Damals und Heute

Hosenrolle1 (02.11.2016, 01:45):
Ein paar Gedanken von mir.



Ich habe vor einiger Zeit dieses Buch, das auch auf der SPIEGEL-Bestsellerliste war, fertig gelesen.






Der Titel ist vielleicht etwas untertrieben, denn „kurz“ ist das Buch mit seinen rund 600 Seiten sicher nicht, aber es liest sich sehr flüssig.
Darin geht es in erster Linie um den Haushalt, um völlig alltägliche Dinge in den eigenen vier Wänden, und wie es dazu kam, dass die Dinge heute so sind, wie sie sind.

Und da wird sehr, sehr viel über den Alltag speziell des 17., 18. Und 19. Jahrhunderts geredet, von den armen bis zu den reichen Leuten. Es wird berichtet von neuen Erfindungen, neuen Techniken, neuen Materialien, usw. usf.
Es ist oft amüsant, und es finden sich sehr viele wissenswerte Dinge.

Allerdings ist das Buch auch in der nüchternen Schilderung des Alltags sowie der Missstände früherer Jahrhunderte auch oftmals schockierend. Natürlich wusste ich, dass das Leben speziell der ärmeren Menschen damals kein Honigschlecken war, aber hier wird das Ganze doch noch deutlicher geschildert.

Und hier möchte ich jetzt auch langsam zum eigentlichen Thema kommen.
Beim Lesen des Buches musste ich oft an die Opern „Le Nozze di Figaro“ und „Hänsel und Gretel“ denken, und habe mir ein paar Gedanken gemacht.


Zuerst zum Figaro.

Das Stück von Beaumarchais ist ja eine Satire auf den Adel, um es grob zu sagen. Das wusste ich auch schon vorher. In diesem Buch liest man nun davon, wie man im 18. Und 19. Jahrhundert z.B. mit armen Kindern umgegangen ist, wie man sie als Arbeitssklaven über 15 Stunden am Tag hat schuften lassen, von den lebensgefährlichen Arbeiten, von den körperlichen Misshandlungen usw. Von manchen Adeligen, die sich einen Jungen oder ein Mädchen nur zu dem Zweck hielten, ihn/sie, wenn einem danach war, verprügeln zu können. Von Frauen, die praktisch keine Rechte hatten, die ebenfalls den ganzen Tag nur arbeiten durften. Davon, wie scheußlich der Winter war, wie kühl es in den Räumen war, von den vielen Krankheiten, die für uns heute relativ leicht heilbar sind, damals aber einen schmerzhaften Tod bedeutet haben. Von dem Gestank und dem Ungeziefer. Wie gesagt, es ist kein romantisierter Bericht dieser Zeit.

Es gibt noch viel mehr Beispiele dieser Art – und dann kann ich Beaumarchais´ Stück irgendwie besser verstehen: was muss sich so ein verprügeltes Kind, was müssen sich Menschen, die täglich in einer kalten Fabrik sitzen müssen und sich die Hände blutig schneiden bei irgendwelchen Aufgaben denken, wenn sie hören, dass da irgendeine adelige Gräfin in ihrem Anwesen sitzt und weint, weil ihr Gatte sie offenbar nicht mehr liebt!

Das Stück ist eine Satire GEGEN diesen Adel, gegen die hochfeinen Leute, die mir ein bisschen so vorkommen wie die Gesellschaft in Edgar Allan Poes „Maske des roten Todes“.Mir kommt das Stück nach der Lektüre des Buches umso mehr so vor, als würde Beaumarchais sagen „Schaut her, Leute, wir schuften und krepieren, uns geht es sauschlecht, aber die feine Madame in ihrem Prunkschloss hat Liebeskummer. Die Ärmste!“.

Ich denke, dass ich meine Meinung ein bisschen geändert habe. Zuerst meinte ich, dass das Stück ernst sei, und man es nicht komödiantisch zeigen sollte, denn man soll kein Mitgefühl mit den Figuren haben. Teilweise sehe ich das immer noch so, aber ich denke, dass es nun nicht mehr ernst sein muss; die Figuren sollten durchaus in ihrer eigenen heilen Welt leben, dabei aber irgendwie lächerlich wirken. Nicht durch Slapstickeinlagen oder Grimassen, sondern durch ihr Getue. Sie sollen ruhig kleine Scherze oder Neckereien machen, aber immer so, dass man nicht MIT ihnen lacht, sondern den Kopf schüttelt, wie man auch über die besagte Gesellschaft in Poes Kurzgeschichte den Kopf schüttelt.

