Nutzer: "http://www.youtube.com/watch?v=B0yckB6vX_I" und "http://www.youtube.com/watch?v=YoTtYYCrm8k")
Die Inszenierung in London (von der ich bisher nur Ausschnitte kenne) mag feinsinniger sein, während ich einen Trend ins Klamaukhafte an der MET nicht verleugnen kann. Aber Rossinis Musik in dieser Oper verleitet m.E. auch geradezu dazu - die fordert das an vielen Stellen einfach heraus.
Der BARBIERE war aus den bekannten Gründen (seichte Story...) bisher noch nie Ziel meines Interesses und meine Opernfilm-DVD (immerhin von Ponelle, 1972 mit Prey als Figaro) habe ich nur ein einziges Mal gesehen. Mehr als ein "ganz nett" mit deutlichem Gähnen konnte sie mir nicht entlocken.
Mattei als Figaro hat mich dagegen geradezu aus den Schuhen gehoben. Zum ersten Mal habe ich verstanden, warum diese Oper nicht "Il Conte Almaviva" und auch nicht "Rosina" heißt. Auch wenn Florez hier einmal mehr einen genialen Almaviva zum Niederknien singt, zweifele ich keinen Moment daran, dass er gegen diesen Figaro das Nachsehen gehabt hätte, wenn der es ernsthaft auf Rosina abgesehen hätte :wink.
Allein das Duett "All'idea di quel metallo" ist eine Sternstunde der Oper! Ich kenne kaum einen anderen Sänger, der sich so ungeniert auf der Bühne bewegen kann wie Mattei und dabei mit dem Rhythmus der Musik nicht nur zu verschmelzen, sondern ihn geradezu zu verkörpern scheint.
Auf seine wunderbar timbrierte und ausdrucksvolle Stimme, von der ich an anderen Stellen schon ausführlich geschwärmt habe, brauche ich wohl kaum noch extra hinzuweisen.
Kennst du diese MET-Aufführung?

VG, stiffelio
Severina (01.11.2013, 23:45):
Liebe Stiffelio,

ich besitze zwar fünf Barbiere-DVDs, davon zwei mit Flórez, aber just den von der MET nicht! Da ich gerade mein Budget mit einer umfangreichen Bestellung bei a......n belastet habe, fürchte ich, dass diese DVD jetzt nicht drin ist, obwohl sie mich nach Deiner begeisterten Schilderung natürlich SEHR reizen würde.(Vorgemerkt ist sie schon einmal!) Aber vielleicht kommt sie einmal auf ORF III oder ATV II, die bringen jeden Sonntag Opern.

Im Unterschied zu Dir mag ich auch heitere Opern, denn in erster Linie geht es mir in der Oper um die Musik und die Sänger, nicht so sehr um die Story. (Die Lust auf anspruchsvolle Inhalte stille ich im Sprechtheater!) Die "Fille du Régiment" ist z.B. auch absurd von A bis Z, aber das stört mich nicht, weil ich gar nicht erst versuche, da Tiefgründiges zu entdecken oder gar hineinzuinterpretieren - es ist ein netter Spaß, und das darf ja auch einmal sein.

lg Severina :hello
stiffelio (02.11.2013, 10:48):
Liebe Severina,

als DVD gibt es den MET-Barbiere möglicherweise gar nicht, ich habe ihn jedenfalls bisher nicht finden können (dabei wäre das auch mal wieder eine Aufnahme, die ich mir sofort ohne Rücksicht auf Verluste kaufen würde).
Also, wenn du sie mal im Fernsehen ergattern kannst, kann ich dir nur raten, zuzuschlagen.
Gibt es hier noch jemand anderen, der diese Aufnahme kennt?

Die "Fille"-DVD aus Wien habe ich inzwischen auch und sie ist in der Tat ein netter Spaß, aber obwohl ich Dessay und Florez sehr mag, zieht sie mich nicht magisch an. Deine jüngsten Besprechungen im WSO-Thread habe ich dennoch mit großem Vergnügen gelesen.

Rein aus Neugier: was ist denn außer dem ROH-Onegin in deiner aktuellen Bestellung noch dabei?

VG, stiffelio
Severina (02.11.2013, 12:50):
Liebe Stiffelio,

eher keine Bestellung für Dich, denn sie enthält nur 2 DVDs (neben dem Onegin noch einen Macbeth mit Keenlyside), ansonsten nur CDs (Massenets "Therese", "Tancredi" und "Moise" von Rossini, Verdis "Oberto") Im November kommt dann noch die brandneue "Les Troyens"-DVD, wo es seinerzeit bei der TV-Übertragung eine intensive, von unserem lieben Rideamus angeregte Diskussion gegeben hat.