Ich glaube aber, dass das heutzutage schlecht geht. Wir haben nicht mehr die Probleme der „einfachen“ oder gar armen Leute des 18. Jahrhunderts, sondern leben vergleichsweise zu damals im puren Luxus – sind wir vielleicht deswegen eher geneigt, mit den Figuren im „Figaro“ mitzufühlen, weil es uns nun selbst besser geht, und wir die Almavivas nicht mehr als Stellvertreter für „die da oben“ mit ihren First-World-Problems sehen, über die sich endlich mal jemand lustig macht?



Was „Hänsel und Gretel“ angeht, so bin ich umso mehr der Meinung, dass man dieses Werk ernst nehmen muss, um es überzeugend auf die Bühne zu bringen.
Die Oper entstand ja Ende des 19. Jahrhunderts, wo VIELES schon wesentlich moderner war, es gab massenweise neue Erfindungen, die den Menschen Arbeiten erleichterten, die dafür sorgten, dass es wärmer wurde, usw.
Jedoch, ich weiß nicht, wann der Märchen ungefähr spielen soll. Geschrieben wurde es um 1800, und schon da hieß es „Es war einmal“, in Humperdincks Musik höre ich teilweise fast schon mittelalterliche Klänge heraus. Also ich bin mir auf jeden Fall sicher, dass die Oper NICHT um 1890 herum spielt, sondern in einer lange vergangenen Zeit.

Hier geht es sogar um zwei arme Kinder, die bereits arbeiten müssen, damit sich die Familie gerade noch über Wasser halten kann. Das ist keine lustige, sondern eine todernste Situation. Was muss das für ein Leben sein in einer kargen Hütte. Wie müssen die Winter sein? Auch nicht zu vergessen: zu der Zeit, wo die Geschichte spielt, gab es kein elektrisches Licht, und schon gar nicht irgendwo auf dem Land am Rande eines Waldes, und Kerzen waren auch nicht billig. Wenn es keinen Mondschein gab, hieß das völlige Dunkelheit und Kälte, und in diesem Fall auch noch hungern. Der Vater singt sogar noch bezeichnenderweise „Wenn sie sich verirrten im Walde dort, in der Nacht ohne Stern´ und Mond“.

Ja, und dann verirren sich Hänsel und Gretel tatsächlich im Wald, und aus dieser ganzen realistischen, schlimmen Situation heraus taucht dann plötzlich ein absolut unwirkliches Wunder auf, das die beiden Kinder noch nie gesehen haben – das Knusperhaus! Wie Humperdinck hier in der Musik diese Verwunderung und die Freude über diesen Anblick schildert ist schon großartig. (Freilich, schon im zweiten Akt gab es das Sandmännchen und die Engelszene, aber zumindest die Engelszene sehen die beiden ja nicht bewusst, sondern meinen nur, das geträumt zu haben, im Gegensatz zum Knusperhaus).
Aber in diesem Knusperhaus lauert eine tödliche Gefahr.

Ich meine, dass ein Regisseur diese Oper unbedingt ernst nehmen muss, und das wird leider so gut wie gar nicht getan. Beim Lesen des Buches habe ich wieder gemerkt, wie schlimm es besonders armen Kindern damals ging, und musste an diese unsäglichen Slapstick-Inszenierungen denken, wo Hänsel und Gretel ständig Richtung Publikum schauen und herumalbern. Die Sozialkritik kann hier keinem entgehen, der sich den Text ansieht, etwa wenn der Vater singt „Ja, ihr Reichen könnt euch laben, wir, die nichts zu essen haben …“ . Der erste Akt muss harte Realität sein, damit die Engelszene umso stärker wirkt, und das Erscheinen des Knusperhauses ebenfalls. Wenn Humperdinck notiert, dass der zweite Akt im Wald im Abendrot beginnt, dann hat das einen guten Grund: Abendrot bedeutet, dass es bald dunkel wird, und wenn es dunkel wird, dann bedeutet das WIRKLICHE Dunkelheit, also Gefahr.
Nach dem Abendsegen schlafen die beiden Kinder ein, und es wird vollkommen dunkel auf der Bühne. Das wäre eigentlich nun die gefährlichste Zeit – doch plötzlich kommt ein Lichtstrahl, dann die Treppe und die 14 Engel, und die ganze Bühne erstrahlt im hellen Licht; kein dunkler, bedrohlicher Wald mehr.