Bist Du sicher, dass Du die WIENER "Fille du Regiment" besitzt? Auf DVD gibt es nämlich nur die Londoner (gleche Inszenierung, gleiche Besetzung von Tonio und Marie, aber in den Nebenrollen nicht so optimal), unsere kam allerdings als TV-Übertragung. Klar, für tiefsinnige Interpretationen gibt diese Oper absolut nichts her, wohl aber für Belcanto-Junkies wie mich :D. Außerdem muss es ja nicht immer so bierernst zugehen auf der Opernbühne, manchmal darf man sich einfach auch einmal nur amusieren. (Wobei ich gerne zugebe, dass es auch dafür bessere Werke gbt!)

lg Severina :hello
stiffelio (02.11.2013, 17:57):
Liebe Severina,

ich habe die Wiener und die Londoner "Fille". Corbelli fand ich als Sulpice auch nicht schlecht.
A propos Wien: in welchen Rollen hast du eigentlich Mattei schon live in Wien erlebt?

VG, stiffelio
Severina (02.11.2013, 18:17):
Liebe Stiffelio,

als Eugen Onegin und Don Giovanni - wie Du Dir sicher denken kannst, war er eini umwerfender Don!

lg Severina :hello
stiffelio (03.11.2013, 19:39):
Liebe Severina,

ja, das kann ich mir sehr gut vorstellen :D :D.
Ich bin auch händeringend auf DVD-Suche bezüglich Mattei als Don Giovanni. Aktuell scheint es nur zu Mondpreisen die Aufführung aus Aix-de-Provence 2007 unter der Regie von Brooks zu geben. Was ich an Ausschnitten auf YT gefunden habe, hat mich noch nicht so überzeugt, dass ich mir die zu diesem Preis zulegen würde. Kennst du sie und hat sie dich voll überzeugt?

Dann gibt es noch im Netz die Scala-Aufnahme von 2011, die von dir hier auch nicht gerade enthusiastisch besprochen wurde. Mattei finde ich darin dennoch ziemlich gut, aber ich würde vermuten, dass er es noch deutlich besser kann.
Schließlich gibt es noch einen Mitschnitt eines Pariser Don Giovanni von 2012, aber das ist erstens ein Amateurvideo und zweitens fand ich die Regie noch wesentlich gewöhnungsbedürftiger als in Mailand.

Kennst du (oder irgendjemand anderes hier im Forum) eine empfehlenswerte Aufnahme mit Mattei als Don Giovanni?

VG, stiffelio
Heike (12.11.2013, 17:52):
sorry falscher Thread, daher gelöscht
Rotkäppchen (14.08.2015, 23:08):
Ohne einen gezielten Hinweis von Severina wäre ich sicher nie auf diese sehr kurzweilige, herrlich witzige und von einer sängerdarstellerisch tollen Leistung aller Beteiligten getragene Produktion aufmerksam geworden. Wenn man wie ich hochbarocken Meistern à la Händel verfallen ist, bedeutet ein frühbarockes Werk wie Cavallis Il Giasone eine gewisse Umstellung, obwohl auch hier durchaus virtuoser Gesang geboten wird (nur eben nicht so ganz bis zum Exzess).

http://ecx.images-amazon.com/images/I/61PXXn62JVL._SL350_.jpg


Pietro Francesco Cavalli (1602-1676) hinterließ 42 Opern, von denen 28 erhalten blieben. Bisher war mir nur La Calisto ein Begriff, was natürlich nichts zu bedeuten hat, denn das "Drama musicale in einem Prolog und drei Akten" Il Giasone war eine der erfolgreichsten Arbeiten von Cavalli und seinem Librettisten Giacinto Andrea Cicognini. Der Hintergrund der 1648 (oder 1649) in Venedig uraufgeführten Oper beruht auf der mythologischen Geschichte um Jason und den Raub des Goldenen Vlieses. Allerdings schuf Cicognini etwas sehr Eigenes, in dem der Ursprungsstoff nur schwach zu erkennen ist: im Wesentlichen eine mit Intrigen und Untreue plus darauf folgende Rache gespickte Vierecksgeschichte um die Paare Giasone/Isifile und Egeo/Medea, wobei es der Titelheld auf Medea abgesehen hat und überhaupt vor allem scharf auf amouröse Abenteuer denn auf kriegerische Pflichten (letztere laufen eher so nebenbei) ist. Das und eine Vielzahl komischer (Diener-)Rollen gibt Stoff für mehr als drei Stunden Oper.

Die Diskographie dieser musikalisch und dramaturgisch abwechslungsreichen Oper ist bisher schmal: eine Gesamtaufnahme auf CD unter Rene Jacobs mit Michael Chance in der Titelpartie aus den 1990ern und eben der hier besprochene Live-Mitschnitt von 2010 (erschienen 2012 sowohl als CD als auch auf DVD) mit folgenden Akteuren:

Giasone ... Christophe Dumaux
Medea ... Katarina Bradic
Isifile ... Robin Johannsen
Ercole / Oreste ... Andrew Ashwin
Demo ... Filippo Adami
Giove / Besso ... Josef Wagner
Amore / Alinda ... Angélique Noldus
Delfa / Eolo ... Yaniv D'Or
Egeo / Sole ... Emilio Pons

Symphony Orchestra of Vlaamse Opera Antwerp/Ghent
Dirigent ... Federico Maria Sardelli

Regie ... Mariame Clément
Bühne/Kostüme ... Julia Hansen


Die junge französische Opernregisseurin Mariame Clément (die auf dem Bonustrack der DVD einige ihrer Gedankengänge zum Stück erläutert) und ihre Ausstatterin Julia Hansen schaffen hier eine zeitlose eigenwillige Szenerie (Betonung des maritimen Hintergrundes durch einen clever multifunktional benutzten Schiffscontainer und Landungssteg-artige Gebilde sowie einen recht romantischen tiefblauen Hintergrund) und Kostümvielfalt (partielle Tierkostüme, Schottenröcke, Abendkleider, Unterwäsche, Hornbrillen, Rucksäcke etc.), die sich stilistisch schwer mit Worten charakterisieren lassen, aber bzgl. kurzweiliger Unterhaltung gut funktionieren und immer wieder z.T. skurrile Gags, Stripeinlagen, aber auch eindringliche-traurige Momente (vor allem Isiflies herzzerreißendes Lamento kurz vor Schluss) bereithalten. Es gibt hier keinen Moment Rampensingen, alle Darsteller tun nachvollziehbare Dinge und das pauschale Ensemblelob betreffs der sängerdarstellerischen Leistung ist hier ganz und gar nicht als Phrase gemeint: die Mitwirkenden sind ohne Ausnahme hervorragend für die jeweilige Rolle ausgewählt, sowohl stimmlich -- da gibt es einfach wunderbare "Barockstimmen" zu hören, die partiturbedingt nicht ganz an den Rand der Koloraturohnmacht getrieben werden -- als auch optisch. Apropos "optisch". Wenn ich nun doch einen Star der Aufnahme benennen müsste, so wäre es wohl schon der Sänger der Titelpartie, Christophe Dumaux, der nicht nur ein in allen Lagen hell und warm klingender Countertenor ist, sondern in dieser Inszenierung (die vielleicht sogar auf seine Erscheinung zugeschnitten wurde) auch immer wieder seinen durchtrainierten Körper in leichter Bekleidung zeigen darf! Aber nicht nur das, auch dank ausgefeilter, differenzierter Mimik und Gestik liefert er ein unvergessliches Rollenporträt des kindisch-leidenschaftlichen Giasone, der nur den Augenblick lebt ohne Rücksicht auf Verluste. Zum Glück gibt es jadennoch ein Happy End... Der zweite Countertenor in der Runde, Yaniv D'Or, der in der Travestierolle (oder sagt man "Rockrolle" als Pendant zur Hosenrolle?) der Dienerin Delfa bedeutend weniger zu singen hat, punktet als die komischste der komischen Figuren: etwas herber im Timbre, aber wie er die Bewegungen einer komischen Alten beherrscht -- einfach umwerfend! Die vielleicht traurigste Figur des Stückes ist Isiflie, Giasones Verschmähte, die er mit neugeborenen Zwillingen hat sitzen lassen, und dieser haucht Robin Johannsen Leben ein, so dass man, falls so veranlagt, zu Tränen gerührt ist. Ganz anders die anderen beiden Damen: die dämonische Medea (Katarina Bradic mit dunklem Mezzosopran) und die luftige Dienerin Alinda (Angélique Noldus mit schlankem Sopran). Anders als in hochbarocken Opernwerken, tummeln sich nun bei Cavalli auch eine Menge "echter" Männerstimmen (Andrew Ashwin, Filippo Adami, Josef Wagner, Emilio Pons), so dass es kein Ungleichgewicht zugunsten hoher Stimmen gibt. Federico Maria Sardelli beschränkt sich nicht nur auf ein spritziges, mitreißendes Dirigat sondern greift auch hin und wieder selbst zu einer seiner drei Blockflöten -- ein ungewohntes Bild, so ein flötender Dirigent!

Fazit: Eine lohnende Anschaffung für Cavalli-Fans, Freunde schöner Stimmen und schräger Inszenierungen (letztere zwei Punkte treffen auf mich zu). Zum Testen gibt es ein paar Ausschnitte auf Youtube, z.B. hier:

https://www.youtube.com/watch?v=XSOTx2Nlt-E
https://www.youtube.com/watch?v=FWWsHP7OooM
https://www.youtube.com/watch?v=wM-u8DIlWcE
https://www.youtube.com/watch?v=16730gB1zls
https://www.youtube.com/watch?v=VyMIIBA-Xuo

:hello Viele Grüße, Rk
Hosenrolle1 (07.09.2015, 16:45):
Eine Idee von mir: was haltet ihr davon, den Threadtitel um BluRays zu ergänzen?

Letztere bieten ja im Vergleich zur DVD eine erheblich bessere Bild- und Tonqualität, und man würde auf diese Weise offen lassen, ob man über eine DVD oder BluRay berichtet.

Mein Titelvorschlag wäre "DVD und BluRay - Oper aus der Flimmerkiste".