So viele Regisseure, die diese Oper in modernere Zeiten verlegen, kommen mit irgendwelchen Analogien a la „Damals gab es arme Kinder mit Eltern, die sie vernachlässigen, heute gibt es das auch, also verlegen wir das ganze einfach mal in die 1960er Jahre und machen aus den Eltern Hippies“. Aber es ist immens wichtig, dass diese Oper zur DAMALIGEN Zeit spielt, weil die Umstände völlig andere waren. Klar, in manchen Dingen ist es gut, wenn man zumindest ein bisschen weiß, wie man damals gelebt hat, und dass das keine schöne Zeit war. Aber solche langweiligen Dinge interessiert das sowieso meist kindliche Publikum nicht, die wollen natürlich lieber bunte Kulissen sehen, und wie Hänsel und Gretel lustige Witze machen und auf den Boden plumpsen …



Zusammenfassend denke ich, dass der „Figaro“ in keinster Weise so inszeniert werden sollte, dass man mit den Figuren irgendwie mitfühlt, man sollte das Stück aus der damaligen (hässlichen) Zeit heraus sehen. Im dritten Teil werden der Graf sowie die Gräfin bürgerlich und sind sich doch beide fremdgegangen, auch die Leidenschaft in Figaros Ehe ist dahin. Beaumarchais wollte meiner Meinung nach sicher nicht sympathische adelige Figuren zeigen, die ein paar kleine Fehler haben, die man mit einem „Ach, das ist alles menschlich“ abtun kann. Das Stück galt ja auch als revolutionär und war ja auch verboten in Österreich, weil man nicht wollte, dass man sich über die Hoheiten lustig macht. Man hätte sicher nicht so gedacht, wenn der Adel eh gut weggekommen wäre.


Und bei HUG bin ich umso mehr dafür, dass man die Oper strikt nach Anweisung inszeniert. Manch einer würde sagen „Ja klar, eine verstaubte, altbackene romantische Inszenierung“, aber das ist Unsinn. Zum einen sehe ich in einer kargen Holzhütte und einem bedrohlichen Wald nichts altbackenes oder verstaubtes, zum anderen darf man nicht vergessen, dass gar nichts romantisiert wird. Ganz im Gegenteil, sogar Humperdincks Musik schildert etwa den Wald nicht als fröhlichen Zuckerguss-Märchenort, sondern als bedrohlich und tödlich, im Hexenritt, aber auch danach. Man muss unbedingt in dieser Zeit bleiben, um dem Text und auch der Musik gerecht zu werden. Da wird eine bittere Realität geschildert, die der damaligen Zeit entsprochen hat, sowie Bedrohungen, die vor allem auch der damaligen Zeit entsprochen haben (mit Ausnahme der Hexe, die unwirklich ist).




LG,
Hosenrolle1
Zefira (02.11.2016, 10:08):
Ich kenne das Buch von Bryson nicht, habe es mir aber gerade aus der Onleihe runtergeladen und werde mal hineinschauen.
Gute, authentische Sittenbilder aus dem 19. Jahrhundert (das ist natürlich schon nach Mozart) kann man u.a. bei Emile Zola oder bei M.A. Nexö finden. Zola habe ich eine Zeitlang sehr viel gelesen und mich immer wieder gewundert, wie wenig Rebellion es bei ihm unter den "kleinen Leuten" gibt. In seinem Landroman "Die Erde" ist z.B. Vergewaltigung alltäglich, auch die von Kindern, weil unter den einfachen Landarbeitern keine Frau einen Raum für sich hat, sondern mehr oder weniger alle durcheinander schlafen. Auch der nächtliche "Besuch" des Gutsbesitzers ist etwas völlig Normales. Eine Frau, die sich da wehrt und protestiert, gilt als zickig und soll sich nicht so haben.
Im "Totschläger", einem von Zolas bekanntesten Büchern, gibt es eine Szene, in der mehrere Pariser Arbeiter zusammen eine Zeitung lesen. In den Gesellschaftsnachrichten finden sie einen Bericht über eine fürstliche Hochzeit und lesen einander die genaue Beschreibung des Brautkleides vor, mit sämtlichen Details von Spitzen, Schleifen, Ansteckblumen usw. Man muss dazu wissen, dass diese Arbeiter selbst kaum mehr besitzen, als sie auf dem Leib haben, ihr Werkzeug und die allernötigsten gebraucht gekauften Möbel - oft nicht mal das. Das Brautkleid ist mehr wert, als sie in der Arbeit mehrere Jahre verdienen könnten. Die Lektüre löst aber keineswegs Ärger oder Protest aus, sondern Gelächter und zotige Sprüche.