LG,
Hosenrolle1
Zefira (25.01.2017, 22:54):
Ich muss mal den Thread ans Licht zerren und erzählen, dass ich endlich, endlich in den letzten zwei Tagen mir die Zeit genommen habe, diese DVD zu genießen:




Es wurde hier ja schon mal irgendwo erwähnt, aber ich konnte den Thread nicht mehr finden.
Man muss Countertenöre mögen, um diese Aufnahme zu genießen. Nicht weniger als fünf sind zu hören, und dazu ein einziger Tenor - das wars. Keine Sängerin, obwohl es zwei Frauenrollen gibt. Ja, auch diese werden von Männern dargestellt. Als "Artaserse" uraufgeführt wurde (1730, wenn ich es richtig behalten habe) waren Bühnenauftritte von Frauen in Rom verboten.
Aber es gibt keinen Tuntenklamauk, im Gegenteil: Max Emanuel Cencic und Valer Barna-Sabadus machen eine großartige Figur im Reifrock, und bei dem Aufwand an Theaterschminke, der hier getrieben wurde, kann man Männlein und Weiblein sowieso nicht unterscheiden. Die Kostüme wurden den aufwändigen Roben abgeschaut, die man etwa in "Farinelli" schon bewundern konnte: Gigantische weiße Perücken mit Hörnchen, Straußenfedern auf Köpfen und Schultern, Spitzenmanschetten und Fazzoletti und alles, was dran ist. Aber alles mit einem gesunden Schuss Ironie präsentiert. Überhaupt bin ich begeistert von dem durchgehend mitschwingenden Humor dieser Aufführung, der den tief innigen Momenten keinen Abrruch tut.
Von den Sängern tritt natürlich Franco Fagioli mit seinen furiosen Arien am meisten hervor (er ist praktisch die Hauptperson, obwohl nicht die Titelfigur), er hat zweifellos die spektakulärsten Momente in der Oper, aber mir persönlich hat Valer Barna-Sabadus als Semira besonders gefallen. Sabadus verströmt nicht die Energie der männlichen Rollenfiguren; er stellt ja auch eine Frau dar, und die Frauen haben in dieser Oper nicht viel zu bestellen, sie klagen nur. Aber diese warmherzig vorgetragenen Klagen, untermalt mit einer Gestik und Mimik, die wirklich vergessen lässt, dass da ein Mann im Reifrock steckt, haben mich sehr berührt. Man glaubt kaum, dass so etwas möglich ist, es mutet irgendwie schräg an .... Aber es geht, und zwar großartig.
palestrina (25.01.2017, 23:14):
Liebe Zefira, alles richtig und wenn man Live in Köln dabei war, ist die DVD doppelt so schön, allein schon wegen der Erinnerungen an diese fabelhafte Produktion! :times10

LG palestrina
Zefira (26.01.2017, 00:00):
Wenn man mir vorher gesagt hätte: "Schau mal in diese Oper, da singen fünf Counter und ein Tenor, die Handlung dreht sich die ganze Zeit im Kreis, und es gibt zwei Männer in Frauenrollen" hätte ich gedacht, das kann doch nichts werden! Obwohl ich Counter ja mag.
Aber an dieser DVD stimmt wirklich alles; nicht nur die Produktion selbst, auch die Kameraperspektiven, die die ironische Doppelbödigkeit der Regie schön herausstellen. Dass es trotzdem niemals in Jux ausartet, sondern anrührt und begeistert, beweist das große Können der Sänger.
Sogar der Oberschurke (der einzige Tenor) darf in einer bewegenden Arie im dritten Akt ("Nino ...." ) Würde und Edelmut zeigen.
Falstaff (12.02.2017, 23:44):
Eigentlich bin ich überhaupt kein Freund von Opern auf DVD und damit heutzutage wohl ziemlich unmodern. ;) Aber auch bei mir gibt es einige Produktionen, die ich nicht nur besitze, sondern auch durchaus immer wieder einmal anschaue.
Zunächst ist es diese hier:


Klar, ich bin bekennender Furtwänglerianer und von daher ist es eigentlich ein Muss. Aber das ist es nicht nur. Erstmalig habe ich sie in einem großen Kino gesehen, was mich schon sehr beeindruckt hat. Und dann habe ich sie als DVD doch tatsächlich schon mehrfach in den Player geschoben.
Ich liebe einerseits die angestaubte Atmosphäre der Inszenierung, die altertümlichen Farben, die manchmal betuliche Personenführung. Aber andererseits ist es dann die Intensität, mit der die Protagonisten dies aufladen. Allen voran Siepi als ein wahrlich überwältigender Giovanni. Aber für alle anderen gilt es eigentlich auch. OK, Erna Berger ist schon sehr reif in der Rolle der Zerlina, aber stimmlich...!!!
Und dann ist es natürlich Furtwängler, der es einfach schafft, diese Partitur mit einer Kraft und mit einem Ausdruck wiederzugeben, die für mich jede Frage nach historischer Authentizität obsolet werden lassen.
Falstaff (28.03.2018, 00:18):
Eigentlich nie sehe ich Opern auf DVD (was ich offensichtlich, bedenkt man den letzten Eintrag hier, mit vielen teile :) ) und nun ist es ausgerechnet der 'Don Giovanni', der bei mir wieder seinen Weg in den Player gefunden hat.

Diesmal:



Inszenierung: Joseph Losey
Dirigent: Lorin Maazel
Künstlerische Leitung: Rolf Liebermann
Darsteller: Ruggero Raimondi, José van Dam, Edda Moser, Kiri te Kanawa, Kenneth Riegel, Teresa Berganza, Malcolm King, John Macurdy

Natürlich bin ich durch den 'Don-Giovanni-Thread' wieder einmal auf diese Verfilmung gekommen. Auch wenn mich musikalisch nicht alles überzeugt, habe ich sie immer v.a. der Spielorte, der Ausstattung und der Inszenierung wegen geliebt. Und gerade die Inszenierung ist es, die ich nun besonders wieder gefesselt hat. Und ich habe allerdings auch gemerkt, wie sehr mein Bild dieser Oper von dieser Verfilmung, die ich damals, als sie in den Kinos erschien, mehrfach gesehen habe, geprägt wurde. Viel stärker auch als die der älteren Furtwängler-Inszenierung aus Salzburg. Oder der verschiedenen Inszenierungen, die ich live erlebt habe.

Das ist schon große Inszenierungskunst eines großen Regisseurs. Und zudem alles eingebettet in diese unglaubliche 'Palladio-Welt' in Venetien.

:hello Falstaff
Guenther (28.03.2018, 10:54):
Ja, diese Aufnahme habe ich vor 20(?) Jahren einmal im Fernsehen gesehen und gleich extrem interessant gefunden. Musikalisch konne ich sie da noch nicht so genießen, da ich auf VHS aufnahm und mein Fernseher nicht Stereo konnte (muß noch länger her sein...), aber das ganze Ambiente hat mir sehr gut gefallen, z.B. wo die drei "Masken" auf dem Boot daherkommen und im Schloß eintreffen.
Meine bisher einzige Oper, die ich auf DVD gekauft habe, weil sie im Prinzip anscheinend niemals aufgeführt wird, ist der Idomeneo mit Harnoncourt:

https://www.amazon.de/gp/product/B002ZHXR1U/ref=oh_aui_search_detailpage?ie=UTF8&psc=1

Sängerisch gefällt sie mir nicht ganz so, auch die Inszenierung ist ein wenig langweilig. Aber sonst musikalisch sehr hochwertig.
Falstaff (29.03.2018, 00:57):
Ja, diese Aufnahme habe ich vor 20(?) Jahren einmal im Fernsehen gesehen und gleich extrem interessant gefunden. Musikalisch konne ich sie da noch nicht so genießen, da ich auf VHS aufnahm und mein Fernseher nicht Stereo konnte (muß noch länger her sein...), aber das ganze Ambiente hat mir sehr gut gefallen, z.B. wo die drei "Masken" auf dem Boot daherkommen und im Schloß eintreffen.
Lieber Guenther, wenn ich den Film damals nicht 3 oder 4x im Kino gesehen hätte, hätte ich mir die DVD sicherlich nie gekauft. Die habe ich bislang nämlich erst einmal geschaut. Auf einem kleinen TV-Gerät kommt es für mich einfach nicht richtig rüber.

Musikalisch finde ich ihn wirklich nicht in allen Belangen wirklich gut. Die Moser ist stimmlich eigentlich keine Anna, die Berganza ist nun wirklich kein junges Bauernmädel mehr und auch wenn der Ottavio oftmals eine rechte Schlaftablette ist, ist Riegel schon fast eine Überdosis. Aber die Aufnahmen in und um die Villa Rotonda herum sind wirklich ein Traum. Und es passt eben auch so wunderbar. Die Rotonda hat etwas sehr Statuarisches und Arkadisches. Man sieht geradezu eine Adelsgesellschaft vor sich, die sich dem Wohlleben aus Sonne, Literatur, Konversation und gepflegtem Umgang miteinander hingibt. Und da gerade hockt nun Giovanni und bringt alles zu Bersten. Großartig!

LG Falstaff
Amonasro (09.09.2020, 22:14):
La nonne sanglante (Die blutige Nonne) ist eine französische Grand opéra von Charles Gounod und Eugène Scribe. Die Handlung ist, vorsichtig formuliert, bizarr: Der Protagonist Rodolphe heiratet versehentlich (!!!) den Geist einer ermordeten Nonne, die erst von ihm ablassen will, wenn er ihren Mörder tötet. Dieser ist, wie sich erst im weiteren Verlauf herausstellt, sein Vater…

Die Musik ist über weite Strecken sehr lyrisch (bei dem Sujet eher unerwartet). Eine unheimliche Atmosphäre wird von der Musik nur an bestimmten Stellen evoziert, hauptsächlich bei der gespenstischen Hochzeitsprozession. Ansonsten ist das Werk typischer Gounod: Wie in Faust gibt es mehrere religiöse Szenen, Trinklieder, Ballette und eine überflüssige Hosenrolle; allerdings fehlt ein Musikstück, das ähnlich mitreißend wäre wie Mephistos Rondò oder das Schlussterzett von Faust. Die Musik ist durchgehend sehr melodisch und klangschön, aber sehr undramatisch.