Vielleicht kann mich jemand berichtigen, der sich in der Sozialgeschichte besser auskennt. Ich habe jedenfalls das Gefühl, dass die abstrakte Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit, wie wir sie heute kennen, damals in den Köpfen der kleinen Leute noch gar nicht so vorhanden war, sondern sich erst später, im Zuge der verbesserten Bildung, ausgeformt hat. Susanna wird sich kaum den Kopf darüber zerbrechen, warum die Dinge so eingerichtet sind, wie sie sind (warum die Gräfin keinen größeren Kummer hat als die Untreue ihres Mannes, während sie selbst, Susanna, sich die Finger wundarbeitet - tut sie das übrigens überhaupt?). Mir fällt da übrigens eine Szene aus der BBC-Verfilmung des Austen-Romans "Pride And Prejudice" ein. Die bürgerlichen Töchter bereiten sich voll Begeisterung auf einen Ballbesuch vor, rennen stundenlang von einem Zimmer ins andere, putzen sich auf, richten einander die Frisuren, stecken Blumen an, binden Schleifchen ans Kleid usw., während die Bedienerin, ganz selbstverständlich und zufrieden vor sich hinsummend alles Nötige hinzuträgt - die macht sich anscheinend gar keine Gedanken, warum sie nie auf einem Ball wird mitmachen dürfen.
Keith M. C. (02.11.2016, 10:46):
Lieber Hosenrolle1,

die beiden Opern kann man so sehen (wollen). Ich finde Deine Vorstellungen sehr interessant und teile diese Ansichten. In dieser Ausdeutung würde ich die beiden Werke auch interpretieren und sehen wollen.

Wie Du weißt, sehe ich die (Opern-)Inszenierung als eigenständige Kunstform. Diese Ansicht muss man nicht teilen, man kann die Oper und die Inszenierung auch als Einheit betrachten und somit der Partitur und dem Libretto sowie der Nebenschriften u n d der Inszenierung im Sinne einer „Werktreue“ verpflichtet sein. Und selbstverständlich kann man die sogenannte Werktreue gänzlich ablehnen und die Komposition unter anderen ästhetischen Prinzipien interpretieren. Wie bereits geschrieben, kann es bzgl. Operninszenierung und Wahrheit/Richtigkeit keine allgemeingültige Entscheidung geben, solange die „Werkfrage“ unterschiedlich (begründet) interpretiert wird. Somit hat (fast) jede Argumentationsgrundlage ihre Berechtigung. Jedoch kann man immer wieder von Verbotsforderungen bzgl. des sogenannten Regietheaters lesen. Ästhetik kennt grundsätzlich keine Verbote – die Kunst: Produktion, Ausübung/Interpretation, Rezeption, Deutung sind frei. Wenige Einschränkungen ergeben sich durch ethisch übergelagerte Werte. Persönliche Vorlieben oder Wünsche in der Kunst sind nicht mittels Verboten oder Gesetzen zu verallgemeinern, auch wenn man anderswo in Dauerschleife einige User mit der Attitüde eines Suppenkaspers und insb. i. V. mit einem anderen gesellschaftlichen und politischen Weltbild sich ereifern sieht. Formale und inhaltliche Begründungen sind dort an intellektueller Dürftigkeit nicht zu überbieten und die Nähe zu einem anmerkungswürdigen politischen Weltbild nicht zu übersehen. Aber diese besondere Art von (seniler) Lächerlichkeit hat zumindest einen Unterhaltungswert.