Ich besitze diese Aufzeichnung aus der Opéra-comique Paris auf Blu-ray:



Rodolphe - Michael Spyres
Agnès - Vannina Santoni
La Nonne - Marion Lebègue
Le Comte de Luddorf - Jérome Boutillier
Arthur - Jodie Devos
Pierre l’Ermite - Jean Teitgen
Le Baron de Moldaw - Luc Bertin-Hugault
Fritz - Enguerrand De Hys
Anna - Olivia Doray

Chor: accentus
Insula Orchestra, Laurence Equilbey

Regie: David Bobée

Die Inszenierung siedelt die Handlung in der Gegenwart an (moderne Kostüme, hauptsächlich Leder), das schwarz-graue Bühnenbild ist dagegen sehr abstrakt und nicht klar zu verorten, neben modernen Kacheln gibt es auch gotische Bögen. Der Mord an der Nonne und der Konflikt der beiden Adelsfamilien werden am Anfang patomimisch in Zeitlupe dargestellt. Insgesamt wirkt alles angemessen düster-albtraumhaft. Besonders gelungen sind die Darstellung der Nonne (sehr gespenstisch) und die gesichtlosen Geistererscheinungen, die wie verwitterte Statuen wirken. Daher ist der 2. Akt, der die Hochzeit von Rodolphe mit der Nonne zeigt, der klare Höhepunkt dieser Produktion, zumal Gounod hier meiner Meinung nach auch die stärkste Musik komponiert hat. In den folgenden Akten lässt die Spannung leider nach.

Die Produktion besticht durch eine hervorragende Besetzung. Die Hauptfigur der Oper ist Rodolphe, der fast die ganze Oper über auf der Bühne steht und auch die meisten Arien hat. Die meisten anderen Figuren tauchen nur in einzelnen Szenen auf. Michael Spyres lässt in der Titelrolle keine Wünsche offen, von stratosphärischen Höhen bis zu lieblichen piani ist alles dabei, auch schauspielerisch überzeugt er. Die Mezzosopranistin Marion Lebègue als Nonne ist mehr schauspielerisch als stimmlich gefragt und spielt die Rolle durchaus unheimlich. Die Ballette wurden deutlich gekürzt.

Gruß Amonasro :hello
Amonasro (15.09.2020, 23:48):


Georges Bizet/Eugène Cormon/Michel Carré: Les Pêcheurs de perles

Zurga - Mariusz Kwiecien
Nadir - Matthew Polenzani
Leïla - Diana Damrau
Nourabad - Nicolas Testé

The Metropolitan Opera Orchestra and Chorus, Gianandrea Noseda
Regie: Penny Woolcock
Videogestaltung: 59 Productions

Bizets Perlenfischer werden weitaus seltener aufgeführt als Carmen. Im Gegensatz zu dieser ist das Werk deutlich kleiner dimensioniert. Es steht in einer Reihe mit anderen orientalistischen Werken von David, Delibes und Saint-Saëns, die im Frankreich des 19. Jahrhunderts in Mode waren. Die Musik ist über weite Strecken sehr evokativ und enthält zahlreiche sehr eingängige Melodien, nicht nur im berühmten Duett „Au fond du temple saint“. Die sehr leise gesungene, träumerisch-elegische Tenor-Arie „Je crois entendre encore“ mit ihrem Barkarolen-Rhythmus ist eine meiner Lieblingsarien. Verglichen mit Carmen ist das Libretto schwach und undramatisch, die Schönheit der Musik entschädigt jedoch dafür.

Handlung:

Die Zeit der Handlung ist nicht ganz klar; da im zweiten Akt laut Libretto Schüsse zu hören sind, dürfte es bereits Kontakt mit Europäern gegeben haben.

1. Akt: In einem Dorf auf Ceylon (heute Sri Lanka) wählen die Perlenfischer Zurga zu ihrem König. Zurgas Freund Nadir kehrt nach längerer Abwesenheit in das Dorf zurück. Zurga und Nadir erinnern sich, wie sie sich einst in die selbe Frau (Leïla, eine Priesterin) verliebt und, um ihre Freundschaft zu retten, geschworen haben, ihr zu entsagen. Eine verschleierte Frau wird in das Dorf geführt, die als neue Priesterin ausgewählt wurde. Sie soll für ein Jahr verschleiert und keusch bleiben, jede Nacht für die Perlenfischer beten und als Belohnung die schönste bis dahin gefundene Perle erhalten. Nadir erkennt in ihr Leïla. Als er nachts allein am Strand ihrem Gesang lauscht, bekennt er, sie heimlich getroffen und den Schwur gebrochen zu haben.

2. Akt: Nachts im Tempelbezirk erzähl Leïla dem Priester Nourabad, wie sie als Kind einem fremden Mann das Leben gerettet und von ihm eine Halskette geschenkt bekommen hatte. Als sie allein ist, erscheint Nadir und beide besingen ihre Liebe, werden jedoch von Nourabad entdeckt. Die Bewohner fordern die Hinrichtung der beiden, Zurga will seinen Freund jedoch retten. Als Nourabad Leïla den Schleier entreißt, erkennt er Nadirs Verrat und befiehlt die Hinrichtung. Ein Sturm bricht los.