Somit lassen sich gem. meiner Auffassung die beiden von Dir genannten Opern auch anderes deuten und damit inszenieren, so dass andere Aspekte in den Fokus rücken. Ob man das für schlüssig, spannend oder gerechtfertigt hält, wäre zu prüfen. Aber es muss einem persönlich nicht gefallen.

Nochmal: Ich finde Deine Gedanken sehr interessant und teile diese. So - vermutlich in "naturalistischer Form" - würde ich die beiden Opern gern sehen wollen.

Bis dann.

P. S.: „Damals und heute“: Ich würde ein „Ü“ anhängen.
Hosenrolle1 (02.11.2016, 10:56):
Ich kenne das Buch von Bryson nicht, habe es mir aber gerade aus der Onleihe runtergeladen und werde mal hineinschauen.
Es ist auf jeden Fall lesenswert, und natürlich auch oft sehr interessant und amüsant. Besonders interessant war für mich der Bericht verschiedener Weltausstellungen, und welche Dinge da gezeigt wurden - unvorstellbar, wie erfindungsreich die Leute damals waren! Aber auch verschwendungssüchtig: ein reicher Mann ließ sich ein so gigantisches Anwesen bauen, dass die Vorhänge 24(!) Meter lang waren.


Zola habe ich eine Zeitlang sehr viel gelesen und mich immer wieder gewundert, wie wenig Rebellion es bei ihm unter den "kleinen Leuten" gibt. In seinem Landroman "Die Erde" ist z.B. Vergewaltigung alltäglich, auch die von Kindern, weil unter den einfachen Landarbeitern keine Frau einen Raum für sich hat, sondern mehr oder weniger alle durcheinander schlafen. Auch der nächtliche "Besuch" des Gutsbesitzers ist etwas völlig Normales. Eine Frau, die sich da wehrt und protestiert, gilt als zickig und soll sich nicht so haben.
Solche Dinge meine ich. Damals gab es keine Jugendämter oder Jugendschutzgesetze und dergleichen, und man kann ja z.B. auch in "Oliver Twist" nachlesen, wie das Leben damals war. Nämlich alles andere als romantisch.

Und gerade deswegen bin ich umso mehr dafür, dass man Opern nicht in die heutige Zeit verlegt, sondern in ihrer Zeit belässt.


warum die Gräfin keinen größeren Kummer hat als die Untreue ihres Mannes, während sie selbst, Susanna, sich die Finger wundarbeitet - tut sie das übrigens überhaupt?
Zumindest aus Sicht der Leute, die bei ihrer Arbeit vergiftet, verkrüppelt oder verletzt wurden, sicher nicht ;)


Mir fällt da übrigens eine Szene aus der BBC-Verfilmung des Austen-Romans "Pride And Prejudice" ein.
Das ist witzig, dass du das erwähnst, weil ich erst vorgestern mit dem Buch auf Englisch begonnen habe, es aber nach wenigen Seiten abbrechen musste, denn da wird nur darüber diskutiert, dass die Töchter verheiratet werden sollen an diesen reichen Typen, der neu dazugekommen ist. Alleine der allererste Satz des Buches hätte mich schon dazu gebracht, sofort wieder aufzuhören. Aber klar, damals ging es für junge Frauen vor allem darum, reich zu heiraten.


Nein, wie gesagt, ich bin dagegen, Opern von damals in die heutige oder zumindest eine viel spätere Zeit zu verlegen. Regisseure sagen oft, dass sie ein Stück verständlicher machen wollen, aber ich halte das für unsinnig, denn das Publikum wird, wenn es sich wirklich für ein Werk interessiert, sowieso recherchieren. Vielleicht haben manche tatsächlich eine romantische Vorstellung davon, wie das Leben damals war, da reicht es, sich ein oder mehrere Bücher zu dem Thema zu lesen, und man wird manche Stücke mit anderen Augen sehen.




LG,
Hosenrolle1
Hosenrolle1 (02.11.2016, 11:19):
Wie Du weißt, sehe ich die Operninszenierung als eigenständige Kunstform. Diese Ansicht muss man nicht teilen, man kann die Oper und die Inszenierung auch als Einheit betrachten und somit der Partitur und dem Libretto sowie der Nebenschriften u n d der Inszenierung im Sinne einer „Werktreue“ verpflichtet sein.
Da gebe ich dir auch Recht, gerade bei älteren Partituren finden sich sehr wenig Regieanweisungen, und es bleibt da umso mehr dem Regisseur überlassen, was er daraus macht.
Mir wäre nur wichtig, dass es vor allem in der Zeit bleibt, in der das Stück spielt, weil die sehr wichtig ist. Das wäre für mich der Hauptpunkt des Begriffs "Werktreue". Ob er jetzt die Figuren im Figaro in einer bestimmten Inszenierung mehr oder weniger sympathisch zeichnet, das kann man dann natürlich einzeln diskutieren. Ich denke, er sollte auch darauf achten, was die Intention gewesen ist, bzw. gewesen sein könnte, bzw. ob es eine Aussage gibt, eine bestimmte Grundhaltung.



Wie bereits geschrieben, kann es bzgl. Operninszenierung und Wahrheit/Richtigkeit keine allgemeingültige Entscheidung geben, solange die „Werkfrage“ unterschiedlich (begründet) interpretiert wird.
Das wären für jede einzelne Oper sehr spannende Diskussionen!



Ästhetik kennt grundsätzlich keine Verbote
Du meinst den Begriff Ästhetik sicher anders, aber mir fällt dazu noch etwas ein; den "Regietheatergegnern" wird ja gerne der Vorwurf gemacht, sie wollen hübsche Bilder auf der Bühne sehen. Beim Figaro irgendwelche prunkvollen Räume aus dem 18. Jahrhundert, bei HUG eine Bauernhütte, usw.
Meiner Meinung nach sind dabei gerade auch die Kulissen wichtig für das Stück, denn der ganze Prunk im Figaro soll auch zeigen, wie fein die dort leben, die Stube in HUG, wie arm man dort lebt. Wie gesagt, ich weiß nicht, was an einem naturalistischen Wald, oder an einem reichen Anweisen aus dem 18. Jahrhundert verstaubt oder romantisch sein soll. Es geht da keineswegs darum, schöne, romantisierte Bilder auf die Bühne zu bringen.
Ich wusste nicht, wie ich diesen Thread nennen soll. "Opern aus ihrer Zeit heraus verstehen"?


P. S.: „Damals und heute“: Ich würde ein „Ü“ anhängen
Danke, hab´s geändert!




LG,
Hosenrolle1
Keith M. C. (02.11.2016, 16:20):
Lieber Hosenrolle1,

an dieser Stelle definiere ich Ästhetik als Theorie von der Kunst, also in einem engeren Rahmen, deshalb auch der nachfolgende Satzteil "Kunst: Produktion...".

Bis dann.
Hosenrolle1 (15.11.2016, 13:27):
Ein neuer Gedanke.

Wenn ich so lese, wie es damals zuging, dann wundere ich mich ehrlich gesagt, wieso es Menschen gab, die Kunst gemacht haben, statt ständig Trübsal zu blasen, wieso man überhaupt Spaß haben konnte in solchen Zeiten, wo sogar reiche Leute oft mehrere Öfen brennen hatten und trotzdem nur ein paar Grad über Null hatten, wo einem sogar die Tinte beim Schreiben einfror.

Ob Stücke wie der Figaro vielleicht auch dafür gedacht waren, das Publikum abzulenken von diesen Dingen und deswegen auch "lustig" inszeniert werden sollte, statt ernst?



LG,
Hosenrolle1
Zefira (15.11.2016, 14:59):
"Kunst machen" und "Spaß haben" sind aber zwei recht unterschiedliche Dinge.
Kunst wird immer und überall gemacht, die Entstehungsgeschichte des "Quartetts zum Ende der Zeit" von Messiaen wurde ja schon anderswo angesprochen, überhaupt gibt es viele aus katastrophalen Verhltnissen heraus entstandene Kunstwerke. Und Spaß haben kann man anscheinend auch überall, jedenfalls wird zb in Solschenizyns Straflager-Roman viel gewitzelt.