3. Akt: Leïla bittet Zurga um Gnade für Nadir und entfacht so erneut Zurgas Eifersucht. In Zurgas Beisein schenkt ihre Halskette einem jungen Perlenfischer. Zurga erkennt die Halskette als seine; denn er ist der Mann, den Leïla einst gerettet hatte. Kurz bevor Leïla und Nadir getötet werden sollen, steckt Zurga das Dorf in Brand und verhilft beiden zur Flucht, sein eigenes Schicksal bleibt ungewiss (in späteren Fassungen, die erst nach Bizets Tod erstellt wurden, wird er gelyncht).

Die Sänger dieser Produktion lassen kaum Wünsche offen. Besonders gelungen ist die sehr leidenschaftlich gesungene und gespielte Konfrontation von Damrau und Kwiecien im 3. Akt, der mir in meinen Audio-Aufnahmen immer als schwächster Teil der Oper erschien. Matthew Polenzani singt seine weitestgehend lyrische Partie sehr gefühlvoll und klangschön.

Die Inszenierung verlegt die Handlung in die Gegenwart, behält den Schauplatz aber bei. Die Kostüme sind eine Mischung aus westlicher Kleidung (Zurga) und traditionellen Saris. Das Bühnenbild zeigt eine ärmliche Fischersiedlung am Meer. Trotz der Verlegung in die Gegenwart dominieren sehr ästhetische Bilder, wie der atmosphärisch beleuchtete nächtliche Bootsanleger am Ende des 1. Akts. Zu Beginn der Oper sieht man Artisten vor einer Meeresprojektion einen Tauchgang simulieren, beim in dieser Inszenierung nahtlosen Übergang vom 2. zum 3. Akt wird das Gewitter des Librettos durch realistische Videoprojektionen als verheerender Tsunami dargestellt (Anspielung auf den Klimawandel?). Alles in allem sehr empfehlenswert.

Gruß Amonasro :hello
Amonasro (03.11.2020, 20:45):


Georg Friedrich Händel: Serse

Serse - Gaëlle Arquez
Arsamene - Lawrence Zazzo
Romilda - Elizabeth Sutphen
Atalanta - Louise Alder
Amastre - Tanja Ariane Baumgartner
Ariodate - Brandon Cedel
Elviro - Thomas Faulkner

Vocalensemble
Frankfurter Opern- und Museumsorchester, Constantinos Carydis
Regie: Tilmann Köhler
Frankfurt 2017

Die Inszenierung platziert die Protagonisten in moderner Abendkleidung an einer reich gefüllten Tafel, die mit zunehmenden Chaos der Handlung in Unordnung gerät. So wird mit Essen und Servietten geworfen, Wein verschüttet, sich auf dem Tisch geräkelt, etc. Im 3. Akt sind dann nur noch die Stühle übrig. Das Ergebnis wirkt weniger albern als es klingt. Reger Gebrauch wird von Videoprojektionen, mal auf dem Vorhang, mal auf der Rückwand (die durch ein Fenster den von Xerxes geliebten Baum zeigt), gemacht. Meistens zeigen sie in Großaufnahme eine oder mehrere der Figuren, die sich gerade nicht auf der Bühne befinden. Betont wird klar das satirische Element: Xerxes als halbwahnsinniger Egomane, Arsamene als Waschlappen, usw. Insgesamt durchaus unterhaltsam, auch wenn sich das Konzept im Verlauf etwas abnutzt. Dass das von der Musik zelebrierte Happy End durch einen angedeuteten Selbstmord konterkariert wird, hätte nicht sein müssen.
Musikalisch ist die Aufführung sehr gelungen, die Sänger überzeugen nicht nur mit schönen Stimmen, sondern auch mit engagiertem Spiel. Insbesondere Gaëlle Arquez in der Titelrolle ist hervorzuheben. Die Wiederaufnahme dieser Inszenierung 2019 habe ich auch live in Frankfurt gesehen. Die Sängerbesetzung war zum Teil die gleiche (Zazzo, Faulkner, Sutphen und Alder); die beiden letzteren hatten ihre Rollen jedoch getauscht, was mir insgesamt stimmiger vorkam.

Gruß Amonasro :hello
Amonasro (27.08.2021, 10:27):


Charles Gounod/Michel Carré: Mireille

Mireille - Inva Mula
Vincent - Charles Castronovo
Ourrias - Franck Ferrari
Maître Ramon - Alain Vernhes
Taven - Sylvie Brunet
Vincenette - Anne-Catherine Gillet
Andreloun - Sébastien Droy
Maître Ambroise - Nicolas Cavallier
Clémence - Amel Brahim Djelloul
Le passeur - Ugo Rabec

Chœur et Orchestre de l’Opéra national de Paris, Marc Minkowski
Regie: Nicolas Joel
Palais Garnier 2009
(Blu-ray)

Mireille basiert auf dem okzitanischen Versepos Mirèio des Nobelpreisträgers Frédéric Mistral. Die Oper spielt in der Provence und handelt von der Liebe der reichen Bauerntochter Mireille zu dem armen Korbflechter Vincent. Beide versprechen sich, im Falle einer Gefahr nach Saintes-Maries-de-la-Mer zu pilgern und sich dort zu treffen (1. Akt). Mireilles Vater Ramon verbietet ihr die Beziehung, um sie mit dem Rancher Ourrias verheiraten zu können, was zum Streit beider Familien führt (2. Akt). Als Ourrias Vincent bei einem Steit verletzt, flüchtet er ans Ufer der Rhône; dort steigt er in das Boot eines unheimlichen Fährmanns, der ihm seine Vergehen aufzählt und dann mit ihm in den Fluten versinkt (3. Akt). Als Mireille von Vincents Verletzung erfährt, wandert sie durch die Wüste nach Saintes-Maries-de-la-Mer (4. Akt). An der Wallfahrtskapelle angekommen, stirbt sie entkräftet in Vincents Armen (5. Akt).

Im Gegensatz zu den bekannteren Opern Gounods handelt es sich hier nicht um eine Grand Opéra mit Balletten und Massenszenen, sondern um ein intimeres Werk. Die Musik ist sehr lyrisch, die Stimmung zumeist warm und freundlich. Die Gesangslinien relativ schlicht, ohne viele Koloraturen oder Verzierungen.
In den beiden ersten Akten dominieren balladeske Strophenlieder, so das von Mireille und Vincent im Wechsel gesungene Chanson de Magali, dessen Melodie im weiteren Verlauf als Erinnerungsmotiv wiederkehrt oder die Arien der „Dorfhexe“ Taven, deren Musik ähnlich wie bei Verdis Azucena größtenteils im ¾-Takt gehalten ist. Das Versprechen am Ende des Liebesduetts im 1. Akt wird von einem aparten Cellosolo begleitet, dass der ansonsten heiteren Szene einen melancholischen Schluss gibt, der das tragische Ende vorausahnen lässt.
Am Ende des 2. Akts steht ein großes dramatisches Ensemble, in dem Ramon sich als extremer Patriarch gebärdet (so nimmt er als Vater explizit für sich in Anspruch, jederzeit über Leben und Tod seiner Kinder entscheiden zu können).
Der 3. Akt wird vom Antagonisten Ourrias dominiert und fällt mit seinem übernatürlichen Thema etwas aus dem Rahmen. Die Fährmann-Szene ist weniger spektakulär als Webers Wolfsschlucht, auch eher lyrisch als dramatisch, aber mit dem Echo und unsichtbarem Geisterchor sehr stimmungsvoll. Ourrias, der zunächst als roher Geselle mit prahlerisch auftrumpfender Musik erscheint (nicht unähnlich Alfio in Cavalleria rusticana), bekommt hier in seinem Anflug von Reue und durch sein unerwartetes Ende eine tragische Dimension.
In Mireilles Arie En marche in der Wüste (ob es das in Frankreich wirklich gibt?) und der Schlussszene nimmt die Musik einen heroischen Charakter an. Vincent hat im 5. Akt eine sehr schöne Gebetsarie (Anges du paradis), die religiöse Verklärung am Schluss mit Engelsstimme aus dem Himmel ist nahe am Kitsch (es gibt wohl mehrere Fassungen der Schlussszene, ich kenne aber nur diese). Insgesamt gefällt mir die Musik aber sogar besser als die der anderen Gounod-Opern, die ich bislang kenne (La nonne sanglante, Faust, Romeo).

Die Inszenierung von Nicolas Joel begnügt sich weitestgehend damit, schöne Bilder auf die Bühne zu stellen; die sind aber tatsächlich sehr schön geworden: Die beiden ersten Akte wurden in einem Weizenfeld kurz vor der Ernte angesiedelt, die Fährmann-Szene vor glitzernden Wellen unter leuchtendem Vollmond, die Szene in der Wüste ist in strahlendes Licht getaucht.
Die Sänger gefallen mir sehr gut, insbesondere Inva Mula in der Titelrolle und der intensiv gespielte Ourrias von Franck Ferrari. Charles Castronovo passt optisch gut zur Rolle und hat ein angenehmes dunkles Timbre. Alain Vernhes fehlt es für den Wutausbruch Ramons im 2. Akt an Durchschlagskraft. Minkowskis schwungvolles Dirigat lässt keine Wünsche offen. Die Plasson-Aufnahme mit Mirella Freni, Alain Vanzo und José van Dam gefällt mir allerdings noch besser. Die Blu-ray enthält keine Extras.

Auf Drängen der ersten Sängerin der Hauptrolle komponierte Gounod widerwillig eine virtuose Koloraturarie für den 1. Akt: O légère hirondelle, die zwar überhaupt nicht zum Charakter des Werks passt, aber ironischer Weise zum bekanntesten Stück der Oper wurde. In den mir bekannten Gesamtaufnahmen ist diese Arie nicht enthalten. Zu den Sängerinnen, die diese Arie aufgenommen haben, zählt auch - passend zum neu eröffneten Faden - Mado Robin:

https://www.youtube.com/watch?v=IQJnmblA3Ck

Gounod überarbeitete Mireille mehrfach und umfassend. Unter anderem wurden die fünf Akte auf drei reduziert, die Rolle der Vincenette gestrichen, gesprochene Dialoge eingeführt, ein neues Ende geschrieben, in dem Mireille überlebt, usw. Die Pariser Aufführung entspricht der ersten Fassung.

Gruß Amonasro :hello